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Heldenhafte Seemänner 8: Sie nannten ihn Seetiger

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Der faltengesichtige Schiffszimmermann der „Princess of Scotland" sagte: „Ein Mann, der so alt wie ich ist, weiß, wann er nicht mehr zurückkehrt. Dies ist meine letzte Fahrt.“
„Du spinnst!“, erwiderte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was ich weiß. Ich bin alt und damit jenseits von Gut und Böse. Ich brauche niemand zu fürchten, auch den Seetiger nicht. Ich weiß, Mr. Feiler, Sie verehren ihn noch. Sie glauben, er wäre ein großer Mann. Aber auf seine Art ist auch der Teufel ein großer Mann. Dann müsste der Seetiger ein sehr, sehr großer Mann sein ...“

Ich dachte, der Alte würde Seemannsgarn spinnen. Damals wusste ich noch nicht, welche tödlichen Gefahren auf mich und die übrige Mannschaft warteten. Aber als wir erst in der Beringsee kreuzten und schließlich den Lockruf des Goldes in Alaska vernahmen, hatte der Tod bereits schon die Hand nach uns ausgestreckt...

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 8

 

Sie nannten ihn Seetiger

 

Ein Roman von GLENN STIRLING

 

Nach den Tagebuchaufzeichnungen des Seeoffiziers Ernest Feiler

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Willy Stöver mit Steve Mayer, 2016

Originaltitel des Romans; „Der Seetiger und sein Steuermann“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klappentext:

 

Der faltengesichtige Schiffszimmermann der „Princess of Scotland" sagte: „Ein Mann, der so alt wie ich ist, weiß, wann er nicht mehr zurückkehrt. Dies ist meine letzte Fahrt.“

Du spinnst!“, erwiderte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was ich weiß. Ich bin alt und damit jenseits von Gut und Böse. Ich brauche niemand zu fürchten, auch den Seetiger nicht. Ich weiß, Mr. Feiler, Sie verehren ihn noch. Sie glauben, er wäre ein großer Mann. Aber auf seine Art ist auch der Teufel ein großer Mann. Dann müsste der Seetiger ein sehr, sehr großer Mann sein ...“

 

Ich dachte, der Alte würde Seemannsgarn spinnen. Damals wusste ich noch nicht, welche tödlichen Gefahren auf mich und die übrige Mannschaft warteten. Aber als wir erst in der Beringsee kreuzten und schließlich den Lockruf des Goldes in Alaska vernahmen, hatte der Tod bereits schon die Hand nach uns ausgestreckt...

 

*

 

 

 

 

 

Die Überraschung kam, als wir in San Francisco festgemacht hatten. Unsere bis zur obersten Lademarke mit Fracht aus Singapur und Hongkong beladene „"Princess of Scotland"“ hatte den Stillen Ozean in einer Rekordzeit durchquert. Zugegeben, der Wind war unserer Viermast-Bark zu Hilfe gekommen, ein fantastischer Passat, der es uns ermöglichte, die meiste Zeit vor dem Wind zu laufen und alles Zeug zu setzen, was wir setzen konnten.

Ich stand gerade achtern und beobachtete, wie die Männer oben in der Takelage das letzte Tuch bargen und belegten, was noch gesetzt war. Da bemerkte ich plötzlich den Hafenmeister in seiner blauen Kapitänsuniform und neben ihm zwei würdige Herren in schwarzen Anzügen und Zylinder. Beide hatten graue Bärte, und irgendwie erinnerten sie mich an Totengräber. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich mit dieser Ahnung den Tatsachen nahe kam. Aber in diesem Augenblick sagte ich mir, dass die drei sicher gekommen waren, um uns oder vielmehr dem Kapitän zu gratulieren für seine schnelle Fahrt, denn das war ja sicher, dass man in San Francisco nachgerechnet hatte und wusste, was es hieß, in vierunddreißig Tagen von Singapur nach hier zu fahren.

Die drei kamen tatsächlich auf die Gangway zu, die gerade von drei unserer Männer ausgelegt worden war. Oben an Bord, am Ende der Gangway, stand unser Midshipman, der rotblonde Lindon McCulloch.

Der Hafenmeister tippte mit zwei Fingern an den Schirm seiner Mütze, und ich hörte, wie er zu McCulloch sagte: „Ich möchte an Bord kommen! Diese beiden Gentleman auch, und wir wollen den Kapitän sprechen!“

McCulloch blickte unentschlossen nach achtern, entdeckte mich dann und 'wollte mir gerade wiederholen, was ihm gesagt worden war, da winkte ich und rief ihm zu: „Sie sollen raufkommen.“

Ich Narr glaubte noch immer daran, dass der Hafenmeister sich auf einer Gratulationstour befand, um dem Kapitän seine Glückwünsche auszusprechen für diese schnelle Fahrt. Deswegen erfüllte mich ein gewisser Stolz, als ich unseren Moses, einen sechzehnjährigen Jungen, nach unten zur Kapitänskajüte schickte, dass er ihm Bescheid sagen sollte.

Aber dann fiel mir doch auf, wie diese beiden schwarzgekleideten Zylinderträger prüfende Blicke nach allen Seiten warfen und das Schiff regelrecht zu begutachten schienen. Sie tuschelten miteinander, während der Hafenmeister langsam nach achtern ging. Erst nach einer Weile folgten die beiden, und nun kam mir zum ersten Mal diese Ahnung, dass es sich doch nicht um einen Glückwunsch handeln könnte. Schon das Gesicht des Hafenmeisters, der selbst lange Jahre als Kapitän gefahren war und nun schon im sechzigsten Lebensjahr stand, wirkte verschlossen, ernst, eigentlich unheilverkündend.

Zu jenem Zeitpunkt fuhr ich als Zweiter Offizier auf der „"Princess of Scotland"“. Sie war das neueste Schiff der Princess-Klasse, das modernste und schnellste zugleich. Kapitän Winters konnte stolz auf dieses Schiff sein, aber auch auf seine Mannschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Schiffen dieser Art wirkte es blitzsauber, ja, auch die Männer machten einen ordentlichen Eindruck und waren gut gekleidet. Soweit die Männer in der Takelage fertig waren, kamen sie an Deck, wo die anderen schon warteten.

Land, das bedeutete Urlaub, Entspannung, Vergnügen, Frauen. Darauf hatten diese Männer die ganze Reise über gewartet, und jetzt dürsteten sie danach, von Bord zu kommen.

Kapitän Winters kam jetzt an Deck, unter dem Arm die allen Männern an Bord bekannte schwarze Tasche, in der sich die Heuer befand, die er jetzt auszahlen würde.

Kapitän Winters trug seine Kapitänsuniform, und die stand ihm gut. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, schlank, dunkelhaarig, ein Typ, auf den die Frauen fliegen.

Der Hafenmeister und Kapitän Winters kannten sich. Sie gingen aufeinander zu, begrüßten sich, und noch strahlte Winters stolz. Dazu hatte er auch Grund.

Der Hafenmeister stellte die beiden Schwarzgekleideten vor, deren Namen ich nicht verstand, dafür aber die Tatsache, dass der eine ein Notar und der andere ein Rechtsanwalt sein sollte. Und nun war ich fast sicher, dass es sich hier nicht um ein Begrüßungskomitee handelte, zumal jener Kleinere mit dem eisgrauen Bart zu Kapitän Winters sagte: „Am besten wäre es, wir könnten mit Ihnen allein sprechen, wo uns keiner zuhört.“

In diesem Moment schien Winters zu ahnen, dass Schlimmes bevorstand. Er sah sich suchend um, entdeckte mich und rief: „Mr. Feiler, kommen Sie bitte mit! So ganz alleine möchte ich mir die Geschichte auch nicht anhören, die da auf mich zukommt.“

Der Notar und der Anwalt warfen mir einen missbilligenden Blick zu, schienen aber dann die Tatsache zu schlucken, dass sich Winters ihre Geschichte nicht allein anhören wollte.

Für mich ist die Sache, glaube ich, erledigt“, sagte der Hafenmeister. „Wir sehen uns sicher später.“

Er schüttelte Winters die Hand, tippte mit dem Zeigefinger an seinen Mützenschirm, nickte mir mit einem gequälten Lächeln zu, ging dann nach mittschiffs, um das Schiff zu verlassen. Ich schickte ihm, wie es sich gehörte, McCulloch nach, dass er ihn von Bord begleiten sollte.

Kurz darauf waren Winters, der Notar und der Anwalt und ich unten im sogenannten Kapitänssalon.

Auf der „"Princess of Scotland"“ hatte man, was die Technik des Schiffes anging, an nichts gespart. Aber der Kapitänssalon wirkte fast spartanisch einfach. Doch das hatte nun keine Bedeutung. Wir saßen uns an dem schlichten Tisch gegenüber, der in der Mitte des Raumes befestigt war. Der Notar, jener Kleinere mit dem eisgrauen Bart, legte die Tasche, die er bisher unter dem Arm getragen hatte, auf den Tisch. Er klappte sie auf, entnahm ihr ein paar Schriftstücke, holte dann umständlich einen sogenannten Zwicker, eine Klemmerbrille also, aus seiner Tasche, setzte ihn auf und sagte dann mit Unheil verkündender Stimme:

Mr. Winters, ich bin hier, um dieses Schiff zu beschlagnahmen. Das Vermögen der Reederei O'Keefe ist gepfändet, soweit ein Vermögen noch da ist. Es handelt sich ausschließlich um Sachwerte, Barvermögen ist nicht mehr vorhanden.“

Winters und ich starrten den Notar fassungslos an. Mir war, als hätte ich geträumt. Aber Winters ging es nicht besser. Der konnte das auch nicht begreifen. Schließlich würgte er ein paar Worte heraus. „Wieso denn das?“, wollte er wissen.

Der Notar lächelte kümmerlich und meinte dann: „Ich habe persönlich Bedenken, ob Mr. O‘Keefe, Ihr Reeder, überhaupt noch im Vollbesitz seiner geistigen Kraft ist...“

Winters und ich wollten schon vom Stuhl aufspringen.

Der Notar machte eine beschwichtigende Handbewegung und fuhr fort: „Bitte lassen Sie es mich sagen. Ich kann es begründen. In aller Offenheit und doch ganz sachlich möchte ich Ihnen erklären, dass ich Beweise dafür habe, dass zumindest Zweifel daran bestehen, ob Mr. O'Keefe noch weiß, was er tut, und lassen Sie mich das auch ausführen bitte! Zunächst einmal“, erklärte der Notar dann, „hat sich Mr. O'Keefe schon vor drei Jahren an einer Expedition beteiligt, die nach dem geheimnisvollen roten Mörderwal sucht, der, wie es in der Legende heißt, den Tod so vieler Menschen verursacht haben soll, der Schiffe zum Sinken brachte und mehr noch, was man sich dort in Seemannskreisen zusammendichtet. Um es in Ihrer Sprache zu sagen, halte ich es für einen starken Tobak, beziehungsweise um ein dickes Garn, was da gesponnen wurde. Immerhin, Mr. O'Keefe hat Tausende von Golddollar in diese Expedition gestopft. Von der letzten Expedition hat man bis heute nichts mehr gehört und gesehen. Auch die Bark Vancouver ist noch nicht wiederaufgetaucht.“

Winters und ich wussten, wovon der Notar sprach. Es handelte sich um die Bark Vancouver, eine Walfängerbark, die Mr. O'Keefe gekauft hatte. Wir alle waren der Meinung gewesen, er wollte ins Walfanggeschäft einsteigen. Uns hatte das allerdings verwundert, weil gerade im Walfanggeschäft sich neuerdings Dampfer breitmachten. Die großen Walfangflotten bestanden in steigendem Maße aus Fangschiffen, die zumindest außer ihrer Besegelung noch mit Dampfmaschinen ausgerüstet waren. Insofern erschien es Winters und mir als unverständlich, dass jemand zu einem solchen Zeitpunkt noch eine der ältesten Walfängerbarken kaufte, denn damit war er ja nicht mehr konkurrenzfähig. Die Vancouver gehörte ohnehin zu den unmodernsten, wenn auch äußerst seetüchtigen Walfangschiffen, die ich kannte.

Nachdem zum vorgesehenen Zeitpunkt“, fuhr der Notar fort, „die Vancouver nicht zurückgekommen war, rüstete Mr. O'Keefe wieder ein Schiff aus, diesmal die für solche Zwecke gänzlich ungeeignete „Princess of Denmark“.“

Die „Princess of Denmark“? Das ist doch ein Frachter“, sagte ich, „der größte, den wir haben.“

Der Notar nickte und lächelte vielsagend. „Das ist es. Und dieses Schiff wurde in aller Hast umgerüstet. Danach übernahm Mr. O'Keefe das Kommando an Bord selbst. Nachdem sich Mr. O'Keefe bereits mit Eisenbahnaktien verspekuliert hatte, verschlang die Umrüstung, die zudem wegen der Eile überteuert durchgeführt werden musste, praktisch das gesamte Barvermögen seiner Firma. Kapitän Hudspeth hatte noch Heuerforderungen und Beteiligungen früherer Frachten von Mr. O'Keefe zu bekommen. Er klagte diese ein, weil Mr. O'Keefe sie ihm schuldig bleiben wollte. Zu einem Besitztitel gelangte Mr. Hudspeth aber erst, als die „Princess of Denmark“ bereits ausgelaufen war. Er konnte Pfändung erwirken. Die Forderungen Mr. Hudspeths wurden anerkannt und sind so hoch, dass das Gericht die „Princess of Kent“ an die Kette gelegt hat, und in den nächsten Tagen wird die Versteigerung stattfinden. Eine weitere Forderung haben verschiedene Werften, aber auch die Hafenbehörde, da ja für einige Schiffe die Liegezeit nicht mehr bezahlt wurde.“

Aber die Forderungen können nicht so hoch sein, dass Sie so ein prächtiges Schiff wie die „"Princess of Scotland"“ einfach beschlagnahmen dürfen.“

Zunächst einmal muss ich alle Werte sichern“, sagte der Notar, „um die Forderungen erfüllen zu können. Das heißt, wenn natürlich ein Überschuss da ist, wird dieser Überschuss dem Vermögen Mr. O'Keefes gutgeschrieben.“

Soviel ich weiß“, sagte Kapitän Winters, „besitzen die O‘Keefes mehr als diese Schiffe. Sie haben Grundstücke und sie haben Landbesitz an der Ostküste. Ich werde mit Miss O'Keefe sprechen, und ich glaube ...“

Jetzt meldete sich der Anwalt zum ersten Mal zu Wort und sagte: „Mr. Winters, mir ist bekannt, dass Sie mit Miss Isabell verlobt sind. Es wird Sie hart treffen, aber ich muss es Ihnen sagen. Miss Isabell begleitet ihren Vater auf dieser abenteuerlichen Reise. Soviel wir wissen, wollte Mr. O'Keefe seinen Walfänger finden, zumindest Gewissheit über das vermisste Schiff haben. Um nun ganz mit der Wahrheit herauszurücken, muss ich Ihnen sagen, dass wir eine Nachricht bekommen haben vom Schicksal der „Princess of Denmark“. Demzufolge ist dieses Schiff spurlos verschwunden. Sie wollte Juneau anlaufen, aber das ist nicht geschehen. Statt dessen erhielten wir über die Telegrafie von Juneau aus die Kunde, dass ein russisches Schiff im Nordmeer südlich der Sankt Lorenz-Insel, nahe der Yukonmündung, in Sichtweite der „Princess of Denmark“ begegnet sei. In dieser Gegend treibt bald Eis. Und wenn es sich nicht um einen Trugschluss handelt und die Russen tatsächlich der „Princess of Denmark“ begegnet sind, dann ist als sicher anzusehen, dass O'Keefe nicht mehr rechtzeitig zurückkommt, es sei denn, er hätte unmittelbar nach der Begegnung mit dem Russen beigedreht und wäre zurückgefahren. Dann aber hätten wir längst aus Juneau eine telegrafische Meldung bekommen.“

Und Sie sagen“, fragte ich, „dass Mr. O'Keefe und seine Tochter an Bord der „Princess of Denmark“ sind?“

Der Anwalt blickte mich verwundert an. „Das habe ich doch gerade erzählt.“

Mir will nur nicht einleuchten“, erwiderte ich, „dass Miss Isabell mitgefahren sein soll. Sie wusste doch von der Rückkehr unseres Schiffes und damit auch von der Heimkehr von Kapitän Winters.“

Der Notar und der Anwalt zuckten die Schultern. Schließlich sagte der Anwalt:

Die Schiffe, die Habe, alles das, was die O'Keefes besitzen, wird jetzt verschleudert werden. Die Frachtpreise sind so schlecht, dass niemand ein Schiff kauft, es sei denn, er bekäme es halb geschenkt Die noch einlaufenden Schiffe werden ebenfalls für ein Butterbrot verschleudert werden.“

Einen Augenblick!“, rief Kapitän Winters und hob mahnend die Hand. „Sie sprechen von Versteigern, von Verschleudern, von Verkaufen. Sie sprechen von Gläubigern, und Sie reden von Mr. O'Keefe, als wäre es nicht eine Tatsache, dass Mr. O'Keefe ja nicht allein der Besitzer der Reederei war.“

Seine Tochter war Mitinhaberin“, behauptete der Notar.

Winters schüttelte den Kopf. „O nein, das weiß ich dann aber besser. Die Reederei gehört zwei Männern. Beide sind Kapitäne. Beide haben dieses Vermögen schwer erarbeiten müssen. Der eine hat die Geschäfte geführt. Der andere aber...“

Wenn Sie von Patrick O'Keefe sprechen“, unterbrach ihn der Notar mit schneidender Stimme, „dann können Sie mir zugleich sagen, wo ich ihn finde. Ich habe nämlich monatelang, um meine Forderungen präsentieren zu können, durch die Pinkerton-Agentur nach ihm suchen lassen, ohne Erfolg. Kapitän Patrick O‘Keefe ist verschwunden. Er wurde auch von niemandem wieder gesehen.“

Winters sah mich an, und ich nickte kaum merklich. Ich konnte mir denken, was er meinte. „Nun gut“, erklärte Kapitän Winters, „und was beschließen Sie zu tun?“

Wir legen die „"Princess of Scotland"“ heute noch an die Kette. Das bedeutet, sie ist beschlagnahmt. Die Ladung darf auch nicht gelöscht werden.“

Die Ladung ist nicht das Eigentum des Reeders“, entgegnete Kapitän Winters scharf. „Die Ladung wird gelöscht und danach können Sie tun, was Sie wollen.“

Der Anwalt ruckte mit dem Kopf vor, sah aus seinen stechenden Augen wie eine Schlange auf Winters.

Sie haben doch diese Ladung auf eigene Rechnung hergebracht.“

Winters schüttelte den Kopf. „Es ist ein Auftrag der Amerikanisch-Chinesischen Handelsgesellschaft. Die Ware gehört nicht mir, und ich werde mich hüten, nur ein einziges Teil davon an Sie zu übereignen. Die Ladung wird gelöscht, und dabei bleibt es.“

Also gut“, sagte der Notar. „Es lässt sich ja in Ihren Büchern feststellen, wie die Dinge liegen.“

So ist es. Und jetzt, meine Herren, verlassen Sie bitte das Schiff. Sie wissen ja, die Ladung muss gelöscht werden. Und kommen Sie mir nicht mit der Kette, bevor die Ladung herunter ist.“

Wir waren alle aufgestanden und der Notar, der einen Kopf kleiner als Kapitän Winters war, trat an den Kapitän heran, sah zu ihm auf und sagte drohend: „Ich bin einverstanden, dass die Ladung gelöscht wird. Aber danach, Kapitän, werden wir die „"Princess of Scotland"“ an die Kette legen. Es wäre sehr töricht von Ihnen, wenn Sie uns daran hindern, unsere Pflicht zu tun. Wir haben die Zusage des Hafenkapitäns, dass er notfalls eine Gruppe Soldaten anfordert, die unserer Aufgabe Nachdruck verleihen.“

Kapitän Winters lächelte geringschätzig. „Übernehmen Sie sich nur nicht“, knurrte er. Dann wandte er sich mir zu und sagte: „Mr. Feiler, bringen Sie die beiden von Bord!“

 

*

 

Als wir hinaufkamen, hatte sich der Himmel bewölkt. Feiner Nieselregen sprühte über Deck. San Francisco-Wetter! Im Westen klarte es schon wieder auf. Irgendwie schien mir dieses Wetter zum Abgang der beiden zu passen.

Kapitän Winters war wieder an Deck und begann den ungeduldig wartenden Seemännern die Heuer auszuzahlen. Unmittelbar danach strömten die Männer von Bord. Zuletzt waren wir nur noch zu viert da:

Kapitän Winters, unser Erster Offizier Turek, Bootsmann Leif Johannson und ich.

Ich hatte noch einem Angestellten der Reederei die Bücher übergeben und abzeichnen lassen. Von nun an wurde das Löschen der Ladung durch Reedereiangestellte überwacht. Die Schauerleute befanden sich bereits in den Lasten, während die Ladebäume herumschwenkten und die Winden kreischten und knarrten. Auf der Pier puffte und zischte ein dampfgetriebener Ladekran, der schon die ersten Ballen chinesischer Seide landwärts schwenkte.

Der Käpt'n, der Erste Steuermann, der Bootsmann und ich, waren indessen unter Deck gegangen und saßen uns in der Kapitänskajüte gegenüber.

Winters hatte aus seinem kleinen Wandschränkchen eine Flasche Aquavit geholt. Der bullige Bootsmann Johannson schenkte ein, dann nahmen wir unsere Gläser, nickten uns zu und kippten den Inhalt mit einem Ruck hinunter. Ich warf unserem Ersten Steuermann Turek einen kurzen Blick zu.

Er hatte kurzes dunkles Haar, einen kantigen Schädel, knochige Fäuste und Arme mit stahlharten Muskeln. Sie waren tätowiert, diese Arme, tätowiert mit chinesischen Schriftzeichen, deren Bedeutung nicht jeder kannte. Ich wusste auch, dass Turek selbst einmal Kapitän gewesen war, in einem Sturm um Kap Horn aber sein Schiff verloren hatte. Damals hatte es geheißen, er wäre total betrunken gewesen, und nur deshalb habe er das Schiff in die Klippen gesetzt. Niemand wollte Turek mehr einstellen und ihm erst recht kein Kommando mehr geben. Aber O‘Keefe hatte ihn sich geholt, wenn auch nur als Ersten Steuermann und nicht mehr als Kapitän. Doch jeder an Bord wusste, dass er Winters nur widerwillig respektierte.

Rechts von mir saß der Bootsmann, ein Kleiderschrank von einem Kerl, mit Fäusten wie Vorschlaghämmer. Seine Stirnglatze war von mehreren zackigen Narben „verziert“. Ich hatte das letzte Mal in Singapur erlebt, wozu Leif Johannson fähig war, hatte mit angesehen, wie er zwei Männer mit einem Mal gepackt und durch ein Fenster geschleudert hatte. Ich wusste, dass er in der Lage war, eine schwere Theke wie einen Stuhl umzufegen. Er fuhr auf diesem Schiff, seit es in Dienst gestellt worden war, also seit acht Jahren.

Wir sahen gespannt auf Kapitän Winters und warteten auf seine Anweisungen. Keiner von uns dreien ahnte, dass er gar keine Möglichkeit mehr haben sollte, nur eines von dem, was er plante, in die Tat umzusetzen. Er selbst ahnte natürlich am wenigsten, was ihm bevorstand, und so sagte er:

Wir müssen drei Dinge tun. Erstens müssen wir, noch während die Ladung gelöscht wird, Vorräte bunkern. Zum zweiten müssen wir den Teil der Mannschaft, der abgeheuert ist, durch neue Leute ersetzen, und zum dritten müssen wir Verbindung zu Kapitän O‘Keefe aufnehmen, wobei ich noch nicht einmal sicher bin, dass er sich tatsächlich noch dort aufhält, wo ich glaube. Was mich wundert, dass ihn die Pinkerton-Leute nicht gefunden haben sollen.“

Was soll ich also tun?“, fragte Turek.

Sie werden sich darum kümmern, dass wir Vorräte bunkern, ohne dass es jemand merkt.“

Er wandte sich mir zu und fuhr fort:

Und Sie werden nach O‘Keefe suchen. Wenn Sie ihn haben, und wenn Sie das Glück haben, ihn nüchtern zu finden, dann machen Sie ihm klar, um was es hier geht. Er könnte verhindern, dass die Reederei verschleudert wird, wie dieser Winkeladvokat erzählt hat. Und als dritte Sache geht es darum, die Fracht einzutreiben, möglichst in bar zu kassieren, die wir uns mit dieser Fahrt verdient haben. Das machen wir zwei.“ Er sah den Bootsmann an, lachte hart und erklärte noch: „Wir werden den Gentlemen von der Amerikanisch-Chinesischen Gesellschaft die Tatsachen schon klarmachen!“

Johannson grinste schief und fuhr sich mit der flachen linken Hand über die geballte Rechte. Ihm schienen die Knöchel zu jucken in wilder Vorfreude auf eine neue Schlägerei.

 

*

 

Minuten später wurde uns klar, dass Winters’ Plan zumindest in einem Teil zusammengebrochen war. Als wir an Deck kamen, um nun ebenfalls an Land zu gehen, entdeckten wir eine Gruppe von Marinesoldaten auf der Pier. Sie wurden von einem jungen Offizier befehligt, der neben einem älteren Zollinspektor stand. Der Zollinspektor trug, wie das seinerzeit in San Francisco üblich war, einen Zweispitz.

Wir kamen nicht im entferntesten darauf, dass diese Soldaten, die ja ziemlich weit vom Schiff entfernt standen, und jener Zollinspektor etwas mit uns zu tun haben könnten. Wir brachten die Gangway, die wir vorhin eingezogen hatten, dort auch wieder über Bord. Zuerst verließ Kapitän Winters, gefolgt vom Bootsmann, das Schiff.

Ich war nach mittschiffs gegangen und unterhielt mich noch mit dem Angestellten der Reederei, der das Löschen der Ladung beaufsichtigte. Da bemerkte ich, wie der Zollinspektor auf den Kapitän zuging, wie er grüßte und dann ein Schriftstück entrollte, das er die ganze Zeit über in der linken Hand getragen hatte. Und nun rückten auch die Soldaten an. Es war eine ganz unmissverständliche Geste, die der Kapitän ebenso begriff wie der Bootsmann. Allerdings konnte ich nicht verstehen, was gesprochen wurde, weil die Winschen einen derartigen Lärm verursachten, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Aber die drohende Haltung der Soldaten war überzeugend genug. Außerdem sah ich dem Bootsmann und dem mittlerweile auch von Bord gegangenen Ersten Steuermann Turek an, dass sich dort unten etwas tat, was durchaus nicht erfreulich sein konnte.

Ich ließ den Angestellten der Reederei stehen und lief über den Steg, der mittschiffs ausgelegt war, von Bord. Dann hastete ich hinüber zu Turek, der ein paar Schritte seitlich von Winters und dem Bootsmann stand und die Arme in die Seite stützte.

Bevor ich dazu kam, ihn zu fragen, hörte ich, wie jener Zollinspektor dem jungen Offizier etwas zurief und der mit einer schnarrenden, alles durchdringenden Stimme sagte: „Im Namen des Gesetzes! Ich verhafte Sie!“ Und er sagte das zu Kapitän Winters.

Winters machte ein so verblüfftes Gesicht, dass er wie ein kleiner Junge aussah, den man zu Unrecht beschuldigt hatte, einen Apfel gestohlen zu haben.

Aber das ist doch absoluter Schwachsinn!“, hörte ich Winters sagen. „Wie kommen Sie bloß auf diese verrückte Idee, dass ich geschmuggelt haben könnte? Ich bin mit diesem Schiff seit einem Dreivierteljahr nicht mehr in den Vereinigten Staaten gewesen.“

Damit ist die Beschuldigung noch nicht verjährt“, sagte jetzt der Zollinspektor. „Sie sind verhaftet, Kapitän Winters. Sind Sie bereit, freiwillig zu folgen oder beabsichtigen Sie, Widerstand zu leisten?“

Das ist ein verdammter Trick!“, brüllte Winters los und verlor in diesem Augenblick seine Beherrschung.

Die Soldaten, die ihre Gewehre bereits mit beiden Händen hielten, brachten die Waffen auf einen Befehl des jungen Offiziers hin sofort in Anschlag. Angesichts der drohenden Mündungen resignierte Winters. Und auch Turek und der Bootsmann sahen ebensowenig eine Chance wie ich.

Turek drehte sich um, blickte mich an und sagte: „Das ist der dreckigste Witz, den ich je in meinem Leben gehört habe. Sie beschuldigen den Kapitän des Schmuggels. weiß der Teufel, wer sich das ausgedacht hat!“

Gentlemen“, rief der Zollinspektor, „machen Sie keine Schwierigkeiten! Wenn Kapitän Winters im Recht ist, wird sich das schnell aufklären. Aber wenn Sie uns hier behindern, sehe ich mich gezwungen, Sie ebenfalls zu verhaften. Im übrigen müssen Sie sich zu meiner Verfügung halten, Mr. Turek. Sie als Erster Steuermann werden vor dem Untersuchungsausschuss aussagen müssen.“

Turek hatte die Hände in die Taschen gesteckt und wippte auf den Absätzen. Er spie über die Schulter aus und wandte sich nun wieder dem Zollinspektor zu. „Soll das bedeuten, dass ich die Stadt nicht verlassen kann?“

Genau das soll es bedeuten, Mr. Turek. Und noch etwas möchte ich Ihnen sagen, Mr. Turek. Es tut mir sehr leid, dass ich Ihren Kapitän verhaften muss. Es macht mir auch gar keinen Spaß. Ich wäre sehr froh, wenn Sie uns hier keine Schwierigkeiten machen, denn ich bin sicher, dass sich alles aufklären wird. Es ist eine Anzeige gegen Ihren Kapitän erstattet worden, und wir müssen der Sache nachgehen. Es sind auch Beweise vorgelegt worden. Sollte sich aber herausstellen, dass Ihr Kapitän unschuldig ist, so wird er natürlich ganz schnell wieder entlassen. Aber Sie machen die Sache nicht besser, wenn Sie versuchen, uns zu behindern.

Turek grinste schief. „Hat das einer versucht?“

Der Zollinspektor war im Grunde ein anständiger, sympathischer Mann. Ich kannte ihn von früher, und mir war, als hätte er Angst. Angst davor, dass Turek, der Bootsmann und ich unserem Ruf gerecht werden könnten, unserem Ruf, der in den Erzählungen natürlich auch aufgebauscht wurde. Wenn wir irgendwo einmal einen aus einer Kneipe auf die Straße befördert hatten, dann hieß es gleich, wir hätten einen ganzen Saal ausgeräumt, wie das eben bei Seeleuten ist. Aber, zugegeben, den allerbesten Ruf hatten wir nicht.

Kapitän Winters hätte jetzt nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, und wir hätten uns auf die Soldaten gestürzt, zumindest wäre von uns versucht worden, sie so lange zu beschäftigen, bis sich Winters in Sicherheit gebracht hätte. Aber Winters war kein Mann, der solche Sachen schätzte. Winters mochte keine Prügeleien. Die obersten Grundsätze für Winters waren Ordnung und Sauberkeit auf dem Schiff, korrekte Kleidung, anständige Verpflegung. Seine Härte hatte er oft genug im Sturm und in kritischen Situationen auf See bewiesen, niemand belächelte, dass er stets korrekt gekleidet war. Wir wussten, was wir an ihm hatten. Er war ein sehr guter Kapitän. Aber er war ein viel zu anständiger Kerl, und vor allem, meinte ich, vertraute er auch viel zu sehr der Anständigkeit anderer.

Niemand macht Ihnen Schwierigkeiten“, sagte er zu dem Zollinspektor und wandte sich dann an den Leutnant: „Ihre Männer können die Gewehre wieder herunternehmen. Selbstverständlich komme ich ohne Widerstand zu leisten mit.“

Ist das Ihr Ernst, Kapitän?“, fragte Turek und verzog das Gesicht, als hätte er Salzsäure geschluckt.

Der Kapitän sah ihn an. „Natürlich! Und Sie machen das, was ich Ihnen aufgetragen habe. Was die Fracht angeht, so können Sie vielleicht, Mr. Feiler, die Bemühungen vom Bootsmann etwas unterstützen.“

Ich hatte verstanden. Wir mussten es also ohne ihn machen und konnten nur hoffen, dass er früh genug wieder entlassen wurde.

Sie brachten den Kapitän zu einer ein gutes Stück entfernt stehenden Kalesche, die dort die ganze Zeit gewartet hatte, ohne dass es uns aufgefallen war. Der Zollinspektor, der Offizier und natürlich Kapitän Winters stiegen ein. Dann fuhr die Kalesche los. Sie fuhr im' Schritt und die Soldaten marschierten hinterher.

Turek trat neben mich und sagte mit grollendem Unterton in der Stimme: „Wenn sie ihn nicht rauslassen, dann holen wir ihn uns. Keiner sperrt einen Mann ein, der so unschuldig ist wie der Käpt'n.“

Es ist eine verdammte Sache“, meinte der Bootsmann. „Ich habe mich die ganze Fahrt über gefreut darauf, hier an Land gehen zu können und nun ein paar schöne Tage zu haben. Die Mädchen in Frisco sind die besten der Welt. Und jetzt bin ich hier und habe keine Zeit dazu. Der Teufel soll das alles holen!“

Turek spie aus und meinte verdrossen: „Recht hast du! Aber was nützt es uns, Leif? Jetzt machen wir erst einmal, dass wir das Schiff retten. Denn wenn ihr mich fragt, Jungs, der Reeder hat sich nicht verspekuliert, und er hat auch keine Schulden gemacht, die er nicht hätte bezahlen können. Die Sache sieht doch ganz anders aus. Hier sind ein paar Lumpenhunde am Werk, die die lästige Konkurrenz ausschalten wollen. Unsere Reederei hat immer mit Profit gearbeitet, und keiner hat soviel gute Frachten bekommen wie wir, weil wir eine zuverlässige Reederei waren und weil wir es noch sind. Diese ganze Geschichte mit dem Walfänger und diesen Quatsch mit dem roten Mörderwal, das mag doch glauben, wer will. Ich halte das für das tollste Latrinenbesteck, was es je gegeben hat.“

Wir haben keine Zeit zu verschwenden“, sagte ich. „Wenn jeder an seine Arbeit geht, können wir es rasch hinter uns bringen. Und vielleicht ...“ Ich dachte jetzt auch an die Mädchen.

Aber Turek schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was Sie möchten. Aber daraus wird nichts, es sei denn, wir nehmen uns ein paar Langhaarige mit an Bord. Hier an Land haben wir bestimmt keine Zeit mehr dazu.“

Ich ging los, und der Bootsmann folgte mir. Da wir .sowieso dafür sorgen mussten, die Fracht einzutreiben, konnten wir auch gemeinsam nach dem Bruder des Reeders und dem Mitbesitzer der Reederei, dem Kapitän Patrick O'Keefe, suchen.

Viele Seeleute nannten ihn den Seetiger, und ich hatte ihn ein einziges Mal in meinem Leben zuvor gesehen. Ein Mann, den keiner vergaß, der ihn je erlebte.

Beide Brüder hatten diese Reederei aufgebaut. Edward war der bessere Kaufmann gewesen, Patrick der bessere Seemann. Aber dann waren sie an eine Frau geraten. Eileen entschied sich für den älteren der beiden, für Edward O'Keefe. Der fast zehn Jahre jüngere Bruder verließ die Reederei, die ihm immer noch zur Hälfte gehörte, überließ die Geschäfte Edward, kaufte sich ein eigenes Schiff und wurde bald zwischen Südsee und Arktis, im ganzen Stillen Ozean bekannt wie ein bunter Hund. Aber er war ein Hund, der beißen konnte, der sich gegen Stürme ebenso durchsetzte wie gegen Korsaren, dessen Husarenstückchen ihm im ganzen Pazifik den Namen Seetiger einbrachten. Eines Tages kehrte er zurück, begleitet von einer bildhübschen jungen Frau aus Thailand.

Kaum an Land heiratete Patrick O'Keefe diese exotische Schönheit und kaufte ihr ein schneeweißes wunderschönes Haus oben auf einem Hügel in der Nähe von Berkeley. Der jungen Frau blieb nicht viel von dieser Pracht. Es war zu der Zeit der Nebel und der kalten Winde. Die Thaifrau erkältete sich, bekam eine Lungenentzündung, und die teuersten Ärzte von Oakland, Berkeley und San Francisco konnten ihr nicht helfen. Patrick O´Keefes Frau, die Frau des Seetigers, starb, und es war ein paar Wochen vor unserem letzten Auslaufen aus Frisco gewesen. Von Winters, der ja mit Miss Isabell verlobt war, hatte ich erfahren, dass Isabells Onkel sich in ein kleines Bergnest in den Mount Diablo Ranges verzogen haben sollte.

Das war ein gutes Stück weg von hier. Erst dorthin zu fahren oder zu reiten, hätte uns kostbare Zeit gekostet. Ich erfuhr, dass dieses Bergnest sogar eine Telegrafenstation hatte. Dann gab ich ein Telegramm an den Seetiger auf.

Wir hatten genug Zeit und konnten Turek noch dabei unterstützen, Vorräte zu beschaffen, die natürlich aus dunklen Kanälen kommen mussten, damit es den Behörden nicht auffiel. Immerhin funktionierte es. Schließlich zogen wir sogar zu dritt zu der Amerikanisch-Chinesischen Gesellschaft, um die Fracht zu kassieren. Wir hatten hier mit erheblichem Widerstand gerechnet und waren darauf vorbereitet, auch handgreiflich zu werden, falls jemand das Auszahlen der Fracht verweigern wollte. Wider Erwarten dachte offensichtlich niemand in der Company daran, zumal sie doch mit unserer Reederei die besten Erfahrungen gemacht hatten. Aber in unserer Reederei war ein Treuhänder eingesetzt worden, wie wir am selben Tage erfuhren. Trotzdem vertraute die Company dem Ersten Offizier Turek das Geld an.

Von einem Teil davon konnten wir den Proviant bezahlen und überdies eine Bugkanone kaufen. Die Idee davon stammte von Turek. Er musste damals hellseherische Fähigkeiten gehabt haben, dass er diesen Einfall haben konnte. Jedenfalls gelang es uns auch, heimlich diese Kanone an Bord zu schaffen und zunächst einmal unter Deck zu verstauen.

Plötzlich war der Seetiger da.

 

*

 

Ich stand gerade in der Pantry und prüfte die Aufstellung, die der inzwischen wieder an Bord zurück gekehrte Koch Clooney von den vorhandenen Vorräten gemacht hatte. Da fiel ein Schatten auf die Kladde, die vor mir lag, und ich blickte zur Tür hin, die nach Deck führte. Dort stand ein Gebirge von Mann. Er musste geduckt stehen, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Aber seine Schultern füllten die ganze Breite der Türöffnung. Mit Grabesstimme sagte dieser Bär von einem Mann: „Da bin ich also. Was ist passiert?“

Der Seetiger!

Ich war im ersten Augenblick ein wenig erschrocken, obgleich mir so schnell nichts einen Schreck einjagen kann. Aber dann fühlte ich mich ungeheuer erleichtert. Er war also gekommen! Als hätten es alle geahnt, tauchten auf einmal Turek und der Bootsmann in der Tür zur Kombüse auf.

Jetzt trat Patrick O'Keefe in die Pantry ein, kam auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. Er kannte mich ja von früher, wenn auch nur flüchtig. Er drückte mir die Hand, dass ich meinte, in einen Schraubstock geraten zu sein. Nun wiederholte sich das bei Turek und dem Bootsmann.

Jetzt stand er so, dass das Licht von draußen auf sein Gesicht fiel. Es war tiefgebräunt von Sonne und Wind. Die Falten des etwa Siebenundvierzigjährigen gruben sich wie gemeißelte Runen in dieses Antlitz ein. Der Mund erschien als schmaler Strich, und die Augen des grauhaarigen Mannes leuchteten blau. Es hieß, er sei in jener Nacht grauhaarig geworden, als ihm die junge Thailänderin in den Armen gestorben war.

Es hieß aber auch, und das fiel mir in diesem Augenblick ein, dass Miss Isabell in Wirklichkeit seine und nicht seines Bruders Tochter sein sollte. Aber solche Gerüchte bedeuteten nichts. Es war nur so ein Gedanke, der mir gerade kam.

Turek schilderte ihm die ganze Situation. Ich ergänzte, wo er ins Stocken geriet, denn er war kein großer Plauderer. Der Seetiger hörte zu. Nun, da ich ihn so vor mir stehen sah, einmal aus nächster Nähe, und die Muße hatte, ihn zu betrachten, da kam mir der Name Seetiger, den sie ihm gegeben hatten, nicht sehr prahlerisch vor, sondern äußerst treffend. Er war wirklich ein Tiger der Meere. Die vielen Geschichten, die es von ihm gab, die vielen Legenden, die sich um sein Schicksal rankten, davon konnte man stundenlang erzählen.

Als ihm alles berichtet worden war, fragte er nur:

Ist die Mannschaft komplett?“

Bis auf den Schiffsjungen“, erwiderte der Bootsmann.

Ein Moses wird nicht angeheuert“, entschied de rSeetiger.Er stemmte seine prankenartigen Hände in die Hüften und blickte uns durchdringend an. Er trug einen abgeschabten Rock, zerbeulte Hosen, die in Stiefeln steckten, wie sie Goldsucher trugen, und auch die Hosen erinnerten an einen Goldsucher. Der speckige Hut, der auf seinem Kopf thronte, ließ ihn als alles andere, nur nicht als den Kapitän eines Schiffes erscheinen. Aber er gehörte zu der Sorte Männer, die selbst in Unterhosen oder im Nachthemd imposant wirkten, bei deren Anblick niemand auf die Idee gekommen wäre, hämisch zu lächeln oder sich amüsante Gedanken zu machen.

Ich werde heute noch mit einem Notar sprechen und werde dort niederschreiben lassen, dass ich gegen alle Maßnahmen, die ergriffen worden sind, Einspruch erhebe. Es würde aber zu lange dauern“, fuhr er fort, „darauf zu warten, dass sie dieses Schiff daraufhin freigeben. Also werden wir kommende Nacht auslaufen, und damit sie sich in Sicherheit wiegen, werden wir Winters zurücklassen!“

Diese Entscheidung verschlug uns die Sprache. Weder Turek noch der Bootsmann und ich ebensowenig waren imstande, etwas zu erwidern. Ich dachte nur: Warum, zum Teufel, will er Winters nicht herausholen? Er kann ihn doch nicht einfach opfern?

Er schien wohl erraten zu haben, was wir dachten und sagte knurrig: „Winters können sie nichts tun. Dass sie ihn eingelocht haben, ist ein Blödsinn, und sie wissen das selbst. Sie haben nichts in der Hand gegen ihn. Irgendwann müssen sie ihn freilassen. Wenn wir ihn herausholen, werden sie uns die Ausfahrt mit Kriegsschiffen verlegen. So schnell können wir doch nicht auslaufen. Im übrigen verträgt kein Schiff zwei Herren. Ab jetzt bin ich der Kapitän hier.“

Wir starrten ihn an, und eigentlich hatten wir nie etwas anderes erwartet. Trotzdem sagte keiner von uns nur einen Ton, weder zustimmend noch ablehnend. Es schien ihn auch gar nicht zu interessieren, was wir davon hielten. Er wandte sich um, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging vor uns in der Pantry auf und ab. Während er das tat, sprach er weiter.

Wir werden meinen Bruder und die „Princess of Denmark“ suchen. Und wir werden sie finden! Ganz gleich, was geschieht! Hier kann man nichts unternehmen, weil ich einen Aufschub bewirke. Immerhin hat man mir nichts vorzuwerfen, und niemand hat das Recht, meinen Anteil zu verpfänden. Ich kann mir schon vorstellen, wer die Burschen sind, die hinter allem stecken. Es ist dieselbe Bande, die uns, als wir noch beide Schiffe führten, mein Bruder und ich, am Vorwärtskommen hindern wollten. Es sind diese Lumpenkerle von der Ostindischen Gesellschaft, die hier Fuß zu fassen suchen und deren Schiffe mit halbleeren Laderäumen auf den Meeren herumschippern, weil sie keine Fracht bekommen. Aber jetzt werden wir erst einmal meinen Bruder und die „Princess of Denmark“ suchen. Und den roten Wal suchen wir auch!“

Er lachte wild auf.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als er das sagte. Bis jetzt hatte ja alles Hand und Fuß gehabt. Aber nun begann er dasselbe Garn zu spinnen, redete über dasselbe Latrinenbesteck, was diese abergläubischen Burschen dahergeplappert hatten und was ich für den größten Blödsinn hielt, den sich erwachsene Männer erzählen können.

Bei allem Respekt vor seinem Ruhm und seinem Können als Seemann, jetzt konnte ich nicht mehr an mich halten und platzte heraus: „Sir, ich möchte ja nicht annehmen, dass Sie nur eine Sekunde an einen roten Mörderwal glauben. Es hat noch nie einen roten Wal gegeben. Von weißen habe ich schon gehört, aber einen roten...?

Er blickte mich im ersten Augenblick an, als wollte er mir in heller Wut die Faust unters Kinn schmettern. Doch dann verklärte sich sein Antlitz und er fragte mit nachsichtigem Ton in der Stimme: „Wie alt sind Sie, Mr. Feiler?“

Sechsundzwanzig, Sir!“

Ich bin einundzwanzig Jahre älter als Sie, Mr. Feiler. Sie könnten mein Sohn sein. In diesen einundzwanzig Jahren habe ich alles das dazugelernt, was Ihnen noch fehlt, Mr. Feiler. Das ist zum Beispiel, dass es Dinge gibt, die wir Menschen noch nicht wissen. Auch Sie müssen eine Menge dazulernen. Wir beide, wir werden uns dann noch einmal über den roten Mörderwal unterhalten, wenn Sie seiner ansichtig werden. Denn ich sage Ihnen, Mr. Feiler, und das gilt für euch beide auch“, jetzt sah er den Bootsmann und Turek an, „es gibt ihn.“ Ich ahnte nicht, wie er das wirklich meinte.

Turek berichtete in diesem Zusammenhang von der Bugkanone, die er besorgt hatte. Der Seetiger nahm es zur Kenntnis wie etwas Selbstverständliches.

Er zog aus seiner Weste eine klobige silberne Taschenuhr heraus, ließ den Deckel aufschnappen und blickte aufs Zifferblatt.

Jetzt haben wir Niedrigwasser“, sagte er, „kurz vor Mitternacht ist der Höhepunkt des Hochwassers vorüber. Die Flut wird abfließen. Mit dieser Strömung laufen wir aus. Bis dahin, Mr. Turek, ist hier alles klar an Bord. Ich werde irgendwann zwischen Einbruch der Dunkelheit und dem Zeitpunkt des Auslaufens des Schiffes an Bord sein. Die Mannschaft aber will ich schon nach Eintritt der Dunkelheit an Bord wissen. Alles klar, Mr. Turek?“

Turek grinste hart. „Aye aye, Sir!“

Ich blickte den Seetiger an. Wenn ich befürchtet hatte, er wäre ein Sklave des Alkohols geworden, nachdem seine junge Thaifrau gestorben war, so konnte ich es ihm zumindest nicht mehr anmerken. Meine Befürchtung, aus dem stahlharten Mann sei im Lauf der Zeit ein Wrack geworden, traf offenbar nicht zu. Er wirkte härter denn je. Er war viel, viel härter als sein Bruder, das war nicht nur eine Frage des Alters. Als er die Pantry verließ, da blickten wir drei uns an, sagten aber kein Wort. Doch uns wurde schlagartig bewusst, dass in diesem Augenblick das gefährlichste Abenteuer unseres Lebens begonnen hatte.

Ich fragte mich, ob ich jemals in meinem Leben wieder nach Frisco kommen würde. Doch dieser Gedanke zerstob wie Nebelschleier in der Morgenbrise.

 

*

 

Als es dunkel wurde, war die gesamte Mannschaft wieder an Bord. Der Mond, fast ein Vollmond, kroch über den Horizont, und seine Dreiviertelscheibe reflektierte im Meer. Unweit vom Mond strahlte die Venus am nächtlichen Firmament. Dampfschiffe tuteten draußen vor dem Goldenen Tor und das bewies mir, dass wieder der berüchtigte San Francisco-Nebel aufkam. In der Bucht, aber auch vor dem Goldenen Tor, lag er als milchiger Schleier dicht über der Meeresoberfläche, mitunter nur wenige Meter dick, aber doch so, dass die Sicht teilweise unmöglich gemacht wurde.

Immer öfter, immer aufgeregter dröhnten die Typhons der Dampfschiffe herüber.

Auf der Pier waren zwei Seesoldaten der Marinewache aufgezogen. Es war ihnen nicht gelungen, die „"Princess of Scotland"“ an die Kette zu legen, so hatten die Behörden jetzt wenigstens eine Marinewache aufziehen lassen, aus Furcht, es könnten Dinge an Bord geschafft werden, die Voraussetzung fürs Auslaufen waren. Vielleicht auch hing es mit dem Seetiger zusammen, der ja heute bei dem Notar aufgetaucht war, und man wollte ihn womöglich daran hindern, an Bord des Schiffes zu gehen.

Ich war achtern in der Nähe des Ruders, saß da einfach so herum, aber beobachtete in Wirklichkeit diese Wache. Gleichzeitig harrte ich besorgt des Kapitäns, der meiner Meinung nach jetzt bald kommen musste. Auch Turek lauerte gespannt auf den Kapitän. Er kam jetzt nach oben, hockte sich neben mich und murmelte mit einem Blick auf die Soldaten: „Wenn diese Pfeifen ihm Schwierigkeiten machen, müssen wir etwas dagegen tun.“

Plötzlich plätscherte etwas hinter uns. Wir fuhren herum, da sahen wir ihn. Er war splitternackt und hatte seine Kleidung in ein Bündel geschnürt, das er in der Hand hielt: Der Seetiger!

Wie Neptun war er aus dem Meer an Bord gekommen, stand jetzt da, und das Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Seine Zähne blitzten, und seine Augen schienen zu leuchten.

Alles klar?“, erkundigte er sich flüsternd. Als wir beide nickten, fuhr er fort: „Zum Losmachen müssen wir die Leinen kappen.“

Zwei Dinge begünstigten unsere Flucht. Einmal war es der ablandige Wind, der meist in dem Augenblick aufkam, wenn der Höhepunkt der Flut, also des Hochwassers, überschritten war und die Wassermassen zurückzogen in den Pazifik; zum zweiten war es die Strömung selbst, die einem Schiff selbst dann Fahrt verlieh, wenn absolute Flaute herrschte.

Ich möchte keine Schreierei dort auf der Pier!“, murmelte der Seetiger. „Am besten übernimmt das Johannson.“

Da hatte er Recht. Das war eine Sache ganz nach Johannsons Geschmack. Hoffentlich bekamen wir den Bootsmann nachher wieder schnell genug an Bord.

Vielleicht sollte ich ihn unterstützen“, gab ich zurück.

In Ordnung, wenn es Ihnen solchen Spaß macht, Mr. Feiler“, erklärte er nur.

Ich alarmierte Johannson, der unter Deck war. Und da noch immer die Gangway lag, gingen wir plaudernd über Deck, dann auf die Gangway zu und schritten dann hinüber zur Pier. Die beiden Soldaten wandten sich um und blickten uns entgegen. Aber wir ließen uns Zeit. Johannson stopfte sich umständlich seine Pfeife, brannte sie an, und der Lichtschein erhellte sein bulliges Gesicht mit dem struppigen Bart. Ich selbst hatte die Daumen in den Gürtel gehakt und schlenderte dann weiter mit Johannson zusammen auf die beiden zu.

Sie ließen uns gar nicht so nahe herankommen. Offensichtlich ahnten sie schon, was wir vorhatten. Der eine rief uns entgegen: „Ihr seid weit genug. Bleibt stehen!“

Johannson blieb sofort stehen, während ich noch zwei Schritte weiterging, mich dann halb zu Johannson umdrehte und dann fragte: „Haben die uns auch schon was zu bestellen?“

Was wollt ihr?“, schnauzte der eine Seesoldat, und da sah ich, wie Johannson in die Tasche griff. Er brachte die Faust wieder hervor, ging dann bis zu mir, und nun waren es die beiden Seesoldaten, die ihre Gewehre von den Schultern genommen hatten und jetzt unter den Arm pressten, so dass sie jederzeit die Waffen hochreißen und abdrücken konnten. Die Bajonette blinkten gleißend im Mondlicht.

Nun habt euch doch nicht so! Sollen wir auf diesem Kasten schmoren? Wir wollen auch noch etwas an Land.“

Niemand verlässt das Schiff und niemand betritt es! Schert euch zurück auf das Schiff! Befehl vom Hafenkommandant!“

Der Hafenkommandant?“, fragte Johannson und ging noch ein Stück auf die beiden zu. Dann hob er die Faust, als wollte er gegen die Verordnung des Hafenkommandanten protestieren. „Was hat der uns schon zu sagen?“

Nun wuchtete er die Faust nach vorn und öffnete die Hand zugleich. Wie Schnee stiebte etwas, vom Mondlicht angestrahlt, auf die beiden Männer zu, wehte vom ablandigen Wind in ihre Gesichter.

Für uns beide war es ein Signal. Als die Soldaten aufbrüllten, weil ihnen der Pfeffer wie höllisches Feuer in den Augen brannte, waren wir schon vorgesprungen, hatten ihnen die Gewehre aus den Händen gerissen und zugeschlagen. Es ging blitzschnell. Das Schreien brach jäh ab, als unsere Fäuste sie trafen. Dann war es still. Totenstill!

Sie waren beide bewusstlos, und vielleicht war das eine Gnade für sie und ihre brennenden Augen. Wir nahmen die Gewehre mit und hängten sie ein Stück weiter an den Dampfkran. Bis die Wachen ihre Waffen dort in der Dunkelheit gefunden hatten, würde schon eine Weile vergehen. Die Zeit reichte uns, um die Leinen loszumachen. Da brauchten wir die Trossen nicht zu kappen.

Schon als wir an die Poller traten und die Leinen lösten, hatte der Seetiger die Mannschaft lautlos in die Takelage geschickt. Zuerst fielen die Segel am Fockmast. Das bewirkte, dass sich der Bug des Schiffes rasch und absolut ohne Geräusch von der Pier löste.

Mit einem Satz waren Johannson und ich an Bord. Schon machte, vom ablandigen Wind getrieben, die „"Princess of Scotland"“ Fahrt. Immer mehr Tuch blähte sich im Wind, immer schneller bewegte sich der schnittige Schiffsleib der See entgegen.

Etwas bang lauschte ich nach achtern zur Pier hinüber, ob dort nicht doch jemand Alarm schrie, ob nicht einer bemerkt hatte, was sich hier tat.

Auch Turek spähte misstrauisch zu den Lichtern anderer Schiffe hinüber, die vertäut lagen, ob sich da nichts regte. Aber es schien, als hätte niemand bemerkt, dass die „"Princess of Scotland"“ sich von der Pier gelöst hatte und drauf und dran war, in immer schnellerer Fahrt das Goldene Tor zu passieren.

Die bunte Nymphe, die unser Schiff als Galionsfigur über dem Bug trug, schillerte wie Perlmutt im Mondlicht. Der Bug pflügte das Meer und der Gischt schäumte hoch über den Anker hinweg bis aufs Vorschiff.

Voraus tauchten jetzt die Nebelbänke auf. Auf ein leises Kommando von Johannson hin enterte Mario Bellini, einer der Matrosen, in den Mars des Fockmastes auf, denn von dort aus konnte er über die Nebelbänke hinwegsehen, die teilweise nur wenige Meter hoch über dem Wasser lagen.

Alle Männer an Bord verhielten sich so still wie möglich, nur das Knarren der Blöcke und das Rauschen der Bugwelle waren zu hören. Aber wir blickten nach achtern und nach Backbord, wo wir nun an den Lichtern der Stadt vorbeizogen. Kamen die Böllerschüsse? Würde womöglich eine der Sechzigpfund-Kanonen an der Küste ihre tödliche Ladung in unsere Richtung spucken?

Kapitän O‘Keefe und ich standen achtern neben dem Rudergast und spähten hinüber zur Küste. Wir pressten unsere Spektive an die Augen und suchten etwas von den Kassematten drüben zu erkennen. Ich sah ein paar im Wind schwankende Öllampen und endlich auf einem der Geschütztürme die Silhouette eines Postens. Er hatte seine Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett umgehängt und ging auf der kleinen Fläche der Plattform dort oben hin und her.

Ich schwenkte das Fernrohr weiter nach achtern in Richtung auf die Landzunge, die sich vor der Hafeneinfahrt befand. Und genau in diesem Augenblick schob sich der riesige Bug eines großen Schiffes hinter dieser Landzunge hervor. Dieses Schiff machte schnelle Fahrt und wurde immer deutlicher sichtbar. Als ich es bis mittschiffs erkennen konnte, stellte ich fest, dass es die „Sam Houston“ war, ein als Dreimastschoner getakelter Dampfer. Er fuhr für die Ostindische Gesellschaft, jenem Konkurrenzunternehmen, das uns, wie wir meinten, an den Kragen wollte.

Die „Sam Houston" war das modernste Schiff, das ich kannte. Aber wie bei allen Dampfern war die Ladekapazität infolge der Kohle, die sie für ihre Maschine mit herumschleppen mussten, bedeutend herabgesetzt, und die „Sam Houston" kostete Geld. Sie und all die anderen Dampfer, die von der Ostindischen Gesellschaft in Betrieb genommen waren, hatten nicht nur weniger Frachtraum, es kostete auch noch Geld, wenn sie fuhren. Allerdings brauchten sie einige Männer weniger als wir. Aber Männer waren billig, Kohle hingegen, die dazu noch auf dem Wasser herumgeschleppt werden musste, kostete viel, und deshalb waren , unsere Frachten niedriger als die der Ostindischen Gesellschaft. Das genau ist der Grund allen Ärgers, den wir mit denen haben, dachte ich.

Käpt'n“, raunte ich dem Seetiger zu. „Die „Sam Houston" läuft aus, und sie macht ziemlich Fahrt.“

Sein Kopf ruckte herum. Er spähte nach achtern, und im Mondlicht sah ich, wie sein Gesicht noch härter wurde als zuvor. „Er hat noch nicht mal Segel gesetzt, dieser Musikdampfer“, brummte er missmutig.

Es ist ganz einfach für sie“, erwiderte ich. „Ich habe mir diese Patentsegel angesehen. Auch zwei andere von den Dampfern der Ostindischen haben sie jetzt, diese Patentreff-Toppsegel. Da braucht kein Mann mehr von Deck, wenn die Segel gerefft werden sollen, und sie können sie auch, ohne dass jemand nach oben geht, fallen lassen.“

Es beeindruckte Kapitän O‘Keefe überhaupt nicht, was ich da sagte, obgleich ich mir einbildete, dass es eine fantastische Neuerung war, wenn man von Deck aus die Toppsegel reffen konnte, ohne dass Männer hinauf mussten. Besonders in einem Sturm bot das eine Bequemlichkeit, auf die viele unserer Matrosen neidisch waren.

O‘Keefe dachte darüber ganz anders. Er sah nur kurz zu mir herüber und meinte geringschätzig: „Kinkerlitzchen! Wenn es hart auf hart geht, taugt das alles nichts. Vier Strich backbord“, raunte der Kapitän jetzt dem Rudergänger zu.

Bis jetzt waren wir genau mit achterlichem Wind gesegelt. Das bedeutete, dass die Vorsegel flatterten wie bei Windstille und das Besansegel gestrichen werden musste. Nun aber, als wir mit einer Backstagbrise mit Südwestkurs liefen, konnten wir den Wind voll ausnutzen. Johannson, der Bootsmann, ließ den Besan setzen, die Stagsegel zogen jetzt voll. Der Wind blähte den Besan, der oben an der Gaffel zerrte. Auch die Vorsegel waren jetzt prall vom Wind gefüllt. Die Fahrt, die unsere „Princess of Scotland" machte, nahm erheblich zu.

Achteraus fiel die „Sam Houston" mehr und mehr ab.

Mit einem verächtlichen Lächeln sah der Seetiger nach achtern zurück auf den Dampfer, von dem aus jetzt dicke Qualmwolken übers Vorschiff hinweg meerwärts trieben.

Vor uns tauchten jetzt die Nebelbänke auf. Der Bug schob sich in diese milchige Suppe hinein, während Bellini vom Mars des Fockmastes aus nach unten rief: „Voraus alles klar!“

Ein paar Augenblicke lang noch sah ich achteraus den Dampfer, der mehr und mehr zurückgefallen war. Dann aber wurden wir vom Nebel umhüllt. Hatten wir eben noch klare Sicht, so befanden wir uns jäh wie in einer dampfenden Waschküche. Ich hatte Mühe, den Seetiger zu sehen, der vier Schritte von mir entfernt stand.

Diese Nebelbänke waren der Schrecken aller Seeleute vor San Francisco, aber ein Glück für uns, dass sie diesmal nicht weit reichten.

Etwas begriff ich nicht. Nach meiner Meinung hätten wir, um das Ziel zu erreichen, das wir uns gesetzt hatten, mit Nordwestkurs fahren müssen, zumindest zunächst, um später Nordkurs einzuschlagen. Statt dessen fuhren wir mit Südwestkurs. Ich fragte mich, was Kapitän O'Keefe vorhatte. Hing es etwa mit der „Sam Houston" zusammen? Die Gedanken des Seetigers ließen sich nicht erraten. Da stand er, schemenhaft, ein paar Schritte von mir entfernt im Dunst dieses dichten Nebels. Alles in ihm schien sich darauf zu konzentrieren, ob Bellini voraus etwas sah.

Mit einem Mal war der Spuk vorüber. Rundum wich schlagartig der Nebel. Wir hatten klare Sicht, und vor uns breitete sich der nächtliche mondbeschienene Pazifik aus.

Weiter südlich waren Schiffe zu sehen, eine Brigg, eine Bark und ein kleiner Dampfer, der noch, wie die älteren Modelle, von Schaufelrädern getrieben wurde.

Noch immer fuhren wir mit Südwestkurs. Doch plötzlich kam das neue Kommando.

Mr. Feiler, lassen Sie halsen!“

Klar zum Halsen!“, rief ich nach vorn.

Die Pfeife des Bootsmann blieb diesmal stecken. Er gab die Befehle, die Brassen zum Laufen klarzulegen. Das Großsegel wurde aufgegeit. Allmählich fielen wir vom Wind ab.

Der Besan wurde geborgen. Der Bootsmann schickte einen zweiten Mann, es war Carol Lonescu, zum Ruder, und ich gab den Befehl: „Auf das Ruder!“

Das Rad wurde nach Steuerbord gedreht und die Großrahen auf Vierkant gebrasst. Ohne Achtersegel fiel das Schiff immer mehr ab. Die Viermastbark lief jetzt vor dem Wind. Die Vorrahen waren erst Vierkant, dann wurden sie angebrasst und der Klüver nach Steuerbord übergeholt. Schließlich ließ der Bootsmann den Großtopp anbrassen, der Besan wurde wieder gesetzt und alle Segel an den Wind getrimmt. Die Bark lag jetzt mit Steuerbordhalsen direkt am Wind. Das Großsegel wurde wieder gesetzt und das Deck aufgeklart, die Leinen aufgeschossen.

Wir fuhren jetzt mit Nordwestkurs, praktisch schräg zur Gegenrichtung, und es war eine Frage der Zeit, womöglich mit der „Sam Houston" zusammenzutreffen.

Mr. Feiler, stellen Sie fest, ob Bellini etwas von dem Stinkdampfer sieht!“

Ich ging ein Stück nach vorn und rief es Bellini zu, der oben noch im Krähennest saß.

Bellini hatte ein Spektiv da oben. Er peilte in Richtung auf das Goldene Tor und rief dann nach unten: „Die Mastspitzen kann ich gerade noch erkennen. Sie haben ein Topplicht gesetzt. Sie fahren mit Südwestkurs und stecken jetzt mitten im Nebel drin.“

Wie weit noch entfernt?“, rief ich nach oben.

Fünf Seemeilen, vielleicht sogar sechs“, erwiderte Bellini. Ich wusste, dass ich auf seine Angaben etwas geben konnte.

Als ich es achtern dem Kapitän meldete, blickte er mich an, als habe er gar nichts anderes erwartet. „Sie sind hinter uns her. Also machen wir, dass wir wegkommen und lassen noch die Leesegel setzen.“

Ich gab das entsprechende Kommando, und dann wurden die damals auf schnellen Seglern üblichen Leesegel gesetzt, die man heute Spinnaker nennt, die auf der Leeseite zusätzlich zu den normalen Rahsegeln angebracht wurden. Das gab einen Gewinn an Segelfläche und damit verschnellerte sich die Fahrt.

Im Augenblick hatten wir alles Tuch stehen, was die „Princess of Scotland" zu bieten hatte. Und da wir mit acht Strich am Wind liefen, war unsere optimale Leistung erreicht. So ein Dreiviertelwind, dazu noch von schräg achtern, nutzte die Leistungsfähigkeit eines so hervorragend gebauten Schiffes wie die „Princess of Scotland" absolut aus. Mit solchem Wind von schrägachtern hätte uns in jenen Tagen kein einziger Dampfer einholen können, im Gegenteil. Wir waren wesentlich schneller. Aber hier an Bord konnte sich jeder ausrechnen, dass ein so günstiger Wind nicht bleiben würde. Weiter oben an der Behringstrasse herrschten die gefürchteten Nordwinde, die mit Hagel und Schnee, oft als anhaltender Sturm, oft mit hohem Seegang, wochenlang die Schiffe zwangen, dagegen zu kreuzen, und manchmal war das Vorwärtskommen völlig unmöglich geworden.

Ich wusste von Walfängern und war selbst auf einem solchen gefahren, da wir wochenlang mit prallen Segeln in der Region der Beringsee .gekreuzt waren, ohne auch nur eine einzige Seemeile nach Norden vorangekommen zu sein.

So etwas Ähnliches kannte ich auch von Kap Horn. Iquique oder die Hölle, war das geflügelte Wort aller Salpeterfahrer, die Kap Horn umrunden mussten, um nach Chile zu kommen, und denen da unten die Westwinde zusetzten. Waren es dort die Weststürme, erwarteten uns in der Beringstraße die Nordwinde, die mitunter zu Orkanböen ausarteten.

Aber im Augenblick dachten wir daran nicht. Jetzt machten wir ja schnelle Fahrt. Und mit triumphierendem Grinsen warteten wir darauf, achteraus den Bug der „Sam Houston" aus der Nebelwand auftauchen zu sehen. Doch da warteten wir vergeblich. Selbst mit dem Spektiv konnte Bellini die „Sam Houston" nicht mehr erkennen. Sie hatte ihren Südwestkurs weiterhin beibehalten, während wir uns immer noch rasch nordwärts entfernten.

 

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Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905250
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Schlagworte
heldenhafte seemänner seetiger

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner 8:  Sie nannten ihn Seetiger