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Hat der Wolf erst Blut geleckt

Kriminalroman

2016 200 Seiten

Leseprobe

Karl Plepelits

 

Hat der Wolf erst Blut geleckt

Ein Krimi aus Vorarlberg

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Steve Mayer nach Motiven von pixabay, 2016

Nach einer Idee von Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

1963 – Vorarlberg:

Wer einmal mordet, hat bekanntlich keine Hemmungen, einen zweiten Mord zu begehen. Oder wie ein türkisches Sprichwort sagt: Hat der Wolf erst Blut geleckt, dann ist er nicht mehr aufzuhalten. Nur, wie soll man es einem Wolf ansehen, dass er bereits Blut geleckt hat und dass es höchst gefährlich, ja lebensbedrohend ist, sich mit ihm einzulassen?Und so muss ein junger Frauenheld erkennen, dass seine Lieblingsbeschäftigung, das Erobern von Frauen, nicht ohne Gefahren ist. Zu allem Überfluss gerät er selbst in Mordverdacht. Aber letztlich tappt die Polizei im Dunkeln. Und so beschließt er, selber den wahren Mördern auf die Spur zu kommen – ohne zu ahnen, dass er dabei sein Leben aufs Spiel setzt.

 

 

1

Oh! Oh! Ist das aber eine Überraschung!

Ich steige aus dem Zug, und wer steht da auf dem Bahnsteig und wartet?

Die Elisabeth mit dem Engelsgesicht und dem Engelshaar!

Wartet sie auf mich?

Ja! Ja! Sie empfängt mich mit strahlendem Lächeln und begrüßt mich mit einem feierlichen „Servus, Georg.“

Worauf ich so gerührt bin, dass ich mein Reisegepäck fallen lasse, ihre Schultern umfasse und sie spontan auf den Mund küsse.

Ja, so bin ich halt. Leider. Gar zu oft lasse ich mich von meinem Überschwang zu Dingen hinreißen, die ich danach sofort bereue. So auch dieses Mal. Ich kann nur hoffen, dass ich Elisabeth jetzt nicht zu nahe getreten bin. Dass sie sich jetzt nicht entrüstet abwendet. Schließlich kennen wir uns erst seit kurzer Zeit. Und geküsst haben wir uns überhaupt noch nie.

Nein, gottlob, zu nahe getreten bin ich ihr, so wie’s aussieht, doch nicht. Denn sie wirkt in keiner Weise entrüstet, wendet sich nicht ab, strahlt mich im Gegenteil an wie die liebe Sonne, die sich gerade anschickt, sich hinter dem Ardetzenberg im Westen schlafen zu legen. Aber sie bleibt stumm (ich meine: die Elisabeth, nicht die liebe Sonne). Habe ich ihr mit meinem spontanen Küsschen die Sprechorgane lahmgelegt?

Wolltest du wirklich mich abholen?“, sage ich nach einer kurzen Verlegenheitspause. „Weil ich dir geschrieben hab, dass ich heute mit diesem Zug ...?“

Ah, Gott sei Dank. Sie funktionieren ja doch noch.

Aber ja, sicher“, flötet Elisabeth. „Wo wir uns doch jetzt so lange nicht gesehen haben. Übrigens, danke für den Brief aus Melk und die Postkarte aus Wien. Darüber hab ich mich nämlich sehr gefreut.“

Ja, richtig. Und ich darf mich für deine wunderschöne Karte aus Feldkirch bedanken. Und? Wirst du mich jetzt ein Stück begleiten? Darüber würde ich mich nämlich mordsmäßig freuen.“

Mordsmäßig?“, echot Elisabeth und wird zu meiner Verblüffung rot wie die untergehende Sonne. Dann sagt sie rasch: „Aber ja. Falls du nichts dagegen hast. Und falls es dir nicht unangenehm ist.“

Aber, aber. Warum sollte es mir denn unangenehm sein?“

Na, wenn uns zum Beispiel zufällig die Johanna entgegenkommt.“

Aber wo denkst du hin.“

Elisabeth und Johanna habe ich vor knapp zwei Monaten gleichzeitig kennengelernt, musste aber zu meinem Bedauern bald danach verreisen. Umso mehr freue ich mich darüber, dass mich Elisabeth jetzt von der Bahn abgeholt hat und mich sogar begleiten will. Bin schon gespannt, wie weit. Soll ich sie einfach fragen? Nein, das traue ich mich jetzt nicht. Es wäre vielleicht gar zu indiskret, gerade nach dem spontanen Kuss soeben. Ich werde es schon noch rechtzeitig erfahren.

Unterdessen haben wir uns längst in Bewegung gesetzt und den Bahnhofsbereich hinter uns gelassen, und Elisabeth bleibt getreulich an meiner Seite, hilft mir, mein Gepäck zu tragen, und erzählt mir, was sie alles in der Zeit meiner Abwesenheit erlebt hat. Sie bleibt an meiner Seite, bis wir vor der Gartentür der Villa stehen, in der ich seit neuestem ein Zimmerchen gemietet habe. Und nun? Ja, nun ist die möglicherweise gar zu indiskrete Frage unvermeidlich: „Kommst du noch auf einen Sprung mit hinein?“

Und was erwidert Elisabeth?

O ja, gern, wenn’s dir nichts ausmacht. Falls du nicht zu erschöpft bist von der langen Bahnfahrt. Damit ich sehen kann, wie du jetzt untergebracht bist.“

Und dazu lächelt sie mich süß an.

(In meinem früheren Untermietzimmer hat sie mich nämlich auch des Öfteren besucht. Ebenso Johanna.)

Also treten wir gemeinsam ein und begrüßen als Erstes die Frau Hämmerle, meine Vermieterin, eine alte Witwe. Sie hat mich ja jetzt weit über einen Monat nicht gesehen. Ich stelle ihr Elisabeth als „liebe Bekannte“ vor, „die mich liebenswürdigerweise von der Bahn abgeholt hat“, und ziehe mich dann mit meiner „lieben Bekannten“ rasch in mein Zimmerchen zurück.

Dort angelangt, lasse ich wie am Bahnhof mein Gepäck fallen, trete vor Elisabeth hin, lege ihr meine Hände auf die Schultern und beginne mit zerknirschter Miene (und innerlich voll froher Erwartung): „Du, Elisabeth, ich muss mich wirklich entschuldigen für meinen Übergriff am Bahnhof. Aber weißt du, ich hab mich halt so gefreut, dich zu sehen. Und die Freude hat mich dermaßen überwältigt ... Na ja, da musste ich dich einfach küssen. Das war wie ein innerer Zwang. Und jetzt freue ich mich so mordsmäßig, dass du mich begleitet hast ...“

Ich verstumme mitten im Satz. Elisabeth errötet wieder, sagt aber nichts, strahlt mich nur an.

Und das macht mir Mut. „Weißt du, was? Es drängt mich, dich einfach noch einmal zu küssen.“

Und sie? Sie wirkt weder erschrocken noch entrüstet, weist mich nicht zurück, läuft mir nicht davon, sondern strahlt mich weiterhin an (genau, wie die liebe Sonne, die sich allerdings inzwischen vollends verabschiedet hat). Also küsse ich sie „einfach noch einmal“ – nur, alles andere als spontan. Und, vor allem, alles andere als flüchtig.

Ohne zu zögern, erwidert Elisabeth meinen Kuss. Und da werfe ich voller Entzücken meine Arme um sie, drücke sie an mich und küsse sie erneut und wie berauscht und beginne wie berauscht ihren Rücken und ihren süßen Po zu streicheln. Und da ich weiterhin auf keinerlei Widerstand stoße, und da ich spüre, wie auch sie allmählich quasi berauscht wird, werden meine Hände plötzlich von der Lust übermannt, nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihre Haut zu spüren und zu liebkosen. Und ich beginne sie, die Kleidung, langsam und behutsam zu entfernen.

Und was tut Elisabeth? Langsam und behutsam entfernt sie ihrerseits meine Kleidung. Schließlich stehen wir uns gegenüber, wie Gott oder die Natur uns geschaffen hat. Nun steigt unser beider Berauschung ins Gigantische. Denn auch Elisabeth ist unterdessen „mordsmäßig“ berauscht, das ist deutlich genug zu sehen und zu spüren. Und so berauscht, fallen wir, quasi in einem Stück, auf mein schmales Bett und geben uns wie von Sinnen unserem Liebesrausch hin, um uns in das Paradies des höchsten dem Menschen erreichbaren Glücks katapultieren zu lassen, nicht ahnend, dass das Schicksal sich soeben bereit macht, uns in die Tiefen menschlichen Unglücks zu katapultieren.

Wir sind gerade, wie es so schön heißt, „voll in Fahrt“, da hören wir die Hausglocke läuten, schenken ihr aber natürlich null Beachtung. Doch nur wenige Augenblicke später klopft es zu unserer Bestürzung energisch an der Tür meines Zimmers, und ehe ich noch dazu komme, herein zu rufen – nein, natürlich zu rufen, Augenblick, ich komme gleich, da höre ich auch schon, wie sie aufgestoßen wird und wie unser Besucher, vielmehr, unsere Besucher, denn es dürften mehrere sein, geräuschvoll hereinstapfen.

Unser gerade „voll in Fahrt“ befindliches Schäferstündchen ist damit wohl beendet. Ich blicke mich um. Ha, da steht ja eine ganze Kompanie grimmig blickender, nein, hämisch grinsender Gendarmen vor uns. Mir liegt schon auf der Zunge, empört auszurufen: Was soll denn das? Was fällt ihnen ein, ein friedliches Liebespaar so brutal zu überfallen? Aber dann sehe ich, dass sie uns nur schweigend (und hämisch grinsend) anglotzen. Und da bleibt mir der Protest im Hals stecken, und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich, nicht ohne Überwindung, vorsichtig von Elisabeth zu lösen und mich aufzurichten.

Schließlich bringt der Vorderste in der Kompanie, offenbar der Kapo, den Mund auf und entschuldigt sich nicht bei mir, sondern bei der „entzückenden jungen Dame“ für die Störung. Danach erst wendet er sich an mich und gibt mir in unnötig barschem Ton zu verstehen, ich möge mich schnellstens ankleiden und ihnen folgen. Ich stünde unter Mordverdacht und sei verhaftet.

Höre ich recht? Oder träume ich? Mordverdacht? Verhaftet?

Vor Bestürzung bin ich wie gelähmt. Ich kann den Kapo nur fassungslos anstarren. Wie soll auch ein Mensch ein derart bestürzendes Geschehen sofort erfassen? Wie soll eine derart erschreckende, unbegreifliche Mitteilung in Sekundenschnelle den Weg ins Hirnkastl finden? Ist es unter solchen Umständen nicht nur natürlich, dass man eine „lange Leitung“ hat?

Elisabeths „Leitung“ ist bei weitem nicht so lang. Zwar betrifft sie diese unangenehme Angelegenheit ja überhaupt nicht, oder sagen wir, nur halb. Schließlich ist sie um einen schönen Orgasmus umgefallen und zugleich als Person mit eher fragwürdiger Moral entlarvt. Trotzdem ist bei ihr der Weg ins Hirnkastl bedeutend kürzer. Denn ihr Entsetzensschrei kommt augenblicklich. Gleichzeitig bricht sie in Tränen aus, und ihr doch eben noch herrlich rosiges Engelsgesicht wird zuerst totenbleich und verwandelt sich im nächsten Moment zu meiner zusätzlichen Bestürzung in eine feuerrote Teufelsfratze.

(Entschuldige den Ausdruck, Liebste, sage ich in Gedanken zu ihr. Aber dein Gesichtchen erinnert mich im Moment wirklich an ein Teufelchen.)

Nun gut, irgendwann ist diese unbegreifliche Mitteilung auch in meinem Hirnkastl angekommen, und meine Lähmung legt sich. Entsetzensschrei entkommt mir zwar keiner. Aber dafür die wenig respektvolle Frage, ob sich die Herren nicht in der Adresse geirrt hätten, oder wie sie auf die absonderliche Idee kämen, mich eines Mordes zu verdächtigen und verhaften zu wollen.

Antwort: Ob ich nicht Herr Georg Holly sei, geboren am ... und so weiter.

Hm, diese Daten treffen alle auf mich zu. Wie gibt’s denn so was?

Ja, doch, das bin ich. Aber wieso ...“

Dann stehen Sie bitte auf, ziehen Sie sich an und kommen Sie mit. Aber bitte schön, ein bisschen dalli.“

 

 

2

Dieses zunächst so vielversprechende und zuletzt so peinliche und bestürzende Geschehen ereignete sich vor unvorstellbar langer Zeit, nämlich am Samstag, dem 17. August 1963, im schönen Vorarlberger Schulstädtle Feldkirch. In einer der Feldkircher Schulen, dem Jesuitenkolleg Stella Matutina, unterrichtete ich seit Anfang des Jahres Englisch, Griechisch und Latein. Es war meine erste Anstellung überhaupt. Ja, damals war ich noch ein Jüngling mit lockigem Haar, an Mut und an Hoffnungen reich (wie der alte Waffenschmied in der gleichnamigen Oper von Albert Lortzing singt). Zumindest sah ich noch fast aus wie ein Jüngling. Wegen meines jugendlichen Aussehens hielten mich viele Feldkircher tatsächlich für einen Schüler der höheren Klassen, einen sogenannten „Stellaner“.

Und warum hatte ich diese erste Anstellung ausgerechnet zum Jahreswechsel, also mitten im Schuljahr, angetreten?

Nun, irgendwann während der Sommerferien 1962, ich war bereits ein sogenanntes höheres Semester an der Wiener Uni und schrieb gerade eifrig an meiner Dissertation, da kam ein Studienkollege namens Pater Szelényi, ein bereits geweihter Jesuitenpater von der Stella Matutina, schnurstracks auf meinen mit Büchern vollgeräumten Arbeitsplatz zu und überraschte mich mit einer „heiklen Frage“; so sagte er. Er sei von seinem Direktor in Feldkirch beauftragt worden, nach Kommilitonen zu suchen, die bereit und imstande wären, zu Beginn des neuen Schuljahres im September als Junglehrer an die Stella Matutina zu gehen, um dem zurzeit in Vorarlberg herrschenden Lehrermangel abzuhelfen.

War ich dazu bereit? Nein, völlig ausgeschlossen. Auf gar keinen Fall. Bis zum Schulbeginn würde ich nie mit meiner Dissertation fertig. Und dass ich das nur hier in Wien erledigen könne, wisse er ja selbst am besten.

Und so musste Pater Szelényi nach einem anderen Opfer suchen.

Offenbar hatte er mit seiner Werbeaktion nicht gerade durchschlagenden Erfolg. Denn ein paar Wochen später wandte er sich mit derselben Frage neuerlich an mich. Und da sagte ich (zu meiner eigenen Überraschung) nicht sofort, nein, ausgeschlossen, sondern: Nein, September gehe auf keinen Fall. Allerdings, bis Weihnachten müsste ich nach menschlichem Ermessen mit meiner Dissertation fertig sein. Und danach ginge es eventuell. Falls sein Direktor damit einverstanden wäre ...

Und siehe da, nur wenige Tage später erhielt ich von diesem einen Brief, in dem er seine große Freude ausdrückte, dass ich zum Jahreswechsel an die Stella Matutina kommen wolle, um zu unterrichten. Ein Untermietzimmer werde man für mich bereitstellen. Vom Bahnhof werde man mich abholen. Und mittagessen könne ich immer in ihrem Kolleg. Denn die Stella Matutina sei nicht nur eine Internatsschule, sondern zugleich eine Jesuitenkommunität.

(Kommunität nennen die Jesuiten, was andere Mönchsorden Kloster nennen. Das wurde mir damals klar.)

Also gut, die Schicksalsgötter hatten entschieden. Doch gleichzeitig hatten sie offenbar auch entschieden, dass ich mich ein Jahr später, am Abend des 17. August 1963, unter dem Vorwurf, einen Mord begangen zu haben, verhaften lassen musste. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo ein überaus hübsches (und überaus williges) Mädchen wie berauscht mit mir im Bett lag und meinem Gefühl nach bereits auf den Höhepunkt zu steuerte und dann doch auf ihn verzichten musste (wie natürlich auch ich selber).

Aber zurück ins Jahr 1962. Es gelang mir tatsächlich, die Arbeiten an meiner Dissertation, wie geplant und wie erhofft, knapp vor Weihnachten abzuschließen. Und für die diversen Prüfungen, die mir noch fehlten, musste ich halt im Laufe der nächsten Jahre jedes Mal die weite Fahrt nach Wien antreten. Aber dabei konnte ich wenigstens immer meine Familie und meine alten Freundinnen in Wien und in Melk besuchen.

Melk, jenes für sein berühmtes Benediktinerstift bekannte Städtchen in Niederösterreich, liegt ja an der Westbahnstrecke. Das einzige Problem bestand darin, dass ich umsteigen musste. Im Gegensatz zu Feldkirch war Melk keine Schnellzugsstation (und ist es auch heute nicht).

Am 4. Januar 1963, einem Freitag, nahm ich also Abschied von Melk und übersiedelte gewissermaßen ans Ende der Welt. Feldkirch liegt ja an der Grenze zur Schweiz und zum Fürstentum Liechtenstein und rühmt sich, die westlichste Stadt Österreichs zu sein. Übrigens ist es kein Zufall, dass die Stella Matutina, eine Internatsschule, ausgerechnet hier angesiedelt war. Sie wurde ja von der Schweizer Jesuitenprovinz geleitet. (Pater Szelényi ist zwar Ungar und flüchtete während des Ungarnaufstands 1956 wie viele Tausende seiner Landsleute nach Österreich. Wieso er bei den Schweizer Jesuiten gelandet ist, entzieht sich meiner Kenntnis.) 1847 waren die Jesuiten aus der Schweiz vertrieben worden und hatten jenseits der Grenze in Feldkirch ein neues Kolleg unter dem Namen Stella Matutina gegründet. (Mittlerweile haben sie es bedauerlicherweise geschlossen.)

Und nun verschlug es also auch mich dorthin. Nach ewig langer Fahrt durch tiefverschneite Gebirgslandschaften stieg ich im ebenfalls tiefverschneiten Feldkirch aus dem Zug und sah mich unverhofft einem Herrn in Soutane gegenüber, der sich als Bruder Wettenschwiler vorstellte. Er begrüßte mich als „Herr Professor Holly“ (für mich ein absolutes Novum; es riss mich richtiggehend von den Socken). Hierauf verfrachtete er mich in ein Automobil und chauffierte mich schnurstracks in die Stella Matutina, wo ich zunächst einmal durch eine schmackhafte Labung vor dem drohenden Hungertod gerettet wurde. Danach fuhr er mich in mein zukünftiges Zuhause.

Dieses entpuppte sich als schmucke Villa auf einem Steilhang des Ardetzenberges oberhalb einer Schlucht der Ill. (Diese mündet wenige Kilometer weiter flussabwärts in den Rhein, der die Grenze zur Schweiz bildet.) Hier empfingen mich die Hauseigentümer, meine zukünftigen Zimmerwirte, ein altes, na gut, ein älteres Ehepaar namens Floquet, und wiesen mich in das für mich vorgesehene Zimmer ein. Früher, so erklärten sie mir, sei es das Kinderzimmer ihrer Tochter gewesen. Aber die sei inzwischen ausgezogen – warum oder wohin, verrieten sie mir nicht –, und daher stehe es von jetzt an mir zur Verfügung. Und sie wünschten mir nicht nur viel Freude mit meinem neuen Domizil, sondern erteilten mir auch gleich eine Lektion über die Eigenheiten, durch die sich Vorarlberg angeblich von allen anderen Bundesländern unterscheidet. Und das betrifft nicht nur den Dialekt (der sich für mich zunächst als völlig unverständlich erweisen sollte), sondern noch manch anderes wie zum Beispiel den Einfluss der katholischen Kirche und die Macht von Moral, Sparsamkeit und Arbeitsfleiß. Und zu diesem Thema gebe es ein nettes Sprüchlein: „Spera, schaffa, husa, Katz vrkofa, sealbr musa.“ Auf Hochdeutsch bedeutet das so viel wie „Sparen, arbeiten, Haus bauen, Katze verkaufen, selber Mäuse fangen.“ Und noch etwas zum Thema Moral: Der aktuelle Modetanz Twist sei in Vorarlberg verboten. Denn er verführe zur Unmoral.

Letzteres konnte ich bei meinen Ballbesuchen nicht bestätigen. Denn natürlich ging ich in der mittlerweile ausgebrochenen Faschingssaison fleißig tanzen, allein oder auch mit Kollegen. Übrigens sagt man hierzulande nicht Fasching, sondern Fastnacht.

Also: Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass in Vorarlberg mit einer Begeisterung sondergleichen Twist getanzt wird. Und o Wunder, alle beherrschten ihn perfekt.

Eine meiner Tanzpartnerinnen klärte mich auf: Gerade weil er verboten war, erfreue er sich so großer Beliebtheit. Verbotenes übe ja stets einen besonderen Reiz aus. Erst zu Beginn der diesjährigen Faschingssaison sei dieses irrwitzige Verbot aufgehoben worden.

Apropos Kollegen. Zugleich apropos Verbotenes. Streng verboten oder zumindest absolut verpönt war, so schien es jedenfalls, das weibliche Geschlecht in der Stella Matutina. Sie hatte zwar einen weiblichen Namen, nämlich einen der Beinamen der heiligen Maria (er bedeutet „Morgenstern“), glich freilich einem reinen Männerbund. Und das bedeutet: Es gab weder Kolleginnen noch auch Schülerinnen. Und schon gar nicht gab es Jesuitinnen.

Trotzdem lernte ich in kurzer Zeit erstaunliche viele junge Frauen kennen, nicht nur als Folge meiner Ballbesuche. Der Pater Minister, so sein Titel (der besagt, dass sein Träger für alle praktischen und organisatorischen Angelegenheit der Kommunität zuständig ist); sein richtiger Name war Pater Hürlimann ... Also noch einmal von vorn: Der Pater Minister fungierte als Leiter und Dirigent des Feldkircher Kirchenchores. Und da ich als ehemaliger Melker Sängerknabe seit undenklichen Zeiten gewohnt war, in einem Kirchenchor zu singen (ursprünglich zu dem Zweck, meinen Eltern das Schulgeld für das Melker Stiftsgymnasium zu ersparen), ließ ich mich vom Pater Minister sehr gern anwerben. Als alter Chorsänger fand ich nämlich Gottesdienste ohne die Möglichkeit, zu singen und gleichzeitig mit den Mitsängern und Mitsängerinnen leise zu plaudern, bei aller Frömmigkeit stets zum Davonlaufen langweilig.

Und was tut man als Chorsänger üblicherweise nach den Gottesdiensten und auch nach den Chorproben unter der Woche? Natürlich, man wandert gemeinsam ins nächste Café oder Gasthaus und leert dort ein Gläschen Wein oder ein Krügerl Bier und begleitet danach vielleicht auch noch eine der Mitsängerinnen nach Hause – gehört sich doch für einen Kavalier, nicht wahr? Und ich muss zugeben, dass der Feldkircher Kirchenchor eine ungewöhnlich reichhaltige Sammlung ungewöhnlich hübscher und netter junger Damen enthielt. Überdies wurden ihrer, je mehr Zeit verstrich, immer mehr.

Irgendwann im Juni wurde besagte Sammlung am selben Tag durch zwei neue Sängerinnen vermehrt, eine hübscher und netter als die andere. Sie waren offensichtlich gute Freundinnen. Die eine hieß Elisabeth und hatte ein Gesicht und Haare wie ein Engel des Herrn, war allerdings ein bisschen mollig, was ihr Engelsgesicht vielleicht nur noch besser zur Geltung brachte. Die andere hieß Johanna, hatte einen süßen kupfernen Haarschopf wie ich und war gertenschlank, hatte dafür aber ein nicht ganz so süßes Engelsgesicht wie Elisabeth. Und von beiden war ich total bezaubert. Aber auch sie erweckten den Anschein, als fänden sie an mir Gefallen, und ließen sich von mir sehr gern in ein Kaffehaus oder einen Gastgarten und zu Spaziergängen einladen. Und wenn die Spaziergänge über den Ardetzenberg führten, an dessen Abhang die Floquetsche Villa liegt, so lag es nahe, sie zum Abschluss noch zu mir in mein Untermietzimmer einzuladen.

Jetzt hatte ich freilich ein Problem: Welcher von den beiden sollte ich im Ernst meine Gunst schenken? Denn so bezaubert war ich von ihnen, dass ich bereits ans Heiraten dachte.

(Heiraten – das war damals ja noch allgemeine Sitte, nicht nur in Vorarlberg. Ebenso der Brauch oder vielmehr das nur allzu häufige Schicksal des „Heiraten-Müssens“.)

Vorläufig konnte ich mich nicht entscheiden und musste es wohl auch nicht. Denn jetzt begannen ja bald die großen Ferien, und die würde ich aus verschiedenen Gründen zum Teil in Melk und in Wien verbringen. Das war schon längst fixiert.

Kurz vor meiner Abreise aus Feldkirch tauchte unversehens ein weiteres Problem auf. Der Herr Floquet teilte mir zu meiner Bestürzung beim gemeinsamen Frühstück mit, seine Tochter sei erkrankt und komme deshalb in ihr Elternhaus zurück und benötige wieder ihr altes Zimmer.

Also musste ich mich gar rasch auf Herbergssuche begeben. Dies stellte sich als unerwartet schwierig heraus. Als ich vor lauter Misserfolgen schon ganz verzweifelt war, erzählte ich dem Pater Direktor von meiner vergeblichen Suche. Und das war mein Glück. Denn er wusste Rat. Er schickte mich zur Frau Hämmerle, einer alten Dame, die allein eine Villa am Blasenberg bewohnte, das heißt, auf der anderen Seite der Illschlucht. Ich machte mich unverzüglich auf den Weg dorthin. Und hurra, hier konnte ich sofort einziehen – konkret, zum 1. Juli.

Erst viel später fiel mir ein, was der wahre Grund für meinen Rausschmiss aus meinem ersten Domizil gewesen sein mochte. Es ist natürlich nur ein Verdacht, und möglicherweise tue ich dem Herrn Floquet damit Unrecht. Aber unterdessen bin ich überzeugt, dass sich irgendjemand an meinen wiederholten Damenbesuchen gestoßen hatte. Entweder war man wirklich „moralisch entrüstet“. Oder man fürchtete die böse Zunge eventueller missgünstiger Nachbarn: He, die Floquets lassen zu, dass dieser verkommene Bursche leichtfertige Weiber mit aufs Zimmer nimmt. Dabei, ich schwör’s, war mit Johanna und Elisabeth im Haus der Floquets nie etwas „Unmoralisches“ vorgefallen. Nicht einmal Bruderschaftsküsse hatten wir getauscht. Wie gesagt, Elisabeth habe ich zum ersten Mal am 17. August am Feldkircher Bahnhof geküsst, und Johanna sowieso noch nie.

Aber wie gesagt, dieser Gedanke kam mir erst lange, nachdem mich Elisabeth in mein neues Untermietzimmer begleitet hatte und dort genau wie ich ganz unverhofft vom Liebesrausch übermannt worden und dann noch weit unverhoffter um ihren Orgasmus umgefallen war.

(Falls sie nicht heimlich längst auf einen solchen gehofft hatte. Hatte sie mich vielleicht in eben dieser Hoffnung vom Bahnhof abgeholt? Und ich hatte es ebenso wenig geahnt, wie dass ich noch am selben Abend unter Mordverdacht verhaftet werden sollte? Aber auch dieser Gedanke kam mir erst viel später.)

 

 

3

Nun gut. Allmählich begann es mir zu dämmern, dass sich die Herren Gendarmen – ich zählte drei Stück – so leicht nicht abwimmeln ließen, weder durch bloßes Wunschdenken noch durch Zauberei und auch nicht durch Leugnen jeglicher Schuld und schon gar nicht durch einen diskreten Hinweis auf die Peinlichkeit der Situation. Nolens volens stieg ich also aus dem Bett – und verdoppelte damit nur die Peinlichkeit. Denn nun präsentierte ich unseren hämisch grinsenden Besuchern naturgemäß meine ganze glorreiche Männlichkeit. Und dagegen konnte ich nichts anderes tun, als hektisch in meine Kleider fahren. Danach beugte ich mich zur immer noch heulenden Elisabeth hinab, küsste sie, bat sie (unnötigerweise) um Entschuldigung und riet ihr, einfach liegen zu bleiben. Ich sei garantiert bald wieder zurück.

Kommen Sie also freiwillig mit?“, sagte der Kapo, sobald ich mich mit missvergnügter Miene nach ihm umgewandt hatte. „Oder wünscht der Herr, Handschellen angelegt zu kriegen?“

Keine Angst, ich freue mich ja so, dass ich Sie begleiten darf“, brummte ich mit verhaltenem Sarkasmus. „Ich hoffe nur, dieses Affentheater ist bald vorbei.“

Trotz oder vielleicht gerade wegen meines Galgenhumors umringten mich die drei Herren, wie um zu verhindern, dass ich ihnen unverhofft entwische, geleiteten mich getreulich zu einem vor dem Haus wartenden Polizeifahrzeug und halfen mir wie einem gebrechlichen alten Herrn sorgsam in dessen Inneres. Während der Fahrt fiel es mir ein zu fragen, wieso sie sich ausgerechnet heute Abend auf mich gestürzt hätten. Ich sei ja eben erst aus Melk, meinem Heimatort, angekommen.

Die Antwort hätte ich mir denken können: Meine Zimmerwirtin habe sie freundlicherweise telefonisch von meiner Ankunft verständigt.

Nachdem meine Laune ohnedies bereits nahe dem Nullpunkt war, erbitterte mich diese Information zusätzlich so sehr, dass ich für den Rest der kurzen Autofahrt stumm blieb und nicht einmal auf die Idee kam zu fragen, wen ich ermordet haben solle.

Die Antwort erfuhr ich erst auf dem Kommissariat, aber auch da erst, nachdem die bei solchen Amtshandlungen offenbar vorgeschriebenen vorbereitenden Zeremonien wie etwa die Abnahme meiner Fingerabdrücke erledigt waren.

Also: Das Mordopfer heiße Dr. Erwin Floquet und sei bis vor kurzem mein Vermieter gewesen, habe mir aber gekündigt. Und ich stehe im dringenden Verdacht, ihn ermordet zu haben. Vermutlich aus Rache.

Wie? Was?“, rief ich ganz bestürzt aus, als ich diese Schreckensnachricht hörte. „Der Herr Floquet ist tot, ermordet? Das ist ja grauenhaft. Wie ist denn das passiert? Ich meine, wie ist er denn ermordet worden? Und wo? Und wann?“

Das fragen Sie uns?“, lautete die Antwort des Kapos, der die Einvernahme leitete.

Ja, entschuldigen Sie, aber wen soll ich sonst fragen? Oder meinen Sie wirklich, ich müsste das am besten wissen, weil ich den Herrn Floquet umgebracht hätte?“

Na, Herr Holly“, sagte einer der anderen Beamten, die andächtig meiner Vernehmung lauschten, „Sie sind entweder wirklich unschuldig. Oder ein exzellenter Schauspieler.“

Von meinen schauspielerischen Talenten war mir bisher nichts bekannt. Da hab ich anscheinend meinen Beruf verfehlt, wie? Nein, Blödsinn. Ich bin natürlich wirklich unschuldig. Und ganz außer mir, dass der Herr Floquet ... Hab ich Sie richtig verstanden: Vermutlich aus Rache? Wofür hätte ich mich denn rächen sollen?“

Das ist jetzt aber eine echt dumme Frage“, erwiderte der Kapo. „Ich hab’s doch gerade erwähnt. Er hat Ihnen das Zimmer gekündigt. Schon vergessen? Oder tun Sie nur so unschuldig?“

Ich tu nicht nur so unschuldig. Weil, bitte schön, der Umstand, dass er mir das Zimmer gekündigt hat, ist doch beileibe kein Grund, mich zu rächen. Oder gar, meinen ehemaligen Vermieter zu ermorden. Seine Tochter ist halt erkrankt und benötigt das Zimmer. Das sieht man doch ein, oder? Na, such ich mir halt ein anderes Untermietzimmer. Und jetzt wohn ich eben bei der Frau Hämmerle. Dem Herrn Floquet hab ich das nie übelgenommen, geschweige denn Rachegelüste empfunden.“

Und das sollen wir Ihnen glauben?“

Ja, klar. Weil, beweisen kann ich’s natürlich nicht. Oder können Sie mir sagen, wie ich Ihnen beweisen soll, dass ich mit dem Mord am Herrn Floquet nichts, aber schon gar nichts zu tun hab? Obwohl, meine heutige Fahrkarte müsste ich noch eingesteckt haben.“

Ach was, die hilft uns gar nichts. Als Alibi wäre sie sowieso wertlos. Außerdem könnten Sie die sich ja anderweitig besorgt haben. Erklären Sie uns lieber, wo Sie am Dienstagabend waren. Also am 13. August.“

Ist das der Abend, an dem der arme Herr Floquet ...?“

Bitte, beantworten Sie meine Frage, statt uns Fragen zu stellen.“

Ja, ja, ist schon gut“, sagte ich betroffen. „Tschuldigung. Also am Dienstag ist das passiert? Wo war ich denn da am Abend? Jedenfalls nicht in Feldkirch oder überhaupt in Vorarlberg. Sondern in Melk, bei meinen Eltern.“

Und wie lautet deren Telefonnummer? Damit wir sie anrufen können.“

Ach, Schei... Die haben ja kein Telefon. Aber halt, am Dienstag war ich ja tagsüber auf Besuch bei einem Freund und Studienkollegen. Der hatte mich nämlich in sein Elternhaus eingeladen. In Weikendorf.“

Weikendorf? Wo ist denn das?“

Im Marchfeld. Nordöstlich von Wien. Also noch weiter entfernt von Feldkirch.“

Und gibt’s da eine Telefonnummer?“

O ja. Die haben einen Anschluss.“

Mein Notizbüchlein hatte ich zum Glück eingesteckt. Ich suchte die Nummer des Elternhauses meines Freundes heraus und diktierte sie dem Kapo. Dieser griff sogleich nach dem Telefon, wählte die Vermittlung und diktierte sie ihr seinerseits. Hierauf hörte man deutlich das Tüt-Tüt. Aber niemand meldete sich. Schließlich legte der Kapo entnervt auf und murmelte: „Hebt keiner ab. Ja, was machen wir da?“ Und zu mir gewandt: „Die Fahrkarten nach und von Weikendorf haben Sie wahrscheinlich nicht mehr bei sich?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, leider. Längst weggeschmissen.“

Nun meldete sich einer der anderen Beamten zu Wort und sagte zum Kapo: „Ach, am besten rufen wir einfach die Dienststelle in Melk an. Und die sollen einen zu seinen Eltern schicken und nachfragen, ob das stimmt, was er sagt.“ Und zu mir gewandt: „Wie weit ist denn das vom Kommissariat entfernt?“

Ach, gar nicht weit“, erwiderte ich. „Keine fünf Minuten zu Fuß.“

Dies geschah, und jetzt hieß es einfach warten. Und nachdem wir eine kleine Ewigkeit gewartet hatten – in Wirklichkeit war es kaum eine Viertelstunde –, läutete das Telefon, der Kapo hob ab, meldete sich, lauschte, bedankte sich, legte auf und sagte mit feierlicher Stimme, zu mir gewandt: „Herr Holly, Sie haben Glück. Ihre Mutter hat Ihre Aussagen vollinhaltlich bestätigt.“

Erleichtert atmete ich auf und murmelte: „Na also.“

Was natürlich nicht bedeutet“, fuhr der Kapo ungerührt fort, „dass jetzt der Verdacht gegen Sie zur Gänze ausgeräumt ist.“

Wieso denn nicht?“, erwiderte ich entrüstet und entsetzt.

Ganz einfach. Weil wir mit der Möglichkeit rechnen müssen, dass Ihre Mutter Sie deckt. Wider besseres Wissen. Sie ist klarerweise keine unabhängige Zeugin.“

Aber ich bin ...“, begann ich voller Empörung, verstummte aber sogleich und fuhr in ruhigerem Ton fort: „Was soll jetzt also mit mir geschehen? Wollen Sie mich weiterhin festhalten und einsperren?“

Der Kapo schwieg, warf seinen Kollegen einen fragenden Blick zu – das heißt, ich vermute, dass es ein solcher war – und sagte dann: „Ist unsere Information richtig, dass Sie Professor in der Stella sind?“ (Der Beiname „Matutina“ wird im mündlichen Gespräch gern weggelassen.)

Na freilich.“

Und werden Sie auch im kommenden Schuljahr in der Stella unterrichten?“

Klar. Ansonsten wäre ich ja arbeitslos. Der Pater Direktor nimmt mich ja, obwohl ich noch gar nicht alle Prüfungen hab.“

Ob der sehr erfreut sein wird, wenn er erfährt, wo und mit wem wir Sie angetroffen haben?“

Das muss er aber nicht unbedingt erfahren, oder? Im Übrigen betrifft das eh nur mein Privatleben.“

Na, ob die frommen Patres das auch so sehen würden? Aber Sie haben recht. Das bleibt unser süßes Geheimnis.“

Und dazu grinste er hämisch oder vielleicht auch nur verständnisvoll. Und wieder ernst geworden, sagte er: „Also, Herr Holly, können wir uns darauf verlassen, dass Sie uns weiterhin zur Verfügung stehen werden?“

Aber sicher. Auf jeden Fall.“

Ja, dann sind Sie entlassen.“

Erleichtert atmete ich auf. Dann fiel mir noch etwas ein.

Darf ich zum Abschluss noch einmal fragen, wo der Herr Floquet ermordet worden ist?“

Na, mir scheint, Sie wissen das ja wirklich nicht.“

Natürlich nicht. Wie denn auch?“

Also gut. Auf dem Ardetzenberg. Mitten im Wald.“

Entsetzlich. Und wie? Oder mit was?“

Mit irgendeinem stumpfen Gegenstand auf den Kopf.“

Ich fass es nicht.“ Ich versuchte mir diese Hinrichtung plastisch vorzustellen und schüttelte mich vor Grauen. Hierauf sagte ich: „Ich kann also gehen?“

Sie können gehen. Aber vergessen Sie nicht: Bis zur vollständigen Aufklärung dieses Mordfalls gehören Sie trotzdem zum Kreis der Verdächtigen.“

Versteh ich Sie richtig: Es gibt schon auch noch andere Verdächtige?“

Na ja, bisher sind Sie unser Einziger.“

Ihr Einziger?“, versuchte ich zu scherzen. „Na, das ehrt mich aber.“

Keiner lachte. Na ja, war auch ein eher schwacher Scherz.

 

 

4

Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und Helfern und suchte unverzüglich das Weite. Weit kam ich aber nicht. Denn wer stand da vor dem Eingang des Kommissariats und wartete auf mich? Ich traute kaum meinen Augen: Elisabeth.

Ja, Elisabeth“, rief ich total gerührt, aber mit gedämpfter Stimme aus und fiel ihr stürmisch um den Hals. „Wartest du wirklich auf mich?“

Ihre Antwort war zunächst ein heißer Kuss. Dann sagte sie: „Aber ich wusste ja, dass sie dich gleich wieder heimschicken werden.“

Also glaubst du auch, dass ich kein Mörder bin? Vertraust du mir und meinen Unschuldsbeteuerungen?“

Aber sicher. Ich kenn dich ja schon ein bizzle und weiß, dass du ein lieber Mensch bist. Lieb und liebenswert. Und sexy.“

Sexy? Oho. Und soll ich dir verraten, was du bist? Lieb und liebenswert. Und sexy zum Quadrat.“

Darauf sagte sie nichts mehr, sondern küsste mich auf eine Art und Weise, dass ich augenblicklich in hellen Flammen stand und meine längst abgestorbenen erotischen Gefühle eine wundersame Auferstehung erlebten. Elisabeths eigenen erotischen Gefühlen schien es nicht anders zu ergehen, falls diese überhaupt schon abgestorben waren. Wahrscheinlich trauerte sie noch immer ihrem verlorenen Orgasmus nach.

Unsere schöne Liebesszene vor dem Kommissariat endete jäh, als die Tür aufging und einer der Gendarmen heraustrat und einen vermutlich hämischen Kommentar abgab. Nur, was er sagte, verstanden wir nicht mehr. Denn wir waren augenblicklich, händchenhaltend und fröhlich lachend, abgezischt.

Und wohin zischten wir? Zu mir nach Hause, sprich, zur Frau Hämmerle? Nein, nein. Das trauten wir uns nach allem, was vorgefallen war, nicht mehr. Sondern wir zischten an ihrer Villa und meinem Untermietzimmer vorbei weiter hinauf auf den Blasenberg. Dort, erklärte Elisabeth, kenne sie eine Stelle, wo man relativ bequem, wenn auch unter freiem Himmel ... Ich wisse schon. Und zum Glück habe uns der Wettergott eine laue Sommernacht beschert.

Ich wusste zwar nicht genau, was sie meinte, ahnte es aber. Und hurra, meine Ahnungen trogen mich nicht. Elisabeth kannte sich in dieser Hinsicht offenbar bestens aus. Sie führte mich an eine Stelle am Waldrand hinter dichtem Gebüsch, wo weiches Gras auf Liebende wartete und weder spitze Steine noch bissige Ameisen lauerten und wo wir unsere so rüde unterbrochenen Liebesspiele fortsetzen und zu einem, im wahrsten Sinn des Wortes, atemberaubend glücklichen Ende bringen konnten.

Als wir von den Höhenflügen unserer Gefühle wieder auf die Erde herabgestiegen waren, begann Elisabeth: „Aber gell, Georg, davon darf niemand wissen. Auch nicht die Johanna. Versprichst du mir das?“

Aber selbstverständlich. Ich werde verschwiegen sein wie ein Grab. Das versprech ich dir.“

Zur Belohnung wurde ich geküsst.

Apropos Johanna“, sagte Elisabeth danach. „Sag, was ist eigentlich mit ihr? Falls man fragen darf. Schläfst du mit ihr auch?“

Aber, aber, wo denkst du hin“, erwiderte ich und lachte leise. „Nein, nein, was glaubst du denn. Nur, wenn mich heute Nachmittag jemand gefragt hätte, ob ich mit einer gewissen Elisabeth schlafe, hätte ich natürlich dasselbe sagen müssen.“

Das heißt, sobald sie dich daheim besucht ...“

Ich zögerte mit der Antwort, schüttelte den Kopf. „Kaum. Weißt du, sie kommt mir ein bisserl ... Wie soll ich sagen ...“

Verklemmt vor?“

Na ja, ein bisserl gehemmt halt. Oder einfach furchtbar moralisch. Wie sich’s ja eigentlich gehören würde für liebe und liebenswerte Jungfrauen, gell? Auch wenn sie noch so sexy sind.“

Elisabeth lachte herzlich. „Das hast du aber schön gesagt. Liebenswerte Jungfrauen. Also brauch ich keine Angst zu haben ...“

Wieso? Bist du etwa eifersüchtig?“

Aber wo, nie im Leben. Ich möchte dich einfach nicht gleich wieder verlieren. Das ist alles. Weißt du, ich bin ja so verliebt.“

Und dazu seufzte sie, schlang ihre weichen Arme um mich und küsste mich erneut. Und der Erfolg war, dass ich abermals über sie herfiel und ihr (und mir selber) einen zweiten Höhenflug der Gefühle bereitete.

 

 

5

Sie war ja so verliebt.

War ich in Elisabeth verliebt? Sie hatte sich nicht die Zeit genommen, mich zu fragen, und ich hatte nichts dergleichen gesagt, weder vor dem zweiten Liebesakt noch danach, als ich sie bis zu ihrem Elternhaus begleitete. Sie ging ja noch zur Schule, nämlich ins Feldkircher Bundesgymnasium, und hatte zu ihrem Bedauern noch keine „sturmfreie Bude“ so wie ich (wobei es äußerst fraglich war, wie lange ich meine angeblich „sturmfreie Bude“ noch behalten würde). Sie wohne ja noch in ihrem Elternhaus, genauer, bei ihrer Mutter. Der Vater lebe in der Schweiz. Geschwister habe sie keine.

Und warum hatte ich nichts dergleichen gesagt? Ganz einfach, weil wir nach diesen überwältigenden Höhenflügen am Waldrand unter freiem Himmel die längste Zeit noch so erfüllt waren von himmelstürmenden Gefühlen, alle beide, und nur andächtig schweigen konnten, während wir eng umschlungen zu ihr nach Hause wanderten. Und als wir uns vor ihrer Haustür verabschiedeten, erschien es mir banal und kitschig und überflüssig und irgendwie peinlich zu sagen: Du, ich liebe dich auch. Oder: Ich bin ja auch so verliebt. Ich fand es wesentlich passender, diese abgedroschenen Phrasen durch einen heißen Kuss und eine letzte sinnliche Berührung zu ersetzen.

Klar bin ich in die Elisabeth verliebt, überlegte ich, während ich danach, wie auf Wolken schwebend, langsam zu meiner angeblich sturmfreien Bude zurückkehrte. Wie sollte es auch anders sein, wenn sich eine schöne Frau einem Mann so unverhofft an den Hals wirft und ihm solche Freuden bereitet? Aber, um ehrlich zu sein, verliebt bin ich in die Johanna auch, vielleicht sogar noch mehr als in die Elisabeth, auch wenn sie „ein bisserl verklemmt“ oder meinetwegen auch nur gehemmt und „furchtbar moralisch“ ist. Bestimmt ist sie noch Jungfrau, während die Elisabeth wahrscheinlich schon mit mehr als einem Mann gepudert hat, sprich, ins Bett gehüpft ist. Immerhin ist sie jetzt eine „Frau mit Erfahrung“ und weiß einen Mann zu bezaubern und glücklich zu machen, zumindest im Bett. Ob sie ihn auch außerhalb des Bettes glücklich machen kann? Ja, das ist eben die Frage. Bei der Johanna bin ich mir da ziemlich sicher.

Plötzlich fiel mir ein, dass wir, Elisabeth und ich, gar nichts ausgemacht hatten, wann wir uns wieder treffen wollten. Entweder hatte also auch sie einfach nicht daran gedacht, so wie ich selber. Oder sie hat noch weitere Eisen im Feuer. Halt, morgen ist ja Sonntag. Und da werde ich sie sowieso in der Kirche sehen, nämlich auf dem Chor. Sie und auch die Johanna. Und danach? Soll ich da mit allen beiden ausgehen? Irgendwie ist das nach den heutigen Ereignissen saublöd. Oder eine von ihnen nach Hause schicken? Ist auch saublöd. Aber eigentlich habe ich das dringende Bedürfnis, wieder einmal mit der Johanna allein zu plaudern. Gerade nach den Ereignissen der heutigen Nacht.

Und das erinnerte mich wieder daran, was sich in der heutigen Nacht außer den so unerwarteten Liebesspielen mit Elisabeth sonst noch Tolles abgespielt hatte. Und sofort überkam mich neuerlich Bestürzung, Wut, Empörung: die Sache mit dem Mord am Herrn Floquet und mit der Gendarmerie und deren absurder Verdächtigung. Und dass sich obendrein die gute Frau Hämmerle bemüßigt fühlte, die Gendarmen umgehend von meiner Ankunft zu benachrichtigen und sie zu veranlassen, wie die Barbaren in unser Liebesnest einzudringen und uns von unseren sinnlichen Höhenflügen brutal abstürzen zu lassen. Ja, verdammt, da werde ich mir wohl gleich wieder ein neues Untermietzimmer suchen müssen. Bei der Frau Hämmerle kann und will ich unter diesen Umständen nicht bleiben. Müsste sie dann übrigens nicht befürchten, ebenfalls von mir ermordet zu werden? Wenn ich schon den Herrn Floquet ermordet habe, weil er mir gekündigt hat zur Strafe dafür, dass ich mit meinen Freundinnen angetanzt bin, aber eh nur ganz harmlos, sprich, superkeusch, ganz im Gegensatz zu heute bei ihr?

Wieso bin ich eigentlich ausgerechnet bei diesen zweien hängengeblieben, bei Johanna und Elisabeth? Vor denen habe ich doch genug Frauen kennengelernt, seit ich in Feldkirch gelandet bin. Aber hängengeblieben bin ich bei keiner von denen. Zwei von ihren Vorgängerinnen habe ich sogar gevögelt.

Die Gerda, eine ausgesprochen scharfe Nummer, schwarzhaarig und unglaublich sexy, verschleppte mich nach einem Faschingsball, auf dem wir uns schon recht nahe gekommen waren, zu sich nach Hause und vernaschte mich in ihrem Bett oder ließ sich von mir vernaschen. Ich muss schon sagen, es war ein wirklich toller Sex, und ich wäre gern bei ihr hängengeblieben. Aber leider ist sie schon verheiratet. Nur war ihr Eheliebster momentan außer Haus und danach eben nicht mehr. Und da wollte sie nichts riskieren und gab mir gleich wieder den Laufpass.

Die andere, sie nennt sich Ria, lernte ich erst kurz vor Johanna und Elisabeth kennen. Sie ist deutlich älter als ich und leidet offensichtlich an der sogenannten Torschlusspanik. Am Fronleichnamstag verfrachtete sie mich in ihren Käfer und fuhr mit mir nach Bregenz. Dort gingen wir zuerst auf der Strandpromenade spazieren und vergnügten uns danach auf dem See mit Tretbootfahren, was sie irrsinnig „luschtig“ fand. Auf der Rückfahrt machten wir in Rankweil Station und setzten uns in einen Gasthausgarten, und Ria lud mich zu einem tollen Abendessen ein und erzählte mir ihr ganzes Leben. Zuletzt verschleppte sie mich zu sich nach Hause und in ihr Bett. Nun ja, der Sex mit ihr war nicht halb so toll wie das Abendessen in Rankweil. Hinzu kam, dass ich auch von ihrer, sagen wir, pummeligen Figur nicht gerade angetan war.

Nach vollbrachtem Werk versprach ich ihr zwar, mich bald wieder zu melden. Aber wie sagt der Volksmund? Versprechen und Halten ist zweierlei. Und dieses Versprechen konnte (und wollte) ich nicht halten. Denn es verging kaum mehr als eine Woche, und da lernte ich auch schon Elisabeth und Johanna kennen. Und damit war die gute Ria vergessen. Nein, vergessen nicht. Weil, eigentlich tat sie mir ja leid. Aber Mitleid ist halt kein Ersatz für Liebe.

 

 

6

Am nächsten Morgen machte die liebe Frau Hämmerle große Augen, als ich mich zu einem gemütlichen Frühstück in ihrer Küche zeigte, enthielt sich aber erfreulicherweise jeden Kommentars zu den Ereignissen des Vorabends, fragte mich nur, ob während meiner Abwesenheit in „Innerösterreich“ (so nennt man in Vorarlberg die übrigen Bundesländer) alles zu meiner Zufriedenheit gelaufen sei.

Ja, schon, danke der Nachfrage“, erwiderte ich. „Mit einer Ausnahme: dem Mord am Herrn Floquet. Sie können sich gar nicht vorstellen, Frau Hämmerle, wie bestürzt ich über dieses schändliche Verbrechen bin.“

Ja, das sind wir doch alle“, erwiderte sie kleinlaut und schwieg und blieb von da an stumm. Ich desgleichen. Und das war auch gut so. Denn ich war schon ganz schön spät dran und musste mich beeilen, um nicht zu spät zur Sonntagsmesse zu kommen.

Aber mit dem Fahrrad schaffte ich es. Ich schaffte es sogar, auf meinem Weg zur Pfarrkirche einen winzigen Umweg zu machen und vor Johannas Wohnhaus auf sie zu warten, natürlich in der Hoffnung, dass sie noch zu Hause ist.

Und gottlob, das war sie. Ich hatte noch nicht lange gewartet, da ging die Haustür auf, und sie trat heraus, sogar ohne Eltern oder sonstige Begleiter, und jubelte erfreut auf, als sie mich erblickte, und schenkte mir ganz spontan etwas, was sie mir noch nie geschenkt hatte: einen Kuss. Einen sehr schüchternen, um nicht zu sagen, flüchtigen Kuss zwar. Aber immerhin, einen Kuss auf den Mund, nicht etwa auf die Wange.

Während wir dann gemeinsam (aber nicht händchenhaltend oder so) der Kirche zu wanderten – mein Fahrrad hatte ich vor Johannas Wohnhaus stehen lassen –, fragte sie, ehe ich es noch über mich brachte, dieses Thema anzuschneiden, ob ich schon von diesem grauenhaften Verbrechen gehört hätte, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Ardetzenberg zugetragen habe. Mein ehemaliger Vermieter sei ermordet worden. Ganz Feldkirch sei wegen dieser Gräueltat aus dem Häuschen. Sie selber sei so erschüttert, dass sie sich gar nicht mehr auf den Ardetzenberg hinauftraue.

Wer weiß, ob sich der Mörder nicht noch immer dort oben im Wald versteckt und auf weitere Opfer lauert?“

Daraufhin erzählte ich ihr von meinem gestrigen Abenteuer mit der Gendarmerie, vermied es allerdings, Elisabeth oder mein Abenteuer mit ihr zu erwähnen. Und darüber zeigte sich Johanna fast noch mehr erschüttert als über den Mord als solchen.

Was?“, stieß sie, sichtlich fassungslos, hervor, ehe ich noch fertigerzählt hatte. „Das darf ja nicht wahr sein.“

Also weißt du, Johanna, ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir der Herr Floquet tut. Und seine Angehörigen. Eine so eine abscheuliche Untat! Ich bin vollkommen fertig, wenn ich nur daran denke. Sag, hast du zufällig eine Ahnung, oder hat jemand aus deiner Familie eine Ahnung, wer den Mord begangen haben könnte?“

Sie schüttelte den Kopf.

Na, ich hab sie jedenfalls nicht begangen“, fuhr ich fort. „Ich hätt ja nicht einmal die Möglichkeit dazu gehabt, auch wenn ich mordlustig gewesen wäre. Abgesehen davon, dass ich es nie über mich bringen würde, einen Menschen zu töten.“

Natürlich nicht“, erwiderte Johanna, schenkte mir ein süßes Lächeln und ergriff meine Hand. „Dafür bist du ein viel zu friedlicher und human empfindender Mensch. Und nein, ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung, wer so brutal sein könnte, dass er es über sich bringt, einen Herrn Floquet umzubringen. Dasselbe gilt für meine Angehörigen und bestimmt für alle Feldkircher.“

Ja, ja“, sagte ich nachdenklich, „sonst wären die Gendarmen nicht auf die abwegige Idee gekommen, ausgerechnet mich zu verdächtigen.“

Und ich dachte mir, man müsste sich ein wenig im Umfeld des Herrn Floquet umhören. Vielleicht erfahre ich dann irgendetwas, was mich auf die Spur seines Mörders bringen und mich endgültig entlasten könnte. Wie wär’s zum Beispiel, wenn ich jetzt gleich auf dem Chor unseren Dirigenten, den Pater Minister, befrage, was er über den Herrn Dr. Floquet weiß? Dieser ist, nein, war ja immer wieder in der Stella zu sehen. Er war von Beruf Rechtsanwalt und scheint die Patres Jesuiten in Rechtsangelegenheiten beraten oder vertreten zu haben – was weiß ich; Genaueres hat man mir nie mitgeteilt.

Auf dem Kirchenchor wurde ich, scheint’s, schon sehnsüchtig erwartet. Ehe ich mich noch umschauen konnte, ob Elisabeth schon da ist, stürzte sich der Herr Jungblut, unser Tenorsolist, auf mich und teilte mir mit, ich müsse heute an seiner Stelle Solo singen. Er selber müsse dirigieren. Der Pater Hürlimann sei zurzeit auf Urlaub.

Und was singen wir heute überhaupt?“, fragte ich, sobald ich zu Wort kam.

Die G-Dur-Messe von Schubert“, antwortete Herr Jungblut. „Die kennen Sie bestimmt. Hab ich recht?“

Ja, die kannte ich schon bestens. Und sie war eine meiner Lieblingsmessen.

Elisabeth war übrigens noch nicht da. Sie erschien mit einiger Verspätung. Aha, sie hatte verschlafen. Kein Wunder bei ihren nächtlichen Eskapaden, wie? Wir konnten uns nur mit Blicken und wissendem Lächeln begrüßen. Und während wir nach der Messe gemeinsam die Treppe vom Chor hinunterstiegen, erklärte sie mir in auffallender Hektik, sie müsse leider schnell nach Hause, weil sie mit ihrer Mutter einen Ausflug in die Schweiz machen müsse.

Sprach’s und eilte davon, ohne mir auch nur die Hand gedrückt zu haben.

Doch das war mir nur recht. Schließlich hatte ich gerade nach dem nächtlichen Liebesabenteuer mit ihr das dringende Bedürfnis, den heutigen Tag so weit wie möglich mit Johanna zu verbringen. Leider hatte ich sie nach der Messe aus den Augen verloren. Vor der Kirche hielt ich nach ihr Ausschau. Und da kam sie auch schon angewetzt, bezog vor mir wie selbstverständlich Aufstellung, lächelte mich an und sagte ohne jede Vorwarnung: „Weißt du, Georg, dass du mir abgegangen bist?“

Du mir aber auch“, sagte ich. „Sehr sogar.“

Oh, das ist schön zu hören. Ich bin so froh, dass du wieder da bist. Wollen wir noch einen kleinen Spaziergang machen?“

Du, mit dem allergrößten Vergnügen. Das war nämlich schon die ganze Zeit meine stille Hoffnung.“

Nur nicht auf den Ardetzenberg, bitte. Lang hab ich eh nicht Zeit. Ich muss zu Hause beim Kochen helfen. Am Nachmittag hätt ich länger Zeit. Wenn du magst ...“

Ja, klar mag ich, sehr gern sogar.“

Vielleicht eine Radltour?“

Au ja, super.“

Noch lieber wäre mir zwar bei dem heutigen prachtvollen Sommerwetter ein gemeinsamer Besuch im Schwimmbad gewesen, gerade nach dem so unerwarteten Schäferstündchen mit Elisabeth gestern Abend, das ja auch meinen Augen einen überaus erfreulichen Anblick geboten hatte. Und nun wäre ich halt auf den Anblick von Johannas Figur beim Baden neugierig gewesen. Und den stellte ich mir eben noch erfreulicher vor.

(Der Minirock und das Minikleid waren eben erst in England erfunden worden und wagten sich noch lange nicht bis nach Mitteleuropa vor. Und als sie es schließlich doch taten, galten sie zunächst als schamlos, als skandalös, als Provokation und wurden von den sogenannten Hütern der Moral in Grund und Boden verdammt.)

Noch neugieriger wäre ich natürlich auf ein Schäferstündchen mit Johanna gewesen. Eben, gerade nach dem Schäferstündchen mit Elisabeth gestern Abend. Aber das war garantiert nicht drin.

Übrigens“, fuhr Johanna fort, „die Elisabeth hat heute keine Zeit für uns. Hat sie mir auf dem Chor geflüstert.“

Ich weiß. Sie muss mit ihrer Mutter in die Schweiz fahren. Hat sie mir grad vorhin nach der Messe geflüstert und ist dann auf der Stelle abgezischt.“

Na ja, wenn’s stimmt“, murmelte Johanna.

Glaubst du, das war nur ein Vorwand, und in Wirklichkeit hat sie ganz was anderes vor?“

Johanna zuckte nur mit den Schultern und machte ein zweifelndes Gesicht, und ich dachte: Soso. Die Johanna kennt sie bestimmt schon besser als ich, jedenfalls bedeutend länger.

Während des Spaziergangs kam ich von neuem auf den Mord am Herrn Floquet zu sprechen. Diese Untat ging mir einfach nicht aus dem Sinn. Und ich fragte Johanna, was sie von meiner Idee halte, mich ein wenig umzuhören, um seinem Mörder eventuell auf die Spur zu kommen. Und um nicht wieder selbst verdächtigt zu werden.

Sie fand diese Idee äußerst lobenswert, ermutigte mich sogar, sie in die Tat umzusetzen.

 

 

7

Sobald ich Johanna an ihrem Elternhaus abgeliefert hatte, stieg ich auf mein Fahrrad und flitzte schnurstracks zu meinem einstigen Domizil, sprich, zur Floquetschen Villa. Zum Schluss flitzte ich natürlich nicht mehr, sondern musste das Rad den Berg hinauf schieben, um zuletzt etwas zu tun, was ich noch nie getan hatte. Anläuten nämlich. Die „Schlüsselgewalt“ war mir ja längst entzogen worden.

Und nun hieß es warten. War denn niemand zu Hause? Oder hatte die Frau Floquet heimlich aus dem Fenster geblickt und gesehen, dass der Mörder vor dem Tor steht und sie ihrem Liebsten ins Himmelreich nachsenden will? Ich wollte gerade ein zweites Mal läuten, da hörte ich, wie endlich jemand näher kommt und aufschließt. In der Tür erschien eine mir unbekannte junge Dame, die mir neugierig entgegenblickte, nicht so jung wie Johanna oder Elisabeth, aber keineswegs unattraktiv. Zweifellos die kranke Tochter. Obwohl, krank wirkt sie eigentlich gar nicht. Im Gegenteil, sie sieht aus wie das blühende Leben. Ist sie also schon geheilt? Da kann die Krankheit nicht so schlimm gewesen sein. Wenn es aber nur eine leichte Krankheit war wie etwa eine banale Erkältung, warum hat man mich dann vor die Tür gesetzt? Ergo dessen war ihre Krankheit bloß ein Vorwand.

Grüß Gott“, sagte ich höflich, während mir diese Gedanken in Rekordgeschwindigkeit durch den Kopf schossen. „Und entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte nur mein herzliches Beileid aussprechen. Ich bin erst gestern Abend nach Feldkirch zurückgekehrt, und ich muss schon sagen, ich bin total entsetzt.“

Vielen Dank“, erwiderte sie mit tiefer, aber sanfter, ausgesprochen sinnlicher Stimme. „Ich werde es der Mama ausrichten. Welchen Namen darf ich ...“

Oh, Verzeihung, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Holly mein Name. Ich bin der ehemalige Untermieter ...“

Ich wollte noch mehr sagen, aber das Fräulein Floquet fiel mir ins Wort, und ihre Stimme war zwar noch immer tief und sinnlich, aber nun gar nicht mehr sanft.

Ah, der Mörder meines Vaters“, sagte, nein, zischte sie. „Und da wagen Sie es noch, uns vor die Augen zu treten?“

Meine Reaktion auf diese schwere Anklage wird sie wohl umgeworfen, ich meine, aus der Fassung gebracht haben. Weder rannte ich davon, noch ging ich vor ihr in die Knie, und ich brach auch nicht in Tränen aus. Sondern ich lachte ihr fröhlich ins Gesicht und sagte: „Ah, glauben Sie das auch? Auf dem Kommissariat haben sie das nämlich auch geglaubt. Bis ich sie vom Gegenteil überzeugen konnte. Und wissen Sie, was der eigentliche Grund ist, warum ich jetzt bei Ihnen aufgekreuzt bin? Ich möchte einfach das Meinige dazu tun, um den Mörder Ihres Vaters aufzuspüren. Weil, die Polizei tappt, so wie’s ausschaut, total im Dunkeln. Und meine Bestürzung über das schreckliche Schicksal ihres Vaters, das können Sie mir glauben, die ist echt.“

Das nicht unattraktive Fräulein Floquet hörte sich meinen Sermon schweigend, und ohne mit der Wimper zu zucken, an und betrachtete mich auch weiterhin mit einer Miene, als überlegte sie, ob sie mich erschießen oder doch lieber niederstechen solle.

Endlich schien sie einen Entschluss gefasst zu haben.

Na, dann kommen Sie doch herein“, sagte sie in schon wieder etwas freundlicherem Ton. „Und erklären Sie das meiner Mutter.“

Details

Seiten
200
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905199
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340763
Schlagworte
wolf blut kriminalroman

Autor

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Titel: Hat der Wolf erst Blut geleckt