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Für ein paar Unzen Blech

2016 120 Seiten

Leseprobe

FÜR EIN PAAR UNZEN BLECH

 

Wildwest-Roman von Jasper P. Morgan

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:Hugo Kastner, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Marshal Roy Callan reitet auf einem langen Trail. Getrieben von dem Wunsch, jene Männer, die ihm die neue Heimat und seine große Liebe genommen haben, ihrer gerechten Strafe zuzuführen, streift er rast- und ruhelos durch den amerikanischen Westen und folgt den Spuren der Gesetzlosen. Doch ein geheimnisvoller Revolvermann, der immer wieder wie ein Engel des Todes zuschlägt, ist ihm immer eine Nasenlänge voraus. Schließlich kreuzen sich die Trails der beiden Männer, und Marshal Callan kehrt dahin zurück, wo sein langer Trail begann. In einer rauen Sturmnacht entscheidet sich nicht nur Roy Callans Schicksal, und er muss sich fragen, ob die paar Unzen Blech eines Marshal-Abzeichens es wert sind, für sie zu sterben…

 

Ein dramatischer, aktionsgeladener Wildwestroman, so wild und spannend wie der Wilde Westen selbst…

 

 

Der Autor:

 

Jasper P. Morgan ist Jahrgang 1959 und seit mehr als 50 Jahren Liebhaber und Kenner des amerikanischen Western. Seine erste Begegnung mit dem Westerngenre hatte er mit vier Jahren; mit Karl Mays „Old Surehand“ begegnete er im Alter von 9 Jahren der Westernliteratur, der er bis heute treu geblieben ist.

Morgans Leidenschaft gilt der deutschen und internationalen Spannungsliteratur, mit deren verschiedenen Facetten er sich intensiv beschäftigt.

Er ist Verfasser zahlreicher Western, Adult Western, Gruselromane, sowie einiger Film-Genresachbücher.

Der Autor lebt und arbeitet in Norddeutschland.

 

 

 

 

 

 

 

FÜR EIN PAAR UNZEN BLECH

 

Wildwest-Roman von Jasper P. Morgan

 

 

 

ERSTES KAPITEL

 

Ein Sturm zieht auf“

 

 

Erste dunkle Wolken über der Hügelkette kündigen nicht nur einen Sturm an, sondern verheißen mit den schmutziggelben und stellenweise violetten Streifen in der dunklen Wolkenfläche auch Schnee und Eis. Früh wird der Winter in diesem Jahr anbrechen, und er wird mit manch harschem Sturm aufwarten, der dichten Schneefall mit sich bringt und die Landschaft unter einer dicken Decke von jungfräulichem Weiß und bläulich schimmernden Eiskristallen verbirgt.

Der auffrischende Wind zerrt an Della Hanleys Kleidung und peitscht Strähnen ihres dichten, flammendroten Haares über ihr Gesicht. Sie weiß, dass dies kein gewöhnlicher Blizzard ist, der den Menschen in dieser Gegend Furcht einflößt und ihnen die Kälte bis ins tiefste Mark treibt, noch ehe der Winter richtig begonnen hat. Nein, dies ist jenes gnadenlose, alles verzehrende Ungeheuer, aus dem Zorn einer launischen Mutter Natur geboren, das Mensch und Tier gleichermaßen fürchten und das die schlimmsten Torturen für jene bereit hält, die in seine Fänge geraten – der berüchtigte Blue Norther!

Dieser schlimmste aller Stürme hier im Westen kommt unvermittelt. Für manches Greenhorn, das mit den Gefahren des Westens nicht vertraut ist, hat der gefürchtete Sturm, wenn er nach einem berauschend schön anzuschauenden tiefblauen Himmel sein wahres Gesicht zeigt, nie gekanntes Leid und Schmerzen vorgesehen, gegen die sämtliche Qualen der Hölle wie ein Muskelkater nach einem stundenlangen Ritt durch unwegsames Gelände anmuten müssen. Der grausame Sturm ist wie ein Eishauch der Natur, die ihre Lippen erst zu einem Lächeln verzieht, um sie dann zu spitzen und ohne das geringste Mitgefühl ihren tödlichen Atem über das Land zu blasen. Zunächst trübt kein Wölkchen, nicht einmal der kleinste Fetzen einer Wolke, das durchdringend leuchtende Blau des Himmels. So wiegt der Sturm die Menschen in Sicherheit, und manch einer geht unbedarft seinem Tagwerk nach, nur um sich schon wenige Stunden später mitten in einem Maelstrom aus wirbelndem Erdreich, Schneeflocken und einem eiskalten, mit scharfkantigen, spitzen Eisnadeln durchsetzten Regen gefangen zu sehen, einem alles verschlingenden Strudel, aus dem es nur für die wenigsten und die Widerstandsfähigsten ein Entrinnen gibt.

Dies also ist er, der berüchtigte Blue Norther, und zugleich ist er der Vorbote des nahenden Winters.

Die junge Frau rafft einen Umhang enger um ihren schmalen Körper und stemmt sich gegen den Wind. Den Kopf trotzig gesenkt, eilt sie die menschenleere Main Street entlang und hält schließlich keuchend an einer Hausecke inne.

Die Straße zieht sich zwischen zwei Reihen verwitterter Gebäude, die sich etwas hochtrabend „Town“ nennen, hin und ist nahezu verwaist. Keine Menschenseele außer dieser einsamen jungen Frau scheint sich in diesem drohenden Sturm vor die Tür zu wagen. Und doch spürt Della Hanley fast körperlich die Blicke der Menschen, die sie hinter den Gardinen vor den kleinen Fenstern hervor beobachten.

Eine flüchtige, kaum wahrnehmbare Bewegung lässt die junge Frau abrupt verharren. Lange bleibt sie stehen, beinahe reglos, während der Wind an ihrem Umhang und ihrer Kleidung zerrt und den Stoff dicht an ihren Körper klatscht. Langsam dreht sich die einsame Frau um und starrt angestrengt in das Zwielicht aus Staub und wirbelnden Präriegrasballen, die wie Geisterwesen zwischen den Gebäuden umherflirren, über Bohlensteige hinwegtanzen und an Hauswänden kratzen.

Doch dann atmet Della auf, denn aus dem Zwielicht heraus löst sich die Gestalt eines kleinen, abgemagerten Hundes, der langsam auf sie zu trottet und an ihrem Umhang und ihren Stiefeletten schnüffelt.

Nein, hier ist wohl kein Leckerbissen zu erwarten.

Der Hund wedelt kurz mit dem Schwanz und schaut auf. Sein enttäuschtes Winseln wird vom Heulen des Windes zerfasert. Dann trollt sich der Streuner, taucht wieder ein in das schier undurchdringliche Dämmerlicht und entschwindet Dellas Blicken.

Staubfahnen treiben Della Hanley die Tränen in die Augen, als sie weitergeht. Undeutlich erkennt sie den niedrigen Zaun am Fuße des Stiefelhügels und das schiefe schmiedeeiserne Tor vor sich, dessen Flügel im Wind schwingen.

Dellas Herz krampft sich zusammen, als sie zwischen den Grabhügeln die dunkel gekleidete, inmitten der wirbelnden Staubfontänen nur schwer erkennbare Gestalt entdeckt. Der hagere, hoch gewachsene Mann wirkt unheimlich, wie er einsam dort oben auf dem Boot Hill steht. Della erinnert er irgendwie an ein Bild, das sie vor Jahren einmal in einem Buch gesehen hat, eine düstere Illustration, mit Feder und Tusche gezeichnet, die ihr damals, als kleines Mädchen, bereits Schauer über den Rücken jagte.

Damals träumte sie davon, wie es wohl wäre, wenn ihr der Unheimliche aus dem Bild eines Tages begegnen würde.

Nun scheint dieser Traum Wirklichkeit zu werden. Einem Wesen gleich, das einem der Gräber zu seinen Füßen entstiegen zu sein scheint, steht der dunkel gekleidete Mann dort zwischen den windschiefen, staubumwehten Grabsteinen und verwitterten Holzkreuzen. Stumm, geduldig, bewegungslos, den Hut zum Schutz vor Staub, trockenen Zweigen, Regen, Schnee und Eisnadeln tief in die Stirn gezogen, den Kopf gesenkt, so steht er dort wie ein Harbinger, ein unheimlicher, stummer, nichts Gutes verheißender Bote aus dem Jenseits – und wartet.

Und Della ist sich auch diesmal bewusst, an wen sie der unheimliche Mann auf dem Bild und diese dunkle Gestalt auf dem Stiefelhügel erinnern.

Es ist - der Tod...!

 

 

Roy Callan steht in dem einräumigen Marshal’s Office und späht durch die verschmutzte Fensterscheibe hinaus auf die Main Street. Der Wind wirbelt Staub über die Fahrbahn und spielt mit verwitterten Ladenschildern, die quietschend in ihren rostigen Scharnieren schaukeln.

Vergeblich hält Callan nach Menschen Ausschau. Kein Reiter trabt die Main Street entlang, kein Fuhrwerk rumpelt vor den General Store. Nicht mal auf dem Balkon von Nicky‘s Badehaus lässt sich eines der Liebesmädchen blicken.

Callan ist allein, und anfangs hat er noch Verbitterung darüber empfunden, aber jetzt trägt er es den Einwohnern dieser Town nichts mehr nach. Sicher halten sie sich in ihren Häusern verborgen und warten auf den Moment, in dem jemand die Nachricht in die Stadt tragen wird.

Die Nachricht, dass Marshal Roy Callan unter einer tödlichen Kugel gefallen ist!

Lange betrachtet Callan das Abzeichen in seiner Handfläche. Jemand hat es aus dem Blech einer Pfirsichdose geschnitten und mit einem Nagel das Wort Marshall eingraviert. Schief und krumm und ungelenk sind die Buchstaben in das Blech geritzt worden, als habe derjenige, der dieses Abzeichen angefertigt hat, Mühe gehabt, das Wort zusammenzusetzen. Und falsch geschrieben hat man die Amtsbezeichnung obendrein. Die Farbe, mit der man die Konturen der Buchstaben später nachgezogen hat, ist stellenweise ausgebleicht und abgesplittert.

Ja, ein primitives Abzeichen ist es, anders als jene, die Sheriffs und Marshals in den großen Distrikten tragen. Ein einfaches Stück Dosenblech ist es, weiter nichts.

Nachdenklich schiebt Callan die Unterlippe vor. Es hat eine Zeit gegeben, da ist er stolz gewesen, dieses Abzeichen an seine Brust zu heften. Doch inzwischen haben ihn Zweifel beschlichen. Ist dieses Stück Blech es wirklich wert, dass er dafür stirbt?

Callan hebt den Blick zu einem kleinen, halb blinden Rasierspiegel, der in einer Ecke des Büros hängt. Das Gesicht, das ihm entgegenschaut, ist das eines fast sechs Fuß großen, erschöpft wirkenden Mannes. Die Falten auf der sonnengebräunten Stirn werden von haselnussbraunen Haarsträhnen teilweise verdeckt. Schatten liegen unter den Augen und unter den etwas zu hohen Wangenknochen. Das einst markante Gesicht wirkt eingefallen. Die vollen Lippen sind so fest zusammengekniffen, dass sie schmale, bleiche Striche bilden. Bartstoppeln bedecken das kantige Kinn und die Wangen.

Callans Radsporen klingeln leise, als er zu dem alten, wurmstichigen und zerkratzten Schreibtisch tritt und ein Schubfach aufzieht. Seine Finger schließen sich um den Hals einer Brandyflasche. Er hebt sie hoch und betrachtet das Etikett. Es ist feinster französischer Brandy, ein Tropfen, der es in sich hat. Nicky Leblanc hat ihm die Flasche geschenkt und ihm damit einen Ausweg aus seinem Dilemma gezeigt.

Man würde ihn wohl kaum über den Haufen schießen, wenn er sturzbetrunken auf seiner Pritsche läge…

„Es ist eine Schande, Mon Ami, wenn du dich mit diesem ausgezeichneten Tröpfchen betrinkst“, hört er Nicky Leblancs rauchige Stimme in seinen Gedanken. Der französische Akzent verleiht ihrer Stimme jenen verführerischen, ungemein sinnlichen Klang, der schon so manchen Mann um den Verstand gebracht hat. In Gedanken erlebt Callan das Gespräch erneut, als fände es soeben statt und läge nicht lange zurück. „Aber mir bist du betrunken lieber als tot“, fügt Nicky ihren Worten hinzu. „Es wäre doch schlimm, wenn keine Frau jemals wieder deine heißen Küsse auf ihren Lippen spüren könnte.“ Nach kurzer Pause folgt ein Kichern ihren Worten, und flüsternd setzt sie hinzu: „Und du küsst verdammt gut, Cherie, das muss man dir zugestehen. Einem Mann, der so küsst wie du, würden in Frankreich und unten in Louisiane sämtliche Frauen zu Füßen liegen…“

„Das ist längst vorbei, Nicky“, antwortet Callan heiser und es ist ihm, als höre er seine Stimme nicht in Gedanken, sondern als sei sie jetzt und hier über seine Lippen gekommen.

Und vielleicht ist es ja auch so, ohne dass er es gemerkt hat.

Vor seinem geistigen Auge nimmt er wahr, wie Nickys vollen und wohlgeformten Rundungen das Korsett und den tiefen Ausschnitt ihres Samtkleides zu sprengen drohen, als La Madame, wie sie sich gerne nennt und nicht nur von ihren Liebesdienerinnen nennen lässt, tief Luft holt. „Ich weiß“, seufzt sie bedauernd. „Leider. Aber wir hatten auch schöne Stunden miteinander, und daran werde ich mich immer gerne erinnern, Mon Ami.“

„Yeah. Du bist die beste Freundin, Nicky, die sich ein Mann wünschen kann. Die beste Freundin, die ich jemals hatte.“ Das sind keine leeren Worte, und sie sind nicht einfach so dahingesprochen worden. Callan meint jede Silbe so, wie er sie gesagt hat und wie er sie gerade eben noch einmal halblaut von sich gegeben hat, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Nicky war damals eine Freundin, für die er jederzeit durchs Feuer gegangen oder mitten in die Hölle gesprungen wäre, und das ist sie immer noch.

In seiner Erinnerung sieht er sie wieder, wie sie an jenem Abend, nach jenen Worten schnieft. „Und du, Mon Ami, bist der einzige Freund, den ich jemals hatte.“ Sie tritt zu ihm und legt ihre schmalen, zarten Hände, die doch so kraftvoll sein können, gegen seine Brust. Unter den Tränen schimmern ihre blassblauen Augen wie glitzernde, wertvolle Edelsteine. „Du darfst nicht zum Friedhof gehen“, beschwört sie ihn, und nie ist ihre Stimme verführerischer gewesen. Dieses Timbre vermag den Willen eines jeden Mannes zu brechen. „Du darfst nicht sterben, Mon Ami. Tu mir das nicht an, ich bitte dich. Versprich es mir.“

Callan sieht die Nicky Leblanc lange an, lässt dabei seine Blicke über jeden Zoll ihres bildschönen Antlitzes wandern, über die langen Wimpern, die schmale Nase, deren fein geschwungene Flügel so lebhaft beben können, wenn Nicky wütend ist, über die tiefrot geschminkten Lippen und die Grübchen in den Mundwinkel, ehe er sanft ihre Schultern umfasst und sie von sich schiebt. Mit zwei Schritten steht er an der Tür, stülpt sich entschlossen den Hut auf den Kopf und rückte ihn zurecht. „Leb wohl, Nicky“, sind seine letzten Worte an sie.

Da reißt ihm die üppige Französin die Flasche aus der Hand. „Die pure Verschwendung, ist das, Mon Ami! Ich glaube, ich habe einen kräftigen Schluck nötiger als du! Geh zur Hölle, du missratener Hundesohn!“ Sie lässt ihren Worten einen Schwall derber Flüche in tiefstem Cajun-Französisch folgen, die jeden Fischer und Alligatorenjäger in den Bayous von Louisiana hätten erröten lassen, bis Callan schließlich die Tür öffnet und sich anschickt, auf den Korridor zu treten.

Da ruft sie nochmals seinen Namen.

Heiße Tränen strömen über ihre Wangen, als sie zu ihm kommt und ihm die Flasche in die Hand drückt. „Vergiss mich nicht, Mon Cher.“

Callan streichelt sanft ihre grell geschminkte, tränennasse Wange.

„Ist es wahr, was du vorhin gesagt hast?“ Ihr Schluchzen erstickt ihre Stimme beinahe. „Dass du nie eine bessere Freundin als mich hattest?“

„Yeah.“ Callan haucht ihr einen Kuss auf die Wange und schmeckt die salzigen Tränen unter seinen Lippen. „Deine Freundschaft ist mehr wert als ein paar Nächte mit dir. Viel mehr – sie ist… unbezahlbar. Danke für alles, Nicky.“

Ihr herzzerreißendes Schluchzen klingt noch lange nach, als er sie längst verlassen hat.

Und nun, als er die Brandyflasche in seiner Hand betrachtet, hallt ihr Schluchzen in seinen Erinnerungen nach. Er entkorkt die Flasche und nimmt einen Schluck.

Das Zeug schmeckt gut. Verteufelt gut sogar.

Aber Alkohol ist keine Lösung. Er wird sich nicht betrinken.

Er kann es nicht.

Es käme einer Flucht gleich.

Und es ist nicht Roy Callans Art, vor Schwierigkeiten davonzulaufen.

Callan stellt die Flasche weg und öffnet eine andere Schublade. Sie enthält einen chromglänzenden Revolver und ein gerahmtes Bild. Er will schon nach dem Eisen greifen, als er einem inneren Drang folgt und stattdessen den Bilderrahmen aus der Lade hebt. Lange betrachtet er das anmutige Konterfei der jungen Frau. Es verlangt ihn, sich in den Ledersessel sinken zu lassen und von ihr zu träumen.

Aber es darf nicht sein.

„Ich liebe dich“, flüstert er und streicht mit den Fingerspitzen sacht über das Gesicht auf dem Bild. „Ich hätte mir nur gewünscht, dass ich dich glücklich machen kann. Aber dieser Wunsch soll wohl nicht in Erfüllung gehen. Er wurde mir schon mal verwehrt. Aber das ist wohl mein Schicksal. Es tut mir Leid, Kleines.“

Er lehnt das Bild gegen die Brandyflasche und reißt den Blick nicht davon los, als er den Colt aus der Schublade zieht. Entschlossen geht er zu dem Wandhaken neben dem Kanonenofen, an dem sein Patronengurt hängt, und schnallt den schweren 44er Beal’s New Patent Colt um. Dann zieht er die Waffe aus dem Leder, betrachtet sie kurz, ehe er sie auf den Schreibtisch legt. Sie hat ihm gute Dienste geleistet, aber diesmal wird er ein anderes Eisen tragen, wenn er in den Kampf geht.

Und dann schiebt er den chromblitzenden Colt, den er aus der Schreibtischlade gezogen hat, ins Holster.

Er schlüpft in die dicke, karierte Mackinaw-Jacke, die ihm bis über die Hüften reicht, zieht den verbeulten Stetson tief in die Stirn und blickt sich ein letztes Mal in dem Office um.

Auf dem Tisch sieht er etwas matt blinken.

Er nimmt den Blechstern auf, betrachtet ihn nochmals nachdenklich und befestigt das Abzeichen dann an seiner Hemdbrust.

Er kann nicht anders.

Callan tritt auf die Straße und hält seinen Hut fest, als eine Windbö an der Kopfbedeckung zerrt. Es ist kalt geworden. Trotz der mit dickem Schaffell gefütterten Mackinaw-Jacke fröstelt Callan unwillkürlich, als er hinter Fensterscheiben fahle Gesichter und die Umrisse von Menschen entdeckt, die ihn beobachten. In diesen Menschen, die nur noch auf seinen Tod warten, hat er Freunde und Nachbarn gesehen. Er hat mit ihnen gelebt, hat mit ihnen gearbeitet und mit ihnen gefeiert und bei Tanzveranstaltungen das Bein geschwungen. Er hat ihre Kinder heranwachsen sehen. Und er hat viele von ihnen sterben sehen.

Deshalb ist er nun wohl allein.

Er konnte damals nicht verhindern, dass Menschen in dieser Town kaltblütig ermordet wurden. Das trägt man ihm wohl immer noch nach. Deshalb hat man ihm die Hilfe versagt, die er so dringend nötig gehabt hätte.

„Ach, zum Teufel, bringen wir es hinter uns!“, spricht sich Callan Mut zu, lockert den 45er im Holster und schreitet, begleitet vom metallischen Klingeln der Radsporen an seinen Stiefeln, die Main Street hinunter.

Dort, am Ende der Häuserreihen, liegt der Boot Hill.

Der Stiefelhügel, wo sich sein Schicksal erfüllen soll...

 

ZWEITES KAPITEL

 

Eine nette Begrüßung“

 

 

 

Erinnerung.

Eigentlich hat es viel früher begonnen. Damals hat Callan das Girl vom Boot Hill noch nicht gekannt. Damals, an jenem Tag, als er in Balefire eintraf.

Welcome to Balefire, hat man mit grellgelber Farbe auf das verwitterte Schild am Ortseingang gepinselt. Die Town ist nach einem Freudenfeuer benannt, das Siedler vor vielen Jahren entfachten, als sie am Ziel ihres langen Trecks nach Westen angekommen waren.

Nun sind viele Jahre seitdem vergangen und die Town unterscheidet sich kaum von unzähligen ähnlichen Ansiedlungen im Westen. Eine Main Steet gibt es, die sich, durch zwei leichte Krümmungen wie eine sanfte Schlangenlinie wirkend, zwischen zwei ausgedehnten Reihen von verwitterten Gebäuden, die meisten davon einfache Holzbauten mit falschen Fassaden, entlangzieht. Einzig der Saloon, ein kleines Hotel, ein Café-Restaurant, der Mietstall mit dem angrenzenden gewaltigen Scheunentor, und der General Store mit der langen Laderampe bilden die Ausnahme von der eintönigen Bauweise der übrigen Häuser. Und dann ist da noch Nicky’s Badehaus, ein beeindruckendes Etablissement für die Freuden der Nacht, das schon von außen alle anderen Gebäude in den Schatten stellt. Die Besitzerin legt Wert darauf, dass ihr Lusttempel farbenfroh, prachtvoll und einladend wirkt und dem Betrachter schon von außen das verspricht, was man innen hält.

„Eine ruhige, friedliche Stadt“, sagt Zachary Church, der in Balefire nicht nur als Stallknecht und Schmied fungierte, sondern auch das Amt des Bürgermeisters bekleidet, zur Begrüßung, als ein fremder reiter seinen Braunen im Mietstall unterstellen will. „Es wird Ihnen bei uns gefallen, Mister...“

„Callan.“

„Callan?“ Der Oldtimer kneift die Augen zusammen und verzieht das runzlige Gesicht, als denke er angestrengt nach, ob der Name ihn an jemanden erinnere. Dann schüttelt er den Kopf. „Yeah. Netter Name. Hat ‘nen guten, ehrlichen Klang, by Golly. Sie stammen irgendwo aus dem Norden, nicht?“

„Wisconsin.“

„Dachte ich es mir doch. Und was treibt einen Burschen mit solch nettem Namen aus einer solch schönen Gegend ins unwirtliche Arkansas? Sie sind doch hoffentlich kein Langreiter und auf dem Weg zum Hole-in-the-Wall, dem Loch in der Wand, diesem berüchtigten Banditenschlupfwinkel, junger Freund? Für solches Gesindel haben wir hier in Balefire nämlich keine Gastfreundschaft übrig.“

„Keine Sorge“, beruhigt Callan den alten Mann, „ich habe nichts Übles im Sinn.“ Er gibt seinem Braunen einen Klaps auf die Kruppe, nachdem er ihn abgesattelt hat. „Versorgen sie ihn gut, Oldtimer. Er hat es sich verdient.“

Callan schiebt den Revolver an seiner Hüfte zurecht und geht zur Stalltür.

„Junger Freund!“, ruft Zach Church ihm nach, „falls Sie die Absicht haben sollten, dieses Schießeisen zu benutzen, rate ich Ihnen dringend davon ab. Balefire ist eine friedliche Stadt, und ich will, dass es auch so bleibt.“

„Yeah…wer will das nicht?“, gibt Callan über die Schulter zurück und stiefelt über die Straße.

Auf dem Vorbau vor dem Eingang des farbenprächtig gestrichenen Gebäudes, das ein Schild in verschnörkelter Schrift und dem Bild einer nahezu unbekleideten junge Frau als Nicky’s Bath House ausweist, stehen ein paar grell geschminkte, aufgetakelte Girls und begrüßen Callan mit verführerischem Lächeln und gekonntem Hüftschwung, der ihre ausgeprägten weiblichen Formen zur Geltung bringt. Nach kurzem Zögern gibt Callan den Verlockungen nach und schiebt sich an den aufgehübschten Grazien vorbei über die Schwelle ins Innere des Etablissements. Die Luft ist mit den Duftnoten verschiedener Parfums und dem Lavendelaroma von Badeessenzen durchsetzt und zum Schneiden dick.

Freudestrahlend schweben ihm Nicky Leblancs hundertachtzig Pfund entgegen, sofern man das als Schweben bezeichnen kann. Die Treppenstufen ächzen unter Nickys Schritten, und die anwesenden Gäste machen ihr eilig Platz, um nicht Nickys Ellbogen zwischen ihren Rippen spüren zu müssen. „Ah, un Visiteur!“, ruft Nicky und schlingt sogleich ihre Arme um Callans Hals. Callan muss sich bücken, denn Nicky reicht ihm nur bis zur Brust.

Als er sich wieder aufrichtet, hängt Nicky Leblanc wie ein Klette an ihm und strampelt mit den Beinen. „Oui, und welch ein Mann! Du bist groß und stark, Mon Cher! Aber...“ Nicky löst sich aus Callans Armen und bedeutet ihm, sich zu ihr niederzubeugen. „...aber du riechst nicht besonders gut, mein Lieber“, flüstert sie diskret.

„Ich war lange unterwegs“, gibt Callan entschuldigend zurück.

„Du bist müde und musst erst wieder zu Kräften kommen, bevor du La Madame und ihren Mademoiselles gewachsen bist“, sagt Nicky. „Komm mit, Nicky hat genau das Richtige für dich.“

Und Callan folgt ihr in das Allerheiligste des Freudentempels, wo ihm nicht nur die von den Badezubern aufsteigenden aromatischen Dampfschwaden, sondern auch der verführerische Anblick zahlreicher splitternackter Girls den Atem raubt. Ehe Callan es sich versieht, schiebt Nicky ihn zu einem Zuber, und eines der Mädchen zieht einen Vorhang zu, der Callan vor den Blicken der anderen Badenden schützt.

Gleich drei bezaubernde, kichernde und verführerisch schnurrende Liebesdienerinnen sind Callan dabei behilflich, seine Kleidung abzulegen. Callan kann sich nicht mehr so recht daran erinnern, wann er zuletzt die Freuden der Liebe genossen hat, doch eines ist gewiss: Nie zuvor haben ihm gleich drei unbekleidete Engel beim Baden Gesellschaft geleistet!

Im Nu verfrachten die Mädchen Callan in den mit parfümiertem, dampfendem Wasser gefüllten Badezuber. Die Hände der Girls sind überall zugleich, massieren und kneten seine vom langen Ritt malträtierten Muskeln und streichen über seine breite, kaum behaarte Brust. Das heiße Wasser tut gut, und kichernd tauchen ihn die Girls unter. Prustend kommt er hoch und grinst, als er in die glühenden, zart glänzenden Gesichter der Mädchen blickt. „Eines muss man diesem Nest lassen“, meint er und streicht sein Haar zurück, „es versteht wirklich, seine Besucher willkommen zu heißen.“

Die Girls lachen und schnattern und setzen die „Begrüßung“ fort. Callan lässt sich eine ganze Weile verwöhnen, und schließlich sinkt er stöhnend in die heißen Fluten zurück, bis das Wasser über seinem Kopf zusammenschlägt. Als er wieder auftaucht, küsst ihn eines der Mädchen lange und verheißungsvoll, ehe sie an seinem Ohrläppchen knabbert und dann flüstert: „Das war erst der Anfang, Süßer. Du wirst dich noch wundern...“

Schläfrig schließt Callan die Augen, während sich die drei Girls wie geisterhafte Nymphen in die vom heißen Wasser aufsteigenden Dunstschwaden zurückziehen. Diese Nicky hat genau gespürt, wonach ihm der Sinn steht. Er ist verdammt lange geritten und hat etwas Entspannung dringend nötig gehabt.

Und dann kommt der Gedanke wie von selbst. „Eigentlich könnte ich hier sesshaft werden. Ich habe mich lange genug im Westen herumgetrieben, und eine Frau, die mich heiraten würde, ist nicht in Sicht. Aber so etwas wie dieses Badehaus und Nickys Mam‘selles findet man selten. Das wäre bestimmt nicht der übelste Platz für einen Mann, der eine neue Heimat suchst...“, murmelt er.

„Oui, mon ami, wie Recht du doch hast“, antwortet Nicky neben ihm.

Callan öffnet die Augen, blinzelt und ist mit einem Male hellwach, als Nicky Leblanc ihren üppigen Wonnekörper in den Zuber hievt. Wunderbarerweise sind Nickys überschüssige Pfunde gerecht verteilt, denn keine Fettringe ziehen sich über ihren Leib. „Ah, Cherie?“, gurrt Nicky, „vielleicht solltest du wirklich in dieser Stadt ein Zuhause finden. Nicky kann dafür sorgen, dass es dir an nichts fehlen wird. Und wenn du ganz lieb zu Nicky bist, wird sie dir auch ein Geheimnis verraten…oui?“

„Deine Girls haben vorhin ganze Arbeit geleistet, Madame“, wehrt Callan ab. „Ich spüre jeden einzelnen Muskel im Leib…“

„Jeden Muskel?“ Nicky lässt ihre kundigen Hände über Callans Brust und Bauch wandern. „Ah, mon cher, du wirst doch nicht schon nach einer kleinen Massage schlapp machen, non? Ein starker Hengst wie du wärmt sich doch nur auf, um dann um so schneller zu laufen, oui?“

„Erwartest du nicht etwas zu viel von deinen Kunden, Madame?“

„Nur von meinen Freunden.“ Nicky beugt sich über ihn, und nie hat ihn eine Frau sinnlicher geküsst.

„Das geht bei dir aber rasch mit dem Freundschaft schließen, Madame“, sagt Callan und hielt Nicky sanft auf, als sie ihre Lippen über seine Brust abwärts gleiten lassen will.

„Oui, mon cher“, gibt Nicky zu. „Ich habe ein gutes Gespür für Menschen, denen ich bedingungslos vertrauen kann… und ich habe mich bisher nur selten getäuscht. Bei dir, mon ami, bin ich allerdings ganz sicher.“

Diesen Worten und dem Anblick, den Nickys wie Perlmutt glänzendes, unglaublich offenes Gesicht und die zu einem betörend sinnlichen Lächeln verzogenen Lippen bieten, hat Callan nichts entgegenzusetzen.

„Du bist großartig, mon ami“, keucht La Madame, als Callan sie wenig später in seine starken Arme schließt und tiefer mit ihr in die Brühe sinkt, bis nur noch ihre Köpfe aus dem Wasser ragen. „Als ich dich sah, wusste ich gleich, dass du mich nicht enttäuschen wirst.“

„Wolltest du mir nicht ein Geheimnis verraten?“

„Ah, oui, oui!“, ruft Nicky und knabbert an seinem Ohr. „Nicky kann dafür sorgen, dass du sie oft besuchen kommst, mein Liebling, und dass du dich hier in der Stadt sehr wohlfühlen wirst….“

„Da bin ich aber mal gespannt.“

„Nicht weit von der Stadt entfernt gibt es eine Farm. Sie gehört Doyle Hansen. Er ist ein sehr schwieriger Mann, mon ami, aber er hat eine kleine Hütte, die er nicht braucht. Dort kannst du wohnen. Bestimmt verkauft dir Monsieur Doyle auch ein Stück Land. Du hast doch Geld, oui?“

„Ein wenig.“

„Nun, dann musst du nur noch Monsieur Doyle überzeugen, und alles ist gut.“ Nicky küsst ihn und steigt aus dem Zuber. „Nachdem du Nickys Mademoiselles bezahlt hast, naturellement.“

Callan beendet in Ruhe sein Bad und erkundigt sich dann im Mietstall nach Doyle Hansen. Er hat schon oft daran gedacht, sich irgendwo niederzulassen, doch so konkret wie an diesem Tag ist der Gedanke nie gewesen.

Und nun hat Callan beschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen.

„Hansen ist drüben im General Store, bei Whitfield. Sie sollten sich beeilen. Er bleibt nie lange, und er ist schon eine ganze Weile dort“, sagte Zach Church.

Als Callan den Laden betritt, ist er voller Zuversicht, dass Doyle Hansen ihm die Hütte und ein Stück Land überlassen wird.

„Den Teufel werde ich tun!“, dröhnt kurz darauf Hansens Bass durch den Store und macht Callans Hoffnungen auf einen Schlag zunichte. „Ich werde mein Land nicht verkaufen, und schon gar nicht an einen dahergelaufenen Rumtreiber und Tagelöhner. Gehen Sie mir aus dem Weg, bevor ich unfreundlich werde!“

„Ich hab da auch ein Stück Weideland nördlich von hier, Mister“, sagt da Whitfield, der Ladenbesitzer. „Wenn Sie wirklich die Absicht haben, hierzubleiben, können Sie es gerne...“

„Untersteh dich! Du wirst ihm deine Weide nicht geben, Ben!“, schreit Doyle Hansen wütend, und die Zornesröte steigt ihm ins Gesicht. „Sonst kaufe ich verdammt noch mal nichts mehr bei dir. Mir wolltest du die Hügelweide nicht abtreten, aber einem wildfremden Satteltramp drängst du sie förmlich auf. Verdammt, du ziehst mir einen Fremden vor? Mir?“

„Dieser Junge macht mir einen vernünftigen Eindruck, Doyle. Wir brauchen Männer in dieser Stadt, die zupacken und alles aus diesem Land herausholen können. Keine Eigenbrötler, wie du es bist. Du bearbeitest deine Äcker und Weiden doch nur, wenn du Lust dazu hast. Und das kommt selten genug vor!“

Callan hört die Erwiderung des Farmers nicht mehr. Er geht den Bohlensteig entlang und begibt sich in den Blazing Balefire - Saloon. Das flackernde Freudenfeuer wartete mit reizenden Girls, einer aparten Sängerin, einem talentierten Klavierspieler und kühlem Bier auf.

Und ein Glas mit erfrischendem Gerstensaft kommt Callan jetzt gerade recht, um seine Enttäuschung hinunterzuspülen.

Callan leert ein Henkelglas auf einen Zug und hebt gerade das zweite Glas an die Lippen, als ein irgendwo Schuss kracht!

Aber in diesem Augenblick ahnt Roy Callan noch nicht, dass dieser Schuss seinem Leben eine neue Wende geben wird...

 

 

 

DRITTES KAPITEL

 

Ein neuer Job“

 

 

Das war drüben bei Whitfield!“, empfängt ihn Zach Churchs Stimme, als Callan wenig später durch die Pendeltüren auf den Gehsteig tritt. Der alte Mann eilt wieselflink an ihm vorbei und schlingt beim Laufen einen Revolvergurt um die knochigen Hüften.

Als Church die breite Laderampe vor dem General Store erreicht, scheint er mitten in der Bewegung zu erstarren und bleibt erschrocken stehen. Es hat den Anschein, als wolle er den Revolver ziehen, doch dann überlegt er es sich anders. Langsam weicht er zurück und will die Stufen der Rampe hinabsteigen, prallt jedoch gegen Callan, der hinter ihm herangekommen ist.

„Was haben Sie denn, Oldtimer?“, will Callan wissen.

„Dieser Gaul da drüben gehört Rad Milford“, krächzt der alte Mann. „Der Kerl hat den Teufel im Leib. Der schießt mich in Stücke, bevor ich ihm auch nur einen schönen Tag oder die Pocken an den Hals wünschen kann!“

„Angst?“

„Davon kann keine Rede sein. Ich habe gegen Quantrills Redlegs, diese Schlächterbande, und gegen Bloody Bill Andersons blutrünstige Bestienhorde gekämpft, habe mich mit den grausamsten Rothäuten herumgeschlagen, von Blackfeet bis zu den Yaquis, Mister. Ich bin wahrlich zu alt, um mich vor irgendetwas oder irgendjemandem zu fürchten, und sei es der Teufel höchstpersönlich. Aber ich bin auch nicht lebensmüde, Mister. Ich will noch eine Weile Bürgermeister in Balefire bleiben.“

„Wenn Sie Milford nicht Einhalt gebieten, ist es mit Ruhe und Frieden in Ihrer beschaulichen Stadt bald vorbei, Oldtimer.“

„Ach, was wissen Sie denn schon? Sie kommen dahergeritten und führen sich auf wie ein neunmalkluger Grünschnabel, dabei bin ich es doch, der Ihnen ein paar Jahrzehnte Erfahrung voraus hat…“ Der Alte hat ein Auge zugekniffen, was seinem runzeligen Gesicht einen grotesken Ausdruck verleiht, und stiert mit dem anderen Auge herausfordernd zu Callan empor.

„Ich habe genug Towns gesehen, in denen es auch so angefangen hat. Als ich später wieder vorbeikam, waren es Geisterstädte. Milford wird nicht aufhören, bis Ihr hübsches Freudenfeuer erloschen ist“, sagt Callan ernst.

„Yeah…mag ja sein, dass Sie tatsächlich erlebt haben, was Sie mir da gerade erzählen. Und yeah, es mag auch sein, dass Milford ein ganz linkes Spiel mit dieser Stadt vorhat und nicht nur der gelegentliche Unruhestifter ist, der hin und wieder ein paar unschuldige Leute über den Haufen knallt, wenn sie ihm nicht gefallen. Aber um das herauszufinden, müsste ich ihn fragen. Und wenn ich da rein gehe und ihn anspreche, knallt er mich eiskalt ab, ehe ich meine Frage losgeworden bin. Das ist dann seine Antwort, und die Menschen in dieser Stadt haben dann niemanden mehr, der sie führt, Mister!“ Der Oldtimer reißt sich den Hut vom Kopf, fährt mit seinen gichtkrummen Fingern durch das wirre Haar und kratzt sich eifrig die Kopfhaut. „Heiliger Hyronimus, das ist aber auch ein vertracktes Dilemma…!“

Und da schiebt sich Callan an dem alten Mann vorbei, steigt langsam die Stufen zum Ladedeck empor und betritt den General Store.

Außer Whitfield und Hansen halten sich drei weitere Männer in dem Verkaufsraum auf. Einer von ihnen hält einen Colt tief an der Hüfte im Anschlag. Rauch kräuselt aus der Mündung des Sechsschüssers, der auf Doyle Hansen gerichtet ist.

Neben Hansen steht eine junge Frau, die Callan vorher nicht bemerkt hat. Sie muss wohl aus dem angrenzenden Lagerraum getreten sein.

„Du wirst hübsch ruhig bleiben, Mister, während meine Brüder sich an einem kleinen Sonderangebot erfreuen“, zischt der Mann mit dem Colt, in dem Callan den berüchtigten Rad Milford vermutet. „Corey, schau der Miss mal unter den Rock und heize sie ein wenig an. Wenn sie heiß genug ist, lass Kid ran. Es wird Zeit, dass wir aus dem Kleinen einen Mann machen.“

Der grobschlächtige, bullige, in schmutzige, halb zerrissene Lumpen gehüllte Corey stapft auf die junge Frau zu, packt sie mühelos und wirft sie grob auf die Ladentheke. Mit der Linken drückt er sie auf den Verkaufstisch, während er seine prankenartige Rechte unter ihr Kleid schiebt.

Die Frau wehrt sich verzweifelt. Keuchend bäumt sie sich auf, strampelt mit den Beinen, bockt und beißt. Schließlich bekommt sie eine Hand frei und zieht ihre Fingernägel durch das Gesicht ihres Bedrängers.

Vier tiefe, blutrot anschwellende Striemen zeichnen Coreys breite Visage.

Corey wirft den Kopf in den Nacken und stößt ein röhrendes Gelächter aus. Er zeigt sich wenig beeindruckt von den Schmerzen, die ihm die Striemen in seinem Gesicht bereiten müssen. Kurzerhand legt er die Linke auf das Gesicht der jungen Frau, zerrt ihren Kopf hoch und stößt ihn dann wuchtig auf den Tresen nieder!

Benommen lässt sein Opfer von ihm ab. Der Arm fällt kraftlos herab, und wimmernd drehte die junge Frau den Kopf zur Seite, während Corey ihre Röcke über die Schenkel nach oben schiebt und Kid Milford, sein schmalbrüstiger, pickelgesichtiger Bruder, an seinem Hosengurt nestelt.

Der Junge ist augenscheinlich noch keine achtzehn Jahre alt und im Begriff, den größten Fehler seines noch jungen Lebens zu begehen.

Da warnt Callan von der Tür her: „Wenn das Milchgesicht die Hosen runterlässt, ziehe ich ihm die Ohren lang, Mister!“

Rad Milford erstarrt. Mittelgroß und drahtig gebaut, wirkt er doch viel kleiner als viele andere Männer, denen er im Westen begegnet ist. Auf einmal bewegen sich nur noch seine hart und gemein blickenden Augen unter den buschigen Brauen. Sein kleiner Bruder Kid blickt nervös zwischen der jungen Frau und seinen Brüdern hin und her.

So verrinnen die Sekunden, die in der angespannten Atmosphäre im Verkaufsraum des General Store wie eine kleine Ewigkeit wirken, und in der atemlosen Stille glaubt man lediglich, den eigenen Herzschlag ohrenbetäubend laut zu hören.

Und dann greift Corey Milford zum Revolver!

Das ist das Startzeichen.

Callan soll sich auf Corey konzentrieren und Rad die Chance verschaffen, die er braucht!

Rad Milford kreiselt geduckt herum, reißt den Hammer seines Sechsschüssers zurück und...

Callan zieht nicht!

Er ist kein Revolvermann. Er weiß zwar mit einem Colt umzugehen, doch er ist nicht annähernd so gut wie die Männer vom schnellen Eisen.

Stattdessen hat er einen Axtstiel aus einem Regal neben der Tür gezogen und schmettert ihn nun wuchtig gegen Rad Milfords Brust. Der Hieb kommt so rasch und so hart, dass Milford davon völlig überrascht wird.

Callan nutzt seinen Vorteil, schlägt den Revolver aus Milfords Hand und nutzt den Schwung des Hiebes, um den Axtschaft auf Corey zu schleudern, der sein Schießeisen hochgebracht hat. Das Wurfgeschoss trifft Corey an der Stirn, und es dröhnt hohl, als das Holz gegen den Schädelknochen prallt. Statt eines Schmerzensschreis stößt der bullige Corey lediglich ein Grunzen aus, presst die prankenartigen Hände auf die Stirn und taumelt gegen den Ladentisch.

Callan hat sich inzwischen auf Rad Milford gestürzt und treibt den von dieser Gegenwehr überrumpelten Unruhestifter mit harten Faustschlägen quer durch den Raum. Bald blutet der drahtige Halunke aus zahlreichen Wunden, die sein Gesicht zeichnen. Milford mag zwar schnell mit dem Eisen sein, doch im Faustkampf unterliegt er.

Callans Schläge kommen kurz, hart und trocken und treiben den rauen Burschen zur Ladentür.

Verzweifelt versucht Milford, der heransausenden rechten Faust seines Gegners auszuweichen, doch das hat Callan vorausgesehen. Der Schwinger trifft das Gesicht des Gegners nicht. Dafür schmettert Callan seine Linke direkt auf die Nase des drahtigen Rüpels. Hinter dem Schlag steckt so viel Kraft, dass Callan das Brechen des Nasenbeins unter seinen Fingern spürt. Blutiger Schleim spritzt aus den Nasenlöchern des Schurken und verteilt sich in Schlieren auf den Wangen.

Unwillig schüttelt Milford den Kopf und hebt zur Abwehr beide Fäuste. Dafür kassiert er einen derben Leberhaken, der ihm den Atem raubt. Nie gekannte Schmerzen rasen durch seinen Leib, schießen in seinen Brustkorb und greifen nach seinem Herzen und seinen Lungen, umschließen sie wie eine Feuersbrunst, aus der es kein Entrinnen zu geben schien.

Winselnd krümmt sich Milford zusammen und ringt nach Luft.

Als Callan seinen vor Schmerz stöhnenden Gegner aus dem Verkaufsraum auf die Laderampe treiben will, springt Kid ihm auf den Rücken. „Ich hab ihn!“, schreit der schmalbrüstige Junge und verkrallt seine Finger in Callans Haar.

Callan greift nach hinten, stößt seine Finger in Kids Gesicht und schließt aus dem schmerzvollen Geheul des Jungen, dass er wohl seine Augen getroffen haben muss. Er bekommt den schmächtigen Burschen am Hemdkragen zu fassen. Blitzschnell beugt er sich vor und hebelt Kid über seinen Kopf hinweg.

Diesem Schwung und dem Schmerz in seinen tränenden Augen hat der Junge nichts entgegenzusetzen. Seine Finger lösen sich aus Callans Haar. Schreiend segelt er durch die Luft und landet hinter dem Ladentisch. Dort sinkt er in einem Regen aus Dosen, Gläsern, Flaschen und prall gefüllten Gewürztüten stöhnend auf die Knie, schüttelt sich benommen, stemmt sich hoch und hechtet mit einem gellenden Wutschrei über den Tresen hinweg auf Callan.

Im gleichen Moment brüllt am anderen Ende des Verkaufstisches ein Revolver auf!

Callan sieht den verdutzten Ausdruck auf Kids Gesicht, als der Hals des Jungen in einer blutigen Fontäne explodiert. Blut sprudelt aus den hässlichen Wunden, die Corey Milfords Kugel gerissen hat.

Callan schleudert den sterbenden Jungen zur Seite und wirft sich nach vorn. Ehe Corey erneut abdrücken kann, ist Callan mit einem gewaltigen Satz bei ihm und schlägt ihm die rauchende Waffe aus der Hand.

Callans Finger krallen sich in Coreys Hemdkragen. Er wirbelt den bulligen Schläger herum und schleudert ihn gegen Rad Milford, der wutentbrannt herangestürmt kommt.

Beide Männer prallen hart zusammen und gehen zu Boden. Als sie benommen aufblicken, schauen sie direkt in Kids bleiches Gesicht.

Der Junge kniet röchelnd vor ihnen. Seine Augen quellen aus den Höhlen. Er hält die grässliche Halswunde mit beiden Händen umklammert und bemüht sich vergeblich, den Blutstrom aufzuhalten. Grellrot sucht sich der Lebenssaft den Weg zwischen seinen Fingern und tropft auf den Fußboden. Mit jedem qualvollen Atemzug trieft Blut aus seinem Mund und zerplatzt in kleinen Bläschen auf den Lippen.

„Gosh…das habe ich nicht…gewollt! Ach du lieber Gott…“, flüstert Corey. „Kid, Junge...“

„Der liebe Gott kann ihm nicht mehr helfen“, sagt Callan trocken.

„So tun Sie doch was! Sie können Kid doch nicht einfach verbluten lassen, Mister!“

Callan schüttelt bedauernd den Kopf. „Kein Arzt der Welt könnte ihm mehr helfen. Schafft ihn raus und bleibt bei ihm, bis es vorbei ist. Mehr könnt ihr nicht für ihn tun.“

„Das ist verdammt grausam, Mister. Sie haben kein Herz im Leib!“

„Ich habe ihn nicht erschossen“, erinnert Callan sachlich.

„Sie hätten sich nicht einmischen sollen.“

„Ich sehe es nun mal nicht gerne, wenn einer Frau Gewalt angetan wird, Mister.“

„Mein kleiner Bruder stirbt wegen diesem Luder!“, kreischt Rad Milford weinerlich. „Dabei hat er noch nie ein Weibsbild flachgelegt!“

„Sie ist eine Lady, und an einer Lady vergreift man sich nicht, Mister. Ein teurer Preis, den ihr für diese Lektion bezahlt. Bei Nicky hättet ihr das auf jeden Fall viel billiger haben können.“

Callan wartet gemeinsam mit dem alten Zach Church, bis die beiden Halunken ihren sterbenden Bruder zu den Pferden geschleift haben. Dort bäumt sich Kid ein letztes Mal auf. Noch ehe sie ihn in den Sattel hieven können, haucht er sein junges Leben in den Armen seiner Brüder aus.

Lange starren die beiden Raureiter auf Kid Milfords Leichnam, als seien sie unschlüssig, was sie nun mit ihm anstellen sollen. Dann lassen sie ihn am Fuß des Verladedecks in den Staub der Straße sinken und gehen zu ihren Pferden. Sie machen sich nicht die Mühe, für Kids Begräbnis zu sorgen oder ihn mitzunehmen. Wortlos schwingen sie sich in die Sättel und reiten davon.

„Mein Onkel hat es vorhin nicht so gemeint“, sagt jemand hinter Callan, als er seinen flachkronigen Hut auf den Kopf drückt und sich abwendet, um zum Saloon zurückzukehren. Er blickt über die Schulter zurück und sieht die junge, Frau aus dem Laden, die das zerrissene Kleid über der Brust zusammenhält. „Falls Sie die Hütte und das Stück Land noch haben möchten, würden wir Ihnen beides gerne abtreten, Mister...“

„Mein Name ist Roy Callan, Ma‘am. Ich bedaure, aber ich habe mich bereits für Mister Whitfields Angebot entschieden.“

Callan lässt die verblüffte junge Frau stehen und kehrt zu seinem Bier zurück.

Wenig später geschieht etwas, das man in Balefire noch nie erlebt hat.

Durch die Schwingtüren des Saloons tritt eine Frau!

Aber es ist nicht etwa ein Saloongirl, sondern eine Lady, die in diesem Etablissement sicherlich fehl am Platze ist. Die hitzige Diskussion der Gäste verstummt schlagartig, und alle Augen richten sich auf die zierliche, anmutige Gestalt.

Die Frau nickt dem Keeper stumm zu, der ein Henkelglas mit Bier füllt und es über den Tresen schlittern lässt. Sie fängt es geschickt auf und prostet Callan zu. „Ich bin Caroline Hansen. Lassen Sie uns auf gute Nachbarschaft anstoßen...Roy“, sagt sie und schaut ihm dabei fest in die Augen.

Als Callan sich nicht lange danach auf den Weg zu seiner neuen Heimat machen will, kommt ihm Zachary Church entgegen. Der Oldtimer hat sich in Schale geworfen und trägt einen dunklen Anzug, eine mit silbernen Ornamenten und Samtaufschlägen verzierte Weste und einen staubigen Bowler. „Ein feiner Zug von Ihnen, dass Sie sich zu Kids Beerdigung herausgeputzt haben, Mister Mayor“, sagt Callan.

„Das kommt später.“ Church macht eine wegwerfende Handbewegung, als kümmere ihn die Beerdigung des jungen Unruhestifters überhaupt nicht. Er richtet sich zu voller Größe auf und wirft sich in die Brust, um seine Autorität als Oberhaupt dieser Town zu unterstreichen. „Zunächst muss ich eine Amtshandlung vornehmen. Als Bürgermeister von Balefire darf ich Sie ganz offiziell als neues Mitglied unserer Gemeinde herzlich willkommen heißen, Mister Callan.“

„Danke, aber das habe ich bereits hinter mir. La Madame war so freundlich...“

Church reißt sich den Bowler vom Kopf und schlägt ihn wütend gegen seinen Schenkel, dass es staubt. „Diese verfluchte Madam hat schon wieder in meine Amtsgeschäfte eingegriffen!“, schimpft er. „Ich fürchte, es wird Zeit, dass ich mal ein ernstes Wort mit Miss Leblanc rede.“

„Und ich glaube, sie wartet nur darauf“, murmelt Callan.

„Wie? Äh…Nun ja, es gibt eben Pflichten, um die ein Bürgermeister nicht umhin kommt.“

„Sie sind wirklich zu bedauern, Mister Mayor.“

Church räuspert sich. „Äh…yeah, richtig. Und einer dieser Pflichten entledige ich mich hiermit“, sagt Church. „Kraft meines Amtes ernenne ich Sie, Roy Callan, hiermit zum neuen Marshal von Balefire.“ Mit diesen Worten heftet der Bürgermeister das Abzeichen an Callans Brust. Stirnrunzelnd betrachtet er es, dann hebt er sich auf die Zehenspitzen, haucht den Blechstern an und poliert ihn mit dem Jackenärmel nach. Schließlich nickt er und entspannt sich aufatmend.

„Nicht so hastig, Oldtimer. Ich bin nicht scharf auf den Posten“, widerspricht Callan und schickt sich an, den Stern wieder von seiner Hemdbrust zu nehmen.

Der Bürgermeister fällt ihm in den Arm. Ein verschlagener Ausdruck liegt auf seinen runzligen Zügen. „Kein Marshal - kein Land“, sagt er leise.

„Das ist Erpressung!“

„Aber nicht doch. Wie könnte ich als Amtsperson zu solchen Mitteln greifen? Sie haben doch vorhin bewiesen, dass Sie genau der Mann sind, den wir hier brauchen. Was also liegt da näher, als Sie mit diesem verantwortungsvollen Amt zu betrauen? Warum noch lange suchen, wenn das Schicksal uns das Gute… den Guten… direkt vor die Haustür geführt hat, hm?“

„Sie benötigen die Zustimmung des Gemeinderates.“

„Erteilt.“ Der Bürgermeister leckt über seine Finger, glättet ein paar widerspenstige Haarsträhnen und pflanzt die Melone wieder auf sein Haupt. „Ich bin der Gemeinderat.“ Church drückt sich an Callan vorbei, klopft ihm dabei kurz aufmunternd auf die Schulter und überquert die Straße. „Und der Gemeinderat zieht sich nun zu einem wichtigen Lokaltermin bei Madame Leblanc zurück. Viel Erfolg, Cal… äh… Marshal.“

Und der Drifter Roy Callan bleibt tatsächlich in Balefire.

Er repariert die alte Hütte auf seinem neu erworbenen Land, baut sich eine Blockhütte dazu, betreibt eine kleine Rinderzucht, arbeitet in der örtlichen Schmiede und trägt nur noch selten den Revolver oder das Marshal-Abzeichen.

Roy Callan hat eine Heimat gefunden und erobert schließlich auch noch das Herz einer jungen, blonden und ausgesprochen schönen Frau, die er zum ersten Mal in Whitfields Laden gesehen hat.

Callan ist zufrieden mit seinem neuen Leben, und er ist seinem Schicksal dankbar, das ihn in diese Gegend geführt hat.

Doch das ändert sich an jenem Augustmorgen, als Drake Willis nach Balefire kommt.

 

 

 

VIERTES KAPITEL

 

Ein verhängnisvoller Sommermorgen“

 

 

Nur das Dröhnen des schweren Schmiedehammers, der kraftvoll auf das glühende Eisen niedersaust, stört die morgendliche Ruhe in Balefire. Auf den Gehsteigen halten sich nur wenige Menschen auf. Ein paar Frauen plaudern miteinander. Kinder spielen am Straßenrand mit hölzernen Reifen, die sie um die schmalen Hüften kreisen oder über die Straße rollen lassen. Vor Whitfield’s General Store steigt Caroline Hansen von einem Farmwagen, und ihr Onkel hält mit dem Ladenbesitzer einen Plausch.

„Das gefällt mir nicht“, krächzt Zachary Churchs Stimme und ist über das Klirren des Eisens unter dem Schmiedehammer kaum zu verstehen. „Das gefällt mir ganz und gar nicht.“ Der Oldtimer kneift die Augen zusammen, als rings um ihn her Funken sprühen.

Roy Callans Gesicht glänzt im Schein des Schmiedefeuers. Der Schweiß rinnt in Strömen über seine Stirn und die Haut des entblößten Oberkörpers.

„Drüben vor der Bank stehen ein paar Gäule“, erklärt der Oldtimer, ohne Callans Frage abzuwarten. „Ich mag schon ein alter Knacker sein und bilde mir wohl auch viel ein, aber mein Gefühl sagt mir, dass diese Gäule nicht zufällig dort stehen.“

„Na und? Du glaubst doch nicht, dass ein Bandit es sich in den Kopf gesetzt haben könnte, in der kleinen, unbedeutenden Bank von Balefire sei etwas zu holen?“ Callan hob den schweren Hammer zu einem weiteren Schlag.

„Schon gut, schon gut. Ich geh ja schon. Ich dachte nur, dass es nicht schaden könnte, wenn der Marshal mal einen Blick auf die Besitzer dieser Pferde werfen würde.“

„Du machst dir zu viele Sorgen, Bügermeister.“

Church bleibt am Eingang der Schmiede stehen. „Ist es normal für Kunden einer Bank, dass sie ihre Pferde beaufsichtigen lassen? Da lungert ein Bursche bei den Gäulen rum.“

Callan seufzt und wirft den Hammer auf eine Werkbank. „Na schön, du gibst ja doch keine Ruhe.“ Er streift ein Flanellhemd über, zieht die breiten Hosenträger über die Schultern und steckt den Blechstern an. Als er vor die Schmiede tritt, hält er den Revolvergurt in der schwieligen Hand. Zach Church trippelt auf seinen krummen Beinen vor ihm her und scheint es eilig zu haben, den Burschen bei den Pferden unter die Lupe zu nehmen.

Zwei Herzschläge später, als der Bürgermeister und der Ordnungshüter sich eben anschicken, die Straße zu überqueren, öffnet sich die Tür des kleinen Bankgebäudes und fünf Männer treten auf den Bohlensteig. Die Satteltaschen über ihren Schultern wölben sich, als seien sie prall gefüllt.

„Einen Augenblick, Gentlemen!“, ruft Zach Church, bevor ihn Callan daran hindern kann, und wedelt mit seinen kurzen Armen herum. „Sie wollen doch unsere hübsche Town nicht schon wieder verlassen, nachdem Sie gerade erst angekommen...Aaaahhh!“

Von einem Augenblick zum nächsten ist alles anders geworden!

Der Vorderste der Männer hält auf einmal einen Colt in der Hand und feuert auf Zach Church, unterbricht mit dem dröhnenden Schuss den Wortschwall des alten Mannes. Der schmächtige Körper des Oldtimers wird von dem Projektil durchgeschüttelt und gegen die Außenwand der Schmiede geschleudert. Als er langsam zu Boden rutscht, hinterlässt das Blut aus der Ausschusswunde am Rücken eine hässliche rote Spur an der Hauswand.

„Die Willis-Hackett-Bande!“, brüllt der Kassierer und eilt hinter den Banditen auf die Straße. Er fuchtelt ungelenk mit einem Revolver herum und richtet die Waffe auf den Outlaw, der vor dem Gebäude auf die Pferde aufpasst. „Sie rauben die Bank aus! Aufhalten! Wir müssen sie...“

Drei, vier Kugeln schicken den Clerk in den Staub.

Callan zieht den Beal’s - Revolver aus dem Leder und feuerte im Laufen. Er trifft den Burschen, der die Pferde bewacht, ins Gesicht. Eine ausgedehnte blutrote Blume breitet sich auf der Visage des Banditen aus, während sein Hinterkopf in einer grauroten Fontäne detoniert. Die Wucht der 44er Kugel stößt den Mann über den Hitch Rack hinweg und auf den Bohlensteig.

Seine Kumpane erwidern das Feuer des Marshals. Sie haben nun den Blechstern auf seiner Brust entdeckt und sind fest entschlossen, sich den Weg aus der Town freizuschießen.

Als ihm das heiße Blei um die Ohren fliegt, wirft sich Callan lang in den Staub der Main Street und fächert die Kugeln aus dem Lauf.

Die Pferde wiehern schrill und tänzeln aufgeregt, als ein Bankräuber zwischen ihnen zusammenbricht. Drake Willis und Ash Hackett werfen sich mit einiger Mühe in die Sättel. „Macht diesen Dorfmarshal fertig!“, brüllt Drake Willis. „Schießt auf alles, was sich bewegt. Wir werden diesem gottverdammten Nest ein Freudenfeuer bescheren, das seinem Namen gerecht wird!“

Callan stopft unterdessen Patronen in die Trommel seines Revolvers. Als die Reiter wild schießend an ihm vorbei die Main Street hinaufpreschen, stemmt er sich hoch und feuert aus der Deckung einer dichten Staubwolke heraus.

Er trifft nicht oft.

Nur ein Bandit stürzt hinterrücks vom Pferd.

Callan gibt sich keinen Illusionen hin. Willis und Hackett sind keine Unbekannten für ihn. Aus den beiden ehemals kleinen Ganoven sind längst zwei der berüchtigtsten und blutrünstigsten Banditen des Westens geworden. Sie haben die schlimmsten Halsabschneider um sich geschart, die sie auftreiben konnten.

Doch niemand hätte je ernsthaft geglaubt, dass die Bande ausgerechnet nach Balefire kommen würde.

Nicht einmal Callan.

Er flucht wieder und macht sich Vorwürfe, denn das friedliche Leben in der neuen Heimat hat die Wachsamkeit, die jedem Drifter zu eigen ist, eingeschränkt.

Nun bekommt Callan die Rechnung dafür präsentiert.

Er schreit seine Wut und Ohnmacht hinaus, als er die Frauen auf dem Bohlensteig unter den Schüssen der Banditen fallen sieht. Ein kleines Mädchen will gerade den Holzreifen, der ihr davongerollt ist, zurückholen und gerät unter die Hufe der herandonnernden Pferde. Ihre Mutter eilt ihr zu Hilfe und stirbt, als Drake Willis sie niederknallt.

Bei Whitfield‘s Store reißen die Banditen dann ihre keuchenden Pferde herum und machen kehrt!

Callan wirft sich in die unzureichende Deckung eines Wassertrogs und holt mit ein paar Schüssen einen Bankräuber vom Pferd. Er schießt weiter wild in den Pulk der heranjagenden Gegner hinein, bis der Hammer seines Eisens auf eine leere Patronenhülse schlägt.

Hastig lädt er nach, krabbelt hinter dem Trog hervor und empfängt die Banditen, die erneut kehrt gemacht haben, mit einem halben Dutzend Kugeln. So rasch er kann, jagt er die Schüsse aus seiner Waffe, und er feuert blind und ohne zu zielen mitten hinein in die heranrollende Masse aus Pferdeleibern und menschlichen Körpern.

Zwei Pferde stürzen schwer. Die anderen Tiere straucheln und steilen auf. Reiter fallen zu Boden.

Willis und Hackett suchen nach Callan, um ihm den Rest zu geben, doch der große Mann ist verschwunden!

„Zeig dich, Marshal!“, brüllt Willis. „Wo immer du dich auch verkrochen hast, du wirst früher oder später aus deinem Rattenloch kommen müssen! Spätestens dann, wenn wir deine schöne Stadt abfackeln!“

Callans Antwort ist eine Kugel für den Gesetzlosen, der hinter Willis reitet. Der Outlaw sackt schwer getroffen im Sattel zusammen.

Die Banditen reiten in die Gassen und Seitenstraßen, feuern auf jedes Fenster, auf die Haustüren.

Callan hetzt den Bohlensteig entlang. Projektile stanzen Kugellöcher in die Hauswände und die Gehsteigbohlen, doch sie treffen ihn nicht.

Sein Ziel ist der General Store. Dort gibt es Waffen und Munition, und dort kann er sich verschanzen.

Doch Willis und Hackett haben seine Absicht erkannt. Die beiden Langreiter sind gerissener als ein paar ausgehungerte Coyoten.

Als der Marshal aus seiner Deckung springt und schießend zur Laderampe hastet, tritt Drake Willis unvermittelt aus dem Eingang des Ladens und zieht den Stecher seines Sechsschüssers durch!

Callan sieht die Flammenzunge aus der Mündung des Colts auf sich zustechen. Er kann dem Schuss nicht mehr ausweichen, kann auch nicht mehr stehenbleiben. Er läuft einfach weiter.

Und diese Bewegung ist es wohl auch, die ihm das Leben rettet!

Im Laufen spürt er den glühenden Luftzug, als das heiße Blei an seiner rechten Wange vorbeisaust. Einem plötzlichen Gefühl folgend, fährt er herum, fällt auf ein Knie und erwischt einen Streifschuss von Ash Hackett, der von der anderen Straßenseite auf ihn feuert. Ein beißender Schmerz zuckt durch seine Seite, und ein rasch größer werdender roter Fleck auf seinem Hemd lässt die Fleischwunde schlimmer erscheinen, als sie tatsächlich ist.

„Oh mein Gott - Roy!“, hört er Caroline Hansens Angstschrei, als er sich von der Rampe fallen lässt, darunter hindurchkriecht und hinter dem Storegebäude verschwindet.

Mühsam schleppt er sich zum Marshal’s Office. Dort lehnt er sich keuchend und schweißgebadet gegen die Tür und drückt sein Halstuch auf die Wunde an seiner Seite. Der Streifschuss schmerzt höllisch, aber das ist zu ertragen.

Der Gedanke, dass sich Caroline Hansen in den Händen der Banditen befindet, ist hingegen unerträglich.

Callan zieht eine Winchester aus dem Gewehrregal und lädt die Flinte. Dann schiebt er zwei Patronen in die Läufe einer abgesägten Schrotflinte und stopft Ersatzmunition in seine Hosentasche.

Wenig später muss Callan allerdings einsehen, dass er auf verlorenem Posten steht. Willis und Hackett halten alle Trümpfe in der Hand, und mit seinem bescheidenen Blatt muss Callan diese Partie verlieren. Hier hilft nicht mal mehr ein Bluff.

Die Outlaws haben die Main Street unter Kontrolle. Von beiden Enden der Straße jagen weitere Kumpane der skrupellosen Bandenführer heran. Offenbar haben sie vor der Stadt gewartet, ob ihr Eingreifen erforderlich sein würde.

„Wir warten auf dich, Marshal!“, ruft Drake Willis. „Du scheinst bei den Leuten hier ziemlich beliebt zu sein. Mal sehen, wie lange das anhält, wenn wir uns ein wenig Spaß mit den Ladies gönnen.“

Verdammter Bastard!, entgegnet Callan in Gedanken. Er muss Zeit gewinnen, um sich einen Plan zurechtzulegen. Er muss verhindern, dass Willis seine Drohung in die Tat umsetzt. Diese Town braucht ihn nun mehr denn je. Er muss die Einwohner von Balefire schützen.

Er muss...

Während Callan den ungeheuerlichen Druck seines Verantwortungsgefühls in seinem Inneren toben fühlt, wendet er sich vom Fenster ab und eilt zur Hintertür des Marshal-Büros.

Keine Sekunde zu spät!

Als er durch die Tür taucht, fetzt eine Geschosssalve in die Vorderfront des Office. Die Fensterscheiben zersplittern. Scherben regnen auf den Boden und den Schreibtisch nieder. Kugeln durchsieben die Wände und prallen von einem gusseisernen Kanonenofen ab, sirren als Querschläger durch den Raum.

Aber Callan bekommt das nicht mehr mit. Der Kugelhagel kann ihm nicht mehr gefährlich werden, denn er eilt längst hinter dem Haus vorbei.

„Du bist gut, Marshal!“, ruft Willis, und seine Stimme bricht sich an den Hauswänden. „Aber das nützt dir herzlich wenig. Du verschlimmerst die Lage für deine hübsche Freundin und die Bürger dieses netten Städtchens nur noch. Willst du all diese unschuldigen Menschen wirklich opfern, nur um dir und mir etwas zu beweisen? Das ist dumm, Marshal! Das ist so dumm!“

Du legst die Leute auch um, wenn ich aufgebe, erwidert Callan in Gedanken.

„Nun, Marshal, wie lange willst du dieses Spielchen noch spielen? Lass uns die Karten neu mischen, ja? Alles oder nichts.“ Willis winkt seinen Kumpanen. „Es wird Zeit für das Freudenfeuer. Fangt mit dem Badehaus an.“

„Aber die Girls, Boss…“, gibt ein Bandit zu bedenken.

„Vergiss sie. Warum willst du abgehalfterte Mähren reiten, wenn du frische, feurige Stuten einreiten kannst?“

Dies leuchtet dem Outlaw ein. Als er an der Spitze seiner Kumpane zu Nicky Leblancs Badehaus reitet, um das zweistöckige Gebäude in Brand zu stecken, nimmt Willis einen jungen Mann beiseite. „Wenn ich diesen Provinz-Marshal richtig einschätze, wird er noch eine Menge unserer Männer aus den Stiefeln holen. Du sammelst die Satteltaschen ein, Rick, und schaffst sie aus der Stadt. Ich will den Zaster in Sicherheit wissen, falls uns dieser Sternträger doch noch die Tour vermasseln sollte. Wir teilen, wenn wir dich eingeholt haben.“

Rick Burke setzt sich dienstbeflissen in Bewegung. Er ist noch sehr jung und hat sich aus Idealismus der Willis-Hackett-Bande angeschlossen. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum er auf dem Trail der Gesetzlosen reitet - er will seinem großen Bruder imponieren.

Gabby Burke soll stolz auf ihn sein!

„Rick?“, hält Willis den Jungen zurück. „Die anderen müssen nicht unbedingt etwas davon mitbekommen. Du verstehst doch?“

Als Rick Burke nickt und sich daran macht, seinen Auftrag auszuführen, preschen die Brandstifter mit lodernden Pechfackeln zum Badehaus, wo sich Nickys Mademoiselles wie verängstigte Lämmer in der Halle aneinanderdrängen.

Und dann steht der Marshal mit einem Satz vor Nickys Etablissement!

Das Letzte, was die vordersten Fackelreiter in ihrem Leben sehen, sind die grellen Flammenzungen, die aus den beiden Mündungen der Scatter-Gun lecken.

Die Streuung der Schrotspritze ist ungeheuerlich. Gehackter Rehposten bohrt sich in die Leiber von Mensch und Tier und richtet ein furchtbares Gemetzel an. Blut spritzt hoch auf. Männer brüllen und jammern. Ein Bandit starrt schockiert auf den blutigen Stumpf, der von seiner Hand übrig geblieben ist. Ein anderer greift sich an den Hals und kann nicht einmal mehr schreien, als sein Verstand registriert, dass der Kopf nur noch von ein paar Sehnen und Muskeln auf den Schultern gehalten wird.

Schießend schreitet Callan durch dieses blutige Schlachtfeld und nähert sich festen Schrittes dem General Store. Er darf den Showdown nicht länger hinauszögern. Falls es nicht anders geht, wird er sich für diese Town und ihre Bewohner opfern.

Einen anderen Weg gibt es nicht.

Er sieht einen jungen Mann, fast noch ein Kind, der ihn an Kid Milford erinnert. Schon richtet Callan die Mündung der Winchester auf Rick Burke, aber dann zögert er. Sicherlich, der Junge reitet auf dem falschen Trail, doch darf Callan deshalb dieses junge Leben auslöschen?

Ist es nicht schon genug, dass Kid Milford hat sterben müssen, ehe er Geschmack am Leben und dem, was es für einen Menschen bereithält, hat finden können?

Callan schwenkt die Repetierbüchse herum.

Und das ist eine fatale Entscheidung, wie sich gleich darauf herausstellt.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904895
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338322
Schlagworte
unzen blech

Autor

Zurück

Titel: Für ein paar Unzen Blech