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Chaco #11: Keinen Cent für Chacos Leben

2016 130 Seiten

Leseprobe

CHACO – Das Halbblut

 

Band 11

 

Keinen Cent für Chacos Leben

 

Ein Western von Frank Callahan

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F. Remmington mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Eine Bande zwielichtiger Halunken hat sich auf Chacos Fährte gesetzt. Sie halten ihn für einen Mann namens Apachen-Jack, und auf den haben sie es abgesehen. In letzter Minute kann sich Chaco retten – aber das gelingt ihm nur, weil im richtigen Augenblick jemand eingreift. Er heißt Old Jonathan und ist ebenfalls auf der Flucht. Weil er nämlich als einziger ein Goldversteck in den Bergen kennt. Jetzt braucht er jemandem, der ihm hilft, das Gold zu bergen und bereit ist, darum zu kämpfen. Chaco ist einverstanden, aber wenn er gewusst hätte, welchen Ärger er sich mit dieser Partnerschaft noch einhandelt, dann hätte er ganz sicher eine andere Entscheidung getroffen...

 

 

 

 

 

 

Sie hatten ihn in der Falle.

Chaco sprang aus dem Sattel, als sein Pferd ein fast menschliches Stöhnen ausstieß und auf der Vorderhand einknickte. Der Graue war am Ende, würde vielleicht nach dieser gnadenlosen Hetzjagd elend sterben müssen.

Seit drei Stunden wurde Chaco von einem Dutzend Männer wie ein tollwütiges Tier gehetzt. Fünf von ihnen hatte er ausschalten können, als sie ihm zu nahe gekommen waren und das Feuer auf ihn eröffnet hatten.

Dann war ihm nur die Flucht geblieben, denn er hatte schon bald die letzte Patrone aus seiner Winchester verschossen. Und in seinem Colt befanden sich nur noch drei Kugeln.

Für einen kurzen Moment stand der hagere Mann wie eine Statue da.

Sein schulterlanges Haar war zu zwei Zöpfen geflochten. In seinem dunklen und breitflächigen Gesicht mit den hohen Wangenknochen zuckte kein Muskel.

Er blickte aus seinen leicht schrägliegenden Augen auf die Verfolgermeute, die sich langsam näherte.

Natürlich waren auch die Pferde dieses rauen Rudels erledigt. Sie würden es aber auf jeden Fall bis zu diesem Ort am Rande der Gila-Wüste schaffen.

Um Chaco herum war ödes unfruchtbares und von Kakteen und Dornbüschen überwuchertes Land. Ein leichter Wind wehte Flugsand vor sich her, der mit singendem Geräusch Chaco Gates umgab.

Chacos grauer Wallach hatte sich auf die Seite gelegt, atmete schwer und stieß wieder dieses durch und durch gehende Stöhnen aus, das dann in einem seufzenden Wiehern ausklang. In seinen Augen war nur noch das Weiße zu sehen. Schaum quoll zwischen den Nüstern hervor und netzte den Wüstenboden.

Chacos Gesicht verhärtete sich. Er starrte resignierend auf das Pferd und wusste, dass er dem Tier nicht helfen konnte. Er selbst musste nun alles daran setzen, um nicht ebenfalls zu sterben.

Er blickte zu seinen Verfolgern zurück. Sie waren noch ungefähr eine Meile entfernt, ließen ihre Pferde im Schritt gehen, denn sie glaubten, dass es kein Entkommen mehr für ihre Beute geben würde.

Und Chaco fragte sich immer wieder, warum er von dieser rauen Horde so mitleidlos gehetzt wurde. Irgendwie glaubte er an eine Verwechslung, doch diese Burschen würden wieder schießen und erst hinterher seine Fragen beantworten.

Falls er dann noch am Leben war.

Chaco sah sich nach irgendeiner Deckungsmöglichkeit um. Kampflos wollte er nicht sterben. Und immerhin hatte er noch drei kleine Freunde in der Trommel seines Revolvers.

Zehn Pferdelängen entfernt ragten einige Felsbrocken aus dem rötlich schimmernden Sand. Die Abenddämmerung senkte sich hernieder, legte ihre samtenen Schleier immer dichter über das weite Land.

Die Sonne glich einem feurigen Ball, der am Horizont versank. Chaco wusste, dass es innerhalb weniger Minuten dunkel sein würde.

Ein leichtes Lächeln teilte die Lippen des Halbbluts. Er kniete neben seinem Pferd nieder, dessen Körper krampfartig zuckte. Sanft tätschelte er ihm den schweißglänzenden Hals.

Tut mir leid, Alter“, sagte er rau. „Das wollte ich nicht. Vielleicht schaffst du es. Unsere Chancen stehen wohl ungefähr gleich.“

Chaco nahm seine Winchester vom Sattelhorn und lief los. Er wusste, dass ihm nur noch eine einzige Chance blieb. Die immer dichter werdende Dunkelheit konnte seine Rettung bedeuten. Vielleicht gelang es ihm, seinen Verfolgern im Schutze der Nacht zu entkommen.

Chaco beschleunigte seine Schritte, trabte dahin wie ein Wolf, der sich auf der Fährte eines Wildes befand.

Obwohl Chaco sich müde und ausgebrannt fühlte, wusste er, dass er so viele Meilen dahintraben konnte. Und er hatte überhaupt keine andere Wahl, wollte er seine letzte Chance wahren.

Er ließ die Felsbrocken hinter sich, schlug dann die Richtung nach Nordwesten ein. Irgendwo dort in weiter Ferne musste Tucson liegen. Natürlich würde es unmöglich sein, die Stadt zu Fuß zu erreichen. Ohne Pferd und ohne Wasser konnte er es niemals schaffen.

Zuerst galt es jedoch, seinen Verfolgern zu entkommen.

Es war nun völlig dunkel geworden. Die fernen Sterne funkelten am Firmament, glichen Diamanten auf schwarzem Samt. Die bleiche Sichel des Mondes verbreitete kaum Licht.

Von der rauen Verfolgermeute war nichts mehr zu sehen. Sie würden jedoch kommen. Und es würde für sie nicht schwer sein, den Fußspuren des Halbbluts zu folgen, die sich deutlich im sandigen Boden abzeichneten. Vielleicht würden sie vom Wind zugeweht werden. Chaco rechnete jedoch nicht damit.

Irgendwo heulte ein Wolf. Weitere Artgenossen stimmten in dieses wilde Konzert mit ein. Eine Klapperschlange lag wenige Schritte entfernt auf einem noch sonnenwarmen Stein und rührte sich nicht, als das Halbblut vorbeirannte.

Chaco lief und lief. Er fühlte feinen Sand zwischen den Zähnen. Durst begann ihn zu plagen. Er dachte daran, dass er seit mehr als vierundzwanzig Stunden keinen warmen Bissen mehr zwischen die Zähne gekriegt hatte.

Das wüstenähnliche Gelände stieg nun leicht an. Die Kakteen und Dornbüsche häuften sich. Sogar ein paar verkrüppelte Sycamores reckten ihre kahlen Äste wie Schlangen gegen den Himmel.

Wasser“, murmelte Chaco. „Hier muss es irgendwo Wasser geben. Und ich werde es finden.“

Noch schneller trieb er seinen müden Körper vorwärts. Mechanisch setzte er Fuß vor Fuß, blickte hin und wieder zurück, ob sich seine Verfolger bereits gegen den helleren Horizont abzeichneten.

Noch konnte er sie nicht entdecken.

Aber es gab noch eine Gefahr hier in Arizona: Apachen. Sie streiften in kleinen Trupps durch das Land und töteten jeden Fremden. Chaco hoffte jedoch, dass er sich mit seinen Vettern verständigen konnte.

Als sich plötzlich spärlicher Graswuchs am Boden breit machte, wusste Chaco, dass das Wasserloch nicht mehr weit sein konnte.

Er blieb stehen und lauschte in die Nacht. Ein Jagdfalke schoss im Sturzflug an ihm vorbei, schien sich dann in den Boden zu bohren und schwang sich gleich darauf mit zappelnder Beute in den Fängen wieder in die Lüfte.

Chacos Blick heftete sich auf eine Baumgruppe. Wenn ihn nicht alles täuschte, dann musste sich dort die Wasserstelle befinden.

Das Halbblut ging zu Boden und schlich sich geräuschlos an die Waldinsel heran. Wasser war hier am Rande der Gila-Wüste so wichtig wie Silber und Gold, das hier in Arizona gefunden wurde.

Und es konnte natürlich sein, dass sich Indianer oder Weiße am Wasserloch aufhielten.

Chacos Vorsicht zeigte sich als begründet. Er entdeckte dicht neben dem Tümpel einen in einer Decke eingerollten menschlichen Körper. Dann sah er auch das Maultier des Mannes, das wenige Schritte abseits stand und an den Zweigen eines Cottonwoods knabberte.

Nun stellte das Maultier die langen Ohren auf, schnaubte und schickte dann ein trompetenhaftes Wiehern herüber.

Chaco handelte augenblicklich.

Sein untersetzter Körper flog durch die Luft und landete dicht neben dem in der Decke gehüllten Mann, der sich jedoch sonderbarerweise nicht rührte.

Bereits in dieser Sekunde wusste Chaco, dass er auf einen uralten Trick hereingefallen war. Die Decke war ausgestopft, diente nur zur Täuschung. Und der Mann befand sich an einer anderen Stelle.

In diesem Augenblick rastete auch bereits der Hammer eines Revolvers ein. Chaco sprang auf die Beine, wirbelte herum und starrte in die Mündung eines auf ihn gerichteten Colts.

Dann krächzte auch schon eine staubtrockene Stimme: „Los, nimm schon die Pfoten hoch, sonst wirst du mehr Blei schlucken, als dir lieb ist!“

 

*

 

Chaco blieb reglos stehen.

Im ungewissen Licht der Sterne und des Mondes sah er einen Oldtimer vor sich, der ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte. Er trug einen riesigen Schlapphut, der in den Nacken geschoben war. Ein wild wuchernder Vollbart bedeckte fast gänzlich das verwegene Piratengesicht des Oldman.

Du sollst die Hände hochnehmen“, schnaubte der Alte wild. „Glaube nur nicht, dass du einen Tattergreis vor dir hast, mein Junge. Ichß noch immer einer Fliege auf hundert Yards ein Auge aus. Darauf kannst du dich verlassen.“

Chaco nickte.

Ich glaube dir, Oldman. Los, steck schon dein Eisen weg. Ich wollte zum Wasser und wusste nicht, wer sich hier versteckt hält. Wir werden uns schon einigen.“

Der Oldtimer lächelte schief. Der Colt in seiner Faust senkte sich keinen Zoll.

Du hättest Wanderprediger werden sollen, mein Junge. Und wenn du nicht sofort die Hände zum Himmel reckst, als wolltest du den Mond umarmen, wird es mächtig rau für dich.“

Chaco sah ein, dass er den Oldtimer nicht mit Worten überzeugen oder besänftigen konnte. Er hob beide Hände in Schulterhöhe, während sein Blick das Maultier des Alten streifte. Es konnte für ihn die Rettung bedeuten. Mit dem Maultier konnte er ohne weiteres seinen hartnäckigen Verfolgern entkommen.

Du wolltest dir wohl meine Mary unter den Nagel reißen, wie?“, knurrte der Oldtimer, als habe er Chacos Gedanken erraten. „Du bist ohne Pferd, Mister“, stellte er dann fest. „He, bist du vielleicht eine verdammte Rothaut?“

Ich bin ein Halbblut. Mein Name ist Chaco. Chaco Gates. Mein Pferd liegt dort draußen irgendwo in der Wüste. Es konnte nicht weiter. Und auf meiner Fährte reitet ein gnadenloses Rudel. Es wird in wenigen Minuten hier sein. Dann gebe ich auch für dein Leben keinen lausigen Cent mehr. Man wird auch dich umlegen. Es sind noch sieben hartgesottene Bandoleros. Vorher sind es zwölf gewesen.“ Chaco lächelte hart. „Wenn mir nicht die Munition ausgegangen wäre, dann würde ich nicht wie ein Hase vor ihnen davonlaufen.“

Der Oldtimer musste diese Worte erst einmal verdauen. In seinem Gesicht begann es zu arbeiten.

Du bluffst, nicht wahr?“, fragte er dann. „Du erzählst mir da eine Lügengeschichte und glaubst, dass ich darauf hereinfalle.“

Von mir aus kannst du glauben, was du willst“, knurrte Chaco. „Zuerst möchte ich einen Schluck Wasser trinken. Das wirst du mir doch wenigstens gestatten?“

Zuerst schnallst du deinen Revolvergürtel ab, Halbblut!“

Chaco tat es, dann lief er zu dem seichten Tümpel hinüber, der bestimmt die einzige Wasserstelle auf viele Meilen im weiten Rund war. Er kniete nieder und trank schlürfend.

Der Oldtimer trat näher. Er zielte mit seinem alten Revolver nach wie vor auf Chaco.

Und dann zeigte das Halbblut einen prächtigen Trick. Als er sich aufrichtete, schleuderte er dem Oldman zwei Hände Sand ins Gesicht.

Der Oldtimer taumelte zurück, begann zu fluchen und setzte sich dann unsanft auf sein Hinterteil. Chaco hatte ihm einfach die Füße weggezogen und ihm dann den Revolver aus der Hand geschlagen.

Das wird schon wieder, Mister“, sagte Chaco mit ruhiger Stimme und steckte den Colt in seinen Gürtel. „Los, geh schon ans Wasser und wasch dir Gesicht und Augen.“

Der Oldman taumelte auf die Beine und fluchte dabei, dass es sogar einem altgedienten Postkutschenfahrer die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte.

Nach zwei Minuten trat er auf Chaco zu, staunte, als er sah, dass dieser keine Waffe in der Hand hielt.

Hör zu, Alter“, sagte Chaco. „Was ich dir erzählt habe, ist die Wahrheit gewesen. Ich werde wirklich verfolgt. Und ich muss es mit diesen Burschen auskämpfen, sonst legen sie mich um. Natürlich wäre es nun einfach, dir dein Maultier zu stehlen und abzuhauen. Das will ich jedoch nicht, denn das würdest du nicht überleben.“

Der Oldtimer hob seinen Lederhut auf, der ihm vorhin bei Chacos Angriff vom Kopf gefallen war.

Und was willst du?“, fragte er mit versöhnlich klingender Stimme.

Munition, Alter, für meinen Colt und für meine Winchester. Und dann werde ich diese Kerle zum Teufel jagen. Darauf kannst du dich verlassen.“

Munition kannst du haben, Chaco“, nickte der Alte. „Soviel du willst. Ich habe genügend davon in meinen Satteltaschen. Willst du es wirklich mit diesen sieben Kerlen aufnehmen?“

Habe ich eine andere Wahl?“, fragte Chaco zurück. „Wenn du auf dein Maultier klettern und abhauen willst, habe ich nichts dagegen.“

Der Oldtimer bewegte sich plötzlich schneller, als könne er es nicht erwarten, von hier zu verschwinden.

Er versorgte das Halbblut mit genügend Munition, die für dessen Revolver und Winchester passte. Dann kletterte er in den Sattel, nachdem er den Gurt festgezogen hatte.

Sonst noch was, Halbblut?“

Chaco nickte.

Falls mich die Kerle erledigen sollten und du nochmals zurückkehrst, dann begrabe mich anständig. Die Kerle würden mich doch nur den Geiern zum Fraß überlassen.“

Chaco wollte dem Alten dessen Revolver geben, doch er schüttelte den Kopf.

Behalte das Ding. Es ist geladen. Vielleicht kannst du es gebrauchen.“

Nach diesen Worten klatschte er dem Maultier die flache Hand auf den Hals und trieb es an. Bald waren Maultier und Reiter hinter den Cottonwoods verschwunden.

Die Hufschläge verklangen. Zurück blieb nur eine Staubwolke, die sich träge zu Boden senkte.

 

*

 

Chaco lief zur Wasserstelle, trank nochmals, ehe er sich einen geschützten Platz zwischen Büschen und Bäumen suchte. Er fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte.

Er wusste es nicht.

Er war nun einmal kein Mensch, der vor einer Auseinandersetzung floh. Und dann interessierte es ihn, warum diese raue Horde auf seiner Fährte ritt und auf keinen Fall aufgeben wollte.

Chaco spähte in die Dunkelheit.

Er sah sie kommen.

Deutlich hoben sich die Silhouetten von sieben Reitern gegen den helleren Horizont ab, ehe sie wieder in der Dunkelheit untertauchten. Hufschläge klangen gedämpft an Chacos Ohren.

Bestimmt hatten die Pferde die Wasserstelle bereits gewittert und mobilisierten die letzten Kräfte.

Die Hombres würden in wenigen Minuten hier sein. Chaco überprüfte nochmals Revolver und seine Winchester und nickte zufrieden.

Er wollte diesen Kerlen einen harten Kampf liefern.

Die Hufschläge wurden lauter.

Dann erkannte er die sieben Reiter, die in einer Art Schützenlinie auf die Wasserstelle zuhielten. Hundert Yards von Chaco entfernt glitten die Männer aus den Sätteln.

Sie nahmen an, Chaco an der Wasserstelle zu finden. Was sie nicht wissen konnten, war, dass das Halbblut nun wieder mit Munition versorgt war.

Chaco hob seine Winchester. Nun durfte er keine Schwäche zeigen, sonst war er dieser Übermacht nicht gewachsen.

Chaco wusste, dass er es mit hartgesottenen Burschen zu tun hatte, die weder Tod noch Teufel fürchteten und denen ein Menschenleben nichts bedeutete.

Fünfzig Yards von ihm entfernt tauchte der Oberkörper eines Mannes auf, der zum Wasserloch herüberspähte.

Chaco krümmte den Finger am Abzugshebel. Die Schussdetonation peitschte auf. Die Feuerlanze erhellte die Nacht.

Der von Chaco anvisierte Mann taumelte getroffen in die Höhe, wankte einige Schritte rückwärts, ehe er zusammenbrach, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein gellender Schrei durchbrach die nächtliche Stille.

Und dann wechselte Chaco blitzschnell seine Position, denn seine Gegner begannen zu feuern. Das heiße Blei wimmerte herüber, ohne ihn zu gefährden.

Er schoss erneut auf die aufzuckenden Feuerblumen, wusste jedoch nicht, ob seine Kugeln ein Ziel fanden. Die Schussdetonationen wollten nicht abreißen.

Seine Gegner rückten näher.

Chaco ließ sich jedoch dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Kaltblütig lauerte er hinter einem Baumstamm und wartete auf seine Chance.

Dann feuerte er blitzschnell.

Wieder ging einer seiner Feinde zu Boden.

Nun hatte er es nur noch mit fünf Burschen der wilden Horde zu tun. Drei der Burschen schossen, was die Gewehre hergaben, und zwangen Chaco in Deckung, während die beiden anderen sich heranschlichen.

Chaco änderte erneut seine Position, verließ das kleine Wäldchen und schlich unerkannt in die Wüste hinaus, während die Kerle noch immer zum Wasserloch hinüberschossen, wo sie ihren Gegner vermuteten.

Chaco lächelte sanft.

Sein Lächeln wurde noch breiter, als er nur eine Steinwurfweite entfernt die sieben Pferde seiner Gegner erkannte. Die Tiere standen breitbeinig und mit gesenkten Köpfen da, schoben sich dann langsam in Richtung des Wasserloches, ihrem Instinkt folgend.

Aber noch wurden sie von den aufpeitschenden Schussdetonationen erschreckt und zurückgehalten.

Chacos Plan stand von einer Sekunde zur anderen fest. Er schlich sich an die Tiere heran. Die sieben Pferde waren zu müde, um davonzulaufen. Sie wichen nur leicht zurück, als das Halbblut vor ihnen auftauchte.

Trotz der herrschenden Dunkelheit fand Chaco innerhalb weniger Sekunden das noch frischeste Pferd heraus. Dann zog er sich in den Sattel, nahm ein Lasso vom Sattelhorn und trieb die anderen Pferde vor sich her.

Als seine Gegner die Hufschläge vernahmen, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte. Schüsse peitschten auf, doch die Geschosse verfehlten Chaco.

Eines der Tiere wurde von einer Kugel gestreift und jagte davon, als wäre ihm der Schwanz abgesengt worden. Die fünf anderen Pferde folgten in blinder Stampede.

Chaco ließ sie laufen. Die Pferde würden irgendwann stehenbleiben und dann zum Wasserloch zurückkehren. In der Zwischenzeit konnte sein Vorsprung jedoch so groß sein, dass seine Gegner vielleicht aufgaben.

Chaco trieb das müde Pferd an, das sich nur unwillig streckte und dann in Trab fiel.

Die Wasserstelle blieb zurück, wie auch seine Gegner, die erneut eine empfindliche Niederlage hatten einstecken müssen.

 

*

 

Nach zwei Meilen zügelte Chaco den Rapphengst, denn ein Reiter tauchte nur wenige Schritte von ihm entfernt zwischen den Büschen auf.

Chaco erkannte den Oldtimer, der breit grinste und dann seinen Lederhut in den Nacken schob.

Ich wusste, dass du bald auftauchen würdest, Chaco“, sagte er mit krächzender Stimme. „Ich habe von Anfang an gesehen, dass mit dir nicht zu spaßen ist. Leider habe ich es selbst nicht beherzigt. Glaub mir, ich bin in meinem langen Leben noch niemals so ausgetrickst worden, wie du es mit mir gemacht hast.“

Hast du auf mich gewartet, Alter?“, fragte Chaco und strich sich über sein dunkles Haar. „Willst du deine alte Kanone wieder zurück? Ich habe sie nicht einmal gebraucht.“

Du kannst Old Jonathan zu mir sagen, Chaco. Komm mit mir. Ich kenne mich hier in der Gegend gut aus. Und wir werden bestimmt deinen Verfolgern das Nachsehen geben. Darauf gebe ich dir mein Wort.“

Chaco nickte nur und folgte Old Jonathan, der sein Maultier mit einem Zungenschnalzen antrieb. Dann zügelte er jedoch Mary, wie er das Maultier getauft hatte, kletterte umständlich aus dem Sattel und füllte die Hälfte des Inhalts seiner Wasserflasche in den Lederhut.

Dann ging er zu Chacos Pferd, das gierig zu saufen begann.

Das wird dem Rappen ein wenig helfen“, meinte der Oldtimer.

Zehn Meilen von hier entfernt kenne ich eine Wasserstelle. Dort werden wir uns ausruhen können. Ich hoffe nur, dass uns die Apachen in Ruhe lassen werden.“

Chaco blickte Old Jonathan forschend an. Irgendwie verstand er den Oldman nicht, dass sich dieser plötzlich so für ihn interessierte. Old Jonathan sah diesen prüfenden Blick und räusperte sich.

Was gefällt dir nicht, mein Junge? Habe ich irgend etwas falsch gemacht?“

Ich frage mich, Old Jonathan, warum du mich noch nicht einen verdammten Bastard genannt hast.“

Wenn das deine einzige Sorge ist, Chaco, dann kann ich dich beruhigen. Ob jemand schwarzer, roter, weißer, gelber oder von mir aus grüner Hautfarbe ist, interessiert mich nicht. Du bist ein Halbblut. Was soll’s? Ich akzeptiere dich so, wie du bist. Es gibt unter jeder Rasse und unter jeder Hautfarbe gute und schlechte Menschen. Das habe ich im Lauf meines langen Lebens gelernt. Hast du kapiert, was ich dir sagen wollte?“

Chaco nickte. „Du hast doch etwas vor, Alter?“, fragte er dann. „Umsonst bietest du mir deine Hilfe nicht an. Los, spuck es schon aus. Ich bin für Klarheit.“

Old Jonathan stieg ächzend in den Sattel seiner Mary und trieb das Maultier an.

Ich wollte dir ein Geschäft Vorschlägen, Chaco“, sagte er dann grinsend. „Ein wirklich gutes Geschäft. Du siehst ziemlich abgebrannt aus. Bestimmt kannst du ein paar Bucks gut gebrauchen. Oder irre ich mich da?“

Du hast schon recht, Alter. Ein paar Dollars kann ich immer gebrauchen. Du solltest jedoch wissen, dass ich selten mit jemandem zusammenarbeite. Ich...“

Der Oldtimer kicherte.

Ja, mein Junge, du bist ein Einzelgänger, ein einsamer Wolf, der allein seines Weges zieht. Du stehst mitten zwischen den Roten und den Weißen. Keiner akzeptiert dich, weil du ein Halbblut bist. Dir ist überhaupt nichts anderes übrig geblieben, als einen einsamen Trail zu reiten.“

Old Jonathan machte eine kurze Pause.

Leg dein Misstrauen ab, mein Junge. Werde mein Partner, und wir werden dem Teufel in die Suppe spucken. Ich brauche einen so harten Burschen wie dich, denn allein komme ich nicht an die Dollars heran. Und auf so einen Mann wie dich habe ich schon seit Monaten gewartet.“

Nur gut, dass du keine Lady bist, Oldman“, lächelte Chaco. „Dann wäre das ein Heiratsantrag gewesen.“

Nun mussten sie beide lachen. Dann ritten sie schweigend nebeneinander her. Chaco sah sich häufig im Sattel um, konnte jedoch keine Verfolger entdecken.

Bestimmt hast du dir das frischeste Pferd ausgesucht“, schmunzelte Old Jonathan. „Ich glaube kaum, dass dir die Burschen noch gefährlich werden können. Ausserdem bin ich ja auch noch da. Und zu zweit werden wir die Kerle auf den langen Trail schicken.“

Er biss ein Stück Kautabak ab und bot auch Chaco davon an, der jedoch ablehnte.

Warum sind die Burschen hinter dir her, Chaco? Hast du irgendein krummes Ding gedreht?“

Das Halbblut schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, Old Jonathan. Die Kerle tauchten plötzlich auf und begannen zu schießen. Und dabei hätten sie doch sehen müssen, dass bei mir nichts zu holen ist.“

Der Blick des Alten wurde nachdenklich.

Kannst du mir wenigstens einen der Hundesöhne beschreiben?“

Chaco dachte einige Sekunden angestrengt nach, ehe er langsam dem Oldman zunickte.

Einer der Kerle war dürr wie eine Zaunlatte gewesen und ganz in schwarzem Leder gekleidet. Er hatte ein bleiches Gesicht und hervorquellende Augen. Außerdem trug er einen dünnen Oberlippenbart. Ich kann den Halunken nur so gut beschreiben, weil er mir sehr nahe gekommen ist. Dann ging mir jedoch die Munition aus.“

Harold Bulmer“, sagte Old Jonathan. „Die Beschreibung passt auf ihn wie die Faust aufs Auge. Er ist ein Revolvermann und Killer. Du musst schon eine ganze Menge ausgefressen haben, wenn dir Bulmer auf den Fersen ist.“

Ich habe den Namen noch nie gehört“, sagte Chaco wahrheitsgemäss. „Ausserdem habe ich nicht die geringste Ahnung, warum die Burschen hinter mir her sind. Ich zermartere mir schon seit vielen Stunden den Schädel, bin jedoch zu keinem Ergebnis gelangt.“

Chaco sah Old Jonathan an, dass dieser ihm kein Wort glaubte. Schweigend setzten sie ihren Ritt fort.

 

*

 

Als der beginnende Tag die Nacht besiegte, hatten die beiden Reiter die Wüste hinter sich gelassen. Das Gelände war hügeliger und unübersichtlicher geworden. Riesige Tafelberge glühten wie Rotgold unter den Strahlen der aufgehenden Sonne.

Chaco zügelte sein Pferd, das die vielen Meilen zäh und voller Ausdauer durchgehalten hatte. Er tätschelte dem Tier den schweißnassen Hals und nickte Old Jonathan zu.

Ich schätze, dass wir alle eine Pause vertragen können. Auch dir fallen bald die Augen zu.“

Der Oldtimer gähnte und deutete dann auf eine Lücke zwischen den sanft geschwungenen Hügeln.

Bis zu den Hügeln werde ich es noch schaffen. Dort gibt es Wasser und Gras für die Pferde. Und in meinen Satteltaschen habe ich genügend Proviant, um uns ein leckeres Essen zu bereiten.“

Chacos Magen knurrte protestierend. Dem Halbindianer lief das Wasser im Mund zusammen. Er spürte plötzlich wieder den bohrenden Hunger in seinen Eingeweiden.

Zehn Minuten später kletterten die beiden so ungleichen Männer aus den Sätteln. Old Jonathan hatte einen geschützten Platz ausgewählt, wo sie ihr kleines Camp aufschlagen wollten.

Ein kleiner Bach schlängelte sich durch das saftige Gras. Bäume spendeten Schatten. Die beiden Männer hatten einen guten Ausblick auf das hinter ihnen liegende Land, konnten jedoch selbst kaum gesehen werden, da ein dichter Buschgürtel das Camp umgab.

Old Jonathan entfachte ein Feuer aus trockenem Holz unter einem Baum. Die kaum sichtbare Rauchfahne wurde vom Blattwerk des Cottonwoods gefiltert und zerfaserte im sanften Wind.

Bald roch es aromatisch nach Kaffee. Und als Eier und Speck in der Pfanne brutzelten, musste Chaco mehrmals schlucken. Sein Magen knurrte schon wieder, als stritten sich ein paar Wölfe um eine zu klein geratene Beute.

Wenige Minuten später ließen es sich die beiden Männer schmecken. Neue Kräfte pulsierten durch Chacos Körper. Der Kaffee regte ihn an. Auch die Müdigkeit des Oldtimers war verflogen.

Er blinzelte zu dem Halbblut hinüber, der mit dem Rücken gegen einen Baumstamm lehnte und seine Füße weit von sich gestreckt hatte.

Na, wie sieht es aus, Chaco? Willst du mein Partner werden und mit mir eine Menge Bucks machen? Ich warte noch immer auf deine Antwort.“

Ich will zuerst wissen, um was es geht, Old Jonathan. Natürlich könnte ich ein paar Dollars gebrauchen, denn ich bin ziemlich abgebrannt. Du solltest jedoch wissen, dass ich weder ein Killer bin und auch sonst nicht auf der anderen Seite des Zaunes stehe oder je gestanden habe.“ Der Oldman blickte Chaco abschätzend an, zupfte an seinem Bart und zuckte dann mit den Schultern.

Du machst es mir verdammt schwer, mein Junge“, antwortete er. „Ich habe absichtlich nicht über die ganze Sache geredet. Okay, ich werde dir alles erzählen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass du schon in der Sache mit drinnen steckst.“

Chaco hob den Kopf. Die letzte Bemerkung von Old Jonathan verstand er nicht.

Dieses raue Rudel ist dir nicht umsonst gefolgt, Chaco. Harold Bulmer muss geglaubt haben, dass du zu mir willst und bereits eingeweiht bist. Du musst wissen, dass ich jemanden erwarte. Irgendwie muss Bulmer herausgefunden haben, dass ich an einen Freund geschrieben habe.“ Chaco schüttelte den Kopf.

Du willst mir wohl einen Bären aufbinden. Ich bin ein Halbblut. So schnell werde ich nicht mit jemandem verwechselt.“

Richtig, mein Junge. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Apachen-Jack ist jedoch vorhanden. Dieser Bursche ist ein alter Raubtierjäger, der viele Jahre bei den Apachen lebte. Erst als seine Apachen-Squaw starb, ließ er sich wieder unter den Weißen sehen.“

Chacos Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Er wusste plötzlich, dass er wirklich schon bis zu beiden Ohren in einer höllischen Sache steckte.

Du glaubst also, dass mich dieser Harold Bulmer in Benson für Apachen-Jack gehalten hat?“

Old Jonathan nickte mehrmals. „Ich habe in Benson einen Brief an Jack aufgegeben. Vielleicht hat Bulmer das Schreiben gelesen. Du musst wissen, dass er der Big Boss dieser Stadt ist. Er ist seit Wochen hinter mir her, um mir mein Geheimnis zu entreißen. Er will selbst an das große Geld herankommen und nicht teilen. Ich habe mich seit vielen Wochen nicht mehr in einer Stadt oder einem Camp sehen lassen, denn seine Männer lauern überall. Aus diesem Grund vermute ich auch, dass unsere Verfolger nicht aufgeben, sondern deiner Fährte folgen werden. Sie glauben, dass du sie zu mir führen wirst.“

Old Jonathan blickte schmunzelnd zu Chaco hinüber, als habe er einen besonders guten Witz gemacht.

Ich will keinen Ärger“, sagte Chaco. „Und ich habe es satt, mich in irgendwelche Dinge hineintreiben zu lassen, die mich überhaupt nichts angehen.“

Dann habe ich dich wohl völlig falsch eingeschätzt“, knurrte der Oldman böse. „Du siehst zwar nicht so aus, als hättest du die Hosen voll, aber okay, wenn du nicht willst, dann schwing dich auf dein Pferd und verdufte. Ich halte dich nicht zurück. Ich werde es auch ohne deine Hilfe schaffen. Du solltest nur bedenken, dass du schon bis zur Halskrause in der Angelegenheit steckst.. Da redest du dich nicht so ohne weiteres heraus. Wenn dich Harold Bulmer findet, dann wird er dich fertigmachen. Darauf kannst du dich verlassen.“

Chaco starrte in die Glut des verlöschenden Feuers.

Ich möchte nun endlich wissen, um was es geht“, sagte er schärfer, als er es eigentlich beabsichtigte. „Du bist ein verdammtes Schlitzohr, Old Jonathan. Vielleicht hast du mich bereits dort am Wasserloch erwartet und wusstest genau, dass mich das raue Rudel dorthin treiben würde. Los, spuck es aus, sonst reite ich weiter.“

Der Oldtimer richtete seinen Oberkörper auf. Wachsam blickte er das Halbblut an. Er hielt sein Gewehr mit der rechten Hand umklammert. Wie zufällig deutete der Lauf der Waffe in Chacos Richtung.

Ich sage dir nur, um was es geht, wenn du mir dein Ehrenwort gibst, mein Partner zu werden.“

Ehrenwort? Das Ehrenwort eines Halbbluts?“

Chacos Stimme klang bitter.

Mach dich nur nicht kleiner, als du es bist, Chaco. Mann, so versteh doch. Ich brauche dich. Nur mit dir kann mein Plan gelingen. Wir werden gemachte Leute sein und beide für den Rest unseres Lebens ausgesorgt haben. Hast du nicht einmal daran gedacht, sesshaft zu werden und einen festen Platz in dieser lausigen Welt zu finden?“

Chaco lachte heiser.

Mich will niemand längere Zeit in seiner Nähe haben. Ich bin ein Halbblut, vergiss das nicht. Ich habe schon mehrmals versucht, sesshaft zu werden. Immer wieder wurden mir Knüppel zwischen die Beine geworfen. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als einigen Gents auf die Hühneraugen zu treten.“

Wir reden an der Sache vorbei“, sagte Old Jonathan böse. „Sag, dass du mein Partner wirst, und ich erzähle dir alles. Sei doch nicht so verbohrt. Es ist die Chance deines Lebens. Geld kann jeder von uns gebrauchen. Es zwingt dich ja niemand dazu, sesshaft zu werden.“

Chaco dachte einige Sekunden nach. Seine augenblickliche Situation sah nicht besonders gut aus. Er hatte kaum einen Cent in den Taschen. Und auf seiner Fährte ritten fast ein halbes Dutzend Killer. Außerdem verspürte er Neugierde, um was es bei diesem Oldtimer überhaupt ging.

Okay“, sagte Chaco. „Du kannst mit mir rechnen. Du kennst jedoch meine Einstellung dem Gesetz gegenüber. Von krummen Sachen lasse ich die Finger.“

Chaco erkannte die Erleichterung in den Augen des Oldtimers. Jonathan nahm seine Hand vom Schaft des Gewehres. Dann winkte er leicht ab, holte aus seiner Tasche einen Streifen Kautabak hervor und biss ein Stück davon ab.

Genussvoll kauend sagte Old Jonathan: „Okay, Chaco. Deine Entscheidung ist richtig. Mit Apachen-Jack kann ich nicht mehr rechnen. Wer weiß, ob mein Brief ihn erreicht hat. Wir beide reiten in die Santa Catarina Mountains. Und dort werden wir unsere Satteltaschen mit Gold vollstopfen.“

Gold?“

Ja, Gold, mein Junge. Wir brauchen es nur aus einem Versteck zu holen und mitzunehmen.“

Old Jonathan spuckte einen Strahl braunen Tabaksaftes zwischen einer Zahnlücke hindurch und zog dann ein zerknittertes Stück Pergament aus seiner Tasche. Er wedelte damit in Chacos Richtung, als wolle er damit die vielen Insekten verjagen, die ihn umsurrten.

Ich habe diesen Plan von einem alten Digger erhalten, der zu krank ist, um selbst in die Santa Catarina Mountains zu reiten. Er vertraut mir und wird natürlich einen Anteil vom Gold erhalten. Und nun weißt du auch, warum Harold Bulmer hinter mir her ist. Er weiß von diesem Plan und hat alles getan, um ihn an sich zu bringen. Bisher konnte ich ihm jedoch ein Schnippchen schlagen.“

Das Halbblut nickte. Er wusste, dass die meisten Menschen verrückt spielten, wenn sie nur das Wort Gold hörten. Sie riskierten alles, um sich in den Besitz des gelben Metalls zu bringen. Und meistens gab es Mord und Totschlag, Blut und Tränen wegen des gelben Teufelszeugs.

Na, was sagst du nun, Chaco?“, fragte Old Jonathan mit funkelnden Augen.

Du bist sicher, dass dir dieser alte Digger keinen Bären aufgebunden hat?“, fragte Chaco zurück. „Es könnte ja sein, dass der Bursche lügt und sich einen schlechten Scherz mit dir erlauben will.“

Old Jonathan schüttelte grinsend den Kopf.

Du hältst mich für ein Greenhorn, mein Junge. Ich habe Beweise, Chaco. Sam Marvin, so ist der Name des Diggers, zeigte mir einige Goldbrocken. Es handelt sich um fast reines Adergold. Er konnte nicht mehr davon in Sicherheit bringen, da die Apachen hinter ihm her waren und er ihnen nur mit knapper Not entwischen konnte. Und nun weißt du auch, warum ich meine Chips auf Apachen-Jack gesetzt habe. Ihm werden die Rothäute nicht gleich an den Kragen gehen.“

Chaco nickte.

Und du glaubst, dass ich denselben Zweck erfülle, weil ich ein Halbblut bin? Du glaubst, dass ich mich mit ihnen einigen kann?“

Immerhin fließt ihr Blut in deinen Adern, Chaco. Und wenn ich dich so betrachte, dann scheinst du den Indianern mehr zugetan zu sein als den Weißen.“

Meine Mutter war eine Pima Apachin“, erwiderte Chaco. „Sie, mein Vater und mein Bruder wurden von weißen Skalpjägern ermordet.“

Das Halbblut schwieg einige Sekunden. Starr und unbewegt schimmerte sein breitflächiges Gesicht.

Die Apachen sind nicht besonders gut auf mich zu sprechen, Old Jonathan. Ich gehöre nicht zu ihnen, wie ich auch nicht zu euch Weißen gehöre.“

Wir werden es versuchen, Chaco. Irgendwie werden wir das Gold schon finden. Dann sind wir reiche Männer. Du reitest doch mit mir? Wenn du jedoch Angst hast, dann verzichte ich. Das ist eine Aufgabe für richtige Männer, die bereit sind, dem Satan ein Barthaar auszurupfen. Der Einsatz ist hoch.“

Ich reite mit“, sagte Chaco mit ruhiger Stimme. „Immerhin bin ich dir zu Dank verpflichtet. Hättest du mich am Wasserloch nicht mit Munition versorgt, dann wäre es aus und vorbei mit mir gewesen. Eine Hand wäscht die andere. Außerdem kann ich ein paar Bucks gut gebrauchen.“

Old Jonathan seufzte auf, lehnte sich zurück und schloss zufrieden die Augen.

Ich schlafe eine Stunde, mein Junge. Halte die Augen offen und achte darauf, ob unsere Verfolger auftauchen. Anschließend kannst du dich ausruhen.“

Chaco antwortete nicht. Wenige Sekunden später erklang das laute Schnarchen des Oldtimers zu ihm herüber, der einen mächtig dicken Baumstamm umzusägen schien.

 

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904727
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
chaco keinen cent chacos leben

Autor

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Titel: Chaco #11: Keinen Cent für Chacos Leben