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Heldenhafte Seemänner #4: Der schwarze Mörderhai

2016 130 Seiten

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 4

 

Der schwarze Mörderhai

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Winslow Homer mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

***

 

Plötzlich war er da.

Vor ihm lag die Bucht, das glatte Wasser, die grünen Hänge, der weiße Strand. Vor ihm jauchzten, planschten, schwammen Hunderte. Ein buntes Farbenspiel und ein fröhliches Durcheinander der Stimmen. Ein paar Boote segelten weiter draußen.

Am Strand selbst tummelten sich an die tausend Erholungsuchende.

So war es, als der schwarze Mörder zum ersten Mal kam. An einem Sonntagnachmittag. Bei strahlender Sonne, warmem Wasser, ein Sonntag im neuseeländischen Sommer.

Ein Sonntag, an dem ein junger Mensch nicht mehr nach Hause zurückkehren sollte. Der Mörder war gekommen.

Ein packender Roman von Glenn Stirling – die Geschichte über einen Killerhai. Das Besondere: die Handlung spielt 1926 in Neuseeland, am anderen Ende der Welt. Zu einer Zeit, als ein gewisser Film über einen weißen Hai noch in ferner Zukunft lag...

 

 

Roman

Ich bin schneller!“, schrie Thomas Voult und kraulte den beiden jungen Männern, die hinter ihm schwammen, auf und davon.

Thomas war ein neunzehnjähriger Blondschopf, kräftig, muskulös, ein Junge, auf den die Mädchen flogen.

Immer muss er besser sein als andere“, maulte Bob Flannigan, ein gleichaltriger Junge mit rotblondem Haar, das ihm zum Teil auf der Stirn klebte.

Lass ihn, die Mädchen sehen ihn hier draußen sowieso nicht“, antwortete George Mumpstick.

Er wollte noch etwas sagen, der immer fröhliche, ein wenig korpulente George. Zum Beispiel hatte er sagen wollen, dass Thomas eines Tages krank sein würde, wenn er einmal nicht Sieger sein sollte.

George, der Schwarzkopf mit der Lockenpracht, sagte all das nicht mehr, sondern starrte wie gelähmt auf eine Erscheinung, die sich pfeilschnell dem vorausschwimmenden Thomas näherte.

Schreien wollte George. Er schrie nicht. Er hatte nur in nacktem Entsetzen den Mund weit aufgerissen, aber es kam nicht ein Ton aus diesem Mund heraus.

Jetzt hatte auch Bob die riesige Dreiecksflosse gesehen. Und plötzlich schoss ein schwarzer geschmeidiger Leib aus dem Wasser. Unten war dieser Körper silberweiß. Und ganz deutlich waren zwei Reihen rasiermesserscharfer Reißzähne zu erkennen.

Ein Hai, ein riesiger Hai, dachte George entsetzt. Das ist wie ein Gespenst!

George hatte schon Haie erlebt. Menschenhaie, grauweiß, tödlichgefährlich. Aber der hier war größer. Unendlich viel größer.

Da erst sah ihn Thomas, der sich nach seinen Kameraden umgedreht hatte und nun wieder nach vorn schaute.

Jetzt fand endlich Bob die Sprache wieder und schrie mit überschnappender schriller Stimme: „Tom, vor dir! Vor dir!“

Tom, wie sie Thomas nannten, tat nichts. Ihm erging es wie George. Er war wie gelähmt, starrte diesem Ungeheuer entgegen, wollte jetzt aber umkehren und flüchten.

Er machte nicht einmal eine halbe Drehung.

Weder George noch Bob sollten in ihrem Leben das Bild vergessen, das sich ihren Augen bot. Das fürchterlichste Bild, das sie je gesehen hatten und nie mehr schlimmer sehen sollten.

Denn plötzlich schoss der spitze Kopf des gewaltigen Hais direkt auf Thomas zu, ohne dass der die geringste Chance hatte, zu entrinnen.

Ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei, das war das letzte, was die beiden Freunde von Thomas hörten. Dann sahen sie nur noch rudernde Arme, sahen Blut, sahen das scheußliche Grauen. Der Hai kannte kein Erbarmen.

Thomas’ Schrei ging in ein Gurgeln über, als er unter Wasser gerissen wurde. Das Meer schien an dieser Stelle zu kochen. Jetzt sahen es Dutzende von Menschen.

Blut färbte den Ozean.

Dann brach die Panik los.

Mit irren Schreien und entnervt von dem, was sie gesehen hatten, schwammen jene, die Zeugen des Entsetzlichen geworden waren, kraulend, um sich schlagend, zurück. Vielleicht wurden in jenen Minuten Weltrekorde im Schwimmen gebrochen. Getrieben von der Angst boten die meisten Leistungen im Schwimmen, die niemand nachrechnete.

Und es war ansteckend. Mit einem Mal wogte die ganze Flut der Badenden und Schwimmenden zum Strand. Die Kräftigsten stießen die Schwächeren beiseite.

Mütter rissen ihre Kinder an sich, eine alte Frau geriet unter Wasser und wäre ertrunken, hätten zwei Jungen sie nicht mitgerissen und an den sicheren Strand gebracht.

Aber selbst dort wichen die Menschen so weit zurück, dass die Brandung in respektvoller Entfernung blieb.

Segelboote strebten auf die Küste zu. Wenig später war der Ozean vor dem Strand völlig menschenleer. Dafür drängten sich die Menschen am Strand, besonders scharten sie sich um die beiden jungen Männer und um Dr. Voult und seine Frau, die beide noch gar nicht fassen konnten, was mit ihrem einzigen Sohn geschehen war.

Ein Beamter der Küstenwache war nun mittlerweile unterwegs und versuchte, sich eine Gasse zu denen zu bahnen, die überhaupt im einzelnen wussten, was passiert war.

Die Gerüchte wucherten. Es war von einem Wal die Rede, einem Schwertwal. Andere behaupteten, mit eigenen Augen ein regelrechtes Seeungeheuer gesehen zu haben. Und es gab genug, die alles glaubten. Die Panik hielt an, und es gab sogar Verletzte, als an die tausend Menschen den Maketu-Strand verließen und sich zwischen den Riffs auf den engen Wegen landwärts drängten. Rücksichtslos stießen und schoben die Leute.

Endlich tauchte draußen auf dem Meer ein Dampfboot des Küstenschutzes auf. Die Segelboote hingegen erinnerten an eine Hühnerschar, die flugs zum sicheren Stall strebt.

George und Bob zitterten am ganzen Leibe vor Angst. Sie, die immer wohlbehütet aufwuchsen, hatten so etwas Grauenhaftes noch nie gesehen.

Ein Hai?“, fragte der Mann vom Küstenschutz ungläubig. „Ein richtiger Hai? Mein Gott, seit Menschengedenken ist noch nie ein Hai bis in die Bucht gekommen. Es ist doch ganz flaches Wasser. Haie gehen nicht in flaches Wasser.“

Es war ein Hai, ein riesiger schwarzer Hai!“, beteuerte George.

So tun Sie doch etwas!“, herrschte Dr. Voult den bärtigen Mann vom Küstenschutz an. „Da gibt es den Küstenschutz, und nichts geschieht, wenn ein Mensch von einem Hai angegriffen wird.“

Die Eltern von George Mumpstick waren auch am Strand und nahmen ihren Sohn zwischen sich.

Mabel Voult, eine kleine, ein wenig mollige Frau, blickte aus tränenlosen Augen auf George.

Er ist wiedergekommen, Tom nicht. Tom wird nie mehr wiederkommen!, dachte sie verzweifelt.

Ihr war, als hätte sie einen Schlag auf den Kopf bekommen. Sie war wie benommen; sie konnte nicht einmal weinen. Es kam ihr wie ein Traum, ein böser Albtraum, vor, doch irgendwie hatte sie noch gar nicht voll erfasst, was es bedeutete.

Ihr Mann stritt mit dem Beamten des Küstenschutzes. Der Beamte zwang sich zur Beherrschung. Er begriff ja, dass ein Vater, dessen Kind verloren war, nicht einfach alles so hinnehmen würde.

Seht doch, das Dampfboot!“, rief jemand. „Die holen was aus dem Meer!“

Alle sahen zum Meer. Der Beamte des Küstenschutzes begriff sofort, warum sie draußen am Mast zwei rote Flaggen hochgehen ließen.

Sie haben etwas gefunden“, sagte er und deutete auf die Landungsbrücke. Das Boot hielt auch von See her darauf zu.

Indessen waren zwei Polizisten aufgetaucht. Sie hielten die Schaulustigen auf, die auf die Brücke drängen wollten.

Seid doch vernünftig, Leute, sie hält so viele Leute nicht aus! Bleibt zurück!“

Thomas’ Eltern und die beiden Jungen mit Georges Eltern wurden vom Küstenschutzbeamten auf die Anlegebrücke geführt. Vorn machte gerade das Dampfboot fest.

Auf dem Vorschiff lag etwas unter einer Plane. Zwei Männer in Marineuniform standen daneben. Ein Offizier des Bootes sprach tuschelnd mit dem Beamten des Küstenschutzes und warf dabei scheue Blicke auf die Eltern des Verunglückten.

Was ist denn? Haben Sie meinen Jungen dort unter der Plane?“, rief Dr. Voult.

Stopp! Sie sollten ihn nicht sehen!“, rief der Offizier.

Ich bin Arzt, was glauben Sie denn? Ich kann mir denken, wie er aussieht“, sagte Dr. Voult barsch und ging ungeachtet des ausgestreckten Armes des Offiziers an Bord und lief zum Vorschiff. Die beiden Männer, die neben der Persenning standen, sahen unschlüssig auf den Offizier, der schließlich die Schultern zuckte und Mrs. Voult zurief: „Madam, seien Sie wenigstens vernünftig. Der Tote ... sieht nicht gut aus, Madam!“

Dr. Voult hatte die Plane schon angehoben. Und was er sah, erschütterte auch ihn, den abgebrühten Arzt, der schon so viele Verunglückte gesehen hatte.

Das Gesicht des Arztes verfärbte sich und wirkte grün, als er die Plane sinken ließ und sich abwandte.

Aber Dr. Voult tat in diesem Augenblick einen Schwur, der auslöste, was in den folgenden Jahren vor der Küste geschehen sollte ... und nicht nur dort.

Dr. Voult schwor sich insgeheim, den Mörder seines Sohnes zu töten oder töten zu lassen, koste es, was es wolle. Nie wieder sollte diese Bestie einen Menschen töten.

Dr. Voult ahnte nicht, was aus diesem Versprechen werden würde. Später sagte er das auch zu seiner Frau, die noch immer nicht weinen konnte, die auch trotz allem den Toten hatte sehen wollen ... und gesehen hatte.

Als der Arzt seine Frau nach Hause brachte, fuhr das Küstenschutzboot wieder auf See hinaus. Der Tote - oder das, was davon übrig war - lag in der kleinen Baracke auf der Anlegebrücke, bis man ihn in einen Zinksarg betten würde. Indessen warfen sie vom Dampfboot aus kleine Wasserbomben ins Meer, um den Hai zu vertreiben, falls er noch unter der Küste schwamm.

Niemand sah den schwarzen Mörder an diesem Tag ein zweites Mal.

 

*

 

Am nächsten Tag stand es in allen Zeitungen Neuseelands. Der Telegraf tickte die Nachricht von der Nordinsel zur Südinsel, und das löste von Invercargill - der Stadt im Süden - bis Whangarei im Norden einen Koller aus, der von der Forderung zur Vernichtung aller Haie bis zum Aufbau von Stahlnetzen vor den Badegebieten reichte.

Aber das alles wurde übertroffen, als Dr. Voult bei der Beerdigung der sterblichen Überreste seines Sohnes am Grabe feierlich rief:

Wer diesen schwarzen Mörder tötet, wird von mir eine hohe Belohnung bekommen. Ich selbst werde ihn ebenfalls jagen, bis ich ihn habe!“

Fischer nahmen Gewehre mit in ihre Boote, bevor sie zum Fischfang ausliefen. Hysterische Küstenbewohner schossen von da an auf alles, was im Wasser schwamm und nur entfernt wie ein Hai aussah. Vor dem East Cape wurde ein Thunfischangler in seinem Boot angeschossen, weil ihn ein übergeschnappter ehemaliger Oberst für den schwarzen Hai hielt, sein Gewehr holte und schoss.

Vor Napier feuerten drei Kanoniere mit einer Feldkanone entgegen dem Befehl in die Hawke Bay auf etwas, das sie für den schwarzen Hai hielten. Sie versenkten eine losgerissene Heulboje.

Östlich vom Steward Island, also gut tausenddreihundert Kilometer Luftlinie von der Stelle entfernt, wo der schwarze Hai Thomas Voult getötet hatte, wurde von einem Patrouillenboot des Küstenschutzes ein Riesenhai erlegt, den man für den schwarzen Hai hielt. Aber der große Riesenhai starb unschuldig. Meeresforscher belehrten die Marine, dass Riesenhaie harmlos sind und nur Kleingetier fressen.

Als dann ein fast zwanzig Meter langer Rauhai dreihundert Seemeilen westlich von New Plymouth in der Tasmanischen See gesichtet wurde, ging die große Jagd los.

Hunderte von Leuten fuhren mit viel zu kleinen Booten los, um den schwarzen Mörder zu töten.

Dr. Voult hatte die Kopfprämie auf tausend Pfund festgesetzt. Jeder, der nur von Navigation gehört hatte und ein Schiff zu Wasser bringen konnte, machte sich auf, diese Prämie zu verdienen.

Tatsächlich wurde knapp vier Tage später der Rauhai von einem Fangdampfer der Thunfischflotte erlegt. Die erfahrenen Fischer wussten sofort, dass es ein harmloser Rauhhai war. Aber sie schlachteten die Tatsache auf ihre Weise aus und weideten sich an der Naivität der Landratten.

Als das Fangschiff, die HASTINGS, eine Woche später in Wellington einlief, hatte man den toten Rauhai achtern zur Bewunderung durch Ahnungslose bereitgelegt.

Ein Schwarm von Reportern stürzte sich aufs Schiff. Fotografen schoben eine Platte nach der anderen in ihre riesigen Fotokästen, um die Beute für die Nachwelt festzuhalten.

Erst als die Bilder in den Zeitungen der Hauptstadt erschienen, kam das spöttische Gelächter der Experten. Und Dr. Voult, der schon angereist war, um den Killerhai zu sehen, fuhr enttäuscht in seiner Tin Lizzy, einem Ford T-Modell, wieder heim nach Tauranga.

Mabel Voult wurde immer schwermütiger. Während ihr Mann sich voll einsetzte, eine regelrechte Kampagne gegen die Verantwortlichen des Küstenschutzes hervorrief und zugleich die Hysterie der Menschen an den Küsten noch mehr anheizte, saß sie irgendwo im weißen Holzhaus herum. Keine Patienten mehr, seit Dr. Voult die Praxis geschlossen hatte, um sich ganz der Rache zu widmen, kein Lachen von Thomas mehr, nur Stille.

Eine Woche nach der Geschichte mit dem Rauhai ging Mabel Voult ins Zimmer von Thomas, wo noch alles so lag und stand, wie Thomas es verlassen hatte. Auch das Jagdgewehr lag noch auf dem Schrank, das Thomas von seinem Vater bekommen hatte, weil er das Abitur bestand.

Mabel Voult nahm dieses Gewehr, spannte es, streckte die Arme weit aus, um sich die Mündung an die Stirn zu setzen. Dann drückte sie ab.

Sie war sofort tot.

 

*

 

Am 14. April 1924 sank östlich vom Great Barrier Island in einem Orkan die britische Korvette HAILS HAM. Einunddreißig Menschen kamen dabei ums Leben - unter ihnen der Zivilgouverneur Joseph Gillmore.

Über dieser Nachricht vergaßen die Menschen den schwarzen Hai, an den drei Monate nach dem Vorfall nur noch sehr wenige dachten. Nicht so Dr. Voult. Nach dem Tode seiner Frau gab es für ihn überhaupt nur noch ein Ziel. Er verkaufte sein neues Haus und bewohnte wieder die uralte Arztpraxis seines Vaters, ein kümmerliches Anwesen. Alles Geld, das Dr. Voult besaß, steckte er in seine Aktion. Er suchte in der ganzen Welt Spezialisten für die Jagd auf den Hai.

Es meldeten sich Hunderte, aber Dr. Voult hatte den Meeresbiologen Dr. Kingston als Berater hinzugezogen und versuchte rein wissenschaftlich zu ergründen, wie es möglich war, dass ein so großer Hai, dazu noch farblich dunkler als die meisten Menschenhaie, ins Flachwasser vordringen konnte.

Dr. Kingston befragte George und Bob immer wieder, bis Bob zur Armee ging, um Offizier zu werden, und bis George sich immer wieder verleugnen ließ, wenn Dr. Kingston nach ihm fragte. George war es leid, wieder und wieder aufs neue an den grauenhaften Vorfall erinnert zu werden.

Am 5. Mai 1924 wurde der Führer der Labour Party auf offener Straße von einem fanatischen Rechtsextremen erschossen. Das war endgültig das absolute Aus für jedes Interesse der Öffentlichkeit, was den schwarzen Hai anging.

Er selbst, der schwarze Killer, rief die Erinnerung an sich schlagartig wieder wach.

Das war am 2. Juni 1924.

 

*

 

Es goss in Strömen. Fischer Frank Reardon stellte die Lötlampe unter den Glühkopf seines Kuttermotors, pumpte und drehte die Flamme auf. Donnernd brannte die blaue Flamme und heizte dem Glühzapfen ein.

Reardon war ein stämmiger Mann mit kurzgeschnittenem blonden Haar. Sein Gesicht zeugte von Wind, Sonne und viel rauer Luft, so tiefgebräunt war es. Das schwarze Ölzeug glänzte vor Nässe, als Reardon nach oben ging, die Luke zurückschlug und aus schmalen Augen prüfend über die Pier schaute.

Dieser Teufelsjunge ist noch immer nicht da!, dachte Reardon zornig und ging wieder nach unten zum Motor.

Der Glühzapfen war jetzt rotglühend. heiß genug, den Motor anzuwerfen.

Reardon steckte das Handrad ins Schwungrad und ruckte gegen die Laufrichtung. Er konnte den niedrig komprimierten Motor langsam durchdrehen.

Jetzt betätigte Reardon die Handpumpe, drehte wieder am Handrad, und da tat der Motor einen Schlag, dann noch einen, und auf einmal lief er mit tiefem Blubbern und Pochen seines gewaltigen Kolbens.

Das Handrad lief mit, und Reardon zog es aus der Öffnung. Plopp plopp plopp machte der Motor. Zweihundert Umdrehungen in der Minute.

Mürrisch ging Reardon wieder nach oben, sah über die Pier, auf die es nur so regnete. Der Schuppen drüben, der alte Wagen, unter dem Vordach der Versteigerungshalle lungerte Nelson herum, wie sie den Trunkenbold Dunwill nannten, aber von Reardons Fischerjungen keine Spur.

Nichtsnutziger Kerl, nichtsnutziger!“, knurrte Reardon grollend. Und er fragte sich, was er machen sollte, wenn der Junge nicht kam. Vielleicht Nelson mitnehmen? Den hatte er schon öfters mitgenommen, wenn er niemand besseren hatte. Wenn Nelson nichts trank, ging es ja noch leidlich. Aber meist war Nelson schon am hellen Vormittag voll bis zum Stehkragen. Allerdings, das wusste Reardon, wurde Nelson bei der ersten Ladung Gischt, die ihm an Bord ins Gesicht flog, wieder topfit. Nur Kraft hatte Nelson von Mal zu Mal weniger. Und Kraft muss ein Bordhelp schon haben. Das Netz holte sich nicht von allein auf.

Der Junge kam nicht. Reardon wäre froh gewesen, wenn er gewusst hätte, dass dies vielleicht dem Jungen das Leben rettete. Aber Reardon war kein Spökenkieker, der in die Zukunft sehen konnte. Deshalb verfluchte er den Jungen und war überzeugt, der Kerl konnte es nur wieder mal verschlafen haben. Sicher, gestern Abend war es spät geworden, so gegen Mitternacht. Aber war das ein Grund, in den lichten Tag hineinzupennen?

Also nehme ich diesen dreimal verfluchten Saufkopp mit!, dachte Reardon, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus.

Der eben noch müde herabhängende Kopf des lungernden Rotschopfes kam ruckartig hoch. Zwei wässrige Augen starrten hinüber zu Reardon.

He, Nelson, an Bord mit dir dreimal gekielholten Sohn des Klabautermannes! An Bord sage ich, und ich will nicht Ole Reardon sein, wenn ich dir nicht ganz kräftig in deinen Säuferarsch trete, falls du nicht auf der Stelle den Fusel ausschwitzt und eine ehrliche Haut wirst. He, soll ich dir gesengten Gräte vielleicht Beine machen? Erwarten Lord Nelson noch die Sänfte oder darf es eine Kutsche sein für den Baron? He, an Bord, habe ich gesagt!“

Nelson watschelte mit der Grandezza einer gut gemästeten Gans auf das Boot zu. Sein schwammiges Gesicht war von einem Grinsen überzogen. Er rülpste geräuschvoll und steuerte dann das Brett an, das sich Reardon als Gangway von der Pier übers Schanzkleid gelegt hatte.

Es war, als schöbe sich ein überladener Überseefrachter auf einen Moorpriel zu, den er haargenau treffen wollte.

Nelson schaffte seinen Hochseilakt und stand wider Erwarten am Ende der Planke, sprang auf Deck und strahlte Reardon an, als hätte er es gerade geschafft, im Auslegerboot den Atlantik zu überqueren.

Bei Leinen loswerfen, Nelson!“, brüllte Reardon und konnte sich ein Grinsen nur mit Mühe verkneifen.

Nelson musste wieder über die Planke, und er tat es. Es sah zwar aus, als würde er jeden Augenblick zwischen Pier und Schiff im Wasser verschwinden, aber das alles war nur Täuschung. Nelson machte die Leinen los, kam an Bord, zog die Planke ein, und Reardon kuppelte den Motor auf die Welle. Das Schiff bekam sofort Fahrt, während Reardon das Ruder herumwarf.

Nelson stampfte wie ein Flusspferd nach mittschiffs, warf einen sehnsüchtigen Blick auf Reardon und leckte sich über die Lippen.

Reardon sah es und langte nach der Pulle im Spind dem Steuer gegenüber. Mit Schwung warf er Nelson die halbvolle Pulle zu. Der fing sie unten an Deck geschickt auf, entkorkte sie mit den Zähnen und nahm einen Schluck wie ein Verdurstender.

Hola!“, brüllte Reardon. „Du säufst, als wär’s dein letzter Schluck!“

Es war Nelsons letzter.

Sie ließen den kleinen Hafen von Whakatane rasch hinter sich. Vor ihnen lag die Bay of Plenty und in der Ferne ragte das White Island aus dem Pazifik.

Die See war ruhig, nur weiter draußen vor den Bänken bildeten sich Schaumkronen an den anrollenden Brechern.

Reardon sang, wie er es meist tat, wenn der schwere Glühkopfmotor blubberte und die Bugwelle beidseits vorbeirauschte.

Nelson machte den Baum für die Netze klar, dann schickte ihn Reardon nach achtern, die Schwimmer klarzumachen.

Der Schluck hatte Nelson wieder belebt. Seine Augen wurden mit jeder Kabellänge, die sie seewärts fuhren, klarer und wacher.

Er schaute ein letztes Mal zurück zum Land. Die Holzkirche, die vielen kleinen Gebäude um den Hafen, der Schornstein der Fischmehlfabrik. Er fing das alles mit einem Blick ein, ohne sich etwas dabei zu denken. Dann wandte er sich um und schaute nie mehr nach achtern.

Nelson würde die Kirche, die Häuser, den Schornstein nicht wiedersehen. Auf Nelson wartete der schwarze Mörder.

 

*

 

Sie sahen ihn, als sie westlich der White-Insel waren und die Netze zum Auswerfen am Baum über Bord schwenkten. In dem Augenblick, als die Netze ins ziemlich ruhige Wasser klatschten, schoss er heran.

Reardon verschluckte vor Schreck fast seinen Priem, als er dieses riesige schwarze Torpedo sah, denn so kam ihm der Hai vor.

Noch nie hatte Reardon einen Menschenhai dieser Größe gesehen. Und es war ein Menschenhai. Dafür verstand Reardon einfach zuviel von diesen Dingen, um sich zu irren.

Zu weiteren Gedanken kam er zunächst gar nicht. Der Hai fegte direkt in die Wurst des noch nicht ausgebreiteten Netzes hinein, riss sein gefährliches Maul auf und zerfetzte einen der roten Schwimmer.

Mit einem Schwung wirbelte der Hai herum. Sein glänzend schwarzer Rücken mit der berüchtigten Flosse scheuerte am Kutter entlang, dass es das stabile Schiff nach Steuerbord krängen ließ.

Der Stoß gegen das Schiff war so kräftig, dass sich Reardon am Netzbaum festklammern musste, um nicht von den Beinen gerissen zu werden. Auch Nelson kam noch einmal davon. Er stürzte zwar auf Deck, konnte sich aber an der Winsch festhalten und wieder aufrichten.

Der Hai jagte dicht unter der Wasseroberfläche ein Stück vom Kutter weg, und die Männer sahen nur die gewaltige Dreiecksflosse. Dann aber kehrte der Hai zurück.

Das Gewehr!, dachte Reardon. Es muss der gesuchte schwarze Killerhai sein. Genauso groß, wie sie gesagt haben. Ich werde ihn abschießen!

Er lief auf das Ruderhaus zu und brüllte: „Nelson, schwenk den Baum ganz nach Backbord! Bleib von der Reling weg!“

Nelson nickte und packte die Leine, um mit der Talje den Baum auszuschwenken.

Sofort entfaltete sich das Netz.

Aber der Plan Reardons, dass der Hai sich im Netz verheddern sollte, ging nicht auf, im Gegenteil.

Der Hai schoss abermals heran. Und wieder war einer der roten Schwimmer sein Ziel.

Das Netz!, dachte Reardon. Das Netz wird ihn fangen!

Nichts. Der Hai zerriss das Netz, und seine Außenhaut, die scharf war wie eine grobe Feile, rasierte die Maschen des Netzes in tausend Fetzen.

Wieder hatte er die rote Schwimmerboje, und da endlich konnte Reardon sein Gewehr packen, repetieren und in Anschlag bringen.

Aber der Hai war schon wieder untergetaucht. An einer völlig anderen Stelle, als Reardon erwartet hatte, kam der Hai wie ein Geschoss aus der Tiefe, flog wie ein Delfin aus dem Waser heraus, prallte dann mit einer Drehung mit dem Rücken gegen den Rumpf des Kutters, dass die Wegerung splitterte und krachte. Sofort drang Wasser in den Kutter ein.

Instinktiv hatte Reardon abgedrückt, aber der Schuss hatte den Hai um Meter verfehlt.

Nelson krampfte sich an der Reling fest und starrte wie hypnotisiert auf die Stelle, wo der Hai wieder untergetaucht war.

Das Netz bestand nur noch aus Fetzen. Die Backbordwegerung war an einer Stelle regelrecht zertrümmert. Als sich Reardon nach außenbords beugte, um den Schaden zu erkennen, tauchte der Hai wieder auf.

Reardon sprang geistesgegenwärtig zurück, riss die Mauserbüchse hoch und schoss.

Und er traf!

Er sah selbst, wie der Hai sich regelrecht unter dem Treffer aufbäumte und Blut aus der Einschussstelle quoll.

Da tauchte der Hai blitzartig weg, bevor Reardon die Mauser repetieren konnte.

Den sehen wir nie wieder“, murmelte Reardon, hielt aber das Gewehr weiter schussbereit.

Der ... der kommt nicht mehr“, meinte Nelson mit irrem Gelächter. Er wandte sich Reardon zu, der neben dem Ruderhaus stand und nun das Gewehr senkte, aber nach wie vor suchend übers Meer blickte.

Ich glaube auch nicht ... He, wir bekommen Schlagseite, beim Jonas!“

Nun fiel ihm das Leck wieder ein. Er kuppelte die Welle aus und stürzte nach unten. Aber schon nach einer knappen Minute kam er wieder aus dem Niedergang heraus.

Die Schwimmweste, Nelson, binde dir die Schwimmweste um! Das Boot macht unheimlich Wasser. Der Misthai hat uns die Backbordseite eingedrückt!“

Das Wasser kam schneller in den Rumpf, als das Reardon je für möglich gehalten hätte.

Das Beiboot, Nelson!“

Sie machten das Beiboot klar, aber um es zu Wasser zu lassen, brauchten sie einen Ladebaum, an dem kein zerfetztes Netz hing. Den klarzumachen, war ein echtes Problem. Nelson kletterte am Baum, das Bordmesser zwischen den Zähnen, das ihm Reardon dafür gegeben hatte. Indessen versuchte Reardon, den Baum schiffwärts zu schwenken, damit er mithelfen konnte, die Netze zu kappen.

Kostbare Zeit verging, ehe Nelson die Netze gekappt hatte. Und schließlich kroch er auf dem Baum rücklings aufs Schiff zu.

Da endlich konnte Reardon den Baum schwenken und heranholen. Nelson kam auch gut auf Deck. Der Alkohol schien nun restlos aus ihm heraus zu sein.

Sie heißten das Beiboot und fierten es dann außenbords zum Wasser ab. Alles klappte. Sogar die Proviantkiste und den wasserdichten Sack mit Notgerät konnte Reardon noch ausbringen. Dann wurde es höchste Zeit.

Die Schlagseite des Kutters nach Backbord war so groß, dass die Backbordreling bereits unter der Wasseroberfläche war. Jeden Augenblick konnte der Kutter sich um die eigene Achse drehen.

Nelson sprang ins Beiboot, Reardon kam ebenfalls gut von Bord, und sofort stieß er sich mit dem Stakhaken vom sinkenden Schiff ab. Das Boot kam frei und schwamm in sicherer Entfernung.

Da zog der Kutter durch, drehte sich kieloben, sackte dann aber sofort achtern weg und blieb so.

Eine Luftblase im Vorschiff, dachte Reardon, und ihm war speiübel, als er sein Schiff sah.

Die Versicherung wird mich auslachen, dachte er. Gekentert, gesunken, weil ein Hai ... Nein, das glaubt mir kein Aas. Nelson werden sie auch nicht ernst nehmen. Zum Teufel mit allem!

Pack die Riemen, Nelson!“, rief Reardon verdrossen.

Schöner Schiet!“, meinte Nelson.

Es waren seine letzten Worte.

Als der Hai plötzlich unter dem Boot hochstieß und mit seinem Rücken den Bootskiel mitriss, verlor Reardon den Halt auf der Ruderbank und fiel vornüber.

Nelson, der gerade die Riemen gepackt hatte und lospullen wollte, wurde wie von einem Katapult über Dollbord geschleudert und fiel, den Rücken voran, in die See.

Nelson schlug verzweifelt um sich, wollte nach den Duchten und dem Dollbord fassen, um sich ins Boot zu ziehen, aber dazu kam er nicht mehr.

Plötzlich packte der Hai sein linkes Bein. Mit einem gellenden Schrei geriet Nelson unter Wasser. Aus dem Schrei wurde ein Gurgeln. Die See färbte sich blutig rot an jener Stelle, und von Nelson tauchte nichts mehr auf.

Reardon starrte fassungslos auf den roten Fleck und war außerstande, im Augenblick einen klaren Gedanken zu bilden.

Den Hai sah er nicht mehr, aber auch Nelson kam nicht wieder.

Das Wrack des Kutters schwamm noch immer kieloben mit dem Vorschiff über der Wasseroberfläche. Es sah aus wie eine Insel.

Reardon beschloss, in der Nähe des Wracks zu bleiben und schoss eine Notrakete ab, nachdem er seinen Schock überwunden hatte.

Die Rakete wurde von White Island aus gesehen. Nach einer guten Stunde kam ein Fischer mit seinem Dampfboot und nahm Reardon an Bord. Zwei Schlepper aus Whakatane näherten sich wenig später; auch sie hatten die Leuchtrakete bemerkt. Die Schlepper nahmen den gekenterten Kutter in Schlepp und brachten ihn bis ins seichte Wasser vor Whakatane.

Als der Hafenmeister und das Küstenamt die Geschichte vom schwarzen Hai hörten, hielt man es dort zuerst für Geschwätz. Man kannte zwar noch den Vorfall, der sich fünfundzwanzig Kilometer von hier mit dem Jungen abgespielt hatte, doch hegten die Beamten erhebliche Zweifel. Erst als der Kriminalpolizist, der Detective Superindendent Raoul Newman, die beschädigte Bordwand untersuchen ließ, wurde im Labor nachgewiesen, dass ein Hai im Spiel gewesen war... ein schwarzer Hai.

Nun kamen die Reporter. Reardon berichtete seine Geschichte hundert Mal und mehr, und fast in allen wichtigen Zeitungen Neuseelands und Australiens erschien die Story mit Bildern von Reardon und seinem Schiff. Aus dem unglücklichen Nelson machten die Zeitungsleute einen alten Seebären, der dem Hai einen erbitterten Zweikampf geliefert hatte, bevor er dem Meeresräuber unterlegen war.

Von den Honoraren, die ihm die Zeitungen zahlten, konnte Reardon sich fast ein neues Schiff kaufen.

Auch Dr. Voult war rasch zur Stelle. Ein merkwürdiger Mann, wie Reardon fand.

Dr. Voult kam an einem Abend - etwa vier Tage, nachdem es in allen Zeitungen gestanden hatte. Dr. Voult sah abgemagert aus, war unrasiert und machte einen betrunkenen Eindruck. Die Augen waren rot unterlaufen, die Nase tropfte, und Dr. Voult stand der Schweiß auf der hohen Stirn.

Doch er war nicht betrunken, sondern fieberte. Er entschuldigte sich nach der Begrüßung fahrig: „Ich konnte Sie nicht eher aufsuchen, Mr. Reardon ... ein Malariaanfall. Aber jetzt geht es mir soweit ganz gut.“

Reardon dachte, dass Dr. Voult in ein Bett gesteckt gehörte, sagte aber nichts.

Ich will das, was in den Zeitungen steht, nicht nochmals von Ihnen hören. Es sei denn, es war anders.“

Reardon nickte. „Die Zeitungen haben übertrieben. Sie sind der Mann, dem der Hai den Jungen geholt hat, nicht wahr? Ich will Ihnen alles berichten. Nicht für Geld, wie ich es von den Zeitungen verlange. Aber zuvor muss ich Ihnen was sagen, Doc: Der Hai kann nicht weit sein. Er ist in der Bucht, er war die ganze Zeit hier. Wir sollten ihn mit Netzen fischen, mit Stahlnetzen, wie man sie in Old England gegen die U-Boote im Krieg verwendet hat. Ja, Doc, wir sollten diesen Misthai wie eine Ratte fangen und abknallen.“

Dr. Voult nickte nur und hörte sich die Geschichte an. Reardon übertrieb jetzt nicht. Und so hörte sich alles ganz anders an, als es in der Zeitung gestanden hatte.

Dr. Voult wischte sich mit einem fleckigen Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn, dann holte er etwas aus der Jackentasche. Ein Lederbeutel. Er schnürte ihn umständlich auf und brachte einen wunderbar funkelnden Smaragd hervor. Er war traditionell rechteckig in Abstufungen geschliffen, so dass sein grünes Feuer von allen Seiten voll zur Geltung kam. Der Stein war in Weißgold gefasst, was in der Zusammenstellung der Farben von einmaliger Schönheit war.

Der einstige Arzt hielt den Ring ins Licht, so dass Reardon das Lichtspiel der Facetten nicht entgehen konnte;

Ein wunderbarer Stein“, meinte Reardon.

Ich habe ihn vor einer Woche von einem Fachmann schätzen lassen. Der Stein allein ist so seine siebenhundert Pfund wert. Gefasst in Weißgold bietet man mir achthundert. Er ist mehr wert, ich weiß es. Ein Erbstück. Im Grunde unersetzlich, doch ich würde ihn weggeben. So oder in Form seines geldlichen Gegenwertes. Ich will den Hai!“

Reardon blickte in die geröteten, fiebrigen Augen des Arztes und entdeckte in ihnen weit mehr Feuer, weit mehr Leuchten als im Smaragd. Der erfahrene Fischer spürte, dass sich dieser Dr. Voult ganz und gar seinem Hass, seiner Rache verschrieben hatte. Der lebte nur noch dafür, und nichts von materiellem Wert konnte ihm noch etwas bedeuten.

Sie möchten, dass ich Ihnen helfe, ihn zu finden?“, fragte Reardon rundheraus.

Der Doktor nickte. „Finden und töten. Er ist wie ein Bazillus, den man finden muss.“

Reardon nickte. Vielleicht, dachte er, hat der Doc Recht. Dieser Hai ist ein Mörder. Aber er ist angeschossen, er wird irgendwo krepieren.

Und meine Kugel? Es war ein Patrone Kaliber 30, Doc. Die bringt ihn um, wenn vielleicht erst nach Tagen.“

Sie haben ihn in den Rücken getroffen? Hinter dem Kopf, sagten Sie?“

Reardon nickte.

Dann“, meinte der Doktor kopfschüttelnd, „wird er es vermutlich überleben. Ja, kann sein, dass er Menschen fortan meidet, aber ich glaube es nur nicht. Ich habe Wissenschaftler in aller Welt angeschrieben. Die meisten haben mir geantwortet. Ich glaube, von Haien weiß ich jetzt mindestens soviel wie von der Medizin. Mr. Reardon, er wird noch leben, und er ist anders als die Haie, mit denen man es sonst zu tun hat. Ich weiß nicht, warum es so ist, doch ich muss es wissen. Ich muss, verstehen Sie?“

Reardon hatte nur eine schwache Ahnung, warum es so war, aber er nickte und fragte: „Was haben Sie davon? Ich weiß, Doc, dass Sie schon fast Ihr ganzes Vermögen geopfert haben, und der Hai ist noch da. Vielleicht geht er drauf. Wenn Sie Ihren Ring verkaufen, könnten Sie von soviel Geld sonst etwas haben. Statt dessen bieten Sie ihn mir, nur, damit ich Ihnen helfen soll, diesen verdammten Hai zu töten.“

Sie hätten einen Grund. Er hat einen Mann umgebracht, der mit Ihnen ... ich meine, der Ihr Partner war.“

Nelson war ein Säufer. Früher oder später wäre er an einer kaputten Leber gestorben. Es tut mir Leid, klar, aber ich habe nicht das Verlangen, Nelson zu rächen.“

Der Ring ist ein Vermögen wert, Mr. Reardon.“

Der Doktor hob ihn hoch und ließ ihn im Licht, das durchs Fenster fiel, funkeln.

Ich will Ihren Ring nicht, Doktor. Wenn die Küstenwache die Zeitungen alle gelesen hat, die über die Sache mit dem Hai berichtet hatten, wird man dort etwas tun. Sie wollen in der Bucht alte Minen aus dem letzten Krieg sprengen. Sie meinen, das würde den Hai umbringen ... die anderen Fische auch alle.“

Der Hai wird rechtzeitig weg sein“, prophezeite Dr. Voult. „Dieser Hai ist anders als alle Tiere im Meer.“ Während er das sagte, nahm sein Gesicht einen verklärten Ausdruck an.

Reardon pfiff durch die Zähne.

He, Doc, Sie tun ja so, als wäre das etwa ein Gespenst oder so. Sie werden sehen, wenn die Küstenwache tut, was ich sage, ist er beim Teufel.“

 

*

 

Die Küstenwache machte es gründlich wie alles, was Militärs in die Hand nehmen. Ein Transportschiff der Marine kam von Wellington und brachte halb verrostete Seeminen und ausgemustertes Sprengmaterial vom Marineamt. Taucher machten diese Sprengsätze unter Wasser mit Zündkapseln scharf. Auch an die bewussten Stahlnetze war gedacht worden. Man hängte sie zwischen Pontons auf, die in Hufeisenform aufgestellt wurden. Die Marine wollte durch Sprengungen den Hai genau in die Richtung treiben, wo die Stahlnetze hingen.

Ein Admiral hatte die Leitung der Aktion übernommen. Vierzig kleine Einheiten der Marine waren aufgeboten worden. Ein Ausflugsdampfer war voller Presseleute unweit der Stahlnetzfalle auf Position gegangen. Andere Zuschauer zu Wasser duldete die Marine nicht. Dafür konnte sie den Tausenden, die am Strand und auf den Anhöhen der Küste aufgetaucht waren, das Zuschauen nicht verbieten. Mit Fernstechern, Fernrohren und Operngläsern standen sie dort und warteten auf das große Spektakel.

Pünktlich zwei Uhr nachmittags am 19. Juni 1924 wurden die Sprengsätze gezündet. Die Marine hatte Präsizionsarbeit geleistet. Mehr als viertausend Sprengkörper detonierten. Es war ein Schauspiel wie bei einem Vulkanausbruch unter Wasser. Etwas, das man in der Tasmanischen See erleben konnte.

Wasserfontänen von hundert Meter Höhe schossen gen Himmel. Mit einem Mal schien sich das Meer erheben zu wollen. Und zugleich kam der dumpfe Donner von Tausenden von Detonationen. Die Erde bebte, das Meer kochte und brodelte.

Binnen Minuten wirbelte es ganze Fischschwärme mit zerplatzten Schwimmblasen an die quirlige Wasseroberfläche. Dann war das Meer nur noch bewegt. Auf ihm schillerte es silbern und rötlich von den Leibern der vielen tausend Fische.

Die Marine hatte auch dafür Sorge getragen. Fischer unter ihnen - auch Reardon - machten den Fischzug ihres Lebens. So einfach hatten sie den Fisch noch nie ins Netz bekommen. Sie kehrten die Leiber der Fische regelrecht in ihre Netze.

Es waren auch Haie dabei. Kleine, auch zwei Menschenhaie. Aber der schwarze Killerhai schwamm nicht oben. Und er ging auch nicht in die Stahlnetzfalle.

Die Marine verbiss sich in die Idee, ihn doch noch zu erwischen. Doch am Abend musste man sich eingestehen, dass die Aktion im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag ins Wasser gewesen war.

 

*

 

Die Hysterie wegen des schwarzen Mörderhais war auf der gesamten Nordinsel wieder voll entfacht. Plötzlich meldeten sich Dutzende bei Dr. Voult, die von sich behaupteten, Haijäger zu sein.

Dr. Voult sprach mit jedem, und er bot ihnen, wenn sie den Hai erlegten und Beweise dafür bringen konnten, die Tausend Pfund Prämie.

Um die Leute zu besänftigen, streuten die Hotelbesitzer und Eigner von Urlaubspensionen an der Ferienküste das Gerücht aus, der Hai sei tot an der Wasseroberfläche treibend östlich von Mayor Island gesehen worden.

Zusammenfassung

Plötzlich war er da.
Vor ihm lag die Bucht, das glatte Wasser, die grünen Hänge, der weiße Strand. Vor ihm jauchzten, planschten, schwammen Hunderte. Ein buntes Farbenspiel und ein fröhliches Durcheinander der Stimmen. Ein paar Boote segelten weiter draußen.
Am Strand selbst tummelten sich an die tausend Erholungsuchende.
So war es, als der schwarze Mörder zum ersten Mal kam. An einem Sonntagnachmittag. Bei strahlender Sonne, warmem Wasser, ein Sonntag im neuseeländischen Sommer.
Ein Sonntag, an dem ein junger Mensch nicht mehr nach Hause zurückkehren sollte. Der Mörder war gekommen.
Ein packender Roman von Glenn Stirling – die Geschichte über einen Killerhai. Das Besondere: die Handlung spielt 1926 in Neuseeland, am anderen Ende der Welt. Zu einer Zeit, als ein gewisser Film über einen weißen Hai noch in ferner Zukunft lag...

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904888
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
heldenhafte seemänner mörderhai

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #4: Der schwarze Mörderhai