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Königshaus Norland #5: Dramatische Stunden für Prinzessin Ines

2016 130 Seiten

Leseprobe

KÖNIGSHAUS NORLAND

 

Band 5

 

Damatische Stunden für Prinzessin Ines

 

Ein Roman von Earl Warren

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:123RF und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Prinzessin Ines de Castignada und ihr Verlobter Prinz Bernt von Norland halten sich immer noch in Bolivien auf. Sie sind glücklich und schmieden Zukunftspläne – bis zu dem Augenblick, wo eine Bande von bewaffneten Rebellen Ines entführt. Sie wollen Lösegeld erpressen, und wenn das nicht gezahlt wird, muss sie sterben.

Auch im fernen Königreich Norland überschlagen sich die Ereignisse. Prinz René verlangt die Scheidung von seiner Frau Desiré, aber die wehrt sich mit allen Mitteln dagegen. Sie ahnt jedoch nicht, dass eine grausame Fügung des Schicksals alles verändern wird...

 

Ein weiterer spannender Roman aus der Welt der Royals – um Adel, Liebe und Intrigen.

 

 

 

 

 

 

Über der Hazienda „Lugar Hermoso“ im Hochland Boliviens wehten die rot-grün-gelbe Nationalflagge und die Fahne des Armendariz-Clans. Es handelte sich um ein weitläufiges Anwesen, das von einer Mauer umgeben war, mit weißgetünchten Gebäuden, die sich um eine zweistöckige Villa gruppierten. Im Vergleich zu dem Königlichen Schloss in Tjellborg, der Hauptstadt Norlands, war dieses Landhaus eine Hütte.

Prinz Bernt von Norland und seine Verlobte, die strahlend schöne Ines de Castignada störte es nicht. Sie hatten sowieso nur füreinander Augen und wären in der bescheidensten Hütte glücklich gewesen. An diesem Abend schlenderten sie durch den Garten der in des Nähe von Coroico am Ostrand der Kordilleren gelegenen Großgrundbesitzes.

Ines hatte eine Mantilla um die bloßen Schultern gelegt und benutzte sogar einen Fächer. Ihre dunklen Augen strahlten, und sie hatte den ganzen Charme einer schönen und jungen Spanierin.

Sie war gertenschlank, mit verführerischen Rundungen an den richtigen Stellen. Ihre Taille konnte Bernt von Norland fast mit zwei Händen umspannen.

Er war hingerissen von ihr, seiner ganz großen Liebe. Und heilfroh, dass sie ihm verziehen hatte, nachdem sie wegen seiner unglücklich getimten Affäre mit der irischen Rapperin Eireen O’Bannon sich wieder ihm zugewandt hatte. Der ältere Sohn des Kronprinzen René von Norland war Ines bis nach Bolivien nachgeflogen, wo wie bei dem Milliardenerben Armando Armendariz ein Versteck und eine Zuflucht gesucht hatte.

Prinz John, 22, der zwei Jahre jüngere Bruder Bernts hatte ihn nach Bolivien begleitet, obwohl auch er seine Liebesprobleme hatte und lieber nach Dubai gereist wäre. Er hatte sich nämlich glühend in Fatma al Kazawi verliebt, die Tochter eines dubaischen Ölscheichs und Berater des Emirs des Ölscheichtums am Persischen Golf. Sie hätte er gern wiedergesehen, obwohl ihn das schon einmal im Königspalast in Tjellborg in Lebensgefahr gebracht hatte.

Doch um die rassige und glutäugige Fatma wiederzusehen und in die Arme schließen zu können, wäre er sogar in die Hölle gesprungen. Höllenqualen litt er nämlich schon wegen dieser Liebe, an die er Tag und Nacht dachte.

Bernt war es ähnlich oder noch schlimmer ergangen, nachdem ihn Ines verlassen hatte. Endlich hatte es sich dann geklärt, dass die intrigante Rapperin Eireen O’Bannon, der sogenannte Irische Hurrican, von ihm nicht schwanger war, wie sie behauptet hatte.

Ihre gemeine Intrige scheiterte. Ihr Hit „Prince of my heart“, in dem sie sogar Bernts Namen nannte, rutschte aus den Charts in den Keller. Und Bernt, als er endlich erfahren hatte, wo sich seine über alles geliebte und seinetwegen erzürnte Ines aufhielt, hatte sie endlich auf der Hazienda des Armendariz-Clans wieder umarmen können.

Spontan war sie in seine Arme gesunken. Armando Armendariz, ein gefährlicher Feind, aber auch ein treuer Freund und edler Charakter, sah es mit Schmerzen. Er hatte Ines die Zuflucht geboten, vor längerer Zeit hatten sie ein Verhältnis gehabt, das Ines beendete.

Er hatte um sie geworben, sie aber nicht bedrängt, sondern war zart und rücksichtsvoll gewesen. Denn er hatte gespürt, dass Ines noch mit sich uneins war.

Er überließ ihr die Entscheidung, und sie fiel zu seinen Ungunsten auf, als Bernt auf der Bildfläche erschien. Das war ein paar Tage her. Das Liebespaar wohnte im Gästehaus der Hazienda, dort war auch Prinz John untergebracht.

Die Nächte bestanden aus Liebesgeflüster, tagsüber unternahmen sie Ausflüge in die Umgebung, ritten oder spielten Tennis. Bernt und John waren mal mit Armando auf der Jagd gewesen, doch nicht lange, denn den Prinzen zog es zu der Frau seines Herzens zurück.

Die Versöhnung mit ihr hatte sein Herz noch mehr als zuvor entflammt. Am liebsten hätten sich die Liebenden überhaupt nicht mehr getrennt.

Bernt, in heller Freizeitkleidung, hochgewachsen, blauäugig und blond, brach eine bunte Blüte ab und reichte sie Ines.

„Du bist viel schöner als diese Blume“, flüsterte er und küsste sie zart auf die Wange.

„Schmeichler“, flüsterte Ines, die sich mit ihm meist auf Englisch unterhielt. Norländisch musste sie erst noch lernen. „Es gibt noch andere schöne Blumen, und früher hast du ihnen schlecht widerstehen können…“

„Das ist Vergangenheit“, antwortete ihr der Prinz. Er war ein Playboy und Herzensbrecher gewesen, bis er Ines kennenlernte und ihn die Liebe wie ein Blitzschlag traf. „Ich werde dich immer lieben.“

„Immer, aber nicht ständig“, scherzte Ines und lief Bernt davon.

Das kurze Kleid zeigte eine Menge von ihren sonnengebräunten Beinen. Bernt verfolgte Ines, es war ein neckisches Spiel. Unter einem Baum, auf dem Keilschwanzsittiche und andere Vögel saßen und zwitscherten, holte er sie ein.

Wieder küssten sie sich. In der Nähe arbeitete ein Gärtner, ein Indio, ein älterer Mann. Er schaute zwar nicht zu den Verliebten hin, dennoch hatten sie das Gefühl, dass er sie aus den Augenwinkeln beobachtete.

Einem Liebespaar war es nicht angenehm, seine Zärtlichkeiten unter Beobachtung auszutauschen, besonders dann nicht, wenn sie intimer wurden. Ines und Bernt verständigten sich also, das Anwesen zu verlassen und außerhalb der Mauer, die Schießscharten und ein paar Beobachtungstürmchen aufwies, noch ein wenig zu bummeln.

Hand in Hand gingen sie zu einer Pforte. Die Sonne sank im Westen und berührte fast schon den Horizont. Es war Frühsommer, das Klima gemäßigt, die Luft in der Höhenlage von über 2.000 Meter dünn. Ines und Bernt hatten allerlei von den Unruhen und instabilen Verhältnissen in Bolivien gehört, wo es immer wieder mal Umstürze und Revolutionen gab und kaum ein Präsident seine fünfjährige Amtszeit auf ordnungsgemäße Weise beenden konnte.

Es gab starke soziale Spannungen. 55 Prozent der Bevölkerung waren Indios, 37 Prozent Mestizen. Die restlichen acht Prozent der weißen oder fast weißen Bevölkerung hatten jedoch das Sagen und waren in hohen Ämtern und an den entscheidenden und gutdotierten Stellen fast ausschließlich und überproportional vertreten.

Ines und Bernt, die sich nur füreinander interessierten, hatten das kaum zur Kenntnis genommen. Auch dachten sie jetzt nicht daran, dass Armando Armendariz sie strikt gewarnt hatte, die sichere Hazienda nach Sonnenuntergang zu verlassen, schon gar nicht allein. Auch vor Spaziergängen und Ausritten allein und ohne Begleitschutz hatte er dringend abgeraten.

„Die Ketschuas sind unruhig“, hatte er ihnen gesagt.

Das war mit den Amayas zusammen der Hauptstamm der Indios, die von der Landwirtschaft, meist in ärmlichen Verhältnissen und unterdrückt lebten. Ausgebeutet. Die Armendariz’ und die anderen einflussreichen Familien Boliviens meinten freilich, sie verdienten es nicht besser.

Armando Armendariz, im hellen Anzug, stand auf dem rundum laufenden überdachten Balkon der Villa. Er hatte Ines und Bernt beobachtet, wendete sich aber ab, weil es ihn schmerzte, sie so vertraut und verliebt zu sehen.

Er war Bernts Freund, er gönnte ihm die schöne spanische Fürstenprinzessin. Dennoch mochte er nicht mit ansehen, wenn sie sich in den Armen lagen, die verliebten Blicke, die Küsse. Es gab ihm jedes Mal einen Stich ins Herz.

Der mittelgroße, schlanke, geschmeidige Sohn des bolivianischen Zinnkönigs mit den mandelförmigen Augen kehrte also ins Haus zurück, das modern und rustikal zugleich eingerichtet war. Hier gab es Satellitenfernsehen und Funktelefon, eine eigene Stromversorgungsanlage und alles, was das Herz nur begehrte.

Armando wendete zu früh den Rücken. Er bekam nicht mehr mit, dass das Liebespaar das Gelände der Hazienda verlassen wollte. Und bald, abrupt in diesen Breiten, würde die Nacht hereinbrechen. Eine längere Dämmerung wie in Europa oder Nordamerika gab es hier nicht.

Bernt wollte die Mauerpforte öffnen. Doch sie war verschlossen.

Er rief.

Ein bewaffneter Mann erschien, einer der Guards von der Privattruppe des Armendariz-Clans. Er trug ein Schnellfeuergewehr über der Schulter und hatte ein Walkie-talkie, ein Funksprechgerät, bei sich, war im Khakianzug und trug hohe Stiefel.

„Que pasa? Was ist?“, fragte er in Spanisch.

Ines, deren Muttersprache das war, dolmetschte für Bernt, der sich in Spanisch zwar verständigen konnte, es jedoch keineswegs perfekt beherrschte.

„Wir wollen einen Spaziergang machen.“

„Es wird dunkel.“

„Das sehen wir, wir sind keine kleinen Kinder, die sich bei Nacht fürchten.“

„Die Ketschuas…“

„… unruhig“, mischte sich nun Bernt in holprigem Spanisch ein. „Das wird uns immer erzählt. Aber bisher haben wir keinen Rebellen oder Tupamaro auch nur von weitem gesehen.“

Er verhaspelte sich, Ines übernahm, er sagte ihr in Englisch, was er meinte.

„Ständig stehen wir unter Beobachtung. All diese Wachtposten, Schäferhunde, der ganze Aufwand, muss das denn sein? Wir wollen nicht weit weg, nur einmal allein und unbeobachtet sein.“

Der Wachtposten, ein schnurrbärtiger Mestize, runzelte die Stirn.

„Ich muss den Senor fragen.“

Damit meinte er Armando Armendariz, einen der Söhne von Don Agusto, dem Zinnkönig, und dem einzigen davon, der hier anwesend war. Auch seine Schwester Carmen, genannt Carmencita, weilte auf der Hazienda in dem östlichen der Yungas, wie die beiden langgestreckten Täler hießen, die parallel zum Ostrand der Cordillera Real verliefen.

„Armando hat es erlaubt“, erwiderte Bernt, was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Armando hatte nur gesagt, auf dem Grundstück könnten sie sich frei bewegen, auch in der näheren Umgebung möchten sie jedoch vorsichtig sein und sich den Anordnungen des Personals und der Wächter fügen. „Willst du ihn stören und seine Anordnungen in Frage stellen?“

Der Wachtposten zögerte. Armando konnte sehr herrisch sein. Das lag an seiner Erziehung. Zudem war schon geraume Zeit nichts mehr passiert und hatte es keine Überfälle oder Aktionen der Ketschua-Tupamaros gegeben.

„Wenn Sie mir versprechen, sich nicht weiter als Rufweite zu entfernen, will ich Ihnen die Pforte öffnen“, sagte der Wächter, der nicht der einzige Wachtposten war.

„Danke. Sie können auch gern ein Kindermädchen holen“, sagte Bernt, was Ines jedoch nicht übersetzte.

Quietschend öffnete sich die Pforte. Hand in Hand gingen die beiden hindurch und entfernten sich nach Osten zu einem kleinen Wald. Der Wachtposten schaute ihnen lächelnd nach.

Was für ein schönes Paar sie doch sind, dachte er. Der junge Prinz hochgewachsen, stattlich, breitschultrig, ein Bild von einem Mann mit seinem blonden Haar und den blitzenden blauen Augen. Und die Prinzessin, schwarzhaarig, fast einen Kopf kleiner als er und so schön, dass einen die Augen schmerzen, wenn man sie soviel Schönheit betrachtet.

Der Wachtposten war einige Momente abgelenkt. Er sah Ines und Bernt auf dem Pfad zwischen den breitästigen Bäumen verschwinden. Dann hörte er ein Sausen. Etwas flog seitlich heran und erwischte ihn mit Urgewalt am Kopf.

Der Wachtposten stürzte nieder. Er war sofort bewusstlos. Ein Indio, der sich hinter einer Mauerecke geduckt hatte, zeigte sich. Er war breitschultrig, stämmig und trug einen Poncho.

Er hatte den Wächter mit einem gezielten Wurf seiner Bola außer Gefecht gesetzt, eines Wurfgeschosses, das aus drei Steinkugeln bestand, die an Riemen hingen. Damit konnte man jemanden sowohl fesseln als auch betäuben.

Die Ketschuas waren Meister damit. Bei der Jagd, zum Beispiel auf den großen Nandu-Laufvogel und andere Tiere, jedoch auch gegen ihre Feinde benutzten sie die Bola. Der Indio ging zu der Pforte, wobei er sich gegen die Mauer drückte.

Er spähte umher. Er trug eine Schusswaffe unter dem Poncho, wo man sie nicht gleich sah, und hatte eine Machete am Gürtel. Er ahmte nun einen Vogelschrei nach.

Von innerhalb der Hazienda wurde ihm geantwortet. Und kurz darauf, als jäh und fast ohne Übergang die Dunkelheit hereinbrach, erschienen drei Gestalten, die eine vierte, die reglos und gefesselt war und einen Sack über dem Kopf hatte, bei der Pforte.

Bei der reglosen Gestalt handelte es sich um eine bewusstlose Frau, die entführt wurde. Der Indio tuschelte mit seinen Kumpanen.

„Bringt sie zum Jeep hinterm Wald, wie vereinbart“, teilte er ihnen im Ketschua-Dialekt mit. „Ich folge den beiden anderen.“

„Was hast du vor, Chavez?“

Der Indio, der zuvor die Bola geworfen hatte, antwortete nicht. Er zog jedoch die Machete aus der Scheide, ein langes Haumesser, mit dem man Gestrüpp roden konnte und das sich auch für weniger friedliche Zwecke verwenden ließ.

Chavez schaute sich um. Dann folgte er Ines und Bernt in das Wäldchen. Die Machete blinkte in seiner Hand. Seine Kumpane schleppten die bewusstlose Frau weg, wobei sie die Deckung von Büschen ausnutzten, nachdem sie die freie Fläche mit einigen Sprüngen überwunden hatten.

Bis es auffiel, dass der Wachtposten außer Gefecht gesetzt war, würde es einige Zeit dauern. Der Wächter lag reglos da. Die Schnüre der Bola hatten sich um seinen Hals und um seinen Kopf gewunden. An der linken Seite seines Schädels wuchs eine große Beule.

Ines und Bernt ahnten noch nichts von der Gefahr…

 

*

 

Zehntausende Kilometer entfernt, in Bentheim Palace, dem Stammsitz des norländischen Königshauses, bereitete sich der Kronprinz René auf eine schwierige Unterredung vor. René von Norland, 53 Jahre alt, hochgewachsen, ging unruhig vor dem Arbeitszimmer seines Vaters Erik, des Königs von Norland, auf und ab. Schloss Bentwaldt, fast im Zentrum der Hauptstadt gelegen, hatte 320 Zimmer. Ein großer Park grenzte ans Schloss.

Im Frühsommer grünte und blühte es da, der Schlosspark war eine Pracht. Trotz der Hitze an diesem Tag hatten die Gardisten vorm Schloss ihre hohen Bärenfellmützen auf.

Vorm Schloss auf einem gepflasterten freien Platz und der Auffahrt zur Freitreppe plätscherte ein marmorner Springbrunnen mit allerlei Putten und Figuren, ein Denkmal der Geschmacklosigkeit, wie es König Eriks Enkelinnen, die jungen Prinzessinnen Natalie und Alexa, nannten.

Und das Reiterstandbild Gustav Ludwigs II stand da, des Löwen des Nordens, wie man ihn genannt hatte. Monarch, Heerführer, Dynastiengründer und Vater von - wie der Volksmund munkelte - an die dreihundert unehelichen Kindern, und eheliche hatte er auch gehabt.

Dieser barocke Kraftmensch war nicht die einzige exzentrische Natur unter den norländischen Herrschern gewesen, jenes Landes im Norden, in dem König Erik demnächst sein 50jähriges Thronjubiläum und das 200jährige Bestehen des Hauses Bentwaldt feiern wollte, das das vor ihm kommende Haus Aarhus abgelöst hatte.

Zudem würde der König in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern. Geheiratet hatte er bereits, nämlich nach einigen Jahren Witwerschaft nach dem tagischen Unfalltod seiner Gattin Andrea die aus Frankreich stammende Lady Patricia, die seitdem Königin Patricia I hieß.

Weitere Feiern standen an, nämlich die von Prinzessin Jennifer, König Eriks mittlerweile 39jährigen Tochter. Sie hatte endlich nach tragischen Vorfällen und vielen Schwierigkeiten ihr Glück mit dem internationalen Unternehmer und Milliardär Morten Hanson gefunden, dem Vater ihrer Tochter Prinzessin Natalie, was lange verschwiegen worden war.

Die Liebeswirren und Familiengeschichten der derzeitigen Bentwaldt-Dynastie hätten Bände füllen können. Doch manche Interna behielt man lieber für sich. Die Einwohner von Norland, 12,5 Millionen an der Zahl, brauchten nicht alles zu wissen. Bei den Bentwaldts handelte es sich um eine konstitutionelle Erbmonarchie. Regiert wurde das Land im Zwei-Parteien-System von einem Premierminister und einem Parlament.

Zur Zeit waren die Liberalen an der Regierung, was König Erik nicht immer freute.

Kronprinz René schaute ungeduldig auf seine teure Uhr. Der große, hagere Kronprinz hatte am Hinterkopf schütteres Haar und eine spitze Nase. Er war ein engagierter Naturschützer, liebte die Einsamkeit des norländischen Hochmoors und galt beim Volk als ein Eigenbrödler.

Ganz im Gegensatz zu seiner mondänen Gattin Prinzessin Desiré, mit der er drei Kinder hatte – Bernt, 24, John, 22 und Alexa, 18, die Jüngste. Die Ehe des Kronprinzen stand schon seit etlichen Jahren unter keinem guten Stern. Er und seine Gattin hatten sich völlig auseinandergelebt.

Das war auch der Grund, weshalb René von Norland dringend mit seinem Vater sprechen wollte. Dieser beriet sich schon seit anderthalb Stunden mit dem Kronratsvorsitzenden Olav Mettlund, einer ebenso wichtigen wie gewichtigen Persönlichkeit.

René klopfte endlich an die gepolsterte Tür.

Gedämpft hörte er ein „Herein!“, öffnete die Tür einen Spalt, schaute ins Zimmer und fragte: „Dauert es denn noch lange, Vater?“

„Einen Moment noch, René. Entschuldige bitte. Fünf Minuten.“

Aus den fünf Minuten wurde abermals eine Viertelstunde, bis Olav Mettlund erschien und sich ein paar Schweißtropfen von der hohen Stirn tupfte. Mettlund war ein Koloss von Mann, fast zwei Meter groß, sein Gewicht schätzte man besser.

Doch er besaß einen scharfen Verstand und war dem König ein unentbehrlicher Ratgeber und Helfer. Er entschuldigte sich bei dem Kronprinzen, dass er hatte warten müssen.

René war etwas pikiert, er meinte, man hätte ihn hinzu und ins Vertrauen ziehen müssen. Doch offensichtlich hatte es sich um eine Angelegenheit gehandelt, bei der er nicht erwünscht war. Oder nicht gebraucht wurde.

Darüber beschwerte er sich gleich, als er eintrat.

König Erik, weißhaarig, stattlich, im Maßanzug, saß hinter seinem antiken Schreibtisch in dem 150 Quadratmeter großen, mit Antiquitäten geschmückten Zimmer. Die Fenster zum Park standen offen, der König liebte die frische Luft.

Bewusst verzichtete er darauf, Computer und dergleichen sichtbar in seinem Arbeitszimmer aufzustellen, obwohl er längst nicht mehr ohne klar kam. Der Flachbildschirm ließ sich im Schreibtisch versenken, die Tastatur ebenfalls.

Der König wirkte erschöpft, was angesichts seines Alters, des anstrengenden Amts, das er hatte, und den Belastungen in der letzten Zeit kein Wunder war.

Er bot seinem Sohn Platz und einen alten Kognak an.

„Danke, ich trinke um die Zeit noch keinen Alkohol.“

Es war Nachmittag.

„Das ist sehr vernünftig, René. Was führt dich zu mir? Ich musste mit Mettlund eine dringende innerpolitische Angelegenheit besprechen, in die du noch nicht eingeweiht bist. Zu gegebener Zeit werde ich dich hinzuziehen.“

„Vater, ich soll einmal deine Nachfolge antreten. Hältst du das so für richtig, vor mir Geheimnisse zu haben? Fast glaube ich, du hältst mich noch für einen dummen Jungen.“

„Dumm bist du nie gewesen, nur eigen, René. Es ist kein Geheimnis, doch wärst du hinzugekommen, hätten wir dir alles erklären müssen, was Stunden gedauert hätte.“

René war ein wenig verstimmt und sah das als keinen guten Auftakt für das Gespräch an, das er führen wollte.

„Nun, mein Junge, was hast du auf dem Herzen?“, fragte der König. „Es wird hoffentlich nicht sehr lange dauern. Ich bin mit meiner Gattin zum Nachmittagstee verabredet. Danach wollen wir in der Schwimmhalle ein paar Runden schwimmen. Patricia legt Wert darauf, dass ich mich fit halte. In Massen natürlich, Schwimmrekorde werde ich keine mehr aufstellen. Sie hat mit dem Küchenmeister und der Chefköchin zusammen eine spezielle Diät für mich ausgearbeitet, kochsalz- und fettarm, makrobiotisch orientiert. Meinen Diätberater hat sie entlassen, wir suchen nun einen anderen. Und meine geliebten Zigarren darf ich nur noch heimlich rauchen. Wehe, wenn sie mich dabei erwischt. Ich muss gar die Kleider wechseln und mein Haar föhnen und sprayen lassen, damit sie nicht den Rauch riecht.“

Wider Willen musste René lächeln.

„Wo rauchst du denn heimlich, Vater?“, fragte er.

„Das verrate ich nicht. Ich weiß ja, Patricia meint es nur gut mit mir. Mein Herz ist angeschlagen, ich bin nicht mehr der Jüngste. Doch manchmal erscheint mir die Königin allzu fürsorglich. Eure Mutter, Gott habe sie selig, hat nie etwas gegen mein Rauchen einzuwenden gehabt.“

„Damals warst du auch noch jünger und hattest keine Herzprobleme, Vater. König zu sein ist sehr anstrengend, alles hängt an dir, alles schaut auf dich.“

Durch die Blume ließ Kronprinz René damit anklingen, dass er einen Thronwechsel für gut hielt. Doch davon wollte der alte König nichts wissen. Er winkte ab.

„Ein paar Jahre schaffe ich schon noch. Dann sehen wir weiter. Die Hochzeitsfeierlichkeiten mit Patricia sind Gottlob vorbei, jetzt gilt es, das 200jährige der Bentwaldts, mein 50jähriges Thronjubiläum und meinen 75. Geburtstag über die Bühne zu bringen. Danach kann ich etwas verschnaufen. Doch nun zu dir, René. Was ist dein Anliegen?“

Der Kronprinz rutschte unruhig auf seinem Polsterstuhl hin und her.

Schließlich platzte er heraus: „Vater, ich will mich scheiden lassen.“

„Was? Ich höre wohl nicht Recht. Ich dachte, dieses Thema sei ein für allemal vom Tisch. Ein Bentwaldt lässt sich nicht scheiden.“

„Aber meine Schwester Jennifer ist doch auch von ihrem früheren Gatten Rolf von Olpe geschieden. Da ist es doch auch gegangen.“

„Jennifer kommt für die Thronfolge nicht in Frage, das ist etwas anderes. Ich weiß, dass du dich mit deiner Gattin Desiré nicht sonderlich gut verstehst. Dass du schon seit vielen Jahren eine Geliebte hast, die Freifrau Beatrice von Ottrein-Hahlöö, ist mir bekannt. Auch sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Wie stellt ihr euch das denn vor?“

„Beas Kinder sind erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Sie kann sich jederzeit scheiden lassen. Ihre Ehe mit Leif Hahlöö steht schon seit langem nur noch auf dem Papier.“

„Da steht sie doch gut“, sagte der König. „Ihr seht euch, ihr seid öfter zusammen. Welchen Vorteil würde es bringen, wenn ihr euch alle beide scheiden ließet, um zu heiraten? Ich sehe da nur Nachteile.“

König Erik zählte an den Fingern ab.

„Einen Skandal. Eine Gefährdung deiner Thronfolge. Schaden für das Ansehen des Hauses Bentwaldt. Teure Abfindungen für Desiré, die zudem ihre Ehe und die Stellung der Kronprinzessin und Thronfolgerin nicht kampflos aufgeben wird. Nur Kummer und Leid und Wirren sehe ich da. Die Frage ist auch, wie sich die Norländer zu deiner neuen Ehe, die du dann ja wohl anstrebst – weshalb sonst solltet ihr euch scheiden lassen wollen? – stellen. Du giltst ein wenig als Sonderling. Beatrice von Ottrein-Hahlöö hat eine schlechte Presse. Sie wird verunglimpft und verspottet. Mit dieser Frau an deiner Seite kannst du nicht auf den Thron, René. Überleg dir das.“

René hatte schon einmal einen schüchternen Vorstoß in Sachen Ehescheidung unternommen, als König Erik im vergangenen Jahr der Familie seine Heiratspläne mit der 26 Jahre jüngeren Französin Patricia d’Ancourt eröffnete. Dieser war vom König sofort abgeschmettert worden.

Ein knappes „Unmöglich“ und der Wechsel zu einem anderen Thema hatten genügt. Jetzt fasste sich Kronprinz René ein Herz. In dem hohen, prunkvollen Raum nahm er seinen ganzen Mut zusammen, um seine Meinung zu vertreten und seinem Vater die Stirn zu bieten.

Obwohl René von Norland auf die Fünfzig zuging, war Erik für ihn ein Übervater. Zudem noch der König – fünfzig Jahre fast auf dem Thron, ein Monarch, ein Patriarch und ein Gigant. Eine gewaltige Autorität auch für seine Kinder und Enkel.

„Schlag dir das aus dem Kopf, mein Sohn“, sagte der König. „Und jetzt trinke doch einen Kognak, er wird dir heute einmal nicht schaden.“

„Ich will keinen Kognak, ich will Beatrice“, entgegnete der Kronprinz aufmüpfig.

„Aber wozu denn? Weshalb? Wem sollte es nützen?“

„Wir lieben uns schon sehr lange. Beatrice war meine Jugendliebe. Dann waren wir eine Weile getrennt, weil Beatrice im Ausland studierte. Da lernte ich Desiré kennen und verliebte mich glühend in sie.“

„Sie entstammt einer alten, angesehenen Familie“, sagte der König. „Es war eine sehr passende Verbindung.“

„Für dich vielleicht, aber nicht für mich. Ich halte die Heuchelei und den Betrug nicht länger aus. Bei offiziellen Anlässen muss ich mich mit Desiré zusammen zeigen, obwohl wir schon lange getrennt sind und jeder Bescheid weiß, der die Verhältnisse kennt. Ich habe mich schon seit vielen Jahren mit Beatrice heimlich getroffen, Vater, erst in der letzten Zeit ist unser Verhältnis öffentlicher geworden. Sie ist die Frau, die ich liebe, eine Seele von Mensch. Wir haben dieselben Interessen – die Liebe zur Natur und ihren Schutz, wir mögen keinen Pomp und Prunk und sind in einer Blockhütte im Moor, wenn wir dort zusammen sein können, zufriedener und glücklicher als im königlichen Schloss.“

„Du bist aber der Kronprinz, René, kein Förster. Schlag dir das aus dem Kopf.“

„Nein, nein, nein und abermals nein! Ich kann es nicht länger ertragen. Beatrices Presse ist deshalb so schlecht, weil Desire bei jeder Gelegenheit über sie herzieht und sie verunglimpft. Sie verteilt ihre Spitzen, vergleicht sie mit einem Bernhardiner und hat ihre Garderobe neulich als waldschratartig bezeichnet. Mich nennen sie auch den Moorprinzen, mich stört dieses nicht. Ich bin sogar stolz darauf. Aber Beatrice stört die Schattenrolle, die sie spielen muss als meine Geliebte. Die Häme, die ihr entgegengebracht wird. Das Gift und der Hohn. Sie geht innerlich daran zugrunde. Aber das lasse ich nicht zu, Vater. Ich will endlich klare Verhältnisse haben.“

König René seufzte und nahm seine Herzpillen, die er mit einem Schluck Wasser hinunterspülte.

Auch das noch, dachte er, als ob wir nicht Sorgen genug hätten.

„René“, bat er. „Das ist eine Sache, die du nichts übers Knie brechen kannst. Warte bis nächstes Jahr, da sprechen wir weiter darüber. In diesem Jahr haben wir das Thronjubiläum, das 200jährige, meinen Ge…“

„Und, und, und“, fiel René seinem Vater ins Wort, was er noch nie gewagt hatte. „Ich habe damals schnell gemerkt, dass meine Ehe mit Desiré ein Irrtum gewesen ist.“

„Diesem Irrtum entstammen immerhin drei mittlerweile erwachsene Kinder, und er hat 25 Jahre Bestand gehabt.“

Die Silberne Hochzeit von Kronprinz René und seiner Gattin stand in dem Jahr auch noch an. Bei all den anderen Feierlichkeiten würde sie ziemlich untergehen, zumal keiner der beiden Ehepartner den Hochzeitstag als einen Glücks- und Glanztag betrachten konnte. König René hatte jedoch angenommen, man würde die Silberhochzeit zumindest in kleinerem Kreis in Schloss Bentwaldt oder dem Schloss Desirés im Landesinnern feiern.

Dass gerade in dem 25. Ehejubiläumsjahr die Scheidung eingereicht oder zumindest eingeleitet werden sollte, war ein Schock für ihn. Ein Schlag ins Gesicht seiner Überzeugungen und Wertmassstäbe.

„Desiré ist kaltherzig und luxusliebend“, sagte René. „Sie liebt mondäne Parties und Auftritte, glanzvolle Roben, sie will immer im Mittelpunkt stehen. Sie hat mich nie geliebt. Sie hat in erster Linie den Kronprinzen von Norland geheiratet, nicht den Menschen und den Mann René.“

„Beides ist nicht zu trennen. Ich habe einmal mit ihr darüber gesprochen, in einer vertraulichen Stunde. Sie sagte mir etwas anderes, dass es ihr nie gelang, den Zugang zu deinem Herzen zu finden. Und dass du sie schon bald betrogst… Dass sie deshalb in Parties, Aktivitäten, Wohltätigkeitsveranstaltungen und dergleichen einen Ausgleich suchte. Und sich mit Schmuck und Modellkleidern tröstete. Immerhin hat sie nie einen Skandal verursacht und dich meines Wissens nie betrogen.“

„Wenn, dann war’s sehr dezent“, sagte René.

Er war, in seinem Alter noch, rot geworden. Auf seine Seitensprünge mit Beatrice und sein langjähriges außereheliches Verhältnis ausgerechnet von seinem Vater angesprochen zu werden, machte ihn verlegen.

„Sie braucht keinen Mann“, sagte er. „Deshalb hat sie keine Affären. Kronprinzessin und wie sie meint später einmal Königin zu sein reicht ihr. Sie… sie kann mich zum Frieren bringen.“

Das war vielleicht das Schlimmste, was ein Ehemann über seine Frau sagen konnte. König Erik schlug vor, seine Gattin Patricia zu dem Gespräch mit hinzuzuziehen.

René lehnte halsstarrig ab.

Er stand auf.

„Ich lasse mich scheiden, Vater. Eher verzichte ich auf den Thron als auf Beatrice. Trotz aller Anfeindungen hat sie all die Jahre zu mir gestanden, als heimliche Geliebte, Mätresse, als Schattenfrau…“

„Nur Selbstaufopferung wird nicht dabei gewesen sein“, brummte der König. „Ein paar Vorteile wird sie auch davon gehabt haben. – Ich kenne die Menschen. Männer und Frauen sind keine Engel, René. – Setz dich wieder hin. – Beruhige dich.“

„Nein, für mich ist das Gespräch beendet. Morgen gebe ich es den Medien bekannt, dass meine Ehe gescheitert ist und aufgelöst wird. Das ist mein letztes Wort!“

Da sprang der König auf und schlug auf den Tisch, dass es knallte und sein silberner Briefbeschwerer hochsprang.

„Du Tollkopf, ja, bist du von Sinnen? Willst du dem Haus Bentwaldt schweren Schaden zufügen und ausgerechnet jetzt und in diesem Jahr die Scheidung von deiner Ehe mit Desiré einreichen? – Das darf doch nicht wahr sein! – Das Thronjubiläum, all die anderen Jubiläen und Festivitäten… Was ist denn bloß in dich gefahren?“

„Ich kann so nicht mehr länger weitermachen, Vater. Bea genauso wenig. Wir gehen zugrunde dabei. Wir halten die Lügerei und den falschen Schein nicht mehr aus. Lieber in einer Hütte im Moor als unter den Umständen in Bentwaldt Palace. In diesem Jahr sind es die Jubiläen, im nächsten ist es wieder etwas anderes. – Einmal muss es doch sein, und jetzt ist der Punkt erreicht! – Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Keiner kann mehr geben, als er hat, und wir – Bea und ich – haben genug gegeben. Jetzt wollen wir auch einmal an uns denken und an unser gemeinsames Glück. Jahrelang mussten wir Rücksichten nehmen, haben uns versteckt und verbogen. – Es geht nicht mehr! Es ist nicht mehr möglich.“

König Erik setzte sich wieder. Sein Kopf war hochrot angelaufen. Sein Herz hämmerte, und in seiner Brust stach es. Derlei Temperamentsausbrüche konnte er sich nicht mehr leisten.

In ruhigem Ton sagte er: „Hast du schon mit Desiré darüber gesprochen? Mit deiner Frau?“

„Nein, aber ich tue es bald.“

„Dann tu es. Dann komm wieder. Tu, was du nicht lassen kannst, René. Ich kann dich nicht daran hindern.“

René sah, wie angegriffen sein Vater war, und wollte den Arzt holen.

„Ich weiß selbst, wann ich den Arzt brauche“, wies ihn der König zurecht. „Geh mir aus den Augen, René. Für heute hast du genug gesagt.“

René schaute ihn besorgt an. Doch der König sagte, Patricia, seine Gattin, würde in wenigen Minuten kommen. Er bräuchte René nicht länger.

Da ging der Kronprinz. Er wollte in den Schlossflügel auf, in dem seine geliebte Lady Beatrice ungeduldig auf ihn wartete. Die livrierten Schlossbediensteten, denen er in den langen Gängen begegnete, grüßten ihn achtungsvoll.

Prinz René ging an dem berühmten Spiegelkabinett von Schloss Bentwaldt und durch die Ruhmeshalle mit den Büsten und Bildern vergangener Herrscher, Herrscherinnen und Größen des Landes. Auch eine Büste seiner Mutter, Königin Andrea, die vor vier Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war stand da.

Der Kronprinz blieb einen Moment vor der Marmorbüste stehen, an der man erkennen konnte, dass Königin Andrea eine stolze und stattliche Frau gewesen war.

René berührte den kalten und glatten Marmor zärtlich mit seinen Fingerspitzen.

„Du würdest mich verstehen, Mama“, flüsterte er. „Ich liebe Beatrice so sehr. Und ich werde älter, bald bin ich 49. Ich habe mich lange genug verstellt.“

Eine Träne stahl sich in seine Augen und rollte ihn über die Wange.

„Nichts auf der Welt, auch der Thron von Norland nicht, ist es wert, eine große Liebe dafür zu opfern und in Täuschung und Lüge zu leben“, sagte der Kronprinz, und es war ihm, als ob ihm jemand diese Worte eingegeben hätte.

Königin Andrea hatte ihre Kinder zur Wahrheitsliebe erzogen. Prinz René legte die Wange an den kühlen Marmor. Er spürte etwas wie einen ganz leichten Hauch, ähnlich wie damals, als er noch ein kleiner Junge gewesen war und ihm die Mutter ganz sacht über die Haare gestrichen hatte.

„Gräme dich nicht“, hörte er die Stimme seiner Mutter in seinen Gedanken oder bildete es sich ein. „Tu, was du für richtig hältst, was dein Herz dir eingibt. – Geh unbeirrt deinen Weg. – Ich bin stolz auf dich.“

Königin Andrea hatte ihren Sohn, den der strenge Vater eher skeptisch betrachtete, immer gelobt und gefördert. Hoch erhobenen Hauptes eilte Prinz René weiter. Eine Last war ihm vom Herzen gefallen. Er war kein Mensch, der an Geistwanderung, spirituelle Dinge und dergleichen glaubte.

Doch jetzt meinte er, den Geist seiner Mutter gespürt zu haben und von ihm inspiriert worden zu sein. Er betrat das Gemach, wo Beatrice Ottrein-Hahlöö auf ihn wartete.

Sie war groß und stattlich, ihr grünes Kleid wirkte etwas unvorteilhaft. Bea, wie er sie nannte, war keine große Schönheit. Sie hatte zahlreiche Sommersprossen, rotblondes Haar, das ohne besonderen Schick frisiert war, und trug wenig Make-up. Sie war 46 Jahre alt, und sie kannten sich schon sehr lange.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte sie in dem etwas düsteren Gemach.

Der Vorzugsgast war sie im Schloss nicht, obwohl sie jederzeit hier Zutritt hatte.

„Paps war dagegen, aber er wird nachgeben müssen“, antwortete René und küsste sie auf den Mund. „Ich muss mit Desiré sprechen und ihr mitteilen, was ich von ihr verlange – die Scheidung wegen Zerrüttung der Ehe. Dann ziehen wir uns ins Moor zurück und geben allen hier Gelegenheit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, was auf sie zukommt. – Sie werden es akzeptieren müssen, und dann können wir endlich vor aller Augen zusammen und glücklich sein.“

„Meinst du wirklich?“, fragte Beatrice, die schon nicht mehr daran glaubte.

„Jawohl, mein Sahnetörtchen!“, rief Prinz René etwas albern. Er umarmte sich und drängte sie hin zum Bett, wo sie zwischen die Kissen sanken.

„Schließ die Tür ab“, sagte Bea und kicherte.

René besann sich einen Moment. Dann stand er auf, tat, was verlangt worden war und kehrte rasch wieder zu seiner Geliebten zurück. Sie waren vertraut miteinander. Jede mochte die Wärme und Nähe des anderen, seine Zärtlichkeit, seinen Duft.

Wer den in Gesellschaft steif und eigenbrödlerisch wirkenden Kronprinzen nicht näher kannte, hätte nicht geglaubt, dass er derart verliebt sein könnte.

 

*

 

Der Indio, der Prinz Bernt von Norland und Ines de Castignada mit gezückter Machete verfolgte, wurde von seinen Kameraden Tres Dedos genannt. An der linken Hand fehlten ihm nämlich zwei Finger, ein Andenken an eine Messerstecherei, als sein Kontrahent plötzlich zu einem Beil gegriffen und sie ihm damit abgehauen hatte.

Tres Dedos, der seinen richtigen Namen kaum noch selbst kannte, war ein Unterführer und die rechte Hand des Rebellenführers El Condor, der in Bolivien einen Umsturz herbeiführen wollte. Dafür war ihm jedes Mittel recht.

Der untersetzte, stämmige, kraftstrotzende Indio schlich also in der rasch hereingebrochenen Dunkelheit hinter dem Liebespaar her. Er sah sie unter einem Baum stehen, in enger Umarmung.

Sie vergaßen die Umwelt und nahmen sie nicht mehr wahr. Der Indio grinste tückisch. Einen Moment erwog er, Bernt mit einem Machetenhieb den Kopf vom Hals zu trennen. Doch dann dachte er sich, dass es später einmal von Vorteil sein könnte, wenn er den blonden Gringo am Leben ließ.

Soviel hatte Tres Dedos mitbekommen, dass Bernt ein bedeutender, wichtiger Mann und Vorzugsgast von Armando Armendariz war, den er bitter hasste. Armando zu töten hätte er nicht gezögert. Doch wenn er Bernts Leben schonte, konnte er sich später einmal darauf berufen.

Man wusste ja nie.

Der Indio schlich im Schatten näher. Er nahm die Machete so, dass er mit dem Knauf zuschlagen konnte. Mit einem harten, gezielten Schlag auf den Kopf streckte er Bernt nieder, der keine Chance hatte und wie ein Baum umfiel.

Ines wollte schreien. Doch schon spürte sie die scharfe Machetenklinge an der Kehle. Der Indio packte sie. Er war bärenstark und roch nach Schweiß und anderen Ausdünstungen.

„Keinen Laut“, sagte er, „oder ich schneide dir dein hübsches Hälschen durch, Senorita.“

Ines wagte nicht, sich zu rühren, geschweige denn Widerstand zu leisten. Entsetzt schaute sie auf Bernt, der reglos zu ihren Füßen lag.

„Ist er tot?“, fragte sie.

„Eher nicht“, antwortete ihr Tres Dedos. „Ich denke, er hat einen sehr harten Kopf.“

Ines wusste, dass er sie töten würde, wenn sie um Hilfe schrie oder Gegenwehr leistete. Dennoch erwog sie es. Zweifellos hatte sie einen Banditen oder Tupamaro vor sich, und sie überlegte sich, was ihr blühte, wenn sie von ihm verschleppt wurde.

Dann jedoch hatte sie wenigstens eine Chance.

Ihre Haltung straffte sich.

„Ich bin die Prinzessin de Castignada“, sagte sie.

Ihr Spanisch klang anders als das von Tres Dedos, der meist im Ketschua-Dialekt redete, jedoch Spanisch konnte, die offizielle Landessprache Boliviens.

„Was habt ihr mit mir vor?“

„Que sera – wer weiß, Princesa.“

Tres Dedos pfiff leise. Es dauerte nicht lange, bis schattenhafte Gestalten erschienen, die wie er Ponchos trugen und die bewaffnet waren. Sie fesselten Ines und stopften ihr einen Knebel in den Mund. Während auf der Hazienca Alarm gegeben wurde und der von der Bola niedergestreckte Posten war entdeckt worden, führten sie sie in den Wald.

Ines blieb keine Chance. Bernt lag noch immer bewegungslos da, und sie konnte nur hoffen, dass der Indio, der ihn niedergestreckt hatte, sich nicht irrte und er tatsächlich noch lebte. Der Spaziergang der Liebenden hatte sich in einen blanken Alptraum verwandelt.

 

*

 

Armando Armendariz war außer sich, als er erfuhr, dass Bernt und Ines verschwunden waren. Armando hatte beim Fernsehen gesessen, eine sehr prosaische Beschäftigung, aber er wollte die Nachrichten sehen. Er sprang sofort auf und gab Befehle.

Prinz John wurde geholt. Auch er war sehr geschockt.

„Wo können Sie sein?“, fragte er in der Halle der Villa, wo Armando die Männer zusammentrommelte und Suchtrupps zusammenstellte.

Der von der Bola des Indios niedergestreckte Wachtposten war bei der Ablösung gefunden worden. Er regte sich bereits wieder. Armando gab den Befehl festzustellen, ob noch jemand auf der Hazienda fehlte oder vermisst wurde.

Sowohl in der Villa als auch in den Unterkünften der Dienstboten wurde gesucht und die Vollständigkeit festgestellt. Es war mittlerweile halb elf Uhr abends geworden.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905205
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Schlagworte
königshaus norland dramatische stunden prinzessin ines

Autor

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Titel: Königshaus Norland #5: Dramatische Stunden für Prinzessin Ines