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Sheng #3: Shengs Goldkutsche

2016 130 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU-KÄMPFER

 

Band 3

 

SHENGS GOLDKUTSCHE

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M.Russell mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Die Goldgräberstadt Nugget Hole wird von einer Horde gefährlicher Banditen belagert. Alle Transporte aus der Stadt werden überfallen. Der Bandenführer Whitloe kennt keine Gnade, und die Goldgräber sind verzweifelt. Der einflussreiche John Caldwell verspricht ihnen schließlich, den nächsten Goldtransport sicher ans Ziel zu bringen, denn er hat ein Ass im Ärmel: Sheng, den Kung Fu-Kämpfer. Sheng hat sehr persönliche Gründe, sich auf Caldwells Seite zu stellen. Denn er sucht noch immer nach seinem leiblichen Vater – und eine dieser Spuren hat ihn zu Caldwell geführt. Dies ist aber nur der Beginn einer Kette von verhängnisvollen Ereignissen...

 

 

 

 

 

 

 

 

Er kam von Westen. Wie ein lautloser Schatten tauchte er aus den zerklüfteten Schluchten und Canyons der Colorado-Berge auf. Das Echo eines wilden Rufes wogte zwischen den in der Sonne glühenden Felsmauern. „Sheng ... eng ...eng ...“

Die Stimme schien von überall herzukommen.

Geduckt verharrte der große, einsame Mann hinter einem klobigen Felsen. Er besaß kein Pferd, keine Waffe. Sein ganzer Besitz waren das leichte Deckenbündel auf seiner linken Schulter und die lederüberzogene Wasserflasche an seinem Gürtel. Sein markantes Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen, war staubbedeckt. Ein Gesicht, in dem sich die Härte und Einsamkeit der sonnenverbrannten Felsenwildnis widerzuspiegeln schien.

Er lauschte.

Die raue Stimme schallte aus einer von Felsen umschlossenen Senke. „Gib auf, Sheng! Wir wissen, dass du in der Nähe bist. Komm her, du verdammter Bastard! Stell dich, wenn du nicht willst, dass wir dieser Frau die Kehle durchschneiden! Ihr Leben gegen deines! Was hältst du von dem Geschäft?“

Ein wüstes Lachen folgte. Shengs Augen funkelten kalt und gefährlich. Katzenhaft huschte er von Deckung zu Deckung. Ein steiniger, mit Krüppelkiefern bewachsener Hang fiel vor ihm ab. Der große, schlanke Mann überschaute die Szene mit einem Blick.

Da war die Frau: jung, schlank, eine hinreißende Figur in einem zartgrünen zerknitterten Reitkostüm. Flammendrotes Haar umrahmte ein faszinierendes Gesicht mit grünen, etwas schräg stehenden Augen und einem schwellenden Mund. An ihrer Kehle glänzte ein breitklingiges Green River-Messer. Der Kerl, der sie festhielt, war einer von den Schurken, die seit Wochen hinter Sheng her waren. Ein bulliger, zottelhaariger Bandit, dessen halbes Gesicht von einem wild wuchernden Bart bedeckt wurde. Links und rechts von ihm und der rothaarigen Gefangenen stand je ein Mann mit einer schussbereiten Winchester 66 in den Fäusten. Ihre lauernden Blicke tasteten die Felsränder ab. Nicht weit von ihnen standen die Pferde, von denen eines der überrumpelten fremden Frau gehörte. Die matt glosende Glut eines herabgebrannten Lagerfeuers verriet, dass sie hier mitten in der Einsamkeit der menschenfeindlichen Wildnis allein gerastet hatte.

Zum Teufel, Sheng, ich bluffe nicht!“, schrie der Zottelhaarige. „Willst du, dass die Frau vor deinen Augen stirbt? Ich gebe dir noch eine Minute.“

Die Rothaarige wand sich verzweifelt im eisernen Griff des bulligen Verbrechers.

Lass mich los! Ihr seid ja verrückt. Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht, auf den ihr es abgesehen habt. Ich habe nie von ihm gehört. Ihr könnt ihn doch nicht mit mir erpressen. Er ist sicher längst auf und davon. Er wäre wahnsinnig, wenn er sich für mich opferte.“

Der mit dem Messer grinste breit.

Er wird kommen. Ich kenne ihn. Er wird nie zulassen, dass jemand unschuldigerweise für ihn stirbt. Er ist ’n halber Chinese, in einem Kloster jenseits des Meeres aufgewachsen und erzogen. Er steht auf der Todesliste eines mächtigen chinesischen Geheimbundes, des Schwarzen Drachen, dessen Einfluss bis hierher reicht. Wir bekommen ’nen hübschen Batzen Geld, wenn wir Sheng schnappen. Soviel Geld, dass es uns nicht mal um deinen hübschen Skalp leid tun wird. Puppe. Was reitest du auch mutterseelenallein in dieser gottverlassenen Gegend spazieren! Jetzt kannst du nur beten, dass Sheng, dieser Bastard, uns hört. He, Sheng, was ist? Wo steckst du? Du hast noch eine halbe Minute, du verdammter Chink!“

Groß und aufrecht trat Sheng zwischen den Felsen hervor. Kein Stein knirschte unter seinen Weichlederstiefeln.

Hier bin ich, Jarrod. Lass sie gehen.“

Die Gewehre von Jarrods Komplicen flogen hoch. Der Stahl glänzte wie von der Sonne versilbert. Jarrod fauchte: „Lasst den Quatsch! Auf die Entfernung erwischt ihr ihn nicht. Der Kerl ist schneller als ’ne Viper. Außerdem will der Schwarze Drache ihn lebend, damit er ’n wichtiges Geheimnis verrät. He, Sheng, komm runter, wenn du nicht willst, dass ich ...“

Ich komme, wenn die Frau fort ist.“

Langsam, Amigo! Hier stelle ich die Bedingungen!“, drohte Clem Jarrod wütend.

Die Frau beobachtete mit aufgerissenen Augen, wie der große Fremde ruhig den Hang herabkam. Sein Gesicht war ausdruckslos. Kein Funken Panik in seinen Augen, obwohl die Gewehre von Jarrods Komplicen jeder Bewegung von ihm folgten. Zehn Schritte vor den Banditen blieb Sheng stehen.

Lasst sie jetzt frei. Gebt ihr ein Pferd.“

Mit einem triumphierenden Auflachen schleuderte der Bärtige die Frau so heftig zur Seite, dass sie stürzte. Er stieß das Messer in die Scheide am Gürtel und zog stattdessen einen schwerkalibrigen 45er Colt.

Was habt ihr mit ihm vor?“, schrie die Frau erschrocken.

Sheng blickte sie an. Sie traute ihren Augen kaum, aber dieser fremde Mann lächelte tatsächlich. Er sah aus, als wüsste er sich durch einen unsichtbaren Panzer vor den Kugeln der mitleidlosen Halunken geschützt.

Steigen Sie aufs Pferd, Ma’am. Reiten Sie. Bis Nugget Hole ist es nicht mehr weit.“

Etwas so Zwingendes war in seinem Blick, seiner Stimme, dass sie sich schweigend erhob, das Kostüm glattstrich und rückwärts zu den Pferden ging. Sie legte eine Hand auf' den Sattel. „Ich bin Brenda Bliss. Es tut mir leid, dass Sie ...“

Hau ab, wenn du nicht am anderen Ende des Seils baumeln willst, an dem er bald hängen wird!“

Jarrod fuhr wütend herum und richtete den 45er auf sie.

Kreidebleich schwang sich die junge Frau aufs Pferd. Die Art, wie sie im Sattel saß, verriet Übung. Noch zögerte sie. Ihr brennender Blick ruhte auf Sheng. Sie wollte etwas sagen, da feuerte Clem Jarrod eine Kugel vor die Hufe ihres Pferdes in die trockene Erde. Staub spritzte hoch. Wiehernd warf sich das Tier herum und stob zum Rand der Senke. Die Frau schrie, zerrte an den Zügeln. Ihr langes tizianrotes Haar flatterte wie eine Fahne. Jarrod lachte wild und schoss wieder. Diesmal zielte er auf die Frau. Haarscharf zischte die Kugel an ihrem Kopf vorbei. Im nächsten Augenblick war sie zwischen den turmhohen Felsen verschwunden.

Du Dreckskerl!“, sagte Sheng kalt. „Du und deine Freunde, ihr schreckt wohl vor nichts zurück.“

Langsam ging er auf die drei Männer zu. Jarrod grinste verkniffen. „Ein Grund mehr für dich, keine Zicken zu machen. Nimm die Pfoten hoch! Nat, hol ’n Lasso! Wir werden diesen Bastard fesseln und dann ...“

Zurück, Brenda!“, unterbrach ihn Shengs gellender Schrei. Die Köpfe der Banditen flogen herum. Und da war Sheng mit einem Tigersatz zwischen ihnen. Er brauchte keinen Revolver, kein Messer, um mit diesen Schurken fertig zu werden. Sein Körper war seine Waffe. Im Kloster vom Weißen Lotus, wo er als Findelkind aufgewachsen war, hatte er eine Ausbildung zum Meister im Kung Fu-Kampf erfahren.

Damals, in einer weit zurückliegenden Vergangenheit, hatte er die Weissagung erfüllt, dass er ein unbesiegbarer Kämpfer für das Recht und für alle Unterdrückten sein würde.

Es war, als würden die drei Banditen von einem Wirbelsturm gepackt. Shengs Hände und Füße zuckten wie in einem tödlichen Tanz. Steinharte Schläge trafen Jarrods Kumpane, rissen sie herum und schleuderten sie zu Boden. Das ging so blitzschnell, dass ihr Anführer nicht zum Schuss kam. Fluchend sprang er zurück. Er sah den unheimlich schnellen Kämpfer nur noch als verwischten Schatten auf sich zukommen, dann traf es auch ihn. Sein schwerer Colt wirbelte davon.

Der nächste Hieb zwang den bärtigen massiven Mann auf die Knie. Keuchend warf er sich vorwärts, um Shengs Beine zu umschlingen und ihn umzureißen. Er stieß ins Leere. Der schlanke, drahtige Gegner schnellte wie auf Stahlfedern in die Luft, so dass Jarrod unter ihm wegrutschte. Der Bandit fiel schwer aufs Gesicht. Geschmeidig setzte Sheng hinter ihm auf.

Jarrods Kumpane hatten sich herumgewälzt. Sie zerrten ihre Colts aus den verrutschten Halftern — und brüllten vor Schmerzen, als Shengs Fußspitzen ihre Handgelenke erwischten.

Hastig bückte sich der Kung Fu-Mann nach einer Winchester. „Schluss jetzt! Ich habe keine Lust, mich lange mit euch herumzuschlagen. Verschwindet! Reitet dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!“

Keuchend, noch halb benommen von dem, was über sie hereingebrochen war, starrten die Kerle zu ihm hoch. Ein mühsames, hasserfülltes Grinsen dehnten Clem Jarrods wulstige Lippen.

Du Hundesohn freust dich zu früh! Wirf die Knarre weg, sonst...“

Der peitschende Knall eines Schusses füllte die heiße Senke. Eine Kugel hieb neben Sheng in die Erde. Eine harte Stimme schrie: „Tu, was er sagt!“

Sheng stand reglos. Die Winchester zielte auf Jarrod, aber der verwildert aussehende Schießer stemmte sich auf die Knie.

Feierabend, Sheng!“, höhnte er grausam. „Der Mann vom Schwarzen Dachen, der uns für die Jagd auf dich angeworben hat, ist heute zu uns gestoßen. Es war seine Idee, das Weib gegen dich auszuspielen. Auch wenn du mich umlegst, er erwischt dich doch. Er wird keine Rücksicht auf mich nehmen.“

Der Schwarze Drache! Der Fluch aus der Vergangenheit hatte den ehemaligen ersten Kung Fu-Kämpfer des Klosters vom Weißen Lotus wieder eingeholt. Verzweiflung packte ihn. Noch sieben oder acht Meilen bis Nugget Hole, wo vielleicht der Mann lebte, den er seit Jahren suchte. Seit damals, als er als Kuli für den Bau der grossen Eisenbahn übers Meer in den Westen der Vereinigten Staaten gekommen war. Sein Vater!

Er kannte nicht einmal seinen Namen. Aber auf seiner rastlosen Wanderung kreuz und quer durch den Westen hatte er erfahren, dass in der kleinen Goldgräbersiedlung Nugget Hole in den Bergen von Colorado ein Mann namens John Caldwell lebte, der vor Jahrzehnten China bereist hatte. War er der Mann, den Tei Peh, die erste Nebenfrau des Kaisers Tsing Dün einst geliebt hatte? Dessen Sohn sie aus Furcht vor der Todesstrafe für dieses Vergehen den weisen Mönchen vom Weißen Lotus anvertraut hatte?

Das Gewehr bellte wieder. Die Kugel streifte Shengs Ärmel. Er würde die Wahrheit nun nie mehr erfahren. Langsam drehte er sich ,um. Ein Pulverwölkchen schwebte über einem Felsblock am Rand der Senke. Kein Ziel für die Winchester. Nur wieder die harte, erbarmungslose Stimme: „Die nächste Kugel trifft dich in den Bauch, du Hund vom Weißen Lotus!“

Sheng ließ das Gewehr fallen. Sein ,Chi‘, seine innere Kraft, war verströmt. Die Stimme seines alten gütigen Lehrers Li Kwan, der damals ein Opfer der Mörder vom Schwarzen Drachen geworden war, schwieg in seiner Erinnerung.

Ein schlanker, mittelgroßer Chinese mit einem Karabiner in den schmalen Händen trat hinter dem Felsen hervor. Er trug einen eleganten Stadtanzug. Ringe funkelten an seinen Fingern. Sein gelbliches Gesicht war eine glatte Maske, in der nur die Augen glühten. Er bewegte sich mit lässiger Geschmeidigkeit.

Eine Weile war nur das leise Knirschen des Sandes unter seinen Sohlen zu hören. Jarrod und seine Kumpane zählten nicht mehr. Sie warteten stumm. Sie konnten nur dumpf ahnen, dass es hier um mehr ging als um das Ende einer gewöhnlichen Menschenjagd. Um viel mehr!

Sheng hörte die schneidende Stimme des Abgesandten vom Schwarzen Drachen wie unter einer Metallkuppel, die ihn und den Gegner von der übrigen Umgebung abschloss.

Du kennst deine letzte Chance, Sheng. Du wirst nur am Leben bleiben, wenn du mich auf die Spur zum großen Geheimnis des Tao Chi führst. Sage mir, wo die sieben entflohenen Mönche vom Weißen Lotus sind, die die sieben Teile der Schriftrolle des Tao Chi bei sich tragen! Nenne mir ihre Namen!“

Das große Geheimnis des Tao Chi! Es war im Kloster vom Weißen Lotus behütet worden, bis zu jener Schreckensnacht, in der die Bande vom Schwarzen Drachen mit Feuer und Tod gekommen war. Dieses Geheimnis war der Schlüssel zur Beherrschung der Welt, die der furchtbare Geheimbund anstrebte. Sieben Mönche, die einzigen Überlebenden außer Sheng, waren mit der in sieben Teilen geteilten Schriftrolle in alle Winde geflohen. Einige waren auch in den Westen Amerikas gekommen, unter falschem Namen, als Kulis getarnt. Heimatlose, Gejagte in einer fremden Welt — wie Sheng.

Der Schwarze Drache unternahm alles, um sie aufzuspüren. Und seit Sheng unter dem Namen Tiger-Mann als Kung Fu-Kämpfer beim Bau der Transkontinental-Bahn berühmt geworden war, hetzten die Mitglieder des Geheimbundes auch ihn, im Glauben, dass Sheng sie zur Gesamtheit des Tao Chi führen könnte.

Sheng sah das Lauern, die gierige Erwartung in den Augen des fremden Chinesen. Plötzlich kehrte die Ruhe in ihn zurück. Er war verloren. Aber wichtiger als er und die Suche nach seinem unbekannten Vater war das Geheimnis, das Li Kwan, der Oberste Mönch vom Weißen Lotus, vor seinem Tod den sieben Auserwählten anvertraut hatte. Hier lag Shengs Aufgabe: Die Lehre des Tao Chi durfte dem Schwarzen Drachen um keinen Preis in die Hände fallen. Auch nicht um den Preis seines eigenen Lebens.

Sheng lächelte verächtlich. „Du wirst nichts erfahren.“

Mit unbewegter Miene kam der Chinese so nahe an ihn heran, dass der Lauf des Karabiners Sheng berührte. Bei jedem anderen Gegner hätte Sheng jetzt einen blitzschnellen Angriff riskiert. Aber dieser Mann wartete nur darauf. Die Kunst des Kung Fu war vielen Anhängern des Schwarzen Drachen nicht mehr fremd, seit ihnen die Aufzeichnungen der Mönche vom Weißen Lotus in die Hände gefallen waren, bis auf jene eine, die kostbarste.

Du wirst langsam sterben“, sagte der Mann vom Schwarzen Drachen so leidenschaftslos und überzeugt, dass sogar Jarrod und seine Freunde ein flüchtiges Kribbeln spürten. „Du wirst viel Zeit zum Reden haben. Ich werde dich dazu zwingen. Denn ich bürge dem Schwarzen Drachen mit meinem eigenen Leben dafür.“

Jäh zuckte der Gewehrlauf hoch. Der unvermittelte Hieb schleuderte Sheng nieder. Die Stimme des Chinesen klang plötzlich weit entfernt. „Packt ihn! Fesselt ihn! Dann schleppt ihn zum Feuer!“

 

*

 

Der hagere Mann, der trotz der flirrenden Hitze einen langen schwarzen Umhang trug, hob das Fernglas an die Augen. Die dünne Staubfahne, die sich durch die Windungen des Canyons unter ihm bewegte, wirkte plötzlich zum Greifen nahe. Dann tauchte die schlanke biegsame Gestalt der Reiterin hinter einer Felsecke auf. Ihr langes rotes Haar flammte in der grellen, erbarmungslosen Sonne. Auf die Entfernung war kein Hufschlag, kein Laut zu hören. Das knochige fahle Gesicht des Schwarzgekleideten spannte sich. Sein ohnehin schon schmaler Mund wurde zu einem dunklen Strich.

Sie ist es“, murmelte er mit rissiger Stimme. „Brenda Bliss!“

Er ließ das Fernglas sinken und trat vom Rand des Felsvorsprungs zurück. Sein großes pechschwarzes Pferd wartete im Schatten einer überhängenden Felswand. Der Hagere setzte sich daneben auf einen Stein, drehte sich eine Zigarette und rauchte mit der kalten Ruhe des erfahrenen Jägers, der genau weiß, welchen Weg das gesichtete Wild nehmen wird. Den Weg ins tödliche Verderben. Als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, drang der Hufschlag bereits schwach zu ihm herauf.

Der Mann erhob sich ohne Hast, trat den glimmenden Stummel aus und zog das Remingtongewehr aus dem staubbedeckten Scabbard am Sattel seines Rappen. Seine Bewegungen waren ruhig, zielstrebig, voll von einer unbeugsamen Entschlossenheit. Genauso ruhig und entschlossen kehrte er an die Felskante zurück. Er suchte sich einen Platz, wo er das Gewehr auf einen Felsen auflegen konnte und gegen die Sicht aus dem Canyon geschützt war. Der Blick reichte von hier weit über das Gewirr der Schluchten und Felsmassive, bis hin zu den rot schimmernden Felswällen, die das einsame Tal von Nugget Hole umschlossen. Die Frau, auf die der Schwarzgekleidete wartete, war auf dem Ritt dorthin.

Der Staub schleierte wie durchsichtiger Rauch über den Canyonrändern. Das Hufgetrommel schwoll an. Mit kalter Unbeirrbarkeit überprüfte der Mann in Schwarz das Magazin seiner Remington. Ein metallisches Schnappen stand in der flimmernden Luft, als er eine Patrone in den Stahllauf hebelte. Die Waffe hob sich, richtete sich auf eine Verengung der Felswände, die die Reiterin gleich passieren musste. Das Pferd lief jetzt langsamer. Sein zottiges braunes Fell war mit einer Kruste aus Schweiß und Staub bedeckt. Immer wieder blickte die rothaarige Frau gehetzt zurück.

Ein grausames Lächeln geisterte um die schmalen Lippen des Hageren. Die knochigen Fäuste umspannten das Gewehr wie ein Schraubstock. Der Lauf bewegte sich keinen Zoll mehr. Das Gesicht darüber war eine graue knochige Maske.

Dann war der nickende Pferdekopf genau im Endpunkt der verlängerten Linie über Kimme und Korn. Zwei, drei Sekunden lang wanderte die Remington mit ihm mit, dann ruckte sie jäh hoch. Die Mündung deutete auf die rechte Schläfe der ahnungslosen Reiterin, bewegte sich wie von selber mit ihr. Der knochige Finger am glatten Abzugshebel krümmte sich langsam. Scharfe Linien furchten das graue, plötzlich von Schweiß bedeckte Gesicht.

Für dich, Joe!“, sagte der Schwarzgekleidete leise und gepresst.

Im letzten Moment entdeckte er den Reiter im Schatten der windzerrupften Schwarzkiefern auf der gegenüberliegenden Canonkante. Ein Sonnenstrahl brach sich blitzend an dem Abzeichen an der ärmellosen Lederweste des Mannes, der genauso gebannt auf die Frau in der Felsenge starrte.

Eldred, verdammt noch mal!“, knirschte der Mann mit der Remington. Er zauderte. Die Mündung des Gewehrs schwankte zwischen der Tiefe des glutheißen Canyons und der bewegungslosen Reitergestalt unter den Schwarzkiefern gegenüber. Dann sank die Waffe herab. „Später!“, beschwor sich der unheimliche „Schwarze“ selber.

Das Hufgetrappel im Canyon verklang. Brenda Bliss bog ahnungslos um eine Felskrümmung. Drüben verschwand der Mann mit dem glänzenden Abzeichen an der Weste unter den Bäumen, um einen Abstieg für sich und sein Pferd zu suchen. Der Hagere lehnte die Remington neben sich, drehte sich eine neue Zigarette und wartete mit der gleichen Geduld wie zuvor. Einige Zeit später tauchte der Sternträger auf der Canyonsohle unter ihm auf.

Der Schwarzgekleidete grinste verächtlich über die Hast und Verbissenheit, mit der sich der junge, breitschultrige Gesetzesreiter auf die Fährte der entschwundenen Frau setzte. Er selber rauchte in aller Ruhe die Zigarette. Sein hartes knochiges Gesicht verriet keine Spur Enttäuschung. Als er aufstand, war ein siegesgewisses, mitleidloses Funkeln in seinen tiefliegenden Augen.

Na denn, auf nach Nugget Hole!“

 

*

 

Sheng lehnte gefesselt an einem Felsblock und beobachtete die lange, rasiermesserscharfe Dolchklinge, die sich in der Glut des neu angefachten Feuers langsam zu färben begann. Der Mann vom Schwarzen Drachen drehte den Dolch zwischen den schlanken, ringgeschmückten Fingern und summte dazu eine seltsame monotone Melodie. Es klang wie eine Beschwörung. Nur das Knistern und Knacken der Flammen vermischte sich damit. Es war eine bedrückende, unheilvolle Szene.

Clem Jarrod spuckte kopfschüttelnd vor Sheng aus.

Ich an deiner Stelle würde es nicht soweit kommen lassen. Ich würde ihm alles sagen, was er wissen will.“

Sheng blickte ihn an, und Jarrod suchte vergeblich nach einem Flackern von Furcht in seinen dunklen Augen.

Du bist nicht an meiner Stelle. Kümmere dich lieber darum, dass du zu deiner versprochenen Belohnung kommst.“

Jarrods massiger, zottiger Schädel ruckte vor. „He, zum Teufel, was ...“

Der schlanke, glattgesichtige Mann am Feuer erhob sich geschmeidig. Die Dolchklinge glühte gelbrot. Mit elastischen Schritten näherte sich der Chinese dem Gefangenen.

Hör nicht auf ihn“, sagte er dabei zu Jarrod. „Merkst du nicht, dass er nur einen Keil zwischen uns zu treiben versucht? Du bekommst das Geld, wenn ich die Namen der sieben entflohenen Mönche vom Weißen Lotus und ihre verschiedenen Verstecke von ihm erfahren habe.“

Das wird nie geschehen“, erklärte Sheng fest. Sein Blick schien durch den Mann vom Schwarzen Drachen hindurchzugehen. Ein Blick in die Vergangenheit, in der die weißen Mauern seiner einstigen Heimat unter der Sonne Chinas leuchteten. In der die sanfte Stimme seines weisen Lehrers Li Kwan ihm die Geheimnisse des Lebens und des Jenseits zu erschließen versuchte.

Versprich nichts, was du nicht halten kannst“, höhnte der städtisch gekleidete Verbrecher. Die glühende Klinge näherte sich Shengs Gesicht, seinen Augen. Die Hitze versengte seine Haut. Er spürte sie durch die geschlossenen Lider.

Die Panik, die Urangst jeder in die Enge getriebenen, gequälten Kreatur, regte sich in ihm. Es war nur ein Aufwallen. Seine innere Kraft, die ihm die Lehre des Tao Chi vermittelte, war stärker. Sein Körper konnte besiegt, zerbrochen, gemartet werden — nicht sein Chi.

Er versuchte sich zu konzentrieren, abzuschalten. Aber der Mann vom Schwarzen Drachen war schneller. Der glühende Stahl zog einen schmerzhaften Strich quer über Shengs Stirn. Shengs Kinnladen knackten aufeinander, um den Schrei zu unterdrücken, der aus seiner Kehle brechen wollte. Schweiß perlte über sein Gesicht. Er hörte Jarrods raues Hohngelächter und hasste ihn dafür.

Willst du nicht doch lieber reden?“, fragte der Abgesandte des Schwarzen Drachen hämisch. „Ich habe Zeit, viel Zeit. Du wirst ja doch aufgeben. Warum willst du dich so quälen?“

Sie waren Teufel, die vor nichts zurückschreckten. Wenn ihnen jemals das Geheimnis zur Erlangung der größten Kraft und Energie zur Beherrschung der Welt in die Hände fiel, dann war die Menschheit einer Clique von Verbrechern ausgeliefert.

Sheng biss die Zähne zusammen. Er rief sein Chi. Er wollte sich in das geheimnisvolle, erlösende Dunkel versetzen, aus dem er kam und in das er einmal zurückkehren würde. Er spürte, wie sich die rötliche, sengende Klinge wieder seinem Gesicht näherte. Die Spitze zielte auf sein linkes Auge. Jarrod blieb das Lachen im Hals stecken.

Du hast noch drei Sekunden, Sheng“, warnte der Chinese. „Noch zwei, noch...“

Hallo, Gents, ich hoffe, ich störe nicht!“

Die lässige, ein wenig spöttische Stimme schien aus einer anderen Welt zu kommen. Jarrod fluchte. Die ausgestreckte ringgeschmückte Hand mit dem glühenden Dolch zuckte zurück.

Sheng öffnete die Augen. Ein hochgewachsener, wie ein Cowboy gekleideter Reiter hielt am Senkenrand. Kein Hufschlag, kein Wiehern, kein klirrender Stein hatte sein Auftauchen verraten. Er grinste, aber die hellen scharfen Augen blieben unberührt davon. Seine Hände steckten in weichledernen Stulphandschuhen. Der langläufige Colt an seiner rechten Seite hing tiefer als bei einem gewöhnlichen Weidereiter. Der Boden der Halfter war ausgeschnitten, das Leder eingefettet. Einzelheiten, die Shengs erfahrener, geübter Blick sekundenschnell erfasste.

Jarrod und seine Freunde hatten im Nu ihre Colts angeschlagen. Doch das Grinsen des Helläugigen blieb wie eingemeißelt auf dem kantigen Gesicht. Gleichmütig lenkte er seinen Falben zum niedrig flackernden Feuer, über dem ein wassergefüllter Topf an einem eisernen Dreibein hing.

Was dagegen, wenn ich mich zu ’nem Schluck Kaffee einlade, Gents?“

Verschwinde!“, fauchte Jarrod.

Der Fremde zügelte das Pferd neben den Flammen. „Kaffee mit einem Schuss Whisky, das ist genau die richtige Medizin gegen schlechte Laune“, grinste er unverwüstlich. „Den Whisky steuere ich bei.“

Dann fehlen nur noch ein paar blaue Bohnen, und die bekommst du von mir, wenn du noch lange hier herumquatschst!“, polterte Jarrod wütend. Aber der fremde Reiter lachte wie über einen Witz. Seine Heiterkeit war wie eingefleischt. Er lachte auch noch, als er sich geschmeidig aus dem Sattel schwang - auf der von den Banditen abgewandten Pferdeseite.

Da setzte sein Lachen plötzlich aus.

Bevor Shengs Gegner begriffen, was passierte, tauchte ein feuerspuckender Coltlauf unter dem Pferdebauch auf. Der Mann vom Schwarzen Drachen hatte plötzlich ein hässliches rundes Loch genau zwischen den weit aufgerissenen Augen. Die glühende Dolchklinge versengte seinen maßgeschneiderten Anzug, als er sie mit seinem zusammensackenden Körper unter sich begrub.

Die Schüsse verschmolzen zu einem einzigen weithin hallenden Donnerschlag. Die Faust mit dem langläufigen Sixshooter war jetzt über dem leeren blankgewetzten Sattel. So schoss nur ein Mann, der vom und mit dem Revolver lebte: ein Profi. Jarrods Kumpane griffen zur Waffe, aber sie wurden niedergeschmettert. Der Fremde war schneller. Nur Jarrod rettete sich, indem er sich geistesgegenwärtig zu Boden warf, hinter einen Felsblock rollte und dann eins von den durchgehenden Pferden erwischte, das direkt an ihm vorbeigaloppierte.

Der bärtige Halunke klammerte sich einfach am Sattelhorn fest, ließ sich mitschleifen und schwang sich erst am Rand der Senke auf das weiterstürmende Tier. Pulverdampf und brodelnder Staub hinderten den kaltäugigen Fremden am Zielen. Offensichtlich war er kein Mann, der unnütz sein Blei verschwendete. Denn gleich nach den ersten Schüssen ließ er die Waffe in das eingefettete geschmeidige Leder zurücktauchen. Sein Falbe hatte sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt.

Es war typisch für einen Mann, der im Sattel zu Hause war, dass der Fremde die kurze Strecke zu Sheng nicht zu Fuß, sondern auf dem Pferd zurücklegte. Vom Sattel aus zerschnitt er auch Shengs Fesseln. Das alte unverwüstliche Grinsen stand wieder in seinem gebräunten Gesicht, so als würde es die verrenkt in ihrem Blute liegenden Toten nicht geben. Ein Grinsen, das nur Maske war. Denn die scharfen hellen Augen musterten den Kung Fu-Kämpfer mit dem Interesse, das ein Raubvogel an seiner Beute hat. Als Sheng den Mund öffnete, hob der Mann ruckartig die Hand.

Sag nichts! Du hast keinen Grund, dich bei mir zu bedanken. Ich habe nur den Preis für deine Hilfe im voraus bezahlt.“

Du siehst nicht aus wie ein Hombre, der auf irgendeine Hilfe angewiesen ist.“

Der Helläugige grinste. „Hilfe ist vielleicht das falsche Wort. Sagen wir Geschäft. Du siehst nicht aus wie einer, der nach Nugget Hole unterwegs ist, um dort nach dem gelben Metall zu buddeln wie die hundert anderen Verrückten, die dort hausen.“

Wie denn?“

Ich habe dich kämpfen gesehen, Amigo. Eine tolle Sache. Du bist kein Goldgräber, sondern einer auf der Flucht. Einer, der den Job, den ich zu vergeben habe, nicht ausschlagen wird. Wie heißt du?“

Sheng. Und du?“

Der Reiter zog einen zerknitterten Papierbogen aus der Satteltasche und reichte ihn Sheng. Ein Steckbrief. Das Konterfei darauf stellte eindeutig das verwegen grinsende Gesicht des Reiters dar. Jack Whitloe, gesucht wegen Mord, Totschlag, Raubüberfall, berüchtigter Bandenführer. Tausend Dollar Belohnung, tot oder lebendig.

Die revolverschnelle Rechte des Mannes entriss Sheng das Papier und stopfte es achtlos in die Tasche zurück. „Na?“

Ich glaube kaum, dass wir zu einem Geschäft kommen werden“, meinte Sheng langsam.

Der große Mann auf dem Falben machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hör dir erst an, um was es geht. Du kannst ’ne Menge Geld dabei verdienen.“

Viel Geld ist nur unnötiger Ballast für einen Mann, der nirgends und überall zu Hause ist.“

Hab’ schon bessere Witze gehört“, grinste Whitloe sauer. „Hör zu, Sheng, in dem verdammten lausigen Goldgräbernest Nugget Hole, acht Meilen von hier, steht eine Kiste mit Gold im Wert von mindestens sechzigtausend Dollar im Office des Postkutschenunternehmers. Die Goldausbeute dieses Sommers. Die will ich haben. Du wirst mir dabei helfen. Denn dich kennen die Burschen in Nugget Hole noch nicht. Du wirst...“

Du irrst dich, wenn du glaubst, dass ich auf der Flucht vor dem Gesetz bin“, unterbrach ihn Sheng ruhig. Jack Whitloe beugte sich im Sattel vor und starrte ihm mit glitzernden Augen an. Sein zur Schau gestelltes Grinsen war fort.

Zum Teufel, spielt das denn eine Rolle, wenn es um so viel Gold geht? Außerdem, vergiss nicht, ich habe meinen Preis bereits bezahlt.“

Ich halte nichts von so einseitigen Geschäften.“

Was hältst du dann davon?“

Whitloe grinste schon wieder, als er auf die umliegenden felsigen Höhen deutete. Dort waren Reiter aufgetaucht, lautlos wie er selber vorhin. Sehnige, kräftige Gestalten mit breitkrempigen Hüten und staubbedeckter Kleidung. Alle starrten vor Waffen.

Nur ein Wink von mir, und du kommst hier nicht mehr lebend weg“, lächelte Whitloe drohend.

Sheng drehte den Kopf zur Seite, spuckte aus und blickte den Bandenführer wieder kalt an. Whitloe seufzte. „Du bist nicht sehr dankbar, Amigo. Bedeutet dir dein Leben so wenig?“

Ich lasse mich nicht gerne erpressen, schon gar nicht zu einem Verbrechen. Ich bin der falsche Mann für deinen Job.“

Du hast nur noch nicht gründlich darüber nachgedacht. Ich bekomme das Gold so oder so. Denn es gibt nur einen Weg in den Felskessel von Nugget Hole hinein und wieder heraus. Den hab’ ich mit meinen Jungs fest in der Hand. Aber sie verlieren allmählich die Geduld. Sie wollen nicht mehr warten, bis sich John Caldwell dazu durchringt, die Goldkiste doch mal mit einer seiner Kutschen auf den Weg zu schicken ...“

John Caldwell! Sheng spürte einen leichten Stich. Auf einmal besaß alles eine ganz andere Bedeutung. Wenn Caldwell sein Vater war, der Mann, den er seit Jahren vergeblich suchte...

Whitloes leises Lachen drang, in seine jäh wirbelnden Gedanken.

Caldwells Postkutschenlinie ist die einzige Verbindung der Digger zur Außenwelt. Die einzige Möglichkeit, das geschürfte Gold von dort wegzuschaffen. Aber Caldwell, dieser verdammte Kerl, weiß um das Risiko, weiß, dass er mit dem ihm anvertrauten Gold in Nugget Hole wie in einer Mausefalle hockt. Deshalb hat er auch die auf dem Steckbrief erwähnten tausend Dollar um weitere tausend aus seiner eigenen Tasche aufgestockt. Vielleicht hofft er, dass mir meine eigenen Leute in den Rücken fallen, aber da haut er gründlich daneben. Die Jungs wollen das Geld, und sie wollen es bald. Am liebsten würden sie noch heute in das Diggernest hinein jagen.

Aber ich bin nicht scharf auf ein Blutbad, wenn es auch anders geht. Du kommst mir gerade recht, Sheng. Du wirst schon Mittel und Wege finden, dich an den Stage Coach-Boss heranzumachen. Vielleicht bekommst du sogar einen Job bei ihm. Er ist knapp an Leuten, da jeder Kerl mit zwei gesunden Händen wie verrückt in der Erde buddelt, um nur ja das letzte Goldkorn herauszuholen. Diese Narren! Dabei schuften sie letzten Endes doch nur für mich!“

Er lachte wieder, aber es klang wild und peitschend.

Sein Raubvogelblick bohrte sich in Shengs dunkle Augen.

Du holst die Goldkiste für mich aus Nugget Hole heraus, egal wie. Wenn Caldwell sich zuvor entschließt, doch eine Kutsche mit dem Gold loszuschicken, dann ist es auch gut. Dann gibst du mir vorher nur rechtzeitig Bescheid. Das ist dein Job. Wenn du ihn ablehnst, werde ich nachholen, was die Kerle vorhin versäumt haben. Dann stirbst du.“

Und wenn ich ja sage, nach Nugget Hole gehe und mich einen Dreck um die Abmachung schere?“

Whitloe grinste verkniffen. „Dann beißt du ebenfalls ins Gras. Denn es gibt keinen Weg aus Nugget Hole heraus, der nicht an den Colts und Gewehren meiner Leute vorbeiführt. Siehst du, deswegen bin ich so sicher, dass das Geschäft zwischen uns zustande kommt. Ich will gar nicht, dass du dich gleich jetzt entscheidest. Geh ruhig nach Nugget Hole. Sieh und hör dich dort um, dann wirst du schon von selber zur richtigen Entscheidung kommen. Ich warte drei Tage. Wenn ich dann nichts von dir höre, ist Nugget Holes Untergang besiegelt und damit auch dein Tod. Klar?“

Klar!“ Mit unbewegter Miene hob Sheng sein Deckenbündel auf und schwang es auf die linke Schulter. „Und weil ich ebenfalls für offene Karten bin, kannst du schon jetzt meine Entscheidung hören: nein!“

Whitloe kniff die Augen zusammen. Seine behandschuhte Rechte fuhr wie von selber zum tiefgeschnallten Colt. Aber er ließ die Waffe in der Halfter. Sheng ging um den wie erstarrten Reiter herum. Da kam Bewegung in die reglosen drohenden Gestalten auf den sonnenbeschienenen Felsrücken. Das laute Klirren von einem Dutzend Gewehrschlössern erfüllte die Senke.

Sheng blickte nicht nach links und rechts. Ein Name hämmerte in seinem Gehirn. Caldwell... Caldwell... Sekunden atemloser Stille verstrichen. Mitleidlose Augen verfolgten jeden seiner Schritte über Kimme und Korn schussbereiter Karabiner.

Und dann traf ihn Whitloes harter Ruf, in dem es keine Spur von Lässigkeit mehr gab: „Lasst ihn gehen! Er soll seine Chance haben. Wenn er sie nicht nutzt, spielt es keine Rolle, ob er jetzt oder erst in drei Tagen in die Hölle fährt!“

 

*

 

Es gab keine Tages- und Nachtstunde, in der der Golden Horse-Saloon in Nugget Hole nicht gerammelt voll war. Wolken von Tabakqualm und Whiskydunst. Gläserklirren, Kartenklatschen, Fäuste, die auf wurmstichige Tischplatten droschen, raue Stimmen, Flüche, heiseres Gelächter. Es brodelte zwischen den rohgezimmerten Balkenwänden wie in einem Hexenkessel.

Die Keeper, Waiter und grell herausgeputzten Flittergirls wechselten sich rund um die Uhr ab. Denn die Goldsucher und Glücksritter aus allen Windrichtungen, die sich hier in der einsamen Wildnis der San Juan Mountains auf der Jagd nach dem gelben Metall zusammengefunden hatten, kannten keine geregelte Arbeitszeit. Wenn die Goldgier sie wie ein Fieber packte, dann schufteten sie beim Schein von Fackeln und Petroleumlampen bis tief in die Nacht hinein. Pausenlos. Bis zum Umfallen. Bis sie nur mehr die Kraft hatten, sich schweißgebadet und dreckverschmiert in ihren armseligen Zelten, Hütten oder Erdlöchern zu verkriechen.

An anderen Tagen wieder rührten sie keine Schaufel, keinen Pickel an. Dann hatten sie nur den Wunsch, die mühselige Plackerei beim billigen selbstgebrannten Fusel, der im Golden Horse ausgeschenkt wurde, bei Kartenspiel und leichten Girls zu vergessen. Da wurde jedes mühsam aus der Erde gebuddelte Nugget lärmend gefeiert. Aber da wurde auch über die knochenbrechenden Stunden vergeblicher Arbeit geflucht, bis die alkoholschweren Zungen nur noch ein Lallen zustande brachten.

Doch die meisten Flüche im Golden HorseSaloon galten einem Mann: Whitloe. Denn alle, die im Felskessel von Nugget Hole mehr oder weniger ihr Glück gemacht hatten, wussten, dass der berüchtigte Bandit wie ein auf Beute lauernder Kater vor dem Mauseloch hockte und auf den richtigen Augenblick zum Zuschnappen wartete.

In diese wilde, lärmende, von rauem Gelächter und Verwünschungen erfüllte Atmosphäre trat Sheng. Aber die bärtigen, wettergegerbten, derbgekleideten Kerle an den qualmvernebelten Tischen beachteten ihn nicht. Sie pokerten, würfelten, grölten, stritten und jagten den Whisky durch die Kehle, als wäre ihre letzte Stunde da. Alle paar Minuten verschwand einer von den Diggern mit einem kichernden zerzausten Girl über die wacklige Holztreppe ins Obergeschoss.

Nicht mal der dicke, hemdsärmelige Keeper, der schwitzend hinter der Theke werkelte, nahm sich Zeit, Sheng anzublicken. Mit routiniertem Griff zauberte er ein volles Schnapsglas vor ihn auf die Thekenplatte.

Macht zwei Dollar, Mister“, schnaufte er, während er schon ein Glas für eine andere durstige Seele füllte.

Sheng legte zwei Münzen hin. „Geben Sie mir einen Krug Wasser dafür.“

Der Mann hinter der Theke stellte ruckartig die Flasche ab. Seine wässrigen Schweinsäuglein hefteten sich nun doch auf den großen, schlanken Mann, den ein spürbarer Hauch von Fremdartigkeit umgab.

Hä?“, machte er verständnislos.

Wasser“, wiederholte Sheng geduldig. „Tee wäre mir noch lieber. Whisky trinke ich nicht.“

Zum Teufel, Mann, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Oder ist Ihnen mein Schnaps nicht gut genug?“

An den vernebelten Tischen wurde es plötzlich still. Sheng spürte die bohrenden Blicke in seinem Rücken. Ein höhnisches Lachen kam aus dem Hintergrund des Saloons. Die fleischigen Hände des Dicken verschwanden bemerkenswert flink unter der Thekenkante, wo üblicherweise eine Schrotflinte mit abgesägten Läufen lag.

Für den Hausgebrauch.

Sheng legte noch einen Dollar auf die Theke.

Ich habe nicht gewusst, dass Wasser in Nugget Hole so teuer ist. Bekomme ich es nun?“

Der Keeper starrte auf das Geld, dann wieder in Shengs markantes Gesicht. Er wollte den Kopf schütteln, doch der harte Glanz in Shengs Augen bewog ihn, rasch in die angrenzende Küche zu verschwinden. Es dauerte eine Weile, bis er mit einem wassergefüllten Krug zurückkam und ihn vor Sheng hinstellte. Die ganze Zeit blieb es so still im Saloon, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören.

Danke“, sagte Sheng. Ein erneutes meckerndes Auflachen an den Tischen. Sheng beachtete es nicht. Er griff nach dem Krug.

Im nächsten Moment hielt er nur noch den Henkel in der Hand. Scherben und Wasser spritzten auf die Theke. Das Donnern des Schusses verschluckte jedes Geräusch. Erschrocken sprang der Keeper ans hohe Flaschenregal zurück. Ein volles Whiskyglas schlitterte die Theke entlang und blieb genau vor Sheng stehen.

Trink!“, befahl eine heisere Stimme. Begleitet vom Schnappen eines Colthammers. Die Goldgräber hockten wie versteinert auf ihren Stühlen.

Diese Stimme!

Langsam wandte Sheng den Kopf.

Hallo, Jarrod!“

Der bärtige Schießer lehnte mit dem schweren 45er in der Faust am Ende der Theke. Er grinste hämisch. Zwischen ihm und Sheng war freier Raum.

Los, runter mit dem Zeug, du verdammter Bastard! Oder willst du lieber ’ne Unze heißes Blei zwischen die Rippen.“

Das wäre Mord. Ich bin unbewaffnet. Du würdest nicht mehr lebend hier herauskommen.“

Meinst du!“ Clem Jarrod lachte polternd. „In Wahrheit wird hier kein Hahn nach dir krähen, du lausiger Chink! Diese Hombres wissen nämlich bereits über dich Bescheid. He, Leute, das ist der Hundesohn, von dem ich euch erzählt habe. Der Schuft, der meine Partner auf dem Gewissen hat.“

Kein Muskel zuckte in Shengs Gesicht.

Jarrod, dieser gerissene Schurke hatte vorgesorgt. Raues, wütendes Gemurmel brandete durch den dämmrigen Raum. Jarrods hasserfüllte Stimme übertönte es.

Ich wette, dieser schlitzäugige Teufel steckt mit Jack Whitloe und seinen Halsabschneidern unter einer Decke. Nachdem ich hier erfahren habe, was Whitloe vorhat, gibt es für mich keinen Zweifel mehr, dass Whitloe ihn hergeschickt hat, um ...“

Jarrods Stimme versank in einem wütenden Aufschrei aus vielen Kehlen. Whitloe! Der Name war wie ein rotes Tuch für die Goldsucher. Der meistgehasste Mann in Nugget Hole. Der Mann, der alles gefährdete, wofür sie geschuftet, gekämpft, gelitten und die Vergangenheit über Bord geworfen hatten.

Der reichlich geflossene Schnaps tat obendrein seine Wirkung. Die Männer sprangen auf. Stühle kippten um. Gläser zerschellten auf dem mit Sägemehl bestreuten Bodenbrettern. Fünfzehn, zwanzig wütende Goldgräber drängten zwischen den Tischen auf die Theke zu. Schwielige, verarbeitete Fäuste, die nach Messer und Revolvergriffen tasteten. Blitzende Augen in alkoholgeröteten derben Gesichtern. Verwünschungen.

Dann ein Schrei: „Einen Strick her! Hängt ihn! Knüpft den verfluchten Schnüffler auf!“

Sheng erlebte nicht zum ersten Mal, dass der vom Whisky und von Hetzreden aufgeputschte Mob von einem Augenblick zum anderen in einen gefährlichen, wahnwitzigen Vernichtungsrausch geriet. Es war, als würde Whitloe selber vor den hasserfüllten Diggern stehen. Der wilde Schrei durcheilte wie ein Lauffeuer den Golden Horse-Saloon: „Hängt ihn! Hängt ihn!“

Shengs Muskeln spannten sich. Es gab nur einen Ausgang. Der wurde von der Mauer der wogenden, stampfenden Männerleiber versperrt. Die schnellsten und härtesten Fäuste konnten keinen Weg durch diese Menge bahnen. Der Saloon glich einem Tollhaus, in dem alles schrie, tobte, fluchte und nach blutiger Rache brüllte. Rache wofür?

Bitterkeit schnürte Shengs Kehle zu. War er jemals in den Jahren zuvor seinem Ziel so nahe gewesen? Zu spät. Wenn die Ernüchterung die tobende Meute abkühlte, würde bereits alles aus sein.

Sheng starrte in die glühenden, schweißbedeckten Gesichter. Er musste kämpfen. Ein Messer zwischen die Rippen, eine Kugel in den Kopf, das war immer noch besser als das schmähliche Ende an einem Galgenseil.

Jarrod feuerte einen Schuss in die Decke. „Immer mit der Ruhe, Amigos! Gönnt ihm wenigstens seinen letzten Drink! Los, du Bastard, runter damit!“

Sheng nahm das Glas und warf es vor Jarrod auf die Bretter. „Wartet! Hört mich erst an!“

Zum Teufel damit!“, brüllte der Bärtige. „Schnappt ihn!“

Sheng duckte sich. Hornige Fäuste griffen nach ihm.

Plötzlich stand ein kleiner, kräftig gebauter Oldtimer neben ihm. Funkelnde blaue Augen. Ein buschiger, hochgezwirbelter Schnurrbart in einem zerknitterten Gesicht. Eine knorrige Faust fuchtelte mit einem altmodischen klobigen Patersoncolt.

Schluss mit dem Blödsinn! Hört ihn an! Das ist sein gutes Recht!“

Aus dem Weg, Mackenzie! Misch dich da nicht ein, du verdammter Wichtigtuer!“, rief jemand aus der Menge.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904703
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
sheng shengs goldkutsche

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Titel: Sheng #3: Shengs Goldkutsche