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Erben ist kein Kinderspiel

2016 100 Seiten

Zusammenfassung

Als Familie Rogalla aus Berlin ein altes Haus in Oberfranken erbt, ahnt sie nicht, was auf sie zukommt. An die Erbschaft ist nämlich die Bedingung geknüpft, wahrend der Sommerferien sechs Wochen lang so zu leben wie Anno 1960. Das bedeutet natürlich auch den Verzicht auf Farbfernseher, Handy, Internet, Mikrowelle, Fertiggerichte, DVD-Player und auch sonst auf die Lebensweise des 21. Jahrhunderts. Wie Martin und Daniela und die voll in der Pubertät steckenden Kinder Alexander und Franziska sowie der 10jahrige Max die Situation meistern und ob das Experiment gelingt und sie das Haus am
Ende erben oder nicht, wird hier erzählt.

Leseprobe

Erben ist kein Kinderspiel

Heiterer Roman von Frank Michael Jork

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: F.M.Jork mit Kodak Instamatic / Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Als Familie Rogalla aus Berlin ein altes Haus in Oberfranken erbt, ahnt sie nicht, was auf sie zukommt. An die Erbschaft ist nämlich die Bedingung geknüpft, wahrend der Sommerferien sechs Wochen lang so zu leben wie Anno 1960. Das bedeutet natürlich auch den Verzicht auf Farbfernseher, Handy, Internet, Mikrowelle, Fertiggerichte, DVD-Player und auch sonst auf die Lebensweise des 21. Jahrhunderts. Wie Martin und Daniela und die voll in der Pubertät steckenden Kinder Alexander und Franziska sowie der 10jahrige Max die Situation meistern und ob das Experiment gelingt und sie das Haus am

Ende erben oder nicht, wird hier erzählt.

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Daniela fluchte laut. Wie so oft hätte sie sich beinahe wieder einmal den Hals gebrochen. Natürlich.... Max hatte seine Inlineskater im Korridor liegengelassen. Gleich hinter der Wohnungstür, sodass natürlich jeder darüber stolpern musste.

„Maaax?“, rief sie und wuchtete die Plastiktüten mit den Einkäufen über die Schwelle. Alex würde  sicherlich wie immer böse Blicke um sich werfen, wenn er bemerkte, dass sie umweltmäßig versagt hatte. Aber auch heute morgen war die Hektik eines Fünf-Personen-Haushalts daran schuld gewesen, dass sie die Stoffbeutel und den Tragebehälter für die Flaschen vergessen hatte. So war sie gezwungen gewesen, an der Kasse im Supermarkt zu den bereitliegenden Tüten zu greifen. Aber sie hatte immerhin die großen für 25 Cent genommen, die sich noch einige Zeit weiterverwenden ließen. 

„Mahaaax!!!“ Keine Antwort.  Aus den Tiefen der Wohnung drang nur Stille. Und gleich darauf tüdelte das Telefon. Aber wo war es? Die Anweisung, vor dem Verlassen der Wohnung den Apparat auf die Station zu legen, hatte derjenige, der zuletzt gegangen war, nicht befolgt. Das sah sie mit einem Blick. Woher in Dreiteufelsnamen kam also das Signal? In einer verwinkelten Berliner Altbauwohnung mit  fünf  Zimmern, die von zweieinhalb Erwachsenen und zweieinhalb Kindern bewohnt wurde, war es immer ein Ratespiel, festzustellen, wo sich das Telefon gerade befand. So praktisch ein schnurloses Teil auch war, die Tücke des Objekts trug meist die Namen der Kinder.

Alexander, siebzehn Jahre alt, noch nicht  richtig erwachsen, aber auch kein wirkliches Kind mehr, hatte dabei den geringsten Anteil, wenn das Telefon wieder einmal unauffindbar war. Alex pflegte seine gesellschaftlichen Kontakte per SMS über sein Handy abzuwickeln.  Klar, das machten alle in seinem Alter. Immerhin hatte Daniela darauf bestanden, dass er nur ein Pre-paid-Handy besaß und das Geld zum Unterhalt selbst verdiente. Er war ein ziemliches Ass in Mathe und Englisch und gab jüngeren Mitschülern Nachhilfestunden. So war die finanzielle Seite für ihn kein Problem.

Franziska, die sechzehnjährige Tochter war da eher verdächtig, das Telefon  in ihr Zimmer verschleppt zu haben oder an einen anderen, höchst ungewöhnlichen Ort (einmal hatte Daniela das Telefon im Kühlschrank gefunden). Seit einiger Zeit hatte sie nämlich die Angewohnheit entwickelt, vor der Schule mit einer ihrer zahlreichen Freundinnen zu telefonieren, obwohl sie sie doch nur wenig später im Klassenzimmer treffen würde. Natürlich besaß auch sie ein Handy, das gehörte heutzutage zur Grundausstattung von Kindern und Jugendlichen, dagegen war nichts zu machen. Daniela und Martin zahlten ihr dafür 15 Euro monatlich zusätzlich zum Taschengeld, um die Telefonkarte zu finanzieren. Damit mussten sie auskommen oder vom eigenen Geld drauflegen.

Nur Max, mit seinen zehn Jahren das jüngste Kind der Familie, verzichtete vorerst noch darauf, ein Mobiltelefon mit sich herumzuschleppen.

Das Telefon gab immer noch seine verlangenden  Töne auf Gesprächsannahme von sich. 

„Warum geht denn niemand an den Apparat?“, fragte plötzlich jemand hinter ihr. Daniela drehte sich um, weniger erschrocken als vielmehr leicht genervt. Sie sah ihren Mann Martin vorwurfsvoll an.

„Wenn du mir verrätst, wo das verdammte Ding ist, gerne“, sagte sie spitz.

„Da, wo es hingehört, oder nicht?“

„Nein, eben nicht.“

Martin kniff die Augen zusammen und überlegte. Daniela betrachtete ihn interessiert und in einer Weise, als ob sie ihn zum ersten Mal sehen würde. Er war immer noch attraktiv und begehrenswert, auch nach zwanzig Ehejahren und kurz vor dem fünfzigsten Geburtstag stehend. Immer noch die sportliche Figur, die sie bei ihm bewundert hatte, als er ihr damals an einem schönen Sommersonntag im Strandbad Wannsee über den Weg gelaufen war. Ein ganz kleines Wohlstandsbäuchlein hatte er vielleicht, dachte sie. Aber das war nicht so schlimm. Na, und die ersten silbernen Strähnen in seinem schwarzen Haar fand sie allerliebst. Sie selbst hielt sich für eine moderne, emanzipierte Frau mit einem halbwegs interessanten beruflichen Werdegang, aber trotzdem... Warum sollte sie nicht ein ganz klein wenig ihren Ehemann bewundern und dies ihm auch ab und zu zeigen. Da brach sie sich keinen Zacken aus der Krone.  Außerdem, so dachte sie – und sie schämte sich keinen Augenblick für ihre Gedanken – hatten sie noch immer, und das regelmäßig, so guten, leidenschaftlichen Sex miteinander wie zu Beginn ihrer Ehe. Welches Paar konnte das schon nach so langer Zeit von sich behaupten?

Aber im Augenblick brachte er sie zur Raserei, weil er immer noch nachzudenken schien, wo das Telefon verblieben sein konnte.

„Wir brauchen in dieser Wohnung endlich ein Telefon mit mehreren Stationen. Kostet gar nicht mal so viel.“

Daniela verzog das Gesicht. Das war ein typischer Martinscher Ablenkungsversuch.

„Ich weiß etwas, was noch weniger kostet. Nämlich  einfach mal ein bisschen mehr Ordnung, wie wäre das?“ konterte sie mit süffisantem Lächeln.

Martin sah seine Frau mitleidig an.

„Meinen Vorschlag finde ich besser.... Ha, jetzt weiß ich es wieder!“, rief er schließlich aus. .„Ich habe es heute morgen im Badezimmer liegengelassen“, verkündete er.

„Deine Erkenntnis kommt zu spät, mein Lieber.“

Das Telefon war verstummt. Sie ging ins Bad und schnappte sich den Apparat. Auf dem Display wurde ein nicht angenommener Anruf angezeigt. Daniela drückte auf eine Taste. „Mist!“, rief sie aus. Der Anrufer hatte seine Nummer unterdrückt und sie las demzufolge UNBEKANNT.

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Eine Stunde später hatten sich alle fünf Mitglieder der Familie Rogalla am großen Esstisch in der gemütlichen Wohnküche zum Abendessen versammelt. Wie so oft stellte Daniela fest, dass sie um nichts in der Welt in einer modernen Wohnung leben wollte. Vor allem schon gar nicht irgendwo am Stadtrand in einer dieser Großsiedlungen, wo man kaum seine Nachbarn kannte, geschweige denn alle Mieter im Haus. Sie hatte auch noch nie von einer Neubauwohnung gehört, in der es so eine große Küche gab, dass sich Platz für einen Familientisch dieses Ausmaßes  gefunden hätte. Sie stand am Kühlschrank, um die Milch herauszuholen und betrachtete die Szene.

Martin, immer bestrebt ein verständnisvoller Vater zu sein, modern, aufgeschlossen gegenüber den Problemen seiner Kinder, hörte auch jetzt aufmerksam zu. Franziska und Max redeten wie gewöhnlich gleichzeitig und Martin war bemüht, geistig aufzunehmen, was sie erzählten. Zwischendurch, wenn es ihm möglich war, berichtete er das Neueste aus seiner Firma. Daniela wußte, wie wichtig es ihm war, sie an seinen beruflichen Erlebnissen teilhaben zu lassen. Und sie war auch wirklich interessiert, denn sie verspürte durchaus einen,  wenn auch, nach ihrer Ansicht, etwas antiquierten Stolz auf ihren erfolgreichen Ehemann. Martin hatte es nach harter Arbeit geschafft, dass man ihn vor ein paar Jahren zum Geschäftsführer der Berliner Filiale einer Großhandelsfirma für medizinische Geräte ernannt hatte.

Sie selbst war aber auch nicht unzufrieden mit ihrem Berufsleben, hatte sie sich doch in den letzten Jahren als Empfangschefin eines Fünf-Sterne-Hotels am Potsdamer Platz eine gute Position erarbeitet. Das brachte zwar auch Schichtdienst mit sich, aber daran hatten sich alle gewöhnt.

Der einzige am Tisch, der sich in Schweigen gehüllt hatte, war Alexander. Daniela sah ihn forschend an und versuchte, an seinem Gesichtsausdruck zu ergründen, was ihn bewegte. Aber das konnte bei einem Siebzehnjährigen alles Mögliche sein.

Als er seinen Nachtisch ausgelöffelt hatte, es hatte Fürst-Pückler-Eis gegeben, das er  besonders  gerne mochte, murmelte er nur etwas von „in mein Zimmer gehen“ und verschwand aus der Küche.

„Was hat er denn?“, rätselte Martin und sah seine Frau mit fragenden Blicken an.

Daniela  konnte sich das Verhalten ihres Ältesten auch nicht erklären. „Mich darfst du nicht fragen. Ich habe keine Ahnung“, gab sie mit verneinender Kopfbewegung zu.

„Ich wette, Alex hat Liebeskummer.“ Das kam von Franziska, die dabei albern kicherte. Max grinste.

„Was denkst Du, Dani? Hat Franziska recht? Kann das stimmen?“

Daniela zuckte nur  mit den Schultern. „Mich darfst du nicht fragen. Ich habe keine Ahnung.“

Martin sah Daniela verwirrt an, wandte sich dann wieder seiner Tochter zu.

„Franzi, weißt du denn etwas? Ist das nur eine Vermutung von dir oder hat Alexander wirklich.... ähem...“, er räusperte sich etwas verlegen, „sagen wir mal, konkrete Probleme dieser Art?“

„Paps, seit wann bist du so verklemmt? Klar hat Alex mächtigen Stress....“ Franziska schüttelte dabei ihre Hände aus, als ob sie nass wären und gab einen leisen Pfiff von sich.

Martin sagte nichts, sondern sah seine Tochter nur vielsagend an und blickte dann abwechselnd sie und Max an.

Franziska begriff und nickte lächelnd. Aber Max hatte trotzdem gemerkt, welches Thema sein Vater nicht ausdrücklich erwähnen wollte.

„Mensch, Paps! Meinetwegen musst du dich nicht zieren. Ich glaube auch nicht mehr an den Klapperstorch.

Martin bekam rote Ohren, als er seinen Jüngsten so offenhertig reden hörte.

„Es ist doch erstunlich, wie früh Kinder heutzutage schon aufgeklärt sind.“

„Mich darfst du nicht frage, ich habe keine Ahnung“, winkte Daniela ab.

„Ich hab dich nicht gefragt“, stutzte ihr Mann. Das war nur eine Feststellung.

„Ich glaube, es geht dabei um Laura“, fuhrFranziska nun erläuternd fort..

„Laura Wohlgemuth, die aus seinem Englisch-Leistungskurs?“, fragte Daniela.

Franziska nickte heftig und ihre dunkelbraunen Locken wippten schwungvoll mit. „Genau.... Mit der geht er seit einiger Zeit.“

„Hast du das gewusst?“, fragte Martin seine Frau, die als Antwort nur den Kopf schüttelte.

„Mich darfst du nicht...“, begann Daniela erneut.

„Ja, ich weiß. Du hast keine Ahnung“, unterbrach er sie leicht genervt.

„Ach, die ist doch doof“, mischte sich Max ins Gespräch.

„Mäxchen, du hast ja keinen Plan“, belehrte ihn seine große Schwester. „Werde mal ein paar Jahre älter, dann denkst du sicherlich anders darüber.“

„Ich weiß jetzt schon Bescheid“, kam der Protest postwendend und lautstark.

„Ach ja? Dann weißt du auch, dass die Jungs aus ihrem Jahrgang und auch die Abiturienten ganz schön.....“

„Franziska!“ Daniela warf ihrer Tochter einen warnenden Blick zu, der bedeuten sollte: Überleg dir, was du sagst. Denk daran, dein Bruder ist erst zehn.“

„... hinter ihr her sind“, wurde der Satz vollendet. Franziska musste zugeben, dass sie eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen, aber Mami hatte natürlich recht. Max war schließlich noch zu klein.

„Logisch“, tönte der nun. „Scharf sind sie auf Laura. Weil sie geile Titten hat.“

„Maaaaax!“ Daniela bekam große Augen. Sie wußte natürlich, wie freizügig die Kinder und Jugendlichen heute redeten, aber das war dann doch zu ordinär, empfand sie. Sie sah zu Martin, aber der prustete nur unterdrückt in seine Serviette.

„Ach, dich amüsiert es also, wenn dein Sohn, dein zehnjähriger Sohn so spricht?“

Martin setzte eine ernste Miene auf, so gut es ihm gelingen wollte. „Deine Mutter hat natürlich vollkommen recht. Solche Worte sollst du noch nicht von dir geben, nicht in deinem Alter.“

„Wieso?“, fragte Max unschuldig. „Und später mal? Wie lange muss ich denn dann noch warten?“

Nun konnte Daniela auch nicht mehr ganz ernst bleiben, aber sie sagte möglichst streng: „Das sage ich dir schon, wenn es soweit ist.“

„Naaaaa guuuuut!“, gab Max langgezogen zur Antwort. „Aber doof bleibt Laura deswegen trotzdem, ob sie nun ....“ Er überlegte einen Moment, weil er ein unverfänglicheres Wort suchte, das vor den Ohren seiner Mutter Gnade finden würde. Aber es fiel ihm keines ein. „Na, ihr wißt schon, was ich meine.... Ob sie die nun hat oder nicht.“

„Sag einfach, sie hat große Brüste“, meinte Martin sachlich.

„Also wirklich!“ Daniela war wohl immer noch nicht zufrieden mit diesem Begriff.

„Was willst du denn? Das ist doch eine völlig anständige Bezeichnung.“ Diesem Satz schob Martin dann noch ein unschuldiges Lächeln hinterher. „Komm, ich helfe dir beim Tisch abräumen“, sagte er versöhnlich.

„Na schön,  und Franziska stellt das Geschirr in die Spülmaschine.“

„Immer ich“, maulte das Mädchen. „Ich muss noch für  Englisch büffeln.“

„Schreibt ihr bald 'ne Klassenarbeit?“

„Ja, morgen.“

„Ach, und da fängst du schon heute Abend an zu lernen? Sehr früh, junge Dame... Hast du wieder ständig im Internet  gesurft? Du bist wohl ständig nur in deinen Blogs und Foren? Ich möchte wirklich  mal wissen, was daran so toll sein soll.“

„Ach Mami, nun  hab dich nicht so. Ich bin nun mal nicht so für Fremdsprachen. Da hab’ ich einfach keinen Draht zu.“

„Das braucht man aber heutzutage, mehr denn je. Die Globalisierung schreitet fort. Ich sehe es ständig bei mir im Hotel.“

„Hast du denn mal deinen großen Bruder gefragt, ob er dir helfen kann?“ wollte nun Martin wissen.

„Ach der.....!“

„Wie, ach der!? Warum sagst du das so verächtlich?“

„Der hilft mir doch nicht.“

„Woher weißt du das? Hast du ihn schon mal gefragt?“

„Ja, aber...“ Franziska unterbrach sich selbst.

„Aber was? Komm, rück raus mit der Sprache!“

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. Sie ärgerte sich, dass sie was gesagt hatte. Alex war zwar manchmal ein blöder Hund, aber ob sie das jetzt wiederholen sollte, was er ihr gesagt hatte? Ja, warum eigentlich nicht!? Es war auch ganz schön fies von ihm, was er verlangt hatte.

„Alex hat gesagt, dass er mir nur hilft, wenn ich ihm Geld dafür gebe.“

„Waaaaas?“ Daniela ließ beinahe den Teller fallen, den sie in der Hand hielt und gerade in den Geschirrspüler stellen wollte.

„Er meint, alle anderen Nachhilfeschüler, die er hat, müssten ihm schließlich auch etwas zahlen. Für mich würde er es auch billiger machen.“

„Na, immerhin“, murmelte  Martin vor sich hin.

„Statt zehn bräuchte ich ihm nur sieben Euro in der Stunde geben, meinte er.“

„So, meinte er“, echote Daniela. „Na, dem werde ich was erzählen. Von seiner Schwester Geld nehmen zu wollen für ein bisschen Hilfe bei den Schulaufgaben.“

Martin hielt seine Frau am Arm fest. „Komm, lass mal gut sein! Ich werde mal mit unserem Sohn reden. So ganz sachlich. Von Mann zu Mann!“ Und ohne eine Reaktion abzuwarten, ging er hinaus.

Eine halbe Stunde später war die Vater-Sohn-Konferenz unter vier Augen beendet.

„Franziska, geh in dein Zimmer. Alex kommt gleich zu dir und wird mit dir noch ein bisschen pauken“, sagte Martin nach seiner Rückkehr in die Küche, wo inzwischen die Hausarbeit erledigt worden war.

„So, dieses Problem hätten wir gelöst. Max, es ist acht Uhr. Zeit für dich, schlafen zu gehen.“

„Was hast du mit Alex besprochen?“, wollte Daniela wissen.

„Das, meine Hübsche, erzähle ich dir gleich im Wohnzimmer nach der Tagesschau.“

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Martin hatte wirklich gute Arbeit geleistet bei dem  Gespräch mit seinem Ältesten. Alexander half ohne Murren in den nächsten Wochen regelmäßig Franziska bei den Englisch-Hausaufgaben und hatte sogar Erfolg. Anfang Mai konnte Franziska strahlend verkünden, dass sie aus der Gefahrenzone heraus wäre und mittlerweile zensurenmäßig bei einer guten Vier läge.

„Überragend ist das natürlich noch nicht“ gab sie selbst zu. „Aber das läßt sich noch verbessern. Die feste Absicht habe ich.“

Daniela war entzückt, aber auch ein ganz klein wenig erstaunt über den Fleiß, den ihre Tochter anscheinend entwickelte. Ja, Fortschritte hatte sie gemacht, ohne Zweifel. Und sie war plötzlich, aber ganz offensichtlich hoch motiviert.

„Du hast bei deiner Schwester Wunder bewirkt“, sagte sie lobend an diesem Abend zu Alex.

„Ach, soviel habe ich gar nicht dazu beigetragen“, winkte der ungewohnt bescheiden  ab. „Ich büffele nur mit ihr ab und zu, helfe bei den Schulaufgaben in Englisch  und so weiter.“

„Na, ihren Lernwillen hast du schließlich auch gesteigert.“

„Neeee!“ Alex grinste breit.  „Die Motivation kommt von ganz anderer Seite.“

„Ach ja?“ Daniela sah ihn an und warf ihm einen auffordernden Blick zu, der ihn zum Weiterreden animieren sollte.

Alex überlegte nicht lange. Warum sollte er mit seinem Wissen hinter dem Berg halten? Vor ein paar Wochen hatte seine redselige Schwester auch seinen Liebeskummer wegen Laura an die familiäre Öffentlichkeit gebracht.  Er hatte seinen Kummer inzwischen überwunden. Die Trennung von Laura war leichter gewesen, als er es eigentlich zunächst gedacht hatte. Aber trotzdem. Wie du mir, so ich dir!

„Dem schönen Sebastian, dem will sie imponieren. Er hat in Englisch eine Zwei mit Tendenz zur eins und deswegen legt sie sich so ins Zeug.“

„Ach so......“ Daniela fiel sonst nichts dazu ein, als dass ihr klar wurde, dass ihre beiden älteren Kinder langsam erwachsen wurden. Ständig war in letzter Zeit von Beziehungen zum jeweils anderen Geschlecht die Rede. Sie musste unwillkürlich an den letzten Elternabend und an Franziskas Mathematiklehrer denken, der sie davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass in einer der letzten Geometriestunden Franziskas Definition eines Dreiecks gelautet hätte, das wären zwei Männer um eine Frau.  Und nun kam ein bisher unbekannter Sebastian ins Spiel. Noch dazu ein schöner.

„Moment mal! Von welchem Sebastian ist denn hier eigentlich die Rede? Ich kenne in ihrer Klasse gar keinen Sebastian.“

„Nee, da gibt es keinen. Aber bei mir im Englisch-Leistungskurs. Sebastian Köhler.“

„Hmm! Und hat sie denn Erfolg? Was meinst du?“

„Ja, es scheint so. Plötzlich beachtet er Franzi nämlich, obwohl sie doch zwei Jahre jünger als er ist.“

„Woher weißt du das?“

„Ihre Freundin Jennifer hat’s mir gesteckt. Außerdem habe ich die beiden auf dem Schulhof gestern beobachtet, wie sie Händchen hielten.“

Daniela sagte wieder nichts. Aber im Stillen dachte sie darüber nach, ob sie ihrer Tochter ausreichende Instruktionen gegeben hatte für den Umgang mit männlichen Freunden, die vielleicht mehr wollten als nur Händchenhalten.

„Bist du eigentlich mit Sebastian befreundet? Wie ist er denn so?“

„Was soll ich dazu sagen? Ich bin doch kein Mädchen.  Aber als Kumpel ist er schon schwer in Ordnung. Ist ein schlauer Bursche, bildet sich aber nichts darauf ein und hat meines Wissens auch noch niemanden hängen lassen.“

„Man kann also sagen, dass man sich auf ihn verlassen kann?“

„Ja, klar! Gehört zu den gutmütigen Typen.“

„Dann ist er sicherlich sehr beliebt, oder?“

„Ja, aber er sucht sich seine Freunde sorgfältig aus.“

„Das ist doch sehr vernünftig. Und wie ist das mit Mädchen?“

Alex grinste. „Da gibt es schon die eine oder andere, die total auf ihn fliegt.  Aber auch da übt er Zurückhaltung, besonders seitdem er mit Franziska zusammen ist.“

„Das ist also sicher?“

„Aber klar! So, ich muss los. Ich habe noch Volleyballtraining“, verabschiedete sich Alex mit einem Blick auf seine Armbanduhr und zog sich zurück. Zwei Minuten später fiel die Wohnungstür geräuschvoll ins Schloß und Daniela hörte ihn pfeifend die Treppe hinunter poltern. Das würde wieder Ärger mit der alten Frau Meck aus dem Erdgeschoss geben, die sich über so vieles aufregte. Da lag es natürlich nahe, ihren Namen zu verlängern und sie Meckerziege  zu nennen. Das taten jedenfalls die Kinder. Daniela und Martin wollten es natürlich offiziell nicht dulden, dass sie die Nachbarin verspotteten. Aber andererseits  konnten sie ihre Sprösslinge auch verstehen. Frau Meck regte sich wirklich über jede Kleinigkeit auf. Spielende Kinder auf dem Hof duldete sie zum Beispiel gar nicht. Aber auch schon lautes Lachen im Treppenhaus oder lebhafte Gespräche brachten sie immer gleich auf die Palme. Manchmal schien es fast, dass sie hinter ihrer Wohnungstür lauerte, um jeden zu erwischen, der sie störte. Natürlich absichtlich, wie sie vermutete.

Daniela sah auf ihre Armbanduhr. Schon kurz vor sieben. Heute kam Martin aber spät aus der Firma, ging ihr durch den Kopf. Sie überlegte gerade, ob sie ihn vielleicht anrufen sollte, als sie aus dem Hausflur Lärm hörte.

Sie öffnete die Wohnungstür und hörte Frau Meck fürchterlich keifen. „Unverschämtheit!“, „...eine alte, hilflose Frau belästigen...“ und „....dem Hauswirt melden“ . Diese Worte fing sie auf und gleich darauf vernahm sie auch die tiefe Stimme eines Mannes.

Das war doch Martin, der da zurück brüllte. Da sah sie ihn auch schon auf dem Treppenabsatz, wie er sich über das Geländer beugte und laut hinunter rief: „Geben Sie bloß nicht so an, Sie! Sie... Sie... Sie alte Meckerziege!“

„Aber Martin!“, machte sich Daniela bemerkbar, konnte sich aber ein breites Lächeln nicht verkneifen.

„Lass das nicht deine Kinder hören“, setzte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

„Na, es ist doch wahr....“, gab Martin, jetzt wieder in normaler Lautstärke,  zurück.

„Was war denn los?“

„Diese alte Gewitterhexe! Sie hat mir aufgelauert.“

„Wieso, was hast du ihr denn getan?“

„Ach, sie hat mir vorgeworfen, ich hätte das Autoradio zu laut angehabt. Absichtlich, um sie zu ärgern... So ein Blödsinn!“

„Das Autoradio?“ Nun verstand Daniela gar nichts mehr.

„Ja, ich habe direkt unter ihrem offenen Fenster eingeparkt, die Seitenscheiben waren unten, wegen der Wärme heute und ich hatte das Radio im Wagen an.“

„Und das hat sie gestört?“

„Ja, und weil ich noch zusätzlich, ihrer Meinung nach natürlich auch aus lauter Bosheit, den Motor habe aufheulen lassen. Dadurch hat sie die letzten Sätze der heutigen Folge ihrer Lieblingsseifenoper im Fernsehen nicht mitbekommen.“

„Ach, du liebe Zeit!“ Daniela schüttelte den Kopf.

„Aber ich habe ihr heute mal kräftig die Meinung gegeigt.“

Danielas Gesicht zeigte einen Anflug von Heiterkeit. „War nicht zu überhören.“ Sie senkte den Kopf und versuchte, nicht zu lächeln.

„Weißt du, so manches Mal habe ich schon überlegt, ob wir uns nicht eine andere Wohnung suchen...“

„Wieso? Wegen der alten Meck? Kommt gar nicht in Frage“, protestierte Daniela. „Unsere Wohnung gefällt mir. Wir haben alle Platz und da wir hier schon so lange wohnen, ist auch die Miete relativ günstig. Wir wohnen zentral, an der Ecke ist die Bushaltestelle und zur U-Bahn ist es auch nicht weit. Wir beide haben unsere Autos, doch es ist wichtig für die Kinder.“

„Man kann auch woanders Wohnungen finden, die verkehrsgünstig liegen. Schau mal nur ins Internet.“

„Du weißt genau, dass ich in meiner Freizeit nicht am PC sitzen will. Mir reicht es schon, wenn ich den ganzen Arbeitstag die Kiste benutzen muss. Da habe ich keine Lust, noch stundenlang zu Hause am Monitor zu hocken und stundenlang zu suchen.“

„Meine Arbeit erledige ich doch auch häufig am Rechner. Du musst  nicht stundenlang suchen. Du brauchst nur zu googeln.“

„Ich will aber nicht googeln“, sagte Daniela trotzig. „Und ich will auch in dieser Wohnung bleiben.“

„Aber trotzdem... vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, umzuziehen. Etwas weiter draußen würde ich schon gern wohnen.“

„Wieso?“ Daniela sah Martin erstaunt an. „Ich dachte immer, dir gefällt es hier in unserem Kiez. Oder denkst du schon wieder an deine Kindertage bei deinem Patenonkel in diesem Kaff in Bayern?“

„In Franken, nicht in Bayern!“, widersprach Martin.

„Ist das ein Unterschied?“

„Aber klar. Sag nie zu einem Franken, dass er Bayer sei. Das nimmt er persönlich.“

„Na, schön! Aber du bist keiner und dein Onkel war es auch nicht. Er ist dort bloß vor fünfzig Jahren hingezogen, nach .... Ich kann mir den Namen nie merken...“

„Nach Oelschnitz, das liegt zwischen Münchberg und Stammbach. In Oberfranken. Früher kurz hinter der Zonengrenze.“

„Ja, schon gut. Ich kann mich erinnern“, gab Daniela unwirsch zurück. Martin beschloß, das Thema zu wechseln. „Was wollen wir denn essen?“

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Nach dem Abendessen fand Daniela eine Gelegenheit, ein Gespräch mit ihrer Tochter zu führen.

Die beiden saßen in Franziskas Zimmer und Daniela kam ohne Umwege zur Sache.

„Franzi, du weißt... dein Vater und ich sind moderne Menschen, die versuchen, euch mit so wenig Strenge wie möglich zu erziehen und wir sind auch nicht prüde.“

Franziska sagte nichts darauf, sondern sah ihre Mutter nur erwartungsvoll an, gespannt darauf, was jetzt folgen würde.

„Aber trotzdem wirst du es mir hoffentlich nicht übelnehmen, wenn ich dich heute fragen möchte, ob du schon einen festen Freund hast.“

„Woher weißt du das?“, platzte Franzi heraus.

„Also stimmt es?“

„Ja, aber ich wundere mich trotzdem. Spionierst du mir nach?“

„Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“

„Nein, Mami!“ Franziska senkte den Kopf.

„Ich habe es erfahren, das soll reichen. Er heißt Sebastian Köhler und ist zwei Jahre älter als du.“

„Alex!“, zischte Franziska durch die Zähne und war offensichtlich nicht erfreut.

Daniela ging darauf gar nicht ein. „Ich habe nichts dagegen, dass du und Sebastian... ein bisschen über ihn habe ich auch schon erfahren und das war durchaus erfreulich, was ich da gehört habe. Aber es wäre nett, wenn du mir deinen Sebastian noch ein bisschen beschreiben würdest, damit mein Bild komplett wird.“

„Alex hat bestimmt über ihn gelästert.“

„Aber nein, warum sollte er? Sie sind wohl auch Freunde, wie er mir sagte.“

„Ich glaube schon. Aber das ist echt  kein Wunder. Sebastian ist nun mal der netteste, freundlichste, intelligenteste und vor allem süßeste Junge unserer Schule.“

„Das letztere dürfte für Alex wohl weniger eine Rolle spielen.“

„Franziska grinste. „Vermutlich!“

„Wie ich hörte, ist er ein echter Mädchenschwarm. Aber du bist diejenige, die sein Herz erobert hat?“

Franziska wurde rot vor Verlegenheit. „Scheint so“, murmelte sie.

„Warum auch nicht! Du bist doch ein wirklich hübsches Mädchen....“

„Ja, aber bei weitem nicht so intelligent wie er. Und ob ich wirklich hübscher bin als ein paar Mädchen aus seinem Jahrgang? Laura fällt mir da ein.“

„Alexanders Freundin?“

„Seine Ex.“

„Ach, ja! Ich vergaß.“ Daniela lächelte sanft. „Aber auch auf den Charakter eines Menschen kommt es an, nicht nur auf das Aussehen.  Wie ist denn Sebastian in dieser Hinsicht?“

„Ach, Mami, da kannst du ganz beruhigt sein. Ich finde ihn fabelhaft.“

„Subjektiv gesehen.“ Daniela lächelte verständig über die Schwärmerei ihrer Tochter. „Was macht ihn denn so fabelhaft?“

„Das musst du gar nicht so gönnerhaft fragen, Mami!“, protestierte Franziska. „Du musst wissen, dass er in seiner Freizeit ehrenamtlich tätig ist. Einmal in der Woche geht er in ein Seniorenheim und leistet dort Menschen, die keine Angehörigen haben oder um die sich niemand kümmert, Gesellschaft. Er liest ihnen vor oder hört ihnen einfach nur zu, wenn sie aus ihrem Leben erzählen möchten.“

„Alle Achtung! Das ist allerdings wirklich fabelhaft.“

„Sag ich doch! Und tierlieb ist er auch noch. Er will nämlich Tierarzt werden, oder Zoologe. Da hat er sich noch nicht endgültig festgelegt. Aber in Biologie ist er ein Ass.“

„Na, wenn das so ist, dann muss ich also nicht befürchten, dass Sebastian der falsche Umgang für dich ist.“

„Ganz bestimmt nicht, Mami. Den Führerschein hat er übrigens auch schon.“

„Ist ja enorm!  Und vielleicht auch schon ein eigenes Auto?“

„Das nicht, aber sein Vater läßt ihn manchmal mit seinem Wagen fahren, oder sein älterer Bruder. Der hat einen BMW.“

„Du kannst ihn doch mal zu uns nach Hause mitbringen. Dann können wir den Wunderknaben mal persönlich kennenlernen.“

„Hast du kein Vertrauen zu mir?“, fragte Franziska mit einer Mischung aus Erstaunen und Beleidigt sein.

„Sicher habe ich das. Aber das hindert dich doch nicht daran, Sebastian zu uns einzuladen.“

„Ich verstehe. Du willst ihn unter die Lupe nehmen.“

„Kann man so sagen. Das ist das Vorrecht der Eltern minderjähriger Kinder, vor allem von Töchtern.“

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Diese Unterredung hatte am Montag stattgefunden. Es war der 8.Juni gewesen. Am Zehnten, also zwei Tage später, kam ein Brief. Absender war ein Anwaltsbüro in der Nähe vom Kurfürstendamm.

„Coole Sache!“, meinte Max, als er den Umschlag mit den übrigen Briefen und einem Werbeprospekt mit nach oben brachte. Daniela hatte vergessen, im Hausbriefkasten nachzusehen, als sie nach Hause kam.  Gerade in dem Moment, als sie die Haustür aufgeschlossen hatte, spielte ihr Handy Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Von Popsongs als Klingelton hielt Daniela nichts, deswegen war sie froh gewesen, dass sie die Möglichkeit gehabt hatte, den Klassiker einzustellen. Ihre Freundin Marion war dran und über deren Geplapper hatte sie gar nicht mehr an die Post gedacht. Also durfte Max das Altpapier zum Container im Hof runter bringen und die Briefe mit hinauf in die Wohnung.

„Was ist cool?“, fragte Franziska.

„Paps wird verklagt!“

„Waaas?“ Daniela fuhr herum. „Wie kommst du auf so was?“

„Hier!“ Max knallte einen Briefumschlag auf den Küchentisch. „Ist von einem Anwalt.“

„Vielleicht von der Meckerziege“, meinte Franziska, denn sie hatte natürlich von dem Streit zwischen Frau Meck und ihrem Vater gehört.

„Franzi“, sagte Daniela scharf, „du weißt genau, dass du Frau Meck nicht so nennen sollst.“

„Aber Paps darf, was?“

Darauf konnte Daniela wenig sagen. „Trotzdem ist das etwas, was man nicht tun sollte“, erwiderte sie nur zaghaft.

Zum Glück kam in diesem Augenblick Martin nach Hause. Im Schlepptau hatte er Alexander, der seinen Kumpel Tim im Nachbarhaus besucht hatte. Die zwei steckten viel zusammen, weil Tim schon einen eigenen DVD-Player hatte. Da sahen sie zusammen oft Filme an, die sich Tim aus der Videothek seines großen Bruders besorgte. Dadurch sparten sie viel Geld fürs Kino.

„Na, was habt ihr euch denn heute reingezogen?“, fragte Franziska.

„Den neuesten James Bond. Ist zwar schon vor ein paar Monaten auf DVD erschienen, aber wir kannten ihn noch nicht.“

„Coole Sache!“, rief Max zum wiederholten Male aus. Das war im Augenblick seine Lieblingsredewendung.

„Für Max ist alles cool“, lachte Franziska.

„Isses doch auch. Aber kannst du mich nicht mal mitnehmen zu Tim?“, fragte Max jetzt seinen großen Bruder.

„Mitnehmen? Dich? Du spinnst wohl! Das ist nichts für kleine Jungs!“

„Alex, du bist wirklich mies! Eine ganz fiese Ratte!“

„Max, benimm dich!“ Martin sprach ein Machtwort, während er den Brief vom Anwalt in die Hand nahm und damit ins Wohnzimmer ging.

„Ist sonst noch was in der Post, was interessant ist?“, fragte Franziska und sah ihren großen Bruder an, der gerade die Briefe in der Hand hielt. Alexander schüttelte seinen kastanienbraunen Wuschelkopf. Er hatte Danielas Haarfarbe mitbekommen, genau wie Franziska.

„Ich hab schon nachgesehen!“, krähte Max, der sich gerade ein Joghurt aus dem Kühlschrank nahm. „Nur die üblichen Bettel- und Drohbriefe.“

„Bettelbriefe? Drohbriefe?“ Daniela stutzte und  nahm dabei Max den Joghurtbecher aus der Hand. „Wir essen gleich.“

„Ich meine Rechnungen und Mahnungen.“ Max grinste von einem Ohr zum anderen.

„Nun hör dir den Zwerg an“, sagte Alex und Franziska setzte hinzu: „Diese Kiddies heutzutage.“

„Pööh! Als ob ihr schon erwachsen seid!“

„Was ist denn hier los?“, fragte Martin, der wieder in die Küche kam, den Briefumschlag, nun geöffnet, in der Hand.

„Zwergenaufstand!“

„Nun bleibt mal alle schön ruhig und setzt euch an den Tisch. Du auch Daniela, bitte.“

„Aber das Essen...“

„...kann warten. Ich muss mit euch etwas besprechen.“

Das klang sehr feierlich. Ein Raunen erfüllte die Küche, nur das Wasser für die Spaghetti brodelte auf dem Herd vor sich hin. Daniela stellte den Herd ab.

„Was gibt’s denn, Martin?“

„Also, ich bin unschuldig“, erklärte Alexander vorbeugend und hob abwehrend die Hände vor sich, als er sich setzte.

„Blödmann!“, zischte Franziska. „Nun sei doch mal still, damit Paps erzählen kann, worum es geht.“

Martin wartete einen Augenblick, bis Stille eingetreten war. „Also, die Sache ist ganz einfach. Ich... und damit wir alle, sage ich mal besser... wir haben geerbt.“ Er blickte in die Runde und wartete auf die Reaktion seiner Familie.

Nach einem Augenblick der Überraschung redeten Daniela und die Kinder gleichzeitig los und bestürmten Martin mit Fragen.

Martin winkte mit der rechten Hand und rief laut: „Moment, Moment! Ich verstehe doch so kein Wort, wenn ihr alle gleichzeitig redet.“

„Ja, seid doch mal ruhig und lasst Paps weitererzählen“, meinte Daniela.

„Danke, Schatz. Ich kann noch gar keine Einzelheiten erzählen. Es steht noch nicht mal darin, um wessen Nachlass es sich handelt. Nur soviel, dass in  diesem Brief die Bitte steht, dass wir alle, und das ist wirklich so gemeint... also, wir alle Fünf sollen zur Testamentseröffnung bei diesem Anwalt... - wie heißt der? - ...bei Rechtsanwalt Doktor Klaus  Reichert erscheinen.“

„Doktor Reichert? Klingt schon mal vielversprechend... das muss ein gutes Zeichen sein“, ulkte Franziska. „Dann erben wir vielleicht `ne Menge Geld. Das wär’s doch endlich mal, oder?“

„Das wäre echt geil“, stimmte Alexander zu.

„Ihr tut gerade so, als ob wir arme Leute wären.“ Daniela war etwas gekränkt. „Wir nagen nicht am Hungertuch und für einen schönen Sommerurlaub, eure Klassenreisen und eure Hobbies reicht es doch auch immer, oder nicht?“

Franziska machte ein betretenes Gesicht. Sie hatte es doch gar nicht so gemeint.

„Ach, übrigens.... Sommerferien...“ sagte Alexander. „Das war ein gutes Stichwort. Da wollte ich ohnehin mit euch was besprechen.“

„Na, was jetzt wohl kommt?“, sagte Franziska grinsend, wobei dieser Ausruf eher rhetorischer Natur war, denn sie wußte, dass ihr Bruder in diesem Sommer eigene Pläne hatte.

„Ich ahne auch schon was.“ Daniela holte tief Luft und warf Martin einen Blick zu, der heißen sollte: Lass uns standhaft bleiben!

„Ja, ohne großes Drumherumgerede: Tim und ich wollen in diesen Sommerferien allein verreisen. Tims Alter...ähem,... ich meine, Tims Vater hat nämlich keine Zeit, der muss wieder mal von einer Konferenz zur anderen und seine Mutter hat auch nicht wirklich Interesse und deshalb...“

„Ich verstehe schon“, unterbrach ihn Martin. „Deshalb willst Du mit deinem Kumpel allein losziehen.“

„Ja!“ Alexander atmete auf. Das schien wohl klar zu gehen. „Ist doch  keine große Sache, oder?“, fragte er voller Optimismus. „Ich habe einfach keinen Bock mehr darauf, mit euch zum tausendsten Mal in diese langweilige Ferienwohnung nach Cuxhaven zu fahren.“

„Das stimmt allerdings. Mal etwas Abwechslung wäre nicht schlecht“, schaltete sich Franziska ein. „Ich darf gar nicht daran denken, wohin die anderen in meiner Klasse so fahren. Die Ferienziele müsstet ihr mal hören... Griechenland, Türkei, Spanien, Ägypten oder die Malediven....Florian Menzel und seine Eltern fahren sogar nach Japan... Und dann komm ich und erzähle wieder mal was von Cuxhaven“, jammerte sie.

„Die Kohle dafür hätten wir  doch...“ ergänzte Alex.

„Was habt ihr denn plötzlich gegen Cuxhaven? Die ganzen Ferienziele im Ausland sind doch alle so schrecklich überlaufen.“

„Leer ist es in Cuxhaven im Juli und August auch nicht gerade“, wandte Alexander ein.

„Aber trotzdem immer noch kein Vergleich zu den Touristenhochburgen im Ausland. Gegen diese Urlauberinvasion war die Völkerwanderung ja der reinste Schulausflug“, behauptete Martin. „Ich habe jedenfalls keine Lust, fünf Stunden oder sogar noch länger in einer Flugzeugkabine zusammen mit zweihundert Menschen eingepfercht zu sein. Schlechtes Essen, nervende Mitreisende und was man sonst noch auf so einem Langstreckenflug in Kauf nehmen muss. Wozu das alles?“

„Bisher hat es euch doch immer gefallen, oder nicht?“, wollte Daniela wissen. „Der Strand, die Nordsee...“

„...die sich alle paar Stunden verabschiedet...“, lästerte Alexander murmelnd.

„...die gesunde Luft...“

„...und Paps, der aussieht wie eine geplatzte Blumenvase, weil er drei Wochen lang Hawaiihemden trägt“, fügte Franziska kichernd hinzu.

„Also bitte, ja?“ Martin warf seiner Tochter einen gequälten Blick zu. „Das ist wohl schließlich meine Sache, was ich im Urlaub trage.“

„An deine Familie denkst du dabei aber nicht.“

„Wieso?“

„Also ich schäme mich, wenn du diese Scheußlichkeiten anziehst.“ Franziska seufzte.

Nun musste Alexander lachen. „Du hast es gerade nötig! Wenn ich an deine Nachthemden denke... und die trägst du ja nicht nur in den Ferien. Die sind auch nicht gerade der Bringer. Zum Glück trägst du die nur nachts, da ist es dunkel. Da sieht man es nicht.“

„Seit wann hast du denn Ahnung von Mode?“, höhnte Franziska erbost.

„Alex hat ganz recht“, schaltete sich nun auch noch Max in die Bekleidungsdiskussion ein. „Wie 'ne olle Oma siehste darin aus. Fehlt nur noch die Nachthaube auf dem Kopf.“

Bevor Franziska eine passende Antwort einfiel, sagte Alexander: „Nun mal zurück zu meiner Frage. Darf ich mit Tim verreisen? Ich bin nun wirklich alt genug, in den Ferien auch mal meine eigenen Wege zu gehen....“

„Na, Moment mal, Alex! So schnell schießen die Preußen nicht. Da wollen wir natürlich erst mal Einzelheiten wissen....“

„...vor allem natürlich, von was du deine Reise bezahlen willst, mein Sohn“,  fügte Daniela hinzu, die meistens immer zuerst auf die finanzielle Seite einer Sache blickte.

„Ach, ich dachte... wenn ich nicht mit euch fahre, dann spart ihr doch was, und das Geld könnte ich dann vielleicht....“ Er beendete den Satz nicht, weil er den ablehnenden Blick seiner Mutter sah.

„Was denkst du denn, was wir in dem Falle für dich abzweigen?“

„Viel muss es gar nicht sein“, kam eifrig die Antwort. „Nur dreihundert Euro. Mehr brauche ich gar nicht. Wir wollen nämlich auf die ganz billige Tour reisen.“

„Jaaaa?“ Martin sah Alex skeptisch an. Er ahnte, worauf sein Sohn hinauswollte. Auch Daniela war sofort klar, was die Uhr geschlagen hatte.

„Du willst trampen!!!“. rief sie laut und schrill aus. „Na, das kommt ja gar nicht in die Tüte. Das ist viel zu gefährlich!“

„Nun macht aber mal einen Punkt! Ich bin siebzehn, nächstes Jahr werde ich volljährig, was soll mir schon passieren? Ungefährlicher war es wohl auch nicht, was Paps in seiner Jugend gemacht hat.“

„Was hat er denn gemacht?“, wollte Max wissen und hoffte, dass spannende Details aus dem Leben seines Vaters aufgedeckt wurden.

„Er hat es mir selbst mal erzählt. Da war er auch erst siebzehn, also so alt wie ich. Damals ist er mit seinem Schulfreund Holger durch halb Europa gefahren mit der Eisenbahn.“

„Ach so...“ Max war enttäuscht. „Mehr nicht?“

„Das war auch etwas ganz anderes.“ Martins Stimme klang schärfer, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

„Ja, ja... ich weiß! Zu deiner Zeit war immer alles anders“, trotzte Alex der Aussage seines Vaters und zog eine Grimasse.

Zu deiner Zeit! Martin zuckte merklich zusammen. Das hörte sich so an, als wäre das im Mittelalter gewesen.

„Es waren andere Zeiten, ganz richtig“, schaltete sich Daniela nun  wieder ein.

„Ach ja, das gute alte 20. Jahrhundert“, tönte Max altklug, was für unverhofftes Gelächter am Tisch sorgte und die Diskussion entspannte.

„Lasst uns doch lieber weiter über die Erbschaft reden.“ Franziska wurde ungeduldig. „Wer ist denn überhaupt derjenige, der dir oder uns was vererbt hat?“

„Ich kann’s dir  nicht sagen. Es wird nicht erwähnt. Das sagte ich aber schon zu Beginn.“

„Wie geheimnisvoll! Ist wie in einem Thriller“, sagte Alexander.

„Du guckst entschieden zu viele schlechte Filme, wahrscheinlich mit Tim“, mutmaßte Franziska.

„Mehr steht nicht in der Einladung?“, fragte Daniela, ohne auf das geschwisterliche Geplänkel einzugehen.

„Nein. Wir sollen nächste Woche Dienstag um 17 Uhr beim Anwalt in dessen Kanzlei sein, das ist alles.“

„Gut, dann kann ich mich endlich um das Abendessen kümmern“, sagte Daniela erleichtert. „Familienkonferenz beendet!“

„Gott sei Dank, ich komme bald um vor Hunger“ murrte Alexander ungeduldig.

„Wir hätten schon längst fertig sein können, wenn du nicht mit deiner Reise angefangen hättest“, motzte Franziska zurück. „Außerdem solltest du besser ein schwarzes T-Shirt anziehen“, setzte sie spöttisch hinzu.

Alex hob die Augenbrauen und warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Es gibt nämlich Spaghetti mit Tomatensoße. Macht sich sehr reizvoll auf deinem weißen Hemd. Du solltest überhaupt oft Schwarz tragen, du kleckerst doch so gern. Mehr als Max.“

„Dummes Weib!“

„Kinder, bleibt friedlich! Franzi deckt jetzt den Tisch. Max hilft ihr und Alex geht in den Keller und holt zwei Flaschen Mineralwasser hoch.“ Damit waren die Aufgaben verteilt.

„Und was macht Paps?“ Franziska zeigte offene Empörung.

„Keine Sorge, für deinen Vater habe ich auch noch eine Aufgabe. Er darf nachher abräumen und alles in die Spülmaschine stellen.“

Doktor Reichert saß in seinem Büro über den Akten. In einer halben Stunde würde die Familie Rogalla vor ihm sitzen und er würde ihnen eines der seltsamsten Testamente seiner Laufbahn präsentieren. Er fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut, aber Pflicht war nun mal Pflicht. Als gewissenhafter Anwalt und Notar blieb ihm gar nichts anderes übrig.

Seine Gehilfin kam herein, eine bewährte Kraft, die schon zwanzig Jahre in seinen Diensten stand. Er betrachtete sie ausführlich. Eine attraktive Mittvierzigerin, die ihm zudem eine tüchtige Stütze in der Kanzlei war. Nie auffällig und trotzdem gepflegt gekleidet. Genau das richtige für seinen Bedarf.

Ob sie eigentlich verheiratet war? Ach nein, das wüsste er. Dann hätte sie ja nicht die Steuerklasse Eins. Aber einen Freund oder Lebensabschnittsgefährten, wie man heutzutage sagte, hatte sie gewiß. Er stutzte kurz. Wie kam er  in diesem Augenblick auf diese Frage? Dazu war jetzt keine Zeit. Aber er nahm sich vor, sie in den nächsten Tagen zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm essen zu gehen.

„Frau Peters, wir brauchen noch zwei Stühle, also insgesamt fünf für meine nächsten Besucher. Es handelt sich um eine ganze Familie. Testamentseröffnung, Sie verstehen?“

„Ich werde sofort alles veranlassen, Herr Doktor“, kam die dienstbeflissene Antwort. „Sofort.“

Der Rechtsanwalt erhob sich, wandte sich zum Fenster und sah hinaus. Das Leben war doch schon kompliziert genug. Er fragte sich, warum es nun auch noch Menschen gab, die noch nach ihrem Ableben für kuriose Situationen sorgten, mit denen andere dann fertig werden mussten.

Er selbst war zufrieden mit seinem Beruf, ohne Zweifel. Eine gutgehende Kanzlei, zwei pflegeleichte, intelligente Kinder (seine Frau war vor drei Jahren leider verstorben), ein Haus am Wannsee... aber trotzdem. Gerade an diesem Nachmittag wünschte er sich, mit einem der Leute, die er gerade auf dem Kurfürstendamm entlanggehen sah, tauschen zu können. Zum Beispiel so ein Taxifahrer, wie er eben gerade aus seinem Wagen stieg, um seinem Fahrgast behilflich zu sein. Der musste sich höchstens Gedanken um steigende Benzinpreise machen. Oder der Fremdenführer, der gerade zu einer Touristengruppe in den Bus stieg, um sie durch die Stadt zu führen. So sinnierte er noch eine Weile, bis Frau Peters mit den  beiden Stühlen ins Zimmer kam.

„Die Familie Rogalla ist übrigens gerade eingetroffen, Herr Doktor.“

„Ach ja? Nun gut, dann schicken Sie sie herein, Frau Peters. Danke schön.“

„Herr Doktor Reichert läßt bitten“, hörte er gleich darauf seine Gehilfin sagen und er nahm neben seinem Schreibtisch Aufstellung.

Einen Augenblick später kam Martin in den Raum, gefolgt von seiner Frau und den drei Kindern. Er sah sich kurz um, um zu kontrollieren, ob sie sich auch manierlich benahmen, konnte aber nichts Gegenteiliges feststellen. Die Atmosphäre des eleganten Büros mit den alten Schränken, einigen wenigen, aber guten Gemälden, dem mächtigen Schreibtisch und dem dicken Teppich schien seine sonst so muntere Bande in Atem zu halten. Besonders Max, der nie um einen frechen Spruch verlegen war, versteckte sich beinahe hinter Daniela.

„Herzlich willkommen, liebe Familie Rogalla“, ertönte nun die sonore Stimme des Rechtsanwalts, der seine Besucher mit wachen Augen musterte. „Nehmen Sie doch bitte Platz!“ Er deutete auf die fünf Stühle, die in einem leichten Bogen vor seinem Schreibtisch aufgestellt worden waren. „Frau Peters wird uns gleich einen Kaffee bringen. Oder lieber etwas anderes?“

„Für mich bitte eine Cola.“ Max hatte seine Zurückhaltung schon wieder etwas aufgegeben.

„Für mich auch“, sagten dann auch Alexander und Franziska wie aus einem Munde. Der Anwalt lächelte.

„Wir nehmen Kaffee“, sagte Daniela mit heiserer Stimme. Plötzlich war auch sie aufgeregt. Den ganzen Nachmittag war sie die Ruhe selbst gewesen, nun aber war sie darauf gespannt, was sie nun erfahren würden..

„Frau Peters, Sie haben die Wünsche der Herrschaften gehört. Dann also drei Cola und dreimal Kaffee. Danke, das ist das alles“,  nickte er ihr noch zu und sie schloss die Tür.

„Wir kommen dann wohl gleich zur Sache, liebe Familie Rogalla. Ich muss mich dafür entschuldigen, dass es in der Einladung versäumt wurde, wer der Erblasser ist. Es geht um den letzten Willen und den Nachlass des verstorbenen Heinrich Vogel.“

„Mein Patenonkel!“, rief Martin in höchstem Entsetzen. „Onkel Heinz!“

„Also dann wollen wir doch noch einmal alles in Ruhe miteinander besprechen“, sagte Daniela, als die Familie wieder zu Hause in ihrem Wohnzimmer saß.

„Ich raffe es immer noch nicht“, stöhnte Franziska. „Das ist wohl das Abgefahrenste, was ich jemals gehört habe.“

„Nun bleibt mal ganz ruhig, setzt euch hin... oder nein... holt euch alle erst mal was zu trinken und dann wollen wir ausführlich über die Sache reden“, ordnete Martin an.

Nachdem das geschehen war, begann er seine Zusammenfassung dessen, was ihnen dieser Dr. Reichert vor einer Stunde gerade in vielen Worten unterbreitet hatte.

„Wir erben also ein Haus...“

„... in irgendsoeinem Kuhkaff...“

„Franzi, bitte unterbrich mich nicht! Wir erben also ein Haus in Bayern...“

„...in Franken, Schatz, in Franken“, konnte sich Daniela nicht verkneifen zu sagen.

Martin  blickte entnervt. „“Meinetwegen... in Franken, genauer gesagt in Oelschnitz bei Münchberg.“

„Ja, aber nur, wenn wir völlig hirnrissige Bedingungen erfüllen“, ereiferte sich Daniela.

„Dein Patenonkel hat `ne Meise, Paps“, ergänzte Max. „Na, wer schon Vogel heißt!“

„Du sollst nicht immer so vorlaut sein ... So, jetzt bin ich völlig aus dem Konzept. Was wollte ich doch gleich sagen?“

„Komm, gib mir mal die Unterlagen, Schatz.“ Daniela streckte ihm den Arm hin und machte eine verlangende Handbewegung.

„Was für Unterlagen?“

„Das Testament. Ich lese es am besten noch einmal laut vor.“

„Ja, das muss man noch mal gehört haben. Aber bitte schön langsam, weil ich es immer noch nicht glauben kann“, bat Alexander und schnaubte verächtlich.

Daniela holte ihre Brille heraus, die sie neuerdings zum Lesen brauchte, nahm die Papiere, die ihnen der Anwalt ausgehändigt hatte und begann.

„Ich lasse mal den ganzen juristischen Schmus  natürlich weg und komme gleich zum wesentlichen Teil, in dem wir vorkommen.“

„Ja, klar.“

„Also..... wo war das doch...?“ Einen Moment lang nuschelte sie etwas vor sich hin, dann redete sie wieder klar und deutlich. „Ah ja, hier.“ Sie räusperte sich und las nun vor.

„Mein Haus mit dazugehörendem Grundstück in Oelschnitz vermache ich meinem Patenkind Martin Rogalla und seiner Familie unter der Bedingung, dass sie alle zusammen für den Zeitraum von mindestens sechs  Wochen in dem genannten Haus unter den Bedingungen des Jahres 1960 leben. Das Haus und seine gesamte Einrichtung entsprechen dem technischen Standard dieser Epoche. Diese Lebensbedingungen sind ohne Ausnahme beizubehalten, auch außerhalb des Hauses.“ Daniela machte eine Pause und holte tief Luft.

„Außerhalb des Hauses auch? Was soll das eigentlich bedeuten?“  Max sah die Großen verwirrt an. Darunter konnte er  sich nichts vorstellen.

„Ich wage es nicht, auszusprechen, was ich denke“, meinte Daniela zögerlich und schwieg danach.

Gelegenheit für Alexander, seinem Frust Luft zu machen. „Für mich ist das der reinste Quark. Lebensbedingungen wie vor fünfzig Jahren.Wie blöd ist das denn?“

„Das klingt wie so ein Zeitreise-Experiment im Fernsehen“, schob Franziska ein.

„Genau. Franzi hat recht“, bestätigte Alex „Ihr wißt, was das heißt? Die ganze Zeit, die wir in dem alten Schuppen leben, sind wir ohne PC, Internet, Handy, DVD-Player und sonst allem, was man zum Leben braucht.“

„Na ja, früher hat man schon ohne diese Dinge leben können“,  gab Martin zu bedenken, „ohne, dass die Welt unterging.“

„Pass auf, gleich erzählt Paps wieder seine Erlebnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg.“

„Franzi!“, rief Daniela scharf aus. „Das geht dann doch wohl etwas weit.“

„Na, ich hab doch recht“, maulte das Mädchen.

„Ich finde das Testament auch wenig prickelnd, aber was euer Vater sagte, stimmt schon.“

„Lies doch mal weiter“, forderte Alexander ungeduldig. „Soweit ich mich erinnere, kommt weiter unten noch der Hammer schlechthin.“

Daniela blickte wieder auf das Dokument und ihre Augen wanderten suchend über das Papier. Dann hatte sie die Stelle gefunden.

„Herr Doktor Reichert wird bestimmt, eine Person seines Vertrauens einzusetzen, die während der sechs Wochen, die Familie Rogalla in dem Haus verbringt, die korrekte Durchführung der Bestimmungen überwacht....“ Weiter kam sie nicht, denn Alexander unterbrach sie.

„Und nun kommt die Krönung der Geschichte.“ Mit  diesen Worten hatte er ihr das Dokument mit Schwung entrissen und las nun seinerseits laut vor. „Die Familie Rogalla ist ferner angehalten, wie bereits erwähnt, ihr persönliches Verhalten ebenfalls  den Verhältnissen, auch in moralischer Hinsicht, von 1960 anzupassen. Beim geringsten Verstoß gegen die oben genannten Bedingungen fällt das Erbe an meinen Nachbarn Josef Grieser, den Vorsitzenden des Kaninchenzuchtvereins.“

„Un – glaub – lich!“,  kommentierte Max, auch wenn er immer noch nicht so wirklich wusste, was mit der letztgenannten Verfügung genau gemeint war.

„Doktor Reichert hatte es vorhin erläutert.“ Martin fühlte sich angesichts der Ratlosigkeit seiner Familie veranlasst, die Worte des Rechtsanwalts zu wiederholen. „Wir haben uns die ganze Zeit so zu verhalten, wie es damals üblich war.“

„Frechheit! Eine bodenlose Frechheit, wenn ihr mich fragt!“, polterte Alexander und auch Franziska verzog das Gesicht zu einer ablehnenden Grimasse.

„Wie abgefahren ist das denn? So ein Testament ist doch nahezu sittenwidrig.“ Den Begriff hatte sie vor kurzer Zeit in einer dieser Gerichtsshows im Fernsehen gehört. „Na, das war’s dann wohl. Erbschaft ade!“

„Und wieso sollen wir wie vor fünfzig Jahren leben?“, fragte Alexander.

„Ich glaube, dass hängt damit zusammen, dass Onkel Heinz das Haus in jenem Jahr gekauft hat. Ich war dann Anfang der 70er Jahre das erste Mal dort in den Ferien.“

Franziska rollte mit den Augen. „Du musst deinem Patenonkel als Kind ziemlich auf den Wecker gegangen sein, Paps. Dafür rächt er sich jetzt noch aus dem Jenseits.“

Martin ging gar nicht auf die Vorwürfe seiner Tochter und die seltsamen Testamentsbestimmungen ein, sah jedoch nachdenklich in die Runde. „Sechs Wochen. Ist doch gar nicht machbar. Wer hat denn soviel Zeit im Stück, um sich eben mal in die Vergangenheit zu begeben.“

„Wir schon“, sagte nun Max, der bis auf  das eine Wort  noch nichts zur Diskussion beigetragen  hatte. „Alex, Franzi und ich haben doch in einem Monat Sommerferien. Sechs Wochen.“

„Ich habe fast den Verdacht, dein Onkel hat extra deswegen diesen Zeitraum gewählt. Schließlich soll ja die gesamte Familie dort leben.“

„Dani, das mag sein. Aber was ist mit Dir und mir? Sechs Wochen Urlaub nehmen? Geht doch gar nicht.“

„Außerdem spielen wir eh nicht mit bei dem Drama“, tönte Alexander selbstsicher. „Ich auf keinen Fall. Ich habe ganz andere Ferienpläne. Das wisst ihr.“

„Ich schließe mich dem an“, unterstützte Franzi seine Aussage. „Ich weiß  nicht mal wirklich, wie sich Mädchen meines Alters damals zu benehmen hatten...“

„Na, oder Siebzehnjährige...“ setzte Alex hinzu.

„Bestimmt brav und bieder, die ihren Eltern nie widersprechen und alles hinnehmen.“

„Genau, und wenn wir nicht machen, was ihr wollt, werden wir verprügelt“, steigerte sich Alexander in Horrorfantasien.

„Als ob wir euch jemals geschlagen hätten!“, protestierten Daniela und Martin gleichzeitig.

„Nee, ist ja auch strafbar heutzutage.“

„Wir hätten das auch nicht vor fünfzig Jahren gemacht“, erklärte Martin. „Das war auch damals nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Mutti und ich sind zwar strenger als ihr, aber auch ohne nennenswerte körperliche Gewalt aufgezogen worden.“

Franziska zuckte schließlich mit den Schultern. „Aber prüde war man damals nicht zu knapp.“

„Auf dem Dorf brauchst du auch keine Freiheiten dieser Art“, lästerte Alex. „Dein Sebastian  ist nicht da und ob die Dörfler mit dir flirten wollen....Da hast du gar keine Gelegenheit,  moralische Einschränkungen zu überschreiten.“

Daniela blickte ihren Martin an und dann ihren Nachwuchs. „Na, immerhin sind wir ein verheiratetes Paar, sonst hätten wir damit schon mindestens dreimal gegen die damalige Moral verstoßen.“ Sie kicherte leise, aber niemand sagte etwas. Nur Max, der bisher nichts gesagt hatte, tat seine Meinung kund. „Also für mich ist das eine coole Sache.“  Mehr nicht.

„Solche Redewendungen kannst du dir dann aber auch bestimmt verkneifen, Mäxchen“, lästerte Alex.  „Wir sollten vorsichtshalber einen Sprachkurs belegen.  Deutsche Sprache in uralter Zeit.“

Darauf erwiderte niemand etwas Schweigen erfüllte das Wohnzimmer erneut. Nur Martin schien bei Franziskas und Alexanders Worten einen schwachen Seufzer von sich gegeben zu haben, schien es Daniela. Als sie ihn verstohlen betrachtete, glaubte sie außerdem einen erkennbaren Hauch von Enttäuschung über seinem Gesicht bemerkt zu haben. Sie erinnerte sich an ihr Gespräch gerade vor wenigen Tagen, in dem es um gerade dieses Haus gegangen war, das sie nun erben sollten, wenn.... ja, wenn.

„Wieso sollst denn ausgerechnet du das Haus erben?“, fragte Daniela plötzlich. „Hatte dein Patenonkel denn keine Kinder oder andere Verwandte? Und was ist mit diesem Kaninchenzüchter-Nachbar, der an unserer Stelle erben wird, wenn wir das Testament nicht annehmen oder die Bedingungen nicht erfüllen? Warum soll er das Haus nicht gleich bekommen?“

„Wir haben eine Woche  Zeit, uns endgültig zu entscheiden“, warf Martin informativ in die Runde.

„Dann lasst uns später eine Entscheidung treffen. Wir wollen Abendbrot essen“, forderte Daniela, in der Hoffnung, die Stimmung etwas zu entkrampfen.

„Was gibt’s denn?“ Alexander merkte, dass er einen enormen Hunger verspürte.

„Bestimmt wieder mal Dosenfutter oder Tiefkühlpizza“, platzte Franziska vorlaut heraus.

„Gesundes Essen sieht anders aus“, schlug Alexander in die gleiche Kerbe.

Daniela blickte ihre Kinder böse an. „Wenn es euch nicht passt, was ich als berufstätige Frau auf den Tisch bringe, müsst ihr selber kochen.“ Sie deutete auf die Küchenuhr, die halb acht anzeigte. „Noch sind die Geschäfte offen. Bitte, geht hin und kauft euch was!“

„So war das doch gar nicht gemeint.“ Franziska reagierte mit Zerknirschtheit.

„Will ich schwer hoffen.“ Daniela nickte, öffnete den Kühlschrank, sagte aber auch nichts mehr. Sie wußte nur allzu gut, dass sie viel zu oft auf die hilfreichen Fertigprodukte der modernen Lebensmittelindustrie zurückgriff. Seit langer Zeit hatte sie schon kein Essen aus frischen Zutaten mehr gekocht.  Sie musste sich wieder einmal die Zeit nehmen, damit sie es nicht ganz verlernte.

Drei Stunden später lagen Daniela und Martin nebeneinander im Schlafzimmer in ihrem Doppelbett.

Wie fast alles in ihrer Wohnung war auch die Einrichtung dieses Raumes nach dem neuesten Wohnstil.  Erst vor einem Jahr hatten sie alle Zimmer renovieren lassen und sich nach zehn Jahren auch neue Möbel im Wohnzimmer und im Schlafzimmer geleistet.

„Ich muss zugeben, dass dieses Testament mir schwer im Magen liegt“, begann Martin ohne Vorrede. „Die Bedingungen sind doch einfach lächerlich. Hat man so etwas überhaupt schon mal gehört? Ist so etwas überhaupt zulässig?“

„Mich darfst du nicht fragen. Aber sag’ mal, wäre es denn theoretisch überhaupt möglich, dass du sechs Wochen Urlaub bekommst, so am Stück?“

„Vom diesjährigen Jahresurlaub habe ich ja noch keinen Tag verbraucht. Bei dreißig Urlaubstagen, die mir zustehen, käme das genau hin. Vielleicht kann ich auch durch Überstunden einen Teil vor- oder nacharbeiten. Wie sieht es bei dir aus?“

„Ähnlich.“

„Ja, und die Kinder haben Sommerferien. Es hat ganz den Anschein, als wäre dieser Zeitrahmen von meinem Patenonkel ganz bewusst gewählt worden. Das sagtest du vorhin schon, und ich muss dir inzwischen recht geben.“

„Aber selbst wenn wir das regeln könnten, bleiben doch immer noch diese unmöglichen Auflagen. Du hast ja gehört, was die beiden Großen gesagt haben. Und auch wir beide, wenn wir ehrlich sind, sind doch viel zu verwöhnt mit den heutigen technischen Errungenschaften und könnten nicht darauf verzichten.“

„Ja, wahrscheinlich....“ kam es etwas zögerlich von Martin und er wiegte den Kopf dabei hin und her. „Aber ganz unmöglich wäre es auch nicht.“

„Martin, ich glaube, du spinnst!“

„Ich stelle es mir auf eine gewisse Art und Weise schon reizvoll vor“. Martin schien gar nicht auf Danielas Einwand zu reagieren. Plötzlich kamen die Erinnerungen an seine Kindheit  und er dachte an die unbeschwerten Ferientage zurück, die er bei seinem Patenonkel in dem Haus verbracht hatte. So mancher Streich, den er zusammen mit der Dorfjugend ausgeheckt hatte, fiel ihm wieder ein und er lächelte ganz unbewusst. Erst als er einen leichten Stoß erhielt, kehrte er in die Gegenwart zurück.

„Sag mal, wo warst du denn gerade in Gedanken? Ach, warum frage ich eigentlich? Ich kann es mir denken.“ Daniela winkte ab. „Natürlich in dem Haus, in deiner Kindheit.“

„Ja, aber woher weißt du...?“

„Dein Gesichtsausdruck verrät alles. Dein nostalgisch verklärter Blick ist unverkennbar.“

„Leider bleibt es ein Traum. Das kann ich dir und den Kindern nicht zumuten, abgesehen von allen anderen Hindernissen.“ Martin war wieder einmal voll in seiner Rolle des verständnisvollen Ehemanns und Vaters.

„Das sollte nun wirklich nicht der Hauptgrund sein, auf diese Erbschaft zu verzichten.“ Daniela betrachtete die Angelegenheit nun von der praktischen und wirtschaftlichen Seite. „Das Haus stellt doch einen gewissen Wert dar, dazu noch das Grundstück. Natürlich... die Zeiten sind alles andere als rosig, da weiß man nicht, welchen Preis man bei einem Verkauf erzielen könnte, und sehr verkehrsgünstig scheint es mir auch nicht wirklich zu liegen...und trotzdem... Einen nicht zu verachtenden Geldregen könnte es schon für uns bedeuten. Wenn Alex und Franziska nach dem Abitur studieren wollen, brauchen sie schließlich weiter unsere Unterstützung, auch und gerade finanziell. Findest du nicht?“

Martin blickte seine Frau erstaunt an. „Liebes, meinst du das wirklich?“

„Durchaus, durchaus. Denn dort für immer hinziehen käme natürlich auf keinen Fall in Frage.“

„Martin zuckte zusammen. „Habe ich denn so etwas verlangt?“

„Nein, nicht mit Worten, aber dein Blick verrät mir alles. Da wollte ich gleich vorbauen, damit du deine Gedanken gar nicht erst aussprichst. Ich bin ein Großstadtkind und ich möchte nirgendwo anders als in Berlin leben.“

„Da hast du schon recht. Aber weißt du,...“ Martin wurde wieder munter und richtete sich auf. „...ich kann mir vorstellen, dass selbst eine begrenzte Zeit in dem altmodischen Haus in gewisser Weise auch eine Art Jungbrunnen  darstellt, für uns beide meine ich.“

„Jungbrunnen?“

„In geistiger Hinsicht. Doch ja, so eine Reise in die Vergangenheit, in die eigene Kinderzeit wird einem nicht alle Tage geboten. Du selbst hast doch auch immer erzählt, dass deine Eltern noch lange ihre allererste Wohnungseinrichtung besaßen. Du bist also demnach auch in genau diesem Fünfziger-Jahre-Stil aufgewachsen,  so wie ich.  Und den finden wir auch in dem Haus von Onkel Heinz. Außerdem...“, setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, „wir beide sind manchmal nur nach außen hin dynamisch, modern und allem Neuen gegenüber aufgeschlossen.“

„Ja, aber das muss man doch auch sein, sonst kann man doch nicht mehr mithalten. Das gehört zum modernen Leben einfach dazu, auch wenn einem manchmal die ganze Technik über den Kopf zu wachsen scheint.  PC, Internet, Handy, DVD-Player, Satellitenfernsehen und was nicht noch alles... Ohne diese Dinge funktioniert unser heutiger Alltag einfach nicht.“

„Da magst du recht haben, Dani.  Doch in Wirklichkeit sind wir beide jedenfalls schon noch  ein wenig... na, sagen wir mal, sentimental, wenn es um die Jahre unserer Kindheit geht, oder nicht?“

„Du willst jetzt hoffentlich nicht damit sagen, dass ich altmodisch wäre, oder?“ 

„Nein, das hast du falsch verstanden. Wir beide sind schon moderne Menschen, die mit beiden Beinen fest in der Gegenwart stehen...“

„Na eben!“

„.... aber das heißt doch nicht, dass wir uns nicht gern an unsere Kindheit erinnern dürfen.“

„Ja, aber das bedeutet genauso wenig, dass ich noch einmal wie vor fünfzig Jahren leben möchte, auch nicht für eine begrenzte Zeit. Du bist da vielleicht anfälliger für die Idee mit deinem Hang zur Nostalgie. Du weißt aber auch genau, dass einem meistens nur die angenehmen Erlebnisse in Erinnerung bleiben und man vieles idealisiert.“

„Jetzt hörst du dich wie ein Pschychologieexperte im Fernsehen an, der einem einreden will, dass man sich seiner Kindheit schämen muss, nur weil man seinen Vater bewundert und seine Mutter nicht gehasst hat.“

Daniela gluckste vor sich hin. „Also, weißt Du...! Auf welchem Sender hast du denn das gehört und gesehen?“

„Keine Ahnung.“ Martin grinste verschlagen. „Aber dir ist doch klar, was ich eigentlich meine, oder?“

Daniela wirkte noch unschlüssig. „Aber wir wissen nicht, in welchem Zustand das ganze Haus sich eigentlich befindet, oder? Hatte dein Onkel nicht auch eine Gastwirtschaft im Haus?“

„Ja, eine richtige typische Dorfkneipe, wo es zum Bier eine zünftige Brotzeit gab oder auch mal Bratkartoffeln mit Sülze. Stell dir vor, Onkel Heinz hat sogar extra Schafskopf spielen gelernt.“

„Schafskopf???“

„Ja, das ist ein Kartenspiel, was in der Gegend von den Einheimischen gern gespielt wird. Deswegen sind die Bauern auch immer gern zu ihm ins Wirtshaus gekommen.  Vor zwei Jahren hat er dann aufgegeben. Tante Inge war kurz vorher gestorben und sie hatten auch keine Kinder.“

„Bist du denn seit deiner Kindheit noch mal dort gewesen?“

„Ein- oder zweimal, aber nur für eine halbe Stunde, als ich mal geschäftlich in Bayern zu tun hatte. Da konnte ich nicht sehr viel anschauen. Ansonsten habe ich vor allem in den letzten Jahren nur ab und zu mal einen Brief geschrieben. Aber allein der Zustand des Hauses und die Ausstattung mit alten Möbeln und Gerätschaften ist auch nicht, was mir Kopfzerbrechen bereitet. Denk doch nur an die Bedingung, dass wir uns auch wie vor fünfzig Jahren zu verhalten hätten.“

„Jaaaaa....“, gab Daniela gedehnt zur Antwort. Sie neigte ihren Kopf ein wenig. „Was soll das eigentlich genau heißen?“ Martin grinste nur und sie zog die Augenbrauen hoch. „Vermutlich werde ich ins Haus verbannt, darf euch von morgens bis abends bedienen und du spielst den Pascha“, gab sich Daniela schließlich selbst die Antwort.

„Ich glaube, genau das ist damit gemeint.“ Martin streckte ihr scherzhaft die Zunge entgegnen.  „Du bist eingeteilt zum Kochen und Putzen.  Natürlich darfst du auch mal ausgehen... zum Einkaufen Und sonntags kannst du die Küchenschürze ablegen und auch mal ein hübsches Kleid tragen, wenn du für unsere, besonders für meine Bequemlichkeit sorgst.“

Martin kicherte heiser und sah zu Daniela herüber.

„Ich finde das gar nicht komisch. Und was machst du in der Zwischenzeit?“

„Ich bin der Haushaltungsvorstand und alles tanzt nach meiner Pfeife.“

Daniela tippte sich an die Stirn. „Das wäre ja finsterstes Mittelalter.“

„Tu nicht so empört! Du weißt genau, dass das damals so üblich war und wenn wir uns wirklich darauf einlassen....“

Martin beendete den Satz nicht. Stattdessen zuckte er nur mit den Schultern.

„Mmmh.“ Daniela machte ein nachdenkliches Gesicht. „ Wenn ich meiner Mutter Glauben schenke, dann war die Allmacht der Ehemänner vor fünfzig Jahren auch nicht immer garantiert. Die Ehefrauen hatten da schon ihre Methoden, ihren Willen durchzusetzen.“

„Ja, das habe ich natürlich auch schon gehört. Und du selbst scheust dich  manchmal nicht davor, echt weibliche Tricks anzuwenden, wenn du was bei mir erreichen willst.“

„Sag mal, geht’s noch?“, meinte Daniela mit schriller Stimme. Sie hatte Martins Lächeln übersehen, denn er hatte sie nur aufziehen wollen. „Ich denke doch, dass wir eine gute Ehe in angenehmer Gleichberechtigung führen.“

„Schatz, ich wollte dich doch nur ein bisschen veralbern.“

„Du und deine seltsamen Scherze.“ Daniela seufzte und boxte eine Mulde in ihr Kopfkissen und bettete ihr Haupt darauf. „Lass uns darüber schlafen und in den nächsten Tagen noch einmal mit den Kindern über alles reden, ja? Ich bin jetzt müde.“ Zur Bestätigung gähnte sie herzhaft.

„Einverstanden.“ Martin drückte auf den Schalter der Nachttischlampe, gab Daniela einen Gute-Nacht-Kuss  und ließ ebenfalls  seinen Kopf ins Kissen sinken.

Doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Zu viele Gedanken und noch mehr Bilder der Erinnerung an seine Kindheit verhinderten, dass er die nötige Ruhe fand. Er begann zu grübeln. War das Leben, das er führte, wirklich befriedigend? Hatte er erreicht, was er sich einmal vorgestellt hatte? Sicher, sein Erfolg im Beruf war einer der Grundlagen für die materielle Sicherheit, in der er mit seiner Familie lebte. Aber war das wirklich das Wichtigste im Leben?

Er starrte an die Decke und musste plötzlich lächeln. Das waren doch alles Sprüche, die man sonst nur aus dem Munde von Idealisten und Träumern hörte, die aus dem Überfluß heraus große Reden schwangen. Natürlich war es wichtig, dass es Daniela und den Kindern gut ging und dass sie alles hatten, was zum angenehmen Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehörte.

Aber warum ertappte er sich jetzt bei dem Gedanken, wie schön es doch sein könnte, noch einmal so leben zu können wie vor vierzig oder fünfzig Jahren? War es nur Sentimentalität? Wollte er sich wieder jung fühlen? Das Wort „Jungbrunnen“ hatte er schließlich selbst vorhin ins Gespräch einfließen lassen.

Plötzlich ging das Licht auf Danielas Bettseite an.

„Was ist denn los? Kannst du nicht schlafen?“, fragte sie besorgt. „Das kenne ich doch gar nicht von dir.“

Martin schüttelte den Kopf. Dann sah er sie an, wollte etwas sagen. Aber es fehlten ihm offensichtlich die Worte.

„Ich... Also... Weißt du...“ begann er schließlich zusammenhanglos. „Was ich sagen will...“ Wieder brach er ab.

Daniela gähnte herzhaft und ließ den Kopf sinken. „Schatz, ich bin müde“, murmelte sie vor sich hin. „Lass uns schlafen und morgen abend noch einmal über alles reden“, wiederholte sie ihren Vorschlag von vorhin. „Bitte.“ Das Licht ging wieder aus.

„Also gut.“ Martin seufzte und setzte hinzu, dass er es bezweifle, dass er so schnell zur Ruhe kommen würde, aber Danielas ungestörten Schlaf wolle er auch nicht auf dem Gewissen haben.

Drei Minuten lang herrschte Stille im Schlafzimmer. Daniela dachte gerade darüber nach, ob sie sich nicht doch anhören sollte, was Martin beschäftigte, als von der anderen Hälfte des Bettes ein eindeutiges Geräusch zu hören war. Martin war eingeschlafen und hatte seine mittelschwere Kreissäge angeworfen. Herzlichen Dank auch. Erst wälzte sich dieser Mann hin und her, so dass man selber wieder wach wurde und dann so ein Konzert... Zugegeben, Martin schnarchte nicht oft, aber wenn es einmal vorkam, sägte er mit Genuss und Ausdauer.

Zwei Tage später fand in Franziskas Zimmer eine Konferenz statt. Allerdings nicht sie, sondern Max hatte die Idee zu der Besprechung gehabt, aber um Stillschweigen gegenüber den Eltern gebeten.

„Ich bin nur gespannt, was der Kleine sich ausgedacht hat.“

sagte Alex und betrachtete die Wände, die seine Schwester mit Bildern ihrer angebeteten Popstars und Schauspielern bepflastert hatte.

„Das werdet ihr gleich erfahren.“ Max steckte seinen Blondschopf durch die Tür,  betrat das Zimmer und grinste breit. „Na, alles schick?“, fügte er als die heutzutage übliche Grußformel hinterher.

„Klar! Aber nun mach’s nicht so spannend“, drängelte Franziska. „Ich will noch mit Sandra in die neue Einkaufspassage. Außerdem muss ich noch ein halbes Dutzend E-Mails schreiben.“

„Keine Bange, es dauert nicht lange“, winkte der Kleine lässig ab. „Also....“ Er räusperte sich bedeutungsvoll. „Wie steht ihr denn nun zu unserer Erbschaft und dem Testament?“

Alexander stöhnte laut. „Menno, was soll denn der Quatsch? Deswegen dieses geheimnisvolle Treffen?“

„Ja, aber wirklich, Max. Da muss ich Alex recht geben“, sagte Franziska. „...auch wenn ich es nur sehr ungern tue.“ Sie gluckste amüsiert.

„Sag bloß, du wärst bereit, dieses verrückte Spiel in diesem Nest mitzumachen?“ Alex sah seinen kleinen Bruder skeptisch an. Manchmal kam der Zwerg auf die absonderlichsten Ideen.

„Gemach, gemach! Ich weiß doch, dass ihr euch absolut ablehnend stellt.“

„Na, aus gutem Grund! Ich mach mich doch nicht zum Deppen!“

„Auch nicht für einen guten Zweck?“

„Halloooo??? Guter Zweck?“ Die beiden Großen stutzten.

„Ich will zugeben, eine Erbschaft ist schon nicht schlecht“, gab Franziska zu. „Aber dann so eine alte Hütte irgendwo im finstersten Frankenland.... Meinst du, die bringt viel Geld, wenn wir sie hinterher verscherbeln? Ob wir dafür überhaupt einen Käufer finden?“

„Ich rede nicht vom Geld!“

„Sondern?“ Alexander erhob sich von Franziskas Bett, auf das er sich lässig geworfen hatte.

„Habt ihr euch in den letzten beiden Tagen mal den Gesichtsausdruck von Paps angesehen? Ich habe ihn genau beobachtet.“

„Und was hast du in seinem Gesicht gesehen?“

Max setzte eine möglichst erwachsene Miene auf und gönnte sich noch eine kunstvolle Pause, um sicher zu sein, dass seine nächste Bemerkung die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt.

„Paps würde erstens gerne das Haus erben. Aus ganz sentimentalen Gründen. Da bin ich mir sicher. Und dafür würde er auch das idiotische Testament erfüllen.“

Alexander wollte gerade etwas erwidern, aber Franziska bremste ihn. „Warte mal, Alex. Ich glaube fast, unser Maxi liegt gar nicht so falsch. Ein klein wenig hatte ich auch das Gefühl, dass unser Erzeuger ganz gern noch einmal in seine Kindheit zurückreisen möchte. Das Haus bedeutet ihm vielleicht mehr, als wir im Moment ahnen und wissen.“

Alexander ließ sich wieder auf das Bett fallen. „Aber deswegen sollen wir alle sechs Wochen nicht nur in das Kuhdorf, sondern auch noch auf alles verzichten, was das Leben erst lebenswert macht? Überlegt euch das gut!“ Er hob warnend den rechten Zeigefinger in die Luft. „Wir müssen uns in allem anpassen, also auch kleidungsmäßig.“ Alex zeigte eindringlich auf seine heißgeliebten Sneakers.  „...und außerdem“, setzte er seine Mahnung fort,  „...das bedeutet: Kein Handy, keine DVDs, kein Video, wahrscheinlich nicht mal Fernsehen, kein PC, kein Internet, keine Shoppingtouren,  vor allem kein Sebastian Köhler...“

„Hör auf, hör auf!“, rief Franziska. „Das ist mir längst alles klar.“  Dass Alexander jetzt Basti ins Spiel brachte, war unfair. Aber in den Ferien würden sie sich ohnehin nicht sehen können, da die Köhlers in diesem  Jahr  einen großen Teil der Sommerferien bei Sebastians Onkel in Los Angeles verbringen würden. Das wußte auch Max.

„Der ist ohnehin weit weg in Amerika!“

„Ja, und? Aber sein Onkel hat unter Garantie Internetanschluss“, bohrte Alexander weiter.

Franziskas Augen schossen Pfeile. „Halt doch mal deine Klappe! Du bist fies, richtig fies!“ Sie kämpfte mit den Tränen. „Aber ob ich nun in Cuxhaven oder im tiefsten Bayern versauere, ist mir auch schon egal. Wenn ich wie Max der Sache zustimme, stehst du auf verlorenem Posten.“ In ihrer Stimme schwang ein Hauch von Genugtuung mit und mit Befriedigung sah sie eine leichte Bestürzung auf dem Gesicht des großen Bruders.

„Überlegt doch aber mal, was für ein geiler Spaß das werden kann.“ Das war Max, der merkte, dass seine Schwester bereits schwankend in ihrer bisherigen Ablehnung war. Jetzt galt es nur noch,  Alexander zu überzeugen.

Aber der entzog sich der weiteren Diskussion, indem er aufstand und das Zimmer verließ. An der Tür drehte er sich noch einmal um, tippte sich mit dem Zeigefinger an die eigene Stirn und sagte verächtlich: „Ihr habt ja 'nen Vogel!“

Nun gut, dann würde er erst einmal Franziska endgültig überzeugen und dann würden sie zusammen schon Alexanders Widerstand brechen, sagte sich Max.

Auch Daniela hatte sich während ihres Arbeitstages Gedanken darüber gemacht, ob es möglich wäre, die Testamentsbestimmungen zu erfüllen und damit das Haus erben zu können.

Nun saß sie in der S-Bahn und befand sich auf dem Weg nach Haus. Ausnahmsweise benutzte sie heute die öffentlichen Verkehrsmittel, weil sich Martin ihren Wagen ausgeliehen hatte. Seiner war an diesem Tag in der Werkstatt und da er  ein paar wichtige Kundentermine außerhalb des Büros geplant hatte, hatte sie ihm ihren kleinen Opel Corsa gegeben. Martin fühlte sich zwar in so einem kleinen Auto nie wohl, er selbst fuhr einen BMW, aber es war  die beste Lösung gewesen.

Normalerweise war es für Daniela auch kein Problem, mal auf ihren fahrbaren Untersatz zu verzichten, aber die technischen Schwierigkeiten, mit denen die Berliner S-Bahn in diesem Sommer kämpfte, führten auch heute wieder zu Zugausfällen und Verspätungen. Dadurch waren die wenigen verkehrenden Züge hoffnungslos überfüllt.

Es war folglich kein Vergnügen, sich mitten in dem Gewühl zu befinden. Die sommerlich warme Luft, dazu eine aparte Duftmischung aus Schweiß, Dönergeruch und Bier trugen auch nicht gerade zum Wohlgefühl bei, dazu die vielen Mobiltelefone, die ständig in allen Varianten verkündeten, dass sein Besitzer einen Anruf hatte. Vom einfachen Läuten oder Piepsen über alle möglichen Popsongs bis hin zu reinen Sinfoniekonzerten reichte die Palette der Möglichkeiten. Aber als ob das nun nicht schon nervig genug wäre, erfuhr man nun noch deutlicher, was sich die telefonierenden Fahrgäste mit ihren Gesprächspartner zu erzählen hatten.

Als sie endlich zu Hause angekommen war und die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, setzte sich Daniela erst einmal für ein paar Minuten auf den Balkon und genoß die Ruhe der kleinen Seitenstraße, in der man trotz des Feierabendverkehrs sogar noch Vögel zwitschern hören konnte. Sie schloss die Augen für einen Augenblick und entspannte sich  fühlbar.

Sie liebte das Großstadtleben, sie kannte von Geburt an nichts anderes, doch heute hatte sie genug davon. Aber heute war Freitag und zum Glück hatte sie in dieser Woche keinen Wochenenddienst im  Hotel, so dass sie die nächsten beiden Tage endlich mal wieder voll ihrer Familie widmen konnte, was selten genug vorkam.

Sie war wohl in einen leichten Schlaf gefallen, denn sie hatte gar nicht gemerkt,  dass Martin nach Haus gekommen war.

„Na, mein Schatz, wie geht es Dir?“

Erschrocken fuhr sie auf und stieß mit ihrer Stirn gegen Martins Kinn, da dieser sich gerade für einen Begrüßungskuss zu ihr hinab gebeugt hatte. Ein doppelter Schmerzensruf erfüllte daraufhin die nachmittägliche Luft der ruhigen Straße.

Martin rieb sich das Kinn und sah seine Frau vorwurfsvoll an. „Du bist ja heute wieder stürmisch! Kannst du nicht aufpassen?“

„Musst du einen auch so erschrecken?“, fragte Daniela ungehalten zurück und erhob sich aus dem Liegestuhl.

„Aber ich will mich nicht streiten. Der Tag war nervend... dann noch die Fahrt mit der S-Bahn“, seufzte sie, Mitleid erhoffend. „Ich habe heute nicht mal die Kraft, in mein Fitness-Studio zu gehen“, setze sie noch mit Nachdruck hinzu.

Doch Martin zeigte keinerlei Bereitschaft, ihr Trost zuzusprechen, obwohl er heute ihren Wagen  in Anspruch genommen hatte und gewissermaßen mitverantwortlich dafür war, dass sie sich so erschöpft fühlte. 

„Bei mir war es auch nicht besser“, entgegnete er stattdessen ungerührt. „Nebenbei gesagt, es ist mir rätselhaft, warum du  bei deiner Topfigur dreimal die Woche in diese Sportbude gehst, um an diesen Foltergeräten ins Schwitzen  zu kommen.“  Auf der Homepage des Fitnessclubs hatte er sich alles genau angesehen. Schon der Anblick der zahlreichen Geräte hatte ihn schaudern lassen.

„Dreimal die Woche eine halbe Stunde auf dem Laufband oder ein bisschen Training am Rückenstrecker würden dir auch nicht schaden. Und die Bauchpresse nicht zu vergessen“, setzte sie kichernd hinzu, was ihr ein süffisantes Lächeln von Martin einbrachte, sie aber nicht sonderlich rührte. „Außerdem gibt’s da noch jede Menge Gruppenkurse.“

„Das fehlte mir noch. Da käme ich mir vor wie in einer Hammelherde.“

„Das ist gut für den Bauch und auch für nen straffen Po.“

„Mein Hinterteil ist fest genug!“ protestierte Martin. „Aber von mir aus, mach weiter deine Kurse. Wie heißen die doch gleich? Aroma? Und der andere Pilatus?“

Daniela schüttelte lachend den Kopf.

„A-r-o-h-a“, buchstabierte sie. „Mit einem H wie Heinrich und Pilates, mit einem E wie Emil!“

„Tzzzz! Von mir aus! Augenwischerei nenne ich das. Angeblich so neuartige  Sportmethoden, mit denen den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen wird und die bald wieder von etwas anderem abgelöst werden. „Ganz früher sagte man einfach Gymnastik dazu, vor vierzig Jahren Trimm-dich, dann hieß es Aerobic und jetzt hat man dem Kind nur einen neuen Namen verpasst.“ Und noch bevor Daniela etwas dazu sagen konnte, setzte Martin hinzu: „Bedauere lieber mich! Von einem Ende der Stadt zum anderen, kreuz und quer musste ich heute fahren.“

„Ach, ihr Ärmsten“,  gab Alex mit spöttischem Unterton von sich. Er hatte die ganze Szene beobachtet und folgte nun seinen Eltern in die Küche, als diese an ihm vorbeigingen.

„Aber nun wißt ihr mal, wie es ist, wenn man jeden Tag auf die Öffis angewiesen ist.“

„Wenn das mal nicht wieder der übliche dezente Hinweis ist, dass unser Herr Sohn einen Mofaroller haben möchte“, gab Martin als Antwort, sah dabei aber nicht Alex, sondern Daniela an und redete mit ihr, als ob sie allein miteinander wären. „Und um die Diskussion gleich im Keim zu ersticken.... Wenn er alt genug bist, um einen motorisierten Untersatz zu fahren, ist er auch alt genug, um dafür zu jobben.“

„Richtig!“

„Menno, hier bekommt man echt gar nichts. Meine Reise mit Tim darf ich nicht machen, ein Mofa kriege ich nicht und das Unterlippenpiercing habt ihr mir auch nicht erlaubt.“

„Du wirst uns später mal dankbar sein!“, sagte Martin, wobei er plötzlich an seinen eigenen Vater denken musste. Wie sich doch von Generation zu Generation vielleicht die Inhalte der Diskussionen änderten, die Dialoge sich aber wiederholten. „Das kannst du mir glauben.“

Alex sagte gar nichts dazu, sondern winkte nur müde ab.

Aus dem Hintergrund war Franziskas Lachen zu hören. „Dein wievielter Versuch war das jetzt, Brüderchen?“

Aber auch sie bekam keine Antwort „“Was war denn nun so schlimm in der S-Bahn?“, fragte Alex stattdessen gnädig, an seine Mutter gewandt.

Daniela warf ihrem Ältesten einen dankbaren Blick zu. Wenigstens einer, der sich dafür interessierte.

„Schon allein in den Bahnhofshallen und auf den Bahnsteigen diese aufdringliche Duftmischung aller möglichen Snacks von Hamburgern, Currywürsten und Pizzagebäck aller Art.! Und auch  die Fahrt  selbst war wieder mal absolut nervtötend. Mitten im Berufsverkehr gibt es immer noch Leute, die sich unbedingt mit ihrem Fahrrad ins dicht besetzte Abteil drängen müssen. Dazu die Akkordeon- und Gitarrenspieler, die sich produzieren und die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen. Und darüber hinaus sollte man denken, dass es Dinge gibt, die man nicht in der Öffentlichkeit bespricht, aber seitdem alle Welt ein Handy hat, wird man ständig Ohrenzeuge der  privatesten  Dinge.“

„Ich find’s gut, dass man überall telefonieren kann“, unterbrach Franziska.

„Ja, sicher! Aber trotzdem gibt es doch Gespräche, die niemanden etwas angehen... oder so langweilig sind, dass sie nerven...“ Daniela musste plötzlich kichern. „Heute musste ich mir die ganze Fahrt lang zwischen Potsdamer Platz und Steglitz einen Reisebericht anhören.“ Sie setzte sich auf einen Küchenstuhl, hielt ein imaginäres Mobiltelefon an ihr Ohr und verstellte die Stimme. „... und dann haben wir den Zug verpasst... und Papa hat auch gemeint, wir hätten noch den Dom besuchen sollen.... und Mama wollte unbedingt ihr geblümtes Sommerkleid anziehen... und dann hat es füüüürchterlich geregnet....“ 

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904864
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
erben kinderspiel

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Titel: Erben ist kein Kinderspiel