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Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #2: Weiße Hölle Carbon County

2016 120 Seiten

Leseprobe

ROY MATLOCK – DER EISENBAHN-MARSHAL

 

Band 2

 

 

Weiße Hölle Carbon County

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M.Russell, 2016

Früherer Originatitel: „Wer sie liebte, musste sterben“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Ernest Jenkins, der Sicherheitschef der Union Pacific, sah Roy Matlock vorwurfsvoll über den Rand seines goldenen Kneifers an. „Es war ein schöner und netter Abend, sagten Sie, Roy?"

Roy Matlock nickte. „Stimmt, war ganz nett.“

Jenkins fuhr sich nervös mit der Hand übers schüttere graue Haar, dann blickte er auf einen Zettel, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

„Der Besitzer des Saloons spricht von einer zertrümmerten Theke, von vierzehn kaputten Stühlen, zwei Tischen, die nur noch Brennholz sind und von sage und schreibe achtundsiebzig zerschlagenen Flaschen voller Brandy."

„Panschware", brummte Matlock abfällig. „Hat der Sorgen!"

Jenkins schaute nicht auf und las weiter: „Und dann drei Verletzte. Es haut mich um, Roy, wie viele Männer waren auf ihrer Seite?“

„Auf meiner Seite? Wir waren zu zweit; ein Axtstiel und ich.“

Jenkins nahm wütend den Zwicker von der Nase, blickte zornig auf den dunkelhaarigen, drahtig wirkenden Mann von etwa dreißig Jahren und sagte in mühsamer Beherrschung:

„Hören Sie, Roy, Sie sind als Marshal bei der Union Pacific und kein Rausschmeißer in einem Tingeltangel-Bumslokal! Wie, zum Teufel, kommen Sie auf die idiotische Idee, den Saloon von Bloomfield zu zerlegen und drei Männer so zusammenzuschlagen, dass sie noch immer in ärztlicher Behandlung sind? Männer, die, wie Bloomfield schreibt, friedlich an der Theke standen und ein paar Schnäpse tranken.“

Roy Matlock blieb kühl und gelassen, aber der Schalk blitzte in seinen blauen Augen, als er erwiderte: „Friedlich ist gut. Es waren drei bezahlte Schläger, und Bloomfield hatte ihnen eine Prämie versprochen, wenn sie mich ein wenig einschläfern würden. Immerhin ist ihnen das nicht geglückt, und doch hatten diese Hundesöhne Erfolg, Boss! Denn dieser verdammte Lagerdieb hat es geschafft.“

Jenkins spielte mit seinem Kneifer herum. „Sie meinen, Roy, dass der Bursche abgehauen ist? Aber Mullingham sagte doch ...“

„Klar, Mullingham hat ihn gefasst, hat ihn eingesperrt“, bestätigte Matlock, und nun war er doch auch ganz schön wütend geworden. „Der Bahninspektor bekommt eine geschwollene Brust, weil er das geschafft hat. Aber wohin schafft Mullingham diesen verfluchten Geier? Er steckt ihn in die Futterkammer von Bloomfields Stall.“

„Bloomfield schreibt, das sei ein sehr sicherer Platz.“

Matlock lachte laut auf. „Er verscheißert Sie, Boss, merken Sie das denn nicht? Nur weil Sie hier hundertzwanzig Meilen von seinem stinkenden Panschladen weg sind, wollen Sie diesem Schmierfinken von einem Keeper glauben? Hören Sie zu, Mr. Jenkins, das ist ein verdammt abgekartetes Spiel, und Sie sollten anfangen, es zu durchschauen. Tut mir Leid, dass Bloomfield nicht auch zu den Verletzten gehört. Aber als ich mir den vornehmen wollte, tauchte seine Alte auf und hat sich an ihn geklammert, aus Angst, dass ihrem Bubi einer was tut. Na ja, und Frauen schlage ich nun mal nicht. Boss, das mit den Flaschen, den Stühlen, der Theke und den Tischen stimmt. Die drei Stinker, die er mir auf den Hals gejagt hat, sind auch für eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Leider nicht für immer. Die werden wieder. Und Bloomfield arbeitet mit Mullingham einerseits und mit dem ganzen Kroppzeug andererseits zusammen, und dazu gehört dieser Jules, der die Fässer geklaut hat.“

„Angesichts des Schadens, den Sie Bloomfield gemacht haben, sind die drei Fässer ein Trinkgeld wert. Wir sollten die Geschichte einfach begraben, Roy. Begräbnis erster Klasse, Friede, Freude, Feierabend.“

Roy sah den grauhaarigen Sicherheitsbeauftragten an.

„Sagen Sie mal, Boss", fragte er ungläubig, „soll das ein blutiger Witz sein, oder was dachten Sie...“

Jenkins war weit davon entfernt, faule Witze zu machen. Der etwa fünfundfünfzigjährige Mann blickte Roy Matlock streng an und sagte: „Die Union Pacific ist ein kaufmännisches Unternehmen. Wir arbeiten also nach Gesichtspunkten, ob sich etwas lohnt oder ob wir Geld hinterherwerfen. Die drei Fässer waren versichert. Die Tische, Stühle und Flaschen von Bloomfield müssen wir bezahlen. Es liegt nicht mehr im Interesse der Bahn, dass Sie diesen Burschen verfolgen, den Mullingham festgenommen hat. Sie sollten ihn ja auch nur nach Cheyenne bringen, weiter nichts.“

„Und genau dahin bringe ich ihn, Boss.“ Roy Matlock nickte entschlossen. „Das wäre ja der Knüller des Jahres, wenn wir damit anfangen, Leute laufen zu lassen, nur weil die Beute versichert war. Wenn wir das anfangen, Boss, werden wir die Schuppen demnächst gar nicht mehr abzuschließen brauchen. Nein, Boss, lassen wir den sausen, spricht sich das herum, und die Jungs aus der einschlägigen Zunft kommen von Alaska bis Kalifornien, um sich hier bei uns einzudecken.“

Jenkins zuckte die Schultern. „Mag ja sein, aber hier bei diesem Mann ist Mullingham ja nicht einmal ganz sicher, dass der Kerl auch der wahre Täter ist. Er hat es nur vermutet.“

„Und Bloomfield hat den Jungen auch nur aus reiner Gerechtigkeit rausgelassen und mir die drei Hundesöhne auf den Pelz hetzen wollen, was?“

Es klopfte, und ein junger Mann in blauer Bahneruniform trat ein. Er überbrachte Jenkins einen beschriebenen Bogen. „Das Telegramm kam vor fünf Minuten, Mr. Jenkins. Es ist in Carbon aufgegeben.“

Als der Telegrafist heraus war, setzte sich Jenkins den Zwicker wieder umständlich auf und las, dann blickte er über die Gläser hinweg auf Matlock.

„Es wird Sie freuen, Roy. Der entflohene Lagerdieb ist in Owl’s Corner gesehen worden.“

„Von Bahninspektor Mullingham selbst, wie?“, meinte Matlock spöttisch.

Jenkins sah ihn überrascht an. „Woher wissen Sie denn das?“

Matlock lachte unfroh. „Ich bin eben Hellseher. Menschenskind, Boss, merken Sie denn nichts? Dick, dieser gesengte Geier, will mich zum Narren machen. Erst fängt er einen, von dem er nicht weiß, ob der wirklich der Fässerdieb ist, dann ist der Bursche wieder frei, als ich ihn abholen soll, und jetzt schreibt er...“

„Moment, Roy, nicht so stürmisch“, unterbrach ihn Jenkins. „Er hat telegrafiert, dass der Kerl die Kasse in Carbon mitgenommen hat... die Kasse der Station unserer Bahn! Und das können vier Mann dort beschwören. Sie wollten den Burschen auf eigene Faust fassen. Jetzt, Roy, bekommen Sie von mir sogar den Auftrag. In der Kasse sind elftausend Dollar. Sie gehören dem Besitzer einer Ranch. Das Geld war uns zu treuen Händen übergeben worden. Ich bekomme eine Heidenschererei, wenn wir das Geld nicht blitzartig zurückbringen. Roy, der Nachtzug ist in einer Stunde hier. Ich lasse über Telegraf ein Pferd für Sie in Carbon beschaffen. Sie können bei Tagesanbruch in Carbon sein ...“

Roy Matlock dachte daran, dass er die Nacht eigentlich mit einem neckischen blonden Käfer verbringen wollte, der bereits sehnsüchtig auf ihn wartete ... im Palace Hotel.

„Sie sehen mich an wie ein sterbendes Kalb, Roy; ist da vielleicht wieder irgendeine Frau, weshalb Ihnen der Termin nicht passt?“

Roy Matlock gab sich gelassen.

„Wer sagt das? Ich bin bereit, aber sorgen Sie dafür, dass es ein gutes Pferd ist und dass nicht Mullingham derjenige sein wird, der es beschafft. Der versteht vielleicht etwas von Wagenrädern, aber nicht von Pferden, und außerdem würde er mir einen Esel andrehen wollen, nur, um mir eins auszuwischen.“

„Ihr beide mit eurem Streit - Roy, beschaffen Sie mir die elftausend Bucks so rasch wie möglich.“ Jenkins überlegte kurz, dann fuhr er mit gewinnendem Lächeln fort: „Zehn Tage Sonderurlaub für Sie, wenn ich in sechs Tagen das Geld habe. Denn zu diesem Zeitpunkt müssen wir es entweder in Omaha übergeben oder aus unserer Tasche den Schaden ersetzen. Das kostet den Mann, der es verantwortet, womöglich den Job."

„Und der Mann könnten Sie sein, was?“, meinte Roy spöttisch. „Tja, für zehn Tage Sonderurlaub mache ich viel, wie wäre es denn mit zwei Wochen? Ich hätte da nämlich noch etwas mit Bloomfield zu besprechen, wenn das Geld wieder da ist...“

Jenkins fasste sich bestürzt an die Stirn. „O Hölle, Roy, wollen Sie die Bahn ruinieren?“

„Im Gegenteil, Boss, ganz im Gegenteil. Bloomfield wird darauf brennen, seine Rechnung zurückzuziehen, um alles selbst zu bezahlen. Wetten?“

Jenkins spielte den Wütenden. „Mit Leuten wie Ihnen wette ich nicht. Und jetzt hauen Sie ab, der Nachtzug fährt für Sie nicht zweimal!“

 

*

 

Old Bill Svenson hatte ein Prachtstück von einem Falbhengst für Matlock ausgesucht. Sein bestes Pferd im Stall, und Matlock rollte ebenso mit den Augen wie der Hengst, als sich die beiden betrachteten. Vielleicht ahnte Yellow, wie der Hengst hieß, was ihn mit Matlock erwartete. Pferde haben da einen feinen Instinkt. Jedenfalls versuchte er es mit Bocksprüngen, als Matlock in den Sattel stieg.

„Ein bisschen wild ist er schon, aber das gibt sich“, versicherte der glatzköpfige Alte und rieb sich erwartungsfroh die Hände an der einstens blauen Schürze,

Matlock hatte dem Alten schon gleich angesehen, dass der sich noch eine kostenlose Sondervorstellung erhoffte. Und dabei wurde Roy sofort klar, dass Mullingham todsicher wieder die Hand im Spiel gehabt hatte.

Aber Matlock hatte eine Hand für solche Pferde. In der Nähe war ein frischgepflügtes Feld, und während noch der Tag graute, jagte Roy den Hengst auf den Sturzacker und paukte ihm so die Puste aus der Lunge. Der Hengst hörte sehr rasch damit auf, den Rodeo-Mankiller zu spielen. Als er fünf Minuten lang bei jedem Tritt bis zu den Fesseln ins weiche Erdreich eingesunken war, blies er den Zweikampf ab.

„Siehst du, die Partie ist schon in meiner Tasche“, stellte Roy fest und tätschelte dem Hengst den Hals. Als er auf Yellow wieder bei dem Alten anlangte, schob der sich vor Verlegenheit ein Stück Priem zwischen die Zähne.

Roy beugte sich zu dem Alten herab und fragte: „Die Idee ist von Dick, nicht wahr?“

Der Alte schluckte verblüfft, dann würgte er heraus: „Wenn du’s schon weißt...“

„Ich bin doch Marshal bei der UPRR. Hirnamputierte stellen die dafür nicht ein. Die macht die UPRR zu Bahninspektoren, Musst du mal Dick Mullingham erzählen. Wird ihn begeistern, dass er’s nun weiß, warum sie ihn genommen haben. Wo ist dieser Kerl gesehen worden, ich meine Jules, den Hundesohn aus Texas?"

Der alte Svenson wusste genau Bescheid. „Er hat sich in die Berge verkrümelt. Aber das ist kein Problem. Es gibt nur den einen Pfad hinauf, und du kannst es gar nicht verfehlen.., Allerdings sieht das Wetter nicht gut aus. Es schmeckt unverschämt nach Schnee, und ich spür’s auch schon in allen Knochen. Die warme Luft... bestimmt bekommen wir einen Blizzard, der schiebt die Warmluft vor sich her, und dann kommt die ganze verdammte Kälte mit dem noch verdammteren Schnee.“

Roy hatte schon vorhin beim Aussteigen das Gefühl gehabt, dass es Schnee geben müsste. Der Himmel war grau, und obgleich es längst viel heller sein musste, war noch immer alles in trübes Dämmerlicht gehüllt. Ein lauer Wind wehte von Norden. Dahinter würde es tatsächlich eiskalt kommen, mit Wänden von Schnee. Die Luft schmeckte so richtig danach.

Die Berge waren in Dunst gehüllt. Oben musste es schon vor einiger Zeit geschneit haben. Aber die Sicht war so schlecht, dass er nicht einmal das mit absoluter Gewissheit erkennen konnte.

„Also gut, dann sag mir noch, wer dieser Rancher ist, dem das Geld gehört hat?“

„Psst!“, machte der Alte, „Das weiß hier noch kein Aas, ausgenommen dem Signalwärter und mir. Und von uns erfährt es keiner. Das Geld gehört der Bar X-Ranch. Die größte hier weit und breit. Aber die haben auch ihre Sorgen.“

„Mich interessiert nicht, was die für Sorgen haben, ich will wissen, wie der Kerl heißt, dem die Ranch gehört!“ knurrte Roy.

„Der Kerl? Das ist eine Frau, Roy. Und was für eine!“ Der Alte rollte mit den Augen wie sein Hengst.

„Heh, etwa hübsch?“, erkundigte sich Roy grinsend.

„Hübsch? Junge, dass ich nicht lache! Die ist schön wie die Sünde, Roy, schön, dass dir ist, als hättest du plötzlich Pfeffer im Blut, wenn du sie siehst, aber wenn der Teufel schön ist wie sie und ein Weib dazu, dann ist sie der Teufel, Roy. Sie ist Gift, ganz einfach Gift, das einen Mann schneller umbringt als eine Kugel. O Junge, was ist das für ein Weib. Als ihr Vater noch gelebt hat, vor einem Vierteljahr, da war er der einzige, der mit ihr fertig wurde. Aber jetzt... Mann, der beste Rat, den ich dir geben kann, ist der, dass du so schnell reitest, wie du kannst, wenn du sie siehst. Aber in entgegengesetzter Richtung, Junge, lass dir das nur gesagt sein.“

„Du redest verdammt viel heute, Old Bill! Trink lieber einen!“

Er warf dem Alten eine Münze zu und zog den Hengst herum.

„Heh, Roy, du willst doch nicht einfach so in die Berge reiten? Es gibt einen Blizzard, das sagte ich doch!“, rief der Alte erregt.

„Na und? Meinst du, ich hätte noch keinen erlebt? Vielleicht treibt das unseren Freund Jules aus dem Loch. Gibt es da oben ein Versteck?“

„Die Hütte, nichts weiter. Eine Prospektorenhütte, direkt am Pfad. Da, wo jetzt ungefähr der Schnee anfängt.“

„Höhlen?“

„Da oben keine, nicht mal etwas, wo du dich unterstellen kannst. Und der Berg ist morsch wie altes Holz. Bleib von den Überhängen weg und traue keinem Sims.“

„Noch ein Tipp?“

Der Alte schüttelte den Kopf, Statt dessen fragte er: „Hast du auch genug Gewehrmunition? Es kann sein, dass du dort oben eine Weile nicht wegkommst. Wild gibt es genug dort oben, aber jetzt im Winter ist das auch nicht gerade einfach, es aufzustöbern.“

„Dich bringt die Sorge um mich fast um, was?“, wollte Roy grinsend wissen.

Der Alte machte ein grimmiges Gesicht. „Du interessierst mich einen Dreck, und dir heule ich auch keine Träne nach, aber Yellow, um den mache ich mir Sorgen. Wenn so ein Kerl wie du ...“

„Na? Sprich ruhig weiter!“, sagte Roy.

„Ach, hol dich der Henker!“, knurrte der Alte nur, wandte sich um und verschwand im Haus.

 

*

 

Roy ritt aus der Stadt, als sie zu erwachen begann. Er hatte die ersten Häuser gerade hinter sich und schnupperte noch den Geruch von frisch brennendem Holz, als er eine Reitergruppe entdeckte, die von den Bergen her direkt entgegenkam.

Wenig später sah er mehr von diesen vier Reitern. Vorn ritt ein Hüne von einem Mann auf einem gewaltigen Rappen. Schräg hinter ihm war auf einer Fuchsstute eine Reiterin zu sehen, gefolgt von zwei Cowboys auf scheckigen Cowponys.

Das Gesicht der Frau sah Roy erst etwas später. Als er es sah, brauchte er keinen, der ihm sagen musste, wer diese Frau war.

Sie war schön wie die Sünde, genau wie das Old Bill Svenson gesagt hatte. Und sie hatte Feuer in den Adern, dazu verstand er einfach zuviel von Frauen.

Roy pfiff erwartungsvoll durch die Zähne. Eine schöne Frau zu sehen war etwas, das ihn unheimlich anmachte. Der Reiz, sofort mit dem uralten Spiel zu beginnen, das er so gut beherrschte, ließ ihn an nichts anderes mehr denken.

Als sie näher kam, sah er, wie sie ihn fixierte. Erst forschend, dann aber angriffslustig. Offenbar kannte sie sich auch bei den Männern aus, und Roy hatte das Gefühl, das sie genau wusste, wie sie ihn einzustufen hatte.

Es begann ihm eine teuflische Lust zu werden, diese Frau zu mehr als zu einem Guten Morgengruß zu bewegen …

Sie hatte eine Art, ihn anzusehen, als wolle sie ihn mit ihrem Blick nackt ausziehen. Es war so ein Blick von unten nach oben. In diesem Moment spürte er zum ersten Mal die berechnende Weise, wie sie Männern gegenübertrat.

Roy hatte sein Marshalsabzeichen der Bahn angesteckt, und genau darauf fiel das fahle Licht dieses Morgens. Die drei Männer um die Frau starrten erst auf das Abzeichen, dann auf die Art, wie Roy seinen Revolver trug. Eigentlich hatte er zwei, einen vorn im Gürtel, den anderen am kurzen Holster. Das Märchen vom Schnellzieher, der das Holster deshalb lang tragen muss, hätte Roy leicht widerlegen können. Aber Roy hatte einen Grundsatz, nur zu ziehen, wenn er schießen wollte, und nur zu schießen, wenn er auch treffen würde.

„Sieh mal einer an, ein Marshal!“, hörte er die Frau mit dunkler Stimme rufen.

Der Hüne war jetzt neben ihr und schaute Roy finster an. Irgendwie hatte Roy das Gefühl, dass er mit diesem Mann noch seinen besonderen Spaß bekommen werde.

„Sie sollten doch nicht etwa auf dem Weg in die Berge sein, um diesen Lumpen zu fassen, der sich mein Geld unter den Nagel gerissen hat?“

„Ihr Geld?“, erkundigte sich Roy, nachdem er durch ein Antippen der Hutkrempe gegrüßt hatte.

„Ja, ich bin die Besitzerin der Bar X-Ranch ... ich heiße Ruth Dawson. Sie sollten sich diesen Namen ein wenig merken, Mister ...“

„Matlock ... Roy Matlock“, sagte Roy lächelnd. „Und was schlagen Sie noch vor?“

Seine Art überraschte sie, aber da war sein Name. Kaum hatte er den ausgesprochen, huschte ein Zeichen des Erkennens über ihr schmales Gesicht.

„Heh, Sie sind Matlock! Von Ihnen habe ich eine Menge gehört“, rief sie, und es klang ungefähr so, als hätte er einen Ruf, der ausreichte, um alle Frauen zwischen sechzehn und fünfzig unter besonderen Schutz stellen zu müssen. Aber zugleich schien ihr Interesse für ihn um ein Vielfaches zu wachsen. Sie sah ihn auf eine Art an, die selbst einem absolut phantasielosen Mann gezeigt hätte, was sie gerade dachte. Und sie sah aus, als dächte sie über so etwas sehr oft und intensiv nach.

„Ich gebe Ihnen für Ihre Jagd gerne meinen Vormann Garret mit.“ Sie sah den Hünen an. „Mike, nimm dir Fred, und dann begleitet ihn. Er wird Hilfe brauchen. Es sieht nach einem Blizzard aus.“

„Sie sollten sich nicht bemühen“, wandte Roy ein, und wieder lächelte er dabei. „Aber ich bin gewohnt, allein auf die Reise zu gehen. Sie haben sicher wichtigere Dinge vor.“

„Wenn sie sagt, dass ich dich begleite, Marshal, dann wird es geschehen“, knurrte Garret so freundlich wie ein bis aufs Blut gereizter Wolf.

Roy hörte die Warnung zwar heraus, aber er störte sich nicht daran.

„Das wäre es wohl. Zeit ist Geld, und Sie wollten sicher nachsehen, ob die Bahn schon etwas getan hat, wie? Sie sehen, Madam, die Bahn hat etwas getan. Bis auf ein andermal.“

Und schon trieb er den Falben an. Yellow passte das Herumstehen ohnehin nicht, und so preschte er sofort los.

Roy hörte noch, wie die Frau ihrem Vormann zurief: „Mike, benimm dich nicht wie ein Idiot! Bleib hier!“

 

*

 

Garrett blickte Ruth Dawson mürrisch an. „Dem sollten wir eine in die Rübe blasen!“

„Rede nicht so schwachsinnig herum. Wenn ihr dem das Wasser reichen wollt“, meinte die Frau, „müsst ihr schon mehr aufbieten als ein paar blöde Sprüche. Für Männer habe ich ein Gespür, besonders welche wie ihn. Wir können zur Ranch zurückreiten.“

Die beiden anderen schwiegen. Sie sahen nur fragend auf den Hünen Garrett, und als der nur die Schultern zuckte, zogen auch sie ihre Pferde herum und ritten zurück. Immer wieder warfen sie prüfende Blicke auf die schwarze Wolkenwand, die sich drohend von Norden heranschob.

„Der bringt sich in den Bergen selber um, wenn er die Hütte nicht findet. Und wenn er sie findet“, orakelte Ruth Dawson, „wird er auf Jules stoßen. Zurück kommen die aber die nächsten Tage nicht mehr.“

Niemand antwortete ihr. Verbissen ritten die Männer an Ruth Dawsons Seite, und die finstere Miene des Hünen Garrett ließ nur ahnen, was in dem Mann vorging.

Die Schweigsamkeit der Männer hielt Ruth Dawson nicht ab, weiter über Matlock zu reden.

„Er soll ein toller Bursche sein. Die Frauen die ganze Bahn entlang sind wie irr nach ihm. Möchte nur wissen, ob er halb so gut ist, wie alle sagen. Möchte das wirklich wissen.“

Das Gesicht von Garrett verfinsterte sich noch mehr, als er das hörte. Aber er schwieg weiter, und Ruth Dawson fuhr mit aufreizend wirkendem Unterton in der Stimme fort:

„Wir werden hinaufreiten, wenn es aufgehört hat zu schneien. Das wird vielleicht erst in einer Woche sein. Vorher schicken wir Punch hinauf, dass er sie dort beobachtet.“

Jetzt brach Garrett sein Schweigen. „Und wenn Matlock herausfindet, was wirklich mit Jules ist? Der ist nicht blöd, das weißt du doch auch, oder?“

Sie sah ihn verblüfft an. „Angst?“

„Vor deinem Leichtsinn, ja. Wir hätten ihn hier und jetzt ausschalten müssen. Es war eine einmalige Chance. Wir können ihm auch noch nachreiten. Und genau das sollten wir tun, Ruth!“

Sie schüttelte den Kopf. „Quatsch. Es gibt noch tausend Gelegenheiten, ihn zu fassen, wenn wir das wirklich wollen. Noch ist er uns nützlich. Er muss Jules festnehmen, und er muss uns den Kerl bringen. Weiter braucht er nicht zu kommen.“

„Du willst noch vorher mit ihm schlafen, gib es zu!“, sagte Garrett so leise, dass es die beiden anderen, die vorausritten, nicht hören konnten.

Sie wurde blass vor Wut. „Spinnst du? Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!“

„Ich rede mit dir, wie ich will.“ Er lachte leise. „Du kannst mich nicht zum Narren halten.“

Sie lächelte. „Wirklich? Dann solltest du dir gleich einen anderen Job suchen, Mike. Es ist nie zu spät dazu. Bitte, ich zahl’ dich nachher aus, und du kannst reiten, wohin du willst.“ „Womöglich zur Bahn, um denen zu sagen, was mit dem Geld ist?“

„Wenn du nicht anders kannst, dann tu es“, schlug sie mit einem kalten Glitzern in den Augen vor. „Wundere dich nur nicht, wenn der Sheriff dir nachreitet, einen alten Steckbrief von dir in der Tasche. Verjährt ist die Geschichte noch lange nicht, Mike, und auf Totschlag steht eine ganze Menge. Du warst damals ziemlich froh, dass ich dich aufgenommen habe. Dich und viele von euch in der Mannschaft.“

„Spiel nur nicht wieder die Madonna der Gejagten und Geächteten.“

Sie schnippte nur verächtlich mit den Fingern und wusste, ohne ihn ansehen zu müssen, dass sie wieder einmal gewonnen hatte. Er würde nicht weggehen, und auch die anderen gingen nicht weg. Sie alle waren Geächtete, die froh sein konnten, ein Dach über dem Kopf, Lohn und Essen zu bekommen. Auch Jules hatte einmal zu ihnen gehört. Aber in dessen Haut mochte keiner von ihnen stecken, am wenigsten Garrett.

Vor einem Jahr war er auf der Flucht Ruth begegnet. Ein Aufgebot aus Colorado war hinter ihm her, und die Jungs störten sich einen Dreck daran, dass sie sich auf dem Gebiet des Staates Wyoming befanden. Sie wollten ihn hängen. Damals war er auch in die Berge geflohen. Dort hatte ihn Ruth getroffen und in der Hütte versteckt, wo sie auch Jules vermuteten. Das Aufgebot entdeckte ihn nicht und ritt zurück, Ruth erzählte ihnen ein Märchen, das sie ihr glaubten.

Verdammt, dachte er jetzt, was schert mich dieser Bulle von der Bahn? Sie ist auf ihn scharf, wie sie auf jeden von uns scharf gewesen ist, um ihn dann zu ihrem Hampelmann zu machen. Schlimmer, wer nicht wollte, wie sie, hatte den Sheriff am Hals. Und immer, dachte er weiter, sieht es so aus, als wäre alles reiner Zufall. Aber ich werde aufpassen. Mich legt sie nicht herein, auch wenn heute diese beiden Kanonensöhne mitreiten, denen ich sowieso noch einmal die Knochen durchmische.

Es kommt der Tag, da bekomme ich sie allein zu fassen, diese Katze. Da werde ich sie nach meiner Laune springen lassen. Die Füße wird sie mir küssen!

Eines Tages stolpert sie über ihre eigenen Füße. Ich kann warten. Ich habe den Alten überlebt, der so verrückt war wie sie, nur anders. Der war von unserem Schlag, aber groß geworden ist er mit der Hilfe all dieser Jungs, die er irgendwo aufgelesen und zu seinen Helfern gemacht hat. Sie will noch mehr. Sie möchte auch noch mit uns herumspielen. Aber einmal schlägt die Stunde der Wahrheit, und da steht sie für mich genau richtig ..

Der Wind war kälter geworden, nahm auch an Stärke zu. Oben auf den Bergen war mit einem Mal alles klar. Sie wirkten zum Greifen nahe, diese schneebedeckten Felsgiganten. Der Sturm, das war deutlich zu sehen, peitschte den Neuschnee los und trieb ihn zu Schleiern über die kargen Felsmauern.

Irgendwo dort oben, sagte sich Ruth Dawson, ist Jules. Der Gedanke an diesen Mann trieb ihr das Blut ins Gesicht. Sie spürte einen Schauder den Rücken hinunterlaufen, und vor Zorn ballte sie die Hände zu Fäusten. Ihr Blick verdunkelte sich wie der Himmel, und nur mit Mühe konnte sie sich von phantasiegeschwängerten Wunschvorstellungen lösen, die alle mit einem grausamen Leiden dieses Jules zu tun hatten.

Diese Gedanken loszuwerden, fiel ihr um so leichter, je mehr sie sich geistig mit Roy Matlock beschäftigte. Die Hoffnung, ihn bald wiederzusehen, vereinigte sich mit Träumen, die sie so erregten, dass sie sich in Gedanken mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr und einen verklärten Blick darbot, den allerdings niemand von ihren Begleitern gewahrte.

Ich werde ihn bekommen, dachte sie. Matlock, von dem sie alle so viel reden. Ob er wirklich so ist, wie sie sagen? Ich möchte es wissen, ich muss es wissen!

Der Wind wurde noch kräftiger, und zugleich kühlte er bis auf eisige Temperaturen ab.

„Wir müssen schneller reiten!“, rief Garrett. „In ein paar Minuten geht diese Winterhölle los!“

Wie zur Bestätigung seiner Worte wehten die ersten Schleier feinen Schnees über das Land. Noch war der Boden warm, noch taute dieser Schnee, bevor er noch die Erde erreicht hatte.

Aber in wenigen Minuten kamen dichte Schneewolken, wurde der Himmel fast schwarz und heulte ein urgewaltig losbrechender Sturm. Er kam genau von vorn, und die Pferde stemmten ihm ihre Köpfe entgegen. Die Männer und Ruth Dawson beugten sich tief über die Hälse ihrer Tiere und schlangen sich die Schals vor die untere Gesichtshälfte.

Garrett warf einen kurzen Blick nach rechts, wo irgendwo in diesem weißen Inferno die Berge sein mussten. Und dort oben war alles noch viel schlimmer als hier unten. Dort oben musste es wirklich eine verdammte Hölle sein. Und irgendwo auf dem Weg dorthin war Matlock, und irgendwo oben im Gebirge steckte Jules.

Garrett fragte sich in diesem Augenblick, wie es sein würde, wenn die beiden aufeinander treffen sollten. Aber vielleicht, sagte er sich dann, geht dieser Matlock vorher zum Teufel.

 

*

 

Der Falbe tänzelte nervös. Das Heulen in der Schlucht machte ihn fast verrückt. Roy hatte Mühe, den aufgeregten Hengst zu zügeln. Dabei konnten sie beide froh sein, hier in der Schlucht zu sein. Der Sturm blies darüber hinweg. Er kam von links, und die Felsen hielten Schnee und Wind völlig ab. Aber während der Sturm über den Rand der Schlucht hinwegtobte, entstand dieses heulende Geräusch, was unheimlich anzuhören war, jedoch nicht die mindeste Bedrohung darstellte. Dennoch spielte der Falbhengst verrückt.

Hier unten auf dem Grund dieses schmalen Canyons lag kein Schnee. Die beschlagenen Hufe Yellows klapperten auf dem nackten Fels, der lediglich feucht war. Aber diese Feuchtigkeit würde sich nach Roys Ansicht in der kommenden Nacht todsicher zu Glatteis verwandeln.

Entweder kehre ich um, dachte Roy, oder ich reite weiter, um diese Hütte zu erreichen. Etwas anderes gibt es nicht. Ich muss bis zum Abend bei der Hütte sein. Vielleicht aber wäre es besser, wenn ich kehrt mache. Was bringt es mir ein, wenn ich mir den Hintern anfriere?

Aber da war seine verbissene Entschlossenheit, einen Auftrag, den er einmal begonnen hatte, auch zu Ende zu bringen.

Die Schlucht war nicht endlos lang. Nach drei Meilen ging es wieder bergan, und Roy sah genau, dass er bald aus den schützenden Felsmauern herauskommen und mitten ins brodelnde Inferno geraten würde. Schon wehte der wirbelnde Schnee bis zu ihm herab, schon spürten er und sein Pferd den schneidend kalten Wind. Und das nahm zu, je höher sie kamen. Plötzlich waren sie mitten in diesem Toben, und Roy konnte gerade noch den Kopf seines Pferdes im Schneegestöber erkennen, mehr nicht.

Nein, dachte er, so komme ich nicht weiter. Ich sollte warten, bis es nachgelassen hat. Schließlich muss ich etwas sehen!

Warten?, fragte er sich selbst. So ein Blizzard kann Tage dauern. Nein, ich muss die Hütte erreichen. Ich muss, verdammt. Verfluchter innerer Schweinehund, mich hältst du nicht auf!

Er hatte immer in seinem Leben, wenn ihm zur Umkehr zumute war, seinen Dickschädel aufgesetzt und war nicht umgekehrt.

Jetzt machte er es ebenso. Dem Falben gefiel das nicht, doch er hatte in Roy einen Herrn und Meister gefunden, der ihm nichts schenkte.

Die Sicht war winzig, aber mit der Zeit konnte Roy wenigstens Konturen dessen erkennen, was vor ihm war. Der Sturm kam von links. Er wusste, dass sich das für ihn nie ändern durfte, sonst war er aus der Richtung.

Vielleicht half ihm das am meisten. Er blieb auf dem Pfad. Er traf mit fast schlafwandlerischer Sicherheit die Stelle, wo der Pfad auf dem Kamm eines Felsenrückens verlief. Rechts fiel das Gestein gut hundert Meter steil ab, links war es nur wenig flacher, ging aber noch viel tiefer hinab in eine Schlucht.

Der Weg über den Kamm war nicht im Sattel zu machen. Das begriff Roy sehr rasch. Der Sturm packte ihn mit einer Gewalt, dass es ihn fast vom Pferd stieß. Und der Hengst begann wieder herumzutanzen. Das aber konnte er sich auf dem nur zwei Schritt breiten Pfad nicht leisten, wollte er nicht in die Tiefe stürzen. Roy musste aus dem Sattel und den Hengst am Zügel nehmen. Yellow blies ihm zum Dank eine Wolke dampfenden Atems ins Gesicht und folgte Roy dann willig.

Zu Fuß sah Roy auch mehr von dem Weg, den sie sich nach Osten kämpften. Und immer noch ging es bergan. Die Kälte schnitt richtig durch die Kleidung und schien bis auf die Knochen zu gehen. Roy hatte sich die Decke umgehängt, musste sie aber mit steifen Händen wieder zusammenrollen und festbinden, weil sie ihm vom Sturm weggerissen zu werden drohte. Aber nun fuhr ihm die Eiseskälte schneidender als zuvor durch die Glieder.

Mühsam kämpften sich Mann und Pferd über den Kamm, und mehr als einmal dachte Roy, ihm würden die Füße vom Sturm weggerissen.

Plötzlich, als wolle er einmal tief Atem holen, hörte der Wind auf. Mit einem Mal war es ganz still. Das geschah so abrupt, dass Roy zweifelnd nach links blinzelte, woher der Sturm eben noch gedonnert hatte. Jetzt segelten die Schneeflocken wie Daunen zur Erde.

Roy kannte das Land und sein Wetter. Er wusste, dass solchen urplötzlichen Sturmpausen meist eine Orkanbö folgen konnte, und wenn ihm das hier auf dem Kamm widerfuhr, würde es ihn glatt vom eisigen Felsen in die Tiefe fegen.

„Los, Yellow, voran!“, keuchte er, zog sich ächzend mit steifen Gliedern in den Sattel und trieb den Hengst an. Der ahnte aber wohl auch selbst, was ihnen blühte, wenn eine Bö kam.

Sie hatten knappe hundert Schritt bis zum Ende des Kammes. Und nun, da der Schnee lautlos herabrieselte, war auch die Sicht gut.

Der Hengst trat sicher auf dem eisigen Grund, der auch von dem nun liegengebliebenen Schnee nicht ungefährlicher zu begehen war. Aber Yellow schien ein gutes Bergpferd zu sein.

Sie hatten noch fünfzig, noch vierzig Meter, und noch immer war es windstill.

Plötzlich hörte Roy in der Ferne links ein dumpfes Rumoren. Eine heranheulende Bö!

Noch dreißig Meter etwa. Und es schien Wahnsinn zu sein, was Roy nun vorhatte. Aber so oder so kaputt, dachte er und trieb den Hengst hart an.

Yellow schien es nicht fassen zu wollen, dass er hier auf dem schmalen Grat galoppieren sollte. Entsetzt wollte er sich aufbäumen, aber dazu ließ es Roy nicht kommen.

„Verdammt, dazu haben wir keine Zeit, du Narr! Lauf, lauf um unser Leben !“

Das Fauchen kam rasend schnell von links her näher. Roy drückte die Sporen an, und endlich kapierte Yellow und sprang wie von der Tarantel gestochen an. Er schoss förmlich los, und der Weg über den Kamm wurde immer kürzer. Noch zwanzig, noch zehn Meter ...

Roy blickte aus den Augenwinkeln nach links. Eine riesige weiße Spirale schoss näher, und um sie herum brauste und donnerte es, als stürzten gefällte Bäume ins Tal.

Roy hörte sich gellend schreien. Und unter ihm streckte sich Yellow, dem wohl auch instinktiv die drohende Gefahr zum Antrieb wurde. Mt einem langen Sprung flog der Hengst durch die Luft, landete auf dem Plateau am Ende des Kammes, und da packte Pferd und Reiter die Orkanbö.

Roy meinte, Yellow werde unvermittelt angehoben, flöge erneut wie bei einem Sprung durch die Luft. Aber der Hengst kam schnell auf die felsige Erde zurück, strauchelte, verlor das Gleichgewicht, und Roy sprang reaktionsschnell aus dem Sattel. Er glitt aus, fiel hin, und neben ihm schlug der Hengst zu Boden. Der Sturm hatte solche Wucht, dass er es vermochte, den Pferdekörper noch ein Stück übers Plateau zu drücken.

Die ein Stück dahinter liegende Felswand hielt den schlitternden Hengst auf, ebenso Roy, der über das vereiste Plateau rutschte.

Im Handumdrehen waren Mann upd Tier von wirbelndem Schnee umhüllt. Etwas schlug Roy knallhart an den Kopf, und er verlor augenblicklich das Bewusstsein.

 

*

 

Jules Evans hatte sich in zwei Felle gehüllt und saß zusammengekrümmt vor dem Kamin, dessen Feuer er schon vor gut zwei Stunden hatte löschen müssen. Um die Blockhütte heulte der Orkan. Immer wieder warf der blonde hagere Mann einen misstrauischen Blick empor zum Dach. Aber bisher war seine Sorge, dass es abgerissen werden könnte, unbegründet. Das Dach schien zu halten, hatte vorhin sogar die Orkanbö überstanden, die mit der Wucht einer Riesenfaust gegen das Haus gedonnert war.

Es herrschte Dämmerlicht im Innern des Blockhauses. Aber Jules hatte sich an dieses Zwielicht gewöhnt und sah alle die wenigen Einrichtungsgegenstände, die es in dieser Hütte noch gab. Ein Goldsucher hatte sie gebaut und eingerichtet, doch das war lange her, und fast alles, was hier im Innern stand, wirkte brüchig und reparaturbedürftig.

Jules fror. Der geborene Texaner hatte sich nie mit der Kälte hier im Norden anfreunden können. Mochte es in Texas mitunter auch recht kalt werden, so doch immer nur für Stunden und meist nur nachts. Hier aber währte diese Kälte Wochen, ja Monate.

Er dachte gerade darüber nach, dass er besser vor Einbruch des Winters zurück nach Süden geritten wäre. Aber er hatte einfach nicht glauben wollen, dass der Winter hier so unvermittelt über die eben noch herbstlich milde Landschaft hereinbrechen konnte. Jetzt wusste er es.

Er rieb sich die vor Kälte erstarrten Hände, stand auf, trampelte in der Hütte hin und her, um sich die steifen Beine zu vertreten.

Vergeblich hoffte er, der Sturm werde nachlassen. Statt dessen heulte es mit unverminderter Heftigkeit ums Haus.

Die Hütte hatte zwei Fenster. Beide waren bessere Schießscharten, und statt Scheiben waren Flaschen senkrecht dicht nebeneinander in die Öffnung gestellt worden und abgedichtet. Zwei Flaschen in jedem Fenster. Größer waren die Öffnungen nicht, und hindurchsehen konnte man auch nicht. Das Flaschenglas war blind und verschmutzt. außerdem klebte von außen Schnee daran, aber dennoch fiel etwas Lichtschein in die Hütte.

Durch den Kamin würden Windstöße blasen, hätte ihn Jules nicht mit Heu zugestopft, seit das Feuer gelöscht war.

Der Sturm rüttelte an der schweren Tür, am Dach und der Luke zum neben dem Raum liegenden Stallanbau. Dort war noch Platz für ein Pferd. Jules besaß kein Pferd mehr, nur noch den Sattel und das Zaumzeug. Es lag ein Stück von ihm entfernt neben dem Kamin. Sein Pferd hatte er letzte Nacht erschießen müssen, nachdem er sicher war, dass es sich auf der Flucht hier herauf das Kronbein gebrochen hatte.

Jules dachte mit Bitterkeit daran, wie sich der Wallach mit letzter Kraft noch bis zur Hütte geschleppt hatte, mehr oder weniger auf drei Beinen. Und es war eben dann doch nicht nur ein vertretenes Bein gewesen, wie Jules gehofft hatte, sondern ein klarer Bruch. Da half hier nichts. Der Wallach lag ein Stück abseits, indessen ganz mit Schnee bedeckt, der vom Sturm gegen die Felsen geweht wurde, die diese Hütte wie ein Hufeisen umschlossen. Der einzige Zugang war von Westen möglich. Der Sturm aber kam von Norden. Trotzdem fauchte er in diese Blindschlucht hinein, wie viel schlimmer musste es erst dort sein, wo keine Felsen Schutz boten. Darüber dachte Jules nicht lange nach.

Niemand, sagte er sich, werde ihm folgen. Nicht bei diesem Sturm. Und wenn der abflaute, musste er selbst losziehen.

Er war noch bei dem Gedanken, wie weit er es wohl zu Fuß durch die winterlichen Berge schaffen werde, als er meinte, ein Wiehern zu hören.

Er hielt es augenblicklich für eine Sinnestäuschung. Aber da hörte er es verzerrt und doch deutlich genug wieder.

Der Wallach! Verdammt, ich habe den Burschen nicht richtig getroffen, was?, dachte Jules erschrocken.

Quatsch, sagte er sich sofort, der ist tot, muss tot sein!

Verfolger!

Er sprang auf, schüttelte die Felle ab und griff zu seinem Gewehr. Bei dem Wetter sind welche herauf gekommen, verdammt. Wer hätte das denn gedacht. Aber ich werde es ihnen heiß machen, so heiß, dass sie den verflixten Blizzard vergessen. Ich werde ...

Wieder dieses Wiehern, diesmal ganz nahe an der Hüttentür. Es klang klagend, so, wie das Pferde tun, wenn sie die helfende Nähe des Menschen suchen.

Er traute dem Braten nicht. Das Gewehr im Anschlag, trat er dicht an das eine Fenster und versuchte durch das verschmutzte Glas der Flaschen etwas von dem zu erkennen, was draußen vorging. Aber er sah nur schemenhaft eine Bewegung unmittelbar vor der Tür.

Dieser Gaul steht direkt davor, was?, überlegte er. „Also gut, tun wir das, was diese Hundesöhne nicht von mir erwarten...“

Während er das murmelte, umspannten seine Hände das Gewehr noch fester. Dann handelte er routinehaft, wie er es so oft in seinem abwechslungsreichen Leben getan hatte.

Er hebelte das Gewehr durch, legte den rechten Zeigefinger an den gespannten Abzug, riss mit der Linken den Türriegel zurück und stieß dann mit dem Fuß die Tür auf... wollte sie aufstoßen, aber er brachte sie nur wenige Zentimeter weit auf, dann schlug sie, vom Sturm gedrückt, wieder zu.

Durch den Spalt hatte er aber doch etwas sehen können. Da stand ein mit Schnee paniertes Pferd, den Sattel auf der Seite hängend.

Kein Mann zu sehen, nur das Pferd!. dachte Jules sofort. Der Sattel, wie hat denn der Sattel so komisch auf der Seite gehangen. Abgerutscht, was? Ein Trick?, fragte er sich sofort misstrauisch. Will mir einer unterjubeln, dass der Gaul einfach so herumläuft, als ob er den Heiter verloren hat?

Draußen wieherte das Pferd wieder. Es schien genau zu wissen, dass jemand in der Hütte war.

Was soll’s?, dachte Jules. Ich brauche dieses Pferd. Wenn der Sturm nachlässt, bin ich zu Fuß beschissen dran. Mensch, diesen Gaul hat mir der Himmel geschickt!

Er stemmte sich gegen die Tür, und so bekam er sie auf. Sie schlug herum, und sofort versuchte das Pferd, das da vor ihm stand, in die Hütte zu kommen. Es geschah so stürmisch, dass Jules zur Seite springen musste, um nicht eingequetscht zu werden.

„Verdammter Zossen!“, schimpfte er. „Du kannst es nicht abwarten, was! Heh, nun hängst du mit deinem verrutschten Sattel fest. Tja, nun müsstest du ein Scheunentor haben und nicht diese kleine Tür. Heh, spiel nicht verrückt, so kommst du niemals hinein.“

In diesem Augenblick erkannte er das Pferd. Das war doch der Falbhengst von Old Bill Svenson! Donnerwetter, den ritt der Alte doch sonst nur selbst... außer Mullingham! Ja, er verlieh ihn auch an Mullingham, dem verdammten Hundesohn von der UPRR!

Mullingham ist da!, fuhr es Jules sofort durch den Kopf, und er dachte daran, dass Mullingham ihn wegen der Fässer eingesperrt hatte. Gut, da war er dann rasch wieder weggekommen, als für ihn feststand, dass ihn jemand ’reinlegen wollte. Aber danach waren sie wieder hinter ihm hergewesen. Weiß der Teufel, sagte er sich, wo Mullingham steckt!

Das Pferd schien zu begreifen, dass es ohne Hilfe dieses Menschen nie in die schützende Hütte gelangen würde.

Es stand still, und Jules konnte mit klammen Fingern den Gurt lösen und den Hengst in die Hütte lassen, als der Sattel abgenommen war.

Sofort stampfte der Falbe mit ein gezogenem Kopf in die Hütte hinein.

„Du kannst nebenan in den Stall, mein Junge!“ sagte Jules und packte den Hengst am Zaum. Das Tier wollte den Kopf hochwerfen, krachte aber an die Decke der Hütte, und darüber war Yellow so erschrocken, dass er nicht mehr daran dachte, sich zu widersetzen.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905151
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (September)
Schlagworte
matlock eisenbahnmarshal weiße hölle carbon county

Autor

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Titel: Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #2: Weiße Hölle Carbon County