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Tony Cantrell #2: Blutiges Benzin

2016 130 Seiten

Leseprobe

Blutiges Benzin

Krimi von Earl Warren

Privatdetektiv Tony Cantrell #2

 

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Während eines Grand-Prix-Rennens geschieht ein Unfall, bei dem der Fahrer des General-Motors-Teams umkommt – einer der Reifen seines Rennwagens wurde zerschossen. Wie sich herausstellt, waren die teilnehmenden Rennstallbesitzer zuvor erpresst worden, hatten die Drohung aber nicht ernst genommen. Als weitere Erpresserbriefe eintreffen, wird das Team von Tony Cantrell, bekannter Chicagoer Rechtsanwalt und Privatdetektiv, beauftragt, den Gangstern das Handwerk zu legen, bevor ein weiteres Unglück geschieht. Cantrells Mitarbeiter Jack O’Reilly wird in das Rennfahrerlager eingeschleust, um an Insider-Informationen zu gelangen. Doch er kann die nächste Katastrophe nicht verhindern ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Watkins Gien bei New York. Einhundertsechs von einhundertacht mörderischen Grand-Prix-Runden waren gefahren. Kein Fahrer hatte dem anderen etwas geschenkt. Bei leichtem Nieselregen hatten sich über zweihunderttausend Zuschauer an der Rennbahn versammelt.

Ein Hauch von Ölgeruch und Benzinabgasen hing in der Luft. Die hochtourigen Motoren röhrten.

Jim Stone fuhr dem Sieg entgegen. Er hatte zwanzig Sekunden Vorsprung vor dem nächsten Konkurrenten. Nur noch elf Kilometer trennten ihn von dem Sieg, der ihm neun wertvolle Punkte für die Weltmeisterschaft sichern würde.

Stone war siegesgewiss. Er musste nicht mehr an die Boxen, sein McLaren-Rennwagen lief tadellos. Spoiler und Stabilisatoren pressten den Wagen auf die Rennbahn, und Stone hatte ihn absolut in der Gewalt.

Er fuhr die Ideallinie, das wusste er. Keiner konnte ihn an diesem Tag schlagen. Keiner!

Nur der Tod. Es passierte, als Jim Stone aus der Haarnadelkurve kam und voll aufdrehte. Die vierhundertzwanzig PS des Acht-Zylinder-Motors röhrten auf. Immer mehr beschleunigend fegte Jim Stone mit seinem roten Flitzer in die Gerade wie ein Geschoss. Die Tachonadel überschritt die Hundertneunzig-Meilen-Marke, näherte sich der Zweihunderter.

Die Zuschauer auf den Tribünen sprangen auf und jubelten, als Stone vorbeischoss.

Plötzlich, auf gerader Strecke, kam der McLaren ins Schleudern. Ein Schrei aus ein paar tausend Kehlen. Der Wagen überschlug sich seitlich, und der Überrollbügel knickte weg wie eine Streichholzkonstruktion. Die außengelagerten Räder flogen davon. Eines hieb wie eine Granate in die Zuschauer.

Der rote McLaren verformte sich, krachte gegen die Absperrung und blieb liegen. Jim Stone hing verkrümmt, blutig und reglos hinterm Steuer. Schon züngelten die ersten kleinen Flämmchen, und dann war der Wagen in ein Feuermeer gehüllt.

Fette schwarze Rauchwolken stiegen auf. Feuerwehren und Ambulanzen jagten am Rande der Rennstrecke herbei. Schaumlöschleitungen wurden ausgefahren, Trockenmittel in die Flammen gesprüht. Aber Jim Stone konnte keiner mehr helfen.

Sein bis zur Unkenntlichkeit verkohlter Körper musste später aus dem Wrack geschweißt werden.

An Jim Stones Leichnam und am Autowrack vorbei rasten die anderen Fahrer. Keiner hielt an. Sie wurden fürs Fahren bezahlt, nicht fürs Parken, wie ein Formel-1-Weltmeister einmal gesagt hatte.

Ein anderer gewann die zweihundertfünfzig Meilen von Watkins Gien.

Für Jim Stone war der Vorhang gefallen.

 

 

2

Tony Cantrell und sein Mitarbeiter Jack O’Reilly, wegen seiner Vorliebe für gut geformtes und gut zubereitetes Fleisch Butch genannt, betraten die Suite des Präsidenten von General Motors. Es war ein heißer Julitag, aber Cantrell und Butch trugen beide korrekte Anzüge und Krawatten.

Der Präsident von General Motors war nicht irgendwer. Am Vormittag waren Cantrell und Butch von Chicago nach Detroit herübergeflogen. Um 14.40 Uhr hatten sie ihren Termin.

Einer der Assistenten des First Managers öffnete ihnen die Tür zum Allerheiligsten.

„Mr. Cantrell und Mr. O’Reilly, Sir“, sagte er.

Drei Männer befanden sich in dem großen Arbeitszimmer. Es war teuer, aber nüchtern und zweckmäßig eingerichtet. Der große, hagere Firmenpräsident begrüßte die Besucher mit einem knappen Händedruck. Die Namen wurden genannt.

Bei dem First Manager befanden sich Chester Artur, der Leiter des General-Motors-Rennteams, und Warren McKee, der einen Doktortitel hatte und für die Reifenfirma Goodyear arbeitete. Er war Reifenexperte.

Eine Vorführleinwand war aufgezogen. Cantrell konnte nirgends einen Projektor entdecken und nahm an, dass er in den Edelstahlschreibtisch des Firmenpräsidenten eingebaut war.

„Kommen wir gleich zur Sache“, sagte der First Manager. Er war ein großer, hagerer Mann, sehr nüchtern, sehr sachlich, sehr cool. Eine gepflegte Frisur und eine schmale Krawatte mit goldenem Monogrammclip gaben seinem Erscheinungsbild die Prägung.

„Sie haben natürlich von Jim Stones tragischem Tod auf der Rennbahn von Watkins Gien gehört?“

Es war eine rhetorische Frage. Der First Manager fuhr gleich fort.

„Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich um Sabotage handelt. Dr. McKee wird es Ihnen gleich näher erläutern. Wie es aussieht, hat ein Projektil in den rechten Vorderreifen von Stones McLaren eingeschlagen. Bei der Geschwindigkeit, mit der er fuhr, bedeutete das seinen Tod. In der letzten Zeit hat eine Erpressungskampagne gegen Automobilfirmen, die im Rennsport engagiert sind, und hochdotierte Rennfahrer stattgefunden. Anfangs haben wir die Sache nicht ernst genommen. Aber jetzt müssen wir es wohl.“

Der Präsident gab Warren McKee einen Wink. Er drückte ein paar Knöpfe am Schreibtisch, und vor den Fenstern gingen die Jalousien herunter. Ein Projektor schickte seinen scharf gebündelten Lichtstrahl auf die Leinwand. Zuerst sah man drei Dias von dem ausgebrannten Unfallwagen. Bei dem ersten hing Jim Stones verkohlte Leiche noch darin.

Die weiteren Dias zeigten Reifen sowie Querschnitte und ein paar Zeichnungen. Dr. McKee erläuterte, an der Leinwand stehend, die Bilder. Er hielt einen knappen Vortrag. Wenn man die Fachausdrücke wegließ, besagte dieser, dass der Reifen weder durch Überbeanspruchung noch durch einen Materialfehler zerstört worden war.

„Ein klarer Fall von Sabotage“, schloss Dr. McKee seinen Vortrag. „Jemand hat ein Sprenggeschoss in den Reifen hineingejagt. Dadurch starben Jim Stone und ein Zuschauer, und sechs weitere wurden von einem weggeschleuderten Rad zum Teil schwer verletzt.“

Die Jalousien glitten hoch, der Projektor wurde ausgeschaltet.

„Ihre Meinung, Mr. Cantrell?“, fragte der First Manager des General-Motors-Konzerns.

„Haben Sie eine Erpresserforderung erhalten? Oder wurde die Tat vorher angekündigt?“

„Das Letztere. Als wir wie alle anderen nicht auf die Forderungen des Erpressers reagierten, bekamen wir ein anonymes Schreiben. Der Schreiber teilte uns mit, wenn wir seine Forderungen weiter ignorierten, würde etwas passieren. Er wolle einen Fahrer aus der Bahn hinausschießen, so schrieb er. Jetzt wissen wir, dass er es ernst gemeint hat.“

„Ich soll den Fall aufklären?“, fragte Cantrell.

Der First Manager nickte.

„Unsere Polizei ist nicht untüchtig“, sagte er, „aber dafür brauchen wir Leute mit besonderen Fähigkeiten. Sie sind mir als der beste Mann in der Branche empfohlen worden, Mr. Cantrell. Ihre Mitarbeiter genießen einen ausgezeichneten Ruf. Wenn Sie den Fall übernehmen, spielt Geld keine Rolle. Wir werden Sie großzügig bezahlen und für die Lösung des Falles noch eine hohe Prämie aussetzen. Sagen wir, dreißigtausend Dollar. Dafür erwarte ich auch, dass Sie etwas leisten, und zwar schnell.“

„Wollen Sie die Polizei nicht einschalten? Bisher weiß die Öffentlichkeit noch nicht, dass es ein Mord war.“

„Unsere Ermittlungen sind erst seit Kurzem abgeschlossen. Zuerst wollte ich mit Ihnen reden. Also, übernehmen Sie den Fall?“

„Ja“, sagte Cantrell. „Die Sache mit dem Grand-Prix-Mörder reizt mich.“

 

 

3

Cantrell beschloss, von zwei Seiten vorzugehen. Er selber wollte mit dem FBI zusammenarbeiten und die offiziellen Ermittlungen führen. Butch sollte ins Rennfahrerlager eingeschleust werden und sich dort umhören. So konnte er unter Umständen viel mehr erfahren.

Das nächste große Rennen waren die Zweihundert Meilen von Spokane im US-Staat Washington. Butch sollte beim General-Motors-Rennteam als Mechaniker arbeiten. Der blonde Hüne verstand einiges von Motoren.

Das Rennen war für den letzten Julisonntag angesetzt. Butch fuhr mit seiner heißgeliebten Münch 1200 TTS4 nach Spokane. Die Maschine, die mit Benzineinspritzung 100 PS leistete und über 240 Stundenkilometer schnell war, war etwas für Kenner.

Es gab nur wenige Exemplare von diesem Motorrad, das wahrscheinlich noch nie völlig ausgefahren worden war. Der Rennplatz befand sich in East Spokane. Er war um einen alten Flugplatz und quer durchs Gelände angelegt und galt als sehr schwierig.

Für die Formel-1-Weltmeisterschaft wurde dieses Rennen nicht gewertet, es zog aber immer große Zuschauermengen an. Der Große Preis von Spokane war mit 100.000 Dollar dotiert, und dem Sieger winkte noch einmal mehr als der gleiche Betrag an Werksprämien und Zahlungen von Geldgebern, im Rennsport Sponsoren genannt.

Das Rennfahrerlager befand sich an der 8th Avenue in der Nähe der Rennbahn. Butch hörte schon von weitem die Motoren der Rennwagen dröhnen. Er sah die schnellen Flitzer über die hügelige Bahn zischen.

Der blonde Hüne stoppte die Münch, die in Fachkreisen den Beinamen Mammut trug, vor dem Ambassador Hotel. In diesem Hotel wohnten der General-Motors-Rennteamleiter Chester Artur und die Rennfahrercrews von General Motors, Buick, Ford sowie einige Fahrer, die keine Werksverträge hatten und für Rennverbände, private Rennstallbesitzer oder sogar auf eigene Faust fuhren.

Da der Große Preis von Spokane eine Menge Geld brachte, waren einige Grand-Prix-Fahrer am Start. Butch kam am Mittwoch an. Bis zum Rennen am Sonntag waren noch ein paar Tage Zeit.

Er stellte die Münch vor dem Hotel ab, setzte den Helm ab und betrat das „Ambassador“. Als Butch an der Rezeption nach Chester Artur fragte, wurde ihm gesagt, er sei an der Rennbahn. Der blonde Hüne brauste also mit der Münch wieder los.

Er sah die Mechaniker bei den Boxen stehen. Gerade wurden zwei Wagen versorgt und wieder auf die Strecke gebracht, in fliegender Eile. Butch sah zu, auf dem Motorrad sitzend, das eine Bein auf die Erde gestemmt. Die Münch tuckerte im Standgas.

Der blonde Hüne grinste. Dieser Job stand ihm auch bald bevor. Bei Autorennen den Boxenmechaniker zu spielen, war nichts für Lahmärsche.

Vom Hügelhang, auf dem er stand, machte Butch Chester Arturs gedrungene Gewichtheberfigur am Rand der Rennbahn aus. Der Rennteamleiter stoppte die Rundenzeiten seiner Fahrer und die der Konkurrenz.

Auch zwischen den Rennen wurde hart gearbeitet. In dieser Branche gab es nichts zu mogeln. Siege und Niederlagen zeigten genau auf, wo man stand.

Butch fuhr zwischen den Boxen hindurch und bremste bei den Mechanikern. Ein paar Wagen standen in den Garagen, und Fahrer in weißen Overalls oder in Zivil schauten denen zu, die auf der Bahn ihre Runden drehten.

Butch hörte Fachausdrücke, von denen er einige nicht verstand. Gerade wurde wieder ein Wagen vom Flaggenmann auf die Bahn gewinkt. Er schoss davon mit einer Beschleunigung wie eine Rakete. Etwas abgeriebener Gummi und eine Wolke von Auspuffgasen blieben zurück.

Zur linken Hand bei den Ford-Boxen sah Butch eine bildhübsche Mulattin mit einem blauen, weiß gepunkteten Kostüm, weißem Hut und einer Sonnenbrille mit weißem Gestell. Sie hantierte mit Block und Stoppuhr, als wisse sie genau, worum es ging.

Der Block war auf einer Leichtmetallscheibe festgeklemmt, sodass man auch im Stehen gut schreiben konnte.

Bei der General-Motors-Box sah Butch eine staksig wirkende junge Frau mit knochigem Gesicht und eine blonde Schönheit. Der leger gekleidete Mann neben ihr drehte ihm den Rücken zu. Er beobachtete gespannt die Rennbahn.

„He, Asphaltcowboy, willst du auch mitfahren?“, fragte einer der Mechaniker Butch und feixte.

„Ich will Chester Artur sprechen, Kollege“, sagte der blonde Hüne, stellte die Maschine ab und bockte sie auf.

Chester Artur wurde gerufen, aber er winkte ab. Ein dunkelgrüner, blitzender Wagen raste vorbei wie ein Schemen. Einen Moment dröhnte sein Motorengeräusch, dann verklang es schon wieder. Chester Artur schaute auf die Stoppuhr, die er gedrückt hatte, kratzte sich hinterm Ohr und fluchte.

Er kam zur Box.

„1:18,6“, sagte er zu dem Mann neben der blonden Schönheit. „Das ist der neue Rundenrekord. Dieser Eagle MK 1 A wird uns noch eine Menge Kopfzerbrechen bereiten. Der Schlitten hat 400 PS, das ist ein Geschoss.“

Der angesprochene Mann schüttelte den Kopf.

„Der Zwölf-Zylinder-Motor ist zu anfällig, Ches. Von der fünfzigsten Runde an fliegt bei dieser Karre alles Mögliche weg. Und selbst wenn er bis zum Ende des Rennens durchhält, schlage ich ihn doch. Die Siegesprämien hole ich mir. Ich bin der Größte.“

Butch hörte die tönenden Worte und sah die Mechaniker grinsen. Chester Artur bemerkte ihn jetzt und kam auf ihn zu. Auch der Großsprecher wandte sich zu Butch um.

Butch erkannte ihn jetzt, denn er hatte sein Bild schon verschiedentlich in Motorsport- und auch anderen Zeitschriften gesehen. Der Mann mit dem schmal ausrasierten Schnurrbart war kein anderer als Morgan Franchette, der Cassius Clay des Autorennsports.

Clays Erfolge hatte er noch nicht erreicht, aber mit der Größe des Mundwerks stand er ihm nicht nach.

„Hallo“, sagte Chester Artur zu Butch, „ich habe schon heute Vormittag mit dir gerechnet. Du kannst dich gleich an die Arbeit machen, damit du für das Rennen fit bist.“

Chester Artur war dafür bekannt, dass er sehr burschikos mit den Mechanikern und auch mit den Fahrern redete. Er war ein richtiger alter Rennfuchs, dem keiner etwas vormachen konnte.

„Erst wollen wir noch ein paar Takte reden“, sagte Butch.

Chester Artur nickte. Er gab Franchette einen Wink herbeizutreten, und „Der Größte“ folgte. Die drei Männer schlenderten ein Stück von den Boxen weg. Chester Artur trug einen ölverschmierten Overall.

Er steckte sich nun eine Zigarette an. Die Tribünen und die Zuschauerränge waren bis auf ein paar verlorene Gestalten leer. Das Geräusch der hochtourigen Motoren schwoll an und ab. Strahlender Sonnenschein herrschte.

„Rennwetter“, sagte Chester Artur. „Hoffentlich bleibt es so.“

Morgan Franchette schaute Butch neugierig an. Der blonde Hüne fragte, was in den letzten Tagen los gewesen sei. Am Freitag hatten er und Tony Cantrell im General-Motors-Werk in Detroit mit Chester Artur gesprochen.

„Unser Erpresserfreund hat wieder Forderungen gestellt“, sagte der Rennteamleiter. „Bei uns, bei Ford und bei Buick. Eine Million Dollar will er jetzt haben.“

Vor Jim Stones Tod hatte der Erpresser erst hunderttausend und dann eine halbe Million Dollar gefordert. Er steigerte sich schnell.

„Ist das etwa der Privatdetektiv, von dem du dir so viel versprichst, Ches?“, fragte Morgan Franchette nun. „Der Kerl sieht aus, als würde er mit den Händen denken. Die Sache sollte man wirklich Noel Gorman und dem FBI überlassen.“

Butch war erstaunt darüber, dass Franchette offenbar weitgehend eingeweiht war. Die Öffentlichkeit wusste noch nichts davon, dass es sich bei Jim Stones spektakulärem Unfall in Watkins Gien um einen Mord gehandelt hatte. Cantrell hatte die Taktik vorgeschlagen, der Presse und den Rundfunk- und Fernsehreportern gegenüber nichts verlauten zu lassen.

So wollte er den Erpresser und seine Komplizen verunsichern. Sicher rechneten sie damit, dass es einen Riesenwirbel gab, dass die Fahrer und Firmen und Verbände es mit der Angst bekamen und lieber zahlten, um vor weiteren Repressalien geschützt zu sein.

Aber so war es nicht. Vielmehr wurde in aller Stille äußerst intensiv nach dem Erpresser und Mörder gefahndet. Butch wusste, dass das FBI Spezial-Agenten nach Spokane entsendet hatte, und dass die Sicherheitsabteilungen von General Motors und anderen Autofirmen aktiv waren.

Unter den Rennfahrern und Mechanikern kursierten eine Menge Gerüchte. Aber nur wenige Eingeweihte wussten etwas Genaues.

„Musstest du Franchette einweihen, Chester?“, fragte Butch, der nicht daran dachte, mit dem Rennstallleiter förmlich zu reden, wenn der ihn duzte.

„Morgan ist okay“, sagte Chester Artur. „Er hat selbst Drohbriefe bekommen, am Anfang, als die Sache anlief, und sollte zur Kasse gebeten werden. Ich habe gestern telefonisch mit deinem Chef gesprochen, Jack, da warst du schon unterwegs. Die Erpresserbriefe hat das FBI einkassiert. Aber daran hättest du sicher keine Spuren gefunden.“

„Kein Verdacht, kein Anhaltspunkt, nichts?“, wollte Butch wissen.

Chester Artur schüttelte den Kopf.

„Wollen Sie den Fall lösen, oder sollen wir das tun?“, fragte Franchette bissig. „Für einen Detektiv stellen Sie reichlich dumme Fragen.“

„Das wird wohl daran liegen, dass ich auch dumm bin“, grinste Butch. „Aber ich weiß mir immer zu helfen. Sie werden freundlicherweise Ihren Küsser halten, Franchette, wenn es auch schwerfällt, und keine Sprüche über meinen Job hier und über mich hinausposaunen. Ich bin offiziell als Mechaniker hier, und es soll nichts anderes bekannt werden.“

„Mit den Pfoten wollen Sie Mechaniker spielen? Grobschmied wäre geeigneter. Was meinst du, Ches?“

„Es ist alles besprochen, Morgan. Du wirst keinem Menschen etwas davon sagen, dass O’Reilly Privatdetektiv ist und zum berühmten Cantrell-Team gehört. Du wirst ihn nach Kräften unterstützten.“

Morgan Franchette lachte auf.

„Vor allem werde ich am Sonntag das Rennen gewinnen oder wenigstens unter den ersten vier zu finden sein. Ich will jetzt noch ein paar Runden drehen, Ches. Mein Wagen ist fertig.“

„Okay.“

Morgan Franchette ging zu den Boxen.

„Er ist sehr von sich selbst eingenommen“, sagte Chester Artur, „aber auch ein Ass in seinem Fach, dagegen lässt sich nichts sagen. Wenn man ihn richtig nimmt, kann man ganz gut mit ihm auskommen.“

„Freilich muss man ihn richtig nehmen“, meinte Butch. „Am besten mit einem Fleischerhaken am Genick. Aber ich will jetzt zu den Boxen gehen und mit der Arbeit beginnen, Chester. Heute Abend können wir uns zusammensetzen und über Rennfahrer, Mechaniker und all die anderen reden. Vielleicht kommt etwas dabei heraus.“

„Hoffen wir es. So eine Sache wie die mit Jim Stone möchte ich nicht noch einmal erleben.“

Butch hatte eine Menge zu lernen. Vor allem musste er sich sputen. Beim Boxenbetrieb kam es vor allem auf die Schnelligkeit an. Jeder Handgriff musste sitzen und wurde wieder und wieder geübt. Motor überprüfen, auftanken, auch Radwechsel und kompliziertere Sachen mussten sich in fliegender Eile abspielen.

Dann gab es immer wieder etwas nachzuprüfen oder nachzustellen. Die Belastung der hochtourigen Wagen war enorm, der Verschleiß entsprechend.

Ein Rennfahrer der Spitzenklasse hatte einen sechsten Sinn für seinen Wagen. Er merkte es schnell, wenn es irgendwo haperte, und die Mechaniker mussten den Fehler dann blitzschnell finden und nach Möglichkeit beheben.

Am ersten Nachmittag kam sich Butch vor, als hätte er lauter Daumen an seinen Händen. Die Mechanikerkollegen flachsten gutmütig, wenn er nicht schnell genug zurechtkam oder nicht wusste, was zu tun war.

„Hast du so etwas überhaupt schon mal gemacht?“, fragte ihn ein Kollege, als der Arbeitstag kurz nach 18.00 Uhr endete.

„Klar“, log Butch unbekümmert. „Ich war schon als ganz junger Spund in der Crew von Dean Van Lines, damals, als Jimmy Bryan die 500 Meilen von Indianapolis gewann. In der Zwischenzeit habe ich allerdings ein paar Jahre etwas anderes gemacht.“

„Das merkt man. Du bist aus der Übung, aber mit der Zeit wirst du dich wohl hineinfinden. Wie war denn Jimmy Bryan? Den habe ich nie persönlich kennengelernt.“

„So ernst wie ein Bierfass und vollkommen ohne Nerven.“

In dem Waschraum unweit von den Boxen wuschen die Mechaniker sich die Hände und zogen sich nebenan um. Butch hatte einen Overall bekommen, den er jetzt wieder ablegte. Er nahm einen Mann auf der Münch mit zum Hotel.

Hier ließ er sich an der Rezeption ein Zimmer anweisen und bezog es. Dann aß er mit den andern Mechanikern im Hotelrestaurant. Fahrer und Mechaniker saßen getrennt, wenn sie auch freundschaftlich verkehrten.

Butch erfuhr eine Menge über die Fahrer und über verschiedene Leute aus der Branche. Es waren Insiderinformationen, die sich als wertvoll erweisen konnten. Morgan Franchette, der sich selber zum Größten stilisierte, war allgemein unbeliebt wegen seiner Arroganz und seiner Allüren. Außer ihm hatte General Motors in Spokane noch drei Fahrer am Start.

Den finsteren Bud Bradlock, den jungen Jake Jenkins und den Rennfahrer-Professor Troy Nashville. Bud Bradlock und Jake Jenkins, die Stimmungskanone unter den Rennfahrern, sah Butch im Restaurant wieder.

Bud Bradlock konnte ängstlichen Gemütern einen Schauer über den Rücken jagen. Groß und ziemlich bullig gebaut, hatte er schwarzes Haar, einen starken Bartwuchs und zusammengewachsene Augenbrauen. Mit seinem kantigen Kinn und den tiefliegenden dunklen Augen hätte er auf jeden Steckbrief gepasst.

Um diesen Eindruck noch zu verstärken, wies er eine Narbe auf, die sich über seine ganze linke Gesichtshälfte hinzog. Aber als Rennfahrer war er ein echtes Talent und zählte schon seit Jahren zur Spitzenklasse der Formel II und I. Jake Jenkins war rothaarig, dürr und lustig.

Butch betrachtete sich auch die anderen Fahrer in Ruhe. Insgesamt sechsundfünfzig Fahrer sollten am Sonntag an den Start gehen, und zwanzig von ihnen wohnten im Ambassador Hotel. Diese Männer hatten alle die gleiche Profession, aber sonst waren sie völlig verschieden.

Nach dem Essen, für das er sich reichlich Zeit nahm, suchte Butch sein Zimmer auf. Kurz nach 20.30 Uhr kam Chester Artur. Er setzte sich zu Butch an den Tisch. Sie tranken Bourbon mit Soda und redeten ausführlich über alle möglichen Leute, die mit Autorennen zu tun hatten und für die Erpressungen und den Mord infrage kamen.

„Zu dieser Gruppe gehören Insider“, sagte Chester Artur überzeugt. „Entweder im Fahrerlager oder bei den Mechanikern haben die Gangster mindestens einen Verbündeten. Die Briefe enthielten zum Teil sehr genaue Daten.“

„Eben das ist die Frage, ob wir es mit einer ganzen Verbrecherbande zu tun haben oder nur mit ein paar Gangstern, vielleicht nur mit einem Mann und ein paar Komplizen, die den Eindruck einer größeren Organisation erwecken wollen. Fassen wir es einmal so an. Es geht um Geld, um viel Geld. Wer ist verschuldet und darauf angewiesen, Geld um jeden Preis zu erhalten?“

„Jeder“, sagte Chester Artur sofort, „wenn du die Fahrer meinst, Jack.“

„Sag Butch zu mir. So nennen mich all meine Freunde.“

„In Ordnung, Butch. In diesem Geschäft muss man ein Heidengeld investieren. Selbst wenn ein Fahrer einen Werksvertrag hat, ist das keine Garantie für die Ewigkeit. Die Fahrer sind ehrgeizig, viele träumen davon. einen eigenen Rennstall aufzumachen, wie es zum Beispiel John Surtees und Stirling Moss in England mit großem Erfolg getan haben. Für die Gründung eines Rennstalls reichen eine Million Dollar nicht, auch keine zwei. Der Vorteil ist, dass man dann selbständiger Unternehmer ist, während sonst die Automobilfirmen einen großen Teil von den Start- und Siegesgeldern, von den Werbeverträgen der Top-Fahrer und allen anderen Einkünften kassieren und überall mitreden. Bei den Leuten, die für einen Rennverband oder für einen privaten Rennstall fahren, ist es noch schlimmer. In wirklich gute private Rennteams muss man sich für ein Heidengeld einkaufen, und die Verbände hetzen ihre Fahrer von Start zu Start bis zum Gehtnichtmehr und schmeißen sie eiskalt raus, wenn sie keine Erfolge bringen. Die Fahrer, die auf eigene Rechnung fahren, wenig genug, müssen eine eigene Mechaniker-Crew unterhalten sowie einen teuren Rennwagen. Es sei denn, sie fahren mit Leihwagen, die auch ein horrendes Geld kosten.“

„Eine schöne Branche“, sagte Butch. „Weshalb fahren die Jungs denn eigentlich mit diesem Risiko im Nacken? Sie können sich finanziell auf Jahre hinaus ruinieren und setzen zudem noch ihr Leben aufs Spiel“

„Weil sie verrückt danach sind, weil es ihnen im Blut steckt. Am Steuer eines Rennwagens zu sitzen, ist ein Gefühl, das sich mit keinem anderen auf der Erde und im Himmel vergleichen lässt. Und einige wenige haben die Chance, wie Kometen aus der Masse aufzusteigen und für eine Zeitlang ganz oben zu sein. Dann können sie für ihr Leben aussorgen, wenn sie es richtig anfangen. Aber das ist wieder eine andere Sache und auch nicht einfach.“

„Die Fahrer brauchen also alle Geld, aus wer weiß welchen Gründen. Gibt es ein paar, die besonders hoch verschuldet sind, Vorbestrafte und so weiter?“

„Kredite haben die meisten aufgenommen. Und die wenigen andern müssen sich auch nach der Decke strecken. Bud Bradlock hat als junger Kerl vier Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls abgesessen.“

„Zum Donnerwetter, Chester, warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

Der Rennteamleiter runzelte die Stirn.

„Ich wollte Bud keinen Stein in den Weg legen. Er sieht zwar aus wie ein Menschenfresser, aber im Grunde genommen ist er ein guter Kerl, und ein exzellenter Rennfahrer.“

„Wir haben einen Mord aufzuklären, zwei sogar, wenn man den vom Autorad erschlagenen Zuschauer in Watkins Gien mitrechnet Wir können keine Rücksichten nehmen, Chester. Mein Geschäft, Verbrechen aufzuklären, ist noch um einiges härter als der Rennsport. Darüber müssen wir uns klar sein.“

Chester Artur sah es brummend ein. Er sprach mit Butch noch über andere Fahrer, über die Mechaniker, privaten Rennstallbesitzer und Verbandsfunktionäre. Da gab es keinen, der nicht aufs Geld scharf war. Ein paar Leute mochten auch schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sein. In einigen Fällen wusste Chester Artur etwas, und wenn es Gerüchte waren.

Aber ausgesprochene Kriminelle kannte er nicht. Als Chester Artur erst einmal begann, Rennfahrerstorys zu erzählen, war er nicht mehr zu bremsen. Butch ließ ihn reden. So bekam er etwas von dem ganzen Background mit. Er brauchte dringend alle Informationen, die er bekommen konnte, um nicht als blutiger Außenseiter aufzufallen.

Es wurde nach 23.00 Uhr, bis die beiden Männer sich trennten. Die eine Bourbonflasche war ganz, eine zweite halb leer. Der handfeste Chester Artur hieb Butch auf die Schulter, als er dessen Zimmer verließ.

„Morgen früh um sechs geht es wieder aus den Federn, Butch. Um sieben wollen wir auf der Bahn sein.“

 

 

4

Butch musste früh aufstehen. Die Vorbereitung auf das große Rennen begann. Butch erfasste schnell, worauf es beim Boxendienst ankam. Die ganz komplizierten Sachen bei der Motorenwartung konnte er nicht machen. Aber auch mit seinen Handlangerdiensten hatte er genug zu tun.

Und wenn es galt, ein schweres Rennrad in kürzester Zeit auszuwechseln, konnten seine Bärenkräfte gut gebraucht werden.

Am Donnerstagabend telefonierten Butch und Chester Artur über die Konferenzschaltung des Hotels mit Cantrell und Noel Gorman, dem Chef des General-Motors-Sicherheitsdienstes in Detroit.

Cantrell war der Meinung, man solle die geforderte Million Dollar vorerst auf keinen Fall zahlen. Stattdessen sollten die Garagen, die Boxen, die Rennbahn und die Umgebung genau kontrolliert werden.

Der Killer würde nicht noch einmal Gelegenheit finden, einen Rennwagen mit dem Zielfernrohrgewehr aus der Bahn zu schießen. Cantrell konnte Butch einige Neuigkeiten mitteilen, die er im Lauf der Ermittlungen eruiert hatte.

Aber es war nichts darunter, was das Cantrell-Team entscheidend weitergebracht hätte. Butch unterhielt sich mit den Fahrern, den Mechanikern und dem ganzen Anhang, so oft er nur konnte. Ständig fragte und forschte er, machte Andeutungen und brachte das Thema immer wieder auf die Erpressungen.

Die Zeitungen nahmen die Sache noch nicht richtig ernst, obwohl sie natürlich darüber schrieben. FBI-Leute tauchten bei der Rennbahn und im Hotel auf und stellten viele Fragen.

Der Freitag und der Samstag vergingen, und der Tag des Rennens kam. Hauptausrichter waren der amerikanische Automobilclub sowie Goodyear und eine andere Reifenfirma und die Shell Company. Bei strahlendem Sonnenschein wurde um 14.30 Uhr die Startflagge geschwenkt.

Hundertachtzigtausend Zuschauer standen an Start und Ziel und an der Bahn. Siebzig mörderische Runden, mit allen Raffinessen gespickt, waren zu fahren. Viele von den schweren Wagen mussten angeschoben werden.

Butch erlebte das Rennen aus der Sicht des Boxenmonteurs mit. Die Motoren dröhnten, und die Zuschauermassen jubelten einzelnen Favoriten zu. Fernsehen, Rundfunk und Presse waren versammelt. Die Rennleitung saß auf der Sondertribüne, über Funk mit den einzelnen Kontrollpunkten verbunden.

Eine große Schautafel zeigte die Namen der Fahrer, den Wagentyp sowie das Rennteam und die Rundenzeit. Während der ersten Runden hatten die Monteure Ruhe. Aber dann ging es Schlag auf Schlag.

Nach der 14. Runde mussten bei Bud Bradlock alle vier Reifen gewechselt werden. Der Zentralverschluss des Vorderrades hatte sich festgefressen, und Chester Artur tobte. Drei Minuten dauerte es, bis die schweißüberströmten Monteure das Rad losgehämmert und gewechselt hatten.

Die anderen Räder waren längst erneuert. Bradlock, der kein Wort gesagt hatte, wurde wieder auf die Bahn gewinkt, die von Reklametransparenten gesäumt war. Auch bei den anderen Wagen mussten Reifen gewechselt und es musste aufgetankt werden. Einige leichtere Defekte wurden korrigiert, Spoiler und Stabilisatoren anders eingestellt.

Das war zwar vor dem Rennen alles unzählige Male getestet worden, aber jetzt ergaben sich doch wieder andere Situationen. Butch schaffte es, trotz all des Trubels die Bahn und die anderen Boxen im Auge zu behalten.

FBI-Agenten in Zivil wimmelten herum. Es sollte kein zweites Watkins Gien geben. Auch die Sicherheitsmänner der großen Automobilfirmen waren mehr als reichlich vertreten.

Butch wusste, dass Cantrell und sein Kollege Morton Philby, wegen seiner Vorliebe für seidene Krawatten und Ziertücher Silk genannt, sich irgendwo an der Bahn befanden. Er hatte sie am Morgen, als einige Vorrennen stattgefunden hatten, flüchtig begrüßt. Butch trug ein Taschenfunksprechgerät bei sich, über das Cantrell und Silk ihn verständigen konnten, wenn etwas passierte.

Jedes Mal, wenn ein Wagen zu den Boxen fuhr, herrschte ein hektisches Gedränge. In der 50. Runde lag Morgan Franchette hinter dem vorjährigen Can-Am-Gewinner Brian Marchwell mit zehn Sekunden Rückstand auf Platz zwei der Rangliste.

Jake Jenkins war unter den ersten zehn, und Bud Bradlock an siebenter Stelle. Troy Nashville hatten mit einem Differentialschaden aufgeben müssen und machte jetzt im Garagengebäude eine Übung des Zen-Buddhismus, um sich abzureagieren.

In der 55. Runde musste der Eagle Rennwagen mit dem Spezialmotor, den Chester Artur so gefürchtet hatte, mit Getriebeschaden aufgeben. Franchette hatte es vorausgesagt. Der Eagle aus Donovan Cooleys Rennstall hatte zuvor so viel Öl verloren, dass die gelb-rot gestreifte Flagge gezeigt wurde: Öl auf der Strecke.

In der 62. Runde war auch Franchette dran. Seine Bremsen verglühten, und seine Reifen waren in Fetzen. Das bedeutete für ihn das Aus. Fluchend sprang er bei den Boxen aus dem Wagen und lief im Hintergrund auf und ab wie ein Tiger.

Das Rennen ging weiter. Es gab eine Karambolage, bei der es zum Glück mit Sachschaden abging. Drei Wagen fielen aus. Die Wagen vom Ford-Rennstall, die alle den Acht Zylinder-Coswoth-Motor hatten, lagen klar an der Spitze.

Es sah ganz so aus, als würde der Große Preis von Spokane zu einem Triumph für Ford werden. Ford Teamleiter Francis Micholson klopfte bereits große Sprüche und grinste zu Chester Artur herüber, der vor Wut beinahe seinen Schnurrbart auffraß.

Aber dann drängte sich Jake Jenkins doch noch mit einem tollkühnen Spurt in den letzten fünf Runden zwischen die drei führenden Fords und belegte mit seinem Brabham BT 23 den zweiten Platz. Chester Artur strahlte. Den Sieg hatte der Ford Fahrer Brian Marchwell errungen.

Die Auslaufrunde wurde gefahren, unter dem Jubel der Zuschauer, denn jetzt zeigte die Schautafel schon die Ergebnisse des Rennens. Dann kamen die Wagen zu den Boxen. Bud Bradlock war auf Platz Neun zurückgefallen, weil sein Wagen übersteuerte, wie er sagte.

Um ihn kümmerte sich niemand, um Jake Jenkins aber drängten sich alle. Offizielle von der Rennleitung, Sportjournalisten, Leute von General Motors und andere. Die Menschentraube um Jake Jenkins löste sich erst auf, als die drei Sieger über Lautsprecher zur Ehrenrunde aufgefordert wurden.

Nebenan bei Ford war der Teufel los.

Butch hatte jetzt Ruhe. Er verließ die Boxen und traf auf Tony Cantrell. Der große, schlanke Chicagoer Rechtsanwalt und Leiter des Cantrell-Teams trug seine dunkle Brille, wie immer bei hellem Tageslicht oder strahlendem Sonnenschein.

Nach einem Säureattentat im Gerichtssaal waren seine Augen, die zeitweise erblindet gewesen waren, gegen helles Tageslicht sehr empfindlich. Dafür konnte Cantrell auch bei Nacht sehen.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand.

Butch trug einen blauen Overall, der einige Ölflecken aufwies, und eine blaue Schirmmütze mit einem Aufdruck der Reifenfirma Firestone.

„Während des Rennens ist nichts passiert“, sagte Cantrell. „Die Gangster lassen sich Zeit.“

„Mit ihnen werden wir es schon wieder zu tun bekommen“, meinte Butch. „Wie es aussieht, muss ich noch eine Zeit lang die Monteursrolle spielen.“

„Ich beginne mich zu fragen, ob das etwas einbringt“, sagte Cantrell. „Vielleicht wäre es besser, mit offenen Karten zu spielen und dich und Silk offen als Privatdetektive anzusetzen.“

„Das können wir immer noch tun. Vorerst mache ich so weiter. Wo steckt Silk überhaupt, dieser dürre Kleiderständer?“

„Irgendwo im Getümmel.“ Cantrell klopfte auf das Sprechfunkgerät in seiner Tasche. „Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.“

„Okay. Ich gehe wieder zur Box zurück. Ich weiß, in welchem Hotel ihr abgestiegen seid, und melde mich.“

Cantrell und Butch trennten sich. Die Zuschauer waren auch schon im Aufbruch begriffen. Auf den Tribünen und längs der Bahn blieben Papierabfälle, Flaschen und Dosen in rauen Mengen zurück. Als Butch an den beiden Boxen von Buick vorbeikam, sah er einen Rennfahrer im weißen Dress sich mit einem einzelnen Sportreporter unterhalten.

Butch kannte den Rennfahrer. Es war der kahlköpfige Marvin Catloe, mit fünfunddreißig Jahren ein Oldtimer des Rennsports. Er erklärte dem Reporter umschweifig, weshalb es bei ihm nicht weiter als Platz zehn gereicht hatte.

„Glauben Sie, dass der Verband Sie mit den Ergebnissen, die Sie bisher gebracht haben, in der nächsten Saison noch aufstellen wird?“, fragte der Reporter.

Catloe tönte direkt ins Diktaphon, dessen Mikrophon ihm der Reporter vor den Mund hielt.

„Ich bin noch sehr steigerungsfähig, die Saison ist noch lange nicht um. Bisher habe ich einfach Pech gehabt, die Wagen waren nicht optimal, im Gegenteil. Heute waren die Stoßdämpfer und Federn mangelhaft, der Wagen holperte zu sehr, ich konnte ihn unmöglich voll ausfahren.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905083
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
tony cantrell blutiges benzin

Autor

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Titel: Tony Cantrell #2: Blutiges Benzin