Lade Inhalt...

Heldenhafte Seemänner #7: Die Hölle lauert drei Strich Backbord

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Die Fregatte „Palmyra“ war ein Unglücksschiff, doch er scherte sich den Teufel darum. Erst als David Stanton die Ladung sah, merkte er, auf was er sich eingelassen hatte.
Seine Vergangenheit holte ihn ein. Und an Bord waren Männer, denen er im Weg stand. Auf hoher See und inmitten eines tosenden Sturms versuchten sie, Stanton aus dem Weg zu räumen. Als ihr heimtückischer Plan misslang, spitzte sich die ohnehin schon bedrohliche Situation für David Stanton noch weiter zu. Denn er wusste, dass seine Gegner alles unternehmen würden, damit er das Ziel dieser Reise nicht lebend erreichen würde...

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 7

 

Die Hölle lauert Drei Strich Backbord!

 

Ein Roman von Horst Weymar Hübner

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

Früherer Originaltitel: „Drei Strich Backbord – die Hölle!“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Fregatte „Palmyra“ war ein Unglücksschiff, doch er scherte sich den Teufel darum. Erst als David Stanton die Ladung sah, merkte er, auf was er sich eingelassen hatte.

Seine Vergangenheit holte ihn ein. Und an Bord waren Männer, denen er im Weg stand. Auf hoher See und inmitten eines tosenden Sturms versuchten sie, Stanton aus dem Weg zu räumen. Als ihr heimtückischer Plan misslang, spitzte sich die ohnehin schon bedrohliche Situation für David Stanton noch weiter zu. Denn er wusste, dass seine Gegner alles unternehmen würden, damit er das Ziel dieser Reise nicht lebend erreichen würde...

 

 

 

 

 

Wie vom Donner gerührt stand David Stanton in der George Street und starrte auf das Haus.

Er suchte das Schild neben der Tür.

Aber er sah nur die vier Löcher im Sandstein. Slymans Firmenschild war verschwunden.

Nicht mit mir, dachte er. Hast wohl Wind davon bekommen, dass sie mich herausgefischt haben, was? Mit dem Trick bringst du mich nicht vom Kurs ab,. Ich erwische dich, du Erzhalunke! Das bin ich den Jungens schuldig, die mit einem Riesenknall zur Hölle gefahren sind.

Er nahm die Seemannskiste mit den abgestoßenen Ecken von der Schulter. Sie war ein Geschenk des Steuermannes von der „Fincastle“. Der Mann hatte ihn obendrein mit abgetragener Kleidung versorgt. Zwar kniff der Rock unter den Armen, und die Hosenbeine waren viel zu kurz, doch war er froh gewesen, überhaupt ein paar Fetzen trockenen Tuches auf den Leib zu bekommen.

Einer, der eigentlich tot sein musste und wie durch ein Wunder noch immer am Leben war, stellte keine großen Ansprüche.

Sein Gesicht verfinsterte sich. Das eisenhart wirkende Kinn schob sich langsam nach vorn.

Die stinkenden Abwässer der George Street liefen zwischen den Pflastersteinen abwärts. Ein Rinnsal sickerte unter der Kiste her.

David Stanton fand, dass diese Straße genau die richtige Umgebung für eine Ratte wie Slyman war.

Ein paar Passanten blieben stehen und musterten ihn neugierig. Sie kamen rasch wieder in Bewegung, als sie in sein Gesicht schauten und den Ausdruck darin richtig deuteten. Sie waren Bewohner dieser Straße und hatten genug eigene Probleme. Aus denen anderer Leute hielten sie sich weise heraus.

Klirrend und scheppernd rollte ein Zweispänner vorbei und zum Hafen hinab.

David Stanton wuchtete sich die Kiste auf die Schulter und stapfte zum Haus. Er war nur einmal hier gewesen. Vor zwei Jahren. Dennoch kam es ihm vor, als läge es nur ein paar Tage zurück. Er entsann sich einiger Kleinigkeiten.

Und wirklich knarrte die Haustür wie damals.

Auch die ausgetretenen Treppenstufen krachten wie erwartet.

Slymans schmuddeliges Büro lag im ersten Stock. An der Tür stand ein fremder Name.

Für David Stanton war es kein Grund, draußen zu bleiben. Er trat ein, ohne angeklopft zu haben, und prallte mit der Kiste gegen den Türstock.

Der jähe Krach ließ einen mickrigen Mann an einem Stehpult herumfahren. Es war Slymans Stehpult. Das verschreckte Spitzmausgesicht jedoch besaß nicht entfernt eine Ähnlichkeit mit Slymans Zügen.

Tintenfleckige Finger griffen hastig in eine ausgefranste Rocktasche. Der mickrige Mann steckte sich einen Kneifer auf die Nase und betrachtete den stürmischen Besucher.

Als er sicher war, dass ihm Gewalttätigkeiten nicht unmittelbar drohten, warf er einen zweiten Blick auf die lachhaft kurzen Hosenbeine des Fremden. Spöttisch und verächtlich verzog er den Mund.

Er sieht mich an wie einen toten Vogel, den die Katze hereingetragen hat, überlegte David Stanton.

Womit kann ich zu Diensten sein, Sir?“, erkundigte sich der mickrige Mann. Das letzte Wort kam ihn nur zögernd über die Lippen. Er setzte die gründliche Musterung seines Besuchers fort. „Ich sehe, Sie sind Seemann. Wollen Sie rückständige Heuer einklagen?“

David Stantons forschende Blicke glitten durch den Raum, über Regale, über vollgepackte Tische und staubige Aktenbündel.

Er entdeckte zwei Rechtstitel, auf denen noch die Unterschriften fehlten.

Bei allen Seeteufeln, mit Slymans Ladelisten hatten sie sehr wenig Ähnlichkeit.

Er begriff, dass keines von Slymans windigen Geschäften in diesem Raum mehr vorbereitet und abgewickelt wurde. Ein Advokat hatte sich eingerichtet.

Ich suche Slyman.“

Der mickrige Advokat hob die Hände vor die Brust und spreizte die tintenfleckigen Finger. Sein Kneifer kippte etwas nach vorn.

Sehen Sie ihn?“, fragte er hochnäsig. „Wieviel Leute, glauben Sie, haben in den vergangenen Wochen nach ihm geforscht? Zehn waren es mindestens. Ich höre schon gar nicht mehr hin, wenn jemand kommt. Was geht mich Slyman an? Ich kenne ihn überhaupt nicht. Dieses Büro war leer, es wurde mir angeboten.“

Wie leer war es?“

Völlig ausgeräumt. Suchen Sie etwa auch Bücher, Ladelisten und andere Unterlagen? Er hat lediglich einige Möbelstücke hinterlassen.“

Nein, ich suche ihn“, entgegnete David Stanton. „Haben Sie gehört, wo er sich aufhält?“

Er ist wie vom Erdboden verschwunden.“ Der Advokat steckte den Kneifer wieder fest. „Seltsam, dass er ein so gefragter Mann ist. Warum?“

Stellen Sie ihm diese Frage, wenn Sie ihn treffen“, empfahl David Stanton. Er wandte sich um und trug seine Kiste aus dem Haus. Seine stampfenden Schritte zeigten das Ausmaß seiner Wut an.

Slyman war also seit Wochen verschwunden. Was hatte das zu bedeuten, und warum hatten auch andere nach ihm gefragt?

Vielleicht wussten Sweeney und die gemütliche dicke Mary etwas über den Verbleib des windigen Burschen.

Sweeney war früher Kutscher auf Stanton Manor gewesen und Mary dort Köchin. Der Sohn der beiden hatte Sweeney ein kleines Frachtgeschäft gekauft. Sie hatten Stanton Manor verlassen und waren nach Southampton gezogen. David hatte nie versäumt, den beiden einen Besuch abzustatten, wenn die „Hawk“ im Hafen festgemacht hatte. Seine Erinnerung an unbeschwerte und glückliche Jugendtage war eng mit diesen beiden Menschen verknüpft.

Sie wohnten drüben in der Chandler Road unweit des Hafens. Das Haus war klein, doch besaß es einen großen Hof, in dem Sweeney die Kohlen lagerte und seine beiden klobigen Wagen für die Nacht abstellte. Die Kohle kam mit den gedrungenen Cat Colliers aus Whitby. Sweeney kaufte immer eine gewisse Menge auf und verhandelte sie an Schiffsausrüster. Seit die Zahl der Dampfschiffe wuchs, warf das Geschäft einen netten Gewinn ab.

Diese verfluchten Dampfschiffe!, dachte David und ging unwillkürlich schneller. Die qualmenden Stinker verschandeln jeden Hafen. Auf allen Meeren sind sie schon. Sie werden immer schneller. Vielleicht fahren sie bald ganz ohne Segel. Aber gegen ein ehrliches Vollschiff kommen sie doch nicht an. Ich jedenfalls setze keinen Fuß auf solch einen verdammten Kohlenkasten.

Auf dem Trinity Place wandte er sich abwärts. Über den Dächern der Häuser und Hallen am Hafen erhob sich der Wald von Masten. Ordentlich gereffte Segel hingen unter den Rahen. Drüben am Bollwerk beim Gebäude des Hafenkommandanten lagen königliche Kriegsschiffe. Eines wurde zum Auslaufen vorbereitet. Matrosen holten mit den Geitauen die Segelrollen unter die Rahen.

Von den Kirchtürmen der Stadt läuteten die Glocken die Mittagszeit.

Jenseits der Dächer und hinter dem Mastenwald erstreckte sich der Solent, die sturmgeschützte, tief ins Land hereinkommende Meeresbucht von Southampton. Bei klarer Sicht war weit draußen vor der Bucht die Küste der Insel von Wight erkennbar.

Heute war das Wetter unsichtig. In der Bucht wurde eine schnaugetakelte Brigg mit einem Boot zu einem anderen Ankerplatz verholt.

Aus dem diesigen Wetter draußen schälten sich die Umrisse eines Vollschiffes. Die Rahen waren in den Wind gebrasst, die Mannschaft hatte jeden Fetzen Tuch gesetzt, um den leisesten Lufthauch einzufangen. Das Schiff machte kaum Fahrt.

David blickte angestrengt. Er erkannte Beschädigungen in der Takelage, sah die gekappte Oberbramstange des Fockmastes und entdeckte längliche dunkle Gegenstände, die von den Rahnocken baumelten.

Die konnte er sich nicht erklären.

Ansonsten aber sah das Schiff ganz so aus, als hätte es einen wütenden Sturm bestanden.

David schritt wieder schneller aus. Der Gedanke an Slyman brachte sein Blut in Wallung.

Er benützte eine Abkürzung zur Chandler Road. Als die Glocken verstummten, langte er vor dem Haus der beiden an. Aus dem Hof klang das Prusten eines Pferdes. Geschirrketten klirrten. Sweeneys schwere Tritte entfernten sich zum Stall hin.

David Stanton lächelte. Er öffnete die Tür und zog den Kopf ein.

Die dicke Frau hatte sich gerade vom Herd abgewandt und hielt einen Milchtopf in der Hand. Sie schrie auf, ließ den Topf fallen und schlug die Hände vor den Mund.

Der Topf zerplatzte, Milch spritzte David Stanton vor die Füße.

Er nahm die Kiste von der Schulter und stellte sie an die Wand. Als er sich aufrichtete, war das Entsetzen aus Marys rundem Gesicht gewichen.

Master David!“ Sie sprach so leise, als fürchtete sie, er sei eine Erscheinung und könnte sich beim ersten lauten Wort in Luft auflösen. „Mein Gott, dass ich diesen Tag noch erleben darf. Master David.“

Sie war tief bewegt. Sie walzte durch die Milchpfütze und griff prüfend nach seinen Armen.

Er lächelte. „Ich bin es wirklich, Mary. Du hast keinen Geist vor dir.“

Hastige Schritte näherten sich der Hintertür. Sie flog auf. Sweeney hatte sich mit einem Waagscheit bewaffnet und kam hereingestürzt. Nach drei Schritten blieb er wie angewurzelt stehen. Er blinzelte. Mit seinen Augen war es schlimmer geworden.

Er brauchte einige Augenblicke, bevor er die aufgeschossene Gestalt erkannte. Er stieß die Luft aus, ließ das Waagscheit sinken und lehnte es an den Stuhl.

Willkommen, Master David!“, sagte er ergriffen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir uns freuen.“ Sein Bart zuckte.

Mary bückte sich und suchte die Topfscherben zusammen. Mit einem Lappen wischte sie die Milch auf.

Als wir hörten, dass die ,Hawk‘ mit Mann und Maus untergegangen ist, habe ich Sweeney nach Stanton Manor geschickt“, sagte sie.

Er hörte das unterdrückte Schluchzen in ihrer Stimme.

Danke, Mary. Ihr habt es gut gemeint. Aber es war nicht nötig, wie ihr seht.“

Sweeney zog zwei Stühle unter dem Tisch hervor. „Setzen Sie sich, Master David. Sie essen mit uns.“

Gerne.“ Er nahm Platz, während Mary eine lebhafte Betriebsamkeit entwickelte und Töpfe auf den Herd stellte.

Wir wollten es erst gar nicht glauben“, fuhr Sweeney fort. „Ich bin zum Hafenamt gegangen. Die ,Hawk‘ war schon aus dem Register gelöscht. Da gab es dann wohl keinen Zweifel mehr. Vor ein paar Wochen legte ein Walfänger an. Die Leute erzählten, dass ein Mann der ,Hawk‘ gerettet worden sei. Den Namen wussten sie nicht. Wir haben gebetet, dass Sie es sind.“

Die ,Fincastle‘ hat mich aufgefischt“, sagte David Stanton. „Zwei Tage später bei glatter See. Ich machte die Reise nach Rio de Janeiro und Santos mit. Dort hörte ich, dass ein Sklavenhändler noch zwei Mann von der ,Hawk‘ im Meer treibend angetroffen hat. Sie sollen sehr geschwächt gewesen sein, sind aber durchgekommen. Leider konnte ich die Namen nicht erfahren.“

Sklavenhändler?“, fragte Mary und runzelte unwillig die Stirn. „Die gibt es noch?“

Brasilien hat die Sklaverei nicht abgeschafft. Fast jede Woche macht ein Schiff von der afrikanischen Küste fest. Die Plantagen haben hohen Bedarf an Arbeitskräften.“

Sweeney machte ein nachdenkliches Gesicht und drehte die Hand.

Die See war glatt? Es hieß doch, die ,Hawk‘ ist im Sturm gesunken!“

Wir waren in einer Flaute“, erklärte David. Seine Stimme klirrte vor Kälte. „Das Schiff ist explodiert. Ich bin vor drei Tagen mit der ,Fincastle* in Plymouth angekommen und fand einen freundlichen Kutscher, der mich mitnahm. Jetzt suche ich Slyman.“

Sweeneys Brauen wölbten sich auf. Er pfiff leise. „Daher weht der Wind! Das war euer Schiffsausrüster, nicht?“

David spürte, dass Sweeney etwas wusste.

Der Ladungsmakler war er. Er hat uns die Fracht besorgt. Ich möchte von ihm erklärt haben, wieso unsere Webstühle explodieren konnten. Nach der Ladeliste hatten wir sie in Kisten verpackt an Bord genommen.“

Mary klapperte mit den Töpfen. „Master David, Sie halten uns doch zum Narren! Webstühle explodieren nicht.“

Davon verstehst du nichts, Frau“, brummte Sweeney. „In den Kisten waren eben keine Webstühle.“ Seine schwachen Augen blickten auf David. „Langsam verstehe ich. Slyman ist seit dem Tag verschwunden, als bekannt wurde, dass ein Mann gerettet ist.“ Er schlug mit der Hand auf den Tisch.

Habt Ihr etwas gehört? Jemand wird ihn doch noch gesehen haben.“

Gesehen nicht, gehört schon. Er soll sich nach dem nächsten abgehenden Ostindienfahrer erkundigt haben.“

Liegt gerade einer im Hafen?“, fragte David Stanton. Schnelle Entschlüsse lagen ihm. „Ich wollte schon immer mal nach Ostindien.“

Sweeney strich sich den Bart. „Das geht etwas plötzlich“, meinte er. „Die ,Saint Laurentius* geht morgen unter Segel. Zu der rate ich Ihnen aber nicht. Ein merkwürdiges Schiff. Die Leute tuscheln darüber.“

Merkwürdige Schiffe liebe ich. Was reden die Leute?“, fragte David.

Soll ein Unglücksschiff sein. Jedesmal läuft die Mannschaft fort. Auch jetzt wieder. Der Kapitän nimmt jeden, den er bekommen kann. Heute hörte ich, dass er sogar drei Kettensträflinge aus dem Hafengefängnis genommen hat. Die kosten nichts. Und jemand erzählte, dass er auch für fünf Männer unterschrieben hat, die zur Deportation verurteilt sind. Das wird schlimme Zustände an Bord bringen.“

Also ist er ein Geizhals“, urteilte David.

Sweeney nickte. „Und ein Teufel obendrein. Auf der letzten Reise muss er eigenhändig den Koch über Bord geworfen haben. In der Gegend gab es mächtig viel Haie. Dann hatten sie einen Sturm, und er verlor die halbe Mannschaft. Das Schiff müsste dringend ausgebessert werden. Er hatte es auch vor und wollte erst in vier Wochen unter Segel gehen. Vorgestern fing er plötzlich damit an, die neue Mannschaft anzuwerben. Es ist viel Gesindel darunter.“

Dann hat er es mächtig eilig“, fand David. „Morgen also schon. Was ist die Ladung?“

Entschuldigend hob Sweeney die Schultern. Bekümmert sagte er: „Gehen Sie nicht auf das Schiff. Es bringt allen Unglück.“

David machte eine abweisende Handbewegung. „Das Meer wollte mich nicht haben, und fünfmal bin ich mit karibischen Seeräubern zusammengeraten und übriggeblieben. Ich werde mich doch nicht vor dem Kapitän eines Ostindienfahrers fürchten. Wie heißt der Mann?“

Wieder hob Sweeney die Achseln. „Seine Leute nennen ihn den Mandrill. Ich sprach mit einigen. Er soll wie ein Affe aussehen.“

Und wohin geht die Reise?“

Timor und Australien.“

Der zur Deportation Verurteilten wegen! David verstand. Die brachte man noch immer nach Australien. „Was weißt du noch über das Schiff?“

Ein Blackwaller. Früher im Dienst der königlichen Kriegsflotte. Als Kauffahrer ist er erst ungefähr zehn Jahre eingesetzt. He, warten Sie mal! Jetzt muss ich nachdenken.“

Sweeney tat es offensichtlich gut und gründlich, denn es dauerte. Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an.

David Stanton spürte ein Kribbeln in den Händen. Er beugte sich vor und schaute Sweeney fast beschwörend an.

Der dachte noch immer nach.

Dir ist etwas eingefallen, nicht wahr? Es hängt mit dem Blackwaller zusammen“, drängte David.

Jetzt nickte Sweeney. „Ein Mann interessierte sich vor ein paar Tagen für die ,Saint Laurentius“. Bramstoke oder so ähnlich. Ich hörte, dass er sie sogar kaufen wollte. Von einem Bramstoke wurde auch im Zusammenhang mit Slymans Verschwinden getuschelt. Ist vielleicht ganz gut, wenn Sie das wissen, Master David.“

Der Blackwaller beginnt mich zu interessieren.“ Er verstummte. Er wollte Sweeney die Möglichkeit geben, mit dem Rest seines Wissens über den Tisch zu kommen.

Sweeney hatte jedoch alles gesagt.

David sah ein, dass er zur roten Bess gehen musste. Über seine Pläne für die nächsten Stunden sprach er nicht. Bess war die Nachrichtenbörse schlechthin. Eine Institution. Nur hätten Mary und Sweeney kein Verständnis für seine Handlungsweise aufgebracht. Sie waren biedere einfache Leute. Für sie war eine Frau wie die rote Bess nichts anderes als ein liederliches Weibsbild.

Mary deckte den Tisch und trug auf. David langte zu. Es schmeckte wie damals, als sie noch auf Stanton Manor gekocht hatte.

Nach dem schweigend eingenommenen Mahl lehnte sich David zurück und fragte leise: „Ist zu Hause alles wohlauf?“

Mary tupfte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen ab. „Sie sind alle sehr bekümmert. Seien Sie nicht so hart, Master David. Machen Sie einen Besuch. Sie vergessen den Blackwaller viel leichter.“

Jemand wird ihnen schon erzählen, dass ich zu den Lebenden zurückgekehrt bin.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich will nicht hin. Ich werde nicht wie ein Hund angekrochen kommen. Damals haben sie mich fortgejagt. Niemand glaubte meinen Beteuerungen, alle hackten sie auf mir herum und überschütteten mich mit Vorwürfe. Nun gut, die Familienehre ist die eine Sache. Meine Ehre die andere. Ich denke, es wird noch sehr lange dauern, bis ich nach Stanton Manor zurückkehre.“

Er fragte nicht, was aus Lavinia geworden war, der schönen, verführerischen Lavinia, die sich als falsche Katze entpuppt hatte. Sein Stolz verbot es ihm.

Mary nahm die Schürze herunter und öffnete den Münd. Sweeney spürte, was in David Stanton vorging. „Schweig, Frau!“ sagte er derb.

David schob den Stuhl zurück. Er lächelte die dicke Mary an. „So gut habe ich nur bei meinem letzten Besuch hier gegessen.“ Damit erhob er sich. „Ich habe Besorgungen zu machen. In zwei, drei Stunden bin ich zurück. Die Kiste kann ich doch hier lassen?“

Wir haben auch Platz für Sie, Master David“, sprudelte Mary los. Aber sie sah, dass sie ihn nicht aufhalten konnte. Er war schon an der Vordertür.

 

*

 

Die rote Bess wohnte oben am Hang, nicht weit vom Waltham Place entfernt. Es war die Gegend der feinen Leute. Der Fischgestank, der Ruß und der Rauch aus dem Hafen drangen nicht bis dorthin.

Hübsche Zweispänner rollten an David vorbei, Reiter bewegten ihre Pferde durch die Gassen. Hausangestellte führten Kinder aus, Damen mit Häubchen und Schutenhüten, in Kleidern mit Hammelkeulenärmeln und Krinolinen, ließen sich von Kavalieren begleiten. Die Gentlemen hatten Stöckchen mit silbernem Knauf und trugen die Pelerinen der Damen.

David grinste verstohlen, wenn die Herrschaften gar zu aufgedonnert waren. Er gehörte zu ihnen, aber er zählte sich nicht dazu. Er hatte sich für ein abenteuerliches Leben auf den Meeren entschieden, als die Sache mit Lavinia geschehen war und er Stanton Manor verlassen hatte.

Ein Schiff - das war eine andere Welt. Da war er fernab dem Geruch von Puder und Parfüm, den Intrigen, dem gesellschaftlichen Ränkespiel.

Er ignorierte die maliziösen Blicke der Passanten, die seinen zu kurzen Hosenbeinen galten, seinem geschenkten abgetragenen Rock und dem zerzausten Haar.

Vor dem Haus der roten Bess hielt ein Karren. Weinkörbe wurden abgeladen. Sie ließ sich den Wein jetzt schon ins Haus liefern.

David drängte in der Tür einen Mann zur Seite, der ein Gesicht machte, als sei er die wichtigste Person des Hauses.

Nur mal langsam!“, rief der Bursche und kam hinterdrein. Er hielt David am Rock fest, riss ihn zu sich heran, schwenkte ihn herum und stieß ihn zur Tür.

Jedenfalls wollte er ihn dort hinausstoßen.

David schlug ihm die Hände herunter und gab ihm die Faust zu kosten, die schon den Entersäbel gegen karibische Piraten geschwungen hatte. Den Seeräubern hatte diese Faust schon nicht behagt. Dem Mann gefiel sie noch weit weniger.

Als er seine Sinne halbwegs beisammen hatte, fand er sich neben der Treppe am Boden liegen und hörte die Tritte des schlagkräftigen Besuchers oben auf den letzten Stufen. Der Geruch von Teer und Fisch war noch gut wahrnehmbar.

David Stanton blieb oben vor der Tür stehen und lauschte ins Treppenhaus. Als sich unten leise etwas regte, lächelte er. Er kannte seine Faust. Der Bursche kannte sie jetzt auch.

Er klopfte an. Schritte näherten sich drinnen, Stoff raschelte.

Ob sie wieder eine neue Zofe hat?, überlegte er.

Bess öffnete selber. Vielleicht erwartete sie den Weinhändler mit der Rechnung.

Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sie ihn trotz seiner erbärmlichen Kleidung erkannte.

Aber sie war eine Frau, die sich veränderten Situationen blitzschnell anzupassen verstand. Wenn David Stanton leibhaftig vor ihr stand, konnte er demnach nicht tot sein.

David!“, sagte sie und atmete heftig. „Tritt näher! Deine Hand, schnell! Ich - ich muss mich setzen.“

Er reichte ihr den Arm und führte sie in den Raum, der mit Geschmack ausgestattet worden war. Er geleitete sie zu dem Kanapee.

Es lag nicht in meiner Absicht, dich zu erschrecken, Bess“, sagte er.

Sie atmete noch immer heftig. „Es geht vorbei!“ Ihr kritischer Blick glitt an ihm hinab. „Wie du aussiehst!“

Wer dem Satan aus dem Rachen gesprungen ist, kann keine Ansprüche stellen. Ich war mit dem zufrieden, was sie mir auf der ,Fincastle‘ gaben.“

Du warst das also.“ Ihre Augen begannen zu glänzen. „Dauernd redeten sie von einem geretteten Mann. Den Namen wusste leider keiner. Komm, vergiss, was hinter dir liegt. Wir wollen auf deine Wiederkehr trinken. Hast du einen besonderen Wunsch?“ Sie griff nach dem Klingelzug und ruckte daran.

Ich habe eine lange Wunschliste, Bess. Ganz oben steht Slyman.“

Ihr Blick wurde schelmisch. „Mit Vorreden hast du dich nie lange aufgehalten. Ich weiß nicht, was mir mehr an dir gefällt deine Geradlinigkeit oder die Tatsache, dass man immer genau weiß, woran man mit dir ist. Slyman also!“ Sie verstummte.

Die Zofe war eingetreten. Eine neue natürlich, wie David bemerkte. Bess liebte es, stets andere Gesichter um sich zu haben. Das Mädchen knickste.

Bring uns Champagner, Nanette“, sagte Bess und schaute zu David auf. „Du magst ihn doch?“

Wir haben die beiden letzten Wochen von altem Regenwasser gelebt. Ich fürchte, mein Geschmack hat darunter gelitten“, sagte er.

Nanette machte kugelrunde Augen. Sie entfernte sich, als Bess winkte.

Du könntest es besser haben, David. Altes Regenwasser, ich bitte dich!“

Mir gefällt das wilde Leben nun mal. Man ist frei, ungebunden, nur sich selber verantwortlich.“

Und nicht der Familie, ich verstehe. Wie gefällt sie dir?“

Nanette? Du hast einen guten Geschmack und eine glückliche Hand in der Auswahl deines weiblichen Personals. Auf das männliche trifft es nicht ganz zu. Wenn gleich dein böser Haushund erscheint - er wollte mich vor die Tür werfen. Trage ihm jetzt keine harte Arbeit auf. Er wird Beschwerden haben.“

Bess lachte unterdrückt. „Ich hoffe, du bist nicht zu rau mit ihm umgesprungen. Er ist ein verlässlicher Diener. Nanette habe ich aus Frankreich kommen lassen. Zum Champagner gehört einfach ein französisches Mädchen. Das muss zusammenpassen.“

So ganz bar jeglicher Eitelkeit war Bess nicht.

Ich freue mich, dass es dir gut geht“, sagte David höflich.

Sie ergriff seine Hand und zog ihn neben sich auf das Kanapee. „Warum fragst du nach Slyman? Er ist fort.“

Ich hoffte, von dir zu hören, wohin es ihn gedrängt hat. Jemand sprach von Ostindien. Mir ist das zu ungenau. Ein riesiges Gebiet, in dem sich ein Mann versteckt. Da kannst du ein Leben lang vergeblich suchen.“

Ist er für dich so wichtig?“

Die ,Hawk‘ bekam von ihm ihre letzte Ladung. Eine Ladung auf seine Rechnung. Webstühle. Ich konnte von Glück reden, dass ich gerade an Deck stand, als sie explodierten.“

Jetzt waren auch ihre Augen groß. Dann erschien eine kleine Falte über ihrer Nasenwurzel. Bess überlegte fieberhaft.

Sein übereiltes Verschwinden ist unter diesen Gesichtspunkten nicht mehr gar so seltsam“, sagte sie. „Er reiste an dem Tag ab, an dem wir hörten, dass ein Mann von deinem Schiff überlebt hatte.“

Sie bestätigte damit genau das, was Mary und Sweeney schon gesagt hatten. Er nickte.

Ich war in der George Street. Ein Rechtsanwalt hat das Büro übernommen. Er sagte, es war leer. Wenn ein Mann aber überstürzt abreist, kann er unmöglich alle seine Akten mitnehmen. Es soll da einen Mann mit Namen Bramstoke geben. Vielleicht hat er das Büro ausgeräumt. Ist dir der Name bekannt?“

Zu seiner Überraschung nickte sie.

Aber auch nur der Name, David. Bramstoke soll Slymans Geldgeber gewesen sein. Er finanzierte seine Transaktionen und war am Gewinn beteiligt.“ Als sie seinen prüfenden Blick bemerkte, fügte sie hinzu: „Es gibt viele Bramstokes. Dieser Tage wollte einer um jeden Preis einen üblen Seelenverkäufer erstehen.“

Auch das wusste er bereits. „Ich nehme an, es handelt sich um ein und denselben Mann, Bess.“

Warum?“ Ihre Augen und ihr sprühendes kupferrotes Haar irritierten ihn etwas.

Slyman soll nach Ostindien gegangen sein. Er könnte seinen Geldgeber betrogen haben. Aber Bramstoke ist nicht gewillt, seine Einlage in den Wind zu schreiben. Er sucht nach einer Möglichkeit, ebenfalls nach Ostindien zu gelangen. Er will sogar ein Schiff kaufen, das in ein paar Wochen dorthin auslaufen soll. Und jetzt, Bess, geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Bramstoke bekommt den Blackwaller nicht, die dringenden Überholungsarbeiten werden nicht durchgeführt, und schon morgen soll die ,Saint Laurentius“ unter Segel gehen.“

Du bist gut informiert.“ Sie zeigte unverhohlen ihre Bewunderung.

Wer am Leben hängt, muss es sein“, erwiderte er.

Bess seufzte. Ihr Busen hob sich beachtlich. „Slyman ist nach Timor gegangen. Ich habe da so meine sicheren Quellen.“

Ich werde ihn finden.“

Jetzt begriff sie. Furcht war in ihren Augen. „Darum weißt du über die ,Saint Laurentius“ Bescheid! David, lass sie absegeln, verzichte auf sie. Sie ist kein gutes Schiff.“

Sie geht nach Timor. Ich will nach Timor. Du siehst, es trifft sich gut.“

Sie ist ein Unglücksschiff!“ Bess gab nicht auf.

Und ich ein Unglücksrabe. Wir werden uns prächtig ergänzen“, spottete er.

Die Leute sprechen merkwürdige Dinge über sie.“

Es wird über jedes Schiff geredet, Bess. Man darf nicht allzu viel darauf geben.“

Sie machte einen letzten Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Seeleute waren abergläubisch. Sie hoffte, dass er keine Ausnahme darstellte.

Ein Fluch liegt auf ihr!“

Ich kenne kein Schiff, das von der Mannschaft nicht wenigstens tausend Mal verflucht wurde“, sagte er lächelnd. „Ist dir noch etwas bekannt, mit dem du mich erschrecken möchtest?“

Jetzt gab sie auf. Er ließ sich nicht umstimmen. Leise sagte sie: „Ein Silberschatz soll einmal von Bord verschwunden sein. Niemand hat ihn je wieder zu Gesicht bekommen.“

Wenigstens mal etwas Erfreuliches. Vielleicht ist er unter Planken versteckt und gar nicht verschwunden. Ist dir der Kapitän bekannt?“

Der Mandrill? Er heißt richtig Ombersley. Ein Trinker der schlimmsten Sorte.“

Und weiter?“

Das Schiff gehört ihm zur Hälfte. Dann ist noch Blaine mit drin, ein Handelsherr, der vom Pech verfolgt wird. Erst verspekulierte er sich in Zucker, und dann ging das einzige Schiff, das ihm ganz gehörte, in der Gapschlucht vor Sidney verloren. Er gilt als bankrott.“

Ganz so schlimm wird es nicht sein. Immerhin hat er noch den halben Blackwaller.“

Dafür bekäme er im besten Fall tausend Pfund Sterling. Viel mehr ist der Kasten nicht wert, David.“

Er dachte nach. Es gab drei oder vier Blaines in der Stadt. Alle hatten sie mit der Seefahrt zu schaffen. Und groß waren sie alle nicht. Der Name Blaine erinnerte ihn an Lavinia. Einer dieser Männer war mit einem Mädchen aus ihrer weitverzweigten Sippe verheiratet.

Er schüttelte den Gedanken ab und schob ihn weit weg. Er wollte nicht an Lavinia und ihre Sippe denken. Nie mehr. Dieses Kapitel war für ihn erledigt.

Ombersley vervollständigt seine Mannschaft. Ich hätte gerne einen ordentlichen Platz auf dem Schiff, Bess. Wenn du etwas weißt...“

Sie ließ ihn nicht ausreden. „Ich bin doch nicht verrückt und vermittle dich auch noch auf diesen Seelenverkäufer!“

Ich reise mit ihm nach Timor, mit oder ohne deine Hilfe. Nur wäre mir ein guter Posten angenehmer. Du kannst ihn mir beschaffen, das weißt du. Alle Welt weiß es. Du hast die erforderlichen Beziehungen.“

Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Das war seine Geradlinigkeit, die sie einerseits so schätzte. Überhaupt keinen Gefallen fand sie daran, dass er auch geradlinig in sein Unglück rennen wollte. Aber er würde auf diesem Schiff fahren. Mit oder ohne ihre Hilfe, wie er gesagt hatte.

Da war es schon besser, wenn sie unmerklich die Hand über ihn hielt und ihm einen guten Posten beschaffte. Ombersley steckte ihn sonst womöglich unter seine zusammengewürfelte Mannschaft. Dieser Gedanke war ihr unerträglich.

Sie griff nach dem Klingelzug und ruckte zweimal.

Der Hausdiener erschien. Er hatte eine Schwellung am Kinn, die rot unterlaufen war. Seine Augen blickten hassvoll auf den Besucher.

Fletcher, wir benötigen für Mister Stanton einen guten Schiffsposten auf der ,Saint Laurentius“. Geh zu Launders und lege ihm meinen Wunsch ans Herz.“

Bei der Erwähnung des Schiffsnamens grinste Fletcher hämisch.

Nichts, was ich lieber täte. Ich eile“, sagte er genüsslich und ging hinaus.

Nanette servierte den Champagner. Bess und David tranken sich zu. Sie sprachen dann über die zurückliegende Zeit. David war lange fort gewesen, und Bess wusste eine Menge zu erzählen.

Nach einer Stunde kehrte Fletcher zurück. Er grinste wie ein Teufel, der wieder eine Seele in den Kessel hatte stecken können.

Er ist der Midshipman der ,Saint Laurentius“, sagte er und machte mit dem Kopf eine Bewegung zu David Stanton hin. „Launders sagt, er soll bis Mitternacht an Bord sein. Aber er soll sich den Kasten zuvor ansehen, denn er lehne alle Beschwerden nachher ab.“

Es ist gut, Fletcher, du kannst gehen“, sagte Bess, als der Diener aufsässig stehenblieb.

Mit einem wütenden Blick verließ er den Raum.

Midshipman das war zwar nicht die Welt, aber es bedeutete eine eigene winzige Kajüte und Mahlzeiten mit dem Alten und den Steuerleuten statt der drangvollen Enge der stinkenden Mannschaftsunterkünfte und des Fraßes, den der Koch der Mannschaft vorsetzte.

Die rote Bess trank, und ihre feuchten Lippen schimmerten.

Du bist schon weit fort“, sagte sie in seine Gedanken.

In Ostindien, ja. Ich wollte schon immer mal hin. Wann ist Slyman fort?“

Anfang Juli. Am zweiten wohl.“

Jetzt schreibt man den vierten September, dachte David. Slyman hat zwei Monate Vorsprung. Aber sie werden ihm nichts nützen. Im nächsten Jahr sind wir in Timor, und dann drehe ich ihm den Hals um.

Es ist nicht deine Art, mich zu vernachlässigen“, schmollte die rote Bess.

Er lächelte. „Vom Regenwasser behält man einen klaren Kopf, und beim Rum weiß man, was einen erwartet. Dein Champagner liegt dazwischen.“

Sie setzte ihr Glas nieder, erhob sich und zog David hoch. Ihr Blick war verschleiert, als sie ihn in einen etwas schwülstig ausgestatteten Salon führte.

Vor einem großen Spiegel im Goldrahmen blieb sie stehen, betrachtete sich und wiegte den Körper kokett in den Hüften. Sie war schön. Aber wie lange noch?

Öffne mir das Kleid“, sagte sie leise.

 

*

 

Launders betrieb eine Heueragentur und erfreute sich eines guten Rufes. Als David der „Saint Laurentius“ ansichtig wurde, verstand er den Wunsch des Mannes, er möge sich den Kasten zuvor ansehen.

Die Blackwall-Fregatte hatte an zwei Bollwerken bei der Hafenmauer festgemacht. Fässer, Kisten und Ballen wurden über die ausgelegten Planken an Bord gebracht.

Vor allem Fässer.

Ein mächtiger Stapel davon war auf der Mauer aufgebaut.

Eine grölende Stimme schrie etwas vom Halbdeck an Land. Die Fassträger bewegten sich merklich schneller.

Die Fregatte hätte eine gründliche Überholung nötig gehabt. Von ihren aufgemalten Geschützpforten war die Farbe abgeblättert. Es war üblich, unbestückten Kauffahrern Geschützpforten aufzumalen. Aus der Entfernung konnten Seeräuber nicht erkennen, ob es echte oder falsche Geschützöffnungen waren. Kriegsschiffe und Ostindienfahrer des Blackwall-Typs unterschieden sich nicht im Äußeren. Piraten blieben daher gern auf Distanz. Denn eine bestückte Fregatte hatte immerhin fünfzig Kanonen an Bord. Und die verlockten nicht zum Beutemachen.

Die „Saint Laurentius“ jedoch war für jeden Piratenkapitän ein erfolgversprechender Brocken. Selbst ein einäugiger Pirat musste im Halbschlaf und bei unsichtigem Wetter die abgeblätterten falschen Geschützpforten erkennen.

Es war sehr leichtsinnig von Ombersley, diese Schäden nicht zu beheben. Oder er war ein so hervorragender Schiffsführer, dass er sich auch zutraute, dem Teufel ein Bein abzusegeln, in jedem Falle aber einem Piratenschiff davonzulaufen.

Die Maststengen und Rahen waren nicht gefettet, das laufende Gut hätte ausgewechselt werden müssen. Das große Boot vor dem Großmast war zur Seite gekippt. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, es aufzurichten und festzukeilen.

David Stanton betrachtete die „Saint Laurentius“ aus hundert Schritt Abstand. Er erkannte jetzt schon ein Dutzend Mängel. Er war sicher, auf drei oder vier Dutzend zu kommen, wenn er erst den Fuß an Deck gesetzt hatte.

Irgendwo im Hafengewimmel begann eine Schiffsglocke zu läuten. Die kleine Glocke im Turm von St. Thomas fiel ein.

Verwundert drehte David Stanton sich um, als plötzlich Leute zu rennen begannen. Sie ließen sogar ihre Karren im Stich. Ein Mann stürzte über Hühnerkäfige, die zur Verladung bereitgestellt waren. Das Federvieh gackerte entsetzt. Der Mann fluchte, erhob sich und eilte weiter.

Vom Kopfende der Hafenmauer kamen sie auch schon gelaufen. Sogar auf der „Saint Laurentius“ stellten sie die Arbeit ein, reckten den Hals und schauten. Ein Mann mit steifem Lackhut jagte die Planke herunter. Er hatte sich mit einem Gewehr bewaffnet. Auf der Hafenmauer nahm er Aufstellung und richtete die Waffe auf die Seemänner. Seine Absicht war unmissverständlich - er wollte die Mannschaft am Weglaufen hindern. Oder es war eine Vorsichtmaßnahme wegen der drei Kettensträflinge, die zur „Saint Laurentius“ gehörten.

Der Mann am unteren Ende der Planke hielt zwar die Leute mit dem Gewehr in Schach, aber er war neugierig genug, herüberzublicken.

Er schaute in die Richtung, in die all diese Leute rannten. Auch Frauen waren dabei. Und Kinder.

Ein verwitterter Mensch mit einem Holzstumpf unter dem rechten Knie stelzte gegen den Strom in Davids Richtung. Er wurde gerempelt und angestoßen. Mühsam bewahrte er das Gleichgewicht.

Er bückte sich, stellte die Hühnerkäfige ordentlich auf und kam näher. Sein Blick glitt über David hin, verweilte auf den kurzen Hosenbeinen und ging weiter zur Blackwall-Fregatte.

Tockend stelzte er vorbei. Ein Menschenschwarm kam ihm entgegen und entzog ihn Davids Augen.

Dieser Schwarm brandete gegen David und riss ihn mit sich fort.

Er hatte gar keine Möglichkeit, sich dagegenzustemmen. Diese Welle aus großen Augen, aufgerissenen Mündern, aus Leibern und Gliedmaßen spülte ihn die Hafenmauer entlang. Bis ihn etwas gewaltsam stoppte.

Er wandte sich halb um, während die Menschenwelle sich zerteilte und rechts und links vorbeiflutete. Er war gegen einen Mann geprallt. Das hatte ihn auf gehalten.

Der Mann hatte Augen wie Fletcher. Er blickte auch so gehässig. Sein Kinn war gespalten. Die Ohren waren verknorpelt und verwachsen. Die roten Haare hingen ihm weit über den Hemdkragen herab. Er wog mindestens zweihundertfünfzig Pfund und hatte einen Brustkorb wie ein aufrecht stehender Bär.

Wahrscheinlich auch solche Kräfte, dachte David und grinste dünn.

Der Mann trug eine derbe Leinenhose und eine blaue Schiffsjacke mit Messingknöpfen. Er ließ Davids Grinsen nicht als Entschuldigung gelten.

Grollend sagte er: „Zum Teufel mit dir, du blindäugige Ratte! Ich sollte dich ins Wasser werfen. Heb den Hut auf!“

Er zeigte auf seinen steifen schwarzen Lackhut, der ihm beim Zusammenprall vom Kopf gefallen war.

Im Gedränge war auch noch jemand draufgetreten.

David maß den Burschen eiskalt. Er spürte, dass der eine Auseinandersetzung wollte und ihn die Fäuste juckten.

Wahrscheinlich schlug ihn der Kerl ungespitzt in das Hafenpflaster.

Es war ein unglücklicher Zusammenstoß“, erklärte David. „Die Leute wurden plötzlich närrisch und rissen mich mit. Das kann ja vorkommen, oder?“

Heb den Hut auf!“

David lächelte schmal. Er bückte sich, ergriff den Hut und richtete sich auf. Sachverständige Zuschauer hatten sich eingefunden und umringten die beiden Männer.

Als der bärenhafte Bursche die Hand nach dem Hut ausstreckte, ließ David los, bevor die Finger des anderen den harten Lackrand ergriffen hatten.

Der Hut fiel. Die Zuschauer hielten den Atem an. Das Läuten der Schiffsglocke und das Wimmern von St. Thomas war überlaut zu hören.

David erntete einen mörderischen Blick.

Genau so hatte der zweite Schiffszimmermann der „Hawk“ dreingesehen, als er auf der vorletzten Reise den Verstand verlor und losging, um mit einem hölzernen Belegnagel dem miserablen Koch den Schädel einzuschlagen. Erst mit vier Mann hatten sie ihn danach gebändigt bekommen und in den Kielraum zu den Ratten sperren können. Als er still war und sie nach ihm schauten, hatte er sich mit einer Kette erhängt.

Dieser Kerl, der so sehr an seinem Lackhut hing, sah nicht aus, als würde er sich bald aufhängen.

Decksmänner in viktorianischer Uniform drängten sich plötzlich durch die Zuschauer. Sie waren bewaffnet. Die königlichen Kriegsschiffe hatten sie ohne Zweifel an Land gesetzt.

Keine Zusammenrottungen!“, verkündete ein schnauzbärtiger Decksmann. „Seid vernünftig und geht weiter!“

Ihre Waffen waren ein starkes Argument. Und bei Zusammenrottungen wurde in den Häfen auch schnell geschossen.

Von einem Dampfschiff trieb eine mächtige Rauchwolke träge herüber und erleichterte den Zuschauern die Entscheidung, ob sie sich zerstreuen oder mit den Decksmännern anlegen sollten. Bei einem Kampf konnten sie nichts gewinnen. Und ein Kampf in einer Rauchwolke war zudem nicht nach ihrem Geschmack.

Sie strebten auseinander.

Der bärenhafte Mann bückte sich nach seinem Hut. David sah jetzt hinter ihm fünf an ein Tau gebundene Männer, die von zwei Hafensoldaten bewacht wurden.

Siedendheiß fiel ihm Sweeneys Erwähnung der fünf zur Deportation Verurteilten ein. Waren das diese Männer?

An solche Zufälle glaubte David nicht.

Einer der Soldaten fragte mürrisch: „Können wir jetzt weiter, Mister Crisson? Oder dauert das noch länger? Da hinten sehe ich schon wieder solche Verrückte rennen.“

Der bärenhafte Mister Crisson bedachte David Stanton mit einem eigentümlichen Blick und stülpte sich schwungvoll den ramponierten Lackhut auf. Knurrend setzte er sich in Bewegung und übernahm die Spitze dieses Gefangenenzuges.

Die Glocke von St. Thomas verstummte.

Nur die Schiffsglocke läutete weiter.

Eine Menschenwoge schwappte heran. David sah fast nur Marktweiber und flatternde Röcke. Die Frauen machten auf ihn einen begierigen Eindruck - begierig auf irgendein bevorstehendes Ereignis.

Er wich dieser Gruppe aus und sah, dass die Decksmänner weitergeeilt waren. Sie strebten jenem Teil der Hafenmauer zu, der oben beim Ankerlager wie ein Festungsturm gut hundert Fuß weit in das Becken hinausgebaut worden war.

Auf diesem vorspringenden Teil erhob sich das hundertjährige Stapelhaus. Man hatte es immer wieder umgebaut und erweitert. Schöner war es dabei nicht geworden. Es war eine Brutstätte für Ratten, und jede Mannschaft schwor Stein und Bein, dass die Ratten ihres Schiffes aus diesem Stapelhaus gekommen waren.

Über dem Dach erhob sich ein Mastenwald. Jenseits des Stapelhauses befanden sich die traditionellen Liegeplätze der Afrika- und Westindienfahrer. Die „Fincastle“ hatte dort festgemacht.

Drei Masten bewegten sich langsam hinter den vielen Stengen und Rahen vorbei. Ein Schiff wurde mit vorgespannten Booten zum Vertäuen verholt.

David verengte die Augen, als er erkannte, dass seine Annahme ein Irrtum war. Das Schiff wurde um den Mauerstern geführt.

Zuerst kamen zwei Jollen ins Blickfeld. Die Mannschaft arbeitete mit sechs Riemen in jedem Boot. Dann erschien das Schiff. Langsam schob es sich hinter der Giebelfront des Stapelhauses heraus.

David Stanton fuhr zusammen und fluchte dann halblaut. Oben am Ankerlager stauten sich Menschen. Der ganze Platz wimmelte wie ein Ameisenhaufen.

Jetzt wusste David, was er um die Mittagszeit vom Solent hatte hereinkommen sehen und was die länglichen Gegenstände unter den Rahnocken zu bedeuten hatten.

Dieses Schiff hatte er gesehen, das bei Flaute eingelaufen war.

Er konnte den Namen über dem Gallion lesen. Es war die „Steerforth“. Sie sah zerrupft aus. Sie hatte gekämpft und war Sieger geblieben. Von jeder ihrer Rahnocken baumelte ein Tau. Und an jedem Tau pendelte ein Gehenkter.

Eine ungeheure Erregung erfasste die Menschenmenge weiter oben. Begeisterte Rufe drangen an Davids Ohren. Man brachte der „Steerforth“ einige Cheers dar, während sie am Bollwerk vor dem Stern vertäut wurde.

Die Decksmänner drängten die Menge zurück, und eine grollende Stimme schrie zum Schiff hinüber, dass der Unfug auf Weisung des Hafenkommandanten unverzüglich zu beenden sei.

Auf dem Deck der „Steerforth“ ertönte ein scharfer Befehl. Behende wie Affen enterten Matrosen auf, schwangen sich auf die Perden unter den Rahen und balancierten zu den Rahnocken. Messerklingen blitzten schwach. Einer nach dem anderen stürzten die Gehenkten herunter und fielen ins Wasser. Nur zwei schlugen klatschend an Deck.

Das fängt gut an“, murmelte David Stanton.

 

*

 

Als er seine Kiste bei Sweeney und der dicken Mary holen ging, wurden gerade die ersten Lichter angezündet.

Sweeney wusste Genaueres zu dem Vorfall im Hafen. Die „Steerforth“ hatte im Kanal vor der Insel Guernsey einen französischen Piratenschoner aufgebracht, dem bereits vier britische Kauffahrer zum Opfer gefallen waren. Nach kurzem Gefecht war der Schoner gesunken. Der Kapitän der „Steerforth“ hatte die überlebenden Piraten auffischen und an den Rahen aufknüpfen lassen - als Warnung für alle anderen Seeräuber, die in diesem Gebiet operierten und immer wieder blitzschnell von der Küste kommend in den Kanal vorstießen. Dafür hatte er jetzt eine Untersuchung am Hals, die der Hafenkommandant angestrengt hatte.

Mary hatte ihren legendären Apfelkuchen gebacken, und Sweeney brachte einen Rum auf den Tisch, der schwer wie Öl floss. Die beiden machten ihm den Abschied schwer.

Mary hatte schon wieder den Schürzenzipfel an den Augen.

Sollen wir keine Grüße nach Stanton Manor bringen?“, fragte sie mit erstickter Stimme.

Du meinst es gewiss gut, Mary, aber ich habe keine Grüße zu bestellen“, erwiderte David.

Das war hart. Aber war seine Familie sanft mit ihm umgesprungen?

Sweeney brachte ihn mit dem Licht in der Hand vor die Tür, während drinnen Mary heftig zu schluchzen begann.

Weiberflausen, Master David. Zu viel Herz und zu wenig Verstand.“

Sweeney streckte ihm die schwielige Hand hin. David ergriff sie und spürte, dass der gute alte Bursche zitterte. Von der Nachtkühle konnte es nicht herrühren. So kalt war es nicht.

Sweeney wirkte irgendwie bedrückt, gerade so, als hätte er noch eine unerfreuliche Neuigkeit zu bestellen und fürchte sich davor, sie loszuwerden.

David kam ihm entgegen. „Ist da was, das ich noch wissen muss?“

Sweeney nickte. Das Licht in seiner Hand flackerte.

Den ganzen Nachmittag habe ich herumgehört. Der Name Bramstoke ließ mir keine Ruhe. Ich entsann mich, dass ich ihn schon auf Stanton Manor hörte, als ich rüberfuhr, um die Nachricht vom Untergang der ,Hawk‘ zu überbringen. Er fiel im Zusammenhang mit Lavinia.“ Er sah, dass sich David kerzengerade auf richtete, und fragte: „Soll ich weitersprechen ?“

Nur zu.“

Es ist nur, weil Sie überhaupt nicht nach ihr gefragt haben“, nuschelte Sweeney. „Sie ist jetzt eine richtige Lady, verheiratet mit Sir Horace Bramstoke.“

Ich wünsche dieser Verbindung alles Gute“, sagte David eisig.

Wieder flackerte Sweeneys Licht. „Das ist noch nicht alles. Ein Schreiber von der Agentur Launders erzählt mir heute, dass ein gewisser Bramstoke die Akten von Slyman fortschaffen ließ und ihm eine Passage auf einem Ostindienfahrer besorgte. Derselbe Bramstoke ist es auch, der die ,Saint Laurentius' kaufen wollte. Um jeden Preis. Launders sollte das Geschäft abwickeln. Daher ist der Schreiber so gut informiert. Bramstoke muss fuchsteufelswild geworden sein, weil er das Schiff nicht bekommen hat. Zehntausend Pfund war ihm der alte Kasten wert. Erraten Sie nun, wer Bramstoke ist?“

Sir Horace Bramstoke.“

Sweeney hob das Licht. „Gute Reise, Master David. Ich möchte Sie gesund wiedersehen. Erfüllen Sie einem alten Narren diesen Wunsch.“

Allein dein guter Rum ist schon ein triftiger Grund“, sagte David. „Ich möchte ihn ungern einen anderen trinken lassen. Danke für alles, Sweeney.“

Er packte die Kiste fester und ging mit raschen Schritten die Chandler Road hinab.

Das Gehörte ging ihm im Kopf herum. Merkwürdig, dass ein Mann zehntausend Pfund Sterling für ein Schiff ausgeben wollte, das bestenfalls zweitausend wert war. War am Ende doch etwas dran am Gerede über die „Saint Laurentius“? War sie ein Schatzschiff?

Ihr erbarmungswürdiger Zustand war kein Argument für diese Annahme. Andererseits warum hatten Ombersley und Blaine dann nicht dieses für sie blendende Geschäft gemacht und das Schiff weit über Preis abgestoßen? Hofften sie, an Bord etwas zu finden, das mehr wert war als zehntausend Pfund?

Und warum diese überstürzte Abreise, bevor das Schiff überholt war?

Er schüttelte den Kopf. Er sah viele Fäden, aber er konnte kein Netz daraus knüpfen.

Zudem ging ihn das nichts an. Er wollte nach Ostindien. Er wollte Slyman haben.

Sein Fuß stockte, als ihm aufging, dass Sir Horace Bramstoke bis über die Ohren in Slymans lausigen Geschäften dringesteckt haben konnte. Als Geldgeber hatte ihn sicher interessiert, was verschifft worden war. Wenn dies zutraf, dann hatte er auch Kenntnis von der falsch ausgestellten Ladeliste gehabt.

Das bedeutete dann zwei Männer, die er zu jagen hatte. Einen, der offensichtlich geflohen war. Und einen, der zwei gute Verbündete hatte - Geld und Lavinia.

Er lachte leise und wunderte sich, dass er ohne Bitterkeit an sie denken konnte. Sie war der Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Seit jener Nacht auf Stanton Manor war alles in anderen Bahnen verlaufen.

Die kaltherzige Lavinia und ihr falsches Wesen waren bestimmt eine gute Ergänzung der Eigenschaften Sir Horace Bramstokes. Gleich und gleich gesellt sich nun mal gern.

Für einen Gegner sah er Lavinia nicht an. Ein Gegner, dessen Waffen man kennt und dessen Taktik man studiert hat, ist ungefährlich.

Als er die Hafenmauer erreichte und die beleuchtete Planke der „Saint Laurentius“ sah, dachte er immer noch an sie. Aber wie an jemand, der im Herzen längst gestorben ist.

 

*

 

Eine Pechpfanne brannte und beleuchtete die Umgebung.

Die Fässer waren noch immer nicht alle an Bord und unter Deck verstaut. Die Burschen würden sich dranhalten müssen, wenn sie die Arbeit bis zur ablaufenden Flut am Morgen bewältigen wollten.

Die Flut hatte eingesetzt. Die „Saint Laurentius“ lag gut acht Fuß höher als am Nachmittag, und die Planke führte verdammt steil hinauf. Am Fallreep im Schanzkleid stand der Mann mit dem Gewehr. Er hatte es mit der Kolbenplatte auf das Deck gesetzt und stützte sich auf den Lauf.

David hörte ein scharfes pfeifendes Geräusch und ein Klatschen. Ein Mann schrie auf. Jemand zählte gerade: „.. vierzehn ...“

Er stieß die Wache an. Der Mann riss das Gewehr hoch und fuhr dann erst herum.

David Stanton atmete flach ein. Das Handeln des Mannes verriet ihm eine Menge. Fast jeder hätte umgekehrt reagiert.

Bevor sich die Mündung auf ihn richtete, sagte er: „Midshipman David Stanton tritt zum Dienst an Bord an.“

Der Mann musterte ihn. Er hatte wässrige Fischaugen ohne Glanz und Ausdruck. Auch sonst zeigte er, nachdem keine Gefahr erkennbar geworden war, keine sonderliche Regung.

Gedulden Sie sich, Sir“, sagte er. „Wir sind gleich fertig.“

Was er damit meinte, sah David sofort.

Die „Saint Laurentius“ lag steuerbords zur Hafenmauer, der Bug zeigte zum Ankerlager und dem hundertjährigen Stapelhaus hinauf. An Backbord war ein Mann mit den Händen an den Webeleinen der Großmastwanten festgebunden. Man hatte ihm die Arme so weit hochgereckt, dass er fast auf den Zehenspitzen stand, und man hatte ihm das Hemd heruntergerissen.

Die Mannschaft war zusammengetreten und wohnte murrend der Bestrafung des Angebundenen bei.

Wieder war das pfeifende Geräusch zu hören. Wieder schrie der Mann. Er bäumte sich unter dem klatschenden Tauende auf.

Fünfzehn!“, sagte eine raue Männerstimme. Ein Rülpser folgte.

David erkannte unter der Mannschaft den verwitterten Menschen mit der Holzstelze unter dem rechten Knie. Er sah auch jene fünf Männer, die an einem Tau festgebunden gewesen waren.

Dunkle Ahnungen begannen ihn zu plagen.

O verdammt und zugenäht!“m fluchte er dumpf. „Wenn man Gehenkte sieht, bringt das kein Glück. Ich hätte es wissen müssen.“

Seine Ahnungen wurden zur Gewissheit, als der Mann in den Flammenschein der Pechpfanne geriet, der das Tau schwang. Es war der bärenhafte Mister Crisson. Gerade holte er wieder aus. Seine boshaften Augen glänzten. Das pfeifende Tauende klatschte auf den Rücken des Seemannes.

Sagten Sie etwas, Sir?“, fragte der Posten mit den wässrigen Fischaugen und hielt David mit dem Gewehrlauf zurück.

Sechzehn!“ Ein herzhafter Rülpser begleitete die raue Stimme.

Nichts von Bedeutung“, erwiderte David. „Ich habe laut gedacht.“

In den wässrigen Fischaugen blitzte so etwas wie Interesse auf. Der Mann musterte noch einmal den neuen Midshipman.

David machte mit dem Kopf eine Bewegung nach Backbord hin. „Diese Art der Bestrafung ist für Häfen schon lange verboten. Es kann Ärger geben.“

Der Mann blickte wieder ausdruckslos. „Nur wenn einer an Land geht und redet. Ich werde es verhindern. Halten Sie besser das Maul, Sir. Der Mandrill mag Leute nicht, die denken. Solche, die es auch noch laut tun, hat er gefressen wie zehn Pfund Seife. Mischen Sie sich in nichts ein. Das ist ein billiger Ratschlag. Er muss aus schlappen Landratten ordentliche Seeleute machen.“

Während er das sagte, bewegten sich seine Lippen nur unmerklich.

Ich werde den Rat beherzigen, wenn es sich einrichten lässt“, versprach David Stanton.

Der Seemann hatte inzwischen fünfundzwanzig Schläge von Crisson bezogen. Die Bestrafung war beendet.

Bindet ihn los und schafft ihn unter Deck!“, ordnete die raue Stimme an. „Jetzt wisst ihr Bescheid. Die Befehle gebe ich, und ihr Gesindel habt zu gehorchen.“

Aus der Mannschaft tönte ein murmelndes: „Aye, Sir.“

Zwei Sailors banden den ächzenden Mann los und schleiften ihn zwischen sich fort, während Crisson das Hemd aufhob und damit das Tauende abtrocknete.

Jetzt!“ Der fischäugige Posten am Fallreep zog das Gewehr zurück und gab David den Weg frei.

Das große Boot war ein Schaluppe, rissig wie eine überjährige Walnussschale. Jetzt war es aufgebockt und verkeilt. Beim Fockmast lag kieloben ein kleines Boot.

Davids wachsamer Blick erfasste jede Kleinigkeit. Das Schanzkleid an Backbord war mürb wie alter Zwieback. Eine Sturzsee konnte es als leichte Beute entführen.

Die Mannschaft war auseinandergegangen, sammelte sich aber wieder neugierig im Hintergrund.

Mister Crisson blickte hoch. Er gab sich nicht eine Spur überrascht. Eine teuflische Vorfreude sprach aus seinen Augen.

David gewann die beunruhigende Überzeugung, dass Crisson diese Entwicklung vorausgesehen hatte.

Die Freude wird dir schnell vergehen, dachte er. Du hast bei mir etwas im Salz liegen. Die blindäugige Ratte ist nicht vergessen!

An der Grenze von Licht und Nacht bewegte sich auf dem Halbdeck ein unförmiger Klumpen. Schwankend wie ein losgerissener Taljenblock kam jemand die Stiege herunter.

Zuerst tauchte eine fleischige Hand im Licht auf. Ein mächtiger Leib folgte, dessen Fülle von einem schmierigen glänzenden Rock nicht bedeckt werden konnte. Dann erschien die andere Hand. Sie hielt eine schwarze Flasche. Der Rum aus Jamaika kam in schwarzen Flaschen in den Handel.

Endlich war der ganze Mann sichtbar.

Im ersten Augenblick fühlte sich David an eine Qualle erinnert. Doch als er in das Gesicht schaute, meinte er, einen melancholischen Affen zu sehen.

Der Mandrill!

Ombersley hatte den einzig zutreffenden Namen bekommen.

Über geröteten Säuferaugen hingen Haare speckig und glänzend in die Stirn. Eine flache Nase mit unnatürlich geweiteten Nasenlöchern beherrschte das Gesicht. Bartfäden umrahmten das verfettete Kinn.

David sah die Säuferaugen starr auf sich gerichtet. Langsam öffnete der Mandrill den Mund und zeigte seine schadhaften gelben Zähne vor.

Du Sohn eines ungebratenen Schweinsfisches, her zu mir!“, befahl er rau. Es war die Stimme, die genau die Schläge mit dem Tauende gezählt hatte.

David Stanton stieg über zwei Taurollen hinweg und blieb drei Schritte vor dem Mandrill stehen. Er war zwei Köpfe größer, so dass Ombersley zu ihm aufblicken musste. Das gab ihm eine gewisse Genugtuung für den Schweinsfisch.

Mit einer blitzschnellen Bewegung nahm er die Kiste von der Schulter und setzte sie mit einem heftigen Ruck hart vor die Füße des betrunkenen Kapitäns.

Der Mandrill zog den linken Fuß erst zurück, als es längst zu spät gewesen wäre.

In seinen Augen glomm erst Misstrauen auf, und dann verkündeten sie Zorn und Brutalität.

Das ist ein Schiff und kein Hafenpflaster!“, bellte Ombersley.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905137
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
heldenhafte seemänner hölle strich backbord

Autor

Zurück

Titel: Heldenhafte Seemänner #7: Die Hölle lauert drei Strich Backbord