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Vier Western Trail Romane August 2016

von Alfred Bekker (Autor) Glenn Stirling (Autor) John F. Beck (Autor) Frank Callahan (Autor)

2016 460 Seiten

Leseprobe

Western Sammelband

Männer im Kampf um Recht und Rache. Dramatische Romane aus der harten Zeit des Wilden Westens, von Top-Autoren des Genres in Szene gesetzt

Dieser Sammelband enthält folgende Western-Romane:

 

Glenn Stirling: Die Pantherin schlägt zu

Frank Callahan: Keinen Cent für Chacos Leben

John F. Beck: Shengs Goldkutsche

Alfred Bekker: Nugget-Jäger

 

 

 

 

 

Cover: Firuz Askin

 

Die Pantherin schlägt zu

 

 

 

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Wahlkampf in Arkansas! Der amtierende Gouverneur Harry Houston hat einen ernstzunehmenden Gegner bekommen: „Terry“ Rory O´Hagan – ein Mann, dem es gelungen ist, in kürzester Zeit die Sympathien vieler Wähler zu gewinnen. Kurz vor dem entscheidenden Wahltag wird er entführt. Niemand kennt seinen Aufenthaltsort – aber wenn er nicht bald wieder frei kommt, dann hat er die Wahl verloren.

Braddock und Yumah greifen ein – und sie erkennen sehr rasch, dass dieser Wahlkampf bisher alles andere als ehrlich abgelaufen ist. Eine schmutzige Intrige folgt der anderen, und bald ist klar, wer hinter der Entführung von O´Hagan steckt. Derjenige fühlt sich zwar noch sicher – aber wenn Braddock und Yumah sich einmischen, dann gibt es jede Menge Ärger...

 

 

 

 

Der Mann steht am Fenster. Die Gardine ist nur einen Spalt geöffnet. Groß und breit ist der Rücken des Mannes, der hinaus auf die Straße schaut, der die Klänge der Musikkapelle hört, der die Menschen unten sieht, die sich drängen, um „Terry“ Rory O’Hagan zu sehen, den Mann, dem das Volk in Arkansas zujubelt.

Der Mann am Fenster würde niemals jubeln. Der Mann am Fenster will nur sehen, ob sein Plan richtig eingefädelt ist. Er ist kein Freund von „Terry“ Rory O’Hagan wie all die Menschen da unten.

Solche Wahlveranstaltungen hat der Mann am Fenster schon viele gesehen.

Und immer wurde Rory O’Hagan zugejubelt. Die Leute wollen ihren „Terry“ sehen, das ist sein Spitzname, für ihn fast ein Kosename. Sie lieben ihn, und jetzt ist er auch auf dem Podium erschienen.

Jubel brandet auf. Die Fackeln leuchten mit zuckenden Flammen auf die Szene. Das Licht erhellt die straffe, sehnige Gestalt von Rory O’Hagan.

Er hebt die Hände, bedankt sich für den Beifall. Und dann ist es auf einmal still.

Sie warten auf seine Rede. Gebannt schauen sie zu ihm hin.

Rund um das Podium stehen die Männer, die Terry auf seiner Wahlreise begleiten.

Der Mann am Fenster verzieht sein Gesicht. Es ist kein schönes Gesicht, voller Falten und Narben. Das Gesicht eines Kämpfers. Er wird El Capitan genannt. Ein Name, den ihm seine mexikanischen Gegner gegeben haben. Denn er selbst ist kein Mexikaner. Seine Augen sind blau, sein schütteres Haar, dort, wo es noch nicht ergraut ist, war einmal blond. Dreißig Jahre seines fünfzigjährigen Lebens sind Kampf gewesen. Und solange er atmet, wird sein Leben Kampf sein.

Unten hat Terry zu reden begonnen. Eine Rede, die El Capitan kennt. Er könnte sie selbst aufsagen, so oft hat er sie gehört. Denn dieser Mann dort unten, der seine Zuhörer in Bann schlägt und so begeistern kann, möchte Gouverneur von Arkansas werden, mit Reformen, mit einem Blick auf eine neue Zukunft, auf eine ganz andere Zukunft, in der alle Menschen gleich sind, auch der mexikanische Teil der Bevölkerung, ja sogar die Neger. In Frieden will er mit allen anderen leben. Und er möchte die Armen besserstellen, nicht alles den Reichen zufließen lassen. Und von Freiheit, von sehr viel Freiheit ist die Rede.

El Capitan kennt diese Sätze, und er hört gar nicht mehr hin. Er beobachtet nur, wo seine Männer stehen, ob sie dort sind, wo er sie haben will.

Hinter ihm knarrt es. Aber Capitan dreht sich nicht um. Er weiß, wer da noch mit im Zimmer steht und sich jetzt mit langsamen Schritten nähert, neben ihm stehenbleibt.

Mitch Brighton, sein bester Mann, kleiner als er, aber breit in den Schultern, mit einem muskulösen Nacken, einem sonnengebräunten, kantigen Gesicht. Auch er hat blaue Augen. Auch bei ihm ist das Haar nicht mehr so dicht wie früher. Doch Mitch Brighton ist gut zehn Jahre jünger als El Capitan. Immerhin reiten sie seit zwanzig Jahren Bügel an Bügel.

Es ist alles richtig, nicht wahr, El Capitan?“, sagt Brighton mit spröder Stimme.

El Capitan antwortet mit abgrundtiefem Bass:

Ich habe lange genug auf diesen Augenblick gewartet. Jetzt schnappen wir ihn uns.“

Auch die Frau?“, will Mitch Brighton wissen.

Ihrer beider Blicke konzentrieren sich auf eine Gestalt neben dem Podium. Eine auffallend schöne Gestalt. Sie ist nicht so blond wie ihr Bruder, diese strahlend schöne junge Frau. Sie hat rotes Haar, langes, bis zu den Schultern reichendes rotes Haar. Sie ist schlank, und ihr Äußeres verrät etwas von dem Feuer, das sie besitzt.

Dieses Feuer ist auch in ihren Augen.

Er kann gut reden“, stellt Mitch Brighton fest, „und dazu hat er dieses Kapital von Weib.“

El Capitan verzieht das Gesicht und lächelt. Dabei vermehren sich noch die Falten in seinem Antlitz. „Ja, ein hübsches Biest ist sie schon. Verfolgt sie dich in deinen Träumen, Mitch?“

Manchmal schon“, gibt Mitch zu.

So etwas würde er nie einem anderen sagen, nur El Capitan. Weil sie Freunde sind. Freunde auf einem Höllenpfad, den sie seit zwanzig Jahren gemeinsam reiten.

Mit einer Verfolgung ist nicht zu rechnen“, sagt Mitch. „Das habe ich alles abgeklärt. Die paar Mann von der Nationalgarde werden einer falschen Spur folgen, so wie es abgemacht ist. Der Sheriff unternimmt überhaupt nichts, auch das ist abgemacht. Terry ist uns in die Falle gelaufen. Hier in der Stadt hätte er nie aufkreuzen dürfen. Aber jeder macht nun mal seinen Fehler. Er ist so sicher, dass ihn alle lieben, da kommt er gar nicht darauf, dass es hier doch eine ganze Menge gibt, die ganz anders denken. Eigentlich schade um den Burschen. Wenn er auf unserer Seite stünde, könnte er uns verdammt helfen.“

Solche Leute stehen nie auf unserer Seite“, erwidert El Capitan. „Und jetzt wollen wir nicht länger reden. Wenn er mit seiner Ansprache fertig ist und das Podium verlässt, schlagen wir zu. Ist wirklich alles bereit? “

Alles, El Capitan“, versichert Mitch. „Ernest steht ihm am nächsten. Die anderen haben ihre Positionen eingenommen, und die Scharfschützen befinden sich bereits auf den Dächern.“

Ich will kein Blutbad in der Menge, verstehst du?“, erklärt El Capitan. „Das ist nicht abgemacht.“

Nur zur Sicherheit, El Capitan, nur zur Sicherheit. Es sind Leute, die sich nachher wieder unter die Menge mischen und uns irgendwann folgen. Wir müssen eine Nachhut haben, El Capitan. Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht dazu kommt, wenn ein paar Verrückte sich auf die Pferde schwingen und uns zu folgen versuchen. Auch ungeübte Burschen können uns, wenn sie etwas Glück haben, gefährlich werden. Das müssen wir verhindern.“

Dann schießt auf die Pferde und nicht auf die Männer. Man wird sowieso behaupten, dass Harry Houston hinter allem steckt. Diesen Eindruck müssen wir verwischen.“

Wenn die Lösegeldforderung herauskommt, ist dieser Eindruck verwischt. Dann denkt niemand mehr, dass sich Houston Vorteile verspricht, weil er wieder Gouverneur werden will. Sie werden annehmen, dass es ein Banditenstück ist, und nicht mehr.“

Bist du Republikaner?“, fragt El Capitan lächelnd.

Ich bin weder Demokrat noch Republikaner. Ich bin für gar keine Partei. Die einzige Partei, die ich kenne, der gehören wir beide an. Das sind wir zwei.“

El Capitan lacht und wendet sich Mitch Brighton zu, schlägt ihm auf die Schulter und sagt, während er zu ihm herabblickt: „Ich denke genau wie du. Es ist das einzige, was einen über Wasser hält, wenn man selbst die eigene Partei Ist und sonst gar nichts. Sie bezahlen uns gut, und das ist das, was mich wirklich interessiert. Denn Houston redet denselben Stuss wie Terry. Sie sind alle gleich. Sie wollen an die Macht.“

Na, ich bin mir nicht so sicher, ob Terry so denkt. Weißt du, El Capitan, das ist ein Idealist, ein Verrückter.“

Deshalb muss er weg, so einfach ist das.“

Das heißt in anderen Worten, dass wir ihn früher oder später umlegen.“

El Capitan hebt beschwörend die Hand. „Aber nicht doch! Erst einmal darf ihm gar nichts geschehen, denn sie werden Beweise verlangen, dass er lebt. Immerhin wollen wir Lösegeld.“

Und was unternimmt Houston? Er kann doch nicht einfach tatenlos zusehen. Bedenke mal, wieviel Anhänger Terry inzwischen hat. Wenn heute Wahltag wäre, steckte er mit seinen Demokraten die Republikaner in die Tasche! Dann wäre er Gouverneur.“

Natürlich“, meint El Capitan lächelnd. „Das ist es ja. Aber Houston wird natürlich eine Menge tun. Wahrscheinlich schickt er ein paar Marshals hinter uns her, aber zu befürchten haben wir nichts. Natürlich müssen wir aufpassen, dass nicht irgendein Übereifriger darunter ist. Der hat dann eben Pech gehabt.“

Es ist gleich soweit“, sagt Mitch Brighton und blickt aus schmalen Augen hinunter auf die Szene um das Podium.

Sie lauschen wieder beide. Die Sätze, die von unten heraufklingen und die sie durchs geöffnete Oberfenster hören können, sind ihnen beiden vertraut.

Terry“ Rory O’Hagan kommt zum Schluss seiner Rede. Immer wieder unterbrochen von Beifall, holt er nun zum großen Finale aus.

Mitch Brighton beobachtet die Frau, die ganz dicht an dem Podium steht und zum Sprecher hinaufschaut. Die Fackeln werden von ihren Augen reflektiert, so dass es den Eindruck hat, als würden diese Augen leuchten.

Mitch Brighton weiß, wer diese Frau ist. Terrys Schwester und seine engste Mitarbeiterin in diesem Wahlkampf um den Gouverneursposten. Eine betörend schöne Frau, die besonders von den Männern unter den Zuhörern mit größtem Interesse beobachtet wird. Und jetzt steigt sie ebenfalls zum Podium empor. Zwei Männer neben ihr helfen ihr hinauf.

Terry breitet die Arme aus. Beifall brandet auf. Er hat seine Rede beendet.

Und dann kommt seine Schwester Patty.

Groß, schlank, das rote Haar leuchtet im Schein der Fackeln wie Feuer. Ihr Gesicht erscheint ein wenig blass, aber es ist ein ausgesprochen schönes Gesicht. Das dunkelblaue Kleid, das sie trägt und das bis zum Boden reicht, umschließt ihren Körper wie eine zweite Haut. Ein schlanker, hinreißend schöner Körper für alle jene, die Patty O’Hagan da oben sehen.

Und nun, als der Beifall abebbt, spricht sie, wie immer nach der Wahlrede ihres Bruders ein paar Worte, fordert die Zuhörer auf, ihren Bruder zu wählen, weil er ein Garant für all das ist, was er ihnen zugesagt hatte, sollte er Gouverneur werden.

Der Beifall nach diesen wenigen Sätzen fällt noch stürmischer aus als zuvor. Patty lächelt ebenso wie ihr Bruder den Zuschauern zu, und sie weiß sicherlich, dass es nicht nur ihre Worte waren, die besonders die Männer unter den Zuschauern begeistern. Sie selbst ist es.

Ganz schön kluges Weib! Sieh nur, Mitch, wie die sich bewegt. Geschmeidig wie ein Pantherweibchen.“

Du hast das schon mal gesagt, El Capitan“, meint Mitch grinsend.

Was gesagt?“

Du hast sie schon einmal Pantherin genannt.“

Sie ist gefährlich. Ich glaube, sie ist klüger als ihr Bruder. Die ganzen Wahlreisen hat sie organisiert. Vielleicht hat sie auch seine Reden geschrieben“, meint El Capitan.

Fährt sie mit weg?“

Um Himmels willen, nein, obgleich es das beste wäre. Aber diesen Fehler dürfen wir nicht machen, auch wenn es sich anbietet.“

Er zieht seine Taschenuhr aus der Weste, lässt den Deckel aufspringen und sagt: „Ganz pünktlich. Jetzt ist es soweit.“

Sie sehen, wie eine Kutsche auf die Menge zurollt. Dahinter ein zweiter Wagen, begleitet von zwei Reitern. Ihre Gesichter sind in der Dunkelheit, abseits des Fackelscheins, nicht zu sehen, so wenig wie das Gesicht des Kutschers.

Der Wagen hält. Einer von den acht Männern, die „Terry“ Rory O’Hagan begleiten, kommt zur Kutsche herüber und will zum Bock hinaufsteigen.

Plötzlich sind da drei Gestalten um ihn. Alles spielt sich abseits des Lichtscheines ab. Der Begleiter verschwindet. Aber dann zieht sich ein anderer hinauf auf den Bock. El Capitan und Mitch Brighton wissen, dass es nicht einer von den Begleitern Terrys ist, sondern einer von ihren Männern. Aber die Kleidung ähnelt sich.

Und dann kommen die sieben anderen Begleiter, umringen Terry und seine Schwester, die von den Menschen umjubelt wird, halten die übereifrigen Männer, die Patty aus allernächster Nähe sehen wollen, zurück, ebenso wie die Frauen, die sich zu Terry drängen, der in seinem Wahlkampf ganz besonders die Frauen auf seiner Seite hat, obgleich sie gar nicht wählen dürfen. Aber er ist ihr Idol, sie umjubeln ihn. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch.

Aber da sind auch andere, die nur so tun, als jubelten sie den beiden zu. Männer, die sich ebenfalls herandrängen, zwischen die Begleiter schieben.

Terry und seine Schwester steigen in die Kutsche. Zwei der Begleiter steigen ebenfalls ein. Ein dritter will es, aber plötzlich verschwindet er wie durch Zauberhand, sackt einfach weg und ist in der Menge nicht mehr zu sehen. Einem anderen geht es ebenso.

Und plötzlich sind vorn am Gespann Männer, die der Kutsche eine Gasse bahnen. Männer, die aussehen wie die Begleiter Rory O’Hagans. Aber es sind die Männer von Mitch Brighton, auch wenn sie die Kleidung so tragen wie die kleine Schutzgarde des Bewerbers um den Gouverneursposten.

Nur zwei sind drin. Es hat besser geklappt, als ich dachte“, sagt El Capitan, der sich eine Zigarre angebrannt hat und gelassen daran zieht, während er sich zugleich das Spektakel da unten ansieht wie auf einer Bühne.

Und dann fährt die Kutsche los. Sie fährt ziemlich schnell los. Die Gasse ist frei. Reiter sind in den Sätteln.

Plötzlich schreit jemand:

Hilfe! Er hat ein Messer in der Brust, Hilfe!“

Die Stimme einer Frau, gellend und durchdringend.

Jetzt kommt Bewegung in die Menge da unten. Dann wieder der Ruf, dass irgendwo zwischen ihren Füßen einer liegt, tot, erstochen.

Die Kutsche fährt schon davon, wird schneller. Ein Rudel Reiter kommt aus einer Seitengasse, schwärmt um die Kutsche herum, begleitet sie aus der Stadt Saldown.

Es ist erledigt“, meinte Mitch Brighton und blickt erleichtert auf El Capitan.

Der zieht an seiner Zigarre. Sein Gesicht wirkt unbewegt. Dann nimmt er die Zigarre aus dem Mund und erwidert, ohne den Blick von der Straße zu wenden:

Vier von denen haben sie jetzt gefunden. Aber sie gackern durcheinander wie die Hühner. Du hast es gut berechnet, Mitch.“

Mitch grinst stolz: Es ist nicht sein erster Auftrag, den er durchorganisiert hat.

Männer rufen nach dem Sheriff. Und dann spielt sich auf einmal alles das ab, was in Mitch Brightons Organisationsplan passt. Aber es vergeht immerhin noch eine halbe Stunde, bis sie alle fünf niedergemachten Begleitleute gefunden haben.

Vier liegen tot auf der Straße. Der fünfte ist besinnungslos, aber ansonsten unverletzt. Der sechste und der Kutscher des Wagens werden ebenfalls bewusstlos gefunden, doch sie sind beide nicht niedergeschlagen worden. Unmittelbar in ihrer Nähe liegen Wattebäusche, die mit Chloroform getränkt waren.

Der Sheriff und seine beiden Deputies haben alle Hände voll zu tun, die Leute zurückzudrängen, damit sie ihre Untersuchungen einleiten können.

Niemand macht nur den Versuch oder den Vorschlag, der Kutsche zu folgen. Man kennt diese Männer nicht, die da am Boden liegen, weiß aber, dass sie zur Begleitung gehört haben. Aber so richtig begreift keiner der Menschen da unten, um was es wirklich geht und was da überhaupt passiert ist.

Erst als der Kutscher aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, scheint Licht in das Dunkel dieses Vorgangs zu kommen. Aber der Sheriff nimmt sich sofort des Kutschers an, und der Arzt der Stadt, ein alter Säufer, ist mit zwei schroffen Worten davongescheucht worden. Nachdem sich der Kutscher mehrmals übergeben hat, weil er das Chloroform nicht verträgt, ist es der Sheriff, der hört, dass Unbekannte den Kutscher überwältigt haben und ihm den mit Chloroform getränkten Wattebausch vor die Nase hielten.

Es gibt keine Spur, keinen Hinweis, nichts. Nur dass Fremde in der Stadt gewesen waren. Fremde, die nicht zur Begleitung „Terry“ Rory O’Hagans gehörten.

So lässt der Sheriff nach Fremden suchen. Aber nicht im Hotel, wo El Capitan und Mitch Brighton sind. Die Scharfschützen von den Dächern sind längst weg, haben sich vorhin schon unter die Menge gemischt, als noch ein lebhaftes Durcheinander herrschte.

Und jetzt sind sie längst verschwunden. Nur El Capitan und Mitch Brighton sind noch in der Stadt. Aber die waren schon Tage vor dem Eintreffen Rory O’Hagans hier. Für die Stadt sind es keine Fremden, sondern gute Freunde vom Sheriff. Zwei Männer, die ihn besucht haben und erst morgen Abend, wenn die Linienkutsche kommt, weiterreisen werden.

Der einzige, der einen Zusammenhang kennt, ist der Sheriff. Und der ist wirklich ein alter Freund von El Capitan, ist früher selbst einmal an dessen Seite geritten und hat bei der von langer Hand vorbereiteten Falle mitgewirkt, in die Rory O’Hagan hier, in diesem Ort, tappen sollte. Und er ist hineingetappt.

El Capitan zieht wieder die Uhr heraus, lässt den Deckel aufschnappen und sagt zu Mitch Brighton:

In einer halben Stunde holen sie ihn aus dem Wagen. Hoffentlich machen deine Leute keinen Unfug. Ich meine, was Patty O’Hagan angeht.“

Mitch Brighton schüttelt empört den Kopf. „Aber nein! Die halten sich genau an meine Anweisungen.“

Sie ist eine sehr hübsche Frau. Darüber könnte mancher deine Anweisungen vergessen, mein lieber Mitch“, erwidert El Capitan mit hartem Lächeln.

 

*

 

Noch bevor die Kutsche die Stadt verlassen hat, ist der Begleitfahrer aufs Dach gekrochen. Und am Stadtrand fallen die Schüsse.

Er feuert zweimal blindlings in die Richtung, wo die beiden Begleiter von Rory O’Hagan und seiner Schwester im Wagen sitzen.

Das Mündungsfeuer ist kaum erloschen, da preschen zwei der Begleitreiter heran. Aber es sind eben nicht Rory O’Hagans Männer. Und als er das begreift, ist es zu spät.

Die beiden Begleiter in der Kutsche sind beide nicht tödlich getroffen, versuchen, ihre Revolver noch in Anschlag zu bringen ... zu spät!

Durch das offene Fenster fallen die Schüsse. Dann pariert der Kutscher das Gespann. Und die Kutsche ist von Männern umringt, die ganz und gar nicht Rory O’Hagans Bewunderer sind.

Patty O’Hagan ist unbewaffnet. Aber als die Männer in die Kutsche eindringen, wehrt sie sich wie ein Mann. Sie schlägt, sie tritt nach ihnen. Aber sie hat keine Chance, mit ihnen fertigzuwerden, so wenig wie Rory O’Hagan. Als der seinen Revolver, den er noch an einer ungünstigen Stelle unter seiner Jacke trägt, herausziehen will, fliegt ihm durchs offene Fenster ein Sack ins Gesicht, und dann stürzen sich zwei Männer auf ihn, entwinden ihm die Waffe, reißen ihm den Sack vom Gesicht und pressen ihm etwas auf Nase und Mund.

Er versucht, sich ihnen zu entwinden. Aber mittlerweile sind sie zu dritt. Und einer von ihnen hat Arme wie Stahlzwingen.

Rory O’Hagan ist kein Athlet, der die Möglichkeit gehabt hätte, mit ihnen fertigzuwerden. Und dieser Bausch, mit Chloroform getränkt, lässt seine Kräfte rasch erlahmen. Alles beginnt sich um ihn zu drehen, und er sinkt in eine tiefe Ohnmacht.

Indessen versuchen zwei andere Männer, denen jetzt ein dritter noch zu Hilfe eilt, die tobende Patty O’Hagan zu bändigen.

Als einer von ihnen mit dem Revolverkolben nach Pattys Kopf schlagen will, brüllt der schnauzbärtige Ernest Warren, der die Mannschaft führt:

Bist du wahnsinnig? Verletze sie nicht!“

Es gelingt den drei Männern, mit vereinter Kraft Patty O’Hagan zu überwältigen, aus dem Wagen zu reißen, auf den Boden zu pressen, um ihr dann, genau wie ihrem Bruder, einen Wattebausch mit Chloroform getränkt ins Gesicht zu pressen.

Sekunden später hat sie das Bewusstsein verloren.

Sie wird wieder in den Wagen geladen,und ein großer, sehr hagerer, fast dürrer Mann betrachtet die beiden Bewusstlosen. Vorsichtshalber träufelt er wieder Chloroform auf einen Wattebausch, hält ihn aber in der Hand und wartet darauf, dass einer der beiden zu sich kommen könnte.

Indessen fährt die Kutsche weiter, fährt durch die Nacht, und die Pferde laufen, was sie können.

Eine halbe Stunde später wird die Kutsche angehalten, werden die Pferde gewechselt. Frische Tiere werden von einer kleinen Reitergruppe, die dort wartet, bereit gehalten. Die ausgespannten Pferde lässt man einfach laufen. Dann fährt die Kutsche weiter, wieder so schnell es möglich ist.

Nach einstündiger Fahrt ist wieder Pferdewechsel. Alles scheint wie am Schnürchen zu klappen.

Die Zahl der Begleiter wird immer größer. Mittlerweile sind es achtundzwanzig Reiter, die neben der Kutsche reiten. Im Wagen sitzen weitere drei Männer. Einer davon ist „Doc“ Bill Maugham, der Mann, der dafür sorgt, dass die beiden immer wieder betäubt werden, sobald sie zu sich kommen.

Warren reitet einmal, als die Pferde der Kutsche Schritt gehen,neben dem Wagen und ruft durchs offene Fenster Bill Maugham zu:

Doc, halte sie bewusstlos! Ich will nicht, dass sie irgend etwas sehen, vor allen Dingen die Frau.“

Das kann ich nicht ewig so weitermachen“, erwidert Maugham. „Ich bringe sie damit um.“

In Ordnung. Wir haben nur noch eine halbe Stunde.“

Selbst wenn sie zu sich kommen“, ruft Maugham nach draußen, „sind sie nicht völlig da. Sie werden sich erbrechen. Chloroform ist ein Teufelszeug. Sie fühlen sich den ganzen Tag so mies, dass sie keinen klaren Gedanken fassen.“

Wenn es so ist, dann hör auf. Ich sagte ja, eine halbe Stunde“, brüllt Warren in den Wagen.

Eine halbe Stunde später hält die Kutsche in einem Arroyo, dem Tal eines ausgetrockneten Regenflusses voller Steine und struppigem Buschwerk an den Ufern. Es wächst hier unten etwas Gras, obgleich dieses Flussbett nur zwei oder dreimal im Jahr etwas Wasser führt.

Die Pferde grasen, die Männer machen Rast, und all jene, die sich der Kutsche oder in der Nähe befinden, müssen auf Warrens Befehl hin Halstücher über die untere Gesichtshälfte ziehen. Zwar sind die beiden Gefangenen immer noch benommen, aber Warren möchte kein Risiko eingehen. Er kann nicht abschätzen, ob die beiden alles um sie herum wahrnehmen oder nicht.

Als die Rast so gut wie vorüber ist, befiehlt Warren mit gedämpfter Stimme, die Frau aus dem Wagen zu ziehen.

Patty O’Hagan kann sich mit Mühe aufrecht halten. Sie ist wachsbleich, Brechreiz überkommt sie, und sie muss sich übergeben, kaum dass sie aus dem Wagen ist.

Niemand kümmert sich um sie, niemand hält sie noch fest. Aber bis sie das begreift und überhaupt weiß, was ihr geschah, setzt sich die Kutsche wieder in Bewegung, der Hufschlag vieler Pferde ertönt, und die ganze Kavalkade mit der Kutsche in der Mitte prescht davon.

Patty O’Hagan ist nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie kniet am Boden, und immer wieder würgt es sie im Hals, obgleich sie gar nichts mehr erbrechen kann. Ihr ist speiübel und hundeelend. Aber trotzdem wird ihr allmählich klar, dass man sie von ihrem Bruder getrennt hat. Sie ist freigelassen worden, hier in der Wildnis, und sie weiß nicht einmal, wo sie sich befindet. Aber ihren Bruder hat man mitgenommen.

Plötzlich hört sie den Hufschlag eines einzelnen Pferdes. Sie nimmt es nur im Unterbewusstsein wahr. Denn wieder würgt es sie im Hals, und sie hat das Gefühl, sterben zu müssen.

Sie verhält sich ganz still, damit sie nicht neuer Brechreiz überkommt, atmet mit offenem Mund und stützt ihren Oberkörper auf die Arme. Sie selbst kniet und kommt sich wie ein Tier vor, wie ein geprügeltes, ausgesetztes waidwundes Tier.

Plötzlich sieht sie die Beine schemenhaft vor sich in der Nacht. Sie blickt höher, und das kostet sie schon Mühe. Alles um sie herum scheint sich zu drehen, wenn sie den Kopf hebt.

Ein Mann.

Du hast gedacht“, hört sie eine fremde Stimme sagen, „dass du einfach so ungeschoren davonkommst? So etwas wie dich habe ich noch nie vor mir gehabt. Darauf musste ich mein ganzes Leben warten. Aber jetzt ist meine Stunde da. Du hast mir von Anfang an gefallen. Sieh mich an! Komm weg hier von dieser Schweinerei. Steh auf!“,

Sie steht nicht auf. Sie blickt nur zu ihm empor. Und das kostet sie Kraft.

Und dann sieht sie, wie er seinen Waffengurt öffnet, ihn beiseite wirft, wie er damit anfängt, seine Hose aufzuknöpfen.

Los, ein Stück weiter hinüber, weg von diesem Dreck!“, hört sie ihn sagen.

Sie begreift, was er will. Er will sie. Und er geniert sich nicht, sich vor ihr auszuziehen.

Plötzlich ertönt wieder Hufschlag. Patty versucht, ihre Gedanken zusammenzufassen, will klar denken, aber es gelingt ihr nicht. Immer wieder dieses Summen im Kopf, dreht sich alles um sie herum. Und dann dieser würgende, widerliche Brechreiz.

Er überkommt sie gerade in dem Augenblick, als der Mann in ihrer Nähe plötzlich seine Hosen wieder hochzieht und ihr absolut keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.

Und dann auf einmal ist der Reiter da.

Wie durch Watte hört Patty O’Hagan diesen Reiter brüllen:

Ich habe es gewusst! Ich habe es doch gewusst, du verdammter Hundesohn! Hatte ich euch nicht gesagt, dass sie nicht angerührt wird? Und du hast geglaubt, ich merke nicht, dass du zurückgeblieben bist? Du bist ein Verräter, ein gottverdammter Verräter!“

Und plötzlich kracht der Schuss.

Aus den Augenwinkeln sieht es Patty aufblitzen, hört den Knall, und dann schlägt der Mann, der sie haben wollte, vor ihr zu Boden. Er gibt keinen Laut mehr von sich. Er fällt einfach hin, liegt auf dem Rücken, und das schwache Licht der Sterne spiegelt sich in seinen weit geöffneten Augen.

Der Reiter sitzt ab, hebt irgend etwas auf, und Patty ist gar nicht dazu imstande, zu beobachten, dass es der Waffengurt des Toten ist, den er an sich nimmt. Er führt sein Pferd hinüber zu dem Pferd des Toten, sitzt wieder auf, jagt das ledige Pferd davon und verschwindet, ohne ein Wort zu Patty zu sagen.

Sie fühlt sich viel zu schlecht, ist viel zu erschöpft und noch zu benommen, um überhaupt zu begreifen, dass sie allein mit einem Toten hier zurückbleibt.

Erst als der Tag graut, geht es ihr besser. Da sieht sie den Toten, der noch immer so liegt wie vorhin. Die gebrochenen Augen sind zum Himmel gerichtet.

Patty ist keine Mimose. Sie ist mit ihrem Bruder auf einer Farm groß geworden und hat schon viele Dinge gesehen, die ein sanftes Gemüt verschrecken können.

Aber der Anblick des Toten ist ihr nicht gleichgültig. Es kostet sie Überwindung, ihn nach Waffen abzutasten, nach einem Messer wenigstens. Denn ein Messer könnte sie brauchen. Ihr ist klar, dass sie sich zu irgendeiner Siedlung durchschlagen muss. Die Gegend ist ihr abseits der Kutschenstraße unbekannt.

Sie findet ein Messer, und als erstes schneidet sie sich vom Rock des Kleides ein paar Handbreit ab, um sich besser bewegen zu können. Sie ist noch gar nicht damit fertig, als ihr der Zufall zu Hilfe kommt.

Sie schaut einmal auf und sieht am Rande des Arroyos plötzlich ein reiterloses Pferd stehen. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt sie das Tier, das dem Toten gehörte.

Es ist gesattelt, der Zügel hängt herunter, das Tier steht mit hängendem Kopf in etwa zweihundert Schritt Entfernung.

Patty zögert keine Sekunde. Sie springt auf, aber das tut ihr nicht gut. Wieder überkommt sie Brechreiz. Sie atmet tief durch, und da geht es besser. Dann macht sie sich auf den Weg, läuft in Richtung zu diesem Pferd hinüber.

Die Schuhe, die sie trägt, sind nicht sehr gut für einen Marsch durch das Geröll geeignet. Aber da reißt sie kurz entschlossen die Schuhe von den Füßen und schleudert sie beiseite. Barfuß, auf ihren Seidenstrümpfen, geht sie weiter.

Als sie das Pferd erreicht, begreift sie, warum es nicht weitergelaufen ist. Es hat sich im Zügel verfangen und ist darauf getreten und kommt nicht weg.

Sie hebt dem Pferd den Huf an, zieht den Zügel hervor, tätschelt das Pferd freundschaftlich und führt es dann übers Geröll zurück zu der Stelle, wo der Tote liegt.

Unterwegs ist ihr Plan gereift.

Sie mustert den Toten. Dann tut sie etwas für eine Frau Ungewöhnliches. Sie entkleidet den Mann, weil sie seine Sachen braucht, zieht sich selbst aus, steigt in die Hosen des Toten, schneidet ihr Kleid bis zur Taille ab und zieht sich das Oberteil wie eine Bluse an. Dann streift sie sich die Jacke des Toten über, schleppt die Leiche weiter vom ausgetrockneten Flussbett weg, bis an eine Stelle, von der sie glaubt, dass das Wasser, sollte es einmal regnen, nicht bis hierher reicht. Sie bedeckt den Toten mit Steinen und schafft so ein eigenwilliges Grab. Als sie damit fertig ist, spricht sie ein kurzes Gebet, geht dann in den viel zu großen Stiefeln des Toten zum Pferd, das sie angebunden hat, löst die Zügel und sitzt auf.

Sie ist eine hervorragende Reiterin, und im Herrensitz im Sattel zu sitzen ist ihr keinesfalls ungewohnt. Das Tier merkt das rasch.

Während des Rittes kramt sie in der Satteltasche des Toten und findet zu ihrer Überraschung einen Revolver, dessen Trommel geladen ist.

Sie steckt ihn in die Satteltasche zurück, aber so, dass sie jederzeit danach greifen kann.

Als sie eine Anhöhe erreicht und einen besseren Rundblick hat, versucht sie sich zu orientieren.

In ihrer Erinnerung müsste östlich von hier eine Siedlung sein. Und soviel sie weiß, ist das sogar eine mit einem Telegrafen. Aber sie hat keine Ahnung, wie weit das von hier entfernt ist.

Sie reitet nach Osten, und kurz nach Mittag, als die Sonne unerträglich heiß herunterbrennt, stößt sie auf einen Wagenweg.

Kurz entschlossen folgt sie ihm in nordöstlicher Richtung.

Es wimmelt hier von Huf und Wagenradspuren. Sie hat keinen Zweifel, dass sie früher oder später eine Siedlung erreichen muss. Sie hofft nur, dass es Gratty ist, wo es diesen Telegrafen gibt.

Den Plan, den deutlichen Spuren der Entführer zu folgen, gibt sie auf. Ihr ist da vorhin schon, als sie das Pferd gefunden hatte, eine viel bessere Idee gekommen. Es gibt da einen Menschen, der ihr einmal sehr viel bedeutet hat. Ein Mensch, den sie noch immer liebt, aber der ein sehr ruheloser Mensch ist. Ein Mann, den es nie an einer Stelle hält.

Wenn mir jemand helfen kann, mir und meinem Bruder, dann gibt es nur ihn und seinen Freund. Dann werden mir Braddock und Yumah bestimmt zu Hilfe kommen. Und bis dahin werde ich vielleicht das Versteck der Entführer von Terry bestimmt ausfindig gemacht haben...

 

*

 

Von Gratty aus, das Patty O’Hagan einen Tag später erreicht, macht sich Sheriff Nance mit einer zufällig anwesenden Patrouille der Nationalgarde und drei seiner Deputies auf den Weg. Patty lässt es sich nicht nehmen, die Männer zu begleiten, um sie zu der Stelle zu führen, wo man sie ausgesetzt hat.

Sheriff Nance ist ein entschlossener Mann. Und da Gratty überwiegend demokratisch wählt, gehört er der gleichen Partei an wie Rory O’Hagan.

Die Männer der Nationalgarde interessieren sich überhaupt nicht für Politik, und schon gar nicht Lieutenant Ross, der sie führt.

Die Patrouille, achtundzwanzig Mann stark, folgt zusammen mit den Sheriffs und Patty den Spuren. Diese Spuren sind deutlich, fast zu deutlich nach dem Geschmack von Sheriff Nance. Und diese Spuren führen geradewegs auf den Red River zu, der hier an dieser Stelle die Grenze zwischen Arkansas und Texas bildet und hier durch fruchtbares Tiefland fliesst. Am Fluss aber enden alle Spuren.

Sheriff Nance und zwei seiner Begleiter legen ihren Stern ab und fahren auf einem Floß auf die andere Seite, um den Anschluss der Spuren zu finden.

Sie finden nichts und müssen auch zusehen, wieder zurück auf das Gebiet von Arkansas zu kommen, denn auf der anderen Seite ist texanisches Gebiet, und dort kennt man auch Sheriff Nance. Er hätte dort in seiner Eigenschaft als Gesetzeshüter keinerlei Vollmachten. Die Männer der Nationalgarde bleiben schon gleich auf dem diesseitigen Ufer.

Immerhin ist es Patty gelungen, Nance zu überzeugen, dass er doch wenigstens mit Farmern auf texanischem Gebiet sprechen sollte.

Sie bleiben die Nacht über am Ufer auf der Seite von Arkansas, überqueren aber in den Morgenstunden nochmals den Fluss, dessen Namen von der roten Färbung herstammt, die von rotem Ton verursacht wird, über den er lange Strecken fließt.

Ein breiter, und stellenweise sehr, sehr tiefer Fluss.

Auf der anderen Seite führen Nance, seine Deputies und Patty durch, was sie sich vorgenommen haben. Sie erreichen Farmen, fragen da und dort, und niemand kann ihnen eine Auskunft geben, die ihnen weitergeholfen hätte. Es ist, als wären die Entführer mit einem Schiff weitergefahren. Aber ein so großes Schiff, um so viele Pferde und Männer aufzunehmen und dazu noch eine Kutsche, hätte es hier gar nicht gegeben. Die einzige Möglichkeit wäre, dass es sich um ein Floß gehandelt hätte.

Sheriff Nance resigniert. Lieutenant Ross von der Nationalgarde sieht sowieso keine Möglichkeit, etwa auf texanischem Gebiet weiterzusuchen, weil er dazu keine Vollmacht hat.

Patty hofft auf Braddock und Yumah. Sie hat eine Telegramm an eine Stelle aufgegeben, die nicht einmal Sheriff Nance ein Begriff ist. Patty aber weiß, dass es diese Handvoll Special Deputies gibt, die überstaatlich eingesetzt werden, ohne offizielle Vollmachten zu besitzen. Sie müssen in Eigeninitiative ihre Vorhaben ausführen.

Pattys Verdacht, dass Gouverneur Houston irgendwie die Hand im Spiel hat, lässt sich auch durch die Tatsache nicht mindern, dass Ross den Auftrag bekommt, mit einer Verstärkung von weiteren dreißig Männern in Arkansas nach den Entführern zu suchen.

Ross hat seine Meldung ebenfalls telegrafisch zu seiner Befehlsstelle weitergegeben, und der Kommandeur der Nationalgarde in Arkansas berichte dem Gouverneur.

Harry Houston, der Gouverneur, veranlasst in ganz Arkansas, dass Sheriffs und Nationalgarde nach einer Spur der Entführer suchen, und er lässt sogar Steckbriefe herausbringen, auf denen aber nicht nach einer bestimmten Person, sondern nach sehr vage beschriebenen Entführern gesucht wird. Immerhin setzt Houston eine Belohnung von tausend Dollar für denjenigen aus, der Hinweise geben kann, die zur Ergreifung der Entführer führen.

 

*

 

Eine Woche vergeht, dann melden sich die Entführer selbst.

Patty hat Gratty längst wieder verlassen und ist in Fort Smith, das vor dem schon das Hauptquartier ihres Bruders im Wahlkampf war.

Die befestigte Stadt am Südufer des Arkansas River liegt unmittelbar an der Grenze zu Oklahoma, dem ehemaligen Indianerterritorium.

Und hier in Fort Smith trifft an einem Sonntagmorgen, als die Kirchenglocken von Fort Smith läuten und viele der Bewohner auf dem Weg zum Gottesdienst sind, die Nachricht ein.

Es ist eine braune Fotografie, mit einem Plattenapparat aufgenommen, und auf ihr ist vor einer Bretterwand Rory O’Hagan zu sehen. Er ist an einen Pfahl gefesselt, und an sein Hemd ist eine Zeitung geheftet, die auf der Fotografie deutlich zu erkennen ist. So gut, dass man sogar das Datum der Zeitung sehen kann. Das Foto ist demnach höchstens fünf Tage alt.

Zusammen mit dem Foto liegt ein von Rory O’Hagan selbst geschriebener Brief in dem Umschlag. Der Text ist ihm offensichtlich diktiert worden. Er schreibt, dass es ihm noch gut gehe und er frei sei, würde man ein Lösegeld von 50.000 Dollar zahlen. Eine Summe von unvorstellbarer Höhe zu dieser Zeit.

Zu diesem Zeitpunkt ist Fort Smith die absolute Hochburg der Demokraten in Arkansas. In der Zeitung Pioneer, die in ganz Arkansas erscheint, ruft Patty O’Hagan zu einer Sammlung für das Lösegeld auf, mit dem sie ihren Bruder zu befreien hofft.

Aber es werden Tage vergehen, bis die Zeitung überall an den Mann gebracht worden ist. Immerhin aber verkehrt zwischen Hutchinson in Arkansas und New Orleans seit elf Jahren eine Eisenbahn, die auch Fort Smith berührt. Die Bahnstrecke führt am Ufer des Arkansas River entlang. Und mit Hilfe der Bahn können die Pakete druckfrischer Zeitungen rasch ins Land gebracht werden. Außerdem die Flugzettel, die Patty mit einem Aufruf an alle Anhänger ihres Bruders verteilen lässt.

Rory O’Hagans Wahlhelfer arbeiten rund um die Uhr, und Patty ist die eifrigste von allen. Manchen Tag schläft sie nur ein oder zwei Stunden und hält sich mit starkem Kaffee auf den Beinen. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, das Geld zusammenzubringen, obgleich sie nicht einmal weiß, an wen und wo sie es übergeben müsste. Aber ihr Bruder hat geschrieben, dies werde ihr noch bekannt gegeben, und sie habe acht Tage Zeit, das Geld zu beschaffen.

Acht Tage, denkt Patty. Wenn doch endlich Braddock und Yumah kämen! Und diesmal denkt sie bei Braddock weniger an den Mann, den sie noch immer liebt, als an den Kämpfer, der ihr helfen soll, ihren Bruder zu befreien.

Sie weiß nicht, dass Braddock und Yumah längst da sind.

 

*

 

Die Höhle hat mit Mühe für zwei Mann Platz. Aber sie ist gut geschützt und von außen nicht einsehbar. Braddock kann sich leisten, eine Kerze anzuzünden und sie neben die Landkarte zu stellen, die er vor sich ausgebreitet hat.

Im Schneidersitz hockt er hinter der Karte, dicht neben ihm, mit einer Pemmican-Wurst in den Händen, Yumah.

Der Schein der Kerze zuckt. So sieht es aus, als bewege sich das Gesicht von Braddock. Ein schmales, kantiges Gesicht mit wenigen scharfen Falten, buschigen Augenbrauen, ein Schnauzbart und im Mundwinkel eine Zigarette. Aus stahlblauen Augen blickt Braddock auf die Karte.

Yumah neben ihm, Spross von Yumah-Indianern, sieht eigentlich gar nicht wie ein Indianer, sondern mehr wie ein Mexikaner aus. Er trägt das Haar länger als Braddock, und im Gegensatz zu Braddocks dunkelblondem Haar ist das von Yumah schwarz. Dunkel sind auch seine Augen. Das schmale, bronzehäutige Gesicht verrät wenig von dem, was an Können in dem Mann schlummert.

George Jenkins hat gesagt“, beginnt Yumah, „dass nach fünf Tagen das Bild bei Patty O’Hagan gewesen ist. Ich denke aber, dass der Bursche, der das Bild gemacht hat, einen Tag brauchte, bis es fertig war. Erinnerst du dich, als wir beide in Dodge City ein Bild machen ließen?“

Braddock lächelt. „Stimmt. Er hat ja fast eine halbe Stunde gebraucht, bis endlich das Bild gemacht war und dann noch mal einen Tag, bis er es entwickelt hatte. Also gut. Für mich war es trotzdem ein Wunder, mich selbst auf einem Bild zu sehen. Also ein Tag meinst du, und dann vier Tage, bis es dort gewesen ist. Sie werden keine Zeit versäumt haben.“

Nein“, meint Yumah. „Also sind sie vier Tage von Fort Smith entfernt.“

Ich hätte mit Richter Parker sprechen sollen. Immerhin sind seine Marshals im Indianerterritorium unterwegs“, sagt Braddock. „Und ich glaube, wenn wir diese Burschen suchen sollen, die Rory O’Hagan versteckt haben, werden sie nicht ins Indianerterritorium gegangen sein. Die Cheyenne würden sie an die Lighthorses verraten, und die Indianerpolizei würde sie Richter Parkers Marshals ausliefern. Nein, das Indianerterritorium kommt nicht in Frage. Bleibt also der Süden von Fort Smith, der Norden und der Osten. Im Norden werden sie nicht sein, dort sind zu viele Farmen. Dasselbe gilt für den Osten. Also suchen wir im Süden. Und genau dort endet ja auch die Spur am Red River. Vier Tage weit nach Süden. Langsam ist der Bursche, der den Brief gebracht hat, bestimmt nicht geritten. Also vier schnelle Reittage nach Süden.

Wenn du auf einem schnellen Pferd reitest“, meint Yumah, „dann bist du ja beinahe am Red River. Und wir beide sind es doch auch. Er ist eine Gewehrschussweite von uns entfernt. Deine Theorie war doch von Anfang an, dass es vier Tage nach Süden ist. Warum zweifelst du daran und fängst noch einmal von vorn an?“

Weil ich sichergehen will.

Ich sage dir, es ist der Berg.“

Der Berg mit dem Gästehaus von Houston?“, fragt Braddock zweifelnd. „Glaubst du wirklich, dass Houston so dumm ist, einen Entführten bei sich unterzubringen?“

Yumah zieht die Schultern hoch. „Vielleicht ist er einfach zu sicher. Er kann sich nicht vorstellen, dass jemand darauf kommt. Es ist auch ganz einfach, überleg doch! Die Nationalgarde sucht sonstwo. Richter Parkers Marshals haben Auftrag, im Indianergebiet danach zu suchen. Alle Welt ist aufgescheucht. Aber natürlich suchen alle in der falschen Richtung. Wer kommt auf die Idee, dass der Gouverneur seinen Rivalen beseitigen wollte. Soviel Gemeinheit trauen sie ihm auch wieder nicht zu.“

Braddock schüttelt den Kopf. „Ich kann es mir nicht vorstellen. Es wäre Dummheit. Es gibt eine ganze Menge Leute, die annehmen, dass Houston die Finger im Spiel hat. Er braucht ja nur einen einzigen Angestellten haben, der mit ihm unzufrieden ist. Die Sache kommt heraus, fliegt auf und Houston wird mit Schimpf und Schande davongejagt. Damit kommt er hier in diesem Land nicht durch. Nein, ich kann es nicht glauben.“

Aber dieser Berg ist bewacht, das hast du doch schon gestern Abend gesehen. Ich habe die ganze Nacht aufgepasst. Da brennt kein Licht und nichts, und trotzdem wissen wir vom Tag her, dass der Berg bewacht wird.“

Braddock nickt. „Du hast recht, bewacht wird er. Aber das muss ja nicht mit der Entführung zusammenhängen. Wir werden ihn jedenfalls, wenn es hell wird, wieder beobachten. Du solltest dich für ein paar Stunden hinlegen und pennen. Ich passe solange auf. Und geh mal zu den Pferden, ob alles in Ordnung ist.“

Er kriecht hinaus, und Yumah sieht ihm kurz nach, dann streckt er sich aus, verschränkt die Arme unter dem Kopf und versucht zu schlafen.

Nach einer Weile kommt Braddock wieder. Yumah ist noch wach.

Mit den Pferden ist alles in Ordnung, sie haben reichlich zu fressen dahinten in dieser schmalen Schlucht. Auf dem Berg ist immer noch kein Licht.“

Die Hauptsache ist, dass sie uns nicht gesehen haben. Meinst du, dass die Lassos reichen?“

Braddock zuckt die Schultern. „Ich weiß nicht. Ich weiß nicht einmal, ob wir diesen Trick überhaupt anwenden können. Auf alle Fälle müssen wir noch einen ganzen Tag warten.“

Wieviel Zeit haben wir noch, bis Patty das Geld haben muss?“

Nach meiner Berechnung noch zwei Tage.“

Vielleicht weiß sie inzwischen, wem sie das Geld geben soll und wo“, entgegnet Yumah.

Vielleicht. Ich kann sie jetzt nicht fragen. Auf alle Fälle haben wir keine Zeit zu verschenken. Ich will wieder nach vorn und den Berg beobachten. Schlaf du endlich.“

Braddock bläst die Kerze aus und kriecht nach vorn. Der Gang, der in die Höhle hineinführt, macht einen kleinen Knick. Und deshalb hat man von außen auch das Licht nicht sehen können. Zudem ist vor dem Höhleneingang Gestrüpp.

Braddock schiebt es beiseite und kann nun über die Ebene hinweg zu dem Berg sehen. Es ist kein sehr hoher Berg, eigentlich ein Hügel. Aber oben ist er felsig, und darauf steht ein Haus. Es gibt nur einen einzigen Zugang, der hinauf führt, ein Weg, der sich in vielen Serpentinen nach oben windet. Es ist ein Kinderspiel, das Haus und die baumlosen Felsen rundherum zu bewachen. Um das Haus herum befindet sich eine Mauer, in die Schießscharten eingeschnitten sind. Die Mauer ist alt, sie stammt noch aus der mexikanischen Zeit. Einst hatten die mexikanischen Hidalgos an dieser Stelle so etwas wie eine Befestigung. Auf den Grundmauern ist das Gästehaus des Gouverneurs errichtet. Am Fuß des Berges, wo der Weg beginnt, der hinauf führt, befindet sich ein Blockhaus. Braddock weiß ungefähr, wo es steht, und er blickt durch sein Fernglas in diese Richtung und hofft, dass da ein Licht brennt, das verrät, ob dort Menschen sind oder nicht. Aber alles ist dunkel.

Am Tag haben sie dort Männer mit Pferden gesehen, die zwar versuchten ungesehen zu bleiben, aber von Braddock und Yumah doch entdeckt wurden.

Braddock denkt schon, dass er wirklich bis zum Morgengrauen warten muss, ehe er wirklich etwas von da drüben sieht, da bemerkt er plötzlich, wie sich gegen den Nachthimmel vom Haus eine Rauchwolke erhebt.

Es ist völlig windstill, und der Rauch steigt kerzengerade in die Höhe.

Dann als er immerzu das Haus im Auge hat und durch das Fernglas beobachtet, sieht er einmal kurz Licht aufblitzen, so als habe jemand ein Streichholz angezündet.

Braddock ist jetzt ganz sicher, dass da drüben jemand in dem Haus ist. Sein Verdacht hatte sich insgeheim sofort auf das Gästehaus des Gouverneurs gerichtet, ganz gleich, ob Houston, der Gouverneur, nun die Finger mit im Spiel hat oder nicht. Dieses Gästehaus könnten ja auch andere für diesen Zweck ausgewählt haben.

Gegen zwei Uhr geht der Mond auf. Es ist noch kein Vollmond, aber auch die breite Sichel wirft mit einem Mal sehr viel Licht auf das nächtliche Land. Was Braddock sieht in dieser diffusen Beleuchtung, wirkt zunächst gespenstisch und unwirklich. Aber seine Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen dann doch die Reiterschar, die sich dem Berg nähert. Es können nicht mehr als ein Dutzend Reiter sein. Und doch verursachen die Hufe ihrer Pferde eine gewaltige Staubwolke, die infolge der Windstille nur langsam in sich zusammensinkt und längere Zeit in der Luft steht.

Die Reiter reiten genau auf diesen Hügel zu und sind nach einiger Zeit dort, wo nach Braddocks Meinung das Holzhaus steht. Er kann die Reiter nur noch zum Teil erkennen, weil sie im Schlagschatten des Berges verschwinden. Der Mond steht nicht so hoch, dass er den Berg völlig erhellen kann.

Aber dann sieht Braddock die Reiter bald wieder.

Er hat wieder das Fernglas vor Augen und kann erkennen, wie sie in einer Kehre auf dem Serpentinenweg ins Mondlicht geraten. Und dabei sind sie so deutlich zu sehen, dass Braddock sie zählen kann. Es sind elf Reiter.

Braddock denkt, dass das viele Geld, das dieses Fernglas gekostet hat, das er sich aus Europa schicken ließ, gut angelegt ist. Durch dieses hervorragende Glas kann er Dinge erkennen, die er mit seinem alten Fernrohr nie gesehen hat.

Es dauert lange Zeit, bis die Reiter endlich oben sind. Aber da kann Braddock sie nicht mehr sehen, sie sind wiederum im Schlagschatten.

Auf einmal geht aber an einem Fenster des Hauses Licht an und kurze Zeit danach auch hinter einem zweiten Fenster. Es ist ein zuckendes, unscharfes Licht. Vermutlich das einer Kerze, die im Durchzug steht.

Nachher brennt das Licht ruhiger, und Braddock kann sich denken, dass nun alle Männer im Haus sind und die Türen geschlossen wurden.

Der Rauch, der aus dem Schornstein quillt und zum Himmel steigt, verdichtet sich.

Braddock kombiniert, dass für die Männer, die eben angekommen sind, gekocht wird.

Er will schon das Fernglas sinken lassen, da bemerkt er plötzlich etwas Überraschendes: Zwei Reiter tauchen plötzlich am Fuß des Berges auf. Sie müssen die Serpentinen heruntergeritten sein, ohne dass er es bemerkte, weil er sich zu sehr auf das Licht am Haus konzentrierte.

Sie reiten jetzt genau in die Richtung, aus der die elf Reiter gekommen sind. Sie reiten langsam. Einmal halten sie sogar an. Sie scheinen es nicht eilig zu haben.

Das ist es, denkt Braddock. Die fange ich ab!

Er kriecht rasch nach hinten und weckt Yumah.

Der ist gerade eingeschlafen und hat Mühe, sofort zu begreifen, um was es geht. Aber dann kriechen sie aus der Höhle heraus, bewegen sich im Schlagschatten des Mondlichtes nach hinten zur Schlucht, wo die Pferde stehen.

Es sind vier Pferde, die dort warten. Zwei sind Packtiere.Auf die kann Braddock jetzt verzichten. Er wird sie hierlassen. Nur die beiden Reitpferde werden gebraucht.

Wie willst du es machen?“, fragt Yumah.

Sie werden die Richtung beibehalten. Und wir fangen sie ab, wenn sie hinten am Hügelsattel sind.“

Yumah hat verstanden. Eine weitere Erklärung ist für ihn nicht nötig. Er fragt nur noch:

Und wenn es Leute des Gouverneurs sind? Wir haben schließlich keinen Beweis, dass Rory da oben ist.“

Den werden die uns liefern. Komm jetzt...“

 

*

 

Am sogenannten Hügelsattel erwartet Braddock und Yumah eine Überraschung. Kurz bevor Yumah sich von Braddock trennen will, um den beiden Reitern zu folgen, die Braddock von vorn erwarten möchte, hören sie plötzlich einen sich nähernden Wagen.

Das Geklapper der Hufe, aber auch der Räder und Gespannteile hallt weit durch die Nacht.

Der Wagen kommt von der anderen Seite, fährt den Reitern also entgegen.

Braddocks Spannung wächst. Was hat das zu bedeuten?, fragt er sich und ist sich klar darüber, dass sie ihren Plan ändern müssen.

An der Stelle, wo die Schlucht des Hügelsattels am engsten ist, hält die Kutsche an. Ja, es ist eine Kutsche. Braddock sieht es, als das Mondlicht die Pferde, aber auch den vorderen Teil des Wagens erreicht. Ein schwarzgekleideter Mann auf dem Bock. Wer im Wagen sitzt, kann Braddock natürlich nicht sehen.

Er selbst ist abgesessen, hat sein Pferd in Deckung zurückgelassen und schleicht jetzt näher heran. Mittlerweile beträgt die Entfernung höchstens hundert Schritt. Näher kann er sich nicht heranwagen, ohne möglicherweise entdeckt zu werden. Er kauert hinter einem Busch, und das Schnauben der Pferde, das Klirren der Gebissketten, aber auch das Klappern der Wagscheite sind zunächst die einzigen Geräusche, die zu hören sind. Dann mischt sich der Hufschlag von zwei sich nähernden Pferden darunter.

Braddock hat seine Marlin in den Händen, bereit, mit dem Präzisionsgewehr zu schießen, wenn es nötig sein sollte. Aber im Augenblick gibt es dafür keinerlei Anlass.

Irgendwo hinter den beiden Reitern, die jetzt zu sehen sind, muss Yumah sein. Braddock weiß, dass Yumah seinem Schecken eine Art Lederstiefel über die Hufe gezogen hat, um den Hufschlag zu dämpfen.

Jetzt haben die beiden Reiter, es sind jene, die vom Hügel kamen, die Kutsche erreicht. Einer der beiden hält in Höhe des Kutschers, und sie sprechen gedämpft miteinander. Braddock kann nur Murmeln hören, mehr nicht.

Der zweite Mann reitet neben die Kutsche, und Braddock sieht, wie er sich nach unten beugt, als wolle er in den Wagen hineinsehen.

Durch den Lärm, die die Pferde machen, die auf der Stelle stampfen und schnauben, das eine scharrt sogar mit den Hufen, ist von den Worten, die gesprochen werden, für Braddock nichts zu verstehen. Dabei hätte er zu gerne gehört, was drüben gesagt wird.

Er riskiert es, sich näher heranzuschleichen. Immer nur von Busch zu Busch, von Deckung zu Deckung. Zuletzt kriecht er und schiebt sich ganz vorsichtig näher.

Er schafft es, bis auf etwa vierzig Schritte heranzukommen. Aber noch weiter kann er sich beim besten Willen nicht wagen. Und selbst das ist schon eine äußerst gefährliche Position.

Die Mühe ist umsonst. Die beiden Reiter ziehen ihre Pferde herum und reiten zurück. Die Kutsche folgt ihnen ein Stück, aber dann wird sie zu Braddocks Überraschung gewendet und kommt wieder vorbei.

Braddock fragt sich, wo Yumah steckt. Aber der wird schon wissen, was er zu tun hat. Er selbst muss handeln, und da kann er sich nicht um Yumah kümmern.

Er wirft noch einmal einen prüfenden Blick in Richtung auf die beiden Reiter, die sich immer mehr entfernen.

Die Kutsche fährt wegen des schlechten Bodens im Schritt. Und auch da poltern noch die Räder, schaukelt der Wagen wie verrückt hin und her.

Braddock nimmt sich jetzt Zeit: Er geht zurück, um sein Pferd zu holen, sitzt auf und reitet ohne große Eile in die Schlucht hinunter.

Als er sich umdreht, taucht Yumah auf.

Was ist mit den beiden? Warum lässt du die ziehen?“, fragt er.

Mich interessiert die Kutsche noch mehr. Du hast sie gesehen, nicht wahr?“

Habe ich. Ich hatte nur nicht damit gerechnet. Um ein Haar hätten die mich entdeckt.“

Bist du sicher, dass sie es nicht haben?“, will Braddock wissen.

Todsicher“, erwidert Yumah. „Hast du gesehen, wer in der Kutsche sitzt?“

Nein. Ich hatte den Eindruck“, meint Braddock, „die haben dem Insassen irgend etwas übergeben. Aber sicher bin ich nicht. Vielleicht war es eine mündliche Botschaft.“

Ich habe übrigens einen von den beiden Reitern erkannt. Sie sind ja ganz dicht bei mir vorbeigekommen“, sagt Yumah. „Und außerdem würde ich den auch auf größere Entfernung sehen.“

Wovon sprichst du?“, fragt Braddock.

Ich spreche von Doc. Ich meine Bill Maugham. Den würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Und wenn er sich nur vor den hellen Himmel stellt. So eine Figur hat nur einer weit und breit.“

Doc‘ Bill Maugham, das ist doch einer von El Capitans Männern! Du hast dich bestimmt getäuscht.“

Yumah lacht leise vor sich hin. „Bist du das von mir gewöhnt, dass ich mich ständig täusche?“

Nein, zum Teufel. Und du bist sicher?“

So sicher, wie sie mich nicht gesehen haben. Es war ,Doc‘ Bill Maugham. Und der andere trug die Uniform eines State Troopers.“

Nationalgarde?“

Genauso“, erwidert Yumah. „Und wenn ich mich nicht getäuscht habe, war es ein Offizier. Jedenfalls hatte er irgend etwas Goldenes auf seinem Schulterstück.“

Ein Offizier, Nationalgarde, und dann zusammen mit ,Doc‘ Bill Maugham, das ist doch fast unmöglich. Das gibt es doch gar nicht!“, meint Braddock. „Aber wenn ich richtig überlege, dann trägt die ganze Geschichte ohnehin El Capitans Handschrift. So ausgeschlossen scheint es mir doch nicht zu sein. Aber wenn es so ist, dann brauchen wir uns keine Hemmungen zuzulegen, mein lieber Yumah. Dann holen wir uns die Kutsche.“

Wie auf ein Kommando treiben sie ihre Pferde an und jagen in vollem Galopp der Kutsche nach.

Sie können sie schon erkennen, als das Gefährt aus der Schlucht herausfährt und wieder voll ins Mondlicht gerät.

Plötzlich sieht Braddock eine Bewegung halb rechts am Rande der Schlucht.

Es ist zu spät. An wenigstens zehn Stellen blitzt es plötzlich auf. Braddock spürt, wie die Einschläge sein Pferd treffen. Es bricht unter ihm zusammen, und er wirft sich aus dem Sattel.

Er hört den Schrei von Yumah, sieht aber nicht, was aus dem Freund geworden ist.

Die Marlin in der Rechten, schlägt Braddock auf, rollt sich ab und bleibt trotz seines gelungenen Aufschlages ein wenig benommen liegen. Er braucht kostbare Sekunden, bis er imstande ist, die Lage zu übersehen.

Sie sind in einen Hinterhalt geraten, das ist ihm sofort klar. Und er hat noch Glück dabei. Das Pferd ist zusammengebrochen und liegt schräg vor ihm. Mit seinem Körper schafft es Braddock, in Deckung zu gehen.

Aber was ist mit Yumah?

 

*

 

Yumah ist vom Pferd gesprungen, hat sich dreimal überschlagen. Ein Streifschuss hat ihn an der Hüfte erwischt. Er wälzt sich zur Seite und spürt nur den dumpfen Druck der Verletzung. Mehr ist es noch nicht. Aber er weiß, dass der Schmerz bald deutlicher zu spüren sein wird.

Sein Pferd ist noch ein paar Galoppsprünge weit gekommen, ehe es im Feuer der Schüsse zusammenbrach. Jetzt liegt es da vorn und damit außer Reichweite für ihn, so dass er nicht an seine besonderen Kampfmittel herankommt, die er in solchen Situationen anwendet.

Immerhin hat er seinen Revolver. Seine Winchester und die schwere Sharpsbüffelbüchse sind vorn beim Pferd. Vielleicht sind beide Waffen durch den Sturz beschädigt worden.

Er denkt nicht darüber nach. Er presst sich flach auf den Boden, um kein Ziel zu bieten. Noch haben ihn seine Gegner nicht gesehen.

Wieder blitzen drüben Schüsse auf. Aber sie gehen in eine andere Richtung.

Yumah schiebt sich, flach auf den Boden gepresst, Handbreit für Handbreit nach vorn. Er will sein Pferd erreichen, das sich in etwa Steinwurfweite befindet. Die Gefahr, dass man ihn auf diesem Weg dorthin entdecken wird, ist groß. Aber er muss an seine Satteltaschen kommen, sonst gibt es keinen Weg, um mit den Gegnern fertigzuwerden.

Wieder blitzen Schüsse auf. Die Schützen sind zu weit weg für einen Revolverschuss. Yumah verzichtet darauf, seine Position zu verraten. Immer noch gehen die Schüsse in eine andere Richtung, und Yumah nimmt an, dass irgendwo da drüben, wohin die Gegner zielen, Braddock sein muss.

Er versucht vergeblich, Braddock zu entdecken und sieht nur den Kadaver des Pferdes von ihm. Das tote Tier liegt in etwa gleicher Höhe mit Yumah. Und auf diesen Kadaver schießen offensichtlich die Gegner.

Yumah schiebt sich langsam weiter nach vorn. Und er ist immer gewärtig, dass er plötzlich entdeckt wird und sich das Feuer der Gegner auf ihn konzentriert. Aber noch ist es nicht der Fall.

Als er wieder einmal nach links blickt, bemerkt er eine Bewegung dicht hinter dem Kadaver von Braddocks Pferd.

Das muss Braddock sein, denkt er. Und dann sieht er deutlicher, wie sich ein Mann an den Pferdekadaver heranschiebt.

Es ist Braddock, denkt Yumah überzeugt. Und er ist absolut sicher, als er sehen kann, dass sich ein Arm hebt, der sich vorsichtig auf den Pferdekadaver schiebt.

Er will ebenso an seine Satteltaschen heran, denkt Yumah und wartet erst einmal ab. Vielleicht gelingt es Braddock, an den Inhalt der Satteltasche zu kommen. Und das wäre die Möglichkeit, das Blatt wieder zu wenden.

Von der Kutsche ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Stattdessen krachen immer wieder Schüsse, und sie klatschen drüben in den Pferdekadaver.

Braddock hat seinen Arm wieder zurückgezogen, wartet offenbar noch ab, weil er nicht in die Hand getroffen werden will. Aber dann sieht Yumah, dass es Braddock abermals versucht, die Satteltasche jetzt auch gepackt hat, und während er selbst in Deckung hinter dem Pferdebauch liegt, die Satteltasche auf sich zuzieht.

Ein zweiter Arm wird sichtbar. Etwas blinkt nur den Bruchteil einer Sekunde im Mondlicht. Ein Messer.

Yumah sieht, wie Braddock drüben die Satteltasche auf einmal schnell wegziehen kann. Er muss die Gurte durchschnitten haben.

Plötzlich blitzt direkt hinter dem Bauch des toten Pferdes ein Mündungsfeuer auf, und Yumah weiß sofort, aus welcher Waffe es stammt. Ein dünner Feuerstrahl zischt gen Himmel, und dann wird es auf einmal leuchtend hell. Hoch über den Köpfen der Gegner ist plötzlich eine strahlendhelle Kugel zu sehen. Viel heller als der Mond, so dass die Stelle, wo sich die Gegner befinden, taghell erleuchtet wird.

Im selben Augenblick peitschen Schüsse hinter dem toten Pferd drüben hervor, wo Braddock liegt.

Das Knallen dieser Waffe hätte Yumah unter vielen heraushören können. So feuert nur eine Marlin. Und so präzise, wie diese Waffe zu schießen imstande ist, wenn sie der richtige Mann bedient, so jagen die Schüsse aus dem Lauf.

Sekundenlang ist alles hell erleuchtet. Und genau die Zeit braucht Braddock, um seine Gegner zu sehen. Sie sind plötzlich nicht mehr im schützenden Schlagschatten, sondern werden hell erleuchtet, bieten ein Ziel, und er schießt und trifft.

Yumah wartet keinen Augenblick länger. Er nutzt die Überraschung der Gegner, springt auf und rast hinüber zu seinem toten Pferd, wirft sich dahinter, und dann erst kommen vereinzelte Schüsse von drüben, sind für ihn aber keine Gefahr mehr.

Sein Pferd liegt anders als das von Braddock. Es streckt seine Beine den Gegnern entgegen, so dass Yumah keine Schwierigkeiten hat, an seine Satteltasche zu kommen. Aber ihn interessiert jetzt seine Winchester mehr als das, was er ursprünglich vorhatte.

Mit einem Ruck hat er die Winchester aus dem Scabbard und ist froh, dass der Sattelschuh auf der oberen Seite ist und dass die Waffe nicht beschädigt sein kann. Er hebelt durch und kann gerade noch feuern, bevor die Leuchtkugel erlischt und das Land wieder in tiefe Dunkelheit versunken ist.

Noch eine Leuchtkugel, denkt er. Braddock muss noch eine abschießen.

Aber da fällt schon drüben der dumpfe Schuss der Leuchtpistole, und als die zweite Leuchtkugel oben am Himmel erstrahlt und wiederum das Land in helles Licht setzt, haben die Gegner versucht, Deckung zu finden. Sie sind vom zweiten Schuss einer Leuchtkugel so überrascht worden, dass sie jetzt überhaupt keine Deckung mehr haben. Zwei von ihnen rennen über offenes Feld, ein anderer sitzt zu Pferde und will davonpreschen.

Jetzt ist es Yumah, der als erster zu Schuss kommt. Bevor noch die Marlin wieder losdonnern kann, peitschen die Schüsse aus der Winchester.

Yumah trifft den Mann im Sattel, erwischt einen anderen, der ohne Deckung ist und reißt einen dritten, der fast eine deckende Bodenwelle erreicht hat, von den Beinen.

Danach ist es still.

Yumah ist sicher, dass die Gegner nicht schachmatt gesetzt sind. Es waren einfach zu viele. Seiner Meinung nach mussten es zehn oder sogar mehr gewesen sein. Bestimmt ist die Hälfte noch kampffähig genug, um sie mit heißem Blei zu empfangen, falls Braddock und Yumah etwas riskieren würden.

Aber Yumah ist bei seinem Pferd und damit bei seinen Waffen. Auf der oberen Seite ist noch der Bogen, sein indianischer Bogen, und da sind auch die Pfeile neben dem Sattelschuh. Der Bogen ist nicht zerbrochen, die Sehne nicht zerrissen. Als er das weiß, bekommt sein Optimismus wieder Oberhand.

Aus der Satteltasche zieht er Dynamitpatronen. Mit wenigen Handgriffen hat er eine der etwa zigarrenlangen und ebenso dicken Dynamitpatronen an den Schaft seines Pfeiles gebunden, duckt sich nun hinter das schützende tote Pferd, reißt ein Zündholz an, zündet die Zündschnur, die schon ziemlich kurz geschnitten ist, an, dann legt er den Pfeil an Bogen und Sehne, erhebt sich kurz und schießt, fällt aber sofort in die Deckung zurück, und das nicht zu früh.

Während drei seiner Gegner sofort das Feuer auf ihn eröffnet haben, zischt der Pfeil mit der gefährlichen Ladung durch die Luft.

Yumah kann nicht sehen, wo er landet, aber er hört den Donnerschlag, als die Dynamitpatrone krepiert.

Kaum hat es gekracht, fährt Yumah wieder hoch, hat die Winchester gepackt und schießt kniend über den Kadaver des Pferdes hinweg, als er die Männer drüben sieht, die davonzulaufen versuchen.

Auch die Marlin hämmert wieder einen Schuss nach dem anderen heraus.

Drüben gehen drei Männer zu Boden, danach ist wieder Stille.

Plötzlich preschen hinter einem Ausläufer des Hügels mehrere Pferde hervor und jagen in derselben Richtung davon, in die die Kutsche gefahren ist.

Yumah gibt noch ein paar Schüsse ab, weiß aber nicht, ob er getroffen hat.

Er hat nicht auf Pferde gezielt. Er liebt Pferde und würde ein Tier mitsamt dem Reiter lieber entkommen lassen, als das Pferd zu töten.

Braddock ist da weniger zimperlich Die Gegner sind eben eine Gefahr, und wenn sie kommen, könnte das für ihn und Yumah tödlich sein. Er zielt mit seiner Marlin auf die vordersten Pferde, trifft auch zwei von ihnen, und die Tiere brechen zusammen. Andere bäumen sich auf oder stürzen, als sie gegen die fallenden Artgenossen prallen.

Trotzdem jagen fünf Pferde davon, und auf ihnen sind Reiter. Doch die Sicht ist so schlecht, dass die Schüsse der Marlin möglicherweise ihr Ziel nicht gefunden haben.

Braddock lasst sein Gewehr sinken, wartet aber noch ab, weil er nicht sicher ist, ob nicht womöglich zwei oder drei der Gegner darauf warten, dass er sich ihnen zeigt.

Indessen hat Yumah seine Deckung verlassen und kriecht, nur die Winchester bei sich, in Richtung auf die Stelle, wo die Gegner waren. Ein Stück entfernt steht das Pferd, dessen Reiter er vorhin aus dem Sattel geholt hat. Der Mann selbst liegt ein Stück entfernt am Boden, reglos.

Yumah spürt, wie ihm das Blut am Oberschenkel herunterläuft. Jetzt kommt der Schmerz. Jede Bewegung tut weh.

Als er mit seiner Hand an die Seite tastet, ist die Kleidung feucht und klebrig.

Braddock ist aufgesprungen und läuft jetzt zu dem Pferd hinüber, hat es, sitzt auf und jagt davon.

Yumah versucht ebenfalls zu stehen, aber der Schmerz ist so stark, dass er sich zu Boden setzt und nach seiner Verletzung sieht. Es ist zu dunkel, als dass er erkennen kann, was da wirklich ist. Er fragt sich, ob es sich um einen Streifschuss oder einen Steckschuss handelt.

Nach Indianerart legt er einen provisorischen Verband an und bleibt sitzen, während er auf Braddock wartet.

Es vergeht eine Viertelstunde, bis Braddock wieder auftaucht. Er hat ein zweites Pferd am Zügel und kommt direkt in Richtung auf Yumah zurück.

Als er Yumah erreicht, beugt er sich vom Pferd und fragt:

Hat es dich erwischt?“

Ein bisschen.“

Wo denn? Schlimm?“

Hüfte. Es geht, ich weiß nichts Genaues. Du musst mal nachsehen.“

Jetzt muss ich erst mal nachsehen, ob nicht einer von denen am Leben ist und uns eine Kugel in den Rücken jagt. Halte die Zügel der Pferde. Schaffst du das?‘„

Aber immer“, sagt Yumah, dessen Schmerzen erheblich zugenommen haben.

Braddock sitzt ab und läuft hinüber zu den Toten. Nach einer Weile kommt er zurück. Noch bevor er bei Yumah anlangt, wirft er einen besorgten Blick zum Himmel. Dort sind Wolken aufgetaucht. Zeitweise verdunkeln sie auch den Mond. Es ist merkwürdig schwül geworden.

Aber im Osten zeigt sich schon ein schmaler, hellgrauer Streifen. Nicht mehr lange, und es wird Tag werden.

Braddock hätte Licht gebraucht, um sich um die Verletzung seines Freundes zu kümmern. Aber genau das hat er nicht. Denn waren es eben noch wenige Wolken, so werden es immer mehr. Und sie verdunkeln den Mond jetzt völlig. Dieser schmale Silberstreifen am östlichen Horizont reicht nicht aus.

Was ist mit ihnen?“, fragt Yumah, als Braddock sich neben ihn kniet.

Für die ist es gelaufen. Aber einen von ihnen kenne ich. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, dass wir es mit den Leuten von El Capitan zu tun haben. Und das war sicher wirklich ,Doc‘ Bill Maugham gewesen, der diesen Uniformierten begleitet hat.“

Und was folgerst du daraus?“, fragt Yumah, beißt sich aber plötzlich schmerzerfüllt mit den Zähnen auf die Unterlippe, als Braddock zufällig an die Wunde gerät.

Daraus kann man eine ganze Menge schließen. Vor allen Dingen, dass Houston dahintersteckt. Aber das ist im Moment nicht das Thema. Ich muss mich um deine Verletzung kümmern. Leg dich mal mehr auf die Seite!“

Er reißt ein Zündholz an, hält es in der hohlen Hand und beleuchtet die Wunde. Dann braucht er noch ein zweites.

Einwandfrei ein Streifschuss. Du hast Schwein gehabt, mein Junge. Aber es hat dir ein ganz schönes Kotelett aus deinem Astralleib herausgerissen. Nun leg dich mal entspannt hin.“

Du brauchst ja nicht auf mir herumzulaufen, verdammt noch mal!“, knurrt Yumah. Aber dann hört Braddock nichts mehr von ihm, keinen Schmerzenslaut, kein Stöhnen. In diesem Punkt ist Yumah Indianer. Und das durch und durch.

Braddock muss die Wunde desinfizieren. Er macht es mit Alkohol, den er aus seiner Satteltasche holt. Es ist hochprozentiger Brandy.

Auch jetzt zuckt Yumah zwar zusammen, aber kein Schmerzenslaut kommt über seine Lippen.

Dann wollen wir mal diese neumodischen Dinger ausprobieren, die ich letztens gekauft habe, diese Klebebänder“, sagt Braddock und verpflastert Yumah. So ein Klebepflaster ist eine neue Sache.

Braddock ist fast fertig mit dem Verband, als Wind aufkommt. Wenig später wird aus dem Wind Sturm. Und hinten im Osten, wo es Tag werden will, verdunkeln jetzt dicke schwarze Wolken das Morgengrauen. Es ist noch immer dunkel, der Himmel stark bewölkt, und die Wolken werden immer schwärzer und segeln immer tiefer übers Land, vom Wind getrieben.

Braddock veranlasst Yumah, noch ein wenig sitzen zu bleiben und kümmert sich darum, die Pferde umzusatteln. Als Yumah ihm helfen will, faucht er ihn an, und Yumah empfindet noch viel zu viel Schmerz, um sich dagegen zu sträuben.

Als die eigenen Sättel auf den erbeuteten Pferden liegen, sagt Braddock:

Sehen wir zu, dass wir zu unserer Höhle kommen. Hier geht gleich etwas los. Die Kutsche zu verfolgen, hat keinen Zweck mehr. Wir würden in eine zweite Falle laufen. Verkrümeln wir uns.“

Sie sitzen noch nicht richtig in den Sätteln, da beginnt es zu regnen. Der Sturm peitscht den Regen beinahe horizontal von Nord nach Süd. Blitze zucken zur Erde, und der Donnerschlag folgt immer rascher. Das Gewitter nähert sich in rasender Geschwindigkeit. Mit einem Mal ist nichts mehr vom Morgengrauen zu sehen.

Die bedrohlich näher rückende Gewitterfront und das grelle Aufleuchten der Blitze erschreckt die Pferde. Beide Männer haben Mühe, sie im Zaum zu halten.

Als ein Blitz in nächster Nähe in einen Felsen einschlägt und der unmittelbar folgende Donnerschlag wie die Detonation einer riesigen Sprengladung anzuhören ist, da brechen die Pferde aus.

Kostbare Zeit vergeht für die beiden Männer, ihre Pferde wieder in ihre Gewalt zu bekommen.

Aber dann ist doch das Loch der Höhle erreicht.

Als Yumah absitzt, sagt Braddock nur: „Verschwinde drinnen, ich mach das mit den Pferden.“

Er bringt sie zu den anderen Tieren in die Schlucht nach hinten. Aber selbst die an sich ruhigen Packpferde bäumen sich bei jedem Blitz, der herniederzuckt, auf. Doch hier unten sind sie halbwegs sicher. Die Blitze schlagen oben in den Felsspitzen ein.

Damit die Pferde nicht weglaufen können, fertigt Braddock bei strömendem Regen aus Lassos eine Absperrung. Das grelle Aufzucken der Blitze macht es ihm möglich, dass er überhaupt etwas sieht. Es ist wieder schwarze Nacht geworden. Und der Regen schüttet nur so hernieder. Wie auf einem Schlachtfeld dröhnt es, leuchtet es rundum auf.

Völlig durchnässt kriecht Braddock in die Höhle zurück, in der sich bereits Yumah befindet.

Trotz seiner Verletzung versucht Yumah, ein Feuer anzuzünden. Sie haben glücklicherweise noch etwas trockenes Holz in der Höhle. Aber als das Feuer schließlich brennt, wird der Rauch vom starken Sturm draußen wieder in die Höhle zurückgedrückt.

Mach das Zeug aus, wir ersticken sonst!“, sagt Braddock.

Er selbst wirft die Glut auf Baumrindenstücke und wirft alles zusammen nach draußen. Allmählich verzieht sich dann doch der Rauch.

Saukalt hier!“, stöhnt Yumah.

Braddock merkt nichts von Kälte. Aber es ist ihm klar, warum Yumah das sagt. Der friert. Er hat offenbar sehr viel Blut verloren.

Lieg du ganz ruhig, das ist im Augenblick das beste für dich. Verdammt, wir haben nicht genug Decken hier.“

Kurz entschlossen reißt sich Braddock seine Jacke herunter. Aber sie ist ebenfalls nass, sie wird Yumah wenig wärmen. Die Decken, die draußen an den Sätteln sind, werden ebenfalls durchnässt sein.

Yumah rollt sich in der Ecke zusammen. Manchmal wird ihm so kalt, dass er mit den Zähnen schnattert.

Yumah, mein Junge, erst mal kommst du dran. Ich bringe dich zurück, wo du ganz sicher bist, und wo du dieses Ding ausheilen lassen kannst.“

Yumah hat jetzt solche Schmerzen, dass er Mühe hat zu antworten. Aber er zwingt sich dazu, und seine Stimme vibriert, als er erwidert:

Meinetwegen keine Extrawürste. Ich komme schon zurecht.“

Braddock sagt nichts, aber er weiß, dass Yumah jetzt Pflege braucht. Der Schuss hat ein ganzes Stück Fleisch aus seinem Körper gerissen. Und abgesehen vom Blutverlust besteht auch noch die Gefahr einer Infektion. Wie das in der Wildnis aussieht, darüber braucht Braddock seine Fantasie nicht anzustrengen. Er hat oft genug erlebt, wie Verletzte nachher einen Wundbrand bekamen oder den Wundstarrkrampf.

Das Gewitter tobt länger als zwei Stunden. Dann regnet es nur noch, und der Wind kann die Wolkendecke aufreißen. Schlagartig wird es hell. Und als immer mehr Wolken vertrieben werden, strahlt auf einmal die Sonne vom östlichen Horizont her übers Land. Es ist mit einem Mal Tag geworden.

Braddock lässt Yumah noch zurück und reitet noch einmal dahin, wo sie gekämpft haben. Die Toten liegen noch da. Aber schon kreisen die Geier.

Braddock schleppt die Toten beiseite und bedeckt sie dann an einer geschützten Stelle mit Steinen. Er hat sie alle untersucht und einige Kleinigkeiten gefunden, die ihm Hinweise geben. Sein Verdacht, dass er es mit El Capitans Leuten zu tun hat, ist zur absoluten Gewissheit geworden.

Kurz vor Mittag reitet Braddock mit Yumah aus der Schlucht heraus. Yumah geht es nicht gut. Er hat Fieber. Und er hat wahnsinnige Schmerzen. Er friert trotz der beiden Decken, die ihm Braddock umgehängt hat. Er kann kaum sitzen, und Braddock überlegt sich, ob er nicht eine Schleppbahre machen sollte, um Yumah hineinzulegen. Aber der lehnt ab.

Gegen Abend erreicht Braddock mit seinem verletzten Freund die Ortschaft Aredo, eine kleine Stadt, umgeben von fruchtbarem Land. Hier gibt es Farmer. Die Bevölkerung ist überwiegend mexikanischer Herkunft.

Yumah ist gar nicht mehr imstande, zu begreifen, wohin sie reiten. Er ist völlig mit sich beschäftigt, versucht sich im Sattel zu halten, was ihn große Mühe kostet. Und die Schmerzen sind schier unerträglich. Die Wunde hat sich entzündet. Trotz des guten Verbandes verliert Yumah immer noch Blut.

Braddock hat Aredo als Ziel gewählt, weil in dieser Stadt ein Mädchen lebt, das Yumah kennt. Bei ihr ist er schon ein paarmal gewesen, und sie ist eine seiner vielen Freundinnen, von denen eine von der anderen nichts weiß. Sie heisst Carmen Moreno. Ein Mädchen, das auch Braddock gefallen könnte. Aber sie ist die Freundin von Yumah, also wird er da keinerlei Versuche unternehmen, Carmen für sich zu gewinnen. Sie ist eine hübsche, sehr anmutige Mexikanerin.

Es ist schon dunkel, als Braddock den Ort erreicht. Er hat sich extra Zeit gelassen, um nicht im Hellen dort zu erscheinen. Er weiß nicht, wer schon dort in diesem kleinen Städtchen auf ihn wartet.

Auf Umwegen erreicht er das Haus, in dem Carmen Moreno bei der Familie ihres Bruders lebt. Moreno ist Schuhmacher. Die aufgespannten Häute um das Haus herum weisen ebenso auf seinen Beruf hin, wie der beißende Geruch von Lederpech, das Braddock in die Nase dringt.

Wir sind da, du hast es geschafft“, sagt Braddock. „Carmen wird sich um dich kümmern.“

Und du?“, fragt Yumah mit krächzender Stimme.

Ich habe noch eine andere Kleinigkeit zu erledigen.“

Du kannst doch nicht allein ... “

Komm jetzt, sie haben uns gehört.“

Wenig später kommt der Schuhmacher mit seiner Schwester nach draußen. Der Mann hält eine Schrotflinte in den Händen. Aber als er sieht, wer da sein Anwesen betreten hat, lässt er die Läufe der Flinte sinken und schaut überrascht auf Braddock.

Seine Schwester, eine hübsche Dunkelhaarige von Anfang zwanzig hat Yumah eher gesehen als Braddock. Und sie hat seinen Zustand erkannt.

Um Gottes willen“, ruft sie spanisch, „was ist mit dir? Yumah, liebster Yumah... “

Braddock weiß in diesem Augenblick, dass sein Freund Yumah nirgendwo in besseren Händen wäre als hier …

 

*

 

Wo hast du Yumah gelassen?“

Die Stimme klingt dunkel, aber zugleich verführerisch. Es ist die Stimme einer Frau. Einer Frau, die Braddock noch nie gleichgültig gewesen ist, im Gegenteil.

Er beobachtet sie aus schmalen Augen. Sie steht drüben am Kamin, in dem jetzt kein Feuer brennt. Dazu ist es viel zu heiß und zu stickig.

Ihr kupferrotes Haar schimmert in dem Lichtschein der untergehenden Sonne, die durchs Fenster in den Raum dringt und gibt ihrem schönen Gesicht einen bronzenen Schimmer. Das dunkelblaue Hemd, das sie trägt, wölbt sich über ihren Brüsten. Ihre Jeans liegen ihr wie eine zweite Haut um die Schenkel. Ein aufregender Anblick, wie Braddock feststellt. Wie überhaupt alles aufregend ist, was sie betrifft,

Er erzählt ihr, was mit Yumah passiert ist. Sie hört es sich an, ohne ihn zu unterbrechen. Und dann sagt sie leise und ein wenig enttäuscht: „Fehlschläge sind bei dir selten.“

Er nickt. „Aber sie kommen vor. Und das war einer. Er hat zwar El Capitan ein paar Leute gekostet, aber im Grunde war es ein Sieg für ihn. Er hat zumindest Yumah vorerst außer Gefecht gesetzt.“

Dann möchte ich dein Partner sein“, erklärt sie plötzlich und lächelt verheißungsvoll.

Als er nicht gleich antwortet, kommt sie die fünf Schritte, die er von ihr entfernt sitzt, auf ihn zu, bleibt breitbeinig vor ihm stehen und sieht auf ihn herab. Sie hat die Hände in die Hüften gestemmt. Dadurch betont sie die Wölbung ihrer Brüste noch mehr.Sie ahnt nichts von dem, was er in diesem Augenblick denkt. Oder doch?

Wir haben immer ein gutes Gespann gebildet“, sagt sie leise, beugt sich dann zu ihm herab, und er sieht, ob er will oder nicht, in ihren Hemdausschnitt. Es sind noch immer die wohlgeformten Brüste von einst, als er das letzte Mal bei ihr war.

Er spürt ihre Hände an seinem Nacken, ihre Lippen auf den seinen. Ein Kuss von ihr, ist wie der Ausbruch eines Vulkans. Er weiß, wie es weitergehen wird. Es ist immer so weitergegangen, wenn er mit ihr zusammen war. Und solche Zusammenkünfte hatten das Ausmaß von gewaltigen Naturereignissen, wenn ihre Leidenschaft aneinandergerät.

Als sie sich an ihn schmiegt und ihn leidenschaftlich küsst, da weiß er genau, dass sie in frühestens einer Stunde wieder von dem reden würden, weshalb er in einem Gewaltritt hergekommen ist.

Er weiß Yumah in guten Händen, und das erinnert ihn an den Abschied von den Morenos und seinem Freund. Carmen wird nicht von der Seite von Yumah weichen. Und die Morenos haben Braddock versichert, dass es in diesem mexikanischen Städtchen keine Verräter geben wird. El Capitans Leute würden hier auffallen, und Yumah befindet sich in Aredo in absoluter Sicherheit.

Für Braddock kommt es genau, wie von ihm vorausgesehen. Die nächste Stunde wird eine Zeit leidenschaftlicher und feuriger Liebe. Und Braddock spürt, wie sehr ihn Patty O’Hagan liebt.

Später, als sie nebeneinander liegen, und sie sich mit der Zärtlichkeit einer Asiatin an ihn schmiegt, da hört er sie fragen:

Du hast mir noch nicht geantwortet. Willst du mich als deine Partnerin nehmen?“

Vom Verstand her möchte er ablehnen. Aber ein Gefühl sagt ihm, dass es einen besseren Gefährten als sie nicht geben wird. Und nicht nur deshalb, weil sie einen starken Grund hat, ihm zu helfen, ihren Bruder zu suchen und ihn zu befreien. Es ist mehr. Es ist die Liebe. Und er ahnt etwas davon, dass er der Mann ist, der ihr mehr als jeder andere bedeutet.

Sie haben früher schon einmal darüber gesprochen. Seine Unrast und die Veranlassung, immer weiterziehen zu müssen, sind dann doch Grund ihrer Trennung gewesen. Aber nun sind sie wieder zusammen und Patty O’Hagan denkt nicht an morgen. Sie denkt an jetzt, und dass sie ihn bei sich hat, in seiner Nähe ist und erhofft sich viele glückliche Stunden mit ihm. Der gemeinsame Grund ist natürlich auch für sie ihr Bruder.

Ich habe wieder einen Brief bekommen“, sagt sie. „Ich bin sicher, dass die ganze Stadt schon weiß, dass ich diesen Brief habe und womöglich auch, was in ihm steht. Morgen ist der Tag, wo sie das Geld wollen.“

Und hast du das Geld?“, erkundigt sich Braddock und zündet sich eine Zigarette an.

Sie nickt. „Ich habe es längst. Rorys Parteifreunde haben genug aufgebracht. Und nicht nur das, es ist sogar noch sehr viel mehr. Aber ich nehme an, auch das wird denen bekannt sein, die für Houston arbeiten.“

Es ist El Capitan, der für ihn arbeitet.“

Was heißt das? Ich kenne ihn nicht“, entgegnet Patty und richtet sich auf. Eine lange Strähne ihres schimmernden kupferroten Haares fällt dabei auf Braddocks entblösste Brust. Ein Gefühl, das in ihm Gelüste weckt, die er jetzt aber unterdrückt. Er muss erst wissen, was ihm Patty zu erzählen hat.

Sie küsst ihn zärtlich auf die Stirn, richtet sich wieder auf und sieht ihn an. „Wer ist dieser El Capitan?“

Ich kenne den Burschen schon lange. Ein ganz gefährlicher Vogel, der für Geld so gut wie alles erledigt, große und kleine Sachen. Es muss nur genug dabei herauskommen. Früher ist dieser Bursche Offizier gewesen, ein, wie es heißt, guter Offizier. Bis er eines Tages auf die Idee kam, mit Kommandoeinheiten hinter den feindlichen Linien zu operieren. Das war im Bürgerkrieg. Und nun, als der Krieg vorbei war, da brauchte man El Capitan nicht mehr. Eigentlich heißt er Tom Lancaster, aber das weiß so gut wie keiner“, berichtet Braddock. „Er war Captain, aber die Mexikaner haben ihn dann nach dem Bürgerkrieg kennengelernt. Dort hat er mitgemischt, als die Truppen von Juarez die französischen Truppen aus dem Lande jagten. Und dort hat er auch seinen Namen El Capitan bekommen. Er ist ein grausamer, gnadenloser Bursche, aber immerhin mit Köpfchen. Sein bester Mann ist ein gewisser Mitch Brighton. Der ist noch ein wenig schlimmer als El Capitan selbst.,*

Es war eine Falle, nicht wahr?“, fragt Patty. „Ich meine, was du mir erzählt hast, der Hinterhalt, in den ihr geraten seid. Sie müssen irgend etwas von dir gewusst haben. Ich denke bald, ihr seid verraten worden. Aber von wem?“

Es gibt nur einen einzigen Menschen“, erklärt Braddock, „der von unseren Unternehmen wusste. Und das ist dieser George Jenkins, von dem wir die Informationen hatten. Ich werde mich mit dem kleinen Dicken noch einmal unterhalten müssen. Aber ganz gleich wie, jetzt geht es erst mal um das Lösegeld. Sie müssen dir geschrieben haben, wem du es übergeben sollst.“

Sie nickt, erhebt sich und geht mit grazilen Bewegungen hinüber zum Schrank, öffnet ihn und nimmt ein Kuvert heraus.

Die Sonne ist jetzt noch tiefer gesunken. Auch das Innere des Zimmers, soweit der Lichtschein von draußen hereinfällt, scheint im Abendrot zu glühen, und auch der makellose Körper Pattys.

Alles was Patty trägt, ist im Augenblick dieses Kuvert. Und so steht sie vor Braddock, der zu ihr aufschaut, sich dann ein wenig aufrichtet und alle Mühe hat, an das Kuvert und nicht an Patty zu denken, deren hinreißender Anblick ihn den Auftrag und das Kuvert um ein Haar vergessen lässt.

Sie ahnt etwas von dem, was in ihm vorgeht und lächelt, beugt sich nieder und küsst ihn wieder, schlingt ihre Arme um seinen Hals und raunt ihm dann ins Ohr:

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Lies, was in dem Brief steht.“

Und er liest...

 

*

 

Harry Houston ist ein gutaussehender Mann mit grauen Schläfen. Eigentlich der Typ, auf den die Frauen fliegen. Seinem Äußeren wendet er große Aufmerksamkeit zu. Er gibt sich gern als Staatsmann und zeigt sich seinen Wählern am liebsten mit einem Schäferhund an der Seite, während ihm von einem Kind ein Blumenstrauß überreicht wird, womit sein Ansehen als menschen- und tierfreundlicher Gouverneur unterstrichen werden soll. Die ihn näher kennen, wissen, dass er ein knallharter Bursche ist, der nur ein einziges Ziel kennt: an der Macht zu bleiben.

El Capitan ist erheblich älter als Harry Houston und weiß, was er von ihm zu halten hat. Ihn interessieren die Interessen Houstons überhaupt nicht. Das, was ihn wirklich interessiert, ist nur das Geld, das er dafür bekommt, Houstons Auftrag auszuführen.

Alles muss streng geheim bleiben“, erklärt Houston. Er sieht El Capitan prüfend an. Dass der große, breitschultrige Mann mit staubiger Kleidung hereingekommen ist, stört ihn weniger. Aber bis jetzt wartet Houston auf einen durchschlagenden Erfolg. Er muss daran denken, was ihm El Capitan vorhin gesagt hat. Und so fügt er seinen Worten hinzu:

Es ist ihnen also nicht gelungen, Braddock zu erwischen. Ist es denn wirklich Braddock?“

El Capitan nickt. „Es ist Braddock, da gibt es gar keinen Zweifel, und sein Freund Yumah.“

Also Special Deputies. Haben Sie gewusst, El Capitan, dass es solche Männer sind?“, fragt Houston.

Gewusst nicht. Aber dass sie für irgendwen reiten, war mir klar. Ich hatte immer angenommen, bei Braddock ist es so wie bei mir.“

Houston schüttelt den Kopf. „Nein. Die Special Deputies stehen im Dienst der Bundesregierung. Sie haben nur keine Vollmachten. Und hier müssen wir den Haken ansetzen. Keine Vollmachten, El Capitan, verstehen Sie?“

Houston beugt sich vor und sieht El Capitan zwingend an.

Wir können ihn einfach erledigen. Das gibt kein Nachspiel. Hier ist nämlich der schwache Punkt bei diesen sogenannten Special Deputies. Sie können alles, und sie tun es auch. Aber wenn sie erwischt werden, wenn sie irgendwo auf den Bauch fallen, da haben sie keine Rückendeckung, von niemand. Es wird zwar versucht, sie irgendwie herauszuholen, aber wenn wir es geschickt anstellen, dann können wir sie auch aufhängen. Und daran ändert die Bundesregierung gar nichts, denn dieses Vorgehen der Special Deputies ist nach den Bundesgesetzen im Grunde illegal. Bringen Sie mir Braddock und diesen Yumah, und ich werde sie erledigen!“

Ich weiß nicht, wo Yumah steckt“, sagt El Capitan nachdenklich. „Er ist irgendwie abhanden gekommen. Vielleicht hat es ihn bei diesem Kampf erwischt. Aber Braddock ist auf alle Fälle in Fort Smith, das steht absolut fest.“

Dann bringen Sie Braddock, das reicht doch. Bauen Sie eine Falle und legen Sie ihn rein, wie Sie ihn schon einmal reingelegt haben! Nur waren Ihre Leute nicht fähig, daraus etwas zu machen. Immerhin sind Ihnen eine Menge Leute verloren gegangen.“

El Capitan schüttelt den Kopf. „Das spielt keine Rolle. Das hat mich zwar getroffen, aber nicht so schwer, wie er vielleicht glaubt. Der Brief mit den Bedingungen zur Übergabe des Lösegeldes liegt ihm auch vor. Das heißt, Patty O’Hagan hat diesen Brief, und ich bin sicher, er kennt ihn inzwischen auch.“

Und Sie wollen wirklich“, fragt Houston, „dass Patty O’Hagan das Geld selbst bringt?“

Ja, sie selbst. Die Stelle, die ich angegeben habe, liegt auf einer Ebene. Man kann meilenweit jeden Reiter von weitem erkennen. Sie wird also allein kommen müssen und an der Stelle, die ich ihr beschrieben habe, das Geld ablegen. Da steht nur ein alter, zusammengebrochener Pferdewagen. Dort wird sie das Geld ablegen und zurückreiten. Wir können aus der Ferne beobachten, ob sie es tut und was weiter geschieht.“

Und wann wollen Sie das Geld holen?“, fragt Houston.

Sobald es dunkel wird.“

Und wo ist da eine Falle für Braddock?“, will der Gouverneur wissen.

El Capitan lächelt. „Wir werden bei Einbruch der Dunkelheit das Geld holen. Und dabei lässt es Braddock doch nicht bewenden. Wir müssen natürlich dieses Geld erst einmal haben, damit wir Rory O’Hagan freilassen. Dieser Terry ist doch für sie der Grund, dass sie es tun. Braddock wird mir also folgen, mir und meinen Leuten. Und dann bekommen wir ihn, dafür habe ich gesorgt.“

Und wenn er es nicht tut?“

El Capitan schüttelt den Kopf. „Er tut es. Er wird nicht zulassen, dass es Patty O’Hagan tut. Also tut er es. Und andere kommen in dieser Sache nicht in Frage. Höchstens Yumah könnte noch unterwegs sein. Ich vermute, dass der Ihr Gästehaus beobachtet und wir ihn deshalb nicht gefunden haben. Das bedeutet aber, dass er weit von der Stelle entfernt ist, wo das Geld übergeben wird.“

Dann dürfen Sie nichts am Gästehaus tun, was mich verdächtig macht.“

Wir denken gar nicht daran. Wir haben die Leute dort, und es ist mehr wie ein Lager für sie. Wenn ich sie brauche, kann ich sie schnell abrufen. Im Grunde habe ich das mit dem Gästehaus getan, um Braddock abzulenken. Ich bin sicher, das ist mir gelungen.“

Bringen Sie mir Braddock! Wenn wir ihn haben, töten wir Rory O’Hagan. Das erledigen Sie. Und Braddock schieben wir die ganze Chose in die Schuhe. Ich werde hier einen Prozess aufziehen. Wir werden Beweise haben, dass er das alles in Szene gesetzt hat. Und dafür hängen wir ihn auf.“

Das mit dem Aufhängen gefällt mir nicht“, erklärt El Capitan. „Braddock ist zwar mein Gegner, aber er ist keine Ratte, die man ersäuft und auch kein Bursche, den man einfach aufhängt.“

Dann wird er bei einem Fluchtversuch getötet. Aber erst einmal muss er verurteilt sein. Die ganze Geschichte mit Terry darf nicht an mir hängenbleiben. Natürlich ziehen wir die Sachen soweit hinaus, bis keine Zeit mehr ist, einen neuen Kandidaten aufzustellen. Im Grunde gibt es keinen anderen als ,Terry“ Rory O’Hagan für die Demokraten. Wenn er weg ist, verlieren sie die Wahl, das ist absolut sicher. In unserem Land werden Persönlichkeiten gewählt und nicht die Parteien.“

El Capitan interessiert sich nicht für Politik. Ihm liegt mehr an einer Zwischenfinanzierung seines Auftrages.

In Ordnung, Gouverneur! Ich bringe Ihnen Braddock, aber das kostet natürlich etwas mehr. Da ist ein Zuschlag fällig“, sagt er.

Den ich zu zahlen bereit bin“, entgegnet Houston. „Und darüber hinaus eine fette Prämie. Wenn Sie das alles astrein über die Bühne bringen.“

Waren Sie bisher unzufrieden?“, erkundigt sich El Capitan.

Mir ist kein Schaden entstanden. Sofern Schaden aufgetreten ist, geht er ja zu Ihren Lasten, El Capitan“, sagt Houston mit selbstgefälligem Lächeln.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne, Gouverneur. Und jetzt habe ich zu tun.“

El Capitan stemmt sich vom Stuhl hoch. Ein großer, wuchtiger Mann. Verglichen mit dem Gouverneur, der sich ebenfalls erhebt, um El Capitan zum Abschied die Hand zu geben, ist er ein Riese. Mit klingelnden Sporen geht er hinaus. Ein harter Kämpfer, wie sich Harry Houston sagt, als El Capitan das Zimmer verlässt.

Von seinem Fenster aus sieht er, wie El Capitan unten auf sein Pferd steigt, das die ganze Zeit von einem livrierten Negerlakai festgehalten worden war. Dieses Squatterhorse mit dem Cowboysattel,, den Packtaschen und der Decke, die hinten aufgeschnallt ist, wirkt vor dem Präsidentenpalais in Little Rock wie ein Fremdkörper zwischen diesen gepflegten Sträuchern, dem kurzgeschorenen Rasen und den marmornen Balustraden.

Houston greift zu dem kleinen Glöckchen und läutet. Als sein Sekretär eintritt, ein kleiner, hagerer Mann mit kurzgeschnittenem Haar und einem Kneifer auf der Nase, winkt ihn Houston zu sich.

Sie stehen beide am Fenster nebeneinander, und Houston deutet auf den davonreitenden El Capitan.

Dieser Bursche muss weg, wenn er seinen Auftrag ausgeführt hat. Diese Sorte schätze ich so ein, dass sie aus allem Kapital schlägt. Er könnte versuchen, mich zu erpressen. Er muss also ebenfalls verschwinden. Ich will Ihnen sagen, was ich mit ihm ausgemacht habe. Und danach entwickeln Sie einen Plan, wie wir auch El Capitan loswerden, und zwar so unauffällig und so schnell wie möglich ... “

 

*

 

Braddock ist schon einen ganzen Tag da. Als der Abend hereinbricht und die Sonne schon sehr tief steht, beobachtet er noch immer die Ebene. In der Ferne, im blauen Dunst, der Kamm der Berge und davor ebenes Land. Nichts als Gras, und da und dort Büsche, sehr wenig Büsche. Zu klein, um ein Versteck zu bieten, nicht für ein Pferd.

Linker Hand,ein paar Meilen entfernt, Hügelketten. Rechts Ebene, soweit das Auge reicht. Kein Berg, kein Baum, nichts.

Im Rücken von Braddock sind Felsenkämme, die ziemlich weit bis zu der Stelle heranreichen, wo er liegt. Das eben wirkende Gelände ist in Wirklichkeit wellig. Es gibt Furchen, die von Unwettern gezogen wurden und wie versandete Gräben wirken. Auf die Felsen zu ist das Gebüsch dichter, aber nach vorne hin, in Richtung der Stelle, wo das Geld übergeben werden soll und wo der zusammengebrochene Planwagen steht, ist alles eben und ohne jede Deckung.

Im Fernglas kann Braddock dieses Wagenwrack erkennen. Eine Plane ist nicht mehr da, von den Spriegeln lediglich noch zwei. Die Vorderachse existiert nicht mehr, die Hinterräder sind ebenfalls zerbrochen, der Wagen liegt auf dem Kasten. Mehr ist davon nicht zu sehen. Nach Braddocks Schätzung ist der Wagen etwa zwei Meilen entfernt. In der klaren Luft aber würde man jede Bewegung um den Wagen herum erkennen können und auch, ob sich ihm ein Reiter nähert.

Das Versteck von Braddock ist gut gewählt. Er liegt ein wenig erhöht und kann in bester Deckung zurück bis zu den Felsen kommen, wo sein Pferd verborgen ist. Er wird aber auch jeden von weitem sehen, der sich in der westlichen Hälfte der Ebene nähert.

Er rechnet damit, dass El Capitans Leute in der Nacht auftauchen.

Und tatsächlich hört er, als die Sonne untergegangen ist, Hufschlag. Hufschlag, der sich nähert, ziemlich genau der Stelle, wo er sich befindet.

Er fürchtet schon, entdeckt zu werden, aber da schwenken die Reiter plötzlich nach links und halten auf eine Stelle zu, von der Braddock von Anfang an glaubte, dass sie für ein Versteck geeignet sei. Er selbst hatte sich dort verbergen wollen und lange gezögert, ob er dort oder hier bleiben soll.

Nun reiten sie dahin. Fast hat er damit gerechnet.

Später kriecht er zurück, gibt seinem Pferd zu saufen, zieht ihm Lederstulpen über die Hufe und bindet sie fest. Dann reitet er los. Er reitet langsam, er hat Zeit, die ganze Nacht über.

In einem weiten Bogen versucht er sich jetzt der Stelle zu nähern, ohne gesehen zu werden, wo El Capitans Leute sind. Er will nicht bis morgen warten. Vielleicht erfährt er vorher, wo sie Terry gefangen halten. Er vermutet ja, dass es das Gästehaus ist, das Gästehaus des Gouverneurs. Andererseits kann er es sich nicht vorstellen. Der Gouverneur wird sich doch nicht so sicher fühlen, dass er das riskiert.

Die Büsche, wo El Capitans Leute lagern, liegen ebenfalls dicht vor Felsen, am Rande der Ebene. Es ist eine ebenso günstige Stelle wie die, von der aus Braddock beobachtet hat.

Braddock lässt sein Pferd etwa hundert Schritt vor dem Lager in der schwarzen Nacht zwischen Felsen zurück und bindet es an. Nur mit der Marlin in der Rechten, bewegt er sich lautlos auf das Lager zu. Er hat sich sein dunkles Halstuch vor die untere Gesichtshälfte gezogen, damit die Helligkeit seines Gesichtes nicht auffällt, wenn er sich irgendwo verstecken muss. Und so ist er so dunkel wie die Nacht, verursacht nicht den geringsten Lärm und erreicht die Büsche, ohne bisher etwas von seinen Gegnern gesehen zu haben.

Es ist still. Kein schnaubendes Pferd, niemand, der spricht und erst recht nicht die Glut einer glimmenden Zigarette oder Zigarre.

Aber dann riecht er Pferdeschweiß und den Geruch von gefettetem Leder.

Er ist ihnen ganz nahe. Er weiß es, ohne sie zu sehen oder zu hören.

Der Wind fächelt in den Blättern der Büsche. Dieses Rascheln und Singen des Windes ist das einzige Geräusch, das Braddock vernimmt. Aber die Gefahr ist zum Greifen nahe.

Er kauert hinter einem Gebüsch und verharrt reglos.

Seiner Schätzung nach sind es mindestens fünf oder sechs, die da vorhin durch die Nacht geritten sind.

Er fragt sich, ob El Capitan dabei ist und hofft es.

Braddocks Plan geht auf. Sie sind bei Dunkelheit gekommen und haben die Spuren nicht sehen können, die er verursacht hat und auch nicht das Seil. Jetzt ist er da, an der Stelle, wo das Seil endet. Er hat es am letzten Vormittag gelegt, an vielen Stellen an heruntergebogene Äste gebunden, und es genügt ein Ruck an diesem Seil, um die Äste hochschnellen zu lassen. So fest ist die Verankerung im Boden nicht. An ihren Spitzen aber ist das Seil angebracht. Die hochschnellenden Äste werden das Seil etwa in Hüfthöhe eines Mannes heben. Und dieses Seil führt um diese Buschgruppe herum, wie um einen Pferch, in dem Pferde untergebracht sind.

Ein kleiner Ruck, ein Rascheln, als die Äste hochfliegen, dann ist es wieder still.

Plötzlich flucht irgendwo eine Männerstimme. Eine andere macht „Psst!“ und nichts ist noch zu hören. Nur das Rascheln der Blätter, der säuselnde Wind, der den Geruch von Lederfett und Pferdeschweiß in Braddocks Nase trägt. Er ist gegen den Wind gekommen, und er verlässt diese Stelle wieder gegen den Wind.

Als er den Busch erreicht, hinter dem er vorhin auf dem Weg hierher gekniet hat, zieht er ein Päckchen aus seiner Brusttasche. Es ist eine eingewickelte Flasche. Er stellt sie auf einen Stein hinter dem Busch, dann schleicht er weiter, zurück zu der Stelle, von der aus er vorhin das Land beobachtet hat.

Als wenig später der Mond aufgeht, hat sich Braddock zusammengerollt wie ein Igel und schläft. Er liegt unmittelbar neben seinem Pferd, hat einen der Zügel um das Handgelenk geschlungen und wird sofort erwachen, wenn das Pferd nur unruhig wird.

Er schläft vielleicht zwei Stunden, dann ist er wieder hellwach, beobachtet mit seinem Fernglas die Büsche drüben, wo El Capitans Leute stecken.

Bald darauf beginnt es im Osten zu tagen. Und ein seltsames Zwielicht erhellt die Ebene.

In einer Stunde, so weiß Braddock, wird Patty O’Hagan das Geld bringen.

Aufmerksam sucht Braddock die ganze Umgebung mit dem Fernglas ab. Aber die Sicht ist noch sehr ungewiss. Das Zwielicht herrscht vor. Doch schon zehn Minuten später sieht es anders aus.

Er kann deutlich und klar eine riesige Reiterschar im Süden erkennen, dort, wo die Hügel sind. Es sind einfach zu viele Reiter, als dass man sagen kann, sie unterstünden El Capitan. Aber die Reiterschar kommt nicht näher. Sie hält sich in sicherer Entfernung.

Braddock kann auf diese große Distanz nicht erkennen, was das für Reiter sind. Aber er hat so seine Vermutung. Und als die Sonne etwas höher steigt, glaubt er seinen Verdacht bestätigt, als öfter mal etwas da drüben aufblitzt.

Reflexe, denkt Braddock, die von Knöpfen, Schnallen und dergleichen verursacht werden, wie man sie an Uniformen findet.

State Troopers, also Nationalgarde.

Houston holt zum großen Schlag aus. Vielleicht, denkt Braddock, gilt das auch El Capitan. Nach Braddocks Überlegungen kann Houston keine Mitwisser gebrauchen, keine, die außerhalb seiner Reichweite leben. Und vor allen Dingen keine wie El Capitan.

Mein lieber Freund, denkt Braddock, du hast dich da auf etwas eingelassen, was dich den Kopf und den Kragen kostet. El Capitan, du hast ein Paar zu große Stiefel angezogen und wirst es gar nicht wissen.

Aber diese Reiter bleiben drüben in den entfernten Hügeln, so weit weg, dass man sie ohne Fernglas gar nicht erkennen kann.

Sie sind jetzt offenbar abgesessen. Aber Braddock weiß, wo sie stecken und braucht nur noch darauf zu achten, dass sie an Ort und Stelle bleiben. Auch auf der Buschinsel regt sich noch nichts.

Und dann auf einmal nähert sich in der Ferne, von Osten her ein Reiter.

Es wird Patty sein, denkt Braddock, kann sie aber selbst durchs Fernglas nur als winzigen Punkt ausmachen.

Sie reitet rasch. Der Punkt wird größer und ist bald ohne Fernglas zu erkennen.

Braddock wirft wieder einen Blick hinüber zur Buschinsel. Dort bewegt sich etwas. Und durch das Fernglas kann er sogar erkennen, dass Reiter aufgesessen zwischen den Büschen warten.

Doch dann geschieht etwas Überraschendes. Links bei den Hügeln ist wieder Bewegung. Die ganze Front dieser großen Reiterschar nähert sich. In einer weiten Linie kommen sie langsam aber sicher näher.

In der Mitte wird der Abstand zwischen dem Wagenwrack und der sich nähernden Patty O’Hagan auch kleiner.

Was hat das zu bedeuten?, fragt sich Braddock. Ist das wirklich Nationalgarde? Er beobachtet mit dem Fernglas. Seiner Schätzung nach müssen es wenigstens zweihundert Reiter sein.

Eine Kompanie. Sie reiten weit auseinandergezogen, als würden sie das Gelände regelrecht abgrasen.

Patty scheint diese Reiter noch gar nicht gesehen zu haben.

Anders ist es drüben auf der Buschinsel. Dort hat man die Reiter in der Ferne sehr wohl entdeckt. Die Unruhe scheint immer größer zu werden. Braddock sieht, dass eine ganze Menge Männer da drüben sind und nicht bloß vier oder fünf. Es müssen an die zehn sein, und sie sind allesamt aufgesessen. Zwei von ihnen befinden sich gefährlich nahe dem aufgespannten Seil.

Hoffentlich entdecken sie es nicht!, denkt Braddock und blickt hinüber zu seiner Flasche. Sie ist nur von ihm aus zu erkennen, denn der Busch ist dahinter.

Er hat die Marlin vor sich auf dem Felsen liegen und wird mit dieser festen Auflage erstklassige Schüsse mit dem Präzisionsgewehr anbringen können.

Durch das Fernglas sieht er, dass die Aufmerksamkeit aller Männer drüben auf der Buschinsel von der sich nähernden Reiterkette in Anspruch genommen wird.

Dazwischen ist Patty. Sie reitet immer noch weiter und ist jetzt fast an dem Wagenwrack angekommen.

Sie hat es erreicht, pariert ihr Pferd, und Braddock kann deutlich sehen, dass sie eine Satteltasche vom Sattelhorn nimmt und in den morschen offenen Kasten des Wagens wirft, ihr Pferd herumzieht und sich dabei nach allen Seiten umsieht. Dann reitet sie den gleichen Weg zurück, den sie gekommen ist.

Braddock schaut mit dem Fernglas nach links. Die lange Kette der Reiter drüben wird schneller.

Braddock kann im Fernglas deutlich erkennen, dass sie alle blaue Jacken und hellgraue Hosen tragen. Also doch Nationalgarde, State Troopers!

Die Entfernung zwischen ihnen und dem Wagenwrack ist sehr viel größer als jene von der Buschinsel zum Wagenwrack, aber auch bis zu Patty.

Und jetzt fällt die Entscheidung. Wird El Capitan seine Männer zum Wagen schicken,um das Geld zu holen, bevor die Reiter der Nationalgarde da sind, und wird er vielleicht auch befehlen, Patty einzufangen?

Während Braddock das noch denkt, ertönt ein Schrei drüben auf der Buschinsel, und die Reiter jagen los.

Im selben Augenblick hat Braddock die Marlin hoch, zielt auf die Flasche und schießt.

Es gibt einen mörderischen Knall, als die Flasche drüben explodiert. Und Braddock denkt in diesem Augenblick, während der Feuerball noch in der Luft steht:

Auch verdünntes Nitroglyzerin ist ein schlimmer Finger.

Der donnernde Schlag und das für die Reiter viel zu spät sichtbar werdende Seil, entfesseln da drüben ein Chaos. Eines der Pferde ist trotz des Seils aus der Buschinsel herausgekommen, bockt aber wie verrückt und versucht seinem Reiter auszubrechen. Ein anderes Tier ist im Seil hängengeblieben und gestürzt, ein weiteres über das gestürzte Tier hinweggeflogen.

Dann fallen Schüsse, als einem der Männer, der aus dem Sattel geflogen ist, das Gewehr losgeht. Und andere vermuten, ein Gegner sei zwischen ihnen.

Als schließlich vier Reiter aus diesem Durcheinander herauskommen und zum Wagenwrack jagen, lässt Braddock sie ganz bewusst durch. Es wäre ihm ein leichtes, sie aus den Sätteln zu holen. Aber er tut es nicht. Sie müssen das Geld holen und ihm auch den Weg zum Versteck von Terry zeigen.

Die Reiter der Nationalgarde sind jetzt noch schneller geworden. Die vier Burschen da drüben, die jetzt aufs Wagenwrack zujagen und sich tief über die Hälse ihrer Pferde beugen, sehen das und versuchen schneller zu sein, viel schneller. Denn sie müssen mit dem Geld auch noch zurück.

Sie haben inzwischen das Wagenwrack erreicht, als sie von den Reitern der Nationalgarde unter Feuer genommen werden. Trotzdem gelingt es ihnen, die Tasche mit dem Geld zu schnappen und nach Süden davonzureiten.

Auf der Buschinsel sind noch vier weitere Reiter aus dem Durcheinander freigekommen. Ein fünfter zieht sich gerade aufs Pferd, und sie verlassen ebenfalls nach Süden zu die Büsche. Jedenfalls wollen sie das.

Braddock verlässt nicht einmal seine Deckung. Er schwenkt nur den Lauf der Marlin etwas herum und zielt auf einen Punkt am Felsen. Eine kleine Felsnase ist es, und an ihr hängt etwas herunter, das wie eine Flasche aussieht. Er hat das gestern Mittag dort befestigt.

Braddock hat auch Glück. Von den fünf Pferden, die die Buschinsel verlassen, müssen zwei die doppelte Last tragen. Sieben Männer sind es also, die jetzt ziemlich genau so reiten, dass sie in wenigen Sekunden unter der kleinen Felsnase vorbeimüssen.

Aber so weit will es Braddock gar nicht kommen lassen. Schon als sie dicht davor sind, gibt er seinen Schuss ab. Und er hat nicht nur ein gutes Gewehr, sondern auch eine ganz ruhige Hand.

Unmittelbar nach dem Abschuss steht drüben ein grell leuchtender Feuerball in der Luft, so hell, dass es Braddock blendet und er beinahe zwei Sekunden lang die Augen schließt, weil sie regelrecht schmerzen.

Der Donnerschlag ist noch nicht verhallt, da sieht Braddock zum zweiten Mal ein Chaos unter diesen Reitern da drüben.

Und jetzt schießt er.

Ihre Pferde haben sich aufgebäumt, und zweien ist es gelungen, die Reiter abzuwerfen. Die Tiere preschen in panischer Angst davon, andere jagen bockend wie auf einem Rodeo im Zickzack hin und her. Und nur zwei Pferde sind von ihren Reitern sofort unter Kontrolle gebracht worden.

Auf diese Reiter feuert Braddock zuerst.

Die peitschenden Schüsse der Marlin jagen aus dem Lauf, bevor die sieben Männer da drüben überhaupt eine Chance haben.

Und dann ist es für Braddock Zeit. Die Reiter der Nationalgarde sind jetzt gar nicht mehr weit vom Wagenwrack entfernt.

Aber Braddock hat sich einen Rückweg gesichert. Er läuft zurück zu seinem Pferd, macht es fertig, und als der Gurt stramm ist, sitzt er auf und reitet durch einen Felseinschnitt, der ihn nach allen Seiten verbirgt, ein gutes Stück westwärts, kommt dann auf eine Anhöhe und von dort wieder hinunter in eine lange Schlucht, einen Canyon, der von Norden nach Süden verläuft.

Braddock reitet in ihm entlang und kommt rasch voran. Nach einstündigem Ritt hat er eine Stelle erreicht, wo sich links eine Aufstiegsmöglichkeit bietet. Er muss absitzen, führt sein Pferd am Zügel empor, und es ist eine Schinderei, in der glühenden Sonne nach oben zu kommen. Völlig außer Atem langt er dort an. Sein Pferd schwitzt und schnaubt. Aber sie sind oben, und von hier aus bietet sich ihm ein Blick über die Ebene auf der anderen Seite. Da sieht er halbrechts jene vier Reiter, die offenbar das Geld haben. Sie sind schon an ihm vorbei, und sie reiten immer noch nach Süden.

Er sucht einen Abstieg, und als er ihn findet, führt er seinen Falben nach unten. Dann sitzt er auf und folgt den vier Männern, von denen er hofft, dass sie ihn zum Versteck Terrys führen.

Aber er muss weiten Abstand halten, weil sie ihn sonst sehen können. Dann aber wird das Gelände unübersichtlicher. Es wimmelt von Büschen, Senken und Bodenwellen, so dass er näher aufrücken kann. Der sandige Boden, der hier ist, macht es ihm leicht, auf ihrer Spur zu bleiben.

Als sie eine Wasserstelle erreichen, muss er warten, bis sie ihre Pferde getränkt haben und ihren Ritt fortsetzen. Dann macht er es wie sie, lässt sein Pferd saufen und folgt ihnen dann weiter.

Eine Stunde später nähert er sich einer Farm und sieht durch sein Fernglas von weitem, dass vier schweißnasse Pferde, die vor kurzem noch Sättel getragen haben, in einem Corral stehen.

Ihm ist klar, dass diese vier Burschen jetzt frische Pferde haben. Er überlegt, ob er ebenfalls die Möglichkeit haben wird, sein Pferd zu wechseln. Aber er verzichtet darauf, macht einen weiten Bogen um die Farm und hat nach einer weiteren halben Stunde die Spur der vier Reiter wieder und stellt gleichzeitig fest, dass sie dicht vor ihm sind.

Er holt immer mehr auf und wird vorsichtig. Jetzt führt der Ritt durch Gebirge. Es geht aufwärts, und für Braddocks erschöpftes Pferd wird es hart. Aber Braddock sitzt ab, wo sich die Möglichkeit bietet, um seinem Tier eine Chance zu geben. Und dann sieht er plötzlich drei der vier Reiter vor sich. Sie befinden sich am Rande einer tiefen Schlucht. Über die hinweg führt eine schmale Hängebrücke. Und jetzt begreift Braddock auch, warum er sie jetzt schon einholen konnte.

Der erste Reiter führt sein Pferd vorsichtig Schritt für Schritt über die schwankende schmale Brücke, die im Grunde nichts weiter als ein Fußsteg ist, der über die Schlucht führt. Die Seile der Brücke sind aufs Äußerste gespannt, als die Last von einem Mann

und einem Pferd darauf ist. Aber sie halten. Und trotz des Schwankens kommen Mann und Tier wohlbehalten drüben an.

Jetzt setzt der nächste seinen Fuß auf die Brücke. Das alles wiederholt sich.

Braddock hat sich versteckt und wartet, bis sie alle vier drüben sind. Dann lässt er ihnen auch noch Zeit, ein Stück Vorsprung zu gewinnen, ehe er sich auf den Weg macht.

Seinem Pferd hat die Pause gut getan. Er gibt dem Tier nochmals zu saufen und reitet dann nach oben und führt selbst sein Pferd über die schwankende Brücke. Es ist gar nicht so einfach. In der Mitte hat Braddock ein ziemlich flaues Gefühl im Magen. Er traut dieser Brücke nicht. Aber gleichzeitig kommt ihm eine Idee.

Als er die andere Seite erreicht hat, sieht er sich die Befestigung der Seile an.

Er hat noch zwei Dynamitpatronen bei sich, seine letzten. Eigentlich wollte er etwas anderes damit machen. Aber er klettert hinauf, wo die Seile im Fels verankert sind und macht die beiden Dynamitpatronen dort fest, so, dass er sie von unten auch sehen kann und vor allen Dingen auch von der anderen Seite des Canyons.

Danach reitet er weiter. Er lässt sich jetzt Zeit. Die Spuren der vier Reiter sind gut zu erkennen. Und er kann sich nicht vorstellen, dass es jetzt noch weit zum Ziel ist.

Er soll recht behalten. Es geht durch Buschwald, und der Boden ist hier noch feucht vom Gewitter, das jetzt schon eine ganze Weile zurückliegt. Die Hufspuren zeichnen sich deutlich ab.

Der Weg wird nicht allzuoft benutzt. Daraus schließt Braddock, dass dieser Weg zum Versteck führt, und sonst nirgendwohin.

Und plötzlich, als er aus dem Buschwald herauskommt, sieht er das Versteck. Ein Wasserfall, zu dessen Füßen die Reiter jetzt absitzen. Einer von ihnen, den Braddock im Fernglas beobachtet, klettert am Fels empor, geht auf einem schmalen Sims auf den Wasserfall zu und verschwindet dahinter.

Den Rest kann sich Braddock denken. Zwei der anderen machen es ebenfalls, der vierte bleibt unten bei den Pferden und führt sie jetzt zur Seite hinter Büsche, so dass Braddock sie nicht mehr sehen kann.

Alle drei sind jetzt hinter dem Wasserfall verschwunden.

Und dort, sagt sich Braddock, finde ich auch Terry ...

 

*

 

Als Patty die zwei Verfolger sieht, die aus der Kette der State Troopers ausgeschert sind, reitet sie schneller. Aber die beiden haben gute und ausgeruhte Pferde. Nach kurzer Zeit wird Patty eingeholt.

Einen der beiden Uniformierten kennt sie. Es ist Lieutenant Ross, ein an sich sympathisch wirkender Mann mit glattem Gesicht und einem spöttischen Lächeln um die Lippen.

Der zweite Mann ist ein einfacher Nationalgardist, wohl älter als Ross, und er trägt die Streifen eines Sergeants.

Patty pariert ihr Pferd, als sie eingeholt wird. Ross tippt an die Hutkrempe, der Sergeant ebenfalls. Und dann sagt Ross:

Sie sind in ziemlicher Gefahr, Miss O’Hagan. Wir haben uns entschlossen, Sie zu beschützen. Und Sie werden diesen Schutz auch nötig haben. Es besteht die Gefahr, dass man versucht, auch Sie zu entführen. Es war sicherlich kein Fehler, das Lösegeld zu hinterlegen, aber eine Garantie, dass die Bande Ihren Bruder freilässt, ist es nicht...“

Patty sieht Ross abschätzend an. „Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich, Lieutenant?“

Auf der Seite des Gesetzes“, behauptet Ross.

Und was tun Ihre Leute da drüben?“

Ross lächelt. „Es sind nicht meine Leute. Sie werden von Major Kelly befehligt.“

Im Auftrag des Gouverneurs?“

Alle Einsätze der Nationalgarde sind im Aufträge des Gouverneurs, selbstverständlich.“ Ross lacht. „Ich weiß, was Sie denken. Sie glauben,der Gouverneur ist gegen Sie, weil Sie seine Wahlgegner sind. Aber das ist ein Irrtum. Der Gouverneur ist dem Gesetz verpflichtet, genau wie wir. Wenn Sie wollen, können Sie mit ansehen, wie wir die Reste der Bande zerschlagen. Sehen Sie, meine Kameraden haben bereits das Buschgelände umstellt. Da kommt keiner lebend raus.“

Patty sieht, wie in der Ferne die Kette der Reiter einen Halbkreis gebildet hat, der sich immer mehr zum Kreis schließt. In der Mitte ist die Buschinsel.

Und dann fallen Schüsse. Aber die Entfernung ist für Patty zu groß, um zu erkennen, was da passiert.

Nach einer Weile ist es still. Kurze Zeit darauf bewegt sich die Reiterschar der Blauuniformierten weiter.

Und jetzt?“, will Patty wissen.

Jetzt werden sie sich auf den Weg machen und ein paar Versprengten folgen. Auch die müssen festgenommen werden, soweit es möglich ist. Wenn sie sich verteidigen, werden wir auf sie schießen. Das ist nun mal das Leben“, erklärt Ross.

Ich brauche aber keinen Schutz. Ich werde allein weiterreiten“, erklärt Patty entschlossen und treibt ihr Pferd an.

Die beiden bleiben neben ihr. „Wir haben den Auftrag des Gouverneurs“, meint Ross lächelnd. „Wir müssen auf Sie achten. Es darf Ihnen nichts geschehen. Vielleicht fürchtet der Gouverneur auch, dass man ihm die ganze Geschichte mit Ihrem Bruder anlasten will. Und in Ihren Wahlaufrufen haben Sie das zwischen den Zeilen auch ausgedrückt. Das hat den Gouverneur natürlich geärgert. Und jetzt will er dafür sorgen, dass jedermann sieht, wie wir auf Sie achten.“

Ich verzichte auf Ihren Schutz“, erwidert Patty.

Ross zuckt die Schultern. „Befehl ist Befehl“, sagt er.

Sie wissen doch ganz genau“, sagt Patty, „dass auch Braddock unterwegs ist. Und Sie kennen Braddock doch.“

Natürlich“, meint Ross. „Und ich habe auch inzwischen erfahren, dass er zu den Special Deputies gehört.“

Was Sie nicht sagen!“, ruft Patty, als sei sie erstaunt.

Ja“, bestätigt Ross, „er ist einer von denen. Es gibt da nur ein paar Handvoll davon. Aber das sind wirklich harte Burschen, das ist wahr. Wie sind Sie nur auf die Idee gekommen, ihn zu Hilfe zu rufen? Sie hätten lieber die Nationalgarde alarmieren wollen. Braddock hat keinen öffentlichen Auftrag, verstehen Sie? Was er tut, wird von niemandem gedeckt. Wenn er Pech hat und seine Gegner ihn töten oder nur gefangennehmen, kann er nicht mit Hilfe rechnen.“

Machen Sie sich um ihn keine Sorgen“, erwidert Patty.

Ich mache mir immer Sorgen, wenn es um die Sicherheit dieses Landes geht. Und wir bringen Sie nach Fort Smith.“

Ach, Sie bringen mich?“, meint Patty zornig. „Wollen Sie damit sagen, dass ich Ihre Gefangene bin?“

Aber nein doch!“ wehrt Ross ab. „Nie im Leben würde ich so etwas denken! Wir beschützen Sie. Aber wir haben den Auftrag, Sie dahin zu begleiten, wo Sie am sichersten sind. Und das ist Fort Smith. Der Gouverneur ist jedenfalls dieser Meinung.“

Wollen Sie mich vielleicht Richter Parker ausliefern, dass er mich in sein Gefängnis steckt?“

Ross lacht.

Da wäre ich nämlich am sichersten“, fährt Patty fort.

Aber nein, Miss O’Hagan, des ist doch nicht unsere Absicht. Wir wollen Sie wirklich nur schützen. Denn es gibt Hinweise darauf, dass man auch Sie entführen will. Das Geld hat die Bande jetzt. Und ein paar von denen ist die Flucht gelungen. Das sind die, die das Geld haben. Meine Kameraden sind jetzt hinter ihnen her. Aber Sie wissen ja, wie schwierig so etwas ist, wenn es denen gelingt, die Berge zu erreichen.“

Patty überlegt fieberhaft, wie sie die beiden loswerden könnte. Sie ahnt, was die Nationalgarde wirklich vorhat. Offenbar sieht Houston die Gefahr jetzt nicht nur von Braddock ausgehend, sondern auch von den Männern, die er selbst bezahlt hat. Er lässt auf sie schießen, das hat sie vorhin doch gesehen, als die State Troopers die Buschinsel umstellten. Nachher sieht es so aus, als sei der Gouverneur absolut unparteiisch und sogar noch um den Schutz seiner Wahlgegner bemüht. Ein guter Plan, aber Patty ist entschlossen, dafür zu sorgen, dass er nicht aufgeht.

Im Augenblick sieht sie wirklich keine Chance, die beiden loszuwerden oder gar abzuschütteln. Was Ross jetzt mit ausgesprochener Höflichkeit ausführt, ist weiter nichts, als eine Bewachung. Und sie ist die Gefangene des Lieutenants. Aber Patty ist noch nie die Gefangene irgendeines Menschen gewesen und ist fest entschlossen, die erstbeste Gelegenheit zu nutzen, um die beiden loszuwerden.

Aber im Augenblick sieht es nicht danach aus, als könnte sie die beiden abschütteln. Im Gegenteil, sie bemerkt die lüsternen Blicke von Ross, obgleich er auch das zu verbergen sucht. Aber sie merkt es, sie spürt es als Frau, wie er sie anblickt. Auch der Sergeant wirft ihr sehr begehrliche Blicke zu.

Vielleicht, denkt Patty, ist das die Chance für mich.

Nach einer knappen Meile, die sie dann noch reiten, erreicht Patty das Lager ihrer Freunde. Männer, die sie bis hierher begleitet hatten und etwas befremdet auf Ross und den Sergeant blicken.

Sie sehen, Lieutenant“, sagt Patty lächelnd, „dass ich bereits Schutz genug habe. Ich glaube, ich kann mich von Ihnen verabschieden.“

Ross schüttelt entschieden den Kopf. „O nein, das sind zwar alles sehr sympathische Leute“, erwidert er laut. „Aber ich habe nun mal den Befehl, auf Ihre Sicherheit zu achten, und so einen Befehl kann ich nicht einfach von mir weisen, als ginge er mich nichts an. Selbst der Sergeant würde das nicht verstehen. “ Er wirft dem Sergeant einen kurzen Blick zu, und der nickt grinsend.

Patty ist sich darüber klar, dass sie vorsichtig sein muss. Ross und der Sergeant sind immerhin State Troopers, und gegen sie etwas zu unternehmen, könnte, je nachdem wie es ausgeht, als Widerstand gegen die Staatsgewalt ausgelegt werden. Vielleicht ist das der Hintergedanke des Gouverneurs.

Eigentlich hatte Patty vor, mit ihren Begleitern sofort weiterzureiten und in Gratty auf die Freilassung ihres Bruders zu warten.

Ich habe nicht vor“, sagt sie, „nach Fort Smith zurückzukehren, und meine Freunde auch nicht. Wir werden also hier erst einmal lagern. Wenn Sie es eilig haben, Lieutenant, können Sie von uns aus ruhig weiterreiten.“

Ich habe es nicht eilig“, behauptet Ross. „Ich bekomme mein Geld auch, wenn ich nichts tue. Wir haben also wahnsinnig viel Zeit, Miss O’Hagan.“

Patty hat diese Zeit nicht. Der Wahltag rückt immer näher. Es gibt sehr viel zu tun, und jeder Tag, den sie damit verlieren, herumzusitzen, stärkt die Position des amtierenden Gouverneurs Houston.

Aber dann kommt es noch anders. Plötzlich taucht wieder eine Reitergruppe auf, und abermals sind es Angehörige der Nationalgarde, geführt von einem Corporal.

Die State Troopers wirken gar nicht so freundlich wie Lieutenant Ross und der Sergeant. Es sind zwölf Mann, und sie bilden sofort einen Halbkreis.

Sind wir jetzt alle Ihre Gefangenen?“, fragt Patty spöttisch und sieht Ross dabei an.

Es tut mir sehr leid, aber ich weiß nicht, welchen Befehl der Corporal hat.“ Er blickt den Corporal an, einen blonden, schnauzbärtigen Mann, und fragt: „Welchen Befehl haben Sie, Corporal?“

Ich soll alle hier zu einer Besprechung mit Major Kelly bringen, mit Ausnahme von Miss O’Hagan.“

Pattys Freunde protestieren, Patty protestiert ebenfalls. Aber dann haben die State Troopers mit einem Mal ihre Revolver gezogen. Und auch Ross wirkt gar nicht mehr so freundlich und sympathisch, als er auf Patty schaut und mit schnarrender Stimme erklärt:

Sagen Sie Ihren Freunden, dass sie keinen Widerstand leisten sollen. Sonst wird aus der Einladung eine Festnahme. Der Major wird sicherlich Gründe haben, warum er mit Ihren Freunden reden möchte. Und außerdem wäre es vielleicht doch besser, wir machten uns alle auf den Weg nach Fort Smith. Ich meine damit Sie und den Sergeant und mich.“

Ein raffinierter Trick“, erklärt Patty, die aber einsieht, dass ihre Leute jetzt keine Chance hätten. Das sind keine Kämpfer wie Braddock oder Yumah. Das sind junge Leute, die ihr bei den Wahlvorbereitungen geholfen haben. Freunde, die sie nicht im Feuer der State Troopers zusammenbrechen sehen möchte. Denn dass die Leute von Ross schießen würden, begreift Patty in diesem Augenblick beinahe schmerzhaft.

Tut, was sie sagen!“, erklärt sie. „Es hat keinen Zweck, Widerstand zu leisten.“

Wie weise und klug von Ihnen. Vielleicht hätten Sie sich“, sagt Ross, „für den Gouverneursposten bewerben sollen, wenn es möglich wäre, dass eine Frau wählbar ist.“

Das alles dauert nicht lange, dann machen sich der Corporal und seine Männer mit Pattys Freunden auf den Weg. Sie reiten ungefähr in die Richtung, aus der der Corporal gekommen ist.

Ross, der jetzt gar nicht mehr so höflich und freundlich ist wie eben noch, sagt knapp: „Also, dann wollen wir uns ebenfalls auf den Weg machen. Bis Fort Smith ist es weit. Und so abgetrieben ist Ihr Pferd ja noch gar nicht. Wir werden Ihnen ein frisches besorgen, wenn wir in die nächste Siedlung kommen.“

Patty ist von wilder Wut erfüllt, als sie den Anweisungen nachkommt. Aber jetzt etwas zu unternehmen, wäre zu früh. Noch ist der Corporal mit seiner Patrouille zu nahe.

 

*

 

Zwei Stunden später erreichen sie eine Weidehütte, und Ross erklärt, dass hier der richtige Platz ist, um zu lagern. Nachdem er die unbewohnte Hütte inspiziert hat, gibt er dem Sergeant den Befehl, sich um die Pferde zu kümmern, während er Patty auffordert, zu ihm in die Hütte zu kommen.

Ich habe etwas zu essen dabei. Sie sind eine Frau und können es für uns vorbereiten.“

Patty denkt erst, er werde wieder hinausgehen und dem Sergeant helfen, aber das tut er nicht. Er schließt die Tür hinter sich und lehnt sich mit dem Rücken dagegen. Die Satteltasche mit den Vorräten hat er auf den staubigen primitiven Tisch gestellt, der in der Zimmermitte steht.

Patty sieht sich um. Ein winziges Fenster, das aus hochgestellten leeren Flaschen besteht, die dicht nebeneinander aufgereiht sind. Auf der anderen Seite zwei Reihen mit je drei Schlafkojen, die vermutlich von den Cowboys benutzt werden, wenn sie hier zum Round up sind.

Der Kamin in der Ecke ist voller Asche und verkohltem Holz. Der Geruch der Holzkohle erfüllt den ganzen Raum.

Sie können auch ein Feuer machen“, sagt Ross. „Etwas heißer Kaffee könnte uns allen dreien nichts schaden. Wir werden auch die Nacht über hierbleiben. Sie haben also Zeit genug.“

Ich denke,es ist so eilig, mich nach Fort Smith zu bringen?“, fragt Patty, die keinen Finger rührt, irgend etwas zu tun.

Natürlich, aber wir können ja nicht dahin fliegen. Die Pferde müssen sich ausruhen. Eine Pferdeschinderin sind Sie doch sicher nicht“, meint er zynisch.

Sie entschließt sich nun doch, die Vorräte aus der Satteltasche zu holen, denn sie hat Hunger.

Sie stellt sich so, dass sie Ross beobachten kann. Aber er macht jetzt einen Rundgang durch den Raum. Und plötzlich steht er hinter ihr, fasst sie um die Hüften, und als sie mit dem Ellenbogen nach ihm schlägt, um sich von ihm freizumachen, fasst er sie blitzschnell an den Armen, reißt sie herum und küsst sie, bevor sie es verhindern kann.

Aber sie beißt ihm in die Lippen, rammt ihm das Knie in den Unterleib, und als er dann immer noch nicht loslässt und sein Griff eher fester wird, schlägt sie ihm mit der Stirn mit voller Wucht gegen die Nase. Noch einmal versucht sie, mit dem Knie in seinen Unterleib zu stoßen, aber sie hört nur seinen Aufschrei, seine Griffe lockern sich, sie reißt sich von ihm los und will aus der Hütte stürzen.

Wider Erwarten ist er schneller, als sie gedacht hat. Mit einem Satz folgt er ihr, röhrt dabei wie ein brünstiger Hirsch, packt sie an der Schulter und reißt sie mit einem Ruck zu Boden.

Sie schreit auf, als sie mit der Schulter gegen das Tischbein knallt.

Bevor sie es sich versieht, ist er über ihr, will sie zu Boden pressen, und sie kämpft verzweifelt gegen ihn an. Sie schreit, in der Hoffnung, dass der Sergeant kommen werde.

Mit einem Ruck fetzt ihr Ross die Bluse auf und versucht dasselbe an ihren Jeans.

Sie kämpft verzweifelt und entwickelt Kräfte, von denen sie selbst nichts ahnte. Aber er ist einfach stärker als sie. Und plötzlich presst sich die Mündung seines Revolvers an ihre Schläfe. Der Griff seiner linken Hand hat sich gelockert. Er sitzt noch immer rittlings auf ihr und blickt zu ihr herab.

Willst du sterben? Es wird wie ein Unfall aussehen, verstehst du? Also mach keine Faxen, es wird dir sicher nicht unangenehm sein, oder?“

Sie Schwein!“, faucht sie ihn an. „Sie erbärmliches, mieses Schwein! Haben Sie dazu Ihre Kraft, um eine Frau zu vergewaltigen?“

Er lacht höhnisch. „Wer sagt denn so etwas? Du gefällst mir einfach, Patty. Du hast mir schon immer gefallen. Mit Braddock hat es dir sicher auch Spaß gemacht. Er ist doch lange genug bei dir gewesen, nicht wahr? Glaube doch nicht, dass wir das nicht wissen. Wir wissen alles von euch. Wir haben euch ja lange genug beobachtet.“

Er lacht plötzlich, als er sieht, dass sie zur Tür hinüber schielt.

Mit dem Sergeant kannst du nicht rechnen. Wir sind alte Freunde, der Sergeant und ich. Der weiß ganz genau, was sich hier abspielt. Auf den kannst du zurückgreifen, wenn du möchtest und du nicht genug bekommst von mir, könnte ja sein. El Capitan nennt dich die Pantherin. Mal sehen, ob etwas dran ist an diesen Sprüchen. Zeig es mir doch mal! Aber denke daran, dass ich kein Risiko eingehen will mit dir. Wenn du fauchst und kratzt, dann habe ich ein Mittel für dich.“

Sie liegt ganz still, spürt seinen heißen Atem in ihrem Gesicht, aber noch mehr die harte Mündung des Revolvers an ihrer Schläfe.

Ihr Körper scheint zu erschlaffen. Ross gewinnt den Eindruck, dass sie nachgibt. Und sie sagt auch:

Also gut, dann holen Sie sich, was Sie haben wollen. Ich kann nichts dagegen tun.“

Sie scheint völlig entkrampft, legt sich zurück, und sein harter Griff von eben lockert sich. Die Revolvermündung verschwindet von ihrer Schläfe. Aber er hat die Waffe noch in der Hand. Dann, als er sieht, dass sie wirklich nachzugeben bereit ist, da schiebt er den Revolver beiseite und bedeckt ihr Gesicht mit Küssen.

Sie lässt es geschehen. Und sie lässt auch geschehen, dass er ihr jetzt die Jeans öffnet und seine Hand über ihren Bauch und ihre Brust fährt.

Sie tut, als errege sie seine Berührung, schlingt ihre Arme um seinen Oberkörper, und die Besessenheit, wie er sie küsst und zu streicheln versucht, nimmt zu.

Sie streckt ihren linken Arm aus, ihre Fingerspitzen berühren den Revolver.

Als befände sie sich in ekstatischem Lustbefinden, wirft sie sich herum, und das wiederum steigert seine Begierde.

Die Finger ihrer linken Hand umschließen den Lauf des Revolvers, ziehen ihn etwas heran. Und während er versucht, ihr die Hosen vom Körper zu streifen, hat sie den Griff des Revolvers gepackt, ihr linker Zeigefinger tastet sich zum Abzug vor, krümmt sich jetzt um ihn, und dann stößt sie die Mündung des Revolvers plötzlich in die Rippen von Ross.

Mit einem Mal ist sie starr. Und er hat überhaupt noch nicht gemerkt, was gespielt wird.

Lassen Sie mich los, Sie Schwein!“, faucht Patty, die mit einem Mal starr liegt.

Und da begreift er.

Aber er gibt nicht auf. Er glaubt einfach nicht, dass sie schießen wird. Beide Hände von ihm zucken nach oben, schließen sich um ihren Hals, und mit seinen Daumen drückt er ihr auf den Kehlkopf.

Ich bringe dich um, wenn du nicht gehorchst. Lass das Ding los!“

Da drückt sie ab!

Der Körper über ihr bäumt sich auf, erschlafft und sackt mit seinem ganzen Gewicht auf sie herab. Sie sieht die weit aufgerissenen, ungläubig staunenden Augen, dann verzerrt sich auch das Gesicht, und sie schiebt mit aller Gewalt den Mann von sich herunter. Sie wechselt den Revolver von der linken in die rechte Hand, richtet sich auf und blickt zur Tür.

Aber der Sergeant kommt nicht... noch nicht.

Sie wirft einen Blick auf Ross, dessen Hose vorn schon geöffnet ist. Blut sickert aus seiner Uniformjacke. Er regt sich nicht mehr, die Augen blicken glanzlos ins Leere.

Sie muss ihn sofort ins Herz getroffen haben.

Sie richtet sich auf, zieht ihre Hosen hoch, schließt sie und versucht, ihre Bluse in die Hose zu stopfen.

In diesem Augenblick wird die Tür aufgerissen. Der Sergeant steht, seinen Revolver im Anschlag, da, blickt erst auf den am Boden liegenden Lieutenant, dann auf Patty.

Hände hoch!“, schreit er.

Das gilt für Sie, Sergeant“, erwidert Patty mit einer Kälte in der Stimme, die ihr selbst fremd vorkommt.

Plötzlich hat sie eine Ahnung, als sie das Gesicht des Sergeants sieht. Dessen schmale Augen, der verbissene Ausdruck und die verkrampfte Hand, die den Revolver hält.

Ohne weiter zu überlegen, handelt sie rein gefühlsmäßig, springt zur Seite, und im selben Augenblick feuert der Sergeant seinen Revolver ab, macht einen Satz nach vorn und begreift, dass er Patty verfehlt hat.

Doch da schießt Patty. Ihr Schuss streift den Sergeant nur am rechten Oberarm, aber das genügt.

Wie in einem Krampf winkelt sich der Ellenbogen an, der Revolver entfällt der Hand des Sergeants. Er ist waffenlos.

Patty ist von Entsetzen gepackt. Jetzt erst wird es ihr klar, dass sie einen Menschen erschossen und einen anderen verletzt hat. Aber sie beißt die Zähne zusammen. Wenn auch der Sergeant unbewaffnet ist, ungefährlich ist er keinesfalls.

Er blickt auf seinen blutenden Arm und presst jetzt die linke Hand darüber. Dann sieht er Patty an. In seinem Blick ist der ganze Hass, aber auch die Entschlossenheit eines Mannes, der sich das nicht bieten lassen will.

Am liebsten wäre Patty hinausgelaufen. Aber sie ist einfach nicht dumm genug, um das zu tun. Sie weiß, dass es ein Riesenfehler wäre. Der Revolver vom Sergeant liegt am Boden.

Treten Sie zurück!“, fährt sie ihn an und braucht alle Energie, um ihre Stimme hart und schneidend klingen zu lassen.

Er ahnt nichts von dem, wie sie wirklich empfindet. Er glaubt, dass sie fähig wäre, noch einmal auf ihn zu schießen, tritt einen Schritt zurück, und sie hebt den Revolver auf, der am Boden liegt. Dann befiehlt sie ihm, an die hintere Wand zu treten.

Und auch jetzt gehorcht er. Mit beiden Revolvern in ihren Händen, weicht sie bis zur Tür zurück, hat die Mündungen immer noch auf ihn gerichtet.

Draußen sind die drei Pferde in dem kleinen Corral, und sie sind abgesattelt.

Aus Furcht, der Sergeant könne doch noch zu einer Waffe kommen, läuft sie noch einmal zur Hütte, reißt die Tür auf und sieht den Sergeant, der gerade versucht, seinen Arm zu verbinden.

Ohne aufzusehen sagt er:

Lassen Sie mir wenigstens ein Pferd zurück!“

Kommen Sie mit nach draußen, ich will sehen, was Sie tun!“

Sie sehen doch, dass ich mich verbinde...“

Das können Sie auch draußen. Machen Sie es draußen!“

Er gehorcht auch jetzt. Und sie zwingt ihn, ein Stück von der Hütte wegzugehen, dass sie ihn gut beobachten kann.

Sie ist ein gutes Stück von ihm weg, als sie ihr Pferd sattelt und die beiden anderen einfängt, um ihnen die Zäume überzustreifen. Sie holt die Gewehre vom Sergeant und von Lieutenant Ross aus den Sattelschuhen und hängt sie vorn an ihr Sattelhorn. Dann reitet sie, die beiden ledigen Pferde am Zügel, davon.

Der Sergeant brüllt ihr nach: „Dass Sie mich ohne Pferd gelassen haben, bricht Ihnen den Hals, Mädchen!“

Sie hört es noch und lässt dann ein Stück entfernt eines der beiden Pferde laufen, später auch das zweite. Und sie ist nicht so weit, dass der Sergeant das nicht hätte sehen können. Aber er wird eine Menge Zeit brauchen, die Tiere einzufangen. Sie kann aber erkennen, dass er sich auf den Weg macht, um das Pferd, das nach ein paar Schritten stehengeblieben ist, wieder in seinen Besitz zu bringen. Das Tier des Lieutenants hingegen rennt ihr noch eine Weile nach, bleibt aber schließlich ebenfalls stehen, und sie entfernt sich rasch von diesem schrecklichen Schauplatz.

Einem ersten Impuls folgend, will sie nach Fort Smith reiten. Aber sie entschließt sich dann doch, einen anderen Weg einzuschlagen. Sie wollte ursprünglich nach Gratty. Aber ob das jetzt noch einen Sinn hat, bezweifelt sie. So wählt sie die mexikanische Siedlung Aredo als Ziel. Sie weiß von Braddock, dass Yumah dort ist. Und vielleicht, so denkt sie, kehrt Braddock mit Terry dorthin zurück, falls es ihm gelingt, ihn zu befreien.

Sie weiß nicht, dass Braddock in einer ganz anderen Lage ist und im Moment nicht daran denken kann, zu Yumah zu reiten.

Sie fragt sich nur, was dieser Major Kelly mit seinen Truppen vorhatte und was er noch immer vorhat. Ihrem Bruder zu helfen, ganz sicher nicht.

Sie kommt rasch voran, und niemand behindert sie. Aber jetzt, im Nachhinein, verstärkt sich der Schreck in ihr, was sie vorhin erlebt hatte. Sie macht sich keine Vorwürfe, aber entsetzt ist sie doch.

 

*

 

Fast eine halbe Stunde lang beobachtet Braddock den Mann, der unten bei den Pferden ist und auch die Stelle, wo der Pfad hinter dem Wasserfall verschwindet. Und rein zufällig sieht er einmal nach oben an der Felswand empor, wo der Wasserstrahl oben aus einer Öffnung tritt, etwa fünf Meter unterhalb der Felsenspitze. Dort oben ist auf einmal Rauch zu sehen. Rauch, der in dünnen Schleiern verweht, vom Wind weggetrieben. Und doch sieht ihn Braddock.

Im ersten Augenblick glaubt er, dass es Nebel sei, Dunst. Aber als er genauer hinschaut und noch das Fernglas zu Hilfe nimmt, kann er erkennen, dass dieser Rauch irgendwo aus einer Felsspalte kommt.

Entweder, denkt er, machen die da unten in der Höhle Feuer, und es muss eine Höhle hinter dem Wasserfall sein. Wo sonst sollten sie Terry versteckt halten. Der Rauch des Feuers tritt da oben aus dem Fels. Ist es eine Öffnung? Sind das weiter nichts als Felsritzen?

Die Beobachtung bringt ihn auf einen Gedanken, und er ändert seine Pläne. Er führt sein Pferd so weit es geht zurück und verbirgt es an einer sicheren Stelle. Dann zieht er seine Reitstiefel aus und streift Mokassins über, die ihm Yumah einmal genäht hat. Er schnallt seine Satteltasche ab und hängt sie sich über die Schulter, packt die Marlin und beginnt seinen Fußmarsch.

Er macht einen Umweg über die Felsen und nähert sich jetzt von der Seite her der Stelle, wo aus einer Öffnung der Wasserfall tief unter ihm ins Tal sprudelt.

Wie magisch angezogen ist sein Blick von dem Rauch, der da aus dem Felsen quillt und rasch vom Wind verweht wird. Doch dicht über dem Fels ist er dick, und der Geruch von verbranntem Holz dringt bis in Braddocks Nase.

Er nähert sich dieser Stelle und gewahrt eine Öffnung. Wie die entstanden ist, sieht er sofort. Hier ist vor gar nicht so langer Zeit noch, vielleicht Jahrhunderte lang, Regenwasser in einen Spalt geflossen, hat ihn immer mehr zu dieser oberschenkeldicken Öffnung ausgewaschen. Und dann hat irgend jemand den Zufluss des Regenwassers abgeleitet. Die aufgetürmten Steinbrocken und die in sie hineingedrückte Erde und das Moos beweisen es. Das Wasser läuft jetzt an dem Loch vorbei in eine andere Richtung, wenn es einmal regnet. Im Augenblick ist wieder alles zundertrocken hier oben. Und aus der Öffnung quillt Rauch. Rauch, der vermutlich unten aus dieser Höhle kommt, wo die Männer sind.

Trotz des Rauches hält Braddock sein Ohr ziemlich dicht an die Öffnung und hört verzerrte Stimmen, kann aber nicht verstehen, was sie sprechen.

Als er sich etwas zur Seite beugt und ins Tal hinunterblickt, sieht er, wie der vierte Mann von den Pferden, die da zwischen Gestrüpp verborgen sind, zu jenem Pfad emporsteigt, der als schmaler Sims zum Wasserfall führt. Und hinter dem Wasserfall verschwindet dieser Mann.

Aus der Öffnung, wo der Rauch herausquillt, ertönt jetzt auch verzerrtes Lachen.

Das Feuer, sagt sich Braddock, befindet sich sicherlich genau unter dieser Art von Kamin, durch die der Rauch nach oben quillt.

Diese Erkenntnis lässt die bereits entstandene Idee zum festen Entschluss reifen. Er zieht sich die Satteltasche heran, öffnet sie und nimmt aus ihr eine kleine Blechdose. Er öffnet sie und betrachtet das weiße Pulver, das sich darin befindet.

Er nimmt jetzt noch etwas Papier aus seiner Satteltasche, reißt handtellergroße Stücke heraus. Als er fünf von diesen Papierfetzen zurechtgerissen hat, füllt er in jedes eine Prise des weißen Pulvers hinein. Dann verschließt er die Schachtel. Auf ihr steht nur ein einziges Wort: Mescalin.

Er faltet das Papier über dem weißen Staub zusammen und fertigt kleine Kugeln daraus. Dann tut er die Schachtel zurück in seine Satteltasche, und schließlich lässt er eine dieser Kugel nach der anderen durch die Öffnung, aus der der Rauch quillt, nach unten fallen.

Er lauscht. Hört immer wieder Lachen, Sprechen, doch dann wird es allmählich immer stiller und stiller.

Als er gar nichts mehr hört, richtet sich Braddock auf, schultert seine Satteltasche und macht sich an den Abstieg.

Er braucht fast eine Dreiviertelstunde, ehe er auf dem schmalen Pfad ist, der direkt zum Wasserfall führt.

Der Gischt des brausenden Wassers weht ihm ins Gesicht. Und dann ist es, als ginge er durch einen Gewitterregen, obgleich zwischen dem eigentlichen Wasserfall und der Felswand soviel Platz ist, dass man ein Pferd hindurchführen könnte.

Durchnässt wie nach einem Regenguss, steht Braddock plötzlich vor einer Öffnung. Die Öffnung einer Höhle.

Er hat sein Gewehr an der Hüfte im Anschlag, bereit, jederzeit damit zu schießen.

Als er um die Ecke der Öffnung herumsieht, entdeckt er zuerst ein Feuer weiter hinten im Berg, zuckende Flammen. Aber ringsherum keine Bewegung.

Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und auch nicht mehr von dem Feuer geblendet werden, entdeckt Braddock, dass Männer neben diesem Feuer liegen.

Langsam schiebt sich Braddock durch den Gang, der zur eigentlichen Höhle führt, voran. Er muss sich bücken, es ist niedrig hier und schmal dazu. Und dann steht er in der etwas höheren und breiteren Höhle.In der Mitte noch immer das brennende Feuer, das nur noch in der Mitte hell lodert, wo ein größeres Stück Holz liegt.

Braddock direkt gegenüber, hinter dem Feuer, liegt ein Mann am Boden, dessen Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt sind. Eine Kette führt zu einem eisernen Ring, der im Fels verkeilt ist.

Rechts vom Feuer liegen zwei Männer, die Braddock kennt. Der eine ist Mitch Brighton, mit seinem zerfurchten Bullengesicht,und der andere, der im Grunde gutaussehende Ernest Warren, der mit Braddock eine gewisse Ähnlichkeit hat, wie sie beide früher schon einmal festgestellt haben.

Links vom Feuer liegt El Capitan. Ihn hätte Braddock unter einem ganzen Rudel von Männern herausgefunden, ohne zweimal hinsehen zu müssen. Ein Bär von einem Mann, nicht mehr jung und doch noch voller Kraft. Aber jetzt wirkt er harmlos. Ein schlafender Bär.

Vor ihm der hagere, dunkelhaarige „Doc“ Bill Maugham.

Braddock kennt die Wirkung des Mescalins. Er braucht nicht zu befürchten, dass einer der vier Männer, die rechts und links des liegen, innerhalb der nächsten halben Stunde erwacht.

Er geht um das Feuer herum, steigt über die Beine der Männer hinweg, bleibt aber dann erst einmal bei El Capitan stehen, beugt sich über ihn und durchsucht ihm die Taschen. Erst in der Brusttasche findet er, was er haben will: den Schlüssel der Handschellen.

Als er ihn hat, blickt er auf den Gefangenen.

Du bist schmal geworden, Terry. Aber du wirst dir bald wieder das nötige Fleisch anfuttern können.“ Er beugt sich über den reglosen „Terry“ Rory O’Hagan und schließt mit dem Schlüssel die Handschellen auf, fasst Terry unter und trägt ihn zum Höhlenausgang. Er schleppt ihn hinter sich her.

Er zerrt ihn in die frische Luft, schleppt ihn über den schmalen Pfad, bis hinunter zu den Pferden von El Capitans Leuten. Hier bettet er ihn ins weiche Gras und lässt ihn liegen.

Er kehrt wieder zurück nach oben, zerrt El Capitan bis an die Handschellen heran und schließt sie um dessen Unterarme. Dann nimmt er einen Spaten, den er in der Ecke gesehen hat, fährt damit unter die Glut des Feuers und bringt es ins Freie. Dort schleudert er die Glut in den Wasserfall, wo sie zischend verschwindet.

Er kehrt noch einmal zurück und fasst die Reste der Glut zusammen und bringt sie ebenfalls nach draußen.

Er bleibt eine Weile stehen und atmet die frische Luft tief in seine Lungen. Er hat gemerkt, dass noch Reste der berauschenden Dünste in der Höhle sind. Er spürt, dass er mit einem Mal müde geworden ist.

Aber jetzt, wo er die frische Luft in seine Lungen saugt, vergeht das wieder.

Nun kehrt er noch einmal in die Höhle zurück und zieht allen vier Männern die Stiefel aus, wirft die Stiefel hinaus in den Wasserfall, wo sie sofort mit nach unten gerissen werden. Auch die Waffen aller vier lässt er auf diese Weise verschwinden. In den Taschen . des noch immer bewusstlosen El Capitan sucht er nach Beweisstücken und wird fündig. Ein Brief und eine Abrechnung von Gouverneur Harry Houston ist ein sehr griffiger Beweis. Er steckt den Brief ein, und als er nichts mehr entdeckt, was er gebrauchen kann, macht er sich auf den Weg, um Terry nach Hause zu bringen.

Terry ist noch immer bewusstlos. Es bleibt Braddock gar keine Wahl, als ihn quer in den Sattel eines Pferdes zu legen. Es ist El Capitans Pferd. Und Braddock sattelt auch die drei anderen Tiere und nimmt sie kurzerhand mit.

Um weiterzukommen, muss er ein Stück hinter dem Wasserfall einen schmalen Pfad hinauf. Er reitet jetzt auf dem Pferd von Mitch Brighton. Sein eigenes Tier hat er total abgesattelt, damit es sich erholen kann.

Als er die Höhe erreicht hat und ins Tal zurückblickt, sieht er gar nicht weit entfernt, etwa auf Gewehrschussweite, Reiter. Blau uniformierte Reiter...

Die State Troopers, denkt er. Sie haben nichts anbrennen lassen und sind schon früher da, als von mir erwartet. Wenn sie mich jetzt gesehen haben, werden sie mir folgen und nicht den Weg in die Höhle suchen. Ich habe ja Spuren genug hinterlassen. Aber wenn sie mich jetzt sehen, vergessen sie alles andere...

Aber sie folgen ihm nicht. Er glaubt schon, gewonnenes Spiel zu haben, als er oben über die Hochfläche reitet. Er hält nach Osten zu, also nach links, denn er muss den Weg zurück über die Brücke. Eine andere Möglichkeit, ohne einen mehr als hundert Meilen reichenden Umweg zu machen, gibt es nicht.

Er schlägt also einen Bogen und macht sich dann wieder an den Abstieg von der Hochfläche, als er eine Gelegenheit findet.

Keine Sekunde lang zweifelt er daran, dass alle State Troopers jetzt irgendwo vor der Höhle sind oder ihm folgen.

Als er den alten Pfad erreicht, der zum Canyon führt und von dort über die Brücke, ist niemand da, der ihn aufhält.

Er lässt die Pferde angebunden zurück und führt erst mal das Tier mit Terry über die Brücke. Sie schwankt unter ihm gefährlich. Und abermals hat er dieses flaue Gefühl im Magen, als er in der Brückenmitte ist.

Drüben auf der anderen Seite angelangt, scheint es, als käme Terry allmählich zu sich. Er stößt einen Rülpser aus, dann versucht er den Kopf zu heben, aber Braddock will ihn jetzt nicht aus dieser Lage befreien. Erst muss er sein Pferd wenigstens über die Brücke gebracht haben.

Er läuft zurück und befindet sich noch nicht auf der Hälfte der Brücke, da sieht er auf dem Pfad, von dem er eben kam, Reiter auftauchen.

Noch sind sie weit. Aber nicht so weit, dass sie nicht mit einem Gewehr auf ihn schießen könnten.

Er rennt los, um schneller als sie mit dem Pferd wieder auf der anderen Seite zu sein. So ganz allein geht das rasch. Aber als er drüben ist und das Pferd, das seinen Sattel trägt von den anderen lösen will, spürt er, dass es sich um ein nicht so zuverlässiges Tier handelt wie jenes, auf dem er den Ritt in die Berge gemacht hatte. Aber es ist keine Zeit, den Sattel zu wechseln. Er muss mit diesem Tier weiter.

Als er es über die Brücke führen will, krachen die ersten Schüsse.

Noch sind sie ungenau und sollen ihn wohl davon abhalten, seinen Weg fortzusetzen. Aber er läuft weiter. Läuft, obgleich das Pferd ein gutes Ziel bildet.

Und plötzlich wird das Pferd getroffen.

Braddock hat vorhin schon seine Marlin aus dem Sattelschuh gezogen und sich die Satteltasche umgehängt. Das macht sich nun bezahlt. Das Pferd stolpert, verliert das Gleichgewicht und schlägt nach der Seite in die Seile.

Braddock lässt das Pferd sofort los, denn er sieht, dass es nicht auf die Beine kommen wird. Er rennt und rennt um sein Leben.

Um ihn pfeifen die Schüsse. Hinter ihm stürzt das Pferd jetzt durch die Seile in die Tiefe.

Als Braddock auf der anderen Seite ist, packt er als erstes das Pferd, auf dem Terry liegt.

Terry ist inzwischen wieder bei Bewusstsein. Mit schwerer Zunge lallt er: „Was ist... was machst... machst du ...? Binde mich los, binde ...“

Braddock hat jetzt keine Zeit dazu. Er muss Terry in Sicherheit bringen, reißt das Pferd mit und läuft, so schnell er kann in deckendes Gebüsch.

Dort lässt er das Pferd stehen, eilt zurück, bis er wieder die Brücke sehen kann und erkennt, dass ein halbes Dutzend State Troopers auf dieser Brücke sind. Allerdings ohne Pferde. Sie versuchen, ihn zu Fuß zu verfolgen. Die Pferde haben sie drüben gelassen. Aber auch von dort knattern Schüsse, als Braddock sich nur einen Augenblick lang zeigt.

Er wechselt die Stelle, wo er liegt,sucht sich eine andere Deckung und zielt dann auf die von ihm angebrachte eine Dynamitladung an der Seilverankerung.

Aber er verfehlt mit dem ersten Schuss, weil er einfach noch zu hastig atmet. Mit dem zweiten Schuss trifft er. Das Seil zerfetzt, die Brücke neigt sich, und das Brüllen der Soldaten, die abrutschen oder sich gerade noch festklammern wollen, dringt bis zu ihm herüber.

Aber keiner stürzt ab. Und nun versuchen sie zurückzukommen, während die Brücke nur noch an einem Seil hängt. Hand über Hand arbeiten sie sich wieder zum jenseitigen Canyonufer hinüber.

Es wäre für Braddock leicht gewesen, auf sie zu schießen. Aber er tut es nicht. Statt dessen feuern die anderen, die noch auf festem Boden sind, über die Köpfe ihrer Kameraden hinweg blindlings in die Richtung von Braddock. Er muss sich dicht auf den Boden ducken, um nicht getroffen zu werden. Als er sieht, dass alle Soldaten wieder auf festem Boden sind, gibt er mit der Marlin einen ruhigen, gut gezielten Schuss auf die zweite Ladung ab. Nun zerfetzt auch das zweite Seil, und die Brücke klappt in die Tiefe.

Das Wutgebrüll der Enttäuschung dringt bis zu ihm herüber.

Braddock, der nun wieder mit Schüssen eingedeckt wird, wartet eine Weile, bis die Schießerei nachlässt, dann kriecht er vorsichtig zurück, ehe er Gelegenheit hat sich etwas aufzurichten und geduckt bis zu seinem Pferd zu laufen.

Terry ist jetzt voll bei Bewusstsein.

Verdammt noch mal, bind mich endlich los!“, keucht er.

Du warst besinnungslos, ärgere dich nicht. Dafür bist du frei“, sagt Braddock. „Aber die Soldaten sind hinter uns her, und wir haben nur ein Pferd.“

Braddock schneidet ihn los und hilft ihm, sich in den Sattel zu setzen. Die Ähnlichkeit Terrys mit seiner Schwester Patty ist verblüffend, obgleich Terry älter ist. Aber er ist durchaus ein gutaussehender Mann. Und Braddock weiß, dass es vor allen Dingen die Frauen sind, die ihn mögen, aber auch die Jugend.

Terry hat Mühe, im Sattel zu sitzen. Um ihn scheint sich noch alles zu drehen. Er sieht auch blass um die Nase aus.

Was ist nur passiert?“, fragt er, als sich Braddock hinter ihm aufs Pferd schwingt.

Passiert ist, dass ich euch alle ein wenig eingeschläfert habe. Mescalin.“

Mesca ... was?“

Mescalin. Die mexikanischen Indianer, vor allem die Yaquis, wenden das schon seit Jahrhunderten an. Wenn du es ins Feuer wirfst, entstehen Dämpfe, die dich betäuben. Jedenfalls, wenn man so wenig hineintut, wie ich es getan habe. Auf alle Fälle bist du frei, Terry. Das ist doch schon eine ganze Menge.“

Sag mal, das mit dem Mescalin geht mir nicht aus dem Kopf. Was hast du nur gemacht?“

Braddock erzählt es ihm knapp.

Und jetzt?“, will Terry wissen.

Jetzt bringe ich dich zu Yumah nach Aredo. Er ist dort bei seiner Freundin Carmen Moreno. Er hat einen Streifschuss abbekommen, allerdings einen ganz schönen Wischer. Ich hoffe aber, dass es ihm schon soweit besser geht. Und dort werde ich dich verstecken. Denn jetzt ist ja bewiesen, dass nicht nur El Capitan hinter dir her war, sondern auch Houstons Leute - die Nationalgarde.“

Ich weiß“, sagt Terry und wischt sich mit der Hand über die Augen. Ihm ist immer noch ein wenig schwindlig. Dann muss er sich sogar übergeben.

Widerwillig hält Braddock an, bis sich Terry besser fühlt.

Dann müssen sie weiter, denn es wird bereits dunkel, und Braddock will aus den Felsen heraus sein und sicheren Boden unter den Hufen des Pferdes wissen.

Als sie einen Hang hinunter reiten, sagt Terry: „Warum nicht direkt nach Fort Smith. Ich werde alles aufdecken. Ich weiß ja, wer dahintersteckt. Houston wird seinen Posten verlieren und...“

Terry, in Fort Smith gibt es Tausende von Möglichkeiten, dir von hinten eine Kugel durchs Herz zu schießen. Das mit dem Aufdecken müssen wir machen, bevor du dich ihnen zeigst. Das muss ich erledigen. Vielleicht mit Pattys Hilfe. Aber ich fürchte, sie haben Patty in ihrer Gewalt. Wir werden nach Aredo reiten, und dort bist du erst einmal sicher. Aber es ist für mich wichtig, dass ich keine Spur hinterlasse.“

 

*

 

Als die Sonne schon ganz tief steht und sie Braddock blendet, muss er durch ein schmales Tal.

Viel zu spät entdeckt er die Reiterkette vor sich.

Als er sich umsieht und nach einem Fluchtweg sucht, sieht er das Aufblitzen von Uniformknöpfen, die die tiefstehenden Sonnenstrahlen reflektieren. Auch dort sind Reiter. Genug, um, ihm den Rückweg abzuschneiden.

Aber es gibt noch eine winzige Chance. Braddock begreift nur, dass sie die nie gemeinsam haben. Nur für Terry wäre sie möglich, wenn Braddock ihm das Pferd überlässt. Linker Hand ist eine Seitenschlucht. Braddock weiß, wohin sie führt. Alles andere muss Terry allein können. Und die Dunkelheit wird ihm helfen. Wenn es Braddock nur gelingt, die Gegner solange festzunageln,bis Terry in Sicherheit ist.

Festhalten!“, keucht Braddock Terry ins Ohr, treibt das Pferd hart an, dass es entsetzt nach vorn springt.

Er reißt es herum, auf die linker Hand liegende Schlucht zu, und keucht Terry ins Ohr: „Nach Aredo musst du! Du allein, du musst dich durchschlagen! Schaffst du das?“

Ich denke doch, aber du... was ... “

Frag nicht nach mir! Los, weg mit dir! Fort!“

Braddock hat nur die Marlin gepackt, springt vom Pferd, wirft sich hinter eine Gruppe von Felsbrocken und beginnt sofort zu feuern.

Aber die Reiter schießen jetzt auch.

Terry gelingt es gerade noch, mit dem Pferd in den Schluchteingang zu kommen, während hinter ihm die Geschosse in den Felsen prasseln.

Im Dämmerlicht der Schlucht taucht er mit seinem Pferd unter, während Braddock schießt, was die Marlin hergibt. Hastig lädt er nach, als er das Magazin leergeschossen hat, feuert wieder, und es gelingt ihm, die Reiter in Deckung zu zwingen.

Als sie von allen Seiten auf ihn schießen, muss er sich tief hinter die Steine ducken und kann sich keine Gegenwehr mehr leisten.

Nach einer Weile stellen sie das Feuer ein und belauern ihn.

Er hat jetzt zwischen den Steinen einen schmalen Schlitz gefunden, steckt den Lauf der Marlin hindurch und sucht ein Ziel. Aber sie halten sich in Deckung.

Da sieht er, wie einer seine Deckung verlässt.

Er feuert, und der Mann wird herumgewirbelt und stürzt zu Boden. Danach feuern sie wieder aus allen Rohren in seine Richtung.

Er muss sie noch eine Viertelstunde lang hinhalten. Die Sonne ist inzwischen versunken, aber noch reicht das Licht, um Terry zu verfolgen.

Er überlegt, ob er selbst wegkommen kann. Doch von der Stelle, wo er sich befindet, könnte er selbst im Dämmerlicht nur wenige Meter weit kommen. Dann würde er ganz sicher ein Opfer der Kugeln.

Also wartet er ab.

Da hört er schräg über sich Geräusche von bröckelndem Gestein. Er schaut nach oben, und dann sieht er sie. Zwei sind es. State Troopers, die ihm nachgeklettert sind und ihre Gewehre auf ihn richten. Sie haben ihn. Sinnlos, Gegenwehr zu versuchen. Er würde durchlöchert sein, bevor er nur das Gewehr herumgeschwenkt hat.

Steh auf, du Hundesohn! Arme hoch!“, brüllt einer von oben.

Braddock hat keine Wahl. Er achtet darauf, dass seine Hände nicht mehr in die Nähe seines Gewehres kommen. Er stemmt sich hoch, hebt die Hände und wartet darauf, dass sie womöglich doch noch schießen.

Aber sie tun es nicht.

Und nun, da er steht und sich ihnen mit erhobenen Händen zuwendet, nähern sich in seinem Rücken Reiter. Erst sind es wenige, dann werden es immer mehr. Und schließlich ist er umringt.

Einer kommt zu Fuß von hinten heran, rammt ihm den Lauf seines Revolvers zwischen die Rippen und zieht ihm den eigenen Colt aus dem Holster.

Dann befehlen sie ihm, die Hände auf den Rücken zu legen. Und schließlich schnappen die Handschellen zu.

Sie fesseln ihm sogar noch die Beine zusammen, ebenfalls mit Handschellen. Und die sind eng für seine Sprunggelenke, so eng, dass sich das Eisen in die Haut schneidet.

Erst jetzt kommt Major Kelly auf seinem Pferd, einem Rappen, pariert das Tier vor ihm und blickt auf ihn herab.

Mittlerweile ist es so dämmerig, dass Braddock den Major erst erkennt, als der direkt vor ihm ist. Sie haben sich früher schon einmal gesehen.

Kelly ist ein breitschultriger Mann mit einem wuchtigen Schädel. Ein Typ wie ein Ringer, mit schmalen Augen und einer wulstigen Nase.

Die Begegnung, die Braddock früher mit Kelly hatte, war wohl nicht sehr erfreulich. Eine Zeit, die fünfzehn Jahre zurückliegt und wo Kelly noch ein junger Lieutenant war, hatte Braddock für die Armee als Scout gearbeitet. Von damals rührt auch ihre gegenseitige Abneigung.

Kelly lacht trocken auf. „Das ist ein Augenblick, auf den ich schon lange gewartet habe, eine Ratte wie dich im Netz zu haben. Ich habe eine Neuigkeit für dich, Braddock. Sie werden dich in Fort Smith vor Gericht stellen.“

Tatsächlich?“, fragt Braddock und gibt sich gelassen. „Was wirft mir das Gericht denn vor?“

Entführung und Mord.“

Mord“, fragt Braddock, „an wem denn?“

Mord an Gefangenen. Du hast El Capitan getötet, deinen Kumpanen. Mit dem zusammen ist es dir gelungen, einen ehrenwerten Mann wie Rory O’Hagan zu entführen. Aber zuletzt, als ihr das Lösegeld hattet, wolltest du nicht teilen, Braddock. Du hast sie kaltblütig umgebracht, deine Freunde. Wir haben sie gefunden.“

Willst du behaupten, ich hätte El Capitan erschossen?“, fragt Braddock ungerührt. Er durchschaut das Spiel. Aber er ist zugleich innerlich sehr wütend. El Capitan ist also offensichtlich erschossen worden. Hat Major Kelly dazu den Befehl gegeben?“

Ja, wir haben sie gefunden, alle vier. El Capitan war sogar gefesselt. Du hast dich nicht gescheut, einen gefesselten, hilflosen Mann zu erschießen. Und was mich am meisten erstaunt, du hast dazu drei Schüsse gebraucht.“

Braddock sagt nichts, aber er überlegt, wie sich das abgespielt haben konnte. Zieht Kelly hier nur eine Show ab, oder gibt es noch jemand anderen, der womöglich vor den State Troopers in der Höhle war und El Capitan und die drei anderen erschossen haben könnt^.

Nein, denkt Braddock, das geht auf Kellys Konto. Er wird es vermutlich nicht selbst getan haben. Oder es gibt innerhalb seiner Truppe Leute, die informiert sind und einen besonderen Auftrag haben, von dem er nicht einmal etwas weiß. Das wird sich heraus stellen.

Auf Kellys Befehl hin sind einige seiner Männer in die Schlucht geritten, um Terry zu folgen. Kelly selbst lässt ein Feuer anzünden. Er und seine Männer sind jetzt alle abgesessen und bereiten ein Lager vor.

Kelly lässt es sich nicht nehmen, Braddock, der nicht gehen kann, zu ihm schleifen zu lassen, und dort wird er von zwei grimmigen Burschen bewacht.

Braddock fragt sich, ob die beiden wissen, was hier wirklich gespielt wird. Und er kommt zu dem Schluss, dass es nur Kelly und zwei seiner Offiziere, ein Captain und ein Lieutenant wissen können. Die anderen sind offensichtlich ahnungslos.

Wenn es so ist, denkt Braddock, dann ist El Capitan von einem Offizier erschossen worden, vielleicht von Kelly selbst?

Eine Menge Fragen, auf die Braddock noch keine Antwort weiß. Aber er hofft inständig, dass es Terry gelingt, den Verfolgern zu entkommen.

 

*

 

Drei Stunden später kehrt ein Melder der Patrouille zurück, die Terry verfolgt.

Er berichtet Kelly, dass der Sergeant, der die Patrouille führt, keine Spur von Terry hat, obgleich sie Fackeln benutzen. Terry und sein Pferd sind wie vom Erdboden verschwunden.

Kelly schickt einen anderen Melder der Patrouille nach und lässt ihr befehlen, dass sie auf jeden Fall weitersuchen sollen. Die Nacht und auch morgen am Tag.

Es muss Spuren von ihm geben“, sagt er zum Schluss. Der Melder reitet los, und Kelly wendet sich seinem Gefangenen zu.

Du wirst uns sagen, wohin dein Freund geritten ist. Denn wir müssen ihn einholen und ihm die Wahrheit sagen, dass du der Entführer bist und nicht etwa ein Freund, wie er glaubt.“

Um ihn abzuknallen, nicht wahr? Ich kenne euer Vorhaben“, sagt Braddock. „Es soll wie ein Unfall aussehen.“

Absichtlich hat er laut gesprochen, um zu testen, wie Kelly darauf reagiert.

Auf einen Wink von Kelly hin tritt einer der beiden Offiziere, der vollbärtige Captain,zu den beiden Wachen und schiebt sie weg. Kaum sind die beiden Soldaten abgetreten, bekommt Braddock einen Tritt in die Rippen. Der Captain beugt sich über ihn und zischt ihm drohend zu:

Noch einmal so einen Spruch, und du siehst die Gänseblümchen von unten, mein Sohn!“

Ich werde deine Tritte zählen, Freund“, sagt Braddock. „Und du bekommst sie mit Zinsen zurück. Irgendwann einmal, ich bin nämlich noch keinem was schuldig geblieben.“

Die Hand des Captains zuckt zu seinem Dienstrevolver.

Vorsicht, Vorsicht!“ mahnt Kelly. „Keine unüberlegten Sachen, Captain! Setz dich hin, Braddock,und überlege dir, was du redest und was du tust. Noch hast du eine Chance, überhaupt vor ein Gericht gestellt zu werden. Aber nachts sind alle Katzen grau. Es könnte auch bei dir wie ein Unfall aussehen.“

Kelly hat mit gedämpfter Stimme gesprochen, und Braddock ist sich darüber klar, dass es keine leeren Worte sind.

Wo ist er hin?“, fragt Kelly noch einmal.

Fort Smith, wohin denn sonst? Er will die Wahl gewinnen.“

Die Flammen des Feuers beleuchten das Gesicht des Majors. „Fort Smith“, meint er ungläubig.

Natürlich Fort Smith, und er wird es schaffen. Er kennt einen Weg, wo er deinen Leuten entkommt, Kelly. Und dann erreicht er Fort Smith und wird ihnen sagen, was hier gelaufen ist. Houston versucht mit seiner ganzen Streitmacht einen einzelnen Mann zu erledigen. Ihr habt keine Chance. Houston wird seinen Hut nehmen müssen. Es gibt schließlich noch Richter Parker. Ihr wollt ihn zwar für euch einspannen, aber dieser Mann ist ein Bundesrichter. Er untersteht euch nicht.“

Er hat keine Macht in Arkansas, seine Macht ist nur in Oklahoma. Oder das, was einmal Oklahoma werden soll, das Indianerterritorium.“

Er ist ein Bundesrichter, und seine Rechtsprechung steht über dem, was Houston zu bestimmen hat. Er wird ihn absetzen. Und dich, Kelly, dich wird er auch vor seine Schranken holen. Notfalls alarmiert er die Armee gegen dich und deine Truppen. Es sei denn, du begreifst rechtzeitig.“

Du redest zuviel, Braddock! Du redest dich um dein Leben“, sagt Kelly mit zischender Stimme. „Wenn die Sonne aufgeht, wirst du sie nicht mehr sehen. Es sei denn, du bringst mich auf dem schnellsten Weg dahin, wo sich O’Hagan versteckt hält. Denn er muss sich verstecken. Ein paar meiner Männer sind unterwegs nach Fort Smith. Sie werden auf jeden Fall vor ihm dort sein. Denn ich habe sie schon vor Stunden dorthin geschickt. Mir war doch so, als wenn du es schaffst, O’Hagan zu befreien“

Braddock zieht sich dichter an Kelly heran, so dass nur der und die beiden Offiziere ihn hören können, als er sagt:

Du möchtest mich umbringen, nicht wahr? Am liebsten wäre dir das schon, so wie du auch El Capitan hast umbringen lassen. Wer von diesen beiden appetitlichen Kameraden hat es denn getan? Oder etwa du selbst? Schwer kann es ja nicht gewesen sein. Die vier hatten ja nicht die geringste Chance gegen euch.“

Halt dein vorlautes Maul, sonst stopfen wir es dir! Noch ein Wort, und du kommst nie dazu, noch einen einzigen Ton zu sagen. Sonst tritt dir mein Captain mal gegen den Kehlkopf. Danach wirst du kein Wort mehr herausbringen.“

Braddock kennt das von Mexiko, und er zieht es vor, zu schweigen. Er möchte die Wut von Kelly nicht mehr aufheizen. Und die beiden Offiziere sind wirklich imstande, das zu tun, was Kelly ihnen befiehlt.

Und das sind Offiziere, denkt Braddock. Wie viele Leute mögen noch auf Houstons Liste stehen, die für ihn ihren Eid vergessen und Dinge tun, wofür sie ins Gefängnis gehören.

 

*

 

Zwei Stunden später lässt Major Kelly den größten Teil seiner Einheit abrücken. Nur etwa zwanzig Männer bleiben zurück, unter ihnen der Captain. Der Lieutenant führt die abrückenden Truppen.

Braddock hat soviel mitbekommen, dass er weiß, dass der Lieutenant die Einheit nach Fort Smith führt. Und deshalb vermutet Braddock, dass es jetzt für ihn gefährlich wird. Der Major hat lediglich die ihm absolut getreuen Leute um sich versammelt. Mitwisser, auf die er sich verlassen kann, die nicht reden werden, wenn etwas geschieht, das ihn selbst hinter Gitter bringen könnte.

Und als der Morgen graut, sieht Braddock plötzlich, dass sich einige dieser Männer Zivilsachen angezogen haben. Sie werden beauftragt, Braddock wegzubringen. Über das Ziel erfährt er nichts. Aber da ist noch etwas, das ihn stutzig macht: die Männer haben Packpferde dabei. Zwei sind es.Und auf eines dieser Tiere wird unter anderem auch eine Satteltasche geladen und festgemacht. Diese Satteltasche trägt die Initialen P.OH.

Patty O’Hagan!

Das Geld, denkt er, das Lösegeld! Kelly hat es sich genommen und versucht es jetzt mit anderen Dingen, über die ich nur noch nichts weiß, zu verstecken. Was ist noch in der Packlast?

Und wohin wollen mich diese Burschen, die plötzlich Zivilkleidung tragen, bringen?

Es sind verwegene Gestalten.

Braddock muss sich quer auf ein Pferd legen, wird darauf festgebunden wie ein Toter. Dieses Liegen auf dem Bauch mit herunterhängendem Kopf ist alles andere als ein Vergnügen.

Mit grimmigen Gesichtern begleiten ihn die Männer. Kelly ruft ihm noch höhnisch „Gute Reise!“ nach, und dann geht es nach Nordwesten. Braddock schätzt anfangs, das Ziel sei Fort Smith, aber dann begreift er, dass sie zu jenem Berg hinreiten, auf dem das Gästehaus des Gouverneurs steht. Und tatsächlich nähern sie sich am Nachmittag diesem Berge und reiten den Pfad hinauf, der in vielen Serpentinen zum Gebäude emporführt.

Doch zu Braddocks Überraschung machen die Männer auf halber Strecke nach oben Halt, biegen vom Pfad in einen noch schmaleren ab, und an dessen Ende steht eine Wachhütte. Sie ist aus massiven Holzstämmen gebaut, und in diese Hütte wird Braddock hineingeschleift. Sie besteht aus zwei Räumen, und im hintersten schließen die Männer Braddock ein.

Sie haben den ganzen Ritt über so gut wie nicht gesprochen, und schon gar nicht mit ihm. Er selbst hat ebenfalls geschwiegen, um diese Kerle nicht herauszufordern, weil er vermutet, dass sie nur darauf warten, um einen Grund zu finden, ihn einfach niederzuschießen.

Sie zerren ihn vom Pferd herunter, und er ist benommen. Einer von beiden schließt seine Fußfesseln auf. Aber als er aufstehen will, bricht er zusammen. Ihm ist soviel Blut in den Kopf geschossen, dass sich alles um ihn dreht.

Sie treten ihm brutal in die Rippen. Der eine schlägt ihm mit dem Gewehrkolben auf die Schulter. Und als Braddock dann steht, wird er wieder getreten und mit Tritten hinein in die Hütte getrieben.

In den hinteren zweiten Raum sperren sie ihn dann endgültig ein.

Immerhin hat er jetzt die Füße frei. Er empfindet das als Erleichterung.

Später bekommt er mit, dass bis auf zwei, die anderen wegreiten. Die beiden aber bleiben im vorderen Teil der Hütte, und er hört plötzlich, dass sie würfeln.

Später bringt ihm der eine etwas zu trinken und zu essen. Weil Braddock die Hände auf den Rücken gebunden hat, werden sie ihm von beiden Männern nachher vorne zusammengefesselt, wieder mit den Handschellen, so dass er wenigstens essen kann. Aber eines seiner Beine befestigen sie mit einem weiteren Paar Handschellen an einem Wagenrad, das sie zu diesem Zweck hereinschleppen.

So, Freund, jetzt kannst du nicht einfach davonspazieren“, sagt der eine, der einen schwarzen Vollbart trägt. „Mach keine Zicken, Bruder! Du zwingst uns, zu dir unnötig hart zu sein.“

Ich denke, ihr wollt mich nach Fort Smith bringen?“

Tun wir auch. Aber erst müssen wir mal deinen Freund haben. Ohne den geht es nicht.“

Damit ihr ihn umbringen könnt?“, fragt Braddock.

Der Mann grinst schief. „Bist du Hellseher? Aber das ist nicht unser Bier. Mach kein Theater, und du behältst deine heilen Knochen. Das ist ein guter Rat. Und denke ja nicht, wir zwei wären hier allein. Die anderen sind in der Nähe. Wir können uns nämlich an den Fingern abzählen, dass dein Freund Yumah irgendwann auftauchen wird, um dich herauszuholen. Und auf den warten wir. So einfach ist das. Eine Maus lockt die nächste in die Falle.“

Er grinst Braddock fast gutmütig zu und geht hinaus. Dann schiebt er den Riegel wieder vor, und wenig später hört Braddock die beiden draußen würfeln.

Er hebt das Wagenrad hoch, so gut er das mit den zusammengefesselten Händen kann und schleppt es bis neben die Tür. Er versucht, keinen Laut zu machen. Und als er dort steht, lauscht er, um zu hören, was die beiden sagen.

Lange hört er gar nichts. Aber dann meint der eine:

Du kannst doch nicht pausenlos gewinnen! Woher soll ich das Geld nehmen?“

Geld haben wir genug. Denk doch mal an die Satteltasche!“

Bist du verrückt?“, sagt der andere. „Wenn wir da nur einen einzigen Dollar herausnehmen, lässt uns Kelly glatt erschießen.“

Kelly, Kelly, der muss schön die Schnauze halten! Was macht er denn, wenn wir singen? Wir müssen es ja nicht vor dem Gouverneur tun, der sein Freund ist. Wenn wir das nur bei Richter Parker machen und dann verschwinden, die Aussage unterschreiben, vielleicht noch warten, bis der Prozess ist, und dann ist Ende. Dann hauen wir ab. Was denkst du dir, was da passiert?“

Rede nicht so laut!“,meint der zweite Mann. „Der dort drinnen hört das, und am Ende schreit er noch in der Weltgeschichte herum. Du weißt, was der Major gesagt hat. Besser ist, wir halten die Schnauze. Komm, du bist dran!“

Sie würfeln wieder. Aber nach einer Weile geht das Gespräch weiter.

Wenn wir das Geld nehmen und uns verpissen, sind wir ganz schön gemachte Leute. Einfach nach Texas hinüber. Zivilklamotten haben wir ja schon an.“

Und die anderen lassen uns durch, denkst du?“

In der Nacht könnte es klappen. Wir müssten sie nur ablenken. Vielleicht Feuer legen, dass sie alle herkommen, und dann die Gelegenheit nutzen,um abzuhauen.“

Mach keinen Quatsch! Wenn sie uns erwischen, sind wir fertig. Kelly würde uns bis nach Mexiko folgen. Das ist einfach zuviel Geld.“

Weißt du was?“, meint der andere dann „Wir würfeln es einfach aus. Hierbleiben oder abhauen, und natürlich mit dem Geld.“

Und der Gefangene? Braddock wird herumbrüllen, dass sie schon vorher zusammenlaufen.“

Red keinen Stuss! Der hat mit sich zu tun, wenn die Bude hier brennt. Und wenn wir es richtig anfangen, dann spuckt er sich die Lunge heraus und kommt nicht zum Schreien.“

Eine Weile schweigen sie, dann meint der zweite Mann: „Viel Geld ist es ja. Und vielleicht haben wir wirklich eine Möglichkeit, um durchzukommen. So schlecht ist dein Gedanke nicht. Wir müssen es nur einmal ganz genau besprechen. Und der Kerl darf gar nicht erst dazu kommen, zu brüllen. Wir werden ihn vorher erledigen, und dann brennen wir den ganzen Zauber hier an. Das ist die Möglichkeit, um abzuhauen, ohne dass es die anderen überhaupt mitbekommen. In der Nacht schaffen wir einen ordentlichen Vorsprung.“

Aber du hast gehört“, sagt der andere, der Stimme nach jener mit dem Bart, „dass Kelly einen Mittelsmann hat, durch den er diesen Freund von Braddock, den Indianer, wissen lassen kann, wo Braddock steckt. Er will ihn ja regelrecht hierherlocken und dann fertigmachen.“

Der kocht auch bloß mit Wasser. Was will er ausrichten? Soll er sich mit den anderen herumschlagen, wir beide hauen ab. Wir haben das Geld, die anderen nicht!“

Irgendwie finde ich diesen Braddock gar nicht so schlecht. Schade um den Burschen!“, meint der eine. „Aber das Geld ist wichtig für uns. Dann können wir endlich ein anständiges Leben anfangen und brauchen nicht mehr nach der Pfeife von Kelly und all diesen Armleuchtern zu tanzen.“

Du sagst es. Also komm, du bist dran. Ich will endlich auch einmal gewinnen ... “

 

*

 

Die Lagerfeuer zwischen den Zelten sind ziemlich heruntergebrannt. Vier Posten bewachen nur in Abständen das Lager. Rauch von den Feuern weht, vom Wind getrieben, nordwärts. Einer der Posten bekommt den Rauch ins Gesicht und muss husten. Er wendet sich ab und geht ein paar Schritte zur Seite auf den Seilcorral zu, in dem die Pferde untergebracht sind.

Es kitzelt ihn im Hals, und er muss abermals husten, niest dann auch, und um an sein Taschentuch zu kommen,lehnt er das Gewehr an einen der Stahlpfosten, um die die Seile gewickelt sind.

Er schneuzt sich gerade, als hinter ihm ein Schatten auftaucht, ein kaum wahrnehmbares Geräusch entsteht, aber der Posten, der sich schneuzt, hört es nicht. Er spürt bloß plötzlich einen Schlag auf den Hinterkopf, vor seinen Augen zerplatzen Sterne, und dann sackt er in sich zusammen.

Eine sehnige Gestalt beugt sich über ihn Blitzschnell hat sie die reglose Gestalt aus dem Mantel geschält, den Hut, der ohnehin heruntergefallen ist, aufgehoben, und dann kommt eine zweite Gestalt, die die Beine dieses Mannes packt und ihn beiseite schleift.

Zü zweit tragen sie den Bewusstlosen weg, wuchten ihn auf ein Pferd, und dabei ächzt die eine der beiden Gestalten mit eigenartig heller Stimme.

Kurz darauf werden die Pferde weggeführt. Alles geschieht nahezu lautlos.

Als der Bewusstlose aus seinen tiefen Träumen zu erwachen beginnt, ist er mit seinem eigenen Mantel bedeckt, den Hut aber trägt eine der beiden Gestalten, die neben ihm gehen.

Etwas Kaltes, Rundes presst sich in den Nacken des Soldaten.

Eine dunkle Frauenstimme raunt ihm ins Ohr: „Mach keine Dummheiten, mein Freund! Ich würde einfach abdrücken. Es geht um zuviel, verstehst du?“

Der State Trooper schweigt. Und er schweigt auch, als die beiden auf zwei weitere Pferde stoßen, den State Trooper jetzt zwingen, sich richtig aufs Pferd zu setzen und ihm unter dem Leib des Tieres die Beine zusammenbinden. Seine Hände werden ans Sattelhorn gefesselt.

Im Licht der Sterne kann der State Trooper nicht allzuviel sehen, aber eines erkennt er deutlich: Die eine Gestalt ist eine Frau, die andere ein geschmeidig drahtig wirkender Mann.

Sie reiten ein gutes Stück. Dann halten sie an. Die Frau wendet sich dem Gefangenen zu und sagt: „Sieh mal, da vorn, da ist eine Schlucht, der dunkle Streifen. Wir können dich mit deinem Pferd da hineinreiten lassen. Die Schlucht ist so tief, dass du sofort tot sein wirst. Du kannst uns aber auch sagen, wohin sie Braddock gebracht haben.“

Ich weiß es nicht!“ behauptet der State Trooper. „Ich habe keine Ahnung.“

Ich werde dir eine Ahnung machen“, meldet sich jetzt der Mann zu Wort. Und er hat eine glatte Aussprache, wie irgendein Cowboy. Und trotzdem wird der State Trooper das Gefühl nicht los, dass dieser Mann ein Mexikaner sein muss.

Er will unbedingt in die Schlucht“, sagt die Frau jetzt.

Der State Trooper beginnt zu ahnen, wer diese Frau ist.

Sie sind Patty O’Hagan, nicht wahr?“

Vielleicht hast du recht, mein Freund“, erwidert sie. „Auf alle Fälle wäre es für dich gesund und vor allem für deine Zukunft, wenn dir jetzt einfallen würde, wohin sie Braddock gebracht haben.“

Der Gefangene erinnert sich sehr genau daran, was er gehört hat und was er von Kelly weiß. Er gehört ja zu jenen, die bei Kelly geblieben sind. Aber er will es nicht sagen.

Details

Seiten
460
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904741
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337537
Schlagworte
vier western trail romane august

Autoren

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Titel: Vier Western Trail Romane August 2016