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Lene und die drei Mütter

Kriminalroman

2016 111 Seiten

Leseprobe

Lene und die drei Mütter

 

 

Kriminalroman

 

HORST BIEBER

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: pixabay & Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 



Klappentext:

Laura Kuhlmann, noch nicht zwei Jahre alt, wird entführt. Von ihr gibt es nie wieder ein Lebenszeichen, kein Entführer meldet sich mit einer Forderung. Rund siebzehn Jahre später wird eine Leiche gefunden, die als Laura Kuhlmann identifiziert werden kann. Allerdings hat ein Ehepaar vor drei Jahren seine Tochter Laura als verschwunden gemeldet und behauptet nun, bei der Leiche handele es sich um seine Tochter.

Die Hauptkommissarin Lene Schelm beginnt zu ermitteln, und bei den
Ermittlungen trifft sie auf eine dritte Frau, die behauptet, die leibliche Mutter der entführten Laura Kuhlmann zu sein. Sobald sich Lene mit Lauras Erzeuger in Verbindung setzt, beginnt eine Reihe rätselhafter Attacken auf die Kommissarin...

 

 

 

Personen

 

Jutta Kuhlmann (31): Studentin in Tellheim

 

Vera Kuhlmann (31): Juttas eineiige Zwillingsschwester, Jura-Referendarin in der Tellheimer Staatsanwaltschaft

 

Dieter (recte: Arndt-Dietrich) Möller (33): Millionärserbe der LunTex , Freund von Jutta Kuhlmann, davor Freund von Vera Kuhlmann, Schürzenjäger, tritt in der Rolle des kleinen, schlecht bezahlten Angestellten Dieter Möller auf, unter anderem auch aus Sicherheitsgründen nach der Oetker-Entführung 1976

 

Laura Kuhlmann (noch nicht 2): Tochter von Jutta Kuhlmann und Dieter Möller, beim Standesamt als Vater eingetragen: Dieter Möller

 

Uwe Randseck (34): Früherer Kommilitone und Freund von Vera Kuhlmann, die er schwängerte. Sie verliert das Kind im vierten Monat. Er gerät auf die schiefe Bahn, ist jetzt als Lagerarbeiter bei der LunTex angestellt und betreibt nebenbei krumme Geschäfte.

 

Evelyn Randseck, geborene Brenner (33): Uwes Ehefrau

 

Brenda Horn: Verlobte von Dieter Möller, wird erschossen aufgefunden

 

Marlene (Lene) Schelm (43): Erste KHK im Tellheimer Referat R - 11

 

Ellen König (38): KHK und Lenes Vertreterin

 

Jule Springer (33): KOK im Tellheimer Referat R – 11

 

Nadine Golowski (45): Rechtsmedizinerin

 

Paul Hase : Staatsanwalt in Tellheim

 

Kurt Grembowski : KHK, Leiter der Abteilung Vermisste, R – 7

 

 

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

Prolog

 

Marlene Schelm hatte nie systematisch Tagebuch geführt. Erst als sie zur Ersten Hauptkommissarin im Tellheimer R – 11 bestellt worden war, folgte sie dem Rat ihrer Vorgängerin, sich besonders knifflige oder komplizierte oder unklare Fälle aufzuschreiben, teils mit der Hand, bis die auch für sie unleserlich geworden war, dann auf dem Computer. Jahrelang fristeten die Aufzeichnungen und Ausdrucke in mehreren schmalen Aktenordnern ein kaum beachtetes Keller-Dasein neben dem Regal mit dem Burgunder. Erst als Freund Jochen häufiger bohrte: „Was waren denn nun deine verwickeltsten Fälle? Erzähl doch mal!“ nahm sich sich die Ordner gelegentlich vor. Einer dieser Fälle firmierte bei ihr unter der Kurzbezeichnung „Laura“.

 

 

Erstes Kapitel

 

Die junge Frau heulte und schluchzte, als wolle sie nie wieder aufhören: „Ich schwöre Ihnen, ich habe die ganze Zeit in dem Sessel da gesessen, gelesen und auf meine Nichte aufgepasst. Laura hat da gespielt, wo noch die ganzen Spielsachen und Bauklötze herumliegen.“

Lene Schelm musterte sie aufmerksam und unruhig: „Das scheint in diesem Moment eine sehr alberne Frage zu sein, Frau Kuhlmann. Kennen wir uns von irgendwoher? Haben wir uns schon einmal gesehen?“

Das ist gut möglich, Frau Schelm. Ich bin zur Zeit als Referendarin in der Staatsanwaltschaft Tellheim tätig.“

Richtig“, sagte Lene erleichtert. „Und Paul Hase ist Ihr Mentor?“

Paul Hase lebte mit Lenes Kollegin Jule Springer zusammen.

Genau.“

Ja; dann erzählen Sie bitte einmal, was geschehen ist.“

Ich habe da gesessen und die Akte gelesen.“

Passen Sie regelmäßig auf ihre Nichte auf?“

Nein. Jutta hat mich gestern angerufen. Sie hat einen wichtigen Gesprächstermin bei ihrem Prof und die Babysitterin, die sonst auf Laura aufpasst, muss ausgerechnet heute zu einer Biopsie in die Uniklinik. Ich habe Staatsanwalt Hase angerufen und er hat mir sozusagen für den Vormittag freigegeben. Laura hat brav mit ihren Bauklötzen gespielt und auf einmal angefangen, laut zu schreien, so, als wolle man sie umbringen. Ich wollte sehen, was denn sei, und da hat sie mir ihren Zeigefinger hingestreckt, an dem ein Blutstropfen herunterlief.“

Ein Blutstropfen?“

Ja, ich habe mir das Teil später angesehen, an dem Laura sich geschnitten hatte. Irgendjemand hatte die abgerissene Lasche einer Getränkedose dort hingeworfen, und Laura hatte sich daran geschnitten. Weil sie schrie wie am Spieß, bin ich für ein paar Sekunden ins Haus gelaufen und habe Pflaster und Salbe aus dem Kinderzimmer geholt. Als ich zurückkam, war Laura verschwunden. Natürlich habe ich sie sofort überall im Garten gesucht, aber nichts von ihr entdeckt. Auch nichts gehört, kein Rufen, kein Weinen.“

Das kleine Körbchen mit Pflaster und Desinfektionsspray stand neben der Akte auf dem Tisch, an dem sie gesessen hatte. Vor dem Sessel lag auch ihr Handy.

Als das Wort „Entführung“ gefallen war, hatte Lene sofort

Alarm geschlagen. Im Moment rollte der ganz große Einsatz, pausenlos fuhren Wagen vor, stiegen Polizisten aus, Hunde bellten und nahmen Witterung auf. Es gab neue Fotos von Laura Kuhlmann, die allerdings noch wenig ausgeprägt individuelle Züge und Merkmale zeigten, hilfreicher war dagegen, dass Vera Kuhlmann die Kleidung des kleinen Mädchens sehr genau beschreiben konnte, und dass die eineinhalbjährige Kleine danach farblich sehr auffällige Sachen trug. Fotos und Beschreibung wurden auf einem mitgebrachten Kopierer vervielfältigt, und während Lene Schelm sich mit Vera Kuhlmann unterhielt, hatte eine große Such- und Befragungsaktion rund um den Bungalow Meisenweg 9 begonnen. Nein, von Feinden oder Drohungen gegen die Schwester Jutta und deren Freund Dieter Möller war Vera Kuhlmann nichts bekannt. Rache? Weswegen denn? Auffällige Fremde im Meisenweg? Davon hatte Jutta ihrer Schwester Vera, die im weit entfernten Stadtteil Fünfkirchen wohnte und nur zu Besuch in den Meisenweg kam, nichts erzählt. Eine Entführung, um ein Lösegeld zu erpressen? „Da hätte sich der Täter ein besser geeignetes Opfer aussuchen müssen. Bei Dieter Möller und Jutta Kuhlmann ist nichts zu holen.“

Lene zog die Augenbrauen hoch: „Wenn ich mir den Bungalow und das Grundstück ansehe... in dieser Lage...“

Gehört den beiden nicht. Der Eigentümer macht ein Praktikum im Ausland. Meine Schwester und ihr Freund hüten sozusagen nur das Haus. Bis Mitte nächsten Jahres wahrscheinlich.“

Etwa eine Stunde später kam Jutta Kuhlmann aus der Uni zurück und strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Prof hatte ihr ein Stipendium besorgen können, mit einem sehr ansehnlichen Budget für Recherche-Reisen. Die Freude verflog im Nu, als sie erfuhr, was das Polizeiaufgebot im Viertel und in ihrem Haus zu bedeuten hatte. Lene fiel auf, dass Jutta Kuhlmann ihrer Schwester Vera keine Vorwürfe machte und mit anderen Worten alle Aussagen ihrer Schwester bestätigte. Lösegeld? - lächerlich. Feinde, Rache? - albern. Die äußere Ähnlichkeit der Zwillinge Vera und Jutta war so verblüffend wie ihre charakterlichen und Temperaments-Unterschiede: Vera, ein eher kühler, ernster und mit sich und andern eher strenger, seriöser Typ – Jutta, das verspielte Weibchen und sexy Schmusekätzchen.

Lene beobachtete sie scharf, Jutta Kuhlmann war ehrlich erschüttert, und auch Dieter Möller, der wenig später von der Arbeit bei der Firma LunTex kam, begann zu weinen. Lene verständigte sich mit ihrer Vertreterin, der Hauptkommissarin Ellen König. Nein, hier wurde kein Theater gespielt.

Nur eines versteh' ich nicht“, sagte Lene, als sie gehen wollte. „Als Sie ins Haus losliefen, um Pflaster und Salbe zu holen, schrie Laura nach Ihren Worten 'wie am Spieß'. Sekunden später war nichts mehr von ihr zu hören. Hätte sie sich denn von Fremden hochnehmen und wegtragen lassen, ohne laut zu brüllen?“

Das verstehe ich auch nicht“, sagten Jutta und Vera Kuhlmann und Dieter Möller fast gleichzeitig verblüfft.

Aber Sie sind wirklich nur zehn, zwanzig Sekunden von der Veranda weg gewesen?“

Bestimmt. Keine halbe Minute.“

Merkwürdig.“ Lene ging und traf vor dem Bungalow mit Ellen König, Jule Springer und Kurt Grembowski zusammen. Alle drei schüttelten die Köpfe. Nichts, keine Spur, keine vernünftige Zeugenaussage, die ihnen weiterhelfen konnte. Kein Verdächtiger, der erste „Angriff“ war gescheitert. Nun begann die Routine.

 

Tage und Wochen vergingen, es geschah nichts, kein Anruf, keine Forderungen, keine Spur, kein Hinweis, wo Laura Kuhlmann-Möller stecken mochte. Auch die Öffentlichkeitsfahndung erbrachte nichts und auch xy-ungelöst blieb erfolglos. Sie durchforschten diskret in allen Einzelheiten die Lebensumstände der Beteiligten nach dem Verschwinden des Kindes. Dann musste Lene den bitteren Gang antreten und den Schwestern Vera und Jutta Kuhlmann erklären, dass die aktive Suche nach Laura eingestellt würde. Sie konnten jetzt nur noch hoffen, dass sie eines Tages ein Mädchen aufgriffen oder fanden, von dem sie wussten: Das ist Laura Kuhlmann, als Eineinhalbjährige aus dem Bungalow Meisenweg 9 in Tellheim spurlos verschwunden, wahrscheinlich entführt.

Dazu brauchen wir allerdings eine DNA-Probe von Laura.“

Moment.“ Möller stand auf und verließ das Zimmer, kam aber schnell mit einem dünnen braunen Päckchen zurück. Verwundert las Lene den Aufdruck des Absenders: Humangenetisches Institut der Universität.

Was ist das?“, fragte sie argwöhnisch.

Möller antwortete ohne Zögern. „In meiner Familie ist ein Fall von Mukoviszidose aufgetreten. Jutta, Laura und ich haben uns daraufhin genetisch untersucht lassen, ob wir das auslösende Gen besitzen. Gott sei Dank nein.“

Kann ich die Unterlagen mitnehmen?“

Bitte, ja.“ Lene brachten den Umschlag zum Kollegen Grem, der das Ergebnis in die bundesweite Fahndungsliste für Vermisstenfälle aufnehmen ließ. Und Lene ließ sich um x-ten Mal von Nadine Golowski, ihrer Freundin und Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, erklären, was autosomal, dominant und doppelt rezessiv, homozygot und heterozygot bedeutete. Und vergaß es gleich wieder zum x-ten Mal.

 

 

Zweites Kapitel

 

Es nieselte unangenehm kräftig und über die Felder fegte ein sehr kühler Wind, zu kalt für die Jahreszeit. Der asphaltierte Wirtschaftsweg war nass und auf den Feldern stand das Wasser in großen Pfützen. Die in weiße Overalls gekleideten Spurensicherer hatte das Auto schon durchsucht und war nun bereit, mit dem äußerlich unbeschädigten Wagen in die Kriminaltechnik abzurücken; der Transporter wartete schon. Die Frauenleiche lag sieben bis acht Meter vor dem Auto auf dem Rücken, mit einer grünen Plane abgedeckt.

Wissen wir, wer sie ist?“, fragte Marlene Schelm, Erste Hauptkommissarin im Referat 11 – Mord, Totschlag und gewaltsame Entführung oder Freiheitsberaubung.

Seidel, Leiter der Spurensicherung, konnte Auskunft geben: „Sie hat im Portemonnaie Kreditkarten der Leininger Agrarbank auf den Namen Brenda Horn.“

Und die Todesursache, verehrter Medizinmann?“

Lene Schelm konnte Dr. Rupp nicht besonders leiden, was der aus ganzem Herzen erwiderte. „Kopfschuss aus größerer Entfernung. Eintritt des Projektils an der linken Schläfe, Austritt unter den Haaren nicht sichtbar. Kann sein, dass die Kugel noch im Gehirn steckt. Tod vor schätzungsweise sieben Stunden.“

Also am Vormittag gegen zehn Uhr.“

Anzunehmen, ja.“

Das Opfer hatte aus irgendeinem Grund den Wagen verlassen; die Glasscheibe in der linken Tür war unbeschädigt. Ein Raubmord war es wohl nicht, im Portemonnaie steckten neben den Kreditkarten fast 500 Euro in bar; der Brillantring und die goldene Armbanduhr hatten zusammen bestimmt mehr gekostet als die meisten Männer und Frauen, die wegen der Leiche nach Solgen, am Stadtrand von Tellheim, ausgerückt waren, im ganzen Jahr verdienten.

Jule Springer, Oberkommissarin im R – 11, klapperte mit den Zähnen. „Warum musste sie hier sterben und nicht hundert Meter weiter? Mirlenbach gehört schon nicht mehr zu unserem Amtsbezirk.“ Das vom Regen blank gewaschene Ortseingangsschild Mirlenbach war von hier aus gut zu sehen. Auch Lene schauderte unter den kalten Böen und war froh, als sie einpacken und in den Krötengraben, ins Präsidium, losfahren konnten. Lenes Stellvertreterin Ellen König war ihnen voraus in die Stadt gefahren, um sich bei einer Filiale der Leininger Agrarbank zu erkundigen. Sie traf eine Viertelstunde später ein und stürzte sich auf die Thermoskanne mit Kaffee. „Brenda Horn, sie besitzt eine Boutique und Modelagentur Lola in der Weizengasse. Wohnung am Fürstenpark 19. Ihre Eltern leben noch am Ulanenhügel 10.“

Kommissarin Sigrid Bauer, die Jüngste im R – 11, bot sich freiwillig an, mit Lene Schelm zu den Eltern zu fahren.

Das Haus, eine große, ältere, aber aufwendig renovierte Villa verriet Geld, ebenso der große und gepflegte Vorgarten. Nach dem Klingeln öffnete eine Hausangestellte: „Ja, die Familie Horn ist da. Aber beide sitzen noch beim Frühstück.“

Fragen Sie bitte trotzdem nach, ob Herr und Frau Horn Zeit für uns haben.“

Wie waren noch mal Ihre Namen?“

Lene war nahe daran, die Geduld zu verlieren: „Sagen Sie nur, Kriminalpolizei, Mordkommission.“

Die junge Frau zuckte zusammen und verschwand umgehend mit einem Gesicht, als stünden nicht die Mordaufklärer, sondern ein Paar Serientäter vor ihr.

Das Frühstückszimmer schien aus einem Kitschfilm entnommen und nachgebaut zu sein, war sehr groß und hell, und der Blick in den Garten durch das große Blumenfenster war traumhaft und neiderregend. Das Ehepaar, beide in den Sechzigern, schaute ihnen erstaunt und beunruhigt entgegen. Lene stellte sich vor und machte es kurz: „Ich fürchte, ich habe eine sehr schlimme Nachricht für Sie.“

Wollen Sie nicht Platz nehmen?“, bot er höflich an.

Nein, vielen Dank. Die Polizei hat heute morgen auf der Landstraße nach Guntersburg die Leiche einer jungen Frau entdeckt. In ihrem Portemonnaie haben wir Kreditkarten mit dem Namen Brenda Horn gefunden.“

Auf der Landstraße? Ein Unfall?“

Nein“, antwortete Sigrid Bauer, bevor Lene sie daran hindern konnte. „Die junge Frau war aus dem Auto ausgestiegen und ist aus größerer Entfernung wahrscheinlich mit einem Gewehr erschossen worden.“ Die Kollegin Bauer würde ihre Armbanduhr mit einem Vorschlaghammer reparieren wollen.

Das zu Tode erschrockene Ehepaar Horn gab dennoch präzise Auskünfte. Die einzige Tochter Brenda hatte die Nacht nicht in diesem Haus verbracht, sondern bei dem Mann, den sie im nächsten Monat heiraten wollte: Dieter Möller, Parkallee 44. Was sie in Guntersburg oder auf den Lantener Höhen erledigen wollte, wussten die Eltern nicht, versprachen aber, sich zu erkundigen.

Lene lehnte das Angebot des Seniors ab, Möller zu informieren. „So was gehört leider zu den unangenehmen Pflichten unseres Berufes“, sagte sie etwas gestelzt. In Wahrheit wollte sie Möllers Reaktion mit eigenen Augen sehen, wenn er die Todesnachricht erfuhr.

Jetzt weiß ich auch wieder, woher ich den Namen Horn kenne“, sagte Sigrid Bauer unbefangen. „Aus einer riesigen Verlobungsanzeige in allen Tellheimer Zeitungen. Arndt-Dietrich Möller – Brenda Horn. Wir haben uns verlobt. Parkallee 44 und Fürstenpark 19. Ich glaube, die Verlobungsanzeigen haben mehr gekostet, als sich die meisten Brauteltern für die Hochzeit der Tochter leisten können.“

Sigrid Bauer war nicht verheiratet und auch nicht verlobt. Und mit ihrer kratzbürstigen, groben, teils schon aggressiven Art, die ihre Chefin Lene gar nicht schätzte, würde beides wohl noch auf sich warten lassen.

 

Doch zum persönlichen Augenschein kam es nicht. Der stämmige, gut aussehende Mann, der ihr die Tür zur Villa Parkallee 44 öffnete, hatte vor kurzem geweint und wischte sich noch die Augen. Außerdem starrten er und Lene sich sprachlos an, und Lene schaltete schneller: „So sieht man sich wieder, Herr Möller.“

Guten Tag, Frau Schelm. Was Neues von der entführten Laura?“

Leider nein. Nur was Schreckliches von Brenda Horn.“

Ja, ich weiß, die Horns haben mich schon angerufen.“

Das „mich“ verwunderte sie ein wenig, und jetzt schaltete er sofort. „Jutta Kuhlmann hat mich schon vor einigen Jahren verlassen. Wir hatten sehr lange vergeblich auf ein Lebenszeichen von Laura gewartet. Dann habe ich eines Morgens auf dem Frühstückstisch einen Zettel von Jutta entdeckt: „Lieber Dieter, Jutta hat ihren Romeo gefunden, ich verlasse dich. Bitte suche mich nicht, ich komme nicht mehr zu dir zurück, alles Gute, Deine Jutta.

PS. Ich werde Kontakt mit meiner Schwester Vera halten, und wenn einer von euch was von oder über Laura hört, informiert mich bitte.“

Haben Sie ihr diese Wünsche erfüllt?“

Nein, ich habe eine Detektei beauftragt, Landau und Thiesow. Die meinten, es sei gar nicht schwer gewesen, Jutta habe ihren Romeo Locatelli kennengelernt, einen Messerwerfer im Zirkus seines Vaters Antonio Locatelli, und Jutta ist mit diesem Romeo und diesem Zirkus weitergezogen.“

Und was hat Jutta Kuhlmann gesagt? Sie haben doch mit ihr gesprochen? War es wegen eines Mannes, den sie kennengelernt hatte?“

Teils, teils aber auch, wie sie mir vorwarf, wegen meiner ständig wechselnden Verhältnisse, die doch immer nur vier nackte Beine unter einem Deckbett seien.“

Da kannten Sie Brenda noch nicht?“

Nein, Brenda ist erst Jahre später auf der Bildfläche erschienen. Jutta wollte tatsächlich nicht mehr zu mir zurückkommen. Aber kommen Sie doch bitte herein, Sie wollen sicher mit mir über Brenda reden.“

Lene nickte zerknirscht. „Ich bin wie eine Krähe, verkünde nur Unglück, wenn ich zu jemandem komme.“

Aber einen Kaffee trinken Sie trotzdem mit mir?“

Gerne.“

Und jetzt nicht erschrecken, Pluto will nur wissen, wen ich da ins Haus gelassen habe. Er ist gegenüber ehrlichen Gästen harmlos.“

Das pflegten alle Hundebesitzer zu sagen. Aber das Ungeheuer, groß wie ein Kalb, knurrte zwar gewaltig und zeigte beachtlich große Zähne, schnüffelte danach aber friedlich an Lenes Hand und legte sich dann gähnend vor ihre Füße.

Sie werden mich jetzt sicher fragen, ob Brenda in letzter Zeit bedroht, eingeschüchtert, belästigt oder verfolgt wurde.“

Ja, das muss ich tun, wie Sie wissen.“

Die Antwort lautet in allen Fällen – nein. Ich habe mir seit dem Anruf der Horns den Kopf zerbrochen, aber ich kann Ihnen beim besten Willen keinen Grund nennen, wer und warum jemand Brenda oder indirekt mir etwas antun sollte – nein, auch meine Ex-Freundinnen nicht. Und um Ihre nächste Frage vorwegzunehmen – nein, ich weiß nicht, wohin Brenda heute morgen fahren wollte ... halt, nein, das stimmt so nicht, Brendas Mutter hat es mir vorhin am Telefon verraten. Brenda wollte nach Bühlitz, da gibt es eine kleine Werft, die baut hervorragende Segelboote, zur Zeit eines für mich. Und Brenda wollte ihr Hochzeitsgeschenk um eine zusätzliche kleine Koje vergrößern lassen.“

Warum denn das, Herr Möller?“

Sie wusste seit vorgestern, dass sie mit einem Jungen im dritten Monat schwanger ist ... war.“ Er schluckte und drohte die Fassung zu verlieren.

Und heute umgebracht. Das ist ja grauenhaft. Das tut mir wirklich leid, Herr Möller.“

Mein aufrichtiges Beileid“, murmelte auch Sigrid Bauer, die sich verstohlen, aber gründlich umgesehen hatte. Bei einer Hochzeit wäre Geld zu Geld gekommen.

 

Das R – 11 schuftete in den nächsten Wochen bis zum Umfallen, nahm die Wohnung des Opfers auseinander, durchleuchtete alle Bekannten der beiden, kam aber dem Täter keinen Meter näher, fand auch kein mögliches Motiv. Eine junge, hübsche, beruflich erfolgreiche Braut, zur Freude des künftigen Mannes im dritten Monat schwanger, fährt los und will sich um das Hochzeitsgeschenk für den Vater ihres Kindes kümmern, steigt aus unbekannten Gründen aus ihrem Auto und wird von einem Unbekannten aus unbekannten Gründen erschossen. Weil Mord nicht verjährt, wurden die Akten nicht ins Archiv gegeben, aber im Stapel „Unerledigte Fälle“ weit nach unten geschoben.

 

 

Drittes Kapitel

 

Erst Jahre später sollte Lene Schelm mit dem Fall Laura wieder zu tun haben, dank einer Rotte unbekannter Schwarzkittel. Lene hasste Wildschweine, ob lebend oder auf dem Teller, besonders solche, die vergrabene Leichen freibuddelten und dann in ihrer Gefräßigkeit wertvolle Spuren zerstörten. Der schon teilweise skelettierte Körper lag in einer flachen Grube, einer besseren Mulde, auf dem Rücken, der Kopf war zur Seite gefallen, vereinzelte helle Haarsträhnen reichten noch bis zu den Schultergelenken; selbst vom Rand der Grube aus war zu erkennen, dass der Schädel der Leiche massive Brüche aufwies, Folgen eines wuchtigen Schlages, der die Schädeldecke teilweise zertrümmert hatte. Lene wandte sich an die Frau, die neben ihr stand: „Was meinst du, Nadine?“

Nadine Golowski, Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, zögerte, aber ihre Freundin Lene drängelte: „Nur pi mal Daumen, Nadine.“

Weiblich, zwischen vierzehn und siebzehn.“

Und wie lange liegt sie hier schon?

Alles mit dem üblichen Vorbehalt – zwischen zwei und drei Jahren.

Und die Todesursache ist dieser Schlag auf den Schädel?“

Sieht ganz so aus, aber es muss kein Schlag gewesen sein, Lene, es kann auch ein Sturz aus größerer Höhe gewesen sein. Oder ein herabfallender harter Gegenstand.“

Also nicht unbedingt Mord oder Totschlag?“ Aber wer vergrub schon heimlich ein Unfallopfer mitten im Wald?

Nein, auch ein Unfall ist möglich.“

Das wäre schön, dann müsste Grem endlich mal ran.“

Wenn jemand das Mädchen als vermisst gemeldet hat“, schränkte Nadine warnend ein.

Die Freundinnen Marlene und Nadine hatten beide für den Leiter der Abteilung Vermisste, Hauptkommissar Kurt Grembowski, genannt Grem der Grobe, nichts übrig.

Der Körper dürfte hier gut zwei Jahre begraben liegen.“

Dr. Made, der aus der Grube gestiegen und zu den beide Frauen getreten war, nickte. Richtig hieß er Alexander Strohm, und war ein international anerkannte Entomologe, der aus de Besiedlung eines toten Körpers mit Fliegenmaden sehr genau abzuschätzen verstand, wie lange der tote Körper an einem Ort gelegen hatte. Sein engster Mitarbeiter hieß ausgerechnet Speck und hatte sich darauf spezialisiert zu eruieren, wie lange ein toter Körper begraben gewesen war. Lene aß seitdem kaum noch Schweinefleisch, weil es sie sich bei der Vorstellung grauste, dass man in den Vereinigten Staaten Schweinekörper vergraben und nach bestimmten Fristen wieder ausgebuddelt und untersucht hatte. Strohms Hinweis, dass Schweine und Menschen viele Gemeinsamkeiten besaßen, tröstete sie ganz und gar nicht: „Körperlich oder charakterlich, Dr. Speck?“

Das dürfen Sie sich aussuchen“, erwiderte er freundlich.

Eine junge Frau?“, fragte Lene ihn.

Ja.“

Wagen Sie, ihr Alter zu schätzen?

Fünfzehn, sechzehn, siebzehn – so in der Kante herum. Für eine kleinwüchsige, vollständig ausgewachsene Frau stimmen die Proportionen nicht so recht.“

Und bitte noch einen Ritt über den Bodensee, Dr. Speck – woran ist sie gestorben?“

Schauen Sie sich doch mal den Schädel an.“

Regelrecht zertrümmert“, sagte Lene vorsichtig.

Genau. Die Wunde auf dem Schädeldach war auf jeden Fall tödlich. Was vorher mit ihr geschehen ist, muss Ihre Freundin versuchen herauszufinden.“

Lene wandte sich an Seidel, den Leiter der Spusi. „Was ist das für ein merkwürdiges Material, das mit dem Schottenmuster neben den Rippen der Toten?“

Seidel zuckte die Achseln: „Das muss ich mir erst im Labor genauer ansehen, Frau Schelm.“

Okay.“

Und wenn Sie die Leiche eingepackt haben, sollen Ihre Leute bitte mal spazieren gehen und in der Nähe eine Stelle finden, wo die junge Frau aus größerer Höhe abgestürzt sein und sich dabei den Schädel an einem Stein oder Fels zertrümmert haben kann. Oder wo sie bei einem Steinschlag umgekommen sein kann.“

Ellen König bot sich an: „Ich geh' mit, einverstanden?“

Seidel nickte rasch. Mit der Hauptkommissarin Ellen König verstand er sich gut, besser noch als mit deren Chefin Lene Schelm.

Die nickte nur und sagte nichts, Seidel war so lange dabei, dass er genau wusste, was Lene Schelm, Erste Hauptkommissarin im Referat – 11, von ihm erwartete. Auch für die „Made im Speck“ hatte Lene eine Aufgabe: „Trauen sie sich zu, an Hand der Spezies festzustellen, in welcher Jahreszeit die Tote hier vergraben wurde?“

Versuchen werden wir's, versprechen kann ich nichts.“

Lene wandte sich jetzt an den Fotografen: „Bitte Bilder von dem karierten Gegenstand und der Lage neben den Rippen.“

Geht in Ordnung.“

 

Dann wurde es Zeit für Lene. Heute Nachmittag hatte sie einen Kurs an der Polizeischule für Kommissarsanwärter zu halten. Nadine Golowski würde die Leiche so rasch wie möglich obduzieren; um alle nötigen Formalitäten würde sich Lenes Vertreterin, die Hauptkommissarin Ellen König, kümmern. Das R – 11, wie die früher so genannte Mordkommission jetzt offiziell hieß, war ein eingespieltes Team, das sich auch außerhalb des Dienstes gut verstand.

 

 

Details

Seiten
111
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905106
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339212
Schlagworte
lene mütter kriminalroman

Autor

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Titel: Lene und die drei Mütter