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Die Kommissarin räumt auf

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Lenes in Berlin lebender Freund Jochen ist mit dem Auto verunglückt und wird zur Reha nach Bad Berka geschickt. Bei den ersten Steh- und Gehversuchen hilft ihm dort eine „Meike“ genannte junge Frau, die nach einer Vergewaltigung und einem anschließenden Mordversuch Monate im Koma gelegen hat und jetzt an einer retrograden Amnesie leidet. Meike fasst Vertrauen zur Besucherin Lene, die ihr helfen kann, ihren richtigen Namen herauszufinden und die Zeit vor dem Mordversuch wieder zu erinnern.

Dabei bleibt es nicht, Lene kann die Hintergründe einer Brandstiftung
aufklären, aber den Mord an einer Zeugin nicht verhindern. Kann sie auch für Meike eine dauerhafte befriedigende Lösung finden?

Leseprobe

Horst Bieber

DIE KOMMISSARIN RÄUMT AUF

 

 

 

Kriminalroman

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Pixabay/ Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Lenes in Berlin lebender Freund Jochen ist mit dem Auto verunglückt und wird zur Reha nach Bad Berka geschickt. Bei den ersten Steh- und Gehversuchen hilft ihm dort eine „Meike“ genannte junge Frau, die nach einer Vergewaltigung und einem anschließenden Mordversuch Monate im Koma gelegen hat und jetzt an einer retrograden Amnesie leidet. Meike fasst Vertrauen zur Besucherin Lene, die ihr helfen kann, ihren richtigen Namen herauszufinden und die Zeit vor dem Mordversuch wieder zu erinnern.

Dabei bleibt es nicht, Lene kann die Hintergründe einer Brandstiftung
aufklären, aber den Mord an einer Zeugin nicht verhindern. Kann sie auch für Meike eine dauerhafte befriedigende Lösung finden?

 

 

 

 

Personen

 

Marlene (Lene) Schelm (40): Erste Kriminalhauptkommissarin im Tellheimer Referat R – 11

 

Dr. Jochen Pauly (51): Lenes in Berlin lebender Freund

 

Meike Schulz/Lenz (19 oder 20): Hilfe in einer Reha in Bad Berka

 

Otto Wimmer (38): KOK in Weimar

 

Ulrich Dommscheid (26): vorbestrafter Einbrecher und Vergewaltiger

 

Kurt Zillke (24): Angestellter und Dommscheids Freund

 

Christa Melders (71), früher Arbeiterin auf dem Reiterhof Kempel

 

Charlotte Tochtermann (33): Staatsanwältin in Tellheim

 

Hendrik Bosse (45): Strafgefangener in Lensen

 

Martina Sauer (40): Bosses früheres Liebesverhältnis

 

Hedwig und Peter Sauer: Rentner in Würzburg, freuen sich über ihre endlich wieder aufgetauchte Enkelin Meike

 

Leopold (Poldi) von Rinckh (45): Millionär und Frauenheld

 

 

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen, sowie ein Teil der Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

Erstes Kapitel

 

Freund Jochen Pauly hatte sich seit Wochen nicht mehr gemeldet, kein Brief, keine Mail, keine SMS, keine Karte, kein Fax, absolut nichts. Lene Schelm machte sich mittlerweile ernsthaft Sorgen, aber weil sie ihrem Jochen mehrmals fest versprochen hatte, nie bei ihm zu Hause anzurufen, blieb ihr nur das Büro, und dort sagte eine ungerührte, aber zunehmend gereizte Sekretärin immer nur: „Herr Dr. Pauly ist auf Dienstreise und wird voraussichtlich Ende April zurückkommen.“ Dienstreise. Voraussichtlich, da lachten ja die Hühner.

Doch als sie dann auf ihrem privaten Computer die lange Mail las, hätte sie gerne darauf verzichtet:

 

Liebe Lene,

entschuldige bitte, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Aber am zweiten Weihnachtstag habe ich mir am Steuer einen Herzinfarkt der besseren Preis-Klasse geleistet. Zum Glück gab es da neben der Straße ein paar dichte Büsche, die den Karren abgebremst haben, bevor ich mit ihm einen Baumfrevel beging. Die Buche hat es überlebt, der Karren nicht und ich nur mit einigen Gestell-Schäden. Dort trocknet gerade der Lack, ich darf – oh Wunder – meinen Laptop wieder benutzen und es sieht ganz so aus, als würde ich ins normale Leben zurückkehren, bereichert um zwei Bypässe und zwei Stents. Ein privates Telefon habe ich jetzt auch – es wäre schön, wenn Du mich mal anrufen würdest (036458 / 98 33 420), sonst gilt wieder meine alte private Mailadresse.

Ingrid ist nach Kalifornien geflogen, sie will unbedingt bei der Geburt ihres ersten Enkelkindes dabei sein. Ohne sie ist es hier ganz angenehm, aber mit dir wäre es noch schöner. Glaubst du, ein gemeinsamer Urlaub wäre möglich? Die Klinik vermietet einige sehr passable Gästezimmer, aber es gibt auch ordentliche Hotels.

Schon Goethe fand die Gegend hier sehr reizvoll. Im Hause gibt es ein Schwimmbad, einmal über die Straße existiert ein, wie es heißt, ausgezeichnetes Hotel-Restaurant, und der Klinikpark verzichtet zur Freude des alten Mannes auf Steigungen und Treppen und hat zum Ausgleich nicht an bequemen Bänken gespart. Ich denke viel an Dich und vermisse Dich, Dein Jochen.

 

Natürlich stürzte Lene sofort ans Telefon, er nahm auch nach dem ersten Läuten ab, aber sie musste vor Erleichterung erst einmal so heulen, dass sie kein vernünftiges Wort herausbrachte. Auch er schien mit den Tränen zu kämpfen, und es dauerte lange, bis sie ruhig und sachlich miteinander reden konnten. Die Herzoperation war gut verlaufen. Komplikationen schien es nicht zu geben, und die Gymnastik, zu der ihn die Ärzte verurteilt hatten, war streckenweise sogar ganz amüsant. Wenn da das linke Bein nicht wäre. Oberschenkel, Waden- und Schienbein gebrochen, zum Glück keine Trümmerbrüche, aber die Heilung ging nur langsam voran.

Ein gemeinsamer Urlaub wäre wundervoll“, sagte sie sehnsüchtig. „Aber ich habe alle meine Tage aufgebraucht und müsste mir sozusagen einen Vorschuss besorgen. Was ich natürlich morgen als erstes versuchen werde. Hauptsache, du wirst gesund. Das wirst du doch?“

Sicher, das sagen mir alle Medizinmänner. Aber alle warnen auch: Es wird dauern. Du glaubst gar nicht, wie schnell sich Muskeln abbauen können, wenn man tagsüber so viel liegt und schläft. Und wie langsam sie zunehmen, trotz Physiotherapie, Krankengymnastik, Schwimmen und Wassergymnastik. Ach, und noch was, Lene. Ich weiß, du fährst nicht gerne lange Strecken mit dem Auto. Einen neuen Wagen habe ich mir noch nicht gekauft und ehrlich gesagt, im Moment traue ich mich auch noch nicht ans Steuer. Kannst du dir bitte einen Leihwagen nehmen und das letzte Stück mit dem Auto fahren? Ohne Karren ist man hier doch ziemlich angebunden und immer nur Ilm ödet auf Dauer doch an.“

Mach ich alles, Jochen.“ Sie hätte im Moment auch versprochen, den in Glanzpapier eingewickelten Mond als Geschenk mitzubringen.

 

Danach rief sie ihre beste Freundin an, Nadine Golowski, die Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, der sie am meisten über Jochen und sein unerklärliches Schweigen vorgeklagt hatte. Nadine, wegen ihrer weißblonden Haare im Präsidium als das „Blonde Gift“ bekannt, war fest liiert mit Jörg Steiner, dem Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei. Die Paare Steiner/Golowski und Pauly/Schelm kannten sich gut und so würde Steiner auch sofort erfahren, dass seine „Lieblingskommissarin“, wie er Lene manchmal nannte, unverzüglich einen Antrag auf Sonderurlaub stellen würde.

Lene programmierte zuerst Jochens Nummer als Kurzwahl auf ihr Handy und gönnte sich eine Flasche Burgunder. Sie hatte Jochen, der ihren Weinkonsum gelegentlich mit Sorge betrachtete, fest versprochen, nie alleine aus Kummer an die Kellerregale zu gehen. Aber aus Freude und Erleichterung eine Flasche aufzumachen, konnte er ihr doch nicht verargen. Lene hatte immer gewusst, dass Jochen Pauly verheiratet war und seine Frau, die an einer endogenen Depression litt, nicht verlassen würde. Aber Lene hatte es in Kauf genommen und sie hatten sich arrangiert.

Außerdem taugte Lene Schelm ganz und gar nicht zum Hausmütterchen. Sie ließ sich viel zu gerne umschwärmen und bewundern, flirtete gekonnt, hatte die passende Figur für eine Femme fatale mit langen Beinen, schmalen Hüften und einem festen Busen, hielt gerne Hof, wie Jochen lästerte, und wollte zwar nicht jede Nacht alleine schlafen, aber auch nicht jede Nacht selbst mit einem nur zart Schnarchenden nebenan verbringen. Ihre Tochter Tanja war schon 1996 einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag spurlos verschwunden und Lene hatte sich damit abfinden müssen, dass sie nie wieder ein Lebenszeichen von ihrer Tochter erhalten hatte und wohl auch nicht mehr erhalten würde. Jochen und Ingrid Pauly hatten eine Tochter, die einen Kommilitonen von der Kunstakademie geheiratet hatte und mit ihm nach Kalifornien ausgewandert war, wo er sein Glück zu machen erhoffte. Das gelang ihm so wenig, dass er immer wieder seinen Schwiegervater anbetteln musste, der zum Glück so gut verdiente, dass er sich eine Tochter und einen Schwiegersohn in den USA leisten konnte. Und nun das erste Enkelkind. Ob Jochens Tochter und ihr Mann ihn mal in der Klinik besucht hätten? Das Paar war über Weihnachten nach Berlin gekommen, und Jochen hatte am Telefon prophezeit: „Ich kann dir auch schon sagen, warum. Der Herr Künstler ist bestimmt mal wieder total pleite.“

 

Ellen König, Jule Springer und Christine Dellbusch, das Frauentrio aus dem Referat 11, freuten sich aufrichtig, dass der Freund ihrer Chefin wieder Laut gegeben hatte, und die praktisch veranlagte Ellen fragte sofort: „Wann fährst du hin? Wo liegt er überhaupt?“

Das weiß ich gar nicht. Ich habe nur eine Telefonnummer.“

Großartig. Kein Wunder, dass die Rentenversicherung ins Schleudern geraten ist. So klappt das mit dem Generationenvertrag nämlich nicht. Lass die Nummer mal sehen!“

Ellen war wohl die einzige im Referat, die je das System der Vorwahlnummern durchschaut hatte. Auch jetzt brauchte sie nur Sekunden. „Das liegt östlich in der Nähe von Weimar.“

Ich wollte schon immer mal Goethes Haus besuchen“, murmelte Lene und raffte ihre Sachen zusammen. „Ich gehe jetzt mal zu Steiner.“ Seit jetzt eineinhalb Jahren war die Stelle des Leiters der Abteilung Gewaltkriminalität unbesetzt und man musste wegen jeder Kleinigkeit zum Direktor der Kripo laufen. Lene war es nur recht, sie hatte bei Steiner einen Stein im Brett und, wie sie manchmal lästerte, eine Freundin in seinem Bett. Mit dieser Kombination ließ sich vieles durchsetzen, was anderen verwehrt blieb.

Guten Morgen“, rief er ihr entgegen, „habe die freudige Botschaft schon vernommen. Und jetzt brauchen Sie Sonderurlaub.“

Guten Morgen. So ist es.“

Wohin hat man den Teuren denn verschickt?“

In die Nähe von Weimar.“

Wundervoll. Urlaub und Bildung. Schauen Sie sich auf jeden Fall das Vanderveldehaus an.“

Ich wollte eigentlich einen Knicks vor dem Geburtsort unserer modernen Demokratie und des Frauenwahlrechts machen.“

Das eine schließt das andere nicht aus, Lene.“

Vielen Dank, Herr Direktor.“ Sie machte einen Knicks, und er lachte laut los.

 

Nach einem Anruf Steiners machte die Personalabteilung nicht die geringsten Schwierigkeiten. „Drei – vier – Wochen? Überhaupt kein Problem. Alle andern aus dem Elften sind zu der Zeit an Deck? Na prima. Dann mal viel Spaß, Frau Schelm.“

 

Auch Jochen Pauly zeigte die erhoffte Freude. Er mailte unverzüglich die vollständige Adresse, Name und Nummer des Hotels gegenüber.

Lene sauste los, um einen neuen Straßenplan zu kaufen. Zwar besaß ihr Auto ein eingebautes Navi, aber Lene neigte dazu, allen technischen Geräten erst einmal ihren Bediener-Willen aufzuzwingen, was allerdings selten glückte. Sie bekam im Hotel Metropol zum gewünschten Termin eine kleine Suite plus Parkplatz in der Tiefgarage.

Geld soll ja nicht glücklich machen“, seufzte Tine Dellbusch neidisch, „aber manchmal erleichtert es doch das Leben.“ Ihre Jüngste im Referat hatte sich gerade eine kleine Wohnung eingerichtet und stöhnte nun über die monatlichen Möbel-Raten.

Das konnte und wollte Lene nicht leugnen. Eine alleinstehende Erste Hauptkommissarin in einer abbezahlten Eigentumswohnung konnte sogar noch Teile ihres Gehaltes sparen. Dazu die Erträge aus dem elterlichen Erbe, nein, finanziell ging es ihr sehr gut. Sie war entsprechend großzügig, warf aber ihr Geld nicht zum Fenster hinaus. Zwar wusste sie nicht, wem sie alles vererben sollte, aber vielleicht geschah ja doch noch ein Wunder, und Tochter Tanja meldete sich. Mit achtzehn versprach sie eine sehr schöne Frau zu werden, energisch und intelligent, aber auch so dickköpfig wie ihre Mutter Marlene. Nadine, eine gute Beobachterin, hatte ihr mal prophezeit: „Nach allem, was du mir so von Tanja erzählst, wage ich zu behaupten, Ihr hättet nie zusammen wohnen können. Manchmal ist die Erinnerung schöner als die Realität.“

 

Am nächsten Morgen begegnete Lene in der Eingangshalle des Amtsgerichts der Staatsanwältin Charlotte Tochtermann. Lene, die sich ohnehin nicht gerne was sagen ließ, war mit der neuen, etwas jüngeren und ziemlich forschen Staatsanwältin vor Monaten im Fall Hendrik Bosse böse zusammengerasselt. Bosse, ein mit mäßigem Erfolg durch die Cabarets tingelnder Jongleur und Zauberer, der mittlerweile auch auf Firmenveranstaltungen, Volksfesten, Kindergeburtstagen und „Kleinkunst“-Bühnen auftreten musste, war mit seiner Freundin Celia Roloff, mit der er längere Zeit zusammenlebte, in Streit geraten. Als sie ihm sagte, er solle endlich verschwinden, weil sie gleich ein Mann abholen werde, der anders als Bosse im Bett und im Beruf etwas leistete und Erfolg habe und mit dem sie künftig zusammenleben werde, hatte er ihr eine Faust aufs Auge gesetzt. Sie war laut seiner Aussage heulend, fluchend und schimpfend ins Bad geflohen, um ihr aufblühendes „Veilchen“ zu kühlen. Ein Zimmermädchen fand sie am nächsten Morgen tot im Zimmer. Es sah ganz so aus, als sei sie bei einem Sturz mit dem Genick auf eine Tischkante geschlagen, was ihre Halswirbel nicht überstanden hatten.

Bosse blieb bei seiner Aussage, er habe Celia wohl einen Schlag auf's Auge versetzt, bevor er ging, aber sie habe nach dem Schlag gelebt und noch laut geschimpft, als er das Zimmer verließ.

Und was ist mit dem Mann, der Celia gleich abholen wollte?“

Das weiß ich nicht.“

Ist er gekommen, um Celia abzuholen?“

Das weiß ich auch nicht.“

Wissen Sie, wer dieser Mann ist, wie er heißt, was er macht?“

Nein, tut mir leid, das weiß ich alles nicht.“

Haben Sie ihn einmal gesehen oder gesprochen?“ Lene wurde langsam ungeduldig mit Bosse: „Gesprochen – nein. Gesehen vielleicht. Ich bin einmal durch den Stadtpark zum Hotel gegangen, da habe ich Celia mit einem Mann auf einer Bank an der Großen Fontäne gesehen. Natürlich hab' ich sie gefragt, wer denn dieser Bel Ami gewesen sei, aber sie hat nur den Kopf geschüttelt: Ein aufdringlicher Aufreißertyp, den sie gleich zum Mond geschossen habe.“

Kein Name? Kein weiterer Hinweis.“

Nein, nichts.“

 

Hendrik Bosse musste Celias Zimmer spätestens gegen 17 Uhr 30 verlassen haben; denn er war pünktlich zur 18-Uhr-Abendvorstellung im Pünktchen und Anton gewesen.

Das R – 11 hatte sich alle Mühe gegeben, aber den geheimnisvollen Unbekannten nicht ausfindig gemacht.

Staatsanwältin Tochtermann war mit ihrem Urteil schnell fertig: „Den gibt es gar nicht, der ist eine reine und nicht einmal sehr intelligente Erfindung Bosses zur Ablenkung.“

Lene war anderer Meinung, obwohl auch sie Bosse für einen unsympathischen Lügner und Schnorrer hielt. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass Bosse, was den Unbekannten und das Ende seines Streites mit Celia Roloff betraf, die Wahrheit sagte. Doch damit konnte sie sich bei der Tochtermann nicht durchsetzen. Die Staatsanwältin setzte eine Anklage wegen Totschlags durch und Bosse bekam sechs Jahre und sechs Monate. Selbst Jules Hase wunderte sich über die Hartnäckigkeit, mit der die Kollegin Tochtermann den Beschuldigten Bosse hinter Gitter bringen wollte: „Das sieht wie ein persönlicher Rachefeldzug aus.“

 

Lene grüßte nicht und Charlotte Tochtermann tat es ihr gleich. Das war mehr als Stutenbissigkeit. Dass sich die jüngere Tochtermann nicht auf das Bauchgefühl einer erfahrenen und erfolgreichen Ermittlerin verlassen wollte, empfand Lene als persönliche Beleidigung und Kränkung. Und obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, die Tochtermann und den Fall Bosse zu vergessen, ging sie nach dieser Begegnung doch zum Kollegen Arne Wilster, der nach einem schweren Unfall seinen früheren Job als Zielfahnder nicht mehr ausüben konnte und nun im Präsidiums-Archiv alte, vornehmlich ungeklärte oder vor der Verjährung stehende Fälle wieder vornahm oder bei komplizierten Fällen den Kollegen aushalf, unterstützt von der Kommissarin Anja Stich, wegen ihrer scharfen, auch boshaften Zunge und ihres Namens allgemein als „Die Nadel“ bezeichnet. Anja Nadelstich zauberte an ihrem Computer wie ein großer Pianist auf den Tasten eines Flügels. Vorschriften und Gesetze kümmerten sie dabei so wenig, wie sie Zugangssperren und Passwörter abhalten konnten. Weil die Roloff einer Freundin mal geschrieben hatte, dass sie bei Bosse die Nachfolgerin einer jüngeren Martina sei, der er heute geradezu ängstlich aus dem Wege ging, hatte Lene ihre guten Beziehungen zu Arne Wilster dazu genutzt, seine „Nadel“ auf diesen Punkt anzusetzen. Wer war die verflossenen Martina, von der ein Familienname leider unbekannt war. Die Nadel wirbelte zwei Wochen auf ihrem Computer herum, musste aber schließlich kleinlaut aufgeben. Eine Martina zusammen mit Hendrik Bosse war aus amtlichen Quellen und Dateien nicht festzustellen. Der in Strafhaft sitzende Bosse verweigerte jede Auskunft zu einer Martina. Lene hatte einmal mit Bosse in Lensen gesprochen und war seitdem der Überzeugung, dass Bosse, was diese Martina betraf, ein schlechtes Gewissen hatte. Ganz anders bei dieser Celia Roloff, die er hemmungslos ausgebeutet und oft betrogen hatte.

Zwischen Lene Schelm und Arne Wilster hatte es einmal einen heftigen und heißen Flirt gegeben, der nur deshalb nicht im Bett endete, weil Lene vorher den Dr. Jochen Pauly beruflich kennenlernte. Und das verdankte sie dem Bundesverband der deutschen Mineralölwirtschaft, der eine Jahrestagung in Tellheim veranstaltete, in deren Verlauf eine „Edel“-Prostituierte ermordet in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde. Lene hatte daraufhin das für sie zweifelhafte Vergnügen gehabt, fast vierhundert Männer in dunklen Anzügen, weißen Oberhemden und dezenten Krawatten zu verhören, die für die deutsche Wirtschaft und den deutschen Autofahrer so ungeheuer wichtig und unersetzlich waren. Nur einer trug ein dunkelrotes Hemd mit einer aufreizend grellbunten Krawatte, war nach seinen eigenen Worten nicht so wichtig, aber von Lene mächtig beeindruckt. Der gelernte Chemiker Jochen Pauly vertrat den Verband als Lobbyist zuerst in Bonn und später in Berlin, war nicht der Hotel-Mörder und verabredete sich mit Lene nach Ende der Jahrestagung. Arne Wilster war damit abgemeldet, Lene und er waren aber gute Freunde geblieben und so strahlte er, als sie in sein Büro kam.

Du musst mir nichts erklären, Lene, er ist wieder aufgetaucht und du bist auf dem Sprung nach Mitteldeutschland.“

Die Nadel?“

Von wem sonst?“ Anja Stich erfuhr immer als eine der ersten, was im Präsidium ablief. Der Geier mochte wissen, wie sie das machte.

Deswegen bin ich nicht zu dir gekommen, Arne.“

Sondern?“

Ich bin eben der Tochtermann begegnet und das hat mich doch wieder an den Fall Bosse erinnert. Ob deine Nadel in einer ruhigen Stunde doch noch einmal ihr Glück mit dieser Martina versucht?“

Für dich tue ich doch alles, Lene.“

So schöne Komplimente bekam man nicht jeden Tag zu hören, sie wuchs förmlich in die Höhe. „Danke, Arne.“

Bitte, bitte, viel Spaß in Mitteldeutschland.“

 

Lene packte am Abend zuvor sorgfältig, und ließ sich am nächsten Tag viel Zeit bei der Fahrt im eigenen Auto. Weil sie nicht erschlagen in Bad Berka ankommen wollte, übernachtete sie noch einmal in Erfurt.

 

Die kleine Suite im Hotel Metropol war sehr ordentlich und ruhig, Lene räumte noch etwas in die Schränke und ging dann quer über die Straße in das Reha-Zentrum mit einem leicht mulmigen Gefühl im Magen. Wie mochte der Freund sich verändert haben?

Es war dann ganz anders, als sie gefürchtet hatte. Jochen war fast erschreckend abgemagert, als habe man ihn nach der OP auf Heilfasten gesetzt. Das ließ sich mit Rotwein und kräftigen Portionen schnell beheben. Aber seine Beweglichkeit war doch noch mächtig eingeschränkt. Er musste noch jeden Tag zur Krankengymnastik und – wie er spottete – zum Unterwasserballett. Als er zur Balkontür vorausging, bemerkte sie erschrocken, dass er nach Schrankecken, Tischplatten und Sessellehnen tastete: „Das Gleichgewicht will auch erst wieder trainiert sein.“ Der Blick auf die Ilm und die Hangwälder des Tales war großartig. Er nickte: „Den Park zeigen wir dir gleich.“

Wir?“

Anders als in Tellheim kommt hier jeden Tag zweimal eine junge Dame zu mir auf's Zimmer.“

Das trainierst du also auch?!“

Quatschkopf. Sie geht mir mir im Park spazieren.“

Nennt man das jetzt so?“ empörte sich Lene.

Zu Anfang habe ich mich tatsächlich verirrt und bin auch zweimal ohne Vorwarnung umgefallen. Sie geht mit, um notfalls Hilfe zu holen oder mir wieder auf die Beine zu helfen. Außerdem kann ich etwas Unterhaltung mit einem normalen Menschen gut gebrauchen.“

 

Die Qualität des Essens erinnere Lene lebhaft an die Tellheimer Präsidiumskantine, die sie – wann immer möglich – mied.

Davon kann man ja auch nicht zunehmen“, sagte sie entrüstet.

Ich glaube, das will hier auch keiner.“

Wir gehen heute Abend in meinem Hotel essen. Und wehe, die haben keinen trinkbaren Rotwein“, drohte sie dem unsichtbaren Sommelier.

Aber vorher müssen wir einen Verdauungsspaziergang machen. Das ist Vorschrift. Da ist sie ja schon.“ Er zeigte auf eine junge Frau, die an der Tür stand und sich suchend umschaute. „Das ist Meike, meine ärztlich verordnete Spaziergangsbegleiterin.“

Lene schaute neugierig zu der jungen, schlanken und gut aussehenden Frau.

Jochen stellte vor: „Das ist Meike Schulz und das ist meine – hm – Freundin Marlene, genannt Lene, Lene Schelm.“

Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände und Meike versetzte trocken: „Sie sind also die Frau, die mir die Arbeit wegnimmt.“

Wie meinen Sie das?“

Er wird natürlich lieber mit Ihnen als mit mir spazieren gehen.“

Ehrlich gesagt, das hoffe ich doch stark.“

Alles klar. Also, er will auf keinen Fall einen Stock oder einen Rollator benutzen, aber er stolpert noch zu oft über seine Füße. Und neigt dazu, nach links in die Pampa auszubrechen. Deswegen gehe ich links von ihm, Händchen in Händchen, wenn er nach links abbiegt, rempelt er mich an und weiß, dass er seinen Kurs korrigieren muss. Wenn er nach rechts verschwinden will, ziehe ich ihn auf den rechten Pfad zurück.“

Ich verstehe.“

Woran Sie sich wahrscheinlich erst noch gewöhnen müssen, ist das Tempo. In den ersten Tagen sind wir mit den Schnecken um die Wette gelaufen, heute treten wir schon gegen die Laufkäfer an. Aber Sie werden bald merken: Langsam zu gehen ist anstrengender als Normaltempo.“

Und davon ist er noch weit entfernt?“

Nicht mehr sehr weit, aber doch etwas. Gehen wir? So, wie Sie dreinschauen, hat der Koch Sie nicht überzeugt?“

Nein, ganz und gar nicht.“

Das ist eine besonders erfolgreiche Gemeinheit dieser Reha.“

Wie meinen Sie das?“

Schauen Sie sich doch einmal um. Das sitzen Zentner, wenn nicht Tonnen von Übergewicht, die bei den Herzkranken oder Knieoperierten runter müssten. Hungern? Nein danke, Sport – würden wir ja gerne machen, aber können und dürfen wir noch nicht.“

Ich hab's“, sagte Lene freundlich, der Meikes Kodderschnauze gefiel: „Aber so schlecht kochen, dass die Leute freiwillig weniger essen – das bringt's dann wohl.“

Könnte man vermuten, nicht wahr?“

Ich wollte Jochen heute ins Restaurant des Metropol einladen.

Tun Sie das, bevor er Anzeichen von Eiweißmangel oder Vitamin B- oder Folsäuremangel zu erkennen gibt. Nur mit dem Rotwein sollten Sie etwas aufpassen, er darf auf keinen Fall auf das operierte Knie fallen und nach der langen Zwangsabstinenz werfen ihn zwei Gläser wahrscheinlich wohl um.“

 

Der Park war ein Traum für Gehbehinderte, riesig und bis auf den letzten Quadratzentimeter gepflegt. Die Sonne strahlte aus einem wolkenlosen blauen Himmel, sie hatten den Monat der blühenden Blumen und Sträucher erwischt, und auf den breiten Wegen herrschte das Prinzip der rücksichtsvollen Langsamkeit vor. Lene ging absichtlich hinter den beiden her und registrierte mit einiger Besorgnis, wie unsicher Freund Jochen noch auf den Beinen war. Das Laufen schien ihn, den früher unermüdlichen Stadtbesichtiger zu Fuß, doch noch sehr anzustrengen; sie steuerten auch bald eine der vielen Bänke an.

Der Park ist ja riesig“, meinte Lene, „hier kann man sich regelrecht verlaufen.“

Stimmt. Und deswegen stehen überall diese merkwürdigen Schilder mit Nummern. Wenn Sie einmal Hilfe brauchen, weil ihr Freund zusammengebrochen ist oder nicht mehr weiterlaufen kann, drücken Sie einfach auf diesem Apparat die Nummer des Schildes, das sie von Ihrem Standort aus lesen können. In der Zentrale gibt es dann Alarm, der Patient Nummer 83 – das ist zur Zeit Ihr Freund – braucht in der Nähe des Schildes 22 Hilfe. Und wenn Sie für längere Zeit Hilfe oder Unterstützung brauchen, rufen Sie mich doch bitte an. Hier ist meine Karte.“

 

Sie gingen noch zu dritt in ein kleines Café, das er entdeckt hatte, und Lene hörte einigermaßen besorgt, wie sehr er nach den – wie sie fand – wenigen Schritten schnaufte. Es würde wohl mehr als drei Wochen bis zum früheren Jochen dauern.

Jeder Klinikbewohner durfte einen Gast ins Schwimmbad mitbringen und beim Schwimmen entspannte Lene sich etwas. In den Beckenwänden waren Wasserdüsen angebracht, und sie spürte, wie ihre Muskel-Verspannungen sich zu lösen begannen. Richtig offen konnten sie dann erst in ihrer Suite reden. Lene musste ihm nicht sagen, wie entsetzt sie war, und er verteidigte sich vehement. „Hätte ich dir mailen oder am Telefon sagen sollen, dass ich auch eine Gehirnblutung gehabt habe? Du wärst doch vor Angst im Quadrat gesprungen. Ich bin nach dem Unfall zum Glück sehr rasch gefunden und per Hubschrauber nach Berlin gebracht worden. In der Charité haben sie mir unverblümt gesagt, ich hätte mehr Glück als Verstand gehabt. Es geht jetzt aufwärts, Lene, wirklich, ich muss dich nur um Geduld bitten. Du darfst mir glauben, ich hatte auch gehofft, es würde schneller vorangehen.“

Einen hilflosen Jochen Pauly hatte sie noch nie erlebt. Der Sex, auf den sie sich gefreut hatte, musste heute verschoben werden. Aber das Abendessen war so hervorragend wie der Burgunder. Sie nahmen eine Flasche mit auf ihr Zimmer und leerten sie andächtig, während er sie auszog und anfasste, was sie ebenfalls sehr vermisst hatte.

Und über sein Kompliment „Dein Busen ist viel hübscher, als ich ihn in Erinnerung hatte“, freute sich die emanzipierte Lene wie ein junges Mädchen vor dem ersten Date. Vor dem Einschlafen studierte sie noch den mitgebrachten Morgenblick, den Tellheimer Verschnitt der BILD-Zeitung, der mit riesigen Fotos und den größten technisch möglichen Überschriften prunkte. Mäzen Leopold (Poldi) von Rinckh spendet eine halbe Million für die Eissporthalle. Das Flachdach der Eissporthalle war vor Weihnachten unter der Schneelast zusammengebrochen. Zum Glück fand zu der Zeit keine Veranstaltung statt, aber drei Reinigungskräfte wurden von dem einstürzenden Dach erschlagen. Das Bild des edlen Spenders nahm fast die ganze Seite 3 ein. Poldi sah sehr stolz und spendabel aus.

Lene kannte Leopold von Rinckh noch aus ihrer Zeit bei der Schutzpolizei. Poldi finanzierte jedes Jahr ein großes Sommer- und Kinderfest für das Kinderkrebs-Spital Regenbogen, in dem auch sein Sohn Leonhard im Alter von vier Jahren verstorben war, und Lene war zum Polizeischutz eingeteilt. Noch vor Ende der Veranstaltung kam Poldi auf sie und ihre Kolleginnen zu und bedankte sich für ihre Hilfe, was Lene damals sehr beeindruckt hatte. Poldi war etwa in ihrem Alter und schon Multi-Millionär, sehr höflich und sehr bescheiden. Sie gönnte ihm den Ruhm und den Erfolg und fand nur schade, dass er sich in Laufe der Jahre den Ruf eines hemmungslosen Schürzenjägers und Frauenhelden erwarb. Sie war Poldi nach dem Kinderfest nie wieder begegnet.

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905236
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
kommissarin

Autor

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