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Sechs Spionage Thriller August 2016

von Alfred Bekker (Autor) Peter Dubina (Autor) A. F. Morland (Autor)

2016 800 Seiten

Leseprobe

Sechs Spionage Thriller August 2016

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2016.

Sechs Spionage Thriller August 2016

von Alfred Bekker, Peter Dubina & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 727 Taschenbuchseiten.

––––––––

Dieses Buch enthält folgende sechs Romane:

A. F. Morland: Tücke des Objekts

Peter Dubina: Der Teufel zeigt die Krallen

Peter Dubina: Endstation Sahara 7

Peter Dubina: Endstation Hongkong

Peter Dubina: Die Invasion der Froschmänner

Alfred Bekker: Kommandounternehmen Angkor

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Tücke des Objekts

von A. F. MORLAND

Um nach der Ermordung eines Agenten-Kollegen, dessen Auftrag zu übernehmen, lässt sich Natalia Ustinov bei einem fingierten Banküberfall festnehmen, um sich ins Gefängnis einschleusen zu lassen. Die Top-Agentin einer übergeordneten US- Geheimdienstorganisation erhofft sich, das Vertrauen einer Insassin zu erschleichen, die zu den führenden Mitgliedern der kriminellen Organisation >Regenbogen< gehört, damit diese sie in die Gruppe aufnimmt. Bei einem arrangierten Ausbruch werden die beiden Frauen befreit. Das Täuschungsmanöver scheint gelungen – doch dann wird die schöne Agentin enttarnt ...

1

Sie waren beide nackt. Ihre schlanken Körper waren nahtlos braun. Joe Fords Atelierwohnung lag hoch über New York. Die dazugehörige Terrasse erachteten er und Maureen Griffith als eine unbezahlbare Annehmlichkeit. Kein Mensch konnte sie sehen, wenn sie sich an heißem Tagen dort draußen auf den Sonnengrill legten, in jenem Kostüm, das Gott sich für uns alle ausgedacht hat, wobei er sich bei der Ausfertigung dann bei dem einen mehr, beim anderen weniger Mühe gemacht hat. Es war eine schwüle Nacht. Die letzte Nacht für Joe und Maureen, denn ihr Mörder war bereits auf dem Weg zu ihnen.

Sie ahnten es nicht. Ihr Schweiß wurde vom blütenweißen Laken aufgesogen. Joes Hand liebkoste die Spitzen der vollen Brüste seines Mädchens. Wohlige Schauer durchrieselten den matt schimmernden Körper Maureens. Sie hatte pechschwarzes Haar. Es bildete einen effektvollen Kontrast zum weißen Kissen. Maureen schlang ihre Arme um Joes Nacken. Ihre Lippen fanden sich zu einem langen, leidenschaftlichen Kuss.

»Komm!«, flüsterte Maureen erregt in Joes Ohr. »Komm zu mir, Darling!«

Joe glitt sanft auf sie. In brennender Erwartung fieberte sie ihm entgegen. Als sie Joe in sich spürte, bewegte sie sich im gleichen Rhythmus wie er. Und es war himmlisch wie immer mit ihm.

In diesem Augenblick war ihnen der Tod bereits so nahe, dass er nur noch seinen gnadenlosen Arm auszustrecken brauchte, um die beiden unwiderruflich dahinzuraffen.

Lautlos hatte sich über ihnen das schräge Atelierfenster geöffnet. Vom Killer waren nicht mehr als die Hände zu sehen. Er trug fleischfarbene Gummihandschuhe. Offensichtlich gehörte er zu denjenigen, die ihre Arbeit stets hundertprozentig machen wollen.

Während Joe und Maureen sich zum letzten Mal in ihrem Leben vereinigten, traf ihr Mörder kaltblütig seine Vorbereitungen.

Er vernahm das immer schneller werdende Atmen der beiden. Es berührte ihn nicht. Mit einem Ruck machte er die mitgebrachte Handgranate scharf. Dann wartete er.

Als sich Maureen und Joe trennten, ließ der Killer den Bügel der Granate los. Er zählte die Sekunden ...

Die Explosion glich einem Paukenschlag der Hölle.

Weder Joe noch Maureen hatten auch nur die geringste Chance zu überleben.

2

Die Beerdigung fand auf dem Montefiore Cemetery statt. An diesem Tag zeigte sich, wie beliebt Joe und Maureen gewesen waren. Wohin man schaute - trauernde Menschen. Auch Natalia Ustinov war gekommen. Sie trug ein schwarzes Kleid und weinte in ein schwarzes Spitzentuch. Sie weinte um Joe. Maureen hatte sie nur flüchtig gekannt. Joe Ford hingegen war einer ihrer Kollegen gewesen, ein fähiger Mann. Ab und zu war er eine Sache mit recht eigenwilligen Methoden angegangen, aber der Erfolg hatte ihm jedes Mal recht gegeben, dass er den Job richtig angepackt hatte. Charles Newton, Chef einer kleinen Gruppe von Top-Agenten, hatte Joe zumeist jede Freiheit gelassen. Ebenso viel Freiheit, wie Natalia vom dicken Newton eingeräumt bekam.

Sie schritten hinter den nächsten Anverwandten. Newton - ebenfalls in schlichtem Schwarz, Ole Eriksson, Jerry Armstrong, Newtons Sekretärin und noch ein paar Leute aus Newtons Crew, die es sich nicht nehmen ließen, ihrem Freund und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen.

Dicke schwarze Wolken hingen am Himmel. Es roch nach Regen. New York hätte ihn brauchen können. Seit Wochen war kein Tropfen mehr gefallen. Die Stadt erstickte allmählich im Dreck. Während der Priester am offenen Grab seine ergreifende Ansprache hielt, presste Charles Newton seine Lippen fest zusammen. Unwillig schüttelte er den massigen Kopf und schnaufte. Natalia sah ihn an. »Nicht zu fassen!«, knurrte der Dicke. »Einer meiner besten Männer, zerfetzt von einer verdammten Handgranate.«

Jemand aus dem Kreis der Verwandten drehte sich um und warf Newton einen vorwurfsvollen Blick zu. Der Dicke schwieg. Aber Natalia konnte ihm ansehen, dass er schon lange nicht mehr so wütend und so verbittert gewesen war. Seine Miene drückte den Wunsch nach Revanche aus. Joe und Maureen sollten ihr Leben nicht unwidersprochen eingebüßt haben. Newton hatte das unbändige Verlangen, zurückzuschlagen. Und er wusste auch schon, in welcher Form das geschehen konnte. Keine Experimente. Er wollte auf Nummer Sicher gehen. Deshalb würde er Natalia Ustinov ins Gefecht schicken. Sie war zwar ein Mädchen und wirkte zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe. Doch der Schein trog bei Weitem. Natalia war sozusagen Newtons Superwaffe. Etwas Besseres hatte nicht einmal die CIA zu bieten.

Die Särge wurden langsam ins Grab hinabgelassen.

Ein letzter Gruß, dann strebten die Trauergäste dem Friedhofsausgang entgegen. Draußen brannte sich Newton eine Zigarre an. Er verabschiedete sich von seinen Männern. Auch Ole Eriksson und Jerry Armstrong schickte er weg. Zu Natalia Ustinov sagte er: »Auf ein Wort, Nat.« Er wies mit der Zigarre auf seinen Wagen, der mit Panzerglas und schusssicheren Reifen ausgerüstet war. Natalia nickte und ging mit ihm.

»Macht es Ihnen etwas aus, mich zu meinem Büro zu fahren?«, fragte der Dicke mit grimmiger Miene.

»Durchaus nicht, Mr. Newton«, gab sie zurück. Natalia war mit dem Taxi hierhergekommen. Newtons Angebot ersparte es ihr, sich wieder nach einem Yellow Cab umzusehen. Die schöne Agentin startete die Maschine und fuhr los, sobald Newton beide Beine im Wagen hatte.

»Es gab Menschen«, sagte Newton mit rauer Stimme, »deren Tod hat mich kaum berührt, obwohl ich sie gut gekannt habe. Und dann gab es wieder Menschen, deren Verlust empfand ich so schmerzlich, als wäre ein lieber Anverwandter von mir gegangen.«

Natalia lenkte den Wagen in Richtung Springfield Gardens. Sie nickte. »Joe Ford war nicht nur ein feiner Kerl, sondern auch ein Kamerad, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte. Wenn Joe ein Versprechen gab, dann war das eine zementierte Sache. Wissen Sie schon, wer ihn und das Mädchen umgebracht hat?«

»Ich kann nur Vermutungen anstellen.«

»Kennen Sie das Motiv für die Tat?«, fragte Natalia. Beim Merrick Boulevard musste sie kurz anhalten. Die Ampel in der Straßenmitte zeigte rot.

»Joe hat an einem heiklen Fall gearbeitet«, sagte Newton nachdenklich.

Grün. Natalia brachte den Wagen wieder auf Touren.

»An einem äußerst gefährlichen Fall, wie mir scheint, Mr. Newton«, sagte sie und steuerte den Interstate Highway Nr. 27 an. Und dann ging es zügig in westlicher Richtung nach Manhattan.

Newton hob eine Braue. »Es ist mit nichts bewiesen, dass Joe wegen dieses Falles sterben musste.«

Die rassige Agentin warf ihrem Auftraggeber einen kurzen Blick zu. »Sie wollen mir doch hoffentlich nicht einreden, dass das Ganze eine Eifersuchtstragödie ist. Maureen hatte keinen zweiten Freund, das weiß ich von Ole und Jerry. Sie war ausschließlich für Joe da. Selbst wenn er mal für drei Monate im Ausland zu tun hatte, Maureen hat auf ihn gewartet.«

Der Dicke schüttelte den Kopf. Die Zigarre schmeckte ihm plötzlich nicht mehr. Er schob sie in den Aschenbecher und drückte ihn zu. Er verschränkte die Arme vor der voluminösen Brust. Zu kurze Arme, wie es schien. »Nein, Nat. Kein Eifersuchtsdrama.«

»Sondern?«

»Vielleicht eine alte Feindschaft aus einem anderen Fall. Sie wissen, Joe hatte viel zu tun. Und manche Agenten sind nachtragend. Meine Leute werden dieser Sache selbstverständlich nachgehen.«

Natalia warf dem geheimnisumwitterten Mann einen ärgerlichen Blick zu.

Er hatte vieles gesagt, aber immer noch nicht von Joes derzeitigem Auftrag gesprochen. Sie bohrte erneut: »Woran hat Joe seine Kraft verschwendet, Mr. Newton?«

Der Dicke presste die Lippen zusammen, als wollte er mit Natalia darüber nicht sprechen. Seine Nasenflügel blähten sich, als er die Luft geräuschvoll ausstieß. Die Miene drückte im Moment Kummer aus. »Joe Ford war einem Agentenring namens >Regenbogen< auf der Spur, Nat. Es handelt sich hierbei um eine Organisation, die in der jüngsten Vergangenheit nicht nur sehr aktiv war, sondern auch erstaunlich sattelfest wurde. Eine Made in unserem Speck, verstehen Sie? Hyperaktiv in allen nur denkbaren Bereichen, ob das nun Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik ist. >Regenbogen< hat unserem Staat schon mehrfach großen Schaden zugefügt. Joe war ein Einzelgänger, wie Sie wissen. Von präzisen Berichten und dergleichen hielt er nicht viel. Und er ließ sich auch nicht gern helfen. Die Arbeit machte ihm nur dann Spaß, wenn er vollkommen auf sich selbst gestellt war und somit auch absolut freie Hand hatte. Ich habe seine diesbezüglichen Wünsche respektiert, denn seine Erfolge, die er auf diese Weise erzielte, ließen sich sehen.« Newton seufzte. »Diesmal hätte ich ihm einen Aufpasser zur Seite stellen sollen. Vielleicht wäre ihm dann ein so schreckliches Ende erspart geblieben.«

»Er hätte wegen des Aufpassers Protest eingelegt«, sagte Natalia.

Newton schob grimmig die Unterlippe vor. »Was zählt mehr, Nat, ein verärgerter oder ein toter Agent?«

Was für eine Frage.

Newton wollte darauf keine Antwort haben.

Sie fuhren über die Manhattan Bridge. Auf der rechten Fahrspur gab es einen Auffahrunfall, in den acht Fahrzeuge verwickelt waren. Drei davon waren reif für den Autofriedhof. Die Fahrer auch. Natalia zog Newtons Wagen langsam an den wütend gestikulierenden Autofahrern vorbei. Jeder wollte dem anderen den Schwarzen Peter zuschieben. Der schwächste würde ihn kriegen. Es war ja immer dasselbe.

Manhattan.

Natalia steuerte den 50-Stock-Wolkenkratzer an, in dem Newton sein Büro hatte. Der Dicke wandte sich ihr halb zu. Sein Blick verfinsterte sich. Sie konnte sich denken, was nun kam. Und da kam es auch schon: »Nat ...«

»Ja?«

»Ich möchte, dass Sie da weiterarbeiten, wo Joe aufgehört hat.«

»Okay, Chef.«

»Joe hielt mich mit Informationen leider äußerst knapp. Seine Angewohnheit war es, mit fundierten Facts aufzuwarten. Sie wissen über ihn ja Bescheid.«

Natalia lenkte den Wagen zur Tiefgarage des Bürohauses hinunter. Sie nahmen einen der zwei Dutzend Lifts. Newton sagte während der Fahrt nach oben: »Ich gebe Ihnen, was ich an Unterlagen über >Regenbogen< besitze.« Er schnaufte. »Hoffentlich werden Sie nicht enttäuscht sein. Es ist herzlich wenig.«

Sie betraten Newtons Büro.

Der Dicke übte einen Tarnberuf aus. Er fungierte als Rechtsberater der Großindustrie und der High Society. Seine geheime Kommandozentrale erreichten sie durch eine besonders gesicherte Tür. Die Agentin setzte sich. Newton drückte auf einen Knopf der Sprechanlage und verlangte die Akte »Regenbogen«. Sie kam umgehend. Ein schmaler Angestellter brachte sie und zog sich sogleich wieder zurück. Natalia betrachtete die Akte. Das war eine Mappe, die an Schwindsucht litt. Als Newton sie dazu aufforderte, schlug sie die Akte auf. Er bat Natalia, die wenigen Unterlagen zu studieren. Sie brauchte dazu fünfzehn Minuten, dann wusste sie ein bisschen mehr, als sie bereits von »Regenbogen« gewusst hatte. Ein Vorteil: Sie kannte ein paar Namen, die mit »Regenbogen« irgendwie in Zusammenhang gebracht werden konnten.

Der Dicke zündete sich wieder mal eine von seinen teuren Zigarren an und blies den Rauch zur Decke, um Natalia nicht zu belästigen. »Nun, Nat, was sagen Sie dazu?«, fragte er mit hängenden Mundwinkeln.

Natalia seufzte. »Herzlich wenig, wie Sie sagten, Chef. Aus diesen Unterlagen geht so gut wie gar nichts hervor.«

»Es liegt an Ihnen, diese Akte zu füllen«, sagte Newton. Er zog die Zigarre aus dem Mund und betrachtete nachdenklich die Glut.

Natalia schlug die langen, schlanken Beine übereinander. »Ich werde Folgendes tun, Mr. Newton: zu Joes Atelierwohnung fahren, alles auf den Kopf stellen, weitere Hinweise suchen. Vielleicht hat Joe da was zusammengetragen, wie der Hamster den Wintervorrat. Irgendwo muss er die Ergebnisse seiner Recherchen ja gespeichert haben.«

Newton tippte sich auf die Stirn. »Zumeist hier oben. Das konnte ihm keiner klauen.«

»Haben Sie eine bessere Idee, wie ich den Fall anpacken könnte?«

Zu Natalias Erstaunen nickte der Dicke sofort. »Ja, Nat. Ich habe eine Idee. Ob sie besser ist, weiß ich nicht. Hören Sie zu ...«

3

Rocky Pearl legte den Hörer auf die Gabel. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit buschigen schwarzen Haaren. Er war piekfein gepflegt - von der Haartolle über das rüschenbesetzte weiße Hemd bis zu den glänzenden weißen Lackschuhen. Er trug einen schwarzen Seidenanzug mit einem weiß gestickten Monogramm auf dem rechten Revers. Die rote Seidenkrawatte züngelte wie eine glühende Flamme aus dem schwarzen Anzug heraus.

Dass Pearl ein Killer war, hätte sich kein Mensch im Traum einfallen lassen. Er war in den vornehmsten Häusern ein gerngesehener Gast, hatte Kultur, war belesen, konnte über alles mit jedem reden.

Joe Ford und Maureen Griffith gingen auf sein Konto. Ein Auftrag von vielen, prompt und präzise erledigt, wie alle Aufträge, die er von »Regenbogen« erhielt. Auf seinem Programm stand mal wieder ein Fünfuhrtee in einem versnobten Haus. Zuvor aber musste er noch ganz schnell ans Geschäft denken. Er nahm sich einen Karottensaft aus dem Kühlschrank. Nachdem er ihn getrunken hatte, brannte er sich ein Stäbchen an. Zwei Züge, dann griff er sich wieder den Telefonhörer und wählte eine Nummer, die er genauso im Kopf hatte wie seine Schuh- oder Hutgröße.

Pearl war mal eine angesehene Nummer im Tenniszirkus gewesen. Eine längere Krankheit hatte ihn aus diesem Geschäft hinausgedrängt. Er hatte sich nach einem anderen Job umsehen müssen. Und zu diesem kritischen Zeitpunkt - wo er alles annehmen wollte, was genügend Geld einbrachte - war ihm ein alter Schulfreund über den Weg gelaufen. Von dem hatte er einen ganz bestimmten Tipp erhalten, wie und wo er ans große Geld kommen konnte. Seither killte er mit großem Erfolg für »Regenbogen«.

»Ja?«, kam es durch die Leitung.

Rocky Pearl setzte ein Lächeln auf, obwohl ihn sein Gesprächspartner nicht sehen konnte. »Pearl hier.«

»Was gibt’s?«

»Nur eine Kleinigkeit. Eine Formsache, würde ich sagen«, erwiderte Pearl sanft.

»Und zwar?«

»Ich habe soeben mit meiner Bank telefoniert.«

»Ja, und?«

»Man sagte mir, dass mein Honorar noch nicht eingetroffen sei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit Absicht geschehen ist. Bestimmt ein Versehen, das sich leicht korrigieren lässt, nicht wahr?«

»Aber natürlich, Mr. Pearl: Ehrlich gesagt, ich kann beinahe nicht glauben ... ich meine, natürlich weiß ich, dass Sie niemals die Unwahrheit sagen würden. Aber es ist mir unvorstellbar, dass man ausgerechnet Sie vergessen haben sollte. Ich werde mich selbstverständlich sofort persönlich darum kümmern. Genügt Ihnen das?«

Rocky Pearl lachte. »Aber ja. Mein Anruf sollte gewiss kein Vorwurf sein. Mir geht es lediglich um die Ordnung, verstehen Sie? Ob ich das Geld nun heute oder morgen kriege, was spielt das schon für eine Rolle. Ich bin zum Glück nicht so sehr darauf angewiesen.«

»Es ist mir trotzdem peinlich, Mr. Pearl«, sagte der andere.

Pearl schmunzelte. »Wenn ich geahnt hätte, dass Sie es sich gleich so zu Herzen nehmen, hätte ich lieber noch ein, zwei Tage gewartet. Bis dahin wäre das Versäumnis bestimmt bemerkt worden.«

»Nein, nein. Es war vollkommen richtig, anzurufen, Mr. Pearl. Ich werde sofort Dampf hinter die Angelegenheit setzen. Morgen ist Ihr Honorar auf Ihrem Konto.«

»Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.«

»Dieses Kompliment kann ich reinen Gewissens zurückgeben, Mr. Pearl. Sie haben unser Problem auf eine simple, aber äußerst wirksame Weise aus der Welt geschafft. Tja, oft sind die einfachsten Methoden die besten und die wirksamsten. Stimmt’s?«

Pearl nickte lächelnd. »Sie sagen es.«

»Sie hören wieder von mir, sobald ich einen neuen Auftrag für Sie habe, Mr. Pearl.«

»Wird das bald sein?«, fragte Rocky Pearl.

»Warum?«

»Ich habe die Absicht, für ein paar Wochen zu den Bahamas zu fliegen.«

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese Reise verschieben würden, Mr. Pearl. Im Augenblick fällt es mir sehr schwer, auf einen so tüchtigen Mann wie Sie zu verzichten.«

Der Killer zuckte geschmeichelt die Achseln. »Okay. Dann reise ich ab, wenn ich von Ihnen grünes Licht bekomme.«

»Das finde ich sehr entgegenkommend von Ihnen, Mr. Pearl. Es wird in Ihren Honoraren seinen Niederschlag finden.«

»Oh, danke.«

»Und seien Sie bitte nicht ungehalten wegen dieser kleinen Panne, ja?«

Pearl grinste. »Aber nicht die Spur.« Er legte auf. Ja, es war wirklich ein Vergnügen, mit »Regenbogen« Geschäfte zu machen.

4

Obwohl Charles Newton ihr einen ganz anderen Plan dargelegt hatte, begab sich die eigenwillige Frau - wie angekündigt - zu Joe Fords Atelierwohnung. Zugegeben, Newtons Plan war gut. Er war aber auch gefährlich. Und Natalia Ustinov fand, dass etwaige Facts, die sie in Joes Wohnung möglicherweise aufzustöbern hoffte, ihren Job erheblich erleichtern konnten. Sie hatte sich von Hertz einen Mietwagen kommen lassen: einen kaffeebraunen Mercedes 450 SEL. Damit fuhr sie zur Eastchester Bay hoch. Unter der Motorhaube schnurrten 225 solide Pferdestärken. Der Mercedes pflügte mit gutem Tempo durch den Nachmittagsverkehr. Es war der Interstate Highway Nr. 95, der Natalia bis hart an den Rand des Pelham Bay Park brachte. Dort war Joe zu Hause gewesen. Ein seltsames Haus. Unten war es ein fliederfarbenes Stuckgebäude. Aber nur bis zur ersten Etage. Ab da bestand es aus ordinären Ziegeln. Das Erdgeschoss gehörte einer renommierten Import-Export-Firma. Nach dreimaligem Kreisen fand Natalia einen Parkplatz. Die Regenwolken hatten sich in der Zwischenzeit verdichtet. Natalia hob den Kopf. Wenn das alles herunterkam, würden sogar ein paar Enten ertrinken.

Sie betrat das Gebäude. Ein schäbiger Lift aus der Gründerzeit New Yorks - oder kurz danach - schleppte sie ächzend nach oben. Auf dem Korridor vor der Atelierwohnung war es düster. Die junge Agentin hatte keine Schwierigkeiten, das Schloss aufzubekommen. Sie führte zumeist in ihrer Handtasche ein kleines Spezialbesteck mit, mit dem sie nahezu jedes Schloss im Handumdrehen knacken konnte.

Die Wohnung bestand aus einem Gästezimmer, einem Schlafraum, der zugleich auch Wohnraum war, aus Küche, Bad und WC. Natalia begann im Gästezimmer. Sie überlegte an der Tür. Wo hätte sie in diesem Raum etwas versteckt, das äußerst wertvoll war und von niemanden gefunden werden durfte? Sie blickte hinter den Schrank, unter den Teppich, klopfte den Holzboden nach Hohlräumen ab. Ebenso verfuhr sie mit den Wänden. Dann untersuchte sie die Vorhänge. Sie nahm alle Bilder von den Haken. Sogar den Sessel drehte sie um, und sie vergaß nicht, in seinen Eingeweiden zu wühlen. Aber außer Schaumgummi und Sprungfedern entdeckte sie nichts in seinem kernigen Innenleben.

Das Wohn-Schlaf-Zimmer hob sie sich bis zuletzt auf. Zuerst durchstöberte sie Küche, Bad, WC. Sogar der Spülkasten auf dem Klo war vor ihr nicht sicher. Aber Natalia konnte nichts finden. Entweder hatte Joe ein Superversteck, oder es gab nichts, was er versteckt hatte. Die Terrasse war so leer wie die Börse eines Bankrotteurs.

Der letzte Raum. Natalias anfänglicher Optimismus baute allmählich ab. Enttäuschung keimte stattdessen in ihr auf. Unschlüssig stand sie in der Mitte des Wohn-Schlaf-Zimmers. Hier hatte die Handgranate des »Regenbogen«Killers schrecklich gewütet. Auf dem Bett und darum herum waren noch die grauenvollen Spuren zu sehen. Natalia schluckte trocken. Sie konnte sich einfach nicht an den Anblick von Blut gewöhnen.

Auch hier stellte sie alles auf den Kopf und wieder zurück. Sogar die Fensterrahmen untersuchte sie. Und ganz zum Schluss widmete sie sich dem Bett. In ihrem schwarzen Kleid sah Natalia wie eine Witwe aus, die nach dem verlorengegangenen Testament ihres Mannes sucht. Sie konnte es auch im beziehungsweise unter dem Bett nicht finden.

Seufzend gab sie auf.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht allein im Raum zu sein. Instinktiv kreiselte sie herum.

Da stand ein Mann.

Und seine Pistole zeigte haargenau auf ihren flachen Bauch.

5

Er war beliebt bei den Leuten von der Presse, weil er sich auf gute Shows verstand. Und er war gefürchtet bei seinen politischen Gegnern: Senator Dave Blake. Ein Witwer, der seine junge blonde Frau vor drei Jahren bei einem schweren Motorradunfall verloren hatte. Er selbst hatte die Maschine gelenkt und erst nach drei Monaten das Krankenhaus wieder verlassen können. Trotzdem war er besser dran gewesen als Nancy. Nach einem Schädelbasisbruch hatte ihr kein Arzt mehr helfen können. Blake war wohlhabend. Da er nun wieder frei war, umschwärmten ihn zumeist hübsche Mädchen. Er war fast 1,90 groß und sah aus wie ein Filmstar. Die Schläfen waren leicht angegraut. So etwas wirkt auf das junge Gemüse. Viel Sport hielt den fünfundvierzigjährigen Mann topfit. Er erhob sich aus dem Korbsessel, in dem er auf der Terrasse gesessen und seine Lucky Strike geraucht hatte. Mit federnden Schritten begab er sich zum Swimmingpool. Obwohl der Himmel Trauerkleider trug, sprang Blake ins Wasser. Er zog im Becken seine täglichen Pflichtbahnen, zwanzig insgesamt. Und so schnell, wie es ging. Hinterher schoss er wie ein Delphin aus dem Pool. Er war außer Atem. Seine Muskeln waren von der enormen Anstrengung angespannt. Er genoss dieses Gefühl.

Leo Archer, einer der beiden Leibwächter, kam mit einem kornblumenblauen Frotteemantel gelaufen. Archer war mal Boxer gewesen.

Dave Blake schlüpfte in den Mantel und zurrte den Bindegürtel fest. »Danke, Leo«, sagte er und nickte dem Fleischberg freundlich zu.

»Einen Drink, Mr. Blake?«, erkundigte sich Leo aufmerksam.

»Jetzt nicht.«

»Haben Sie sonst einen Wunsch?«

»Ja. Al soll mir das Telefon auf die Terrasse bringen.«

»Okay, Sir.« Archer machte auf den Hacken zackig kehrt. Wie ein Gardesoldat marschierte er ins Haus. Wenig später erschien Al Keeper, der zweite Leibwächter. Er war schmäler als Archer und auch kein Boxer, aber er konnte einer Fliege im Flug den Rüssel abschießen.

Al Keeper war ein aalglatter, finsterer Bursche mit hellwachen, wieselflinken Augen, denen nichts entging. Und man behauptete von ihm, dass er sogar in die Badewanne seinen Ballermann mitnahm. Ein freundliches Lächeln in Blakes Richtung, dann sagte Keeper in nasalem Ton: »Das Telefon, Mr. Blake.«

»Vielen Dank, Al.«

Keeper zog sich zurück. Senator Blake rieb seine Haut erst mal trocken und nahm wieder in jenem Korbsessel auf der Terrasse Platz. Er sammelte kurz die Ziffern einer bestimmten Telefonnummer in seinem Geist zusammen, dann nahm er den Hörer ab. Behutsam drehte er die Wählscheibe. Es meldete sich irgendeine Wäscherei in Manhattan Süd. »Verzeihen Sie, falsch verbunden«, sagte Blake und legte den Hörer hastig wieder auf. Noch einmal begann er zu grübeln. Und dann hatte er die richtige Nummer. Er hatte vorhin die letzten beiden Ziffern vertauscht. Erneut wählte er. Und diesmal war er richtig. Eine angenehme Mädchenstimme meldete sich. »Hier Senator Blake. Kann ich Mr. Newton sprechen?«

»Einen Augenblick, Senator.«

Es klackte in der Leitung. Dann: »Hallo! Hier Newton.«

»Blake. Wie geht es Ihnen, Mr. Newton?«

»Ich hatte schon bessere Tage«, antwortete der Dicke.

»Ich möchte Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausdrücken, Mr. Newton. Sie haben einen Ihrer fähigsten Männer verloren. Sie wissen, dass ich von Joe Ford große Stücke gehalten habe. Ist es nicht ein Jammer? Immer trifft es die besten von uns. Auf Anhieb würden mir zehn Leute einfallen, deren Verlust kaum jemanden schmerzte, ja, sie würden einem nicht einmal abgehen, wenn sie zu existieren aufhörten. Ich wäre furchtbar gern zu Fords Beerdigung gekommen, aber ich hatte eine wichtige Besprechung zur selben Stunde. Ließ sich leider nicht machen.«

»Es waren genügend Leute da, Senator. Ich glaube, Joe hat Sie nicht vermisst.«

»Ein Junge, den man gern haben musste. Nein, wirklich, Newton, ein solches Ende hatte er nicht verdient.«

»Vielleicht ist das die einzige Gerechtigkeit auf dieser Welt: Niemand kann es sich aussuchen, wann, wo und wie er sterben möchte.«

»Das klingt verbittert«, sagte Blake.

»Ich bin auch verbittert, Sir. Immerhin ist nicht bloß ein guter Mann gestorben. Was mich fast noch mehr ärgert, ist die Tatsache, dass das Üble wieder einmal triumphieren konnte.«

Blake zog die Brauen zusammen. Mit energischer Stimme rief er in die Sprechrillen: »Sie geben doch jetzt hoffentlich nicht klein bei, Mr. Newton?«

Der Dicke lachte am anderen Ende der Leitung abgehackt. »Da kennen Sie Charles Newton aber schlecht, wenn Sie überhaupt an so eine Möglichkeit denken, Senator. Meine Vorzüge bestehen in erster Linie aus einer gewissen Sturheit. Wenn ich mich mal in eine Sache verbeiße, dann lasse ich nicht so schnell wieder los. Ich bin bekannt dafür, dass ich meine Ziele wie ein Sherman-Panzer ansteuere.«

»Das hört man gern.«

»S i e hören es gern, Sir. Andere sind darüber bestimmt nicht sonderlich glücklich. Aber man kann es nicht allen Menschen recht machen.«

»Ich will mich in Ihre Angelegenheiten natürlich nicht einmischen, Mr. Newton, aber gestatten Sie mir trotzdem eine Frage?«

»Selbstverständlich, Senator. Schließlich stehen Sie auf meiner Seite. Auch Sie mögen keinen Regenbogen.«

»Wie wahr das ist!«, seufzte Blake. »Eine verdammt gefährliche Organisation. Meine Frage, Mr. Newton: Werden Sie nun jemand anders an Joe Fords Stelle setzen?«

»Ich habe vor, eine ganz neue Variante ins Spiel zu bringen, Sir«, gab Newton zurück. »Es ist wie beim Schach. Ich habe noch lange nicht alle meine Möglichkeiten ausgespielt.«

»Darf ich Sie für morgen zum Lunch einladen, Mr. Newton? Sie müssen mir unbedingt mehr davon erzählen.«

»Tut mir leid, Sir. Aber ich rede nicht gern über ungelegte Eier.«

»Meine Einladung zum Lunch halte ich trotzdem aufrecht.«

»Leider kann ich diese Einladung im Augenblick nicht annehmen, Senator. Ich habe da einen Topf auf dem Herd, um den ich mich kümmern muss.«

»Verstehe«, sagte Blake. Er war wegen Newtons Absage nicht beleidigt. Er hatte Verständnis dafür, dass ein Mann zuerst an seine Pflicht und dann erst ans Vergnügen dachte. »Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag, Mr. Newton. Rufen Sie mich an, wenn Sie mal wieder ein bisschen mehr Luft haben, okay? Sie wissen, dass Sie in meinem Haus stets willkommen sind.«

»Sehr liebenswürdig, Senator.«

6

»Regenbogen!«

Das war das erste, woran Natalia Ustinov angesichts des Mannes mit der Pistole dachte. Er war etwa so groß wie sie und brachte höchstens drei Pfund mehr auf die Waage. Ein Gegner, dem sie sich absolut gewachsen fühlte. Ehe ein Wort oder ein Schuss fallen konnte, handelte die bildschöne Agentin. Sie schnellte hoch, flog waagerecht durch die Luft. Ihr Schuhabsatz traf die Kinnspitze des Gegners. Der Mann kippte nach hinten weg und knallte mit dem Hinterkopf so fest an die Wand, dass er noch in derselben Sekunde das Bewusstsein verlor. Ächzend sank er zu Boden. Die Pistole entfiel seinen erschlafften Fingern. Sie schlitterte drei Yards von ihm weg. Natalia holte sich die Waffe. Karate hatte Natalia Ustinov wahrscheinlich wieder einmal das Leben gerettet. Sie musterte den Ohnmächtigen mit ihren schwarzen Kohleaugen. War der Bursche aus demselben Grund wie sie hierhergekommen? Mal nachsehen, wen wir da haben, dachte die Agentin. Sie kniete neben dem Unbekannten nieder. Vielleicht hatte er einen Ausweis bei sich.

Er hatte einen. Und was für einen.

Es war ein Polizeiausweis. Natalia war wie elektrisiert. Vor ihr lag Sergeant Cyril Treath.

Oh Himmel. Sie hatte einen Polizei Sergeant ausgeknockt. Das konnte schlimme Folgen haben. Hastig lief Natalia ins Bad, machte ein Handtuch nass und kam zu Treath zurück. Zuerst tupfte sie das Blut von seiner angeschwollenen Nase, dann machte sie ihm kalte Kompressen. Die Pistole steckte sie ihm in sein Gürtelholster. Nach einer langen Ewigkeit schlug er verwirrt die Augen auf und sah die schwarzhaarige, schwarzgekleidete Frau verstört an. »Verdammt!«, ächzte er, während er mit unsicherer Hand seine Nase suchte. Sie war noch da. Und wie sie da war dick, groß und rot. »Warum haben Sie das getan?«

Die Ustinov zuckte verlegen die Achseln. »Ein Missverständnis. Es tut mir wirklich aufrichtig leid. Sie sagten kein Wort, dass Sie Polizist sind.«

»Teufel noch mal, ich kam ja nicht dazu. Ehe ich etwas von mir geben konnte, sprangen Sie mir schon mit den Füßen ins Gesicht. Meine Liebe, das wird Sie teuer zu stehen kommen. Widerstand gegen die Staatsgewalt ...«

»Ich wusste nicht, dass ich die Staatsgewalt vor mir hatte.«

»Aber Sie wissen, dass Sie sich in einer Wohnung befinden, in der Sie nichts zu suchen haben.«

»Ich hielt Sie für einen Killer«, sagte die Ustinov aufrichtig.

»Soll ich mich ausschütten vor Lachen? Ich ein Killer? Kindchen, ich würde wirklich lauthals lachen, wenn Sie mir mein Gesicht nicht kaputtgetreten hätten.«

»Es tut mir leid, Sergeant.«

»Was haben Sie in dieser Wohnung zu suchen?«

»Joe Ford war ein Freund von mir.«

»Papperlapapp! Ich habe Sie beobachtet. Sie haben die Tür zu dieser Atelierwohnung mit einem Dietrich oder etwas Ähnlichem aufgemacht.« Sergeant Treath kämpfte sich mühsam hoch. Natalia wollte ihm schuldbewusst helfen, doch er lehnte jegliche Unterstützung ab. Da stand er nun, eine jämmerliche Gestalt. Die Schultern hingen nach vorn. Er wirkte saft- und kraftlos Der Mittelpunkt seines Gesichts war mächtig aufgequollen. Sergeant Cyril Treath - verheiratet, fünf Kinder, kein TVGerät (deshalb die fünf Kinder), Hobby: Hinterglasmalerei. Er tastete wieder mit unglücklicher Miene nach seiner Nase. »Wie bringe ich das bloß meiner Frau bei? Sie werden sich dafür verantworten müssen. Wie ist Ihr Name?«

»Natalia Ustinov.«

Treath seufzte. »Immer die Russen.«

»Ich bin Amerikanerin.«

»Natürlich, alle Amerikaner heißen Ustinov oder Gruschenko oder Puschkin.«

Natalia öffnete ihre Handtasche und wies sich aus. Dann erzählte sie dem Sergeant eine von vorn bis hinten wahre Geschichte. Aber der Mann glaubte ihr nicht. Das konnte sie an seinem misstrauischen Blick erkennen.

»Wenn es nicht so wäre«, sagte sie, »wie ich eben erzählte, hätte ich Ihnen dann Ihre Pistole zurückgegeben?«

Treath fasste blitzschnell nach dem Gürtelholster. Tatsächlich, da steckte die Waffe. Ein Argument, das für diese faszinierende Frau sprach. Er traute ihr trotzdem immer noch nicht über den Weg. Also tat Natalia ein Zusätzliches, um ihn zu überzeugen. Sie begab sich zum Telefon und rief Charles Newton an. Sobald sie den Dicken an der Strippe hatte, erklärte sie ihm die Umstände. Dann gab sie den Hörer an Sergeant Treath weiter. Newton zerstreute dessen Zweifel. Der Sergeant legte den Hörer in die Gabel und musterte die Agentin wie ein Marsweibchen. Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Was es nicht alles gibt, wie?« Er machte eine Handbewegung, die die gesamte Atelierwohnung einschloss. »Mein Vorgesetzter, Lieutenant Stoker, ist der Ansicht, der Täter könnte noch mal an den Tatort zurückkehren. Deshalb trug er mir auf, ich solle mich vor der Wohnung auf die Lauer legen. Ich dachte, das wäre ein Rentnerjob.« Treath betastete wieder einmal vorsichtig seine Nase. »Aber ich habe mich geirrt. Mann, Sie haben einen Schlag wie ein junges Wildpferd.«

Natalia lächelte. »Gelernt ist gelernt. Nur - leider trifft’s manchmal den Falschen. Werden Sie weiter lauern?«

Der Sergeant nickte. »So lange, bis Lieutenant Stoker mich zurückpfeift.«

»Ich darf doch gehen, oder?«

»Natürlich, Miss Ustinov.«

Sie wies auf seine farbenprächtige Nase. »Sie tragen mir das nicht mehr nach?«

»Ich bin ja selbst mit ein bisschen schuld daran. Hätte ich sofort gesagt: >Hände hoch! Polizei<, wären Sie nie auf die Idee gekommen, mich für einen Killer zu halten.«

»Das ist allerdings richtig. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute noch einen besseren Fang machen, Sergeant.«

Cyril Treath zog die Mundwinkel nach unten. »Ehrlich gesagt, ich bin gar nicht so versessen darauf. Beim zweiten Mal könnte die Sache noch viel böser ausgehen.«

»Ich bin sicher, beim zweiten Mal würden Sie besser aufpassen.«

»Das schon. Aber ob das was nützen würde? Ich bin kein Held.«

»Wer ist das schon«, gab Natalia zurück und verließ die Atelierwohnung, ohne einen Hinweis auf »Regenbogen« gefunden zu haben.

7

Es war knapp vor 18 Uhr.

Die Angestellten der Chase Manhattan Bank blickten bereits ungeduldig auf die große Digitaluhr, die die Zeit in Ziffern anzeigte. Sie hing über dem gläsernen Eingang. 17.58 Uhr ... 17.59 Uhr ...

Die letzten Bankkunden betraten die Filiale. Sie liefen, denn sie wussten, dass sie spät dran waren. Mit ihnen kam ein junger schmaler Bursche herein. Er trug Jeans, einen weiten, grob gestrickten grauen Pullover, eine braune Afrolook-Frisur, und vor den Augen hatte er eine riesige Sonnenbrille, die die Hälfte seines Gesichts verdeckte.

So, wie der Typ die Bank betrat, erweckte er nicht den Eindruck, als wollte er ein Vermögen einzahlen.

Er sah eher so aus, als wollte er ein Vermögen abheben, und zwar auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Er schaute sich um. Neben dem gläsernen Eingang - zu beiden Seiten - gähnten zwei Cops. Ihre blanken Dienstmarken blitzten im Licht der Neonleuchten. Sie trugen zwei großkalibrige Revolver zur Schau. Jedermann sollte die Waffen sehen. Ausstellungsstücke, die ganz bestimmte Leute von ganz bestimmten Gedanken abbringen sollten.

Der Junge näherte sich dem Kassenschalter. Zwei Männer waren vor ihm. Der Kassierer, ein drahtiger Mann mit vielen Falten im schmalen Gesicht, lächelte freundlich, während er die verlangten Summen zur Auszahlung brachte. »Wie wollen Sie’s haben?«, fragte er immer. »Große Scheine? Kleine Scheine?« Und er richtete sich nach den Antworten der Kunden.

Nicht die Spur von Erregung war an dem Jungen zu erkennen. Er blickte sich unauffällig um. Einige Bankangestellte fingen an, ihren Schreibtisch aufzuräumen. Andere fertigten die letzten Kunden mit nervöser Freundlichkeit ab.

Der Mann vor dem Jungen bekam sein Geld.

Der Typ mit der Afrolook-Frisur stieß die linke Hand blitzschnell in die linke Jeans-Tasche und fingerte einen Zettel heraus. Mit der Rechten hob er gleichzeitig hastig den weiten Pullover. Im Gürtel der Jeans steckte eine Beretta. Der Junge riss sie heraus. Noch war er von dem Mann gedeckt, der vor ihm am Kassenschalter sein Geld nachzählte.

Die Uhr über der Tür zeigte die Zeit: 18.00 Uhr.

»Bitte?«, fragte der Kassierer. Er hatte für jeden dasselbe Lächeln, auch für diesen letzten Kunden.

Der Junge sagte kein Wort. Er schob dem Mann mit dem faltigen Gesicht den Zettel zu, den er zuvor aus der Tasche gefischt hatte. Der Kassierer beugte sich etwas vor und las:

>Dies ist ein Überfall. Packen Sie alles Geld in die Plastiktüte! Und verzichten Sie darauf, Alarm zu schlagen, sonst sind Sie ein toter Mann!<

Der Kassierer hob langsam den Blick.

Der Junge schob ihm die Plastiktüte zu. Es war ein roter Aufdruck irgendeiner Boutique in Brooklyn drauf.

Der Kassierer sah die Beretta auf sich gerichtet und nickte schnell. Er wollte dem Jungen damit klarmachen, dass es nicht nötig war, zu schießen. Er war bereit, ihm auszuhändigen, was er haben wollte.

Während der Bankräuber den Zettel wieder an sich nahm, fing der Kassierer an, mit großer Hast die Tüte mit Banknotenbündeln zu füllen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er schielte verstohlen zu den beiden Cops, die den Eingang bewachten. Sie kümmerten sich nicht um den letzten Bankkunden. Sie verließen ihren Posten, redeten leise miteinander. Ein langweiliger Tag war mal wieder zu Ende.

Dem Kassierer lief das Wasser über den Rücken. Die Tüte war beinahe voll. Nur noch einige wenige Dollarbündel hatten darin Platz.

Eine kleine Unachtsamkeit des Jungen. Er wandte den Kopf und blickte auf die Uhr.

Sofort reagierte der Kassierer. Er ließ sich blitzschnell fallen. »Überfall!«, brüllte er. »Überfall!« Gleichzeitig drückte er mit beiden Händen auf den Fußschalter für die Alarmanlage. Scherengitter rasselten vor den Türen und Fenstern herab. Die Bankangestellten federten hinter ihre Schreibtische. Die beiden Cops rissen ihre Dienstwaffen heraus.

Der Junge drehte sich um.

»Hände über den Kopf!«, schrien die Cops. »Waffe weg!«

Ihre zuckenden Gesichter verrieten, wie aufgeregt sie waren. Der Junge kapierte, dass sie ein Sieb aus ihm machten, wenn er ihren Befehlen nicht unverzüglich nachkam. Er pflanzte sich breitbeinig vor den Polizisten auf. Mit einer lässigen Handbewegung warf er ihnen die Beretta vor die Füße.

Sie kamen misstrauisch näher, als er die Hände über seinen Wollkopf nahm. Dass er sich von seiner Beretta getrennt hatte, hatte noch nichts zu sagen. Er konnte immer noch bewaffnet sein.

»Umdrehen!«, befahl einer der Cops.

Unwillig kam der Gangster auch dieser Aufforderung nach.

»Sieh nach, ob er sauber ist, Fred!«, hörte der Bankräuber den linken Cop knurren.

Hände krabbelten über seinen Rücken und zwischen seine Beine. Dann klirrten Handschellen. Der Bankräuber wirbelte herum. Es schien, als wollte er wenigstens versucht haben, sich der Festnahme doch noch zu entziehen. Der Cop, der Fred hieß, bekam einen kräftigen Stoß. Der andere erhielt einen brettharten Schlag in den Magen. Aber der schmale Bursche war nicht so kräftig wie die beiden Polizisten. Sie warfen sich keuchend auf ihn. Der eine schlug ihn mit der flachen Hand ins Gesicht. Die riesige Sonnenbrille segelte davon. Der andere fasste wütend in die wollige Frisur. Der Gangster wuchtete sich nach vorn. Dadurch glitt die Afrolook-Perücke von seinem Kopf. Langes, seidenweiches, blauschwarzes Haar floss unter der Perücke hervor. Der Cop, der Fred hieß, umklammerte den Bankräuber mit beiden Armen von hinten. Er spürte zwei feste Brüste unter dem grob gestrickten Pullover.

»Das ... das ist kein Junge!«, stieß er verblüfft hervor. »Das ist eine Frau!«

»Gibt es etwas, das man dir verheimlichen könnte, Bulle?«, fragte sie verächtlich. Doch es war nur Show.

Und dann machten die Handschellen über Natalia Ustinovs Gelenken klick.

8

Vorsichtig tauchten die Bankangestellten wieder auf. Bleiche Gesichter, wohin Natalia schaute. Sie lachte und beschimpfte die Leute. »Angsthasen!«, schrie sie schrill. »Bestimmt fürchtet ihr euch sogar vor eurem eigenen Schatten! Helden, alles tapfere Helden! Ihr seid zum Kotzen!«

»Schluss jetzt mit der Komödie!«, fauchte der Cop, der Fred hieß.

Der Kassierer wagte es nach einigem Zögern, wieder hochzukommen. Die Ustinov wandte sich zu ihm um. »Du verdammter Kerl! Wir beide rechnen noch mal ab!«

»Ja«, knurrte der zweite Cop. »Aber zunächst geht’s mal für eine Weile ins Kittchen, Baby. Ich bin sicher, da drinnen wird sich dein Mütchen allmählich abkühlen. Die haben fast alle zur Vernunft gebracht.«

»Mich nicht!«, schrie Natalia kreischend auf. »Bei mir beißen sie auf Granit!«

»Abwarten!«, sagte Fred. Sie nahmen die Ustinov in ihre Mitte. Sie sträubte sich, mit ihnen zu gehen. Ihr Griff wurde fester. Herrje, das gibt blaue Flecken, dachte Natalia. Aber sie ließ nicht locker. Sie bäumte sich zwischen den Cops wild auf. Sie trat nach ihren Schienbeinen und gebärdete sich wie toll. Draußen wimmerten zwei Streifenwagen heran.

Der zitternde Kassierer begann die Banknotenbündel wieder aus der Nylontüte zu packen.

Jemand schaltete den Alarm aus. Auf Knopfdruck rasselte das Scherengitter vor dem Eingang wieder hoch. Schaulustige fanden sich ein. Als sie die bildhübsche Frau zwischen den beiden Cops entdeckten, gellten Pfiffe auf.

»Platz!«, riefen die Cops. »Macht doch Platz, Leute!«

Die Besatzungen der beiden alarmierten Streifenwagen wühlten sich durch die Menge. Natalia wurde auf einen der beiden Patrolcars zugedrängt. Die Cops wollten sie in das Fahrzeug drücken. Sie stemmte sich dagegen. Die Polizisten waren gezwungen, Gewalt anzuwenden.

»Es lebe die Freiheit!«, schrie Natalia.

»Deine Freiheit ist gestorben«, sagte der Cop, der Fred hieß, ungehalten. »Nur keinen Ärger mehr, Mädchen. Steig ein! Du machst alles nur noch viel schlimmer, wenn du dich nicht fügst.«

»Bullen!«, schrie die Ustinov mit gespielter Wut. »Verdammte Bullen!«

»Wir wissen, dass du uns in dein Herz geschlossen hast«, entgegnete der zweite Cop und gab der Frau einen Stoß. Sie fiel in den Fond des Polizeiwagens. Fred setzte sich neben sie. Dann knallte die Tür zu. Eine Minute später brauste der Streifenwagen in Richtung Police Headquarters davon.

9

Es kam zur Gerichtsverhandlung. Natalia Ustinov hatte da einige großartige Auftritte. Sie beschimpfte den Staatsanwalt. Sie beleidigte den Richter. Sie schrie mit dem eigenen Anwalt und fuhr mit ihm so gewaltig Schlitten, dass er die Verteidigung mit hochrotem Kopf niederlegte. Ein Fressen für die Presse. Rundfunk- und Fernsehkommentatoren traten sich die Hühneraugen von den Zehen, um nahe genug an die schöne Natalia heranzukommen, ihr ein paar Fragen zu stellen, sie zu irgendwelchen Äußerungen zu bewegen.

Die Ustinov schrie in ihre Mikrofone, dass sie ungerecht behandelt würde, dass sie unschuldig sei, dass man an ihr einen himmelschreienden Justizirrtum beginge.

»Man hat Sie doch in flagranti ertappt«, wagte einer der Reporter zu sagen.

Sie erdolchte ihn mit einem wütenden Blick. »Ich verlange Objektivität, keine Voreingenommenheit! Ihr seid alle gegen mich. - Die ganze verfluchte Gesellschaft verurteilt mich - mich, eine Unschuldige!«

»Sie wollen die Chase Manhattan Bank also nicht überfallen haben?«

»Nein, ich war bloß zufällig da. Und die Cops brauchten jemanden, dem sie den Überfall in die Schuhe schieben konnten.«

»Die Aussagen der Bankangestellten ...«

»Lüge!«, schrie die Ustinov mit zornrotem Gesicht. »Alles infame Lüge!«

Sie schleppten sie aus dem Gerichtssaal.

Einer der Reporter schüttelte den Kopf. »Sie muss ebenso verrückt sein, wie sie schön ist.«

Am letzten Verhandlungstag gab sich die junge Agentin zunächst gesittet. Man hatte ihr einen Pflichtanwalt beigestellt. Der Mann hatte den Ruf, noch niemals einen Prozess gewonnen zu haben. So sah er auch aus - unscheinbar, stets traurig, immer Pillen schluckend, denn er hatte es mit dem Magen und mit der Galle.

Der Gerichtssaal war zum Bersten gefüllt. Die Reporter kritzelten mit, was gesprochen wurde. Einige unter ihnen nahmen die Gespräche auf Band auf. Natalia trug ein schlichtes graues Kleid - hochgeschlossen, züchtig. Trotzdem wirkte sie außergewöhnlich attraktiv. Ihre Kohleaugen musterten die Zuhörer. Die gesamte Meute erwartete wieder einen neuen temperamentvollen Ausbruch.

Natalia wartete das Schlussplädoyer des Staatsanwalts ab, dann legte sie los. Der Richter vermochte sich kaum durchzusetzen. Er verdonnerte sie zu etlichen Strafverschärfungen.

Aber erst als er drohte, sie aus dem Verhandlungssaal bringen zu lassen, beruhigte sich Natalia wieder.

Das Urteil war so, wie sie es erwartet hatte: 20 Jahre Haft. Und sie wusste auch schon, in welches Gefängnis sie gesteckt werden sollte.

10

Es war ein trauriger Transport. In dem geschlossenen Kastenwagen saßen: ein Mädchen, das seinen Freund vergiftet hatte, eine Mutter, die ihr Baby aus dem Fenster geworfen hatte, eine Frau, die einen Portier mit einem Beil beinahe erschlagen hätte, und Natalia Ustinov, die Bankräuberin. Von den anderen hatten die Massenmedien kaum eine Zeile berichtet. Natalia Ustinov hingegen war in den letzten Tagen so etwas wie ein negativer Star gewesen. Alle Welt kannte sie. Sogar im Gefängnis genoss sie bereits einen guten Ruf, ehe sie noch da war. Die üblichen Aufnahmeformalitäten wurden erledigt. Auch hierbei gab sich Natalia so, wie man es von ihr erwartete oder befürchtete. Sie wollte sich nicht von ihrem Eigentum trennen. Als zwei Wärterinnen sie zur Vernunft bringen wollten, gab es eine handfeste Schlägerei.

Dann kam die Ansprache des Gefängnisdirektors.

Er schien sie vor allem für Natalia zu halten. Sie nannte ihn eine fette Schmeißfliege, einen faulen Kerl, der besser manuelle Arbeiten verrichten sollte, statt schöne Reden zu schwingen.

Der dicke, kahlköpfige Mann starrte Natalia daraufhin gereizt an. »Miss Ustinov!«, sagte er zornig. »Man sagt mir im Allgemeinen sehr viel Güte und Toleranz nach. Aber ich kann auch hart sein, wenn es verlangt wird. Wir wussten, wer zu uns kommt, bevor Sie hier waren. Und wir haben uns auf Sie vorbereitet. In diesem Gefängnis gibt es sehr viele Vergünstigungen. Ich kann sie Ihnen alle streichen ...«

»Meinetwegen!«, schrie Natalia in das runde Gesicht des Gefängnisdirektors. »Streichen Sie nach Belieben. Ich bin nicht scharf auf Ihre Vergünstigungen.«

»Sie sind ein Ausbund an Tollheit.«

»Meine Sache.«

»Wir werden Sie brechen, Miss Ustinov.«

»Niemals!«

Der Direktor grinste hinterhältig. »Immerhin haben wir zwanzig Jahre dafür Zeit.« Er gab den Wärterinnen ein Zeichen. »Ab jetzt mit den Neuen!«

Sie wurden zu ihren Zellen geführt. Die Aufseherinnen machten sie mit der »Hausordnung« vertraut.

Zum Schluss blieb Natalia mit einer einzigen Aufseherin übrig. Die Frau, die neben ihr ging, war schätzungsweise zweiundvierzig und trug ihr Haar aufgestülpt, als ob sie einen Bienenkorb auf dem Hinterkopf hätte.

Sie war knöchern und größer als Natalia. Kummerfalten lagen um ihre Augen. Die verschwanden aber, als sie nun kurz lächelte. »Willkommen im Knast, Natalia.«

Die Agentin gab dieses kurze Lächeln zurück. »Es war eigentlich nicht schwer, hier hereinzukommen.«

Die Aufseherin nickte. »Viel schwieriger wird es sein, wieder rauszukommen.«

»Wie ist Ihr Name?« erkundigte sich Natalia.

»Eve Hunter.«

Sie gingen den Gefängniskorridor entlang.

Natalia fragte: »Wie geht es dem Objekt, dessentwegen ich hier bin?«

»Gut.«

»Werde ich die Zelle mit ihr teilen?«

»Das konnte ich arrangieren.«

»Weiß sie über mich Bescheid?«

Eve Hunter lachte in sich hinein. »Ich bitte Sie, Natalia, wer weiß in diesem Gefängnis nicht über Sie Bescheid. Sie haben schließlich eine Menge Wind gemacht. Eine wahre Informationswelle ist zu uns hereingeschwappt. Es verging ja kaum ein Tag, wo nicht mindestens einmal von Ihnen die Rede war ... Callgirl hat es satt, seinen Luxuskörper zu verkaufen. Beschließt, den Coup seines Lebens zu landen. Überfällt die Filiale der Chase Manhattan Bank. Tritt in der Verkleidung eines Jungen auf. Hat Pech. Wird geschnappt. Tobt vor dem Richter. Beschimpft den Staatsanwalt ...« Eve lächelte. »Wir wissen alles. Und die Insassinnen dieses Gefängnisses sind von Ihrem Mut begeistert. Sie haben es gewagt, das zu tun, was sich all die anderen Mädchen und Frauen, die hier eingesperrt sind, nicht zu tun getrauten. So etwas schafft Vertrauen hier drinnen. Und natürlich auch Freundschaft.«

Die Agentin nickte. »Beides kann ich brauchen.«

Eve legte ihr eine Hand auf den Arm. »Das Objekt wird trotzdem misstrauisch sein, zumindest am Anfang. Ich würde mir an Ihrer Stelle Zeit lassen.«

»Das habe ich vor«, sagte Natalia. »Wann werden Sie wieder mit Newton reden?«

»Möglicherweise heute noch.«

Natalia schmunzelte. »Sagen Sie ihm, dass ich mich prächtig fühle.«

»Er wird sich freuen, das zu hören.«

Sie waren am Ziel.

Zelle Nr. 2938. Eve Hunter schloss auf. Natalia blickte in einen trostlos grauen Raum. Hoch oben war ein vergittertes Fenster. An den Wänden Psychogramme von Frauen, die inzwischen wieder auf freiem Fuß waren. Rechts zwei Betten übereinander. Auf dem unteren lag ein blondes Mädchen. Es schien zu schlafen. Jedenfalls rührte es sich nicht.

Das war das Objekt, um das sich Natalia Ustinov kümmern sollte: Fiona Averlone, verurteilt wegen Landesverrats. Es hieß, dass sie dem Führungsstab von »Regenbogen« angehört hatte. Newton hoffte nun, über sie an den Kern dieses gefährlichen Agentenrings heranzukommen. Bisher hatte nichts gefruchtet.

Mit einem lauten Knall schloss sich die Zellentür hinter Natalia.

Sie lehnte sich dagegen und sagte: »Da bin ich.«

11

Fiona hatte wasserblaue Augen. Ihr Gesicht war schmal geschnitten, die Backenknochen waren hoch angesetzt, die Lippen voll, und obwohl das Mädchen keinen Lippenstift verwenden durfte, leuchtete der Mund kirschrot. Fiona setzte sich auf. Eine gefährliche Katze, das spürte Natalia instinktiv. Und sie sah so aus, als würde sie nicht einmal sich selbst vorbehaltlos trauen. Ihr Blick glitt an der Neuen auf und ab. Auch Natalia begann ihre Musterung. Es war ein erstes Abtasten. Man hatte voneinander schon einiges gehört und wollte sich nun selbst ein Bild machen.

Fiona nickte. »Natalia Ustinov. Es heißt, du bist nicht ganz richtig im Kopf.«

Natalias Kohleaugen begannen zu glühen. »Wer sagt das?«

»Eve Hunter zum Beispiel, die Aufseherin, die dich hierhergebracht hat.«

Natalia fletschte die Zähne. »Die blöde Ziege soll sich vor mir bloß in Acht nehmen.«

Fiona schüttelte unwillig den Kopf. »Du bist zu impulsiv, Nat.«

»Das ist kein Fehler. Besser als dazusitzen und sich alles gefallen zu lassen.«

»Hast du schon mal versucht, mit dem Kopf eine Betonmauer einzurennen?«

»Nein«, antwortete die Ustinov. »Aber ich würd’s schaffen.«

Fiona lachte. »Du bist wirklich nicht bei Trost.«

»Sag das nicht noch mal!«

Fiona blickte sie tadelnd an. »Hör zu, Natalia. Ich habe hier drinnen die älteren Rechte.«

»Nicht bei mir.«

»Ich möchte mich mit dir nicht zanken. Der Aufenthalt in diesem Gefängnis ist für mich schon hart genug. Ich will mich nicht auch noch mit dir herumärgern. Ich schlage vor, du erzählst mir, was du alles nicht magst. Ich werde mich danach richten, okay?«

»Ich mag vor allem nicht, dass man sagt, ich sei verrückt!«, zischte Natalia Ustinov giftig.

»In Ordnung, es wird nicht mehr geschehen.«

»Und dann will ich, dass man mich ernst nimmt.«

»Das liegt an dir.«

»Kein Wort mehr über den missglückten Bankraub.«

»Gut.«

»Und vor allem: Ich habe hier drinnen dieselben Rechte wie du.«

Fiona nickte. »Einverstanden. Aber hin und wieder wirst du von mir doch einen Rat annehmen, oder?«

»Kommt auf den Rat an«, gab die Agentin betont ruppig zurück. Sie kletterte zum oberen Bett hinauf, warf sich auf den Rücken, schob die Hände grimmig unter den Kopf und sagte gepresst: »Die schönsten Jahre meines Lebens rauben sie mir. Heute bin ich fünfundzwanzig. Wenn sie mich wieder rauslassen, bin ich fünfundvierzig. Eine alte Schachtel bin ich dann. Teufel noch mal, ich habe nicht die Absicht, so lange zu bleiben.«

Fiona lachte. »Du wirst keine andere Wahl haben.«

»Wart’s ab, Fiona.«

12

Während der ersten Tage vertrugen sie sich so recht und schlecht. Sie waren wie zwei Zahnräder, die sich erst aufeinander einschleifen mussten. Natalia brauste wegen jeder Kleinigkeit auf. Zweimal musste sogar Eve Hunter kommen, um den Streit zu schlichten. Die Agentin merkte, wie sie Fiona Averlone mehr und mehr in den Griff bekam.

Das Objekt, wie bereits Newton das blonde Mädchen genannt hatte, hatte eine ebenso starke Persönlichkeit wie Natalia. Fiona fühlte sich der aggressiven Natalia mit ihrem kühlen Verstand überlegen. Sie konnte nicht ahnen, dass ihr die Ustinov lediglich eine bühnenreife Komödie vorspielte.

Eve Hunter spannte die beiden Frauen zusammen, wo sie nur konnte. Sie mussten gemeinsam in der Gefängniswäscherei schuften, sie mussten gemeinsam den Zellentraktkorridor schrubben. Sie wurden gemeinsam in der Gefängnisschneiderei eingesetzt. Und immer wieder kündigte Natalia wütend an, dass sie in diesem Knast nicht alt werden würde. Tag für Tag hämmerte sie Fiona das ein.

Nach zwei Monaten hatte das blonde Mädchen genug davon. »Willst du nicht endlich damit aufhören?«

»Womit denn?«, fragte Natalia. Sie befanden sich in ihrer kleinen Zelle. Fiona hatte sie lange schon nicht mehr so beengend gefunden wie grade an diesem Tag.

»Mach dir doch nichts vor. Du kommst hier nicht raus, Nat. Finde dich endlich damit ab, dass du deine zwanzig Jahre abbrummen musst. Je eher du es akzeptierst, desto besser fühlst du dich hinterher, glaube es mir.«

Die Ustinov setzte sich lächelnd neben Fiona aufs Bett. »Meinetwegen kannst du hier drinnen ja eine alte Jungfer werden. Ich habe nicht im Sinn, darauf zu warten, bis ich so aussehe, dass mich kein Mann mehr haben möchte.«

»Mit fünfundvierzig ist eine Frau doch noch nicht alt.«

Natalia hob die Brauen. »Gefängnisjahre zählen doppelt, meine Liebe. Deshalb werde ich versuchen, von hier wegzukommen, und zwar bald.«

Mehr sagte Natalia nicht. Sie ließ alles offen. Und sie wusste, dass das Gesagte sich immer tiefer in Fiona hineinnagen würde.

Eve Hunter hatte Natalia wissen lassen, dass Newton bereits unruhig zu werden begann. »Regenbogen« hatte wieder einige politische Spitzbübereien geliefert. Der Dicke war der Auffassung, dass nun endlich etwas unternommen werden musste. Die Agentin ließ ihn wissen: »In zwei Tagen habe ich das Objekt soweit.« Eve Hunter übermittelte es ihm.

Und Natalia irrte sich nicht.

Zwei Tage später fing Fiona Averlone von sich aus zu reden an. »Ich kann dir nicht sagen, wie genug ich von diesem Kasten habe.«

Natalia lachte. »Na fein. Endlich ein vernünftiges Wort. Hat lange gedauert, bis du dich zu meiner Ansicht durchgerungen hast, Mädchen. Unsere Parole heißt von jetzt ab: raus aus dem Knast. Okay, Fiona?«

Das blonde Mädchen blickte Natalia forschend an. »Die Parole gefällt mir. Aber bringt sie uns wirklich raus?«

»Die Parole allein natürlich nicht.«

»Du redest so, als wüsstest du, wie man von hier ...«

»Habe ich nicht von allem Anfang an gesagt, dass ich hier nicht alt zu werden gedenke?«

»Ich hielt den Wunsch für den Vater des Gedankens.«

Natalia senkte die Stimme. Fiona hörte aufmerksam zu. »Du weißt, was ich mal für einen Job hatte?«

»Du warst ein Callgirl.«

»Richtig.«

»Und?«

»Ich war ein sehr begehrtes Kind, das kannst du mir glauben.«

»Ich glaub’s ja«, sagte Fiona. Kleine rote Flecken klebten an ihren Wangen. Sie war mächtig aufgeregt.

»Clevere Jungs waren in meinem Penthouse zu Gast, Fiona. Und einmal war einer da, der hatte einen ganz und gar ausgefallenen Job. Errätst du nie. Wetten?«

»Nun sag’s schon!«

»Eigentlich wollte er mit mir darüber nicht reden. Aber als er so blau war, dass er nicht mehr stehen konnte, hat ihm der Alkohol dann doch die Zunge gelockert.« Natalia kicherte. »Ich war weg. Ehrlich weg war ich, als er mir sein Geheimnis anvertraute. Als er am nächsten Morgen ging, hatte er keinen blassen Schimmer, dass er mir’s verraten hatte. Wäre ihm vermutlich unangenehm gewesen.« Natalia grinste. »Hätte nie gedacht, dass ich Kirkie Stork mal brauchen würde. Tatsächlich, Fiona. Er heißt Stork. Der Storch kam zum Callgirl.«

»Und sein Job?«, fragte Fiona. Sie saß auf glühenden Kohlen.

Die Agentin flüsterte im Verschwörerton: »Kirkie leitet eine Fluchthilfeorganisation. Kannst du dir darunter etwas vorstellen?«

»Ungefähr schon.«

»Er hat eine Gruppe von tüchtigen Leuten um sich. Alles ausgesuchte Spezialisten, hervorragende Fachleute. Wer Geld hat, setzt sich mit Kirkie Stork in Verbindung. Und Kirkie holt ihn binnen kürzester Frist aus dem Knast raus. Natürlich kann Kirkie nicht wie jeder andere Geschäftsmann seine Erfolge an die große Glocke hängen. Aber seine Erfolgsquote soll verblüffend hoch liegen.«

Fiona leckte sich die trockenen Lippen. Ihre wasserblauen Augen betrachteten Natalias hübsches Gesicht. »Und diesen Kirkie Stork möchtest du bemühen, Nat.«

»Er wird mir mit Vergnügen helfen.«

»Hast du denn genügend Geld, um ihn zu bezahlen?«

Die Ustinov lächelte hintergründig und strich sich mit beiden Händen über die aufregende Figur. »Ich habe Kirkie so viel gegeben ... Er steckt tief in meiner Schuld, das weiß er. Deshalb wird er mir gratis helfen, aus purer alter Freundschaft. Ja, ja, Fiona, so was gibt’s.« Das Mädchen brannte lichterloh. Es war von der Aussicht, bald wieder eine Luft atmen zu dürfen, die nicht gesiebt war, überwältigt. Natalia hatte bis jetzt absichtlich nur von sich gesprochen: S i e würde sich herausholen lassen, s i e würde nicht mehr länger im Gefängnis bleiben, s i e würde bald wieder die kostbare Freiheit genießen. Nun bemerkte die Agentin wie beiläufig: »Wenn du möchtest, kannst du mitkommen, Fiona.«

Die Blonde nickte eifrig. »Und wie ich will, Natalia.«

»Ob die nun ein Girl rausholen oder zwei, es ist ein Arbeitsvorgang. Ich muss bloß Bescheid wissen.«

Fiona nickte noch einmal mit großem Eifer. »Ich bin dabei, Nat. Selbstverständlich bin ich dabei. Mir ist plötzlich der Aufenthalt in diesem Gefängnis unerträglich. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden, wenn ich noch ein Jahr bleiben muss.«

Natalia lachte. »Kein Jahr mehr, Fiona. Damit hat’s ein Ende. Es wird nicht mal mehr ein Monat sein.«

»Tatsächlich?«

»Kirkie Storks Männer haben verflixt was los. Ich sagte schon, es sind Spezialisten. Ich brauche mich nur mit ihm in Verbindung zu setzen, dann beginnt das Uhrwerk unaufhaltsam zu laufen.«

»Wie nimmst du Kontakt mit ihm auf?«, wollte Fiona wissen.

Die Agentin lächelte verschmitzt. »Es gibt hier einen Kanal, ist mir aufgefallen, der direkt nach draußen führt.«

Fiona Averlone staunte. »Wieso habe ich davon nichts mitgekriegt?«

»Vielleicht hast du nicht die richtige Antenne für solche Dinge.«

Fiona stand nach wie vor in Flammen. Sie begann in der engen Zelle auf und ab zu laufen. Herrgott, wie hatte sie es hier drinnen nur so lange aushalten können? Und plötzlich war ein Ende abzusehen. Das Herz drohte dem aufgeregten Mädchen aus dem Hals zu hüpfen. Die Freude überwältigte Fiona. Sie blieb vor der Ustinov stehen, schaute sie mit lodernden Augen an. »Natalia ...«

»Ja?«

»Wenn wir ... wenn wir erst mal draußen sind ...«

»Dann trennen sich unsere Wege«, sagte Natalia ernst.

Fiona schüttelte erregt den Kopf. »Nein, nein, Nat. Ich möchte dann etwas für dich tun, verstehst du?«

»Was denn schon, he? Ich kann mir selbst weiterhelfen.«

»Ich kann es besser. Lass uns erst mal draußen sein. Ich habe Freunde draußen ...«

»Auf die man sich verlassen kann?«, fragte Natalia zweifelnd.

»Ich werde dir einen guten Job verschaffen«, versprach Fiona, ohne auf den zweifelnden Einwand einzugehen. »Ich habe prima Verbindungen. Die Gruppe, die ich meine, kann tüchtige Leute immer brauchen. Und du bist tüchtig, Natalia. Immer mehr erkenne ich das. Du hast außergewöhnliche Fähigkeiten. Wenn die richtig eingesetzt werden, kannst du ein kleines Vermögen verdienen.«

Regenbogen, dachte Natalia wieder einmal. Sie war auf dem richtigen Weg. Fiona wollte sie offensichtlich in diesen gefährlichen Agentenring einführen, wenn sie erst mal aus diesem Gefängnis waren. Damit war der Zweck dieses Unternehmens erfüllt: Fionas Vertrauen gewinnen, sie aus dem Gefängnis holen, nicht mehr von ihrer Seite weichen, in den Agentenring eindringen, ihn unterminieren und schließlich mit einem ohrenbetäubenden Knall hochgehen lassen. So lautete Natalia Ustinovs Auftrag. Sie war auf dem besten Wege, ihn auszuführen.

Aber Natalia gab sich reichlich skeptisch. Sie musste Fiona Averlone etwas mehr aus der Reserve locken. Nun war dazu die günstigste Gelegenheit. Fiona brannte nach wie vor wie eine Strohscheune.

»Diese Leute, von denen du sprachst«, sagte Natalia mit reservierter Miene, »was sind das für Figuren, Fiona? Du redest von prima Verbindungen, aber niemand rührt für dich einen Finger.«

Fiona schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gesagt, dass sie niemals etwas für mich getan hätten.«

»Jedenfalls lassen sie dich ganz schön lange schmoren.«

Fiona presste die Lippen zusammen. »Sie werden ihre Gründe dafür haben.«

Natalia zuckte die Achseln. »Okay. Ich kann mir später mal den Verein ansehen, ganz unverbindlich natürlich.«

Fiona lächelte. »Du wirst dich wundern, Natalia.«

13

Zwei Stunden später erschien Eve Hunter. Natalia raunte Fiona zu: »Wenn ich die schon sehe, kommt mir das Essen hoch.«

»Nicht mehr lange«, flüsterte Fiona.

Die Aufseherin zog die Brauen zusammen. »Was gibt’s denn hier zu flüstern?«

»Unsere Sache!«, fauchte Natalia aggressiv. »Wenn Ihnen irgendetwas nicht passt, melden Sie’s dem Direktor, diesem Fettsack.«

»Ich muss schon sehr bitten!«, entgegnete Eve Hunter wütend.

»Ach, rutschen Sie mir doch den Buckel runter!«, gab die Ustinov zurück. »Was wollen Sie überhaupt hier? Verschwinden Sie! Scheren Sie sich raus! Sie fallen uns auf’n Wecker, Ma’m!«

Die Aufseherin setzte ein gehässiges Lächeln auf. »Schon vergessen, Miss Ustinov? Heute gibt’s mal wieder Einzel- und Dunkelhaft für Sie.«

»Mir doch egal.«

»Sie hätten vor Gericht den Mund nicht so weit aufreißen sollen.«

»Ich reiße meinen Mund wann immer, wo immer und so weit wie ich will auf. Kapiert?«

»Kommen Sie jetzt, Miss Ustinov! Oder muss ich eine Kollegin bitten, dass sie mir hilft, Sie ...«

Natalias Lächeln troff vor Verachtung. »Aber nein, Miss Hunter. Keine Kollegin. Ist wirklich nicht nötig. Wir beide werden uns schon vertragen. Vergessen Sie nicht, dem Gefängnisdirektor meine Grüße zu bestellen. Sagen Sie ihm, dass ich mit Freuden auf den Tag warte, an dem ihn der Schlag trifft. In den zwanzig Jahren, die ich vor mir habe, wird’s doch hoffentlich mal passieren. Er ist dick. Und dicke Menschen sind in der Beziehung besonders gefährdet, wie man weiß.«

»Was hätten Sie damit denn gewonnen? Es würde ein neuer Direktor kommen.«

»Vielleicht einer, dem ich gefalle«, sagte die Ustinov und streichelte ihren schlanken Körper.

»Sie spinnen ja!«

Natalia sprang auf die Aufseherin zu: »Sag das nicht noch mal, du verdammte Hexe, sonst kannst du was erleben!«

»Raus jetzt!«, zischelte Eve Hunter gereizt.

Die Agentin machte Fiona das Victory-Zeichen. »Morgen bin ich wieder bei dir. Lauf inzwischen nicht weg, okay?«

Fiona lachte. »Ich warte auf dich.«

»Das ist nett«, sagte Natalia. Dann knallte Eve Hunter die Tür zu. Sie gingen ein Stück schweigend den Korridor entlang. »Na, wie war ich, Eve?«

»Überzeugend. Fiona hat keine Chance. Sie muss einfach auf Sie hereinfallen.«

Natalia nickte. »Man hat mich verschiedentlich schon gefragt, warum ich nicht zum Film gehe.«

»Sie würden’s da gewiss sehr weit bringen. Warum gehen Sie wirklich nicht zum Film, Natalia?«

»Vielleicht deshalb, weil es in dieser Branche zu viele Männer gibt, die keine Männer sind, wenn Sie verstehen, was ich. damit meine.« Die junge Agentin wurde ernst. »Teilen Sie Newton mit, dass das Objekt angebissen hat.«

Eve Hunter nickte. »Mache ich.«

»Objekt hängt am Haken - Stopp - Teil zwei der Operation kann anlaufen - Stopp - Küsschen Natalia - Stopp«, sagte die hübsche Agentin, als wollte sie ein Telegramm an den Dicken diktieren.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Teil zwei, Nat«, sagte die Aufseherin.

»Jetzt wird’s erst kritisch«, meinte Natalia. Dann sperrte Eve Hunter sie in die Zelle, wo sie vierundzwanzig Stunden Einzel- und Dunkelhaft auf richterlichen Beschluss hin abzusitzen hatte.

14

Als Natalia wieder in Fionas Zelle trat, lag ein geheimnisvolles Lächeln um ihre Lippen. Sie hatte die Hände geballt und wartete, bis die Aufseherin weggegangen war. Fiona stand von ihrem Bett auf und musterte ihre Zellengenossin besorgt. »War’s sehr schlimm, Mädchen?«

Natalia machte eine wegwerfende Handbewegung. »Kann es schaden, mal vierundzwanzig Stunden zu schlafen, mal so richtig auszuspannen? Ich sage dir, Einzel- und Dunkelhaft ist keine Strafverschärfung, sondern die reinste Erholung. Diese Ruhe ...«

Fiona zog Natalia zu sich aufs Bett. Leise fragte sie: »Wann wirst du mit Kirkie Stork Kontakt aufnehmen?«

»Schon geschehen.« Sie hielt Fiona die Fäuste hin. »Und dies ist das Ergebnis.«

Das blonde Mädchen blickte verwirrt auf die Fäuste. »Was willst du damit sagen, Nat?«

Die schwarzhaarige Agentin hielt Fiona beide Fäuste hin, mit den Fingernägeln nach oben. »Mach eine davon auf!«, verlangte sie. Fiona zögerte. »Na los doch, mach eine auf!«

Fiona entschied sich für die rechte Faust. Natalia setzte keinen Widerstand gegen Fionas Druck. Die Faust öffnete sich. Eine blutrote Kapsel lag auf der Handfläche.

»Was ist das?«, fragte Fiona erstaunt.

»Die ist für dich.«

»Für ...«

»... dich.« Natalia nickte. Dann öffnete sie freiwillig die linke Faust. Da lag die gleiche Kapsel. »Und die ist für mich - oder umgekehrt. Jedenfalls sind die für uns.«

»Woher hast du sie?«, fragte Fiona verblüfft. Dass es so schnell klappen würde, hätte sie nicht im Traum gedacht.

»Kirkie Stork«, sagte Natalia. Sie blinzelte schelmisch mit dem rechten Auge. In Wirklichkeit gab es keinen Kirkie Stork. Oder, besser gesagt: Kirkie Stork war Charles Newton, der Dicke, den Natalia ab und zu liebevoll »Buddha« nannte. Und die Fluchthilfeorganisation bestand aus einer langen Kette von Leuten, die alle für Newton tätig waren. Natalia war also in den besten Händen. Und Fiona selbstverständlich auch.

»Was ist mit diesen Dingern?«, fragte Fiona Averlone ein wenig beunruhigt.

»Wir müssen sie schlucken, was sonst.«

»Wann hast du sie bekommen?«

»Gerade vorhin, auf dem Weg hierher.«

»Und was bewirken diese Kapseln?«

»Es wird uns übel werden, wir bekommen ein bisschen Bauchweh. Und dann schaffen sie uns ins Gefängnis-Hospital. Da wird man weitersehen. Wir können uns voll und ganz auf Kirkie Stork verlassen. Der weiß, was er tut. Ist schließlich nicht das erste Mal, dass er diese Masche häkelt.«

Fiona staunte. »Und da ist ihm bis heute noch keiner auf die Schliche gekommen?«

»Er lässt sich immer wieder neue Varianten einfallen.«

»Diese Kapsel ... sie wird uns doch hoffentlich nicht umbringen, oder?«

»Hast du ein gesundes Herz?«

»Ja.«

»Na also. Warum machst du dir dann Sorgen?«

»Ich bin eine schlechte Pillenschluckerin.«

»Ja, solche Leute gibt es. Diesmal musst du eine Ausnahme machen. Schließlich winkt dir ein riesiger Lohn. Denk daran, wenn wir erst mal im Hospital sind, sind wir der Freiheit schon einen gewaltigen Schritt näher gekommen.«

Zögernd nahm Fiona Averlone die Kapsel zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie betrachteten das Ding, als wäre es so groß wie ein Fußball. »Hoffentlich bringe ich’s runter. Wann soll ich die Kapsel schlucken?«

»Während des Abendessens.«

Fiona nickte. Sie war nicht gerade glücklich darüber.

»Kopf hoch!«, sagte die Agentin. »Wir haben es bald hinter uns.«

Eine Stunde später hieß es: raustreten zum Abendessen. Die weiblichen Häftlinge begaben sich in geordneten Gruppen, unter der Aufsicht der Beamtinnen, in den Speisesaal. Es gab Linsensuppe mit Brot.

»Verfluchter Fraß!«, schrie Natalia. Sie durfte nicht aus der Rolle fallen.

Der Koch winkte verärgert ab. Er kannte ihre Bemerkungen. »Ach, halt’s Maul. Geh weiter!« knurrte er.

»Du stehst auch auf meiner schwarzen Liste, Dicker!«, keifte die Ustinov über den Blechtresen, dann begab sie sich mit der Linsensuppe und dem Brot zu ihrem Platz. Fiona Averlone saß bereits. Die Agentin begann zu essen. Nach dem vierten Löffel Suppe stieß sie Fiona sachte mit dem Ellenbogen an. Die Blonde zuckte zusammen. Natalia raunte ihr zu: »Jetzt! Auf eine baldige Freiheit!«

Und dann schluckten sie beide die blutroten Kapseln.

15

Rauchend und wartend lag Dr. Ross Holland auf der französischen Liege. Über seinem Kopf waren Radio, Fernseher, Wecker und Aschenbecher eingebaut. Das Radio war an. Leise Musik erfüllte den Raum, der mit einigen Spiegeln an den Wänden optisch vergrößert wurde. Gedämpftes Licht sorgte für die nötige Atmosphäre. Das Rauschen der Dusche drang an Hollands Ohr. Sally genoss vorher noch das kühle, prickelnde Wasser. Vorher! Holland lächelte. Er war ein wenig erregt, konnte es kaum mehr erwarten, Sally in seine starken Arme zu nehmen. Er trug weiße Shorts und ein ebenfalls weißes T-Shirt. Vor einer halben Stunde hatten er und Sally draußen noch Tennis gespielt. Dann hatte die Dämmerung eingesetzt.

Holland war ein strebsamer, sparsamer Mann. Er hatte sich in relativ kurzer Zeit das Geld für sein großes, modernes Haus erwirtschaftet. Das Grundstück konnte sich sehen lassen. Es hatte vornehmen Parkcharakter und war wohl nur um eine Spur kleiner als der Central Park. Ein kleines Paradies. Für Ross und Sally. Die Arzthonorare hätten nicht ausgereicht, um all das zu bezahlen. Holland verdiente zusätzlich auf einem zweiten Gleis. Und da noch viel mehr. Aber obwohl er vor Sally ansonsten keine Geheimnisse hatte - in dieser Richtung schwieg Ross Holland sich gründlich aus.

Das Rauschen der Dusche verstummte. Und dann kam Sally Flack. Sie war zwanzig, rothaarig, hatte einige lustige Sommersprossen auf der Nase und arbeitete als Schaufensterdekorateurin für ein großes New Yorker Warenhaus. Sie war eine große Nummer im Rahmen der Verkaufsförderungsabteilung. Auf ihren Ideenreichtum und ihren Geschmack hielten die Direktoren große Stücke.

Ross vernahm ihre patschenden Schritte. Sie kam barfuß. Er drückte die Zigarette in den Ascher und hob den Kopf. Sally trug einen zyklamfarbenen Turban. Von ihrem naturroten Haar war nur wenig zu sehen. Ein gleichfarbiges Badetuch hatte sie um ihre schlanke Figur geschlungen. Nun kam sie mit wiegenden Hüften auf das Bett zu. Sie konnte gehen wie ein Mannequin. Und sie hatte mehr aufpeitschenden Sex unter der hellen Haut als die beste Strip-Tänzerin. Hollands Eifersucht war zu verstehen.

Als sie mit den nackten Knien an das Fußende des Bettes stieß, blieb sie stehen. Ihr Blick verriet Ross, dass sie voller Erwartung war. Genau wie er.

Ross klopfte mit der flachen Rechten auf das Bett. »Komm, Baby!«

»Ich bin noch feucht«, sagte Sally. Ihre Stimme war samtweich. Die Erregung machte sie ein wenig heiser.

»Das macht doch nichts. Nun komm schon!«

Kichernd glitt Sally auf das Bett. »Ich dachte immer, die Franzosen wären die besten Liebhaber. Aber kein Franzose kann dir das Wasser reichen, Ross.«

Holland verschloss dem hübschen Mädchen mit einem langen, innigen Kuss den Mund. Seine Hände glitten an ihrem bebenden Körper herab. Behutsam schälte er sie aus dem zyklamfarbenen Badetuch. Erregt küsste er ihre schwellenden Brüste. Sie duftete nach Flieder. Er war wie von Sinnen. Ein angenehmer Rausch erfasste ihn. Er ließ seinem aufgestauten Trieb freien Lauf, und Sally kam dabei nicht zu kurz. Sie geriet in größte Verzückung und umklammerte Ross immer noch atemlos, nachdem sie beide den Höhepunkt bereits erreicht hatten. »Ich möchte dich nie, nie, nie mehr loslassen«, flüsterte Sally ihm sanft ins Ohr. »Ich liebe dich, Ross. Ich liebe dich so sehr ... Ich kann’s gar nicht mit Worten ausdrücken.«

»Mir geht es genauso. Und das macht mich unbeschreiblich glück...« Das Telefon schlug im Wohnzimmer an. Ross Holland stieß einen Fluch aus und löste sich von Sally. »Diese Apparate hat der Satan erfunden. Ich könnte das Ding manchmal mit einer Hacke zertrümmern.« Grimmig quälte sich Holland in seine Shorts.

Sally lächelte.

»Mach’s kurz, ja?«

»Darauf kannst du dich verlassen«, sagte Holland mit gefletschten Zähnen. Er fuhr sich durchs schwarze Haar und eilte in den Livingroom. Mit einer unwilligen Geste riss er den Hörer aus der Gabel. »Hier Dr. Holland!«, meldete er sich so bissig wie möglich.

»Newton hier«, kam es ebenso ungehalten zurück. »Sagen Sie mal, was soll denn das, Holland? Ich habe im Hospital angerufen. Da sagte man mir, Sie hätten heute Abend frei.«

»Das ist richtig, Mr. Newton«, antwortete Ross um zehn Striche freundlicher.

»Das wagen Sie mir mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu sagen?«, brauste der Dicke zornig auf.

Holland drehte sich um und vergewisserte sich, ob er die Schlafzimmertür zugemacht hatte. Sie war geschlossen. Gut so. Er wollte nicht, dass Sally dieses Gespräch mithörte. Es war das einzige Geheimnis, das er vor ihr hatte: Er arbeitete für Newtons Geheimdienst. »Ich kann wirklich nicht verstehen, was Sie so sehr erregt, Mr. Newton«, sagte Holland ernst.

»Nun machen Sie aber einen Punkt. Ich hielt Sie bis heute für einen zuverlässigen Mann ...«

»Das bin ich.«

»Es war abgemacht ...«

Holland fiel dem Dicken ins Wort: »Es war abgemacht, dass ich vorher noch mal einen Anruf bekomme.«

Newton stutzte kurz. »Moment mal! Wollen Sie damit etwa behaupten, dass Sie einen solchen Anruf nicht erhalten haben?«

»Genau das, Mr. Newton.«

»Teufel, dann hat das meine Sekretärin verschlampt.«

»Offenbar.«

»In diesem Fall muss ich mich aber selbstverständlich bei Ihnen entschuldigen. Und als Nächstes werde ich wohl darangehen müssen, mein Personal auszuwechseln. Da reißen Unsitten ein ... Also gut. Hiermit bitte ich Sie zu tun, was wir besprochen haben.«

»Ist es denn schon so weit?«, fragte Holland.

»Was heißt so weit? Es ist schon fast zu spät. Machen Sie schnell, Holland! Sie wissen, was für uns auf dem Spiel steht.«

»An mir wird’s nicht scheitern.«

»Wenn Sie sich nicht beeilen, doch. Bis später.«

»Ich fahre sofort los, Mr. Newton.«

Holland legte den Hörer in die Gabel. Er kehrte nicht ins Schlafzimmer zurück, sondern eilte in den Ankleideraum. Erst nachdem er ausgehfertig war, trat er ins Schlafzimmer. Sally Flack starrte ihn an, als stünde sein Anzug in Flammen.

»Sag mal, Ross, soll das ein Witz sein?«, fragte sie enttäuscht.

»Leider nein.«

»Was ist denn passiert?«

Holland wies mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Wohnzimmer. »Tut mir schrecklich leid, Sally. Vorhin der Anruf ...« Er log bewusst. »Der kam vom Hospital. Sie brauchen mich da. Ein äußerst dringender Fall. Sorry, Baby. Ich bin wirklich untröstlich.«

Sally seufzte. Aber sie sagte einsichtsvoll: »Ihr Ärzte. Ihr seid niemals freie Menschen. Sogar im Urlaub holt man euch aus dem Bett, wenn sich jemand im selben Hotel das Leben zu nehmen versuchte ...«

»Der Eid des Hippokrates verpflichtet uns zu helfen.«

»Ich weiß, ich weiß.«

Holland küsste Sally auf den Mund. »Du bist ein Schatz.«

Er lief zur Tür.

»Eigentlich«, sagte Sally lächelnd. Ross drehte sich noch einmal kurz um. »Eigentlich bin ich stolz darauf, dass sie im Hospital ohne dich nicht auskommen.«

»Du wirst schon schlafen, wenn ich zurückkomme. Träum von mir.«

»Das Einzige, was ich ungestört tun kann.« Sally nickte. Ross flitzte zur Tür hinaus, öffnete das Garagentor, schwang sich in seinen anthrazitfarbenen Alfa Romeo und massierte das Gaspedal mit viel Gefühl.

Zwanzig Minuten später erreichte er das Gefängnis-Hospital, in dem er seit vier Jahren beschäftigt war. Nachdem er die drei Kontrollen passiert hatte, betrat er den Ambulanztrakt. Er suchte das Zimmer des diensthabenden Arztes auf.

Das war an diesem Tag Jerry Fox. Ein Bursche, der seinen Namen aufgrund seines Aussehens bekommen haben musste. Er sah wirklich einem Fuchs ähnlich, und er war auch so schlau wie Meister Reinecke. Obwohl Holland es ziemlich eilig hatte, trat er langsam ein. Fox las in einem Buch, das den Titel trug: »Alles über die Frauen«.

»Schon was dazugelernt?«, fragte Holland grinsend und wies auf das Buch.

Fox lachte meckernd. »Ich sage dir, der Autor hat keine Ahnung von Frauen. Der könnte von mir noch allerbesten Stoff für zehn Kapitel haben.« Fox legte das Buch weg, schaute auf seine Uhr und blickte dann auf den Kalender. Er tat das, um ganz sicherzugehen. Dann sagte er: »Mein Gott, Ross, du musst den Verstand verloren haben.«

Holland schmunzelte. Er brannte sich eine Zigarette an, gab dem Kollegen auch eine und reichte ihm Feuer. »Wieso?«, fragte er, während er den Rauch durch die Nase sickern ließ.

»Das fragst du noch?«

»Was erschüttert dich denn so?«, fragte Holland lachend.

»Hör mal, du hast heute deinen freien Tag, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Nur ein Verrückter begibt sich an seinem freien Tag an seinen Arbeitsplatz, Junge. Sei mir bitte nicht böse. Oder kannst du irgendeinen Entschuldigungsgrund für diese Handlung vorbringen?«

Ross setzte sich in einen Sessel und schlug die Beine übereinander. Verstohlen blickte er auf seine Uhr. Viel Zeit hatte er nicht mehr. »Ich hatte wieder mal eine kleine Differenz mit Sally. Du kennst mich. Ein Typ hat sie angesehen. Ich konnte den Mund nicht halten. Sie hat mir daraufhin eine Szene gemacht. Nun ja, ich will hier keine Einzelheiten von mir geben. Jedenfalls habe ich mich in meinen Wagen gesetzt und bin einfach abgehauen. Und plötzlich war ich hier. Und ich gehe auch nicht so schnell wieder weg. Zu Hause wartet Sally auf mich. Sie soll sich erst mal ein bisschen abkühlen.«

Jerry Fox kicherte. »Die Hospital Bereitschaft doppelt besetzt - das hat’s auch noch nicht gegeben.«

»Nun, wenn du möchtest, übernehme ich deinen Dienst.«

Fox klatschte sich begeistert auf die Schenkel. »Mann, wie komme ich denn zu so viel Glück?« Er sprang auf. »Du und Sally, ihr solltet öfter mal Krach haben, wenn ich Dienst schiebe.« Fox fegte den weißen Ärztekittel von seinen Schultern. In zwei Minuten war er aus gehfertig. Er wies auf das Buch über die Frauen. »Vielleicht gefällt es dir besser als mir.«

»Was wirst du mit dem geschenkten Abend anfangen?«, erkundigte sich Holland.

»Oh, da gibt es viele schöne Möglichkeiten. Ich hab’ da ein paar ausgezeichnete Telefonnummern in meinem Notizbuch stehen. Ich verspreche dir, es wird ein unvergesslicher Abend werden.« Fox schlug Holland erfreut auf die Schulter. »Bist ein prima Kamerad.«

Ross Holland zog die Mundwinkel nach unten. »Bedank dich bei Sally.«

Jerry Fox ging.

Holland atmete erleichtert auf. Es hatte geklappt.

16

Kurz nach dem Essen kam der Anfall.

Es schmerzte mehr, als Natalia gedacht hatte. Sie fühlten sich beide schrecklich elend. Schüttelfrost kam hinzu. Hohes Fieber machte die Gesichter der Mädchen glühend heiß. Natalia Ustinov verfügte über die bessere körperliche Konstitution. Sie war wesentlich zäher als Fiona Averlone. Die Blonde war übel dran. Sie lag in der Zelle auf dem Bett, hatte die Fäuste an den von Schmerzen zerwühlten Bauch gepresst, klapperte mit den Zähnen und stieß gellende Schreie aus. Schaum stand auf ihren bebenden Lippen. Kreideweiß war ihr zuckendes Gesicht. Die Pupillen ihrer Augen waren riesengroß.

Eve Hunter kam mit einer zweiten Aufseherin gelaufen.

Sie traten in die Zelle. Natalia lag in ihrem Bett. Sie knirschte mit den Zähnen, keuchte und hechelte wie ein Tier. Schweiß bedeckte ihre Stirn.

Niemand konnte bei ihrem Anblick auf die Idee kommen, sie spielten bloß Theater.

»Ich hab’s gesagt!«, ächzte Natalia mit zugeschnürter Kehle. »Das verdammte Essen. Wir haben es nicht vertragen. Alle beide nicht.«

»Eine Vergiftung!«, stieß Eve Hunter aufgeregt hervor.

»Einen Arzt!«, kreischte Fiona verzweifelt. »Wir brauchen dringend einen Arzt!«

Die Hunter sagte zu ihrer Kollegin, einer grauhaarigen Frau: »Bleiben Sie hier! Ich veranlasse inzwischen den Abtransport der beiden.«

»Macht schnell!«, schrie Fiona krächzend. »Sonst überleben wir’s nicht.«

Eve Hunter hetzte davon. Ratlos stand die grauhaarige Aufseherin in der Zelle. Sie wollte helfen, aber sie wusste nicht, was sie für die beiden leidenden Mädchen tun konnte. Als die so aussahen, als wären sie bereits halb tot, kamen vier Träger vom Gefängnis-Hospital. Sie legten Natalia und Fiona behutsam auf ihre Bahren und trugen die schwerkranken Mädchen fort. Im Laufschritt ging es über den Gefängnishof. Zwei bewachte Tore waren zu passieren. Dann betraten die Männer das Gebäude des Krankenhauses. Fiona Averlone war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren. Die Mädchen wurden in einen sterilen Behandlungsraum gebracht. Eine Krankenschwester steckte den Kopf zur Tür herein.

»Den diensthabenden Arzt!«, rief einer der beiden Männer, die Natalia getragen hatten. »Schnell! Das Leben dieser Mädchen hängt an einem seidenen Faden.«

Die Schwester nickte hastig und verschwand. Drei Minuten später eilte Dr. Ross Holland in den Behandlungsraum. Er untersuchte die Mädchen kurz, dann schüttelte er mit besorgter Miene den Kopf. »Für die beiden können wir hier nicht genug tun.« Er ging zu einem Glasschrank, schloss ihn auf, bereitete zwei Spritzen vor. »Die Mädchen müssen sofort in ein vernünftiges Hospital überstellt werden.« Er winkte die Krankenschwester zu sich, die ihn zuvor aus dem Bereitschaftsraum geholt hatte. »Fordern Sie einen Krankenwagen an, der die Mädchen zum Holy Cross Hospital bringt!«

»Ist das denn erlaubt?«

»Ich übernehme dafür selbstverständlich die Verantwortung«, erklärte Holland energisch. Er brauchte sich keine Gewissensbisse zu machen. Was er tat, wurde von Charles Newton vollkommen gedeckt. Er konnte sicher sein, dass ihm daraus keinerlei Schwierigkeiten erwuchsen.

Die Krankenschwester versuchte noch einen Einwand: »Aber diese Mädchen sind Strafgefangene, Dr. Holland.«

»Sollen sie deshalb sterben?«, schrie der Arzt die Krankenschwester an. »Ist es nicht unsere Pflicht, in erster Linie Leben zu retten? Ohne zu fragen, wessen Leben es ist?«

Das genügte.

Die Krankenschwester machte auf den Hacken kehrt und veranlasste per Telefon, dass ein Krankenwagen vor das Hospital fuhr. Dr. Holland injizierte zuerst Fiona Averlone und dann Natalia Ustinov das Serum, das die Wirkung jener kleinen blutroten Kapsel, das die Mädchen geschluckt hatten, sehr bald neutralisieren würde.

Während er sich über Natalia beugte, kniff er ein Auge zu. »Viel Glück!«, flüsterte er.

Sie nickte dankend. Er stach ihr die Kanüle in die Vene und ließ den Kolben fahren. Fast schlagartig nahmen die krampfartigen Schmerzen ab. Natalia tat einen langen Atemzug, dann schlief sie ein. Genau wie Fiona.

17

Floyd O’Leary hatte ein Gesicht, auf dem permanent das Wort »sorgenvoll« gestempelt sein konnte.

Neben ihm stand Norton Cummings. Er hatte ein feistes Gesicht.

Dunkelheit umfing sie. O’Leary trug ein Nachtglas. Es baumelte an einem Lederriemen vor seiner Brust.

Die Straße, auf der sie standen, war schmal und holprig. Cummings rauchte nervös eine Zigarette. »Wie lange noch?«, fragte er O’Leary.

Der blickte auf seine Digitaluhr und zuckte die Achseln. »Kann ich nicht sagen.«

Cummings scharrte mit dem rechten Fuß über den Boden. »Verdammt, ich kann viele Dinge, nur nicht warten. Das tötet mir den Nerv.« Als die Zigarette nur noch eine Kippe war, warf er sie nicht achtlos weg. Er krümelte die Glut ab und steckte die Kippe in die Brusttasche seines Lederjacketts.

Vor etwa zehn Minuten hatten sie zweihundert Yards von hier eine Umleitungstafel aufgestellt. Da diese Straße schmal und schlecht war, mussten alle Wagen langsam fahren. Und wenn der richtige Wagen kam, wollten O’Leary und Cummings blitzschnell und äußerst wirkungsvoll zuschlagen. Bisher war auf der an und für sich schwach frequentierten Route nicht mal ein Moped angeknattert gekommen. Norton Cummings hob den Kopf und schaute sich um. Hohe Bäume ragten zu beiden Seiten der schmalen Straße auf. Links ging eine Böschung hoch. Sie war mit hohem Gras und Unkraut bewachsen. Rechts gab es mehrere verfilzte Büsche. Ideale Verstecke für Cummings und O’Leary. In einem der Büsche lag das Werkzeug der beiden Männer: eine vollgeladene UZI-Maschinenpistole und ein KO Spray. Bald sollten diese Dinge zum Einsatz kommen. Ein sanfter Wind glitt über die Bäume die Böschung herab, strich über das Gras, dass sich die Halme bogen. Der Himmel war sternenklar. Ein buttergelber Theatermond machte sich träge auf die Reise über das schwarze Firmament.

Der dicke Cummings schnaubte nervös. »Wenn jetzt nicht bald was geschieht, reißen in mir ein paar Nervenstränge.«

Floyd O’Leary kicherte. »Kann ich nicht verstehen.«

»Du bist doch auch nur äußerlich die Ruhe in Person. Innerlich flippst du ebenso wie ich.«

»Ist nicht wahr. Ich bin ganz ruhig. Dabei heißt es doch, dass die Dicken nicht aus der Ruhe zu bringen sind. Eure Nerven sind so schön in Fett gebettet.«

»Meine nicht, die liegen auf der Haut.«

Plötzlich vernahmen die beiden Männer ein Rauschen. Norton Cummings zog erregt das Mini-Walkie-Talkie aus der Innentasche seines Jacketts. Er drückte auf den Receiver. Es kam nichts.

»Ja?«, fragte er aufgewühlt.

»Holland hier!«, drang es nun aus dem Sprechfunkgerät, das nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. King Size.

»Ja, Doc?«, fragte Cummings gepresst und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Seid ihr bereit?«, erkundigte sich Ross Holland.

»So bereit, wie man nur sein kann, Doc.«

»Der Krankenwagen ist soeben abgefahren.«

»Mit den beiden Hübschen?«

»Denken Sie, Sie sollen einen leeren Krankenwagen überfallen.«

»War wohl eine dumme Frage, wie?«

»Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Macht’s gut, Jungs! Newton macht euch zur Minna, wenn ihr Mist baut.«

»Wir kennen den Dicken.«

»Umso besser. Dann wisst ihr ja, dass er Pannen nicht leiden kann. Ende.«

»Ende!«, sagte Cummings. Er schob das Walkie-Talkie in die Innentasche zurück. »Floyd.«

»Hm?«

»Erklimm mal den Hügel und halt nach dem Krankenwagen Ausschau!«

»Zu Befehl, Mr. Cummings.«

»Lass den Quatsch. Ich kann jetzt beim besten Willen nicht mit dir herumalbern. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Vielleicht hast du das noch nicht begriffen. Wenn wir hier versagen, schickt uns Newton in die hinterste Mongolei, damit wir für ihn herausfinden, ob es da wirklich keinen einzigen Amerikaner gibt oder so. Und nun rauf auf den Hügel! Ich möchte mich auf den Krankenwagen seelisch vorbereiten.«

Floyd O’Leary schüttelte grinsend den Kopf. »Mann, ich möchte nicht in deiner Nähe sein, wenn du ’ne Abmagerungskur machst.«

»Rauf sage ich!«, fauchte Norton Cummings.

»Bin ja schon unterwegs.« O’Leary wandte sich um. Das Grinsen verschwand. Der Stempel »sorgenvoll« kehrte.auf sein Gesicht zurück.

Mit vier Schritten überquerte er die Straße.

Cummings verzog sich ins Gebüsch. Er nahm die UZI auf. Mit einem blitzschnellen Griff entsicherte er die Waffe, dann nestelte er aus der Hosentasche einen Nylonstrumpf.

Er kam sich wie ein Gangster vor. Rasch setzte er den Strumpf wie eine Mütze auf. Nun konnte er sich mit einem schnellen Handgriff maskieren.

Seine Wangenmuskeln zuckten. Er blickte zur Böschung hinüber. Floyd hatte erst die Hälfte davon erklommen. Oben angelangt, fauchte ihm der Wind ins Gesicht. Er nahm das Nachtglas an die Augen.

Die Straße, die vor ihm lag, suchte er äußerst gewissenhaft ab. In der Ferne ein sanft wippendes Scheinwerferpaar. Es kam schnell näher.

O’Leary stellte die Schärfe des Fernglases nach. Dann war er sicher. Da kam der Krankenwagen, den sie überfallen mussten.

Atemlos stolperte Floyd O’Leary die steile Böschung hinunter. Norton Cummings bog die Zweige des Busches auseinander, hinter dem er sich verborgen hielt.

»Nun?«

»Sie kommen.«

»Da!«, sagte Cummings. Er warf O’Leary den KO-Spray zu. »Mach’s gut.«

O’Leary setzte ebenfalls eine Nylonmaske auf. »Mach’s besser«, gab er zurück und wies auf die UZI. »Du kannst ein Sieb aus dem Krankenwagen machen. Aber wenn du dabei auch nur einen einzigen Menschen verletzt, macht Newton ungarisches Gulasch aus dir. Klar?«

»Verdammt, irgendwann mal werde ich anfangen, furchtbar schlecht von Newton zu träumen. Und daran wirst du schuld sein.«

Floyd O’Leary stieß den Freund an. »Pst!«

Ein Scheinwerferpaar richtete sich auf sie.

»Da kommen sie«, sagte Norton Cummings überwältigt. Er hielt die UZI so, als wollte er sich daran festhalten.

O’Leary machte den Spray einsatzbereit.

Dann waren es nur noch wenige Sekunden, die sie von dem bevorstehenden Einsatz trennten.

18

»Eine Umleitung«, sagte der Fahrer des Rettungswagens missmutig. »Diese Scherzbolde. Heute stellen sie eine Tafel auf und nächste Woche fangen sie - vielleicht - mit der Arbeit an.«

Der Beifahrer, ein stämmiger Bursche, untersetzt, mit über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen, zuckte gleichmütig die fleischigen Achseln.

»Was regst du dich auf, Harry? Kannst es ja nicht ändern.«

Harry nahm etwas Gas zurück. Der Krankenwagen schaukelte wie eine Motorjacht bei hohem Seegang.

»Davon werden die armen Mädchen ja seekrank«, knurrte der Fahrer.

»Die schlafen. Die kriegen davon bestimmt nichts mit.«

Harry umklammerte das Lenkrad mit eisernem Griff. Gruben und Schlaglöcher warfen das Fahrzeug hin und her. Harry fluchte wie ein Bierkutscher.

Der Beifahrer klammerte sich an den Haltegriff, damit er wenigstens halbwegs die für ihn vorgesehene Position halten konnte. Er musste sich voll konzentrieren. Und plötzlich erfassten die Scheinwerferkegel einen Mann. Er stand mitten auf der »Fahrbahn«, die diese Bezeichnung kaum verdiente. Ein Fleischberg - unübersehbar, mit Nylonmaske. Seine Nase sah wie eine plattgedrückte Gurke aus. Die Augen glitzerten gefährlich. In seinen Händen hielt der Mann eine Maschinenpistole. Er machte ein Zeichen, dass der Rettungswagen anhalten solle.

Der Fahrer schüttelte wütend den Kopf. »Jetzt überfallen die sogar schon Krankenwagen. Wenn die keinen Vogel haben ...« Er tupfte auf die Bremse. Der Wagen machte einen Knicks. Harry kuppelte aus. Blitzschnell legte er den Rückwärtsgang ein. Als der Beifahrer das bemerkte, riss er die Augen erschrocken auf.

»Harry, was hast du vor?«

»Zurückfahren und abhauen.«

»Bist du wahnsinnig? Der ballert doch hinter uns her und schießt uns sein Monogramm in den Bauch oder sonst wohin.«

»Willst du dich etwa diesem verdammten Straßenräuber ergeben?«, fragte Harry.

»Wir haben keine andere Wahl«, presste der Beifahrer aufgeregt hervor. »Ich flehe dich an, nimm Vernunft an, Harry! Wenn du jetzt zurückfährst, macht der zwei junge Leichen aus uns.«

»Wer sagt denn, dass er das nicht macht, wenn wir uns fügen?«

»Er ist allein, wir sind zu zweit. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, ihm eins überzuziehen. Wenn du aber davonbraust, eröffnet der Kerl das Feuer. Dann sind wir dran. Vor einer MP-Garbe aus dieser Entfernung kannst du dich nicht schützen.«

Drei Sekunden knisternde Spannung. Der Beifahrer schwitzte am ganzen Körper. Seine Knie zitterten. Sein flehender Blick war auf Harry gerichtet. Der holte tief Luft. »Okay!«, brummte er. Und dann nahm er den Rückwärtsgang wieder raus, stellte den Motor ab, legte die Hände auf die Schenkel und wartete auf das, was nun kommen würde.

Der Maskierte riss die Fahrertür auf. Seine Maschinenpistole kitzelte Harrys Rippen. »Aussteigen!«, befahl der Unbekannte. »Alle beide, hier auf dieser Seite!«

Harry zog die Brauen unwillig zusammen. »Mann, was soll denn das? Wir haben zwei kranke Mädchen im Wagen. Sogar im Krieg werden Krankentransporte unbehelligt gelassen.«

Der Maskierte lachte. »Wir sind hier nicht im Krieg, Freundchen.«

»Ich nehme an, die MPi ist geladen«, sagte Harry.

»Bis obenhin voll ist sie«, erwiderte der Maskierte. »Wenn ich die Herrschaften jetzt endlich bemühen darf? Steigt aus, Kumpels, sonst lasse ich’s mal ganz laut rattern!«

Harry folgte der Aufforderung. Der Beifahrer quälte sich über den Schalthebel, rutschte über den Fahrersitz und kam auf derselben Seite heraus wie Harry. Sie mussten sich neben dem Krankenwagen aufstellen. Der Schwergewichtige riet ihnen, die Hände hochzunehmen. Mit pochenden Schläfen überlegte Harry, ob er eine Chance gegen den Mann mit der UZI hatte. Er hatte keine. Das erkannte er in der nächsten Sekunde. Der Maskierte stieß einen gellenden Pfiff aus. Der Laut war noch nicht verhallt, da federte ein zweiter Maskierter aus dem Busch.

»Und wir dachten, du würdest die Schau allein abziehen«, sagte Harry zu Cummings.

Das war das Letzte, was er sagen konnte. Denn nun trat Norton O’Learys KO-Spray in Aktion. Der feine Strahl fauchte zuerst dem Beifahrer ins Gesicht. Als der Mann langsam zu Boden sank, hielt Harry die Luft an. O’Leary wartete, bis der Fahrer wieder atmete. Dann Pffft! Und auch Harry fiel in einen großen schwarzen Sack.

19

Lange nach Mitternacht erwachte Natalia Ustinov. Die Schmerzen, die sie im Gefängnis geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Sie fühlte sich gut. Ein Teufelspräparat, das Dr. Holland ihr in Form jener blutroten Kapsel hatte zukommen lassen. Die Agentin hatte keine Ahnung, wo sie war. Sie merkte, dass sie in einem weichen Bett lag. Die Klimaanlage arbeitete hervorragend. Es herrschte eine angenehme Temperatur im Raum. Natalia richtete sich auf. Sie trug Jeans und ein T-Shirt. Wo war die Gefängniskleidung? Wann hatte man sie umgezogen? Wie war sie hierhergekommen? Etwas knisterte in der Hosentasche. Sie langte hinein - Banknoten, etwa hundert Dollar. Sozusagen das Startkapital für den nächsten Schritt in der Freiheit. Natalia schaute sich um. Sie befand sich in einem netten Doppelzimmer. Neben ihr lag Fiona Averlone. Ihr Atem ging regelmäßig. Auch sie war in Jeans und T-Shirt gekleidet. Natalia verspürte Durst. Sie glitt aus dem Bett und erwartete, dass ein Schwächeanfall sie wieder zurückwerfen würde, aber es geschah nichts. Sie fühlte sich auch wohl, als sie auf den Beinen stand. Im verfliesten Bad trank sie kühles, klares Wasser. Dann kehrte sie in den Raum zurück, in dem Fiona immer noch schlief. Natalia huschte ans Fenster, warf einen Blick nach draußen. Giftgrün leuchtete ihr eine Schrift entgegen: Sunshine Motel. Sie wandte sich um. Bisher hatte alles bestens geklappt. Fiona hatte keine Ahnung, dass sie von einer erbitterten Gegnerin des Agentenringes »Regenbogen« begleitet wurde. Sie würde Natalia Ustinov in den Ring einschleppen wie eine tödliche Seuche.

Fiona seufzte. Es klang irgendwie glücklich, gelöst, erholt. Natalia entdeckte einen Telefonapparat. Ob sie Newton anrufen sollte? Dass es weit nach Mitternacht war, hatte nichts zu besagen. Es gehörte mit zu dem Phänomen Newton, dass man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen konnte. Er hob immer gleich ab. Vielleicht schlief er auf dem Telefon. Ich werde ihn mal nach seinen Schlafgewohnheiten fragen, dachte Natalia, später, wenn dieses Abenteuer vorbei war.

Als ihre Hand auf halbem Weg zum Telefonhörer war, wurde Fiona Averlone unruhig. Sie drehte sich zweimal herum. Dann schreckte sie hoch. Mit verblüfften Augen saß sie im Bett. Natalia kam auf sie zu. Das giftgrüne Licht zeichnete Fionas Gesicht wie eine geisterhafte Maske nach. »Gut geschlafen, Fiona?«, erkundigte sich die Ustinov und setzte sich neben die Blonde aufs Bett.

Fiona strich sich verwirrt das Haar aus der Stirn. »Warst du nicht ohnmächtig, Nat?«

»Doch. Ich bin zwei Minuten vor dir aufgewacht.«

»Ich habe Durst.«

»Das hatte ich auch. Im Bad fließt herrliches, erquickendes Wasser.«

Fiona erhob sich. Auch sie war erstaunt. Die künstliche Krankheit im Gefängnis war gewesen. Aber nun zeigten sich überhaupt keine Nachwirkungen mehr. Das fand sie erfreulich. Sie ging trinken. Als sie zurückkam, fühlte sie sich wohl. Sie fragte: »Wo sind wir, Natalia?«

»In einem Motel namens Sunshine«, antwortete die schwarzhaarige Agentin.

»Wieso tragen wir Jeans und T-Shirts?«

»Weil wir in unseren Anstaltskleidern zu sehr auffallen würden«, gab Natalia schmunzelnd zurück. Nun fand auch Fiona Geld in ihrer Tasche. Die Agentin nickte. »Ja, Kirkie Stork denkt eben an alles. Ich werde mich irgendwann in den nächsten Tagen bei ihm bedanken.«

»Sind wir von nun an auf uns selbst angewiesen?«, fragte Fiona Averlone.

»Ist dir das unangenehm?«

»Nein. Ich möcht’s nur wissen.«

»Von jetzt ab können wir tun, was wir wollen.«

»Was machen wir, Nat?«

»Mitten in der Nacht? Ich würde sagen gar nichts. Ich schlage vor, wir legen uns noch mal aufs Ohr. Morgen früh sehen wir weiter.«

Fiona blickte besorgt aus dem Fenster. »Ob uns die Polizei hier nicht sucht?«

Natalia schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht, Fiona. Wir können sicher sein, dass Kirkie Stork haargenau weiß, was er tut.«

Die beiden Frauen entkleideten sich und legten sich wieder ins Bett. Fiona lag auf dem Rücken. Sie blickte zur Decke, die vom Licht der Reklameschrift giftgrün war. »Weißt du, was ich morgen früh als erstes mache, Natalia?«, fragte sie gedehnt.

»Na?«

»Ich rufe meine Freunde an. Die werden vor Freude aus allen Wolken fallen, wenn sie hören, dass ich wieder aus dem Knast bin.«

»Hoffentlich.«

»Ganz bestimmt. Von nun an kannst du dich mir anvertrauen, Nat. Ich kann für uns vieles arrangieren. Wir werden andere Namen annehmen, eine neue Identität bekommen und selbstverständlich auch die dazugehörigen Pässe.«

»Pässe? Von wem?«, fragte Natalia.

»Meine Freunde werden sie uns geben.«

Natalia verzog den Mund. »Ich halte nicht viel von deinen Freunden, dagegen von Kirkie Stork wesentlich mehr, denn er hat etwas für uns getan.«

»Du wirst deine Meinung sehr bald revidieren, Natalia. Auch meine Freunde werden vieles für uns tun. Lass uns erst mal bei ihnen sein.«

»Du sagst, wir können von ihnen neue Pässe kriegen. Sind es denn Verbrecher?«

Fiona lachte. »Sehe ich so aus, als würde ich mich mit gemeinen Verbrechern abgeben?«

»Wo befinden sich deine Freunde?«

»Morgen wirst du es erfahren«, antwortete Fiona.

»Man hat dich wegen Landesverrats eingesperrt«, bohrte die Agentin weiter. »Haben deine Freunde auch mit diesen Dingen zu tun?«

Fiona Averlone drehte Natalia ihr Gesicht zu. Es war ihr nicht angenehm, die ehemalige Zellengenossin auf der richtigen Fährte zu wissen. Gepresst sagte sie: »Sei nicht so neugierig. Du wirst alles erfahren - zu gegebener Zeit. Schlaf jetzt, morgen sehen wir weiter.«

20

Der Mann, dem das Motel Sunshine gehörte, hieß James Finnegan. Ein schmales Handtuch mit abstehenden Ohren und Nagetierzähnen. Vor Jahren hatte er mal ein unangenehmes Sexualdelikt am Hals. Natürlich war sofort die Polizei zur Stelle. Sie schleppte Finnegan ab, und er wäre vermutlich für viele Jahre in den Knast gewandert, wenn Newton sich nicht für den Mann, mit dem er bekannt war, verwendet hätte. Bis heute wusste Finnegan nicht, warum das kleine Biest ihm das angetan hatte. Vermutlich war sie nicht ganz richtig im Kopf gewesen, hatte sich an allen Männern über dreißig auf diese spezielle Weise »rächen« wollen. Sie machte den Trick noch zweimal. Aber dann kam sie ins Jugendgefängnis, und die Männer über dreißig konnten wieder aufatmen. Seither war Finnegan Newton zu Dank verpflichtet, und er half dem dicken Geheimdienstchef wann immer und wo immer gern.

Als Natalia Ustinov Finnegans Büro betrat, erhob sich der schmale Mann mit einem freundlichen Lächeln. Der Raum war groß. Es war Platz für eine Konferenzgruppe, einen Schreibtisch, einen Anbauschrank samt Telefon, Radio und TV-Gerät.

»Ich hoffe, Sie haben eine gute Nacht verbracht, Miss Ustinov«, sagte der Motelbesitzer.

»Oh ja. Ich habe wie ein Murmeltier im Winter geschlafen«, gab die rassige Frau zurück. Sie fühlte sich gekräftigt, zu allen Schandtaten fähig, jeder Anstrengung gewachsen. Natalia setzte sich, als Finnegan sie dazu aufforderte. Er nahm ihr gegenüber Platz. Die Agentin sagte: »Erzählen Sie mir, wie ich hierhergekommen bin.«

»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete Finnegan. Dann legte er los. Ein Krankenwagen hätte sie hier abgeliefert. Newton hätte sich mit dem Anruf vergewissert, ob alles nach Wunsch geklappt hatte. Danach fragte Finnegan: »Und wie geht es dem Objekt?«

»Ausgezeichnet. Es wird mich vermutlich heute in den Agentenring >Regenbogen< einführen.«

»Ich wünsche Ihnen für dieses Unternehmen alles Glück dieser Welt, Miss Ustinov, damit sich der Aufwand und die Mühe lohnen.«

Natalia bedankte sich. »Habe ich irgendetwas zu bezahlen?«

James Finnegan lachte scheppernd. »Ich bitte Sie. Sie waren mein Gast. Wenn Sie wollen, können Sie ein ganzes Jahr hier gratis wohnen. Schließlich sind Sie nicht irgendjemand, sondern Newtons Superwaffe.«

Natalia schmunzelte und legte einen Zeigefinger auf die Lippen. »Das behalten Sie besser für sich, Mr. Finnegan.«

»Selbstverständlich. Wenn Sie irgendetwas benötigen, lassen Sie’s mich umgehend wissen, ja? Ich möchte, dass Sie Newton erzählen, wie sehr ich mich um Sie bemüht habe.«

»Das werde ich. Ganz bestimmt«, erwiderte Natalia. Dann verließ sie das Büro des Motelbesitzers.

Fiona stand unter der Dusche. Natalia trat ein. Die Blonde hatte einen schönen Körper. Wasserkaskaden ergossen sich über ihn, glitzerten wie Silber und brachten Fionas Haut zum Schimmern. »Du bist immer noch nicht fertig?«, fragte Natalia. Sie lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor dem üppigen Busen.

»Tut mir leid, Nat.«

»Ich habe Hunger und möchte endlich frühstücken.«

»Bin gleich fertig.«

Natalia setzte sich aufs Bett und wartete. Es vergingen zehn Minuten. Dann kam Fiona Averlone angekleidet und frisiert aus dem Bad. Sie wies lächelnd auf das Telefon. »Ich habe bereits mit meinen Freunden gesprochen.«

»Sind sie wirklich aus allen Wolken gefallen?«, fragte die Agentin lächelnd. Sie war aufgeregt, denn nun kam ein Schritt ins Ungewisse. In Geheimdienstkreisen war Natalia Ustinov keine Unbekannte. Der Teufel schläft nicht. Es konnte passieren, dass einer aus Fionas Freundeskreis schon mal mit Natalia zu tun hatte und sie als Agentin wiedererkannte. Dann war sie dran. Newtons Arm war zwar lang, aber nicht so lang, dass er sie in einem solchen Fall noch hätte wirkungsvoll beschützen können. Im Niemandsland von »Regenbogen« lagen Erfolg und Misserfolg, Leben und Tod, knapp beieinander.

Fiona lachte. »Du wirst es nicht glauben, meine Freunde freuen sich schon auf dich.«

»Hast du ihnen von mir erzählt?«

»Was heißt erzählt. Ich habe von dir geschwärmt.«

Die Agentin musterte Fiona Averlone nachdenklich. Das Objekt - ein Torpedo, auf den sich Natalia Ustinov geschwungen hatte, um damit das Schiff »Regenbogen« manövrierunfähig zu machen. Ein waghalsiges Vorhaben, noch dazu für eine Frau. Aber Natalia war voller Zuversicht, dieses schwierige Ziel zu erreichen.

Sie nahmen ein frugales Frühstück ein, dann setzten sie sich in ein Taxi.

Das Yellow Cab brachte sie nach Mount St. Vincent. Das liegt ganz im Norden der Bronx. Dort gab es ein Superhaus auf einem Supergrundstück. Natalia pfiff beeindruckt durch die Zähne. »Donnerwetter!«, sagte sie überwältigt. »Wem gehört denn dieser Palast?«

»Einem meiner Freunde«, erwiderte Fiona nicht ohne Stolz.

»Muss Geld wie Heu haben, der Junge.«

»Und ob.«

Sie stiegen aus. Das Taxi fuhr ab. Niemand kam, um die beiden Frauen zu begrüßen. »Komm«, sagte Fiona. Sie hakte sich bei Natalia unter und bugsierte sie auf den Hauseingang zu. Er lag im Schatten eines weit ausladenden Balkons, der von zwei mächtigen weißen Säulen getragen wurde. Die Tür war aus schwerer Eiche. Ein bronzener Löwenkopf hatte den Kopfring im Maul.

»Ein Märchenschloss«, bemerkte Natalia lächelnd.

»Und voller Überraschungen, du wirst sehen«, sagte Fiona. Sie klopfte nicht, machte die Tür einfach auf. Eine dunkle Marmorhalle lag vor ihnen.

»Hier drinnen wagt man nicht mal laut zu sprechen«, flüsterte Natalia. Sie fragte sich, wem dieses Haus gehörte. War das bereits die Hochburg von »Regenbogen«? Die Festung, in der all die politischen Gemeinheiten ausgeheckt wurden, die Newton ebenso wie die CIA zur Verzweiflung brachten.

Fiona führte Natalia in den Livingroom. Das war ein Festsaal. Fiona Averlone zeigte sich äußerst ortskundig. Sie wusste genau Bescheid. Vermutlich war sie früher ziemlich oft hier gewesen. Vielleicht hatte sie sogar eine Zeitlang in diesem Haus gewohnt. Die Agentin musterte Fiona heimlich. Wie gut, dass sie keine Ahnung davon hat, dass sie bloß ein Objekt ist, das von mir dazu benutzt wird, um ... Natalia konnte nicht weiterdenken. Fiona unterbrach ihren Gedankengang, indem sie sich an sie wandte und sagte: »Dort ist die Hausbar. Wenn du einen Drink haben möchtest, bedien dich. Fühl dich wie zu Hause. Du bist hier bei Freunden.«

»Wo sind sie?«, fragte Natalia und schaute sich um. Das riesige Wohnzimmer war eingerichtet wie ein Saal des Schlosses Versailles.

Fiona zuckte die Achseln. »Sie werden kommen - später.«

»Wer ist der Hausbesitzer?«

»Später«, sagte Fiona Averlone wieder. Sie stand beim Farbfernseher, der auf einem fahrbaren, goldverzierten Tischchen stand.

Natalia begab sich zur Hausbar. »Möchtest du auch was haben?«

»Später«, sagte Fiona noch einmal. »Aber du darfst dich gern bedienen.«

Natalia mixte sich einen Manhattan. Sie hob ihr Glas, in dem eine große Olive lag. »Also dann«, sagte sie schmunzelnd.

»Lass ihn dir gut schmecken.« Fionas Augen wurden mit einem Mal schmal. »Es ist nämlich der letzte Drink in deinem Leben!«

Plötzlich lag eine Pistole in Fionas Hand. Die Waffe musste hinter dem Fernseher versteckt gewesen sein. Natalia wurde schlagartig bleich.

Nun zeigte sich die Tücke des Objekts.

21

»Natalia Ustinov!«, fauchte Fiona Averlone wütend. »Callgirl aus Tarnungsgründen, Top-Agentin der Crew, die Charles Newton untersteht.« Fiona lachte heiser, fletschte die Zähne. »Du siehst, ich weiß über dich bestens Bescheid, mein Engel.«

Natalia versuchte ruhig zu bleiben. Es hatte keinen Sinn, den Kopf zu verlieren. »Seit wann?«, fragte sie gespannt und machte drei schleichende Schritte auf Fiona zu.

»Seit heute Morgen«, erwiderte die Blonde. »Ich sagte dir doch, dass ich mit meinen Freunden telefoniert habe. Sie öffneten mir die Augen über dich. Du bist eine Geheimagentin, keine Bankräuberin, die das Callgirl-Leben satt hatte. Du hattest den Auftrag, dich im Gefängnis an mich heranzumachen, mich rauszuholen und dich in den Agentenring >Regenbogen< einschleusen zu lassen. Und ich blöde Kuh wäre darauf auch beinahe hereingefallen.«

In Natalias Gehirn überstürzten sich die Gedanken wie die Schmutzwäsche in der Waschmaschine. Irgendwo musste eine Lücke sein. Irgendjemand um Newton war nicht astrein. Irgendeiner hatte sie verraten.

»Darf ich dazu noch eine Erklärung abgeben?«, erkundigte sich die Agentin.

»Nichts darfst du!«, zischelte Fiona gereizt. Sie war wütend, weil es Natalia gelungen war, sie so spielend zu täuschen. »Nichts!«, wiederholte sie. »Du darfst nur noch eines: sterben!« Fiona hob die Pistole. In dem Moment, wo sie ihren Finger krümmen wollte, handelte Natalia Ustinov. Blitzschnell schleuderte sie Fiona ihren Manhattan in die Augen. Fiona stieß einen gellenden Schrei aus. Sie war für den Bruchteil einer Sekunde blind. Natalia sprang sie an. Mit der Handkante versuchte sie Fiona Averlone zu entwaffnen. Sie schlug die Pistole nach unten. Ein Schuss löste sich brüllend aus der Waffe. Das Projektil bohrte sich in den glatten Parkettboden. Fiona wurde zur Furie. Sie setzte alle Kraft ein, die sie aufbieten konnte, um Natalia zu töten.

Aber die junge Agentin war wendiger, kampferfahrener, zäher. Es gelang ihr, Fiona zu entwaffnen.

Im selben Augenblick erstarrte sie jedoch. Jemand hatte sich von hinten an sie herangeschlichen. Sie hatte ihn nicht kommen gehört und auch nicht gesehen. Er drückte ihr den kalten Lauf eines Revolvers in den Nacken. Und knurrend warnte er sie: »Keine falsche Bewegung, Miss Ustinov, sonst ist es augenblicklich aus mit Ihnen!«

22

Fiona fing sich schnell. Ihre Augen waren gerötet. Die Tropfen des Drinks vermengten sich mit Fionas Schweiß. Die Blonde atmete schwer. Ihr voller Busen hob und senkte sich. Ihre Miene drückte Verachtung aus. Es hatte den Anschein, als wollte sich Fiona auf Natalia stürzen und ihr das Gesicht zerkratzen. Natalia konnte nicht sagen, warum es Fiona schließlich doch nicht tat. Ein tückisches Lächeln umspielte die roten Lippen der Blonden. »Endstation, Natalia!«, sagte sie höhnisch. »Aus diesem Haus kommst du nicht mehr lebend raus. Pech! Es ist das Los der Agenten, wenn sie das Glück mal verlässt.«

Der Mann, der hinter Natalia stand, nahm seinen Revolver von ihrem Nacken, nachdem Fiona Averlone die Pistole, die Natalia ihr abgenommen hatte, wieder an sich genommen hatte.

Der Mann machte einen Schritt zur Seite. Ein breitschultriger Bursche mit buschigen schwarzen Haaren. Piekfein gepflegt von der Haartolle bis zu den blank geputzten Schuhen. Er trug einen hellen Sommeranzug.

Fiona sagte mit spottvoller Stimme: »Darf ich vorstellen: Mr. Rocky Pearl. Er killt für >Regenbogen<.«

Natalias Kopf ruckte in Pearls Richtung. Sie zeigte keine Furcht. »Haben Sie Joe Ford und Maureen Griffith mit dieser verdammten Handgranate getötet?«

Pearl schob das Kinn vor. »Ja, das habe ich getan.« Er schien darauf mächtig stolz zu sein. Natalia fand ihn widerlich. Er war ein eiskalter Mörder. Sie wollte sich seinen Namen merken. Hoffentlich hatte sie noch mal die Gelegenheit, etwas gegen ihn zu unternehmen. Im Moment sah es allerdings nicht danach aus. Die Chancen,, dem Dilemma lebend zu entkommen, standen hundert zu eins, wenn nicht sogar tausend zu eins. Hätte Pearl den Doppelmord zugegeben, wenn der der Agentin auch nur die geringste Chance zugebilligt hätte? Bestimmt nicht. Er war sicher, dass sie ihm mit ihrem Wissen nicht mehr schaden konnte. Tote reden nicht.

»Er hat Joe Ford und Maureen Griffith umgebracht, und dasselbe wird er mit dir machen, mein Herzchen«, sagte Fiona mit funkelnden Augen.

Es passierte aber nicht sofort. Zunächst wurde Natalia von Rocky Pearl mit einem widerstandsfähigen Strick gefesselt. Vermutlich wollte der Killer noch die Genehmigung des Chefs von »Regenbogen« einholen, Natalia Ustinov liquidieren zu dürfen. Pearl war ein gewissenhafter Mann. Er machte nichts, ohne sich mit einer Rückfrage abgesichert zu haben. Auch die Fesseln legte er der Ustinov äußerst gewissenhaft an. Dann lud er sich die hübsche Agentin auf die Schulter und trug sie zum Obergeschoss hinauf.

Er legte sie in einen Raum, in dem die Reinigungsgeräte aufbewahrt wurden. Durch ein schmales Fenster fiel Sonnenlicht. Natalia lag auf dem Boden. Fiona stand mit einem zufriedenen Ausdruck an der Tür.

»Wir werden uns nicht mehr wiedersehen, Liebes«, sagte sie höhnisch. »Ich werde New York verlassen - du auch. Aber in einer anderen Richtung. Mit dir geht’s ab ins Jenseits, noch heute Abend. Bis dahin wünsche ich dir noch ein angenehmes Zähneklappern. Ich bin sicher, die Angst wird dich in den vielen Stunden, die du auf dein Ende wartest, ganz langsam verrückt machen. Du hättest wissen müssen, dass man sich mit >Regenbogen< nicht anlegen darf. Joe Ford und Maureen Griffith hätten dir Warnung genug sein müssen. Aber du dachtest anscheinend, ein unbesiegbares Superweibchen zu sein. Schlauer als all die anderen, nicht wahr? Kein Wunder, dass du jetzt vollkommen belämmert bist. Hast nicht damit gerechnet, dass du so hart auf die Nase fallen würdest, wie? Übrigens, um Hilfe schreien hat hier keinen Zweck. Du hast das Grundstück vorhin gesehen. Es ist so groß, dass dich die Nachbarn nicht hören können.«

Rocky Pearl nickte Fiona zu. »Genug jetzt. Kümmere dich nicht mehr um sie. Heute Abend lösche ich den schlechten Eindruck, den sie gemacht hat, ein für allemal aus.«

Sie schlossen die Tür. Ein Schlüssel wurde zweimal klackend herumgedreht und abgezogen.

Dann war Natalia allein.

Allein mit ihrer bohrenden Angst vor dem Abend.

23

Sie hatte eine Dose gefunden, in der sich ein Rest von Bohnerwachs befand. Seit zwei Stunden arbeitete sie nun schon mit zäher Verbissenheit. Sie wollte mit der scharfen Blechkante den Strick durchscheuern, der sich schmerzend in ihr Fleisch grub. Schweißüberströmt war ihr Körper. Das T-Shirt war so nass, dass man es wie einen vollgesogenen Schwamm hätte auswringen können. Es gehörte zu Natalia Pluspunkten, niemals aufzugeben. Oft war sie schon in ausweglosen Situationen gewesen. Manchmal sogar in schlimmeren wie dieser. Und nur der Umstand, bis zuletzt an eine Rettung zu glauben, an einer Befreiung zu arbeiten, die fast unmöglich schien, verdankte Natalia, dass sie immer noch lebte.

Der Strick war hart wie ein Drahtseil.

Unermüdlich zog ihn Natalia über den Blechrand.

Nur nicht aufgeben!, sagte sie sich. Du kannst es schaffen, es ist noch nicht Abend!

Man sagt, der Glaube versetzt Berge. Warum sollte derselbe Glaube nicht auch diese Stricke bezwingen?

Mit verbissener Energie arbeitete Natalia an ihrer Befreiung. Irgendwann war unten ein Wagen abgefahren. Mit Fiona? Mit Rocky Pearl? Mit beiden?

Natalia hatte einen Plan. Aber dazu musste sie erst mal die Fesseln abbekommen. Wenn sie das nicht schaffte ...

Es ratschte kurz. Natalias Herz schien einen Freudensprung zu machen.

Jeder Strick besteht aus mehreren Fasersträngen. Ein solcher Strang hatte gerade kapitulieren müssen. Sogleich setzte Natalia mit noch größerem Eifer ihre Bemühungen fort. Dieser Teilerfolg bewies ihr, dass sie es schaffen konnte.

Eine weitere Stunde verging. Die junge Agentin war einer Erschöpfung nahe. Nun hatte sie nicht mehr viel Zeit. Wenn erst mal der Abend angebrochen war, würde Pearl kommen ...

Oh Gott, schneller! Schneller! hämmerte es in Natalias Kopf. Da ratschte es wieder. Plötzlich gab der Strick etwas nach. Natalia presste die Arme aneinander und versuchte aus den Fesseln herauszuschlüpfen. Es gelang ihr nicht auf Anhieb, aber es gelang.

Aufgewühlt schleuderte sie den Strick fort. Mit klammen Fingern löste sie den Knoten der Beinfesseln. Das so lange gestaute Blut floss in ihre Fingerspitzen. Das kribbelte. Natalia massierte Hände und Füße, dann erhob sie sich. Sie machte mehrere Kniebeugen, um wieder in Schwung zu kommen, hastete zum Fenster. Die Sonne hatte bereits ihren tiefsten Punkt erreicht. Der Moment, wo Rocky Pearl zur Tür hereinkommen würde, war vermutlich nicht mehr fern.

Ein schwarzer Chrysler stand unter dem Fenster. Der Lack blitzte fabrikneu.

Natalia wandte sich vom Fenster ab, begab sich zur Tür, ging vor dem Schlüsselloch in die Hocke. Es gab nichts, womit sie das Schloss hätte aufsperren können.

Trotzdem wähnte sie sich noch nicht verloren. Jetzt nicht mehr, wo sie ihre Arme und Beine wieder gebrauchen konnte. Die Handgelenke waren gerötet und angeschwollen. Sie schmerzten genauso wie die Fußgelenke. Natalia schenkte dem aber keine Beachtung. Viel schlimmer als diese Schmerzen war der Tod. Und der blieb unausweichlich, wenn sie nicht schnell ausführte, was sie - während sie noch gefesselt gewesen war - geplant hatte.

Neben einem Stapel Putzlappen stand eine Glasflasche.

NITROVERDÜNNUNG

FEUERGEFÄHRLICH!

Natalia entkorkte die Flasche und goss die wasserklare Flüssigkeit vor der Tür auf den Boden. Nun hätte sie ein Streichholz benötigt. Aber so viel Service durfte sie beim besten Willen nicht erwarten. Aufgeregt schaute sie sich um. Der Staubsauger sprang ihr ins Auge. Sie griff nach dem Kabel, stemmte sich gegen das Gerät, riss das Kabel heraus. Dann legte sie die Drähte mit den Zähnen frei. Während sie dies tat, suchten ihre ruhelosen Augen bereits die Steckdose. Sie entdeckte sie gleich neben der Tür. Sobald die Drähte blank waren, schob Natalia den Stecker in die Dose. Sie beugte sich über die Nitrolache. Die beiden Drähte brachte sie ganz nahe an die feuergefährliche Flüssigkeit heran.

Natalia bog die Drähte zusammen.

Sie bekamen Kontakt.

Das gab einen knisternden Funken. Und schon brannte die Nitroverdünnung.

24

Rocky Pearl legte den Telefonhörer auf. Das Okay für Natalia Ustinovs Beseitigung hatte er seit Mittag. Gerade hatte Pearl den bevorstehenden Abtransport ihrer Leiche arrangiert. Damit wollte Pearl nichts zu tun haben. Das sollten diejenigen tun, die für höhere Aufgaben nicht geeignet waren.

Pearl zog seine Luger aus dem Schulterholster und legte den Sicherungsflügel um. Gleichgültigkeit prägte sein Gesicht. Natalia Ustinov zu töten war für ihn ein Job wie jeder andere. Er wusste, dass sie gefährlich war. Doch wie gefährlich kann ein Mensch sein, der wie das Paket eines Versandhauses aussieht? Die Ustinov war kein Übermensch. Sie kochte auch bloß mit Wasser, wie das so schön heißt. Sie war nicht in der Lage, Wunder zu vollbringen.

Entschlossen stakste der Killer auf die Treppe zu.

Plötzlich blieb er irritiert stehen.

Brandgeruch!

Er hob den Kopf. Und nun sah er die Rauchschwaden, die mit hässlichen Buckeln auf die Treppe zukrochen.

»Verdammt, sie hat Feuer gelegt!«, zischelte der Killer zornig. »Wie hat sie das bloß fertiggekriegt?«

Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, um schneller oben zu sein. Bis an die Knie watete er im Rauch. Je näher er der Tür kam, hinter der es brannte, umso höher wallte der Rauch. Der Killer fluchte und hustete. Seine Augen brannten. Er presste ein Taschentuch vor Mund und Nase. Trotzdem kroch ihm der ätzende Rauch in den Hals. Es würgte ihn. Er erreichte zorngeladen die Tür. Da fiel ihm ein, dass er den Schlüssel abgezogen und unten liegengelassen hatte. Pearl kehrte nicht um, sondern warf sich gegen die Tür. Sie hielt seinem Ansturm dreimal stand. Da verlor der Killer die Geduld. Egal, wie er die Tür aufbekam, sie durfte ihm den Weg nicht länger versperren. Blitzschnell trat er zurück und richtete die Luger auf das Schloss. Zwei Schüsse peitschten auf, dann hob der Killer das rechte Bein. Er ließ den Schuhabsatz in Schlosshöhe gegen die Tür knallen. Das genügte. Die Tür flog auf und donnerte gegen die Wand. Eine hohe Flammenwand schlug Pearl entgegen. Er erkannte, dass es kurz dahinter noch nicht brannte.

Mit einem weiten Sprung schnellte er in den Raum.

Verstört schaute er sich um.

Die schwarzhaarige Agentin war verschwunden.

25

Natalia stand auf einem schmalen Mauervorsprung. Als der Killer den Kopf aus dem Fenster streckte, trat sie zu, so fest sie konnte. Der Killer ließ einen grunzenden Laut hören. Die Wucht des Volltreffers schleuderte ihn nicht nur zurück, sie warf ihn obendrein auch noch aufs Kreuz. Hastig kletterte Natalia in den Raum zurück.

Sie nutzte Pearls Benommenheit geschickt aus. Wieselflink huschte sie an ihm vorbei. Ehe er begriff, was geschah, federte Natalia bereits durch die Flammenwand. Und dann rannte sie auf die Treppe zu, die sie der Freiheit entgegenführen sollte.

Rocky Pearl kam auf die Beine. Er torkelte. Blut quoll aus seiner Nase. Die Oberlippe war aufgeplatzt. Abgrundtiefer Hass glühte in seinen Augen.

Er war kein Mensch, der Niederlagen vertragen konnte. Und schon gar nicht Niederlagen, die ihm eine Frau zufügte.

Wutentbrannt kämpfte er um den Erfolg, den er nun dringend nötig hatte.

Es gab viele Gründe, weshalb Natalia Ustinov dieses Haus nicht lebend verlassen durfte. Zwei davon: sie wusste zu viel. Und Rocky Pearls Image musste einen tiefen Kratzer abbekommen, wenn beim Führungsstab von »Regenbogen« ruchbar wurde, dass er sich von dieser Frau austricksen ließ.

Hustend nahm der Killer die Verfolgung auf.

Er stürzte sich durch die züngelnde Feuerwand. Mochte das ganze Haus abbrennen, es war ihm egal. Ehe er irgendwelche Löschmaßnahmen traf, musste er erst noch die clevere Agentin unschädlich machen.

Er taumelte durch die Rauchschwaden.

Mit rasselndem Atem erreichte der Killer das obere Ende der Treppe. Dort unten lief die Ustinov, geschmeidig und wendig wie eine Katze.

Er riss die Luger hoch und zog den Stecher zweimal kurz hintereinander durch. Ein hässliches Kläffen erfüllte das Haus. Natalia schlug einen Haken. Die Kugeln verfehlten sie um Haaresbreite. Ehe Rocky Pearl erneut ballern konnte, schlug Natalia noch einen Haken. Mit stechenden Seiten erreichte sie die Eingangstür. Der Killer war ihr auf den Fersen. Sie hörte ihn fluchen.

Die Agentin sprang aus dem Haus.

Dort stand der schwarze Chrysler. Sie lief auf den Wagen zu und erreichte ihn, bevor Pearl aus dem Gebäude kam. Der Wagenschlag war unversperrt. Der Zündschlüssel steckte. Pearl war sicher gewesen, dass ihm der Wagen auf diesem Grundstück nicht geklaut werden konnte.

Ohne zu überlegen sprang Natalia in das Fahrzeug und pumpte aufgeregt mit dem Gaspedal.

Pearl kam mit zornrotem Gesicht heran.

Der Motor sprang nicht sofort an. Natalia saß wie auf glühenden Kohlen. Endlich heulte die Maschine auf. Zwischen dem Wagen und dem Killer lagen nur noch zehn Yards. Natalia knallte den Gang ins Getriebe und ließ die Kupplung kommen. Der schwarze Chrysler machte einen Panthersprung vorwärts.

Rocky Pearl schoss während des Laufens. Eine Kugel zerfetzte die Windschutzscheibe. Milchglas. Natalia konnte nichts mehr sehen. Sie trat einfach aufs Pedal, schaltete hoch und brauste los.

Pearl stand mitten im Weg.

Er schoss das Magazin seiner Luger leer. Und dann erwischte ihn der Chrysler, gabelte ihn mit der Schnauze auf. Pearl flog weit durch die Luft.

Dann kam der Aufprall.

Und der brach ihm das Genick.

26

Charles Newton war gelinde gesagt erschüttert, als Natalia Ustinov noch am selben Abend zu ihm kam, um ihm über die gefährlichen Vorfälle ausführlich Bericht zu erstatten. Der Dicke lief in seinem Geheimbüro benommen auf und ab. Natalia saß in einem Sessel. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und wirkte gelassen. Aber der Schein trog. Gleich unter ihrer Haut loderte ein heißes Feuer. Was sie erlebt hatte, die Anstrengungen und die überstandenen Gefahren, zeichneten unverkennbare Schatten unter ihre Kohleaugen. Sie war erschöpft. Aber sie hatte nicht den Wunsch, nach Hause zu fahren und auszuspannen - nicht jetzt. Zum ersten Mal war es gelungen, die Flanke von »Regenbogen« aufzureißen. Nun musste man nachstoßen. Natalia war dazu bereit. Newton brauchte diesbezüglich nur ein einziges Wort zu sagen.

Während der Dicke auf und ab lief und immer wieder den Kopf schüttelte, dachte Natalia an Fiona Averlone. Wo mochte sie sein? Sie hatte gesagt, sie würde New York verlassen. In welcher Richtung? Mit welchem Ziel? Mit wem?

»Es gab also in der Geheimhaltungskette eine Lücke«, sagte Newton, nachdem er ungefähr zwei Meilen zurückgelegt hatte.

Natalia nickte. »Wer ist das schwarze Schaf?«

Newton blickte sie verzweifelt an. Er schien den Verdacht nicht gern auszusprechen.

»Es gibt nur einen, mit dem ich ausführlich über meine Pläne gesprochen habe.«

»Wen?«, fragte Natalia lauernd.

»Senator Dave Blake. Ich war gestern bei ihm zum Lunch. Jetzt, im Nachhinein, fällt mir auf, wie geschickt er mich ausgehorcht hat.« Der Dicke schlug sich wütend mit der flachen Hand auf die Stirn. »Herrgott, was bin ich doch für ein Tölpel.«

»So etwas kann uns allen mal passieren, Mr. Newton. Oft schenken wir einem Menschen unser Vertrauen, obwohl er es nicht verdient. Wir wissen es nicht, denn der andere versteht es, sich zu verstellen, uns hinters Licht zu führen. Im Grunde genommen tun ja auch wir nichts anderes. So wie Fiona Averlone auf mich hereingefallen ist, so fielen Sie auf Blake herein.«

Newton schluckte trocken. »Mein Fehler hätte Sie beinahe das Leben gekostet, Nat. Wie können Sie für mich noch eine Entschuldigung finden?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Kann ich Sie dafür verantwortlich machen, dass der Senator ein so guter Schauspieler ist?«

»Ich hätte ihn durchschauen müssen.«

»Sie wissen, dass das nicht immer möglich ist. Sie hatten Vertrauen zu ihm. Er wetterte mit Ihnen gegen jenen Agentenring, dessen Kopf er zu sein scheint. Er hat seine Sache hervorragend gemacht. Ihn zu durchschauen, fiele vermutlich sogar einem Hellseher schwer.«

Der Schleier, hinter dem sich die Leute des »Regenbogens« versteckten, lichtete sich allmählich. Er bekam Risse. So besehen war der bisherige Verlauf der Operation trotz allem ein Erfolg. Charles Newton griff nach einem der vier Telefone, die auf seinem Schreibtisch standen. Nur ein Anruf genügte. Er legte den Hörer in die Gabel zurück und sagte zu Natalia: »Senator Blake ist heute Mittag abgereist. Er hat New York auf seiner Jacht >Scarlet< - das ist der Vorname seiner Mutter - verlassen.«

»Mit welchem Ziel?«

»Er steuert die Bermudas an.«

Natalia sprang auf. Es wetterleuchtete in ihren schwarzen Kohleaugen. Fiona Averlone hatte New York verlassen. Senator Blake hatte New York verlassen. Was sprach dagegen, dass beide den Ausflug zusammen unternommen hatten?

Natalia drehte den Globus, der auf Newtons Schreibtisch stand. »Auf die Bermudas«, sagte sie gedankenverloren. »Mit der Jacht. Das dauert einige Zeit. Wenn ich ein Flugzeug nehme ... Mr. Newton, wenn ich ein Flugzeug nehme, bin ich vor Blake auf den Bermudas. Wie gefällt Ihnen das? Ich könnte dem Chef von >Regenbogen< da einen herzlichen Empfang bereiten.«

Charles Newton nahm die Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger, zog sie von der unteren Zahnreihe weg.

»Hört sich nicht schlecht an, Mädchen.«

»Dann läuft es so«, sagte sie entschieden.

Der Dicke winkte ab. »Nicht so hastig, Nat.«

»Die Zeit drängt. Trotz des Vorsprungs, den ich mit dem Jet herausholen kann, ist größte Eile geboten, Mr. Newton.«

»Ich bestehe darauf, dass Sie nicht allein fliegen, Nat.«

»Ich brauche keinen Babysitter.«

»Sie haben Ihren Hals zur Genüge riskiert. Ich möchte ruhig schlafen können, während Sie weg sind.«

»Schlafen?« Die hübsche Agentin lachte silberhell. »Tun Sie das denn überhaupt mal?«

»Wen möchten Sie haben, Nat? Ich eise jeden Mann für Sie los, den Sie mir nennen.«

»Kann ich Ole Eriksson und Jerry Armstrong kriegen, Mr. Newton?«, fragte Natalia lächelnd.

Der Dicke nickte. »Aha. Sie möchten mal wieder das alte Trio aufleben lassen.«

»Wenn’s nicht zu viel Mühe macht.«

»Aber gar nicht. Ole und Jerry gehören Ihnen. Wann fliegen Sie?«

»Mit einer der nächsten Maschinen.«

»Nehmen Sie sich vor Blakes Leibwächtern in Acht. Leo Archer und Al Keeper sind zwei verdammt gefährliche Burschen.«

»Das sind Ole und Jerry auch.«

»Bei Ole stimme ich Ihnen gern zu. In Jerrys Fall wage ich Ihre Behauptung jedoch anzuzweifeln. Der Kleine kann doch nicht mal Blut sehen.«

»Trotzdem ist er ein hervorragender Agent. Oder möchten Sie auch das in Abrede stellen?«

Newton schüttelte grinsend den Kopf. »Gott bewahre, nein. Er gehört mit zu meinen besten Männern. Wie er das schafft, ist mir allerdings schleierhaft.«

Natalia verabschiedete sich und ging auf die mehrfach gesicherte Geheimtür zu. Newton rief ihr nach: »Und macht nicht wieder so viel Spesen wie beim letzten Mal!«

Natalia schüttelte amüsiert den Kopf. »Manchmal habe ich den Eindruck, für den schottischen Geheimdienst zu arbeiten.«

Newton drückte kommentarlos auf einen Knopf. Die Tür schwang auf. Natalia konnte gehen.

27

Es war eine Heimkehr nach langer Abwesenheit. Als Natalia ihr mondän eingerichtetes Penthouse in Richmond, Nähe New Springville Park an der West Shore, betrat, beschlich sie ein sentimentales Gefühl. Endlich wieder mal zu Hause. Sie lüftete alle Räume, ließ den lauen Abend zur großen Terrassentür herein. Und sie bedauerte, dass sie diese angenehme Umgebung nicht länger genießen konnte. Natalia entnahm einem Schrank die halbfertig gepackte Reisetasche. Man hätte auch Bereitschaftstasche dazu sagen können. Die wichtigsten Dinge waren darin immer schon vorhanden. Es gab öfter mal Blitzreisen, die die rassige Agentin unternehmen musste. Zumeist traf es sie völlig unvorbereitet. Dann war wenigstens schon das Nötigste eingepackt. Natalia stopfte noch ein paar Sachen dazu, die sie auf den Bermudas unbedingt dabei haben wollte. Auch ein Richtmikrofon und mehrere Minispione nahm sie mit. Ob sie die brauchen würde oder nicht, das musste sich an Ort und Stelle zeigen.

Natalia warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch Zeit, die Spuren der überstandenen Abenteuer vom Körper zu duschen. Ihre Haut roch nach Rauch. Sie verwendete viel Badeschaum. Apfelblüte. Dann zog sie ein leichtes Khakikleid an und fuhr im Lift mit der vollen Reisetasche zur Tiefgarage hinunter. Natalia stellte die helle Ledertasche in den Kofferraum des kaffeebraunen Mercedes 450 SEL von Hertz. Augenblicke später rauschte sie die Auffahrt hoch.

Nun galt es, Jerry Armstrong und Ole Eriksson einzusammeln.

Natalia, Jerry und Ole hatten vor Jahren ein Musiktrio gebildet. Natalia: Gesang. Ole: Gitarre. Jerry: Klavier beziehungsweise Rhythmusinstrumente. Sie waren durch alle Teile der Welt getingelt, bis Natalia die Nase davon voll hatte. Es hatte sich ergeben, dass das Trio einen Auftrag für Newton zu erledigen hatte. Damals war der Dicke auf dieses Dreiergespann zum ersten Mal ganz groß aufmerksam geworden. Er hatte ihnen den Vorschlag gemacht, für ihn zu arbeiten. Sie hatten eingewilligt. Natalia hatte den Tarnberuf des Luxus-Callgirls angenommen, um für Newton jene Leute auszuhorchen, die als Geheimnisträger bekannt waren und nirgendwo sonst als in Natalias Armen den Mund aufgemacht hätten.

Ole und Jerry blieben Musiker. Sie arbeiteten in Studios und halfen bei Bands aus. Es fragte sich bloß, was mittlerweile ihr Hauptjob war, die Musik oder ihre Agententätigkeit für Newtons Geheimdienst. Die Grenzen waren stark verwischt.

Das Trio - endlich mal wieder beisammen, dachte Natalia Ustinov. Sie freute sich auf den gemeinsamen Einsatz.

Ihr erster Misserfolg: Jerry Armstrong, der dickliche kleine Bursche mit der Glatze, war nicht zu Hause.

Natalia wollte es nicht glauben, deshalb schellte sie noch einmal. Seine Wohnungstür blieb geschlossen. Dafür ging die Tür nebenan auf. Ein glänzendes Augenpaar musterte die bildschöne Agentin neugierig.

Das war Jerrys neuer Nachbar. Natalia hatte schon von dem Mann gehört. Er war Anlageberater. Ein ehemaliger Radrennfahrer. Aber das lag schon sehr, sehr lange zurück.

»Sie wünschen?«, fragte der Mann.

»Ich bin mit Jerry verabredet«, schwindelte die Ustinov.

Der Mann trat aus seiner Wohnung. Er hatte einen Windschatten wie ein aufgestelltes Löschpapier. Mager war das Vorwort von dem, was dieser Mann war.

Er schüttelte den Kopf. »Ich hab’s ja immer schon geahnt. Und jetzt weiß ich es.«

»Was wissen Sie?«, fragte die Agentin.

»Dass Mr. Armstrong nicht ganz richtig im Kopf ist.«

»Oh, das dürfen Sie nicht sagen, Mr ...«

»J. F. Mortimer«, stellte sich der Magere vor. Er verzichtete auf die Verbeugung. Vermutlich befürchtete er, dass er dabei in der Mitte auseinanderbrach. »Würde er sonst die Verabredung mit einem so hübschen Mädchen vergessen?«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Mr. Mortimer«, sagte die Ustinov und schenkte dem Dünnen ein warmherziges Lächeln. Es tat ihm gut. Er lächelte zurück. »Jerry ist nun mal ein bisschen vergesslich. Was soll man machen«, seufzte sie. »Ist nicht weiter schlimm. Sie können mir nicht zufällig sagen, wo ich ihn finde, Mr. Mortimer?«

J. F. Mortimer hob eine Braue. »Sehen Sie doch mal im Red Onion nach, vielleicht ist er da. Manchmal laufen dort ziemlich heiße Pokerrunden. Ich muss Ihnen gewiss nicht sagen, wie Mr. Armstrong zum Poker steht.«

»Seine allergrößte Liebe.« Natalia schmunzelte. »Der Poker kommt noch vor mir.«

»Was ich absolut nicht verstehen kann.«

»Sie sind ein netter Kerl, Mr. Mortimer. Vielleicht haben wir mal Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.«

»Ich würde mich freuen.«

»Ich mich auch«, sagte die Ustinov und klapperte auf ihren hohen Hacken davon. Mortimer blieb mit einem verklärten Gesichtsausdruck eine Weile auf dem Gang stehen. Ihm war ein Engel begegnet, gar kein Zweifel.

Natalia ließ den Mercedes vor jenem Haus stehen, in dem Jerry Armstrong wohnte. Ein Parkplatz in New York ist eine kleine Kostbarkeit. Damit darf man nicht leichtfertig umgehen. Und bis zur »Roten Zwiebel« waren es nur zwei Straßen.

»The Red Onion« hatte seinen Namen wegen der Zwiebeltürme erhalten, die auf dem Gebäude prangten.

Die Inneneinrichtung war unter dem roten Licht ganz auf Russland abgestimmt. Ein Hauch von Exotik. Das Publikum bestand ausschließlich aus Amerikanern. Für die meisten von ihnen war Russland ein Land, das weit weg war. Und die Russen waren für sie Menschen, vor denen man sich in Acht nehmen musste, weil sie zu allem fähig waren, wie man hörte.

Die gewölbte Decke war mit Fresken bemalt. An den Wänden hingen schwere handgeknüpfte Teppiche mit russischen Motiven aus der Zarenzeit. Im Hintergrund ertönten sanfte Balalaika-Klänge. Die Gäste saßen in Halbkreisnischen. Auf jedem Tisch stand ein Samowar.

Gepokert wurde selbstverständlich nicht hier vorn, sondern im Hinterzimmer, da, wo man dazu genug Ruhe hatte.

Natalia steuerte die Tür zum Hinterzimmer an. Der Wirt stellte sich ihr in den Weg. Sie war zwar schon zweimal hier gewesen, aber der Wirt hatte ein schlechtes Personengedächtnis.

Er sah nur, dass eine Frau auf die Tür zum Hinterzimmer zuging. Und Frauen hatten im Hinterzimmer nichts zu suchen.

»Wohin, mein schönes Kind?«, fragte der Mann. Er war schwer wie ein vollgefressener Grizzly. Und er baute sich so auf, dass er nicht zu umgehen war. Natalia blieb stehen.

»Da hinein!«, sagte sie und wies auf die Hinterzimmertür.

Der Wirt lächelt mitleidig.

»Tut mir aufrichtig leid, aber da können Sie nicht hinein, junge Frau.«

»Und warum nicht?«

»Es sind nur Männer dort drinnen.«

»Ich verspreche Ihnen, mich nicht zu fürchten.«

»Sie wollen nicht verstehen, wie?«, knurrte der schwergewichtige Wirt gereizt. »Wozu, glauben Sie, haben sich diese Männer in mein Hinterzimmer zurückgezogen?«

»Um zu pokern«, bekam er prompt zur Antwort.

»In erster Linie, um ungestört zu sein. Und ich wache über ihren Frieden.«

Die Ustinov nickte. »Nichts dagegen einzuwenden. Ich wäre wirklich die Letzte, die die Intimsphäre Ihrer Stammgäste antasten würde. Aber für mich steht eine Menge auf dem Spiel, deshalb habe ich es verflucht eilig, und deshalb muss ich Sie dringend bitten, mich da hineingehen zu lassen.«

»Sind Sie mit einem der Spieler verheiratet?«, fragte der Wirt besorgt.

Die Agentin schüttelte den Kopf. »Und auch nicht verschwestert, verlobt oder verschwägert. Jetzt zufrieden? Ich bin nicht hier, um dort drinnen eine großartige Szene zu machen. Mir hegt nur sehr viel daran, mit Jerry Armstrong zu reden, verstehen Sie? Jerry wäre Ihnen bestimmt sehr böse, wenn Sie mich nicht zu ihm ließen.«

Der Wirt überlegte kurz. Diese Frau sah nicht aus wie eine Furie. Was war schon zu befürchten. Der fette Mann nickte. »Okay. Gehen Sie rein, Miss. Ich hoffe, Sie erweisen sich des Vertrauens, das ich Ihnen entgegenbringe, würdig.«

»Worauf Sie sich verlassen können«, versicherte sie. Der Fettkloß gab den Weg frei. Natalia trat ein.

Die fünf Männer im Hinterzimmer schienen beschlossen zu haben, auf eine ganz neue Art Selbstmord zu begehen. Sie wollten sich zu Tode rauchen. Aus der Luft hätte man Blöcke schneiden und diese zur Tür hinausschieben können.

Auf Jerrys Glatze tanzten Lichtreflexe.

Er war gespannt wie die Maus, die vor der Schlange sitzt. Im Pot befand sich ein kleines Vermögen. Jerry wischte sich erregt die kleinen Schweißtropfen von seiner enormen Scheitelerweiterung und seufzte. Glücklich sah er nicht gerade aus.

Natalia hegte den Verdacht, dass der Kleine bereits seine Hosen verspielt hatte.

Keiner hatte Zeit, sich um die rassige Frau zu kümmern. Die Männer schienen nicht einmal bemerkt zu haben, dass ein Kiebitz im Raum war. Sie rauchten nervös und klopften die üblichen Pokerrunden-Sprüche. Jerry Armstrong schien ein gutes Blatt in seinen Händen zu haben. Diesmal rechnete er damit, dass der Pot zu ihm rüberkam. Wie es schien, hatte er diesen Gewinn bereits bitter nötig. Er nagte an der Unterlippe. Seine ruhelosen Blicke huschten über die Mitspieler. Dann hefteten sie sich wieder auf die Einsätze. Ein Schuldschein lag oben drauf. Der war von Jerry.

Nacheinander stiegen die Spieler aus.

Ein hässlicher Kerl mit Pockennarben im Gesicht und Jerry blieben übrig.

Und dann kamen die Sekunde der Wahrheit.

Der Kleine knallte vier Könige auf den Tisch, lachte nervös und wollte den Gewinn schon zu sich rüberholen.

Da sagte der Pockennarbige: »Moment, Jerry! Darf ich dir erst noch mein Blatt zeigen?«

Jerry stockte der Atem. Seine schaufelnde Hand hielt inne. Mit glasigen Augen wartete er.

Und dann legte der andere auf: ein Ass, noch eines, ein drittes und ein viertes. Der Kleine war den Tränen nahe. Verständlich, dass er einen Fluch unter Männern anbrachte. Als er dann Natalia entdeckte, schämte er sich der Worte, die er gesagt hatte.

»Nat!«, sagte er verwirrt. »Wie ... wie kommst du denn hierher?«

»Mr. Mortimer hat mir geraten, dich hier zu suchen«, erwiderte sie.

Jerry stand auf.

»Entschuldigt mich einen Moment«, sagte er zu den anderen und umarmte seine alte Bekannte. »Ich freue mich, dich wiederzusehen. Und ich bin froh, dass ich keine Schramme an dir entdecken kann«, fügte er hinzu, nachdem er Natalia kurz von sich weggedrückt hatte, um sie von Kopf bis Fuß anzusehen. »Wie ist es dir ergangen?«

»Erzähle ich dir alles später, Jerry. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du hier jetzt Schluss machen würdest, Kleiner.«

Armstrong schüttelte heftig den Kopf. Seine Wangen wackelten. »Tut mir leid, Nat. Du weißt, du kannst normalerweise alles von mir verlangen, aber das nicht. Ich habe ein Vermögen verloren. Ich hatte den ganzen Abend nichts als Pech.«

»Bei so einer Pechsträhne sollte man besser aufhören«, riet Natalia.

»Nach jeder Pechsträhne geht es wieder aufwärts. Eine alte Tatsache. Man muss nur die Nerven haben, darauf warten zu können.«

»Was ist, Jerry« rief der Pockennarbige. »Bleibst du im Rennen?«

Armstrong wandte sich um. »Natürlich, Slim. Bin gleich wieder am Tisch. Nur einen Augenblick.«

»Hör mal, Jerry«, sagte Natalia eindringlich, »es würde zu weit führen, dir jetzt die ganze Geschichte zu erzählen, weshalb ich hierhergekommen bin. Ich bin gewiss keine Spielverderberin, du kennst mich. Deshalb kannst du annehmen, dass mein Erscheinen hier von äußerster Wichtigkeit ist. Ich muss auf die Bermudas fliegen. Newton hat verlangt, dass ich dich und Ole mitnehme. Also, was ist? Steigst du jetzt aus dem Spiel aus?«

Jerry machte ein weinerliches Gesicht. »Verdammt! Ich habe doch so viel verloren.«

Die Ustinov trat an den Spieltisch. »Wie viel ist Jerry schuldig?«, fragte sie.

»Dreihundert«, sagte der Pockennarbige.

Sie bezahlte für den Kleinen. »Er macht nicht mehr mit. Geht das in Ordnung?«, fragte sie in die Runde. Die Männer nickten. Natalia führte Jerry ab. Draußen, vor dem »Red Onion«, schüttelte sie enttäuscht den Kopf. »Mein lieber Mann, wie kann man bloß beim Pokern dreihundert Dollar verlieren?«

Jerry zuckte verlegen die Achseln. »Ich dachte jedes Mal, ich hätte ein Bombenblatt.«

Natalia schmunzelte. »Wenn wir mal ein bisschen Zeit haben, werde ich dir ein Lehrspiel angedeihen lassen, okay? Komm jetzt! Wir haben noch Ole vor uns. Hoffentlich macht der nicht die gleichen Schwierigkeiten wie du.«

28

Mit Fünfzehn war sie eine der profiliertesten Kampfschwimmerinnen gewesen, die Amerika in die Wettkämpfe hatte werfen können. Sie hatte Medaillen, Diplome und Pokale gewonnen.

Ihre kleine Wohnung war voll davon. Mit Neunzehn war sie immer noch eine hervorragende Attraktion für die Kampfschwimmbahnen in aller Welt gewesen. Diesen Umstand hatte sich ein cleverer Manager zunutze gemacht und sie unter Vertrag genommen. Miranda Jones war weltweit so bekannt, dass es überhaupt kein Risiko darstellte, sie eine Schallplatte besingen zu lassen. Natürlich schwamm sie weit besser als sie trällerte, aber heutzutage sind die Tontechniker der Aufnahmestudios wahre Hexenmeister. Die zimmern aus dem Husten eines Flohs noch einen Superhit.

Während der Aufnahmen zu Mirandas erster LP hatte Ole Eriksson das hübsche Kind kennengelernt.

Sie hatten sich angefreundet, hatten ihre Zeit nicht nur im Studio miteinander verbracht, sondern mehr und mehr auch außerhalb.

Ole nannte sie seine »Nixe«. Ihre Bewegungen konnten von einem Aal abgeschaut sein, so geschmeidig waren sie.

Wenn sie Wettkämpfe bestritt, war Ole dabei. Er hockte dann auf der Zuschauertribüne und quetschte sich die Daumen blau. Wenn Miranda gesiegt hatte, gingen sie groß feiern. Wenn sie verlor, war Ole da, um sie zu trösten.

Das Ganze schien eine ernste Sache zu werden. Ole war erfreut darüber.

An diesem Abend hatte er seine »Nixe« mit in seine Wohnung genommen. Miranda hatte den Wunsch geäußert, mit Ole ganz allein sein zu wollen, abgekapselt von der Welt. Nur sie und er und ihr Glück. Sie hatten eine Kleinigkeit aus der Tiefkühltruhe gegessen. Man muss nicht immer groß ausgehen. Sie hatten gealbert, getanzt, ein wenig getrunken, waren jedoch nicht einmal beschwipst und schließlich da gelandet, worauf sie sich beide schon von Anfang an gefreut hatten - im Bett.

Miranda war ein Quirl.

Sie konnte nicht stillhalten. Ole liebkoste ihre herrlich geformten Brüste. Seine Zunge spielte mit den Warzenhöfen. Seine Hände streichelten die Innenseiten von Mirandas nackten braunen Schenkeln. Ihr Atem ging schwer. Ihre Nasenflügel blähten sich. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss all die himmlischen Zärtlichkeiten, die Ole ihr angedeihen ließ.

Als er sich sanft auf sie legte, schlang sie leidenschaftlich ihre Arme um seinen muskulösen Nacken.

Er drang in sie ein. Miranda öffnete ihren Mund und stöhnte verhalten. Sie kugelten über das breite Bett. Nun war Miranda über Ole. Und sie bewegte sich auf ihm so, wie sie es am liebsten hatte. Er berührte ihre sanft schwingenden Brüste und streichelte die feste Rundung ihres Pos.

Es war wie ein Orkan, der sie in unendliche Weiten entführte. Die Welt versank um sie herum.

Es gab nichts Schöneres für sie als das.

Während Ole dabei war, sich eine Zigarette anzuzünden, schlug das Dingdong an der Wohnungstür an.

Er setzte sich im Bett auf, verschränkte trotzig die Arme vor der muskulösen Brust und schüttelte grimmig den Kopf. »Ich mache nicht auf. Mag draußen sein, wer will. Ich lasse mir diesen herrlichen Abend nicht kaputtmachen!« Ole rauchte paffend. Miranda kroch schnurrend an ihn heran. Er legte seinen kräftigen Arm um sie. Er war Ende Zwanzig, blond, blauäugig, ein Athlet, der so oft wie möglich Sport trieb und in nahezu jeder Disziplin ein Ass war.

Dingdong - Dingdong - Dingdong ...

»Eine Frechheit!«, schimpfte Ole.

Dingdong - Dingdong ...

»Ich liebe dich, Ole«, hauchte Miranda.

Dingdong - Dingdong - Dingdong - Dingdong ...

»Das ist ja nicht auszuhalten!«, rief der Große zornig und blickte Miranda wütend an.

Das Mädchen hob die wohlgerundeten Schultern. »Ich fürchte, du wirst doch aufmachen müssen, sonst geht das die ganze Nacht so weiter.« Dingdong - Dingdong ... »Na, bitte«, sagte die Nixe.

»Ich kenne nur einen, der dermaßen unverschämt ist!«, fauchte Ole und glitt aus dem Bett. »Jerry Armstrong. Bei Gott, wenn er noch ein Haar auf dem Eierkopf hätte, ich würd’s ihm ausreißen.« Dingdong - Dingdong ... Ole ballte die Hände. Er schrie: »Ich poliere ihm die Glatze, diesem Unmenschen!« Eriksson kleidete sich hastig an und eilte nach draußen. Dingdong - Dingdong Dingdong ... »Ja!«, brummte Ole voll Ingrimm. »Ich komme ja schon! Soll ich fliegen, verdammt noch mal?«

Ding...

Er riss die Tür auf.

...dong!

Man sagt Ole Eriksson nach, dass er niemals als erster zuschlägt. Diesmal hätte er diesen Grundsatz beinahe gebrochen. Als er neben Jerry Natalia erblickte, verebbte sein Zorn. Mit gefletschten Zähnen, den Dolchblick auf Jerry geheftet, zischte er, während er auf den Dingdong-Knopf wies: »Ein nettes Spielzeug, was?« Und eiskalt fügte er hinzu: »Wenn du es noch einmal anfasst, beiße ich dir den Finger ab, mit dem du es getan hast.«

»Dürfen wir reinkommen, Ole?«, fragte Natalia.

Der Große gab die Tür nur ungern frei. Sie traten ein. Ole raunte: »Hört zu, ich bin nicht allein. Also sagt schnell, was ihr auf dem Herzen habt und verzieht euch dann wieder. Morgen freue ich mich über euren Besuch. Heute kommt er mir jedoch verdammt ungelegen.«

Der Kleine griente. »Er hat ein Häschen in seinem Bett, Nat.«

»Dem kann man wirklich nichts verheimlichen«, knurrte Ole. »Könnt ihr nicht morgen noch mal vorbeikommen? Wir sind doch Freunde. Unter Freunden ist man nicht gehässig. Deshalb brauche ich euch jetzt auch nicht hinauszuwerfen, ihr geht von selbst. Das finde ich nett von euch.«

»Ich bin wirklich untröstlich, Ole«, sagte Natalia zum Großen. »Was ist das bloß für ein dummer Abend. Zuerst musste ich Jerry vom Pokertisch wegreißen und nun dich von deinem Mädchen. Nein, es ist wirklich zu dumm.«

Ole spannte die Muskeln. »Einen Augenblick, Nat. Ich verlasse diese Wohnung nicht - nicht heute.« Er wies aufgeregt mit dem Daumen in Richtung Schlafzimmer. »Dort drinnen wartet das bezauberndste Geschöpf, das ihr euch vorstellen könnt. Ich bin verknallt in sie. Sie würde es mir mit Recht verdammt übelnehmen, wenn ich mit euch ... Also nein, wirklich. Das kommt überhaupt nicht in Frage.«

Ole wusste einiges vom Fall »Regenbogen.« Was er nicht wusste, erzählte ihm Natalia nun im Telegrammstil. Der Große wand sich wie ein getretener Wurm. Er schwankte zwischen Liebe und Pflichterfüllung, rang die Hände. »Liebe Güte. Auf die Bermudas!«, stöhnte er.

29

Natalia hatte wirklich Mitleid mit ihm. Sie sagte Ole, dass sie auf ihn gern verzichten würde, aber Charles Newton ...

Es kam nicht oft vor, aber diesmal verfluchte Ole Eriksson den Dicken. Verzweifelt schaute er Nat und Jerry an. »Nun sagt mir bloß, wie bringe ich das Miranda bei?«

»Soll ich mit ihr reden?«, machte sich Natalia erbötig. »Von Frau zu Frau spricht es sich leichter.«

Der Große schüttelte heftig den Kopf. »Sie würde denken, ich bin zu feige, es ihr selbst zu sagen, ich versteckte mich hinter dir. Das würde sie noch mehr verärgern.« Er seufzte geplagt. »Darf ich eine halbe Stunde haben?«

Natalia nickte. »Wir treffen uns am Kennedy Airport.«

»Ich komme nach«, versprach der Große. Und auf dieses Versprechen konnte man Hochhäuser bauen. Natalia und Jerry wussten das. Sie fuhren voraus.

Exakt dreißig Minuten nach ihnen war der Große zur Stelle. Er wirkte bleich und krank. Er brauchte nichts zu sagen. Natalia wusste sofort Bescheid. Miranda hatte ihm den Laufpass gegeben.

»Es tut mir so schrecklich leid, Ole«, sagte sie teilnahmsvoll.

Der Große winkte mit einer fahrigen Handbewegung ab. »Ach, lass nur, Nat. Eine Liebe, die bereits daran zerbricht, das war niemals eine wahre, tiefe Liebe.«

30

Die Landung auf Bermuda war eine glatte Sache. Der Jet ging auf dem Flugplatz von Hamilton nieder. Dies ist der Hauptort und zugleich auch der größte Hafen der Bermuda-Inseln. Dreihundert Einwohner. Hier im nordwestlichen Atlantik gibt es insgesamt dreihundertsechzig Inseln, aber nur zwanzig davon sind bewohnt.

Jerry Armstrong schwang links sein Köfferchen. Mit der freien Rechten liebkoste er seine Glatze.

Es war heiß auf den Bermuda Islands.

Im Flughafengebäude war davon jedoch nichts zu spüren. Air condition hieß das Zauberwort, das dieses Kunststück fertigbrachte.

»Jetzt hätte ich Appetit auf eine schöne große Tüte mit Vanilleeis«, schwärmte der Kleine.

»Wir sind hier, um Senator Blake zu kassieren, mein Junge, nicht zum Eisschlecken«, stellte der Große klar.

»Blake kommt erst in ein paar Tagen. Inzwischen können wir ausspannen und - Eis schlecken«, sagte der Kleine grinsend.

Es kam aber anders. Eine angenehme Mädchenstimme hallte aus den Lautsprechern. Miss Natalia Ustinov wurde gebeten, sich beim Informationsschalter einzufinden.

Jerry glotzte erstaunt. »Nanu, wer weiß denn, dass du hier bist, Nat?«

»Keine Ahnung. Ich werde mal nach sehen.«

»Wir kommen natürlich mit!«, entschied der Kleine. »Damit du nicht plötzlich spurlos verschwindest. Man hat ja schon die tollsten Sachen vom Bermuda-Dreieck gehört.«

Zu dritt begaben sie sich zum Informationsschalter. Ein grauhaariger Mann stand da. Etwa sechzig Jahre alt, eine Gesichtshaut, die an widerstandsfähiges Leder erinnerte, kleine, listige Augen und ein verschmitztes Lächeln um die faltigen Lippen.

»Miss Ustinov?«, fragte er. Seine Stimme klang voller, als man es bei ihm erwartet hätte.

»Ja?«

»Ich bin Fred Harris, von Beruf Fischer.«

»Petri Heil«, sagte Jerry Armstrong.

»Petri Dank«, erwiderte Harris. Er wandte sich wieder an Natalia. »Ich soll Ihnen schöne Grüße von Mr. Newton bestellen.«

Die Agentin horchte auf. Harris lächelte und nickte, um seine Worte zu bestätigen. Er lud Natalia und ihre Freunde zu einem Drink im Flughafenrestaurant ein. Jerry setzte sich nicht. Er sagte: »Entschuldigt mich einen Augenblick.« Dann verdrückte er sich in Richtung Telefonzellen. Er wollte auf Nummer Sicher gehen, deshalb rief er Charles Newton in New York an. Der Dicke meldete sich sofort. »Hier Jerry Armstrong, Chef!«, rief der Kleine, als müsste er dies wegen der großen Entfernung tun. »Wir haben soeben eine liebe Überraschung erlebt. Ein Mann namens Fred Harris hat uns empfangen. Er bestellte uns schöne Grüße von Ihnen. Wissen Sie davon?«

»Wirklich sehr aufmerksam von Ihnen, dass Sie rückfragen, Jerry« lobte der Dicke. »Harris ist sauber, einer meiner vorgeschobenen Posten, wenn Sie so wollen. Sie können ihm trauen.«

»Das wollte ich wissen«, sagte Jerry.

»Ich habe Harris gebeten, er soll euch alle Schwierigkeiten - soweit er das kann - aus dem Weg räumen. Er hat euch doch hoffentlich ein Haus beschafft?«

Armstrong zuckte die Achseln. »Anzunehmen, Chef. Ich hatte noch nicht die Zeit, mich diesbezüglich mit ihm zu unterhalten.«

»Ich hoffe, er hat nicht das teuerste Haus am Platz für euch gemietet«, stöhnte der Dicke.

Jerry lachte meckernd wie Barney Geröllheimer. »Eigentlich sollte das Beste gerade gut genug für uns sein, Chef.«

»Seid ihr Agenten oder Snobs?«

»Sowohl als auch«, sagte der Kleine durch die Nase, dann hängte er ein. Als er den Tisch erreichte, an dem Natalia, Ole und Fred Harris saßen, hob Natalia den Kopf. Sie wusste, wo Jerry gewesen war. Ihr Blick bestand aus zwei großen Fragezeichen. Jerry nickte. Und Natalia wurde merklich freundlicher zu Harris.

Newtons Mann hatte bereits einiges für das Trio arrangiert. Vor dem Flughafengebäude stand ein weißer Peugeot 504 TI. Der Wagen schien gerade aus der Fabrik gekommen zu sein. Nachdem sie ihre Gläser geleert hatten, verließen sie die gastliche Stätte. Harris schwang sich hinter das Peugeot-Steuer und brachte das Trio zu einem Haus, das außerhalb von Hamilton stand, ganz nah am glasklaren Wasser, von rauschenden Palmen umsäumt. Ein idyllisches, geradezu paradiesisches Fleckchen Erde. Neben dem Anlegesteg dümpelte ein schnittiges Motorboot, ebenfalls von Harris für Natalia und ihre Freunde besorgt. Im Haus war die Bar reichlich mit Getränken gefüllt. Auch alkoholfreie waren dabei. Und es fehlte nicht am Eis im Silberthermos. Harris hatte wirklich an alles gedacht.

Es waren genügend Zimmer vorhanden.

Natalia suchte sich das ihre als Erste aus.

Dann stritten sich Jerry und Ole um das Recht, Nummer zwei zu sein. Natürlich verlor Jerry. Er verlor gegen Ole immer. Aber er gab trotzdem niemals auf.

Als sie im Livingroom alle beisammen saßen - durch die offene Terrassentür drang das monotone Rauschen des Meeres sagte Harris: »Ich habe auf den Inseln viele Fischerfreunde, die mir jeden Gefallen tun. Ich habe sie gebeten, nach einer Jacht namens >Scarlet< Ausschau zu halten. Sobald die Jacht die Bermudas erreicht, bekomme ich von meinen Freunden Bescheid.«

»Solche Freunde sind unbezahlbar«, bemerkte Jerry. Er trank Buttermilch mit einem Schuss Kognak.

Der Große mit der blonden Igelfrisur rieb sich die Hände. »Wir werden die Vergnügungsreise des Senators mit einem Paukenschlag beenden.«

Harris kratzte sich mit Daumen und Zeigefinger sein ausgeprägtes Kinn. »Ich hege da einen Verdacht ...«

Natalia wartete aufhorchend darauf, dass Harris weitersprach. Als er das jedoch nicht tat, forderte sie ihn dazu auf.

Harris sagte: »Meiner Meinung nach ist das nicht ausschließlich eine Vergnügungsfahrt.«

»Sondern?«, fragte Natalia ungeduldig.

»Ich bin fast sicher, dass es gleichzeitig auch eine Geschäftsreise ist.«

»Was bringt Sie auf diese Idee?«, wollte die Agentin wissen.

Es flackerte in den kleinen schlauen Augen des Fischers. »Haben Sie schon mal den Namen Sergej Plotkin gehört, Miss Ustinov?«

Natalia brauchte nicht nachzudenken. Sie nickte sofort. »Plotkin ist ein guter KGB-Mann. Er hat nur einen Fehler: Er trinkt zu gern.«

Harris schmunzelte. »Ich sehe, Sie sind bestens informiert.«

»Das gehört zu meinem Job. Einmal zu wenig informiert zu sein, kann den Tod bedeuten. Warum wollten Sie wissen, ob ich Plotkin kenne?«

»Weil er hier ist«, antwortete Harris ernst.

»Hier, auf den Bermudas?«, fragte Jerry Armstrong. Er vergaß, hinterher den Mund zuzumachen. Ole half mit dem Daumen nach und sagte grinsend: »Es zieht.«

»Wo genau ist Plotkin?«, wollte Natalia wissen.

Harris nannte eine ganz kleine Insel und sagte, dass Sergej Plotkin das einzige Haus, das es auf dieser Insel gab, gemietet hatte. Dann fügte Harris hinzu: »Plotkin ist nicht allein. Er hat ein hübsches Mädchen bei sich. Es gelang mir nicht, herauszukriegen, wie es heißt. Auch nicht mit dem Richtmikrofon.«

Jerry nickte grinsend. »Eine Ausrüstung, die ein Fischer heutzutage einfach haben muss.«

Harris fuhr fort: »Der Russe erweckt nicht den Eindruck, als würde er hier bloß Urlaub machen. Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Plotkin wartet auf jemanden. Und mich würde es nicht wundern, wenn es Senator Blake wäre, auf den er wartet.«

»Ist ja wirklich sehr aufschlussreich, was Sie das berichten, Mr. Harris«, sagte Natalia Ustinov und leerte ihr Glas auf einen Zug.

31

Sergej Plotkin setzte das Gewehr zusammen, nachdem er die einzelnen Teile gründlich gereinigt hatte. Die freundlich strahlende Sonne lachte zum Fenster herein. Es war heiß. Deshalb hatte Maria Sellnowa ihr Kleid ausgezogen. Die junge Frau mit den rotbraunen Haaren lag, nur mit schwarzem Höschen, BH und Strümpfen bekleidet, auf dem Bett. Sie überlegte, ob sie nicht alles ausziehen und nackt zum Meer laufen sollte, um sich beim Schwimmen etwas abzukühlen. Sie begriff nicht, wie Plotkin im grünen Anzug neben ihr auf der Bettkante sitzen konnte. An seiner Stelle wäre sie längst verschmachtet. Er stützte das Gewehr auf seinem Knie auf. Ein kaltes Lächeln huschte über seine markanten Züge. Wärme war seinem Wesen fremd.

»Nun, Maria«, sagte er mit seiner leicht heiseren Stimme, »ich hoffe, es gefällt dir auf den Bermudas.«

»Ein schönes Stückchen von der Welt«, erwiderte sie, »aber heiß.«

»Geh schwimmen.«

»Später.«

Plotkin musterte Maria. Aber er fasste sie nicht an. Sie war für ihn eine Genossin, ein Kamerad. Kein Mädchen, mit dem er sich vergnügen wollte. Dafür waren andere da.

»Sag selbst, habe ich dich schlecht beraten, als ich dir riet, du solltest dich entschließen, für den Geheimdienst zu arbeiten?«

»Offen gestanden, ich hatte Angst vor diesem Schritt.«

»Angst.« Plotkin lächelte und schüttelte verständnislos den Kopf. »Wovor ängstigst du dich?«

»Ich weiß es nicht, Sergej. Das Wort Geheimdienst ...«

Plotkin fiel dem Mädchen ins Wort: »Du würdest immer noch in dieser Reißverschlussfabrik in Leningrad schuften, wenn ich dich nicht für den KGB gewonnen hätte. Du hast doch einen guten Tausch gemacht. Oder hast du irgendeinen Grund zu klagen?«

»Nein, Sergej. Natürlich nicht.«

Plotkin grinste. »Die westliche Welt mag dekadent sein, sie hat aber auch ihre Vorzüge.« Der Russe erhob sich, stellte das Gewehr ab und goss sich amerikanischen Bourbon ins Glas. Feixend hob er es an. »Eigentlich müsste mich davor ekeln. Amerikanischer Bourbon - brrr! Aber, hol’s der Teufel, das Zeug schmeckt besser als jeder grusinische Schnaps.«

Maria blickte Plotkin besorgt an. Aber sie sagte nichts, denn sie war der Meinung, dass ihr keinerlei Kritik zustand. Plotkin war seit vielen Jahren für den KGB tätig. Für Maria hingegen war dies der erste Einsatz.

Sie sah Sergej nicht gern trinken. Auch die Leute vom KGB sahen das nicht gern. Verschiedentlich hatte man das bereits durchblicken lassen. Aber Plotkin ignorierte solche diskrete Bemerkungen. Er machte seine Arbeit zu aller Zufriedenheit. Und was seine Trinkgewohnheiten anging, so waren die allein seine Sache. Das fand er jedenfalls.

Maria hatte diesmal mitgezählt.

Plotkin war schon beim achten doppelten Bourbon. Und er trank sie alle pur.

Wo er das bloß hinschluckte?

Er ging zum Fenster, blickte auf das weite Meer hinaus, dehnte die Glieder, atmete tief durch und sagte begeistert: »Ein herrliches Leben, nicht wahr, Maria?«

»Ich denke schon.«

»Du hast das ganze Jahr Ferien.«

»Da bin ich anderer Meinung«, widersprach Maria Sellnowa. »Wir haben immerhin einen Auftrag ...«

Plotkin drehte sich um. Sie konnte den Alkohol in seinen Augen glänzen sehen. Heilige Madonna von Kasan, warum trank er nur so entsetzlich viel.

»Diesen Auftrag erledigen wir doch mit der linken Hand, Maria«, sagte Plotkin lächelnd. »Wir werden die von >Regenbogen< beschafften Unterlagen über die jüngste Geheimkonferenz der NATO-Staaten übernehmen und nach Moskau bringen. Und ein paar Wochen später werden wir beide im Persischen Golf baden ... Ferien, immer nur Ferien.«

Maria sah das ganz anders.

Dies war ihr erster Einsatz. Und sie hatte Angst, zu versagen. Moskau hätte ihr das nie verziehen:

32

Sie ließen sich für alles Zeit. Zunächst versuchten sie sich zu akklimatisieren. Sie badeten, ließen sich von Harris die Sehenswürdigkeiten der Bermudas zeigen und von ihm in die Nähe jener Palmeninsel bringen, auf der das Haus stand, das Sergej Plotkin und seine russische Kollegin bewohnten. Sie kreuzten weit draußen auf dem Meer, um nicht aufzufallen. Als sie wieder in Hamilton waren, fragte Natalia ihre beiden Freunde: »Was meint ihr? Sollen wir Gospodin Plotkin morgen auf seinem Eiland besuchen?«

Jerry schüttelte sofort den Kopf. »Also ich halte das nicht für sinnvoll. Ich bin nämlich sicher, dass sich Plotkin über unsern Besuch absolut nicht freuen würde.«

Ole grinste. »Vielleicht platzt der Russe vor Wut. Ein Erfolg, den ich begrüßen würde.«

Natalia nickte. »Also morgen«, sagte sie.

Jerry machte suppentellergroße Augen. »Und was ist mit meinem Einwand?«

»Der wird verworfen.«

Daraufhin verbrachte Jerry Armstrong eine unruhige Nacht.

Am nächsten Morgen bereitete er das Frühstück für alle, weil er ohnehin nicht mehr im Bett bleiben konnte. Während sich Natalia mit Vitaminen dopte, die sie in Form von Karottensaft zu sich nahm, schnallte der Große sein Schulterholster um. Als Jerry das sah, stieß er hervor: »Ach, du Schreck. Wozu soll der Ballermann denn gut sein, Ole? Nat hat nicht gesagt, dass wir den Russen umlegen sollen.«

Der blonde Hüne schmunzelte. »Es gibt bei uns zu Hause ein Sprichwort, das lautet: Trau keinem über dreißig. Ich möchte es abwandeln: Trau keinem Russen, der schon selber gehen kann. Plotkin könnte immerhin auf die Idee kommen, uns umzu...«

»Großer Gott, dazu hat er doch gar keine Veranlassung!«, entfuhr es dem Kleinen.

»Er braucht bloß ein Gläschen zu viel getrunken zu haben, dann kann er bereits auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren«, gab ihm Ole zu verstehen.

Eine halbe Stunde später fragte Natalia: »Seid ihr fertig?«

»Fix und fertig«, seufzte der Kleine. Seine Hand glitt über die Glatze, als wollte er einen Berg von Haaren schlichten.

Sie verließen das Haus, begaben sich zum Landesteg, bestiegen das Boot, das Fred Harris für sie besorgt hatte. Natalia überließ Ole das Steuer. Sie trug ein blau und weiß gestreiftes T-Shirt und verflixt knapp sitzende Shorts. Eine kleine Astra-Pistole steckte im Gürtelholster über der prallen Rundung ihres Gesäßes. Auch Jerry hatte sich widerstrebend bewaffnet. Er hasste den Knall von Schüssen. Und beim Anblick von Blut benötigte er jedes Mal herz- und kreislaufstärkende Tropfen. Sicherheitshalber hatte er das Fläschchen mitgenommen. Man konnte nicht wissen, was aus dem Besuch bei Plotkin noch wurde.

Sie erreichten die idyllische Insel.

Das Motorboot legte an. Sie sprangen an Land. Ole vertäute den Kahn. Jerry stieß ihn an und wies auf eine unübersehbare Tafel. In mächtigen, geradezu drohenden Buchstaben stand darauf: DAS BETRETEN DIESER INSEL IST STRENGSTENS VERBOTEN.

Ole zuckte gleichmütig die Achseln. »Das gilt nicht für uns, Kleiner. Mach dir keine Sorgen. Plotkin wird sich freuen, wenn er erfährt, dass ihn drei Kollegen von der Gegenseite in aller Freundschaft besuchen.«

Jerry rümpfte die Nase und schielte misstrauisch zu dem Haus, in dem Plotkin wohnte.

»Er könnte dieses eine Glas zu viel getrunken haben.«

»Wir werden ihm Manieren beibringen, verlass dich drauf«, sagte Ole und trat neben Natalia. Im Gleichschritt marschierten sie los, direkt auf das Haus zu.

Der Russe gönnte ihnen vier Schritte, dann ließ er seine Flinte Feuer spucken. Die Kugel bohrte sich wenige Zentimeter vor Erikssons Schuhspitzen in den Boden. Natalia und Ole blieben stehen. Jerry stand schon lange. Sie konnten den Russen nicht sehen, aber sie hörten ihn. In wunderbarem Amerikanisch schrie er: »Könnt ihr nicht lesen? Das Betreten dieser Insel ist strengstens verboten! Ich habe die Tafel nicht zum Spaß aufgestellt. Macht, dass ihr runterkommt von dieser Insel! Ich will meine Ruhe haben und niemanden sehen. Los! Los! Los! Verschwindet, sonst knallt es noch mal. Und dann ...« Plotkin ließ die Folgen offen.

Ole sah Natalia an. »Rückzug?«

Sie nickte. Er wandte sich um und wollte aufpassen, dass er Jerry nicht auf die Zehen trat, doch diese Gefahr bestand nicht, denn der Kleine saß bereits wieder im Motorboot und startete gerade die Maschine. Diesmal übernahm Natalia das Steuer. Sie umrundete die kleine Insel und legte an einer Stelle an, wo Sergej Plotkin es nicht sehen konnte.

Ole gefiel das. Er grinste und sagte mit geballten Händen: »Jetzt erst recht!« Dann gingen sie an Land.

33

Plotkin sah die drei jungen Leute abfahren. Er stellte das Gewehr weg, wandte sich vom Fenster ab und schlug sich lachend auf die Schenkel. »Sieh nur, Maria, wie sie Fersengeld geben. Überhaupt der mit der Glatze. Er konnte gar nicht schnell genug zum Boot zurücklaufen.« Natürlich war das schon wieder mal ein Grund für den Russen, zur Flasche zu greifen. An diesem Tag war sein Durst besonders groß. Maria spürte, dass sie durch seine Maßlosigkeit noch mal in Schwierigkeiten kommen würde. Sie nahm sich vor, sobald sie in Moskau waren, um einen anderen Genossen zu bitten, der sie in den Außendienst einführte. In Plotkins Nähe war sie nicht gut aufgehoben.

»Ich ... ich weiß nicht, ob es richtig war, was du soeben getan hast, Genosse Plotkin«, sagte Maria. Sie war bemüht, dies nicht wie einen Vorwurf klingen zu lassen.

Plotkin lachte. »Sie sind weg. Ich habe erreicht, was ich wollte.«

»Sie könnten zur Polizei gehen.«

»Warum denn? Es wurde niemand verletzt. Ich habe nur meine Rechte gewahrt, meine Ruhe verteidigt. Das steht mir zu. Die Tafel ist groß genug. Wer sie ignoriert, muss mit Konsequenzen rechnen. Das haben diese jungen Leute eingesehen. Sie werden nicht den Mut haben, wiederzukommen. Und sie werden - so hoffe ich wenigstens - ihre Freunde davon abhalten, diese Insel anzusteuern.«

Maria nahm die Ohrclips ab, weil sie drückten. »Ist es nicht oberstes Gebot, so wenig wie möglich aufzufallen, wenn wir im Einsatz sind, Sergej?«

Plotkin blickte Maria mürrisch an. »Willst du mich etwa rügen, Genossin? Du, ein Küken, das zum ersten Mal die Welt außerhalb Russlands kennenlernt?«

»Ich bin nur wegen unseres Auftrages besorgt, Sergej, und möchte, dass Moskau mit meiner Arbeit zufrieden ist.«

»Moskau wird zufrieden sein.« Plotkin grinste. »Und diese drei jungen Leute kannst du vergessen. Die sind meines Erachtens viel zu unwichtig, um unseren Auftrag ernsthaft gefährden zu können. Sie werden sagen, auf dieser Insel wohnt ein Verrückter, geht da lieber nicht hin. Der schießt auf euch und brüllt und tobt. Du wirst sehen. Von nun an werden wir niemanden mehr zu Gesicht bekommen.«

Er trank wieder, weil er dachte, sich diesen Schluck verdient zu haben.

Plotkin konnte nicht ahnen, dass selbst ein Routinier wie er sich ganz gewaltig geirrt hatte.

34

»Die Tafel war also doch auch für uns da«, brummte Jerry Armstrong.

Ole zog unwillig die Brauen zusammen und sagte zu Natalia: »Wir hätten den Kleinen besser beim Boot zurücklassen sollen. Ich sage dir, der flennt jetzt so lange, bis wir von dieser Insel wieder runter sind.«

Sie eilten durch verfilztes Unterholz. Die Vegetation war üppig. Papageien protestierten lautstark gegen die Ruhestörung. Natalia fand mit untrüglichem Instinkt den kürzesten Weg zu Plotkins Haus. Hinter ihr ging Ole, gefolgt vom schnaufenden Jerry. Sie erreichten den Buckel einer kleinen Anhöhe. Das Haus war zwischen den hoch aufragenden Palmenstämmen zu sehen.

Ole grinste den Kleinen an. »Leg dir ein paar Blätter auf den Schädel. Deine Glatze wirkt ja bei dem Sonnenlicht wie ein Spiegel.«

»Bilde dir doch nicht gar so viel auf die paar gelben Federn ein, die deinen Charakterkopf zieren«, maulte der Kleine.

Ole nickte Natalia zu. »Jetzt liefern wir dem Knaben eine freudige Überraschung. Komm, Baby!«

»Sag nicht Baby zu ihr!«, knurrte Jerry.

»Warum denn nicht?«, fragte der Große.

»Du kennst anscheinend die Definition für dieses Wort nicht: Baby - das ist Lärm auf der einen und völlige Verantwortungslosigkeit auf der anderen Seite.«

Natalia lachte leise. »Ein Leben ohne Jerry wäre eine humorlose Angelegenheit.« Sie setzten ihren Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichten sie die Rückfront des Hauses und lauschten. Plotkin unterhielt sich mit dem Mädchen. Dann gluckste Flüssigkeit in ein Glas. Bestimmt Alkohol. Sergej Plotkin war in Geheimdienstkreisen bestens dafür bekannt, dass er den Alkohol brauchte wie das Auto Benzin.

Natalia glitt um die Gebäudeecke herum. Eine mit Natursteinen ausgelegte Terrasse. Hollywoodschaukel. Gartengriller. Wetterfeste Möbel.

Schritte. Die Agentin versteckte sich schnell in einer Türnische. Auch Ole konnte noch rasch genug in Deckung gehen. Jerry schaffte es nicht mehr. Plotkin kam aus dem Haus. Als er Armstrong erblickte, wurde er bleich vor Zorn. Er stellte das Glas weg, seine Augen verengten sich. Mit geblähten Nasenflügeln stürmte er auf den Kleinen los. Es sah so aus, als wollte der Russe den Kahlhäuptigen ungespitzt in den Boden rammen. Jerry setzte ein verlegenes Lächeln auf und sagte: »Hallo! Ich muss mich wohl verlaufen haben.«

Plotkin erreichte ihn, holte mit der Faust aus. Aber geschlagen wurde dann nicht Jerry, sondern der Russe, denn urplötzlich erschien Armstrongs Schutzengel - Ole Eriksson - auf der Bildfläche. Irritiert zuckte Sergej Plotkin herum, als er den Großen heranwuchten sah. Er wollte den Schlag, der Armstrongs Gesicht demolieren sollte, umleiten und in Erikssons Richtung schicken. Doch der Große blockte den Hieb blitzschnell ab und konterte aus der vollen Vorwärtsbewegung heraus. Dadurch fiel die Aufprallgeschwindigkeit des Schlages doppelt hart aus. Plotkin wurde gewaltig durchgerüttelt. Die Luft blieb ihm weg. Er verzerrte das Gesicht. Wut und Schmerz waren an dieser Grimasse schuld. Er musste zwei unsichere Schritte machen, um den Treffer auszutanzen. Dann warf er sich mit Volldampf auf Eriksson. Aber der war dem Russen in jeder Beziehung überlegen. Mit zwei Schlagdoubletten trieb er seinen Gegner hart an den Rand der Verzweiflung. Ein Heumacher und ein Aufwärtshaken warfen Plotkin erst mal auf die Knie. Daraufhin schnellte die Rechte des Russen zu der im Schulterholster steckenden Nagant-Pistole. Ole ließ ihm die Zeit, die Waffe herauszuziehen, aber er hinderte den Russen wirkungsvoll daran, den Ballermann in Anschlag zu bringen. Mit zwei kompromisslosen, brettharten Handkantenschlägen entschied der Blonde die Auseinandersetzung endgültig für sich. Die Nagant fiel auf den Boden. Ole schob sie mit dem Fuß aus der Reichweite des Russen. Er packte Plotkin am Hals, riss ihn hoch und stellte ihn auf die wackeligen Beine.

Indessen stürmte Natalia Ustinov ins Haus.

Sie kam gerade rechtzeitig.

Maria Sellnowa hatte die klatschenden Schläge vernommen, die Plotkin einstecken musste.

Sie hatte kurz zum Fenster geblickt und die Situation schnell erfasst. Nun dachte sie, Plotkin aus der Klemme schießen zu müssen. Deshalb rannte sie zu jenem zerlegbaren Gewehr, mit dem ihr Genosse vor Kurzem auf die drei jungen Leute geballert hatte.

Maria war katzengewandt unterwegs.

Sie hörte Sergej stöhnen. Mit beiden Händen erfasste sie gleichzeitig das Gewehr. Sie drückte den Schaft gegen die Hüfte und kreiselte wie von der Natter gebissen herum.

In diesem Augenblick flog Natalia Ustinov mit schussbereiter Waffe ins Haus. Für den Bruchteil einer Sekunde starrten sich die beiden schönen Frauen feindselig an. Natalias Astra-Pistole wies genau auf die Stirn der Russin.

»Gewehr weg!«, verlangte die Ustinov eiskalt.

Maria zögerte.

»Wird’s bald?«

Die Russin focht einen schweren Kampf mit sich aus. Wann war man ein Feigling? Wenn man in einer so ausweglosen Situation klein beigab? Maria wollte es auf keinen Feuerwechsel ankommen lassen. Diese schwarzhaarige Frau sah nicht so aus, als hielte sie ihre Pistole zum ersten Mal in der Hand. Sie konnte mit Waffen umgehen. Eine einzige Kugel genügte, um alles zu verderben.

Mit pochendem Herzen ließ Maria das Gewehr sinken.

Natalia ging vorsichtig auf die Russin zu. Noch hatte sich Maria nicht von der Waffe getrennt. Es bestand immer noch die Gefahr, dass sie die Flinte hochriss und einen Glücksschuss abgab, der dann treffen oder danebengehen konnte.

Die Ustinov erreichte das Mädchen.

Wenn Blicke töten könnten, wäre Natalia Ustinov vermutlich in diesem Augenblick umgefallen. Sie streckte die linke Hand aus und befahl: »Das Gewehr!« Widerstrebend gab es Maria her. »Danke«, sagte Natalia.

Ole Eriksson brachte Plotkin herein. Der Russe machte ein Gesicht, als hätte er gerade erfahren, dass er in ein Bleibergwerk im hintersten Sibirien deportiert werden sollte.

Das anschließende Verhör ergab so gut wie gar nichts. Nur Beschimpfungen für die amerikanischen Imperialisten, für die Ausbeuter der arbeitenden Klasse, für die verdammten Kapitalisten. Aus Plotkin sprachen Marx, Lenin und Breschnew. Maria hockte mit verkniffenem Mund im Sessel und starrte Löcher in die gegenüberliegende Wand. Ihr erster Einsatz - ein voller Misserfolg. Sie hatte Angst vor Moskau, vor der Reaktion des KGB. Und sie hasste Sergej Plotkin, der sie ihrer Meinung nach in diese scheußliche Situation hineinmanövriert hatte.

Nach dem Verhör, das mit Fangfragen gespickt gewesen war, fragte Natalia den Großen: »Kannst du die beiden fesseln und knebeln, Ole?«

»Natürlich kann ich das«, gab er schmunzelnd zurück.

»Dann tu es und schaffe sie mit Jerry in den Keller hinunter.«

Der Große nickte erfreut und machte sich sofort an die Arbeit. Sie trugen Plotkin an Armen und Beinen. Er hing wie eine Hängematte zwischen dem Großen und dem Kleinen durch und schleifte mit dem Hintern beinahe auf dem Boden. Natalia trat an den Russen heran und lächelte grimmig. »Jetzt werden wir eure Rolle übernehmen und euch würdig vertreten. Es wird eine gelungene Überraschung für Senator Blake werden.«

35

Aus Ärger und Langeweile hatte Fiona Averlone dem Alkohol mehr zugesprochen, als ihr guttat. Sie befand sich auf Dave Blakes Jacht. Im Augenblick lag sie in ihrer Koje auf dem Bett.

Irgendwie erinnerte sie die Koje an die Gefängniszelle, in der sie sich zwei Jahre lang hatte aufhalten müssen. Plötzlich hielt sie es in dem kleinen Raum nicht mehr aus. Sie hatte den Eindruck, nicht genügend Luft zu bekommen, ersticken zu müssen. Hastig stürmte sie aus der Koje. Sie suchte den Senator und entdeckte ihn auf dem Achterdeck. Er trug einen weinroten Blazer und weiße Hosen. Auch die Schuhe waren weiß. Die Sonne bestrahlte ihn wie der Scheinwerfer eines Filmstudios. Hinter ihm lag die herrlich blaue Weite des Ozeans. Ein farbenprächtiges Bild, das nur von der Farbenvielfalt des Regenbogens übertroffen werden konnte.

Fiona ging mit unsicherem Schritt auf Blake zu. Sie gab nicht dem Alkohol die Schuld für ihre Unsicherheit, sondern dem Schlingern der Jacht. Eine Brise griff in ihr blondes Haar und ließ es wie eine Fahne wehen. Vor zwei Jahren war ihre Bindung zu Blake sehr eng gewesen. Das hatte sich inzwischen geändert. Irgendetwas war in Fiona zerbrochen, als sie wegen Landesverrats verhaftet und eingesperrt worden war. »Regenbogen« hatte keinen Finger für sie gerührt. Präziser ausgedrückt: Blake hatte keinen Finger für sie gerührt. Das trug sie ihm nach. Deshalb war sie verstimmt und wütend. Sie lehnte sich an die Reling. Der Senator wandte den Kopf. Er erkannte sofort, dass sie mehr getrunken hatte, als sie vertragen konnte, sagte aber nichts. Sie hatte zwei Jahre keinen Whisky bekommen. Vermutlich hatte sie die Übersicht verloren, wahrscheinlich wusste sie nicht mehr, wie viel sie gefahrlos trinken konnte.

»Nicht mehr allzu weit bis zu den Bermudas«, sagte er, um irgendein unverfängliches Gespräch zu beginnen.

»Ist mir egal, wann wir dort ankommen.«

»Du bist irgendwie durcheinander. Habe ich recht?«

»Kann sein.«

»Das wird schon wieder, Fiona. Du brauchst ein bisschen Zeit, um dich an die Freiheit zu gewöhnen.«

Fiona starrte ins Wasser. Weiße Schaumkronen tanzten auf hohen Wellen. »Ich muss immer an die vergangenen zwei Jahre denken.«

»Das ist verständlich. Es waren zwei gravierende Jahre.«

Fiona hob den Kopf und schaute dem Senator nun voll in die Augen. »Dave ...«

Blake spürte ihre Aggressivität. »Ja?«

»Mir fällt auch immer wieder Natalia Ustinov ein.«

»Die lebt nicht mehr«, sagte Blake voll Zuversicht. »Schließlich hat Rocky Pearl sich ihrer angenommen. Ich bin froh, dass wir Newton nach Joe Ford auch diese Schlappe zufügen konnten.«

»Ich denke nicht an die Frau Natalia, Dave.«

»Sondern?«

»Ich denke an das, was sie mich gefragt hat, als ich ihr sagte, dass ich draußen gute Freunde habe. Was glaubst du, hat sie gefragt?«

»Keine Ahnung.«

»Sie fragte mich, warum ihr nichts für mich getan habt, Dave. Ich finde, das war eine gute und eine berechtigte Frage.« Fionas Hohn nahm an Schärfe zu. Blake sah Ärger auf sich zukommen. Er merkte, dass er Fiona nicht ausweichen konnte. Sie hatte getrunken und war erbost. Sie hatte ihn gestellt und erwartete nun von ihm, dass er zu dem aufgeworfenen Problem Stellung nahm. »Warum habt ihr mich zwei Jahre in diesem verfluchten Gefängnis sitzen lassen, Dave?«

Blake zuckte seufzend die Achseln. »Wie soll ich dir das erklären, Fiona? Du bist zornig. Ich fürchte, ich kann nicht vernünftig mit dir reden.«

»Antworte bitte auf meine Frage, Dave! Warum habt ihr mich im Gefängnis verfaulen lassen?«

Der Senator lachte gepresst. »Du entwickelst einen leichten Hang zum Übertreiben, Fiona. Von Verfaulen kann doch keine Rede sein. Es waren lediglich zwei Jahre.«

»Wie viele wären es noch geworden, Dave? Vier? Zehn? Die vollen zwanzig?«

»Hör zu, Fiona. Ich hoffe, du glaubst mir, was ich dir jetzt sage. Gleich nachdem sie dich ins Gefängnis gesteckt hatten, habe ich versucht, mit Leuten Kontakt aufzunehmen, die dich so bald wie möglich wieder herausholen sollten. Aber ich hatte kein Glück. Zwei Spezialisten auf dem Gebiet - sie waren mir vom kubanischen Geheimdienst empfohlen worden - lebten nicht mehr. Der eine stürzte mit seiner Privatmaschine in den Michigansee, der andere fiel bei einer Schießerei mit der Polizei. Der dritte Name erwies sich als eine glatte Niete. Ich habe viel Geld in die Sache investiert, aber es kam nichts dabei heraus. Das ist die Wahrheit. Du siehst also, dass ich sehr wohl etwas für dich unternommen habe. Leider hat es nicht geklappt. Was soll man da machen?«

»Ist es nicht eine Schande, dass es Newtons Leuten gelungen ist?«, fragte Fiona Averlone spöttisch.

»Ich denke, du solltest dich darüber freuen, dass es überhaupt geklappt hat. Wer dich aus dem Gefängnis rausgeholt hat, ist jetzt doch unwichtig. Du bist wieder draußen, das zählt.«

Fiona streckte das Kinn trotzig vor. »Ich behaupte, du hast nicht mal die Hälfte von dem für mich unternommen, was Newton getan hat, Dave.«

Blake war es leid, mit dem Mädchen zu streiten. Unwillig zogen sich seine Brauen zusammen. »Wenn du so über mich denkst, ist es wohl besser, wenn wir uns so bald wie möglich trennen, Fiona.«

In den Augen der blonden Schönheit blitzte es. Mit belegter Stimme sagte sie: »Du meinst wohl, mich auf diese elegante Art abschieben zu können, was? Teufel noch mal, Dave Blake, ich sage dir, das würde für dich ein sehr böses Erwachen geben. Ich weiß viel über >Regenbogen<, eigentlich alles. Und auf den Bermudas befinden sich ein englischer und ein amerikanischer Marine- und Luftstützpunkt ...«

Blake geriet aus der Fassung. Er sah plötzlich rot.

Ehe er begriff, was er machte, war es schon passiert. Zuerst versetzte er Fiona links und rechts eine schallende Ohrfeige. Dann packte er sie am Hals und würgte sie mit großer Kraft. Fiona dachte, ihre letzte Stunde wäre gekommen. Sie bekam schlagartig keine Luft mehr. Ihr Hals schmerzte höllisch. Sie versuchte sich aus Blakes gnadenlosem Würgegriff herauszuwinden, doch es gelang ihr nicht. Der Senator starrte mit hassgeweiteten Augen das verzerrte Mädchengesicht an. Erst als es schon fast zu spät war, begriff er, was er machte. Entsetzt ließ er Fiona los.

Benommen rang er nach Fassung. Heiser knurrte er: »Sag so etwas nie mehr wieder, Fiona! Hörst du? Sag das nie mehr wieder, sonst bist du erledigt!«

36

Am nächsten Tag erreichten sie die Bermudas. Am Himmel hingen vereinzelt Quellwolken. Es war drückend heiß. Jede Bewegung forderte Schweiß-Zoll. An Fionas Hals waren noch deutlich die Würgemale zu erkennen. Nun war sie unterwürfig wie ein geprügelter Hund. Sie hatte Angst vor Blake. Er brauchte Keeper und Archer nur einen Wink zu geben, dann hatte sie ihr Leben ein für allemal verwirkt. Sie wollte lieber kriechen als sterben.

Die Jacht legte an. Zuerst sprangen Blakes Leibwächter von Bord. Ihre aufmerksamen Augen suchten die Umgebung ab und pendelten sich dann auf das Gebäude ein, das Sergej Plotkin gemietet hatte. Sie waren mit der Ruhe zufrieden, drehten sich um und nickten dem Senator zu. Ihre Hände lagen die ganze Zeit auf den Kolben ihrer Schießeisen.

Nun ging Blake von Bord. Er trug einen hellbraunen Aktenkoffer. Darin befand sich das, was der Russe haben wollte.

Als letzte verließ Fiona die Jacht. Sie hielt von Blake einen Respektabstand von drei Yards. Die Gruppe setzte sich in Bewegung, ging auf das Haus zu.

Dass Plotkin nicht herauskam, machte Blake nicht misstrauisch. Es war heiß draußen. Und der Russe konnte die sengende Hitze schlecht vertragen.

Sie betraten das Gebäude.

Ein blonder Hüne saß in einem Sessel und lächelte. Als er sich erhob, fiel den Eintretenden auf, dass der Blonde überdurchschnittlich groß war.

Zum ersten Mal meldete sich Blakes Misstrauen. Sein Blick flog durch den Raum. Ole Eriksson kam auf ihn zu. »Willkommen auf den Bermuda Islands, Senator!« Der Große streckte Blake die Hand entgegen. Der Senator wusste nicht, ob er sie ergreifen oder unbeachtet lassen sollte.

»Wer sind Sie?«, fragte Blake völlig verunsichert. Seine Finger umklammerten den Griff des Aktenkoffers so fest, als wollte er sich sein Leben lang nicht mehr davon trennen.

»Josef Wissarionowitsch Markow«, antwortete Eriksson.

Blake musterte den Großen unsicher. »Wo ist Sergej Plotkin? Ich bin mit ihm hier verabredet.«

»Genosse Plotkin musste dringend nach Buenos Aires.«

»Warum hat man mich davon nicht in Kenntnis gesetzt?«

»Eine kurzfristige Entscheidung. Es war keine Zeit mehr dazu, Sie zu informieren.«

»Da stimmt doch etwas nicht.«

»Es hat alles seine Richtigkeit, Senator«, behauptete Ole mit einem freundlichen Lächeln. Er konzentrierte sich nicht nur auf Blake, sondern gleichzeitig auch auf Keeper und Archer. Hinter den Männern stand Fiona Averlone. Sie war so gut wie nicht vorhanden.

Blake kniff die Augen zusammen. »Ich möchte, dass Sie sich ausweisen, Markow.«

»Wenn Sie darauf bestehen ...«, sagte Eriksson. Er griff in sein leichtes Jackett. Seine Finger legten sich um den Kolben seiner bereits entsicherten Pistole. Die war Ausweis genug, fand er.

Plötzlich Radau im Keller.

Gepolter. Und dann: »Hilfe! Hilfe!«

Ausgerechnet in diesem kritischen Moment hatte sich Plotkin den Knebel aus dem Mund reißen können. Ole hatte mit einem Mal das Gefühl, in ein Fass mit siedendem Öl gesprungen zu sein. Er riss die Pistole heraus. Aber Al Keeper und Leo Archer waren gewarnt. Die beiden Leibwächter stürzten sich auf den Großen. Der kräftige Archer wirbelte Eriksson herum. Keeper drückte dem Großen seine Kanone ans Ohr. In diesem Moment schnellten Natalia Ustinov und Jerry Armstrong aus ihren Verstecken.

»Natalia!«, kreischte Fiona Averlone verstört. Sie glaubte einen Geist zu sehen. Natalia Ustinov war doch von Rocky Pearl liquidiert worden.

Allgemeine Verwirrung. Auch Blake riss seine Pistole heraus. Er legte auf die Ustinov an. Ole Eriksson versetzte der Schusshand des Senators einen kraftvollen Tritt. Es knallte. Die Kugel bohrte sich in die Decke. Ole nützte die erste Unachtsamkeit von Al Keeper aus. Er rammte dem Mann seine Faust in den Bauch, als Keeper die Waffe von seinem Ohr nahm. Der Leibwächter flog gegen Blake. Der Senator verlor durch den Aufprall den Aktenkoffer, in dem sich die Aufzeichnungen einer NATO-Geheimkonferenz befanden. Aufgeregt wollte er den Koffer wieder an sich bringen. Natalia schoss ihn in die Hand, mit der er danach griff. Er schnellte hoch und stieß einen heulenden Schmerzlaut aus. Ole boxte sich in Leo Archer, nachdem er dem Schwergewicht die Pistole aus der Hand geschlagen hatte. Ein fürchterliches Feuergefecht folgte. Mörderische Kugeln sausten durch den Raum.

Leo Archer fiel.

Natalia und Jerry waren auf dem Vormarsch.

Blake befand sich auf dem Rückzug. Der Aktenkoffer blieb liegen. Plötzlich hatte Al Keeper einen Kurzschluss. Eine Kugel hatte ihm das Jackett und die Haut am Oberarm aufgerissen. Er wirbelte wie von der Tarantel gebissen herum. Wie von Furien gehetzt jagte er aus dem Haus. Fiona folgte ihm. Sie kletterten in größter Eile an Bord von Blakes Jacht. Schon dröhnten die kräftigen Zwillingsmotoren. Die Jacht legte ab und brauste davon.

Aber sie kam nicht weit. Keeper übersah eine Korallenklippe. Die Jacht prallte mit vollem Tempo dagegen. Eine gewaltige Explosion ließ die Insel erzittern. Eine Flammensäule schoss zum Himmel. Die Detonation zerfetzte das Boot. Und natürlich auch Al Keeper und Fiona Averlone.

Von diesem Augenblick an hatten Natalia Ustinov und ihre Freunde leichtes Spiel mit dem Senator.

Er fügte sich in das Unvermeidliche. Er war eben ein Mann, der wusste, wenn es für ihn nichts mehr zu gewinnen gab.

Natalia setzte sich mit dem Zentralbüro des amerikanischen Militärstützpunkts in Verbindung.

Man kümmerte sich um Senator Dave Blake und um die NATO-Unterlagen.

Maria Sellnowa und Sergej Plotkin wurden abgeholt. Es gab genügend amerikanische Agenten, die in russischen Gefängnissen schmachteten. Zweien davon winkte demnächst die Freiheit. Ein uraltes Spiel würde seine Neuauflage erleben. Amerika würde Russland einen Tausch vorschlagen. Die Russen würden darauf eingehen. Maria Sellnowa und Sergej Plotkin würden in ihre Heimat zurückkehren. Und zwei glückliche Amerikaner würden ebenfalls dorthin zurückkehren, wohin sie gehörten.

Ein Kreis, der sich niemals schließt. Denn gefangene Spione wird es immer geben, hüben genauso wie drüben ...

ENDE

Der Teufel zeigt die Krallen

von Peter Dubina

Captain Frank Harris hat die Mordkommission New York verlassen und arbeitet jetzt als Geheimagent der OWS. Die „Organisation for World Security“ ist eine geheime Sicherheitsorganisation, die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten mit großen Vollmachten ausgestattet wurde. Sie greift dann ein, wenn eine Situation den inneren oder äußeren Frieden bedroht. Dann allerdings kann sie Machtmittel mobilisieren, die weder dem FBI noch dem CIA oder der Polizei zur Verfügung stehen. Frank Harris ist der starke Arm der OWS. Die neue Aufgabe jagt ihn gnadenlos von einem Einsatz zum anderen.

Diesmal geht es um eine Schiffsladung Waffen, die niemals den Bestimmungshafen erreichen darf. Frank Harris muss dieses Schiff in Südvietnam finden, bevor es zu spät ist. Und als er es entdeckt, erlebt er eine unangenehme Überraschung ...

1

„American Airways gibt die Ankunft ihrer Maschine - Flug WS 703 aus New York über Los Angeles und Manila bekannt", tönte eine gleichförmig klingende weibliche Stimme aus einem Lautsprecher in der Wartehalle B des Flughafens von Saigon. „Die Maschine wird nach kurzem Zwischenaufenthalt nach Bangkok weiterfliegen. Ladies and Gentlemen, Pan American Airways ..."

Ein kleiner, gedrungener Vietnamese faltete beinahe pedantisch die New York Herald Tribune zusammen und klemmte sie unter den Arm. Dann griff er in die Innentasche seines gut geschnittenen Jacketts, um ein ledernes Zigarettenetui heraus zu holen.

Im kalten Neonlicht funkelte für den Bruchteil einer Sekunde der große, flache, dunkle Kolben einer amerikanischen Colt-Automatic im offenen Schulterhalfter, dann fiel die Jacke zurück.

Der Vietnamese riss ein Streichholz an der Wand an und entzündete seine Marlboro. Durch die spiegelnde Glasscheibe hindurch verfolgten seine dunklen Augen die Lichter des sich in die Einflugschneise senkenden Düsenflugzeuges. Das Dröhnen der Turbinen schwoll für einen Moment so stark an, dass die Glasscheiben in ihren Aluminiumrahmen zitterten und klirrten.

Wie ein gigantischer, einem Alptraum entstiegener Vogel mit glühenden Augen senkte sich die schwere Boeing 707 auf die orangefarben beleuchtete Piste des Flughafens.

Der kleine Vietnamese wartete nicht, bis die Maschine aufsetzte. Er zog eine dunkle Sonnenbrille heraus, setzte sie auf und wechselte durch die offenen Flügel der Glastür aus dem Warteraum B in die weitläufige, niedere Vorhalle. Neben dem Ausgang blieb er einen Augenblick stehen und nahm die Zigarette aus dem Mund. Seine Augen hinter den dunklen Brillengläsern suchten die Blicke des Mannes, der ihm gegenüber an die Wand gelehnt in einem billigen Magazin blätterte. Es war ein schmaler, großer Annamit in einem hellen Polohemd, abgewetzter blauer Leinenhose und olivfarbenen, gummibesohlten Schuhen, die an den Seiten aufgeplatzt waren.

Der Mann mit der Sonnenbrille wartete, bis ihn der andere voll ansah, dann senkte er den Kopf in einem winzigen, kaum wahrnehmbaren Nicken. Niemand, der in seiner Nähe stand, hätte erkennen können, dass er damit ein Todesurteil unterzeichnete. Abrupt wandte er sich ab, und die Glastür schwang hinter ihm zu.

2

Ich saß behaglich in dem weichen, tiefen Polstersitz zurück gelehnt und sah durch das Bordfenster die Rollbahnbeleuchtung vorbei fliegen. Mit einem harten, federnden Stoß setzte die Boeing 707 auf, raste über die Landebahn und rollte auf den erleuchteten Flughafen-Kontrollturm zu.

Ich hatte einen Auftrag; der nicht leicht zu erfüllen sein würde. Ich würde schießen, vielleicht töten müssen, und ich würde es tun. Aber jetzt; während das Flugzeug landete, wollte ich nicht daran denken.

Es war noch keine achtundvierzig Stunden her, daß ich mit Washington ein ernstes Telefongespräch geführt hatte.

„Sie wissen, was geschieht, wenn die Burma7 mit ihrer Waffenladung irgendwo in Südvietnam vor Anker geht, Harris“, hatte mein Chef zu mir gesagt. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, was für uns alle davon abhängt. Diese Waffen dürfen in Vietnam niemals gelöscht werden. Miss Swift hat auf meine Anweisung Ihren Platz in der nächsten nach Saigon abgehenden Maschine gebucht. Sie fliegen morgen um sechzehn Uhr zwanzig. Der Flugschein liegt im Stadtbüro der PAA für Sie bereit. Mr. Wang wird ihn abholen. Alle weiteren Instruktionen erhalten Sie heute abend durch einen Kurier.“

„Welche Vollmachten habe ich, Sir?"

Seine Antwort war sofort gekommen: „Was immer Sie auch tun, Harris, wir werden Sie decken. Die OWS wird alles decken, was Sie in Erfüllung Ihres Auftrages zu tun für richtig halten. Hören Sie, Harris? Alles!"

Charly Fosters stummer, aber erbitterter Kampf mit den Tücken der Schließe an seinem Sicherheitsgurt unterbrach meine Gedanken. Eine blonde Stewardess beugte sich über ihn und half ihm lächelnd. Dann ging sie, dezent mit den Hüften schwenkend, den Zwischengang hinauf und verschwand im Cockpit.

Charly stieß mich mit dem Ellenbogen an. „Hast du die Kleine gesehen, Frank? Genau das, was der, Arzt mir an Stelle von Porridge zum Frühstück verordnet hat.“

„Hoffentlich hat sie Verständnis füt deine Diät“, sagte ich und löste mich aus meinem Gurt.

Während die meisten Passagiere bereits dem Ausgang zustrebten, stand ich auf und nahm meinen leichten Mantel .aus dem Netz. Der Strom der Passagiere saugte uns aus der Maschine. Wir stiegen über die Gangway hinunter. Über der Stadt schien eine Gewitterfront zu stehen, die wir in der Nacht nicht sehen konnten. Aber gespenstisches, schwefelfarbenes Wetterleuchten zuckte über dem erleuchteten Flughafenturm, und es war schwül.

Wir gingen über den feucht schimmernden Asphalt und warteten an der Passkontrolle. Als ich an der Reihe war, schob ich meinen Pass dem vietnamesischen Beamten zu.

„Harris - Frank", buchstabierte er. „Angehöriger der US-Army. Weshalb kommen Sie mit einer Zivilmaschine, Mr. Harris?"

„Es ging gerade kein Militärflugzeug, und ich habe Order, mich so schnell wie möglich im Camp von Phan Rang zu melden."

Ein Schimmer leisen Misstrauens zuckte über sein Gesicht, dann fragte er : „Kann ich die Order sehen?"

Ich zeigte ihm das mir von meinem Chef ausgestellte Papier. Er drehte es zwischen den Fingern, drückte einen Stempel auf den unteren Rand des Visums und gab mir meine Papiere zurück. Ich wartete auf Charly, und wir gingen zum Ausgang.

„Verdammt misstrauisch sind sie hier", flüsterte Charly und hängte sich seinen Fotoapparat um den Hals.. „Wohin jetzt?"

„Wir suchen uns ein Hotelzimmer, dann nehme ich Verbindung mit unserem Vertrauensmann in Saigon auf", erwiderte ich ebenso leise. „Wir werden einen Wagen brauchen."

„Mhm", murmelte er, während er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch vor sich hin blies.

Als wir in die feuchte Schwüle der Nacht über Saigon hifiaustraten, griff eine Hand nach meinem Arm. Ich wandte den Kopf und sah einen Vietnamesen in Polohemd, Leinenhose und olivfarbenen Turnschuhen neben mir auftauchen. Er schnitt eine Grimasse, die er offensichtlich für die europäische Abart eines freundlichen Lächelns hielt. Das dunkle, glatte Haar hing ihm in Fransen in die Stirn. Die schräg gestellten Augen schimmerten wie billige Jettplättchen unter den schweren Lidern. Ich warf einen Blick auf die Hand, die mich am Ärmel festhielt, und sah, dass er eine amerikanische Uhr am Gelenk trug.

„Sie brauchen ein Auto, Mr. Amerika?", fragte er in einer seltsam singenden Sprechweise, die, wie ich später erfahren sollte, den Annamiten kennzeichnet. „Ich habe ein gutes Auto - da vorn. Billiges Auto. Mr. Amerika kann mieten, für wenig Geld. Zwanzig Dollar pro Tag." Er deutete auf einen kleinen Renault, der am Straßenrand stand, einen dunklen, unauffälligen, schnellen Wagen.

„Der scheint jeden Amerikaner für einen Millionär zu halten", sagte Charly missmutig. „Zwanzig Dollar am Tag für einen Wagen, den man mit einem Taschentuch zudecken kann - lächerlich!"

„Es scheint ein Wagen zu sein, der nicht auffällt. Das ist doch gut", sagte ich. „Ich bezahle für fünf Tage im voraus ..."

„Mein Name ist Tran Van Huong, Mister. Sie mir geben Geld - ich gebe Schlüssel."

Er brachte einen Wagenschlüssel zum Vorschein und gab ihn mir, nachdem ich ihm zwei Fünfzigdollarnoten gegeben hatte, die er sorgfältig zusammenrollte und in die Hosentasche schob.‘

„Gehen wir!", sagte ich zu Charly. In diesem Moment drängte sich ein großer Amerikaner durch die herumstehenden Vietnamesen und kam auf uns zu. Er trug einen hellen, unauffälligen Straßenanzug, eine grellbunte Krawatte und einen Panamahut mit breitem Seidenband. Sein Gesicht war rot und verschwitzt, hatte ein markantes Kinn, das wie aus einem Eichenklotz gehauen wirkte.

„Verzeihen Sie", sagte er, „Sind Sie Frank Harris? Ich habe erst vor einigen Minuten von Ihrer Ankunft erfahren. Ich bin Harry Goff. Herzlich willkommen in Saigon!" Er schüttelte mir die Hand. „Mein Wagen steht da hinten. Der dunkle Chevrolet. Ich werde Sie in Ihr Hotel bringen."

„Nett, Sie kennenzulernen", sagte ich reserviert. „Wir haben schon einen Wagen gemietet - den Renault dort drüben.“

„Sie können hinter mir her fahren. Ich habe Zimmer für Sie im Nam Trang-Hotel reservieren lassen und ...“

Er brach plötzlich ab, und ich drehte mich um, der Richtung seines Blickes folgend. Ich sah, wie jemand die Tür des Renaults öffnete und in den Wagen kletterte. Dann tat er irgend etwas, was ich nicht sehen konnte. Im nächsten Augenblick erfolgte die Detonation. Sie war kurz und dumpf, etwa so, als schlüge jemand mit der flachen Hand eine aufgeblasene Papiertüte zusammen. Das Innere des Renaults schien für den Bruchteil einer Sekunde illuminiert zu sein. Klirrend zersprangen die Fensterscheiben, und ein Regen von Glasscherben ergoss sich über die Umstehenden. Die Tür neben dem Fahrersitz, die noch nicht ganz geschlossen war, flog so heftig nach außen auf, dass die obere Türangel heraus gerissen wurde. Ich sah den Mann, der auf dem Fahrersitz kauerte, zur Seite kippen und halb aus dem offenen Wagen heraus fallen. Rauch quoll auf und wallte in zähen Wolken aust dem Renault.

Dann, noch ehe irgend jemand von uns etwas sagen oder auch nur eine Bewegung machen konnte, folgte eine zweite Detonation. Der Benzintank war in die Luft geflogen. Im Nu stand der Wagen in Flammen, die blau und züngelnd über das Verdeck liefen und nach den Polstern griffen. Aus Rauch und Flammen hing der Mann, der vor wenigen Sekunden in den Wagen gestiegen war, und rührte sich nicht mehr.

Ich glaube, Goff und ich hatten die gleiche Idee. Wir fuhren herum. Der Vietnamese, der mir die Wagenschlüssel gegeben hatte, rannte bereits.

Goff schrie: „Stehenbleiben!" Der Annamit drehte sich im Laufen um, dann rannte er weiter, mit angewinkelten Armen und eingezogenem Kopf, als befürchte er, dass ihn plötzlich von irgendwoher ein Hieb treffen könnte.

Ich wirbelte herum, um ihm zu folgen, aber Goff hielt mich fest. Ich sah, dass er einen kurzläufigen .357 Smith & Wesson Combat Magnum in der Hand hielt. Er schüttelte den Kopf und schob die bullige Waffe wieder unter die Jacke.

„Schnell, kommen Sie !"

Damit schnitt er uns jedes Wort ab. Er hielt mich am Ärmel fest, während wir auf seinen Chevrolet zurannten. Er stieß mich hinein, Charly setzte sich neben mich, während Goff um den Wagen herum rannte und sich hinter das Lenkrad warf. Sekunden später dröhnte der Motor des schweren Wagens auf, und wir jagten die Straße entlang, weg vom Flughafen, während uns schon blaulichtblitzende Jeeps der Militärpolizei entgegen kamen. Goff jagte den schweren Wagen, so schnell er konnte, voran. Minuten lang fuhr er schweigend; in äußerster Anspannung. Dann verringerte er die Geschwindigkeit und lehnte sich in die Polster .zurück, nahm den: Hut ab, warf ihn neben sich auf den Sitz und wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch ab.

„Man hat Sie offensichtlich bereits erwartet", murmelte er und musterte mich im Rückspiegel. „Das war voraus zu sehen. Irgendwie kann man immer in Erfahrung bringen, wenn ein ganz bestimmter Amerikaner ein ganz bestimmtes Flugzeug benützt. Wahrscheinlich hat man die Zündung mit einer Handgranate verbunden. Wären Sie in den Wagen gestiegen, wären Sie mit einem Knall in die Hölle gefahren. Es war Ihr Glück - das die anderen natürlich nicht voraus sehen konnten - dass es so viele Autodiebe in Saigon gibt. Hier darf man keinen Wagen offen stehen lassen, und wenn man nur fünf Schritte weg geht, um sich Zigaretten zu kaufen."

„Warum sind wir nicht stehengeblieben?", fragte ich.

Goff lachte kurz auf. „Wozu? Man hätte nur unbequeme Fragen gestellt."

„Werden sie nicht nach uns suchen?"

Wieder lachte Goff. „Weshalb? Wie kommen Sie darauf? Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Lieferwagen, vollgeladen mit Sprengstoff, im Hof der Geheimpolizei hochgegangen ist. Man wird dieses Attentat auf Kosten der Leute von der anderen Seite buchen. Kompliziert würde die Angelegenheit erst, wenn wir zugeben würden, dass das Attentat auf einen einzelnen Mann verübt wurde. Ja, Harris, fremde Länder - fremde Sitten. Ich habe erst vor wenigen Stunden ein Telegramm bekommen, dass Sie auf dem Weg wären. Sie sind offiziell als Armeeberater eingereist. Wir müssen zuseheri, dass wir die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen, damit die Vietnamesen uns nicht auf die Zehen treten. Armeeberater, die sich um alles, nur nicht um die Armee kümmern, sind hier nicht sehr willkommen. Ich bringe Sie jetzt ins Nam Trang. Dort können Sie alles haben, angefangen vom Sukijaki bis zu den hübschesten Mädchen, die Saigon zu bieten hat."

Er brach in ein Gelächter aus, das seinen schweren Körper schüttelte. Ich zog mein Gasfeuerzeug aus der Tasche und zündete mir eine Zigarette an.

Ehe wir unseren Fuß auf vietnamesischen Boden gesetzt hatten, wussten die Leute in Saigon, dass wir kamen. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Noch bevor wir Makishs japanischen Geschäftspartner Tanaka in Tokio hatten festnehmen lassen, musste von Japan aus eine Meldung nach Saigon gegangen sein. Der Gegner war also gewarnt, und das gefiel mir nicht.

„Das Leben ist ziemlich hektisch in Saigon", murmelte Goff; aber nach der Art zu schließen, in der er davon sprach, fand er selbst es ziemlich amüsant.

3

Wir hatten das Nam Trang erreicht und hielten an einer kurzen, von Stechpalmen gesäumten Auffahrt. Was wir sahen, war ein hübsches, sauberes Hotel mit einer Veranda und einem Balkon, der über die ganze Vorderseite lief. Palmen rauschten im Nachtwind, als wir ausstiegen.

„Wir sind da", sagte Goff, stieg ebenfalls aus und warf den Wagenschlag hinter sich zu. Ein Hoteldiener brachte unser Gepäck hinein, und wir folgten ihm mit Goff, um an der Rezeption die Gästekarten auszufüllen.

Goff erklärte uns inzwischen : „Die Küche hier ist chinesisch. Aber Sie können auch europäisch essen. Sie haben mir übrigens Ihren Begleiter noch nicht vorgestellt ..." Dabei warf er über Charlys Schulter einen Blick auf die Karte, die mein Freund ausfüllte. „Mr. Charles Foster? Journalist? Sie haben sich den richtigen Platz ausgesucht, um an die Neuigkeiten heranzukommen, Mr. Foster. Freut mich, Sie kennenzulernen."

Er schüttelte Charly mit rücksichtsloser Herzlichkeit die Hand und grinste.

Er wandte sich an mich. „Ich erwarte Sie in einer halben Stunde an der Bar. Wir trinken noch einen vor dem Essen, was?"

Als wir die Treppen hinauf stiegen und den mit chinesischer Seidenmalerei behängten Korridor zu unserem Zimmer entlang schritten, sagte Charly: „Ein penetranter Mensch. Er grinst so beharrlich, als glaubte er, das könnte aus ihm einen Asiaten machen. Du kennst das alte Sprichwort: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Also, wenn ich bedenke, mit was für Leuten du jetzt zusammenkommst ... Man könnte sich direkt bedroht fühlen - und zwar von den Leuten, die neuerdings in deiner Umgebung auftauchen. Manchmal wünschte ich mir, du hättest noch dein altes Team in der New Yorker Mordkommission. Denen konnte man wenigstens trauen – und sich noch mehr auf sie verlassen.“

„Du wirst gleich wieder bedroht werden", sagte ich lachend, „und zwar von meinem Schuh.“

Ich gab dem Diener einen halben Dollar und schickte ihn hinaus, verschloss die Tür hinter ihm und sah mich in dem Zweibettzimmer mit Bad um. Moskitonetze hingen wie Spitzzelte über den Betten. Ich ging ins Bad, knipste das Licht an und sah mich um. Nach dieser kurzen Inspektion kehrte ich in das Schlafzimmer zurück.

Charly hatte sich rücklings auf sein Bett fallen lassen und die Arme unter dem Kopf verschränkt.

„Wer wusste davon, dass du nach Saigon kommst?", fragte er, während ich meine Jacke auszog.

„Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. An sich aber ist das einzig Interessante: sie wissen, dass ich da bin."

„Du glaubst, sie werden versuchen, dich aus dem Weg zu räumen?"

„Ja. Sie werden es immer wieder versuchen. Ich mache mir Sorgen um dich, Charly. Du segelst hier unerlaubterweise in meinem Schlepptau, wurdest in meiner Begleitung gesehen ..."

„Das wurde ich früher auch schon öfter", sagte er gähnend, „und es hat meinem Ruf bisher nicht geschadet."

„Du könntest mit der nächsten. Maschine zurück fliegen."

„Das werde ich nicht tun. Du kannst mich zwar aus diesem Zimmer hinaus werfen, das ist dein gutes Recht. Aber wenn du das tust, nehme ich das Nebenzimmer."

„Du scheinst nicht ganz zu verstehen. Die andere Seite erwartet eine Schiffsladung Waffen und weiß, dass wir es verhindern wollen. Es kann unter Umständen sehr unangenehm werden."

„Ich hörte davon. Gib mir eine Zigarette."

Ich warf ihm meine Jacke zu. „Zigaretten und Feuerzeug sind in der rechten Außentasche. Ich werde duschen, dann kannst du das Bad benützen, Charly."

„Danke. Ich wollte, ich könnte heute Abend mit der niedlichen Stewardess aus unserer Maschine essen und ausgehen und müsste nicht in eure öden Gesichter sehen."

Ich legte das Schulterhalfter ab. Seit zwei Tagen steckte eine deutsche 7,65 mm Walther PPK darin, eine kleine, handliche Pistole, die an Schussgenauigkeit nur von zwei Pistolen übertroffen wird, der amerikanischen 9 mm Luger und der russischen 63 mm Tokarew, die aber beide wesentlich größer sind.

Ich entnahm meinem Koffer einen sauber zusammengefegten, hellen Anzug, ein neues Hemd, eine messingfarbene Krawatte, frisches Unterzeug und legte alles auf mein Bett, ehe ich ins Bad ging, mich auszog und unter die Dusche stellte. Das Wasser war dampfend heiß, und ich blieb so lange darunter, wie ich es aushielt, dann schaltete ich auf kalt um. Es war wie in einer finnischen Sauna. Man sagt, es sei damit wie mit Kaviar - es dauert eine Weile, bis man auf den Geschmack kommt. Anschließend band ich mir ein Handtuch wie einen Sarong um die Hüften und ging ins Nebenzimmer zurück, um mir eine Zigarette zu holen, bevor ich mich abtrocknete.

Gerade als ich aus dem Badezimmer trat, glaubte ich, eine kaum merkliche Bewegung hinter den Vorhängen an der geöffneten Balkontür zu sehen. Meine Nerven waren noch von dem Anschlag am Flughafen her in höchster Spannung. Ich behielt den Vorhang im Auge, sprang zum Bett, riss die Walther aus dem Schulterhalfter, war mit zwei, drei langen Schritten am Vorhang und riss ihn mit der Linken auseinander, während meine Rechte mit der Pistole vorschoss.

Ich sah ins Leere. Zwei Meter vor mir konnte ich das Steingeländer des Balkons erkennen, dahinter die sich bewegenden, dunklen Silhouetten der Palmen und die glitzernden Lichter von Saigon, wie ein in hellem Licht gleißendes Diadem.

Die Walther PPK hat Hahnspannung. Ich zog den kleinen Hammer nach hinten, bis er einrastete, und blickte dann vorsichtig um die Ecke. Ich rief: „Licht aus, Charly!"

Es knackte leise, dann schützte Dunkelheit das Zimmer. Vorsichtig schob ich den Kopf so weit nach vorn, dass ich um die Ecke sehen konnte. Doch da war nichts. Der Balkon war leer.

Unten fuhr ein Taxi vor. Ich beobachtete einen Mann, der ausstieg und einer Frau heraus half.

„Frank, was ist?", fragte Charly.

Ich antwortete nicht.

Als sich nach Minuten noch immer nichts bewegte, kehrte ich ins Zimmer zurück, schloss die Tür hinter mir und zog den Vorhang vor. Dann warf ich die Pistole auf das Bett.

„Mir war, als hätte ich eine Bewegung hinter dem Vorhang gesehen", sagte ich.

„Das wird der Wind gewesen sein", murmelte Charly schläfrig und setzte sich auf. „Er bläst vom Meer her. Wir sollten uns fertig machen, um deinen Busenfreund Goff nicht warten zu lassen. Wahrscheinlich sitzt er schon an der Bär und säuft."

4

Goff saß tatsächlich an der Bar, als wir hinunter kamen. In dem intimen Licht sah er größer und massiger aus, als er tatsächlich war. Er unterhielt sich mit einer Annamitin, deren Gesicht so stark geschminkt war, dass es beinahe hölzern wirkte. Als er uns heran kommen sah, verscheuchte er sie mit einer Handbewegung und deutete einladend auf die beiden hohen Barhocker neben sich. Er hatte einen Bourbon mit viel Eis und wenig Soda vor sich stehen. Es war offensichtlich nicht der erste, den er trank.

„Wie gefällt Ihnen Ihr Zimmer, Harris?", fragte er. Er schien wenig Wert auf Förmlichkeiten zu legen.

„Danke, Goff.“

„Was trinken Sie?"

„Scotch mit etwas Wasser.“

„Und Sie, Mr. Foster?"

„Auch Scotch, mit Eis - und statt des Sodas nochmals Scotch.“

„Zwei doppelte Scotch", sagte Goff zu dem Mixer. „Einmal mit Wasser, einmal mit Eis."

„Ja, Sir."

„Haben Sie vorhin das Mädchen gesehen, das vor Ihnen auf dem Hocker saß, Harris?", fragte er, während der Mixer eine Whiskeyflasche aus dem Regal suchte. Eis klapperte in eines der hohen Gläser. „Niedlich, was? Es gibt eine Menge hübscher Mädchen in dieser Stadt. Glauben Sie mir, die Asiaten verstehen das Leben zu genießen. Natürlich nicht draußen in den Reisfeldern, aber hier in Saigon ..."

„Das beruhigt mich", sagte Charly. „Ich finde, Reisfelder sind dafür nicht sehr geeignet." Er hob sein Glas. „Auf alles, was gut schmeckt und schön aussieht; auf das gute Essen und die hübschen Mädchen ..."

„Sie sind ein Spaßvogel", sagte Goff. Seine Stimme klang ärgerlich. Er hatte also doch den Spott, der aus Charlys Stimme klang, herausgehört. Ich nippte an meinem Whisky.

„Wir sind nicht hergekommen, um uns hübsche Mädchen anzusehen, Goff, obwohl das sicherlich eine der angenehmsten und hübschesten Beschäftigungen ist, die sich denken lassen. Die OWS will, dass Sie mir bei der Sache, die ich hier zu erledigen habe, behilflich sind. Wie weit reichen Ihre Beziehungen in Saigon?"

„Soweit, wie die OWS bereit ist, jeden verlangten Preis zu bezahlen, Harris."

„Sie wissen, dass wir ein ganz bestimmtes Schiff suchen. Ein Schiff, das eine Ladung an Bord hat, die uns gefährlich werden kann. Wir suchen ein Schiff, das in irgend einem Hafen in Südvietnam, vielleicht auch nur in einer versteckten Bucht, vor Anker gehen wird, um tonnenweise Kriegsmaterial an Land zu bringen. Sie sind unser örtlicher Vertreter in Saigon. Wenn sich jemand hier auskennt, dann Sie. Wie lange leben Sie nun schon in dieser Stadt, Goff?" '

„Lange genug, um jeden Rikschakuli und jeden Taxichauffeur, jedes leichte Mädchen und jeden dreckigen Opiumverkäufer zu kennen. Aber diese Sache ist gefährlich - äußerst gefährlich. Ich weiß nicht, ob wir jemand finden, der seinen Kopf dafür hinhält."

„Sie sagten doch vorhin, alles sei nur eine Frage der Summe, die wir dafür auszugeben bereit wären, Goff."

Er sah mich überlegend an. Seine Augen glitzerten. Nachdenklich verzog er einen Mundwinkel, kaute auf der Unterlippe und griff nach seinem Glas.

Ich hielt seine Hand fest. „Sagen Sie mir erst, ob Sie jemand kennen, der Bescheid wissen könnte."

Er machte sich los und goss den Bourbon in sich hinein. Schließlich sagte er: „Es gibt jemand, der es vielleicht wissen könnte. Aber er ist nicht billig. Er weiß fast alles, was hier geschieht, aber er ist nicht billig."

„Können Sie eine Zusammenkunft mit ihm arrangieren, Goff?"

Er nickte. „Haben Sie das Geld?"

„Wer ist der Mann, von dem Sie sprechen, Goff?", fragte ich, während ich nach dem Whiskey griff, den der Mixer vor mich hinstellte. Goff wartete, bis er zum anderen Ende der Theke gegangen war.

„Er heißt Nguyen Van Tong. Er ist der Besitzer einer kleinen Teestube, drüben in Cholon. Soweit ich weiß, betreibt er nebenher auch noch einen lukrativen kleinen Handel mit Opium und seinen verschiedenen Derivaten."

„Steht er auf der schwarzen Liste?"

Ich drehte das Glas in der Hand. Die Eisstückchen klirrten. Der Scotch hatte eine herrliche Bernsteinfarbe und roch nach Rauch.

„Nein. Dazu ist er zu einflussreich", murmelte Goff. „Er weiß so ziemlich über alles Besdieid, was hier vor sich geht. Wenn die Summe, die man ihm bietet, hoch genug ist, kann man von ihm erfahren, was man will. Aber billig ist er, wie gesagt, nicht."

„Sie kennen ihn persönlich?"

Während ich diese Frage stellte, sah ich in der schwarzen Glasplatte, die einen der Eckpfeiler des Flaschenregals bildete, einen Mann in der offenen Tür der Bar auftauchen. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, da er so weit im Schatten stand, dass nur seine Beine bis zu den Hüften zu sehen waren, aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass er uns beobachtete."

Ich kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, ob er ein Asiate oder ein Amerikaner war, aber der Schatten, der über seinem Oberkörper und Gesicht lag, war für meine Blicke undurchdringlich. Das einzige, was ich von seinem Gesicht sehen konnte, war der rote Glutkegel einer Zigarette in seinem Mund - oder jedenfalls dort, wo ich seinen Mund vermutete. Er war nicht sehr hoch gewachsen; ich nahm deshalb an, dass es sich um einen Vietnamesen handelte.

Als ich mich umdrehte, war er verschwunden. Goff schien nichts bemerkt zu haben. Auch Charly war mit seinem doppelten Whiskey beschäftigt. Vielleicht war es ein zufälliger Gast gewesen, der nach einer Frau Ausschau gehalten hatte.

Aber die Erklärung, die ich mir selbst zu geben versuchte, befriedigte mein Misstrauen nicht. Seit ich für die OWS arbeite, gibt es keine Zufälle mehr für mich; es gibt höchstens mehr oder weniger geschickt arrangierte Zufälligkeiten.

„Ja, ich kenne ihn persönlich. Bei der Art von Arbeit, die ich hier zu erledigen habe, kommt es darauf an, soviel Leute wie möglich zu kennen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Holen Sie das Geld. Wir fahren nach dem Essen gleich nach Cholon hinüber, um mit Van Tong zu sprechen. Wieviel Geld haben Sie bei sich?"

„Genug, um ihm den Mund zu öffnen, wenn er an dem Geschäft interessiert ist."

„Schön. Mr. Foster und ich werden hier an der Bar auf Sie warten. Holen Sie das Geld herunter."

Ich zögerte ganz kurz, dann trank ich meinen Scotch aus und nickte, glitt vom Hocker herunter und verließ die Hotelbar. Goff verlor keine Zeit. Das war eines der wenigen Dinge, die mir an ihm gefielen - sonst war er mir nicht sehr sympathisch. Aber man kann sich die Leute, mit denen man arbeitet, nicht aussuchen.

An der Tür stieß ich mit einem amerikanischen Offizier zusammen. Er trat höflich beiseite und ließ mich durch. Mit wenigen Sätzen nahm ich die Treppen und ging zur Tür unseres Zimmers. Ich öffnete sie, meine Hand tastete nach dem Lichtschalter. Als das Licht brannte, blieb ich ein paar Sekunden wie erstarrt in der Tür stehen, bevor ich rasch ins Zimmer glitt und die Tür hinter mir zu zog.

Während meiner Abwesenheit war jemand im Zimmer gewesen und hatte es durchwühlt. Nichts war verschont geblieben. Die Betten waren zerwühlt, die Koffer geöffnet, und ihr Inhalt war auf dem Boden verstreut. Sogar die Schubladen waren herausgerissen und umgekippt.

Die Vorhänge an der Balkontür waren ein wenig verschoben. Ich sah, dass die Tür hinter ihnen geöffnet war. Langsam griff ich unter das, Jackett und zog die Pistole aus dem Lawrence-Achselhalfter. Es gab ein scharfes, metallisches Geräusch, als ich den Schlitten zurück zog und nach vorn schnappen ließ. Jetzt war die kleine Waffe schussbereit. Auf den Zehenspitzen ging ich quer durch den Raum, riss die Vorhänge auseinander und sprang dabei, so schnell ich konnte, zur Seite.

Doch der schmale Zwischenraum zwischen Vorhang und Glastür war leer. Ein Glasscheibenstück von doppelter Faustgröße war aus der Türscheibe heraus geschnitten. Es lag in Scherben, aber zusammengehalten von übereinander geklebten Leukoplaststreifen, auf dem Boden. Der Schlüssel, der innen steckte, war herumgedreht worden. Das war bestimmt nicht die Arbeit eines Amateurs oder eines kleinen Diebes.

Vielleicht hatte mich ein Geräusch gewarnt, vielleicht auch nur eine Ahnung. Ich machte eine Bewegung und wollte mich umdrehen. Da stieß ein harter Gegenstand von hinten gegen die Mitte meines Rückens, wo die Lendenwirbel beginnen, und ich hörte das Schnappen eines Sicherheitshebels.

Langsam hob ich beide Hände etwa in Schulterhöhe. Eine Hand tauchte in meinem Blickfeld auf und nahm mir die Walther aus der Rechten. Ich versuchte den Kopf zu wenden, aber sofort würde der Druck, der sich jetzt in meine rechte Seite verlagert hatte, stärker.

Ich wandte mein Gesicht wieder geradeaus. Das einzige, was ich gesehen hatte, war eine Hand, die einem Vietnamesen gehören musste. Sie hielt eine unschön geformte Pistole, deren fest angepresste Mündung Falten im Stoff meines Jacketts warf. Es war eine plumpe, russische Makarow-Pistole. Ich hörte, wie der Mann hinter mir etwas tat, konnte aber nicht erkennen, was es war. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ich wusste jetzt, welchen Fehler ich begangen hatte. Ich hatte nicht auf die geöffnete Badezimmertür geachtet, hinter der der Unbekannte gelauert hatte.

Aber ich wurde mit diesen verspäteten Überlegungen nicht fertig. Was nun geschah, ging mit solch rasender Schnelligkeit vor sich, dass ich es erst erfasste, als es bereits zu spät war.

Der Druck der Makarow in meiner Seite war auf einmal verschwunden; dafür zuckte etwas Hauchzartes, Dünnes an meinen Augen vorbei, und mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass sich Feuer in meinen Hals bohrte, dass sich eine glühende, haarscharfe Klinge in meine Kehle senkte. Unwillkürlich fuhren meine Hände in einer Abwehrbewegung zum Hals. Meine Fingerkuppen berührten einen feinen Draht, der sich um meinen Hals schlang.

Es dauerte keinen Atemzug, und ich begann zu keuchen. Der Druck des Blutes in meinen Halsschlagadern wurde so stark, dass ich glaubte, der Schädel müsste mir zerplatzen. Das Bild, das ich vor mir sah, begann zu verschwimmen. Ich warf beide Hände nach hinten in dem Versuch, den Kopf meines Gegners zu umklammern und ihn mit einem Griff über mich hinweg in die Glastür zu schleudern, aber meine Hände fuhren ins Leere. Der scharfe, heiße Druck des Drahtes in meinem Hals war entsetzlich.

In diesem Moment war ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich war nicht mehr fähig, überlegt und normal zu handeln. Alles, was ich tat, waren nur noch Reflexbewegungen, die der Körper dann ausführt, wenn ein starker Einfluss seinen Verstand und seine kühle Überlegung praktisch ausschaltet.

Ich bekam ein Handgelenk zu fassen und drehte den ganzen Arm mit einem Schwung herum. Jedem normalen Menschen hätte ich den Arm gebrochen oder zumindest im Schultergelenk ausgekugelt. Ater mein Gegner gab der Bewegung wie eine biegsame Weidenrute nach. Er überschlug sich und prallte gegen das Bett. Ich riss mir die Stahldrahtschlinge von der Kehle und taumelte bis zur Wand zurück.

Die Makarow und die Walther rutschten unter das Bett. Ich sah den kleinen Annamiten vor mir, der am Flugplatz versucht hatte, mir den Wagen anzudrehen.

Langsam und vorsichtig, mit den gleitenden Bewegungen eines Raubtieres, erhob er sich vom Bett. Seine schwarzen Augen waren fest auf mein Gesicht gerichtet. Er trug noch immer Polohemd und Leinenhose. Vorsichtig kam er auf mich zu, die Arme im rechten Winkel, in der Aikido-Abwehrstellung haltend. Sein Gesicht war unbewegt, seine schmalen Lippen waren so fest zusammengepresst, dass sie in dem gelblichen Gesicht wie eine blasse Narbe wirkten.

Ich ließ ihn kommen. Er schlug zu. Ich wich aus. Seine rechte Handkante hämmerte in einem fürchterlichen Schlag gegen die Wand hinter mir. Sofort folgte die Linke, die mit gespreizten Fingern nach meinen Augen fuhr.

Ich duckte mich. Er stieß zum zweiten Mal gegen die Wand. Dann traf ich ihn mit der linken Schulter gegen die Brust. Er war leicht wie eine Feder. Der Hieb schleuderte ihn wieder gegen das Bett. Er gab ihm nach, ohne den geringsten Widerstand zu leisten; sonst hätte ihm meine Schulter das Brustbein brechen können.

Er glitt wie eine Schlange über den Boden, und seine Hand zuckte unter das Bett. Als sie wieder zum Vorschein kam, umklammerte sie die Makarow. Er sprang auf und richtete die Mündung der Pistole auf mich. Aber er kam nicht mehr dazu, abzudrücken. Ich stand im nächsten Moment vor ihm und schlug mit beiden Handkanten zu.

Es gab keine andere Wahl für mich. Wenn ich ihm auch nur eine Sekunde Zeit ließ, würde er abdrücken und mich erschießen. Ich traf ihn beidseitig dort, wo Schulter und Hals ineinander übergehen. Die Wucht der Schläge war bis in die Schultergelenke zu spüren. Unwillkürlich hatten sich meine Bauchmuskeln in Erwartung des Schusses gespannt.

Der Annamit kippte gegen mich. Die Makarow polterte auf den Boden. Ich trat einen Schritt zur Seite. Er glitt von mir ab und blieb schlaff auf dem Boden liegen. Keuchend stand ich über ihn geneigt und stieß mit der Stiefelspitze die Pistole ein paar Meter weiter.

Dann ging ich ans Telefon und hob ab.

Die Rezeption meldete sich.

Ich sagte: „An Ihrer Bar sitzen zwei Männer, zwei Amerikaner. Ein Mr. Foster und ein Mann namens Goff. Sagen Sie bitte den beiden, sie möchten auf Zimmer 27 kommen. Danke."

Nachdenklich legte ich den Hörer auf die Gabel und holte meine Pistole unter dem Bett hervor. Ich sicherte sie, entfernte die Patrone aus dem Lauf und steckte die Waffe in mein Achselhalfter. Draußen kamen Schritte näher. Mit den Fingerknöcheln pochte jemand gegen die Tür.

„Ja?"

Charly und Goff kamen herein. Ich sah, wie sich ihre Gesichter veränderten, als sie die schlaffe Gestalt in der Mitte des Zimmers bemerkten.

„Er hat versucht, mich mit einer Drahtschlinge zu erwürgen", sagte ich. „Kommen Sie herein, Goff. Charly, mach die Tür zu."

Goff sah mich schweigend an, ging zur Balkontür und schloss sie; danach zog er die Vorhänge dicht zusammen und drehte sich um.

Charly, der sich über den Vietnamesen geneigt hatte, stieß überrascht hervor: „Das ist doch unser Freund vom Flughafen."

„Stimmt."

„Was wollte er?"

„Ich nehme an, er suchte irgendeinen Anhaltspunkt."

Goff kam herüber und drehte den Annamiten auf den Rücken.

„Von dem werden Sie kaum noch etwas erfahren, Harris", sagte er mit gleichmütiger Stimme. „Sie haben verdammt hart zugeschlagen."

„Er hatte seine Pistole in der Hand, Goff. Als ich herein kam, stand er hinter der halbgeöffneten Badezimmertür."

„Das kann unter Umständen unangenehm werden", murmelte Goff. „Besser, wir lassen ihn verschwinden.“

„Weshalb?", fragte Charly.

Goff warf mir einen raschen Blick zu. „Um keine Schwierigkeiten mit der vietnamesischen Militärpolizei zu bekommen. Es könnte sonst sein, dass man uns eine Reihe unangenehmer Fragen stellt. Konnten Sie den Burschen nicht anderswo abservieren, Harris?" Er bemerkte meinen wütenden Blick und fuhr rasch fort: „Na, war nur ein kleiner Scherz. Was kann der Mann hier gesucht haben?"

Ich zündete mir eine Zigarette an und setzte mich auf die Tischkante.

„Wir sind hinter Leuten her, die ziemlich gefährlich sind, Goff. Da war in den USA ein Mann namens Makish, der einen Waffenhändler erpresste, der wiederum in Japan Geschäftsverbindungen hatte. Von dort kommen die Waffen, die auf einem Schiff, der ,Burma', verfrachtet werden. Nationalität und Fahne der ,Burma' tun nichts zur Sache. Der Waffenhändler heißt Westman. Dann gab es noch einen Mann in diesem Kreis namens Fringham, der für die Einfuhr nach Vietnam zu sorgen hatte. Die Waffen wurden mit Falschgeld bezahlt, das Makish von einem gewissen Humrock produzieren ließ; einem genialen Fälscher. Dieser Annamit, der mich überfallen hat, suchte wahrscheinlich in meinem und Mr. Fosters Gepäck nach Anhaltspunkten, wieviel wir über die ,Burma' und ihren Bestimmungsort wissen.“

„Und was wissen Sie wirklich, Harris?"

„Nur, dass die ,Burma' tatsächlich existiert und dass sie in allernächster Zeit ihre Waffenladung an der südvietnamesischen Küste löschen wird. Alles andere wollen wir ja von Ihrem Mann in Cholon erfahren, Goff. Tatsächlich muss die andere Seite von meinem Eintreffen gewusst haben, ehe ich meinen Fuß auf den Boden dieser Stadt setzte."

„Was schließen Sie daraus?", fragte Goff. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen zusammengezogenen Brauen gebildet.

„Nur eines: Die Leute von der anderen Seite haben keine Zeit. Sie haben schon zweimal versucht, mich aus dem Weg zu räumen. Das kann nur eines bedeuten: Die ,Burma' ist bereits in der Nähe."

Goff nickte vor sich hin. Man sah ihm an, dass sich die Gedanken hinter seiner Stirn jagten. Nachdenklich biss er sich auf die Unterlippe, dann nickte er abermals.

„Wir werden den Burschen am Fluss loswerden. Irgendein Sampan wird ihn finden. Man wird glauben, dass es sich um eine der üblichen Schlägereien in Cholon gehandelt hat."

Ich konnte nichts anderes tun, als mich seinen Vorschlägen zu fügen. Ich war auf ihn angewiesen; mein Chef hatte mir gesagt, dass Goff absolut vertrauenswürdig sei und dass er sich hier besser auskenne als irgendein Vietnamese.

„Ich nehme das Geld mit", sagte ich. Mit einem Spezialschlüssel öffnete ich den Doppelboden des einen Lederkoffers, in den ein Spezialsafe eingelassen war, das durch Feuer nicht angegriffen werden konnte, und entnahm ihm die sauber gebündelte Dollarreserve, die ich auf Anweisung meines Chefs für alle Falle mit mir zu führen hatte. Die Gesamtsumme belief sich auf rund 25 000 Dollar - nach vietnamesischer Währung rund 250000 Piaster - eine Menge Geld.

Ich steckte das Geld ein. „Wie bringen wir den Burschen aus dem Hotel heraus?"

„Oh, es gibt noch einen Hinterausgang", beruhigte mich Goff. „Keine Sorge. Ich fahre meinen Wagen um das Hotel herum. Wir legen ihn in den Kofferraum und fahren ihn zum Fluss. Ich kenne eine Stelle, die gut dafür geeignet ist. Das Wasser wird keine Spuren hinterlassen.“

5

Der Mond sah wie eine Papierlaterne aus. Breit und behäbig lag der Fluss vor uns. An der flachen Uferbösdiung gurgelte das Schlammwasser zwischen den Schilfstengeln, die gegen die im Mondlicht glitzernde Flussfläche wie eine chinesische Tuschezeichnung aussahen. Ein einsamer Sampan glitt den Fluss herab, das Dreiecksegel schräg gegen die Mondscheibe gerichtet. Eine kleine Petroleumlampe brannte am Heck des schalenflachen Bootes. Drüben, seitlich von uns lockte die Eingeborenenstadt von Cholon mit ihren Lichtern. Lange würde es nicht mehr dauern und sie würden erlöschen. Saigon und Cholon stehen unter Kriegsrecht. Die abendliche Ausgehzeit ist beschränkt. Wir mussten uns also beeilen.

Goff und ich lagen auf raschelnden Schilfhalmen. Charly war im Wagen geblieben, um ihn jederzeit, wenn wir fliehen müssten, anlaufen zu lassen. Wir hatten den Annamiten hinter uns hergezogen. Jetzt, nachdem der Sampan vorbei war, krochen wir weiter auf den Fluss zu. Das trockene, gelbe Schilf knisterte unter unseren Körpern, als sei es mit statischer Elektrizität aufgeladen.

Kurz darauf ließen wir den schlaffen Körper des Vietnamesen ins Wasser gleiten und sahen, wie er zwischen den Schilfhalmen hin und her schwankte. Goff gab ihm einen Stoß. Die träge Strömung erfasste ihn und trug ihn hinaus. Goff drehte sich zu mir um. Er grinste im Mondlicht. Seine weißen Zähne schimmerten.

„Und jetzt zurück", flüsterte er mir ins Ohr, „bevor ein Flusspatrouillenboot kommt. Wenn mein Wagen in ihr Scheinwerferlicht gerät, fangen sie sofort an zu schießen. Hier draußen haben wir nämlich gar nichts zu suchen. Verdammt ...“'

Ich sah sofort, was er meinte. Noch etwa eine Meile entfernt zeigte sich ein großer, gleißender Stern über dem nachtschwarzen Fluss : ein Patrouillenboot.

Wir sprangen auf und rannten zum Wagen zurück. Goff stieß Charly auf den Nebensitz. Er ließ den Motor anspringen und wendete den schweren Chevrolet auf engstem Raum.

In rasender Fahrt jagte der große Wagen über den Flussdamm zurück. Die gleich außerhalb von Saigon beginnenden Reisfelder leuchteten grausilbern, wie riesige Planquadrate im Mondlicht. Keiner von uns sprach ein Wort, bis wir Saigon erreicht hatten und nach Cholon hinüber fuhren. Die Straßen mit ihrem oftmals typisch französischem Gepräge huschten an uns vorbei, Sampans und Dschunken schaukelten auf dem Fluss. Überall brannten kleine Kohlen oder Trockenspiritusfeuer auf den Flussbooten, ein malerischer Anblick.

Wir bogen in die Rue de Jardin ein und tauchten in dem Gewimmel von kleinen Gassen und Gässchen unter. Vor den Geschäften hingen bunte Reklametafeln in Vietnamesisch und Chinesisch. Eine Wolke verschiedenartigster Gerüche lag erdrückend über Cholon.

Goff steuerte seinen Wagen in eine Seitenstraße und parkte ihn. Wir stiegen aus. Vor uns erhob sich ein kleines chinesisches Restaurant. Rote Lampions schwankten über dem Eingang. Goff schloss den Wagen ab, und wir gingen hinüber.

„Das ist Nguyen Van Tongs Teestube", sagte er. „Nennt sich ,Der siebte Lotus.“

Wir durchquerten einen niedrigen, mit Tuschezeichnungen und Seidenmalereien behängten Raum. Ich sah keinen einzigen Amerikaner oder Europäer, nur Asiaten.

Goff verhandelte kurz mit einem Ober, dann wurden wir zu einem Ecktisch komplimentiert, vor dem eine spanische Wand aufgestellt wurde. Goff bestellte für jeden von uns eine Flasche San Miguel-Bier.

„Van Tong kommt sofort", erklärte er. „Wollen Sie mit ihm verhandeln, oder soll ich es tun?"

„Wir werden es sehen", erwiderte ich. Das Bier schäumte in den hohen Gläsern. „Komischer Geruch, der hier herrscht."

„Ich sagte Ihnen ja, dass Van Tong einen kleinen Handel mit Opium und derlei Zeug betreibt."

„Scheint ein Universalgenie zu sein", murmelte Charly und nippte an seinem Bier. „Sie machen mich neugierig, Mr. Goff. Was ist dieser Van Tong für ein Mann?"

Noch bevor Goff antworten konnte, fiel ein Schatten über uns. Ich sah auf und blickte einem Vietnamesen ins Gesicht. Er lächelte mir höflich zu.

Dann erst schien er Goff zu entdecken, denn er streckte nach europäischer Sitte beide Hände aus, nahm die unseres Mannes in die seinen und sagte mit einem offenen Lächeln: „Mein Freund, Mr. Goff. Ich freue mich herzlich, Sie wiederzusehen. Sie haben Freunde mitgebracht. Das freut mich. Sie wissen, daß Ihnen mein Haus zu jeder Zeit offen steht. Darf ich Sie bitten, mir Ihre Freunde vorzustellen?"

„Mr. Harris - Mr. Foster - Mr. Nguyen Van Tong!"

Van Tong gab uns die Hand. Er hatte nicht den weichen, schlaffen Händedruck vieler Asiaten, sondern einen festen. Später erfuhr ich von Goff, dass Van Tong zwei Jahre lang in Paris an der Sorbonne politische Wissenschaften studiert hatte, ehe er nach Cholon zurück kehrte.

Er ließ sich uns gegenüber an einem Tischhocker nieder. Sein Anzug war allererste Qualität und schien entsprechend teuer gewesen zu sein. Er trug ein blütenweißes Hemd, eine passende Krawatte, goldene Manschettenknöpfe und eine Schweizer Uhr. Das glatte, nachtschwarze Haar war zurückgekämmt. Sein Gesicht war unverkennbar asiatisch und angenehm. Es machte den Eindruck, als lächelte es gern.

„Was führt Sie zu mir, Mr. Goff?", fragte er, während er seine Manschetten, die frisch gestärkt aussahen, zurecht zog. „Wollen Sie Ihre Freunde in die Geheimnisse der chinesischen Küche einweihen? Darf ich Ihnen die Speisekarte ..."'

„Van Tong, wir - das heißt Mr. Harris, ist gekommen, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen."

Das Lächeln auf Van Tongs Gesicht verschwand schlagartig.

„Ein Geschäft ... ich verstehe nicht, Mr. Harris. Verzeihen Sie, wenn ich nicht begreife, aber was für eine Art Geschäft schwebt Ihnen vor?" Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Man hat mir gesagt, dass Sie über alles Bescheid wissen, was in Saigon oder Cholon geschieht."

„Das ist sehr gut gemeint von meinem Freund Mr. Goff. Er sollte aber meine Fähigkeiten nicht allzu sehr überschätzen."

„Es handelt sich nur um ein paar Fragen, die sehr gut bezahlt werden, Mr. Van Tong. Sehr gut bezahlt ..."

Etwas Seltsames ging mit ihm vor. Obwohl sich kein Muskel in seinem Gesicht regte, hatte ich jäh den Eindruck, dass sich irgend etwas an ihm spreizte, wie die Haube einer Kobra, die sich aufrichtet und das Nackenschild mit dem tödlichen Zeichen zeigt. Sein Gesicht blieb unbeweglich. Ein Ober kam und stellte eine blau und weiß bemalte chinesische Porzellanschale mit heißem Sake vor ihm auf den Tisch.

„Ich würde mich äußerst glücklich schätzen, wenn ich die Möglichkeit hätte, Freunden von Mr. Goff gefällig zu sein. Aber ..."

„Ich wäre bereit, für eine Beantwortung dieser Fragen - sagen wir zehntausend amerikanische Dollar zu bezahlen, Mr. Van Tong."

Er nippte an seinem Sake, und seine schwarzen Augen beobachteten mich über den Rand der hauchzarten Schale hinweg mit dem starren, bannenden Blick einer Schlange.

„Das ist sehr viel Geld", murmelte er beinahe versonnen, während er die Schale wieder absetzte. „Wie alle Asiaten habe ich eine Schwäche für Geschäfte, Mr. Harris. Das dürfte Ihnen natürlich bekannt sein, sonst wären Sie nie auf den Gedanken gekommen, mir ein Angebot zu machen. Im Gegensatz zu Amerikanern und Europäern legen wir Asiaten nicht allzu viel Wert auf feste Güter. Wir lieben es, Dinge, an denen unser Herz hängt, mit uns tragen zu können. Ich kann Ihnen auch sagen, woher das kommt. Seit Jahrhunderten wird dieser Teil Asiens immer wieder von Eroberern überrannt - von Mongolen, Engländern, Franzosen ..."

„Zehntausend Dollar, Mr. Van Tong, können Sie in gebündelten Scheinen mit sich tragen, wohin immer Sie gehen. Ob Sie Ihre Konten nun im In- oder Ausland haben: zehntausend Dollar sind viel Geld für die Beantwortung einiger Fragen.“

„Das gebe ich zu, Mr. Harris. Gestatten Sie mir eine Gegenfrage: Wer schickt Sie? Ich könnte mir denken, dass Sie vom amerikanischen CIA oder CIC sind. Sie müssten verstehen, dass ich in diesem Fall kaum in der Lage wäre ..."

„Weder das eine noch das andere trifft zu. Nehmen wir an, ich sei ein Privatmann.“

„Privatpersonen geben im allgemeinen nicht diese Summen aus, um gewisse Informationen zu bekommen."

„Ein Privatmann, der nur eine einzige, bestimmte Information von Ihnen haben möchte."

„Ich war mir dessen gar nicht bewusst, dass Mr. Goff so reiche Freunde hat."

„Das ist nebensächlich,. Mr. Van Tong. Sagen Sie mir nur, ob Sie mir zu dem genannten Preis helfen wollen."

Jetzt wandte sich sein Gesicht mir voll zu. „Haben Sie das Geld bei sich, Mr. Harris?"

Ich zog zwei Bündel zu je 5000 Dollar aus der Innentasche meines Jacketts und legte sie vor ihn hin. Gedankenverloren spielten seine Fingerspitzen mit dem Geld.

„Sie müssen, wenn Sie den ,Siebten Lotus' verlassen, vergessen, dass wir uns jemals im Leben gesehen haben, Mr. Harris."

„Dessen können Sie sicher sein. Wir werden Leute, die uns helfen, nicht verraten."

„Stellen Sie Ihre Frage."

„Gut, also: Kennen Sie ein Schiff namens ,Burma', das vor zwei, drei Tagen aus einem japanischen Hafen ausgelaufen ist, mit Kurs auf die Küste von Südvietnam?"

Plötzlich zuckte etwas in seinem Gesicht. Hastig trank er den Rest seines Sake aus.

„Ein Schiff namens,Burma'? Sie haben sonderbare Freunde, Mr. Goff. Diese Frage würde ein Mann des CIA stellen ..."

„Er ist kein CIA-Mann, Van Tong", sagte Goff. „Ich verbürge mich für ihn und sein Schweigen. Ich kann aber für nichts bürgen, wenn Sie es vorziehen, zu schweigen. Ihre Antwort kann von größter Wichtigkeit für uns sein."

Ich sah Schweißperlen auf Van Tongs Oberlippe glänzen. Mit einer vagen Handbewegung wischte er sie weg.

„Das heißt, nachdem Sie mir Ihre Frage gestellt haben, Mr. Harris, habe ich keine andere Chance, als sie Ihnen zu beantworten, nicht wahr?"

„Man könnte es so nennen. Jedenfalls wäre es besser für uns beide, wenn Sie reden würden, Van Tong. Für Sie ist es ein Geschäft wie jedes andere. Wenn Sie nicht antworten, dann ..."

„Ich habe verstanden, Mr. Harris. Ich nehme an, Sie haben Mittel, mich zu zwingen. Also gut - ich habe von der ,Burma' und ihrer Waffenladung gehört. Was wollen Sie wissen?"

„Wo ist das Schiff?"

Er hielt meinem Blick eine Sekunde lang stand, dann sah er auf die leere Sakeschale.

„Es befindet sich wahrscheinlich noch ziemlich weit von der Küste entfernt."

„Wann und wo wird es einlaufen?"

„Ich weiß es nicht genau", sagte er leise, als befürchte er, dass jemand hinter der spanischen Wand stehen und jedes seiner geflüsterten Worte hören könnte. „Aber ich nehme an, dass es morgen seine Ladung löschen wird. Nördlich von Phan Rang gibt es eine kleine, geschützte Bucht, die meinen Informationen nach als Ankerplatz vorgesehen ist, Mr. Harris."

„Was wissen Sie über die Ladung der „Burma?"

„Nicht sehr viel. Man sagt, es seien genug Waffen und Munition an Bord, um damit ein ganzes Bataillon auszurüsten. Die Ladung hat natürlich einen enormen Wert - besonders für die Gegenseite, die die Fracht in Empfang nehmen soll. Wenn jemals jemand in Erfahrung bringen sollte, dass ich über diese Angelegenheit gesprochen habe, dann habe ich keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben."

„Niemand wird davon erfahren. Sie sind also der Meinung, dass die ,Burma' innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden in diese Bucht einlaufen wird?"

„Das ist zu erwarten, Mr. Harris."

„Wie kann man so schnell als möglich nach Phan Rang gelangen?", fragte ich Goff, der, sein Glas zwischen den flachen Händen drehend, am Tisch saß und unbehaglich vor sich hin sah.

„Die Rue de National 17 führt nach Phan Rang. Aber sie gehört zu den gefährdetsten Straßen in diesem Land. Besonders nachts kann man nie sicher sein, dass nicht irgendwo ein Maschinengewehr der Vietcong losgeht oder dass man auf eine Mine auffährt."

Jetzt endlich hob auch Nguyen Van Tong den Blick. Er nickte zu Goffs Worten.

„Mr. Goff hat recht, Mr. Harris. Die Rue de National 17 gehört zu jenen Landstrichen, in denen die Macht der Regierung nicht weiter reicht, als ein amerikanisches MG schießen kann. Eine nächtliche Fahrt nach Phan Rang kann unter Umständen sehr verhängnisvoll werden - für alle Beteiligten. Sie müssten in einer gepanzerten Limousine fahren."

Ich trank mein Bier aus und erhob mich.

„Ich danke Ihnen für Ihre Informationen, Mr. Van Tong. Das Geld gehört Ihnen. Zahlen Sie es rechtzeitig auf Ihr Schweizer Bankkonto ein."

Er erhob sich ebenfalls und verneigte sich leicht vor jedem von uns. Auf seinem Gesicht tauchte der Widerschein eines Lächelns auf; es war ein Lächeln, dem man nichts entnehmen konnte, leer, wie eine aufgeblasene Papiertüte - und ebenso geeignet, etwas dahinter zu verbergen.

6

Der Morgen dämmerte herauf, als wir den kleinen Ort Phan Rang erreichten. Wir fuhren am Strand entlang, wo die Fischerhütten wie Schwalbennester aneinander klebten. Ein widerlich grauer Himmel spannte sich über einem bleiernen Meer, über dessen Horizont sich ein fahlgrüner Streifen zeigte.

Harry Goff gab jedem von uns eine Benzedrintablette, um den Schlaf zu vertreiben, und Atebrin gegen Malaria. Wir parkten den Wagen am Ufer und stiegen aus. Fischerboote lagen auf dem Sandstrand. Ein paar Männer in Leinenshorts arbeiteten im kühlen Wind, der vom Meer landeinwärts strich, an ihren Netzen, ohne aufzusehen.

„Da drüben", sagte Goff und deutete, nachdem er seinen Chevrolet verschlossen hatte, auf ein dichter als die anderen Boote am Strand liegendes Sampan mit einem Außenbordmotor und einem zusammengerollten, lateinischen Dreiecksegel am dünnen Mast.

Wir gingen hinüber. Ein Vietnamese mit einer amerikanischen Armeemütze arbeitete mit einem Teereimer und einer Holzspachtel. Er sah auf, als wir näher kamen. Sein ausdrucksloses Gesicht wandte sich uns langsam zu. Er stellte den Teereimer weg und fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Er war mager, wie die meisten Asiaten, barfuß und trug kein Hemd. Der weiße Sand des Strandes hatte seine nassen Beine bis zu den Knien hinauf gepudert.

Goff begann Annamitisch mit ihm zu reden. Charly und ich gingen die paar Schritte zum Wasser hinunter, wo gischtende Wellen über den dunklen, vor Feuchtigkeit schmatzenden Sand liefen und sich wieder zurück zogen. Der kühle, nach Tang und Fisch riechende Wind vertrieb rasch unsere Müdigkeit.

Charly gab mir eine Zigarette und nahm sich selbst eine.

„Irgendwo da draußen schaukelt das Schiff", murmelte er, während er sich die Zigarette anzündete. „Was wird geschehen, wenn die Ladung an Land gebracht wird?"

„Dann werden die Leute, an deren Adresse sie gerichtet ist, vor Freude in die Hände klatschen", erwiderte ich sarkastisch. „Diese verdammte Küste mit ihren versteckten Buchten und Winkeln ist einfach wie geschaffen dazu, ein großes Schiff wie die „Burma' verschwinden zu lassen."

„Ich glaube, wir können Gott danken, dass wir überhaupt nach Phan Rang durchgekommen sind", sagte Charly, die Zigarette zwischen den Lippen. „Glaube mir, ich habe uns bei jedem Kilometer, den wir zurückgelegt haben, zehnmal auf eine Mine auffahren und mit einem Knall direkt in die Hölle fallen sehen. Wenn die Rückfahrt auch so gut vonstatten geht, können wir uns nicht beklagen."

Goff kam heran und unterbrach unser Gespräch.„Wir haben Glück. Wir brauchen nicht bis zum Armeequartier zu fahren, Harris. Der Bursche, dem das Boot mit dem Motor gehört, hat mir erzählt, dass vor einer Stunde ein amerikanisches Patrouillenboot an der Küste entlang nach Süden gefahren ist. Es muss jede Minute zurückkommen. Er wird uns für ein paar Dollar so weit hinausbringen, dass uns das Patrouillenboot übernehmen kann. Ich habe mir von ihm erklären lassen, wo die Bucht liegt, in der die ,Burma' vermutlich vor Anker gegangen ist. Er meint, mit dem Boot der Amerikaner könnten wir es in einer halben Stunde schaffen."

7

Genau zwanzig Minuten später kam das Patrouillenboot aus dem Süden herauf geprescht, eine weiße Kiellinie hinter sich her ziehend. Es war ein amerikanisches Küstenschutzboot, bewaffnet mit zwei Kanonen. Wir sahen die blitzenden, nach hinten gebogenen Funkantennen. Das Boot änderte seinen Kurs und kam auf uns zu. Minuten später griffen Enterhaken in die Flanke des Sampans und zogen uns dicht an das Patrouillenboot heran. Amerikanische Matrosengesichter mit Bürstenhaarschnitt unter weißen Käppis wandten sich uns zu. Dann tauchte ein Mann in Offiziersmütze und aufgeschlagenen Hemdärmeln auf.

„Sie sind Amerikaner?", fragte er. „Was suchen Sie um diese Zeit hier draußen?"

„Sie!", gab ich lakonisch zurück. „Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, dass wir zu Ihnen an Bord kommen?"

Wir verließen den Sampan und betraten das Deck des Küstenschutzbootes.

„Mein Name ist Harris. Das sind Mr. Foster und Mr. Goff", stellte ich uns vor.

„Lieutenant Commander Loomis!", antwortete er steif. Das Misstrauen, das aus seinen Augen sprach, war unverkennbar. „Seit wann sind Sie in Phan Rang?"

„Seit einer halben Stunde", erwiderte ich. Der Sampan fuhr mit tuckerndem Motor zur Küste zurück. „Kann ich Sie unter vier Augen sprechen, Lieutenant Loomis?"

„Kommen Sie!"

Ich folgte ihm in die kleine Kajüte unter der Kommandobrücke. Er nahm die Mütze ab und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch das dunkle Haar.

„Weshalb wollten Sie mich sprechen, Mr. Harris? Sie sind sich im klaren darüber - so hoffe ich wenigstens -, dass wir Sie zum Stützpunkt mitnehmen müssen."

„Lieutenant", sagte ich ruhig, „ein paar Meilen nördlich von hier, in einer Bucht, die ich Ihnen zeigen kann, wenn Sie mir eine Karte dieses Küstenabschnittes geben, liegt ein Schiff namens ,Burma', das von einer fremden Macht gechartert wurde. Es hat Waffen geladen, die vielleicht gerade jetzt an Land gebracht werden. Bringen Sie uns zu Ihrem Stützpunkt, aber vorher fahren Sie mit uns zur ,Burma' hinüber. Wir müssen das Schiff einer genauen Inspektion unterziehen. Sie haben ein Funkgerät an Bord. Rufen Sie Ihren Stützpunkt an und erklären Sie die Sache."

„Wer sind Sie?", fragte er mit schmalen Augen. „Gehören Sie zu einer hier stationierten Spezialeinheit, oder sind Sie ein CIA-Mann? Woher wissen Sie etwas über dieses Schiff?"

Ich zog meine Brieftasche heraus und gab ihm die schriftlichen Vollmachten. Er las sie mit gerunzelten Brauen durch und reichte sie mir dann zurück.

„Sie haben sehr weitreichende Vollmachten, Mr. Harris. Ich will Ihnen keine Fragen stellen. Ich werde mich über Funk mit unserem Stützpunkt in Verbindung setzen. Warten Sie an Deck auf mich, ja?"

Ich ging hinauf. Charly und Goff standen am Bug zwischen den beiden 2-Zentimeter-Kanonen.

„Na?", fragte Goff.

„Ich nehme an, es wird klappen."

Goff zuckte mit den Schultern und starrte auf das Wasser hinunter. Charly, an dessen trockenen Lippen die Zigarette klebte, grinste mich an.

„Unser Freund Goff scheint sich nach den hübschen Mädchen in Saigon zu sehnen. Keine Angst, Goff, in spätestens vierundzwanzig Stunden sind Sie von Ihrem mönchischen Dasein erlöst."

„Sie halten sich wohl für ungeheuer witzig, was?", knurrte Goff und spuckte über Bord. „Wir können von Glück reden, dass wir die Nationalstraße nach Phan Rang so ohne weiteres passieren konnten. Aber auf der Rückfahrt bekommen wir bestimmt eins aufs Dach."

„Woraus schließen Sie das?"

„Er kann recht haben, Charly", warf ich ein. „Ich dachte auch gerade daran. Die Leute von der anderen Seite wissen, dass wir hier sind. Das haben sie uns in Saigon bewiesen. Sobald sie erfahren werden, dass wir uns in Phan Rang aufhalten, werden sie versuchen, uns den Rückweg nach Saigon abzuschneiden."

„Tolle Zukunftsaussichten", murmelte Charly. „Was ist, wenn wir die ,Burma' nicht erwischen?"

„Wir müssen sie erwischen. Die ,Burma“ ist ein schwimmendes Arsenal, Charly. Waffen, Munition, Sprengstoff ..."

„Man müsste eine Haftmine mit Zeitzünder am Rumpf anbringen und sie in die Luft jagen", sagte Goff. „Ich arbeite schon ziemlich lange in diesem gottverlassenen Land, aber diese Geschichte schmeckt mir einfach nicht, Harris."

„Van Tong hat seine Furcht schließlich auch überwunden", erwiderte ich.

„Seine Furcht wohl kaum", sagte Goff sarkastisch. „Aber er hat mehr Angst vor dem amerikanischen Geheimdienst, als vor den Vietcong. Ihren Erfolg bei ihm haben Sie nicht, wie Sie vielleicht denken, jenen zehntausend Dollar zu verdanken, sondern der größeren Angst, die Sie ihm eingejagt haben. Van Tong weiß, dass er mit dem Strom schwimmen muss, wenn er nicht untergehen will."

Er wurde durch das Auftauchen von Lieutenant Loomis unterbrochen. Der Commander trug seine Mütze unter dem Arm. Sein Gesicht war ernst.

„Ich habe mit dem Stützpunkt gesprochen und Order erhalten, Sie zu unterstützen, Mr. Harris. Wie stark ist die Besatzung der ,Burma“ vermutlich? Ich habe außer Ihnen nur sechs Mann an Bord."

„Die „Burma“ ist ein Handelsschiff, also wahrscheinlich unbewaffnet. Sie werden sie mit Ihren beiden automatischen Kanonen leicht in Schach halten können."

„Wenn Sie meinen", gab er düster zurück. „Aber ich habe schon Frachter erlebt, die auf dem Vorschiff plötzlich eine Segeltuchhülle abgeworfen und das Feuer mit einer 8,8-Zentimeter auf uns eröffnet haben: Vergessen Sie nicht, wie nahe wir an die „Burma“ heran müssen, wenn Sie an Bord wollen. Ich kann Ihnen nur zwei Mann mitgeben."

„Das dürfte genügen. Das Auftauchen eines amerikanischen Patrouillenbootes wird genügen, um die Besatzung in Schach zu halten. Ein einziger gut gezielter Schuss von diesem Boot kann die ,Burma“ in tausend Fetzen zerreißen."

Loomis rief dem Rudergänger die Position der Bucht zu. Das Boot legte sich leicht auf die Seite. Die Wellen kämmen nun breitseits und ließen den Stahlrumpf hin und her schaukeln. Zischende, weiße Wogenkämme jagten über den auf und nieder fauchenden Bug, als das Boot nach Norden stampfte.

Wir hielten uns an der niederen Reling fest. Der Wind kam von der Seite und zauste unser Haar. Der Rumpf des Bootes dröhnte unter den Stößen der starken Maschinen wie unter dem Pochen eines gigantischen Herzens. Loomis kam zu uns und deutete mit der Hand zum Strand hinüber, der jetzt etwas zurück wich, als näherten wir uns einer breiten Flussmündung. Der Sandstrand war hier nur etwa zehn Meter breit, dahinter kam dichter, verfilzter Mangrovendschungel, und hinter diesem ragten Palmen und Durianbäume auf. Große, feuerfarbene Vögel schwangen sich aus den Baumkronen, aufgeschreckt vom Donner unserer Motoren, und trieben mit schweren Flügelschlägen über das Wasser hinweg.

„Dort ist die Bucht!“, schrie uns Loomis zu. „Wenn Sie sich nicht getäuscht haben, dann muss jeden Moment die „Burma“ zwischen den Bäumen auftauchen und ..."

Da sahen wir auch schon die „Burma“. Sie war dicht am Strand vor Anker gegangen. Das Wasser in der Bucht musste ungewöhnlich tief sein. Der helle Rumpf der „Burma“ mit den weißen Aufbauten lag wie ein lauerndes Krokodil, leise an der Ankerkette zerrend, auf dem Wasser, unbeweglich, starr, eine seltsam unpersönliche Drohung ausstrahlend. Schlaff hing die Flagge über die Reling am Heck. Im Tageslicht schimmerten die Fenster der Aufbauten wie stumpfes Blei. Die Masten zwischen den Schornsteinen sahen wie dünne, dunkle Finger vor dem heller werdenden Himmel aus. Lichtreflexe zitterten um den Rumpf des Schiffes. Man konnte das helle Muster der Wellen am rostigen Schiffskörper erkennen.

Das Deck der „Burma", das leer gewesen war, füllte sich mit Matrosen, die alle an der Reling standen und zu uns herüber starrten.

„Henderson, McRiley, ihr geht an die Kanonen!", rief Commander Loomis über das Deck unseres Bootes. „Zeigt ihnen, was wir haben, damit sie nicht übermütig werden. Rudergänger, wir gehen längsseits. McArthur und Poinsett, ihr werdet mit an Bord der ,Burma' gehen. Mr. Jeffries, geben Sie Maschinenpistolen an McArthur und Poinsett aus."

Das Patrouillenboot schwang langsam um seine eigene Achse und legte sich an die breite Flanke der „Burma". Loomis ließ sich das Sprachrohr geben und richtete es nach oben, wo mehrere Männer über die Reling hingen und zu uns herunter starrten.

„Hier spricht Lieutenant Commander Loomis von US-Patrouillenboot P 3007. Wir schicken jemand an Bord. Lassen Sie ein Fallreep herunter. Leisten Sie keinen Widerstand, sonst müssen wir das Feuer auf Sie eröffnen."

Er setzte das Megaphon ab, als das Fallreep rasselnd über die Flanke der „Burma" herunter kam.

„Jetzt sind Sie an der Reihe, Mr. Harris", sagte er, „Ich kann Ihnen nur dreißig Minuten Zeit geben, das Schiff zu durchsuchen. Während Sie an Bord sind, werden wir uns in einer Entfernung von hundert Metern am Eingang der Bucht aufhalten. Wenn Sie abgeholt werden wollen, winken Sie uns mit dem Hut zu. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, benützen Sie. zu demselben Zweck Ihr Taschentuch, damit wir Bescheid wissen. Los, beeilen Sie sich jetzt!"

„Danke", sagte ich flüchtig und enterte das Reep hinauf. Goff und Charly folgten mir. Dann kamen McArthur und Poinsett; beide hatten eine Stenmark II-Maschinenpistole am verlängerten Riemen um den Hals gehängt. Niemand half uns, die Reling zu überklettern.

An Deck hatten sich etwa ein Dutzend Matrosen eingefunden. Als wir über die Reling stiegen, kamen drei Männer aus dem Niedergang. Einer von ihnen hatte über sein bis zum Gürtel offenes Hemd eine schäbige Kapitänsjacke gezogen. Auf dem schwarzen, wirren, verschwitzten Haar saß eine mit abgegriffenen Tressen besetzte Mütze. Er machte den Eindruck eines Südamerikaners auf mich.

„Was wollen Sie an Bord meines Schiffes?“, fragte er empört. „Sie haben kein Recht, hier einzudringen."

„Ich nehme an, Sie sind der Kapitän der ,Burma'?"

„Ja. Ich bin Kapitän Cienfuegos."

„Gut. Ich nehme an, Sie wissen, dass Sie sich nicht mehr in internationalen Gewässern befinden. Sie sind in die Drei-Meilen-Zone von Südvietnam eingedrungen. Dort drüben liegt ein amerikanisches Patrouillenboot, Kapitän Cienfuegos, dessen Schnellfeuerkanonen auf Ihr Schiff gerichtet sind."

„Ich werde mich beim amerikanischen Konsul in Saigon beschweren."

„Tun Sie, was Sie für richtig halten. Aber vorher zeigen Sie uns bitte die Lagerräume der ,Burma'."

„Wozu?"

„Ich würde es an Ihrer Stelle tun", erwiderte ich geduldig. „In dreißig Minuten wird das Schnellboot das Feuer auf die ',Burma“ eröffnen, Kapitän Cienfuegos."

Das war ein Bluff. Jeder, der nicht in der Situation des Kapitäns gewesen wäre, hätte ihn durchschaut. Aber er wusste genau, dass er sich an der Küste eines Landes befand, das Krieg führte.

Sein Gesicht verzog sich wütend, aber er zuckte schließlich nur mit den Schultern. Sein Blick huschte zwischen uns hin und her und blieb dann an den beiden Matrosen des Patrouillenbootes hängen, die, die schussbereiten Maschinenpistolen unter dem rechten Arm, schräg hinter uns an die Reling gelehnt standen und ein aufmerksames Auge auf die Mannschaft hatten. Die Besatzung der „Burma" drängte sich zusammen.

Cienfuegos nahm die Mütze ab und wischte sich mit dem nicht sehr sauberen Ärmel seines Uniformrockes den Schweiß von der Stirn.

„Ich behalte mir vor, beim amerikanischen Botschafter zu protestieren. Aber Sie können natürlich die Lagerräume des Schiffes untersuchen. Ich selbst werde Sie führen. Würden Sie mir bitte nach unten folgen?"

Ohne unsere Antwort abzuwarten, wandte er sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war.Ich folgte ihm. Wir tauchten in die düsteren Gänge des Schiffsinneren hinab. Unauffällig schob ich die Hand unter die Jacke und lockerte die Pistole im  Schulterhalfter.

Das nur matt erleuchtete Innere der „Burma" sah wie ein Labyrinth aus. Überall lagen Fetzen von ölgetränktem Werg, abgeschnittene Kabelstücke und Werkzeug herum. Ich ließ die Hand an der Pistole, während ich dem Kapitän weiter in den Leib des Schiffes hinein folgte.

Die Lagerräume waren tief unten im Schiff und nahmen praktisch mehr als die Hälfte des ganzen Rumpfes ein. Die „Burma" war eines jener Liberty-Schiffe, die im letzten Krieg zusammengeschweißt worden waren, um die Tonnage der amerikanischen Flotte so rasch wie möglich zu erhöhen, und nach dem Krieg an private Reedereien verkauft wurden, weil man sie nicht mehr gebrauchen konnte und die Lager- und Unterhaltskosten dieser Schiffe höher gewesen wären als ihr tatsächlicher Wert.

Eine Eisentür wurde aufgestoßen. Der Kapitän trat beiseite, um mich einen Blick in den Lagerraum werfen zu lassen. Es war vollkommen dunkel.

Ich ließ mir von Poinsett eine starke Stablampe geben und leuchtete in den Raum hinein. Er war leer.

8

Sekundenlang starrte ich in die Dunkelheit, die vom Strahl der Lampe zerschnitten wurde. Sprunghaft tastete der Lichtkegel über die Wände, dann schaltete ich die Lampe aus und drehte mich um. Als ich Cienfuegos Blick begegnete, sah ich den unverhüllten Triumph in seinem Gesicht.

„Wo sind die anderen Lagerräume?", fragte ich.

Als ich sah, wie sein triumphierendes Grinsen immer breiter wurde, musste ich an mich halten, um ihm nicht die schwere Stablampe ins Gesicht zu schlagen. Meine Stimrrie klang mühsam.

„Dort hinten liegt der Eingang zum Lagerraum B", sagte er. „Zu den Räumen C und D müssen wir zur anderen Seite des Schiffes hinüber. Wenn Sie Wert darauf legen, sie zu sehen: sie sind ebenso leer wie dieser hier. Ich weiß überhaupt nicht, was Sie an Bord meines Schiffes suchen. Sie sind kein Angehöriger der amerikanischen oder südvietnamesischen Armee; wahrscheinlich gehören Sie dem amerikanischen Geheimdienst an. Wir sind auf der Fahrt nach Bangkok und haben diese geschützte Bucht angelaufen, um einen Maschinenschaden zu beheben. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe."

Ich warf Poinsett seine Lampe zu und sagte: „Ich möchte Sie in Ihrer Kabine sprechen, Kapitän Cienfuegos. Wollen Sie mich hin führen, oder soll ich mir den Weg dorthin selbst suchen? Was ist Ihnen angenehmer?"

Das triumphierende Lächeln in seinem Gesicht erlosch schlagartig. Seine Mundwinkel verzogen sich nach unten.

„Ich führe Sie hin", sagte er.

Ich folgte ihm durch das dunkle Schiffsinnere zurück, und wir betraten seine Kabine. Hier war es heller. Sie empfing ihr Licht durch zwei runde Bullaugen, durch die ich das Patrouillenboot sehen konnte. Die Kabine war nicht sehr sauber. Magazine und Zeitungen lagen herum. Auf dem Klapptisch an der Wand standen die Reste eines Frühstücks - Spiegeleier, Toast, Kaffee. Auf der Koje lag ein hastig zusammengeknüllter Schlafanzug und ein elektrischer Rasierapparat.

Cienfuegos ging zum Tisch und zog eine Zigarette aus der angebrochenen Packung. Seine Hand war nicht ganz sicher, als er sie entzündete und das Streichholz im Aschenbecher ausdrückte. Er warf die Packung zurück und drehte sich nach mir um.

„Also was wollen Sie von mir?"

„Ich möchte wissen, wo die Ladung der „Burma' geblieben ist, Kapitän. Eine so umfangreiche und wertvolle Ladung löst sich doch nicht in Luft auf. Habe ich recht?"

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Wir hatten beim Auslaufen unseres Schiffes keinerlei Ladung an Bord. Wir hätten auch unterwegs nirgendwo eine Möglichkeit gehabt, diese Ladung zu löschen."

„Sie befinden sich hier auf südvietnamesischem Territorium, Kapitän. Sie wissen doch wahrscheinlich, was mit Ihnen geschehen wird, wenn wir Sie den Südvietnamesen ausliefern. Die bevorzugte Art der Hinrichtung für Hochverrat in diesem Land ist die öffentliche Erschießung. Ich gebe gern zu, dass sich das noch mittelalterlich anhört. Aber wir werden keine Sekunde zögern, Sie auszuliefern, wenn Sie den Mund nicht aufmachen. Erzählen Sie, wo die Waffen geblieben sind, die Sie an Bord nahmen, ehe Sie mit der ,Burma' ausliefen. Das Schiff wurde von einem japanischen Waffenhändler gechartert. Man glaubte, dass Sie sich als Kapitän der ,Burma' eignen würden. Wie Sie sehen, sind wir ziemlich gut informiert. Halten Sie meine Drohung nicht für einen Bluff. Wenn die Amerikaner Sie ausliefern, wird man in Saigon dafür sorgen, dass Sie hingerichtet werden. Man wird Sie vor eine Wand aus Sandsäcken stellen, an einen Pfahl binden und ...“

„Verdammt noch mal, hören Sie auf!", stieß er hervor. Mit unsicherer Hand zerdrückte er die Zigarette, die er kaum angeraucht hatte, im Aschenbecher. „Was soll das alles? Ich weiß nicht, von welcher Waffenladung Sie reden. Die einzige Waffe auf diesem Schiff gehört mir. Sie liegt in der Schreibtischschublade."

Während er weiter sprach, öffnete ich die Schublade und nahm eine japanische M 14-Pistole heraus. Ich zog das Magazin aus dem Kolben und steckte es ein, ehe ich die leere Waffe in die Lade zurückwarf; Cienfuegos hatte mich ununterbrochen beobachtet. Jetzt war sein Gesicht bleich und durchscheinend wie Wachs. Er kaute auf seiner breiten, vollen Unterlippe.

„Reden Sie ruhig weiter, Kapitän", sagte ich. „Wir haben noch fünfzehn Minuten Zeit."

Ich war mir darüber klar, dass er nicht sprechen würde. Er hätte sich damit selbst an das Erschießungs-Peloton ausgeliefert. Aber ich musste es versuchen. Denn wenn der Strom der Waffen von der „Burma" zwischen den Reisfeldern und Dschungelgebieten im Inneren des Landes versickerte, war es für uns zu spät.

„Ich kann nur immer wiederholen, dass ich keine Ahnung habe, was Sie von mir wollen", stieß er hervor. „Ich habe in Bangkok eine Fracht zu übernehmen."

„Gut, dann werden wir Sie solange festhalten, bis wir Ihre Angaben in Bangkok überprüft haben. Die Militärbehörden in Saigon werden das erledigen."

Ich beobachtete ihn in aller Ruhe. Wir hatten noch über zwölf Minuten Zeit, bevor wir das Schiff verlassen mussten. Diese zwölf Minuten blieben mir noch - und ich wollte sie nützen, so gut es mir eben möglich war.

Er zündete sich eine neue Zigarette an. Diesmal zitterte seine Hand so stark, dass er das Streichholz abbrach. Er warf mir einen lauernden Seitenblick zu, als wollte er sich davon überzeugen, ob ich es gesehen hatte. Ein nervöses Zucken tauchte um seine Mundwinkel auf. Er wartete darauf, dass ich etwas sagte, aber ich schwieg.

„Ich weiß nichts von einer Waffenladung!", brachte er schließlich unter Anstrengung hervor. „Und ich will auch gar nicht mehr mit Ihnen reden. Verlassen Sie mein Schiff!"

in diesem Augenblick hörte ich das leise Knarren der Kajütentür hinter meinem Rücken. Und eine Stimme - die Stimme einer Frau - sagte: „Der Teufel zeigt die Krallen."

9

Der Teufel zeigt die Krallen!

Ich kenne dieses alte Spielerwort, das man in einer Situation gebraucht, in der es scheinbar nicht mehr weitergeht.

Ich drehte mich um. In der Tür stand eine junge Frau.

„Ich habe einen Teil Ihrer Unterhaltung mit angehört, ehe ich die Tür öffnete", sagte sie. Sie hatte eine angenehme, etwas herbe Stimme. In ihren Augen stand eine Mischung von Spott und Misstrauen.

Dann fragte sie: „Sie sind vom CIA in Saigon, nicht wahr?"

Ich schüttelte den Kopf. „Nein!"

„Nein?"

Enttäuschung trat in ihr Gesicht, dann mischte sich ein Schimmer von Furcht in ihre Augen. Jetzt machte sie auf mich den Eindruck, als wüsste sie nicht, was sie sagen sollte, als hätte sie Angst, zu viel gesagt zu haben.

Sie war hübsch, hatte ein schmales, von der Sonne dunkel gefärbtes Gesicht und Augen von jener unbestimmbaren Farbe, die man mitunter bei Frauen findet und die eine rätselhafte Wirkung haben. Das kurz gehaltene Haar war von der Farbe eines reifen Ährenfeldes im Sommer. Sie trugt Rock und Bluse, die aus dem gleichen Stoff wie Levis Hosen bestanden.

„Wer sind Sie?", fragte ich, ohne Cienfuegos aus den Augen zu lassen. „Und was haben Sie auf diesem Schiff zu suchen?"

Sie kam herein und schloss die Tür hinter sich. Sie schien leicht verwirrt zu sein, aber es war nicht jene naive Verwirrung, die man manchmal in solchen Situationen beobachten kann.

„Mein Name ist Nordijk - Gretje Nordijk", antwortete sie.

Ich sah Cienfuegos an.

„Sie ist der einzige Passagier, den wir an Bord haben", erklärte er mürrisch.

„Ich bin auf dem Weg nach Saigon", sagte sie.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Miss Nordijk. Was haben Sie an Bord der ,Burma“zu suchen?"

„Ich bin Journalistin. Mein Visum für Vietnam ist in Ordnung. Ich habe meinen Pass in der Kajüte gelassen."

„Ich verstehe. Weshalb zeigen Sie sich erst jetzt? Wollten Sie warten, bis wir das Schiff wieder verlassen hatten?"

„Dann hätte ich .auch gewartet. Ich kann durch das Bullauge meiner Kabine das amerikanische Patrouillenboot sehen."

„Also gut, dann erklären Sie mir, was Sie wollen - und möchten Sie dann freundlichst wieder hinaus gehen, Miss Nordijk?"

„Sie sind so unhöflich, wie es nur ein Amerikaner sein kann", versetzte sie.

„Entschuldigen Sie. Mein Name ist Harris. Was wollen Sie von mir? Bitte!" Ich wusste selbst, dass meine Stimme ungeduldig klang.

„Haben Sie eine Zigarette für mich? Meine sind mir ausgegangen, und ich konnte mir keine neuen in der Messe besorgen, weil ich in meiner Kabine eingeschlossen war."

„Sie waren eingeschlossen?"

„Ja." Sie nickte.

Cienfuegos sah an mir vorbei.

„Weshalb?", fragte ich.

„Das müssen Sie ihn fragen!" Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf Cienfuegos.

„Ich wollte nicht, dass Sie sich an Bord zeigt, solange wir so nahe dem Land sind."

Er machte dabei eine vage Handbewegung, die alles und nichts bedeuten konnte.

„Sie wollen damit sagen, Sie befürchteten, es könnte vom Ufer aus auf die ,Burma“ geschossen werden?"

„Ja. Ich wollte die Frau nicht der Gefahr aussetzen.“

„Man hat die Tür meiner Kajüte am Abend verschlossen. Ich hämmerte mit beiden Fäusten gegen das Schott, aber es hat nichts geholfen, Mr. Harris, oder wie immer Sie heißen mögen. Erst vor wenigen Minuten hat man die Tür wieder geöffnet. Wahrscheinlich, weil man befürchtete, bei einer Durchsuchung des Schiffes könnten Sie auf die verschlossene Tür stoßen. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Wahrscheinlich wusste der Kapitän nicht, dass ich die Dschunken, die längsseits der ,Burma“ kamen, von meinem Bullauge aus sehr gut beobachten konnte."

Unwillkürlich hatte ich mich Cienfuegos zugewandt. Sein Gesicht hatte sich, während sie sprach, mehr und mehr verzerrt; jetzt glich es einer verbissenen Maske. Seine Unterlippe zitterte unbeherrscht. Es sah aus, als hätte er sich am liebsten auf die Frau gestürzt und sie geschlagen, um sie zum Schweigen zu bringen; aber er rührte sich nicht von der Stelle. Nur seine Hände ballten sich so hart zu Fäusten, dass die Fingerknöchel weiß unter der sonnenverbrannten Haut vorsprangen.

„Was waren das für Dschunken?", fragte ich langsam. „Tauchten sie während der Nacht auf?"

Sie nickte schnell. „Es dauerte fast die ganze Nacht. Ich konnte das Quietschen der Ladebäume hören. Irgend etwas wurde stundenlang von der ,Burma“ auf die Dschunken umgeladen. Es waren drei. Es war zu dunkel, um Genaueres zu erkennen, aber ich hörte ihre Motoren laufen, als sie sich schließlich vom Schiff entfernten."

Ich drehte mich zu Cienfuegos um und packte ihn an seinem schmierigen Uniformkragen. Er machte eine Abwehrbewegung, und ich stieß ihn hart zurück. Er taumelte gegen das Schott.

„Deswegen waren die Laderäume leer, Kapitän. Entweder Sie machen jetzt den Mund auf, oder wir übergeben Sie den Vietnamesen. Wenn Sie reden, bringe ich Sie in das amerikanische Lager bei Phan Rang. Sie haben die Waffen auf die Dschunken umgeladen, nicht wahr?"

Er starrte mich tückisch aus halb geschlossenen Augen an, die Lippen fest zusammengepresst.

Ich wusste, es gab nur ein Mittel, ihn zum Sprechen zu bewegen. Ich versetzte ihm mit dem Handrücken einen Schlag über den Mund, der seinen Kopf gegen das Schott prallen ließ. Blut erschien auf seinen Lippen. Er machte Anstalten, mich anzugreifen. Ich schlug nochmals zu, und wieder und noch einmal. Er gab die Gegenwehr auf - sie hätte ihm auch nicht viel genutzt - und hielt beide Hände vors Gesicht. Meine Schläge hatten ihn hart getroffen. '

„Nicht mehr schlagen!", stöhnte er. „Die Dschunken sind unterwegs nach Saigon."

Ich riss ihm die Hände vom Gesicht und zog ihn dicht an mich heran. Sein Gesicht schien in Angst zu zerfallen. Er versuchte sich zurückzuziehen wie ein Hund, den man getreten hat. Ich fand ihn widerlich; aber was sollte ich tun?

„Was waren das für Dschunken, Cienfuegos ? Ich rate Ihnen, den Mund aufzumachen, sonst prügle ich Sie, dass man Sie hinaus tragen muss. Was sind das für Dschunken? Wie heißen sie? Wann werden sie in Saigon ankommen?"

„Ich kenne die Namen nicht. Sie waren vietnamesisch. Ich weiß nur, dass sie heute Abend in Saigon ankommen werden. Sie hatten dunkle Segel mit irgendeinem roten Zeichen dran. Das ist alles, was ich weiß. Bitte, nicht mehr schlagen!"

Ich hätte ihn mitleidslos zusammenschlagen mögen, wenn ich an die Situation dachte, die in Saigon entstehen würde, wenn die andere Seite in den Besitz der Waffen und Sprengstoffe, Handgranaten, Minen und der übrigen Sachen käme.

„Wir werden Sie ins amerikanische Camp bringen", sagte ich. „Miss Nordijk, Sie kommen selbstverständlich mit. Wir können Sie nicht an Bord der ,Burma“ lassen. Gehen Sie in Ihre Kabine und packen Sie Ihre Sachen zusammen."

„Gut." Sie nickte hastig und eilte hinaus.

„Wir beide gehen in die Funkkabine, Cienfuegos", sagte ich, als Gretje Nordijk die Kajüte verlassen hatte. Langsam zog ich die Walther heraus und lud sie durch. „Sie gehen vor mir her. Ich drücke sofort ab, wenn Sie versuchen sollten, zu verschwinden. Die Pistole hat eine Durchschlagskraft wie ein Ziegelstein durch eine Fensterscheibe. Also versuchen Sie das erst gar nicht."

Er starrte auf die kleine, schwarze Mündung der Walther-Pistole und schüttelte krampfhaft den Kopf. Er schien Angst zu haben, ich könnte ihn über den Haufen schießen. Seine Zunge erschien und fuhr über die trockenen Lippen.

„Die E-Maschine ist ausgefallen. Wir können von hier aus Saigon nicht auf dem Funkweg erreichen. Wir müssten einen Motor und die E-Maschine auseinandernehmen. Sie haben es selbst gesehen ...“

Du schmutziger Lump, dachte ich. Für Sekunden schoss der Zorn wie eine Flamme in mir hoch. Aber dann sank er gleich wieder zusammen. Ich wollte mir nicht die Hände an ihm schmutzig machen. Es gab jetzt nur noch eine Möglichkeit, Goffs Zentrale in Saigon zu benachrichtigen, und das war die Funkstelle des amerikanischen Stützpunktes bei Phan Rang. Wir hatten nicht mehr viel Zeit.

Die Dschunken waren mit ihrer tödlichen Ladung schon lange ausgelaufen. Wenn sie erst in dem Gewimmel von anderen Dschunken und Sampans verschwanden, die den Hafen von Saigon bevölkern, würde der Teufel wirklich die Krallen zeigen.

10

Mit gleichmäßigen dumpfen Schnurren des Motors fuhr Goffs Chevrolet den leicht ansteigenden Hang hinauf. Wir hatten Phan Rang hinter uns gelassen und fuhren zum amerikanischen Armeestützpunkt hinber. Links und rechts des ausgefahrenen Weges, der sich in Serpentinen zwischen den schachbrettartig gemusterten Reisfeldern dahin wand, rauschte der Wind in den hohen Bambusdickichten.

Gretje Nordijk und Charly saßen im Fond des Wagens neben mir. Vor mir hockte Cienfuegos. Ich hatte die Pistole in der Hand. Er wusste es und würde keine falsche Bewegung machen. Der Weg war nicht besonders gut. Die Stoßfedern des schweren Wagens quietschten, der Chevrolet schwankte, als befände er sich auf unsicherem Grund.

„Was haben Sie in Saigon vor, Miss Nordijk?“, fragte Charly und bot ihr eine Zigarette an.

Sie zeigte ein Müdes Lächeln – wahrscheinlich hatte sie während er ganzen Nacht kein Auge zugetan – und erwiderte: „Ich soll Berichte über das Leben in Saigon an meine Zeitung schicken. Da die Fahrt mit einem Frachter wie der „Burma“ billiger ist, habe ich einen Platz auf ihr gebucht. Ich hatte keine Ahnung, was in den Laderäumen des Schiffes gestapelt war.“

„Das glaube ich Ihnen sogar“, sagte Charly lächelnd. „Denn kein vernünftiger Mensch setzt sich auf solch ein schwimmendes Pulverfass. Sie können von Glück reden, dass Sie so davongekommen sind. Wir werden Sie mit uns nach Saigon nehmen und ...“

Der Wagen bremste unvermittelt, und Charly brach mitten im Satz ab. Über Cienfuegos Schulter hinweg konnte ich erkennen, dass quer über der Straße ein Durianbaum lag.

„Verdammter Dreck!“, murrte Goff erbittert. „Wir müssen hinaus. Harris, helfen Sie mir, den Baum von der Straße wegzubringen.“

Ich saß stumm im Wagenfond, die Pistole in der Hand und sah mich durch das offene Seitenfenster um.

Cienfuegos starrte vor mir mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf den Baum. Ein merkwürdiges Gefühl huschte mir den Rücken herunter. Links und rechts des ausgefahrenen Karrenweges rauschte der Wind im Bambus. Ruhig und friedlich spiegelte sich der blaue Himmel in dem grau-gelben schlammigen Wasser der einzelnen Reisfelder.

Goff hatte bereits den Wagenschlag geöffnet und war ausgestiegen. Ich zögerte noch immer. Aber alles blieb ruhig. Ich reichte Charly die Walther hinüber und sagte: „Pass auf den Burschen auf, Charly. Wenn er versucht, die Wagentür zu öffnen, dann schieße sofort.“

Ich stieg aus. Es roch nach Blüten und Bambusblättern. Langsam ging ich um den Wagen herum. Goff mühte sich mit dem Durianstamm ab. Als ich neben ihn trat, sah er mit rotem Gesicht auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Besser, wir beeilen uns. Mit jeder Minute wird es hier wärmer werden, Harris. Was haben Sie?"

„Ich weiß nicht", murmelte ich. „Ich habe das Gefühl, dass wir von irgendwoher beobachtet werden."

„Es ist alles ruhig", gab er zurück. „Los, kommen Sie! Weshalb glauben Sie, liegt der Stamm auf dem Weg? Um Cienfuegos eine Chance zur Flucht zu bieten? Das wäre absurd. Es ist klar, dass wir ihn erwischen würden, noch bevor er im Bambus verschwinden kann."

„Glauben Sie?", fragte ich. Unwillkürlich hatte ich mich bei Goffs Worten umgewandt und zum Wagen zurück gesehen, der nur wenige Schritte hinter uns stand.

Die heiße Luft flimmerte über der Kühlerhaube. Wie durch einen Schleier aus siedendem Glas sah ich Cienfuegos Gesicht hinter der opalgetönten Windschutzscheibe. Die Zigarette klebte in seinem Mundwinkel, und er beobachtete gespannt jede unserer Bewegungen, ich hatte das Gefühl, dass er im nächsten Augenblick aufspringen, die Tür aufstoßen und auf den Bambus zurennen würde.

Unwillkürlich straffte sich mein Körper. Charly hatte meine Pistole. Aber ich wusste, dass er zögern würde zu schießen, wenn Cienfuegos aus dem Wagen sprang. Vielleicht würde er auf seine Beine zielen und ihn deshalb verfehlen. Goff aber hatte seine Smith & Wesson unter der Achsel. Selbst ein geübter Schütze brauchte mehr als fünf Sekunden, um eine Waffe aus dem Schulterhalfter zu ziehen und einen gezielten Schuß abzugeben. Wie lange würde Cienfuegos - für den es um alles ging – brauchen, um in den Bambus hinein zu stürmen und zu verschwinden?

Ich weiß nicht; wie viele Gedanken mir durch den Kopf schossen. Ich machte eine Bewegung, als wollte ich auf den Wagen zugehen.

Da fiel ein Schuss!

Es klang, als schlüge ein Kind mit einem Hammer auf ein Stück Blech. Ich sah plötzlich ein winziges Loch vor Cienfuegos Gesicht in der Windschutzscheibe, von dem aus feine Sprünge, wie ein Netz von Strahlen, nach allen Seiten auseinanderliefen. Cienfuegos Mund öffnete sich, die Zigarette fiel herunter, dann sank sein Kopf herab auf die Brust.

Goff und ich rannten schon auf den Bambus zu. Auf der nächsten, über uns liegenden Windung der Serpentine erhob sich eine Gestalt und rannte geduckt den Hang hinauf. Goff zog im Laufen den Revolver, blieb stehen, legte die Hand gegen einen Bambusstamm und drückte den kurzen Lauf der Smith & Wesson in die weiche Beugestelle zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er durchzog, sah ich, wie neben der laufenden Gestalt eine kleine Erdfontäne hoch spritzte. Klatschend hallte der Schuss vom Hang zurück und grollte zwischen dem Bambus aus.

Goff stieß zwischen zusammengepressten Zähnen etwas hervor, das wie ein Fluch klang, und schoss noch einmal. Wieder verfehlte er sein Ziel, dann war der Mann über dem Rand der Serpentine verschwunden. Altes, was ich hatte sehen können, war, dass er ein Gewehr in der Hand trug. Sekunden später drang das Geräusch eines rasch anlaufenden Motors zu uns herunter. Ein Wagen fuhr an. Etwa zwanzig Meter weiter, wo die Serpentine schmal wurde, sahen wir einen Land-Rover davon jagen und sofort wieder zwischen Bambusdickicht verschwinden. Die Geräusche verklangen.

Goff sicherte den Smith & Wesson und schob ihn ins Achselhalfter zurück. Ohne mir einen Blick zu schenken, ging er zum Wagen zurück. Ich folgte ihm und kam gerade zurecht, um zu sehen, wie er die Tür öffnete, den leblosen Körper Cienfuegos heraus zog und auf den weichen, staubigen Boden fallen ließ. Dann beugte er sich über ihn und drehte ihn auf den Rücken. Schwerfällig glitten Cienfuegos  Arme auseinander.

Der Einschuss saß dicht über seinem linken Auge. Goff erhob sich und sah mich mit verkniffenem Gesicht an.

„Das war ein Scharfschütze", sagte er. „Die zitternde Luft über dem Kühler ließ Cienfuegos Gesicht verschwimmen - und er hat ihn trotzdem erwischt. Jetzt haben sie ihn ausgeschaltet."

Details

Seiten
800
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904796
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337608
Schlagworte
sechs spionage thriller august

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Titel: Sechs Spionage Thriller August 2016