Lade Inhalt...

Tony Cantrell #3: Das Kung-Fu-Phantom

2016 130 Seiten

Leseprobe

DAS KUNG-FU-PHANTOM

Privatdetektiv Tony Cantrell #3

Krimi von Earl Warren

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Das Callgirl Sharon McRae wurde mit bloßen Händen ermordet. Ihr Vater glaubt, dass sie im Auftrag des Callgirl-Rings umgebracht wurde, weil sie aussteigen wollte. Der erfolgreiche Anwalt und über die Grenzen Chicagos hinaus bekannte Privatdetektiv Tony Cantrell und sein Team sollen den Mörder finden und den Auftraggeber entlarven. Gemeinsam mit dem Capital Crime Department machen sich Cantrell und seine Mitarbeiter an die Ermittlungsarbeit. Da wird ein Auftragskiller mit zerschlagenen Knochen tot aufgefunden, auf die gleiche Weise getötet wie das Callgirl. Das Cantrell-Team glaubt, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben, der auf einem Rachefeldzug ist - und das Morden geht weiter ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Das Mädchen, das Sharon McRae hieß, hatte noch genau zwei Minuten und fünfzig Sekunden zu leben. Sharon McRae, fünfundzwanzig Jahre alt, rotblond und bildschön, war ein Callgirl.

Sie öffnete ihrem neuen Kunden die Tür. Es sollte ihr letzter sein. Der große, knochige Mann kam in das luxuriös eingerichtete Zwei-Zimmer-Apartment. Es befand sich in einem Hochhaus am Logan Square.

Draußen war es kalt, aber Sharon McRaes Anblick heizte jedem Mann sofort ein. Sie trug ein hauchdünnes Negligé, das mehr von ihrem Körper zeigte, als es verbarg. Dazu hatte sie nur noch Goldsandaletten und einen Hauch Chanel No. 5 am Leib.

„Hallo, Mister“, sagte Sharon und setzte ihr einstudiertes Lächeln auf. „Legen Sie doch Ihren Mantel ab.“

Der große, hagere Mann hatte noch kein Wort gesprochen. Er zog den eleganten Herrenmantel aus und legte ihn über einen Sessel. Er musterte Sharon. Sein Gesicht war verschlossen und ernst. Er hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben. Er war sehr groß, mindestens eins neunzig, und irgendwie war er anders als all die Männer, die Sharon McRae bisher hier empfangen hatte.

Seine Augen waren es. Sie blickten nicht lüstern oder verlangend, sondern streng und kalt. Er musterte Sharon auf eine besondere Art.

„Sie kennen den Preis“, sagte das Callgirl. „Hundert Dollar. Extras kosten mehr, machen aber auch mehr Spaß. Wie darf ich Sie nennen? Und wollen wir nicht zum ,Du‘ übergehen? Ich meine, wir werden uns doch gleich sehr, sehr genau kennenlernen ...“

Sharon brachte einen sinnlichen Blick an und ließ die Zungenspitze ein wenig zwischen den Lippen hervorgleiten. Innerlich aber war sie so kalt wie Eis.

Drei Kerle noch, dachte sie, dann war endlich Feierabend. Der hier war wohl ein wenig verklemmt und schüchtern.

Na ja, wenn sie ihn richtig kitzelte, spuckte er vielleicht einen Schein mehr aus.

„Du kannst Chong zu mir sagen“, sagte der große Mann mit flacher, tonloser Stimme.

„Chong? Ist das dein richtiger Name?“

Er nahm einen Hunderter aus der Brusttasche seines Hemdes und gab dem Mädchen den Schein.

„Nein, aber Chong genügt. In Birma nannte man mich so.“

„In Birma?“

„Ja, dort habe ich lange gelebt. Ein schönes Land, es grenzt an Indien, China, Laos und Thailand.“

Sharon wusste, dass Zeit Geld war.

Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Sie verstaute die Hundertdollarnote in der zweiten Schublade der Spiegelkommode. Währenddessen sah sie schon zu dem großen, kreisrunden Bett hin, ihrem Arbeitsplatz.

Der Mann, der sich Chong nannte, kam jetzt herein. Ein seltsamer Typ, fand Sharon, aber immerhin war er sauber und nüchtern. Und er war kein widerlicher alter Fettsack, der glaubte, für hundert Dollar müsste er behandelt werden wie Harun al Raschid in seinem Harem.

Sharon hatte lernen müssen, sich auf jeden Kunden einzustellen. Nur dann zahlten die Kerle mehr und kamen wieder. Sie stellte sich in auf reizender Pose vors Bett, die Beine leicht gespreizt, und lächelte Chong an.

„Du wirst deine Kleider ablegen müssen, Darling“, sagte sie. „Was hast du denn in Birma gemacht?“ Jetzt verzog er die breiten Lippen ein wenig. Ein Lächeln war es eigentlich nicht, dazu waren seine dunklen Augen zu frostig.

„Ich habe die tödliche Kampfkunst des Kung-Fu gelernt, den Weg des Tigers und die Technik des Drachen. Es hat lange gedauert, bis ich mich vervollkommnet hatte.“

„Ach, das ist ja sehr interessant“, sagte Sharon McRae mechanisch. „Zieh dich jetzt aus, Darling.“

Chong schüttelte den Kopf. Verständnislos fragte Sharon: „Weshalb bist du denn dann hergekommen?“

Die Antwort lautete: „Um dich zu töten.“

Sharon McRaes Augen weiteten sich vor Staunen. Chong nahm die Hände aus der Hosentasche und ging in Kung-Fu-Kampfstellung. Den vorderen Fuß mit dem Ballen leicht aufgesetzt, die Arme angewinkelt, die Finger der linken Hand gespreizt und die Rechte zum Handkantenschlag oder Fingerstich angespannt, stand er da.

Seit Sharon die Tür geöffnet hatte, waren zwei Minuten und vierundvierzig Sekunden vergangen.

„Was ...?“, fragte sie jetzt.

Mehr brachte sie nicht mehr heraus. Chong bewegte sich schnell wie ein Blitz und geschmeidig wie ein Tiger. Sein Fuß traf das Mädchen im Negligé, und dann hagelte eine Serie schneller und präziser Faust und Handkantenschläge auf sie nieder. Sharon McRae war schon nach den ersten gezielten Schlägen tot.

Bei der Obduktion sollte sich später herausstellen, dass Sharon ein Dutzend Hiebe und Tritte erhalten hatte, von denen jeder tödlich gewesen wäre.

Dann lag Sharon McRae reglos am Boden, und der Kung-Fu-Killer blickte auf sie nieder. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Er machte mit den Fingern die symbolischen Bewegungen über einem getöteten Feind, der kein Gegner gewesen war, dem Achtung gebührte.

„Du warst die Erste“, sagte er. „Die anderen werden folgen.“

Er hatte in dem Zwei-Zimmer-Apartment nichts berührt. Jetzt verließ er das Schlafzimmer und zog im Wohnraum seinen eleganten Mantel an. Er hielt es nicht für nötig, die hundert Dollar mitzunehmen.

Der Kung-Fu-Killer zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und trat in die genormte kleine Diele. Er spähte durch den Spion und sah, dass der Flur leer war. Mit der vom Taschentuch geschützten Hand öffnete er die Tür und trat hinaus.

Er lief schnell und leichtfüßig die Treppe hinunter, ein Mann, der bis in die letzte Muskelfaser durchtrainiert war.

Eine lebende Waffe, die so tödlich war wie ein Revolver oder ein Messer. Draußen war es kalt und unfreundlich. Der Wind pfiff um die Straßenecken, Schneematsch lag am Straßenrand und in der Gosse.

Hinter den Türmen der Hochhäuser und Wolkenkratzer im Westen war der Himmel noch von der untergegangenen Sonne gerötet. Der Kung-Fu-Killer entfernte sich in der einbrechenden Dämmerung, von niemandem beachtet.

 

 

2

Tony Cantrell fluchte, als der Fahrer des Wagens vor ihm plötzlich auf die Bremse trat. Sonst war der Anwalt immer sehr beherrscht, aber um ein Haar wäre er auf den Vordermann aufgefahren. Nur seine schnelle Reaktion hatte es verhindert.

Da sah er die drei Rocker. Sie waren plötzlich zwischen den parkenden Wagen hervorgetreten und marschierten großspurig über die Straße, ohne sich um den Autoverkehr zu kümmern. Deshalb hatte Cantrells Vordermann so unverhofft bremsen müssen.

Er saß in seinem Chevrolet Caprice, sah stur geradeaus und wagte es nicht einmal, die Rocker anzublicken. Ein braver Bürger, der keinen Ärger haben wollte.

Cantrell hatte keine Angst vor den drei Rockern. Der in vielen Kämpfen gegen die Unterwelt gestählte Privatdetektiv und Rechtsanwalt war schon mit anderen Gegnern fertiggeworden. Es wäre ihm aber zu dumm gewesen, die drei Lederjacken-Typen zur Rede zu stellen und sich mit ihnen anzulegen.

Cantrell fuhr zum „Gentlemen’s Club“ in der Loop, des Geschäfts- und Amüsementzentrums im Knie des Chicago Rivers. Er fuhr auf den Parkplatz des Clubs. Um diese Zeit standen nur ein paar vereinzelte Wagen da, die dem Clubpersonal und den Mädchen gehörten.

Cantrell prüfte den Sitz der .38er Smith & Wesson im Schulterholster, ehe er ausstieg. Er hatte mit seinen Mitarbeitern gerade einen aufsehenerregenden Mordfall geklärt, in den Leute eines Syndikats verwickelt waren, und einige Morddrohungen erhalten.

Das hinderte ihn jedoch nicht, gleich einen neuen Fall zu übernehmen. Es ging um den Mord an dem Callgirl Sharon McRae, der in der vergangenen Woche stattgefunden hatte. Am Morgen dieses Tages war George McRae, der Vater der Töten, bei Cantrell gewesen.

Er behauptete, Sharon wäre von Gangstern in den Callgirl-Ring gepresst worden. Er sagte, seine Tochter hätte aussteigen wollen aus dem schmutzigen Geschäft, und deshalb hätte der Ring ihr einen Killer geschickt.

Einen Mann, der mit bloßen Händen gnadenlos tötete.

Cantrell sollte den Fall aufklären und den Mörder finden sowie seine Auftraggeber entlarven.

Harry Rollins, der Leiter des Capital Crime Departments, hatte Cantrell den Namen zweier Mädchen genannt, die Sharon McRae gut gekannt hatten.

Eines dieser Mädchen wollte Cantrell gerade aufsuchen.

Der Anwalt zog seinen hellen Mantel über und schloss den Wagen ab. Auf einen Hut verzichtete er. Er lief durch den Nieselregen, der den Schneematsch noch mehr aufweichte, vom Parkplatz zum Clubeingang.

Ein Baldachin spannte sich über dem Eingang, und ein sehr großer Schwarzer mit blauer Livree stand darunter.

Seine weißen Zähne blitzten auf, als er mit sonorer, tiefer Stimme sagte: „Guten Abend, Sir. Sind Sie Clubmitglied?“

„Nein.“

„Der Zutritt ist nur Mitgliedern gestattet. Aber Sie können an der Kasse für fünfundzwanzig Dollar eine Mitgliedskarte erwerben.“

Cantrell, der auch nicht gerade klein war, reichte dem Schwarzen bis knapp an die Nasenspitze. Er zuckte mit den Schultern. Der schwarze Portier nahm das als Zustimmung und öffnete Cantrell die Tür.

Der Privatdetektiv trat ein. Rechts waren die Waschräume, links die Garderobe. Neben der weiß-goldenen Eingangstür zum Club war die Kasse. Aber sowohl Kasse als auch Garderobe waren verwaist.

Selbst ist der Mann, dachte Cantrell, hängte seinen Mantel auf einen Bügel und trat ein, ohne sich ums Bezahlen zu kümmern.

Der Club war der Treffpunkt von Callgirls der Luxusklasse, ihrem Anhang und ihren Kunden. Er war sehr exklusiv eingerichtet, auch hier Gold und zarte Pastelltöne, weißes und schwarzes Leder, blitzender Chrom.

Die halbrunde Bar befand sich an der Wand rechts vom Eingang. Sie sah aus, als hätten ein Surrealist und ein Techniker sie gemeinsam entworfen.

Nur ein Barmixer stand hinter der großen Bar und polierte Gläser. An der Bar saßen ein Dutzend hübscher junger Frauen, alle auf sexy zurechtgemacht, stark geschminkt, mit der gleichen Härte im Blick und gelangweiltem Gesichtsausdruck. Sie rauchten und nippten ihre Drinks.

Die meisten Tische und Sitzgruppen in den Nischen waren nicht besetzt. Im Hintergrund des großen Clubraums befand sich die etwas erhöhte Tanzfläche mit Spiegelglaseffekt.

Cantrell setzte sich an einen freien Tisch. Außer ihm waren noch fünf Männer da, und sie sahen alle so aus, als lebten sie von den Einkünften der Callgirls. Vier saßen an einem Tisch, unterhielten sich angeregt und lachten manchmal laut.

Einer hatte bei einer hübschen Mulattin Platz genommen und redete leise und eindringlich auf sie ein. Noch bevor der Kellner kam, erschienen vier Mädchen bei Cantrell. Einzelne Männer suchten diesen Club nur aus einem Grund auf, und jetzt hatte Cantrell noch die freie Auswahl.

„Hallo, Süßer“, begrüßte ihn eine Schwarzhaarige mit tief ausgeschnittenem Dekolleté, das ihre Brüste zur Hälfte zeigte. „Können wir dir Gesellschaft leisten?“

„Ich bin wegen Ellen Cassata da“, sagte Cantrell. „Ist sie hier?“

„Du kennst sie nicht?“

„Sie ist mir empfohlen worden. Es hieß, ich könne sie um diese Zeit hier treffen.“

„Wir machen bestimmt mehr her als China-Ellen“, sagte die Schwarzhaarige. „Willst du dich nicht einmal mit vier hübschen Puppen amüsieren?“

Die Blondine, die neben ihr stand, blinzelte Cantrell zu und lächelte verheißungsvoll.

„Mein Freund hat gesagt, ich soll mich an Ellen Cassata halten“, sagte Cantrell. „Ist sie nun hier oder nicht?“

„Du lässt dir wohl alles von deinem Freund vorschreiben, was?“

„Harry ist mein Tester“, antwortete Cantrell mit todernster Miene. „Man kann schließlich nicht alles selber machen. Er weiß genau, worauf es mir ankommt, und wenn er mir einen Tipp gibt, kann ich mich darauf verlassen.“

„Ein schöner Tester“, sagte das Mädchen, das hinter der Schwarzhaarigen stand. „Bezahlst du ihm etwa noch dafür?“

„Natürlich. Harry ist glücklich verheiratet und hat vier Kinder. Er würde das sonst nie für mich tun.“

Die vier kessen Girls merkten, dass Cantrell sie auf den Arm nahm.

Sie rangen sich ein Lächeln ab, und die Blondine meinte blasiert: „Na gut, schicken wir ihm China-Ellen. Aber ich finde, der Mann braucht einen anderen Tester.“

Sie kehrten zur Bar zurück, und Cantrell bestellte bei einem Kellner, der nun herangekommen war, einer Whisky Sour. Er sah, wie die Schwarzhaarige mit einem schlanken Mädchen mit geschlitztem Lameekleid sprach, das am Ende der Bar saß. Sie schauten zu Cantrell herüber.

Vor der Tür mit der Aufschrift „Private“ stand ein ölig wirkender, untersetzter und stämmiger Mann mit weinroter Smokingjacke. Er hielt die Hände auf dem Rücken und hatte eine weiße Nelke im Knopfloch. Cantrell hielt ihn für den Oberkellner.

Er irrte sich nicht.

Im Hintergrund vor einem der langen Fenster saß ein Mann am Tisch, die Beine weit ausgestreckt. Sein Gesicht konnte Cantrell nicht erkennen, es war hinter einer Zeitung verborgen. Der Mann musste sehr groß sein.

Der Clubraum war durch halbhohe Trennwände etwas aufgeteilt, es gab auch ein paar Säulen, an denen Betrunkene sich festhalten konnten, wenn sie durch den Raum steuerten. Das schlanke Mädchen mit dem bis zur Hüfte geschlitzten Kleid kam nun zu Cantrell, einen grünlichen Drink in der Hand.

Sie hatte etwas schräg stehende Augen. Durch das entsprechende Make-up und Jade-Ohrringe sowie der Frisur wurde der fernöstliche Eindruck noch verstärkt.

„Hallo“, sagte sie. „Sie haben nach mir gefragt?“

„Allerdings. Setzen Sie sich.“

China-Ellen nahm Platz. Sie lächelte Cantrell an. Ihr Kleid hatte einen tiefen, spitzen Ausschnitt bis zum Nabel hinunter. Immer wenn sie sich bewegte, verschob er sich und gestattete interessante Einblicke.

Natürlich trug China-Ellen keinen Büstenhalter.

Die Stereoanlage wurde jetzt eingeschaltet. In dezenter Lautstärke klang der Song „Summerwine“ aus den Lautsprechern. Die Girls an der Bar und die anderen im Club beachteten Cantrell und Ellen Cassata nicht mehr.

Nur ein Kellner spähte falkenäugig herüber, um sofort neue Drinks bringen zu können, wenn die alten ausgetrunken waren.

China-Ellen goss ihren Absinth hinunter.

„Kann ich einen Drink haben?“

Cantrell nickte. Schon stand der Kellner mit der weißen Smokingjacke und der Rose im Knopfloch parat.

„Champagner-Flip“, bestellte das schlanke schwarzhaarige Mädchen.

Ellen Cassata war recht hübsch. Aber sie trug zu viel Schminke auf. Cantrells scharfen Augen entgingen die Fältchen in den Augenwinkeln und die Linien beim Mund nicht, die das ausschweifende Nachtleben bei Ellen Cassata hinterlassen hatte. Ganz konnte sie auch das reichliche Make-up nicht verdecken.

„Wer hat mich Ihnen empfohlen?“, fragte das Mädchen Ellen.

„Harry Rollins“, antwortete Cantrell.

Er sah das Erschrecken in Ellen Cassatas Augen, sah, wie sie plötzlich hart und misstrauisch blickten. Sie steckte sich eine Zigarette an.

„Harry Rollins vom Capital Crime Department“, sagte sie. „Sind Sie einer von seinen Leuten und wollen Sie mich noch einmal ausfragen? Ich habe beim Verhör im Police Headquarters doch bereits gesagt, dass ich keine Ahnung habe, warum und von wem Sharon McRae ermordet wurde.“

„Sie waren aber Sharons Freundin?“

„Na und? Zeigen Sie mir mal Ihre Hundemarke, Mister, damit ich weiß, mit welchem Bullen ich eigentlich rede.“

„Ich bin Privatdetektiv“, sagte Cantrell. „Mein Name ist Tony Cantrell, vielleicht haben Sie schon einmal von mir gehört?“

„Ich kenne keine Schnüffler und interessiere mich nicht für sie. Sie sind mir widerlich.“

„Hören Sie, Ellen, Ihre beste Freundin ist auf brutale Weise ermordet worden. Ich versuche doch nur, den Täter zu finden. Wollen Sie mir denn nicht helfen? Wenn Sie Angst haben, wenn vielleicht irgendwelche Gangster Sie bedrohen, dann werde ich Mittel und Wege finden, Sie zu schützen, das verspreche ich.“

„Hau ab, Schnüffler, ich rede nicht mit dir!“

Cantrell blieb sitzen. Er nahm einen kleinen Schluck von seinem Drink und beobachtete China-Ellen. Der Privatdetektiv wusste aus Erfahrung, dass Hartnäckigkeit oft Wunder wirkte in solchen Fällen. Erst gaben sich alle aus der Unterwelt und aus der Halbwelt schroff und abweisend.

Ellen Cassata winkte den Oberkellner herbei. Der stämmige Mann mit der weinroten Smokingjacke und dem öligen Haar baute sich vor dem Tisch auf. Er lächelte verschlagen.

Seine Nase stand schief, und ein paar Narben und Spuren in seinem Gesicht verrieten, dass er in etlichen harten Schlägereien seinen Mann gestanden hatte.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte er.

„Du kannst den Lumpen da rausschmeißen, Carlos“, sagte Ellen Cassata „Er ist ein Schnüffler und stellt Fragen wegen des Todes von Sharon McRae. Ich habe ihm gesagt, dass er abhauen soll, aber er geht einfach nicht.“

Das Lächeln verschwand vom Gesicht des Oberkellners.

„Sie sind hier nicht erwünscht, Mister! Verschwinden Sie!“

„Ich bin Gast dieses Clubs“, antwortete Cantrell ruhig. „Ich bezahle meine Zeche und benehme mich nicht ungebührlich. Sie haben keinen Grund, mich hinauszuwerfen.“

„Wer hier verkehrt, das entscheidet die Geschäftsleitung, also ich oder der Geschäftsführer des Clubs. Also gehen Sie jetzt besser, bevor ich nachhelfe.“

Cantrell hob ruhig sein Glas.

„Diesen Drink werde ich in Ruhe austrinken. Anschließend will ich den Geschäftsführer sprechen. Wenn ihr mir Ärger macht, dann mache ich euch auch welchen. Ich habe sehr gute Verbindungen.“

Der Oberkellner Carlos Stanton drehte sich abrupt um. Ellen Cassata stand auf und ging zur Bar. Ihren Champagner-Flip, den der Kellner nun brachte, ließ sie stehen.

Cantrell trank einen kleinen Schluck und wartete. Er wollte mit dem Geschäftsführer reden. Der Gentlemen’s Club war Sharon McRae Stammlokal gewesen, und hier konnte der Privatdetektiv sicher etwas erfahren.

Der Oberkellner ging zu dem langen Mann, der mit der Zeitung an Fenster saß. Der Lange senkte die Zeitung und schaute zu Cantrell herüber. Er hatte ein großes, grobes Gesicht mit vorspringendem, ausgeprägtem Kinn. Er war der Rausschmeißer, wie Cantrell erkannte.

Er nickte, als der Oberkellner etwas zu ihm sagte.

Während er Cantrell beobachtete ging Carlos Stanton durch die Tür mit der Aufschrift „Private“. Wenig später kam ein Mann heraus, der ihm etwas ähnlich sah. Er war vielleicht noch ein wenig stämmiger und breitschultriger.

Dieser Mann trat auf Cantrell zu. Auch der Lange erhob sich nun und faltete ohne Eile seine Zeitung zusammen. Er ging zu Cantrells Tisch. Als er sich neben den Stämmigen stellte, überragte er ihn um einer ganzen Kopf.

Er war sicher zwei Meter groß und hatte kein Gramm Fett an sich. Auch die härtesten und bösartigsten Schläger wurden bei seinem Anblick still und friedlich.

Bedächtig nahm er Cantrells halbvolles Glas und goss den Inhalt auf den Boden. Die Gespräche im Club verstummten. Alle sahen zu Cantrells Tisch her.

„Raus!“, sagte der Lange.

Cantrell erhob sich. Er sah den Rausschmeißer fest an.

„Ich will mit dem Geschäftsführer reden.“

„Der ist nicht da. Verschwinde, bevor wir dir alle Zähne einschlagen, Schnüffler. Die Girls und die Jungs hier werden behaupten, dass du zu krakeelen angefangen hast. Sie mögen alle keine Schnüffler. Sie helfen uns sogar noch, dich auseinanderzunehmen.“

Cantrell erkannte, dass es keinen Zweck hatte. Wenn er nicht ging, kriegte er hier nur Ärger. Er konnte später mit dem Geschäftsführer Kontakt aufnehmen und versuchen zu erreichen, dass er den Club aufsuchen und hier Fragen stellen konnte. „Okay“, sagte Cantrell. „Ich gehe.“

Er griff nach seiner Geldbörse, aber der lange Rausschmeißer sagte: „Das geht auf Kosten des Hauses.“ Ohne sich länger aufzuhalten oder noch etwas zu sagen, ging Cantrell. Der Lange und der Stämmige folgten ihm. Cantrell holte sich seinen Mantel an der Garderobe, zog ihn aber nicht an. Er legte ihn über den Arm und verließ den Club. Er ging an dem langen Portier vorbei, der ihn freundlich grüßte.

Die beiden Männer folgten ihm. Cantrell schwante Übles. Er lief im Nieselregen schnell, aber ohne zu rennen, zu seinem Wagen auf dem Parkplatz. Der Rausschmeißer und der stämmige Mann eilten ihm nach. Beim Wagen holten sie ihn ein.

„Wir werden dir jetzt das Wiederkommen gründlich verleiden, Schnüffler!“, sagte der Lange grimmig. „Es ist schon lange her, seit ich das letzte Mal einem Schnüffler die Visage eingeschlagen habe.“

Cantrell legte den Mantel auf das Wagendach und steckte die Autoschlüssel ein. Der Lange und der Stämmige trugen beide dunkle Rollkragenpullover und helle Jacken. Der Parkplatz neben Cantrells Chevrolet war frei, und sie näherten sich von zwei Seiten.

Cantrell hätte zu seiner Waffe greifen können, aber keiner der beiden Schläger hielt eine Waffe in der Hand.

Der Privatdetektiv ging in Kampfstellung. Er tat, als wende er sich dem Langen zu, der der weitaus gefährlichere Gegner war. Aber Cantrell versetzte dem stämmigen Mann einen Karatefußstoß, in den er seine ganze Kraft und Schnelligkeit legte.

Sein rechter Fuß zuckte hoch und traf den Angreifer mit der Kante unterhalb des Rippenbogens. Der Tritt wurde noch durch den Schuhabsatz verstärkt.

Es ging so schnell und kam so unverhofft, dass der Stämmige völlig überrascht war und den Tritt voll nahm. Er presste die Hände gegen den Leib und stürzte in den Schneematsch, ohne einen Laut von sich zu geben.

Für die nächsten Minuten war er ausgeschaltet. Der Lange stieß ein ärgerliches Knurren aus und stürmte auf Cantrell los. Der Privatdetektiv entging im letzten Moment einem Faustschlag, der ihm das Gesicht zertrümmert hätte.

Cantrell traf den Rausschmeißer mit ein paar harten Boxhieben, aber der zeigte keine Wirkung. Der Lange war ein übler Schläger, und er hatte Kräfte wie ein Stier. Sein Ellbogen streifte Cantrells Kopf nur, statt ihn voll zu erwischen.

Aber Cantrell sah trotzdem Sternchen. Die Faust des baumlangen Rausschmeißers traf ihn an der Herzspitze, dass seine Rippen krachten. Cantrell stöhnte auf und war im Augenblick kampfunfähig.

Der Rausschmeißer drosch auf ihn ein. Jeder seiner Schläge hatte genug Dampf, um Cantrell völlig außer Gefecht zu setzen. Der Privatdetektiv verstand von vielen Kampfstilen etwas, am meisten aber vom Boxen.

Er deckte ab, wie er es beim Training und bei Amateurkämpfen in seiner Studentenzeit gelernt hatte. Die Schläge, die der Rausschmeißer an seiner Deckung, an seinen Schultern und seitlich an seinen Rippen landete, schmerzten höllisch.

Aber Cantrell blieb auf den Beinen, obwohl der Schmerz sein Gesicht zu einer Grimasse verzerrte. Der Rausschmeißer war eben doch nur ein Schläger. Ein Boxer hätte dem angeschlagenen Gegner keine Chance gelassen.

Doch der Rausschmeißer vergab seine Chance, und Cantrell konnte das Bombardement von Schlägen überstehen. Die Wirkung des schlimmen Schlages auf die Herzspitze ließ nach. Cantrell konnte sich wieder besser bewegen, und er hatte die Kraft zurückzuschlagen.

Er warf sich gegen den Rausschmeißer, brachte diesen für einen Moment aus dem Gleichgewicht und versetzte ihm einen rechten Haken und eine präzise Gerade aufs Kinn. Aber der lange Schläger hatte kein Glaskinn, im Gegenteil.

Er schlug nach Cantrell, doch diesmal konnte der Privatdetektiv den Schlag abducken. Er entging auch der Linken des Rausschmeißers. Seine Reflexe waren einfach schneller, und er war besser trainiert.

Er war kein Betrunkener, mit dem der Rausschmeißer machen konnte, was er wollte. Er knallte ihm die Fäuste in den Winkel zwischen Unterkiefer und Ohr und an die Schläfe. Diese Schläge verdaute auch der baumlange Rausschmeißer nicht.

Er brach zusammen, versuchte noch einmal, sich aufzustemmen, und fiel dann mit dem Gesicht in den Schneematsch.

Cantrell atmete schwer. Er massierte die aufgeplatzten Knöchel seiner rechten Hand. Der Rechtsanwalt und Privatdetektiv war alles andere als ein primitiver Schläger. Er hasste solche Auseinandersetzungen. Aber manchmal musste er Gewalt gegen Gewalt setzen, das gehörte zu seinem Beruf als Privatdetektiv. Gangster und Schlägertypen konnte man nicht mit Glacéhandschuhen anfassen.

Der stämmige Mann rappelte sich nun auf. Als er sah, dass sein Kumpan am Boden lag, wagte er nichts mehr. Die Hände gegen den Leib gepresst, wankte er vom Parkplatz und zum Club. Cantrell wusste, dass er jetzt schleunigst verschwinden musste. Der Stämmige holte Verstärkung.

Der große, schlanke und sehnige Anwalt nahm mit von der Anstrengung zitternden, unsicheren Fingern die Autoschlüssel aus der Tasche und schloss den Wagen auf. Er legte den Mantel auf den Rücksitz, setzte sich hinters Steuer und fuhr los.

Als er von dem düsteren, kaum beleuchteten Parkplatz fuhr, stürmten gerade vier Männer aus dem Clubeingang. Sie sahen von Cantrell nur noch die Rücklichter seines Wagens.

 

 

3

Es war halb acht Uhr morgens, und im Ned Brown Forest im Westen von Chicago noch ein wenig dämmrig. Der Himmel war trüb und wolkenverhangen, und zwischen den Bäumen und über den Wiesen hingen Dunst und Nebelschleier.

Jim Rappert trabte den Waldweg entlang. Er hatte einen Trainingsanzug an und trug eine Pistole im Schulterholster. In eingeweihten Kreisen trug er den Spitznamen Dirty Jim, der schmutzige Jim. Er war ein Killer, dem kein Auftrag zu dreckig war.

Er stand früh auf, wenn er nicht gerade aus beruflichen Gründen bis spät in der Nacht zu tun gehabt hatte, und er hielt sich fit. Der Fünftausendmeterlauf, möglichst am Morgen, gehörte zu seinem täglichen Trainingsprogramm.

Dirty Jim Rappert war ein Experte mit der Pistole und dem Messer. Wie viele Menschen er umgebracht hatte, wusste außer ihm niemand genau. Zahlen von einem Dutzend aufwärts waren im Gespräch.

An dem kalten Morgen bildete der Atem des in lockerem Lauf dahineilenden Mannes kleine Dampfwölkchen. Dirty Jim Rappert war groß und hager. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht mit einer Hakennase, hohlen Wangen und durchdringenden, scharfen Augen.

Er war wortkarg, und was er außer dem Töten liebte, war niemandem bekannt.

Rechts von dem einsamen Läufer waren dunkle Tannen, links hinter einem sumpfigen Graben eine Wiese mit hohem, dürrem Gras.

Auf einmal kam ein anderer Läufer von einem Seitenweg. Er trug einen rotbraunen Trainingsanzug, und er lief Dirty Jim Rappert entgegen. Der Killer dachte an nichts Böses. Offenbar gab es noch andere Sportenthusiasten.

Der Läufer mit dem rotbraunen Trainingsanzug war gut eins neunzig groß und wirkte voll austrainiert. Er bewegte sich so locker und geschmeidig wie ein Raubtier, wie Dirty Jim Rappert fachmännisch erkannte.

Da der andere keine Waffe in der Hand hielt, machte er sich keine Sorgen.

Als die beiden Läufer auf gleicher Höhe wären, schnellte der Fuß des Entgegenkommenden hoch und traf Dirty Jim Rapperts Magen. Der große, knochige Mann rannte in Dirty Jim hinein.

Der Killer sah die Handkanten des anderen niederzucken. Er spürte die Schläge, und er erkannte ebenso überrascht wie entsetzt, dass mehrere seiner Knochen gebrochen waren. Dirty Jim Rappert hustete Blut und ging zu Boden. Auch das Schlüsselbein seines rechten Arms war gebrochen.

Langsam, mit steifen Fingern, tastete er nach seiner Pistole. Ein Fußtritt schleuderte seinen Arm zur Seite, ehe er noch die Finger auf den Kolben legen konnte.

Ein furchtbarer Stoß mit der Fußkante jagte einen Schmerz durch seinen Brustkorb und den ganzen Körper wie einen Stromstoß. Dirty Jim Rappert, der Mann, der gnadenlos so viele Menschen getötet hatte, war bei vollem Bewusstsein.

Er sah zu dem Mann mit dem knochigen Gesicht auf, der wie ein Berg aufragend über ihm stand.

„Wer ... bist du?“, stammelte der schwerverletzte Killer.

„Chong“, sagte der Mann.

Locker und entspannt stand er da, bereit, im Sekundenbruchteil schnell und tödlich zu reagieren.

„Warum ... warum hast du ...“

„Du bist Ungeziefer, Dirty Jim Rappert“, antwortete Chong. „Ihr alle vom Callgirl-Ring seid nichts als Ungeziefer. Ich werde euch zertreten. Sharon McRae war die Erste, jetzt bist du an der Reihe. Dann kommen die Übrigen dran, einer nach dem anderen.“

„Was ... was haben wir dir getan?“

„Ich töte nicht ohne Motiv. Ich habe einen sehr starken und zwingenden Grund. Aber das geht dich nichts an. Ungeziefer gibt man keine Auskunft. Stirb, Dirty Jim Rappert!“ Der Kung-Fu-Killer trat mit mörderischer Wucht zu. Das Bewusstsein des Killers zerbarst in tausend Fragmente. Dirty Jim Rappert war tot. Der Mann, der sich Chong nannte, obwohl er ohne jeden Zweifel ein reinrassiger Weißer war, lief im Dauertrab davon. Er setzte seinen Waldlauf fort, als sei nichts geschehen, als habe er wirklich nur im Vorbeilaufen ein Ungeziefer am Wegrand getötet.

 

 

4

Paul Banteen hatte seine Wohnung über dem Gentlemen’s Club. Er wohnte im ersten Stock des zehnstöckigen Apartmenthauses, dessen Erdgeschoss der Club einnahm. Es war kurz nach zehn Uhr vormittags, eine Zeit, zu der Paul Banteen sonst noch im Bett lag.

Missgelaunt trank er seinen Kaffee in der Küche. Der lange Rausschmeißer, der am Tag zuvor gegen Tony Cantrell den kürzeren gezogen hatte, saß draußen in der Diele.

Er hatte zwei große Beulen am Kopf, und seine Gesichtszüge waren etwas aus den Geleisen geraten, wie Butch gesagt hätte. Er trug eine schwere Colt Government unter seiner schwarzen Lederjacke im Hosenbund.

Auch Paul Banteen war bewaffnet. Eine .32er Pistole steckte in der Tasche seines seidenen Hausmantels. Er würgte seinen Toast und den Schinken mit Spiegelei hinunter und wünschte sich, er hätte in der Nacht nicht soviel getrunken.

Anschließend hatte er noch die Mulattin Jessica mit in die Wohnung genommen, und sie hatte ihn völlig fertiggemacht. Nun glaubte er, er hätte einen Brummkreisel im Schädel, und es war ihm, als sei das Mark aus seinen Knochen gesogen. Seine Hände zitterten leicht, aber das würde ein doppelstöckiger Whisky schon beheben.

Paul Banteen fluchte. Jessica, diese Kröte, hatte es gut. Sie lag neben an im Bett und schlief. Er aber musste aufstehen, weil dieser blöde Cantrell sich für diesen Morgen angesagt hatte.

Paul Banteen war neunundzwanzig Jahre alt und blond. Sein schmales Gesicht war ein wenig zu blass, und er hatte Ringe unter den Augen, die ihn älter machten. Um die Gürtellinie herum hatte er ein wenig Speck angesetzt.

Das kam von der ungesunden Lebensweise und vom Saufen. Das wusste er, aber er hatte keine Lust, beides zu ändern.

Es klingelte an der Tür.

„Das wird dieser Armleuchter Cantrell sein“, sagte Paul Banteen missgelaunt Sieh mal nach, Jack, aber lass dich von ihm nicht wieder zusammenschlagen wie gestern.“

„Der Kerl hat ganz einfach Glück gehabt“, sagte der Rausschmeißer Jack Alberts. „Wenn er mir wieder unter die Finger gerät, breche ich ihm die Knochen und klopfe ihn zu Mus.“

„Du wirst dich jetzt schön beherrschen, Jack. Cantrell hat nicht gelogen, als er gestern zu Carlos sagte, er hätte eine Menge Einfluss. Er geht im Police Headquarters ein und aus und kennt etliche Leute in der Stadtverwaltung. Wenn er will, kann er uns Ärger machen mit Razzien, Kontrollen und Auflagen. Glaubst du, ich wäre jetzt schon aus den Federn gekrochen, wenn der Kerl nicht so wichtig wäre?“

Paul Banteen würgte den letzten Rest Speck und Spiegelei hinunter. Er verzog das Gesicht, als sein Magen revoltierte. Er musste sich anstrengen, um das Zeug bei sich zu behalten.

„Cantrell ist mit zwei Kerlen gekommen, Boss“, sagte Jack Alberts von der Wohnungstür her. „Soll ich alle drei reinlassen?“

„Von wegen.“

Banteen stand auf und ging zur Tür. Er hatte den Rausschmeißer extra herbestellt, als Leibwächter gewissermaßen. Banteen öffnete die Tür einen Spalt, ließ die Sicherheitskette aber verriegelt.

„Mr. Cantrell?“, fragte er.

„Der bin ich“, antwortete der große, leicht gebräunte Mann mit dem sportlichen Sakko und der dunkel getönten Brille im Flur. „Das sind meine Mitarbeiter Jack O’Reilly und Morton Philby.“

„Ich dachte, Sie wollten allein kommen? Weshalb rücken Sie denn gleich mit einem ganzen Rollkommando an?“

„Von einem Rollkommando kann keine Rede sein. Es ist immer gut, bei solchen Gesprächen Zeugen zu haben.“ Cantrell sah Jack Alberts hinter Paul Banteen stehen, die Hand unter der Jacke. „Wie ich sehe, sind Sie auch nicht allein.“

„Na gut, einer von Ihren Leuten kann mit reinkommen“, sagte Banteen und löste die Sicherheitskette. „Der da.“

Er wollte auf Silk deuten, aber schon schob Butch seine Persönlichkeit über die Schwelle.

„Ich bin so frei“, sagte er.

Hinter ihm trat Cantrell ein. Banteen schloss die Tür vor Silks Nase. Cantrell hatte Paul Banteen am Vorabend angerufen und ihm zugesetzt, bis er einem Treffen zustimmte. Banteen führte seine Besucher in den Wohnraum.

Er selbst suchte das Bad auf, wo er seine Pistole spannte.

Dann holte er seine Zigaretten aus der Küche und trat ins Wohnzimmer. Die Möbel und das Interieur hatten eine Menge Geld gekostet, trotzdem sah es wüst aus. Der helle Langflorteppich hatte Brandstellen von Zigarettenkippen, die Ledersessel auch. Der Tisch wies Glasränder und Schnapsflecken auf.

Die Aschenbecher waren randvoll, und auf dem Wandbord standen schmutzige Gläser. Es roch nach kaltem Rauch und verschüttetem und verdunstetem Schnaps.

„Was halten Sie denn davon, mal das Fenster aufzumachen?“, fragte Butch, als Paul Banteen hereinkam.

„Bei der Kälte? Wozu habe ich denn eine Klimaanlage?“

Jack Alberts saß in einem schweren Ledersessel und schaute Cantrell an, als wolle er ihn auffressen. Der Anwalt beachtete ihn überhaupt nicht. Auch Cantrell und Butch hatten Platz genommen, und Banteen setzte sich nun auf das Sofa, das mit schwarzem Leder bezogen war.

Er steckte sich eine Zigarette an und hustete erst einmal.

„Was gibt es?“, fragte er dann mürrisch. „Ich habe Ihnen gestern schon gesagt, dass Sie von mir nichts erfahren können, Cantrell.“

„Sie sind der Geschäftsführer des Gentlemen's Club, Mr. Banteen. Sie wurden zweimal wegen Zuhälterei angeklagt und einmal wegen schwerer Körperverletzung, begangen zusammen mit drei anderen. Verurteilt wurden Sie nur einmal wegen Zuhälterei. Die andern beiden Male reichten die Beweise nicht, oder die Zeugen fielen um.“

Banteen zuckte mit den Schultern.

„Aber darüber wollen wir jetzt nicht reden. Mich interessiert einzig und allein, dass Sharon McRae bei Ihnen verkehrt hat.“

„Na und?“

„Sharon McRae war ein Callgirl. Ihr Vater, unser Klient, sagte, sie hätte sich ihm kurz vor ihrem Tod anvertraut. Bis dahin hatte er nicht einmal gewusst, welchem Gewerbe seine Tochter nachging. Er war entsetzt, als er es hörte. Sie sagte ihm, sie sei in die Abhängigkeit eines Callgirl-Rings geraten, der von Gangstern geleitet werde. Sie würde lieber heute als morgen aussteigen, aber sie müsste um ihr Leben fürchten.“

„Weshalb erzählen Sie mir das? Sharon verkehrte im Club, vielleicht hatte ich sie auch zwei-, dreimal im Bett, was weiß ich? Wenn ich besoffen bin, gabele ich mir irgendein Weib aus dem Club auf. Aber was habe ich mit Sharon McRaes Tod zu schaffen?“

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie etwas damit zu schaffen haben, Mr. Banteen. Ich will Ihnen nur ein paar Fragen stellen.“

Banteen drückte die Zigarettenkippe aus und entzündete das nächste Glimmstäbchen.

„Irgendein perverser Kunde hat Sharon umgebracht“, sagte er. „So etwas passiert nun mal in der Branche. Ihr Alter sollte lieber sein Maul halten, als so einen Wirbel zu machen. Sie hinterlässt doch sicher eine Menge Kohlen, die er einsacken kann.“

„George McRae nimmt keinen Pfennig von diesem Geld. Unser Honorar wird davon bezahlt, der Rest geht an die Krebsforschung.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905090
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
tony cantrell kung-fu-phantom

Autor

Zurück

Titel: Tony Cantrell #3: Das Kung-Fu-Phantom