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Glühende Lava: Thriller

©2016 370 Seiten

Zusammenfassung

Kolumbien: Im Tal des Todes herrscht nackte Angst. Als der Vulkan Nevado del Ruiz ausbricht, begräbt eine Schlammlawine über 25 000 Menschen unter sich. Die Retter erwartet am Ort des Geschehens das blanke Grauen. Und sie selbst befinden sich auch in Gefahr, rumort der Vulkan doch noch immer, zeigen sich Anzeichen einer neuerlich bevorstehenden Eruption. Eine Seuche unbekannten Ausmaßes bricht derweil in der Zeltstadt der Überlebenden aus. Und im Schatten von Chaos und Verzweiflung nutzen zwielichtige Gestalten die Situation, um nicht bei ihrem mörderischen Treiben entdeckt zu werden...

Wenn der Mammon viel - und Menschenleben nichts bedeuten!

Hochspannung pur, der neue Roman von Ursula Gerber

Leseprobe

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Salvatore Virzi/123RF mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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ROMAN

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Kolumbien: Im Tal des Todes herrscht nackte Angst. Als der Vulkan Nevado del Ruiz ausbricht, begräbt eine Schlammlawine über 25 000 Menschen unter sich. Die Retter erwartet am Ort des Geschehens das blanke Grauen. Und sie selbst befinden sich auch in Gefahr, rumort der Vulkan doch noch immer, zeigen sich Anzeichen einer neuerlich bevorstehenden Eruption. Eine Seuche unbekannten Ausmaßes bricht derweil in der Zeltstadt der Überlebenden aus. Und im Schatten von Chaos und Verzweiflung nutzen zwielichtige Gestalten die Situation, um nicht bei ihrem mörderischen Treiben entdeckt zu werden...

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Wenn der Mammon viel - und Menschenleben nichts bedeuten!

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Hochspannung pur, der neue Roman von Ursula Gerber

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General Francisco Gómez stand wenige Schritte von der Haustüre entfernt auf dem üppig sprießenden Rasen.

Zu dem prächtigen Anwesen, das er hier in den nordwestlichen Kordilleren Kolumbiens sein Eigen nannte, gehörten nebst dem Haus eine Gartenanlage und auf der das Gebäude umgebenden Rasenfläche ein kleiner Seerosenteich. Ein schmaler Kiesweg führte vom niedrigen Holzlattenzaun zur eichenen Haustür. Ein paar gepflegte Büsche und Bäume spendeten dem Teich je nach Tageszeit etwas Schatten. Das weiß gestrichene Haus war mit roten Ziegeln bedeckt. Es gehörte in der Stadt Lérida zu den schöneren und stabil gebauteren Häusern, dem schon am Äußeren anzusehen war, dass sein Besitzer in ziemlichem Wohlstand lebte.

Francisco Gómez war Chef der Defensa Civil, eines landesweiten Freiwilligenkorps für Katastrophenfälle, das immer zur Stelle war, wenn sich irgendwo etwas ereignete.

Gómez schirmte mit der Hand die Augen gegen die Sonne ab, während er mit einem Ausdruck von Sorge zum großen Krater des Nevado del Ruiz hinaufblickte. Dieser alte Vulkan, der seit Jahrzehnten keinen Ausbruch mehr gehabt hatte, beunruhigte ihn nun schon seit mehreren Wochen.

Unlängst war der Vulkan wieder aktiv geworden. Zwar handelte es sich bisher lediglich um kleinere Beben, harmlose Erdstöße und Wasserdampfexplosionen. Aber nur zu bald konnte der Schlafende Löwe, wie die Einheimischen den Berg respektvoll nennen, erwachen und nach 93 Jahren erneut ausbrechen.

Nachdenklich betrachtete der Mann die eindrucksvolle Bergkette, die sich vor seinem Haus von Norden bis weit in den Süden erstreckt. Dieses Bild der grünen, bewaldeten Hügel und der schneebedeckten Gipfel dahinter, die der Ruiz wie ein König auf seinem Thron überragt, war ihm seit seiner Kindheit vertraut und dennoch immer gleich imposant. Im Licht der hochstehenden Sonne bot die Landschaft eigentlich ein friedliches Bild, wäre da nicht die Furcht gewesen, die der Ruiz vor geraumer Zeit in Gómez ausgelöst hatte.

Über den schneebedeckten Gipfeln oberhalb des matt glänzenden Gletschers rumorte es. Über den höchsten Zinnen schraubte sich eine dichte, schwarzgraue Aschewolke in den nahezu makellosen Sommerhimmel empor.

Der Ausdruck auf Gómez‘ Gesicht passte so gar nicht zu seinem Image als Mann von Welt, der weiß, was er seiner Stellung in der Gesellschaft schuldig ist. Er passte auch nicht zu seinem Charakter, der Überraschung und Missbilligung gewöhnlich gegen außen überspielte. Allerdings war er Patriot genug, um nicht nur an sich, sondern auch an sein Land und sein Volk zu denken. Gerade jetzt stand in seiner Miene unverkennbar die Besorgnis wegen eines möglichen Ereignisses, das er weder kontrollieren, noch in seiner ganzen Tragweite erfassen konnte.

Francisco Gómez vergrub die Hände in den weiten Taschen seiner leichten, beigefarbenen Sommerjacke, die er zu seiner dunklen Hose trug. Er war Mitte vierzig, mittelgroß und untersetzt, wirkte jedoch nicht dick. Die graumelierten Schläfen in Kontrast zu seinem sonst rabenschwarzen Haar verliehen ihm ein attraktives Aussehen. Der General verharrte lange Zeit regungslos. Seine Gedanken jagten sich, ohne dass er ihrer Herr werden konnte. Seit Tagen kam er nicht zur Ruhe. Schließlich gab er sich einen Ruck und stapfte mit energischen Schritten wie jemand, der soeben zu einem Entschluss gekommen ist, ins Haus zurück.

Die Wohnung war genauso feudal, wie das Gebäude von außen vermuten ließ. Vom Flur gelangte er in ein großes, geschmackvoll und teuer eingerichtetes Wohnzimmer. Im hinteren, kleineren Teil, an den sich die Küche anschloss, standen ein großer Mahagonitisch und sechs geschnitzte Stühle mit dunkelroten Samtpolstern auf den Sitzflächen. Ein Sims, verdeckt unter Grünpflanzen in Hydrokultur, verlieh der Sitzecke eine gewisse Intimität.

Gómez nahm die beiden Treppenstufen, die neben den Grünpflanzen das Wohnzimmer in zwei Hälften teilten, mit einem energischen Schritt und setzte sich auf den erdfarbenen Teppich. Er griff zum Telefon, wählte eine Nummer aus seiner Agenda und betrachtete zufrieden sein privates Reich.

Der Wohnraum war sehr groß und hell, weil gleich drei vom Boden bis zur Decke reichende Fenster für Licht sorgten. In einer Nische luden ein Sofa und zwei Sessel zum Verweilen und Plaudern ein.

Francisco Gómez horchte auf das eintönige Freizeichen.

Schließlich knackte es in der Leitung und eine weibliche Stimme meldete sich: „Dígame? Sie wünschen bitte?“

„General Gómez aus Lérida, señorita“, stellte er sich vor. „Ich möchte den senador in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.“

„Haga el favor de esperar un ratito, señor. Warten Sie bitte einen Moment.”

Er stellte sich vor, dass sie nickte. Der Stimme nach musste es eine recht junge Frau sein. Er wartete ungeduldig, während die Sekretärin offenbar mit dem Senator sprach und ihn fragte, ob er das Gespräch entgegennehmen wolle.

Etwas später meldete sie sich wieder in der Leitung: „Bleiben Sie bitte am Apparat, ich verbinde Sie.“

Gómez nickte. Wieder erklang ein paar Mal das Freizeichen. Für sein Empfinden ein paar Mal zu viel. Ließ ihn der Senator etwa absichtlich warten?

Mit seiner sonoren, angenehmen Stimme meldete sich dieser endlich: „Sí, díga? Ja, bitte?“

„Buenos días, senador. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich werde Sie nicht lange aufhalten.“

„Buenos días, general. Sprechen Sie bitte. Was haben Sie auf dem Herzen?“

Gómez räusperte sich und kratzte sich das Kinn, bevor er mit seinem Anliegen herausrückte: „Es geht um den Nevado del Ruiz, senador. Ich habe Ihnen ja schon vor ein paar Tagen mitgeteilt, dass es in jüngster Zeit wieder zu leichten Beben und Wasserdampfexplosionen gekommen ist. Leider häufen sie sich und nehmen auch an Stärke massiv zu. Ich halte es deshalb für angezeigt, dass sich unsere Wissenschaftler gründlich mit dem Vulkan beschäftigen.“

„Sie vermuten also, dass sich ein neuer, womöglich ein gewaltiger Ausbruch vorbereitet?“, erkundigte sich Senator Hisado. Sein Tonfall verriet, dass ihm die Sache keineswegs gleichgültig war. Er wusste oder ahnte zumindest, dass ein Ausbruch für Land und Leute verheerende Folgen haben musste.

Der General nickte langsam. „Ich möchte es nicht beschwören, aber genau so sehe ich das. Ich weiß natürlich, dass wir unserer Staatskasse im Moment nicht zu viel zumuten dürfen, doch ich halte diese Maßnahme nicht nur für berechtigt, sondern für unbedingt notwendig!“

Er hörte den Senator heftig seufzen. Die derzeitige finanzielle Lage des Landes sah nicht rosig aus. Überall anderswo hätte man das Geld genauso gebraucht, und ein möglicher Ausbruch käme sehr ungelegen.

Hisado hielt den General zwar für ziemlich schwarzmalend, was das Risiko von Katastrophen anbelangte, musste ihm aber zugestehen, dass er sich bisher nur sehr selten in seinen Prognosen geirrt hatte. Daher hielt er jede Untersuchung, zu der Gómez riet, für berechtigt. Zudem war sich Hisado recht genau über die topographische Lage des Vulkans und seine zigtausend Anwohner im Klaren, die im Falle eines Ausbruchs gefährdet waren. Entsprechend pflichtete er Gómez bei: „Sie haben natürlich recht, general. Falls der Ruiz tatsächlich gefährlich werden sollte, müssen wir uns frühzeitig Evakuierungsmaßnahmen überlegen.“

Gómez sprach seine nächsten Worte mit Bedacht eher zögernd und vorsichtig aus: „Vielleicht sollte man auch erwägen, um die Hilfe von ausländischen Experten zu ersuchen, denn die dürften uns in der Technik der Früherkennung von Vulkanausbrüchen einen bedeutenden Schritt voraus sein“, verwies er den Senator denn auch auf einen nicht unwesentlichen Punkt.

Hisado musste ihm auch darin recht geben. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens nickte er. „Muy bien, general. Ich werde mich um die Angelegenheit kümmern und Sie möglichst bald über das weitere Vorgehen unterrichten.“

Der Chef der Defensa Civil stieß hörbar einen erleichterten Seufzer aus. „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, senador. Da ich das Problem bei Ihnen in guten Händen weiß, fühle ich mich um einiges erleichtert.“

Hisado lächelte geschmeichelt und verabschiedete sich. Er war stolz darauf, dass seine Untergebenen ihn für einen fähigen Mann hielten. Sein Pech war nur, dass er nicht in allen Dingen uneingeschränkte Entscheidungsbefugnis besaß, sonst würde er wohl in ganz Kolumbien einiges zu ändern versucht haben. Doch immerhin lag dieser Vulkan Nevado del Ruiz in seinem Zuständigkeitsbereich und er wusste sehr wohl, was er seinem Ruf und der bedrohten Bevölkerung schuldig war.

***

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Schrill drang das Schellen des Bürotelefons an Philippe Marceaus Ohr.

Er war ein Mann Ende dreißig, einen Meter 70 groß und von schlanker Statur. Rötlichblondes Haar fiel ihm in die hohe Stirn und über den Kragen seines Hemdes. Das schmale Gesicht war von Wind und Wetter gezeichnet. Um die grünen Augen hatten sich die ersten scharfen Falten eingegraben.

Marceau, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geophysik der ETH, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, hasste Telefonate während der Arbeit. Er war als Spezialist sowohl für schlafende wie auch für tätige Vulkane gerade dabei, die Berichte über seine letzten Messungen in Japan zu verfassen, als ihn das Schellen aus seinen Überlegungen riss.

Er hatte sich salopp rittlings auf seinen Bürostuhl gesetzt. Die Zigarette hing schief in seinem Mundwinkel, das Hemd war bis zum Bauch aufgeknöpft und die Enden der schwarzen Krawatte hingen auf beiden Seiten seines muskulösen Nackens hinunter. Marceau hob den Hörer ab. Ziemlich unwirsch meldete er sich.

„Verdammt, Marceau, wo treiben Sie sich wieder herum?“, drang die Stimme von Peter Berger, seinem Chef, genauso ungehalten aus der Muschel.

Marceau erkannte Berger sofort, weil dieser die Angewohnheit hatte, sich nicht mit seinem Namen zu melden. Er nahm den Zigarettenstummel aus dem Mund, wobei die Kippe auf die Tischplatte und seinen Schreibbogen fiel. Hastig wechselte er den Hörer von einem Ohr zum anderen, platzierte den Stummel am Aschenbecher und strich sich mit den Fingern fahrig kämmend durch das verschwitzte Haar. „Entschuldigen Sie, Chef. Ich war in Gedanken. Ich versuche mir gerade ein paar Zeilen für meinen Japanbericht aus den Fingern zu saugen“, murmelte er ungemütlich.

Bergers Stimme wurde deswegen um keinen Deut freundlicher:„Das kann warten! Hören Sie zu!“

Das war keine Bitte, das war ein Befehl.

„Ja?“ Marceau horchte auf. Sein Rückgrat streckte sich. Er kannte diese in dem Ton ausgespuckten Worte, und sie bedeuteten nicht selten eine Veränderung.

Bergers Tonlage sank und seine Andeutungen wurden freundlicher: „Ich habe etwas viel Besseres für Sie. Was halten Sie von einem Kindergartenfest in Kolumbien?“

Marceaus Nerven begannen zu vibrieren. Nachdem er sich mangels Nachfragen moralisch auf einen längeren Büroeinsatz vorbereitet hatte, klang der Ansatz vielversprechend. Doch um sein Interesse nicht gleich offensichtlich werden zu lassen, spielte er den Dummen: „Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen ...“

„In den westkolumbianischen Kordilleren liegt eine Ihrer Spezies. Heißt Nevado del Ruiz, was so viel wie Schlafender Löwe in der Sprache der Eingeborenen bedeutet.“

„Ich habe den Namen noch nie gehört“, murmelte Marceau mit einem leichten Kopfschütteln scheinbar schläfrig, doch sein Verstand war hellwach.

Berger fuhr fort: „Seit einem Jahr ist der Vulkan wieder aktiv und beunruhigt die Bevölkerung. Das Schweizerische Katastrophenhilfekorps wurde von den einheimischen Behörden um Hilfe ersucht, und da ich weiß, dass Sie sich in der Zivilisation immer wie ein Tiger im Käfig fühlen, habe ich gleich an Sie gedacht.“

Marceau grinste. „Das ist nett von Ihnen, Chef.“ Er war ihm ehrlich dankbar, dass er ihn aus dem Loch herausholte. „Wann soll‘s denn losgehen?“, erkundigte er sich diesmal mit ehrlichem Interesse.

„Um siebzehn Uhr startet Ihre Maschine. Sehen Sie zu, dass Sie Ihre Berichte bis dahin fertigkriegen. Den Rest organisiere ich.“

„Vielen Dank, Chef.“ Marceau lächelte. Dass der Abflug so kurzfristig angesetzt war, erschreckte ihn kein bisschen. Es war für ihn gewissermaßen normal, weil seine Einsätze meistens eilten. Für diesen Zweck hatte er immer einen Koffer mit Wäsche greifbar und konnte entsprechend innert kürzester Zeit losdampfen.

Berger hängte wie immer grußlos auf. Für ihn war damit die Sache erledigt und er wusste, dass es mit Marceau, mochte er zwischendurch auch nervig und sperrig sein, wie immer funktionieren würde.

Dieser legte den Hörer auf die Gabel zurück und schob die erkaltete Zigarettenkippe in den Mund. Seine dunklen Augen glühten. Er freute sich auf das bevorstehende Abenteuer.

***

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Bei einem Tagesanflug auf das Hochplateau Bogotás hätte man die unzähligen Gewächshäuser sehen können, deretwegen Kolumbien nach den Niederlanden der zweitgrößte Schnittblumenexporteur der Welt geworden war. Es dunkelte jedoch bereits, als sich die DC-10 im Landeanflug Bogotás Flughafen näherte. Dunkelgraue Wolken ballten sich unter ihr zusammen, durch die sie Minuten später hinab tauchte. Nun konnte man erst die von Osten her durch eine steil ansteigende Bergkette begrenzte Hauptstadt mit ihren Lichtern erkennen.

Das Sinken der Maschine verschloss Marceaus Ohren und bewirkte ein unangenehmes Kribbeln in seinem Magen. Den Blick aus dem Fenster wagte er nur kurz, was seine Übelkeit noch verstärkte, weil sich der Boden mit rasender Geschwindigkeit näherte. Der geologischen Lage des Aeroporto entsprechend, gestaltete sich der Landeanflug für Marceaus Empfinden recht spannend und ziemlich ungemütlich. Er war heilfroh, als unter ihm in seinem Blickfeld endlich die Rollbahn auftauchte und ihn mit seinem Schöpfer wieder versöhnte. Er fühlte sich glücklich und erleichtert und zu einem tiefen Seufzer genötigt, als die schwere Maschine vor dem Flughafengebäude ausrollte.

Das Zentrum des Flughafens war so modern wie Bogotá selbst, allerdings noch längst nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Mit der ihm bisher noch nicht bekannten, südamerikanischen Freundlichkeit erlebte Marceau einen solch charmanten Empfang bei der Immigration, wie er ihn bisher sein Leben lang noch an keinem anderen Flughafen erlebt hatte. Als das Personal zudem in seinen Reiseunterlagen seinen Beruf und die Arbeitsbewilligung registrierte, waren alle rundum begeistert und brachten ihre Freude darüber überschwänglich zum Ausdruck. Es dauerte seine Zeit, bis er endlich zu seinem nötigen, aber völlig stillosen Nadeldruckerstempeleindruck kam, mit dem man ihn schließlich passieren ließ.

Nachdem er die überfreundliche Sicherheitskontrolle hinter sich hatte, tauchte Philippe Marceau in eine andere Welt hinein. Er musste sich seinen Weg durch Menschenmaßen in bunten Gewändern bahnen und mehrmals über Leute hinweg steigen, die da aßen, lagen oder schliefen, wo sie sich gerade befanden: auf Sitzen, Bänken oder auf dem nackten Fußboden. Zwischen ihnen gackerten und schnatterten Hühner und Enten, quengelten kleine Kinder und grunzten magere Schweine.

Marceau holte den Koffer ab, der seine Kleidung und das Rasierzeug enthielt. Der Rest seines fünf Zentner schweren Gepäcks, die technische Ausrüstung, sollte hier auf dem Flughafen lagern, bis er die Kisten in ein oder zwei Tagen würde weitertransportieren lassen. Er war zufrieden. Der Chef hatte in Zusammenarbeit mit den kolumbianischen Behörden wirklich für alles gesorgt, was in der kurzen Zeit möglich war. Er wusste, dass er erwartet wurde und hatte außerdem einen Ausweis erhalten, der ihm überall Zutritt verschaffte.

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Der Mann, der auf ihn wartete, hatte den Kragen seines knielangen Mantels hochgeschlagen und wirkte eher gelangweilt als ungeduldig. Er war groß und hager, was für diesen Landesteil ziemlich ungewöhnlich war. Die schwarzen geraden Haare, die hohen Wangenknochen, die dunklen, stechenden Augen und die glatte Haut ums Kinn verrieten seine indianische Abstammung. Hingegen deuteten seine Größe und die scharfen Gesichtszüge auf einen nordländischen Einschlag hin. Tatsächlich vereinigte José Moreno die Merkmale beider Rassen in sich.

Marceau wurde von ihm kritisch gemustert, während er durch die Sicherheitsschranke des Zolls auf ihn zuging.

„Ich bin José Moreno“, sagte der Mann. Er sprach mit einem leicht spanisch eingefärbten Französisch, ohne dass sich seine Lippen groß bewegten. Sein Gesicht war ausdruckslos. Nicht mal die Augen, die ständig in Bewegung waren wie bei einem Wolf, der auf dem Sprung zur Flucht ist, verrieten, ob er sich über den Besucher freute oder sich ärgerte, weil er ihn empfangen musste.

Der Schweizer nickte ihm höflich zu. „Philippe Marceau vom ETH-Institut in Zürich“, stellte er sich vor und reichte Moreno die Hand, die dieser jedoch - Marceau fand es fast hochnäsig - übersah.

„Bueno. Nosotros nos vamos, señor. Gehen wir“, murmelte der Mann unter halbgeschlossenen Lidern, wandte sich um und setzte sich in Bewegung, als kümmere ihn der andere nicht weiter.

Marceau bückte sich hastig, nahm seinen Koffer wieder auf und schüttelte gereizt den Kopf. Also schien dieser Trip doch nicht zu einem vergnüglichen Spaziergang zu werden.

Er musste sich beeilen, den Mann zwischen all den Leuten nicht aus den Augen zu verlieren. Mit ein paar schnellen Schritten holte er zu Moreno auf, setzte sich halbwegs an seine Seite und folgte ihm wortlos hinaus zu dessen Wagen, der vor dem hell erleuchteten Aeroporto-Gebäude im Halteverbot stand.

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Mit brummiger Miene schloss der Kolumbier auf und hieß seinen Begleiter mit einer Kopfbewegung einzusteigen, bevor er sich hinters Lenkrad setzte und den Zündschlüssel herumdrehte. Zuerst hörten sie nur ein unwilliges Stottern, dann setzte sich die verstaubte Maschinerie ratternd in Bewegung. Moreno trat aufs Gaspedal und ließ den Motor aufheulen.

Marceau war davon nicht beeindruckt. Auch nicht von der altersschwachen Karosserie, die eigentlich auf den Schrottplatz gehört hätte, nicht aber auf die Straße.

Moreno fädelte sich in den ziemlich dichten Spätverkehr auf der Avenida Jiménez de Quesada, der Hauptverkehrsader Bogotás, ein. Auch er hielt es nicht für nötig, mit seinem Fahrgast ein Gespräch anzuknüpfen.

Die Straßen waren überfüllt.

Wie andere Autos und Busse bahnte sich Moreno mit verbissener Miene und lautem Hupen einen Weg durch die Menschenmaßen. Schon früh am Morgen hatten die Bauern ihre Waren her gekarrt und die Marktstände aufgebaut und sie warteten noch immer auf Kundschaft.

Die Fahrt durch die Großstadt dehnte sich durch die Schweigsamkeit der beiden Männer zu einer kleinen Ewigkeit. Das gab Marceau die Gelegenheit, das bunte Treiben auf den belebten nächtlichen Straßen mitzuverfolgen: Auf der einen Seite des Marktes wurden Ruanas, die kurzen Ponchos Kolumbiens, und bunte Wolldecken feilgeboten, auf der anderen allerlei Lederwaren, Keramik und Schmuck.

Marceau bemerkte vor allem die Gegensätze: gepflegte Geschäftsleute, die draußen vor einem Café eine Tasse Kaffee oder einen der vielen, frischen Fruchtsäfte tranken und ihre Zeitung lasen. Und zwischen alten Zeitungen und Pappschachteln in jeder Ecke schmutzige kleine Gesichter unter struppigen Haaren: die Straßenkinder Bogotás mit ihren löchrigen Pullovern und zerrissenen Hosen kaum bekleidet. Marceau sah, wie ein größerer Junge einem nobel aussehenden Mann den Aktenkoffer entriss. Ein anderer rannte einem Hund hinterher, der einen Schuh zerbiss.

Die Gamines, auch Carasucias, Schmutzgesichter genannt, sind keine Kinder wie andere. Ins Elend hineingeboren, tun sie alles, um dem Teufelskreis zu entfliehen, in dem sie leben. Meistens sind sie 5 - 15 Jahre alt und gezwungen, ihr Dasein auf der Straße zu verbringen. Aneinandergedrängt schlafen sie auf dem nackten Boden und ernähren sich von dem, was sie in Mülltonnen finden. Einige haben kleine Jobs, verkaufen Zeitungen, putzen Schuhe oder verdingen sich tageweise in irgendeinem Geschäft. Oft treten sie in Gruppen auf, um mehr oder Größeres zu stehlen. Ist die Beute geteilt, versuchen sie sich an die Stoßstange eines Autos zu hängen, um die Abgase einzuatmen und sich so in einen Rauschzustand zu versetzen.

Philippe Marceau fand das Leben in Bogotá überwältigend, aber auch fragwürdig und abstoßend.

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Er war froh, als sie die Stadt hinter sich ließen und endlich ihren Bestimmungsort erreichten. Er fühlte sich nach dem langen Flug verschwitzt und sehnte sich nach einem Bad. Außerdem war er wieder hungrig, obwohl er am frühen Abend im Flugzeug bereits etwas gegessen hatte.

Moreno hingegen schienen seine Bedürfnisse nicht zu interessieren. Er fuhr auf einen riesigen Gebäudekomplex mit großen Fenstern zu, aus denen vereinzelt Lichtschein auf den kurzgeschnittenen Rasen fiel, und hielt dicht vor dem Portal im Halteverbot.

Grelle Lampen beleuchteten die wenigen Treppenstufen vor dem Eingang. Schattenhaft waren in der Dunkelheit einige Bäume zu erkennen.

Die beiden Männer traten in einen hohen Korridor, von dem mehrere Gänge abzweigten.

„Da entlang.“ Moreno deutete nach rechts zur Treppe, die in einem steilen Winkel nach oben führte und ging voran.

Laut widerhallten ihre Schritte. Marceaus Handfläche glitt streichelnd über das polierte Geländer, als er Moreno nach oben folgte.

Nahe der Treppe öffnete der Kolumbier eine Türe und bedeutete dem Schweizer mit einer knappen Gebärde einzutreten.

Der Raum war recht groß und erinnerte an ein Schulzimmer. Drei Männer, die über eine Karte und Fotografien gebeugt standen, blickten auf und drehten sich um, als die beiden auf sie zugingen.

„Señor Marceau“, stellte Moreno vor. „Die señores Guadalupe, Serrano und Domingo.“

Marceau nickte den drei Einheimischen höflich zu.

„Buenas tardes, señores“, lächelte er aufrichtig, während er ihnen die Hand reichte, deren kräftigen Druck sie ohne Zögern erwiderten.

„Willkommen in Bogotá, señor Marceau“, nickte ihm Vázquez Serrano, ein hellhäutiger junger Mann Anfang dreißig zu. Er trug zu seinem Sweatshirt Jeans und Turnschuhe. Seine mandelförmigen Augen musterten den Ankömmling mit unverhohlener Neugier, während er freundlich lächelte. „Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise?“

„Oh, ich kann mich nicht beklagen. Die Bedienung war in Ordnung, nur der Flug dauerte etwas lange und war sehr ermüdend.“

Serrano grinste ihm verständnisvoll zu. Die anderen hielten sich zurück, als er fortfuhr: „Señor Gómez, der Chef des Katastrophenhilfekorps, und der oberste Parteivorsitzende dieses Distrikts, senador Hisado, genaugenommen unsere Arbeitgeber, lassen sich entschuldigen, señor Marceau. Der senador ist an einer wichtigen Regierungssitzung und Gómez an einer Übung für den Katastrophenfall. Beide bedauern es sehr, Sie nicht heute schon persönlich kennenzulernen und bitten um Ihr Verständnis.“

„Aber selbstverständlich.“ Marceau nickte und lächelte unverbindlich.

Moreno streifte den Mantel ab und warf ihn achtlos über eine Stuhllehne. Sich eine Zigarette anzündend, trat er zwischen den Männern an den Tisch. „Fangen wir endlich an, señores. Wir sind schließlich nicht zu unserem Vergnügen hier!“, sagte er kurz.

„Gewiss, capitán. Trotz allem ist eine anständige Begrüßung das Mindeste, was wir unserem Schweizer Kollegen schuldig sind. Immerhin sind wir auf eine gute Zusammenarbeit mit ihm und auf seine für uns nämlich lebenswichtigen Apparate angewiesen!“, bot ihm Serrano angriffslustig die Stirn.

Marceau glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Moreno sollte der technische Leiter des Forschungsteams sein?

Dessen dunkle Augen, in denen heller Zorn flackerte, verengten sich. Er war es nicht gewohnt, von seinen Untergebenen zurechtgewiesen zu werden. Obwohl er zugeben musste, dass Serrano recht hatte, war er so wütend, dass er ihn dafür hätte schlagen mögen.

Marceau spürte die Spannung, die zwischen den beiden Männern herrschte. „Wie wär‘s, wenn ich jetzt Genaueres über meinen Auftrag erfahren könnte, meine Herren? - Ich bin hungrig, möchte gern ein Bad nehmen und hoffe, dass unsere Unterredung nicht den ganzen Abend beanspruchen wird“, sagte er, um die Situation zu entschärfen.

Dankbar gingen die beiden Streithähne darauf ein. „Einverstanden“, nickte Vázquez Serrano. Ohne einen weiteren Blick auf den capitán wandte er sich wieder dem Pult zu.

Die Männer beugten sich über die Karte, die einen vergrößerten Ausschnitt des betroffenen Gebiets zeigte.

Moreno hielt sich zurück und überließ das Reden den anderen. Er kaute noch immer an seiner Wut gegen den Schweizer, der ihm die leitende Stellung wegnahm, und gegen Serrano, der es gewagt hatte, ihn vor allen Anwesenden bloßzustellen.

Philippe Marceau überlegte sich stirnrunzelnd, dass der neue Job alles andere als erfreulich werden würde. Sicher würde es schwierig sein, mit Moreno zusammenzuarbeiten oder auch nur auszukommen. Doch er hoffte, dieser sei anständig genug, keine nerv tötenden Spielchen zu inszenieren oder gar ihre Anstrengungen zu sabotieren.

Eduardo Domingo übernahm die Gesprächsführung. Er war neben seinen hauptberuflichen Forschungsarbeiten auch Bergsteiger und kannte sich im fraglichen Gebiet besser aus als manch anderer.

Er war sehr schwer einzuschätzen, mochte aber etwa in Marceaus Alter sein. Dunkles, volles Haar hing ihm lässig in die hohe Stirn und beschattete seine ausdrucksstarken, dichtbewimperten Augen. Er trug einen kurzärmligen Pullover und Boxershorts, die muskulöse, schwarzbehaarte Beine freiließen.

Marceau musste plötzlich grinsen. Die Menschen hier, selbst Wissenschaftler, kümmerten sich keinen Deut um die Bekleidung. Hauptsache, sie war der Arbeit angemessen und vor allem bequem.

„Dies hier“, Domingo deutete mit dem Zeigefinger auf einen Punkt auf der Karte, „ist der Nevado del Ruiz, ein 5‘398 Meter hoher Vulkan, der nach 93 Jahren plötzlich wieder aktiv geworden ist und mit seinen Beben und Wasserdampfexplosionen sogar die Häupter unserer Regierung beunruhigt.“

Er reichte Marceau ein paar Polaroidbilder und fuhr fort: „Der Ruiz gehört zu den explosiven Gastypen, was er, will man den Erzählungen der Alten Glauben schenken, im Jahr 1845 gehörig unter Beweis gestellt hat. Den Berichten zufolge muss er förmlich explodiert sein.“

Philippe Marceau nickte. „Sehr eindrücklich. - Ist ein Gletscher in der Nähe, nicht wahr?“

Domingo nickte. „Sí, señor Marceau. Das ist, was den Berg so gefährlich macht. Genau wie damals wird, falls es tatsächlich zu einem Ausbruch kommt, die Lava den nahen Gletscher schmelzen. Dann wird innert Kürze eine Schlammlawine durch die engen, steilen Schluchten zu Tal donnern und eine Katastrophe nicht abschätzbaren Ausmaßes verursachen.“

„Eine Befürchtung, die keineswegs aus der Luft gegriffen ist“, nickte Marceau. Er kannte sich unter seinen Spezies aus, und er konnte die Gefahr, die von einigen ausging, förmlich riechen.

Guadalupe, ein schlaksiger Junge, kaum über zwanzig und ebenfalls salopp in Jeans und eine leichte Tweedjacke gekleidet, nickte mit einem übertriebenen Stöhnen. „Sí, desgraciadamente, leider, sonst hätten wir diesen Auftrag nie erhalten. Jeder weiß doch, wie knapp der Staat bei Kasse ist. Aber immerhin - da hat der senador schon recht - geht es um Menschenleben.“

„Um Zehntausende von Menschenleben!“, berichtigte Moreno aus seiner Ecke finster.

„Wie sehen die Arbeitsbedingungen aus?“, lenkte Marceau rasch ein.

Eduardo Domingo grinste breit. Er zeigte auf einen dem Vulkan und dem Gletscher nahe gelegenen Punkt. „Wir sollen uns hier, auf knapp 5‘000 Meter Höhe in diesem Refugio einquartieren. Von hier aus können wir den Schlafenden Löwen schnell erreichen, um unsere Messungen durchzuführen. - Allerdings dürfte es kein sehr angenehmer Aufenthalt werden. Da oben ist es lausig kalt.“

Marceau blätterte noch immer nachdenklich die Polaroidbilder durch und stellte mit übertriebener Leichenbittermiene fest: „Ich schätze, ich hätte mir einen Stoß warme Unterhosen einpacken sollen.“

Serrano legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter. „Ich werde Ihnen eine warme Alpakajacke und Hosen besorgen. Bis übermorgen Nachmittag kann ich das erledigen. Bis dahin sind auch unsere Testgeräte bereit. Da die Lebensmittel und der Gaskocher aber voraussichtlich erst gegen Abend geliefert werden, werden wir uns für die eine Nacht in Manizales einquartieren und dann tags darauf die Hütte einrichten.“

„Sie können morgen gegen Mittag ein Flugzeug nehmen und in Manizales die Wohnung beziehen, die ich Ihnen besorgt habe“, ergänzte Eduardo Domingo. „Serrano wird Sie dann am folgenden Tag dort abholen.“

„Alles klar, Männer.“ Marceau nickte erleichtert. Er freute sich auf ein heißes Bad. „Gibt es sonst noch etwas, was ich im Voraus wissen müsste oder bekomme ich jetzt bald was zu essen?“, fragte er.

Serrano schüttelte den Kopf. „No, nada, señor, nichts, was nicht auch später erledigt werden könnte. Aber falls Sie davon noch nicht unterrichtet worden sind, sollten Sie erfahren, dass Sie während dieser Zeit unser jefe sein werden!“

***

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Gegen Mittag wartete auf dem Startfeld des Flughafens eine zweimotorige kleine Cessna auf ihn.

Marceau durchlief die Sicherheitskontrollen wie ein Schlafwandler. Er kannte sich in fremden Flughäfen aus; die meisten ähnelten sich wie ein Ei dem anderen.

Im Inneren des Gebäudes war es angenehm kühl, aber den wartenden Einheimischen hing ein Geruch von Schweiß und Knoblauch an, während den Transportkäfigen übler Mief entströmte. Ein dürrer, älterer Angestellter wies ihm den Weg hinunter aufs Rollfeld, und mit dem Handgepäck trat Marceau durch eine Türe ins Freie.

Wabernde Hitze verschlug ihm den Atem und trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Er schirmte mit der rechten Hand die Augen gegen die glühende Sonne ab und beobachtete den Mann, der von dem kleinen Flugzeug auf ihn zusteuerte.

Er war mittelgroß, um die Dreißig und mit einer hellen Uniform bekleidet, deren Farbe den milchkaffeebraunen Teint sanft unterstrich. Unter der Schirmmütze hervor kringelte sich dichtes, schwarzes Haar. „Señor Marceau?“, fragte der Uniformierte mit einer angenehmen Stimme, während er dem Schweizer die Hand entgegenstreckte.

Dieser nickte. „Der bin ich.“

„Mein Name ist Rico Gonzaga, ich bin Ihr Pilot“, stellte er sich freundlich vor.

Marceau schüttelte ihm die Hand. „Freut mich, señor Gonzaga. Ist mein Gepäck bereits an Bord?“

Rico Gonzaga nickte mit einem breiten Lächeln, das seinen dünnen Oberlippenbart auseinanderzog. „Es ist alles bereit, señor. An Bord ist für eine Erfrischung gesorgt. Sie brauchen es sich nur noch bequem zu machen“, sagte er, auf Marceaus schweißbedecktes Gesicht anspielend.

Dieser nickte ihm dankbar zu. „Sie sind meine Rettung, gracias“, grinste er und setzte sich in Bewegung.

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Von Bogotá aus flog Gonzaga auf dem direktesten Weg nach Manizales, wo Serrano sie bereits erwartete und der Cessna auf dem Rollfeld mit einem ausgebeulten Armeejeep entgegenfuhr. Als er sie erreichte, standen Gonzaga und Marceau bereits neben dem offenen Frachtraum. Serrano hielt davor an, stieg aus und streckte grüßend die Hand aus. „Hatten Sie einen angenehmen Flug, señor Marceau?“, erkundigte er sich fürsorglich.

Dieser nickte höflich. „Danke, ich kann mich nicht beklagen. Ihre Leute haben sich hervorragend um mein Wohl gekümmert. - Und wie erging es Ihnen?“

Serrano zeigte zwei Reihen weißer Zähne. „Fenomenalmente, gracias. Unsere Spediteure haben sich mächtig ins Zeug gelegt und es geschafft, einen Tag vor Termin zu liefern.“

Marceau hob eine Augenbraue in die Höhe. Er war nicht erstaunt, nur neugierig: „Was heißt das?“

Serrano zuckte vage die Schultern und bedachte ihn mit einem entschuldigenden Lächeln, dem er die Andeutung eines schlechten Gewissens entnahm. „Dass aus der geplanten Übernachtung in Manizales nichts wird, tut mir leid. - Wir brechen sofort nach dem Umladen zum Refugio auf.“

Marceau zog eine säuerliche Miene, doch dann lachte er. „Das macht nichts. Je früher wir mit unseren Messungen beginnen, desto besser. Diese explosiven Gastypen nehmen auf uns Menschen und meine Bequemlichkeit leider keine Rücksicht.“

Gonzaga begann bereits mit dem Umladen der Gepäckkisten auf die offene Ladefläche. „Sie sprechen in Rätseln, señor.“ Stirnrunzelnd lächelte Serrano verunsichert und packte mit an.

Marceau deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung des bedrohlichen Vulkans. „Mir scheint, als könnte ich die Gefahr riechen, die von unserem Freund ausgeht“, lautete die unklare Antwort.

Serrano hielt mitten in der Bewegung inne und stellte die unhandliche Kiste vorerst auf der Seitenwandkante des Jeeps ab. „Sie haben ihn doch noch gar nicht aus der Nähe gesehen“, wandte der junge Wissenschaftler verwirrt ein.

Marceau zuckte die Achseln und ließ die Arme auf den Segeltuchsack hinab sinken, das Sackende mit der Kordel noch in den Händen, um sich seinem Kollegen für die Erklärung zu widmen: „Wissen Sie, Serrano, wenn Sie sich erst einmal zwanzig Jahre lang mit Vulkanen beschäftigt haben wie ich, dann werden Sie wissen, was ich meine. Man entwickelt einen sechsten Sinn für so was. - Aber natürlich müssen wir uns auf unsere Geräte verlassen und auf die Messungen abstützen.“

Der junge Mann nickte begreifend. „Selbstverständlich.“ Behutsam stellte er nun seine Kiste mit einem der gut verpackten, hochempfindlichen geodätischen Messgeräte hinten auf den Geländewagen. Als er sich wieder zu Marceau umwandte, fragte er geradeheraus: „Dann halten Sie einen gewaltigen Ausbruch also auch für möglich? Obwohl Sie den Ruiz noch nicht einmal gesehen haben?“

„Meine innere Alarmanlage ist in Aktion.“ Marceau lächelte, aber ohne deswegen leichtfertig zu wirken, während er die paar Schritte zum Frachtraum hinüberging. Es täuschte über die Ernsthaftigkeit der Situation etwas hinweg. „Ich kann mich natürlich auch irren“, fügte er, eine weitere Kiste auf den Armen, beim Zurückkommen abschwächend hinzu. Dass er sich kaum je irrte, verschwieg er.

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Die Reise zum Vulkankegel erlebte Marceau wie einen Albtraum. Obwohl er sich selbst für schizophren hielt, fürchtete er sich vor schmalen abschüssigen Bergstraßen weit mehr als vor einem Abstieg in den brodelnden Schlund eines Vulkans. Die Straße war ausgeschwemmt und wies tiefe Schlaglöcher auf, die Wolkenbrüche hinterlassen hatten. Serrano musste seine ganze Fahrkunst aufbieten, um den Jeep auf dem glitschigen Untergrund in der Spur zu halten.

Die beiden Männer waren trotz zunehmender Kälte in Schweiß gebadet; Marceau zitterte vor Angst und Serrano vor Anstrengung, als sie schließlich in gut 4‘800 Metern Höhe ihr Ziel erreichten.

Vom Gletscher her blies ein eiskalter Wind, der den Männern ins Gesicht schnitt. Marceau fröstelte in seiner feuchten Kleidung; die Unterwäsche klebte unangenehm an seinem Leib.

Serrano parkte den Wagen im Windschatten der niedrigen Berghütte, die wie geduckt an dem leicht ansteigenden, mit Moosen und Flechten bewachsenen Hang aus erstarrtem Vulkangestein lehnte.

Ein einziger Blick genügte Marceau, um festzustellen, unter welch harten Bedingungen dieser Auftrag erfüllt werden musste. Die eisige Kälte, bedingt durch den nahen Gletscher und die späte Jahreszeit, würde ihnen die Arbeit zusätzlich erschweren. Das Refugio, ein unzulängliches Gebilde aus wenig fachkundig zusammengefügten Holzplanken, die Spalten und Ritzen lediglich mit Flechten verstopft, machte keinen sehr einladenden Eindruck.

Aus der Hütte traten ihnen Eduardo Domingo, der junge Guadalupe und Moreno entgegen, dick eingepackt in wärmende Alpakahosen, gefütterte Jacken, Fellstiefel und Fäustlinge.

Marceau beneidete sie um ihre praktische Kleidung.

Die Kälte ließ die Lust auf ein Gespräch gar nicht erst aufkommen. Die Männer begrüßten einander mit einem Nicken, dann packte jeder mit an, um so schnell wie möglich wieder in den Schutz der Hütte zu gelangen.

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Mit einem heftigen Fußtritt, die letzte Bürde noch auf den Armen, verwehrte Guadalupe dem eisigen Wind den Zutritt und ließ die schwere Holzbohlentüre zu- und den rostigen Metallbügel hinunter krachen.

Marceau stand mitten im Raum und nestelte an seinen Handschuhen. Er sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, als er den höhlenartigen Raum betrachtete.

Die Holzwände waren mit einer dicken Schicht Lehm und Erde bestrichen, durch deren größere und kleinere Risse die Kälte hereinkroch. Nebst dem grobgezimmerten Tisch und zwei Bänken gab es lediglich vier schmale, harte Pritschen, die eher unbequem wirkten. Bei dem Gedanken, dass sich zwei von ihnen zudem eine teilen mussten, sank seine Freude an der Aufgabe auf Raumtemperatur. Über dem Tisch und neben den Betten hingen Gaslampen, die neben spärlichem Licht auch einen eigenartigen Geruch verbreiteten. Marceau empfand sie jedoch als wohltuende Wärmespender.

„Wir haben keinen Strom, kein Wasser und keine Heizung“, verlieh Guadalupe beim Durchqueren des Raumes Marceaus trüben Gedanken Ausdruck, bevor er seine Bürde zu den anderen Utensilien und Geräten hinstellte.

Domingo entschuldigte sich: „Es tut mir sehr leid, dass wir Ihnen nichts Besseres bieten können.“

„Ich habe Ihnen warme Kleidung besorgt“, lenkte Vázquez Serrano ab, der den unglücklichen Ausdruck in Marceaus Gesicht richtig deutete. Seinem Rucksack, der auf der Bank lag, entnahm er eine ähnliche Bekleidung, wie die anderen sie trugen, und warf sie auf den Tisch. „Ziehen Sie Ihre feuchten Klamotten aus und trockene Unterwäsche an. Das Alpaka darüber wird Sie besser wärmen.“

Marceau nickte und kam der Aufforderung nach. „Ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge, Serrano“, sagte er.

Moreno knurrte nur etwas Unverständliches, während er jedem eine Notration Lebensmittel aus seinem Rucksack reichte.

***

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Gleich am nächsten Tag fuhr Philippe Marceau mit seinen Begleitern hinauf zur Vulkankuppe. Ihre Aufgabe war es, mit drei Messgeräten die seismischen Signale aufzuzeichnen, die vom Vulkan kamen.

Die Seismik ist in der Vulkanologie ein geophysikalischer Forschungszweig, der es ermöglicht, in relativ kurzer Zeit brauchbare Resultate zu erzielen. Meistens kann aufgrund der vorausgegangenen Erdbebenschwärme, der Erhöhung der Umgebungstemperatur und der Zusammensetzung der heißen Quellen und Fumarolengase, die sich schon lange vor einem Ausbruch verändern, eine recht genaue Diagnose was Ort und Zeit eines möglichen Ausbruchs betrifft, gestellt werden.

Als beispielsweise 1975 auf der Halbinsel Kamtschatka der Tolbatschik einen heftigen, explosiven Ausbruch hatte, konnte dank genauem Registrieren und Auswerten der vorausgegangenen Erdbebenschwärme eine so präzise Voraussage gemacht werden, dass sogar Fernsehteams rechtzeitig an Ort und Stelle waren, um das Ereignis zu verfolgen.

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Auf dem Weg zur Vulkankuppe machte Marceau eine weitere, höchst interessante Entdeckung: Tiefer liegende Moränen, Gletscherschliffe und Aschenlagen wiesen darauf hin, dass sich schon in grauer Vorzeit eine Naturkatastrophe ereignet hatte. Vor Millionen Jahren musste der Ruiz ein sehr viel höherer Kegel gewesen sein, dessen oberer Teil durch eine unvorstellbar gewaltige Explosion in die Luft gesprengt worden war. Übrig geblieben war nur noch der breite flache Rumpf.

Je höher sie kamen, desto dünner wurde die eisige Luft. Der frostige Wind biss ihnen in die ungenügend geschützten Gesichter. Schnee- und Eiskörner schmerzten wie Nadelstiche auf der Haut. Fröstelnd trotz der hochgeschlagenen Kragen und dicken, fellgefütterten Mänteln, rieben sie sich die klammen Finger und versuchten sie an ihrem Atem zu wärmen.

Nahe beim Gletscher hielt Vázquez Serrano den Wagen an. „Wir sollten jetzt besser die Gasmasken anlegen“, meinte er.

Marceau war völlig seiner Meinung.

Die Männer kletterten steif vor Kälte unbeholfen vom Wagen. Mit rudernden Armen und Herumhopsen versuchten sie ihre schmerzenden Glieder zu erwärmen, bevor sie Serranos Aufforderung nachkamen. Sie nahmen die Gasmasken aus dem Wagen. Das Anlegen mit tauben Fingern erwies sich jedoch als ein schwieriges Unterfangen. Anschließend nahmen sie wieder im Wagen Platz.

Serrano ließ die Bremse los und gab Gas. Mit heulendem Motor und durchdrehenden Rädern kämpfte sich der Jeep weiter bergan. Bald darauf erreichten sie den mehrere hundert Meter höher gelegenen Rand des Vulkankegels und stiegen wieder aus.

Marceau hatte sich auf dem letzten Wegstück noch lausiger gefühlt als auf der Fahrt zur Hütte. Obwohl ihn die Polaroidbilder bereits auf die topographischen Eigenheiten des Vulkans vorbereitet hatten, gefiel ihm nicht, was er sah: der Ruiz ist von einem fast 30 Quadratkilometer großen Gletscher umgeben, was den Vulkan besonders gefährlich macht.

Explosive Gastypen, zu denen der Ruiz gehört, schleudern bei ihren Ausbrüchen jeweils Asche heraus, pulverisiertes und zerplatztes Magma, die in weitem Umkreis niedergeht. Das heißt, selbst wenn der Ausbruch an einer Flanke des Vulkans stattfände und die Lava mit dem Gletscher überhaupt nicht in Berührung käme, würde die über 1‘000 Grad heiße Asche innerhalb weniger Stunden riesige Eismassen zum Schmelzen bringen. Beides würde sich zu dem von den Geologen gefürchteten Lahar verbinden, einer Schlammlawine, die eine Spitzengeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erreichen kann.

Marceau versuchte die düsteren Gedanken abzuschütteln und half den Kollegen, die Instrumente aus dem Wagen zu heben. „Geht behutsam damit um. Sie sind hochempfindlich“, mahnte er übervorsichtig, obwohl es eigentlich unnötig und jedem klar war.

Entsprechend erhielt er auch keine Antwort. Höchstens ein oder zwei pikierte, fast schon beleidigte Blicke. Jeder wusste schließlich, womit er es zu tun hatte.

Es bedurfte nur eines nicht bedachten, ungeschickten Handgriffs und Fehler in ihren Messungen waren vorprogrammiert! Weil man solche Abweichungen jedoch nicht gleich feststellen kann, wäre letztlich ihre ganze Arbeit und der Einsatz ihres Lebens umsonst gewesen! Das könnte man, das Risiko einmal außer Acht gelassen, zur Not noch verschmerzen. Doch was eine Fehlinterpretation im Falle eines Ausbruchs für Folgen nach sich ziehen würde, daran wagte niemand oder nur mit Schaudern zu denken.

Marceau und Guadalupe halfen den anderen, die Rucksäcke mit den Messgeräten umzuhängen. Danach holte Marceau eine Seilrolle aus dem Wagen. Das eine Ende reichte er Serrano, während er das andere mit einem durchgezogenen Achterknoten an seinem Klettergürtel befestigte.

Moreno blickte ihn aus verkniffenen Augen abschätzig an, was die anderen hingegen, beengt durch die Masken, nicht bemerkten.

Marceau lächelte nur. „Seilt euch an, compañeros“, befahl er ruhig, wenn auch mit metallisch klingender, dumpfer Stimme.

„Wozu soll das gut sein?“ Moreno hatte seine Feindseligkeit ihm gegenüber noch nicht abgelegt. Und seinen Befehlen gehorchen zu müssen, ging ihm gänzlich gegen den Strich.

Philippe warf ihm mit einem aufmunternden Grinsen eine Seilrolle zu. Er bedeutete ihm damit, dass ihm sein Verhalten kalt am Arsch vorbeiging. „Reine Vorsichtsmaßnahme, señor Moreno. Der Abstieg in einen Vulkan ist kein harmloser Ausflug. Wir müssen nahe beisammenbleiben, und ich möchte keinen von euch da unten zurücklassen. De acuerdo?“

Moreno, dessen Maskenglas sich beschlagen hatte, knurrte wütend etwas Unverständliches, musste sich jedoch eingestehen, dass Marceau nicht nur recht hatte, sondern auch ein verantwortungsbewusster und umsichtiger Mann war.

Dieser kontrollierte ungerührt die Knoten, dann hob er sich einen Rucksack mit einem Messgerät auf die Schultern und setzte sich als erster in Bewegung. Am Rande des Vulkans hockte er sich auf die Fersen nieder und hämmerte einen Felshaken mit einer Öse ins Vulkangestein. Daran hängte er einen Karabinerhaken, durch den er das Sicherheitsseil führte. „So, compañeros, seid ihr bereit?“ Er stand auf und blickte jedem einzelnen seiner Begleiter durch die Schutzscheibe in die Augen.

Alle nickten, obwohl sie sich vor dem bevorstehenden Abenteuer ein wenig fürchteten. Bis auf Moreno war noch keiner in einen Vulkan hinabgestiegen. Selbst Domingo, vor dem sonst kein Berg sicher war, hatte dies bisher vermieden.

Marceau lächelte leicht. „Keine Angst, amigos. Solange ihr angeseilt seid, kann keinem von euch etwas passieren. Verlasst euch auf eure Vorder- und Hintermänner. Selbst wenn ihr ausrutscht, geschieht euch nichts, solange ihr nicht in Panik geratet. - So, und jetzt wollen wir mal dem Teufel ins Gesicht spucken. Vámonos, compañeros.“

Seine Augen funkelten und in seiner Stimme klang die Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer, doch der Funke seiner Euphorie vermochte nicht überzuspringen.

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Er machte sich als erster an den Abstieg, die vier anderen kletterten vorsichtig hinter ihm her. „Achtet darauf, dass eure Seile immer gestreckt sind!“, rief Marceau angestrengt über die Schulter zurück.

Unter ihnen waberte weißer Nebel. Er sah aus wie eine weiche, federnde Matratze. Die Kraterwände bestanden aus porösem Lavagestein und Geröll, was den Abstieg gefährlich machte. Die Männer mussten mit ihren Bergstiefeln bei jedem Schritt zuerst prüfen, ob sie ihr Gewicht verlagern und auftreten durften.

Langsam tauchten sie hinab in die unheimliche Tiefe des Schlafenden Löwen. Dünne Schleier stiegen aus dem Dunst unter ihnen auf, hüllten sie ein und zerrissen wieder. Es musste stark nach Schwefel riechen, doch zum Glück erwiesen sich die Maskenfilter als tauglich. Je tiefer sie kamen, umso dichter wurden die Schwaden, doch die klirrende, oben minus 20 Grad messende Kälte nahm ab und es wurde angenehm warm.

„Marceau, können wir unsere Jacken ausziehen?“, schrie Guadalupe krächzend. Er begann zu schwitzen und konnte für einen Moment kaum noch etwas sehen.

Marceau schüttelte den Kopf. Er vermied es, sich umzudrehen, um seinen Stand nicht durch eine Gewichtsveränderung zu gefährden. Entsprechend laut musste er zurückschreien: „Zu riskant, Junge! Du könntest sie verlieren! Zudem seid ihr besser geschützt, falls wir in einen Steinschlag geraten oder ihr abrutschen solltet!“

Der Fluch des Jungen erreichte ihn nur als unartikuliertes Gurgeln. Marceau setzte sich wieder in Bewegung. Von Zeit zu Zeit schlug er einen Haken ins Vulkangestein, klinkte den Karabiner ein und führte das Seil hindurch. Vorsichtig tastete er sich Meter um Meter den steilen Abhang hinunter.

Seine Kollegen hatten es da etwas einfacher; sie waren durch das Seil gesichert und brauchten ihm nur zu folgen. Trotzdem war es ein schwieriges Stück Arbeit, den breiten Rumpf zu erkunden und die Geräte an den richtigen Stellen zu installieren. Und auch Marceau musste sich, wie er den anderen befohlen hatte, auf sein Gefolge und vor allem auf Serrano verlassen.

Die Nebelschwaden behinderten sie mehr und mehr. Sie tauchten in eine Schwefelwolke ein, die so kompakt war, dass sie stellenweise nicht mal die Hand vor Augen sehen konnten. Hätte sie nicht das Seil miteinander verbunden, wäre der eine oder andere wohl in Panik geraten.

Marceau kam nur noch Fuß vor Fuß voran. Da er nichts mehr sah, musste er sich allein auf seinen ausgeprägten Tastsinn verlassen. In den dicken Schuhen hatte er allerdings nur wenig Gefühl für die poröse Kraterwand. Sicherheitshalber hatte er beim letzten Haken ein weiteres Seil festgemacht. Er wollte so wenig wie möglich riskieren. Unter seinen Sohlen spürte er eine breite Spalte, die ihm verhältnismäßig sicher schien. Staubkörner und Ascheschlacken rieselten den Hang hinab, als er sein Gewicht verlagerte und sich mit der rechten Hand weitertastete.

Klickernde Kiesel warnten ihn, doch es war bereits zu spät. Mit einem Ächzen brach der Sims und donnerte in die Tiefe.

Marceau brüllte erschrocken auf, als er den Halt unter den Füssen verlor. Seine Finger krallten sich instinktiv ins Gestein, an dessen scharfen Kanten er sich Handschuhe und Hände aufriss, bevor er sich mehrere Meter in freiem Fall dem Schlund des Vulkans näherte. Das Seil am Klettergürtel straffte sich auf einen Schlag, knallte ihn gegen die Felswand und presste ihm die Luft aus den Lungen, stoppte jedoch den Sturz. Er fühlte sich, als würden ihm Rückgrat und Eingeweide auseinandergerissen, obwohl an seinen Sicherungsmitteln eine sogenannte Bremse eingebaut war, die den Fangstoß auffing und diesen auf ein erträgliches Niveau absenkte.

„Santa Madre de Díos!“, schrie Serrano entsetzt, als er plötzlich das zusätzliche Gewicht an seinem Leib spürte und nach vorne gerissen wurde. Intuitiv stemmte er sich mit den Füßen heftig dagegen, um nicht zu Boden gerissen zu werden, und hielt sich von Panik gepackt krampfhaft am Seil fest. Sein Adrenalinspiegel stieg augenblicklich an und trieb ihm die Hitze ins Gesicht und Schweißperlen auf die Stirn.

„Was ist los, amigo?“ Eduardo Domingos Stimme klang verunsichert, weil er in der dicken Suppe nichts sehen konnte.

Serrano antwortete nicht. „Marceau!“, brüllte er, so laut es durch die Maske möglich war, „Marceau, hören Sie mich?“

Es kam keine Antwort. Sekundenschnell legte sich eine lähmende Stille über alles.

Intuitiv erkannte jeder von ihnen die Gefahr und überlegte fieberhaft, was nun zu tun war.

„Marceau! Antworten Sie, Marceau!“, wiederholte Serrano seinen Namen.

„Por todos los diablos!“, fluchte Moreno, der wie die anderen sofort begriff, dass der Schweizer abgestürzt sein musste. Im Gegensatz zu ihnen wusste er hingegen, was er tun musste. „Compañeros, haltet mich fest!“, befahl er knapp.

Eduardo Domingo gehorchte. Während sich Moreno vorsichtig an ihm vorbeischob, drückte er sich so tief wie möglich in die Kraterwand hinein. „Serrano, wo sind Sie?“

„Hier drüben, capitán.“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Angst.

„Nur keine Panik jetzt, compañeros! - Passen Sie auf, Serrano, ich komme!“ Moreno löste das Seil, das ihn mit Domingo verband, und hängte es in den Karabiner an der Wand. „Marceau, wo zum Teufel sind Sie?“ Er überwand seinen Ärger, wusste, dass er nur noch helfen musste. Alles andere war plötzlich unwichtig geworden.

Nur langsam drang Marceau die Stimme ins Bewusstsein. Er schüttelte den Kopf, um klar zu werden. Seine Stirn brannte. „Ich bin hier unten, amigo“, keuchte er und es klang, als gehorchte ihm die Zunge nicht mehr.

„Sind Sie verletzt?“, fragte Moreno.

Einen Augenblick lang blieb es totenstill.

Schließlich vernahm er einen schmerzerfüllten Seufzer. „Ah - ich glaube schon.“

„Also gut.“ Moreno hatte sich am zitternden Guadalupe vorbeigeschoben und erreichte Serrano. „Bleiben Sie ganz ruhig, amigo! Wir ziehen Sie jetzt vorsichtig hoch!“

„Wie wär‘s, wenn Sie runterkommen würden?“, witzelte Marceau, stöhnte aber fast im gleichen Atemzug wieder. „Da ist ein Felsvorsprung. Ein guter Platz für das letzte Gerät.“

„Also gut, ich komme!“ Moreno nahm Serrano bedächtig das letzte Instrument ab, hakte sein Seil am selben Karabiner ein, der Marceau festhielt, und ließ sich dann vorsichtig in die Tiefe gleiten.

„Hola, amigo“, scherzte dieser mit verzerrtem Grinsen, als sich José Moreno an ihm vorbeischob.

Vorsichtig erkundete er erst das Plateau, bevor er sich schließlich darauf niederließ und das Messinstrument installierte. Wenig später war er wieder an Marceaus Seite. „Können Sie sich bewegen?“, fragte er mit einem prüfenden Blick auf die Wunde über der Schutzmaske.

Marceau gelang ein schwaches Nicken. „Ich denke schon. Nur meine Arme fühlen sich schlaff an.“

Moreno fasste den Verletzten kurzerhand um die Taille. „Versucht uns jetzt hochzuziehen, amigos!“, schrie er durch die Nebelsuppe nach oben.

Mit vereinten Kräften brachten sie ihn zum nächsten Felsvorsprung hinauf, zwei Meter neben Serrano.

Philippe grinste aus seiner sitzenden Position die ihn umstehenden Männer etwas verzerrt an. In seinem Schädel hämmerte und glühte eine Asphaltmaschine. Der Schlag gegen den Kopf war ihm nebst der Platzwunde auf der Stirn nicht optimal bekommen.

Moreno lächelte - zum ersten Mal, seit der Schweizer den Auftrag übernommen hatte.

Unter gesteigertem Kraftaufwand, weil sich seine Glieder noch immer halb taub anfühlten, reichte ihm Marceau die Hand. „Vielen Dank, compañero.“

Seine Dankbarkeit war sichtlich ungekünstelt. Trotzdem übersah Moreno hochnäsig die Geste. Stattdessen griff er ihm unter die Achseln und zog ihn hoch auf seine wackeligen Füße. „Wir bringen Sie jetzt besser zum Refugio zurück“, lächelte er zufrieden. „Dort können wir Sie verarzten.“

Marceau ahnte, warum sein Retter so vergnügt war. Durch seine Verletzungen fiel er fürs erste aus, Moreno hatte freie Hand in seinen Entscheidungen. Er konnte seinen Männern wieder Befehle erteilen und die Messgeräte selbst kontrollieren. Aber ihm machte das nichts aus. Immerhin waren sie ein Team - oder versuchten zumindest eines zu sein. Und da seine Geräte nun an den richtigen Stellen platziert waren, war er auch nicht mehr unbedingt der wichtigste Mann im Lager.

***

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Es war der 11. September.

Moreno, Guadalupe und Marceau, der sich von seiner Kopfwunde und den Schürfungen einigermaßen erholt hatte, befanden sich in der Berghütte und beschäftigten sich mit den Messungen der letzten Tage, als das Funkgerät sie aufschreckte. Sie warfen sich beredte Blicke zu. Im ersten Moment dachte jeder dasselbe.

„Mayday, mayday, bitte kommen!“, drang Domingos aufgeregte Stimme verzerrt aus dem Lautsprecher.

Guadalupe, der ihm am nächsten saß, nahm stirnrunzelnd das Mikrofon zur Hand und meldete sich: „Mayday verstanden. Was ist los?“

„Keine Ahnung. Aber könnt ihr uns so schnell wie möglich beim Gletscher abholen? Vielleicht versteht Marceau mehr von dem, was hier passiert!“

Der Junge warf dem Schweizer einen verstörten Blick zu. Der unklaren Antwort war lediglich zu entnehmen, dass wahrscheinlich nicht der Vulkan ausgebrochen, sondern etwas anderes Beunruhigendes passiert war.

Marceau nickte. „Sagen Sie ihm, dass ich in einer Viertelstunde bei ihnen bin.“ Er schlüpfte rasch in seine Alpakakleidung und in die Fellstiefel, während Guadalupe die Nachricht durchgab, streifte die Fäustlinge über und öffnete die Türe.

Die Kälte schnitt ihm ins Gesicht und in den Raum, als er vor die Hütte trat. Die Luft war glasklar und lupenrein und stach beim Einatmen in den Lungen.

An diese lausigen Temperaturen werde ich mich wohl nie gewöhnen!

Draußen war es wider Erwarten bereits dunkel.

Philippe blickte besorgt zum Gletscher hinauf, runzelte die Stirn und stieß einen leisen Fluch aus. Demnach war der Knall, den sie vor wenigen Minuten gehört hatten, eine Wasserdampfexplosion gewesen und der Ruiz ließ in weitem Umkreis Asche und Schwefelpartikel regnen. Es lag so viel Elektrizität in der Luft, dass oben das Kratergebiet taghell erleuchtet war.

Marceau stieg rasch in den Wagen und fluchte erneut, als der Motor nicht auf Anhieb ansprang. Er ließ das Gas aufheulen, der Jeep ruckelte und schlidderte endlich in schnellstmöglichem, durchschüttelndem Tempo krateraufwärts.

Aus der schwarzen Wolke über dem Hang fielen glühende Steinsplitter und Asche auf ihn herunter, die ihm Kleidung und Haut versengten und Brandblasen verursachten.

Serrano und Domingo warteten am Rande des Gletschers auf ihn. Verängstigt kauerten sie, nur halbwegs abgeschirmt, zwischen riesigen überhängenden Felsbrocken und versuchten, mit den Armen Kopf und Nacken vor dem Glutregen zu schützen.

Eduardo Domingo sah auf, als er den Wagen herannahen hörte und stieß seinen jüngeren Kollegen mit dem Ellbogen an. „Er ist da, amigo“, sagte er. In seiner Stimme schwang Erleichterung mit.

Vázquez Serrano drehte sich um und dankte dem Himmel, dass sein Stoßgebet erhört worden war, indem er sich bekreuzigte.

Marceau hielt den Wagen mit laufendem Motor auf der Anhöhe neben den beiden an und wartete auf sie. Selbst hier, mehrere hundert Meter vom Krater entfernt, war es noch immer so hell, dass er die furchtsam verzerrten Gesichter und schreckgeweiteten Augen erkennen konnte. „Hola, amigos!“, rief er mit schwärzestem Galgenhumor, obwohl selbst ihm, dem Vulkankenner, die Situation nicht mehr recht geheuer war.

Mit vor Kälte und Angst steifen Gliedern erhoben sich die beiden Wissenschaftler mühsam und wankten auf den Wagen zu.

„Gracias, Marceau. Sie sind unsere Rettung!“, keuchte Domingo.

Und Serrano doppelte nach: „Por la sangre de Cristo, ich dachte schon, das sei das Ende!“

Beide ließen sich wie Mehlsäcke auf die hinteren Sitze fallen.

„Kein sehr gemütlicher Ort, nicht wahr?“ Marceau grinste, doch er verstand ihre Panik in dieser Situation nur zu gut. So nah dran musste man ja annehmen, der erwartete Ausbruch finde soeben statt. Er konzentrierte sich wieder nach vorn und auf den Wagen, gab Gas, hebelte an seinem Gangknüppel herum, setzte wie ein Gehetzter mehrmals vor und zurück und wendete den Jeep auf engstem Raum, um von hier wegzukommen.

Unverzüglich machten sie sich auf den Rückweg. „Wie weit seid ihr gekommen?“, fragte er nach einer Weile, als der Glutregen durch die Entfernung merklich nachgelassen hatte und ein Gespräch einigermaßen wieder möglich schien.

„Wir waren unten, als das Feuerwerk losging und sich die Hölle unter uns auftat“, schnaufte Eduardo, der sich nach vorn zum Fahrer beugte, um von diesem besser verstanden zu werden, und fuhr sich mit dem versengten Handrücken über die rußgeschwärzte Stirn.

Marceau versuchte aus Höflichkeit halbwegs den Kopf zu drehen, was bei dieser Kein-Weg-Fahrt schon fast kriminell war. „Wie sehen die Resultate der Messungen aus?“

Serrano war vor Schreck immer noch kreidebleich und schwieg, weil er noch halb im Schock verharrend keine Worte aus seinem Zustand heraus fand.

„Sie sind noch weiter angestiegen“, sagte Domingo sichtlich um Fassung bemüht. „Und das drastisch.“

Marceau nickte. „Das habe ich mir gedacht. - Und sie werden weiter steigen.“

„Dann ist er nicht wirklich ausgebrochen?“

Der Schweizer schüttelte ob der entgeisterten Frage amüsiert den Kopf. „Natürlich nicht, Serrano. Sonst befänden wir uns hier an einem denkbar ungemütlichen Ort!“ Sein Lachen klang gar nicht ermutigend.

Domingo fuhr sich mit den Fingern durch das wirre Haar. Mit gerunzelter Stirn fragte er: „Was zum Teufel war es dann?“

„Nur eine Wasserdampfexplosion. Allerdings eine sehr effektvolle. So etwas habe selbst ich noch nie erlebt. - Aber ein Ausbruch ist anders.“

„Noch effektvoller, was“, feixte Domingo.

Marceau nickte. „Das kann man wohl sagen!“

„Ich möchte zurück nach Hause“, murmelte Vázquez Serrano blass. Der Schock bebte in seinem Körper nach.

Eduardo Domingo nickte. „Wir gehen bald nach Hause, Junge“, betonte er sanft.

Marceau fügte hinzu: „Wir werden Kriegsrat halten. Ich meine auch, dass es besser ist, das Refugio zu verlassen.“

„Und die Messgeräte? Wann sollen wir die zurückholen?“

„Das erledige ich schon. Ich werde mich in Manizales einquartieren und sie regelmäßig kontrollieren. Bis in ein paar Tagen wissen wir wahrscheinlich mehr.“

Domingo stieß vor Erleichterung einen Seufzer aus. „Ich muss zugeben“, gestand er leise, „dass ich heilfroh bin, diesen ungemütlichen Ort zu verlassen. Por Díos, ich bin ja vieles gewohnt, aber hier könnte selbst ich das Fürchten kriegen.“

***

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Beunruhigt blickte Philippe Marceau auf die braune Aktenmappe auf seinen Knien. Mit einer fahrigen Handbewegung strich er sich das strähnige Haar aus der Stirn.

Nachdem er noch eine Woche lang jeden Tag zu seinen Messgeräten gefahren war, hatte er schließlich seine seismographischen Messungen am Krater aus Gründen der Vorsicht vorzeitig beendet. Doch was er den Behörden mitteilen konnte, war nicht viel. Seine Ergebnisse befriedigten ihn nicht. Trotzdem gab es an den Resultaten nichts zu deuteln. Er fragte sich, ob man ihnen Glauben schenken würde. War dieser Senator überhaupt willens, sein Problem zu verstehen?

Er saß im kahlen Vorzimmer des Senators auf einem der harten Plastikschalensessel dessen Empfangsdame oder Sekretärin gegenüber. Hilfesuchend warf er einen Blick zu ihr hinüber, während sie mit emsigen Fingern auf ihrer Maschine herum tippte.

Als hätte sie sein Unwohlsein gespürt, hob sie den Kopf, fing seinen Blick auf und zuckte entschuldigend die schmalen Schultern.

Sie ist eine hübsche Frau, dachte er völlig zusammenhanglos.

Das kastanienbraune Haar war im Nacken kurz geschnitten und fiel ihr als Pony in die Stirn.

„Tut mir leid, señor Marceau. Ich sagte Ihnen ja schon, der Ausschuss hat sich verspätet. Der senador muss jeden Augenblick kommen.“

„Schon gut.“ Mit einem unwilligen Schnaufen winkte er beschwichtigend ab. Am liebsten wäre er aufgestanden und davongelaufen. So sehr er seine Arbeit liebte, genauso wenig wie Schreibtischarbeit war die Information der Kunden über die erzielten Ergebnisse nicht sein Ding. Nervös tippte er mit den Fingerspitzen auf das Leder seiner Aktenmappe.

Endlich hörte er eine Türe gehen. Ein Seufzer der Erleichterung, dass das Warten ein Ende hatte - oder war es ein Seufzer der Angst? - entrang sich seiner Brust.

Schwere Schritte näherten sich auf dem Korridor.

Er erhob sich langsam, die Mappe wie zum Schutz als Schild vor der Brust.

Der Mann, der mit ausgestreckten Armen auf ihn zukam war wenig kleiner als er selbst und trug einen maß gefertigten Nadelstreifenanzug. Der Senator war eine stattliche Erscheinung, die wohl jedem Besucher einen gewissen Respekt abverlangte. Schlohweißes Haar umrahmte ein kantiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und weit auseinanderstehenden, nussbraunen Augen.

In seiner Überschwänglichkeit packte er den fassungslosen Marceau mit beiden Händen an den Schultern und rüttelte ihn, so erleichtert war er, den Schweizer Wissenschaftler endlich mit Bericht bei sich zu haben. „Bienvenido, willkommen, señor Marceau. Ich bin senador Hisado“, stellte er sich vor, bevor er von ihm abließ und die Rechte zum Gruß ausstreckte.

Marceau lächelte nach dem Überfall nun ebenfalls. Die Herzlichkeit des Mannes überraschte ihn. „Buenos días, senador. Ich danke Ihnen dafür, dass ...“

Hisado winkte hastig ab. „Bueno, bueno. Ich freue mich, Sie endlich persönlich begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie hatten während Ihres bisherigen Aufenthaltes in meinem Land keinerlei Unannehmlichkeiten?“

„Nein, nein, keineswegs“, beeilte er sich kopfschüttelnd zu versichern.

„Muy bien. Kommen Sie, gehen wir in mein Büro. Dort können wir in Ruhe über alles reden.“ Er legte Marceau die Hand auf den Arm und führte ihn in seinen Arbeitsraum hinüber.

Der Boden war mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, die Wände bestanden aus dunklem Holz, an denen Porträts von Kolumbiens Staatsmännern, Departementsflaggen und eine große Staatsfahne hingen. Auf dem schweren Schreibtisch stapelte sich jede Menge Papierkram. Davor standen drei breite Ledersessel.

Hisado drückte seinen Gast in den nächststehenden nieder. „Nehmen Sie Platz und machen Sie es sich bequem, señor Marceau.“

Dieser kam der Aufforderung dankbar nach und streckte die Beine aus. „Gracias.“ Er fühlte sich noch immer nicht recht wohl. Bevor er nicht wusste, wie der Senator die Nachricht aufnahm, konnte er sich nicht entspannen.

„Möchten Sie einen Drink, señor?“

Marceau drehte sich im Sessel herum.

Hisado stand an einer Hausbar, die aus lauter Spiegeln bestand, und hielt ein Glas mit Eis in der Hand. „Sie sind in Gedanken, Marceau“, bemerkte er lächelnd, den verkrampften Gesichtsausdruck richtig deutend.

Philippe nickte verlegen. „Sí, senador. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“

„Was möchten Sie trinken?“, wiederholte Hisado geduldig seine Frage.

„Whisky-Soda bitte, mit Eis.“ Marceau spürte, wie die Nervosität in ihm wuchs. Wenn er doch nur endlich loswerden könnte, was ihm auf dem Herzen lag!

Der Senator trat heran und reichte ihm das Glas.

„Vielen Dank.“

Hisado schwenkte seins. Das Eis klirrte leise, während er den Fremden mit ernsten Augen musterte. „Sie sehen nicht gut aus, Marceau“, stellte er unverblümt fest. „Sind Sie krank oder haben Sie schlechte Nachrichten?“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Marceau bemühte sich krampfhaft um ein Lächeln.

Hisado hob sein Glas. „Lassen Sie ihn nicht zu kalt werden, Marceau“, lenkte er ab.

Philippe war ihm für seine Umsicht dankbar. Er rollte den Whisky auf der Zunge, ließ ihn durch die Kehle rinnen und hatte dabei Gelegenheit, seine Gedanken zu ordnen. Schließlich räusperte er sich. „Wir hatten die Aufgabe, Resultate über den Nevado del Ruiz zu sammeln.“ Er beugte sich nach vorn, stellte das Glas auf das dunkle Holz der Schreibtischplatte, setzte sich zurück und entnahm seiner Aktenmappe die Unterlagen, die er mit seinen Leuten erarbeitet hatte.

Daraufhin räusperte er sich erneut und fuhr unbehaglich fort: „Wir haben mit verschiedenen Geräten Messungen gemacht und sind mit allen zum selben Resultat gelangt: sie weisen eindeutig auf ein Ansteigen der Aktivität hin. Mit unseren Seismographen und geodätischen Instrumenten können wir leichteste Beben aufzeichnen und den Druck des steigenden Magmas messen, so dass wir heute eine recht genaue Aussage über den Zustand von Vulkanen machen können. - Wie gesagt ist der Druck im Steigen begriffen. Der Ruiz wölbt sich langsam auf wie der Bauch einer schwangeren Frau.“

Er hielt in seinen Erläuterungen inne. Nervös beugte er sich nach vorn, um sein Glas wieder zu angeln. Ob der Senator ihm folgen konnte?

Dieser rieb sich nachdenklich die Stirn, während er nervös auf und ab wanderte, bis er schließlich abrupt stehen blieb. „Also doch ein Ausbruch, nicht wahr?“, fragte er.

Marceau nickte. „Das Magma steigt. Auch das Magnetfeld um den Vulkan hat sich verändert. Das bedeutet tatsächlich, dass wir mit einem Ausbruch rechnen müssen.“ Er stieß den Atem scharf durch die Nase und wartete auf die verhängnisvolle Frage, die jetzt kommen musste. Rasch nahm er einen Schluck Whiskey, um sich zu beruhigen.

Hisado stellte sie ohne Umschweife. „Wann wird der Ausbruch stattfinden?“

Marceaus Mut sank. Er seufzte. „Genau vor dieser Frage habe ich mich gefürchtet“, gab er unumwunden zu, „weil ich die Antwort nämlich nicht weiß.“ Trotzdem hielt er dem verwirrten Blick des Senators ruhig stand.

„Und Ihre Messungen?“

„Sind alle richtig und eindeutig“, beteuerte er nickend. „Es gibt nur ein Problem: Der Ruiz gehört zu den explosiven Gastypen und ist daher unberechenbar. Er kann morgen ausbrechen oder erst in einem Monat. Ganz sicher kann man bei solchen Vulkanen nie sein. Aber es wird zu einem Ausbruch kommen, ganz ohne Frage - nur weiß ich leider nicht wann! Zusätzlich erschwert dadurch, dass wir die Messungen aus Gründen der Vorsicht und Vernunft vorzeitig abbrechen mussten, bevor uns oder den Geräten etwas geschieht, ist die Nennung eines Datums schlichtweg unmöglich! - Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann.“

Er fühlte sich nicht gut. Obwohl er nichts dafür konnte, bewirkte Hisados Mimik in ihm ein schlechtes Gewissen, als hätte er seinen Job nur halb und nicht richtig erledigt.

Hisado stürzte den Rest Whisky hinunter und schenkte sich nochmals ein. Obwohl ihn diese Information nicht unvorbereitet traf, sondern seine Befürchtungen bestätigte, stellte sie ihn vor ernsthafte Probleme. Kein sicheres Datum für den Ausbruch! Ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt. Das würde ein hartes Tauziehen mit dem Senat werden! Wenn das nur gut ging!

„Und was schlagen Sie als Experte mir jetzt vor?“, fragte er schließlich, sich seinem Gast wieder zuwendend. „Ich meine, immerhin sind Tausende von Menschen im Einzugsgebiet des Ruiz in Gefahr!“

Marceau nickte. „Den Statistiken von 1973 zufolge haben Sie schlimmstenfalls mit über 30‘000 Todesopfern zu rechnen - jedenfalls wenn der Ausbruch für die Bevölkerung überraschend kommt.“

„Sagen Sie mir, was ich tun soll!“, murmelte Hisado unglücklich. „Die Aussage ist zu ungewiss!“ Er verwarf hilflos die Hände. „Eine Evakuierung ist bei unseren knappen Mitteln schlichtweg unmöglich!“

„Nun, damit haben Sie die beste Variante schon vorweggenommen, senador.“ Marceau blickte ihn bedauernd an. „Es wäre aber möglich, im gefährdeten Gebiet ohne großen Aufwand ein paar mit Funk ausgerüstete Beobachtungsstationen und dazu Sirenen aufzustellen. Diese Maßnahmen wären ziemlich effizient. Eine Warnung im Radio zu senden halte ich zudem auch nicht für schlecht.“

Senator Hisado nickte. Die Erleichterung war ihm anzusehen. „Das werde ich tun!“, sagte er.

Das war etwas, das er selber in die Hand nehmen und entscheiden konnte. Die Beobachtungsstationen hingegen waren Sache des Senats, weil sie Staatsgelder beanspruchten.

„Die Sitzung des Untersuchungsausschusses findet leider erst in ein paar Tagen statt.“ Mit schnellen Schritten trat er an den Schweizer heran. „Glauben Sie, dass wir noch so lange Zeit haben?“

Marceau zuckte die Achseln und stand, seine Papiere auf der Akte liegend und das Glas in der Hand, aus seinem Sessel auf. „Zeit ist etwas, das Sie bei einem drohenden Vulkanausbruch nie haben. - Tut mir leid, sendor, ich bin weder Hellseher noch der liebe Gott. Aber wie gesagt, Sie befinden sich wirklich in einer Notlage.“

„Sí, lo sé, das weiß ich.“ Hisado verwarf gestikulierend die Hände und nickte heftig. Mit einer plötzlich müde erscheinenden Bewegung wischte er sich danach den Schweiß von der Stirn und lehnte sich am Schreibtisch an. Er durfte gar nicht an den kommenden Dienstag denken, wenn er Senator Aguilera und dessen Emporkömmlingen gegenübertreten musste!

Für Marceau sah er aus, als hätte ihm jemand die Luft raus gelassen.

„Würden Sie mir freundlicherweise Ihre Unterlagen für den Ausschuss zur Verfügung stellen, señor Marceau? Die Landesregierung wird am ehesten mit Fakten zu überzeugen sein.“

„Ich habe Ihnen eine Durchschrift gemacht, die Ihnen zur freien Verfügung steht.“ Um das Glas wieder abzustellen, beugte Marceau sich an ihm vorbei, dann nahm er die darauf liegende Kopie von seiner Mappe und reichte sie Hisado.

Dieser blätterte sie durch, während Marceau rasch seinen Whiskey austrank. Es wäre schade und auch unhöflich gewesen, ihn stehenzulassen. Zudem bewirkte der Alkohol eine zusätzliche, leichte Beruhigung seiner Anspannung, die sich nach dem Loswerden seiner ungenauen Nachricht nach und nach einstellte.

Während Hisado zum Schluss des kleinen Stapels kam, stellte Marceau die Aktenmappe auf den Sessel, zog den Reißverschluss zu und drehte sich nach ihm um. Er deutete auf seine Arbeit. „Damit haben Sie alle Unterlagen, die es uns möglich war zu erarbeiten. - Ich weiß, es ist nicht viel und nicht das, was Sie erwartet haben, aber ich versichere Ihnen, dass der Ausbruch stattfinden wird! Dafür gebe ich Ihnen eine hundertprozentige Garantie! - Damit wäre jetzt wohl alles gesagt“, meinte er. Er war froh, dass seine Aufgabe hiermit erledigt war und reichte Hisado zum Abschied die Hand.

Der Senator erwiderte den festen Händedruck. „Señor Marceau, haben Sie vielen Dank für Ihre Mitarbeit.“ Mit der Hand in seinem Rücken geleitete er ihn aus dem Büro. „Ich versichere Ihnen, ich werde mich persönlich darum kümmern, dass die Bevölkerung gewarnt wird. Den Rest müssen wir leider dem Senat überlassen. Hasta luego, señor Marceau.“ Er gab dessen Hand erst an der Türe frei.

Dieser spürte, als er sich nochmals zu ihm umdrehte, dass Hisado alles andere als zuversichtlich war. „Viel Glück, senador. Sie sollten den Untersuchungsausschuss vor allem über die topographische Lage des Ruiz aufklären und über die verheerenden Folgen, wenn die Lava den Gletscher abzuschmelzen beginnt. Das müsste die Herren eigentlich überzeugen“, versuchte er ihn aufzumuntern.

Hisado nickte erfreut über den seiner Meinung nach vielleicht wichtigen Hinweis. „Sí, das werde ich tun, señor Marceau. - Als könnten Sie Gedanken lesen. Sie haben genau auf die Frage geantwortet, die mir auf der Zunge brennt.“ Er schien verblüfft.

Marceau lächelte vage. „Wer weiß ...“, sagte er und nahm seinen Hut.

***

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Drei Tage nach Marceaus Unterredung in Senator Hisados Büro hatte sich der Untersuchungsausschuss im Regierungsgebäude in Bogotá versammelt. Der Präsident war nicht anwesend, was Hisado sehr bedauerte.

Es war kein schöner Tag. Der Himmel war mit dicken, grauen Wolken verhangen und es sah nach Regen aus. Deutlich konnte man das Nahen des Winters spüren. Der Konferenzraum war geheizt. Der Ofen strahlte eine angenehme Wärme ab. Außer einem großen, runden Tisch und mehreren mit Leder bezogenen Stühlen gab es im Sitzungszimmer keinerlei Möbelstücke. An den Wänden hingen ein paar Bilder. Obwohl sich ein großes Fenster an der Seite befand, drang nur spärlich Licht durch den dicken Vorhang, so dass es nötig war, die Deckenbeleuchtung einzuschalten. Ein einzelner, großer Gummibaum lockerte die Strenge etwas auf.

Das Neonlicht von der Decke lag schattenlos auf den Männern in der Runde. Bereits waren die meisten Traktanden vom Tisch. Es ging nur noch um den kritischsten Punkt.

Gut ein Dutzend Augenpaare hefteten sich auf Hisados Lippen und seine Unterlagen, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. „Señores“, begann er mit seiner leisen, melodischen Stimme zu sprechen und sofort richteten sich alle Blicke auf ihn. „Kommen wir zum letzten Traktandum. - Sie alle wissen, dass der Schlafende Löwe seit geraumer Zeit wieder aktiv ist. Bei unserem letzten Gespräch im August ging es darum, um Hilfe von ausländischen Experten zu ersuchen. In der Zwischenzeit hat uns die ETH Zürich einen ihrer Vulkanologen zur Verfügung gestellt.“ Er unterbrach sich, um die Mienen der Senatoren von seiner stehenden Warte aus von oben herab zu beobachten.

Die meisten wirkten ziemlich teilnahmslos. Humberto Aguilera blickte sogar gelangweilt zum Fenster hinaus.

Hisados Kieferknochen knackten, weil er sie so fest aufeinander presste, und in Gedanken ballte er die Hand zur Faust. Dieser arrogante Hurensohn!

Humberto Aguilera war beinahe 20 Jahre jünger als er und sein Schädel fast kahl, nur ein schmaler Kranz zeugte von ehemals dichtem Haar. Trotz perfekt sitzendem Anzug schien er keinen Hals zu besitzen, da das fleischige Gesicht und der gewölbte Brustkorb übergangslos verschmolzen. Er war für die meisten, die es mit ihm zu tun bekamen, ein unsympathischer Typ. Auf seiner steilen Karriereleiter hatte er alle hinter sich gelassen, die ihn jemals hätten nett finden können. Rücksichtslos steuerte er auf seine Ziele zu und ging selbst über Leichen, wenn er es für nötig befand.

Auch über 30‘000 Leichen?, fragte sich Hisado im Stillen.

„Vor drei Tagen ist die Expertise endlich eingetroffen. Ich habe Ihnen die Unterlagen der Untersuchung gleich mitgebracht.“ Er ging herum und begann sie zu verteilen, verschwieg vorsichtshalber jedoch, dass die Untersuchung aus Gründen der Sicherheit vorzeitig hatte abgebrochen werden müssen. „Bitte, señores“, sagte er, während er auf seinen Platz zurückkehrte, „sehen Sie sich die Resultate gründlich an. - Laut señor Marceau, dem ausländischen Experten, wird der Ruiz in Kürze ausbrechen. Es ist nun an uns zu beraten, wie die Bevölkerung am besten geschützt werden kann.“

Esteban Olinda hob den Kopf von der Abschrift und nahm ihn mit kritischem Blick ins Visier. „Wann soll denn dieser Ausbruch stattfinden?“, erkundigte er sich mit seiner sonoren Stimme scheinbar interessiert.

Senator Hisado spürte einen dicken Kloß in der Kehle. Er hatte die verhängnisvolle Frage nicht so früh erwartet. „Nun, bevor ich Ihnen diese Frage beantworte, mein lieber Esteban, möchte ich Ihnen gern die topographische Lage des Vulkans beschreiben und die Besonderheiten erklären ...“

„Darüber wissen wir Bescheid! Wir haben schließlich alle mal eine Schulbank gedrückt!“, griente Humberto Aguilera bösartig.

Hisado nickte. „Aber wissen Sie auch, was im Falle eines Ausbruches passieren wird? Und wie und warum es geschieht?“ Er hob den Tonfall beider Satzenden in die Höhe und ließ die Sätze mit hochgezogener Augenbraue in der Luft stehen.

Doch Senator Aguilera schwieg. Stattdessen schossen seine hellen Augen Giftpfeile auf seinen Gegner ab.

Dieser lächelte nur. „Also, señores, wie Sie aus dem eben erwähnten Geographieunterricht wohl noch wissen werden, ist der Gipfel des Ruiz von einem Gletscherkragen umgeben. - Sehen Sie sich bitte Ihre Unterlagen an, dann begreifen Sie vielleicht, warum der Vulkan so gefährlich ist.“

Während einige Männer in ihren Berichten zu blättern begannen, zischte Aguilera ärgerlich: „Da Sie es ja so gut wissen, Hisado, erklären Sie es uns doch!“

Dieser nickte, obwohl er sich als Gegner von Aguilera nicht wohl fühlte. Doch er würde sich mit unnötigen Toten auf dem Gewissen weit mehr belastet fühlen. „Im Versuch das zu tun, wurde ich gerade von Ihnen unterbrochen, Aguilera!“, konterte er, doch er begann schon leicht vor Nervosität zu schwitzen. „Laut dem Gutachten ist der Ruiz unberechenbar! Das heißt, es fließt nicht nur Lava aus, wie man das von anderen Vulkanen her kennt, sondern er speit über tausend Grad heiße Asche kilometerweit in die Luft. Selbst wenn der Ausbruch des Ruiz an einer Flanke stattfindet, wird der Glutregen riesige Eismengen abschmelzen!“

Aguilera schleuderte seinen rechten Arm wie eine Waffe durch die Luft. „Das ist doch völlig aus der Luft gegriffen!“

Hisado schüttelte heftig den Kopf. „Ist es nicht! - Erinnern Sie sich bitte an 1845! So wie damals wird die Lava das Bett des Gletschers auffüllen und das Eis schmelzen! Beides wird sich zu einer Schlammlawine verbinden, die mit über 100 Stundenkilometern zu Tal donnern kann! - Da Sie, wie gesagt, die topographische Lage kennen und wissen, wie eng die Täler rund um den Ruiz sind, können Sie sich bestimmt vorstellen, dass eine solche Lawine wie der Schlitten auf einer Bobbahn ins Tal rasen wird!“

Aguilera reckte seinen Unterkiefer gegen ihn. „So ein Unsinn, Hisado! Wie ein Schlitten auf einer Bobbahn! Bleiben Sie ernsthaft bei der Sache und machen Sie keine Witze! - Zudem sehe ich nicht ein, was Ihre Ausführungen mit unserem Traktandum zu tun haben sollen!“, warf er danach mit halbgeschlossenen Lidern scheinbar gelangweilt ein. „Der Ruiz hat doch nur ein wenig gehustet!“

Hisado fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung nervös durchs Haar. „Genau! Und deshalb dienen meine Ausführungen dazu, das Hauptthema besser verständlich zu machen, senador!“, gab er unwillig aber dennoch fast liebenswürdig zurück.

„Fahren Sie fort, por favor“, forderte ihn Esteban Olinda auf.

Hisado warf ihm einen dankbaren Blick zu und fuhr gewissenhaft fort: „Nach den letzten Statistiken leben 3‘000 Menschen in Mariquita. In den umliegenden Dörfern und Ortschaften Murillo, Líbano, Ambalema, Chinchiná, Villa Hermosa und Casabianca sind es ingesamt rund 45‘000. - Wenn es zum Ausbruch kommt, müssen wir mit großer Wahrscheinlichkeit mit über 30‘000 Todesopfern rechnen! - Die Zahl beruht auf einer groben Schätzung.“

Aguilera spielte mit dem Füllfederhalter; er hatte sich in seinem Sessel weit zurückgelehnt und verzog überlegen grinsend seinen dünnlippigen Mund. „Sie sagen immer falls und wenn es zum Ausbruch kommt, Hisado. Wird es denn überhaupt einen Ausbruch geben? So mit Donner und Getöse und all dem?“

Hisado spürte, wie kalter Schweiß aus seinen Poren trat. Langsam nickte er. „Sí!“, keuchte er, „es wird einen Ausbruch geben! Alle Messungen, die die Wissenschaftler durchgeführt haben, weisen auf einen baldigen Ausbruch hin!“

„Dann möchte ich aber jetzt gerne wissen, wann dieser Ausbruch denn stattfinden wird. Schließlich möchte ich mich vorher in Sicherheit bringen.“

Allgemeines Gelächter, wie bezweckt, war die Folge.

„Ich meine, immerhin geht es darum, unseren ohnehin knappen Finanzhaushalt nicht noch zusätzlich zu belasten!“

„Aguilera, Sie sind unmöglich!“, zischte Hisado vorgebeugt. „Es geht um abertausend Menschenleben!“

„Sie sagten doch selbst, dass es nur eine Schätzung sei ...“ Humberto Aguilera grinste boshaft. „Wann, Hisado? Wann?“

Der Senator sank auf seinen Sessel zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Langsam schüttelte er den Kopf. „No lo sé! Ich weiß es nicht. Die Datenerhebung musste aus Sicherheitsgründen vorzeitig abgebrochen werden, so dass uns die Experten keinen genauen Termin nennen können. Der Ruiz kann heute schon ausbrechen, oder morgen. Vielleicht aber auch erst in zwei, drei Wochen. Doch immerhin bestätigt die Expertise die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Ausbruchs.“

„Zwei, drei Wochen?“ Aguilera runzelte die Stirn und beugte sich mit seiner feisten Gestalt nach vorn wie ein Lehrmeister über seinen dummen Schüler. „Wissen Sie, was das kostet, 30‘000 evakuierte Menschen so lange zu versorgen, Hombre? - Und was die verschlingen werden!“

„Natürlich ist mit einer Evakuierung nicht zu rechnen“, gab Hisado mit einem Nicken müde zu.

„Bueno“, konstatierte Humberto Aguilera gemütlich gestikulierend und lehnte sich wieder in seinen Sessel zurück. „Dann ist damit ja wohl alles gesagt und ich bin der Meinung, dass wir hier die Sitzung schließen sollten“, versuchte er mit harter Uneinsichtigkeit und Arroganz zu bestimmen.

„Aber wir sind mit unserer Unterredung doch noch gar nicht zu Ende!“, protestierte Hisado entnervt, während Aguilera verächtlich den Kopf schüttelte.

„Was wollen Sie denn noch? - Nachdem die Bevölkerung von Ihnen bereits durchs Radio gewarnt worden ist und der Ausschuss eine Evakuierung verworfen hat, gibt es doch darüber nichts mehr zu sagen!“, bemerkte Alfonso Sánchez, ein junger, gutaussehender Mann, der hinter Aguilera die Karriereleiter auf dieselbe Weise zu erklettern versuchte.

Hisado hieb wütend mit der Faust auf den Tisch. „O sí, naturalmente! Natürlich gibt es dazu noch etwas zu sagen, señores! Und selbstverständlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten, um für den Ernstfall gewappnet zu sein!“ Seine Augen funkelten vor Zorn über die Uneinsichtigkeit seiner Mitregenten und über die Verharmlosung dieses äußerst schwerwiegenden Themas.

„Dann klären Sie uns bitte darüber auf.“ Der das sagte, war kein Geringerer als der Vizepräsident.

Hisado war froh, dass er gegen Aguilera endlich Schützenhilfe erhielt. Spät zwar, aber zum Glück nicht zu spät. Etwas ruhiger fuhr er fort: „Es gibt noch die Möglichkeit, ein paar mit Funk ausgerüstete Beobachtungsposten im gefährdeten Gebiet aufzustellen. Und vielleicht auch ein paar Sirenen. Der Aufwand wäre sehr gering und der Erfolg ziemlich sicher.“

Aguileras Augen glitzerten kalt. „Machen Sie sich doch nicht lächerlich, Hisado! Ihr Mann kann keinen vernünftigen Termin für den sogenannten Ausbruch nennen! Seit Jahrhunderten lebt hier die Bevölkerung mit der Angst vor einem Ausbruch - bisher ist nie etwas passiert! - Ich halte Ihre Vorsichtsmaßnahmen für reine Wahlpropaganda!“

Hisado wurde blass und fühlte sich von der Last seiner Bürde niedergedrückt. Er beugte sich nach vorn, stützte beide Hände auf der Tischplatte auf und nahm seinen Widersacher mit durchdringenden Blicken ins Visier, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. „Por Díos, Aguilera, sind Ihnen 30‘000 Tote so egal? Sind Sie so verdammt abgebrüht, dass es Ihnen gelingt, mit einem solchen Vorwurf noch ruhig zu schlafen?“

Dieser lächelte ihn mit kalten Killeraugen unverblümt an. „Ich habe ein absolut reines Gewissen. Ich brauche keine Werbung, um wiedergewählt zu werden. - Und Sie, Hisado?“

Der Stachel drang tief. Nicht nur sein Stolz wurde verletzt, sondern auch seine Ehre. Hisado merkte, dass ihm die Zügel langsam aber sicher entglitten. Hauptthema war nicht mehr der Vulkanausbruch, der laut Aguilera gar nie stattfinden würde, sondern nur noch ihre Wiederwahl im nächsten Jahr. Aguileras Unterstellung war eine abgefeimte Lüge, doch sie erreichte den Zweck der Ablenkung vollkommen.

Trotz allem erhob sich Hisado und versuchte es nochmals: „Gesetzt den Fall, meine Wissenschaftler haben recht und Sie unrecht - was dann?“

Aguileras Augen blitzten. Mit einem gleichgültigen Schulterzucken antwortete er: „Dann ist immer noch Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. - Was halten Sie davon, señores?“, wandte er sich um Beistand heischend an die schweigende Mehrheit der Runde. „Sind Sie nicht auch meiner Meinung, dass dieses Gespräch zu nichts führt?“

Hisado nickte. Er fühlte sich hilflos wie noch nie in seinem Leben. „Also gut, Aguilera! Sie haben recht, mit Ihnen zu diskutieren führt zu nichts! Aber lassen Sie uns diese Sitzung auf vorgeschriebene Weise schließen. Ich verlange im Mindesten eine faire Abstimmung, ob ich im Zusammenhang mit dem Schlafenden Löwen noch etwas unternehmen darf oder nicht! - Doch ich hoffe, es ist wirklich jedem von euch klar, wofür er mit seiner Stimme steht! Für eine steile Karriere unter senador Aguileras Führung oder für Zehntausende von bedrohten Menschenleben, die Sie wiederwählen und es Ihnen damit danken werden, dass Sie sich um sie gekümmert haben!“

Aguilera presste die Lippen aufeinander. Er war nicht so dumm, sich vor seinen Amtskollegen gehenzulassen. „Sie erweisen sich selbst einen schlechten Dienst für Ihre Wiederwahl, amigo“, sagte er lediglich selbstsicher.

„Das mag sein.“ Hisado nickte. Er hatte schlagartig zu innerer Ruhe und Abgeklärtheit zurückgefunden. Er war nicht überheblich, er stellte lediglich fest: „Aber vielleicht wird plötzlich Ihr Stuhl wackeln und nicht meiner ... Ich für meine Person werde jedenfalls, falls Sie diesen Punkt verlieren, alles daran setzen, dass Sie Ihren Senatsposten werden räumen müssen!“

Humberto Aguilera knurrte etwas Unverständliches.

„Lassen Sie uns abstimmen, señores!“, verlangte er energisch. Er war mit sich zufrieden, weil er Aguilera die Stirn geboten hatte, doch was das andere betraf, so sah er sich bereits geschlagen. Er packte seine Unterlagen zusammen und bereitete sich auf einen raschen, aber effektvollen Abgang vor.

In der Tat vermochten ihn seine mitregierenden Senatoren durch die Abgaben ihrer Stimmen nicht zu überraschen und es kam - leider - wie er es vorausgesehen hatte.

„Na also!“, kommentierte Aguilera zufrieden. Er stemmte sich aus seinem Sessel in die Höhe und rieb sich die Hände, als hätte er eben einen guten Handel gemacht.

Hisado konnte es sich nicht verkneifen, eine letzte Breitseite abzufeuern. Noch einmal lehnte er sich in belehrender Manier nach vorn und rief allen unwiderruflich ins Gedächtnis: „Ja seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen, dass ihr so ohne weiteres das Todesurteil über Tausende von Menschen fällt? Wollt ihr alle zu Mördern werden?“

„Jetzt ist es aber genug!“, unterbrach ihn Alfonso Sánchez heftig und seine Faust krachte auf den Tisch. „Unsere Entscheidung ist gefallen, also richten Sie sich gefälligst danach, senador Hisado!“

Humberto Aguilera und sein Sesselnachbar hatten sich eben gerade gratulierend die Hände gereicht. Nun drehte er sich, die Hand noch in der anderen verschränkt, halbwegs zu seinem Kontrahenten um, drehte den Kopf noch etwas weiter und nickte ihm mit vor Hohn triefendem Grinsen zufrieden zu.

Hisado erhob sich langsam und verneigte sich würdevoll. „Was Ihr soeben getan habt war falsch! Ich verachte euch dafür, dass Ihr diesem gemästeten, karrieregeilen Emporkömmling vor 30‘000 bedrohten Menschen den Vorzug gebt!“

Mehrere Münder klafften auf, um zu protestieren, doch er überfuhr sie einfach: „Ich beuge mich gezwungenermaßen eurer Mehrheit, doch ich werde diese Entscheidung niemals akzeptieren! - Und Ihr werdet mich nicht daran hindern, die Aufrufe über alle Radiostationen zu wiederholen! Das wenigstens werde ich tun, wenn die Regierung versagt! - Und jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen und zu beten, dass sich die Wissenschaft in ihrer Vorhersage geirrt hat! Ansonsten möchte ich nicht in eurer Haut stecken!“

„Jetzt reicht‘s aber wirklich!“, brüllte Aguilera mit sich überschlagender Stimme ausfallend. Seine fette Faust knallte hinunter, dass nebst dem Tisch selbst der Boden zu wackeln schien.

Hisado klemmte sich seine Unterlagen unter die Achsel und ging unbeeindruckt hinüber zur Türe. Er öffnete sie, drehte sich aber nochmals mit Abscheu in der Miene nach ihnen um. „Mir dreht sich der Magen um ob dieser wohltätigen Regierung, die so einfach bereit ist, über Menschenleben zu verfügen, falls es ihrem eigenen Wohl dient! Ich werde direkt froh sein, nach der nächsten Wahl nichts mehr mit euch zu tun zu haben! Doch die Menschen tun mir leid, denn sie sind es, die es zu spüren bekommen werden! Deshalb würde ich mir fast wünschen, dass etwas geschähe, damit in diesem Senat ein paar Köpfe rollen, die hier offensichtlich nicht hingehören!“

Noch bevor ihm jemand auf diesen unverblümten Angriff kontern konnte, war er mit zwei Schritten verschwunden, und er knallte die Türe des Sitzungszimmers hinter sich ins Schloss. Die Flüche und das nervöse Stimmengewirr, die durch die Tür drangen, beachtete er nicht. Hingegen sein Herz war schwer. Wut und Ohnmacht raubten ihm fast den Atem. Die ganze Verantwortung allein zu tragen überstieg beinahe seine Kräfte.

Langsam verließ er die Residenz.

Nur allmählich beruhigte er sich. Er klammerte sich an den Gedanken, es wenigstens versucht zu haben, doch er wusste, das genügte nicht. Es war lediglich eine minimale Beeinflussung seines schlechten Gewissens und um die Angst zu verwässern.

Aber nebst der Tatsache, dass er Aguilera die Stirn geboten hatte, war da noch etwas anderes, das ihn doch noch mit einer gewissen Genugtuung erfüllte: Er hatte nämlich das ganze unselige Gespräch auf Tonband aufgenommen. Im Falle einer Katastrophe hatte er damit etwas gegen Aguilera und seine Anhänger in der Hand. Zwar würde er sie damit vielleicht nicht aus der Regierung zu kippen vermögen, aber sie würden einen empfindlichen Dämpfer abbekommen.

Angesichts dieser Vorstellung lächelte er wie ein Mann, der trotz aller Widrigkeiten niemals verlieren kann, weil er in sich die Gewissheit trägt, den einzig richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

***

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Nachdem die lokale Defensa Civil unter der Oberleitung der Armee im Departement Calda die Bewohner der umliegenden Gegend auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hatte, die vom Nevado del Ruiz ausging, herrschte anfangs eine fast panikartige Stimmung unter der Bevölkerung.

Von höherer Stelle hieß es, dass besonders die Bewohner der Talböden gefährdet seien. Sie wurden instruiert, im Falle eines Hochwasseralarms die Häuser sofort zu verlassen und hangaufwärts zu eilen, auch wenn man sich natürlich der unleugbaren Tatsache bewusst war, dass mit einem Radioaufruf nie alle Gefährdeten erreicht werden konnten. Gerade wenn es sich um Angehörige der ärmsten Schichten handelte, war eine solche Maßnahme völlig unzureichend.

Obwohl sich in Senator Hisado alles gegen diese Unzulänglichkeit sträubte, wagte er doch nicht gegen den Entschluss des Untersuchungsausschusses zu handeln, zumal er die von Marceau vorgeschlagenen Beobachtungsstationen nicht aus seinen eigenen Reserven zu finanzieren vermochte.

Er hatte den Notstandskommissionen auf regionaler als auch auf nationaler Ebene einen Plan mit diesen und anderen Maßnahmen präsentiert, doch er war nirgends damit durchgekommen. Niemand wollte die Dringlichkeit der drohenden Gefahr richtig ernst nehmen. Schon deshalb nicht, weil seit Marceaus Besuch bereits Wochen ohne irgendwelche Zwischenfälle vergangen waren. Hisado hingegen war nach wie vor felsenfest von der Richtigkeit seiner Angaben überzeugt. Und er wusste, die Folgen würden nicht absehbar sein ...

***

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Der 13. November 1985 war nicht nur von der Zahl 13 her ein Unglückstag - er war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Kolumbiens überhaupt!

In Chinchiná war es ein Abend wie jeder andere und auch im Nachbarort Armero, einer Stadt so groß wie Lugano, ging das Leben wie üblich weiter. Armero war eine reiche, fröhliche Stadt mit Discos und Unterhaltungslokalen, aus denen laute Musik, Stimmengewirr und ab und zu kehliges Lachen oder ein fröhliches Lied drangen. Lichtreklamen und Leuchtschilder blinkten, obwohl es noch früher Abend war. Die Sonne versank soeben hinter den hohen Zinnen der nahen Berge und sandte ihren letzten, verlöschenden Glanz auf die wie Jadefiguren aussehenden Wälder an den gegenüberliegenden Felsmassiven unterhalb des Ruiz.

In den Dörfern, Städten und Weilern der nordwestlichen Kordilleren herrschte trotz der gestauten Hitze reger Betrieb. Tage nach der ersten Radiomeldung hatte die Bevölkerung in ständiger Alarmbereitschaft gelebt. Obwohl die Warnungen vor einem möglichen Ausbruch nach wie vor andauerten, hatte diese Angst nach und nach abgenommen, je mehr Zeit ohne besondere Vorkommnisse verstrichen war. Allmählich lernten die Menschen mit der Gefahr zu leben. Die meisten glaubten schon nicht mehr daran, dass irgendetwas passieren würde. Viele hielten die wiederholten Meldungen für überflüssigen falschen Alarm.

Nur wenige erinnerten sich an die alten Überlieferungen von 1845 und blieben weiterhin wachsam. Sie wussten es besser als die anderen, doch ihre Worte und Mahnungen fanden kaum Gehör.

*

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Der alte, rostige Wagen schleppte sich mühsam über die schlecht ausgebauten Nebenstraßen.

Es war eine Berg- und Talfahrt, vor der sogar den Einheimischen grauste. Die Fahrpiste war voller Schlaglöcher und zeigte die tiefen Radspuren der von Ochsen und Mulis gezogenen Karren, die über das zerklüftete Gebirge unterwegs in die größeren Ortschaften waren, wo die Bauern ihre Gemüse, Zwiebeln und Avocados zu verkaufen hofften.

Der Wagen war ein Vehikel aus dem Zweiten Weltkrieg, rostzerfressen und verbeult, das sich mühsam über die kurvenreichen Straßen zwischen Bambus-, Palmenhainen und Agavendickichten mit ihren schweren, fleischigen Blättern dahinschleppte. Der größte Teil der einst blauen Farbe war verschwunden und dort, wo sie noch zu erkennen wäre, wurde sie von einer dunkelgrauen Staubschicht bedeckt.

Die beiden jungen Menschen in dem klapprigen Gefährt waren von Bogotá her auf dem Weg nach Armero.

Rund um die mittelgroße Stadt - erbaut im Stil der klassischen spanischen Architektur - die in ihren Mauern rund 25‘000 Menschen Geborgenheit gab, wurde zur Hauptsache Ackerbau betrieben. Auf dem Lavaboden gediehen Kaffee, Baumwolle und Getreide wie auch Gemüse hervorragend.

Maola Rubio blickte ihren Mann mit einem Lächeln voll herzlicher Zuneigung an.

Carlos fühlte ihren Blick, wandte ihr das Gesicht zu und lächelte. Aus seinen dunklen Augen leuchtete die Liebe.

Er war ein relativ großer Mann mit einem langen Gesicht und schöner goldener Haut. Mit seinem schwarzen Schnurrbartstrich und einem Pseudobärtchen oberhalb der Kinnkerbe glich er entfernt dem Schauspieler im Film ‟Zorro‟, nur dass er keine Maske trug. Seit sechs Jahren waren sie nun glücklich verheiratet; nur Kinder zu bekommen war ihnen versagt geblieben.

Mit einem leisen Seufzer des Bedauerns dachte er daran, dass ihm die geliebte Frau niemals würde einen Sohn in die Arme legen können. „Te quiero, ich liebe dich, mi amor“, flüsterte er. Carlos legte Maola den Arm um die schmalen Schultern, zog sie an sich und küsste flüchtig ihren Scheitel.

Maola blickte hoch und lächelte sanft. „Ich liebe dich auch“, antwortete sie wahrheitsgemäß und lehnte den schmalen Kopf danach mit der Geste eines Kindes, das Liebe und Schutz sucht, an seine Brust.

Sie war eine schöne Frau und er war mehr als stolz darauf, dass sie die seine war. Mit ihrem bezaubernden Aussehen hätte sie viele andere haben können: einflussreichere Männer und solche mit Geld, doch sie hatte sich für ihn entschieden, weil die Bande ihrer Liebe stärker gewesen waren als alles andere. Er fühlte die Wärme ihres Körpers und schon allein der Gedanke an ihre weichen Rundungen jagte einen heißen Blutstrom durch seine Lenden.

Allmählich wurde die Fahrspur besser. Sie näherten sich Armero. Nach den kurvenreichen Straßen überquerten sie den Río Magdalena, der breit und träge unter ihnen dahinfloss. Das Wasser hatte eine graubraune Färbung, da der Fluss ständig Sand und Erdreich mit sich führte. Dahinter stieg die Straße wieder an.

Einmal begegneten sie einem Bauern auf seinem von einem Ochsen mit weit ausladenden Hörnern gezogenen obst- und gemüsebeladenen Karren. Das lederne Gesicht des Bauern war bronzefarben und er hatte dunkle Mandelaugen. Wie viele Frauen und Kinder in dieser Gegend trug er den charakteristischen, vielfarbigen Poncho und einen dunkelgrünen Filzhut mit einem schmalen, schwarzen Hutband.

Die beiden winkten ihm fröhlich zu, als er gemächlich an ihnen vorbeizog. „Der Arme schwitzt in dieser Hitze bestimmt noch mehr als wir“, sagte die junge Frau mitfühlend.

Carlos nickte leichthin. Auf der freien Fläche zwischen Schnurrbart und Nase glitzerten kleine Schweißtropfen. „Er sehnt sich wahrscheinlich genauso wie ich nach einem kühlen Maisbier, um den Staub hinunterzuspülen.“

„Und nach frischen Tortillas“, fügte sie mit der Zunge schnalzend hinzu.

„Da hast du wahrscheinlich recht. Ganz bestimmt wird uns deine Mutter welche backen.“

„Schließlich weiß sie, dass Tortillas deine Leibspeise sind.“ Maola lächelte und er versank in ein zufriedenes Schweigen. Den Arm noch immer um ihre Schultern gelegt, lenkte er den Wagen nur mit einer Hand.

Die junge Frau blickte zu ihm hoch. „Woran denkst du, Carlos?“, fragte sie mit einem Anflug von Neugier, als sie seinen abwesenden Blick bemerkte.

Er wandte den Blick nicht von der Straße. Doch sie sah ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel spielen, als er ihr vieldeutig erklärte: „Ich dachte gerade daran, dass ich mich noch aus einem anderen Grund freue, endlich wieder zu Hause zu sein.“

Maola zog eine Augenbraue in die Höhe und machte eine Unschuldsmiene. „Und der wäre, querido?“

Er kam nicht darum herum, sein Augenmerk nun doch wieder ihr zuzuwenden. „Als wenn du das nicht wüsstest!“, schimpfte er mit gespielter Entrüstung und verpasste ihr einen sanften Nasenstüber.

Sie lächelte, wölbte die vollen, rosigen Lippen, reckte sich in die Höhe, um ihn zu erreichen und gab ihm einen Kuss. „Und woran denkst du noch?“, fragte sie danach gedehnt.

„Ich habe mich gerade daran erinnert, wie alles mit uns angefangen hat.“ Er grinste sie fröhlich an.

Maola wiegte in Gedanken versunken den Kopf. „Ich habe es auch nie vergessen“, flüsterte sie. Ihre dunklen Mandelaugen strahlten dabei vor Glück. „Ich war noch ein halbes Kind, du warst schon ein Mann. Du setztest dich neben mich an den Fluss, wo ich dem Rauschen des Wassers lauschte und vor mich hin träumte.“

„Ich zeigte dir die schneebedeckten Gipfel der Berge, hinter denen eben die Sonne unterging ...“

„Du hast mir plötzlich den Arm um die Schultern gelegt und gesagt ...“

„... te quiero, mi tesoro, ich liebe dich, mein Schatz“, nickte er. „Sí, das habe ich gesagt. Und du hast dich nicht gewehrt, als ich dich küsste.“ Er lächelte und wartete darauf, dass sie es wieder tat.

Ein verträumter Zug lag auf ihrem Antlitz, als sie sich an seine Brust lehnte. „Ich war wie verzaubert“, gab sie schwärmerisch zu. „Es war einfach zu unglaublich, zu märchenhaft. Ich glaubte noch immer zu träumen.“

„Wir trafen uns jeden Abend am selben Ort.“

„Sí. Und dort habe ich dir mein Jawort gegeben. Wir sind Mann und Frau geworden, noch bevor der Padre uns getraut hat.“ Ihr Lachen war leise glucksend, weil es sie in Erinnerung an dieses erste Mal schwelgend sexuell erregte.

„Bereust du es?“, fragte er sanft, obwohl er sich ihrer Liebe sicher war. Aber er wollte es immer wieder hören.

Sie schüttelte den Kopf. „No. Keine Sekunde davon. Es ist so schön gewesen wie es jetzt ist und ich bin froh, dass der Traum von damals nie aufgehört hat.“

Carlos streichelte zärtlich ihr Gesicht, während er den Wagen über die holprigen Gleise der Eisenbahn lenkte, die zwischen den ersten Häusern Armeros verschwanden. „Er wird niemals aufhören, querida, bis dass der Tod uns scheidet“, sagte er. Seine Stimme klang feierlich und sie wusste, dass er die Wahrheit sagte.

––––––––

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Es dämmerte bereits, als der Wagen die letzte Kurve hinter sich brachte und sie in die Einfahrt zum Hof einbogen. Die Sonne ging glutrot hinter den Bergen unter und sandte ihre letzten milden Strahlen zu ihnen ins Tal.

Das Haus vor ihnen leuchtete im verblassenden Tageslicht mehr rosa als weiß. Es war ein hübsches, mit roten Ziegeln bedecktes Steinhaus. Blühende Bougainvillea, Yaspis und Tamarinden verströmten einen herrlichen Duft und ihre Farbenpracht hob das weiße Gebäude noch hervor. Unter dem schützenden Blätterdach erklang das sanfte Zirpen orange- und schwarzgezeichneter Zikaden. Die letzten Bienen und Hummeln taten sich am Honigtau der schweren Blüten gütlich.

Als die beiden ausstiegen, traten ihnen Maolas Eltern mit ausgestreckten Armen entgegen.

„Niños, Kinder, welche Freude“, lachte Anita Estrada mit Tränen in den Augen. Sie riss zuerst ihre Tochter, dann deren Mann an ihren üppigen Busen und küsste sie herzlich auf Mund und Wangen.

Sie war eine kleine, mollige Frau mit einem rundlichen, immer lächelnden Gesicht. Das blauschwarze Haar hatte sie zu Zöpfen geflochten und zu einem kunstvollen Gebilde aufgetürmt.

Pedro Estrada nahm sich ein bisschen mehr Zeit. Entsprechend der zurückhaltenden Mentalität der Einheimischen vermied er es, seine Empfindungen so offensichtlich werden zu lassen. Er hinkte ganz leicht und seine schmächtige Gestalt hing beim Gehen etwas vornüber. Sein Gesicht war faltig, das Haar schon grau.

Mit der verarbeiteten Rechten nahm er seine Zigarre aus dem Mund. „Hola, ihr beiden“, sagte er, reichte seinem Schwiegersohn die Hand und ließ es zu, dass Maola ihn auf die runzlige Wange küsste.

Ihr Kuss war eine Geste voll herzlicher Zuneigung. Die junge Frau liebte ihren Vater sehr. „Hola, papá. Wie geht es dir?“

Der alte Mann schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Gracias, es geht mir gut, querida. Ihr wart lange nicht mehr hier.“

„Wir waren sehr beschäftigt miteinander“, grinste Carlos entschuldigend.

Anita klatschte vor Freude in die Hände. „Kinder! Gerade erst habe ich zu papi gesagt, es wäre mal wieder Zeit für einen Besuch und nun seid ihr gekommen.“

Maola hakte sich bei ihrem Mann unter und lächelte. „Wir freuen uns auch sehr, wieder daheim zu sein, mamá.“

„Gehen wir hinein, niños“, sagte Pedro Estrada und sie folgten ihm ins Haus.

„Setzt euch hinten auf die Veranda“, schlug Anita vor, während sie sich in die Küche begab, um ihre berühmten Tortillas zu backen.

„Ich helfe dir, mamá.“ Maola löste sich vom Arm ihres Mannes. Wenn sie auch nicht viel zu den Tortillas würde beitragen können, so konnte sie ihr doch wenigstens ein paar kleine Arbeiten abnehmen.

Die beiden Männer schlenderten durch das Haus auf die Terrasse, die einen malerischen Übergang zum Garten bildete.

Sie wurde von einem Baldachin überspannt, über dem ein strohbedecktes Dach den Regen abhielt. Den Stützpfeilern entlang rankten sich schlanke, fruchtige Reben. Im Garten wuchsen nebst Gemüsen verschiedene Obstbäume und hochstehender Zuckermais zwischen den buntesten Blumen, die einen betörenden, herbsüßen Duft verströmten. Schmetterlinge gaukelten im verlöschenden Tageslicht.

Pedro Estrada schaltete die Lampen auf der Veranda ein. Sofort waren sie von summenden Mücken umschwärmt und, vom Licht angezogen, schwirrten die ersten Nachtfalter herum.

Die beiden Männer nahmen in bequemen Schaukelstühlen Platz und begannen sich zu unterhalten. Pedro wollte wissen, wie Carlos mit seiner Arbeit und seinem Chef zurechtkam. Ob ihm sein neuer Job in Bogotá gefalle und wie er sich ihre weitere Zukunft vorstelle und vieles mehr.

Sie wurden nur kurz von Maola unterbrochen, die mit dem Geschirr herauskam und ihnen zwei kühle Becher Maisbier reichte, „Salud“ wünschte und sich dann daran machte, den kleinen Tisch zu decken, die Stühle davor zurechtrückte und wieder verschwand.

Carlos verliebte Blicke folgten ihr. Auf Pedros Gesicht lag ein Ausdruck väterlichen Stolzes.

Als später alle gemeinsam um den Tisch saßen und herzhaft Anitas köstlich duftenden Tortillas zusprachen, kam ein lebhaftes Gespräch über belanglose und erheiternde Dinge in Gang. Vom Garten her zog der Duft der Blumen herauf, den ein sanfter Wind heran wehte, und als dieser einschlief, blieb er noch lange in der Luft hängen.

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Selig vor Wiedersehensfreude bemerkten die vier Menschen die eingetretene Windstille gar nicht. Plötzlich blieben auch die Mücken und Nachtfalter aus. Die Vögel waren verstummt und selbst die Wölfe und wilden Hunde gaben keinen Laut von sich.

Carlos gähnte hinter vorgehaltener Hand, obwohl es noch früh war. Die Strapazen der langen Reise hatten ihn ermüdet, besonders die Augen schmerzten ihn. Er wünschte sich sehnlichst ein weiches Bett und die geliebte Frau neben sich. Er wollte ihren Körper fühlen, die Wärme ihrer glatten Haut. Und er wollte ihr trotz seiner Müdigkeit beweisen, dass er fähig war, ihr die Sterne vom Himmel zu holen.

„Du bist müde, Carlos“, stellte Anita mit einem mitfühlenden Lächeln fest. Ihre schwielige Hand strich durch sein ungebändigtes, schwarzes Haar.

„Sí, mamá.“ Er nickte unter bleischweren Lidern. „Die Reise hat mich etwas mitgenommen.“

Seine Ausrede war jedes Mal dieselbe und die Eltern zeigten jedes Mal Verständnis für seine Unpässlichkeit.

„Na, querida, dann solltest du deinen Gatten besser zu Bett bringen“, meinte Pedro Estrada mit einem vergnügten Zwinkern.

Maola lächelte. „Sí, papá, ich glaube auch, das wäre das Beste.“ Sie erhob sich rasch und schob den Stuhl zurück. „Du entschuldigst mich doch, mamá?“

„Geht nur, niños“, lächelte Anita gutmütig und streichelte rasch die Hand ihrer Tochter, als diese sich über sie beugte und einen herzhaften Kuss auf die faltigen Wangen drückte.

Wenig später waren die Eltern auf der Veranda allein.

Lähmende Stille lastete auf der Umgebung des Vulkans. Die Vögel schwiegen, die Falter und Mücken waren verschwunden und sogar die normalen, nächtlichen Geräusche des Hochlandes waren völlig verstummt.

Doch in ihrer Freude über die Rückkehr der Kinder fiel es den beiden Alten nicht auf. Sie unterhielten sich angeregt und schwelgten in ihren Erinnerungen. Um sie herum herrschte Totenstille.

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Es war 21 Uhr.

Carlos ließ die Hand seiner Frau los und schloss die Schlafzimmertüre.

Maola räkelte sich bereits mit einem zufriedenen Seufzer in den Kissen und blickte zur weißgetünchten Zimmerdecke hinauf. Sie wartete auf ihren Mann.

Er drehte sich langsam herum. Im schummrigen Licht der Deckenbeleuchtung sah er sie auf dem Bett liegen: schön, schlank und begehrenswert. Ihre Gestalt wirkte verführerisch und verfehlte ihre Wirkung auf ihn nicht. Er näherte sich dem Bett und blickte auf die halbnackte Frau nieder. Ihre feuchtschimmernden, leicht geöffneten Lippen bedeuteten ein Versprechen. Sein Atem beschleunigte sich. Carlos schob sich kriechend an ihren Beinen entlang, bis er sich direkt über ihr befand. Seine Finger kitzelten sie, bis sie leise kicherte. „Te quiero“, flüsterte er, senkte den Kopf und suchte ihre Lippen zu einem langen, leidenschaftlichen Kuss.

*

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Das kleine Gehöft bestand aus einem Wohnhaus für die Familie, einem Stall mit Umzäunung für die Ziegen und die beiden Schafe und einem grobgezimmerten, mit hohem Maschendraht umfriedeten Pferch für die Hühner.

Ein magerer, hochbeiniger Mischlingshund lungerte verstört um die Hütte herum. Auch die anderen Tiere benahmen sich eigenartig. Die Ziegen waren kaum zu melken gewesen und hatten sogar nach Fabián getreten, der sich abwechselnd mit seinen Geschwistern in diese Arbeit teilte.

Fabián war 8 Jahre alt und für sein Alter recht groß und schlaksig. Er stolperte mit dem halbvollen Milchkessel aus dem Stall und musste sich beeilen, die Türe zu verriegeln, weil die Tiere hinter ihm ins Freie drängten. Kopfschüttelnd ging er über den festgestampften Lehmboden zurück zum Haus. Das pechschwarze Haar, das ihm strähnig in die glatte Stirn fiel, schimmerte im Licht der tiefstehenden Sonne fast blauschwarz. Er pfiff nach Pedro und verschwand wenig später mit dem Hund im Halbdunkel der Hütte.

María Lozano, Fabiáns Mutter, stand am gusseisernen, rußgeschwärzten Herd und bereitete das Abendessen zu. Heute gab es dünngeschnittene, gebratene Streifen Ziegenfleisch, Maisbrei, gedünstetes Gemüse und gebratene Bananen.

Juana, Fabiáns ältere Schwester, deckte gerade den Tisch, als er eintrat. Sein Bruder saß hinter irgendeiner Geschichte aus dem Schullesebuch, während das Jüngste der Familie, das 8 Monate alte Schwesterchen, am Daumen lutschend in seinem Körbchen schlummerte.

María hatte das Kleine eben mit einem zärtlichen Blick betrachtet, als ihre Aufmerksamkeit auf ihren Ältesten gelenkt wurde. María war jung und noch immer eine hübsche Frau, obwohl von der schweren Arbeit und den vier Geburten schon etwas verhärmt. Langes, schwarzes Haar flutete in weichen Wellen bis zu ihrer schmalen Taille nieder.

Ihre dunklen Augen ruhten nur solange stolz auf Fabián, bis sie in den Milchkessel sehen konnte, dann wurde ihr Blick fragend.

„No lo sé, ich weiß nicht, was mit ihnen los ist. Sie waren so aufgeregt und haben sogar nach mir getreten! Auch die Schafe waren unruhig“, verteidigte der Junge sich schulterzuckend und stellte den Kessel neben den rotglühenden Herd, der eine wohltuende Wärme abstrahlte.

Obwohl es tagsüber noch immer heiß wurde, war es doch schon November und abends kühlte es sehr rasch ab.

María lächelte versöhnlich und beließ es bei einem Wink. „Vielleicht naht ein Gewitter“, mutmaßte sie. Es klang mehr wie eine Feststellung als eine Frage und somit war das Thema für sie erledigt.

Fabián zuckte die Schultern. Er wusste ja selbst nicht, was in seine Tiere gefahren war.

„Hast du noch Schulaufgaben zu machen, Fabián?“, fragte die Mutter leise, als sie bemerkte, welche Zärtlichkeit in seinem Blick lag, mit dem er seine kleinste Schwester bedachte. Um das Essen nicht anbrennen zu lassen, rührte sie fast ununterbrochen in ihrem Maistopf.

Der Bub schüttelte den Kopf. Er war ein guter und fleißiger Schüler, der selten Aufgaben nach Hause brachte; meistens erledigte er sie gleich in der Schule. „No, mamá“, erwiderte er und griff nach einem schmalen Buch, das neben ein paar Töpfen auf dem Sims über dem Herd lag.

Es war eine Geschichte über den spanischen Einmarsch ins Land der Azteken. Fabián liebte es, in Geschichtsbüchern zu schmökern. Er setzte sich an den Tisch und begann zu lesen.

Juana hatte den Tisch fertig gedeckt, nahm eine Strickarbeit zur Hand und setzte sich neben ihn in die Nähe der schwach leuchtenden Petroleumlampe.

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Draußen dunkelte es bereits, als Sebastián Lozano nach Hause kam.

Schwarzes Haar fiel ihm schweißverklebt in die Stirn. Trotz seines jungenhaften Aussehens war auch er von der schweren Arbeit gezeichnet. Er verdiente den Lebensunterhalt für seine Familie auf einer großen Farm unten im Tal, wo er in der Gluthitze des Tages die Felder vom Unkraut befreite, Baumwolle pflückte und schwere Getreide- und Kaffeesäcke herumbuckelte. Unter den harten Lebensbedingungen der Kordilleren altern die Menschen schnell.

„Buenos días“, sagte er mit seiner warmen Stimme.

Die Kinder blickten auf, legten Buch und Strickzeug beiseite und scharten sich um den Vater, um ihn zu begrüßen. Kinderärmchen schlangen sich um seine Hüften, während große dunkle Augen vertrauensvoll zu ihm hochblickten.

Sebastián war stolz auf seine Familie. Väterlich fuhren seine schwieligen Hände über die Köpfe seiner Kinder, während er vor ihnen in die Hocke ging und es sich gefallen ließ, dass sie ihn verspielt umhalsten und abküssten. Mit Stolz betrachtete er seinen ältesten Sohn Fabián, der ein Ebenbild seiner selbst war, vor allem der dunklen, dichtbewimperten Augen wegen.

Sebastián erhob sich und löste sich von den Kindern. Seine Blicke trafen diejenigen Marías und plötzlich lächelten beide. Als sie sich wieder ihrem Maistopf zuwandte, nahm er sie von hinten fest in die Arme und küsste sie sanft auf die nach hinten dargebotene Wange. „Hola, querida“, sagte er zärtlich.

„Hola, Sebastián. Du bist früh heute.“

Der Mann nickte. „Barraquer war mit unserer Arbeit heute sehr zufrieden und schickte uns früher nach Hause. Er will uns alle zu einem Festessen einladen, sobald die Ernten eingebracht sind.“

„Das ist schön.“ María wand sich aus seiner Umarmung. „Wir können in einer Viertelstunde essen. Bleib bitte in Rufweite.“

Nickend drückte er ihr einen flüchtigen Kuss auf den Scheitel. „Ich gehe nur hinters Haus und hacke Holz. Ruf mich, wenn du soweit bist.“ Er drehte sich um und fuhr seinem Ältesten bedächtig durch den Haarschopf. „Hast du die Ziegen schon gemolken?“, erkundigte er sich.

Fabián nickte. „Sí, papá.“

„Und deine Schulaufgaben?“

„Habe ich schon in der Schule gemacht.“

Lozano grinste und entblößte eine Reihe schneeweißer Zähne. „Brav, mein Sohn.“ Kurz darauf hörte man die dumpfen Schläge der Axt am Berghang widerhallen.

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Etwas später ließ María ihren jüngeren Sohn Pepe, der seine Schulaufgaben ebenfalls beendet hatte, nach dem Vater rufen. „Essen, papá.“

Sebastián ließ das schwere Beil sinken und drehte sich um. „Sí, me voy, Pepe, ich komme.“ Er stellte das Werkzeug beiseite, während der Bub ein paar Meter abseits auf ihn wartete.

Seine kleine Hand schob sich vertrauensvoll in die große seines Vaters. Gemeinsam gingen sie um das ärmliche Häuschen herum und setzten sich an den großen, aus groben Bohlen gezimmerten Tisch, auf dem bereits die Schüsseln dampften.

Andächtig neigten sie die Köpfe, als Sebastián das Tischgebet sprach und es mit einem heiseren „Amén“ beendete.

„Amén“, wiederholten sie, da sie alle gottesfürchtige Menschen waren und es nie unterließen, Ihm für seine Güte und Gaben zu danken.

Danach galt ihre Aufmerksamkeit jedoch den köstlich duftenden Speisen, die María ihnen schöpfte. Zuerst bediente sie ihren Mann, dann dem Alter entsprechend ihre Söhne. Neben ihnen wartete Juana stumm darauf, dass sie an die Reihe kam. Ganz zuletzt schöpfte María in ihren eigenen Teller.

Sie aßen schweigend und tranken gepressten Fruchtsaft und gegorenes Maisbier dazu.

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Nachdem María und Juana abgewaschen hatten und alle gemütlich im Wohnraum zusammensaßen, erzählten sie einander, was sie tagsüber erlebt hatten. Die beiden Frauen strickten, die Buben schnitzten an einem Stück Holz und Sebastián las im Schein der Lampe die Tageszeitung, die er aus dem Dorf mitgebracht hatte.

Ihre Beschäftigung wurde nur durch das Wimmern des Nesthäkchens unterbrochen, das erwacht war und jetzt nach seiner Nahrung verlangte. Als das Wimmern in ein Plärren überging, legte María ihre Strickarbeit beiseite und stand auf. „Na komm, Ada. Hat mein kleines Mädchen Hunger?“, plauderte sie leise beruhigend und hob das Kind aus seinem Körbchen.

Adriana war sehr leicht und klein. Sie nahm kaum zu und wuchs schlecht, weshalb die Mutter eine verborgene Krankheit befürchtete. Sie setzte sich, das Mädchen im Arm wiegend, zurück auf ihren Stuhl, öffnete ihre Bluse und gab Ada die Brust. Das Baby schien wirklich Hunger zu haben, doch der war bald gestillt. Zu bald, nach Marías Empfinden. Sie kannte ihre jüngste Tochter anders.

Diese saugte unlustig an der feuchten Warze, fuhr sich dann mit den Patschhändchen übers Gesicht und stieß einen unwillig klingenden Seufzer aus.

„Was ist denn, querida?“ María streichelte sie, befeuchtete ihre Warze mit Speichel und versuchte Adriana wieder anzusetzen, doch diese weigerte sich mit einem lauten, kurzen Weinen und heftigen Ruderbewegungen der Ärmchen. Da gab sich die Mutter geschlagen. Mit geübter Hand schloss sie ihre Bluse, erhob sich wieder und reichte dem Vater seine Kleinste in den Arm.

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Draußen war es längst finster geworden. Die Sterne standen an einem wolkenlosen, klaren Himmel und sandten ihr sanftes Licht auf die Erde. Die dünne Sichel des Mondes schob sich langsam über die dunklen, scharfen Zinnen der Berge.

Ein dumpfes Grollen versetzte die Tiere im Stall in Unruhe. Aufgeregt liefen sie hin und her und trampelten die Streu auf dem Lehmboden flach. Eine der Ziegen stampfte hart mit dem Fuß auf. Das Stroh, das reichlich gestreut war, knisterte und raschelte.

Beunruhigt horchte Sebastián auf.

Auch die anderen hoben die Köpfe und blickten in Richtung des Stalls.

„Was ist denn mit den Tieren los?“, fragte er. Eine steile Falte, die seine Anspannung verriet, bildete sich zwischen seinen Augen.

Fabián zuckte die Achseln. „No lo sé, papá, ich weiß es nicht. Sie waren schon nervös, als ich sie gemolken habe. Sie wollten gar nicht stillstehen und traten sogar nach mir. Ich konnte sie nicht beruhigen.“

„Es gab auch wenig Milch heute“, warf María hilfreich ein.

Fabián stand auf und ging zur Türe. „Ich sehe noch mal nach. Vielleicht gelingt es mir jetzt, sie zu besänftigen.“

Der Vater nickte. „Du kannst es ja versuchen.“

Der Junge schlüpfte hastig ins Freie. Während er ums Haus herum zum Stall eilte, warf er einen Blick zu den Hühnern hinüber, die kläglich gackernd hin und her hüpften und hilflos flatternd einen Weg aus der Umzäunung suchten.

Der Bub sog die würzige Nachtluft ein. Was für eine merkwürdige Nacht, dachte er. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sich die Tiere so seltsam verhielten.

Während er weiterlief, fiel ihm auf, dass in der näheren Umgebung sonst kein Laut zu hören war. Kein Vogel schrie, kein Kauz strich vorüber, der auf nächtlichem Beutefang war. Nicht einmal die wilden Hunde ließen ihr schaurig klagendes Lied hören, mit dem sie sonst den aufgehenden Mond anheulten.

Wirklich merkwürdig!

Das Blöken der Schafe und Meckern der Ziegen war laut und eindringlich. Sie rempelten sich gegenseitig an und warfen sich in Panik immer wieder gegen die Wände der Einfriedung. Sie spürten die nahende Gefahr. Die Menschen hingegen verstanden diese Alarmzeichen nicht.

*

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Die folgenschwere Eruption geschah um 21 Uhr 05.

Das Ereignis begann mit einer kurzen, starken Erschütterung, die in weitem Umkreis spürbar war. Auslöser des Vulkanausbruchs war ein gewaltiger Druck in 50 Kilometern Tiefe und ein sogenannter Überkocheffekt.

Dass im kolumbianischen Berggebiet die Gefahr von Erdbeben und Vulkanausbrüchen groß ist, weil sich vom Mittel- und Südpazifik her eine 100 Kilometer dicke Erdplatte unter die Kontinentalscholle schiebt, war seit einiger Zeit bekannt. Diese Verlagerung, ungefähr 9 Zentimeter pro Jahr, hatte schon vor Jahrmillionen begonnen und zur Entstehung der Anden geführt.

Durch die Reibung entsteht Wärme. Außerdem wird wasserhaltiges Material von der oberen Kruste in die Tiefe geschoben. Dort setzt es den Schmelzpunkt des Gesteins entscheidend herab. Diese Vorgänge führen zur Entwicklung von Gasen, die sich immer stärker ausdehnen. Sie dringen in Ritzen ein, der Druck steigt, bis der Vulkan durch die starken inneren Spannungen schließlich ausbricht.

Die Erdkruste hielt dem brodelnden Magma nicht länger stand. Der Überdruck war so groß, dass er die unterirdischen Spalten im Vulkaninnern aufriss und in gewaltigen Explosionen unter Ausstoß von riesigen Aschemengen eskalierte. Danach trat eine Flut von Lavaströmen aus den klaffenden Gräben aus, die Erdwunden vergrößerten sich rasch, die Krusten wurden fortgeschleudert, und alles vereinigte sich im großen Krater zu einem See. Rotglühende, zähflüssige Lava stieg blubbernd und Blasen bildend in die Höhe, bis sie den Kraterrand erreichte und, durch die Steilheit des Hanges beschleunigt, talwärts auf den sich ruhig im Mondlicht badenden Gletscher zuströmte.

Die glühendheißen Lavaströme dampften. Sie erreichten den riesigen Gletscher und stauten sich. Das Eis schmolz durch die hohen Temperaturen rasch ab, verband sich mit dem Magma zu dem von Geologen gefürchteten Lahar und drang ins Gletscherbett ein, das sich wie ein Riesenschwamm vollsog. Der harte, zuvor gefrorene Humus lockerte sich und die Masse der nachdrängenden Lava löste einen Erdrutsch aus, eine Schlammlawine, die mit einer Geschwindigkeit von fast 100 Stundenkilometern zu Tal donnerte und alles mit sich riss.

Tosend wälzte sich die Lawine die Bergflanke hinab und schob das Wasser der beiden Gebirgsflüsse Guali und Lagunilla als Flutwelle vor sich her. Bäume wurden mitgerissen und wo die Täler sich verengen, selbst oben am Hang stehende Hütten und Häuser.

Nur wenige Menschen erkannten die Katastrophe frühzeitig genug und verließen fluchtartig ihre Behausungen. Einige flohen, wie sie es vor Wochen im Radio gehört hatten, hangaufwärts, andere hetzten blindlings talwärts, wurden rasch von der Schlammwalze eingeholt und überrollt.

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Gerade als Fabián die halbhohe Stalltüre öffnete und zu den Tieren hinein wollte, wurde die Erde von einem kurzen, heftigen Stoß erschüttert, der so stark war, dass der Junge rücklings zu Boden stürzte.

In Panik sprangen die Tiere über ihn hinweg ins Dunkel. Auch einige Hühner schafften es und flatterten über den Zaun. Pedro strich winselnd um den vor Schreck gelähmten Buben. Er leckte ihm mit seiner feuchten, rauen Zunge quer übers Gesicht und stieß ihn mit der kalten Schnauze an, bis Fabián sich endlich aufrappelte.

Ringsum war es merkwürdig still.

In den Sekunden des Bebens hatten die vier Menschen im Innern der Hütte den Atem angehalten. Zwar waren kleinere Beben nichts Ungewöhnliches mehr, doch einen so heftigen Stoß hatten sie noch nie erlebt. Geschirr und Töpfe lagen zerbrochen am Boden, aber die Petroleumlampe hatte Juana gerade noch festhalten können. Jäh schrie sie auf, als sie spürte, dass ihr das heiße Glas die Finger verbrannte.

María presste die kleine Adriana fest an sich, doch als kein weiterer Stoß erfolgte, atmeten alle erleichtert auf. Ihr kleines Haus stand noch. Doch wo blieb Fabián? „Fabián!“ Maria biss sich auf die Lippen. Wenn ihm bloß nichts zugestoßen war!

Sebastián dachte dasselbe. Er stand auf und ging zur Tür. „Ich sehe nach. Ihr bleibt besser hier drin.“

Kaum war er draußen, zerriss ein heftiger Knall die bleierne Stille. Sebastián wandte sich um und sah über dem Vulkan einen riesigen Feuerball stehen. Nur Sekunden nach der ersten Detonation folgte eine zweite.

Fabián hatte den Vater erblickt, stolperte mit schreckgeweiteten Augen zu ihm und klammerte sich an seinen Arm. „Der Vulkan!“, flüsterte er.

Der Vater nickte und wusste nun, was die Ereignisse bedeuteten. Ihm steckte ein Kloß im Hals. Man hatte sie gewarnt, aber niemand hatte richtig daran geglaubt. Por Díos!

Nach dem ersten Schock erwachte langsam seine Handlungsfähigkeit und er erinnerte sich der Meldungen aus dem Radio. „Corre, Fabián! Lauf, so schnell du kannst! Halte dich nach links und versuche den Hang hinaufzukommen!“

Während er redete, begann die Luft zu rauschen. Das Geräusch schwoll rasch zu einem schrillen Pfeifen an, so dass Sebastián nicht wusste, ob ihn der Junge wirklich gehört hatte. Aus der Schwärze des Himmels fielen winzige, glühende Steinchen. Die Erde zitterte unter ihren Füßen.

„Hast du mich verstanden, Fabián?“, schrie Sebastián.

Dieser nickte, aber er rannte nicht. Die Familie ...

„Lauf, Junge! Ich kümmere mich um die anderen. Um Gottes willen, lauf!“

Endlich setzte der Bub sich in Bewegung, während Sebastián zurück ins Haus stürmte. Fabián lief, so schnell er konnte. Die eindringlichen Worte des Vaters beflügelten ihn. Er hielt sich wie befohlen nach links und hetzte schräg zur Bergflanke hangaufwärts. Von überallher vernahm er nun das dumpfe Gurgeln und Grollen der Schlammmassen.

Die Geschwindigkeit, mit der die Katastrophe ihren Lauf nahm, war unglaublich hoch. Mit über 100 Stundenkilometern stürzte sie sich wie auf einer Bobbahn zu Tal und begrub alles unter sich. Bereits wälzten sich die ersten sichtbaren Vorläufer über einen der Bergkämme.

Obwohl noch weit oberhalb des kleinen Tals und ihres ärmlichen Hauses, erstarrte Fabián vor Grauen, als ihm bewusst wurde, was kommen würde. Er hörte sich selbst schreien mit einer Stimme, die einem anderen zu gehören schien. In jähem Begreifen stiegen ihm die Tränen hoch. Er rannte weiter, tränenblind und auf einmal völlig mutlos. Doch er rannte.

„María!“, schrie Sebastián, als er zur Tür hereinstürzte. Er taumelte vor Angst und Aufregung. „Kommt, los! Raus hier! Beeilt euch, Kinder, lauft!“

In verständnislosem Nichtbegreifen starrten sie ihn an, doch sie sprangen auf und gehorchten instinktiv seiner heiseren, drängenden Stimme.

„Por qué, warum?“, stieß María hervor, während sie, ihr Jüngstes fest an sich pressend, ihren aufgeregten, totenblassen Mann umschlang.

Dieser schwitzte und fror gleichzeitig. Dicke Schweißtropfen perlten auf seinem Gesicht und saugten sich in sein Hemd.

„Der Vulkan ...!“ Die Erkenntnis machte María leichenblass.

Sebastián kam nicht dazu zu antworten. Ein tosendes Brüllen machte ihnen den Atem stocken.

„Díos mío!“ María wurde noch bleicher.

Die Kinder rannten an ihnen vorbei aus dem Haus.

Lozano packte das schmale Handgelenk seiner Frau und zerrte sie mit sich. Dabei schrie er und versuchte den Lärm des Berges zu übertönen: „Lauft nach links den Hang hinauf! Folgt Fabián! Nach links, hört ihr? Lauft den Hang hinauf!“

Seine Stimme überschlug sich fast und wieder war er sich nicht sicher, ob sie ihn verstanden hatten. María ...! Er musste sich jetzt um seine Frau und das Baby kümmern! Fabián war sicher schon fast oben. Er würde bald in Sicherheit sein. Sie brauchten ihm nur zu folgen ...

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Seit der harten Erschütterung und den kurz aufeinander folgenden Explosionen und der sich plötzlich überstürzenden Ereignisse waren nur wenige Minuten vergangen.

María lief, gemäß den Weisungen ihres Mannes, nach links den Hang hinauf, folgte ihren Kindern, die nur wenige Meter vor ihr sein mussten. Und irgendwo weiter oben war Fabián. Fabián ... María weinte. Fest presste sie das wimmernde Mädchen an sich. Sie ahnte, dass sie ihre Familie nie wiedersehen würde.

Ihre Beine trugen sie kaum. Tränenblind stolperte sie und fiel hin. An scharfkantigen Steinen riss sie sich die Hand auf und schürfte sich die Knie. Oh Gott, nur weiter! Nur nicht aufgeben! Sie riss sich hoch und lief taumelnd weiter. Bis sie erkannte, dass sie keine Chance hatte. Keine ...! Wie ein Schmiedehammer dröhnte dieses Wort in ihrem Kopf: Keine, keine, keine ...! „Sebastián!“, schrie sie voller Verzweiflung.

Sie stürzte erneut auf die Knie nieder, presste das kleine Bündel Mensch an sich. Tränen liefen ihr in Strömen übers Gesicht. Sie konnte nicht mehr. Das Entsetzen war zu groß und lähmte sie.

Sebastián war vor dem Haus kurz stehen geblieben und hatte sich noch einmal umgedreht. Er blickte hinauf zum Bergkamm, wo sich die ersten Schlammkegel über eine Krete weit oberhalb ihres Abhangs wälzten. Sein Herz raste und gleichzeitig schlugen in seinem Hirn sämtliche Alarmglocken an. Er musste fort! Er setzte sich in Bewegung. Feine Aschepartikel drangen ihm in die Lungen ein. Er musste husten, doch er rannte weiter. Da oben waren seine Kinder und seine Frau ... „María!“ Nur noch zwei Meter!

Das schrille Pfeifen wurde zum Orkan, das Donnern zum Brüllen eines gefräßigen Tieres.

Noch ein Meter! Sebastián konnte sie fassen. Er riss sie an den Schultern in die Höhe und zerrte sie weiter. „Corre, María, lauf!“, keuchte er, hustete wieder. Diese verdammte Raucherlunge!

Sie drohte seinen Brustkorb zu sprengen.

Nur nicht aufgeben! „Wir müssen weiter!“ Lozano riss sich zusammen. Nur nicht schwach werden! Nur jetzt nicht!

Die drei hetzten hangaufwärts. Wo waren die Kinder?

Sie konnten nichts mehr sehen. Der Himmel war von einer schwarzen Rußwolke verdeckt, die sämtliches Licht verschluckte.

Die Lawine passierte einen weiteren Hügelkamm, wurde dann rasch breiter und schneller und nahm fast die gesamte Breite des kleinen Tales ein. Meterhoch überschlug sich die Schlammwalze auf dem Weg nach unten. Alles, was ihr in den Weg kam, verleibte sie sich ein, knickte auch starke Bäume, verschob Erdreich und Geröll, tötete Menschen und Tiere. Sie überflutete auch den Hang, auf dem die Lozanos Zuflucht suchten. Der Lärm war infernalisch.

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Fabián war fast oben, hatte den Fuß des Berges fast erreicht. Trotzdem bekam er die Wucht der Lawine am Rande noch zu spüren. Ein großer Baum wurde vom hier weniger heftigen Strom mitgerissen; seine weitausladenden Äste ragten teilweise noch aus dem Schlamm.

Fabián sah den Baum auf sich zuschießen. Reflexartig versuchte er sich mit einem Sprung zur Seite zu retten. Zweige schlugen in sein Gesicht. Er spürte, wie die Haut aufplatzte und das Blut heiß und klebrig über sein Gesicht rann. Dann geriet sein rechter Fuß in das Gewirr der Äste. Die Beine wurden ihm mit einer Wucht unter dem Leib fortgerissen, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Hart schlug er am Boden auf. Halb besinnungslos merkte er noch, dass er mitgeschleift wurde. Die Kleider gingen durch die rasante Talfahrt in Fetzen, doch eigenartigerweise tat ihm nur sein Knöchel höllisch weh. Wie ein Blitz fuhr es ihm durch den Kopf: Das ist das Ende! Danach wusste er nichts mehr.

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Plötzlich war die Lawine da. Sie sahen sie nicht, aber sie hörten sie. Die Kinder wurden als erste von ihr überrascht. Durch das Tosen und Brausen gellten ihre schrillen Schreie, drangen den Eltern durch Mark und Bein. Als sie abrupt abbrachen, wurde der Tod ihrer Kinder zur fatalen Gewissheit.

María zitterte. Ihr leises Weinen ging in ein angstvolles Wimmern über.

Sie begriffen beide, dass sie verloren waren. Keuchend blieben sie stehen. Es würde nur noch Sekunden dauern!

Sebastián presste Frau und Kind an sich. Es hatte keinen Sinn weiterzulaufen. „Wir werden uns wiedersehen, querida - vielleicht in einer besseren Welt.“ Seine Stimme klang heiser an ihrem Ohr, als er versuchte, ihr die Angst vor dem Tod etwas zu nehmen.

María presste ihren Kopf an seine Schulter.

„Ich liebe dich, María! Te quiero“, flüsterte er und küsste sie.

Sie nickte nur. Sie konnte ihm nicht sagen, wie überwältigend ihre Gefühle für ihn waren. Sie fand vor Todesangst keine Worte.

Sebastián verstand sie auch so. Ihre riesigen dunklen Augen sagten ihm alles. Er beugte sich schützend über sie und drückte sie mit sanfter Gewalt auf den Boden nieder. Er hoffte, damit die Wucht des Aufpralls ein wenig mildern zu können.

Und die Lawine sprang sie an wie ein wildes Tier, gierig und brüllend. María schrie angstvoll auf.

„Te quiero!“

Dann war die Lawine über ihnen. Die Familie Lozano hatte aufgehört zu existieren.

*

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Der kurze heftige Stoß erschütterte das ganze Haus. Es war für ein Beben dieser Art nicht elastisch genug gebaut. Die dicken Mauern konnten die Bewegungen des Bodens nicht auffangen. Die gefügten Quadersteine wurden auseinandergerissen, die Mauern bekamen immer breiter werdende Risse. Ebenso die Decke.

„Carlos!“, rief Maola warnend, als kleine Mörtelbrocken auf sie herab rieselten.

Dieser spürte es und versuchte sie mit seinem Leib zu schützen, als die Decke brach.

„Carlos, no!“ Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder.

In einer Staubwolke stürzten Teile der Mauer ein. Carlos fiel schwer auf sie‚ als ein Dachsparren ihn erschlug. Da verlor sie das Bewusstsein.

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Die Veranda zitterte, während die Wände von langen Rissen gespalten wurden und das Dach vibrierte.

Pedro und Anita sahen sich angstvoll an. Dieser heftige Stoß ... Was war das? „Der Ruiz!“, ächzte Pedro.

Er begriff die Situation sofort, doch bevor er die Hand nach seiner Frau ausstrecken und sie in die Höhe reißen konnte, war es auch für sie zu spät.

Die Mauern brachen und die Deckenbalken fielen mit ohrenbetäubendem Krachen auf die alten Menschen herab. Staub wallte auf, zerriss und legte sich wie ein Leichentuch über die erschlafften Körper des Ehepaares. Nach wenigen Augenblicken war es über dem verwüsteten Garten und der Hausruine wieder so friedlich wie zuvor.

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Maola erwachte aus ihrer kurzen Ohnmacht. Schmerzhaft drang in ihr Bewusstsein, was sich in den vergangenen Minuten abgespielt hatte. Carlos! Sie fühlte seinen schweren Körper über sich. „Carlos!“ Tränen der Verzweiflung traten ihr in die verklebten, brennenden Augen. Als sie ihn an den Schultern berührte, rann Blut über ihre Finger. Sie erkannte mit Schrecken, dass der geliebte Mann tot war. Und auch, dass er ihr Schutzschild gewesen war und sie mit seinem Leben vor dem Tod bewahrt hatte. „Mi tesoro!“ Maola schluchzte.

Ihre Beine waren taub von dem schweren Gebälk, unter dem sie eingeklemmt waren. Maola fühlte keinen Schmerz, nur das Herz drohte ihr zu versagen. Warum ausgerechnet er? Warum konnte nicht sie tot sein und er leben?

Vorsichtig bewegte sie die Arme und stellte fest, dass sie frei und offenbar unverletzt waren. Als sie das Gesicht von Carlos wegdrehte, sah sie durch das Loch im Dach, dass sich der Himmel verdunkelt hatte. Da hörte sie das Rauschen von Wasser.

Wasser? Maola Rubio lauschte angestrengt und beunruhigt. Woher kam dieses Geräusch? Der Fluss war zu weit entfernt, als dass man ihn hätte hören können. Woher also ...?

Ich muss hier raus! Maola versuchte sich unter Carlos‘ leblosem Körper hervorzuschieben. Er war schwer, schwerer als sie gedacht hatte, obwohl die meisten Trümmer weggerutscht waren. Ihre Befreiungsversuche endeten kläglich. Sie spürte, wie ihre Kräfte nachließen und hörte, wie das Rauschen immer lauter wurde. Wie nah war es? Würde sie jetzt jämmerlich ertrinken?

„Carlos, lieber wäre ich tot!“ Schluchzen schüttelte ihren Körper. Wie schnell hatte sich die ganze Welt um sie herum verändert! Warum musste alles so abrupt und grausam enden? Maola mobilisierte ihre letzten Kräfte und schließlich gelang es ihr nach mehreren Versuchen, sich von Carlos zu befreien. Sanft berührte sie seine Lippen. „Oh Carlos!“ Eine Schmerzwelle durchfuhr sie, die ihr neue Tränen in die Augen trieb. „Ich werde dich immer lieben“, flüsterte sie.

Das Rauschen riss sie aus ihren Erinnerungen in die Wirklichkeit zurück. Das Wasser!

Maola konnte kaum etwas sehen. Sie spürte plötzlich den matschigen Brei, der sie umfloss. Sie versuchte sich aufzusetzen, um sich zu befreien, musste aber kläglich einsehen, dass ihre Unterschenkel so unter einem Balken und Gemäuer eingeklemmt waren, dass sie nie aus eigener Kraft freikommen würde.

Das ist das Ende! Ihr Herz stand fast still. Hatte sie kurz zuvor noch den Tod herbeigewünscht, so fühlte sie nun einen unbändigen Drang zu überleben. Díos, ich will noch nicht sterben! Sterben ... Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur das eine Wort dröhnte in ihrem Schädel.

Maola spürte, wie sich der Druck des nachdrängenden Schlamms verstärkte. Sie schrie hysterisch auf. Es verklang ungehört.

Der Balken! Der Gedanke peitschte sie hoch. Sie hörte auf zu schreien, versuchte klar zu denken. Vielleicht eine Chance? Ein Hoffnungsschimmer?

Ihre Finger krallten sich in das Holz und suchten Halt, während die schlammige Brühe weiter anstieg. Spitze Splitter rissen ihre Haut auf und Fingernägel brachen ab. Ungeachtet der Schmerzen zog sie sich an dem Sparren in die Höhe. Der Schlamm stieg immer weiter. Sie spürte die Gewalt, mit der er Geäst, Hausrattrümmer und Steine gegen ihren Rücken schob. Wie lange denn noch? Wann hörte dieser grässliche Alptraum endlich auf?

Die Last auf ihren Beinen wurde um einige Zentimeter verschoben. Der Schmerz raubte ihr fast die Besinnung. „Díos mío! Ayúdame! So hilf mir doch!“, schrie sie.

Plötzlich stieg der Schlamm nicht mehr.

Tränen der Erleichterung und Freude übermannten sie, dass sie noch lebte. Wahrscheinlich als einzige der ganzen Familie überlebt hatte. Ob der Alptraum tatsächlich zu Ende war?

Sie zitterte vor Erschöpfung und Schmerzen. Ihre Kräfte erlahmten, die Finger verloren den Halt und rutschten ab. Sie war schon besinnungslos, als sie bis zum Hals in den Morast eintauchte. Nur der Kopf ragte heraus, gestützt von dem angeschwemmten Zeug unter ihr.

*

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Unaufhaltsam wälzte sich die todbringende Lawine auf Armero zu.

Um 21 Uhr 30 erhielt Francisco Gómez, Chef der Defensa Civil des Departements Calda, davon Meldung. Über die lokalen Radiosender ließ er die Bevölkerung alarmieren. Er hoffte, dass die Menschen den Alarm hörten und damit eine Chance erhielten, mit dem Leben davonzukommen.

Wer die Durchsage im Radio hörte, verließ in panischem Schrecken Haus und Hof.

Dumpf war das Grollen der sich nähernden Lawine zu hören, die, immer noch schneller werdend, zu Tal donnerte. Am Fuße der Berge wurde ihre Wucht nur leicht aufgefangen, ehe sie über die Ebene gegen die Stadt Armero weiterrollte.

Die Leute auf den erleuchteten Straßen riefen und schrien durcheinander. Jene, die eben noch geschlafen hatten, wurden davon aus ihren Häusern gescheucht.

Das bedrohliche Donnern übertönte nun auch die kreischende Menge. Einige flohen in Autos, dachten, damit die schnellste Fluchtmöglichkeit zu haben, doch das erwies sich als Irrtum; an dem Pulk der rennenden, stolpernden und schreienden Menschen kamen sie kaum vorbei. Nur wenige hatten das Glück, rasch wegzukommen. Die anderen mussten wie die Übrigen ihr Heil zu Fuß suchen. Dabei verloren sich in dem Wirrwarr Angehörige aus den Augen und kleine Kinder, die nicht begreifen konnten, in welcher Gefahr sie schwebten, blieben weinend zurück. Niemand kümmerte sich um sie. Blindlings hetzten die Menschen an ihnen vorbei.

Die größeren Kinder versuchten den Erwachsenen zu folgen, doch wenn die Kraft sie verließ, waren sie verloren. Vor Angst, Aufregung und Anstrengung starben vor allem ältere Leute an Herzversagen, noch bevor die Lawine Armero erreichte. Auch sie wurden nicht beachtet, da jeder nur noch sein eigenes Leben zu retten versuchte.

Und dann, nur wenige Minuten nach der ersten Warnung, erreichten die Fluten der Gebirgsflüsse Guali und Lagunilla den Stadtrand Armeros. Das Wasser drang in Keller und Wohnräume ein und löste, wo es mit Stromkabeln in Berührung kam, Kurzschlüsse aus. Elektrische Geräte fingen an zu brennen und ausströmendes Gas entzündete sich.

Die Explosionen forderten abermals viele Opfer. Grelle Stichflammen schossen aus den Fenstern, doch ehe das Feuer um sich greifen und sich ausbreiten konnte, wurde es vom reißenden Schlamm überrollt.

Grauenhaftes Schreien, in höchster Todesnot ausgestoßen und kaum noch menschlich, drang von überall her und verstummte abrupt. Die nackte Angst, selbst vielleicht das nächste Opfer zu sein, trieb die anderen weiter.

Die ersten Häuser barsten unter der Wucht des Aufpralls. Auch das Elektrizitätswerk. Es kam zu einem totalen Stromausfall. Die Straßenlaternen und die Reklameschilder erloschen und von einer Sekunde auf die andere war die Stadt in totale Finsternis gehüllt. Kein Lichtstrahl durchdrang die schwarze Aschewolke.

Jetzt galten die blutigen Gesetze des Stärkeren und Schnelleren. Vergessen waren Zusammengehörigkeit und Nächstenliebe. Es befahl nur noch der Selbsterhaltungstrieb jedes einzelnen.

Die Menschen kletterten auf Bäume, Mauern oder Hausdächer, da sie in ihrer Verzweiflung nicht mehr weiter wussten. Zitternd vor Angst und ohne Hoffnung, dass ihre Gebete erhört würden, hielten sie sich irgendwo krampfhaft fest und erwarteten ihr Schicksal.

Ab und zu wurde die Erde von gewaltigen Stößen erschüttert, aber noch immer waren die Kräfte des Ruiz nicht erschöpft; die ganze Stadt wurde in dieser Nacht von der Zerstörungskraft des Vulkans vernichtet und mit ihr fast alles, was vor Stunden noch unbeschwert in ihr gelebt hatte.

*

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Es war Mittwoch, halb 11 Uhr nachts.

Aus Miami flog eine DC-8-Frachtmaschine Richtung Bogotá, das noch knapp 200 Kilometer entfernt war. Eine dicke schwarze Aschewolke stieg bis 18‘000 Fuß in den Himmel, wo das Flugzeug in den Bereich des Ruiz geriet, der anderthalb Stunden zuvor in gewaltigen Eruptionen explodiert war.

Die Fenster beschlugen sich. Es war eine unheimliche Situation, in der sich die dreiköpfige Besatzung plötzlich befand. Das schwarze Loch war wie der Eingang zur Hölle, die Sicht nach außen gleich Null. Die grünliche Instrumentenbeleuchtung warf ein gespenstisches Licht auf die verzerrten Gesichter der Männer.

„Maldición! Verdammt, Luciano, was ist das?“, stieß der 29jährige Pilot Miguel Miralles heiser hervor. Er konnte ohne anzugeben von sich behaupten, keine Angst zu kennen, doch diese heikle Situation war selbst ihm nicht mehr geheuer. Kalter Schweiß, der seine Nervosität verriet, perlte auf seiner Stirn.

Luciano, der um drei Jahre jüngere Co-Pilot, zuckte auf die Frage hin die Achseln, als sie sich erschrocken ansahen. So etwas wie heute hatten sie noch nie erlebt: auf einmal pechschwarze Nacht, als wenn sie in ein Loch gefallen wären.

Luciano blickte auf die Navigationskarte auf seinem Schoß, um ihre gegenwärtige Position festzustellen. Maldición! Er bemerkte, dass seine Hände heftig zitterten und sein Hemd feucht am Rücken klebte. Por Díos! Ayúdanos, Señor, hilf uns, Herr!, betete er im Stillen, wobei sich unwillkürlich seine Lippen mitbewegten. Er hatte Angst, obwohl es vielleicht eine völlig harmlose Erklärung für das merkwürdige Phänomen gab, so dass er einen Moment länger brauchte, bis er sich orientieren konnte.

Sie befanden sich jetzt ziemlich genau über der Mitte des Kraters.

Miguel Miralles richtete sich nach seinen Instrumenten und wartete auf den Bescheid seines Co-Piloten.

Dieser hob mit einiger Erleichterung, aber dann doch fragend den Blick. „Da unten liegt der Schlafende Löwe, capitán. Kann es sein ...?“

„Dass er ausgebrochen ist?“ Pereira, der Flugnavigator, blickte ihn erschrocken an. „Sie glauben doch nicht ...?“

Miralles schüttelte den Kopf. Er hatte plötzlich einen trockenen Mund. Was wenn doch? „Geben Sie der Bodenstation unsere Position durch! Die sollen sich darum kümmern.“

„Ein Notrufsignal, capitán?“

„Claro que no!” Er schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht für uns! Wir fliegen weiter wie geplant!“

Luciano gehorchte und gab den Code durch. „Bodenstation, können Sie uns hören?“, fragte er, als niemand antwortete.

„Versuchen Sie es weiter, Luciano!“ Miralles Stimme war drängend. Was auch immer da unter ihnen geschah, diese Leute brauchten womöglich dringend Hilfe! Und vor allem mussten sie durch irgendwen zuerst einmal gewarnt werden! Vielleicht wissen sie es ja schon, beruhigte er sich. Aber wenn nicht, dann mussten sie es jetzt sofort von ihnen erfahren!

Diesmal erhielt Luciano Antwort: „Ambalema hier. Was gibt es, Flug 209?“ Die männliche Stimme klang etwas blechern aus dem Lautsprecher.

Der junge Mann zuckte hilflos die Achseln. „Kann ich nicht genau sagen, Ambalema. Wir befinden uns in einem großen schwarzen Loch - könnte, so wie‘s uns umwabert, Rauch sein.“

„Geben Sie Ihre Position durch, 209.“

Luciano wiederholte die Daten, die Pereira von seiner Karte ablas, als sich der Nebel vor der Scheibe just in dem Moment lichtete. Sie flogen aus der Schwärze heraus und hatten endlich wieder klare Sicht. Die drei Männer lehnten sich erleichtert aufatmend zurück.

„Nach der Karte haben wir soeben den Nevado del Ruiz überflogen, Ambalema“, übernahm der Pilot das Gespräch. „Ich könnte schwören, dass der Löwe aus seinem 100jährigen Schlaf erwacht ist. - Kümmern Sie sich darum, Ambalema! Vielleicht ist den Leuten dort unten noch irgendwie zu helfen. Verständigen Sie Bogotá! - Und wenn ich recht habe, holen Sie den Präsidenten aus dem Bett und sagen Sie ihm, er dürfe mich mal zu einem Kaffee einladen“, scherzte er.

„Bueno. Wir kümmern uns darum. Guten Weiterflug 209!“

Der Pilot nickte. „Gracias, Ambalema. Wir setzen unseren Flug wie geplant fort. - Over und out.“ Die Bodenverbindung brach ab. Miralles wandte sich seinem Begleiter zu. „Luciano, sehen Sie zu, dass wir in Bogotá eine Landeerlaubnis bekommen. In einer halben Stunde sind wir da“, gab er nun wieder ruhig Anweisung.

*

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In Bogotá wurde den Behörden von der Katastrophe Bericht erstattet.

Senator Hisado, von Francisco Gómez benachrichtigt, hatte bereits die ersten Schritte zur Hilfeleistung eingeleitet, ehe er mit der Notstandskommission, die in aller Eile einberufen wurde, den Präsidenten aus dem Bett holte.

Sie suchten ihn zu sechst in seiner Wohnung auf: Senator Hisado, Esteban Olinda, Alfonso Sánchez, Humberto Aguilera, Consuelo Serrano und Hernado Palacio. Es waren die wichtigsten Männer der Regierung, die dem Untersuchungsausschuss angehörten.

Aguileras Gesicht war starr wie eine Maske; man sah ihm nicht an, was in ihm vorging und bekam den Eindruck, dass ihm das Unglück der betroffenen Menschen völlig gleichgültig war.

Auch Hisado ließ sich nichts anmerken. Er hatte kein Wort zu Aguilera gesagt, doch in der Aufregung war das nicht aufgefallen. Obwohl er über seinen Kontrahenten triumphierte, konnte er keine Genugtuung empfinden - schließlich waren zig-tausend Menschen von der Katastrophe betroffen. Er fühlte sich hilflos und konnte nur darum beten, das Geschehen möge dazu führen, dass im Senat ein paar Köpfe rollten. Darunter in erster Linie derjenige von Senator Aguilera!

Die Männer warteten im roten Salon, als der Präsident im Morgenmantel eintrat. Er reichte Hisado die Hand und nickte den anderen kurz zu, ohne ein Wort zu verlieren. Sein durchdringender Blick verharrte etwas länger auf Aguilera als den übrigen Anwesenden, als er ihre unbewegten Mienen betrachtete. Er hatte seinerzeit den Entscheid der missglückten Ruiz-Tagung entschieden gerügt, dennoch verlor er nun kein Wort darüber. Er wusste zu gut, wie ehrgeizig Aguilera war und dass er Senator Hisado nichts gönnte.

Der Präsident machte eine einladende Handbewegung und ging den ‟ehrenwerten‟ Herren zur ledergepolsterten Sitzecke voraus. Nachdem er sich gesetzt hatte, griff er nach einer Schachtel Zigarren, von denen er seinen Gästen aber zum Zeichen, dass er mit ihnen unzufrieden war, keine anbot. Mit hochgezogenen, grauen Augenbrauen blickte er in die Runde. „Muy bien, señores, also, meine Herren?“

Es entstand eine peinliche Pause, als ihm Hisado Feuer gab.

Er sog an seiner Zigarre, bis sich die Glut der Flammen tief genug in den Tabak gefressen hatte, dass sie nicht gleich wieder ausgehen würde. Zum Sprechen nahm er sie aus dem Mund und senkte die Hand hinunter auf seinen Oberschenkel. „Was haben Sie bisher unternommen, um der Bevölkerung zu helfen, Hisado?“ Sein Blick und die Frage waren sehr direkt.

„Die Männer der Defensa Civil sind unter Gómez‘ Leitung bereits unterwegs. Uns stehen 300 Mann zur Verfügung. Um aber eine großangelegte Hilfsaktion zu starten, sind es zu wenige“, gab dieser Auskunft.

„Ich nehme an, Sie haben sich auch ein paar Gedanken darüber gemacht, señores?“, fragte der Präsident mit einem grimmigen Lächeln. Er sah an Hisado vorbei und bedachte die anderen mit einem herausfordernden Blick.

Von allen behielt nur Aguilera seine stolze Haltung bei, aber er schwieg wohlweislich, weil er den Präsidenten nicht noch mehr erzürnen wollte.

Dieser wandte sich in der beklemmenden Stille wieder an Hisado: „Haben Sie Vorschläge?“

Dieser nickte. Er hatte vorgängig genügend Zeit gehabt, um sich damit auseinanderzusetzen und sich für den Notfall zu wappnen. „Die habe ich in der Tat.“ Ohne zu überlegen sagte er: „Wir sollten Militär und Zivilverteidigung einsetzen und die Bevölkerung zu Blut- und Lebensmittelspenden aufrufen.“

Der Präsident nickte. „Was erwägen Sie sonst noch?“

„Laut den Berichten dürfte die 15 Kilometer südwestlich von der zerstörten Stadt Armero gelegene, kleine Ortschaft Lérida der nächste verschonte Ort sein. Dort ließe sich ein Erste-Hilfe-Lager für die Bevölkerung einrichten. Wir brauchen dringend qualifizierte Ärzte und Pflegepersonal und sollten auch um internationale Hilfe ersuchen.“

Er machte eine kurze Pause, um zu Atem zu kommen. „Ich habe von einem französischen Arzt gehört, sein Name ist Pierre André, der sicher fähig wäre, die medizinische Leitung der gesamten Aktion zu übernehmen. Er ist ein hervorragender Chirurg mit besten internistischen Kenntnissen und einer der wenigen, der fähig ist, in einem Feldlazarett unter katastrophalsten Bedingungen zu operieren. Er wäre einer der besten, den wir für uns gewinnen könnten.“ Er warf dem Präsidenten einen fragenden Blick zu, und dieser nickte.

„Sie werden bekommen, was Sie brauchen. Ich gebe Ihnen in dieser Angelegenheit sämtliche Vollmachten, die Sie benötigen.“

Das war gleichsam ein Schlag in Aguileras Magengrube. Das hieß, Hisado konnte über jeden von ihnen bestimmen wie er wollte.

An die übrigen fünf Mitglieder der Notstandskommission gewandt, die er bewusst gar nicht zu Wort kommen lassen wollte, bemerkte der Präsident mit widerspruchsloser Schärfe: „Sie haben es gehört, señores. Sie werden dafür sorgen, dass sich senador Hisado nicht über Sie beschweren muss, sondern auf Ihre Mithilfe zählen kann! Und ...“, er wandte sich direkt an Aguilera „... diesmal verlange ich etwas mehr Kooperation! - Buenas noches, señores.“

Die Zigarre wieder im Mundwinkel stemmte er sich aus dem Sessel und verließ mit raschen Schritten und leicht hinter ihm her wehendem Morgenmantel den Raum.

Aguilera blickte mit seinen blutunterlaufenen, kalten Wieselaugen wütend zu seinem Widersacher hinüber.

Hisado stand langsam auf. Ungerührt hielt er dem Blick stand. In seinen traurigen Augen lag keine Ironie, wie Aguilera erwartet hatte. Hisado bedauerte den Tod von so vielen Menschen, der nicht hätte sein müssen. Trotzdem war die Kluft zwischen ihnen spürbar tiefer geworden. Die anderen hingegen würden sich in Zukunft wohl besser überlegen, auf wen sie hören wollten.

*

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Noch in derselben Nacht liefen die Hilfsaktionen an. Die Behörden riefen die Bevölkerung zu Blut- und Nahrungsmittelspenden auf. Ärzte und Pflegepersonal wurden aufgefordert, sich bei den zuständigen Stellen zu melden, die sie dann je nach Fähigkeiten in die Aktion einwiesen. Militär und Zivilverteidigung wurden aufgeboten und nach Lérida befohlen. In dem vor Armero gelegenen Ort wurde das Hauptlager der Hilfsaktion eingerichtet, noch bevor der Ruiz zur Ruhe gekommen war. Und noch vor dem Morgengrauen bemühte sich die Regierung um internationale Hilfe.

Als es zu dämmern begann, fuhr ein Lastwagenkonvoi mit allem Nötigen beladen in Lérida ein. Schulhäuser und Gemeinschaftsgebäude waren inzwischen zu behelfsmäßigen Spitälern umfunktioniert worden, wo bereits die ersten Opfer lagen. Geschäfte und Läden waren geschlossen, da sämtliche Lebens- und Arzneimittel vom Staat konfisziert worden waren, um sie für die Opfer einzusetzen.

Details

Seiten
370
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905229
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
glühende lava thriller

Autor

Zurück

Titel: Glühende Lava: Thriller