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Texas Wolf #22: Sid Fishers letzte Chance

2016 130 Seiten

Leseprobe

TEXAS WOLF

 

Band 22

 

Sid Fishers letzte Chance

 

Ein Western von Horst Weymar Hübner

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

Das Original erschien unter dem Titel „Der Menschenjäger“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Der junge Sid Fisher steckt in Schwierigkeiten. Sein Vater wurde kürzlich auf heimtückische Weise getötet, und nun sitzt Sid auf einem Berg von Schulden. Wenn er die nicht bezahlt, dann kommt die Ranch unter den Hammer. Die einzige Hilfe, die Sid noch erwarten kann, ist sein Bruder Luke. Der hat vor Jahren die Ranch verlassen, weil er Streit mit seinem Vater hatte und wurde zum gefürchteten Revolvermann. Luke hat viele Feinde, aber auch Freunde – und die sind bereit, ihn und seinen Bruder Sid zu unterstützen.

Das passt dem Bankier Kelso Swift überhaupt nicht, denn er ist der Mann im Hintergrund, der es auf die Fisher-Ranch abgesehen hat. Und er hat schon weitere finstere Pläne geschmiedet, um sich diesen Besitz so schnell wie möglich unter den Nagel zu reißen.

Allerdings weiß er nicht, dass sich mittlerweile noch jemand jemand eingemischt hat: Texas Ranger Tom Cadburn, sein Partner Old Joe und der Schwarztimber Sam...

 

 

 

Das kleine grüne Tal mit dem holprigen Fahrweg, dem schmalen Bach und dem bewaldeten Südhang sah aus wie ein Stück vom leibhaftigen Paradies.

Unfreundlich war nur der Anblick des Burschen, der mit dem Gewehr an dem Felsen über dem Weg stand und abwechselnd auf Tom und Old Joe zielte.

Er war jung und sah verwegen aus, und er hatte sein Halstuch um den verwundeten linken Arm geknotet.

Steigen Sie vom Pferd, oder ich schieße Sie herunter!“

Das Gewehr zeigte auf Tom Cadburn, die Stimme war schrill und wutgeladen.

Dem Burschen war es bitterernst mit seiner Drohung. Sein Zeigefinger bewegte sich nervös am Abzug.

Eigentlich ist der Morgen viel zu schön zum Sterben, Mister“, sagte Tom bedächtig und hielt die Hände ganz ruhig. „Sind Sie überhaupt in der Verfassung, auf einem Pferd zu sitzen? Ich meine, mit dem Arm?“

Lassen Sie das meine Sorge sein!“, giftete die wutgeladene Stimme zurück.

Der Bursche war völlig überdreht und wegen irgend etwas außer Rand und Band.

Er war ungefähr in dem Alter, in dem jeder junge Mann im Recht zu sein glaubt oder sich einbildet, mit dem Kopf durch die Wand rennen zu können.

Tom musterte ihn scharf, weil er die Möglichkeit erwog, dass es sich um die Begleichung einer offenen Rechnung handelte.

Aber dann hätte der Bursche sofort geschossen. Dem kam es tatsächlich nur auf das Pferd an.

Außerdem war das Gesicht völlig unbekannt, und in den letzten Tagen hatte Tom keinen Kampf gehabt. Die Verwundung war überdies ziemlich frisch.

Old Joe hatte sich im Sattel zurückgelehnt und kaute genüsslich seinen Tabak. Er wirkte wie ein mäßig interessierter Zuschauer am Rande.

Seine Augen jedoch bewegten sich wieselflink und taxierten die Lage. Der Bengel da oben war im Vorteil, daran war nicht zu klopfen. Und vernünftigen Argumenten war er in seinem Zustand nicht zugänglich. Er wirkte wie ein in die Enge getriebener Puma, der Krallen und Zähne zeigt und schließlich auch springt.

Steigen Sie ab, Mann!“, verlangte der Bursche wieder und kam zwischen den Steinen heraus. Er bewegte sich dabei so geschickt, dass der Gewehrlauf nicht mal ein Augenblinzeln lang aus dem Ziel wich. „Glauben Sie nur nicht, dass ich den Mund aufmache, um Sie zu unterhalten. Tut mir leid, dass es gerade Sie trifft. Ich habe nichts gegen Sie, aber ich brauche den Gaul.“

Wenn er so an dem Pferd hängt, dann lass ihn halt aufsteigen“, sagte Old Joe. Er stützte die Hände, die die Zügelenden seines Maultieres hielten, wie zufällig auf den Sattel und brachte sie damit in die Nähe des zerschrammten Kolbens seiner fürchterlichen Hawken-Büchse.

Dem Burschen entging diese fast beiläufige Bewegung nicht. Er war auch nicht auf den Kopf gefallen.

Und Sie steigen auch ab!“, knurrte er. „Beide zugleich und auf meiner Seite! Das ist kein Spaß.“

Old Joe hob langsam die Hände. „Hierzulande hängt man Pferdediebe an den höchsten Ast, das ist dir hoffentlich klar, Junge.“

Jetzt blitzte es in den Augen des Burschen auf. „Ich bin kein Pferdedieb, merken Sie sich das nur! In Clifton finde ich ein anderes Tier, ich lasse Ihren Gaul im Mietstall zurück.“

Sehr rücksichtsvoll!“, sagte Tom mit beißendem Spott. „Wie weit ist das?“

Fünfzehn Meilen und immer dem Weg nach.“

Der Bursche kam jetzt auf den Weg.

Seine Kleidung sah mitgenommen aus, aber sie war gut und teuer. Er ging etwas vorgebeugt. Das lag an den hochhackigen Stiefeln.

Tom studierte jede Einzelheit und machte sich so seine Gedanken.

Nie im Leben war der Bengel zu Fuß hierhergekommen. Weiter als eine Meile auf hohen Stiefelabsätzen zu gehen war eine Qual. Wer eine weite Wanderung antreten musste, aus welchen Gründen auch immer, schlug die Absätze ab.

Die letzte Ansiedlung, durch die Tom und Old Joe gekommen waren, lag vierzig Meilen zurück. Bis Clifton sollten es fünfzehn Meilen sein.

Wenn der Bursche nicht von einer namenlosen Ranch in nächster Nähe stammte, dann war er mit einem Pferd bis in diese Gegend gekommen und hatte das Tier verloren.

Tom blickte über die rechte Schulter. Im Camp, das sie vor zwei Stunden verlassen hatten, war Sam, der Schwarztimber, noch bei ihnen gewesen. Jetzt war von dem Burschen weit und breit nichts zu sehen. Er trieb sich herum.

Old Joe stieg bereitwillig ab. Für Toms Geschmack zu entgegenkommend, um damit nicht Absichten zu verbinden.

Der alte Biber ist vernünftig“, lobte der Bursche. Seine Stimme klang nicht mehr ganz so schrill und wutgeladen. Vielleicht hatte er mit größeren Schwierigkeiten gerechnet. „Jetzt Sie noch, Mister!“

Neugierig darauf, was Old Joe ausheckte, rutschte Tom aus dem Sattel.

Hängen Sie den Waffengurt ans Sattelhorn!“, kommandierte der Bengel.

Die Gewehrmündung war höchstens zehn Schritte entfernt. Auf diese Distanz schoss niemand vorbei. Das erleichterte Tom die Entscheidung. Er schnallte den Gurt ab, hängte ihn an den Sattel und trat beiseite.

Der Bursche belauerte die beiden Männer, die er hier erwischt hatte. Er verstand seinen Job. Er stieg von der anderen Seite auf Toms Blauschimmel, so dass er alle beide ständig vor sich hatte und ihnen nicht den Rücken zukehren musste.

Sporen trug er nicht. Mit einem einfühlsamen Druck der Hacken trieb er den Blauschimmel zur Seite, beugte sich herunter, immer das Gewehr auf Tom gerichtet, und griff nach den herabhängenden Zügeln des Maultieres.

Clara, der bockbeinige Satansbraten, ließ sich von einem Fremden grundsätzlich nicht reiten. Selbst mit dem Anfassen war das so eine Sache.

Als Old Joe auch noch schnalzte, drehte sie sich, rammte mit dem Hintern den Blauschimmel und keilte.

Das Gewehr kam aus der Richtung und zeigte in die Felsen. Darauf hatte Old Joe mit eiskalter Berechnung hingearbeitet.

Er spielte seinen Trick aus, ließ sich nach vorn fallen, rollte unter das Maultier und den Blauschimmel und schlug mit den Armen um sich.

Dazu stieß er einen Pantherschrei aus, der einen Toten vom Boden hochgerissen hätte.

Reittiere, die eine sehr enge Beziehung zum Menschen haben, sind zwar ebenso schreckhaft wie ihre wilden Artgenossen, aber sie haben eine gewaltige Scheu davor, einen Menschen zu treten.

Clara zeigte sich von dem zappelnden, um sich schlagenden und brüllenden Alten nicht sehr beeindruckt. Sie warf nur unruhig den Kopf hoch und stand wie angewurzelt.

Der Blauschimmel aber sprang aus dem Stand und machte dabei den Buckel rund.

Mit einem heulenden Schrei flog der Bursche in die Luft. Das Gewehr schlug klappernd auf den Boden, kaum eine Armlänge von Old Joe entfernt.

Dann landete der Hengst auf allen vier Hufen zugleich und wich wiehernd vor dem Alten zurück.

Der Bengel hatte den rechten Steigbügel verloren und das Sattelhorn nicht mehr zu packen bekommen.

Kopfüber hing er für einen Moment am Pferd, dann prallte er herunter und hatte das linke Bein ziemlich verdreht noch im Steigbügel hängen.

Er landete auf seinem verwundeten Arm und stieß einen brüllenden Schrei aus.

Thunder machte einen Satz, der ihn ein Stück von diesem unruhigen Ort wegbrachte.

Der Bengel war halb ohnmächtig und konnte den Stiefel nicht aus dem Steigbügel befreien. Er musste es sich gefallen lassen, dass der Blauschimmel ihn mit sich riss.

Tom flog mit vier, fünf gewaltigen Sätzen in den Weg von Thunder und hängte sich mit dem ganzen Körpergewicht ans Kopfgeschirr.

Schnaubend und verschreckt blieb der Hengst nach zwei Sprüngen stehen.

Der Bengel lag völlig benommen da. Er bewegte sich auch nicht groß, als Tom seinen linken Fuß aus dem Steigbügel befreite.

Ächzend richtete sich Old Joe mit Hilfe des fremden Gewehres auf.

Er klopfte Clara wohlwollend den Hals. „Das hast du fein gemacht, mein Mädchen“, lobte er die Maultierdame. Danach kam er hinkend herbei und stieß den Bengel mit dessen Gewehr an. „Ich wette, dass er jetzt viel bescheidenere Wünsche hat und an deinem Hengst gar nicht mehr interessiert ist. Was machen wir mit dem Tropf? Verprügeln?"

Der ist doch fast noch ein halbes Kind.“

Wozu ein Gewehr nützlich ist und wie man damit umgeht, weiß deine halbe Portion aber mächtig gut. Einem Abzug ist es verdammt gleichgültig, ober er von einem Männer- oder von einem Kinderfinger durchgedrückt wird. Aber bitte, die Rotznase hat ja auch bloß auf deinen Bauch gezielt und nicht auf meinen. Ich halte mich heraus!“

Sei nicht gleich eingeschnappt!“, rief Tom dem davonhinkenden Alten nach. „Pack besser mit an. Er scheint doch einiges abgekriegt zu haben.“

 

*

 

Die Kugel war haarscharf am Oberarmknochen vorbeigegangen. Der Junge konnte von Glück reden, dass es nicht schlimmer gekommen war.

Hast du mit jemand Streit gehabt?“, fragte Tom und wickelte das angefeuchtete Halstuch wieder um die Wunde.

Die Augen des Jungen waren voller Misstrauen. „So fragt man Dumme aus.“

Sehr höflich bist du nicht. Du hast es kaum erwarten können, auf mein Pferd zu steigen und fortzureiten. Ohne Hut, ohne Sporen, nur mit deinem Gewehr. Wer ist hinter dir her?“

Das geht Sie auch nichts an!“, fauchte der Junge.

Old Joe stand unschlüssig dabei und wälzte seinen Kautabak im Mund herum.

Der wäre besser auf seine freche Klappe gefallen statt auf den Arm“, muffelte er unzufrieden. „Ich schau mich mal um.“ Schimpfend stieg er in die Felsen.

Der Bengel richtete sich auf. „Hoffentlich bricht sich der alte Teufel den Hals!“ Ein besorgter Ausdruck kehrte in seine Augen ein. „Was will er da oben?“

Na, zu Fuß bist du bestimmt nicht hergekommen. Sag's besser gleich, mein alter Partner findet auch noch die Spur eines Eichhörnchens auf dem Felsen.“

Mein Pferd hat mich abgeworfen.“

Das konnte stimmen oder auch nicht.

Und da wolltest du dir den erstbesten Gaul nehmen, der dir in den Weg kam. Junge, du könntest jetzt auch tot sein. Hat dein Pferd den Sattel drauf?“

Ja, warum?“

Dann läuft es nicht weit. Einer von uns reitet der Fährte nach und holt es zurück. In welche Richtung galoppierte es?“

Keine Ahnung, es war noch dunkel“, sagte der Bengel lahm.

Toms Brauen gingen verwundert in die Höhe. Sonderlich großes Interesse an der Herbeischaffung seines Pferdes schien der Junge nicht zu haben.

Hat es mit dem Tier eine besondere Bewandtnis?“

Er war auf der richtigen Spur, denn jetzt schaute der Bengel wieder so giftig und verwegen wie vorhin in den Felsen.

Tom hörte jedoch keine Erklärung. Trotzig hielt der Bengel den Mund.

Vielleicht ist dir die Kugel nachgeflogen, weil du das Pferd aus einem fremden Stall gezogen hast. Das wäre doch eine brauchbare Erklärung, meinst du nicht?“

Immer noch schwieg der Bursche. Aber seine Augen bewegten sich wieselflink. Seine Blicke gingen zu den Reittieren auf dem Weg, hinauf zu den Felsen und kehrten zu seinem Gewehr zurück.

Er rechnet sich schon wieder etwas aus, überlegte Tom. Er steckt in der Klemme, und er riskiert dafür noch eine Kugel!

Mit der linken Hand griff er nach dem Gewehr. Es war eine wunderbar gearbeitete Waffe, ein Mehrlader, Erzeugnis bester Büchsenmacherkunst.

In den Kolben aus schön gemasertem Walnussholz war eine Messingplatte eingelassen.

Zachary Fisher“ las er dort.

Bist du das?“, fragte er. „Oder hat das Gewehr ebenfalls einen anderen rechtmäßigen Besitzer wie das Pferd?“

Jetzt schaute der Junge wild und rebellisch. „Ich bin kein Dieb! Das ist Dads Gewehr. Legen Sie es wieder hin. Er wollte nicht, dass es jemals in andere Hände kommt. Bitte, legen Sie es zurück.“

Sieh an, du kannst sogar höflich sein!“, bemerkte Tom. „Das gefällt mir schon eher an dir. Und jetzt mal heraus mit der Sprache. Du bist in Druck!“

Das ist meine Sache!“

Sicher. Du bist die größte Nummer dieses Landes und brauchst ein geklautes Pferd und das Gewehr deines Vaters. Und weil dich der Gaul abwirft, hältst du mir die Waffe unter die Nase und willst mich zum Fußgänger machen. Eine Spur bescheidener würde dir gut zu Gesicht stehen.“

Oben aus den Felsen sagte Old Joe grimmig: „Du solltest ihm was aufs Maul schlagen, damit er die richtige Größe für sein Alter bekommt Ich habe euch reden hören. Sein Pferd ist nicht weggelaufen. Es liegt da oben, da gibt es eine Hochweide.“

Zu Tode geritten?“, forschte Tom.

Verblutet, habe drei Einschüsse gezählt. Kein Gepäck, und der Sattel ist eingeklemmt.“ Old Joe hockte sich auf einen Stein. Tom fiel auf, dass er nicht herunter blickte, sondern die Augen auf den Ausgang des Tales geheftet hielt, als könnte er dort etwas Interessantes beobachten.

Lügen haben sehr kurze Beine, wie du siehst, Junge“, sagte Tom. „Du solltest es mal mit der Wahrheit versuchen.“

Lassen Sie mich doch in Ruhe!“, fauchte ihn der Bursche an.

Wir sollten den Vorschlag beherzigen und schleunigst weiterreiten, bevor die Gentlemen da hinten hier sind“, sagte Old Joe mit hörbarer Freude. „Habe irgendwie den Eindruck, dass sie einer Fährte folgen, die nicht unsere ist. Sie reiten ziemlich gewalttätig.“

Mit einem schnappenden Laut sprang der Junge auf die Füße. „Drei Reiter?“ In seiner Stimme waren Angst und Panik.

Vier“, erklärte Old Joe genüsslich. „Der an der Spitze reitet einen Fuchs und hockt drauf wie eine fette Kröte.“

Kelso Swift!“, murmelte der Junge und zitterte. „Mister, lassen Sie mich das Gewehr zur Hand nehmen!"

War es Swifts Pferd?“, fragte Tom und brachte zum Ausdruck, dass er sehr viel Zeit hatte.

Nein, aber seine Kugeln! Wenn Sie eine ehrliche Haut sind, dann lassen Sie mich laufen und das Gewehr mitnehmen. Der bewaldete Hang drüben ist steil genug, da kommen sie nicht hinauf.“

Und bis sie einen Aufstieg gefunden haben, willst du schon im Land untergetaucht sein? Rechne dir nur nichts Falsches aus, Junge. Mit den Absätzen an den Stiefeln kommst du nicht weit. Die haben dich schnell. Du hast zwar ein großes Mundwerk und allerlei großartige Ideen, aber verdammt wenig Erfahrung. Wer ist dieser Swift?“

Er - er hat Dad getötet! Vor einer Woche!“ Dem Jungen drückte es fast die Stimme ab, als er das sagte. Sein Adamsapfel ging aufgeregt auf und nieder. „Er tötet immer für Geld. Lassen Sie mich laufen, bitte!“

Das hörte sich nun gar nicht mehr trotzig, wild und aufsässig an. Der Bursche hatte nur noch Angst.

Ist das nun auch wieder gelogen? Jedes Ding hat zwei Seiten. Junge, ich denke, wir fragen diesen Kelso Swift!“

Das denke ich auch“, ließ sich der Alte vernehmen. Danach kicherte er vergnügt. „Ich könnte nicht behaupten, dass es mir sehr gefällt, wie sie mit ihren Pferden umspringen. Die fette Kröte ist beinahe aus dem Sattel gesaust. Der Schwarztimber treibt sich dort vorne herum.“

Jetzt wurde Tom unruhig. „Was machen sie?“

Einer nimmt das Gewehr zur Hand ah, der schlaue Bursche verdrückt sich in den Hang. Jetzt halten sie und beratschlagen“, berichtete Joe. „Der Kerl auf dem Fuchs will weiter. Sie kommen. Geheuer ist ihnen nicht. Sie schauen dauernd zurück.“

Tom vernahm es erleichtert. Er musste Sam mal wieder die Leviten lesen und ihm abgewöhnen, ahnungslosen Reitern aufzulauern und sie zu erschrecken.

Old Joe kletterte aus den Felsen herunter.

Der Junge wurde unruhiger und zitterte noch mehr. Er verlegte sich aufs Flehen. „Sie sind gleich da! Lassen Sie mich laufen, ich vergesse es Ihnen auch nicht, Mister!"

Du bleibst!“, bestimmte Tom. „Hat dich dein Vater gelehrt, dass man eine Sache entscheidet, indem man vor ihr davonläuft? Das glaube ich nicht.“

Er bringt Sie auch um!“ Die Stimme kippte über. „Er lässt keine Zeugen am Leben!“

Muss ja ein hartgesottener Bursche sein“, entgegnete Tom mit einem Anflug von Spott. „Warum ist er hinter dir her?“

Weil weil...“ Der Junge schien sich plötzlich zu besinnen und schwieg.

Rumorender Hufschlag drang in das Tal. Aus dem Wald am jenseitigen Hang schallte ein kurzer Wolfsruf, als wollte Sam zu verstehen geben, dass er die Entwicklung der Dinge im Auge behielt und auf gleicher Höhe mit den fremden Reitern blieb.

Old Joe zog die Hawken-Büchse aus den Schlaufen seines Packens und stellte sich neben einen Stein, der aus dem Hang heruntergebrochen war.

Tom hörte am Lärm der Hufe, dass die Männer hart und rau ritten.

Vier Burschen auf der Fährte des Jungen, das erschien ihm denn doch als ein Aufwand, den man nicht trieb, wenn es bloß um eine Kleinigkeit ging.

Er hob das Gewehr auf und betätigte den Unterladehebel. Eine Patrone sprang aus dem Auswurfschlitz.

Ich glaube jetzt fast, du hättest wirklich auf mich geschossen“, sagte er wütend und hob die Patrone auf, um sie in das Röhrenmagazin zu schieben.

Der Junge kniff die Lippen zusammen.

 

*

 

Die Reiter kreuzten den Talausgang und hielten auf die Hochweide zu, wo Old Joe das tote Pferd entdeckt hatte.

Mit der Anwesenheit weiterer Leute schienen sie nicht im geringsten gerechnet zu haben. Jedenfalls griff der letzte Reiter hart in die Zügel, als er zufällig den holprigen Weg entlangblickte und zwei fremde Reittiere bemerkte.

Ein Zuruf warnte die vor ihm reitenden Männer.

Binnen Sekunden kam der Trupp zum Stehen. Ein Hauch von Gewalt traf Tom, Old Joe und den Bengel.

Dieser Kelso Swift war kein Freund irgendwelcher Förmlichkeiten. Vor allem war er ein sehr energischer und schnell entschlossener Mann. Er gab seinen debattierenden Leuten einen Wink, dass sie ihm folgen sollten.

Ein geschäftsmässiges Interesse stand in seinem Gesicht, während er sein Pferd herein ins kleine Tal lenkte.

Zehn Schritte vor Tom und den Tieren hielt er an.

Eine volle Minute lang studierte er die Szene. Dann sagte er belustigt: „Hast du Verstärkung gefunden, Junge?“

Dem Bengel klapperten vor Furcht die Zähne. Er wollte etwas sagen. Tom stoppte ihn mit einer Handbewegung. „Du hältst zunächst mal den Mund, klar?“ Er wandte sich dem Mann zu, der wie eine fette Kröte wirkte. „Sie sind Kelso Swift, wie ich höre?“

Ja.“ In den grauen Augen funkelte es.

Und Sie haben vor ungefähr einer Woche den Vater dieses Jungen erschossen?“

Ja.“

Dieser Swift war sehr von sich eingenommen. Zumindest schien er seinen Wert genau zu kennen. Lässig stützte er die Hände aufs Sattelhorn.

Das war kein Bluffer. Tom erkannte den Sachverhalt richtig. Es waren auch nicht die drei herankommenden Begleiter, die ihm das Rückgrat stärkten. Dieser fast freundlich dreinblickende Mann mit den grauen Augen und dem täuschenden Aussehen einer fetten Kröte war von der Sorte, die ganz genau wusste, dass man einen Menschen mit einer Kugel schneller tot bekam als mit Worten.

Genau aus diesem Grunde machte er auch nicht viele.

Und den Jungen haben Sie beinahe erwischt.“ Wie Tom es sagte, klang es fast beiläufig.

Was heißt beinahe?“ Kelso Swift amüsierte sich. „Wir haben ihn. Das genügt.“

Tom betrachtete ihn eine Minute lang und begann dann ungefähr so freundlich zu lächeln wie ein ausgehungerter und angriffsfreudiger Bär.

Heute ist wahrhaftig nicht Ihr Glückstag, Swift. Sie haben den Jungen nur in den Arm getroffen und sein Pferd. Daraus schließe ich, dass Sie nicht annähernd so gut sind, wie Sie von sich glauben. Und zudem ist der Junge jetzt bei uns. Wenn Sie meinen, Sie hätten ihn, dann verkennen Sie die Lage gründlich.“

Kelso Swifts Mundwinkel sanken herab und verliehen seinem Gesicht einen etwas melancholischen Ausdruck.

Interessiert beugte er sich vor. „Ich kenne Sie nicht. Vielleicht sind Sie eine Überraschung. Ich würde gerne herausfinden, wie gut Sie sind.“

Es würde eine bittere Erfahrung werden!“, warnte Tom. Er gewann den Eindruck, dass Swift nicht ganz richtig im Kopf war. Oder er verachtete das Leben.

Sagen Sie!“, erwiderte Swift. „Ich denke, ich finde es heraus. Hier und jetzt.“ Er machte eine knappe Kopfbewegung.

Zwei seiner Begleiter drehten die Pferde auf Old Joe und den Jungen, der dritte hielt sich schräg hinter ihm.

Plötzlich fluchte einer der Männer erschrocken: „Mister Swift, der verdammte alte Kater hat eine Hawken!“

Jetzt zuckten Swifts Augen.

Und? Der ist zu klapprig, um sie zu halten!“

Aber der...“ Der Mann von Swift verstummte.

Dafür sagte Old Joe gutgelaunt: „Hi, hi, der letzte Bursche, der das glaubte, liegt einen Fuß tief unter einem Steinhügel. Wenn eine von euch traurigen Gestalten nur niest oder sonst eine unpassende Bewegung macht, schieße ich einem die Rübe runter. Rate mal, Swift, wer das sein könnte.“

Tom stand dem fetten Mann auf dem Fuchs am nächsten. Er sah gelbe Lichter in Swifts Augen tanzen. Swift hatte geglaubt, wenig Federlesens machen zu müssen. Er hatte die Situation für sich sehr günstig gesehen und dem Alten zu wenig Beachtung geschenkt.

Die Wut über dieses Versäumnis würgte ihn.

Er hatte sich jedoch rasch wieder in der Gewalt.

Das ist allerdings eine Überraschung, auf die ich so gar nicht eingestellt war. Nun gut, Mister, heute halten Sie die besseren Karten in der Hand. Wir sehen uns ein andermal. Und dich auch, Junge!“

Damit zog er seinen Fuchs herum und ritt dem Talausgang zu, ohne über die Schulter zu blicken. Als spürte er irgendwie, dass ihm keine Kugel nachflog.

Seine drei Begleiter hatten es sehr eilig, ihm zu folgen.

Schnell, Mister, schießen Sie ihn herunter!“, keuchte der Junge. „Er ist ein Killer.'“

Ich weiß es jetzt“, sagte Tom. „Das gibt mir aber nicht das Recht, ihm eine Kugel in den Rücken zu schießen.“

Drücken Sie doch ab! Er würde es so machen.“ Die Augen des Jungen glühten fiebrig.

Er ist ein Killer und ich nicht!“

Geben Sie mir das Gewehr! Ich tu’s! Für Dad!“

Nein.“

Tränen der Wut, der Enttäuschung und der Erniedrigung schossen dem Bengel in die Augen. „Sie - Sie sind ein Feigling!“

Tom beobachtete die davonjagende Truppe, bevor er sich dem Jungen zuwandte. „Einen Mann nicht in den Rücken zu schießen ist keine Feigheit. Das solltest du dir als eiserne Lebensregel hinter die Ohren schreiben.“

Ihre frommen Sprüche werden mir kaum etwas nützen, denn Swift macht seine Versprechen wahr“, muckte der Bengel auf. „Überlegen Sie es sich nicht zu lange. Noch können Sie ihn treffen.“

An Toms Stelle sagte Old Joe, nachdem er einen Strahl Tabaksaft in die Felsen versprüht hatte: „Mir scheint, unsere Rotznase ist durch und durch verdorben! Eine Kugel von hinten, wo hat man das schon gehört? Haben dich das deine Leute gelehrt? Dabei war dein Dad, schätze ich, ein ehrenwerter Mann. Erzähl mal von ihm!“

Er erntete einen Blick voll größter Verachtung von dem Bengel.

Dad war kein Feigling wie Sie und Ihr Freund! Sie haben kein Recht, seinen Namen zu nennen. Er war der beste Mann, den ich kenne.“

Dann eben nicht“, brummte Old Joe. „Aber etwas freundlicher könntest du schon sein, wo wir dir Swift und seine Truppe vom Hals gehalten haben. Was will er von dir?“

Trotzig schloss der Junge den Mund.

Tom Cadburn wog den Mehrlader nachdenklich in der Hand und warf ihn dem Bengel zu, weil sich die Reiter schon außerhalb der Reichweite einer Kugel befanden.

Benütze diese Waffe nur in der äußersten Not, Junge. Clifton, was? Wir bringen dich hin. Nur für den Fall, dass Swift den Gedanken haben sollte, dort auf dich zu warten. Er reitet zwar noch in die entgegengesetzte Richtung, aber da er unsere Lage hier kennt, rechnet er sich aus, dass drei Männer mit zwei Reittieren nicht sehr weit kommen. Der nächstgelegene Platz, wo sie sich eindecken können, ist Clifton. Es wäre für unsere Planung nützlich, wenn du sagen würdest, wie sehr Swift daran gelegen ist, dich zu kriegen, und warum.“

Ich bitte Sie um nichts, es ist allein meine Sache.“

Der Junge hatte blitzschnell das Gewehr aufgefangen und trug den Kopf wieder ein ganzes Stück höher. Von der Waffe schien eine unerklärliche Kraft auf ihn überzuströmen.

Sicher, sicher“, stimmte Tom zu und beobachtete den lauernden Blick, der wieder dem Blauschimmel galt. „Es ist nur so, dass wir auch in diese Richtung reiten. Gegen Swift und seine Handlanger hast du nicht die Spur einer Chance. Wir reiten jeweils eine Meile und gehen die nächste halbe zu Fuß. Auf diese Weise bleibt der Hengst frisch, und wir werden nicht müde. Und noch etwas, Junge: rechne dir nichts aus! Wir haben noch einen Partner in der Hinterhand. Der hetzt dich zu Tode, wenn du mit meinem Pferd abhaust.“

Angespannt und wachsam ging der Blick des Jungen in die Runde. Er nahm eine lauernde Haltung ein. Nach einer Weile grinste er höhnisch.

Zum zweiten Mal können Sie mich nicht austricksen!“

Warum Swift ihm an den Kragen wollte, sagte er nicht.

 

*

 

Mit vereinten Kräften bargen sie den Sattel und luden ihn Clara auf. Es war ein schön gearbeitetes Stück mit versilbertem Sattelhorn, das eine hübsche Summe gekostet hatte. In das Deckleder war ein verschlungenes ,F‘ eingebrannt.

Eingedenk der begehrlichen Blicke, die der Junge auf den Hengst geworfen hatte, brachte Tom den Bengel erst gar nicht in Versuchung, einen zweiten Versuch zu machen.

Wenn sie aufstiegen, war er der erste Mann auf dem Pferd, und wenn sie nach einer Meile abstiegen, der letzte.

Der Junge begriff das sehr wohl und kniff die Lippen noch mehr zusammen, als er es bisher schon tat.

Old Joe hielt sich meist zehn Längen hinter ihnen und konnte mit seiner Hawken-Büchse jede gewaltsame Entwicklung im Keim ersticken.

Nach vier Stunden rasteten sie auf einer Hochmesa. Der Junge blickte immer wieder zurück.

Ihr Partner scheint sich aber mächtig verspätet zu haben“, bemerkte er spöttisch. „Oder er ist in Swift und seine Leute hineingeritten und kommt nicht mehr.“

Tom teilte trockenen Proviant in drei gleich große Portionen. „Er ist in der Nähe“, versetzte er ungerührt. „Und wenn du dich mit der Verpflegung nicht ranhältst, schnappt er dir die Hälfte weg.“

Der Junge schaute ihn merkwürdig an.

Sie haben drei Teile gemacht, und wir sind zu dritt. Haben Sie nicht an Ihren seltsamen Partner gedacht?“

Der versorgt sich gerne selber, aber er nimmt natürlich auch hier, was er kriegen kann. Greif zu, wir haben nicht die Absicht, bis zum Abend zu rasten.“

Während des Essens drang ein seltsamer Laut über die Hochmesa.

Der Junge warf den Kopf hoch. Dann legte er die Hand auf sein Gewehr.

Zu seiner Verblüffung störten sich die beiden Männer nicht an den Laut; sie aßen seelenruhig weiter.

Hören Sie das nicht, sagte er aufgeregt. „In der Gegend treiben sich Wölfe herum. Auch heute Morgen schon, als Swift kam.“

Was du nicht sagst?“, meinte Tom gemütlich. „Lass das Gewehr liegen. Wir bekommen gleich Besuch von einem Schwarztimber. Verhalte dich ruhig, dann lässt er dich in Frieden. Er gehört nämlich mir.“

Jetzt war es mit dem Seelenfrieden des Jungen aus und vorbei. Er rückte ein Stück von Tom ab.

Ihr alter Partner ist ja schon recht seltsam, aber dass sie einen Dachschaden haben, hätte ich nicht gedacht. Ich gehe doch wohl besser allein nach Clifton hinein. Dad hat immer gesagt, ich soll mich vor Sprücheklopfern hüten und nur das glauben, was meine Augen sehen.“

Dann schau nur genau hin, Junge. Da hinten kommt er.“

Tom deutete nach rechts.

Der Wind stand auf die Mesa und bewegte das Blaugras, dass es wie ein Meer wogte.

Die Gleichförmigkeit dieser Bewegung war an einer Stelle unterbrochen. Dort wurde das Gras von unten her kräftig nach den Seiten geschoben. Gerade so, als würde sich jemand anschleichen.

Die Augen des Jungen wurden immer größer, als ganz in der Nähe des Lagerplatzes ein schwarzer, dreieckiger Kopf mit steil aufgerichteten Ohren aus dem Gras auftauchte. Grünlich schimmernde Wolfslichter blickten aufmerksam her.

Dann schob sich ein Schwarztimber heran. Der Junge kannte viele Erzählungen von Wölfen und Wolfsabkömmlingen, doch in keiner kam so ein mächtiges Tier vor wie jenes, das er mit eigenen Augen sah.

Das Unbehagen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der Timber machte keinen sehr freundlichen Eindruck, sondern entblößte den mörderischen Fang und ließ ein rollendes Knurren aus seiner Brust steigen.

Es gefällt ihm nicht, dass du die Hand auf dem Gewehr liegen hast“, erklärte Tom. Danach wandte er den Kopf. „Dieser Junge ist unser Gast“, sagte er zu dem Schwarzwolf. „Er heißt Fisher, wenn nicht alles täuscht. Er hat ein paar krause Ideen im Kopf, aber sicher ist er kein schlechter Bursche. Für eine Weile ist er noch bei uns.“

Der Junge glaubte zu träumen. Am hellichten Tag, mitten im Sonnenschein auf einer Hochmesa von Texas. Denn der Timber legte den Kopf schief und lauschte ziemlich interessiert den Worten des Mannes.

Gerade, als verstünde er alles haarklein.

Danach trottete das Tier erst einmal herum und beroch den Fremden von allen Seiten, und schließlich wandte es sich den spärlichen Resten der Mahlzeit zu und schnappte sich hier einen Brotkanten und dort einen Streifen Salzspeck weg.

Du verdammter Wegelagerer!", schimpfte Old Joe und drohte mit der Faust, als er seinen letzten Happen Speck im Fang des Timbers verschwinden sah. „Du bist ja noch schlimmer als die hübschen Bankhalterinnen in Peppards Saloon von Saint Louis, die einem den letzten Cent aus der Tasche räumen.“

Tom grinste verstohlen. Old Joes Rückblicke in die Vergangenheit waren mit großer Vorsicht zu genießen, und in den zurückliegenden zehn Jahren war er bestimmt nicht in St. Louis gewesen.

Früher vielleicht. Zu der Zeit, als die Bergtrapper noch traditionell ihre Winterfelle in St. Louis verhökerten. Joe hatte viele Jahre in den Bergen gelebt und dort seine Fallen aufgestellt.

Die besagten hübschen Bankhalterinnen mussten inzwischen samt und sonders betagte Damen sein.

Der... der zieht mit Ihnen herum?“, fragte der Junge stotternd und schob schnell das letzte Brot in den Mund, weil sich der Timber dafür zu interessieren begann.

Das ist ein kreuzbraver Bursche, solange man mit ihm und uns in Frieden auskommt“, versicherte Tom.

Aha!“, machte der Junge. Auf den Kopf gefallen war er nicht. Er verstand den Sinn hinter den Worten.

Er wischte sich die fettigen Hände an der Hose ab und half beim Zusammenräumen.

Währenddessen ritt Old Joe an den Rand der Hochmesa und blickte lange nach Osten und Süden. Die Mesa war im Umkreis von zehn Meilen garantiert die höchste Erhebung und bot einen guten Ausblick.

Weit im Süden konnte er zwischen Hügeln eine kleine Wolke ausmachen. Staub stieg hoch. Jemand trieb Vieh zusammen oder ritt sehr schnell durch die flachen Täler.

Er wartete geduldig, ob er nicht einen oder mehrere Punkte zu sehen bekam, weil er an diesen Kelso Swift und seinen Anhang dachte.

Langsam entfernte sich die Staubwolke nach Süden, ohne dass er herausfand, ob sie von Rinderklauen oder Pferdehufen stammte.

Ganz bestimmt rührte sie nicht von Kelso und seinen Leuten her.

Denn dieses Clifton lag im Westen, der Weg führte in diese Richtung, und der Junge wollte dort hin, um sich mit einem neuen Pferd auszustatten. Da Kelso sich das leicht ausrechnen konnte, war es ganz natürlich, dass er ebenfalls nach Westen ritt.

Unzufrieden zog Old Joe das Maultier herum und ritt zu ihrem Rastplatz zurück, wo Tom und der Junge neben dem Hengst warteten.

Etwas oder jemand bewegt sich genau nach Süden“, antwortete er auf Toms fragenden Blick.

Das hörte sich sehr beruhigend an. Um so erstaunter waren die beiden Männer, als sie den Jungen zusammenfahren sahen.

War es Swift?" Sein Adamsapfel ging rauf und runter.

Ich habe gar niemand gesehen, aber mir scheint, du weißt über den Kerl und seine Pläne gut Bescheid“, sagte Old Joe.

Gar nichts weiß ich“, stieß der Junge hervor, viel zu schnell, als dass es glaubwürdig klang.

Na, wir werden ja sehen“, meinte Tom.

Der Junge hatte kein Zutrauen zu ihnen, den Fremden. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie ihm Swift vom Hals gehalten hatten.

Und wenn Tom ihn fragte, sagte der Junge doch wieder die Unwahrheit. Er wollte sich nicht länger belügen lassen, darum stellte er keine Fragen.

Der Junge hütete ängstlich ein Geheimnis, das wiederum mit diesem Swift zu schaffen hatte. So sicher wie das Amen in der Kirche war das.

Irgendwie hing es auch mit dem Tod des Vaters dieses Jungen zusammen.

Kelso Swift machte ganz den Eindruck, als würde er gegen gute Bezahlung Revolverarbeit verrichten.

Schon möglich, dass dort, wo die Fishers zu Hause waren, eine Weidefehde im Gange war und Swift als bezahlter Killer arbeitete.

Dann war der Junge am Ende unterwegs, um einen Revolvermann anzuwerben. Gewissermaßen als Gegengewicht zu Swift. Er wollte diesen Mann irgendwo im Westen des Landes treffen.

Und Swift war mit drei Leuten unterwegs, um das zu verhindern. Seinem Benehmen und seinen kaltblütigen Worten nach schien ihm die wirkungsvollste Methode zu sein, den Jungen ebenso zu töten wie den Vater.

Steig auf, Junge, damit wir den Weg hinter uns bringen“, forderte Tom vom Sattel herab auf. Er streckte die Hand aus und zog den Bengel herauf, damit der es sich zwischen Sattel und Packen bequem machte.

Mit einem schwer deutbaren Ausdruck in den Augen schaute der Timber zu und trottete dann neben dem Blauschimmel her.

Nach einer Stunde langten sie am Westrand der Mesa an und mussten hinunter in einen Arroyo, der voller Steintrümmer war, dass sogar Old Joe es vorzog, abzusteigen und das Maultier am Zügel zu führen.

In diesem Trockenbett flimmerte die Luft vor Hitze. Die Tiere schwitzten schon bald, und der Alte fluchte immer schlimmer über den saumäßigen Weg.

Da und dort waren die größten Geröllbrocken beiseite geräumt. Fahrer, die hier Frachtwagen und Kutschen ohne Radbruch über die Strecke brachten, mussten ganz besondere Künstler oder Glückskinder sein.

Hinter einer Biegung stießen sie auf eine Wasserstelle.

Das muss es sein“, sagte der Junge mit wichtiger Miene.

Du kennst die Tränke?“, fragte Tom überrascht.

Der Junge nickte, schränkte aber sofort ein: „Ich war noch nie hier. Otero, unser alter Mestenero, hat mir den Platz beschrieben. Früher hat er hier viele Wildpferde gefangen.“

So verheißungsvoll sich das auch anhörte, einen Hinweis darauf, wo die Fishers zu Hause waren, ergab das nicht. Die Wildpferdjäger folgten den Herden, als sie noch groß und zahlreich waren, oft wochenlang und kamen in die entlegensten Winkel des Landes.

Missmutig betrachtete Old Joe die Tränke, die nur wenig Wasser enthielt.

Er stieg von seinem Maultier und ging hinkend um die Wasserstelle, den Blick stur auf den Boden gerichtet.

Jemand war vor uns hier, eine oder zwei Stunden höchstens“, meinte er schließlich. „Die Hufe waren beschlagen.“

Keuchend kletterte er den Hang hinauf und spähte ins Land hinaus, bevor er dort oben den Boden untersuchte.

Tom füllte derweil die Wasserflaschen und schöpfte mit dem Hut den Rest Wasser, um den Hengst und Clara zu tränken.

Der Junge schaute zu, wie aus der Rückwand der steinigen Vertiefung tropfenweise die Feuchtigkeit sickerte und sich auf dem Grund des Loches sammelte.

Esdauerte mindestens eine Nacht, bis die Tränke wieder voll war.

Sie sind von Süden gekommen und nach Westen geritten“, meldete Old Joe. „Zwei ausgepumpte Pferde. Müssen genau gewusst haben, wo hier Wasser zu finden ist. Der Platz ist verdammt schwer aufzuspüren, wenn man aus der Ebene kommt.“

Euer alter Mestenero scheint nicht der einzige Mensch zu sein, der die Wasserstelle kennt“, wandte sich Tom an den Jungen.

Der blickte ihn aus schmalen Augen an und schwieg. Er schien sogar zu bereuen, den alten Otero erwähnt zu haben.

Old Joe kam vorsichtig von der Kante herab. „Die zwei könnten mitgeholfen haben, die Staubwolke aufzurühren“, brabbelte er. „Was bedeuten würde, dass sie sich geteilt haben. Ich meine, Swift und seine Freunde. Zwei sausen weiter nach Süden, und zwei legen sich zwischen hier und Clifton an den Weg und sperren die Augen auf. Oder sie warten in der Stadt, was ja weit angenehmer wäre. Was denkst du darüber, Junge?“

Der Bengel blickte so aufgeregt und rebellisch wie in den Felsen, als er mit dem Gewehr gezielt hatte. Seine Nasenflügel bebten, sein junges Gesicht wirkte schmutzig-grau und verfallen.

Tom drehte sich eine Zigarette. „Swift scheint alle Trümpfe in der Hand zu haben und die Regeln dieses Spieles besser zu kennen als du, Fisher. Jetzt fragst du dich, wie du vorgehen sollst. Es ist nicht sicher, ob die zwei, die hier tränkten, zu Swift gehören. Mit der Möglichkeit musst du aber rechnen. Sind es Swifts Leute, wollen sie dich von der Stadt abschneiden, weil du dich dort mit einem Pferd versehen könntest. Ganz überzeugt, dass ihnen das gelingt, sind sie nicht. Sie trauen dir einiges zu. Darum sind die anderen beiden nach Süden. Sie wollen dich dort erwischen, falls du durchkommst. Ganz einfach, wenn man nur etwas gründlich nachdenkt.“

Der Junge schaute noch verkniffener. Eines besseren Beweises für Tom, dass er mit seinen laut geäußerten Vermutungen richtig lag, bedurfte es nicht.

Mit Ruhe und Umsicht zündete er die Zigarette an. „In deinem Kopf gehen jetzt die Gedanken ziemlich durcheinander, Fisher. Du willst wissen, wer wir sind und was wir beabsichtigen. Nimm einmal an, wir kommen weit herum und kennen so ziemlich alle Regeln, nach denen ein Spiel um Menschenleben aufgezogen wird. Du steckst in der Klemme. Wie sehr, das weiß dieser Swift am besten. Also handelt er danach. Du kannst ihn nur schlagen, wenn du dich in seine Gedanken hineinfindest, jeden Schritt bedenkst, den er unternehmen wird, und das genaue Gegenteil davon machst. Damit kannst du ihn eine gewisse Zeit verwirren, bis er den Spieß herumdreht und versucht, deine nächsten Schritte zu ergründen. Ist es so weit, dann wird es gefährlich für dich.“

Mit offenem Mund und staunenden Augen hörte der Junge ihm zu.

Mann, Sie reden ja mehr wie der alte Otero und meine Duena zusammen. Sie wären mich schon los, wenn Sie Swift eine Kugel verpasst hätten.“

Darüber brauchen wir nicht mehr zu sprechen, Junge. Bring die Blechflaschen her!“

Tom verstaute die Wasservorräte, holte seinen Hut, den er zum Trocknen auf einen Stein gelegt hatte und führte den Hengst am Zügel weiter.

Hinter Thunder stolperte der Junge. Ausgedehnte Fußmärsche waren nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung; sie schlauchten ihn, weil er sie nicht gewöhnt war.

Das Gewehr war in den Packen gesteckt, mit einem Griff aber gut zu fassen.

Wachsam zockelte deshalb Old Joe wieder am Ende und unterhielt sich halblaut mit dem Maultier, was den Jungen in seiner Ansicht bestätigte, der Alte sei wunderlich im Kopf und darüber hinaus ein gerissener Kerl.

Bedächtig rauchte Tom im Dahingehen die Zigarette auf. Sieh an, dachte er, so nach und nach fällt einiges aus dem Bengel heraus! Der kostbare Sattel und der alte Mestenero passen gut auf eine größere Ranch. Arm scheinen die Leute nicht zu sein. Mesteneros beschäftigt heute niemand mehr. Die Fishers haben aber ihren Wildpferdjäger behalten und lassen ihn das Gnadenbrot essen.

Sogar eine Duena hat der Junge, eine mexikanische Amme! Eine Kinderfrau können sich wirklich nicht viele Familien in diesem Land leisten, auch wenn die Arbeitskräfte billig zu haben sind!

Dazu seine Kleidung! Einen Dollar müssen die Fishers nicht erst ein paarmal umdrehen, wenn sie ihn ausgeben wollen.

Tom blieb stehen und bohrte den Zigarettenrest mit dem Stiefelabsatz tief ins Geröll.

Zusammenfassung

Der junge Sid Fisher steckt in Schwierigkeiten. Sein Vater wurde kürzlich auf heimtückische Weise getötet, und nun sitzt Sid auf einem Berg von Schulden. Wenn er die nicht bezahlt, dann kommt die Ranch unter den Hammer. Die einzige Hilfe, die Sid noch erwarten kann, ist sein Bruder Luke. Der hat vor Jahren die Ranch verlassen, weil er Streit mit seinem Vater hatte und wurde zum gefürchteten Revolvermann. Luke hat viele Feinde, aber auch Freunde – und die sind bereit, ihn und seinen Bruder Sid zu unterstützen.
Das passt dem Bankier Kelso Swift überhaupt nicht, denn er ist der Mann im Hintergrund, der es auf die Fisher-Ranch abgesehen hat. Und er hat schon weitere finstere Pläne geschmiedet, um sich diesen Besitz so schnell wie möglich unter den Nagel zu reißen.
Allerdings weiß er nicht, dass sich mittlerweile noch jemand jemand eingemischt hat: Texas Ranger Tom Cadburn, sein Partner Old Joe und der Schwarztimber Sam...

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905168
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Schlagworte
texas wolf fishers chance

Autor

Zurück

Titel: Texas Wolf #22: Sid Fishers letzte Chance