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Big John Morgan #4: Morgans letzte Chance

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Big John Morgan hat wieder einmal genug vom Alltag auf seiner Pferderanch. Sein Partner Franzisco kümmert sich während Johns Abwesenheit um die Geschäfte. Zusammen mit seinem Freund Buffalo bricht John in Richtung Texas auf. Aber schon bald geraten sie in einen Strudel dramatischer Auseinandersetzungen zwischen der Armee und einer Bande von Halunken, die einige Soldaten mitsamt ihrem kommandierenden Offizier entführt haben. Big John und Buffalo bieten ihre Hilfe an und versuchen, eine Spur der Entführten zu finden. Dass sie dabei selbst Kopf und Kragen riskieren, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht...

Leseprobe

Big John Morgan

 

Band 4

 

Morgans letzte Chance

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Big John Morgan hat wieder einmal genug vom Alltag auf seiner Pferderanch. Sein Partner Franzisco kümmert sich während Johns Abwesenheit um die Geschäfte. Zusammen mit seinem Freund Buffalo bricht John in Richtung Texas auf. Aber schon bald geraten sie in einen Strudel dramatischer Auseinandersetzungen zwischen der Armee und einer Bande von Halunken, die einige Soldaten mitsamt ihrem kommandierenden Offizier entführt haben. Big John und Buffalo bieten ihre Hilfe an und versuchen, eine Spur der Entführten zu finden. Dass sie dabei selbst Kopf und Kragen riskieren, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht...

 

 

 

Vorwort

 

In dieser Erzählung spielt ein Halunke namens Bola King eine Hauptrolle. Dieser Bandit hat seinen Spitznamen wegen seiner Bola-Künste erhalten.

Die Bola ist die Hauptwaffe der mittel und südamerikanischen Gauchos. Sie besteht aus drei Kugeln, die durch zwei Meter lange Riemen miteinander verbunden sind. Bei der sogenannten „Jagdbola“ bestehen die Kugeln aus Holz, bei der „Kampfbola“ aus Eisen. Die Gauchos benutzen die Kugeln (aus Holz) zum Einfangen von Rindern und Pferden. Sie fassen eine der Kugeln mit der rechten Hand und wirbeln die an den Riemen hängenden anderen beiden Kugeln mehrmals um den Kopf, dann lassen sie los. Zwei Kugeln schlingen sich zielsicher um die Hinterbeine des Tieres und bringen es zu Fall. Die dritte Kugel schlägt genau gegen die Nase des Rindes und betäubt das Tier.

 

 

 

Nach dem Winterregen ist das Land aufgeweicht und schlammig. Aber heute scheint die Sonne wieder, als wollte sie vergessen machen, dass es beinahe drei Monate lang geregnet hat. Die Weiden am Yellowsprings sind saftig grün, und die Sonnenstrahlen reflektieren in den Wassertropfen, die noch an den Gräsern hängen. Sogar die sonst so grauen Mesquitesträucher haben eine kräftige Farbe angenommen. Nun wird es bis zum Herbst trocken sein. Vielleicht unterbricht ein kurzes Gewitter diese lange Trockenperiode.

Die Pferde in den Koppeln genießen die wärmenden Sonnenstrahlen nach der ungemütlichen Regenzeit. Sie recken sich, lecken an ihrem Fell herum und werfen unternehmungslustig die Köpfe hoch. Fohlen, die in den letzten Monaten zur Welt kamen, begrüßen die ersten Sonnenstrahlen mit fröhlichem Gewieher.

El Rayo“, der Leithengst der großen Pferdeherde, die am Yellowsprings weidet, röhrt dumpf und trabt mit erhobenem Kopf um seinen Harem.

Aus dem Ranchhaus steigt eine blaue Rauchwolke zum Frühlingshimmel empor. Hammerschläge dröhnen von dem Schuppen bis zur Herde herüber.

Die Prärie und ihre Bewohner sind aus ihrem Regenzeitschlaf erwacht. Oben am Himmel kreisen die Geier wieder und spähen nach Beute aus. Auch der Bussard vom letzten Jahr ist wieder aufgetaucht und segelt zu den Pappeln an der Quelle hinüber. Dort setzt er sich auf den obersten Ast und plustert sein Gefieder in der Sonne auf.

Von den Ranchgebäuden kommt ein Mann in Cowboytracht zu den Pferdeweiden herüber. Die Haut dieses Cowboys ist ziemlich dunkel, sein Gang ist federnd und elastisch. Es ist ein Indianer.

Der Indio wickelt ein Lasso auf und spannt es von dem Cottonwoodbaum zu einem Strauch hinüber.

Kurz darauf erscheint ein bulliger Cowboy mit einem Wäschekorb. Dieser Mann ist eine imposante Persönlichkeit. Seine Schultern sind für die Körpergröße von 1,62 cm ungewöhnlich breit. Die dicken Beine sind so krumm, als sei er immer auf einem Fass geritten. Das Gesicht wirkt wie Baumrinde, und das kantige Kinn ist stark wie bei einem Nussknacker.

Bring den Korb hierher, Buffalo,“, ruft der Indio.

Der Breite schleppt den Wäschekorb zu der bezeichneten Stelle und setzt ihn ab. Dann reckt er sich und stemmt die muskulösen Arme in die Hüften, das Gesicht zur Morgensonne gewandt „Endlich wieder Sonne,“, ruft er mit tiefer Stimme und blinzelt in die grellen Strahlen. Dann wendet er sich an den Indio: „Freust dich kein bisschen, was Franzisco?“

Der Indio lässt sich beim Aufhängen der Hemden nicht stören. „Sicher freue ich mich, Buffalo, Aber jetzt heißt es: arbeiten,“, erklärt er, ohne sich von seiner Beschäftigung abzuwenden.

Buffalo hockt sich auf einen Stein, stopft seine Pfeife und sagt: „Weiß nicht, was du für ’n Kerl bist, Pancho.“

Oh, Buffalo“, sagt der Indio, „bist du schon wieder reiselustig?“ Der pfiffige Blick beweist, dass der Sprecher nicht etwa dumm oder stupide ist, im Gegenteil: Franzisco hat es schon in den verschiedensten Situationen bewiesen, was er kann.

Hmm,“, brummt Buffalo mürrisch. „Wenn ich dich so sehe, dann meine ich immer, du hättest die Einstellung eines Großvaters, der sein Leben schon hinter sich hat, Dagegen sind Big John und ich doch quicklebendige Frösche. Wenn die Sonne scheint, müssen wir satteln und reiten, Reiten, Pancho,“

Franzisco kennt dieses Leiden. Als er die Pferderanch mit Big John Morgan gründete, glaubte er, auch der Freund würde nun sesshaft werden. Doch das war ein Irrtum. Es ging eine Weile. John gefiel sich aber nicht zu lange in dem gleichförmigen Dasein als Pferdezüchter. Immer wieder verfolgte er das Abenteuer, wie das Abenteuer ihn verfolgte. Anfangs war es immer sehr notwendig gewesen, doch dann wurde es Franzisco klar, dass John niemals ohne die prickelnde Gefahr und den ständigen Kampf das sein würde, was er ist. Seit nun Buffalo, Big Johns Freund, vom letzten Herbst her auf der Ranch weilt, redeten Big John und er nur noch von den Plänen für das kommende Frühjahr. Nun ist dieser Zeitpunkt da.

Plötzlich hörte Franzisco Johns tiefes Lachen hinter seinem Rücken. Er dreht sich um und sieht den großen Freund hinter sich stehen.

Big John ist fast zwei Meter groß, athletisch und durch Sturm und Kampf zu einem harten und zähen Mann geworden.

Na, Kleiner? Machst so ein böses Gesicht?“, sagt John freundlich.

Franzisco weiß, dass John eben anders denkt als er. Nicht nur, weil er ein Weißer ist, sondern es sind zwei grundsätzliche Merkmale, die das Freundespaar unterscheidet: Franzisco ist treu und liebt das geregelte Leben. John dagegen ist von einer inneren Unruhe erfasst, wenn er auch sonst sehr beherrscht erscheint. Seine Nerven sind stählern, doch hält es ihn nie lange an einer Stelle. Buffalo ist ihm darin gleich. Und deshalb stellt Franzisco jetzt fest, dass die beiden, Big John und Buffalo, wie für einander geschaffen sind.

Wollt ihr wieder reiten?“, fragt Franzisco und blickt Big John von der Seite an.

John kennt seinen Freund Franzisco genau. Es tut ihm einerseits weh, ihn wieder mit den beiden Cowboys der Ranch allein lassen zu müssen, andererseits zieht es ihn in die Ferne.

Hmm“, erwidert er, „wir wollen mal nach Texas hinüber. Soll dort ’ne Menge Geld zu verdienen geben,“

So?“, sagt Franzisco gedehnt. Es belustigt ihn, wie der große John sich Mühe gibt, ihm seinen Ritt schmackhaft zu machen.

Yeah“, meint John verlegen. „Das Geld können wir ja immer gebrauchen, nicht wahr?“

Natürlich,“, erwidert Franzisco lächelnd.

Nun springt Buffalo in die Bresche. „Seit John sich um das nötige Geld kümmert, hat sich der Pferdebestand verzehnfacht,“, erklärt er. „Du bekommst auch noch zwei Cowboys, dann seid ihr zu Fünfen, Siehst du, so bist du ein Boss mit einer Mannschaft und hast eine stolze Ranch,“ Franzisco will den Freunden die Qual erleichtern. „Reitet nur, Ich weiß schon, dass ihr mit eurem Geld die Ranch gut hochgewirtschaftet habt. Jetzt besitzen wir schon dreihundert Zuchtpferde. Eines ist schöner als das andere, Und dann haben wir noch die übrige Herde von achthundert Jungtieren und Verkaufsgäulen,“

Es werden noch mehr werden, „Pancho“, verspricht ihm John. „Lass uns nur draußen herumreiten und Geld verdienen,“

Wann kommt ihr wieder?“, fragt Franzisco traurig. Er sieht es nicht gern, wenn der Freund ihn verlässt. Es besteht eine Bindung zwischen den beiden verschiedenen Männern, die größer ist als manche Freundschaft.

Hmm...“ John blickt Buffalo an. Der zuckt die Schultern.

Schließlich sagt John: „Es wird wohl Sommer werden,“

Dann reitet, Die Götter sollen euch helfen,“, meint Franzisco und hängt die Hemden auf, ohne sich noch weiter um John und Buffalo zu kümmern.

Schweigend ziehen John und Buffalo ab. Als sie etwas weiter entfernt sind, sagt Buffalo: „Das stinkt ihm mächtig, John, Aber wenn die Sonne so schön scheint und das Gras und die Erde duften, da kann doch ein vernünftiger Bursche nicht mehr mit dem Hintern am Ofen kleben bleiben,“

John nickt. „So denken wir beide, aber nicht Franzisco - und die meisten Menschen, die ich kenne, Wir sind eben aus anderem Holz geschnitzt.“

Well, dann wollen wir uns fertigmachen, Morgen geht’s los,“

Nun ist Buffalo wieder aufgekratzt. Den ganzen Tag singt er, während er seinen Sattel und das Packzeug für einen langen Ritt vorbereitet.

Big John ist noch etwas betrübt wegen Franzisco, doch dann nimmt das Reisefieber Oberhand, und auch er pfeift schief, dafür laut vor sich hin.

Weder John, noch Buffalo haben einen festen Plan. Sie haben gehört, dass in Texas nach Öl gebohrt wird und die Gesellschaften Aufseher für ihre mexikanischen Arbeiter suchen. Wie es beim Ölbohren zugeht, davon haben die beiden Freunde keine Ahnung. Es ist nur der hohe Verdienst, der sie lockt... und das Abenteuer. Es ist etwas Neues, das sich John und Buffalo nicht entgehen lassen wollen.

Bis zum Panhandle ist es ein weiter Ritt. Für Zeitmangel haben aber weder John noch Buffalo Verständnis, sie spielt bei ihnen keine Rolle; ob sie nun eine Woche früher oder später hinkommen, ist ihnen gleich. Für vier gesunde und starke Männerarme wird sich immer eine Arbeit finden. Dazu kommt, dass John und Buffalo mit allen Wassern gewaschene Westmänner sind, die unter anderem auch zu den Schützen zählen, von denen man im Westen spricht. Und das will etwas heißen, weil fast jeder Cowboy mehr oder weniger gut schießt.

 

*

 

Sie reiten vom Yellowsprings über Tombstone nach dem Dragoon Pass, verfolgen die Schienen der Southern Pacific-Bahn bis Deming. Nach einer Woche erreichen sie den Rio Grande bei Rincon. Um abzukürzen, reiten sie nach Nordosten weiter und gelangen nach einer weiteren Woche an den Pecos River bei Fort Summer. Jetzt haben sie noch beinahe dreihundert Meilen zu reiten, bis sie im Panhandle-Gebiet von Texas sind.

Fort Summer liegt am Rande des berüchtigten Wüstengebietes des Llano Estacado. Der Pecos River führt Hochwasser, denn oben in Colorado schmilzt der Schnee. Baumstämme, ganze Sträucher und sogar tote Rinder treiben im Strom zu Tale. Am Rande der überschwemmten Weiden sitzen Indianerinnen, die ihre Wäsche waschen. Etwas weiter nach Norden hinauf erkennt man die Wälle der Fortanlage. Das Sternenbanner weht auf dem Mast und verkündet dem Land die Macht der Kanonen, die im Fort untergebracht sind.

Buffalo rutscht im Sattel hin und her. „Ist ’n mächtiger Stützpunkt hier,“, erklärt er.

John nickt. „Ich weiß es, Kenne die Gegend hier sehr gut. Ritt einst mit Marc Brender auf diesen Wegen,“

Hmm, der gute alte Marc,“, knurrt Buffalo und blickt zum Himmel. Dann meint er trocken: „Ob die uns noch was zu essen übriggelassen haben?“ Er deutet zum Fort hinüber, wo aus einem Schornstein mächtige Rauchwolken aufsteigen.

Wollen sehen,“, sagt John lachend. „Angemeldet sind wir ja nicht,“

Wenn die uns nichts geben, mache ich das Fort zu Kleinholz, John,“, erklärt Buffalo und tippt sich auf seinen Magen.

Als sie in das Fort einreiten, wird gerade eine Abteilung Rekruten gedrillt. Das Gebrüll der kommandierenden Sergeanten dröhnt im Hof des Forts. Weit hinten vor dem Gebäude der Kommandantur übt ein Offizier mit einigen Reitern Hindernisspringen. Auf dem Wachturm bläst der Hornist zum Mittagessen.

Hörts du es, mein Junge?“, sagt Buffalo und grinst erfreut. „Sie blasen zum Essen, Schätze, dass wir gerade zur rechten Zeit kommen.“

Auch andere durchreitende Cowboys und Abenteurer haben innerhalb des Forts ihre Zelte aufgeschlagen. Seit den Indianerkriegen ist es das Recht jedes US-Bürgers, den Schutz der Forts in Anspruch zu nehmen. Niemand wundert sich deshalb über John und Buffalo, die ihre Pferde zu den übrigen Tieren in den Korral bringen. Für das Füttern müssen sie dem Stallburschen fünfzig Cent pro Gaul geben.

Wo legen wir uns hin?“, fragt Buffalo. Sein Blick sucht nach einem günstigen Platz als Nachtlager.

Drüben unter den Barrikaden,“, meint John. „Ist geschützt und am Tag schön schattig,“

Sie tragen ihre Sättel hinüber und breiten die Decken aus.

Wo meine Decke liegt, ist meine Heimat, klar?“, brummt Buffalo und schnallt seinen riesigen Kochtopf vom Sattel.

Willst du mit dem Ding essen gehen?“, fragt John.

Okay,“, erklärt Buffalo. „Dachtest du, ich nehme einen Fingerhut? Die Burschen soll’n ruhig auspacken,“ Damit zieht er los.

John nimmt seine Kasserolle und geht hinter Buffalo her zur Küchenbaracke hinüber.

Eine lange Reihe Soldaten in blauen Uniformen ist schon dort versammelt. Auch verschiedene Männer in Cowboykleidung stehen dazwischen.

John und Buffalo schließen sich hinten an.

Ein junger Rekrut macht eine lächerliche Bemerkung über Buffalos Figur. „Nussknacker,“, flüstert er seinem Nachbarn zu.

Buffalo hat das gehört. Ganz langsam geht er auf den jungen Burschen zu, packt ihn plötzlich mit einer Hand an der Brust, zieht ihn an sich heran, und ehe der Bursche begreift, was geschieht, wird er hochgestoßen und fällt der Länge nach auf dem Rücken in den Sand.

Dröhnendes Gelächter ist der Beifall der Umstehenden. „Jetzt hat mal einer sein freches Maul gestopft,“, höhnen die Kameraden.

Der junge Bursche steht auf und verdrückt sich zu einer anderen Stelle. Buffalo aber schneidet sich ein Stück Priem ab und tut so, als wäre er bei diesem Vorfall gar nicht dabei gewesen.

Du fällst wieder mal mächtig auf, Breiter,“, brummt Big John.

Wieso?“, fragt Buffalo wie ein Unschuldslamm.

Da oben am Fenster verrenken sich drei Offiziere ihre Hälse. Sie wollen dich vielleicht kaufen, so sehr betrachten sie deine hübsche Figur,“, erklärt John.

Fang du nicht auch noch an, Großer, sonst werd’ ich wild,“, knurrt Buffalo.

John lacht nur.

Endlich sind sie so weit vorgerückt, dass sie bei dem Küchenhelfer anlangen, der das Essen ausschöpft. Als der aber Buffalos großen Topf sieht, fragt er: „Wieviel Mann?“

Sechs,“, erklärt Buffalo todernst.

Weißt du nicht, dass alle selbst kommen müssen, Breiter?“, fragt der Küchensergeant, der gerade herbeigeschlendert ist.

Ich kriege entweder sechs Portionen in diesen Topf, oder ich schlage euch alle hier hinein wie die frischen Eier,“ erklärt Buffalo, ohne die Stimme zu erheben.

Jeden anderen Mann hätte der Sergeant nun hinauswerfen lassen. Doch er ist nicht dumm genug, das mit diesem Breiten zu versuchen. Zudem steht noch ein Riese hinter dem Mann mit dem Topf, und dieser Riese scheint der Freund des Stänkers zu sein.

Also gut, gib diesem Viereckigen seine sechs Portionen,“ weist der Sergeant den Helfer an. „Ich möchte zwar schwören, dass er sie ganz allein auffrisst, aber ...“

Aber?“, fragt Buffalo kühl.

Schon gut,“ knurrt der Sergeant und wendet sich Big John zu.

Die Kasserolle vollmachen,“ bestimmt Big John, als wäre der Sergeant sein Diener.

Abermals resigniert der Sergeant. Mit solchen Kraftkerlen Streit zu suchen, liegt ihm nicht. Aufseufzend erklärt er: „Ich werde heute Abend eine Kanone herholen, um mich vor solchen Vielfraßen zu schützen, die unsere stolze Armee auffressen wollen, Noch einige wie ihr beiden, und ich koche für ein Regiment, obgleich nur eine Schwadron im Fort liegt,“

John und Buffalo gehen grinsend zu ihrem Lager und essen. Die Kartoffeln und das Rindfleisch schmecken ihnen so trefflich, dass sie gar nicht auf den Offizier achten, der ihnen von weitem zusieht.

Langsam kommt der Oberst näher. Er stellt sich hinter die beiden Essenden und betrachtet sie schweigend.

John dreht sich schließlich um, denn er fühlt den Blick des Mannes in seinem Rücken. „Oho, ein Gast,“ sagt er etwas spöttisch.

Buffalo wendet sich um, ohne aber den Topf loszulassen, den er auf seinen Knien hält. „Kommen Sie ruhig näher, Colonel, Wir haben noch was übrig .für Sie,“ sagt er in seiner rauen Art.

Der Colonel lächelt. „Schmeckt es denn, Männer?“, fragt er freundlich.

John mustert den weißhaarigen Oberst genauer. Das ist keiner jener Kasernenhofblüten, sondern ein Mann, der schon vor dem Feind seine Fähigkeiten beweisen musste.

Uns schmeckt es immer gut, weil wir immer hungrig sind,“ antwortet Buffalo auf die Frage des Offiziers. „Wollen Sie uns helfen, diesen Topf zu leeren? Wir schaffen es aber auch allein,“ fügt er noch schnell hinzu.

Der Oberst lächelt noch immer. Gar nicht eingebildet, setzt er sich neben John und Buffalo und zieht seinen Tabaksbeutel heraus. „Wenn ihr fertig seid, könnt ihr euch eine davon drehen,“ sagt er verschmitzt lachend.

Buffalo nickt. John aber wundert sich über den Oberst. „Was führt Sie zu uns?“, fragt er, weil er sich denken kann, dass sie der Offizier nicht nur ihrer schönen Augen wegen besucht.

Hmm“, macht der Oberst und lächelt wieder.

Big John muss an seinen Vater denken. Der war auch Offizier im Sezessionskrieg gewesen. In gewissem Sinn sah er diesem Oberst sogar ähnlich.

Ich hörte gerade, wie der Küchensergeant meinem Adjudanten meldete, dass zwei Vielfraße im Fort seien, die es darauf angelegt haben, die amerikanische Armee zu ruinieren, Nun wollte ich mir mal diese Ungetüme ansehn,“

Buffalo vergisst das Essen. Big John lacht kurz auf. „Ist das alles?“, fragt er gutmütig.

Hmm“, brummt der Offizier und sagt dann: „Nicht ganz, Ich erfuhr von einem alten Sergeanten der C-Schwadron, wer ihr beiden seid,“

So?“ meint Buffalo. „Wer sind wir denn?“

Der Oberst lacht. „Dieser hier“, er zeigt auf Big John, „ist John Morgan, und du bist Buffalo. Den richtigen Namen wusste sogar mein wackerer Sergeant nicht.“ Er tippt freundlich Buffalo auf die Schulter.

Hmm“, meint der Breite trocken, „meinen richtigen Namen habe ich selbst schon vergessen,“

Woher kennt uns Ihr Sergeant?“, fragt John interessiert.

Von früher noch; ich weiß es nicht. Er sagte etwas von einem Marc Brender:..“

Na und?“, fragt Buffalo und kratzt seinen Topf aus.

Ich könnte euch sehr gut gebrauchen,“ erklärt der Oberst.

Wir reiten nach Texas und bohren dort Öl aus der Erde,“ sagt Big John. „Wir haben keine Zeit,“

Ich hätte eine Arbeit für euch, die gut bezahlt wird,“ sagt der Offizier, ohne auf Johns Erklärung einzugehen.

Ölbohren wird besser bezahlt,“ widerspricht Buffalo.

Wer sagt das denn?“, fragt der Oberst verblüfft. „Bisher ist doch noch gar kein Betrag genannt worden,“

Ölbohren wird immer besser bezahlt, als die armselige Armee aufbringen kann,“ erklärt Buffalo, fest überzeugt.

John dagegen hat schon etwas mehr Interesse an dem Vorschlag des Mannes. „Was wollen Sie denn von uns?“

Kennt ihr Hot Springs?“

Kennen wir,“ brummt Buffalo gelangweilt. Er zieht seine kurze Pfeife aus der Brusttasche und stopft sie mit dem herrlich duftenden Tabak des Obersten.

Ihr wisst, wie es dort aussieht?“

Sicher wissen wir’s,“ erwidert Big John. „Berge, Felsen und Wald. Wie soll es dort anders aussehen?“

Ihr habt Namen, die mir nicht unbekannt sind, Ich weiß auch, dass ich keine besseren Männer dazu finden kann,“

Wozu?“, fragt Buffalo und bläst den Rauch aus.

Seit einer Woche warten wir auf Captain Fox. Er ist mit drei Reitern nach Hot Springs aufgebrochen, weil es dort einen Zwischenfall mit Banditen gegeben hat. Inzwischen war eine Patrouille von der B-Schwadron unter Führung eines Lieutenants dort, aber von dem Captain ist keine Spur zu finden. Es ist so, als hätte der Erdboden die vier Männer verschlungen. Nun wisst ihr ja, wie es ist, wenn Soldaten in die Einsamkeit kommen. Alle Bewohner sind misstrauisch, wenn Uniformen auftauchen. Niemand verrät etwas. Auch Lieutenant Solonsky kam heute ohne Ergebnis wieder. Er ist in Zivil nach Hot Springs geritten, hatte jedoch keinen Erfolg. Fox und seine Männer sind verschwunden,“

Eine Woche ist nicht lange, Colonel,“ erklärt Big John. „Wer weiß, wohin sich Ihre Leute verlaufen haben,“

Soll schöne Frauen geben in Hot Springs,“ meint Buffalo grinsend.

No“, erklärt der Offizier fest, „Captain Fox ist ein Mann mit der soldatischsten Pünktlichkeit, die ich je erlebte. Wenn er einen Tag zu spät käme, würde ich mich schon wundern, aber eine Woche?“

Was springt dabei heraus?“, fragt Buffalo listig.

Hmm, was wollt ihr haben?“, fragt der Oberst.

Buffalo ist um keine Antwort verlegen. Umsonst ist seiner Meinung nach der Tod, und der kostet das Leben. „Ihr macht mit Big John einen Vertrag, dass ihr in Zukunft nur noch Pferde von seiner Ranch und Zucht erwerbt, Was meinst du, John?“, wendet er sich an den Freund.

Damit wären wir die Verkaufssorgen für das nächste Jahr los,“ erwidert John. „Das Fort würde mindestens fünfzig Pferde kaufen, Pancho wird sich freuen,“

Well, das ist ein Vorschlag,“ erklärt der Oberst. „Ich mache den Vertrag und gebe euch noch jedem hundert Dollar aus der Armeekasse, wenn ihr mir den Captain und seine drei Männer findet,“

Ob sie noch leben, weiß ich nicht,“ meint Big John.

Suchen Sie,“ ruft der Colonel. „Denkt daran, dass der Captain eine junge Frau und zwei kleine Kinder hat, Auch einer der Soldaten ist jung verheiratet,“

Damit hat es nichts zu tun, Es sind Menschenleben, Ob ledig oder dreimal verheiratet,“ knurrt Buffalo rau. „Ob mit zwanzig Kindern oder keinem, das spielt keine Geige,“

Ich danke euch, Bis ihr wegreitet, könnt ihr euch so oft in der Küche zu essen holen, wie ihr nur wollt,“

Sehr gütig,“ sagt Buffalo grinsend.

Kaum ist der Oberst wieder weggegangen, fragt Buffalo: „Also bohren wir noch kein Öl, wie?“

Schätze, wir verkriechen uns erst eine Weile in die Rocky Mountains. Das Öl wird ja nicht gleich ausgelaufen sein“, erwidert John.

Wer weiß es?“, meint Buffalo. „Man sagte mir, dass Öl eine sehr dünnflüssige Sache sei, Na ja, dann wollen wir erstmal diese drei Wickelkinder und den Familienpapa aus den Bergen zu ihren Schäfchen zurückholen,“ Er stöhnt auf. „Ist doch furchtbar, wenn einen jeder im Land kennt wie einen bunten Hund,“

Well, nun halte deinen Schnabel, damit ich endlich etwas pennen kann,“ brummt John und hat schon die Augen geschlossen.

Ach, du sammelst wohl schon Vorratskräfte, was? Oh, diese Jugend,“ ächzt Buffalo und legt sich ebenfalls auf die Seite.

 

*

 

Als sie in Hot Springs einreiten, steht eine Menge ziemlich wüst aussehender Gestalten auf der Straße. Der Ort liegt am Berg. Die Hauptstraße geht, ziemlich stark abfallend, bis zu den heißen Quellen hinunter, die im Tal entspringen und dem Ort seinen Namen gaben.

Als Buffalo die wilden Gestalten sieht, meint er trocken: „Es beginnt mir hier zu gefallen, Big John,“

John nickt grinsend. „Es ist eine gute Luft hier oben, Ich glaube, dass es uns hier gefallen wird,“

Es riecht hier direkt nach Blei,“ erklärt Buffalo und schielt nach einem verwegenen Burschen, dessen Hand in verdächtiger Nähe des Revolvers ruht.

Das soll sehr gesund sein, sagte mir ein Arzt, Er meinte auch, dass bleihaltige Luft das Leben verlängere, wenn man nicht daran stürbe,“ Buffalo zügelt sein Pferd. „Dort vorn ist die Kneipe“, sagt er, „und ich will mein Pferd fressen, wenn der dreckige Stromer, dem sie gehört, seit dem letzten Mal, als ich hier war, nur ein Brett erneuert hat, Es ist immer noch die gleiche Schnapsscheune wie einst,“

Du musst dir eben deinen Husten abschaffen, sonst fällt uns noch das Dach auf den Kopf, wenn wir drinsitzen,“ brummt John.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904765
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
john morgan morgans chance

Autor

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Titel: Big John Morgan #4: Morgans letzte Chance