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Chaco #13: Die nächste Kugel trifft

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Myriam Prescott soll den Vormann des mächtigen Ranchers Morgan Henderson getötet haben. Ein Gericht hat sie für schuldig befunden und zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Ihr Bruder Rocky kennt die Wahrheit und will Myriams Unschuld beweisen. Aber das gelingt ihm nicht mehr, denn er gerät in einer Hinterhalt und wird niedergeschossen. Chaco Gates findet den Sterbenden und verspricht ihm, seiner Schwester zu helfen. Jetzt gerät Chaco selbst in einen Sumpf von tödlichen Intrigen – denn der wahre Schuldige wird es nicht zulassen, dass Dinge ans Licht kommen, die Myriams Unschuld dokumentieren. Chaco muss um sein Leben kämpfen – und um das von Myriam...

Leseprobe

Die nächste Kugel trifft

Ein Western von Frank Callahan

 

CHACO – DAS HALBBLUT

 

Band 13

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Myriam Prescott soll den Vormann des mächtigen Ranchers Morgan Henderson getötet haben. Ein Gericht hat sie für schuldig befunden und zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Ihr Bruder Rocky kennt die Wahrheit und will Myriams Unschuld beweisen. Aber das gelingt ihm nicht mehr, denn er gerät in einer Hinterhalt und wird niedergeschossen. Chaco Gates findet den Sterbenden und verspricht ihm, seiner Schwester zu helfen. Jetzt gerät Chaco selbst in einen Sumpf von tödlichen Intrigen – denn der wahre Schuldige wird es nicht zulassen, dass Dinge ans Licht kommen, die Myriams Unschuld dokumentieren. Chaco muss um sein Leben kämpfen – und um das von Myriam...


 

 

 

 

 

 

 

Die Kugel surrte an Chacos Kopf mit singendem Geräusch vorbei und riss das Halbblut aus seinen Gedanken. Er ließ sich aus dem Sattel fallen, landete wie eine Katze am Boden und rollte sich hinter einen Salbeibusch.

So verfehlte ihn auch das nächste Geschoss. Das hämmernde Echo der Schussexplosionen verklang. Chaco sah zwei kleine Rauchwölkchen über einem Felsbrocken, der ungefähr fünfzig Yards entfernt wie ein abgebrochener Zahn aus dem Boden ragte.

Dort musste sich der hinterhältige Schütze befinden, der auf ihn gefeuert hatte.

Chaco duckte sich tief in das saftige Gras, das ihn umgab. In seinem breitflächigen und dunklen Gesicht mit den hohen Wangenknochen zuckte kein Muskel.

Er blickte aus seinen leicht schrägliegenden Augen zu dem Felsen hinüber, hinter dem sich nichts regte. Längst war der Pulverdampf im leichten Wind zerfasert.

Chacos Morgan-Hengst tänzelte und wieherte schrill. Das Halbblut überlegte, ob es wagen konnte, seine Winchester aus dem Sattelschuh zu ziehen.

Er richtete sich leicht auf und erinnerte an einen sprungbereiten Panther. Sein schulterlanges Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die hin und her pendelten.

Chaco schnellte sich vom Boden ab, erreichte den Scabbard und zog das Gewehr aus dem Futteral. Dann warf er sich wieder zu Boden, weil er erwartete, dass der hinterhältige Schütze ihn erneut unter Beschuss nehmen würde.

Kein Schuss zerriss die morgendliche Stille. Blau wölbte sich der Himmel wie ein riesiger Baldachin über dem Land. Die Sonne meinte es schon zu dieser frühen Stunde gut und sengte heiß hernieder.

Chaco Gates hielt sein Gewehr schussbereit und lauerte zu dem Felsen hinüber. Noch immer deutete nichts darauf hin, dass sich dort drüben jemand befand.

Das Halbblut war kein Mann langer Entschlüsse. Längst hatte er sich eine Chance ausgerechnet und schlich los. Jede sich nur bietende Deckungsmöglichkeit ausnutzend, näherte er sich dem Versteck seines Gegners und rechnete jeden Augenblick damit, beschossen zu werden.

Nichts geschah.

Chaco schlug einen Halbkreis und näherte sich dem Felsbrocken von der Seite. Er verhielt hinter dem Stamm eines Cottonwoods und spähte scharfäugig hinüber.

Er glaubte, einen dunklen Schatten zu erkennen, der gegen den Felsen lehnte. Chaco erhob sich, verließ seine Deckung und überbrückte die Distanz von fünf Pferdelängen mit schnellen Sprüngen.

Dann senkte er den Winchesterlauf. Der schwarzgekleidete Mann, der seltsam verkrümmt gegen den Felsen lehnte, würde ihm nicht mehr gefährlich werden. Sein Gewehr lag am Boden.

Der Schwarzgekleidete musste bewusstlos sein. Chaco trat näher und erkannte die blutbesudelte Kleidung des Bewusstlosen. Er sah auch die Einschusswunde hoch in der rechten Schulter.

Chacos Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. Er glaubte nun zu wissen, dass der Mann ihn für einen seiner Verfolger gehalten haben musste. Bestimmt hatte er gerade noch soviel Kraft gehabt, um zwei Schüsse abzugeben. Dann musste er bewusstlos geworden sein.

Das Halbblut bettete den noch jungen Mann, dessen sommersprossiges Gesicht mit tagealten Bartstoppeln bedeckt war, neben dem Felsen auf den Boden. Schwer hob und senkte sich die Brust des Verwundeten. Ein heiseres Stöhnen brach zwischen den zuckenden Lippen hervor.

Chaco eilte zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und ritt zurück. Dann legte er dem Verwundeten einen Notverband an, der sich kurze Zeit darauf zu röten begann.

Die Kugel steckte noch in der Schulter. Bestimmt würde sich die Wunde bald entzünden.

„Der Hombre muss zu einem Doc. Und zwar so schnell wie möglich, sonst wird sich der Totengräber bald ein paar Dollars verdienen“, murmelte Chaco.

Er entnahm seiner Satteltasche eine noch halb volle Whiskyflasche und träufelte dem Bewusstlosen ein paar Tropfen zwischen die bleichen Lippen. Dann genehmigte er sich selbst einen Schluck und schob die Flasche in die Satteltasche zurück.

Es dauerte nur wenige Sekunden, ehe der junge Bursche die Augen aufschlug. Sein Blick war ohne jegliches Verständnis. Als er Chacos ansichtig wurde, schlug er mit beiden Armen wie wild um sich, ehe er heiser aufstöhnte.

„Schön ruhig bleiben, Mister“, sagte Chaco mit kehliger Stimme. „Von mir hast du nichts zu befürchten, obwohl du mich beinahe über den Jordan geschickt hättest. Ich habe deine Wunde verbunden und dir ein paar Tropfen Whisky eingeflößt.“

Der Blick des Verwundeten wurde klarer. Trotzdem erkannte das Halbblut eine heiße Angst in den Augen des jungen Mannes, der sich nun mit einem schabenden Geräusch über das Kinn fuhr.

„Tut mir leid, Mister, dass ich auf dich geschossen habe“, sagte er keuchend und mit abgehackt klingender Stimme. „Ich hatte angenommen, dass du zu den Höllenhunden gehörst, die mich seit vielen Stunden jagten und mir eine Unze Blei verpassten. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast.“

Chaco nickte nur und starrte in das schmerzverzogene Gesicht seines Gegenübers. Ein bitteres Lächeln legte sich um die Mundwinkel des jungen Mannes. Das Halbblut schätzte ihn auf höchstens zwanzig Jahre. Er hatte blaue Augen und rötlich schimmernde Haare.

„Wo ist dein Pferd, Mister? Ich habe es bisher nicht entdecken können.“

„Ich habe es dort hinter der Dornenhecke versteckt.“ Er zog keuchend die Luft in seine Lungen. „Wirst du mir helfen?“ fügte er dann leise hinzu.

Chaco nagte an seiner Unterlippe. Deutlich fühlte er eine ganze Menge Verdruss auf sich zukommen. Er fragte sich, ob er sich wirklich in dieses Spiel einkaufen wollte.

Andererseits konnte er den Verwundeten auf keinen Fall zurücklassen. Der Mann war am Ende und würde es allein nicht bis zur nächsten Stadt schaffen.

„Bring mich nach Truxton Spring, Mister. Dort wird man mir helfen. Es sind höchstens zehn Meilen bis zur Stadt. Sie liegt in den Ausläufern der Cottonwood Range.“

Chaco kannte die kleine Stadt, war vor Jahren schon einmal dort gewesen. Er sah den flehenden Blick des Verwundeten und nickte dann langsam.

„Okay, mein Junge. Wie viele Verfolger sind hinter dir her? Ich möchte auch gern wissen, warum sie dich hetzen. Ist es vielleicht ein Gesetzeshüter mit seinem Aufgebot?“

„Mein Name ist Rocky Prescott. Es sind drei verdammte Bastarde, die auf meiner Fährte reiten. Sie werden mich töten, sollten sie mich finden. Einmal waren sie mir sehr dicht auf den Pelz gerückt. Ich konnte in letzter Sekunde abhauen und handelte mir die Kugel ein. Das ist vor ungefähr fünf Stunden gewesen. Trotz meiner Verwundung behielt ich einen klaren Kopf und konnte die Höllenhunde in der Dunkelheit abschütteln. Dann sah ich dich auftauchen und schoss, um eine letzte Chance zu wahren. Mehr weiß ich nicht mehr, denn dann wurde ich bewusstlos.“

Rocky Prescott schwieg. Tiefe Falten gruben sich in sein schmerzverzerrtes Gesicht. stoßweise ging sein Atem. große Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„In Ordnung, Rocky. Ich bringe dich nach Truxton Spring und hoffe nur, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. Warum die Kerle hinter dir her sind, willst du mir wohl nicht erzählen?“

Rocky Prescotts Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen. Er schien in sich hineinzulauschen, ehe er antwortete: „Ich habe nichts Ungesetzliches verbrochen, Mister. Genügt dir das? He, wer bist du eigentlich? Ein Indianer?“

„Du kannst Chaco zu mir sagen, Rocky. Ich bin ein Halbblut. Meine Mutter war eine Pima-Apachin.“

Rocky Prescott nickte und musterte das Halbblut noch forschender, ehe ihn die Schmerzen seiner Verletzung erneut aufstöhnen ließen.

„Bring mich nach Truxton Spring, Chaco.“

Die Unterredung hatte den Verwundeten sehr erschöpft. Er schloss die Augen. Chaco erhob sich und starrte über das flache Land, das einige Meilen entfernt hügeliger wurde. Von Rockys Verfolgern konnte er nichts entdecken.

Chaco wurde aber das Gefühl nicht los, dass er mit diesen Burschen noch rechnen musste. Bestimmt hatten sie ihre Hetzjagd noch nicht aufgegeben, sondern ritten nach wie vor auf der Fährte des Verwundeten.

Das Halbblut holte Rockys Pferd und wuchtete den Verletzten in den Sattel. Der Verband unter seinem offenstehenden Hemd rötete sich noch mehr.

„Soll ich dich im Sattel festbinden?“

Rocky Prescott schüttelte den Kopf.

„Ich schaffe es schon, Chaco“, klang es gepresst aus seinem Mund. Seine Hände krallten sich um das Sattelhorn, dass die Knöchel weiß schimmerten.

Kurze Zeit darauf ritten sie los. Von den Verfolgern war noch immer nichts zu sehen.

 

*

 

Rocky Prescott schwankte im Sattel und drohte jeden Augenblick vom Pferderücken zu stürzen. Chaco trieb seinen Grauen neben das Pferd des Verwundeten und packte im letzten Moment zu.

Rocky öffnete die Augen in seinem geröteten Gesicht. Sein Blick war verschleiert durch das hohe Fieber, das durch seinen Körper pulsierte.

Fast schien es, als würde er Chaco nicht erkennen. Unverständliche Worte drangen aus seinem Mund.

„Eine Pause wird uns und den Pferden gut tun“, sagte Chaco und schwang sich aus dem Sattel. Er half Rocky vom Pferd, der sofort einknickte und gestürzt wäre, hätte ihn das Halbblut nicht festgehalten.

Chaco bettete den Verwundeten auf ein Moospolster, holte Verbandszeug und versorgte die Wunde, die sich entzündet hatte. Rocky Prescott musste schnellstens zu einem Arzt, sonst würde ihn die Unze Blei in seiner Schulter umbringen.

Gestammelte Worte drangen von den zuckenden Lippen des Verwundeten. Chaco beugte sich dicht hinunter.

„Myriam“, vernahm das Halbblut immer wieder. Natürlich konnte er mit dem Frauennamen nichts anfangen. Er wusste auch nicht, in welcher Beziehung Rocky dazu stand. Vielleicht handelte es sich um seine Frau oder um seine Schwester.

Der Körper des Verwundeten zuckte immer stärker. Die Augen drohten aus den Höhlen zu quellen. Er litt unter einer immer stärker werdenden Luftknappheit.

Chaco hatte keine Ahnung, wie er Rocky Prescott helfen konnte. Er holte seine Wasserflasche, netzte das Halstuch des Verwundeten damit und wischte ihm die Schweißperlen von der fiebernden Stirn.

Rocky Prescott öffnete plötzlich die Augenlider. Chaco erkannte eine höllische Angst in seinem Blick.

„Es geht mit mir zu Ende“, murmelte der Verwundete stöhnend. „Der Sensenmann steht bereits neben mir. Hilf Myriam ...“

Diese beiden Worte waren das letzte, was Rocky Prescott in seinem Leben sagen sollte. Sein Körper bäumte sich nochmals auf, sackte in sich zusammen, ehe sein Kopf erschlaffend zur Seite sank.

Das Halbblut kniete regungslos neben dem Toten. Bedauern lag in seinem Blick. Mit einer sanften Geste drückte er Rocky die Augen zu, ehe er sich erhob.

„Tut mir Leid, mein Junge“, flüsterte das Halbblut. „Die Kugel muss in deinem Körper doch größeren Schaden angerichtet haben, als ich ahnen konnte. Nur ein Arzt hätte dir helfen können.“

Chaco Gates durchsuchte die Taschen des Toten, fand ein paar Münzen und ein Medaillon, das unter den Strahlen der Sonne grell auffunkelte. Es war aus Gold gearbeitet und ließ sich leicht öffnen.

Im Innern befand sich das Bild eines jungen Mädchens, das lächelte und erfreulich hübsch war. Ihre Haare waren lang und blond. Ausserdem hatte sie reizende Grübchen in den Wangen.

„Ob das diese Myriam ist?“, fragte sich Chaco. Er dachte an die letzten Worte des Sterbenden.

„Hilf Myriam“, murmelte Chaco. „Dieses Mädchen muss in Gefahr schweben. Irgendwie hängt wohl auch der Tod dieses jungen Mannes damit zusammen.“

Das Halbblut zuckte mit den Schultern, klappte den Deckel des Medaillons wieder zu und las die Inschrift auf der Rückseite, die lautete: „In Liebe, Myriam.“

Chaco schob das Medaillon in seinen Stiefelschaft. Als sein Blick zum Himmel fiel, sah er die Geier kreisen, die sich langsam auf lautlosen Schwingen hernieder senkten.

Chaco nahm einen Klappspaten vom Sattel des Toten und begann, ein Grab auszuheben. Er wollte den Leichnam unter keinen Umständen den Aasfressern als Beute überlassen.

Bald hatte er die flache Grube ausgehoben und wollte Rocky Prescott in eine Decke hüllen, als er die drei Reiter erkannte, die hinter einer Waldinsel hervorritten.

Chacos hagerer Körper spannte sich. Eine tiefe Falte kerbte seine braungebrannte Stirn. Seine Hand senkte sich auf den Griff seines Revolvers.

Die drei Männer ritten auf der Fährte von Prescott, denn sie hielten immer wieder an und starrten zu Boden. Chaco aber fühlte instinktiv die Gefahr, die sich mit jeder Sekunde näherte.

Mit unbewegtem Gesicht starrte das Halbblut den drei Reitern entgegen, die ihn nun erkannt hatten und ihre Gewehre aus den Sabbards zogen.

Die drei Burschen sahen wild und verwegen aus, als sie Minuten später ihre Pferde nur wenige Schritte vor Chaco zügelten. Ihre Gewehre lagen quer über den Sattelhörnern.

Scharfäugig spähten sie zu dem Halbblut hinüber, das dicht neben dem Felsen stand. Wenige Yards daneben sahen sie das Grab und den in eine Decke gehüllten Körper.

Der Mann in der Mitte lächelte böse. Eine breite Narbe zog sich über seine Stirn. Er war ganz in schwarzes Leder gekleidet, und sein Revolver hing tief am Oberschenkel.

„Hör zu, Hombre“, stieß er mit kehliger Stimme hervor. „Wir sind hinter einem Burschen her. Seine Fährte führt genau zu dieser Stelle. Da du aber dieser Kerl nicht bist, würden wir gerne nachsehen, ob er sich vielleicht dort eingehüllt in der Decke befindet. Ich schätze, dass du nichts dagegen hast.“

„Einverstanden“, antwortete Chaco. „Ich fand den Mann schwer verwundet einige Meilen von hier. Ich hatte vor, ihn nach Truxton Spring zu bringen. Vor einer halben Stunde erlag er seinen Verletzungen. Ich wollte ihn begraben und nicht den Geiern überlassen.“

Die drei Männer nickten wie auf ein geheimes Kommando hin. Einer von ihnen sprang aus dem Sattel, schob sich an Chaco vorbei und kniete sich neben den in die Decke eingehüllten Körper nieder.

„Er ist es“, sagte er gleich darauf. „Das ist der verdammte Hundesohn! Ich habe ihn also doch richtig erwischt, obwohl er noch einige Meilen flüchten konnte.“

Der Mann erhob sich. Er war hager wie ein Wüstenwolf, und seine Ohren standen derart vom Kopf ab, dass Chaco zu jeder anderen Gelegenheit ge schmunzelt hätte.

„Sieh schon nach, Smily“, sagte der Mann mit der Narbe. Dabei ließ er das Halbblut nicht aus den Augen, dessen rechte Hand in der Nähe seines Revolvers schwebte.

Der Hagere wickelte den toten Rocky Prescott nun vollends aus der Decke und durchsuchte seine Taschen. Er zog ihm sogar die Stiefel aus. Sein Gesicht wurde von Sekunde zu Sekunde düsterer. Lästerliche Flüche drangen aus seinem Mund. Sein Gesicht rötete sich immer mehr. Dann erhob er sich und wandte sich dem Mann mit der Messernarbe auf der Stirn zu.

„Nichts, Clayd. Er hat das Ding nicht bei sich. Seine Taschen sind leer, als wäre er ausgeplündert worden. Es sieht gerade so aus, als wäre ein verdammter Leichenfledderer am Werk gewesen.“

Sein Blick richtete sich auf Chaco. Der Atem des Todes legte sich über diesen Ort inmitten der Arizona-Prärie. Die Hand des hageren Mannes senkte sich auf den Griff seines Revolvers.

„Er hatte außer ein paar Geldmünzen nichts in seinen Taschen. Ihr könnt die paar Cents gern haben“, sagte Chaco mit gleichgültiger Stimme. Er ahnte, dass die drei Burschen hinter dem Medaillon her waren. Das Halbblut handelte irgendwie instinktiv, als er den Fund verschwieg.

„Und sonst hast du nichts gefunden?“, schaltete sich der dritte Mann des Trios mit scharfer Stimme ein. „He, vielleicht sollten wir deinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Es handelt sich um ein goldenes Medaillon. Er hat es gestohlen. Es gehört unserem Boss. Und der lässt sich nicht einmal ungestraft einen Knopf wegnehmen. Wenn du das Medaillon zufällig gefunden haben solltest, dann rück es raus. Es würde dir eine ganze Menge Ärger ersparen, Bastard!“

Chacos Augen verengten sich.

„Wenn du mich nochmals Bastard nennst, dann stopfe ich dir das Wort in den Rachen zurück, dass du daran erstickst“, antwortete er. Nur mit Mühe konnte er seinen aufsteigenden Zorn unter Kontrolle bringen.

Die drei Männer lachten schallend und fühlten sich eindeutig als Herren der Situation.

„Also, was ist, Hombre? Rückst du das Medaillon heraus, oder sollen wir es uns holen?“

Die spöttisch klingende Stimme verstummte.

„Haut ab“, sagte Chaco böse. „Verschwindet und lasst mich in Ruhe den Toten begraben!“

Die drei Kerle staunten. Chacos Eindruck, Banditen vor sich zu haben, verstärkte sich mit jeder Sekunde. Das Medaillon musste für die Kerle sehr wichtig sein.

Das Halbblut dachte an die letzten Worte von Rocky Prescott, die dem Mädchen auf dem Medaillon gegolten hatten.

„Du bist wohl lebensmüde, Halbblut!“, stieß der Hagere zornig hervor. „Entweder du rückst das Medaillon freiwillig heraus, oder wir durchsuchen dich. Dann wirst du aber bereits den langen Trail ohne Rückkehr angetreten haben. Die Geier warten bereits auf eine Mahlzeit. Also, was ist los?“

Ein hartes Lächeln teilte Chacos Lippen. Es gab für ihn nur die Möglichkeit, sich zu fügen oder zu kämpfen. Und das Halbblut fürchtete sich nicht vor diesen drei Kerlen, obwohl sie hart und gefährlich aussahen.

„Verschwindet, Jungs. Zieht Leine und lasst mich in Frieden. Mehr habe ich nicht zu sagen!“

Die drei Kerle starrten ihn aus großen Augen an, als hätten sie einen Verrückten vor sich.

Dann reagierten sie.

Zwei der Männer versuchten, ihre Gewehre auf Chaco zu richten, während der dritte nach seinem Revolver schnappte.

Chaco explodierte regelrecht. Mit einer Schnelligkeit, die ihm wohl keiner der drei Burschen zugetraut hatte, zog er seinen Revolver. Er schoss zuerst auf den Mann, der seinen Revolver schon aus der Halfter gezogen hatte.

Die Kugel traf ihn hoch in der Brust und trieb ihn einige Yards zurück. Sich um die eigene Achse drehend, sackte er mit einem gellenden Aufschrei zusammen.

Chaco wandte sich sofort den beiden anderen Kerlen zu, die ihre Gewehre bereits hochgerissen hatten. Ohne zu zielen, feuerten sie.

Eine Kugel pfiff haarscharf an Chacos Kopf vorbei, die andere klatschte gegen den Felsen.

Chaco feuerte, ehe er hinter dem Felsbrocken in Deckung ging und dann am anderen Ende wieder auftauchte.

Die Sättel waren leer. Die beiden Männer lagen stöhnend am Boden und versuchten nun, ihre Revolver aus den Halftern zu ziehen.

Das Halbblut trat mit rauchendem Revolver näher.

Er sagte mit harter Stimme: „Wenn ihr nicht die Pfoten von den Eisen nehmt, besorge ich es euch richtig. Dann werden sich die Geier so satt fressen können, dass sie sich kaum noch in die Lüfte schwingen können.“

Die zwei Verwundeten erstarrten. Der dritte Bursche lag regungslos einige Yards entfernt auf dem Bauch und rührte sich nicht.

Chaco trat näher, stieß die Winchestergewehre mit dem Stiefel zur Seite und zog den beiden Männern die Revolver aus den Halftern. Er warf sie achtlos in einen Mesquitebusch.

Die beiden Männer pressten ihre Hände auf ihre Verwundungen. Aus angstvoll geweiteten Augen starrten sie Chaco an, der nun zu dem dritten Burschen lief und ihn auf den Rücken drehte.

Auch er war hoch oben in der Brust von Chacos heißem Blei getroffen worden. Beim Sturz musste er sich den Schädel an einem Steinbrocken aufgeschlagen haben, denn auf seiner Stirn wuchs eine Beule.

Chaco wandte sich wieder den beiden Verwundeten zu, die ihn aus flackernden Augen anstarrten.

„Verschwindet, Jungs“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Nehmt euren Partner und haut ab. Ihr könnt euch unterwegs verbinden. Tretet mir niemals wieder unter die Augen, sonst geht es nicht wieder so glimpflich ab.“

Die beiden Verwundeten taumelten auf die Beine. Sie stöhnten und fluchten. Nur mit großer Mühe wuchteten sie ihren noch immer bewusstlosen Gefährten in den Sattel und banden ihn dort fest. Ihre Flüche schallten zu Chaco herüber, der mit gezogenem Revolver gegen den Felsbrocken lehnte.

„Haut ab!“, sagte er mit klirrender Stimme. „Beim nächsten Zusammentreffen ziehe ich euch das Fell über die Ohren.“

Das Halbblut ignorierte die tückischen Blicke der beiden Verwundeten, deren Wunden noch immer bluteten. Sie zogen sich in die Sättel, nahmen das Pferd ihres Gefährten am Zügel und ritten davon.

Chaco blickte ihnen lange hinterher, bis er sicher sein konnte, dass sie in den nächsten Minuten nicht wieder aufkreuzen würden. Dann blieb ihm nur noch die traurige Pflicht, Rocky Prescott zu begraben.

 

*

 

Truxton Spring war ein kleines Nest, das zwischen den Music Mountains und der Cottonwood Range lag. Die Stadt lebte von einer Handvoll Ranches und Farmen im weiten Umkreis. Es gab auch ein paar Gold und Silberminen in der Nähe.

Die Sonne stand schon tief, als Chaco auf seinem Grauen die staubige Main Street entlangritt. Niemand nahm Notiz von ihm. Die meisten Fenster und Türen waren geschlossen, um die drückende Hitze nicht in die Häuser zu lassen.

Am Hitchrack vor dem einzigen Saloon herrschte gähnende Leere. Chaco ließ sein Pferd an der Tränke saufen und band es dann im Schatten einer mächtigen Burr-Eiche fest.

Staub wolkte unter seinen Stiefeln auf, als er die Straße überquerte und die Schänke betrat. Es roch nach Schweiß, Nikotin und schal gewordenem Bier. Ein paar Fliegen umsurrten hartnäckig seinen Kopf. Das Halbblut trat zum Tresen und sah sich im sanften Halbdunkel um.

Niemand hielt sich im Saloon auf. Schnarchtöne erklangen aus einem Nebenraum, der durch einen Vorhang aus Perlen abgeteilt war. Das Schnarchen brach ab, als Chaco seine Faust auf die blankpolierte Theke wuchtete. Ein paar zornige Worte folgten, dann näherten sich tapsige Schritte, die an einen Bären erinnerten.

Ein bulliger Mann schob sich durch den klirrenden Perlenvorhang. Missmutig blickte er auf seinen frühen Gast. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

Der Wirt hatte eine spiegelnde Glatze und den Nacken eines Stieres. Er erinnerte Chaco an einen ehemaligen Preiskämpfer. Der Mann trat hinter den Tresen und stützte sich schwer auf.

„Ein Whisky und ein kühles Bier wären mir schon recht“, sagte Chaco freundlich. „Es tut mir Leid, wenn ich Sie in Ihrer Mittagsruhe gestört habe. Hinter mir liegt jedoch ein langer Ritt, und ich freue mich schon seit Stunden darauf, mir den Staub aus der Kehle spülen zu können.“

Das grimmige Gesicht des Wirtes entspannte sich. Dann rieb er den Zeigefinger gegen den Daumen.

„Hast du überhaupt Geld?“, fragte er.

Chaco legte einen Dollar auf die Theke. Er war es gewohnt, als Halbblut zwischen Weiß und Rot zu stehen. Er wusste, dass die meisten Menschen nach der Hautfarbe urteilten.

Der Wirt schenkte ihm einen Whisky ein und dann ein Bier. Grinsend sah er zu, als Chaco den Whisky in seine Kehle schüttete. Das Halbblut hatte schon schlimmere Pumaspucke in seinem Leben getrunken und verzog keine Miene. Er schmunzelte leicht, als er das enttäuschte Gesicht des Salooners erkannte.

„Können Sie mir nicht einen Happen aufwärmen, Mister?“, fragte Chaco und trank dann durstig von dem kühlen Bier.

Der Wirt tapste nickend davon, verschwand im Nebenraum und hantierte gleich darauf mit Töpfen und Pfannen.

Schritte klangen hinter Chaco auf. Ein schmalhüftiger und großgewachsener Mann betrat den Saloon. Sporenklirrend trat er neben Chaco und musterte ihn abschätzend von der Seite.

Das Halbblut erkannte den tiefsitzenden Revolver und ahnte, dass er einen Schießer neben sich stehen hatte. Die Blicke dieser beiden so ungleichen Männer begegneten sich. Chaco sah das verächtliche Lächeln um den Mundwinkeln des Revolvermannes.

„Du hast wohl einen langen Ritt hinter dir, Halbblut, nicht wahr?“, fragte der großgewachsene Mann. Chaco, der einem Streit aus dem Weg gehen wollte, nickte.

Er sagte: „Genauso ist es, Mister. Ich komme aus Cottonwood Spring und will weiter nach Coyote Hole. Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?“

Das eisige Lächeln auf den Lippen des Revolvermannes blieb. Er angelte sich die Whiskyflasche von der anderen Seite des Tresens, griff sich ein Glas und schenkte sich ein Glas randvoll.

Schlürfend trank er von dem scharfen Alkohol und fluchte bereits nach dem ersten Schluck.

„Da hat dir Fatty aber seine schlimmste Brühe angedreht“, sagte er. „O verdammt, in dem Fass müssen wenigstens drei tote Hunde und ein paar Ratten liegen.“

Chaco zuckte mit den Schultern. „Wenn du nach Coyote Hole willst, dann bist du aber einen ziemlichen Umweg geritten“, fuhr der Mann fort und blickte das Halbblut forschend aus zusammengekniffenen Augen an.

„Ich habe Zeit. Niemand wartet auf mich, Mister.“

„Ich habe auf jemanden gewartet, Halbblut“, fuhr der Revolvermann fort und leckte sich über die Lippen. „Auf einen alten Freund. Sein Name ist Rocky Prescott. Du hast meinen Amigo nicht zufällig unterwegs getroffen?“

Chaco witterte sofort eine Falle. Er glaubte einfach nicht, dass dieser Schießer ein Freund von Rocky sein sollte. Er glaubte vielmehr, dass der Revolvermann hier in Truxton Spring nur gewartet hatte, um Rocky den Rest zu geben, sollte er wirklich den anderen Verfolgern entkommen sein.

„Willst du mir nicht antworten?“, fragte der Schießer lauernd.

Chaco sah, dass sich seine Rechte dem Griff des Revolvers genähert hatte und wie die Krallen eines Raubvogels darüber hing.

„Ich habe niemanden getroffen, Mister“, antwortete Chaco mit sanfter Stimme. „Dein Freund wird bestimmt noch auftauchen.“

Der Blick des großgewachsenen Mannes wurde eisig. Seine Augen erinnerten an zwei Eiskristalle.

Dann zog er mit einer blitzschnellen Bewegung den Revolver und rammte Chaco den Lauf der Waffe in die Seite.

„So, Halbblut“, sagte er mit klirrender Stimme. „Ich lasse mich von niemandem auf den Arm nehmen. Und von einem Kerl wie dir schon gar nicht. Wenn du dich bewegst, fülle ich dich mit so viel Blei, dass es dir wieder zu den Ohren herauskommt.“

Chaco stand wie erstarrt. Kein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich. Er überlegte, welcher Fehler ihm unterlaufen sein könnte. Er wusste es nicht.

Der Revolvermann lachte spöttisch.

„Nun möchte ich die Wahrheit von dir hören.“

Trotz des auf ihn gerichteten Revolvers wandte sich Chaco dem Revolvermann voll zu. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Lass mich in Frieden, Schießer“, sagte er. „Und wenn du ...“

„Halte die Klappe, Halbblut. So, und nun wirst du schön langsam vor mir her marschieren, und zwar bis zu den Pendeltüren. Dann wirfst du einen Blick ins Freie.“

Chaco wusste immer, wann er etwas riskieren konnte. Im Moment wäre es Selbstmord gewesen, sich zu wehren. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass der Revolvermann schießen würde.

Langsam ging er vor dem Mann her, näherte sich rasch dem Eingang des Saloons und spähte ins Freie. Wenige Sekunden später wusste er, warum ihn der Gunslinger verdächtigte, Rocky Prescott unterwegs getroffen zu haben.

Neben seinem Morgan-Hengst stand Rockys Pferd. Es musste ihnen gefolgt sein. Chaco hatte sich in der Prärie nicht mehr um Rockys Rappen gekümmert.

Der Revolvermann lachte glucksend über das überraschte Gesicht des Halbbluts. Der Revolverdruck in Chacos Rücken verstärkte sich.

„Na, ist das nicht eine tolle Überraschung, mein Lieber? Los, wir gehen in den Saloon zurück. Dort wirst du mir eine prächtige Geschichte erzählen. Ich bin ganz sicher, dass du es tun wirst, denn sonst wirst du die nächsten Minuten nicht überleben!“

 

*

 

Chaco lauerte auf seine Chance.

Er lehnte gegen den Tresen, während der Revolvermann zwei Schritte von ihm entfernt lässig stand und den Colt auf ihn gerichtet hielt. Den bulligen Wirt hatte er mit einer Handbewegung verscheucht, als dieser aus dem Nebenraum treten wollte.

„Wo bist du Prescott begegnet?“

„Zehn Meilen von hier, Mister. Er war schwer verwundet und starb mir unter den Händen. Ich habe ihn begraben. Das ist alles gewesen.“

„Alles?“, fragte Chacos Gegenüber. „Wo ist das Medaillon, Halbblut? Gib es mir.“

Chaco schüttelte den Kopf, sah den eisigen Gesichtsausdruck des Schießers und fragte sich zum wiederholten Mal, was für eine Bewandtnis es mit diesem kleinen Schmuckstück wohl hatte.

Der Colt des Revolvermannes zuckte um einen Zoll nach vorn.

„Ausziehen, Halbblut“, knurrte er. „Runter mit den Klamotten. Irgendwo wirst du das Medaillon schon versteckt haben. Ich werde es finden. Los, fang schon an. Wirf deine Kleidungsstücke auf den Boden.“

Chaco glaubte, sich verhört zu haben. Sprachlos starrte er den Revolvermann an.

„Ich sage es nicht noch einmal, Halbblut. Zieh dich aus, oder rücke das Medaillon freiwillig heraus! Ich kann dir auch eine Kugel durchs Gehirn blasen und dann selbst nachsehen. Du hast die freie Auswahl!“

„Das ist doch nicht dein Ernst!“, entgegnete Chaco. „Wenn du eine junge Lady wärst, dann hätte ich nichts dagegen, mich auszuziehen.“

„Schnauze, Halbblut! Meine Geduld ist erschöpft. Entweder du gehorchst, oder ich lege dich um!“

Der Revolvermann ließ keine Zweifel offen, dass er es ernst meinte. Ein fast gieriges Funkeln lag in seinen Augen. Er würde schießen, sollte Chaco nicht sofort seinem Befehl nachkommen.

Das Halbblut nickte, dann streifte er sich seine Wildlederjacke vom Körper. Er warf sie zu Boden und beobachtete dabei den Schießer aus den Augenwinkeln, der zufrieden lächelte.

Chaco knöpfte sein Hemd auf, zog es aus und ließ es auf seine Jacke fallen. Er sah, dass der Blick des Revolvermanns dem fallenden Kleidungsstück folgte. Auch der Revolverlauf geriet leicht aus seiner Richtung.

Chaco handelte.

Er schnellte sich vom Tresen ab, flog durch die Luft und rammte gegen die Beine des überraschten Revolvermannes, der mit einer so blitzschnellen Reaktion nicht gerechnet hatte.

Der Revolver entlud sich zwar, doch die Kugel schmetterte nur in das Gläserregal hinter dem Tresen.

Chaco brachte mit seinem Schwung den Revolverhelden zu Fall. Er schlug dem Burschen den Colt aus der Hand und hieb ihm dann seine Faust unters Kinn. Dann ließ er von dem erschlaffenden Gegner ab, der bewusstlos am Boden lag. Chaco erhob sich. Mit geballten Händen stand er vor dem Schießer, der in dieser körperlichen Auseinandersetzung nicht den Hauch einer Chance gehabt hatte.

Chaco wusste, dass sich Männer dieser Art nur mit dem Schießeisen in der Hand anderen überlegen zeigten. Der Colt war ihr Handwerkszeug, mit dem sie sich über andere als Herr über Leben und Tod aufspielten.

Chaco hob den Blick, als der dicke Keeper durch den Perlenvorhang trat. Verblüfft starrte er auf das Halbblut und hatte wohl damit gerechnet, diesen anstelle des Schießers am Boden zu sehen.

„He“, sagte er staunend. „Das gibt es doch gar nicht. Kannst du vielleicht hexen? Weißt du eigentlich, wen du da vor dir auf dem Boden liegen hast?“

„Er ist ein verdammter Hundesohn“, antwortete Chaco. Sein Atem beruhigte sich langsam.

„Das ist Jack Dallas, Mister. Hast du noch nie von dem schnellen Revolvermann gehört?“

Das Halbblut schüttelte den Kopf. „Das ist mir auch egal. Gibt es hier in diesem lausigen Nest einen Sheriff oder einen Marshal?“

Der dicke Salooner fuhr sich über seine Glatze und vertrieb einige Fliegen, die die spiegelnde Fläche als Landefläche ausgesucht hatten.

„Einen Gesetzeshüter gibt es hier nicht. Den nächsten Deputy Sheriff findest du in Coyote Hole. Für einen Stadtmarshal reichen unsere Bucks nicht. Außerdem ist hier selten was los.“

„Was will dann dieser Schießer hier in diesem lausigen Nest?“, fragte Chaco. Sein forschender Blick traf den Wirt, dessen Gesicht einen abweisenden Ausdruck annahm.

„Das geht mich nichts an“, sagte er. „Ich kümmere mich nicht um die Probleme anderer Leute.“

Chaco ahnte, dass er aus dem Wirt kaum etwas herausholen konnte. Trotzdem versuchte er es.

„Kennst du Rocky Prescott?“

In den Augen des ehemaligen Preiskämpfers blitzte es kurz auf. Dann schüttelte er den Kopf.

„Du lügst“, sagte Chaco, während er sich sein Hemd wieder überstreifte. „Dieser Kerl hat auf ihn gewartet. Wohnte Rocky hier?“

Der Wirt presste die wulstigen Lippen fest zusammen.

„Dein Essen ist längst fertig, Mister. Willst du es noch haben, oder ist dir der Appetit vergangen?“

Chaco lächelte leicht.

„Willst du mir nicht erst meine Fragen beantworten?“

Der Salooner schob sich auf die Tür des Nebenraumes zu und brachte kurze Zeit darauf einen Teller mit dampfendem Essen, das er auf einen Tisch stellte.

Chaco hatte in der Zwischenzeit seine Jacke angezogen und den Colt des Revolvermannes aufgehoben und in seinen Hosengürtel gesteckt. Der Schießer war noch immer bewusstlos.

Sein Kinn war stark angeschwollen und zeigte bereits eine bläuliche Verfärbung. Eine Lippe war aufgeplatzt. Ein dünner Blutfaden rann übers Kinn und versickerte im Hemdkragen.

Das Halbblut probierte vom Steak und von den knusprigen Bratkartoffeln und aß bald mit gesundem Appetit. Dabei ließ er seinen Gegner nicht aus den Augen.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905014
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
chaco kugel

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Titel: Chaco #13: Die nächste Kugel trifft