Lade Inhalt...

Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #1: Überfall auf den Nachtexpress

2016 130 Seiten

Leseprobe

ROY MATLOCK – Der Eisenbahnmarshal

 

Band 1

 

Überfall auf den Nachtexpress

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

Logo: Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

*

Sein Name ist Roy Matlock. Als Eisenbahnmarshal der Union Pacific Railroad ist er immer dann zur Stelle, wenn es entlang des Schienennetzes Probleme gibt. Egal, ob es Banditen, zwielichtiges Gesindel oder andere Halunken sind, die der UPPR Schaden zufügen wollen – wenn Roy Matlock eingreift, dann löst er die Probleme auf seine Art und Weise. Hart und kompromisslos!

In seinem ersten Fall hat es Marshal Matlock mit einer gewieften Bande zu tun, die einen Goldtransport überfallen. Sie haben diesen Überfall auf den betreffenden Zug sehr sorgfältig geplant und glauben, leichtes Spiel zu haben. Bis zu dem Augenblick, als Matlock sich einmischt...

 

*

 

 

Was ist da vorne los?“, rief der bullige Heizer und spähte auf der rechten Seite aus schmalen Augen in die Nacht. Der bärtige Lokführer hatte den Feuerschein neben den Schienen schon längst entdeckt. Irgendwo dort vorn loderten Flammen wie von einem Nachtlager.

Das dachte Hank Bronson, der Lokführer, zunächst auch. Aber dann sah er, dass dieses Feuer genau zwischen den Gleisen brannte. Und noch etwas entdeckte er: da war etwas davor, ein langer, hüfthoher Gegenstand, der quer über den Schienen zu liegen schien. Da hatte das auch Bully Jackson, der Heizer erspäht.

Ein Baumstamm quer über den Schienen!“, schrie er. „Bremsen! Bremsen, Hank!“

Den Teufel werd ich tun!“, brüllte Hank mit überschnappender Stimme und drehte hastig das Dampfrad voll auf. „Wir brechen durch! Das ist ein Überfall!“

Zum Henker, da liegt doch der Baumstamm. Hank, den seh’ ich ganz deutlich!“, schrie Bully quer durch den Führerstand der Lok und übertönte noch den Lärm, den die 440 Schectady-Maschine machte.

Hank Bronson gab keine Antwort. Verbissen starrte er auf das rasch näher kommende Feuer. Er sah den Baumstamm, spürte, wie die schneller laufende Lok vibrierte, wie die Maschine jetzt immer mehr auf Hochtouren kam. '

Bully wollte die Feuerungstür öffnen. Aber bevor er es tat, brüllte ihn der bärtige Hank an: „Zulassen, wir brauchen alle Hitze unter dem Kessel, Bully. Nimm die Parker!“

Überrascht starrte der bullige Heizer seinen Lokführer an. Er war viel jünger als Hank, aber dafür fast noch einmal so schwer wie der alte Fuchs am Fahrhebel. „Du meinst...“

Klar, das meine ich!“, brüllte Hank. „Da ist ein Dutzend Kerle am Feuer. Da, jetzt spritzen sie zur Seite. Gleich hagelt es blaue Bohnen. Marsch, Bully, an den Tender!“

Sie hatten schon Überfälle erlebt. Immer mussten sie dabei anhalten. Warum, fragte sich Bully, will Hank durchbrechen? Die Lok schafft doch so einen Johnny von Baumstamm niemals. Die entgleist doch!

Aber dann sagte sich Bully, dass Hank eigentlich bis jetzt immer alles ziemlich richtig gemacht hat. Und gedacht hatte Hank auch für sie beide. Mit dem Denken war das bei Bully so eine Sache. Er überließ das am liebsten Hank. Und so zuckte er nur die Schultern, packte die Flinte mit dem abgesägten Lauf, die rechts am Haken hing, spähte nach vorn und sah das gar nicht mehr so weit entfernte Feuer.

Die Lok konnte schnell sein, verteufelt schnell. Aber es ging leicht bergan, und da gab die Schectady zwar ihr Bestes, doch sie wurde langsamer als auf der Geraden. Hank versuchte, das Dampfrad noch weiter aufzudrehen, als könnte er seine „Prinzessin“ schneller machen. Er nannte sie „Prinzessin“, seine Expresslok. Und er liebte sie mehr, als er je einen Menschen geliebt hatte. Selbst jetzt in der Nacht funkelte sie im Licht der Sterne und des Funkenregens, der aus dem Schornstein sprühte. Dicker weißer Dampf quoll aus den Zylindern an beiden Seiten, auch aus dem Schornstein. Nun wurde sie wirklich schneller, die Prinzessin. Trotz der Steigung legte sie zu.

Ja, altes Mädchen, mach schon!“, hörte Bully seinen Lokführer sagen. Dann wandte sich ihm Hank zu. „Schieß nur, wenn sie es tun!“, rief Hank.

Bully nickte nur. Das war ihm vertraut. Viele der Banditen vermieden Schüsse, wenn es ging. Butch Cassidy zum Beispiel versuchte es unblutig zu machen. Sie waren vor zwei Jahren einmal von ihm gestoppt worden. Bully erinnerte sich sehr genau daran. Teufel noch mal, alles war eigentlich ganz friedlich gelaufen, nur das Geld aus dem Tresor hatte Butch herausgesprengt. Warum wollte Hank nur diesmal durchbrechen? Wieso war er scharf, den Helden zu spielen?

Bully musste an Miss Rose denken, seinen kleinen Hund. Er blickte zum Tender und überlegte besorgt, ob sie in ihrer Ecke lag.

Da sah er die kleine Bastardhündin oben auf dem Holzstoß. Krummbeinig, mit Schlappohren und den hässlichen Kopf zur Seite geneigt, stand die schwarz-weiß-braun gefleckte Miss Rose dort oben. Ihr Knurren ging im Lärm der Maschine unter.

Miss Rose! Kusch, sofort kusch, mein Liebling!“, schrie Bully.

Seine Donnerstimme drang bis zu Miss Rose durch, und er war ungefähr das einzige Lebewesen auf dieser Erde, dem sie gehorchte.

Sofort verkroch sie sich wieder in ihrem Hohlraum, den ihr Bully immer beim Holzbunkern freihielt. Aber sie kläffte aufgeregt. Mehr als kläffen und aufpassen konnte sie nicht, die hässliche und doch von Bully so geliebte Rose. Wen sie nicht mochte, dem biss sie auch in die Hosen oder ins Hinterteil, wenn sie drankam.

Aufpassen!“, brüllte Hank in diesem Augenblick. „Festhalten!“

Bully hatte die abgesägte Parker in der Rechten und klammerte sich mit der Linken am Haltegriff des Tenders fest.

Hank stand hinter dem linken Frontfenster, sah die Lok auf das Feuer und den riesigen querliegenden Baumstamm zurasen. Und jetzt kam ihm der Baumstamm verdammt viel größer vor als vorhin. O Himmel, hilf, dass die Prinzessin den schafft.

Gestalten sprangen hinter Büschen hoch und jagten aus der Gefahrenzone. Andere, die weiter entfernt waren, richteten sich hinter ihren Deckungen auf und schossen auf den Zug, als könnten sie ihn so noch vor dem Hindernis stoppen.

Da prallte die Prinzessin schon mit einem Donnerschlag gegen den Baum. Durch die Lok und den ganzen Zug ging ein Stoß. Die Holzscheite auf dem Tender polterten nach vorn. Bully hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben.

Hank sah nur nach vorn durch die Scheibe. Der Baumstamm hob sich, als wollte er wieder senkrecht stehen wie einst als Baum. Die Funken des Feuers spritzten nach allen Seiten. Sekundenlang war es leuchtend hell in der näheren Umgebung.

Und so sah Hank deutlich, wie der Baumstamm jetzt, wie von einem Katapult geschleudert, durch die Luft schoss ... direkt auf eine Gruppe von Banditen zu, die die Gefahr gar nicht begriffen und auf den Zug schossen. Hank sah nur noch, wie der Baumstamm zwischen sie schlug wie der Hammer eines Riesen.

Die Lok fuhr, der Zug fuhr... rollte weiter, und das Vibrieren, das nach dem Stoß durch Maschine und Wagen gegangen war, verlor sich wieder.

Nicht entgleist!, dachte Hank erleichtert O Himmel sei Dank, wir fahren noch! Wir fahren noch!

Bully hatte den Platz am Tender verlassen und beugte sich seitlich hinaus, um zurückzublicken. Rasch zog er den Kopf wieder ein, als ihm Kugeln um die Ohren schossen.

Miss Rose, die mit dem herabrutschenden Holz auch ihr kleines Versteck eingebüßt hatte, stand zu Bullys Füßen und kläffte wie besessen.

Bully sah jetzt drei Reiter auftauchen, die versuchten, auf ihren dahinrasenden Pferden die Lok einzuholen. Und zugleich feuerten sie aus Revolvern auf den Zug.

Bully hatte die Parker im Griff, gespannt war die doppelläufige Flinte. Jetzt schwenkte er sie herum.

Die Reiter kamen näher. Sie schossen, und wenn ihre Schüsse auch nicht gut gezielt sein konnten, weil ihre Pferde sich zu sehr bewegten, so waren sie dennoch für Hank eine Gefahr, denn er hatte nach hinten keinerlei Deckung.

Kopf runter!“, brüllte Bully, und Hank sprang auf die andere Seite des Fahrstandes.

Da waren die drei Reiter für Bully nahe genug, obgleich er sie in der Dunkelheit nur schemenhaft sah. Dann und wann blitzten die Mündungsfeuer ihrer Revolver und blendeten.

Bully hatte Nerven wie Pleuelstangen. Als alle drei Reiter wieder einmal geschossen hatten und gerade so ungefähr auf zehn Meter an die Lok herangekommen waren, richtete sich Bully in seiner ganzen Größe zwischen Lok und Tender auf. Und bevor die drei zum Schuss kamen, brüllte erst der eine Lauf der Parker, dann der andere los. Und das gehackte Grobblei fuhr zwischen die Reiter, traf sie und ihre Pferde und stoppte den rasenden Ritt praktisch im Augenblick.

Männer flogen durch die Luft; Pferde überschlugen sich, und dann war das alles schon wie ein böser Spuk in der Dunkelheit verschwunden. Denn die Prinzessin raste weiter, jetzt, wo es nicht mehr bergan ging und die Hochebene erreicht war. Sie wurde immer schneller. Dann musste Hank sogar wieder das Dampfrad etwas zudrehen.

Als er das getan hatte, wandte er sich Bully zu und rief: „He, wie haben wir das gemacht? Im Zug hat es sicher ein paar Beulen gegeben. Aber wir haben es diesen Banditenhunden gezeigt. Bully, dein verdammter Köter hat noch nicht gemerkt, dass alles vorbei ist. Sag ihm, er kann mit seinem Gekläff aufhören!“

Sag nicht wieder Köter zu meiner Miss Rose!“, grollte Bully. Dann stellte er die Parker weg, nahm die kleine Bastardhündin auf den Arm und streichelte sie mit seinen riesigen Pranken liebevoll.

Verdammt, soll ich die Lok heizen, oder machst du das?“, brüllte Hank.

Immer diese Hast. Wir sind sowieso zu früh“, erwiderte Bully, als wäre gar nichts gewesen. Dann setzte er Miss Rose wieder ab und riss die Feuerungstür auf.

Während er Holzscheite nachschob, sah Hank den Zugführer vom Packwagen aus über den Tender klettern. Der Feuerschein, der aus der geöffneten Feuerungstür auf den Mann fiel, tauchte ihn in zuckendes rotes Licht.

Der Zugführer war hager, dunkelhaarig und, wie Hank wusste, frisch verheiratet. Hank musste grinsen, wenn er daran dachte, dass er selbst auch einmal verheiratet gewesen war. Ein halbes Jahr hatte die Ehe nur gedauert, dann hatte die Frau nicht mehr auf Hank warten wollen, der immer unterwegs war, und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. Hank kam es heute wie ein Glücksfall vor.

He, was hat da so geknallt?“, rief der Zugführer. „Haben die Hundesöhne Dynamit...“

Ein Baumstamm“, erwiderte Hank. „Die Prinzessin hat ihn beiseite geblasen. Sind welche im Zug verletzt?“

Ein paar Beulen, weiter nichts, glaube ich. In Calverton müssen wir über den Telegrafen Meldung bei Mr. Jenkins machen.“

Hank deutete auf die Telegrafenleitung, die neben der Strecke verlief. „Vorhin waren die Drähte zerschnitten. Wir müssen wirklich bis Calverton warten.“

Wer von euch hat denn die drei krummen Hunde aus den Sätteln geblasen?“, fragte der Zugführer anerkennend.

Hank zeigte auf Bully, der ein Stück Holz nach dem anderen in die Feuerung schob.

Mensch, Bully, das war ja ein Volltreffer!“, lobte der Zugführer.

Bully richtete sich auf, stützte sich auf ein meterlanges klobiges Holzscheit und grinste bescheiden.

Wen Bully erwischt“, meinte Hank, „ob mit der Faust oder sonst wie, den trifft es immer voll.“

Das konnte sich der Zugführer vorstellen. Bei der Bahn und in den Städten zwischen Sacramento und Omaha erzählte man sich Wunderdinge von Bullys Kraft. Und das sah man diesem Riesen auch an. Als müsste Hank das dem Zugführer noch bestätigen, sagte er: „Bully hat in Raleigh’s Saloon alle Weiber auf den Armen gehalten, die sie dort haben.“

Der Zugführer konnte sich aus den wilden Tagen seiner Junggesellenzeit noch an Raleigh’s Saloon in Julesburg erinnern. „He, alle Weiber? Das sind doch acht!“

Ich sagte alle Weiber, und es sind acht“, entgegnete Hank, während er einen Blick nach vorn warf. Die Strecke war frei.

Acht Frauen! O Hölle, wenn ich nicht wüsste, dass Hank kein Lügner ist, würde ich es nicht glauben.“

Bully grinste ein wenig einfältig und schloss die Feuerungstür. Wenn ihm jemand schmeichelte, wurde er immer sehr verlegen.

Also dann, Jungs, es war prächtig, was ihr geschafft habt. Hat einer von euch einen Schimmer, wer die Kerle waren, die uns da hochnehmen wollten?“

Es war die Handschrift von Dobey. Was meinst du, Bully?“ Hank sah seinen Heizer an.

Bully war fast immer Hanks Meinung und nickte auch diesmal. „Ja, Wild Dobey kann es schon sein. Er ist bei Butch in der Bande gewesen. Aber seit Butch sich für eine Weile verkrümelt hat, macht Dobey hier weiter.“

Ich wette“, meinte der Zugführer, während er wieder auf den Tender kletterte, „dass Jenkins keinen anderen als Matlock schickt, um den Kerlen das Handwerk zu legen. Kennt ihr Roy Matlock?“

Mensch“, antwortete Hank verächtlich, „den habe ich schon gekannt, da hat er noch die Milchzähne gehabt. Roy habe ich studiert wie ein anderer Zahnarzt. Tja, wenn Jenkins den schickt, da wird es ernst für Wild Dobey... aber auch für alle Röcke und Schürzen im Umkreis von fünfzig Meilen. Denn auf die Weiber ist Roy fast noch mehr scharf als auf Typen wie Dobey. Und die Weiber auf ihn ...“

 

*

 

Eileen lehnte in der Tür, als der Junge vom Telegrafenbüro kam. Bevor sie sich ihm zuwandte, lauschte sie noch einmal nach oben, wo im Zimmer genau über dem Eingang ein Poltern und Rumoren zu hören war.

Der Junge sah die dunkelhaarige Schönheit bewundernd an. „Ich habe ein Telegramm für Mister Matlock. Ist er da?“

Eileen riskierte einen Augenaufschlag, als blicke sie zum Himmel empor, jedenfalls dachte das der Junge. Dann sagte sie: „Gib schon her, ich werde es ihm selbst bringen.“

Aber vergessen Sie es ja nicht, Miss Eileen!“, mahnte der Junge und gab ihr das Telegramm. Insgeheim dachte er: So eine wie die möchte ich auch mal allein treffen und für mich haben. Wenn ich doch nicht erst sechzehn wäre! Für die bin ich noch gar kein Mann. Der rennen alle Männer nach ...

Er blickte Eileen nach, wie die sich lässig umdrehte und dann auf ihren hohen Absätzen mit schwingend weitem Rock davontrippelte. Als sie die Treppe hinauf ging, konnte er etwas von ihren Beinen sehen, und sein Wunsch, älter als sechzehn zu sein, wurde fast zum Gebet.

Als Eileen im Obergeschoss des Hotels anlangte, hatte sie den Jungen bereits absolut vergessen. Sie dachte vielmehr voll und ganz an den Mann, für den das Telegramm bestimmt war.

Im Vorbeigehen sah sie in den Spiegel auf dem Flur, rückte die Locke über der Stirn zurecht und setzte ihr verführerischstes Lächeln auf.

An der Tür zu Zimmer 10 klopfte sie. Das Planschen und Pfeifen drang bis auf den Korridor. Der Mann hörte offenbar nicht. Sie klopfte lauter. Das Pfeifen brach ab, das Planschen ließ nach.

Ein Telegramm für Sie, Mister Matlock. Kann ich reinkommen?“

Eileen?“

Ja, Mister Matlock ...“

Reinspaziert!“

Sie hörte es platschen, dann schwang die Tür auf. Als sie eintrat, sah sie nur den Waschzuber in der Zimmermitte, ringsherum Pfützen auf den Dielen, aber keinen Menschen.

Sie drehte sich suchend um und riss verblüfft die Augen auf.

Roy Matlock stand hinter der Tür, die er jetzt zudrückte ... so wie ihn der liebe Herrgott erschaffen hatte.

Während Eileen noch so tat, als bliebe ihr die Luft weg, schloss der gutgebaute dunkelhaarige Mann völlig ungeniert den Riegel der Tür, wandte sich Eileen wieder zu und fragte gleichgültig: „Was starren Sie so entgeistert? Haben Sie noch nie einen nackten Mann gesehen?“ Er nahm ihr das Telegramm aus der Hand, während sie weiter in Fassungslosigkeit machte. Er riss es auf und las halblaut: „Erwarte deinen Besuch. Ernest.“

Ohne Umstände stieg Matlock wieder in den Zuber. Er blickte aus blauen Augen auf Eileen, die ihn immer noch anstarrte. „Was ist? Hier in diesem Bottich ist für uns beide Platz. Oder bin ich nicht dein Typ? Nun komm schon, das Wasser ist eh nicht mehr sehr heiß. Zieh deine Klamotten aus und setz dich zu mir. Nackt bist du bestimmt noch viel hübscher als in diesem blauen Fummel.“

Aber Mister Matlock!“, protestierte Eileen nicht sehr überzeugend. „Ich bin eine anständige Frau!“

Das will ich, verdammt noch mal, schwer hoffen“, erwiderte er grinsend „Und außerdem brauchst du nicht immer Mister zu mir zu sagen. Ich heiße Roy, und du weißt das. Also steig ein, hier sind wir unter uns. Es wird, das verspreche ich dir, ungeheuer stark. Also?“

Eileen sog hörbar die Luft durch die Nasenlöcher. Du meine Güte!, dachte sie. Ich kann doch unmöglich zu ihm in die Wanne steigen. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher.

Soll ich dir beim Ausziehen helfen?“, fragte er und wusch sich die Arme mit Seife.

Eine Minute später stieg sie zu ihm in den Zuber. Schlank, zart und begehrenswert Erst versuchte sie, ihn nicht zu berühren, aber das war in diesem Zuber einfach unmöglich. Als sie dann seine Schenkel an den ihren spürte, fuhr es ihr wie Lava durch die Glieder. Zu allem Überfluss strich er ihr mit dem Schwamm über die Schultern, glitt tiefer und erreichte ihre festen spitzen Brüste.

Er besaß nicht nur die Rechte. Seine Linke war plötzlich an ihren Schenkeln, erst oberhalb des rechten Knies, dann höher... immer höher.

Sie schloss die Augen und stieß einen wohligen Seufzer aus. Die Hand mit dem Schwamm ließ von ihren Brüsten ab, der Arm schlang sich um ihre Schultern und zog sie zur Seite. Sie spürte seine behaarte Brust an ihrem Busen, und brennend heiß trafen seine Lippen auf die ihren.

Es war wie ein Naturereignis, und sie hätte keine Kraft gehabt, sich dagegen aufzulehnen. Sie wollte es auch gar nicht, ganz im Gegenteil. Ihre einzige Angst war, er könnte aufhören, könnte sie loslassen.

Und seine linke Hand war immer noch zwischen ihren Schenkeln. Eileen klammerte sich an Matlock fest, krallte ihre Finger in seinen nackten Rücken.

Als er aufhörte sie zu küssen, hielt sie noch den Kopf zurückgeneigt und erwartungsvoll den Mund halboffen. Ihre Augen hatte sie noch immer geschlossen. Und in ihr schien es überzukochen vor Verlangen und Leidenschaft. Plötzlich fühlte sie sich von ihm gepackt und hochgehoben. Und obgleich das Wasser von ihnen beiden herunterrann, trug Roy das Mädchen zum Messingbett und ließ es hineingleiten.

Eileen dachte noch nicht mal an einen Protest wegen der Bettwäsche und der Matratzen. Sie dachte nur das eine... und sie wollte es jetzt und hier.

Roy Matlock war nicht der Mann, der Eileen warten ließ.

 

*

 

Sie kommen spät, Mister Matlock“, meinte die ältliche Jungfer vorwurfsvoll. Miss Landers war die Sekretärin von Ernest Jenkins. Eine hagere Spitzmaus mit Brille, Haarknoten in der lockenlosen brünetten Frisur, im grauen Kleid mit Spitzenkragen, blass, immer pikiert, ein wandelndes Bild der unantastbaren Unschuld und Moral.

Roy Matlock hatte außer der Bahnfahrt von Sherman nach Cheyenne eine äußerst bewegte Nacht mit Eileen hinter sich und war seit vorgestern nicht mehr zum Schlafen gekommen. Eileen hatte ihn nach Cheyenne begleitet... im geschlossenen Sonderabteil des Salonwagens, den Matlock an den erstbesten Zug nach Cheyenne hatte anhängen lassen.

Ohne der Jungfer zu antworten, betrat Matlock das Büro des Sicherheitschefs der Union Pacific Railroad. Ernest Jenkins thronte hinter dem wuchtigen Schreibtisch auf einem Sessel, der wie ein Sattel gearbeitet war und Jenkins von verwegenen Ritten träumen ließ, die er über die Prärie gejagt war, als sein Haar noch blond und nicht weiß ausgesehen hatte.

Ich habe gehört, du hast den Salonwagen genommen! Ich werde dir diese Unverschämtheit vom Gehalt abziehen!“, polterte Jenkins los.

Roy blickte gelangweilt auf den stattlichen Mann. Die goldene Uhrkette, die sich über Jenkins’ etwas fülliger gewordenen Bauch spannte, erinnerte Roy an eine Affenschaukel. Im Nadelstreifenanzug wirkte Jenkins wirklich nicht mehr wie ein Mann, der seinerzeit an General Casements Seite die größte Pioniertat des amerikanischen Kontinents im neunzehnten Jahrhundert mit ermöglicht hatte: den Bau der Transkontinentalbahn quer durch Nordamerika. Aus dem kühnen Kämpfer war ein Schreibtischboss geworden.

Was liegt an?“, erkundigte sich Matlock, ohne sich um den Vorwurf seines Vorgesetzten zu kümmern.

Hör mir gut zu!“, polterte Jenkins und drohte mit dem rechten Zeigefinger. „Du bist Bahnmarshal und nicht der Präsident der Gesellschaft. Was fällt dir ein, einfach den Salonwagen anhängen zu lassen und zu allem Überfluss noch irgendein Flittchen einzuladen und - da möchte ich wetten - dich mit ihr auf den Sitzen herumzuwälzen.“

Neidisch?“, brummte Matlock und ließ sich im Ledersessel vor dem Schreibtisch nieder, schwang ein Bein über die Lehne, zog eine von Jenkins’ Zigarren aus der Dose auf dem Schreibtisch, biss das Ende ab und zündete sich die Zigarre an.

Etwas zu spät rückte ihm Jenkins die Holzschachtel aus der Reichweite. Matlock blies den Rauch genau in Jenkins’ Gesicht und fragte erneut: „Was also willst du?“

Ich schmeiße dich eines Tages raus, das weiß ich!“, drohte Jenkins.

Tu dir keinen Zwang an. Je eher, um so besser für mich. Wie ist es mit einer Tasse Kaffee? Diese Hexe, die dir auf die Finger sieht, kocht zwar eine entsetzliche Brühe, aber etwas Besseres wirst du nicht haben. Also?“

Jenkins blickte Matlock strafend an, griff aber dann doch zur Glocke und läutete. Als die Spitzmaus kam, sagte er knapp: „Kaffee, zwei Tassen. Und nicht so dünn wie gestern!“

Denken Sie bloß an Ihr Herz!“, mahnte die Spitzmaus und rauschte wieder hinaus.

Matlock grinste mitleidig. „Sie hat aus dir einen richtigen Opa gemacht, Ernest. Also, wo brennt es nun? Ich habe meine Zeit nicht im Poker gewonnen.“

Jenkins seufzte müde, zuckte resignierend die Schultern und brummte: „Dobey hat eine Abfuhr bekommen. Der Nachtexpress ist vorletzte Nacht vor Calverton Dobey durch die Lappen gegangen. Hank Bronson hat es ihm versalzen.“

Matlocks Gleichgültigkeit war dahin. Er sah Jenkins gespannt an und richtete sich im Sessel auf. „Wo genau?“

Sechzehn Meilen vor Calverton an der zweiten Steigung. Meile 488 etwa.“

Hank Bronson also, dieser Höllenkutscher. Dann natürlich auch Bully.“

Stimmt. Bully hat drei von ihnen mit der Parker aus dem Rennen gezogen. Der Sheriff von Calverton war nachher mit einer Posse dort. Die Toten sind an Ort und Stelle begraben worden ... splitternackt. Trotzdem sind zwei der Toten identifiziert. Es sind Leute von Dobey. Waren früher bei Butch Cassidy.“

Erzähle alles. Warum hat Bully geschossen? Haben die denn auch gefeuert?“

Jenkins nickte und berichtete, was er von Hank Bronson erfahren hatte, als der gestern hier gewesen war.

Matlock kratzte sich nachdenklich seinen lockigen Hinterkopf. „Das heißt also, dass Dobey Gewalt anwendet. Hat Butch ja nie getan. Und es heißt weiter, dass Dobey etwas von den Vierundzwanzigtausend gewusst haben muss, die im Panzerschrank des Packwagens gesteckt haben.“

Ganz sicher.“

Es heißt immer, dass nur sieben Männer etwas von dem Geld wissen. Zwei davon sind wir beide, Ernest. Wer noch?“, wollte Matlock wissen.

Der Zugführer, der Bankleiter in Omaha, sein Kassierer, dessen Kollege in Sacramento und der Bankleiter dort ebenso. Weiter niemand.“

Gut, darum werde ich mich kümmern. Auf dem Rückweg befördern sie kalifornisches Gold. Wissen das dieselben Leute?“

Jenkins nickte. „Ich wette, Dobey will seine Schlappe auswetzen. Das nächste Mal sprengt er die Schienen und legt nicht nur einen Baumstamm drauf. Ich werde Militär oder Miliz im Zug mitfahren lassen. Wenigstens dreißig Mann.“

Jede Fracht?“, erkundigte sich Matlock.

Natürlich nicht. Das machen sie nicht. Aber die nächsten Male. Das wird Dobey ein übles Erwachen bescheren, wenn er was startet.“

Matlock winkte ab. „Ich wette, er versucht so lange nichts, wie du das Militär in den Zug steckst. Oder er macht eine ganz große Sache, die viel Blut kostet. Danach sind die Zeitungen voll, wir hören haufenweise Vorwürfe, und das Gold ist auch futsch. Wir sollten Dobey viel lieber reinlegen. Hank hat viel riskiert, als er durchgebrochen ist. Das nächste Mal macht er das nicht. Überlass die Geschichte mal ganz mir, Ernest.“

Was hast du vor?“

Kein Militär, keine Sonderbewachung.“

Bist du verrückt? Das viele Gold..

Keine Sorge, da kommt er nicht dran. Überlass es mir, Hank und Bully. Und erzähle niemandem ein Wort. Auch den Bankheinis nicht.“

Die Tür ging auf, und die Jungfer Spitzmaus kam mit dem Kaffee. Roy musterte sie kurz und eindringlich, dann bemerkte er ihren missbilligenden Blick, weil sein Bein über der Sessellehne hing.

Hallo, verehrte Schönheit, das wird der beste Kaffee sein, den meines Vaters Sohn je bekommen hat, wie?“, rief Matlock grinsend.

Sie sollten keinen Kaffee trinken, Mister Matlock“, meinte die Spitzmaus vorwurfsvoll. „Ihnen müsste man Baldrian geben.“

O Miss Landers, wie recht Sie wieder haben, Sie kluges Kind!“, spottete Roy, nahm die Tasse und nippte daran. „Oh, welch ein Segen, dass der Kaffee noch glühendheiß ist. Soviel Tugend würde man sogar aus dem Kaffee herausschmecken. Ernest, verbrenn dir nicht den Mund!“

Als sie draußen war, beugte sich Roy etwas in Jenkins’ Richtung vor und flüsterte: „Pass auf, du wirst gleich etwas erleben!“

Dann stand er leise auf, setzte die Tasse ab und ging mit zwei langen Schritten auf Zehenspitzen zur Tür, packte die Drehklinke und riss die Tür blitzschnell auf.

Miss Landers fiel ihm fast entgegen. Vorgebeugt taumelte sie ins Zimmer. Unverkennbar, dass sie gelauscht hatte.

Sie wurde puterrot, stammelte eine Entschuldigung und wollte in ihr Vorzimmer zurück. Aber Jenkins’ Polterstimme hielt sie auf. „Verdammt, Miss Landers, haben Sie etwa gelauscht?“

Sie schluckte, gab aber keine Antwort.

Nimm es nicht tragisch, Ernest, sie gehört sicher zum Kreis meiner Bewunderinnen.“ Roy lachte und schlug sich scheinbar selbstgefällig auf die Brust.

Miss Landers quälte sich ein Lächeln ab, sah dann fast dankbar auf Roy, als habe er eben genau das gesagt, was sie für ihn zu empfinden schien.

Roy schloss wieder die Tür, ging auf den Schreibtisch zu und war mit einem Schlag todernst. „Pass auf sie auf, Ernest! Ich wette, du hast falsch gezählt. Wenigstens sind wir acht und nicht sieben, die von den Transporten wissen. Von heute an werden es nur noch drei sein, die wissen, wo genau das Geld oder Gold liegt, wenn die UPRR es transportiert. Pass auf diese Spitzmaus auf, Ernest! Sie würde mich am liebsten in einer Jauchegrube ertränken. Andere Gefühle hat sie für mich ganz sicher nicht Aber entweder ist sie sagenhaft neugierig oder ein Horchposten.“

Roy, das ist ganz ausgeschlossen. Sie ist seit fünf Jahren meine Sekretärin und...“

Das sagt nichts. Achte auf sie. Also, ich bin jetzt fertig. Wie sieht es mit meiner letzten Spesenabrechnung aus? Ich habe noch dreißig Dollar gut. Einen Vorschuss für den neuen Fall könnte ich ...“

Jenkins zog seine Taschenuhr und ließ den Deckel aufspringen. „Deine Zeit, Roy, ist sehr kostbar. Du solltest dich nicht bei mir mit unwichtigen Dingen aufhalten.“

Hundert voraus und die dreißig vom letzten Mal.“

Ich rechne das mit dem Salonwagen als Mietgebühr auf.“

Roy schüttelte den Kopf. „Hundertdreißig, oder ich fange sofort bei der Konkurrenz an. Frag Dick, der weiß, wie sie hinter mir her sind.“

Also gut, hol es dir beim Buchhalter ab.“

Jenkins schrieb eine Anweisung aus und reichte sie zähneknirschend an Roy. Der steckte den Zettel ein, grinste, tippte sich an die Hutkrempe und marschierte stolz wie zehn spanische Toreros aus dem Büro. Im Vorbeigehen rief er der Spitzmaus Landers zu: „Wenn ich mal ’ne Lücke in meinem Terminplan habe, besuche ich dich, Schätzchen!“

Miss Landers blieb fast die Luft weg, so jäh schoss ihr die Wut ins Gesicht. Doch es gab einige Gründe für sie, jetzt lieber zu schweigen.

Roy war indessen schon auf dem Weg zur Bahnstation, die sich hundert Meter weiter befand. Eileen wartete dort im auf dem Nebengleis abgestellten Salonwagen. Roy fand sie dort im rosa Nachthemd und eröffnete ihr:

Der nächste Zug zurück nach Sherman fährt in drei Stunden. Den nimmst du, mein Mäuschen.“

Und du?“, fragte sie mit sehnsüchtigem Blick.

Er grinste. „Ich muss ein klein wenig Geld verdienen. Die Arbeit schreit nach mir. In einer Stunde kommt der Zug aus der Gegenrichtung. Den fahren zwei Figuren, denen ich unbedingt begegnen möchte. Wir haben noch eine Stunde Zeit, Honigmäulchen.“ Er sah zum Salonwagen hin. „Gut, zehn Minuten, um die hundertdreißig Flöhe zu holen, der Rest ist für dich. Also komm, machen wir es uns bequem, Kleines. Wie ich sehe, hast du dich schon seelisch auf diesen Umstand vorbereitet. Donnerwetter, durch dieses Nachthemd kann man ja durchsehen. Moment, ich schließe nur noch die Wagentüren von innen ab. Sagenhaft, was so ein Salonwagen für einen Luxus bietet...“

Er blickte auf Eileen, die vor dem Fenster stand, so dass sich ihr Körper deutlich unter dem durchsichtigen Nachthemd abzeichnete. Ein makelloser, herrlicher und verführerischer Körper.

 

*

 

Wild“ Terence Dobey hatte sein Hauptquartier in Ogden aufgeschlagen und damit eine auf blühende Großstadt als Versteck gewählt. Hier gab es so viele Fremde, dass es den Männern um Dobey genügte, sich einfach die Bärte abzurasieren. Niemand schien sie zu erkennen.

Jetzt hatten sie sich im vornehmen Princeton Hotel in einem Hinterzimmer um den Billardtisch geschart. Neun Mann waren sie. Neun verschworene Männer, die alle einmal mit Butch Cassidy geritten waren. Aber das lag eine Weile zurück, und Butch war untergetaucht. Nun machte Dobey weiter.

Zwei kleine Sachen waren ihnen bisher glatt geglückt, ein mittlerer Überfall auf eine Postkutsche in Kalifornien war fast schiefgegangen. Auf der Flucht hatten sie einen Teil der Beute auf einem erschossenen Pferd zurücklassen müssen. Und vor drei Tagen war ihnen ein fast perfekt geplanter Überfall auf den Nachtexpress total danebengegangen.

Terence Dobey saß am hinteren Ende des Billardtisches, die anderen standen. Er hatte die Absätze seiner Stiefel auf die Kante des Tisches gelegt und wippte mit dem Stuhl.

Dobey sah ohne Bart ausgesprochen sympathisch aus, blond, blauäugig, so ganz der nette Junge von nebenan. Achtundzwanzig war er, doch er wirkte jünger.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904819
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338068
Schlagworte
matlock eisenbahnmarshal überfall nachtexpress

Autor

Zurück

Titel: Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #1: Überfall auf den Nachtexpress