Lade Inhalt...

Königshaus Norland #4: König Eriks Hochzeit

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Die Vorbereitungen für die große Hochzeit zwischen König Erik von Norland und seiner geliebten Comtesse Patricia Simone d´Ancourt laufen auf Hochtouren. Ganz Norland will dieses Ereignis feiern. Aber ein unerwartetes Ereignis verhindert einen harmonischen Ablauf. Eireen O´Bannon, die irische Rapperin, behauptet von Print Bernt von Norland schwanger zu sein. Als die spanische Prinzessin Ines de Castignada, Prinz Bernts Verlobte, davon erfährt, ist sie völlig schockiert und verlässt Schloss Bentwaldt. Die Hochzeit ihrer zukünftigen Familie interessiert sie nicht mehr.
Prinz Bernt ist sehr besorgt, denn niemand weiß, wo sich Ines aufhält. Aber er ist fest entschlossen, so schnell nicht aufzugeben, denn er liebt diese Frau. Und er wird alles tun, um ihr Herz wiederzugewinnen...

Leseprobe

König Eriks Hochzeit

Ein Roman von Earl Warren

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: alphaspirit/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Die Vorbereitungen für die große Hochzeit zwischen König Erik von Norland und seiner geliebten Comtesse Patricia Simone d´Ancourt laufen auf Hochtouren. Ganz Norland will dieses Ereignis feiern. Aber ein unerwartetes Ereignis verhindert einen harmonischen Ablauf. Eireen O´Bannon, die irische Rapperin, behauptet von Print Bernt von Norland schwanger zu sein. Als die spanische Prinzessin Ines de Castignada, Prinz Bernts Verlobte, davon erfährt, ist sie völlig schockiert und verlässt Schloss Bentwaldt. Die Hochzeit ihrer zukünftigen Familie interessiert sie nicht mehr.

Prinz Bernt ist sehr besorgt, denn niemand weiß, wo sich Ines aufhält. Aber er ist fest entschlossen, so schnell nicht aufzugeben, denn er liebt diese Frau. Und er wird alles tun, um ihr Herz wiederzugewinnen...



 

 

 

 

 

 

 

Der große Tag stand unmittelbar bevor, die Hochzeit des Königs mit all ihren folgenden Feierlichkeiten. Wieder einmal würde die Dynastie derer von Bentwaldt ihr Gesicht verändern.

Der 74jährige, noch immer stattliche König Erik wollte Lady Patricia heiraten. Comtesse Patricia Simone d’Ancourt, wie sie mit vollem Namen hieß, 48 Jahre alt, seit mehreren Jahren verwitwet, nachdem ihr Gatte an einer Krankheit verschieden war, eine aparte, charmante und intelligente Frau.

Sie liebte ihn zärtlich, und der König von Norland blühte bei ihr wieder auf. Er hatte den schweren Kummer überwunden, den ihm der Unfalltod seiner über alles geliebten Gattin, Königin Andrea, bei einem Flugzeugabsturz vor über drei Jahren zufügte. Andrea war die Frau seines Lebens gewesen, die Mutter seiner beiden Kinder, die Landesmutter von Norland, sein Stern, seine Stütze und seine Gefährtin.

Doch das Leben ging weiter, und Erik von Norland war noch zu vital, um den Rest seiner Tage allein zu verbringen. Er war kein Mann, der allein leben konnte, ohne eine Frau an seiner Seite.

Die Verbindung zu Lady Patricia bestand nun seit anderthalb Jahren, da war sie intim geworden, und er gedachte, sie zu legalisieren.

Im Palast summte es wie in einem Bienenstock. Die Hauptstadt Tjellborg wurde hergerichtet, die internationale Presse und die Medien bereiteten sich auf das große Ereignis vor. Gäste aus Adel und Hochadel versammelten sich. Olaf Mettlund, der fast zwei Meter große, schwergewichtige Kronrat, hatte alle Hände voll zu tun, denn er sah es als persönliche Herausforderung und als Verpflichtung an, dass die Königshochzeit reibungslos über die Bühne gehen sollte.

Auch für ihn, obwohl er meist hinter den Kulissen blieb, würde es ein Höhepunkt seines Lebens sein. Mettlund vergaß bei aller Begeisterung freilich nicht gewisse Nebengeschäfte – Fernsehgesellschaften zahlten ihm Geld für bestimmte Vergünstigungen, auch Gäste, die gewisse Vorteile haben wollten.

Im großen und Ganzen hielt Mettlund sich allerdings an das Reglement.

König Erik nahm die ganze Aufregung gelassen hin. Hand in Hand saß er mit Lady Patrica neben sich auf dem Thron im Thronsaal und probte die erste offizielle Audienz, die bald nach der kirchlichen Trauung in der Kathedrale der Hauptstadt stattfinden sollte. Auch Staatsoberhäupter würden kommen.

Sogar aus Dubai, dem arabischen Öl-Emirat am Golf, hatte sich eine Delegation angesagt. Norland stand mit Dubai in Handelsbeziehungen. Ein norländisches Industriewerk lieferte Ölförderungsanlagen und eine Raffinerie dorthin, zudem beteiligte man sich am Pipelinebau, was wesentlich größere und mächtigere Staaten als Norland verdross.

König Erik hatte durch seinen internationalen guten Ruf und seine Beziehungen sowie durch seine beeindruckende Persönlichkeit wesentlich dazu beigetragen, dass diese Großaufträge nach Norland gingen. Der Herrscher von Dubai, mit dem er sozusagen von gleich zu gleich verhandelt hatte, wollte es sich deshalb nicht nehmen lassen, an der Königshochzeit teilzunehmen.

Leider hielt ihn seine angegriffene Gesundheit davon ab, er war nicht mehr jung. So schickte er ein paar seiner Söhne und wichtige Persönlichkeiten des Landes. Die Ölscheichs, wie sie genannt wurden, erregten in Tjellborg Aufsehen.

Frühling war es. Die Obstbäume blühten. Im Park hinter dem königlichen Schloss war ein buntes Blumenmeer, die Vögel zwitscherten, und es duftete frisch. Schloss und Hauptstadt hatten sich herausgeputzt. Selbst das Reiterdenkmal des König Gustav Ludwig des Zweiten auf dem Platz vorm Schloss, wo es auch einen mächtigen Springbrunnen gab, war restauriert worden.

Der Löwe des Nordens, auch der Eiserne genannt, hatte sogar einen neuen Säbel erhalten, weil der alte schon arg verwittert gewesen war. Auch er sollte etwas von der Königshochzeit haben.

Die königliche Garde mit ihren rotblauen Uniformen und Bärenfellmützen war auf das große Ereignis eingeübt. Eine Parade sollte und musste zu Ehren des Königspaars stattfinden. Da durfte kein Fleckchen auf einer Uniform sein. Allzu schäbig gewordene Bärenfellmützen wurden ausgemustert.

Die Köche, die Gärtner, das Schlosspersonal, alle hatten zu tun. Die Gästezimmer des 320-Zimmer-Schlosses und sämtliche Hotels in der Hauptstadt und der Umgebung waren belegt, auch sonstige Quartiere, privat oder gewerblich. Die Balkon- und Fensterplätze zur Straße, auf der der König und seine Braut mit ihrem gesamten Gefolge und Gästen in Kutschen und Limousinen zur Trauung und wieder zurück fahren würden, waren sämtlich belegt und zu teils horrenden Preisen vermietet.

Die Gastronomie und das Hotelgewerbe freuten sich.

„Das ist sehr anstrengend“, sagte König Erik während all dieser Vorbereitungen, Anproben und Sonstigem, zu seiner zukünftigen Gattin. „Ich wusste gar nicht mehr, dass eine Hochzeit ein derartiger Akt ist.“

„Deine letzte Hochzeit liegt sehr lange zurück, Liebster“, antwortete Lady Patricia.

In ihrer Galarobe wirkte sie königlich. Zudem war sie schlank und schön. Man konnte sie gut und gern für fünfzehn Jahre jünger halten.

Ein Schatten überflog in dem Thronsaal König Eriks Gesicht. Er würde seine erste Gattin nie vergessen. Doch er wusste, dass es in ihrem Sinn war, wenn er wieder heiratete. Sie hätte ihm eine liebende und verständnisvolle Frau gewünscht.

„Wenn ich vor dir sterben sollte“, hatte sie einmal zu ihm gesagt, „dann bleibe nicht allein.“

König Eriks Gedanken schweiften zurück. Lange war es her, ein halbes Jahrhundert und ein Jahr, seit er, Prinz damals noch, vor dem Traualtar gestanden hatte. Plötzlich fühlte er sich uralt. Wie lange war es doch her, seit er seine Andrea geheiratet hatte. Und seit seine inzwischen längst verstorbene Mutter, Königin Margarete, auf den Thron verzichtete und er, 25 Jahre alt damals erst, König von Norland wurde.

Heiß stieg es ihm in die Augen. Wo war die Zeit nur geblieben?

Seine zukünftige Gattin fühlte mit feinem Gespür, was in König Erik vorging. Sie ergriff seine Hand. Angesichts der Würdenträger, die im bereits festlich geschmückten Thronsaal vor ihnen standen, drückte sie sie.

Ich bin bei dir, Liebster, sagte ihr Blick zu ihm. Ich stehe an deiner Seite, ich, deine Gattin und deine Königin. Ich bin immer für dich da.

Dankbar lächelte Erik sie an. Ein König muss stark sein, dachte er. Auch wenn ihn die Last der Jahre und die der Verantwortung drückte, konnte er doch noch nicht aufgeben. Norland brauchte ihn, sein Land, mit 380.000 Quadratkilometern und 12,5 Millionen Einwohnern, mit Wäldern, Bergen und Fjorden, mit stolzen Tannen und lachs- und fischreichen Küstengewässern.

Die Dynastie Bentwaldt brauchte ihn – und seine Familie, seine beiden Kinder Kronprinz René, seine Tochter Jennifer, die vier Enkel. Noch konnte er nicht zurücktreten, sein Werk war noch nicht getan. Das Werk eines Königs, der seine erste Pflicht darin sah, seinem Volk zu dienen.

Der erste Diener des Staates nannte er sich, und seine Pflichtauffassung war streng. Als sein Blick durch den Saal schweifte, sah er die, die ihm am nächsten standen.

René, seinen Sohn, 48 jetzt, den Moorprinzen, wie er im Volksmund genannt wurde wegen seine Eigenbrödelei und Marotten. Seine Ehe mit der mondänen Lady Desiré, die neben ihm saß, war unglücklich. Die Eheleute hatten sich schon seit Jahren auseinandergelebt.

René, ein engagierter Naturschützer, hatte eine Geliebte, die Freifrau Beatrice von Ottrein-Hahlöö, von Lady Desiré diffamierend „Der Bernhardiner“ genannt, weil sie groß, etwas üppig und keine strahlende Schönheit war. Lady Beatrice war verheiratet, lebte mit ihrem Mann jedoch nicht zusammen. Ihre beiden erwachsenen Kinder gingen ihre eigenen Wege.

Das Verhältnis zwischen den Kronprinzen und der Freifrau war ein offenes Geheimnis. Zu offiziellen Anlässen trat René, ein hochgewachsener Mann mit spitzer Nase und am Hinterkopf stark gelichtetem Haar, jeweils mit seiner Gattin an.

Sie war eine Grande Dame, sie liebte es, zu repräsentieren, Gesellschaften zu geben, bei offiziellen Anlässen im Mittelpunkt zu stehen. Deren gab es viele, die Repräsentationspflichten und Schirmherrschaften waren zahlreich.

Lady Beatrice war nicht in dem großen Thronsaal anwesend.

Das Zeremoniell, die Probe, schritt fort.

 

*

 

Zu seiner Freude sah König Erik seine Tochter Jennifer, 38 Jahre alt, mit ihrem zukünftigen Ehemann, dem Milliardär Morten Hanson, im Saal. Jennifer war noch blass und wirkte mitgenommen. Nach einem Bergunfall hatte sie zeitweise das Gedächtnis verloren gehabt. Und nach vielen Jahren hatte sie wieder mit Morten Hanson zusammengefunden, dem Vater ihrer Tochter Natalie.

Die schöne schwarzhaarige zwanzigjährige Prinzessin Natalie verließ gerade mit ihrem Freund, dem zukünftigen Lord Ralston, Frederik mit Vornamen, den Saal. Draußen in der Wandelhalle erwarteten sie die 18jährige Prinzessin Alexa, die Tochter von Kronprinz René und Lady Desiré, die ebenfalls in Begleitung war.

Larry Trehearne, ihr Freund und vielleicht zukünftiger Verlobter, gehörte wie der rotblonde, sommersprossige, schlaksige Freddy Ralston zum britischen Hochadel. Im Gegensatz zu diesem würde er jedoch keinen Lordstitel erben, er war ein nachgeborener Sohn, doch für eine norländische Prinzessin durchaus standesgemäß.

Die Prinzen Bernt und John sowie Bernts bildschöne Verlobte Ines de Castignada standen ein Stück abseits bei einer Fensternische. Durchs Buntglas des bleigefassten Fensters, dessen Scheiben die Figur eines stattlichen Ritters zeigten, fiel farbig das Sonnenlicht herein.

Der Wandelgang war recht belebt. Geladene Besucher und Gäste, Bedienstete und Security Guards waren unterwegs oder standen in Gruppen. Der Wandelgang an der Frontseite des Schlosses war zweihundert Meter lang, hatte Säulen und Nischen und galt mit seinem Dekor aus Edelhölzern, Gemälden, Statuen und Ritterrüstungen sowie Deckengemälden als eine Sehenswürdigkeit von Schloss Bentwaldt, dem königlichen Schloss in der Hauptstadt Tjellborg.

Ein paar Gardisten mit Hellebarden, in mittelalterlicher Uniform, aber mit Headset, Kehlkopfmikrofon und Funkknopf im Ohr, standen reglos wie Statuen. Sie trugen unter den Wämsern durchaus moderne Waffen.

Der Boden war mit Parkett belegt und teils mit Laufteppichen bedeckt. Einige Fenster waren geöffnet, eine frische Frühlingsbrise wehte herein.

Der hochgewachsene, grauäugige Prinz Bernt wollte seine schöne Verlobte küssen. Die 19jährige Fürstentochter aus bestem spanischen Haus war eine Traumfrau – schwarzhaarig, dunkeläugig, elegant gekleidet mit ihrer schulterfreien Robe, die ihre schlanke Figur und die Wespentaille betonte.

Ines war so schön, dass es fast schmerzte, sie anzusehen. Zudem liebenswert und natürlich. Sie sprach mehrere Sprachen, gedachte noch ein Studium zu absolvieren und hatte alle Voraussetzungen für die Gattin des Prinzen Bernt, der in der Thronfolge an zweiter Stelle stand.

Bernt war ein Playboy gewesen, bis er Ines kennenlernte. Er hatte gerade erst seinen 25. Geburtstag gefeiert und hätte seine Ines lieber heute als morgen geheiratet. Doch hatte ihm sein Großvater König Erik Zurückhaltung empfohlen oder ihn vielmehr darum gebeten.

Denn das Jahr war bereits mit Feiern und Feierlichkeiten überlastet – die Hochzeit des Königs stand direkt bevor, sein 75. Geburtstag, das 50jährige Thronjubiläum, das 200jährige Regierungsjubiläum des Hauses Bentwaldt. Und Prinzessin Jennifer und Morten Hanson, der stattliche Milliardär, wollten unbedingt heiraten, sobald Jennifer gesund genug dafür war.

Noch musste sie sich schonen, ein Rückfall war bei ihr nicht ausgeschlossen. Es war ein Wunder und Hanson zu verdanken, dass sie noch lebte. Nachdem sie viele Jahre getrennt gewesen waren, war ihre Liebe tiefer denn je und sehr zärtlich.

Auch den harten und zielstrebigen Milliardär hatte sie sehr zu seinem Vorteil verwandelt.

Ines drehte den Kopf weg. Bernt, blond, blendend aussehend, mokierte sich.

„Hast du Angst vor der Öffentlichkeit?“, fragte er. „Ich werde meine Allerliebste und Verlobte doch wohl küssen dürfen.“

„Das ist es nicht“, erwiderte Ines, gerade als Alexa mit Larry Trehearne und Natalie mit Freddy Ralston hinzutraten.

Sie gestattete Bernt einen Kuss auf ihre Wange. Seine Lippen glitten tiefer zu ihrem schlanken, pfirsichzarten Hals.

Ines trat einen Schritt weg.

„Du bist ja strenger als deine gestrenge Duena“, sagte der schlanke, sportliche Prinz, der wie die andern einen Smoking trug. Er sah darin blendend aus. „Was ist denn bloß in dich gefahren?“

„Hörst du die Charts nicht?“

Ein Schatten überflog Prinz Bernts Gesicht.

„Ach, du meinst Eireen O’Bannons neuesten Superhit?“

„Genau den meine ich.“

„Prince of my heart , ja, genau den meine ich.“ Ines tänzelte in ihren hochhackigen Schuhen umher und sang durchaus begabt ein paar Textzeilen nach: „Prince of charming, knight of my heart. My beautiful prince, my great love, Bernt, Bernt, Bernt - my love.“

Bernt verzog gequält das Gesicht. Die anderen, auch Prinz John, sein zwei Jahre jüngerer Bruder, hielten sich zurück.

„Bernt, deine Küsse sind voller Glut und Leidenschaft“, trällerte Ines weiter. „Nie werde ich deine Liebe vergessen. Mein Herz sehnt sich nach dem Tag, an dem wir uns wieder sehen. In deinen Armen schmelze ich dahin. – Warum hast du mich verlassen? Was habe ich dir getan? – Kehre zu mir zurück, schöner Prinz, lass uns die Nacht in Brand stecken…“

„Hör auf!“ Bernt hielt sich die Ohren zu. „Das kann man ja nicht mit anhören. Dieser Schmalz und Kitsch. Früher hat der Irische Hurrican bessere Texte gehabt.“

„Bevor sie dich kannte und du ihr den Kopf verdrehtest?“, fragte Ines spitz und bereute es schon, kaum dass sie es gesagt hatte.

Aber sie konnte nicht anders. Etwas in ihr zwang sie, die Konfrontation zu suchen.

„Bitte, Ines, das Thema ist durch“, sagte Bernt in fließendem Spanisch. Sprachbegabt war er. „Du weißt, dass es nur eine einzige Liebesnacht zwischen mir und dem Irischen Hurrican gab, wie die Rapperin Eireen O’Bannon genannt wird, die Königin der Charts von der Grünen Insel.“

„Eine schrille Person mit hohem Männerverschleiß“, entgegnete Ines spitz wie ein Messer. „Dich hat sie natürlich auf ihrer Liste haben wollen. Den Playboy-Prinzen von Norland.“

„Das war einmal. Ich liebe nur dich, und das weißt du.“

Ines lächelte bitter. Sie war launisch an dem Tag.

„Ja, aber wie lange? Du hast schon viele Frauenherzen gebrochen.“

„Mein Herz gehört dir.“

Bernt schaute Ines traurig und aufrichtig zugleich an. Plötzlich brach sie in Tränen aus.

Sie umarmte Bernt und küsste ihn. Dann machte sie sich wieder frei.

„Entschuldige, Liebster, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich möchte allein sein. Später können wir über alles sprechen.“

Fluchtartig lief sie davon. Ihre Stöckelschuhe trommelten stakkatoartig, als sie den Teppich verließ. Bernt wollte hinter ihr her, doch Alexa, seine Schwester, hielt ihn zurück.

„Lass sie, es ist nicht einfach für sie. Seit die O’Bannon ihren Hit herausgebracht hat, mit dem sie dir eins auswischen und sich an dir rächen will, dudelt er in allen Radiosendern und wurde massenhaft verkauft. Sogar in den USA führt er die Charts an. Wie ein Komet ist er an die Spitze geschossen.“

Bernt ballte die Faust. Larry Trehearne, Freddy Ralston und Prinzessin Natalie beobachteten ihn genau wie seine Cousine Alexa und sein Bruder Prinz John.

„Ich könnte dem Weibsstück den Hals umdrehen!“, stieß Prinz Bernt wütend hervor. „Es ist ein ungeheuerlicher Affront, was sie sich da geleistet hat. – Bernt, deine Küsse sind voller Glut und Leidenschaft. My beautiful prince. In deinen Armen vergesse ich die Welt. – Wieso zieht sie mich da hinein?“

„Du sagtest es schon, sie will sich an dir rächen, Bruder“, sagte Prinz John. Er war etwas kleiner als sein Bruder, davon abgesehen sah er ihm recht ähnlich. „Natürlich ist es geschmacklos und unverzeihlich. – Aber was willst du tun? Der Name Bernt ist nicht gesetzlich geschützt, dass man ihn in einem Schlagertext nicht verwenden darf.“

„Ja“, sagte Larry Trehearne, der in Oxford Jura studierte, in Englisch. In dieser Sprache wurde das Gespräch nun geführt. Ines war am Ende des langen Ganges verschwunden. „Zumal Eireen O’Bannon jederzeit angeben kann, jemand anders zu meinen. Einen Bernd oder Bert – so genau ist der Name bei ihrem Gesang nicht zu identifizieren.“

„Aber wie viele Prinzen, die Bernt heißen, oder von mir aus auch Bernd oder Bert, gibt es denn?“, fragte Prinz Bernt heftig. „Außerdem hat sie es ja laut genug in die Welt hinausposaunt und den Medien mitgeteilt, dass wir eine Affäre hatten. Eine einzige Nacht habe ich mit ihr verbracht, was sie natürlich nicht sagte und was ich schlecht öffentlich preisgeben kann. Dann verliebte ich mich in Ines, die hier im Schloss zu Besuch war und sich seitdem abgesehen von einem kurzen Besuch bei ihrer Familie in der Nähe von Cordoba, der sie mich bei der Gelegenheit vorstellte, hier aufhält – als meine Verlobte. Ich liebe sie über alles. Ich bin ihr treu.“

Er schüttelte heftig den Kopf und fuhr fort: „Wenn ich das bloß gewusst hätte! Nicht mal mit der Feuerzange hätte ich Eireen angefasst, hätte ich das geahnt. Sie hat sich mir an den Hals geworfen. Sie bestellte mich zu sich, als sie ein Gastspiel in Tjellborg ab, in der Norland-Halle. Ja, ich gebe es zu, ich habe mit ihr geschlafen. Aber muss man das denn unbedingt an die große Glocke hängen?“

„Sie hat sich wohl mehr versprochen“, sagte der zukünftige Lord Ralston – Freddy, Natalies Freund, trocken. „Es war nicht gerade gentlemanlike, dass du dich morgens, als sie noch schlief, klammheimlich aus ihrem Hotelzimmer davonstahlst und nichts mehr von dir sehen und hören ließest.“

„Aber da lernte ich doch Ines kennen. An diesem Morgen, als ich neben Eireen erwachte, erkannte ich die Schalheit und Hohlheit meines bisherigen Lebens. Meine Leichtlebigkeit, die Sucht nach Sex und Vergnügen. Ich schämte mich. Es war wie ein Kater nach einem orgiastischen Rausch. Denn Eireen… Davon spreche ich nicht. Sie – ähm, ist sehr leidenschaftlich und kennt sexuell keine Tabus.“

„So genau wollen wir es nicht wissen, alter Junge“, sagte Freddy Ralston.

„Ich weiß wirklich nicht, ob Eireen mich gehabt hat oder ich sie“, brummte Bernt. „Wie ein Hurrican ist sie über mich hergefallen, stürmisch, voll Leidenschaft.“

„Dann bist du ein armes Katastrophenopfer“, sagte Freddy Ralston.

„Lass diesen Zynismus!“, verwahrte sich Bernt. „Er steht dir nicht zu. Es reicht, wenn dieses Weibsstück geschmacklos ist.“

„Wir wollen uns nicht streiten“, erwiderte Freddy Ralston versöhnlich. „Ich entschuldige mich. Das hätte ich nicht sagen sollen.“

„Vergiss es. Man sollte die Single verbieten oder zumindest unterbinden, dass sie in Norland gespielt wird. Ich kann Ines verstehen. Sie fühlt sich verspottet. Jeder, der ‚Prince of my heart’ hört, weiß, dass ich damit gemeint bin.“

„Das streitet Eireen O’Bannon allerdings ab oder gibt es jedenfalls nicht zu“, sagte Prinz John. „Bei einer Pressekonferenz und bei anderen Gelegenheiten hat sie gesagt, jede Frau hätte ihren Traumprinzen – das wäre damit gemeint. Wie willst du ihr das Gegenteil beweisen? Es bleibt dir – und uns allen – nur übrig, den O’Bannon-Hit ‚Prince of my heart’ zu ignorieren. Irgendwann wird er aus den Charts verschwinden.“

„Es ist ein Superhit“, entgegnete Bernt düster. „Leider. Er kann sich noch lange halten. Selbst wenn er raus aus den Charts ist, ist er damit nicht verschwunden. Dann wird er auf einen Sampler kommen. Womöglich wird er zum Klassiker. Dann muss ich mir diesen Scheiß noch in zwanzig Jahren anhören.“

Bernt war so wütend, dass er seine guten Manieren vergaß. Seine Schwester wollte ihn trösten.

„Ach Bernt, nimm es nicht so tragisch“, sagte sie. „Ich werde mit Ines sprechen. Frauen sind manchmal launisch. Aber sie weiß, dass du sie wirklich liebst – und nur sie. Die O’Bannon ist neidisch, du hast sie verlassen, nach nur einer Liebesnacht, was sie nicht verwindet. Schließlich ist sie ein Top-Star, eine Egomanin, wie sie im Buch steht, und hat eine himmelhohe Meinung von sich. Sie ist es gewöhnt, dass die Männer sie anschmachten und ihr zu Füßen liegen. Bei ihrer Bühnenshow tritt sie jeweils äußerst gewagt auf. Sie ist ein Sexsymbol.“

Bernt war nach wie vor zornig und sagte etwas sehr Unschönes.

„So toll ist sie nicht. Sie ist… direkt und schamlos. Eine Schlampe, die im Schlagergeschäft einen Riesenerfolg hat – zu Unrecht, wenn man mich fragt. Oberflächlich und karrieresüchtig. Herzlos.“

„Willst du noch mehr ungünstige Eigenschaften von ihr aufzählen?“, fragte Prinzessin Alexa, die ein rotes Galakleid trug und umwerfend aussah. „Ich kann ja verstehen, dass du empört über ihr Verhalten bist. Aber du hättest schließlich nicht zu ihr gehen müssen.“

„Hätte ich es nur nicht getan!“, sagte Bernt. „Diese Affäre bereue ich. Was bin ich nur für ein Narr gewesen! Eine bestimmte Sorte Frauen machte es mir immer sehr leicht. Sie sahen in mir nicht den Menschen, sondern den Prominenten und den Prinzen von Norland. Wie eine Trophäe, die sie erringen wollten, war ich für sie. – Und ich bildete mir noch eine Menge auf meine Eroberungen ein. Seit ich Ines kenne, ist das anders geworden. Jetzt hat sich alles gewandelt. Jetzt weiß ich, was wahre Liebe ist. Keine schalen Affären, nach denen ein schlechter Nachgeschmack bleibt.“

„Ja, Bernt, du bist nun mal ein Frauentyp“, sagte Larry Trehearne. „Vielleicht hättest du mehr auf deinen Umgang achten sollen. Leichtsinnig warst du, aber du bist nicht schlecht.“

„Du sprichst mit mir wie mein Großvater, der König.“

„Das wollte ich nicht. Natürlich, wie jeder junge Mann wolltest du deine Erfahrungen machen. Du verliebtest dich, spieltest mit der Liebe, erobertest gern die Frauen – und merktest manchmal nicht, dass du es warst, der erobert wurde.“

„Ja“, sagte Bernt. „Und was mache ich nun, damit Eireen mit ihrem Gift und Hass nicht meine Liebe zu Ines zerstört? Oder vielmehr Ines’ Liebe zu mir, denn Ines ist Spanierin und stolz. Sie nimmt nicht alles hin. Ich liebe sie über alles. Sie ist meine Göttin, der Stern meines Lebens. Wenn ich sie verliere, ist es Nacht für mich. Ohne Stern, der mir leuchtet.“

 

*

 

Bernts Gefühle waren echt. Die fünf anderen spürten es.

„Hab Vertrauen zu Ines“, sagten sie. „Sie wusste von deiner Liebesnacht mit dem Irischen Hurrican, der es dir leicht genug machte, und dass du nichts mehr von ihr wissen willst. Ein Lied kann euch nicht auseinanderbringen.“

„Ja“, sagte Bernt. „Aber ich habe ein ungutes Gefühl. Wer weiß, was dieses Weibsbild sich noch alles einfallen lässt in ihrer Eifersucht und Rachsucht, weil ich sie verschmäht habe. Ich nannte sie oberflächlich, aber hassen kann sie, das weiß ich. Und eine verschmähte, rachsüchtige Frau ist gefährlich.“

Die anderen trösteten ihn.

„Was sollte sie sich noch einfallen lassen?“, fragte Alexa burschikos. „Weitere Songs mit deinem Namen? Das würden ihre Fans ihr nicht abnehmen. Und sie würde sich bloßstellen und blamieren, wenn sie weitere Prinz-Bernt-Singles brächte.“

„Das würde ihrer Karriere schaden“, stimmte Larry Trehearne seiner geliebten Prinzessin zu. „Die geht ihr über alles. Sie hat mit dem einen Song ihr Gift ausgespuckt. Glaub mir das. In ein paar Monaten lachst du darüber und interessiert sich kein Mensch mehr für diese Single.“

„Na, na, na“, meinte Bernt skeptisch.

Larry schlug ihm auf die Schulter.

„Sie wird sich andere Lover nehmen. So toll bist du auch wieder nicht. Sie wird dich vergessen und dir keinen Blick gönnen, solltet ihr euch jemals wieder begegnen, bei einer Gala oder Ähnlichem.“

„Ich schaue sie nicht mal mehr mit dem Hinterteil an“, sagte der nach wie vor zornige Bernt. „Dieses… dieses… ach! Sie ist es nicht einmal wert, sie zu beschimpfen. Diese Single… das war so niederträchtig. Das ist so perfide, so gemein…“

Bernt schnaubte vor Wut.

„Dieses Weib ist so niederträchtig, dass selbst eine Schlange sich noch bücken müsste, um ihr in die Augen zu sehen!“

Die anderen lachten schallend. Auch Bernt grinste. Sein Zorn verrauchte allmählich, und er hoffte, dass Ines ihre unguten Gefühle überwinden und vergessen konnte. Sie fühlte sich durch den Hit „Prince of my heart“ verunglimpft. Denn welche Frau hatte es schon gerne, wenn eine andere leidenschaftlich von ihrer Liebe zu ihrem Herzallerliebsten sang?

Und das weltweit, mit Super-Verkaufszahlen, die alle Rekorde schlugen.

„Hoffentlich kommt da nichts mehr nach“, sagte Prinz Bernt mit böser Vorahnung. „Diesem Weib traue ich alles zu. Wenn ich das nur geahnt hätte…“

„Jetzt hör schon auf, Bruderherz“, sagte Prinz John. „Du bist schließlich kein Hellseher, und ich hätte bei Eireen O’Bannon auch nicht Nein gesagt. Jetzt allerdings doch. Ein Norland-Prinz auf ihrer Prominenten-Beischlaf-Liste reicht. Obwohl es mich reizen könnte, in einem weltweiten Erfolgshit zitiert zu werden.“

„Du hast sie nicht alle!“

Bernt ballte die Faust, eine Geste. Dann begriff er, dass sein jüngerer Bruder ihn auf den Arm nahm und lachte.

„Ist schon gut, John. Wechseln wir besser das Thema. Übermorgen ist der große Tag. Opa heiratet Lady Patricia. Mögen sie glücklich werden. Ich gönne ihm sein spätes Glück.“

„Weshalb heiratet unser königlicher Großvater in seinem Alter eigentlich noch?“, fragte Prinz John respektlos.

„Das ist eine ebenso dumme wie respektlose Frage“, sagte sein Vater, Kronprinz René, hinter ihm.

John erschrak. Der Kronprinz war unbemerkt zu der Gruppe getreten. John drehte sich zu ihm um wie ein ertappter Sünder.

„Ihr werdet im Saal gebraucht“, sagte der Kronprinz. „Der König möchte ein paar Worte sagen zur Hochzeit, die für übermorgen angesetzt ist. Seht zu, dass ihr keinen Schnitzer begeht. Die Zeremonie wird live in den Medien weltweit übertragen. – Die Hochzeit des Königs von Norland.“

Bernt seufzte. Das Zeremoniell widerstrebte ihm. Es würde viele Stunden dauern. Alles war genau festgelegt. Ein gekröntes Haupt verehelichte sich. Die Weltöffentlichkeit schaute zu. Für Prinz Bernt war es zudem ein Vorgeschmack auf seine eigene Hochzeit mit Ines de Castignada.

Auch diese würde von den Medien übertragen werden. An seine Sorgen und Befürchtungen wegen Eireen O’Bannon dachte Bernt im Moment nicht.

„Hat es nicht noch einen Moment Zeit, Vater?“, fragte Prinz John. „Ich möchte gern noch eine Zigarette rauchen.“

Im Schloss herrschte Rauchverbot. Doch es gab ein paar Raucherräume oder –kabinette. John frönte den Nikotinlaster noch. Kronprinz René, der sehr auf gesunde Lebensweise und Ernährung achtete und ein eifriger Naturschützer und Tierfotograf war, schaute ihn strafend an.

Der Kronprinz genoss eine erhebliche Autorität bei seinen Söhnen. Bei seiner Tochter war sie geringer, denn Alexa verargte ihm, dass er mit ihrer Mutter, seine Gattin, eine so schlechte Ehe oder eigentlich gar keine mehr führte.

„Du wolltest dir das Rauchen doch abgewöhnen, John“, sagte Prinz René. „Du weißt doch, wie schädlich es ist.“

„Ich versuche es ja, Papa. Aber ich schaffe es nicht. Ich bin noch nicht so weit.“

„Papperlapapp. Hast du mich etwa je rauchen sehen? Als Prinz von Norland und die Nummer Drei in der Thronfolge hast du Vorbild zu sein, vor allem für die Jugend. Nimm dich zusammen, zeig, dass du ein Bentwaldt bist.“

„Aber Großvater – der König – raucht doch auch“, entfuhr es Prinz John.

„Hin und wieder eine Zigarre, obwohl er herzkrank ist und der Arzt es ihm schon längst verbot. Ich verstehe das nicht, wie jemand so verantwortungslos mit seiner Gesundheit umgehen kann, zudem noch mit der seiner Mitmenschen, denen er die Luft verpestet. Gott hat die reine, gesunde Luft erschaffen. Die Umweltverschmutzung ist eine Schande, die Zerstörung der Natur, die Luftverschmutzung. Die königliche Familie sollte konform gehen, dieses zu unterbinden.“

„Wir müssen in den Saal!“, sagte Prinz Bernt, der befürchtete, sein Vater würde sonst eine seiner Episteln halten.

Wenn der Moorprinz erst einmal auf das Thema Umwelt- und Naturschutz kam, hörte er so schnell nicht mehr auf. Er verbreitete sich regelmäßig in den Medien darüber und lieferte der Holzindustrie und anderen Kampagnen. Da war er unnachgiebig und stand felsenfest zu seinen Prinzipien.

Er war der Präsident des Norländischen Naturschutzbundes und Schirmherr diverser Umweltgremien. Wegen des Walfangs vor der norländischen Küste hatte er mehr als einmal aufsehenerregende Aktionen geleitet. Bei der Anprangerung und Behinderung der Walfänger hatte er mehrmals sein Leben eingesetzt.

Einmal hatte er mit anderen Umweltschützern zusammen eine Bohrinsel vor der norländischen Küste geentert. Dabei war es gar zu einer Rangelei mit der Besatzung der Bohrinsel gekommen, wobei der Moorprinz ein blaues Auge erhielt und fast ins Wasser flog.

Die Norländische Marine hatte eingegriffen. Sogar Fallschirmspringer waren aufgeboten worden. Prinz René hatte sich halsstarrig geweigert, die Bohrinsel, die ein Ölfeld ausbeuten sollte, zu verlassen.

Es hatte einen Eklat gegeben, als Kronprinz René und andere sich auf der Bohrinsel anketteten, deren Besatzung sich anschickte, ihre Ketten mit Bolzenschneidern und elektrischen Kreissägen zu kappen und sie gewaltsam zu entfernen. Marine und Fallschirmspringer waren nötig gewesen, um die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Wieder einmal hatte der Kronprinz gesiegt, weil er die öffentliche Meinung hinter sich brachte. Der Ölmulti hatte sein Bohrvorhaben vor Norlands Küste aufgeben müssen. Wegen drohender Gewässerverschmutzung, das Ganze wäre zu unsicher, hatten Kronprinz René und seine Parteigänger behauptet.

Und weil die Bohrinsel die Heringsschwärme störte, die vor der Küste laichten. Den norländischen Staat hatte das einiges an Geld in Form von entgangenen Steuereinnahmen gekostet und weil Zusagen rückgängig gemacht wurden.

Prinz René focht das nicht an. Wie seine Vorfahren gegen ihre Landesfeinde und Gegner kämpfte er gegen die Umweltzerstörer und Naturschädiger. Dabei wirkte er längst nicht mehr lächerlich, obwohl man ihm einige Marotten nicht abstreiten konnte.

Prinz John musste auf seine Zigarette verzichten. Das Sextett betrat den Saal. Mit pflichtbewusster Miene nahm Prinz René den Platz neben seiner Gattin ein, mit der ihn nur noch die gemeinsamen Kinder und die Etikette verbanden. Er sah, dass sie müde ausschaute.

„Bist du unpässlich, meine Liebe?“, fragte er.

„Danke der Nachfrage, ich komme schon damit zurecht. Weißt du noch, wie wir prunkvoll geheiratet haben, René?“

„Das ist lange her“, erwiderte der Kronprinz kühl. „Seitdem ist einiges Wasser den Tjoll-Fluss hinuntergeflossen.“

„Und einiges andere ist auch verflossen.“

Mit dieser ebenso spitzen wie realistischen Bemerkung war für Lady Desiré, die hoffte, einmal Königin von Norland zu werden, das Thema erledigt. Den Thron konnte sie nur an Kronprinz Renés Seite besteigen. Deshalb – hauptsächlich – blieb sie bei ihm.

Auch wegen der drei Kinder, obwohl diese erwachsen waren und rein emotionell eine Scheidung der Eltern hätten verkraften können. Doch eine Scheidung hätte einen Skandal und den Verzicht auf die Thronfolge bedeutet. Die Norländer waren noch zu konservativ, um einen geschiedenen König auf dem Thron zu haben.

Und Lady Beatrice, Kronprinz Renés langjährige Geliebte, war zu Unrecht nicht sehr beliebt im Volk. Dazu hatte Lady Desiré mit spitzer Zunge indem sie an vielen Stellen gegen Beatrice intrigierte und sie schlecht machte, ihr Teil beigetragen.

Der König begann seine Ansprache.

 

*

 

Ines suchte ihre Räume im Westflügel des Palasts auf, wo sie sich schluchzend aufs Bett warf. Ihre Duena, die ältliche Marquesa Anastasia Maria y Rodriganda de Torremada eilte herbei. Die füllige Dame kleidete sich konservativ-elegant und hatte bläulich-getöntes, hochgestecktes Haar.

Sie gab sich sehr streng, konnte jedoch nicht verhindern, dass Ines bereits ihre Nächte mit Prinz Bernt verbrachte. Um die beiden Liebenden voneinander abzuhalten, hätte es mehr als einer Anstandsdame bedurft, die eine entfernte Verwandte des Fürsten von Castigada war.

Ines vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Ein Fenster stand offen, eine milde Frühlingsbrise und Vogelgezwitscher drangen herein. Ines war es nicht nach Frühling zumute.

„Was ist denn passiert?“, erkundigte sich die Marquesa bei ihrem Liebling. „Hängt es mit Bernt zusammen?“

Weshalb sonst sollte Ines solchen Kummer haben?

„Ja.“

„Hat er dich gekränkt? Habt ihr euch gestritten?“

„Nein. Es ist… dieser dumme Schlager. Prince of my heart. Überall wird er gespielt. Aus allen Geräten dudelt er mir entgegen. Und natürlich weiß jeder, wer damit gemeint ist. Ich bin zum Gespött geworden.“

„Schsch, mein Herz.“ Die Marquesa setzte sich neben Ines aufs Bett und strich ihr übers seidig glänzende schwarze Haar. Ines hatte, viele Generationen zurück, nach maurisches Blut in den Adern. Sie war starker Gefühle fähig, die sie nicht immer beherrschen konnte. „Das wird vorübergehen. In ein paar Jahren haben alle diesen dummen Schlager vergessen.“

Sie sprach auf Spanisch und sagte Ines tröstende Worte, wie bei einem kleinen Mädchen.

„Sorge dich nicht, meine kleine Taube.“

„Ein paar Jahre? Bis dahin bin ich wahnsinnig geworden. Ich könnte dieser Hexe Eireen die Augen auskratzen.“

Ines setzte sich auf. Ihre Augen funkelten. Ihre Sanftheit hatte sie völlig verlassen.

„Sie will uns auseinanderbringen, sie gönnt mir Bernt nicht. Dafür ist ihr jedes Mittel Recht. Nur weil Bernt sie verschmähte, will sie sich an ihm rächen. Dieses… dieses Flittchen! Mit den Männern, die sie gehabt hat, könnte man eine ganze Kompanie zusammenstellen. Oh, oh! Wenn ich sie in die Finger kriege!“

Ines schaute sich nach einem geeigneten Objekt um, um ihren Zorn abzureagieren. Sie ergriff eine Blumenvase und schmetterte sie an die Wand, dass es krachte. Scherben flogen umher, das Blumenwasser spitzte, und die unschuldigen roten Rosen, die Bernt ihr geschenkt hatte, lagen am Boden.

Die Marquesa Anastasia war vor dem Temperamentsausbruch von Ines zurückgeschreckt. Sie schlug die Hände vor den Mund.

„Kind, beherrsche dich doch!“

„Ich bin kein Kind mehr. Ich bin erwachsen, will bald heiraten, Kinder bekommen, und vielleicht werde ich den norländischen Thron besteigen. Vielleicht zerschlägt sich das alles, denn auf Bernt bin ich auch sauer. Wie konnte er sich nur mit dieser Person, diesem singenden Flittchen, einlassen? Und das, nachdem er mich schon vorher kannte.“

„Ihr seid euch im Palast begegnet und habt ein paar Worte gewechselt.“

„Und dann ist er schnurstracks zu Eireen O’Bannon ins Hotel gefahren, um mit ihr die Nacht zu verbringen. Das weiß ich inzwischen. Ich weiß nicht, ob ich das je verwinden kann. Er hätte ihr fernbleiben müssen. Aber er musste sie unbedingt haben. Danach erst ist er zu mir gekommen.“

Die Marquesa Anastasia begriff, dass sich hier ein ernstes Zerwürfnis anbahnte. Ines war nämlich in ihrem Stolz verletzt. Bernt hatte ihr damals alles gebeichtet, und sie hatte ihm den Seitensprung verziehen, der eigentlich gar keiner gewesen war.

Denn zu dem Zeitpunkt, als Bernt mit der Rapperin seine Liebesnacht verbrachte, hatten er und Ines sich nicht einmal geküsst gehabt. In dem Sinn war er ihr keine Treue schuldig gewesen.

Dennoch verletzte es Ines, und es warf ein schlechtes Licht auf Prinz Bernt. Aus dem Bett der einen – Eireen – war er in die Arme der anderen geeilt, etwas, das keine Frau mochte, die auf sich hielt.

Ines hätte vergessen können, nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Doch dann war dieser dumme Schlage gekommen, der bei ihr die Wunde wieder aufriss und zudem noch aller Welt vor Augen führte, dass ihr Verlobter mit der Rapperin ein Verhältnis gehabt hatte. Auch wenn es nur eine flüchtige Affäre gewesen war, intim war intim.

„Das Allerletzte wäre ja wohl, wenn diese Eine-Nacht-Affäre Folgen hätte“, sagte Ines. „Dann hätte Bernt mich gesehen. Das könnte ich nicht verkraften.“

„Kind, äh, Ines, male den Teufel nicht an die Wand. Eine Frau wie Eireen O’Bannon wird nicht schwanger, wenn sie es nicht will.“ Prüfend schaute die Marquesa die Prinzessin an. „Du hoffentlich auch nicht.“

„Das lass meine Sorge sein. Wie konnte Bernt mir das nur antun?“

Während Ines noch grübelte, legte die Marquesa Anastasia ihr nahe, in den Thronsaal zurückzukehren, wo man sich zur letzten Probe vor dem großen Tag der Hochzeit des Königs versammelte. Ines lehnte es ab. Die Marquesa war voller Erwartung auf das große Ereignis. Sie würde die Königshochzeit genießen.

Auch Ines Eltern, das Fürstenpaar Castignada, hatte sich angesagt. Mit Ines zwei jüngeren Schwestern, die 16 und 13 Jahre alt waren. Am nächsten Tag wollten sie eintreffen. Dringende Angelegenheiten, die es zu regeln galt, hatten den Fürsten Rodrigo de Castignada in Spanien zurückgehalten.

Das Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Ein Soldat der Palastwache ging vorbei, keiner der Gardisten mit den Bärenfellmützen, die vor dem Palast Wache standen und paradierten.

Der junge Soldat hatte dienstfrei und trug seinen Discman bei sich, mit dem er die Top Ten der Internationalen Hitparade hörte. Er pfiff die Takte von „Prince of my heart“.

Ahnungslos, dass Ines es hörte, unterhielt er sich mit einem Kameraden, dem er im Palasthof begegnete.

„Prince of my heart ist der Top-Hit des Jahres, Björn. Damit hat Eireen O’Bannon, die Irische Pop- und Rapper-Queen, wieder mal einen ganz großen Wurf gelandet. Eigentlich hat sie das unserem Prinzen Bernt zu verdanken und müsste ihn an den Tantiemen beteiligen. Willst du mal reinhören?“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904970
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
königshaus norland könig eriks hochzeit

Autor

Zurück

Titel: Königshaus Norland #4: König Eriks Hochzeit