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Auf meiner Kugel steht dein Name

Ein Hank Shooter Western

2016 120 Seiten

Leseprobe

Auf meiner Kugel steht dein Name

​A.F.Morland

 

HANK SHOOTER

 

Western

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Auf meiner Kugel steht dein Name

 

Doc Reyner, ein betagter, knochendürrer Arzt, der früher Tiere – Hunde, Pferde, Rinder, Esel und dergleichen mehr - behandelt hatte, musste die Kugel aus Hank Shooters Schulter schneiden. Das Werkzeug, das ihm zur Verfügung stand, war schon alt gewesen, als man Flaming City vor mehr als hundert Jahren gegründet hatte. Sehr viel Feingefühl legte der Mediziner nicht an den Tag, und er machte kein Hehl daraus, dass er für Revolverhelden – und ein solcher war Shooter in seinen Augen - nicht viel übrig hatte. „So etwas kann euch in jeder Stadt, an jeder Straßenecke passieren“, sagte er ohne Mitgefühl. „Wenn bei einem Mann der Colt so locker sitzt, muss er damit rechnen, irgendwann an einen Gegner zu geraten, der schneller zieht und besser trifft.“

 

Der dritte und letzte Band der HANK SHOOTER Trilogie, ein neuer Roman von A.F. Morland



Es ist immer und überall das selbe, dachte Hank Shooter ziemlich sauer. Ich kann hingehen, wo ich will. Kaum möchte ich friedlich und in aller Ruhe meinen Whiskey trinken, kommt ein Blödmann aus der Versenkung hoch und will mich daran hindern.

„Hey!“ Der Kerl, der das gebellt hatte, roch nicht nur nach Ärger – er stank danach.

„Was gibt’s?“

„Du bist Shooter.“

Der große Blonde mit dem roten Halstuch atmete schwer aus und nickte.

„Seit meiner Geburt.“ Er stellte sein noch volles Glas auf den Tresen zurück und musterte den ungewaschenen und unrasierten Stänkerer. „Hast du ein Problem damit?“

„Allerdings.“

„Und welches?“

„Du bist hier unerwünscht.“

„Sagt wer?“, fragte Shooter betont gelassen.

„Sage ich.“

„Aha. Und wer bist du?“

„Yancey Clancey.“

Shooter griente. „Hat dich noch nie einer wegen deines Namens aufgezogen?“

„Einige schon.“

„Und?“

„Sie liegen jetzt auf dem Friedhof und halten ihre gottverdammte Lästerfresse.“

Shooter zog die Augenbrauen hoch. „Du hast sie umgelegt?“

Yancey Clancey fletschte die Zähne. „Man macht sich nicht über mich lustig.“

Shooter nickte. „Alles klar. Darf ich jetzt ungestört meinen Whiskey trinken?“

Yancey Clancey kniff die Augen zusammen. „Ich weiß, weshalb du nach Flaming City gekommen bist.“

„Schön für dich.“

„Du sollst für Rip Woolf arbeiten.“

„Mr. Woolf hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.“

„Er hat mich rausgeschmissen, damit er dir meinen Job anbieten kann“, knurrte Yancey Clancey.

Die Luft begann bedrohlich zu knistern. Im rauchgeschwängerten Saloon war es so still wie in einer Kirche, wenn keiner drin ist.

Das Lokal und das darüber befindliche Hotel gehörte Rumer Lockman, einer ebenso attraktiven wie resoluten schwarzhaarigen Witwe Anfang dreißig. Sie war heißer als ein Sonnenbrand. Abel Lockman, den Ehemann, hatte man ihr vor etwas mehr als einem Jahr auf der Mainstreet hinterrücks von der Seite weggeschossen. Seitdem schmiss sie den Laden allein. Und das gar nicht mal so schlecht.

„Dann war Mr. Woolf mit dir wohl nicht zufrieden“, sagte Shooter kühl.

„Ich habe meine Arbeit immer prompt und zuverlässig erledigt, habe mir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen ...“

„Das solltest du mit Mr. Woolf diskutieren“, empfahl Shooter dem Ungewaschenen. „Nicht mit mir.“

„Wenn es dich nicht gäbe, hätte ich meinen Job noch.“

„Es gibt mich aber.“

„Das werde ich ändern“, kündigte Yancey Clancey an, und seine Hand näherte sich verdächtig langsam dem Kolben seines tief hängenden Revolvers.

Shooter hatte keine Lust, sich von Yancey Clancey provozieren zu lassen. Er drehte sich halb um, grummelte mürrisch, der Unrasierte solle sich verziehen, griff erneut nach seinem Glas und genehmigte sich endlich den schon längst fälligen Schluck. Es ärgerte Yancey Clancey natürlich maßlos, dass Shooter ihn vor aller Augen so beschämend ignorierte. Wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte, musste er bleiben. Und ziehen. Und schießen.

Die Anwesenden warteten angespannt auf den alles entscheidenden Moment. Man hätte meinen können, Shooter hätte nicht allen Streusel am Kuchen.

Schließlich zeigt man einem Kerl, er einen unbedingt umlegen will, nicht unbekümmert die kalte Schulter, weil das verdammt ins Auge – oder sonst wohin - gehen kann. Das war Selbstmord. Doch Shooter war nicht so unvorsichtig, wie es den Anschein hatte.

Er behielt Yancey Clancey die ganze Zeit im Spiegel aufmerksam im Auge. Nicht er spielte mit seinem Leben, sondern Yancey Clancey, weil Shooter nämlich ein verdammt guter Schütze war. Der Beste, den er kannte. Mit hervorragenden Reflexen.

„Zieh!“, verlangte Yancey Clancey heiser. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und sein Gesicht war fast so rot wie Shooters Halstuch.

Der große Blonde reagierte nicht.

„Ich sagte: Zieh!“

Shooter dachte: Ich hab's gehört, Arschloch. Du solltest deinem Schöpfer danken, dass ich dir diesen Gefallen nicht tue, denn es wäre dein letzter.

„Feiges Schwein!“, blaffte Yancey Clancey. Er brannte auf eine Entscheidung.

Und die kam auch. Aber nicht so, wie Yancey Clancey sie sich vorstellte. Denn als er sich nicht länger beherrschen konnte und zur Kanone greifen wollte, flogen die hölzernen Schwingtüren auf, als hätte ein Pferd dagegen getreten, und ein großer, starker, grimmiger Mann mit kantigen Zügen und einem blitzenden Blechstern an der Brust betrat Rumer Lockmans Saloon: Sheriff G. M. Lomy.

„Lass Dampf ab, Yancey Clancey!“, befahl er dem Heißsporn energisch, drückte ihm seinen Revolver in den Rücken und nahm ihm das Schießeisen weg, damit er in seiner unendlichen Blödheit keinen Schaden anrichten konnte. „Heute wird keiner umgelegt!“

Yancey Clancey drehte sich wutschäumend um. „Verdammt, Sheriff ...“

„Geh nach Hause, Mann!“, knurrte G. M. Lomy. Er wedelte mit Yancey Clanceys Waffe. „Die kannst du dir morgen, wenn du wieder einigermaßen bei Verstand bist, in meinem Büro abholen.“ Er schob sie in seinen Gürtel. „Und jetzt verschwinde!“

Yancey Clanceys Augen versprühten jede Menge Hass. Er stampfte wie ein gereiztes Longhorn mit gesenktem Kopf aus dem Saloon, und Shooter sagte entspannt lächelnd: „Hallo, G. M. Lange nicht gesehen.“

*

Als Yancey Clancey gefährlich zu glühen begonnen hatte, hatte Rumer Lockman, die schöne Saloon-Besitzerin, einen ihrer Gäste zum Sheriff geschickt, und der hatte es zum Glück gerade noch geschafft, die kritische Situation energisch zu entschärfen.

Was sie nicht – und auch keiner ihrer Gäste - wusste, war, dass Hank Shooter und G. M. Lomy alte Freunde waren. Der Sheriff umarmte den großen Blonden mit dem roten Halstuch herzlich und klopfte ihm so fest auf den Rücken, als wollte er ihm die Lungenflügel zu Brei schlagen. „Hank! Altes Haus! Ich werde verrückt! Du – in meiner Stadt! Das ist vielleicht eine Überraschung!“

„Hoffentlich eine freudige.“

„Auf jeden Fall.“ G. M. Lomy nickte bekräftigend. „Auf jeden Fall“, wiederholte er aufrichtig.

Der Saloon füllte sich wieder mit entspanntem Gemurmel, Klaviergeklimper und Gelächter. Shooter und der Sheriff setzten sich an einen Tisch.

Der große Blonde bat die Wirtin, eine Flasche Whiskey und zwei Gläser zu bringen. Während Shooter einschenkte und Rumer Lockman mit schwingenden Hüften hinter den Tresen zurückkehrte, schnalzte G. M. Lomy mit der Zunge und sagte: „Was für ein Prachtweib.“

„Ist mir noch gar nicht aufgefallen“, behauptete Shooter.

„Verdammter Lügner“, grinste G. M. Lomy. „Du hättest Chancen bei ihr.“

„Blödsinn.“

„Doch, doch. Seit ihr Mann tot ist, hat sie keinen mehr so angesehen wie dich vorhin. Erzähl. Wo kommst du her?“

Shooter stellte die Flasche auf den Tisch und schob dem Freund eines der beiden Gläser zu. „Zuletzt war ich in Snake City. Davor in Sweetwater.“

G. M. Lomy wackelte beeindruckt mit dem Kopf. „Du kommst ganz schön in der Gegend herum.“ Er hob sein Glas und stieß mit Shooter an. Dann tranken sie. „Freut mich ehrlich, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen“, sagte er. „Wie lange ist es her, dass wir uns ... Zehn Jahre?“

„Kann sein.“

G. M. Lomy lachte. „Mann, was waren wir für wilde Hunde.“ Er schüttelte den Kopf, und seine Miene ließ erkennen, dass er alles, was er sich mit Shooter einst geleistet hatte, noch in bester Erinnerung hatte. „Wir haben's manchmal ganz schön krachen lassen, was? Wie geht es deinem Bruder?“, wollte er wissen. „Äh, deinem Halbbruder?“, verbesserte er sich.

Shooter zog die Augenbrauen ernst zusammen. „Gregg ist tot“, sagte er mit finsterer Miene.

„Was?“ Der Sheriff sah ihn verblüfft an. „Das glaube ich nicht. Gregg Leece lebt nicht mehr? Was ist passiert?“

Shooters Züge wurden hart. „Drei gottverfluchte Schurken haben ihn gefoltert, beraubt, gekillt und seine Farm niedergebrannt.“

„Das ist ja ...“ Der Sheriff hatte Gregg Leece als netten, offenen, ehrlichen, klugen und hilfsbereiten Burschen in Erinnerung.

Gregg war ein allzeit gut gelaunter, bei Jung und Alt beliebter Träumer gewesen. Ein Fantast mit tausend Flausen im Kopf.

G. M. hatte Gregg sehr gemocht. Wie jeder, der das Glück gehabt hatte, ihn kennen zu lernen. Shooter erzählte dem Sternträger, was ihn seit Greggs Tod nicht mehr zur Ruhe kommen ließ: „Als ich nach einem wochenlangen, verdammt anstrengenden Trail ziemlich erledigt auf die Leece-Farm zurückkehrte – wir waren von blutrünstigen Indianern angegriffen und von hinterlistigen Rustlern bestohlen worden -, sah ich schon von weitem die Rauchsäule ... Das Haupthaus stand im Vollbrand und das Feuer war im Begriff auf die Nebengebäude überzugreifen ... Gregg lag neben dem Brunnen. Seine Kleidung und seine Haut waren verbrannt. Er hatte entsetzliche Schmerzen, röchelte, blutete aus mehreren Schusswunden und war kaum wiederzuerkennen. Ich wollte wissen, wer ihm das angetan hatte. Er sprach von drei Männern. Gutmütig, wie er war, hat er ihnen zu essen gegeben und sie auf der Farm übernachten lassen. Zum Dank dafür haben ihn die Bastarde tags darauf ... Sie wollten Geld. Er sagte, er habe keines. Sie glaubten ihm nicht und folterten ihn so lange, bis er ihnen verriet, dass in einem kleinen Hohlraum unter dem Küchenboden dreitausend Dollar versteckt seien ... Weil er nicht gleich damit herausgerückt war, beschlossen sie, ihn zu bestrafen. Sie zündeten die Farm an. Er wollte sie daran hindern. Da haben sie ihn gnadenlos zusammengeschossen ... Er starb in meinen Armen und ich habe an seinem Grab die Namen seiner Mörder gebrüllt und geschworen: Ich werde euer Henker sein!“

Der Sheriff schob sein Glas betroffen hin und her. „Mein Gott“, kam es leise über seine Lippen. Sie schwiegen eine Weile. Shooter machte die leeren Gläser wieder voll. Sie tranken mit finsteren Mienen. Schließlich wollte G. M. Lomy mit belegter Stimme wissen: „Wie heißen die Schweine?“

„Yuma Peel, Rufus Porter und Zack Snyder“, knurrte Shooter. „Ich werde erst zur Ruhe kommen, wenn Greggs Tod gesühnt ist.“

G. M. Lomy sah ihn ernst an. „Das kann ich verstehen.“

„Peel und Porter leben inzwischen nicht mehr.“

„Hast du sie ...“

Shooter nickte grimmig. „Peel in Sweetwater und Porter in Snake City.“

„Dann bist du jetzt hinter Snyder her.“

„Richtig.“

„Zack Snyder.“ Der Sheriff massierte nachdenklich seinen Nacken. „Ich höre diesen Namen zum ersten Mal.“

„Typen wie er nennen sich oft in jedem Bundesstaat anders. In Texas Smith. In Utah Brown. In Arizona Black. In Wyoming White ... Angeblich treibt Snyder sich hier irgendwo herum.“

„Bist du deshalb nach Flaming City gekommen?“

Shooter nickte. „Auch?“

„Es gibt noch einen anderen Grund?“

„Ich soll für Rip Woolf arbeiten.“

G. M. Lomy runzelte die Stirn. „Für den reichen Viehbaron. Als Gunslinger?“

„Woolf hat massiven Ärger.“

G. M. Lomy wusste Bescheid. „Mit einer Siedlerfamilie namens Wallach. Ich nehme an, du sollst sie einschüchtern.“

„Darüber habe ich mit Woolf noch nicht gesprochen. Bin ja heute erst in Flaming City angekommen.“

„Und wann gedenkst du die Woolf-Ranch aufzusuchen?“

Shooter zuckte mit den Achseln. „Weiß ich noch nicht. In den nächsten Tagen.“ Er musterte seinen Freund eingehend. „Dir scheint es nicht zu gefallen, dass ich für Woolf arbeiten werde.“

„Der Mann ist ein gottverdammter Kotzbrocken. Er ist nicht nur stinkreich, sondern auch verdammt skrupellos, braucht für seine vielen Longhorns immer mehr Land und will deshalb unbedingt die Wallach-Farm haben. Da die Familie sie aber nicht zu verkaufen gedenkt, hat er die Absicht, sie so lange unter Druck zu setzen, bis sie sein Angebot, das so niedrig ist, dass es schon einer Beleidigung gleichkommt, annimmt.“ Der Gesetzeshüter beugte sich vor. „Und jetzt bin ich so vermessen, ihm zu unterstellen, dass du nicht nur wegen der Wallachs in Flaming City bist, sondern auch, damit du ihm den von ihm höchst ungeliebten, weil für ihn äußerst unbequemen, Sternträger dieser Stadt vom Leib hältst. Er kauft sich den derzeit besten Revolvermann des Westens und stellt ihn Sheriff G. M. Lomy, der ebenfalls ein hervorragender Schütze ist, in den Weg, um für seine dreckigen Gaunereien mit den Wallachs freie Hand zu haben.“

„Das wusste ich nicht“, sagte Shooter ehrlich. Die Flasche, die Rumer Lockman auf den Tisch gestellt hatte, war nur noch halb voll.

„Die Wallachs machen nicht ihm, sondern er ihnen Ärger“, erklärte G. M. Lomy.

„Dann werde ich ihm sagen, dass ich nicht der richtige Mann für ihn bin.“

Der Sheriff hob die Hand. „Vorsicht! Rip Woolf bekommt fast immer, was er will.“

Shooter zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Er wird lernen müssen, auch mal eine Enttäuschung wegzustecken.“

„Er kann sehr unangenehm werden, wenn man ihm eine Abfuhr erteilt.“

„Das kratzt mich nicht.“

„Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. So sieht er das jedenfalls.“

Shooter beeindruckte das nicht im Mindesten. Er wechselte das Thema und wollte wissen, wie G. M. Lomys Privatleben aussah. „Gibt es eine Mrs. Lomy?“, erkundigte er sich neugierig.

G. M. schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber bald.“

„Ich hoffe, ich darf deine Angebetete irgendwann kennen lernen.“

„Sie ist zurzeit bei ihren Eltern in Fort Collins. Wenn sie zurückkommt, werden wir heiraten.“

„Sind Kinder geplant?“

„Mal sehen.“

Shooter feixte. „An und für sich sollen sich Typen wie du ja nicht vermehren, aber...“

„Ich schlag dir gleich ein blaues Auge“, polterte der Sheriff.

„Wie ist der Name deiner Zukünftigen?“

„Shania. Shania Blair. Sie ist ein Schatz. Ein Engel. Eine Heilige.“

„Eine Heilige?“ Shooter lachte. „Dann passt sie ja gar nicht zu dir.“

„Blödmann.“

„Ich weiß, was für ein schlimmer Finger du früher warst.“

„Das ist Schnee von gestern. Heute hüte ich in Flaming City seriös, unbestechlich, streng und zuverlässig das Gesetz, die Bürger achten und schätzen mich und sind mit mir so zufrieden, dass sie mich mit Sicherheit wieder wählen werden, wenn meine Amtszeit abgelaufen ist. Weil sie wissen, dass sie für diesen Job keinen Besseren kriegen können.“

Shooter schmunzelte. „Ob Rip Woolf das auch so sieht?“

„Bestimmt nicht.“ G. M. Lomy blies seinen breiten Brustkorb stolz auf. „Und das ist für mich ein klarer Beweis dafür, dass ich meine Arbeit richtig mache.“ Er zeigte auf Shooters blutrotes Halstuch. „Was verbirgst du darunter?“

„Eine hässliche Narbe“, antwortete Shooter ehrlich.

„Wie bist du zu der gekommen?“

„Sie haben mich in Rock Springs aufgeknüpft.“

„Was hast du verbrochen?“

„Eigentlich nichts. Sie waren der Meinung, ich hätte einen Indianerjungen erschossen.“

„Hast du?“

„Natürlich nicht. Aber man hat mir nicht geglaubt. Und damit es zu keinem Blutbad zwischen den Roten und den Weißen kommt, haben sie mich mit einer Schlinge um den Hals auf meinen Rappen gesetzt und...“

„Wie hast du das überlebt?“

„Als der wahre Täter mich baumeln sah, hat er gestanden. Da haben sie mich abgeschnitten und ihn aufgehängt.“

G. M. schüttelte den Kopf. „Wie man auf dich nicht aufpasst, gibt’s gleich 'ne Katastrophe“, sagte er mit gespieltem Vorwurf.

Langsam wurde der Whiskey weniger, und als die Flasche leer war, verließ der Sheriff mit festem Schritt den vom Lärm der Weidereiter erfüllten Saloon.

*

Shooter hängte in seinem Zimmer den Revolvergurt über die Stuhllehne und zog ohne Eile sein Hemd aus. Das rote Halstuch blieb, wo es war. Das nahm er nie ab. Seine harten Muskel waren im Schein der Öllampe scharf konturiert. Es klopfte. Der große Blonde ging zur Tür und öffnete sie. Draußen stand Rumer Lockman. Sie lächelte verlegen.

„Was gibt’s?“, fragte er.

„Ich wollte nur wissen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist, Mr. Shooter“, sagte die schöne Witwe.

Er wusste, was sie wirklich wollte: Ihn. Und sie sollte ihn bekommen. Er sah ihr an, dass sie mal wieder ziemlich dringend einen Mann brauchte.

Er war einer. Und – verdammt – er war auch schon länger mit keiner Frau mehr zusammen gewesen, deshalb sagte er mit rauer Kehle: „Komm rein!“

Die attraktive Saloon- und Hotelbesitzerin war von seiner unverhofften Selbstverständlichkeit so sehr überrascht, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie war einerseits gehemmt, anderseits aber bebte sie innerlich vor Verlangen und deshalb betrat sie zögernd sein Zimmer. Er kickte mit dem Stiefelabsatz die Tür zu, nahm Rumer in die Arme, küsste sie mit harten, fordernden Lippen und ihre Hemmungen verpufften im selben Moment.

Sie presste ihren brennenden Schoß gierig gegen seinen Harten. Er legte sie aufs Bett. Sie ließ es gerne geschehen, wehrte sich nicht, hatte nicht das Geringste dagegen. Ganz im Gegenteil.

Als er anfing, sie zu entkleiden, half sie ihm, damit es schneller ging. Ihr zierlicher Alabasterkörper war schlank und wohlgeformt.

Ein Meisterwerk von Mutter Natur. Sie schämte sich ihrer Nacktheit nicht, genoss Shooters bewundernde Blicke und wünschte sich ganz offensichtlich nichts sehnlicher, als von ihm wild und leidenschaftlich genommen zu werden. Er gab ihr in reichem Maße, wonach sie sich verzehrte und worauf sie schon so lange verzichtet hatte.

Sie nahm sein großzügiges Geschenk mit glückseligem Jauchzen, tief empfundenem Schluchzen und restlos erfüllter Befriedigung an und blieb die ganze Nacht bei ihm. Erst als der Morgen graute, küsste sie ihn dankbar, stand auf, zog sich an und schlich aus seinem Zimmer.

Kurz nach dem Frühstück ging Shooter in den Mietstall, sattelte seinen prächtigen Rapphengst und verließ Flaming City. Er war ein Mann für klare Verhältnisse, deshalb suchte er Rip Woolf auf, um ihm mitzuteilen, dass er auf seine Dienste verzichten müsse.

Die Ranch des Viehbarons war riesig. Gutes, gesundes Vieh stand auf den schier endlosen Weiden. Ein paar Cowboys waren damit beschäftigt, Kälber einzufangen und ihnen das Brandzeichen ihres Arbeitgebers aufzudrücken.

Rip Woolfs Haus hätte selbst dem amerikanischen Präsidenten zur Ehre gereicht. Der Viehbaron residierte in einem imposanten weißen Prachtbau, der alle Welt unschwer erkennen ließ, wie reich sein Besitzer war.

Wenn G. M. Lomy nicht so schlecht über Woolf gesprochen hätte, hätte Shooter von dem Mann zunächst einen sehr guten Eindruck gehabt.

Der große, schlanke Rip Woolf sah gut aus, war Anfang fünfzig, hatte dichtes schwarzes Haar, ausgezeichnete Manieren und war erstklassig gekleidet.

Er hieß Shooter herzlich in seinem Heim willkommen, führte ihn in einen prunkvollen Salon und rauchte mit ihm eine lange, dicke, handgerollte Zigarre.

Er war weder arrogant, noch prahlte er mit seinem immensen Reichtum, der für ihn im Laufe der Zeit offenbar zur Selbstverständlichkeit geworden war – einfach das Ergebnis eines arbeitsreichen Lebens.

Woolf schien sich ehrlich über Shooters Ankunft zu freuen und tüchtige, charakterfeste Männer sehr zu schätzen. Er fragte, wo Shooter untergekommen war.

„Ich wohne in Rumer Lockmans Hotel“, gab der große Blonde mit dem roten Halstuch zur Antwort.

Rip Woolf lächelte. „Bei Rumer. Sie ist eine bewundernswerte Frau. Stolz. Klug. Tüchtig. Selbstbewusst. Ich mag sie sehr. Jeder in Flaming City und Umgebung mag sie, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten, habe ihr das auch schon gesagt, aber sie scheint noch immer nicht über den Tod ihres Mannes hinweg gekommen zu sein.“ Er sah Shooter an. „Meine Tür ist immer für sie offen, das weiß sie.“

Der große Blonde kam auf das Angebot des Viehbarons zu sprechen.

„Es wird für Sie nicht viel zu tun geben“, sagte Rip Woolf. „Ihre bloße Anwesenheit wird genügen, um gewisse Dinge wunschgemäß ins Lot zu bringen. Man kennt Ihren Ruf, weiß, dass es im ganzen Westen keinen schnelleren und besseren Schützen gibt als Sie.“

Shooter begann: „Mr. Woolf, ich bin gekommen...“

„Sie brauchen selbstverständlich nicht in Rumer Lockmans Hotel zu bleiben“, fiel ihm der Viehbaron ins Wort. Er machte eine Handbewegung, die sein Haus einschloss. „Hier ist genug Platz für Sie.“

Shooters Miene wurde ernst. „Ich werde Ihr Angebot nicht annehmen, Mr. Woolf.“

Der Viehbaron zog eine Augenbraue hoch. „Darf ich fragen, warum nicht?“

„Ich habe meine Gründe.“

„Möchten Sie mehr Geld? Wir können gerne darüber reden.“

„Ich habe gestern Sheriff Lomy getroffen.“

Rip Woolf hatte erstmals merklich Mühe, sich zu beherrschen. Ein gefährliches Feuer begann in seinen Augen zu lodern. G. M. Schien für ihn ein rotes Tuch zu sein. „Was hat er Ihnen erzählt?“, fragte er schärfer, als er es vermutlich wollte. „Dass dieses gemeine, erpresserische Siedlerpack im Recht ist und ich im Unrecht bin?“

„Das auch.“

„Was noch? Mein Viehbestand wird immer größer. Ich brauche dieses Land und bin bereit, dafür einen fairen Preis zu bezahlen. Aber die Wallachs sind ja nicht bei Trost. Diese geldgierigen Gauner überschätzen ihren Besitz bei weitem und verlangen eine unverfroren hohe Summe dafür. Ich bin zwar großzügig, aber nicht blöd.“

Shooter legte seine Karten offen auf den Tisch. Der Viehbaron sollte wissen, woran er war. „Sheriff Lomy und ich sind alte Freunde, Mr. Woolf“, erklärte der große Blonde nüchtern. „Wie ich die Dinge sehe, wäre eine Konfrontation mit ihm unvermeidlich, wenn ich für Sie arbeite, und dazu darf es nicht kommen.“ Seine Lippen wurden schmal. „Ich bin nicht bereit, meine Waffe gegen G. M. Lomy zu richten.“

„Das verlangt doch keiner.“

„Machen wir uns nichts vor, Mr. Woolf. Irgendwann würde es dazu kommen.“

Der Viehbaron rieb nachdenklich die Handflächen aneinander. „Irgendeine Idee, wie ich Sie umstimmen könnte, Mr. Shooter?“, erkundigte er sich beherrscht.

Der große Blonde mit dem roten Halstuch schüttelte finster den Kopf – und damit waren die Würfel gefallen.

*

Rip Woolf hatte Shooters Absage erstaunlich gut weggesteckt. Äußerlich. In seinem tiefsten Inneren hatte mit Sicherheit ein fürchterlicher Wirbelsturm getobt, aber das hatte er sich nicht anmerken lassen. Er hatte sich mustergültig beherrscht. Doch Shooter kannte Typen wie den reichen Viehbaron zur Genüge.

Sie wurden zeit ihres Lebens vom Erfolg verwöhnt, setzten stets ihren Willen durch und bekamen fast immer, was sie haben wollten.

Wenn es allerdings einmal nicht nach ihren Vorstellungen lief, dann hatte derjenige, der so vermessen war, ihnen eine Abfuhr zu erteilen, zumeist ein äußerst schwerwiegendes Problem.

„Du wirst ab sofort immer wieder mal auch einen Blick über die Schulter werfen müssen, Shooter“, murmelte der große Blonde, während er gemächlich nach Flaming City zurückritt. „Weil Rip Woolf dich von nun an nämlich nicht mehr besonders gut leiden kann.“

Er hatte vor, G. M. Lomy Bericht zu erstatten. Sein Freund sollte wissen, wie das Gespräch mit dem Viehbaron verlaufen war.

Als er das Sheriff's Office erreichte, kam gerade der knorrige, leicht o-beinige, grauhaarige Deputy, heraus. Shooter stieg von seinem Schwarzen und band die Zügel am Hitch rack fest.

„Mr. Shooter?“

„Ganz recht.“

„Ich bin Caleb Thornton.“

„Sehr erfreut“, sagte der große Blonde.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905175
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
kugel name hank shooter western

Autor

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Titel: Auf meiner Kugel steht dein Name