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Sheng #5: Sheng und die Drachenbande

2016 130 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU-KÄMPFER

 

Band 5

 

SHENG UND DIE DRACHENBANDE

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:Nach einem Motiv von C.M.Russell und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Green River City wird von einer Bande gewissenloser Halunken beherrscht. Geschäftsleute werden erpresst und müssen Schutzgelder zahlen. Dahinter steckt der Land- und Finanzmakler Charly Finger und dessen Kumpan Dawson, die mit ihren Revolvermännern die ganze Stadt einschüchtern. Aber sie sind nicht die großen Bosse, sondern nur Handlanger der Geheimorganisation des Schwarzen Drachen.

Sheng, der Kung Fu-Kämpfer, hält sich ebenfalls in Green River City auf, weil er einen seiner Ordensbrüder sucht. Auch die Männer des Schwarzen Drachen haben die Spur aufgenommen – und als Sheng sich einzumischen beginnt, steht er selbst am Rande des Todes. Er ist fest entschlossen, die Schriftrollen des Tao Chi zu beschützen. Selbst wenn er dafür sterben muss...

 

 

 

 

Der große junge Mann mit den leicht geschlitzten Augen blieb ruhig sitzen. Sein Blick schien in weite Ferne gerückt. Er rief sein Chi. Noch galten für ihn die Tugenden der Schlange, die nicht nur tödliche Wendigkeit, sondern auch unendliche Geduld lehrte.

Sheng wartete. Aber wenn er auch nach außen völlig teilnahmslos wirkte, so entging ihm nichts von dem, was um ihn herum geschah.

In den hübschen Augen der Frau loderte Todesangst. Ihr gehörte dieser kleine Saloon, in dem sich zur vorgerückten Stunde kaum noch Gäste befanden. In panischer Furcht starrte sie aus geweiteten Augen auf die drei Revolvermänner, die sich mit ihren Colts drohend vor ihr aufgebaut hatten ...

Es handelte sich um drei große hagere hartgesichtige Burschen. Zwei von ihnen waren wie Rinderleute gekleidet. Der andere trug einen eleganten städtischen Anzug, der nach der neuesten Mode geschnitten war. Er war der Anführer dieser Killer- und Geldeintreibercrew.

„Angie!“, sagte er mit scharfer Stimme. „Wir machen heute kurzen Prozess. Jetzt ist Sense. Wir haben dich oft genug gewarnt.“

Er gab den beiden anderen einen Wink, die daraufhin jeder einen Tisch umwarfen und ihn und die dazugehörigen Stühle zu Kleinholz verarbeiteten. Es krachte und splitterte. Sie zerschlugen die Stühle und traten die Reste davon und die beiden Tische zusammen.

Der Kerl in dem städtischen Anzug hielt gelassen Blick und Colt auf die schöne schwarzhaarige Frau gerichtet, die vor Entsetzen und Furcht die Faust auf den Mund presste.

Der Mann ließ aber auch die Gäste nicht aus den Augen, die bis an das andere Ende des Raums zurückgewichen waren. Es handelte sich um vier Bahnarbeiter, die bis zum Eintritt des Trios an dem Tisch vor dem Tresen Karten gespielt hatten. Sie alle kannten die Stadt, wussten, wer diese Männer waren und dachten nicht daran, ihr Leben zu riskieren.

Das Dröhnen, Krachen und Splittern war jäh zu Ende. Einer der beiden trat in den Haufen von Bretterstücken und zerstückelten Tisch und Stuhlbeinen, um Platz zum Stehen zu haben. Dann herrschte wieder Ruhe.

„Bitte hören Sie auf, Mister Dawson!“, flehte Angie mit zitternder Stimme. „Ich werde zahlen! In ein paar Tagen. Sie wissen, ich hatte einen Kredit von der Bank. Ich musste zurückzahlen und konnte nicht...“

„Das sagst du mir jedes Mal, schönes Kind!“, unterbrach sie der Bursche in dem städtischen Anzug, den sie mit Mister Dawson angesprochen hatte. Seine Stimme klang kalt und mitleidlos. „Seit Wochen stunden wir dir schon die Beträge. Tausend Dollar, oder wir machen weiter, und ich verspreche dir, dass die Jungs kein Brett auf dem anderen lassen."

In Reichweite des einen Killers stand eine Karaffe voll Wasser auf einem Tisch. Er packte den bauchigen geschliffenen Glaskrug und schleuderte ihn mit Wucht an Angie vorbei über den Tresen hinweg in das Regal an der Wand, das voller Flaschen und Gläser stand.

Wie ein Geschoss schlug der Krug zwischen die vollen Whisky- und Schnapsflaschen und Batterien von Gläsern. Es klirrte und prasselte. Es hagelte Glassplitter. Alkohol spritzte. Die Karaffe räumte das Regal fast leer. Ein paar volle Flaschen wankten, ehe sie fielen und auf dem Lattenrost hinter dem Tresen mit sattem Ton zerplatzten.

„Mister Dawson, ich bitte Sie!“, schrie Angie flehend. „Bitte nicht...“

„Es ist eben leichtsinnig, ein solches Geschäft zu unterhalten und die Schutzgebühr an uns nicht zu zahlen“, sagte Dawson eiskalt lächelnd. Er gab den beiden anderen wieder einen Wink.

Angie lief rasch hinter den Tresen. Scherben knirschten, als sie den Lattenrost betrat. Sie holte eine Kassette hervor, die sie vor Hast und Furcht auf den Tresen fallen ließ, und schloss sie auf.

Dawson hob grinsend die Hand, und die beiden Männer verharrten.

Angie zählte Geld auf den Tisch, hielt ein und kippte die Kassette um, dass die Münzen über den Tresen rollten.

Stille herrschte. Dawson trat an den Schanktisch.

Angie starrte ihm in die Augen. Sie weinte lautlos. Tränen rannen über ihr hübsches Gesicht. Ihr Busen hob und senkte sich unter hastigen Atemzügen. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Dreihundertzwölf Dollar!“, sagte Dawson verächtlich und trat zurück. „Das reicht doch nicht, Angie.“

Er drehte sich nach den beiden Killern um und wollte ihnen das Zeichen zum Weitermachen geben. Doch dann erstarrte er mitten in der Bewegung. Sein Blick streifte den jungen kräftigen Mann mit den leicht geschlitzten Augen.

Der Mann war Sheng.

Sheng hatte sich erhoben.

Dawson und auch die beiden anderen legten sofort auf ihn an.

„Wollen Sie vielleicht etwas zur Sache sagen, Mister?“, fragte Dawson. Er grinste spöttisch und fühlte sich ganz als Herr der Situation. Mit einem Blick hatte er festgestellt, dass dieser Fremde nicht bewaffnet war.

Sheng sah Angie an, wegen der er jeden Abend in den Saloon kam und Tee trank, seit er in Green River City weilte.

„Ja!“, sagte er, ohne den Blick von ihr zu wenden. „Hören Sie auf damit, Mister!“

Er trat um den Tisch, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Dawson an.

Dawson musterte ihn aus schmalen Augen. „Ein Kavalier!“, sagte er mit beißendem Spott. „Dreht den Strolch durch den Wolf und werft ihn raus!“

Auf diesen Befehl hatten die beiden nur gewartet. Grinsend schoben sie die Colts in die Halfter, winkelten die Arme an und sprangen auf Sheng zu.

„Sheng!“, rief Angie entsetzt.

Aber da wälzten sich die beiden Revolvermänner schon stöhnend am Boden.

Alles war so schnell gegangen, dass es weder die Gäste, noch Dawson und schon gar nicht Angie in ihrer Aufregung hatten beobachten können.

Sheng war förmlich explodiert, und Sekunden später lagen die beiden Angreifer am Boden.

Dawson feuerte. Sein Colt blitzte und krachte, und das Dröhnen der schweren Waffe schien den kleinen Saloon auseinanderzutreiben.

Dawson war ein gefährlicher Revolvermann, einer von der Sorte, die in einer halben Sekunde ziehen, zielen und auch treffen.

Aber er hatte Sheng nicht getroffen. Trotz dieser knappen Distanz!

Wo Sheng eben noch gestanden hatte, befand er sich schon nicht mehr. Wie ein Tiger hatte er sich zur Seite geschnellt.

Wütend wollte Dawson noch einmal schießen. Doch einen zweiten Schuss gab es für ihn nicht mehr.

Mit den Füßen voran flog Sheng auf ihn zu. Sein rechter Stiefel traf Dawsons Colthand.

Dawson schrie auf und riss die Hand an die Brust, während der Colt in hohem Bogen durch die Luft flog und hinter dem Tresen neben Angie in die Glastrümmer krachte, dass sie erschrocken zusammenfuhr.

Dawson starrte auf seine Rechte. Sie war dunkel angelaufen.

Zornig stürzte er sich auf Sheng, der auf dem Rücken gelandet war.

Er wollte sich auf ihn werfen, aber er flog über ihn hinweg, überschlug sich hinter ihm und blieb wie betäubt zwischen seinen Kumpanen liegen. Er hatte gespürt, dass er noch einmal getroffen worden war, aber er wusste nicht, wo.

Sheng schnellte wie eine Feder auf die Füße, verschränkte die Arme vor der Brust und blieb ruhig stehen.

„Sheng, um Himmels willen!“, stöhnte Angie hinter ihm.

Dawsons Begleiter kamen zu sich. Sie starrten ihn an. Ihre Blicke bestanden aus einer Mischung von Hass und Wut und maßloser Überraschung.

Sheng ging langsam auf sie zu. „Verschwindet!“, sagte er hart „Haut ab! Nehmt Dawson mit und kommt nie wieder in diesen Saloon.“

Sie erhoben sich, langsam, ein gefährliches Leuchten in den Augen. Den Bruchteil einer Sekunde später griff der eine zum Revolver.

Aber gegen Sheng, der nur ein paar Schritte vor ihm stand, besaß er keine Chance. Sheng schnellte hoch in die Luft, die Arme ausgebreitet, dem Adler gleich, der aufstieg und herabstieß, um die wendige Schlange zu greifen.

Der Colt wirbelte durch die Luft, und, den Kopf nach hinten gerissen, stürzte der Mann rückwärts gegen die Tür, die dem Druck einen Moment lang standhielt, dann aber aufbrach, so dass der Mann hinauskippte und sich draußen auf dem Gehsteig überschlug..

Bevor der andere ziehen und auf Sheng schießen konnte, hielt Sheng den Colt des Mannes in der Faust, als wäre er ihm zugeworfen worden.

Der Revolvermann erstarrte, richtete sich nach einer Weile langsam auf und reckte die Hände empor.

Sheng bewegte sich rückwärts und blieb am Tresen stehen, den Colt schussbereit in der vorgereckten Faust.

Der Revolvermann ging zu Dawson, der bei vollem Bewusstsein war, sich aber nicht rühren konnte. Er beugte sich vorsichtig über ihn, den Blick auf Sheng gerichtet, packte Dawson an der Jacke und an einem Arm und schleifte ihn zur Tür.

„Du verdammter Hund!“, sagte er mit heiser klingender Stimme. „Wir sehen uns wieder!“

Sheng feuerte. Er jagte das Blei in den Türpfosten, dass der Revolvermann einen erschrockenen Satz machte und davonlief, als sei der Teufel hinter ihm her.

Die Tür schwang hin und her. Sheng zielte und warf den Colt mit Schwung durch den Türspalt auf die Straße hinaus, bevor die Türflügel zur Ruhe kamen.

„Sheng, was hast du getan?“, stöhnte Angie.

Sheng drehte sich zu ihr um und lächelte. Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau. Ihr schwarzes lockiges Haar floss über die weich gerundeten Schultern.

Sheng blickte ihr in die Augen.

„Vor Dankbarkeit stirbst du mal nicht, Angie!“, sagte er sanft.

Die vier Bahnarbeiter kamen nach vorn. Drei verließen rasch den Saloon. Der ältere von ihnen ging zum Tresen.

„Ich habe Sie vorhin beobachtet, Mister“, sagte er zu Sheng. „Sie haben die ganze Zeit nur Tee getrunken. Wahrscheinlich saugen Sie daraus Ihre Kraft.“

Sheng lächelte.

Der Bahnarbeiter tippte ihm vor die Brust. „Aber woher nehmen Sie den Mut, Mister?“

Sheng zuckte die Schultern.

„Habe ich mir gedacht!“, sagte der Mann ernst. „Sie wissen gar nicht, mit wem Sie sich angelegt haben. Suchen Sie sich ein Pferd, das noch schneller ist als Sie, und verlassen Sie die Stadt. Angie nehmen Sie am besten gleich mit. Ihr haben Sie heute Abend bestimmt keinen Gefallen getan.“

Er tippte an den Hutrand, warf einen Geldschein auf den Tresen und ging schnell hinaus.

Sheng lächelte der Frau zu. Angie aber blickte ihm ernst in die Augen.

„Der Alte weiß, was er gesagt hat. Geh jetzt, Sheng.“

Er legte ihr die Hand auf den Arm. „Ich habe doch die ganzen Tage gespürt, dass du vor irgend etwas Angst hast. Warum hast du es mir nicht gesagt?“

„Um zu verhindern, was eben geschehen ist und noch geschehen wird!“, seufzte sie. „Geh, flieh und komm nicht wieder!“

„Du schickst mich weg?“, fragte er enttäuscht.

„Junge, ich will nicht, dass sie dich umbringen!“, sagte sie. „Kapierst du das nicht?“

Da ging die Tür wieder. Ein Mann mit dem Stern des Gesetzes auf der Weste betrat den Saloon. Er war jung und wirkte ungemein sympathisch. Er war der Deputy.

Er blieb an der Tür stehen, schob sich den Hut aus der Stirn und schaute sich um.

„Na, hier sieht es aus! Wer hat geschossen?“

Sein Blick traf Sheng.

„Sie?“

„Nicht allein!“, erwiderte Sheng ruhig.

„Wer ist denn...“

Der Deputy verstummte. Angie hatte ihm einen warnenden Blick zugeworfen.

„Drei Kerle waren hier, die von Angie Schutzgebühren kassieren wollten“, sagte Sheng. „Ich habe sie an die Luft gesetzt. Sie hätten hier sonst alles zerschlagen.“

Die Augen des Deputys schlossen sich fast völlig. „Wieso sagen Sie denn Angie zu der Dame, Stranger?“

„Lass das doch, Baldy!“, meinte Angie verärgert. „Er ist ein Gast. Er kommt seit einiger Zeit jeden Abend. Bring ihn aus der Stadt! Tu mir den Gefallen.“

„Dawson hieß einer der Männer“, sagte Sheng. „Gegen solche Leute sollten Sie etwas unternehmen, wenn sie die Stadt sauberhalten wollen.“

„Sind Sie ein Chink?“

„Wenn Sie wollen, dass ich einer bin, bin ich einer“, sagte Sheng.

Der Deputy sah Angie an. „Dawson?“ Angie nickte.

„Hier ist für heute Schluss, Chink!“, sagte der Deputy und bückte sich nach einem Stuhlbein. „Komm, wir räumen auf, Angie!“

„Hören Sie mal!“, sagte Sheng verärgert. „Ich soll gehen, und Sie wollen hier aufräumen. Haben Sie nichts anderes zu sagen? Verhaften Sie diesen Dawson. Er wohnt doch hier in Green River City. Angie wird sicherlich bezeugen, dass er hier gewesen ist und sie bedroht hat.“

Der Deputy starrte ihn an. „Sie Waisenknabe! Sie unbedarfter Fremdling. Was glauben Sie denn, wo Sie hier sind? Pappen Sie sich ein paar Flügel ans Hemd und verschwinden Sie. Aber nicht bloß, weil ich Sie nicht leiden kann, sondern weil Sie ein toter Mann sind, wenn Sie den nächsten Atemzug ungenutzt verstreichen lassen.“

Sheng lächelte. „Ich fürchte mich nicht!“

Der Deputy nickte. „So sehen Sie auch aus! Aber so werden Sie auch in Ihrem Sarg aussehen. Der ist nämlich schon gemacht.“

Er bückte sich, sammelte Holz ein, und als er den Arm voll hatte, verließ er den Saloon durch die Küchentür.

„Geh doch, Sheng!“, sagte Angie. Sie kam um den Tresen und wollte ebenfalls aufräumen.

Sheng ergriff sie am Arm. „Ich überlasse dich doch nicht deinem Schicksal.“

Sie sah ihm in die Augen.

„Was glaubst du, weshalb ich hier jeden Abend meinen Tee trinke“, lächelte er. „Tee gibt es überall.“

„Aber Sheng!“

„Na ja!“ sagte er. „Das ist eben so.“

Sie streckte die Hand vor und berührte seinen Mund. „Mein Gott, Junge! Ich bin doch keine Frau für dich.“

Er hielt ihre Hand fest. „Woher willst du das wissen?“

„Na, du machst mir Spaß!“, sagte sie, und es klang fast zärtlich. „Ich dachte immer, du kommst jeden Abend, weil du auf jemanden wartest. Dass du meinetwegen ...“

„Stimmt!“, sagte er und ließ ihre Hand los. „Ich warte auf jemanden. Aber ich komme auch deinetwegen. Und ich komme verdammt gern.“

Sorgenvoll blickte sie ihn an. „Warum hast du dich eingemischt, Sheng? Du musst die Stadt verlassen, oder sie werden dich umbringen.“

„Diesen Dawson fürchte ich nicht!“

„Es geht doch nicht um Dawson!“, sagte sie schnell. „Er ist nur ein kleiner Fisch. Du hast keine Ahnung, wie stark diese Bande ist, unter deren Terror wir hier alle leiden. Bitte bring dich in Sicherheit. Tu es für mich.“

„Bei dir bin ich in Sicherheit. Du bist der Frieden, Angie!“

Er ergriff ihre Schultern und zog sie sanft an sich. Sie wehrte sich nicht. Auch nicht, als er sie küsste.

„Und den Frieden, den soll man beschützen!“, lächelte er.

Sie sah ihm in die Augen. Dabei drängte sie sich an ihn, dass er unter dem Kleid, das sehr dünn war, jede Rundung ihres warmen Körpers spürte.

„Flieh, Sheng!“, flüsterte sie. „Ich will dich lebend und nicht tot.“

Der Deputy kam zurück. „Soll ich das vielleicht alles allein machen?“, fragte er gereizt, während er hinter dem Tresen entlang ging und seine Stiefel dort die Glasscherben malmten.

Sheng und Angie fuhren auseinander.

Der Deputy las gerade Stuhlbeine zusammen. Sheng bückte sich ebenfalls. Angie trat an den Alkoven neben dem Tresen und holte sich einen Eimer und Besen und Schaufel heraus.

Sheng, die Arme voll Holzstücke, folgte dem Deputy. Sie gingen durch die Küche in den Hof und warfen die Trümmer auf einen Abfallhaufen. Dann liefen sie in den Saloon zurück. Angie kehrte gerade die Glasscherben in den Eimer.

„Dawson, das ist doch schon mal ein Name“, sagte Sheng, während sie sich wieder bückten, um die restlichen Scherben und Holztrümmer aufzusammeln.

Der Deputy hielt sofort ein und richtete sich auf.

Sheng war auf die Knie gegangen. Er erhob sich und sah ihm in die Augen.

„Was suchen Sie in Green River City?“, fragte der Deputy verärgert. „Sie sind doch fremd hier.“

Sheng zuckte die Schultern. „Was soll ich schon suchen? Außerdem geht es doch nicht um mich. Klagen Sie Dawson an! Sie sehen doch, was er hier angerichtet hat. Angie ist eine Zeugin und die vier Bahnarbeiter, die das mit angesehen haben, auch. Die finden wir schon.“

„Angie und die vier Bahnarbeiter - das sind fünf Särge!“, sagte der Deputy. „Fünf Särge, die noch vor der Gerichtsverhandlung unter die Erde gebracht werden.“

„Ich bin auch ein Zeuge!“

„Sechs Särge!“

„Sie kennen die Killer und werden mit ihnen nicht fertig?“, fragte Sheng lächelnd.

„So ist es!“, versetzte der Deputy. „Und wenn ich Ihnen rate, endlich abzuhauen, weiß ich, was ich sage.“

Sheng bückte sich wieder. „Und wenn ich ankündige, dass ich bleibe, weiß ich auch, was ich sage.“

„Um Angie kümmere ich mich!“, sagte der Deputy fest.

Sheng schaute ihn an. „Und da wissen Sie auch, was Sie sagen?“

„Verdammt genau!“, zischte der Deputy, ergriff eine Tischplatte und trug sie hinaus.

Sheng blickte ihm lächelnd nach. Angie kam hinter dem Tresen hervor, „Geh jetzt, Sheng! Bitte! Die Kerle werden zurückkommen. Der Deputy Sheriff wird mit diesen Leuten schon fertig. Aber nicht, wenn du hier bist. Verstehst du?“

Sheng nickte.

Sie streichelte sein Kinn. „Sei doch nicht so traurig!“

Er drückte ihre Hand, dann ging er zur Tür. „Ich komme wieder“, sagte er. „Gute Nacht, Angie!“

Er schritt schnell hinaus. Sein Ziel war das Hotel.

Mitternacht war inzwischen vorüber. Nicht ein Passant war mehr unterwegs. Nur wenige Lampen brannten noch. Am Bahnhof pfiff eine Lokomotive. Zweimal lang und einmal kurz. Ein ziemlich einsamer Ruf war das in der Nacht. Dann rumpelten Waggons über die Weichen und krachten gegeneinander.

Der Clerk an der Rezeption war noch wach. Er grüßte höflich. Sheng nahm den Zimmerschlüssel vom Brett und ging nach oben.

 

*

 

Dawson fluchte. Die Hand schmerzte immer noch. Auch der Rücken. Er war in Angies Saloon so hart zwischen die Stühle geflogen, dass er überall blaue Flecken hatte.

Seine Begleiter, die Buck und Sanso hießen, blickten verdrossen auf Charly Finger, den Finanz und Landmakler, in dessem Haus sie sich befanden und dem Dawson berichtet hatte, was in Angies Saloon geschehen war.

Charly Finger war ein kleiner hagerer Mann mit angegrauten Schläfen. Er war der Typ des skrupellosen Geschäftemachers, der so kalt war, dass er eigentlich Fischblut in den Adern haben musste.

Er verzog den Mund und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, dass ihr zu dritt nicht mit einem einzelnen Mann fertigwerden könnt.“

„Auf diese Weise habe ich noch keinen Mann kämpfen sehen“, brummte Buck. „Er hat mit der Hand zugeschlagen, aber mit einem Brett hat er mich getroffen.“

Sanso rieb sich den Nacken. „Ich habe geglaubt, er hat mir den Kopf abgeschlagen.“

„Ein Stück Blei ist schneller als jeder Mann“, sagte Charly Finger. „Ich begreife nicht, warum ihr nicht geschossen habt!“

„Er war nicht bewaffnet, Sir!“, warf Dawson ein.

„Ihr seht ja, was ihr davon hattet“, erwiderte Charly Finger. „Aber dass er euch vermöbelt hat, ist der geringste Kummer. Die Organisation hat einen Schaden erlitten. Unser Ansehen ist geschädigt worden. Ich kann mir vorstellen, dass jetzt, bereits in diesem Augenblick, halb Green River City über uns lacht.“

Nun hatte er sich in Wut geredet. Eine Ader an seinen hochroten Schläfen pochte.

„Wir werden die Sache in Ordnung bringen“, sagte Dawson rasch, um Finger zu besänftigen. „Wir haben uns schon erkundigt. Der Kerl wohnt im Green River Hotel. Wir erledigen ihn noch heute Nacht.“

Finger starrte ihn aus funkelnden. Augen an. „Im Hotel! Mitten in der Nacht! Verdammt nochmal, nein! Ich verlange, dass ihr ihn am helllichten Tag fertigmacht, damit genügend Leute zusehen können. Wenn wir diesen Kerl nicht in aller Öffentlichkeit umbringen, wird es schon morgen Abend neue Schwierigkeiten geben. Die Geschäftsleute könnten auf den Gedanken kommen, diesen Bastard anzuwerben, um gegen uns vorgehen zu können. Vielleicht besitzt dieser Teufel Freunde. Und wenn es mal den ersten Toten auf unserer Seite gegeben hat, ist hier Feierabend, dann hat man keinen Respekt mehr vor uns. Macht euch das klar! Nehmt Ronny und Wes hinzu. Während ihr euch mit ihm prügelt, soll ihm einer von den beiden ein Messer in den Rücken jagen. Das ist doch Ronnys Spezialität. Passt ihn vor dem Hotel ab. Gleich morgen früh. Einer soll ihn anrempeln oder auf irgendeine andere Art mit ihm Streit anfangen. Dann knallt den Hund von hinten ab oder überlasst ihn Ronny. Ihr wisst doch, wie so etwas gemacht wird. Die Sache muss geklärt werden, zum Teufel noch einmal! Wir können das Pack hier nur solange zur Kasse bitten, wie wir stark genug sind, um uns gegen solche Leute zu behaupten. Bin ich verstanden worden?“

Dawson nickte.

„Und wenn ihr diesen Hundesohn auf die Seite gebracht habt, schlagt Angies Saloon zu Bruch!“, fuhr Charly Finger fort. „Wir können nicht weich werden, nur weil die Besitzerin eine hübsche Larve hat. In diesem Geschäft darf man sich niemals eine Blöße geben. Wieviel Leute benötigen Sie, Dawson?“

„Mit Ronny und Wes sind wir genug!“, erwiderte Dawson selbstsicher.

„Dawson!“, sagte Charly Finger warnend. „Nochmal darf das nicht in die Hosen gehen.“

„Es ist mir klar, Sir!“

„Well!“ sagte Charly Finger, während sein Blick von einem zum anderen glitt. „Ich verlasse mich auf euch. Nun geht! Sie bleiben noch einen Moment, Dawson!“

Buck und Sanso erhoben sich und gingen mit klirrenden Sporen hinaus.

Charly Finger wartete, bis die Tür wieder zu war, dann sah er Dawson bekümmert an.

„Lee, Sie machen mir Kummer!“, sagte er. „Buck und Sanso sind nicht die richtigen Leute. Ich befürchte, Sie werden sich andere Freunde suchen müssen. Ich will dem Chef noch nichts sagen. Aber er wird von dieser Pleite zu hören bekommen, und wenn ich ihm da nicht sagen kann, dass die Sache inzwischen mit harter Hand bereinigt worden ist...“

Er vollendete den Satz nicht, weil er wusste, dass ihn Dawson auch so verstand.

„Wir werden dem Kerl die Haut abziehen und Angies Saloon zu Kleinholz verarbeiten!“ versprach Dawson und erhob sich.

Charly Finger gab ihm die Hand. „Darauf verlasse ich mich. Bis morgen Mittag sind die Dinge geklärt. Ich muss dann zum Boss. Sie wissen selbst, dass er keinen von euch in die Wüste schicken kann. Jeder Mann der Organisation weiß soviel, dass er der Organisation schaden könnte. Und genau danach handelt der Chef.“

„Ich lasse Angies Saloon im Morgengrauen auseinandernehmen, und schon drei Minuten nachdem dieser Halunke das Hotel verlassen hat, kann seine Haut an den erstbesten Pfahl genagelt werden.“

Charly Finger nickte, und Dawson verließ ihn.

 

*

 

Die Morgenluft war frisch und klar. Unter Shengs Fenster blühte ein Hibiskusstrauch, dessen Duft ihn an den Blumengeruch in den Gärten des Klosters vom Weißen Lotus erinnerte.

Im Kloster vom Weißen Lotus war er erzogen worden.

Das Gesicht seines Lehrers Li Kwan tauchte vor ihm auf, der ihn zu einem Verteidiger der Lehre des Tao Chi und zum Meister des Kung Fu-Kampfes ausgebildet hatte.

Nach einer harten Prüfung waren ihm die Meistergrade des Tigers und des Schlangenkampfes zuerkannt worden.

Die Tätowierungen an den Innenseiten seiner Arme bewiesen das. Rechts war ihm ein Tiger und links eine Schlange tätowiert worden.

Li Kwan hatte ihm prophezeit, dass er einer der größten Kung Fu-Kämpfer werden und unter seinen Anleitungen auch noch die Grade des Adler und des Drachenkampfes erwerben würde.

Doch dazu war es nicht mehr gekommen.

Li Kwan, der oberste Mönch des Klosters vom Weißen Lotus, lebte nicht mehr. Die Bande vom Schwarzen Drachen hatte das Kloster vom Weißen Lotus überfallen und verwüstet und fast alle Mönche und Kung Fu-Schüler getötet. Auch Li Kwan! Der Geheimbund des Schwarzen Drachen wollte die Welt beherrschen. Wer diese Schriftenrolle besaß — ihr Geheimnis kannte, der besaß den Schlüssel zur absoluten Macht. Über Jahrhunderte hatten die Mönche des Klosters vom Weißen Lotus sie in Besitz gehabt, sie bewacht und ihr Geheimnis gehütet.

Auch der feige Überfall auf das Kloster vom Weißen Lotus hatte den Geheimbund vom Schwarzen Drachen nicht in den Besitz der berühmten Schriftenrolle der Tao Chi-Lehre bringen können.

Sechs Mönche und Sheng waren, jeder mit einem Teil der Schriftenrolle, entkommen.

Auf der Flucht vor dem Schwarzen Drachen hatten Sheng und einige der Mönche China verlassen, um ihre Teile nicht in die Hände des Geheimbundes fallen zu lassen. Mitglieder des Schwarzen Drachen waren auf der ganzen Erde verteilt und suchten und jagten jene sieben Männer, um doch noch in den Besitz der Schriftenrolle der Tao Chi-Lehre zu gelangen, in der die Weisheit zur Erlangung der größten Kraft und Energie der ganzen Welt aufgezeichnet war.

Ein Klopfen an der Tür riss Sheng aus den Gedanken an die Vergangenheit. Er verschränkte die Arme und wandte sich der Tür zu. Hoffnung keimte in ihm, endlich eine Botschaft des Mönches zu erhalten, der mit ihm Verbindung aufnehmen wollte.

Nur aus diesem Grunde war er nach Green River City gekommen.

„Herein!“, sagte er. „Es ist offen.“

Die Tür bewegte sich, und zögernd trat ein älterer Mann auf die Schwelle. Es war ein kleiner dicker Gentlemen. Er trug einen hellen Anzug und einen beigefarbenen Zylinderhut.

Er lächelte höflich. „Wheelock ist mein Name“, stellte er sich vor und lüftete kurz den Zylinder. „Darf ich eintreten?“

„Bitte!“, sagte Sheng und musterte ihn gespannt. Hatte ihn jener Mönch geschickt? Der Antwort auf diese Frage fieberte Sheng förmlich entgegen, obwohl er äußerlich vollkommen gelassen wirkte.

Wheelock betrat das kleine Hotelzimmer. Dabei musterte er Sheng von oben bis unten.

„Sie sind also der Amerikaner, der wie ein Chinese aussieht!“, lachte er aufgeräumt. „Oder sind Sie ein Chink, der wie ein Yankee aussieht, he?“

„Sheng ist mein Name!“

„Ich weiß, Mister!“, sagte Wheelock und nun verschloss sich sein Gesicht. „Die ganze Stadt kennt Ihren Namen, Sheng. Was gestern Nacht in Angies Saloon geschehen ist, hat sich heute Morgen wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Und nicht nur das! Es gibt in unserer Stadt etliche Leute, die Hoffnung schöpfen. Hoffnung, von diesen Raubwölfen befreit zu werden.“

Enttäuschung packte Sheng, die er jedoch ohne jede Anstrengung vor dem Besucher verbarg.

„Mir gehören in dieser Stadt ein paar Häuser, der große Gemischtwarenladen vorn am Marktplatz und ein Spielsaloon am Bahnhof. Dreißig Prozent meiner Einnahmen muss ich an diese Blutsauger abführen. Und diese Hundesöhne kennen meine Bücher besser als ich selbst.“

„Kommt Dawson auch zu Ihnen, um zu kassieren?“

Wheelock n|ckte heftig. „Ja! Aber auch noch andere.“

„Warum zeigen Sie Dawson nicht an? Es gibt in Green River City ein Sheriffbüro.“

„Anzeigen?“, fragte Wheelock. „Ich? Wie stellen Sie sich das vor? Ich würde diesen Tag nicht überleben.“

„Das glauben Sie vielleicht nur!“

„Junger Mann, Sie scheinen nicht die richtige Ahnung zu haben, wer uns da alle im Würgegriff hält! Nein! Helfen können uns nur Leute wie Sie, Sheng. Ich mache Ihnen einen Vorschlag! Ich stelle Sie in meinem Spielsaloon als Wächter an. Ich zahle Ihnen im Monat hundert Dollar, wenn Sie mir diese Brut vom Hals halten. Hundert Dollar, Mister! Im Monat!“ Er lachte. „Und in meinem Saloon gibt es Mädchen. Da hätten Sie ein feines Leben. Kost und Wohnung selbstverständlich frei.“

„Ich glaube, Sie haben den falschen Mann besucht, Mister Wheelock“, erwiderte Sheng.

Wheelock griente gerissen und sah sich kurz in dem spärlich eingerichteten Raum um.

„Sie wollen den Preis hochtreiben! Anständig und fair ist das nicht. Denn wir befinden uns hier in Green River in einer Zwangslage. Aber ich sehe ein, Sie müssten Ihr Leben einsetzen, wenn Sie mit Feuer und Blei und in Ihrer Kampfesweise gegen diese Brut Vorgehen. Wieviel wollen Sie?“

„Mit Feuer und Blei?“, lächelte Sheng. „Bringen Sie den Sheriff dazu, dass er Dawson verhaftet und anklagt.. Sie und alle, zu denen er kassieren kommt, treten als Zeugen auf. Da habt ihr ihn doch.“

„Dawson ist nur ein Mann!“

„Wenn ihr mal einen habt, habt ihr auch die anderen.“

Wheelock schüttelte den Kopf. „Was Sie vorschlagen, hat hin und wieder mal einer versucht. Die liegen alle draußen auf dem Stiefelhügel.“

„Ihr seid doch viele!“

Wheelock starrte ihn aus schmalen Augen an. „Ich glaube, Sie sind nicht ganz der Mann, für den ich Sie gehalten habe.“

„Das stimmt!“

„Und ich dachte schon, Sie wären ein besonders mutiger Kämpfer!“, sagte Wheelock. „Wie Sie mit Dawson und den beiden Killern umgesprungen sind, ist für mich nicht das Besondere, sondern die Tatsache, dass Sie sich noch immer in Green River City aufhalten. Aber jetzt glaube ich, dass Sie einfach nur ahnungslos sind.“

„Das kann sein!“, lächelte Sheng.

„Tut mir leid“, sagte Wheelock ernst. „Ich habe mich getäuscht. Nehmen Sie von einem alten Mann einen Rat an! Verlassen Sie die Stadt, oder Sie werden ein grausiges Ende erleiden.“

Er machte kehrt und verließ das Zimmer.

Sheng vergaß ihn sofort, da er nicht der Mann war, auf den er gewartet hatte.

Sheng entschloss sich, noch einmal durch die ganze Stadt zu wandern. Er musste den Mönch finden. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass der Geheimbund des Schwarzen Drachen den Mönch vielleicht schon gefasst, ihn erschlagen und seinen Teil der Schriftenrolle des Tao Chi in den Händen hatte. Ein furchtbarer Gedanke.

Sheng verließ sein Zimmer, schloss ab und ging in die Halle hinunter.

Der Clerk stand hinter dem Rezeptionspult und starrte ihm entgegen.

Sheng gab ihm den Schlüssel. „Was haben Sie denn, Tom?“

„Die Wölfe!“, raunte der Clerk. „Sie warten draußen. Mein Gott! Ich dachte, Sie hätten die Stadt längst verlassen. Gehen Sie hinten hinaus. Der Mittagszug nach Osten fährt in ein paar Minuten. Vielleicht gelingt es Ihnen, zum Bahnhof zu kommen. Die Schurken haben Angies Saloon heruntergebrannt. Der Brandgeruch beherrscht die ganze Stadt. Haben Sie das nicht gerochen?“

Die Tür zur Straße stand offen. Pfeifsignale eines abfahrbereiten Zuges hallten herein.

„Sehen Sie zu, dass Sie den Zug noch kriegen!“, flüsterte der Clerk.

Shengs Züge verhärteten sich. Das erste Mal an diesem Morgen dachte er an Angie.

Er machte kehrt und lief durch die Halle zur Hoftür.

„Beeilen Sie sich!“, raunte der Clerk.

 

*

 

Der Hof war verlassen. Sheng sah sich wachsam um und lief zur Einfahrt. Hinter dem breiten Pfosten ging er in Deckung.

Der erste Mann, den er entdeckte, war Dawson. Seine Begleiter, die er am Abend zuvor in Angies Saloon kennengelernt hatte, standen mit ihm auf der anderen Straßenseite unter einem Vordach im tiefen Schatten. Vor dem Hotel, direkt am Eingang, lehnte ein Mann am Geländer, der offenbar dazugehörte.

Passanten gingen vorbei. Sie beschleunigten ihre Schritte, sobald sie die Revolvermänner vor dem Hotel bemerkten.

Sheng schaute sich eine ganze Weile um, bis er den fünften Mann entdeckte. Er saß nur ein Haus weiter hinter dem Hotel vor dem Barbierladen auf einem Schaukelstuhl und las in einer Zeitung. Sheng bemerkte ihn, weil er hin und wieder aufschaute und fragend zu Dawson hinüberblickte, der seinen Blick mit Schulterzucken quittierte.

Mochte der Teufel wissen, wie lange die Männer auf der Straße schon lauerten.

Die Lokomotive des abfahrbereiten Zuges pfiff. Zweimal lang und zweimal kurz. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. Wolken von Kohlenrauch und Wasserdampf stiegen über den Dächern empor. Der Zug fuhr hinter der Häuserzeile der Main Street entlang. Die Lok rumpelte über die Weichen, und die Waggons quietschten und rumpelten. Mit stetig wachsender Geschwindigkeit rollte der Mittagszug aus der Station und der Stadt hinaus in die Prärie. In einem langen Schleier wehten die Dampfwolken zur Station zurück.

Sheng richtete sich auf und ging durch die Einfahrt auf die Straße hinaus.

Dawson entdeckte ihn sofort. Er trat noch weiter zurück und gab dem Mann vor dem Hotel ein Zeichen, der seinerseits den Kumpan vor dem Barbierladen verständigte.

Sheng setzte sich langsam in Bewegung. Er schritt in Richtung des Barbierladens. Auf dieser Seite befand sich auch Angies kleiner Saloon.

Die Passanten links und rechts auf den Sideways verloren sich sofort. Einige rannten, um sich in Sicherheit zu bringen. Diese fünf Männer waren in der Stadt bekannt, und keiner wollte in ihr Revolverfeuer geraten.

Der Mann, der vor dem Hoteleingang am Geländer lehnte, blickte Sheng grinsend entgegen. Der andere, der vielleicht zwanzig Schritt entfernt hinter ihm vor dem Barbiershop saß,, gab vor, sich noch mehr in seine Zeitung, zu vertiefen.

„Na, du gelbe Ratte?“, sagte der Mann am Geländer verächtlich, als,Sheng an ihm vorbeiging. „Chinks wollen wir hier nicht haben. Hat dir das noch keiner gesagt, he?“

Sheng schritt weiter, ohne auf die Provokation zu reagieren.

Der Mann richtete sich auf. Er war ein untersetztes stiernackiges Schwergewicht.

„He!“, rief er. „Du verfluchter Drachensohn, willst du nicht stehenbleiben, wenn ein Mensch mit dir redet?"

Da Sheng immer noch nicht reagierte, rannte er ihm nach. Er war wieselflink trotz seiner massigen Gestalt. Mit zwei Sätzen holte er Sheng ein und schlug ihm die Faust fluchend in den Nacken.

Sheng hatte ihn natürlich kommen sehen und duckte sich blitzschnell. Die Faust traf ihn zwar, doch durch seine schnelle Bewegung nahm er dem Hieb die Wucht.

Sheng wirbelte herum, griff wie mit Adlerkrallen zu und bekam den Arm des Mannes zu fassen. Dabei nahm er aus den Augenwinkeln heraus wahr, wie der Mann vor dem Barber’s Shop die Zeitung zur Seite warf und aus dem Schaukelstuhl sprang.

Ein heftiger Ruck nach unten, und der Bandit schrie auf und überschlug sich neben Sheng, der sich bückte und ihm den Colt aus der Halfter zog. Dabei fauchte das Messer des zweiten Angreifers über ihn hinweg.

Ein dumpfer Schlag und die Klinge steckte zitternd hinter Sheng in einer der Dachstützen.

Der Messerwerfer war am Ende des Barbierladens stehengeblieben. Eine zweite Klinge blitzte in seiner Rechten, die er über die Schulter gerissen hatte, um mit Wucht werfen zu können.

Da krachte der Colt in Shengs Faust. Das Geschoss schleuderte den Mann zurück. Das Messer glitt ihm aus der Faust. Er drehte sich, wankte auf staksigen Beinen zur Hauswand und suchte dort Halt. Er bekam einen Haken zu fassen, an dem der Fensterladen verriegelt wurde, konnte sich aber nicht halten und sackte auf die Bohlen des Gehsteigs. Arme und Beine von sich gereckt, blieb er liegen.

Das beobachtete Sheng schon nicht mehr.

Dawson und seine Kumpane waren nach vorn gesprungen, die Colts in den vorgereckten Fäusten. Es blitzte und krachte dort unter dem Vordach, und die Geschosse schlugen Fetzen in die Bohlen des Sideways vor dem Hotel. Mit einem wahren Panthersatz brachte sich Sheng durch den Eingang in Sicherheit. Während er auf dem Bauch liegend herumwirbelte, wurde draußen vor dem Eingang der Mann von seinen eigenen Kumpanen getroffen. Er war auf die Knie gekommen und hielt sich stöhnend den rechten Arm.

Als die Revolver drüben zu hämmern begannen, wollte er sich aus der Schusslinie bringen und begann vorwärts zu kriechen. Dabei geriet er direkt in das Feuer seiner Kumpane hinein.

Sheng schoss zurück. Er traf einen der Männer. Es war Sanso. Der Bandit zuckte zusammen, als wäre er von einem Peitschenhieb getroffen worden, ließ den Colt fallen und stürzte kopfüber vom Gehsteig auf die Fahrbahn, wo er sich im Staub überschlug. Sein Hut flog durch die Luft und rollte auf seinem zerbeulten Rand bis vor das Hotel, wo ihn ein Schuss von Dawson aus der Richtung brachte.

Dawson und Buck sprangen zurück. Shengs Schüsse trieben sie in den Schatten, und in dessen Schutz flohen sie. Jeder in eine andere Richtung.

Den leergeschossenen Colt in der Faust, trat Sheng auf die Straße. Dawson sah er gerade noch um den Bäckerladen herum verschwinden. Buck war schon nicht mehr zu sehen.

Sheng fuhr sich über das Gesicht und warf den Colt neben den Toten.

Passanten erschienen. Doch keiner wagte sich heran. Auf der rechten Seite bildete sich eine Gasse. Der Sheriff kam angelaufen. Er hielt ein Gewehr in den Fäusten.

„Platz, Leute! Verschwindet!“, rief er mehrmals hintereinander.

Der Sheriff von Green River City war ein großer alter Mann mit schwammigem Gesicht, dessen Hängebacken und die müde dreinblickenden Augen an einen Hund erinnerten. Er wirkte überhaupt nicht gefährlich, nur unendlich gutmütig und träge. Er besaß einen schweren Hängebauch, so dass die Gürtelschnalle gut eine Handbreit tiefer saß als bei schlanken Männern seiner Größe.

Zunächst ging er an Sheng vorbei. Er warf einen Blick auf die Toten und rief den Passanten auf der anderen Seite zu, dass einer den Totengräber rufen sollte. Dann erst wandte er sich Sheng zu.

Es war ein sehr müder Blick, der Sheng traf. Die braunen Augen und die großen Tränensäcke darunter erinnerten auch Sheng an den Anblick eines traurigen Hundes.

„Sie sind bestimmt angegriffen worden“, meinte er.

Sheng nickte. „Dawson und seine Leute!“ Er wies über die Schulter auf die beiden Toten. „Sie kennen die Männer doch. Da drüben liegt noch einer.“

Der Sheriff lief sofort über die Straße, beugte sich dort drüben über Sanso und kam zum Hotel zurück.

„Nun? Gehört er auch zu Dawsons Leuten?“

Der Sheriff überhörte Shengs spöttische Frage. Der Totengräber kam schon mit seinem Karren die Straße entlang. Der Sheriff trat auf die Fahrbahn und winkte ihm.

Sheng fand das Verhalten des Gesetzesmannes ziemlich seltsam.

„Brauchen Sie mich noch?“, fragte er ihn.

Der Sheriff sah ihn an, als wäre er ihm eben erst begegnet. „Wie?“

„Benötigen Sie eine Aussage von mir?“

Der Sheriff schüttelte den Kopf, dass seine gewaltigen Hängebacken nur so wackelten.

„Die Stadt sollte sich einen anderen Sheriff wählen“, sagte Sheng achselzuckend und wollte weitergehen.

„Wie kommen Sie darauf?“, rasselte der Sheriff.

„Will nicht einer endlich etwas gegen diesen Dawson und seine Wölfe unternehmen?“, fragte Sheng. „Und noch eine direkte Frage! Weshalb erscheinen die Vertreter des Gesetzes in dieser Stadt stets zu spät auf der Bildfläche?“

„Sehe ich wie ein Hellseher aus?“

Sheng musterte ihn. „Bestimmt nicht!“, sagte er und ging weiter. Er schritt rasch den Sideway entlang, bahnte sich einen Weg durch die Passanten, die ihn neugierig und gespannt musterten, aber nichts sagten.

Angies Saloon war ein verkohlter Trümmerhaufen. Der Brand hatte das Nachbarhaus rechts davon in Mitleidenschaft gezogen. Die untere Etage war ausgebrannt.

Wo war Angie? Weshalb war sie nicht zu ihm ins Hotel gekommen?

Diese Fragen bedrückten Sheng.

Als er sich in der ausgebrannten Etage des Nachbarhauses umsah, tauchte endlich ein Mann auf.

Er wandte sich ihm sofort zu und verharrte. Es war der alte Sheriff.

„Das hier können Sie sich an den Hut schreiben, Stranger!“, sagte er.

Sheng machte schmale Augen. „Als ich den Saloon verließ, ist Ihr Deputy hier gewesen.“

„Er liegt im Bett mit gebrochenen Knochen“, brummte der Sheriff. „Können Sie sich auch zuschreiben!“

„Wo ist Angie?“, fragte Sheng schließlich. Es hatte ihn Mühe gekostet, mit dieser Frage nicht herauszuplatzen. Der Sheriff zuckte die Schultern. „Haben die Kerle sie mitgenommen?“, fragte Sheng.

„Nein! Sie hat bei den Löscharbeiten geholfen. Da haben wir sie alle noch gesehen. Vielleicht ist sie mit dem Zug weggefahren. Sie soll in Rawlins Verwandte haben.“

„Tut mir leid für Ihren Deputy“, sagte Sheng.

„Davon hat er nichts. Nicht einen Tag früher heilen ihm deswegen die Knochen wieder zusammen.“

„Und Sie plagt wohl gar nichts?“, fragte Sheng.

Ein trauriger Blick traf ihn.

Sheng wollte ihn fragen, weshalb er nicht gegen die Banditen vorging, die er doch kannte. Aber er unterließ es, die Frage zu stellen. In seinen Augen war der Sheriff ein Mann, der sich ablösen lassen sollte. Und zwar auf der Stelle.

„Wollen Sie mir helfen, Stranger?“, fragte ihn der Sheriff.

Sheng machte schmale Augen. „Ja, natürlich! Aber wie ...“

„Dann verlassen Sie die Stadt!“, sagte der Sheriff mit schnarrender Stimme. „Sie stören hier meine Kreise.“

Sheng war überrascht. Er wies in die Runde. „Damit sind Ihre Kreise gestört?“

„Also! Sind Sie mir behilflich? Ja oder nein!“

Sheng sah ihn an und dachte an den Mönch vom Kloster vom Weißen Lotus, der mit ihm in Green River City Kontakt aufnehmen wollte.

„Sie sind doch nur auf der Durchreise, wie ich gehört habe!“, knurrte der Sheriff. „Außerdem bedeutet Green River City jetzt die Hölle für Sie. Ich kann mich nicht ständig in Ihrer Nähe aufhalten.“

„Ich komme schon allein zurecht“, sagte Sheng.

„Sie werden sich in dieser Stadt den Schädel einrennen! Diese Kerle bringen Sie um, und wenn sie deshalb das Hotel abbrennen müssen. Sie hatten zweimal Glück. Das sage ich Ihnen! Halten Sie sich bloß nicht für einen Helden. Das nächste Mal könnte das letzte Mal für Sie sein.“

Er machte kehrt und ließ Sheng stehen.

Sheng wartete, bis er verschwunden war. Dann verließ er das Gebäude und ging durch die Stadt.

Angie war also abgereist. Sie hatte Green River City verlassen, ohne ihm Lebwohl zu sagen. Das erfüllte ihn mit einem Hauch von Wehmut.

Hinter dem Glockenturm bog er in eine schmale Seitengasse ein. Wo steckte der Mönch vom Weißen Lotus? Weshalb ließ er sich nicht blicken? Wenn der Mönch die Stadt kannte, musste er doch erfahren haben, in welche Schwierigkeiten er während des Wartens so unversehens geraten war.

Nachdem Angie die Stadt verlassen hatte, gab es eigentlich keinen Grund mehr, weshalb er sich weiterhin dieser Gefahr außetzte. Zudem gab es niemanden, der ihn um Hilfe bat. Wheelock ausgenommen, der aber Bezahlung geboten und ihn als Revolvermann hatte anwerben wollen.

Weshalb gab ihm der Mönch vom Weißen Lotus kein Zeichen? Sheng wusste nicht einmal, um welchen der sechs Mönche es sich dabei handelte. Befand er sich schon nicht mehr in Green River City?

Sheng lief in die Gasse hinein. Nur vorn in der Nähe der Main Street befanden sich Häuser. Dahinter säumten nur Bretterhütten und Buden die Straße. Auch ein ausrangierter Eisenbahnwaggon diente da Leuten als Behausung. Alle Hütten und Buden waren bewohnt. Aber er sah kaum einen Menschen.

Auf der anderen Seite kam ihm ein alter Mann entgegen, der einen Poncho trug und einen weiten Schlapphut, dessen herabhängender Rand sein Gesicht nicht nur beschattete, sondern fast völlig verbarg.

Sheng beachtete ihn erst, als er schräg über die Gasse gelaufen kam. Direkt auf ihn zu. Er lief erstaunlich schnell, der Alte. Im Vorbeigehen erst trafen sich ihre Blicke, da der Mann mit einer flüchtigen Bewegung sein Gesicht von dem Hutrand entblößte.

Wie ein Strahl aus Feuer und Eiseskälte zugleich fuhr es durch Shengs Körper.

Es handelte sich um einen alten Chinesen.

Um einen der Mönche des Klosters vom Weißen Lotus.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905212
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
sheng drachenbande

Autor

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Titel: Sheng #5: Sheng und die Drachenbande