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Heldenhafte Seemänner #6: Die Kaperfahrt der Shenendoah

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

„Und wenn unser Vorhaben verraten ist?“, fragte Kapitänleutnant J. I. Waddell.
Der Verbindungsmann der Confederate States of America wandte sich um und sagte lächelnd:
„Natürlich ist es verraten. Das Spionagenetz der Union ist mittlerweile so wirkungsvoll, dass ich von einem Brief an den US Marinesekretär Wells weiß. Das aber hindert mich nicht, Sie mit der ,Shenandoah' auf Kaperfahrt zu schicken. Ich kenne für diese Aufgabe kein besseres Schiff als die ,Shenandoah' und keinen besseren Kapitän als Sie, Mr. Waddell. Alles Glück, Kapitän! Sie können es brauchen.“
Eines der dramatischsten Abenteuer im Kaperkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten der USA hatte damit seinen Anfang genommen – und diese lange Reise sollte Waddell bis ans andere Ende der Welt führen...
Glenn Stirling schildert mit diesem dramatischen Roman ein völlig unbekanntes Kapitel aus dem amerikanischen Sezessionskrieg.

Leseprobe

​HELDENHAFTE SEEMÄNNER Band 6 Die Kaperfahrt der ,Shenandoah'

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

 

 

Originalveröffentlichung unter dem Titel „Der Schrecken des Ozeans“

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Winslow Homer mit Steve Mayer, 2016

Originalveröffentlichung unter dem Titel „Der Schrecken des Ozeans“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Und wenn unser Vorhaben verraten ist?“, fragte Kapitänleutnant J. I. Waddell.

Der Verbindungsmann der Confederate States of America wandte sich um und sagte lächelnd:

Natürlich ist es verraten. Das Spionagenetz der Union ist mittlerweile so wirkungsvoll, dass ich von einem Brief an den US Marinesekretär Wells weiß. Das aber hindert mich nicht, Sie mit der ,Shenandoah' auf Kaperfahrt zu schicken. Ich kenne für diese Aufgabe kein besseres Schiff als die ,Shenandoah' und keinen besseren Kapitän als Sie, Mr. Waddell. Alles Glück, Kapitän! Sie können es brauchen.“

Eines der dramatischsten Abenteuer im Kaperkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten der USA hatte damit seinen Anfang genommen – und diese lange Reise sollte Waddell bis ans andere Ende der Welt führen...

Glenn Stirling schildert mit diesem dramatischen Roman ein völlig unbekanntes Kapitel aus dem amerikanischen Sezessionskrieg.

 

 

 

 

 

 

 

James Dunwoody Bulloch strich sich über seinen Backenbart und blickte durch die kleinen bleiverglasten Scheiben hinaus auf die Docks. Von seinem Büro aus war er in der Lage, den zentralsten und wichtigsten Teil des Londoner Hafens zu übersehen.

Sein sonst so geschäftsmäßiger Blick wirkte fast verklärt, als er hinüber zu diesem herrlichen weißen Dreimaster blickte, dem man schon ansah, dass ihn seine Erbauer für lange Fahrten konstruiert hatten.

Der etwa fünfundfünfzigjährige Bulloch musste sich losreißen von diesem Anblick und wandte sich wieder seinem Besucher zu.

Dieser Besucher war ein hochgewachsener schlanker Mann mit blondem Haar, einem blonden Schnauzbart und einem Paar kühner blauer Augen, die den Agenten prüfend ansahen.

„Ich habe einen Geheimauftrag für Sie, und dort liegt das Schiff, das damit zu tun hat. Die ,Sea King' ist eins der schönsten Schiffe, das ich je in meinem Leben sah. Es ist die Perfektion des Schiffsbaues schlechthin.“

Der große blonde Mann im grauen Anzug zeigte durch keine Regung seines Gesichtes, wie er über diese Mitteilung dachte. Er schwieg und wartete darauf, dass Bulloch weiterredete, und das geschah auch.

„Ich habe einen Mann auf die Jungfernfahrt der ,Sea King‘ mitgeschickt, einen guten verlässlichen Mann, und ich hoffe, er wird bei Ihnen auf dem Schiff bleiben, obgleich er kein Amerikaner ist. Darauf kommen wir noch. Wir haben die ,Sea King‘ gekauft. Alles war vorbereitet, auch die Verträge. Ich wartete nur noch auf den Bericht des Mannes, den ich mitfahren ließ, damit er mir über den Zustand der ,Sea King‘ genaueste Auskünfte liefert. Diese Auskünfte sind hervorragend. Das Schiff ist noch besser, als man ihm von außen ansieht, und das will etwas heißen. Wie gesagt, die Konföderierten Staaten von Amerika haben dieses Schiff gekauft. Und es soll einen entscheidenden Beitrag leisten im Kampf gegen die Union. Es soll mithelfen, diesen Bürgerkrieg in letzter Stunde doch noch für uns zu entscheiden.“

Bulloch blickte forschend, ja fast erwartungsvoll auf den großen blonden Mann, als müsste der jetzt durch seine Miene verraten, wie er über den Stand des Bürgerkrieges dachte.

Aber auch jetzt verriet das Pokergesicht des blonden James I. Waddell nicht, was in dem Mann vorging.

Dabei wusste Bulloch doch eine Menge über Waddell. Er wusste zum Beispiel, dass Waddell fünfundvierzig Jahre alt war und zu den besten Kapitänen gehörte, die Amerika hervorgebracht hatte. Über die politische Einstellung Waddells war er sich allerdings im unklaren. Seine Auskünfte, die er einholen ließ, besagten, dass Waddell völlig unpolitisch dachte und dass er, ohne tiefer darüber nachzudenken, einen Befehl bis zur Vollendung ausführte. Ein Soldat also, der von Politik nichts wissen wollte.

„Was sagen Sie dazu, Mr. Waddell? Sind Sie nicht mit mir einer Meinung, dass es sich um ein wunderbares Schiff handelt?“ Er blickte wieder nach draußen durch die Scheiben und schien hingerissen von dem Anblick, der sich ihm bot. „Sie hat eine Maschine, so stark, dass sie der Besegelung als Dreimastvollschiff gar nicht bedürfte. Sie sind also jeder Situation gewachsen. Wir haben dem Schiff den Namen Shenandoah gegeben: Er gilt aber erst später.“

„Ich hab’ mir das Schiff schon angesehen, als es einlief. Ich teile Ihre Auffassung. Es ist ein gutes Schiff.“

„Das sagt auch Mr. Staines, jener Mann, der in meinem Auftrag auf der ,Sea King‘ mitgefahren ist. Nun denn, hören sie also den Plan, den ich im Einvernehmen mit der Marineverwaltung ausgearbeitet habe.“

Waddell sah ihn ein wenig skeptisch an. Das bezweifelte er, dass Marineverwaltung und Mr. Bulloch in der Lage wären, einen Plan auszuarbeiten, der wirklich erfolgversprechend sein konnte.

Es war kein Geheimnis, dass nach vier Kriegsjahren die Südstaaten außer Atem geraten waren, dass sie im Grunde ohne jedes industrielle Hinterland dem mächtigen Gegner im Norden kaum noch etwas entgegensetzen konnten. Die große Hoffnung lautete England. England, dem man mit den Blockadebrechern noch immer Baumwolle brachte, um mit kriegswichtigem Material von da zurückzukehren. Dieses England hatte den Südstaaten die Treue gehalten, obgleich es sich diese Treue sehr teuer bezahlen ließ. An den Käufen für Kriegsmaterial waren die Südstaaten so gut wie ausgeblutet. Im Grunde, und das wusste fast jedes Kind in der Welt, waren die Südstaaten bankrott. Aber die Truppen kämpften immer noch bravourös, und auf den Meeren waren konföderierte Kriegsschiffe gefürchtet.

„Wir werden“, sagte Bulloch gerade, „die ,Sea King‘ mit modernster Artillerie bestücken, die ich hier in England, aber auch in Frankreich kaufen konnte. Wie Ihnen bekannt ist, dürfen wir die Schiffe hier nicht damit ausrüsten. Das muss woanders geschehen. Auf Grund unserer Übereinkunft mit dem Vereinigten Königreich werden wir also die gesamte Ausrüstung für die ,Sea King' auf den Tender ,Laurel‘ laden,und sie werden in Funchal auf Madeira zusammentreffen. Jetzt nennen wir sie ,Shenandoah'. In Funchal werden Vorräte und Waffen auf die ,Shenandoah' geladen.“

„Und wenn unser Vorhaben verraten ist?“, fragte Waddell.

Bulloch wandte sich ihm zu, lächelte und sagte: „Natürlich ist es verraten. Das Spionagenetz der Union ist mittlerweile so wirkungsvoll, dass ich von einem Brief an den Marineminister der Union Wells weiß, der hier von London nach drüben geschickt wurde. Aber weil die wiederum wissen, dass ich von diesem Brief Kenntnis habe, nehmen sie wahrscheinlich an, wir lassen das Manöver fallen. Wir werden es aber genau so ausführen, wie ich es ursprünglich vorhatte und wie es verraten worden ist. Da die Unionsmarineleitung weiß, dass ich von diesem Verrat Kenntnis habe, können sie sich bestimmt nicht vorstellen, dass wir nun dennoch und ungeachtet aller Risiken das Unternehmen genauso ausführen wollen. Im übrigen weiß ich kein Schiff der Union, das der ,Shenandoah' gewachsen wäre, jedenfalls kein einzelnes Schiff. Und ich weiß für dieses Schiff keinen besseren Kapitän als Sie, Mr. Waddell.“

Waddell nickte dankend und sagte dann: „Im Augenblick ist es ein britisches Schiff mit einer britischen Mannschaft, zum Teil zusammengewürfelt aus Engländern, Holländern und Indern.“

„Ich habe einen Teil der Männer übernommen, die von der „Alabama“, als sie vor der französischen Küste gesunken ist, gerettet werden konnten. Es ist allerdings das Gerücht im Umlauf, als wollte Kapitän Semmes, der die „Alabama“ befehligt hatte, ein neues Kommando ausrüsten. Sein Name ist übrigens“, er lachte, „auch in dem Brief genannt, den die Spione der Marineverwaltung der Union zugeschickt haben. Die Yankees beschatten ihn, wo er auch geht und steht. Er ist nun schon eine ganze Weile hier im Land, und ich habe die Erlaubnis, ihn auch vorläufig hier festzuhalten. Ein so guter Kapitän Semmes auch immer sein mag, allein die Spionagetätigkeit um seine Person ist mir wichtig genug, ihn als einen Köder für die Spione zu benutzen.“

Waddell zeigte durch keine Regung, wie er das auffasste. Er sagte nur: „Wenn der britische Kapitän die „Sea King“ bis nach Funchal bringt, so ist das womöglich das Problem, in Funchal keine Mannschaft zu haben oder eine nicht ausreichende, weil ich mir vorstellen kann, dass ein ganzer Teil der Männer, die jetzt an Bord sind, das Schiff verlassen werden und ich am Ende nur auf die Geretteten der „Alabama“ angewiesen bin.“

„Diese Leute“, sagte Bulloch, „werden zusammen mit Ihnen auf der „Laurel“ reisen. Wenn die „Laurel“ Funchal erreicht, beginnt Ihr Auftrag. Und dieser Auftrag lautet, ich möchte es hier noch einmal wiederholen: Jedes Schiff der Union und jedes Schiff, das Konterbande für die Union befördert, zu versenken, die Mannschaft gefangenzunehmen und, soweit es möglich ist, vor der Versenkung wertvolles Gut an Bord Ihres Schiffes zu bringen,

damit es für den Endsieg der Konföderierten Staaten von Amerika erhalten bleibt. Besonders aber sollen Sie die Walflotten der Union im Pazifik zerschlagen.“

Bis jetzt hatte Waddell nicht gezeigt, was er dachte, wenn die Rede von Sieg und Krieg war. Nun aber lächelte er, und es war ein spöttisches Lächeln, das Bulloch nicht übersehen konnte.

„Sehen Sie es anders als ich?“, fragte Bulloch mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.

„Ich möchte dazu nur eines sagen“, sagte Weddell. Er sprach leise, und doch drang jeder Ton messerscharf in Bullochs Ohr. „Ich möchte sagen, dass wir von einem Endsieg ziemlich weit entfernt sind und es allergrößter Anstrengung bedarf, einen ehrlichen Frieden zu erringen. Ich für meine Person werde tun, was ich kann, um die Situation der Konföderierten Staaten zu verbessern. Ich bin kein Fanatiker des Südens. Ich bin Offizier, und ich glaube, dass ich meine Arbeit bis jetzt in diesem Sinne gut gemacht habe. Wir werden kämpfen, dass für die Südstaaten ein ehrenvoller Friede zu erreichen ist. Aber mit dem Wort Endsieg, Sir, würde ich etwas vorsichtiger umgehen. Ich habe die Zeitung von heute Morgen gelesen. Grant und Sheridan stoßen nach Süden vor. Sheridan hat zum totalen Krieg aufgerufen.“

Bulloch nickte. „Das stimmt, und das ist ein Aufruf auch an uns. Wenn diese Yankees einen totalen Krieg führen wollen, rücksichtslos auch gegen die Zivilbevölkerung, so werden wir ebenso rücksichtslos sein. Und das gilt auch für unsere Schiffe. Keine Gnade!“

Waddell gab darauf keine Antwort, aber er war fest entschlossen, die Gesetze der Fairness nie außer acht zu lassen, mochten Grant und Sheridan einen totalen Krieg führen und den Hass des Südens gegen die Yankees damit noch mehr aufstacheln, er, Lieutenant James. I. Waddell, würde sich weiterhin nach den Gesetzen soldatischer Pflichterfüllung und einer fairen Kriegsführung verhalten.

„Mr. Waddell“, sagte Bulloch, „wir haben den 2. Oktober 1864. Mit ablaufender Flut am Morgen des 8. Oktober wird die „Sea King“ auslaufen. Der Tender ,Laurel‘ wird mit Ihnen und der von der ,Alabama“ übernommenen Mannschaft bereits auf dem Weg durch den Ärmelkanal in den Atlantik sein. Ich wünsche Ihnen viel Glück für Ihr Unternehmen. Ich glaube, Sie können es gebrauchen. Und was Ihre Meinung über den Krieg und die Probleme, die damit zusammenhängen, angeht, so teile ich sie. Trotzdem müssen wir versuchen, das, was Sie einen ehrenvollen Frieden nennen, durch Kriegserfolge zu erreichen.“

Sie gaben sich die Hand, und Bulloch händigte dem Lieutenant James I. Waddell eine Mappe aus, in der sich die Urkunde mit der Bestallung als Kapitän der ,Shenandoah' befand.

„Noch mal alles Glück! Ich drücke Ihnen die Daumen.“

Waddell lächelte und prophezeite: „Sie werden von mir und der ,Shenandoah' hören, da bin ich ganz sicher.“

 

*

 

Die „Laurel“ war ein Schiff mittlerer Größe und war als Brigg getakelt. Zusätzlich konnte sie als Hilfsmotor eine Dampfmaschine in Anspruch nehmen.

Die „Laurel“ war bis unter die Planken voll mit für die spätere ,Shenandoah' bestimmtem Kriegsmaterial und Versorgungsgütern vollgestopft. Zusätzlich befanden sich zur übrigen Mannschaft achtundzwanzig Männer an Bord, von denen ein großer Teil auf der „Alabama“ Dienst getan hatten. außerdem waren von Bulloch über seine Werber zehn weitere Männer angeheuert worden, die nun mit den Männern der „Alabama“ zusammenhockten und Dinge anhören mussten, die sie sich nie hätten träumen lassen, denn Bulloch hatte keinem von ihnen sagen lassen, um was es wirklich ging. Die Männer der „Alabama“ aber, die allesamt aus den Südstaaten stammten, konnten zwei und zwei zusammenzählen.

Der bärenhafte, bullige Bootsmann Laurence Smart, der schon auf der „Alabama“ Dienst getan hatte und in der ganzen Marine unter dem Namen Rip bekannt war, lachte schallend, als einer der beiden Inder, die sich hatten anheuern lassen, naiv fragte, was sie denn nun auf der „Laurel“ für eine Aufgabe hätten. Sie säßen hier herum und es wäre von einem anderen Schiff die Rede. Aber wo dieses Schiff sei und welche Fracht es befördere, hätte ihnen noch kein Mensch verraten.

Rip strich sich über seinen gewaltigen Schnauzbart, lachte poltrig, tippte den jungen Inder vor die Brust und sagte mit donnernder Stimme: „Wir alle hier sind dazu bestimmt, auf einen Hilfskreuzer zu entern, der unter der Flagge der Konföderierten Staaten von Amerika fährt. Ich habe nur eine Sorge.“

Und wieder strich er sich gedankenverloren über seinen Schnauzbart und fuhr etwas leiser fort: „Dass der Kommandant dieses Schiffes Käpt’n Semmes heißen wird, und das finde nicht nur ich sehr schlecht.“

Die Männer, die mit auf der „Alabama“ gewesen waren, nickten zustimmend. Und einer, ein älterer Maat, erklärte: „Semmes ist ein hervorragender Kapitän. Aber wenn er ein Kriegsschiff hat, reiten ihn zwanzig Teufel, und zudem ist er ein gnadenloser Hund. Nirgendwo auf einem Schiff der Konföderierten Staaten hat es soviel Schinderei gegeben wie bei ihm, und nirgendwo war der Fraß so beschissen wie bei Käpt’n Semmes.“

„Das war er wirklich. Und die „Alabama“ könnte heute noch fahren, wenn er nicht so ein Draufgänger gewesen wäre, so ein verrückter Kerl“, sagte der Bootsmann, „der es unbedingt wissen sollte. Aber die anderen waren dann schneller, und er ist ihnen in die Falle gegangen. Und dann besaßen sie auch noch die bessere Artillerie. Nun ja, Jungs, das haben wir ja alle erlebt, die wir von der „Alabama“ kommen. Wenn Semmes das Kommando übernehmen soll, heuere ich ab. Was meint ihr, Jungs?“

„Wenn Semmes der Kapitän ist, fährt er ohne mich“, erklärte ein jüngerer Matrose.

„Aber oben in der Messe“, meinte ein dicker, glatzköpfiger Mann, der als Koch gefahren war, „ist doch Mr. Wenzel. Und Wenzel würde nie auf ein Schiff gehen, das Semmes befehligt. Ihr wisst doch alle, welches Theater es gegeben hat, als wir im Kanal waren und Wenzel gesagt hat, wir führen den anderen genau vor die Rohre. Semmes wusste alles besser. Bis dahin hatte er meistens Recht gehabt. Aber dieses eine Mal hatte er nicht Recht. Wenn Wenzel dieses Kommando jetzt annimmt, dann hat es nichts mit Semmes zu tun. Sonst wäre Wenzel nicht dabei.“

„Die können den auch gezwungen haben“, sagte der Bootsmann, „man weiß das nie genau. Was will er machen? Er ist ein Offizier.“

„Da ist ein gewisser Waddell, der ist Lieutenant. Was hat der mit der Sache zu tun?“, fragte einer der Matrosen, ein jüngerer Mann mit rotblondem Haar.

Der Bootsmann zuckte die Schultern. „Von Waddell weiß ich nur, dass er lange einen Blockadebrecher gefahren hat. Früher war er Kapitän von einem Handelsschiff. Im Krieg nachher fuhr er einen Blockadebrecher, dann kleinere Kriegsschiffe. Vielleicht soll er der Kapitän sein. Schlecht wäre es nicht.“

„Wieso?“, fragte der Koch. „Wie ist er denn?“

„Ein guter Mann“, erklärte Rip. „Er ist hart, aber sehr gerecht, gar kein Vergleich mit Semmes.“

„Wieso ist er Lieutenant (Kapitänleutnant)? Wie ich ihn einschätze, ist er Mitte Vierzig. Er hätte doch langst Captain (Kapitän zur See) sein müssen.“

„Sie haben damals alle, die von der Handelsmarine kamen und ein Kommando geführt haben, als Lieutenant eingestellt. Aber ihr wisst doch, wie die Marineordnung ist. So schnell wird er dann nicht mehr befördert.“

„Warten wir ab, wo es hingeht. Das möchte ich zu gerne wissen!“, sagte einer der Männer. „Jetzt um diese Jahreszeit gibt es bald schwere Stürme. Wartet nur ab, Jungs, wenn wir in die Biskaya kommen! Dann ist was los.“

 

*

 

Er hatte Recht. Als sie aus dem Ärmelkanal heraus waren und in die Biskaya gelangten, erwarteten sie schwere Stürme. Dann aber erreichten sie endlich wieder ruhige See und hatten schließlich am 17. Oktober nachmittags die Insel von Madeira in Sichtweite.

Die „Laurel“ verlangsamte ihre Fahrt so stark, dass die Enttäuschung der Seemänner an Bord darüber wuchs, nicht bald schon festen Boden betreten zu können. Alle hofften auf Landgang, auf eine kurze Zeit der Erholung. Aber dieser Wunsch wurde ihnen noch nicht erfüllt.

Die „Laurel“ umrundete die Insel und ging dann auf der Reede von Funchal vor Anker. Das war am achtzehnten Oktober mittags. Eine Stunde später tauchte am Horizont das hart am Wind segelnde Vollschiff „Sea King“ auf, das in schneller Fahrt auf die Inseln zukam.

Am Nachmittag des achtzehnten Oktober 1864 liefen beide Schiffe hintereinander in den Hafen von Funchal ein. Sofort nach dem Festmachen der „Sea King“ ging die „Laurel“ längsseits, und nun trafen sich als erstes die Offiziere der beiden Schiffe in der Offiziersmesse auf der „Sea King“.

Der englische Kapitän der „Sea King“ übergab Logbuch und Schiffspapiere an Lieutenant James I. Waddell und verabschiedete sich mit seinem Ersten und Zweiten Offizier von dem neuen Befehlshaber des Schiffes.

Indessen wurde die Ladung ohne Verzögerung auf die „Sea King“ gebracht. Im Laufe einer weiteren halben Stunde änderte die „Sea King“ auch ihren Namen, und die Beschriftung wurde ausgetauscht. Auf der Brücke stand unter dem Namen des Schiffes zusätzlich noch „Confederate Cruiser“ - Konföderierter Kreuzer. Aber diese Worte ließen sich durch eine Klappe verdecken.

Noch bevor Waddell eine erste Besprechung mit seinen Offizieren abhalten konnte, tauchte der Zahlmeister der „Sea King“ auf. Der kleine dunkelhaarige Engländer, der etwa in Waddells Alter war, sah den neuen Kapitän besorgt an und meinte: „Es hat sich in unserer Mannschaft herumgesprochen, dass dies ein Kriegsschiff sein wird, und meine Frage, wer von den Männern an Bord bleiben möchte, ist nicht sehr begeistert aufgenommen worden. Zudem geht das Gerücht, dass nicht Sie, sondern in Wirklichkeit Kapitän Semmes das Kommando übernehmen soll. Dieser Kapitän Semmes aber scheint sich keiner großen Beliebtheit in der Marine zu erfreuen. Kurzum, die meisten der Leute wollen abmustern.“

Waddell trat an das Fenster der Messe, blickte hinaus auf den Hafenbetrieb, der jetzt von einem Regenschauer gestört wurde. Das Wasser schüttete nur so auf die Männer herunter, die draußen die „Laurel“ löschten und die ,Shenandoah' beluden. Winden kreischten, Kräne zogen schwere Kanonenrohre aus dem Leib der „Laurel“ heraus, um sie in den der ,Shenandoah' zu versenken.

„Versuchen Sie, soviel Männer wie möglich für uns zu gewinnen!“, erklärte Waddell, ohne sich zum Zahlmeister umzuwenden. „Für jeden Mann, den Sie halten können, zahle ich Ihnen einen Dollar.“

„In welcher Währung, Sir?“, erkundigte sich der Zahlmeister unverhohlen. „Yankeedollar oder konförderierte Dollar? Ich möchte gleich vorausschicken, dass ich mit einer Bezahlung in konföderierter Währung nicht viel anfangen kann. Der Kurs steht im Augenblick einen Yankeedollar zu zweihundert konföderierte Dollar. Sie verstehen daher, dass ich...“

„Sie kriegen vom Geld dieser verfluchten Yankees“, erklärte Waddell. Aber als er das Wort „Yankee“ aussprach, wurde aller Hass deutlich, den er gegen den Norden empfand.

„Und da ist noch etwas. Da ist einer der Offiziere, der wollte an Bord bleiben, obgleich unser Kapitän erklärt hat, dass Sie auf die Offiziere keinen Wert legen.“

„Wie kann er das behaupten?“, rief Waddell und fuhr herum. Er sah den Zahlmeister zornig an. „Wer, zum Teufel, hat dem Kapitän gesagt, dass ich keinen der Offiziere gebrauchen kann?“

„Ich nehme an, er hat es angenommen. Da ist noch ein Haken, Sir. Dieser Offizier ist kein Engländer. Er ist ein Holländer, und Sie wissen ja, dass die Holländer der Sache des Südens nicht so sympathisierend gegenüberstehen wie die Engländer. Ich würde sagen, Mr. Katwijk ist ein Mann, der als Schiffsingenieur hervorragende Verdienste hat, aber ich weiß nicht, ob er Ihnen als sicher genug erscheint, ich meine, was die Treue zu Ihrer Fahne angeht.“

„Das lassen Sie meine Sorge sein“, sagte Waddell. „Wie heißt der Mann?“

„Katwijk.“

„Dann schicken Sie Mr. Katwijk zu mir! Ist da noch einer der Offiziere, der eventuell weiterhin auf diesem Schiff Dienst tun möchte?“

Der Zahlmeister nickte. „Da wäre noch der Dritte Offizier, Mr. Busch. Er ist ein Deutscher. Die Deutschen sind aber genau wie die Holländer.“

„Hören sie auf! Bringen Sie mir die Papiere von beiden, und schicken Sie mir alle beide her! Ist noch etwas?“

Der Zahlmeister nickte. „Ja, ich habe, wenige Minuten bevor ich zu Ihnen kam, vom Hafenkapitän die Anweisung erhalten, dass wir, da das Schiff mit Kriegsmaterial beladen wird, innerhalb von vierundzwanzig Stunden den Hafen von Funchal wieder verlassen müssen.“

„In Ordnung!“, sagte Waddell. „Wir werden den Hafen bis morgen verlassen haben. Richten Sie das dem Hafenkapitän aus, wenn er wieder jemand zu Ihnen schickt. Und jetzt denken Sie an das, was ich Ihnen wegen der Mannschaft gesagt habe.“

Am Abend dieses Tages war der größte Teil der Ladung schon an Bord der ,Shenandoah' gebracht worden. Noch in der Nacht begannen Männer der „Alabama“, die sich bereit erklärt hatten, auf der ,Shenandoah' Dienst zu tun, mit der Montage der Kanonen. Der Artillerieoffizier, Mr. Callier, übernahm das Kommando zu diesen Arbeiten.

In einer bis nach Mitternacht währenden Besprechung mit den Offizieren legte Waddell den Plan fest, nach dem in den nächsten Wochen vorzugehen war. Aber noch schien es, als wäre die ,Shenandoah' ein Schiff ohne die benötigte Mannschaft.

Kurz nach Mitternacht erfuhr Waddell definitiv vom Zahlmeister, dass lediglich einundzwanzig Männer bereit waren, in die Mannschaftslogis der ,Shenandoah' zu gehen und dort zu bleiben. Trotz aller Beteuerungen war es dem Zahlmeister nicht gelungen, die Männer zu überzeugen, dass Lieutenant Waddell und nicht etwa Käpt’n Semmes der Kommandant der ,Shenandoah' sein würde. Im übrigen waren die meisten von ihnen kriegsmüde und wollten einfach nicht mehr auf einem Kriegsschiff fahren.

Trotz der späten Stunde ließ Waddell seinen Ersten Offizier, Mr. Wenzel, zu sich kommen. Wenzel war ein schmaler, dunkelhaariger Mann mit einem von Narben verunstalteten Gesicht. Er hatte auf der „Alabama“ Dienst getan und war bei der Mannschaft sehr beliebt. Durch seine Vermittlung, das hatte auch der Zahlmeister bestätigt, war es wenigstens gelungen, die meisten Männer der „Alabama“ halten zu können.

„Mr. Wenzel, ein Sklave ist ein schlechter Helfer, wenn er gegen etwas kämpfen muss, was er nicht hassen kann. Im Gegenteil, er wird uns früher oder später ein Messer in den Rücken stoßen. Das heißt, ich will diese Männer nicht an Bord haben, wenn sie nicht freiwillig bleiben möchten. Eines aber sollten wir ihnen abverlangen, nämlich dass sie ein Gerücht ausstreuen, das Gerücht nämlich, dass die „Sea King“ irgendwo Schiffbruch erlitten hat und dass sie die einzigen Überlebenden sind. Wir werden also diese Männer mitnehmen, und es soll der Anschein hier in Funchal erweckt werden, als würden sie Bestandteil unserer Mannschaft sein. Später nachher setzen wir diese Männer an der Küste von Teneriffa aus, wo sie dann die Legende verbreiten, die ,Shenandoah' wäre bei der Insel Las Desertas gestrandet und zerschellt.“

„Ja, ich glaube“, sagte Wenzel, „dass sie uns diesen Gefallen tun werden. Ich finde es sehr anständig von Ihnen, dass Sie keinen der Männer mit Gewalt zum Dienst am Schiff zwingen wollen. Nur frage ich mich, Sir, wie wir mit einer derart kleinen Besatzung ein solches Schiff fahren wollen? Sie können ja nicht die ganze Kohle verheizen, nur um die Segelmanöver zu sparen.“

„Zwanzig Mann Besatzung, dazu vier Offiziere. Es würde mir nichts ausmachen, selbst das Ruder zu übernehmen und am Rad zu stehen, während meine Offiziere ebenfalls bei den Manövern mitwirken. Wir werden es schaffen. Und im übrigen“, er lächelte aufmunternd, „sind wir ja unterwegs, um Prisen aufzubringen, um gegnerische Schiffe zu versenken, von denen es nach meinen Informationen in diesen Breiten einige gibt, die geradezu darauf warten, von uns gestellt zu werden.“

„Meine Informationen sind nicht ganz so optimistisch wie die Ihren, Sir“, sagte Wenzel, lächelte dann aber ebenfalls und fügte hinzu: „Aber ich bin mit Ihnen einer Meinung, dass wir sicherlich bald schon den Bestand der Mannschaft vergrößern können.“

„Wir werden morgen Mittag den Hafen von Funchal verlassen, Mr. Wenzel. Kümmern Sie sich bitte ganz eindringlich um die Qualität des Proviants. Lassen Sie noch Proviant an Bord nehmen, denn es gibt nichts Schlimmeres als eine hungrige Mannschaft oder eine Mannschaft, der immerzu schlechtes Essen vorgesetzt wird. Achten Sie bitte auch darauf, dass die Köche ordentliche Arbeit leisten. Ich möchte regelmäßig vom Mannschaftsessen probieren können. Und wenn ich hinter eine Schiebung komme, kann ich fuchsteufelswild werden. Anständiges Essen für die Besatzung, darauf lege ich größten Wert. Ich hoffe, wir sind in diesem Punkt ebenfalls einig, Mr. Wenzel!“

„Absolut einig, Sir“, bestätigte Wenzel, der in diesem Augenblick den Unterschied zwischen dem Lieutenant (Kapitänleutnant) und diesem zwar ebenfalls harten, aber doch wohl anständigen Kapitän Waddell feststellte.

Als Wenzel schon gehen wollte, rief er ihn noch einmal zurück und sagte: „Da ist noch eine Kleinigkeit.“ Er fuhr leiser fort: „Ich habe hier eine Adresse. Aber zuvor möchte ich von Ihnen etwas wissen. Ich habe mir die Conduite dieses Dritten Offiziers, Mr. Busch, durchgelesen, der zur „Sea King“-Besatzung gehört Er sieht ganz ordentlich aus, scheint ein guter Seemann zu sein. Ich möchte jetzt einmal prüfen, ob er auch zuverlässig ist. Er ist ein Deutscher. Die Deutschen und die Holländer, wovon wir ja in der technischen Besatzung auch welche an Bord haben, sind ja nicht unbedingt Sympathisanten des Südens. Hier ist also ein Zettel mit der Adresse. Diese Adresse gehört einem Mann, der für uns Spionagedienste leistet. Schicken Sie Busch hin, und der soll von diesem Mann neueste Meldungen bringen.“

Wenzel machte ein zweifelndes Gesicht. „Glauben Sie denn, dass er dafür der richtige Mann ist? Soll ich nicht lieber selber …?“

Waddell schüttelte den Kopf. „Nein, nein, lassen Sie mal! Ich muss wissen, woran ich bin. Busch weiß ja nicht, was er von dem erfährt. Aber ich weiß, was er erfahren wird.“

Wenzel sah ihn ratlos an. „Wieso? Warum schicken Sie dann jemand hin, wenn Sie es schon wissen?“

„Damit ich sehen kann, was an diesem Busch dran ist.“

„Und welche Mitteilung wird er uns bringen?“

„Wenn alles in Ordnung ist“, sagte Waddell, „dann wird er von vier Schiffen berichten, die südlich der Kanarischen Inseln in nächster Zeit auftauchen müssen. Wenn wir von Busch nichts hören, dann wäre es wohl besser, wir lassen ihn hier.“

Wenzel nickte. „In Ordnung. Ich werde das sofort veranlassen.“

„Und denken Sie dran“, rief ihm Waddell nach, „pünktlich morgen Mittag legen wir los!“

 

*

 

Bei lebhaftem Wind und unruhiger See verließ die ,Shenandoah' am neunzehnten Oktober kurz nach Mittag den Hafen von Funchal. Das Schiff wurde von vielen Menschen, die an den Piers standen, bewundernd beobachtet. Es waren aber auch Augenpaare da, die nicht nur dieses herrlichen Anblicks wegen dort standen, sondern die möglichst noch mit Fernrohren beobachteten, was sie an Deck der ,Shenandoah' sehen konnten.

Drei Stunden vor der ,Shenandoah' hatte die „Laurel“ ebenfalls Madeira verlassen mit Kurs auf die Kanarischen Inseln, wie dies ebenfalls die ,Shenandoah' tat. Und das bedeutete mit Südkurs zu fahren.

Der Wind stand gut. Alles kam, wie es sich Kapitän Waddell nicht besser wünschen konnte. Das Barometer fiel, und aus lebhaftem Wind wurde Sturm. Die ,Shenandoah' arbeitete sich durch schwere See.

Noch war das kein Problem, da die zweiundvierzig Männer sich an Bord befanden, die in Teneriffa ausgesetzt werden sollten. Diese zweiundvierzig Männer konnten natürlich bei den Segelmanövern mit eingesetzt werden.

Aber der Gedanke fuhr jedem der anderen Matrosen in der Besatzung durch den Kopf, wie es sein würde, wenn die ,Shenandoah' nach dem Von Bord gehen jener zweiundvierzig in einen Sturm geriet und viel zu wenige Männer auf dem Schiff waren, um es noch richtig handhaben zu können.

Als in den späten Abendstunden weit in der Ferne die Kanarischen Inseln auftauchten, näherte sich zugleich die „Laurel“, die von der ,Shenandoah' bei ziemlich rauer See eingeholt worden war. Noch immer herrschte starker Seegang, und das Übersetzen jener zweiundvierzig Männer von der ,Shenandoah' auf die „Laurel“ war dramatisch genug, aber es gelang. Alle zweiundvierzig kamen hinüber und sollten nun von der „Laurel“ zur Insel Teneriffa gebracht werden, wo man das Gerücht auszustreuen beabsichtigte, dass diese Männer von der „Laurel“ gerettet worden waren, nachdem die „Sea King“ an den Klippen von Las Desertas zerschellte.

Während die „Laurel“ sich nun endgültig von der ,Shenandoah' trennte und sich ihr auch nie mehr nähern würde, fuhr die ,Shenandoah' in die sinkende Nacht hinein.

Wie der „Fliegende Holländer“ pflügte dieses prächtige Schiff das Meer, umrundete die Kanarischen Inseln in so großer Entfernung, dass man noch nicht einmal Lichter von dort erkennen konnte.

Irgendwo da drüben würde die „Laurel“ Teneriffa anlaufen und, so hoffte Waddell, konnten die Männer mit ihrem Gerücht die Spione der Yankees täuschen.

Das Wetter besserte sich in den nächsten Tagen, und Waddell ließ immer noch rasch mit Südkurs fahren.

Die Wetterbesserung war ein Glück, ein Glück für eine viel zu kleine Mannschaft, ein Glück auch für Waddell, der schon bald einen Erfolg nötig hatte, vor allen Dingen bei dieser Gelegenheit auf Männer hoffte, mit denen er seine Mannschaft verstärken konnte.

Auf Waddells Befehl hin waren ständig zwei Mann im Ausguck. Vier Augen, sagte Waddell des öfteren, sehen mehr als zwei, und die Berichte, dass Schiffe der Union südlich der Kanarischen Inseln anzutreffen wären, waren auch von Busch überbracht worden. Seitdem hatte Waddell Vertrauen zu Busch gefasst, den er weiterhin als Dritten Offizier Dienst tun ließ.

Der Zweite Offizier war ein gewisser Mr. Maffit. Maffit war im Gegensatz zu Wenzel nicht sehr groß, aber breit in den Schultern, und sein Kopf war bedeckt mit schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Auch die Augenbrauen waren so buschig, dass es dem Antlitz dieses Mannes einen finsteren Ausdruck gab. Tatsächlich lachte Maffit auch nur sehr selten, sprach wenig und war von der Mannschaft gefürchtet. Dabei hatte er noch nichts getan, was zu dieser Furcht Anlass geben konnte.

Der drahtige mittelgroße, dunkelblonde Mr. Busch gefiel Waddell eigentlich sehr gut. Neben Wenzel bemühte er sich, den Mangel an Seeleuten durch eigenes Mitwirken auszuwetzen. Maffit übertraf sie aber alle. Man sah ihm an, dass er den Seemannsberuf von der Pike auf gelernt hatte. Er war lange selbst als Matrose gefahren. Die Muskeln, die noch von damals stammten, machten es ihm möglich, zwei Seeleute zu ersetzen.

So schaffte es Waddell trotz dieses Mangels an. Arbeitskräften, mit der ,Shenandoah' gute Fahrt zu machen und stieß bei wesentlich verbessertem Wetter am Achtundzwanzigsten spätnachmittags auf einen Verband von drei französischen Schiffen. Es waren alles drei Frachter, die der Zielfahne und der Ladeflagge entsprechend aus den Senegal-Kolonien kamen und Marseille in Frankreich zum Zielhafen hatten.

„Denen werden wir was erzählen, ein schönes Märchen“, sagte Waddell zu Mr. Busch, der neben ihm auf dem Achterdeck stand. „Lassen Sie die Yankee-Flagge setzen, das Sternenbanner!“

Busch sah Waddell verblüfft an. „Sir, nach dem Seerecht dürfen wir das nicht.“

Waddell lachte hart. „Seerecht? Mein lieber Mr. Busch, wir wollen ein Yankee-Schiff zu fassen bekommen, und ich muss wissen, ob unsere Informationen so gut sind, wie wir glauben. Also tun Sie, was ich sage. Das Sternenbanner hoch, und dann den Signalgast an die Leine!“

Das Sternenbanner ging knatternd in der Flaggengaffel hoch zur Verwunderung vieler an Bord.

Schließlich gab der Signalgast nach dem internationalen Alphabet durch Flaggensignale den Franzosen kund, dass man nach einem US Schiff „New Jersey“ suche und darum bitte, Auskunft über den Verbleib dieses Schiffes zu geben.

Es dauerte eine ganze Weile, dann stiegen die Flaggen der Beantwortung an der Flaggenleine des Franzosen auf.

Ohne dass er erst auf die Übersetzung des Signalgastes warten musste, las Waddell an den Wimpeln die Antwort selbst ab. „Die „New Jersey“ nicht gesehen, aber vielleicht fragen Sie US-Schiff ,Alina“, befindet sich etwa fünfundzwanzig Seemeilen von hier in Südsüdwestrichtung.“

Waddell ließ einen herzlichen Dank über Flaggensignal nach drüben gehen, dann setzte er seine Fahrt mit Südwestkurs fort. Der Franzose gab ihm noch zu allem Überfluss eine ungefähre Position dieser „Alina“, und besser, meinte Waddell, könnte es gar nicht kommen.

Er lächelte zufrieden, während Busch ihn verwirrt ansah und fragte: „Sagen Sie, Kapitän, soll ich das ins Logbuch schreiben?“

Waddell wandte sich ihm zu und erwiderte: „Dies ist ein Kreuzer, der Kreuzer der Konföderierten Staaten von Amerika. Sie können selbstverständlich diese Tatsache ins Logbuch schreiben, dass wir Kurs auf diese „Alina“ nehmen, von der Sie bitte einmal im Flottenkalender feststellen, wo genau sie herstammt.“

Fünf Minuten später wusste Waddell, dass die „Alina“ aus Searsport im Bundesstaat Maine stammte.

Im Flottenkalender gab es auch eine Umrissskizze von diesem Schiff mit Angaben über Besatzung, Größe und Tonnage.

„Ein ganz schönes Schiff mit einer Menge Leute an Bord“, meinte Waddell. „Damit können wir unsere Mannschaft vervollständigen. Wer nicht will, wird ins Boot gesetzt Wer an Bord möchte, bleibt bei uns.“

„Sie glauben, dass die Männer mitmachen?“, fragte Busch zweifelnd.

Waddell lachte. „Haben Sie schon einmal in einem Rettungsboot gesessen? Möglichst tagelang, weitab von jeder Küste? Und selbst wenn tausend Mal die Kapverdischen Inseln in der Nähe sind, für ein Rettungsboot und bei ungünstigem Wind kann es passieren, dass man zwischen den Inseln hindurchtreibt, ohne Land nur zu Gesicht zu bekommen. Das wissen auch diese Männer. Ich habe also keine Not, wie ich glaube, meine Mannschaft zu vervollständigen.“

 

*

 

Am 30. Oktober 1864, vormittags gegen elf Uhr, brüllte der Ausguck vom Fockmast nach achtern: „Schiff in Sicht! Schiff voraus!“

„Sie steht ziemlich genau dort, wo wir sie erwartet haben“, sagte Waddell, nachdem man ihn aus der Kajüte geholt hatte. Er setzte das Einrohr ans Auge, spähte nach vorn und sah die Segel dieses Dreimasters.

„Wir gehen noch etwas näher heran. Rufen Sie alle Männer auf die Stationen“, sagte er zu Mr. Wenzel, der das Schiff geführt hatte, bis Waddell an Deck gekommen war.

„Werden wir sie auf Grund schicken?“, fragte Wenzel abwartend.

„Nein, nein, ich habe schon zu Mr. Busch gesagt, dass wir so viele Männer übernehmen wollen wie möglich. Wir müssen versuchen, die Sache unblutig abzuwickeln. Im Gegenteil, ich lege Wert auf größte Fairness, aber natürlich nicht so, dass wir dabei das Schiff riskieren.“

Die „Alina“ fuhr mit Nordkurs, so dass sich der Weg beider Schiffe unvermeidlich kreuzen musste, wenn sie beide ihren Kurs beibehielten.

Da Waddell nach wie vor zu wenig Leute hatte, um schwierige Segelmanöver glatt durchführen zu können, war ihm diese Entwicklung nur Recht.

Sie fuhren also unverändert in dieser Richtung weiter und näherten sich so rasch der „Alina“.

Der Zweifel, ob es vielleicht nicht doch ein anderes Schiff sein könnte, war in dem Augenblick behoben, als die „Alina“ so nahe war, dass man Einzelheiten ihrer Takelage, ihrer Aufbauten und auch ihres Schiffsrumpfes erkennen konnte. Zu allem Überfluss wehte die Flagge der Union, also das Sternenbanner, in der Flaggengaffel.

Waddell hatte noch keine Flagge hissen lassen. Er ließ die ,Shenandoah' noch näher herankommen. Und dann war es soweit. Die Persenning flog vom Buggeschütz, die dort bereitstehenden Kanoniere, die die Kanone schon lange vorher geladen und dann wieder abgedeckt hatten, schwenkten das Rohr herum, und Waddell brüllte nach achtern: „Heiß Flagge und feuern!“

Während die Flagge der Konföderation noch aufstieg, donnerte der erste Schuss aus dem Lauf der Bugkanone, und unmittelbar danach stieg die Wasserfontäne vor der „Alina“ auf. Die rote Flagge mit dem blauen Andreaskreuz knatterte im Wind.

Das eben noch schwerfällig gegen den Wind kreuzende Frachtschiff erinnerte plötzlich an einen Ameisenhaufen. Mit einem Mal wimmelte es von Menschen an Deck. Segel wurden gerefft, und das Schiff wurde merklich langsamer.

Die mit Backbordstagbrise rasch vorwärtskommende ,Shenandoah' schien auf die „Alina“ zuzufliegen.

Drüben, an Bord der „Alina“ hatte man begriffen, dass es kein Entkommen mehr gab. Vergeblich hatte man noch Anstalten getroffen, beizudrehen und womöglich doch noch zu entfliehen. Aber nun schien der Kapitän einzusehen, dass dies nur zur Versenkung führen würde. Achtern ging die weiße Fahne hoch. Man ergab sich.

„Es ist viel zu unruhige See, um längsseits zu gehen“, sagte Wenzel zum Kapitän.

Waddell nickte. „Wir gehen auf Leeseite und schicken sie in die Boote.“

Über Flaggensignal wurde dem Kapitän der „Alina“ befohlen, mit sämtlichen Mann das Schiff zu verlassen. Die Boote sollten von der ,Shenandoah' übernommen werden.

Wenig später schon beobachtete Waddell, wie drüben die Mannschaft in die Boote ging. Auch einige der Offiziere gingen in die Boote. Lediglich der Kapitän und ein weiterer Mann blieben achtern stehen.

Die Boote kamen gut zu Wasser. Es waren zwei. Beide machten rasch Fahrt und näherten sich der ,Shenandoah'. Noch immer aber standen der Kapitän und ein zweiter Mann achtern.

„Ich glaube, den müssen wir holen. Es sieht so aus, als wollte der nicht“, sagte Waddell und blickte Wenzel lächelnd an. „Ich versenke ihn nicht mit seinem Schiff. Wir werden uns nach den Einzelheiten erkundigen, wenn das erste Boot bei uns ist. Dann schicken wir ein Prisenkommando hinüber. Geben Sie Mr. Busch das Kommando. Die Männer sollen den Kapitän und den anderen, vermutlich der Erste Offizier, notfalls mit Gewalt von Bord bringen.“

Nach einiger Zeit waren die Boote längsseits. Jakobsleitern und Netze wurden über die Bordwand geworfen, damit die Mannschaft der „Alina“ an Bord kommen konnte.

Einer der ersten, die übernommen wurden, war ein Offizier. Es war ein sommersprossiger, rothaariger Mann, den Busch, der den Auftrag dazu hatte, fragte: „Warum, zum Teufel, sind da noch zwei an Bord?“

„Der Kapitän und der Erste Steuermann werden das Schiff nicht verlassen. Ihr könnt es versenken. Sie wollen nicht von Bord gehen.“

„Der Tod ist nicht so stolz, wie ihr denkt“, sagte Busch. „Ich glaube, wenn denen erst mal das Wasser in die Stiefel läuft, werden sie nicht mehr so großspurige Versprechungen abgeben.“

„Mr. Busch!“, rief Waddell von achtern. „Denken Sie an Ihren Befehl! Bringen Sie das kleine Beiboot zu Wasser!“

Acht kräftige Männer der Besatzung fierten das kleine Beiboot ab. Busch ging an Bord, und sie fuhren los mit Kurs auf die „Alina“, die etwa zwei Kabellängen entfernt beigedreht hatte.

Indessen musste die an Bord genommene Mannschaft der „Alina“ auf das Vordeck treten. Beide Köche der ,Shenandoah' schenkten den vom starken Wellengang zum Teil durchnässten Männern der „Alina“ Tee mit Rum aus. Zugleich, als kämen diese Männer von einem Schiff, auf dem sie seit Tagen nichts zu essen bekommen hatten, ließ Waddell an die Mannschaft Brot und Corned beef ausgeben.

Schließlich, als die Männer alle ihre Ration empfangen hatten und ein wenig ratlos und begriffsstutzig dastanden, tauchte Waddell selbst auf. Er hatte seine Uniformjacke angezogen, was er selten genug tat, sich sogar die Mütze eines Kapitäns der Konföderierten Marine aufgesetzt und stand nun breitbeinig auf dem Ankerspill, blickte auf die Schar der Männer herunter und sagte:

„Wir werden den Kapitän und den Ersten Steuermann eures Schiffes notfalls mit Gewalt daran hindern, sich umzubringen. Ihr alle wisst, dass Krieg ist. Wir müssen euer Schiff versenken. Ich bin viel zu sehr Seemann, als dass ich so etwas gern täte. Ich weiß aber keinen anderen Weg, denn wie ich schon sagte, herrscht Krieg. Was euch selbst angeht, gibt es zwei Möglichkeiten. Wir können euch in der Nähe der Kapverdischen Inseln wieder in eure Boote setzen, und ihr müsst sehen, dass ihr an Land kommt. Wir haben eine eilige Fahrt vor uns und können es uns nicht leisten, uns zu lange aufzuhalten. Falls einer oder der andere von euch hier am Schiff Dienst tun will, dann ist er herzlich willkommen. Ich gebe offen zu, dass ich gute Männer brauche. Sie werden behandelt, als wären sie nie auf einem anderen als auf einem konföderierten Schiff gefahren. Mich interessiert nicht, in welcher Kirche ihr betet, welche Nationalität ihr habt. Ich will nur, dass ihr eure Arbeit tut.“

Aber sie zögerten. Sie blickten ratlos auf ihren Bootsmann, auf die drei Offiziere, die alle drei sehr jung waren, und dann, wie auf ein geheimes Kommando hin, starrten sie hinüber zur „Alina“, neben der jetzt das Beiboot längsseits gegangen war. Die Besatzung des Beibootes ging bis auf zwei an Bord der „Alina“. Und nun konnte man auch mit bloßem Auge deutlich erkennen, wie die Männer nach achtern gingen.

Da schien es aber Schwierigkeiten zu geben. Ein Schuss fiel sogar. Doch Waddell, der sein Spektiv auseinandergezogen hatte und nun hinüberblickte, sagte für alle beruhigend: „Sie haben die beiden. Der Schuss ist in die Luft gegangen. Verletzt scheint niemand zu sein. Jetzt bringen sie die beiden von Bord.“

Sie brachten sie nicht nur von Bord, sondern zugleich gingen drei Männer, die mit dem Prisenkommando an Bord gekommen waren, nach unten, setzten Sprengladungen an, um das Schiff zu versenken.

Zehn Minuten später ging das gesamte Prisenkommando mit den beiden, dem Kapitän und dem Ersten Steuermann, von Bord ins Beiboot, und als das Beiboot noch keine halbe Kabellänge von der Bark „Alina“ entfernt war, donnerte die erste Explosion. Es war ein dumpfer Knall nur. Es sah aus, als würde sich das Schiff etwas anheben. Danach folgte der nächste Knall und dann noch einer. Danach dauerte es immerhin noch eine ganze Zeit, bis sich das Schiff auf die Seite neigte, mehr und mehr krängte und schließlich so starke Schlagseite erhielt, dass es kenterte. Aber gleichzeitig begann die „Alina“ zu sinken. Sie sank über das Heck, richtete sich mit einem Mal wieder auf, und dann ging es rasend schnell.

Der Kapitän und der Steuermann waren noch nicht an Bord der ,Shenandoah' gebracht worden, als das Schiff versank. Und alles, was in dem Strudel zurückblieb, waren Teile, ein paar Blöcke, zwei Rettungsringe, Tauwerk, das aber dann ebenfalls versank, Korkstücke, nicht mehr. Die stolze Dreimastbark „Alina“ war für immer versunken.

„Ich protestiere!“, rief der Kapitän der „Alina“, ein grauhaariger, backenbärtiger Mann, der Waddell an Bulloch erinnerte.

„Es ist Krieg, Sir“, sagte Waddell und legte grüßend die Hand an den Mützenschirm. „Ich bedauere, Ihr Schiff versenken zu müssen, aber eine Wahl habe ich nicht.“

Der Kapitän zitterte vor innerer Erregung. „Was haben Sie mit uns vor?“, fragte er Waddell. „Wollen Sie etwa, dass wir in eines Ihrer fürchterlichen Kriegsgefangenenlager geraten? Ich sage Ihnen nur den einen Namen: Andersonville.“

„Sie müssen nicht an die Lügenpropaganda der Yankee-Regierung glauben“, sagte Waddell. „Und außerdem bringe ich Sie in kein Gefangenenlager. Ihren Männern habe ich angeboten, als freie Seeleute bei mir Dienst zu tun. Ihnen als Kapitän kann ich das nicht anbieten. Sollte sich aber die Mehrheit Ihrer Männer entschließen, bei mir an Bord Dienst zu tun, dann versichere ich Ihnen, dass ich Sie in dem ersten Hafen, den wir erreichen, ganz gleich, welchem Staat er gehört, an Land gehen lasse, nicht als Gefangener, sondern als freier Mann. Sie können tun, was Sie wollen.“

Der Kapitän war so überrascht, er hatte wohl mit Repressalien oder Zwangsmaßnahmen gerechnet. Vielleicht war er wirklich durch die Propaganda irritiert. Jetzt jedenfalls musterte er Waddell verblüfft und fragte: „Sie meinen das ehrlich?“

„Natürlich meine ich das ehrlich. Ich lege keinen Wert darauf, dass jemand bei solchen Aktionen getötet wird, es sei denn, er zwingt mich dazu.“

Der Kapitän war nicht in der Lage, ein Wort zu erwidern. Er und seine Offiziere wurden in einem Raum achtern untergebracht. Diese fünf Männer erfuhren eine Behandlung, als wären sie Gäste und nicht etwa Kriegsgefangene dieses konföderierten Kapitäns.

Das Verhalten Waddells beeindruckte die meisten Männer der „Alina“ derart, dass sie sich ohne lange Diskussion bereit erklärten, sich auf die Liste der ,Shenandoah'-Besatzung einschreiben zu lassen.

Waddell verfügte jetzt über eine Besatzung von einundfünfzig Mann und zwölf Offizieren, eingeschlossen den Ingenieur und die Artillerie-Offiziere. Die Männer der „Alina“ taten ihren Dienst zukünftig ebenso wie all jene, die seit Funchal an Bord waren. Es kam sogar noch besser. Vom Signalmaat der „Alina“ erfuhr Waddell, dass sich im Südwesten der Kapverdischen Inseln ein größerer, aber aus Sicherheitsgründen zerstreut fahrender Verband von US-Schiffen befinden sollte.

Augenblicklich nahm die ,Shenandoah' Kurs Südwest.

Man passierte die Kapverdischen Inseln bei Nacht, geriet dann am Morgen in einen schweren Sturm, der Waddell veranlasste, den Kurs mehr nach West zu verändern.

Nachdem dieser Sturm abgeritten war, nahm Waddell Südkurs, während sich zugleich das Wetter wesentlich verbesserte. Strahlende Sonne, aber noch immer raue See und ein bissiger Wind aus Ost, der Waddell zwang, die Segel mit halbem Wind mit Backbordhalsen zu fahren. Das war ungefähr der Zeitpunkt, als im grellen Sonnenlicht die „Charter Oak“ auftauchte.

Der Ausguck brüllte: „Schiff backbord voraus!“

Waddell, der zufällig achtern an Deck stand, riss sein Spektiv hoch, um nach diesem Schiff zu sehen.

Erst sah er nur die Toppsegel, aber wenig später hatte er das Bild der gesamten Takelage im Glas. Busch stand neben Waddell, als der sagte: „Ganz sicher, das ist die „Charter Oak“. Ein ganz schönes Schiff! Eine Viermastbarkentine! So viele gibt es von diesen Schonerbarks nicht. Die Information ist also richtig. Mr. Busch, informieren Sie Mr. Callier, dass wir mindestens zwei Geschütze schussbereit halten müssen. Es besteht die Möglichkeit, dass die „Charter Oak“ bewaffnet ist.“

Busch zögerte noch einen Augenblick, sah den größeren Waddell an und fragte: „Im Grunde ist das, was wir hier treiben, Piraterie, nicht wahr?“

„Wäre Frieden, hätten Sie Recht“, sagte Waddell ungerührt, ohne das Spektiv vom Auge zu nehmen. „Aber wir haben Krieg, und der gilt auch auf dem Meer.“

Bitter entgegnete Busch: „Einen Krieg um die Beibehaltung der Sklaverei, das wollen Sie doch.“ Busch erwartete einen Zornesausbruch bei Waddell, aber er irrte sich.

Ganz ruhig und unbeeindruckt erwiderte Waddell: „Mr. Busch, wir können noch viel darüber diskutieren, aber im Augenblick möchte ich Sie bitten, meinen Befehl auszuführen. Ich will, dass zwei Geschütze feuerbereit sind. Und ich bin gewohnt, dass meine Befehle sofort ausgeführt werden, Mr. Busch. Wollen Sie also so gut sein und tun, was ich sagte?“

Busch warf Waddell einen kurzen Blick zu, hatte schon eine Antwort auf der Zunge, wandte sich dann aber ab und tat, was Waddell ihn geheißen hatte.

Die zweite Kanone, ebenfalls eine Zweiundzwanzig-Pfünder, stand mittschiffs, weitere sechs befanden sich unter Deck, drei auf jeder Seite. Luken, die aufgeklappt werden konnten, verdeckten sie. Diese Kanonen waren neue Dahlgren 7,2 Zoll-Geschütze. Schlagkräftige, moderne Kanonen.

Als die ,Shenandoah' sich in rascher Fahrt der „Charter Oak“ näherte, die mit vollgesetztem Zeug mit Nordwestkurs fuhr, trat der Erste Steuermann Wenzel neben seinen Kapitän und sagte: „Die „Charter Oak“ ist ein gutes Schiff, nicht so schnell wie dieses hier, aber schneller als viele andere. Sollten wir nicht ein Prisenkommando an Bord geben und das Schiff in den Hafen eines befreundeten Landes bringen lassen?“

„Die Kriegslage ist nicht mehr so übersichtlich wie noch vor einem Jahr“, erwiderte Waddell. „Wir werden das Schiff wie alle anderen versenken.“

„Und die Mannschaften?“, fragte Wenzel.

„Die Mannschaften nehmen wir zunächst mit. Wenn es zu viele sind, werden wir ein kleineres Schiff, was für die Kriegsführung und für den Gegner bedeutungslos ist, mit den Gefangenen besetzen und es bis zu einem Hafen mitnehmen.“

Wenzel lachte leise vor sich hin. Waddell sah ihn überrascht an und Wenzel sagte: „Auf der „Charter Oak“ haben sie einen hervorragenden Koch. Der Kapitän der „Charter Oak“ ist mir bekannt. Er gilt als Feinschmecker. Er hat sich diesen Chinesen von seinem früheren Schiff mitgebracht. Er ist ganz berühmt in der ganzen Yankee-Marine. Vielleicht sollten wir uns diesen Koch für unsere Küche anheuern?“

„Ich lege keinen so besonderen Wert auf raffinierte Genüsse, Mr. Wenzel“, entgegnete Waddell. „Für mich ist wichtig, dass ein Koch ein anständiges Essen für die Mannschaft bereiten kann. Feinschmeckergenüsse halte ich für überflüssig.“

Wenzel, der selbst sehr gerne gut aß, zuckte bedauernd die Schultern und warf Waddell einen geringschätzigen Blick zu. „Dann lassen Sie sich aber wesentliche Freuden des Lebens entgehen, Sir“, behauptete er.

„Meine Freude ist es, recht viele von diesen Yankee-Schiffen zu versenken“, erklärte Waddell. „Mr. Wenzel, übernehmen Sie jetzt das Kommando mittschiffs! Ich möchte, dass kein einziges Segelmanöver mit Verzögerung abgewickelt wird. Wir müssen so schnell wie möglich an die „Charter Oak“ herankommen, bevor die Burschen ihr Geschütz fertigmachen können. Ich möchte keinen Verwundeten und erst recht keine Toten, weder bei denen noch bei uns.“

Sie kamen auf der „Charter Oak“ zu gar nichts. Das einzige, was sie noch tun konnten, nachdem ihnen der Schuss vor den Bug gesetzt worden war: Sie konnten die weiße Fahne hissen.

Doch sie taten noch nicht einmal das. Sie gingen in wilder Panik in die Boote, verließen einfach das Schiff, und dann, noch bevor Waddell überhaupt begriffen hatte, was diese Panik sollte, begann die „Charter Oak“ zu sinken.

„Sie haben Flutventile auf diesem Schiff, und die haben sie aufgeschlagen“, meinte Wenzel.

„Warum spielen die nur so verrückt?“, wunderte sich Waddell. „Sehen Sie nur, wie wahnsinnig die in die Riemen greifen. Die pullen ja, als wäre der Teufel hinter ihnen her.“

„Vielleicht ist es besser, ein Prisenkommando hinüberzuschicken.“

„Auf ein sinkendes Schiff?“, fragte Waddell. „Das ist doch Unsinn! Nein, nein, vielleicht haben sie Pulver an Bord. Sechs Strich steuerbord!“, rief Waddell den beiden Rudergängern zu.

„Klar zum Halsen!“, rief Busch weiter vorn zum Bootsmann, und der gab die Kommandos an die Mannschaft weiter. Die Segel schwenkten herum. Nach dem Kurswechsel kam die ,Shenandoah' wieder an den Wind und entfernte sich von der sinkenden Schonerbark.

Noch immer pullten die Männer in den drei Booten wie besessen, um möglichst viel Entfernung zwischen sich und das sinkende Schiff zu legen. Es schien die Männer auch nicht zu stören, dass sich die ,Shenandoah' von den Booten entfernte.

Plötzlich sank die „Charter Oak“. Sie sank ebenfalls genau wie die „Alina“ über das Heck, richtete aber den Bug hoch auf, und nun schoss sie wie ein Pfeil in die Tiefe.

Die Männer in den Booten hielten sofort mit dem Pullen inne und ließen wie auf ein Kommando hin die Boote nur noch treiben.

Waddell, der die Männer in dem einen Boot mit dem Fernglas beobachtete, hatte das Gefühl, dass die irgendwie erleichtert wirkten.

„Wahrscheinlich doch ein Pulverschiff“, murmelte er.

Etwas später hatte die ,Shenandoah' beigedreht und nahm die Männer aus den Booten an Bord.

Waddell ließ den Kapitän sofort nach achtern bringen, und als der dickbäuchige, glatzköpfige Mann vor ihm stand, sagte Waddell: „Warum haben Sie das Schiff versenkt?“

„Weil es bis unter Deck mit Kaliumchlorat vollgestopft war. Und Kaliumchlorat“, fuhr der Kapitän mit heiserer Stimme fort, „ist explosiv. Wenn Sie auf das Schiff geschossen hätten, wäre es in die Luft geflogen.“

„Kommen Sie bitte unter Deck! Wir fahren zunächst mit Südkurs. Halten Sie die drei Boote im Schlepp!“

Wenig später saß Waddell dem beleibten Kapitän der „Charter Oak“ gegenüber. „Sie haben die Wahl“, sagte er. „Ich kann Sie jetzt wieder in Ihre Boote setzen, oder Sie erklären mir, welchen Standort die anderen Schiffe haben.“

Der Dicke war ein schlechter Schauspieler, obgleich er sich sehr bemühte. Er spielte den Erstaunten und fragte: „Welche anderen Schiffe? Wovon sprechen Sie?“

„Ich spreche von den anderen Schiffen Ihres Verbandes. Sie sind nicht allein. Also, wollen Sie jetzt in die Boote oder möchten Sie mir genaue Auskunft geben? Ich würde Sie dann, wie einige andere Herrschaften hier an Bord, in einem neutralen Hafen von Bord gehen lassen.“

Der Dicke schnaufte wie ein Walross. Er rutschte auf der Kante des Stuhles hin und her. Ihm schien ganz und gar nicht wohl zu sein. Eben hatte er schon sein Schiff verloren, und nun wurde auch noch das Ansinnen an ihn gestellt, sich zum Verräter zu machen.

„Hören Sie, Sir“, meinte er beschwörend, „ich bin immer ein anständiger Mann gewesen. Ich habe einen Eid geschworen. Verstehen Sie mich doch! Der Krieg ist für Ihre Südstaaten doch sowieso verloren. Grant und Sheridan sind doch übermächtig. Die Industrie des Nordens muss ja zum Sieg führen. Das ist doch nichts weiter als ein Aufhalten, als ein Verlängern, was hier geschieht. Und irgendwann ist dieser Krieg vorbei, und für Sie geht das Leben dann auch weiter. Machen Sie sich und mich doch nicht unglücklich.“

„Es ist Krieg“, sagte Waddell todernst. „Und in einem Krieg gibt es bestimmte Gesetze. Sie können diesen Gesetzen folgen, oder Sie können untergehen. Ich befinde mich durchaus im Bereich der vereinbarten Regeln eines Krieges, wenn ich Sie jetzt sofort wieder in Ihre Boote setze. Wir haben leider nicht genug Verpflegung, um Sie und Ihre Männer durchzufüttern, da Sie es vorgezogen haben, Ihr Schiff zu versenken, bevor wir Ihre Vorräte an Bord nehmen konnten. Kein Gericht, selbst wenn der Krieg so ausgeht, wie Sie sich das erhoffen, könnte mir jemals einen Vorwurf daraus machen, dass ich Sie wieder in Ihre Boote gesetzt habe. Und dies wird auf der Stelle geschehen, wenn Sie mir nicht ganz konkret erklären, wo die anderen Schiffe sind, wie sie heißen und was sie geladen haben. Sie haben fünf Minuten Zeit, Mister. Und dann haben Sie selbst Ihre Entscheidung gefällt, so oder so.“

Fünf Minuten später hatte der Kapitän der „Charter Oak“ einen Zettel in der Hand, einen Federkiel, und dann schrieb er die Namen der fünf Schiffe auf: „D. Godfry“, „Kate Prince“, „Susan“, „Lizzie M. Stacey“, „Adelaide“.

„Welche Ladung?“, fragte Waddell mit schnarrender Stimme.

Der Dicke, dem die Schweißperlen an Stirn und Schläfen standen, zuckte zusammen. Mit tonloser Stimme erwiderte er: „Die „Kate Prince“ und die „Susan“ haben dieselbe Ladung wie wir. Die anderen haben Salpeter.“

„Wunderbar, und nun schreiben Sie hinter jedes Schiff noch die Ihnen bekannte Position.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904963
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
heldenhafte seeemänner kaperfahrt shenendoah

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #6: Die Kaperfahrt der Shenendoah