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Ein Gunfighter namens Bodie

2016 120 Seiten

Leseprobe

Ein Gunfighter namens Bodie

 

Ein Western von Aylin Carrington

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Als der ehemalige Gunfighter James Bodie nach vier Jahren aus dem Zuchthaus von Yuma entlassen wird, ist er ein verbitterter Mann. Bei dem Rancher Heath Arlington findet er nach langer Suche Arbeit. Er ahnt nicht, dass dieser ebenfalls ein gefürchteter Revolverheld war. Und eines Tages holt beide die Vergangenheit ein …

 

 

Als das Haupttor des Zuchthauses von Yuma krachend hinter James Bodie zufiel blickte er sich nicht um. Vier lange Jahre hatte er sich danach gesehnt jenseits der dicken Mauern wieder in Freiheit zu sein. Nun war es soweit und er hatte keine Ahnung wie es weitergehen sollte.

Seufzend schulterte er seinen Sattel. Der, eine Decke, ein paar Dollar, sein Revolver und das, was er auf dem Leib trug war alles, was er besaß. Sein Magen knurrte und so machte er sich festen Schrittes auf den Weg in die Stadt. Während die heiße Mittagssonne auf das Land niederbrannte überlegte Bodie fieberhaft, wie er schnell an Geld kommen konnte. Die Idee mit dem Pokerspielen verwarf er nach wenigen Augenblicken wieder, er hatte darin noch nie Glück gehabt und wäre einem Gambler haushoch unterlegen gewesen. Auch die Kopfgeldjagd kam nicht in Frage, dafür hatte er schon viel zu lange keine Waffe mehr angefasst. Er würde also versuchen auf einer der umliegenden Ranches Arbeit zu finden. Zumindest vorerst. Bis er genug Geld zusammenhatte, um … ja, um was eigentlich? Bodie wusste selber nicht.

 

*

 

Es war schon fast Mittag, als der Rancher Heath Arlington von seinen Büchern aufblickte, weil er Hufgetrappel hörte. Der Vormann Sam Pritchard betrat das Arbeitszimmer und meldete einen fremden Reiter.

Danke, Sam!“ Arlington legte die Bücher zur Seite, stand auf und ging hinaus auf die Veranda. Er wartete, bis der Fremde auf dem Hof hielt und musterte ihn aufmerksam.

Er hatte braune Haare, war unrasiert und trug ziemlich abgewetzte Kleidung. Das Pferd, das er ritt, war alt, genauso wie der Sattel. Umso mehr erstaunte es den Rancher, dass der Revolver des Mannes, den er auf Mitte dreißig schätzte, auf Hochglanz poliert war. Heath kannte solche Gestalten, es waren meist Revolverhelden, die gerade aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Er hatte nicht viel für sie übrig und schickte sie üblicherweise weg. Doch irgendetwas an diesem Mann kam ihm bekannt vor. Und als sein Blick auf die Narbe fiel, die sich vom linken Ohr bis fast zur Kinnspitze hinzog, wusste er auch wieder was.

Howdy!“, sagte er und der Fremde hörte sofort, dass der Besitzer dieser Stimme gewohnt war, Befehle zu erteilen.

Guten Tag, Mister Arlington!“, antwortete er freundlich.

Sie suchen Arbeit, nehme ich an!“

Das ist richtig“, nervös leckte sich Bodie über die trockenen Lippen.

Heath nickte. Er war nicht der Erste und er würde garantiert auch nicht der Letzte sein, der nach den Jahren im Zuchthaus von Yuma hier auf der Ranch nach Arbeit fragte.

Nun, Mister, viel kann ich Ihnen nicht anbieten. Meine Mannschaft ist vollzählig. Aber wenn Sie sich für das Stallausmisten und Zäunereparieren nicht zu schade sind, können Sie gerne hier bleiben!“

Danke, Mister Arlington, das ist sehr freundlich von Ihnen!“

Der Rancher ging die drei Stufen der Veranda hinunter und forderte seinen Gast mit einem Nicken auf abzusitzen. „Während Sie Ihr Pferd in den Stall bringen frage ich meinen Koch Pete, ob er noch was zu essen für Sie machen kann. Wenn Sie mir Ihren Namen verraten, setze ich ihn auch gleich auf die Lohnliste.“

James Bodie, aber die meisten nennen mich einfach nur Bodie!“

Dann willkommen auf meiner Ranch.“ Er legte eine Hand auf den Hals des Pferdes. Vermutlich hatte Bodie es von seinem letzten Geld gekauft und sich dabei auch noch über den Tisch ziehen lassen. „Tja, ich fürchte, mit dem alten Gaul ist nicht mehr viel los. Sie können sich für die Arbeit ein Pferd aus dem Corral holen. Ist das alles, was Sie an Kleidung besitzen?“, er deutete auf die kaum gefüllte Satteltasche.

Der neue Cowboy nickte.

Nun, da werden wir auch noch was finden. Jetzt versorgen Sie erst einmal Ihr Tier!“

 

*

 

Bodie schob sich gerade im Esszimmer des Haupthauses das letzte Stück Speck in den Mund, als Arlington die Treppe herunterkam und einen Stapel Hosen und Hemden auf den Tisch legte. „Ich denke, die Sachen müssten Ihnen passen, Sie haben ja ungefähr meine Größe. Sie können sie behalten!“

Danke!“ Bodie war die ganze Sache unangenehm. Er hatte heute Morgen fast schon die Hoffnung aufgegeben einen Job zu finden. Vor Arlington hatten ihn bereits vier Rancher weggeschickt.

Sam, mein Vormann, zeigt Ihnen gleich die Ranch. Ich habe noch Papierkram zu erledigen. Zwei Sachen noch, Bodie! Machen Sie Ihre Arbeit gut und lassen Sie das Schießeisen stecken! Wer Ärger macht, fliegt raus. Haben Sie verstanden?“

Natürlich, Boss!“

Gut. Ich werde Sam sagen, dass er Sie jetzt rumführen kann und morgen früh beginnen Sie gleich mit dem Reparieren des Stalldaches.“

 

*

 

In den nächsten zwei Wochen beobachtete Arlington seinen neuen Cowboy sehr genau. Bodie war zwar schweigsam, doch er machte seine Arbeit gründlich. Er suchte nie Streit und war sich für nichts zu schade. Nur dem Vormann Pritchard war der Neue nicht geheuer. Und er machte aus seiner Meinung keinen Hehl.

Kann ich Sie sprechen, Boss?“

Der Rancher nickte. „Natürlich!“ Arlington saß in einem tiefen Sessel am Kamin und bedeutete seinem Vormann sich ebenfalls zu setzen. „Du willst mit mir wahrscheinlich über den neuen Cowboy sprechen, oder?“

Ja!“

Heath seufzte, während er sich Whiskey nachschenkte. „Gibt es Probleme?“

Pritchard schüttelte den Kopf und nahm Platz. „Nein. Aber er gehört nicht hierher. Schicken Sie ihn wieder weg!“

Pritchard war einer der wenigen Männer, die so mit Arlington reden durften, denn Sam war mehr als nur der der Vormann. Er war die rechte Hand des Ranchers und dessen Freund.

Sam, ich schätze deine Meinung und das weißt du. Du irrst dich, Jim Bodie ist kein schlechter Mensch!“

Aber er ist auch kein guter! Boss, alle wissen, dass er kein Cowboy ist. Warum haben Sie also einen dahergelaufenen Revolverhelden eingestellt? Sie wissen ganz genau, dass er früher oder später Ärger machen wird!“

Es reicht, Sam!“ Er hob die Rechte. „Das ist ganz allein meine Entscheidung!“

Arlingtons eisige Stimme ließ Pritchard zusammenzucken. Noch nie in all den Jahren hatte der Rancher ihn so angefahren.

Gibt es sonst noch was, Sam?“

Pritchard holte tief Luft. „Nein!“

Dann kannst du jetzt gehen!“

Der Vormann erhob sich, setzte den Hut wieder auf und stapfte zur Tür. Sekunden später knallte sie hinter ihm zu.

 

*

 

Als es am nächsten Abend kühler wurde und die Sonne unterging trat der Rancher hinaus auf die Veranda. Die Kühle war angenehm und von Bunkhouse her wehte leiser Gitarrenklang herüber. Am Corral stand Bodie. Er hatte die Arme auf den obersten Balken gelegt und starrte in das Abendrot. Arlington ging zu ihm und lehnte sich ebenfalls an den Corral.

Sie machen Ihre Arbeit gut, Bodie!“, sagte er anerkennend.

Der Cowboy schob sich den Hut tiefer ins Gesicht. „Ich tue nur meinen Job!“, antwortete er. Ihm war das Lob des Ranchers irgendwie nicht geheuer.

Ist Ray Duncan eigentlich noch Aufseher in Yuma?“

Bodie erstarrte. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Mit einem Ruck wandte er sich dem Rancher zu.

Arlington blickte ihm direkt in die Augen. Er spürte, dass sein Gegenüber nervös war. „James Bodie“, sagte er schließlich ruhig, „besser bekannt als Kansas Jim, berüchtigter Gunfighter, besiegte unter anderem Michael Boone und Adam McDowell. In seinem letzten Duell erschoss er einen 16jährigen Jungen. Dafür verurteilte man ihn zu vier Jahren Haft in Yuma.“

Woher wissen Sie, wer ich bin?“, fragte er heiser.

Heath lächelte. „Ein alter Klepper, abgewetzte Kleidung, aber eine polierte Waffe. Ich bin nicht blind und habe schon viele Revolverhelden so aus dem Gefängnis kommen sehen. Und außerdem…“, er unterbrach sich und ließ diesen Satz unbeendet. „Ich will Ihnen was sagen. Die Mauern von Yuma verlassen nur drei Sorten Männer: tote, zerbrochene und bessere. Ich hoffe, Sie gehören zur letzten Sorte. Sie können ein neues Leben anfangen, hier auf meiner Ranch. Wenn Sie das Schießeisen stecken und die Vergangenheit ruhen lassen. Überlegen Sie es sich! Gute Nacht!“ Damit wandte er sich ab und ging in Richtung Haupthaus.

Arlington!“

Abrupt blieb der Rancher stehen, doch er drehte sich nicht um. Seine Rechte hatte sich allerdings beim Klang seines Namens sofort auf den Revolverkolben gelegt.

Wie oft haben Sie Duncans Bullpeitsche zu spüren bekommen?“

Arlington holte tief Luft. „Zu oft!“, antworte er dann rau.

Bodie nickte und sah ihm nach, wie er im Haus verschwand.

 

*

 

Am nächsten Tag war der Rancher draußen auf der Weide beim Round Up. In ein paar Wochen sollte der Trail Richtung Norden gehen, nach Abilene mit 1.500 Tieren. Es war ein Knochenjob die Kälber auszusondern, zu brändern und die Tiere, die zum Verkauf gedacht waren, von den anderen zu trennen.

Wildes Hufgetrappel ließ Arlington aufhorchen. Er legte das Brandeisen zur Seite und wischte sich die Hände an der Hose ab, während Bodie sein Pferd zügelte. „Das sollten Sie sich ansehen!“, sagte er.

Heath nickte. „Curly, mach bitte für mich weiter! Sam, du kommst mit!“ Der Rancher schwang sich in den Sattel und ließ seinen Rappen in den Jiggle fallen. Nach etwa drei Meilen deutete Bodie, der vorgeritten war, auf ein totes Kalb.

Verdammt!“ Heath stieg ab und kniete sich neben dem Kadaver nieder.

Wölfe?“, fragte der Vormann.

Nein! Das war ein Puma! Sam, du reitest zurück zu den Jungs. Bodie und ich machen uns auf die Suche. Die Spuren scheinen noch frisch zu sein.“

In Ordnung.“ Pritchard zog sein Pferd herum und machte sich auf den Rückweg. Arlington und Bodie indes ritten weiter nach Süden, den Spuren nach. Bei einem Wäldchen, nahe einer Felsgruppe, passierte es dann.

Der Rancher hörte noch das Fauchen, dann traf etwas Schweres seine Brust, so dass er aus dem Sattel geworfen wurde. Ein heißer Schmerz durchfuhr ihn, als der Puma seine Zähne in seine linke Schulter grub. Heath schrie, versuchte verzweifelt das Raubtier von sich zu stoßen. Mit aller Kraft schlug er ihm auf die Schnauze. Doch das machte den Puma nur noch aggressiver.

Schüsse erklangen und plötzlich war alles vorbei.

Heath stöhnte. Schloss die Augen.

Bodie überzeugte sich, dass der Puma tot war, dann kniete er sich neben seinen Boss nieder. Dessen Hemd war blutgetränkt und hing nur noch in Fetzen von seinem Oberkörper. Vorsichtig zog Bodie es ihm aus und begutachtete die Wunden: ein Biss und Dutzende tiefe Kratzer von den gewaltigen Krallen.

Sie haben Glück, dass er Ihnen nicht die Kehle durchgebissen hat.“

Heath nickte schwach. „Ja, allerdings. Danke, Jim!“ Zum ersten Mal redete Heath ihn mit seinem Vornamen an.

Bodie zerriss das Hemd und verband damit notdürftig die Verletzungen. Dabei fiel sein Blick auf die Narben auf Heaths Rücken. Er erkannte sofort, von was sie stammten: von einer Bullpeitsche.

Ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig, Mister Arlington. Ja, Ray Duncan ist noch immer Aufseher.“

Das habe ich mir gedacht.“ Er verzog das Gesicht.

Weshalb waren Sie in Yuma?“

Dem Richter hat meine Nase nicht gepasst!“

Bodie schüttelte den Kopf und half ihm auf. Verständnislos sah er ihn an. „Sie wissen, dass ich ein Gunfighter war. Warum tun Sie das alles für mich? Warum haben Sie mich eingestellt? Warum vertrauen Sie mir?“

Was glaubst du? Wer gibt einem aus dem Gefängnis gekommenen Gunfighter einen Job? Wann würdest du einem Revolverhelden über den Weg trauen?“ Heath sah ihn fragend an.

Wenn ich schneller ziehen könnte als er“, vermutete Bodie.

Heath nickte. „Ich war ein Gunfighter, genauso wie du, und sogar einer der schnellsten, weit oben in Norden. Mein Pech war nur, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Man hing mir einen Mord an, den ich nicht begangen habe und brachte mich nach Yuma. Nach sechs Monaten fand man den richtigen Mann und ich wurde wieder freigelassen. Aber das Zuchthaus hat mich geprägt. Ich habe nach meiner Entlassung hart gearbeitet, um mir diese Ranch aufzubauen. Jim, ich hatte das Blutvergießen und Leben auf der Flucht vor den anderen Revolverhelden so satt gehabt! Ich konnte und wollte so nicht mehr weitermachen. Deshalb, Jim! Ich wollte dir eine Chance geben, eine Möglichkeit neu anzufangen, so wie ich es getan habe. Und jetzt hilf mir in den Sattel!“ Arlington musste ein Keuchen unterdrücken, als er mit Bodies Hilfe auf sein Pferd stieg.

Sam Pritchard sah schon von Weitem, dass etwas nicht Ordnung war. Im scharfen Galopp kam er ihnen entgegen.

Ist schon gut, Sam. Ein Puma hat mich angefallen, es ist nicht weiter schlimm“, beruhigte der Rancher ihn.

Können Sie nicht einmal auf Ihren Boss aufpassen?“, schnauzte der Vormann den neuen Cowboy an.

Schluss jetzt!“, fuhr Heath dazwischen. „Bodie hat mir das Leben gerettet. Wenn ihr beide euch nicht vertragen könnt, schmeiße ich euch raus! Ist das klar?“

Aber …“

Der Rancher griff seinem Vormann in die Zügel. „Ob das klar ist, habe ich gefragt!“, zischte er und Bodie zuckte unwillkürlich zusammen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie gefährlich Heath werden konnte.

Tut mir leid, Boss! Natürlich ist es klar!“

Arlington nickte und zog seinen Rappen herum. „Ich reite zur Ranch zurück.“

Nach ein paar Meilen zügelte er wieder sein Pferd und wartete auf den Reiter, der ihm schon die ganze Zeit über gefolgt war. „Was soll das? Ich kann auf mich alleine aufpassen! Den Weg zur Ranch finde ich noch.“

Yeah, und wenn Sie unterwegs aus den Sattel fallen, erschießt mich Pritchard!“

Arlington schüttelte den Kopf und ritt wieder an.

 

*

 

Am nächsten Morgen weckte den Rancher lautes Geschrei. Er stand auf und betastete vorsichtig seine Schulter. Noch am Abend war Doc Weston da gewesen und hatte die Wunden versorgt. Sie schmerzten noch immer, doch weniger als am Vortag.

Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte trat er an das Fenster und blickte hinunter auf den Hof. Der Staubwolke und den johlenden Männern nach zu urteilen trugen dort zwei Cowboys ihre Meinungsverschiedenheit mit den Fäusten aus. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches gewesen, wenn es sich nicht gerade um den Vormann und Bodie gehandelt hätte.

Jetzt reicht’s“, murmelte Arlington, setzte seinen Stetson auf und rannte hinunter. Er schnappte sich vom Wassertrog einen vollen Eimer und goss ihn mit Schwung über die beiden am Boden Kämpfenden aus. Sofort trat Stille ein. Der Rancher stemmte die Fäuste in die Hüften und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Wer hat angefangen?“

Pritchard und Bodie sahen sich an, schwiegen aber. Auch keiner der anderen Männer sagte ein Wort.

Arlington knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Na gut. Die nächsten Tage könnt ihr Ställe ausmisten und Pete in der Küche helfen. Die Nachtwache übernehmt ihr ebenfalls und den Ausflug in die Stadt am Samstagabend könnt ihr vergessen.“ In einem ebenso barschen Tonfall wandte er sich dann an die anderen Männer. „Was ist, habt ihr nichts zu tun? An die Arbeit!“

 

*

 

Gib her!“, Arlington riss seinem Koch den Zettel aus der Hand und überflog kurz die Einkaufsliste. „Davon kann man ja eine ganze Armee ernähren!“

Dann kochen Sie doch selber!“, gab Pete zurück und warf dem Rancher die Schürze vor die Füße.

Oha“, murmelte Bodie, der schon auf dem Kutschbock des Wagens saß.

Ach was, wenn ich Pete nicht die Meinung sage, bekommen meine Jungs bald besseres Essen als ich“, sagte Heath, steckte den Zettel in die Westentasche und zog sich in den Sattel.

Arlington ritt vorweg, dahinter Pritchard und ganz zum Schluss Bodie mit dem Wagen.

Sam?“

Der Vormann kam an Arlingtons Seite. „Ja?“

Wie ich sehe habt ihr eure Streitigkeiten beigelegt!“

Nun, ich hänge an meinem Job!“

Heath grinste. „Sam, du bist jetzt seit vier Jahren bei mir Vormann. Du weißt ganz genau, dass ich dich nicht entlassen hätte!“

Ich weiß das schon, aber er nicht!“, lachte Pritchard.

Kurze Zeit später erreichten sie Galveston. Bodie hielt den Wagen direkt vor dem Store. Arlington band seinen Rappen an den Hitchrack und drückte seinem Vormann die Liste und Geld in die Hand. „Hier, besorgt die Sachen und dann treffen wir uns in einer halben Stunde vor dem Saloon.“

Ohne eine Antwort abzuwarten machte er sich dann auf den Weg zum Sheriff‘s Office.

Die Tür stand offen und so ging er ohne zu klopfen hinein. „Morning, John!“

Der Sheriff blickte auf. „Guten Morgen, Heath! Was kann ich für dich tun?“

Noch ehe er antworten konnte gellte ein Schrei durch die Town.

Sofort rannten Arlington und der Sheriff hinaus. Eingehüllt in eine Staubwolke raste die Postkutsche heran, der Fahrer hatte die Tiere nicht mehr unter Kontrolle.

Mit einem Blick erfasste der Rancher die Situation und sprang, die Zähne zusammenbeißend, in den Sattel. Er brachte sein Pferd neben das Gespann, ließ die Zügel los und hockte sich auf den Rücken seines Pferdes. Bodie, Pritchard, der Sheriff und die anderen Bewohner von Galveston, die sich gerade auf der Main Street befanden, sahen fasziniert zu. Ihnen stockte der Atem, als der Rancher von seinem Tier auf eines des Gespannes sprang und schließlich die durchgegangenen Tiere zum Stehen brachte.

Dann half er dem Fahrer, der stark aus einer Schusswunde am Bauch blutete, vom Bock.

Danke, Mister!“, murmelte er.

Schon war auch der Sheriff da und stützte den Mann auf der anderen Seite. „Was ist passiert?“

Wir … wir wurden am Devils Rock überfallen“, presste er mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor.

Kommen Sie, ich bringe Sie erst mal zum Doc und dann können Sie alles zu Protokoll geben!“

Arlington klopfte sich mit seinem Hut den Staub aus der Hose. Erst dann fiel ihm ein, dass eventuell noch jemand in der Kutsche sein könnte. Er öffnete die Tür und bevor er sich versah, lag auch schon eine weinende Frau in seinen Armen. Sie war keinesfalls älter als zwanzig, hatte langes, blondes Haar, braune Augen und trug ein schlichtes, blaues Kleid. Im ersten Augenblick wusste Heath gar nicht, was er tun sollte. „Ma’am! Ma’am, es ist alles in Ordnung! Sie sind in Sicherheit!“, versuchte er sie unsicher zu beruhigen.

Mit tränenverschleierten Augen blickte die junge Frau zu ihm auf.

Arlington strich ihr sanft eine Strähne aus der Stirn. „Sie haben da eine kleine Platzwunde an der Schläfe. Kommen Sie, ich bringe Sie zum Arzt!“ Er legte vorsichtig einen Arm um ihre Hüften und führte sie zur Praxis. Sie stolperte mehr als sie ging.

Pritchard stieß Bodie den Ellenbogen in die Seite. „Komm!“

Zu viert betraten sie daraufhin Doktor Westons Haus, der sich noch immer um den verletzten Fahrer Ben Grisson kümmerte.

George, ich habe hier noch eine Patientin für dich!“

Weston nickte den Männern zu und führte die junge Frau behutsam zu einem Stuhl. „Setzen Sie sich erst einmal. Mmh, das ist nur eine kleine Platzwunde, da ist kein Verband nötig. Ich werde sie säubern und dann sollten Sie sich hinlegen! Aber erst muss ich mich um Grisson kümmern.“

Sie versuchte zu lächeln und nickte. „In Ordnung.“

Heath holte ihr ein Glas Wasser.

Sie nahm es dankbar entgegen und trank. „Vielen Dank, Mister!“

Arlington nickte.

Der Sheriff räusperte sich: „Wenn Sie mir eine Frage gestatten, was tut ein so junges Mädchen wie Sie hier, Miss ...?“

Michaels, Andrea Michaels. Ich bin auf den Weg nach Mexiko, um dort als Lehrerin zu arbeiten“, antwortete sie.

Mexiko?“ Er schob den Hut ein Stück aus der Stirn und kratzt sich am Ohr. „Bis dahin ist es noch ein langer Weg.“

Ja, aber jetzt, ohne Geld … Die Banditen haben alles gestohlen, was ich besaß. Ich besitze keinen einzigen Cent mehr.“

Ein paar Augenblicke herrschte betretenes Schweigen. „Nun, im Saloon werden eigentlich immer Kellnerinnen gesucht“, sagte der Sheriff schließlich.

Bodie warf ihm einen entsetzen Blick zu. „Sie könnte doch mit auf die Ranch kommen! Arlington sucht doch eine Haushälterin“, schlug er vor und wünschte sich zwei Sekunden später er hätte die Klappe gehalten, als er den harten Ellenbogen von Pritchard erneut in die Rippen bekam.

Heath sah zwischen dem Sheriff und Bodie hin und her, holte dann tief Luft und wandte sich wieder an die junge Frau. „Nun, äh, ja, das stimmt. Pete, mein Koch, ist nicht mehr der Jüngste …“, begann er.

Sie lächelte und stand auf. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mister …?

Er blinzelte überrascht, denn er hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass sie das nicht wirklich ernst gemeinte Angebot annehmen würde. Doch nun war es zu spät, und er musste die Suppe, die Bodie ihm eingebrockt hatte auslöffeln, wenn er nicht wie ein Idiot dastehen wollte.

Arlington, Heath Arlington!“

*

 

Auf der Ranch angekommen brachte der Rancher Andreas Koffer in das Gästezimmer. „Ich nehme an, dass Sie sich etwas frisch machen wollen. Bodie bringt Ihnen dafür gleich heißes Wasser.“

Danke, Mister Arlington!“

Einen Moment schien es, als wolle er etwas erwidern. Doch schließlich nickte er nur und schloss die Tür hinter sich.

Andrea ließ sich mit einem Seufzen auf das Bett fallen. Seit Wochen hatte sie schon nicht mehr auf einer richtigen Matratze geschlafen.

Eine halbe Stunde später klopfte Bodie an die Tür. „Ma’am?“

Kommen Sie rein!“

Der Cowboy kam rein und stellte die Schüssel und die Kanne mit dem heißen Wasser auf den kleinen Tisch.

Freundlich lächelte Andrea ihn an. „Danke!“

Bodie nickte. „Gerne, Ma’am! Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie bitte Bescheid!“

Das werde ich.“

Als Bodie die Treppe herunter ging, wartete unten bereits der Rancher auf ihn. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. „Da hast du mir ja was Schönes eingebrockt!“, warf er ihm vor.

Bodie blieb stehen. „Äh …“

Heath schnaubte. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, fuhr er ihn an.

Jim kratzte sich am Hinterkopf. „Naja, Sie haben doch gesagt, dass Sie noch jemanden für den Haushalt brauchen, weil Pete es bald nicht mehr alleine schafft.“

Ja, aber dabei dachte ich bestimmt nicht an eine junge Lehrerin!“

Bodie grinste frech. „Vielleicht kann Sie mehr als lesen und rechnen. Ich finde, diesem Haus fehlt eine weibliche Seele. Ein paar Spitzendeckchen, ein paar Blumen …“

Heath starrte ihn ungläubig an, drehte auf dem Absatz um und ging.

Hui“, murmelte Bodie und fragte sich, ob er gerade in ein Wespennest gestochen hatte.

 

*

 

Es war weit nach Mitternacht, als Andrea Michaels leise die Treppe hinunter zu Küche ging. Sie hatte Durst und wollte sich etwas zu trinken holen.

Kann ich Ihnen helfen?“

Mit einem spitzen Schrei zuckte sie zusammen und fuhr herum, krampfhaft das Tuch um ihre Schultern über dem Nachthemd zusammenhaltend. „Oh, entschuldigen Sie, ich habe nicht gewusst, dass Sie noch wach sind!“

Der Rancher saß nahe am Kamin und hielt ein halbvolles Whiskyglas in den Händen. Er hatte nicht schlafen können und es sich deshalb mit einem Buch im Wohnzimmer gemütlich gemacht.

Jetzt stellte er das Glas zur Seite und stand auf. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

Zum ersten Mal konnte Andrea ihn in Ruhe betrachten. Er war groß, hatte breite Schultern, schwarze Haare und hellblaue Augen.

Verzeihen Sie mein Verhalten von heute Morgen“, sagte er.

Beim Klang einer Stimme überlief Andrea ein wohliger Schauer. Sie war sanft und von einem tiefen Timbre geprägt.

Sie sind natürlich herzlich willkommen auf meiner Ranch. Mögen Sie sich setzen und mir erzählen, was passiert ist? Ich meine, was genau eine junge Frau wie Sie ausgerechnet nach Mexiko treibt.“

Ja, sicher“, sie nahm auf dem Sofa Platz und legte die Wohnzimmerdecke über ihren Schoss. „Meine Eltern … Sie starben vor etwa einem Jahr an Typhus. Sie hinterließen mir eine kleine Farm nahe dem kleinen Städtchen Wichita Falls in Oklahoma. Aber der Sommer war so trocken, dass sie nichts abwarf und so musste ich sie verkaufen. Mit dem Geld, das ich dafür bekam wollte ich nach Mexiko, um dort als Lehrerin zu arbeiten. So wie meine Tante. Doch kurz vor Galveston wurde die Kutsche von zwei Banditen überfallen, die sowohl die Geldkiste, als auch meinen Schmuck und meine Ersparnisse stahlen.“

Heath nickte verstehend. Sie war nunmehr tatsächlich völlig mittellos. „Sheriff Kane wird alles tun, um diese Männer zu finden.“

Sie senkte den Blick. Wusste offenbar, wie niedrig die Chancen waren, dass sie ihr Geld wiederbekam.

Eine peinliche Stille trat ein.

Arlington verspürte das seltsame Bedürfnis sie an sich zu ziehen und zu küssen. Es war Jahre her, dass er das Bett mit einer Frau geteilt hatte.

Doch er widerstand der Versuchung. Schließlich sollte sie für ihn arbeiten.

Auch Andrea wünschte sich nichts sehnlicher, als von ihm in die Arme genommen und getröstet zu werden. Eine Brust, an die sie sich lehnen konnte. Jemand, der ihr sagte, dass alles wieder gut werden würde.

Verlegen blickte Heath auf die Uhr. „Es ist spät, Ma’am. Sie sollten wieder auf Ihr Zimmer gehen. Pete ruft Sie dann zum Frühstück!“

Andrea nickte und stand auf. Sie hatte ganz vergessen, weshalb sie eigentlich heruntergekommen war.

 

*

 

Pete war zuerst gar nicht davon begeistert, dass eine Frau ihm in der Küche helfen sollte. Erst der Apfelkuchen, den Andrea ihm unter die Nase hielt, konnte ihn überzeugen. Von da an war Andrea aus der Küche nicht mehr wegzudenken.

Auch wenn Arlington es nicht zugeben wollte, Andrea‘s Anwesenheit auf der Ranch gefiel ihm. Nicht nur, dass sie ihn und die Männer mit ihren Kuchen verwöhnte und Hemden und Hosen flickte. Nein, Heath freute sich darauf, abends nach Hause zu kommen. Doch wirklich glücklich war er nicht. Wusste er doch, dass sie wieder abreisen würde, wenn der Sheriff die Banditen gefangen und ihr Geld zurückgebracht hatte oder sie irgendwo eine Anstellung als Lehrerin erhielt.

Nach zwei Tagen stellte Sheriff Kane die Suche ein. Er hatte weder genügend Männer noch genug Zeit dafür. Außerdem war er ein schlechter Spurenleser.

Heath überbrachte Andrea die Nachricht am Abend, als sie zusammen im Wohnzimmer waren.

Es tut mir leid, Andrea!“

Seufzend ließ sich die junge Frau auf das Sofa fallen. Ihre Hände hatten sich in ihrer Schürze verkrampft. „Oh, Mister Arlington, was soll ich denn nun tun?“

Ich … Nun, wenn Sie möchten, mache ich mich auf die Suche, wenn Ihnen so viel darin liegt. Wenn Sie allerdings auf jeden Fall weiter nach Mexiko wollen, so kann ich Ihnen auch gerne etwas Geld leihen.“

Es geht mir nicht um das Geld, sondern um Gerechtigkeit! Und … und um den Familienschmuck.“

Heath verstand zwar nicht, wie man sein Herz so an Gold und Silber hängen konnte, aber wenn es ihr so wichtig war …

In Ordnung. Ich werde morgen früh aufbrechen. Machen Sie sich keine Sorgen, die Jungs sind zwar rau, aber Sam wird dafür sorgen, dass Ihnen hier niemand etwas tun wird.“

Ich danke Ihnen, Mister Arlington.“

 

*

 

Arlington übergab seinem Vormann Pritchard die Verantwortung für die Ranch und machte sich bei Sonnenaufgang auf. Es dauerte, bis er die Spur gefunden hatte. Sie war alt, aber noch zu gebrauchen, so dass er daraus lesen konnte, dass es sich um zwei Männer handelte, die in Richtung Süden unterwegs waren. Vermutlich wollten sie rüber nach Mexiko. Müde wischte sich Arlington den Schweiß von der Stirn. Dann nahm er seine Wasserflasche und trank einen Schluck. Er hatte Andrea versprochen diese Banditen zu fassen und nach Galveston vor den Richter zu bringen. Ein Mann gegen zwei.

Erst kurz vor Sonnenuntergang schlug er sein Lager auf. Das Feuer war niedrig und rauchte kaum. Man konnte es also nur aus geringer Entfernung oder als guter Beobachter erkennen. Oder mit einer Menge Glück.

Als Heath das Knacken im Unterholz hörte, schnappte er sich seine Winchester und verschwand aus dem Schein des Feuers.

Der Reiter versteifte sich, als er das Durchladen des Gewehres hörte. „Arlington, sind Sie hier?“

Beim Klang der Stimme seufzte Heath. Dann legte er das Gewehr an und schoss. Die Kugel schlug nur wenige Zentimeter vor Bodies Pferd ein. Das Tier stieg auf. Während Jim es zu bändigen versuchte, kam Heath hervor. „Hätte ich höher gezielt, wärest du jetzt tot!“, fuhr er ihn wütend an.

Was ist das für eine Art seine Freunde zu begrüßen?“, entrüstete sich der Cowboy.

Anscheinend die einzige, die du verstehst. Was willst du?“, er lehnte die Waffe an einen Baum.

Was wohl? Helfen natürlich“, antwortete Bodie und stieg vom Pferd. „Oder glauben Sie, Sie schaffen das allein?“

Du vergisst, dass ich einmal Gunfighter war! Außerdem wird auf der Ranch jede Hand gebraucht! Bald geht der Trail nach Abilene los! Also schwing dich wieder in den Sattel und verschwinde!“

Das werde ich nicht!“ Er zog zwei Zettel hervor. „Ich habe vom Sheriff diese Steckbriefe bekommen. Das müssten die gesuchten Männer sein, wenn die Beschreibung von Miss Michaels stimmt. Shawn Boone und David Lawson. Sie werden in drei Staaten wegen Raubmordes gesucht. Die Belohnung beträgt 1.000 Dollar. Für jeden.“

Das war ein Befehl! Befolge ihn oder du bist deinen Job los. Ich brauche keinen Revolverhelden an meiner Seite!“

Doch Bodie ging gar nicht darauf ein. Wortlos sattelte er sein Tier ab.

Wütend packte Arlington ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich herum. „Hör zu, Jim! Ich habe die Missachtung meiner Befehle einmal toleriert, ein zweites Mal werde ich das nicht tun. Verstanden?“

Doch in den Mundwinkeln des Cowboys zeigte sich nur ein spöttisches Grinsen. Heath verlor die Geduld und schlug zu. Sein Gegenüber wich dem Schlag nicht aus. Mit funkelnden Augen sah er den Rancher nur stumm an. Arlington hatte einen ganz schönen Schlag! Mit dem Handrücken wischte Bodie sich das Blut aus dem Mundwinkel. Er wusste jetzt, wie weit er bei Arlington gehen konnte. „Das wagen Sie einmal und nie wieder!“, seine Stimme war leise, doch Heath wusste, welche Gefährlichkeit gerade darin lag.

Dann haben wir die Fronten ja geklärt!“ Arlington gab nach und ließ sich am Feuer nieder.

Bodie tat es ihm gleich und griff nach der Kaffeekanne.

Pritchard weiß, dass ich ein Revolverheld war, aber er hat keine Ahnung von Ihrer Vergangenheit, oder?“, fragte er schließlich.

Arlington kochte noch immer vor Wut über Bodies Respektlosigkeit. „Niemand auf der Ranch weiß es, vielleicht ahnen es einige, aber ich habe es keinem erzählt. Sam ist loyal. Er ist ein guter Vormann. Doch ich weiß nicht, ob er noch zu mir halten würde, wenn er die Wahrheit wüsste. Er hat nicht viel für Revolverhelden übrig.“

Und Sie haben Angst, dass Andrea geht, wenn sie erfährt, dass Sie ein Gunfighter waren?“

Was geht dich das an?“

Sagen Sie ihr deshalb nicht, dass Sie sich in sie verliebt haben?“

Heath antwortete nicht. War es so offensichtlich? Er hatte lange gebraucht, um es überhaupt sich eingestehen zu können.

Der Cowboy grinste, schüttete den Rest Kaffee weg und machte es sich dann so bequem wie möglich. Schon halb im Schlaf murmelte er: „Sie sollten es ihr sagen. Bevor ein anderer Mann sie sich schnappt. Oder bevor sie geht.“

Arlingtons Herz schlug schneller. Bodie hatte Recht, verdammt Recht sogar.

 

 

Schon vor Sonnenaufgang war Heath auf den Beinen. „Hey!“, er trat gegen Bodies Sattel, der diesem als Kissen diente. „Wenn du mit willst, steh auf. Ich reite in einer halben Stunde los.“

Wie kommt dieser plötzliche Sinneswandel?“, erkundigte sich Jim und hielt nach dem Frühstück Ausschau. Er war es nicht mehr gewohnt auf der harten Erde zu schlafen. Sein Rücken tat ihm weh und seine Glieder waren steif.

Du folgst mir so oder so. Und ich habe dich lieber im Auge als im Rücken. Beeil dich!“

 

*

 

Am nächsten Tag schnappten sie tatsächlich die zwei Banditen.

Der Rancher richtete seine Waffe auf Boone. Er war drauf und dran abzudrücken.

Arlington!“

Heath sah aus dem Augenwinkel Bodie mit dem gefesselten Lawson kommen.

Tun Sie es nicht! Er ist es nicht wert!“

Doch der Rancher hielt noch immer die Mündung direkt auf Boones Stirn gerichtet. Sein alter Jagdinstinkt war in ihm erwacht und würde nur Befriedigung finden, wenn er diesen Mann tötete. Das Adrenalin strömte durch seine Adern, jede Faser seines Körpers war angespannt.

Das ist Mord! Was Sie vorhaben ist glatter Mord!“, fauchte Boone.

Wo ist das Geld, das ihr gestohlen habt?“, fragte Heath.

Der Bandit grinste spöttisch. „Weg!“

Was heißt weg? Raus mit der Sprache!“

Bodie war sich nicht sicher, ob Arlington nicht doch gleich abdrücken würde. Noch nie hatte er den Rancher so angespannt gesehen.

Wir haben es verspielt, es war nicht viel.“

Der Rancher kam einen Schritt näher, stand jetzt wenige Zentimeter vor ihm. Langsam hob er den Revolver - und schlug zu. Dann ließ er die Waffe wieder ins Holster gleiten. „Fessle ihn, Jim. Aber so, dass er keinen einzigen Finger rühren kann!“

In Ordnung.“

Heaths blaue Augen sahen Bodie durchdringend an. „Stell dich mir nie wieder in den Weg, Jim!“ Er bückte sich, hob seinen Hut auf und klopfte sich damit den Staub aus der Kleidung.

Bis zum Abend ritten sie schweigend. Arlington bestimmte einen Rastplatz, entfachte ein Feuer, kochte Kaffee und machte was zu essen, während Bodie auf die beiden Gefangenen aufpasste. Boone und Lawsen hatten sich, gefesselt wie sie waren, unter ihre Decken verkrochen. Hier draußen in der Steppe konnte es verdammt kalt werden.

Der Rancher saß nahe dem Feuer, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt. „Ich übernehme die Wache, Jim.“

Langsam trank Bodie einen Schluck Kaffee. „Wie Sie wollen.“ Er hatte Arlingtons Drohung verstanden. Wenn es sein musste, ging der ehemalige Gunfighter über Leichen. Auch über seine.

 

*

 

Mitten in der Nacht schreckte Arlington hoch. Die Jagd hatte ihn angestrengt und so war er tatsächlich kurz eingenickt. Sofort war er auf den Beinen. Boone hatte seine Fesseln gelöst und war, mit einem Messer bewaffnet, ebenfalls gerade aufgesprungen. Anstatt sich ein Pferd zu schnappen und abzuhauen, ging er leicht in die Knie, taxierte kurz sein Gegenüber und griff dann an. Geschickt wich Arlington dem Messerhieb aus. Gerade als er zu seinem Revolver greifen wollte, brach das Chaos aus. Die Pferde der Banditen hatten sich losgerissen und galoppierten durch das Lager. Das wiederum gab Boone die Gelegenheit zu Arlingtons Gewehr zu greifen, das neben dem Rancher am Baumstamm gelehnt war. Heath ließ sich im letzten Moment fallen. Die Kugel schlug nur wenige Zentimeter neben ihm ein. Vom Bodie konnte der Rancher keine Hilfe erwarten. Der hatte mit Lawson zu tun. Noch während sich Arlington zur Seite rollte, um dem nächsten Schuss auszuweichen, zog er seinen Revolver. Laut krachend hallte der Schuss durch die Nacht. Mit einem Schmerzensschrei ließ Shawn Boone das Gewehr fallen. Er stand noch einen Augenblick taumelnd da, dann krachte er zu Boden. Ohne sich davon zu überzeugen, dass der Bandit tot war, eilte Heath Bodie zu Hilfe. Kurze Zeit später hatten sie ihn wieder gefesselt und diesmal, ohne fündig zu werden, auch nach weiteren Waffen durchsucht.

Verbittert warf Arlington einen Blick auf den Toten. Wenn er besser aufgepasst hätte, wäre es nicht so weit gekommen. Seufzend lud er seinen Revolver nach.

 

*

 

Bald darauf später erreichten sie Galveston. Dort übergaben sie Sheriff Kane den Gefangenen. Der sperrte ihn in eine Zelle und nahm das Protokoll auf.

Tja, dann wäre der Fall wohl geklärt. Bloß schade, dass das Geld weg ist“, meinte er nebenbei.

Wann kommt der Richter wieder hierher, John?“

Oh, ich fürchte, das dauert noch eine Weile, vielleicht in zwei Monaten.“

Mmh.“

Was ist mit der Belohnung?“

Die werde ich Miss Michaels geben.“

In Ordnung. Ich werde dir ein Schreiben aufsetzen, dann kannst du dir das Geld von der Bank holen.“

Danke, John.“

 

*

 

Pritchard war erleichtert, als er die beiden Reiter erkannte, die sich der Ranch näherten. Müde glitt Arlington aus dem Sattel. Sam nahm die Zügel der Pferde. „Schön, dass Sie wieder hier sind, Boss!“

Danke, Sam. Alles in Ordnung?“

Natürlich, Boss.“

Gut, dann sag Pete Bescheid, er soll uns was zu essen machen.“

Der Vormann nickte.

Arlington straffte seine Schultern und ging ins Haus. Andrea war gerade dabei abzuwaschen.

Miss Michaels?“

Oh, Mister Arlington, ich habe Sie gar nicht kommen hören!“, sie lächelte und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Heath nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit der Hand nervös durch das Haar.

Andrea bemerkte es und ihre Miene verfinsterte sich. „Sie bringen keine guten Nachrichten, oder?“

Nein. Bodie und ich haben die zwei Banditen gefangen, aber Ihr Geld ist weg. Die beiden haben es verspielt. Ich konnte Ihnen nur Ihren Schmuck mitbringen.“ Er reichte ihr den kleinen Beutel.

Andrea wurde bleich. Sie nahm den Schmuck, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich erst mal.

Es tut mir leid, Ma’am. Aber ich habe das hier für Sie!“ Arlington kramte aus seiner Westentasche ein Bündel Geldscheine hervor.

Was ist das?“

2.000 Dollar. Es war ein Kopfgeld auf die Banditen ausgesetzt!“

Blutgeld?“ Die junge Frau schüttelte angewidert den Kopf. „Nein, Mister Arlington, das will ich nicht.“

Heath holte tief Luft und steckte das Geld wieder ein. „Wie Sie wollen. Leider wird es noch eine Weile dauern, bis der Bezirksrichter hier ist und die Verhandlung eröffnet werden kann. Ich fürchte, Sie werden um eine Aussage nicht rumkommen, damit Lawson ins Gefängnis wandert.“

Sie nickte verstehend. „Und was ist mit dem anderen?“

Den habe ich erschossen!“, antwortete der Rancher ruhig.

Entsetzt starrte Andrea ihn an. „Aber … warum?“

Es gab eine Schießerei, ich habe ihn in Notwehr getötet.“

Und Sie sind ihm meinetwegen nachgeritten …“

Miss Michaels“, Arlington berührte sie sanft an der Schulter. „Das ist ein raues Land. Solche Dinge passieren. Sie können selbstverständlich bis zur Gerichtsverhandlung hier bleiben. Was Sie danach tun möchten, überlasse ich ganz Ihnen. Ich muss jetzt zu meinen Leuten, wir müssen nächste Woche eine Herde nach Abilene treiben. Bis heute Abend.“

Er setzte seinen Hut wieder auf und ging.

Andrea blieb noch eine ganze Weile am Küchentisch sitzen und starrte aus dem Fenster. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn gebeten hatte, die Banditen zu jagen und dabei war er gezwungen worden einen Mann zu töten.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905120
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339354
Schlagworte
gunfighter bodie

Autor

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Titel: Ein Gunfighter namens Bodie