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Heldenhafte Seemänner #3: Nat Shannons tollkühner Plan

2016 120 Seiten

Leseprobe

Heldenhafte Seemänner

 

Band 3

 

Nat Shannons tollkühner Plan

 

Ein Piratenroman von Larry Lash

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Der Piratenkapitän Nat Shannon erhält einen heiklen Auftrag. Er soll die schöne Marquise Marie Drequeti suchen, die von arabischen Banditen entführt worden ist. Auf seiner Suche nach dem verschwundenen Mädchen erlebt Shannon waghalsige Abenteuer zu Wasser und zu Land und gerät mehr als nur einmal in tödliche Gefahr. Aber irgendwann erkennt er, dass nicht nur Ruhm, Beute und Gold wichtig sind, sondern noch etwas ganz anderes. Etwas, das mehr zählt als alle Reichtümer der Welt...

 

Nach den alten Aufzeichnungen des Rigos del Bernis

Ein Piratenroman von Larry Lash – geschrieben in den 1950er Jahren...

 

 

 

 

1.Kapitel

 

 

Satanspack", schnaufte es dröhnend. „Verfluchtes Landgezücht, Hexenschiet! Rum her! Ah, Rum, alten Jamaicarum, oder ich schlage diese Bretterbude in tausend Fetzen. Haue sie auseinander, dass die Wanzen aus den Spanten fallen und die Kakerlaken auf Urlaub gehen!"

Nat Shannon stierte aus rotumränderten, wässrigen Säuferaugen auf den drallen Busen der Schankmaid. Sie bemerkte das und lächelte. Aber das konnte den Piratenkapitän keineswegs beruhigen. Er fletschte die Zähne und rasselte mit einem krummen Türkensäbel, den er irgendwann auf einer Beutefahrt einem Feind abgenommen hatte.

Die Maid bekam große Kulleraugen und ihr Lächeln verblasste jählings. Oh, sie hatte Angst, obgleich alles an ihr ein aufstrebendes Wesen zeigte. Die Lockenpracht, die hochgeschlagen und den geschwungenen Nacken sehen ließ. Die Nase, die etwas vorwitzig zur verräucherten Decke zeigte und die unter dem hauchdünnen Mieder sich abzeichnende Brust.

Doch Nat Shannon war nicht der Mann, den solche Spitzfindigkeiten aus der Ruhe bringen konnten. Er knallte seine Riesenfaust auf den blankgescheuerten Tisch.

Es krachte, barst und splitterte.

Hexenschiet", orgelte es wütend. Seine Stimme hatte einen heiseren Grundton angenommen und das war bei Nat immer das Zeichen, dass er explodieren wollte.

Blitzschnell sauste die Spiegelglatze des Wirts unter die Theke.

Mit einem Griff langte er sich die letzte, staubbedeckte und wirklich kostbare Rumflasche, denn er wollte es auf alle Fälle verhindern, dass seine schöne Einrichtung in Trümmer ging. Der zusammengebrochene Tisch war eine Warnung, die selbst er nicht übersehen konnte und gegen dieses Urviech von Piratenkapitän gab es keine Hilfe.

Madelaine", ächzte er hochfahrend. „Komm her, Täubchen, beeil dich, meine Süße und bring dem Herrn diesen Rum ..."

Die dralle Maid beeilte sich zu gehorchen. Niemals hatte sie ihrem Tyrannen so gerne gehorcht wie in diesem Augenblick, denn Nat Shannon hatte seine reckenhafte Gestalt erhoben, blickte auf das Kleinholz zu seinen Füßen, das einmal ein solider Tisch gewesen war und dann stierte er wie ein gereizter Bulle auf die vielen Zinnteller, Kupferkrüge, den ausgetrockneten Stör, der unter der Decke ein verstaubtes Leben fristete und dann sausten seine roten Höllenaugen über die geduckten Miesmucker, die ihn aus entsetzten Augen anstarrten. Seine Lippen kräuselten sich verächtlich.

Caramba, diese Landratten waren eigentlich keine Menschen. Sie saßen wie scheue, eingeschüchterte Heringe im Pökelfass und lauerten, dass eine derbe Hand ihre krummen Achtersteven gerade bog. Nat strich sich in aufreizender Lässigkeit über seinen knallroten Wams, fegte mit einem Tritt seiner Stulpenstiefel das Kleinholz fort und angelte mit der Stiefelspitze einen Tisch, an dem drei blasse, biedere Handwerker saßen und zog ihn mitsamt den daraufstehenden Getränken zu sich.

Madelaine kreuzte nun mit der Rumflasche auf, und ihre hochhackigen Stöckelschuhe balancierten ihren drallen Körper. Sie verstand es, beides, trotz der wippenden Bewegung im Gleichgewicht zu halten.

Nat erblickte den Rum. Er grinste. Er grinste auch über den wippenden Gang, denn nun erst, wo er den Rum witterte, schaltete auch sein Hirn auf andere Dinge, und mit Genuss blickte er auf die diensteifrige Madelaine.

Meiner Treu“, krächzte es über seine zerrissenen, farblosen Lippen, „füll mir den Becher, schönes Kind und lass die Flasche gleich hier. Hah, ich bin ein leeres Fass, aber mein Kopf ist voll. Hoh, aber diese drei Pestbeulen dort", er unterbrach sich und deutete auf die verbiestert dreinblickenden, schmerbäuchigen Handwerker, denen er den Tisch fortgezogen hatte, „diese Burschen haben den Kopf leer und den Bauch voll!"

Sein grölendes Lachen war mehr als eine Herausforderung. Es war geradezu das höhnische Gelächter eines Beelzebuben, eines Galgenstricks, und um seine Worte zu untermalen, riss er den geschwungenen Türkensäbel aus der Scheide und fegte die Weingläser vom Tisch.

Es klirrte. Scherben prasselten.

Madelaine stieß einen kleinen Schrei aus und fiel dem starken Piratenkapitän an die Brust. Meisterhaft schauspielerte sie einen Ohnmachtsanfall. Sie war sehr geschickt dabei und konnte noch ihrem Chef, dem glatzköpfigen Wirt, dem die helle Verzweiflung auf der Glatze brannte, mit den Augen zublinzeln, als auch schon der verdutzte Nat seine Pranken um sie legte, was immerhin bei Madelaine eine Flut süßer Wonneschauer auslöste.

Was für ein Mann! Das war ein Monstrum von einem Mann. Sie spürte es sofort, denn seine Muskelwülste spielten auch unter dem knapp sitzenden, roten Wams. Seine gewaltigen Arme hatten sich in derber Weise um ihre Hüften gelegt. Das war männlich, ausgesprochen besitzerheischend.

Madelaine war raue Männer gewöhnt und es störte sie keinesfalls, dass seine Hände wie Dreschflegel waren, aus denen man ein Dutzend normale Männerhände formen konnte. Nur seine Ausströmung stieß etwas ab. Nun ja, diese Tatsache ließ sich nicht ändern. Selbst die vornehmsten Edelleute, Marquis und Leute vom Hof, bekamen eine Fahne, sobald sie aus der „Blauen Taube" Alkohol genossen hatten. Aber dieser stämmige Käpten wehte sie an, dass es ihr den Atem verschlug, und die vorgetäuschte Ohnmacht bald zu einer echten wurde.

Irgendwie schwanden ihr die Sinne Daran war wiederum nicht nur sein übler Atem schuld. Wieder fühlte sie Wonneschauer und krallte ihre Hände in sein Wams, was er mit einem dröhnenden Auflachen quittierte.

Madelaine bekam wieder die Brise seines Atems zu kosten. Angewidert ruckte sie ihren Kopf fort und ganz im Hintergrund ihrer aufgewirbelten Gedanken dachte sie an die Erzählung eines Seemannes, der die chinesischen Gewässer befahren und von furchtbaren Stinkbomben gefaselt hatte, die von den bezopften, schlitzäugigen Gelben bei Angriffen auf starke Festungen verwandt wurden.

Auch sie war eine Festung, aber sie wünschte nicht nach chinesischer Art erobert zu werden. Darum riss sie sich unverhofft aus seinen Armen und entfloh mit hellem Gekichere.

Nat Shannon schien erst verdutzt, doch dann langte er sich die Flasche, setzte sie an seine Lippen und trank sie in einem Zuge leer. Er verzog keine Miene dabei. Nur als er sie leer absetzte, schnalzte er genießerisch, strich die letzten Tropfen der bernsteinfarbenen Flüssigkeit aus seinem verfilzten Bart und schleuderte sie dann heftig fort.

Das war der Augenblick, wo vor der Schänke Stimmenlärm ertönte. Schnelles Hufgetrappel verstummte. Pferde wieherten. Eine Tür wurde laut zugeschlagen und dann flog die Tür auf.

Nat Shannon hatte den Türkensäbel vor sich auf den Tisch gelegt und kaute nun mit den gelben Pferdezähnen an seinen Schnurrbartenden. Er grinste über den Wirt der „Blauen Taube", der katzbuckelnd hinter der Theke, ein wohlwollendes und feistes Lächeln aufsetzte. Scheinbar war der Besitzer der „Blauen Taube" nicht nur erfreut, neue Gäste zu bekommen, sondern auch darüber, dass es eine stattliche Anzahl war und zudem bewaffnet. Die letztere Feststellung machte er mit besonderem Vergnügen.

Endlich kamen Männer, Männer, die dem großmäuligen Piraten das Maul stopfen konnten, falls der rothaarige Gewaltmensch wieder nach Rum schreien sollte. Sein schmalziges Lächeln verstärkte sich, als säbelrasselnde, uniformierte Gestalten über die Schwelle traten. Mit Genugtuung sah er die Pistolen der Männer und jetzt erst blitzte er Nat mit kalter Verachtung an.

Der Pirat bemerkte es nicht einmal. Für ihn war der Wirt nur eine fette Laus, die er ohne Mühe zerdrücken konnte. Bedächtig füllte er die langstielige Pfeife mit gelbem Tabak und setzte sie in Brand. Von allen Seiten wurde seine Tätigkeit mit Verwunderung beobachtet. Ho, Nat sah es und sein Grinsen vertiefte sich. Diese Landratten kannten wahrscheinlich noch nicht das köstliche Kraut, das einem die Sinne aufwirbelte und schärfte. Sie kannten wahrscheinlich auch nicht den spanischen Main, die Flibustiere, Bukaniere und Freibeuter, und sie wussten wahrscheinlich auch nichts von den Kaperbriefen, die ihr König ausstellte, um die spanischen Kolonien ärmer zu machen, um das Gold der Spanier zu erhalten.

Nat ließ sich nicht stören. Mit Genuss inhalierte er den würzigen Rauch und blies ihn von sich. Dabei beobachtete er scharf die neuen Gäste, die sich lärmend an einem leeren Tisch niederließen.

Nat fühlte sich sauwohl. Er streckte die Beine von sich. Seitdem er in Quiberon die ,Estralia' vor Anker gebracht hatte, war kein Tag ohne Aufregung vergangen. Die für den König bestimmte Goldladung aus der Karibensee war längst schon von einer starken Eskorte königlicher Musketiere übernommen und nach Paris gebracht worden. Damit war eigentlich die Aufgabe der ,Estralia' gelöst und sie hätte wieder in See stechen können. Aber Nat ließ seine Crew sich austoben. Er wusste genau, was eine raue Crew brauchte, die wochen- und monatelang unterwegs war, zusammengepfercht, zusammengeschweißt auf einigen Planken, eine Crew, die auf engem Raum lebte und härteste Arbeit in den Rahen und an Deck ausführen musste. Ah, die Sailors würden sich vollsaufen, würden randalieren und Streitigkeiten vom Zaun brechen. Sie würden hinter den Schürzen herjagen, wie besessene Teufel auf verlorene Seelen.

Nat strich seinen Schnurrbart in die Höhe und blickte auf die stämmige Madelaine, die gerade einem hochgewachsenen, vornehmen Herrn schweren Burgunder vorsetzte. Ihr wohlproportionierter Achtersteven konnte jedoch nicht Nats Aufmerksamkeit ablenken. Auch ihre verlockenden Hüften konnten daran nichts ändern, denn Nat betrachtete den Edelmann mit neugierigem Interesse.

Ah, dieser Edelmann war der Anführer der Uniformierten. Er hatte ein schmales, aristokratisches Gesicht und dunkel glimmende Augen, die immerwährend in Bewegung zu sein schienen. Unter seinem mit Reiherfedern geschmückten Hut quollen die grauen Haare hervor. Sein Knebelbart war ebenfalls grau. Die gleiche Farbe hatte sein Wams, nur die geschlitzten Puffärmel waren mit gelber Seide ausgefüttert. Um seinen Hals schlang sich eine goldene Kette, die breitflächig die halbe Brust verdeckte.

Trotzdem er keine Perücke trug und nicht an der Unterhaltung seiner Tischgenossen teilnahm, wurde er mit großer Achtung behandelt. Er hatte, im Gegensatz zu den anderen, einen Degen umgeschnallt. Man sah es seinen schmalen, jedoch nervigen Händen an, dass er mit der Waffe vorzüglich umzugehen wusste. Hoh, seine Hände waren geradezu die Visitenkarten eines Degenkünstlers und wahrscheinlich gehörte er zu den besten Fechtern, die auf Frankreichs Mutterboden aufkreuzten.

Nat paffte. Blaue, aromatisch duftende Wolken hüllten seinen quadratischen, stiernackigen Schädel in flutende Nebel ein. Lachen und Stimmenlärm, Gläserklang und Sporengerassel war um ihn, lullte ihn in eine schläfrige Müdigkeit. Das volle Mieder Madelaines tauchte aus den blauen Duftwolken. Ihre roten Lippen waren feucht und in ihren Augen war eine wache Bereitschaft. Groß und weit waren ihre schwarzen Pupillen, als hätte sie Belladonna genossen.

Er nahm die Pfeife aus den Lippen und heftete seinen Blick ungeniert auf die dralle Maid.

Verdammt, ihr Anblick entzückte ihn gewaltig. Carajo, obgleich er kein Froschesser war, wenngleich in seinen Adern nicht das Blut der Zwiebelfresser pulsierte, so war er doch ein Mann, ein Schotte zwar, aber immerhin ein Mann und jetzt spürte er, wie sein träges, schottisches Blut zur glühenden Lava wurde.

Sein gepresster Atem pfiff über die Lippen.

Madelaine", stöhnte er rau. „Madelaine ..."

Was wünscht Ihr, Herr?", klang es girrend zurück. Wahrhaftig, es war das Girren einer Taube im Frühling. Madelaine war sich ihrer Macht über die Männer voll bewusst.

Sie war nahe an den Muskelberg herangetreten, beugte sich über seine breite Schulter, dabei versäumte sie es nicht, mit der Wange sein lederfarbenes Gesicht zu streifen.

Ich habe Hunger", keuchte Nat, „Hunger auf dich, meine Schöne."

Ich kann Euch zu essen geben", zischte sie leise.

Bei St. Dustan, du bist mit Gold nicht zu bezahlen, wann kann ich meinen Hunger stillen?"

Jetzt und sofort, folgt mir unauffällig, mein Mann darf es nicht sehen!"

Dein Mann?"

Cherry, der Wirt ist mein Gatte und er platzt vor Eifersucht...“

Wird nur ein Fettfleck sein", brummte Nat düster, „lass ihn platzen und dann kratz ihn von den Dielen, du hast dabei nichts verspielt."

Wieder lodete ihr girrendes Lachen. Sie biss ihn plötzlich in das weiche Fleisch des rechten Ohrlappens hinein. Der kleine Schmerz entlockte dem Piratenkapitän ein grollendes Gelächter. Es erinnerte an einen Donnerschlag bei stürmischem Gewitter.

Cherry, in seiner Eifersucht kann mein Gatte zur Bestie werden, oh, ich hasse ihn ..."

Pah, Madame, mit einem Faustschlag zerquetsche ich ihm die weiche Birne."

Aber er ist listig wie ein Fuchs, verschlagen wie ein Wolf und rachsüchtig wie ein gereizter Stier ..."

Ihr Atem wehte heiß. Gerade spähte der Wirt misstrauisch herüber. Seine kleinen Jettäuglein funkelten böse.

Madelaine blieb dennoch hinter dem Hocker des Piraten stehen. Sie presste ihre dralle Brust gegen den ausladenden Rücken des Freibeuters und flüsterte zärtlich: „Cherry ..."

In dieses Wort legte sie alles hinein, was sie an Zärtlichkeiten verschwenden konnte und wollte. Jählings ruckte sie empor. Der Glutblick ihrer dunklen Augen traf ihn, entfachte in ihm loderndes Feuer. Seine rotgeflammten, vom Trunk entzündeten Augen rollten.

Madame", gurgelte er, „ich bin Ihr Diener."

Sie tänzelte davon. Ihr Gang hatte Rhythmus, war Musik, die ins Blut ging. In Nats Ohren dröhnte ein rauschender Wasserfall und vor seinen Augen wogten rote Nebelschleier.

Madelaine bewegte sich aufreizend lässig. Ihre schwingenden Hüften waren ein starkes, berauschendes Narkotikum, ein süßes Gift, das ins Blut drang und es zum brausenden Klang aufpeitschte.

Er sah nicht, wie der Wirt hinter seinem Rücken mit einigen finsteren Kerlen tuschelte, bemerkte nicht, dass der dunkeläugige Edelmann sich jählings erhob und durch eine Nebentür verschwand. Nat sah nur die kurvenreiche Fülle Madelaines, sah ihre Hand zaghaft winken und erhob sich, indem er den Türkensäbel erfasste und in die Scheide stieß, dann schwankte er dorthin, wo Madelaine hinter einem Vorhang sich der Öffentlichkeit entzogen hatte.

 

 

2.Kapitel

 

 

Es war ausgesprochenes Pech für Nat, dass es hinter dem Vorhang dunkel war. Sein Pech wurde erhöht durch das zischende Schwirren von blankem Stahl. Dunkle, bewegliche Schatten drangen keuchend auf ihn ein. Vor ihm war das Rauschen von Frauenkleidern. Madelaines spitzer, erstickter Aufschrei verwehte, löschte aus, als ob der Wind das flackernde Licht einer Kerze mit voller Wucht getroffen hätte.

Nat war nicht der Mann, der sich durch solche Kleinigkeiten von einem Vorhaben abbringen lassen wollte. Anstatt in das Helle der Gaststätte zu flüchten und dort die Gegner zu erwarten, sprang er mit einem wütenden Knurren vor. Hinter ihm rauschte der Vorhang zusammen. Die Lichtquelle erstickte, und nun stöhnte Nat vor Kampflust und Kampfeifer. Mit einer einzigen Bewegung riss er den Türkensäbel aus der Scheide und hieb die Klinge gegen den tödlichen Stahl. Es klirrte. Funken stieben durch die Schwärze. Ein Mann wimmerte qualvoll.

Der reckenhafte Käpten sauste mit leisem Lachen vorwärts, sauste mitten durch die Meute der Angreifer und sein Türkensäbel wirbelte wie ein Ungewitter auf sie ein.

Caramba, Nat hatte Katzenaugen und in dieser verteufelten Situation zeigte er, was in ihm steckte.

Kielschweine, Rattengezücht, bei St. Dustan, ich werde euch dazu bringen, Halleluja zu singen!", wütete Nat. Seine orgelnde, volle Bassstimme rollte wie Donnergrollen. Grimmiges Geschrei war die Antwort darauf. Dumpf klangen die Rufe und Stimmen aus der Schenke. Nur die keifenden Fistellaute des Gastwirts drangen durch den Vorhang.

Meine Herren... meine Herren, kein Grund zur Aufregung ..."

Nat hatte keine Zeit, auf diese Fettstimme zu achten. Er unterlief gerade einen Gegner, prellte ihm die Waffe aus der Faust und ergriff den Unglücklichen, riss ihn vor sich und kreiselte mit seinem lebenden Schutzschild vor die Spitzen aus Stahl, die nun erschreckt zurückzuckten.

Hohohoho!", gröhlte Nat, „sollt den Säugling haben!"

Bei diesen Worten holte er aus. Mit unwahrscheinlicher Kraft schleuderte er den schrill wimmernden Kerl seinen Gegnern entgegen. In der Luft schlug der Bursche einen Salto Mortale. Nicht das war erstaunlich, sondern sein wieherndes Geschrei dabei, das durch Mark und Knochen ging.

Irgendwo gab es einen dumpfen Aufprall. Das Gekreisch wurde zum wimmernden Stöhnen. Keiner der Genossen hatte sich zur Hilfestellung aufgerappelt, keiner hatte den Mut gehabt, den kühnen Flug der lebenden Kugel zu bremsen.

Sucht seine Knochen, meine Herren, verdammtes Pack, und flickt ihn zusammen – und falls das nicht mehr gelingen sollte, dann wischt den Fettfleck von den Dielen und kommt heran, kommt einzeln oder zu Zweien, es wird mir ein Vergnügen sein, eure Visagen zu zerknautschen. Zehn Kerle eurer Sorte vernasche ich gewöhnlich zum Frühstück."

Mit einem langen Satz war Nat hinter einen Vorhang geschnellt. Sofort setzten sich seine Gegner in stürmische Bewegung. Acht tödliche Stahlspitzen sausten zischend durch den Stoff. Aber Nat hatte seinen Standort bereits gewechselt und rannte dorthin, wo Madelaines Rockzipfel hinter einer Ecke verschwand.

Acht Kerle zerrten ihre Hieb- und Stichwaffen aus dem zähen Samtstoff. Inzwischen flitzte Nat mit dröhnendem Gepolter hinter den Weiberröcken drein.

Was störte es ihn, wenn der eifersüchtige Gatte ihn durch seine Mordbuben daran hindern wollte. Ho, im Gegenteil, dadurch wurde die Sache pikant und recht würzig.

Er landete in einem schmalen Gang und versuchte, sich zu orientieren. Aber es blieb beim Versuch, denn Madelaines Stimme wehte herüber.

Ihr habt doch Hunger, mein Herr?"

Gewiss, meine Dame, jetzt erst recht!", gab er zur Antwort und taumelte vorwärts. Ihr girrendes Lachen gab ihm die Richtung an.

Bei Gott, das hier war wirklich ein Taubenhaus. Der Gastwirt hätte keinen treffenderen Namen für diese Schänke finden können.

Nat umspannte seinen gebogenen Türkensäbel. Er liebte diese Waffe, denn sie erinnerte ihn immer an eine Sichel, mit der er in seiner Jugend Gras gemäht hatte.

Wir dinieren im Weinkeller, mein Herr", flüsterte es dicht vor ihm.

Wie Madame wünschen. Ah, es ist die richtige Umgebung für einen Mann meines Schlages!"

Ihre Hand tastete nach seinem Handgelenk. „Vorsichtig, mein Herr, es kommen Stufen ..."

Ich werde schon nicht meine Ohren brechen, Madame, und da Ihr bei mir seid, befürchte ich nichts..."

Wirklich?"

Oui."

Ihr seid sehr galant, Herr Pirat?"

Vous etes tres aimable!", lächelte er zurück. Dabei stellte er fest, dass der äußere Schein nicht trog, denn alles war stramm und fest.

Sie hatte ihn auf die vorwitzigen Finger geschlagen. Ebensogut hätte sie auf Eisenplatten hämmern können. Der Riese schien empfindungslos zu sein. Er stolperte neben ihr die Steinstufen zum Keller hinunter, aus dem es eisig heraufwehte.

Madelaine erschauerte. Die Stärke des Piratenkapitäns hatte die Mörder, die ihr Gatte losgehetzt hatte, abgehalten. Er hatte etwas schier Unmögliches vollbracht und forderte mit der Miene eines Siegers den Lohn. Aus dem erregenden Spiel war nun Ernst geworden.

Kaum waren sie jedoch im Keller angelangt, als hinter einem der großen Weinfässer eine Gestalt auftauchte und mit unerhörter Kühnheit sich dem Piratenkapitän entgegenwarf.

Das Erscheinen des neuen Angreifers brachte Nat etwas aus der Fassung. Mit einem Ruck fegte er Madelaine beiseite und schon kreuzten sich klirrend die Klingen.

Dirne", zischte Nat, „das hast du mir eingebrockt, du hast mich in eine Falle gelockt, hast mich verraten ..."

Während er mit der Rechten auf den Angreifer losdrosch, schnappte seine Linke zum Mieder Madelaines. Doch sie war auf der Hut und konnte den zugreifenden Händen mit einem gellenden Schrei entweichen.

Diese kleine Szene gab dem Angreifer im grauen Wams Gelegenheit, blitzschnell mit dem Degen eine Finte zu schlagen und plötzlich zuckte der Stahl zum tödlichen Stoß.

Der krumme, geschwungene Türkensäbel war nicht leicht genug, um diesen Stoß zu parieren. Nat stieß ein Fauchen aus und schien mitten in der Bewegung zu erstarren. Ho, er war wirklich ein Mann und er war bereit, den Todesstoß als ein Mann hinzunehmen.

Kapitän, ich nehme an, dass Ihr nun nüchtern seid", gellte es von den Lippen des Edelmannes. „Ich nehme an, dass man nun mit Euch sprechen kann?"

Der spitze Stahl berührte den roten Wams des Piratenkapitäns.

Stoßt nur zu!" brüllte Nat. „Stoßt zu und gebt mir den Stahl zu schlucken ... Es lohnt sich nicht mehr zu leben, denn noch nie ist Nat Shannon in einem Zweikampf besiegt worden!"

Das zu hören macht mir Freude, Käpten. Seht Euch um und Ihr werdet feststellen, dass Ihr diesen Kampf niemals bestehen konntet.“

Nat gewahrte erst jetzt, dass er von den Uniformierten des Knebelbartträgers umstellt war. Madelaine betrachtete ihn aus großen, wilden Augen. So ungefähr beäugten Frauen gefährliche Raubtiere.

Pah, wenn diese Hure nicht gewesen..." wütete Nat.

Oui, Käpten, Madame war so freundlich, Euch hierher zu führen. Ich bestreite nicht, dass das eine etwas ungewöhnliche Art ist. Aber Ihr werdet verstehen, es blieb mir nichts anderes übrig, ich will und musste Euch sprechen, Käpten."

Verdammter Mist ... Ihr macht mit dem Quallenkopf von einem Wirt gemeinsame ..."

Non, mein Herr. Ihr irrt, denn mit den Mördern habe ich nichts zu tun. Ich wollte lediglich Euch sprechen. Ich wollte, dass Ihr dabei nüchtern seid und dass Ihr mir zuhören werdet. Mit einem betrunkenen Schiffsführer kann man nicht verhandeln."

Wer sagt Euch, dass ich zuhören werde?", fauchte Nat.

Käpten, das sagt mir mein Degen, denn bei Gott, Ihr werdet mir zuhören und werdet Euer Schiff in meine Dienste stellen, oder ich ... ich ... ich bohre meinen Degen ..."

Tut es", erklärte Nat in kalter Ruhe. „Tut es, Herr, und erspart Euch die Mühe."

Ihr seid verdammt stolz, Käpten?"

Ich will lieber sterben, als meine Ehre verlieren, stoßt zu und macht ein Ende ..."

Jählings verschwand die drohende Degenspitze.

Ihr seid der Mann, den ich brauche. Ich will Euch sagen, dass ich von den Musketieren des Königs Euren Aufenthalt hier erfahren habe... nichts war mir wünschenswerter als diese Tatsache ... ich bin von Paris hierher gekommen, um mit Euch zu sprechen..."

Die beiden Männer standen sich gegenüber, blickten sich abwägend in die Augen. Ihre Blicke waren wie die Klingen, die sie gekreuzt hatten und plötzlich sagte Nat:

Gehen wir?"

Oui, Kapitän. Es freut mich, in Euch einen vernünftigen Mann zu sehen und berechtigt mich zu der Annahme, dass ich nicht zu viel erwartet habe, aber auch nicht zu wenig."

Die dunkel glimmenden Augen des Edelmanns hafteten freimütig auf Nat und musterten den ungeschlachten Riesen. Dann hob er seinen Degen. Eine Gasse öffnete sich. Der Edelmann war jetzt neben Nat. Obwohl er auch nicht gerade klein war, wirkte er neben Nat wie ein Zwerg. Deutlich konnte Nat seine grauen Haare sehen, gewahrte das funkelnde Glitzern der breiten Goldkette, die mit echten Diamanten geschmückt war und ein ungeheures Vermögen bedeutete. Ho, nur ein sehr mutiger Mann durfte es wagen, mit einem derartigen Schatz herumzulaufen.

Nat leckte sich die Lippen und lächelte. Er machte eine täppische, ungelenke Verbeugung.

Mein Herr, ich werde Euch anhören!"

Sicher, Kapitän. Marquis Juan Drequeti hat niemals vergebens an eine Tür gepocht!”

Drequeti?"

Ganz recht. Ihr habt richtig gehört!"

Donner und Klabautermann, da soll doch ..."

Später, Kapitän, später …", unterbrach der Edelmann und zog Nat Shannon am Wams. „Kommt ..."

Beide Männer schritten durch den Weinkeller. Hinter ihnen stampften die Stiefel der Garde und den Abschluss machte Madelaine, die katzenhaft gewandt hinter den Männern herschritt.

Die tanzenden Lichteffekte der Fackeln warfen bizarre Schatten an die gewölbte Decke. Große Fässer, verstaubt und pilzig lagen in den dunklen Winkeln herum. Hohl klangen die Schritte der waffenstarrenden Männer. Das Haupthaar des Piraten züngelte wie eine lodernde Flamme. Die Butzenscheiben bleieingefasster Fenster warfen das Fackellicht vielfarbig zurück und übergossen die ganze Gesellschaft mit strahlendem Sprühfeuer.

Jählings stieß der Marquis eine kleine Tür auf, wirbelte herum und bedeutete seinen Leibgardisten zu warten. Er verneigte sich leicht, senkte den Degen und murmelte:

Mein Herr, treten wir ein!"

Aye, aye, Sir, mit Vergnügen", brummte Nat. Er musste sich tief bücken, um durch den niedrigen Eingang zu kommen. Als er sich aufrichtete, zuckte er zusammen. Schien sich sein riesiger Körper zu versteifen. In seinen Ohren rauschte es und wahrhaftig, er bebte.

Kapitän", tönte die Stimme des Marquis wie aus weiter Ferne. „Kapitän, das ist die Frau, die Euch auf der Reise begleiten wird ..."

Nat gab keine Antwort. Grüne, wunderbare Augen, die den geheimnisvollen Zauber der Phyllis, jener Königstochter, die sich aus Sehnsucht nach dem Geliebten selbst den Tod gab, in sich bargen, blickten ihn mit hypnotischer Gewalt an.

Nat Shannon, der riesenhafte Recke, schien in einem Bann zu sein, aus der keine Macht der Welt ihn je wieder befreien konnte.

Mein Herr ... ich ... ich bin Euer Diener", ächzte er und seine Hände ballten sich zu Fäusten.

 

 

3. Kapitel

 

 

Pardon, mein schönes Kind. Ihr werdet meinem Befehl gehorchen und Ihr wisst genau, dass Euch nichts anderes zu tun bleibt."

Es waren kalte Worte. Schnell hervorgestoßen, unpersönlich und eine leichte Drohung schwang darin mit.

Ihr wisst, Gnädigste, dass ich leider auf Euch vertrauen muss."

Der Mann, der diese Worte sprach, war hochgewachsen, schlank und schmalgesichtig. Er hatte eine gerade, edle Nase, blitzende Grauaugen und ein energisches Kinn. Wams, Hose und Kopfbedeckung waren purpurfarbig. Er stand am Fenster, hatte scheinbar auf die Straße hinabgeschaut und nun drehte er sich langsam um.

Ein hartes Lächeln saß in seinen Mundwinkeln. Mit kühler Gelassenheit betrachtete er den wogenden Busen der Dame, ließ seinen Blick auf ihrem Gesicht haften und prüfte jede Linie dieses seltsam faszinierenden, fremdartigen Gesichts mit den etwas vorstehenden Wangenknochen, der braunen Haut, dem sinnlich dunkelroten Mund, der feucht schimmerte, etwas offen stand und die weißen Zähne sehen ließ.

Ihre grünen, schläfrigen Augen blinzelten unter halbgeschlossenen Lidern, schauten irgendwie in den Raum, glitten zu ihm und dann prallten ihre Blicke ineinander wie zwei Schwerter.

Ah, sie war schön. Sie hatte etwas von einer Katze und strömte eine betörende Wollust aus, wenn sie sich räkelte. Schwarzblaue Haare flossen in sanften Wellen auf die entblößten, makellosen Schultern herab. Jetzt allerdings schien sie erregt. Ihr Atem ging heftig und doch war in ihr eine lauernde Bereitschaft, wie bei einer Tigerin.

Es war seltsam. Zwei Menschen schienen unsichtbare Degen zu kreuzen.

Plötzlich lachte er hart auf.

Madame...“

Sie unterbrach ihn heftig mit funkelnden Augen, und Spott schwang in ihrer vollen Altstimme.

Ich weiß, der Herr Marquis hat mich vor dem Scheiterhaufen und vor den höllischen Henkersknechten gerettet. Er hat einer Hexe eine Chance gegeben. Ah, warum nur? Jeder Höfling in Paris würde mich sofort wiedererkennen, denn sie alle haben um meine Gunst gebuhlt, alle, alle. Und doch haben sie es zugelassen, dass sie mich folterten, dass sie mir die Lilie aufbrannten. Der Henker von Paris hat mich gezeichnet und eines Tages werden sie mich finden. Sie werden mich...“

Madame, sie werden es nicht", unterbrach er fest. „Man wird Sie vergebens suchen ..."

Annette du Sansy erhob sich mit weichen, schmiegsamen Bewegungen von der Ottomane. Sie hatte etwas an sich, was die Sinne auflodern ließ, zur hellen Flamme entfachte. Alles an ihr war verlockend, aufreizend, betörend. Der Duft ihres Körpers, die seidig schimmernde Haut, ihre kurvenreiche Figur mit dem tief ausgeschnittenen Dekolletee. Man konnte es verstehen, dass man sie zur Hexe erklärte, denn sie war wie Gift, wie ein schweres, verheerendes Gift. Ihr Anblick genügte, um selbst Tonsurträger zu verwirren, um die Weiblichkeit zu überzeugen, dass selbst die verknöchertsten Ehemänner dieser Frau wie Sklaven folgten.

Ah, ein Priester, der sie einmal gesehen, hatte sieben Wochen sich kasteit, hatte gefastet und gebetet. Aber es hatte alles nichts geholfen. Nach sieben Wochen war die Sehnsucht in ihm stärker und mächtiger denn je, und da hatte er in aller Öffentlichkeit gegen dieses Weib, das nur der Teufel selbst auf die Erde gesetzt hatte, das die Versuchung in höchst eigener Person war, gewettert und gepredigt.

Das war der Anfang. Alles weitere entwickelte sich und kurz darauf wurde Annette du Sansy an den Pranger gestellt.

Ihre Augen wurden dunkel, denn sie dachte daran, wie man sie auf einen Leiterwagen gebunden und nackt durch die Straßen gefahren hatte. In der darauffolgenden Nacht wurde sie von den Leuten des Marquis Jen Debarry befreit und aus dem Gefängnis geholt.

Ihr braucht mich, Herr", sagte sie leise und glitt auf ihn zu.

Jeans Wangenmuskeln zuckten. Immer wenn er sie anschaute, musste er an den Leiterwagen denken. Niemals würde dieses Bild sich aus seinem Hirn verdrängen lassen. Es hatte sich wie ätzende Säure eingefressen. Er sah sie, wie sie hoch aufgerichtet, mit gefesselten Händen auf dem schwankenden Leiterwagen stand, der von sechs in roten Gewändern gekleideten Folterknechten umgeben war. Sie glich dem Standbild der Venus, der Schaumgeborenen, den Wellen entstiegen.

Er hatte die wilden Blicke der Männer gesehen, die auf ihren Körper in unbeschreiblicher Gier stierten. Er hatte die Wut der Weiber bemerkt und hatte selbst wonnetrunken den herrlichen Körper betrachtet, der in jeder Linie vollendet, ein Meisterwerk der Schöpfung war und dann hatte er seinen Leuten einige Anweisungen erteilt und in derselben Nacht die Befreiung durchgeführt.

Ah, dieses herrliche Kunstwerk der Natur sollte nicht durch das Feuer zerstört werden. Er hatte es gerettet, wie etwa ein Sammler, ein kostbares Bild vor der drohenden Vernichtung retten würde. Er hatte Annette du Sansy dem Tod entrissen, ohne sie indes zu lieben, oder sie zu begehren.

Das war seltsam und doch war es so, denn Jean liebte eine andere, liebte diese andere mit der ganzen Glut seiner Seele und dem großen Feuer seines Herzens.

Er liebte diese andere und er liebte das Meer, die Unendlichkeit des Ozeans. Er befehligte ein Schiff, das in einer holländischen Werft erbaut und vollständig von der althergebrachten Bauart abwich.

Ich brauche Euch", gab er zu.

Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, mein Herr. Ich werde meine Schuld abtragen", hauchte sie.

Ihre grünen Augen brannten in die seinen. Ein seltsames, verlangendes, sinnliches Feuer stand darin, eine verzehrende Glut, die ihn wie eine Lohe ansprang.

Sie stand nun so dicht bei ihm, dass das Fluidum ihres Körpers seine Sinne aufscheuchte und sein Blut schneller durch die Adern pulsierte.

Er stand starr, wagte sich nicht zu rühren. Er wusste genau, wenn er seine Hand vorstreckte, um sie in die rauschende Flut der blauschwarzen, schimmernden Haare zu tauchen, dass sie unter der Berührung knistern würden, wie ein zartes, kribbelndes Feuerwerk, dass es dann auf ihn einstürzen würde und er die Frau an sich reißen musste ... ja, musste und dass dann ein Taumel ihn in ihre Arme treiben, ihn in eine nie gekannte, abgrundtiefe Leidenschaft reißen würde.

Er wollte es nicht. Mühsam zwang er seinen Blick aus dem Sprühfeuer ihrer Augen und ließ ihn über ihren schlanken Hals gleiten.

Aber auch das war gefährlich, es war überhaupt alles gefährlich, was mit dieser Frau zusammenhing, denn alles an ihr war reife Weiblichkeit, betörender Zauber, Verlockung und ungestillte Sehnsucht und Verlangen.

Jean atmete schwer.

Ich bin überzeugt davon und Ihr wisst um Eure Aufgabe, Madame."

Seine Stimme klang rau. Er strich mit einer schnellen Bewegung über seinen Schnurrbart, der die Oberlippe zierte. „Wenn es gelingt, so werden Sie Frankreich bald verlassen, Madame. Kein Häscher wird Sie verfolgen und Sie werden ein neues Leben anfangen können!"

Ein neues Leben", wiederholte sie mechanisch und ihr Blick vertiefte sich, wurde strahlend. „Ein neues Leben an Eurer Seite?"

Das war eine Frage, die er keinesfalls erwartet hatte, eine Frage, die ihn fast überraschte und die ihn verwirrte. Zum Donner. Jeder andere Mann hätte dieses herrliche Geschöpf einfach in die Arme genommen, hätte keine Sekunde gezögert, es zu tun. Aber er... er konnte es einfach nicht. Er musste hart bleiben, hart wie ein Stein. Mit brutaler Offenheit musste er ihre Illusionen zerstören.'

Nein, Madame. Sie werden frei sein und werden leben können, wie Sie es wünschen!", stieß er hervor.

Alles können Frauen verzeihen, nur eines nicht, dass ihre Gefühle verletzt werden.

Vergebens wartete er auf einen Ausbruch der temperamentvollen Frau. Er wartete darauf, dass sie ihn anschreien, oder dass sie einen Weinkrampf bekommen würde, aber nichts dergleichen geschah. Sie lachte und tobte nicht, sondern musterte ihn nur mit einer eigenartigen kühlen Neugierde. In ihren Augen tanzten spöttische Lichter und dann spielte ein kleines Lächeln auf ihren Lippen. Jählings spannte sich ihr Körper.

Eine andere Frau?", wehte es leise über ihre Lippen.

Sie glitt noch näher heran, stand dicht vor ihm, so dass ihr Atem ihn wie ein warmer Föhn streifte.

Die Kälte, mit der er sich gepanzert hatte, die Eisschicht begann unter diesem Föhn bedenklich zu schmelzen und plötzlich spürte er ihre samtweichen Fingerspitzen auf seinen Handgelenken ruhen.

Das traf ihn wie ein Schlag. Katzenpfoten waren nicht weicher, nicht behutsamer, vor allen Dingen hatten sie nicht diese elementare Wirkung. Er fühlte, wie ein heißer Schauer über seinen Rücken peitschte. Der Duft ihrer Haare umnebelte ihn, hüllte ihn ein, wirbelte seine Sinne durcheinander.

Seine Fäuste ballten sich zusammen.

Also doch eine andere Frau", lächelte sie. Der Druck auf seinen Handgelenken verstärkte sich. Ihre Hände waren wie feurige Kohlen, heiß und trocken wie bei einem Fieberkranken. Unsichtbare Wellen schienen davon auszuströmen, sich ihm mitzuteilen, ihn in ein Flammenmeer zu hüllen.

Eine Frau, mein Herr, aber ich fürchte sie nicht, wer sie auch sein mag, ich fürchte sie nicht." Sie lachte, ließ unvermittelt seine Handgelenke los und trat schnell einen Schritt zurück. Es war eine Bewegung, die wiederum bewies, dass sie gefährlich war. „Ihr habt mich gerettet, warum nur? Alle Männer hätten mich retten wollen. Nur den meisten fehlte der Mut zur Tat, aber keinem würde der Mut in dieser Situation fehlen, mein Herr, keinem würde der Mut dazu fehlen...“

Sie brach ab, lachte ihr girrendes, betörendes Lachen und fuhr fort: „Aus lauter Menschlichkeit habt Ihr mich nicht vor dem Scheiterhaufen gerettet, habt Ihr die Wachen durch Eure Leute töten lassen, habt Ihr Euch gegen den König verschworen. Ihr seid schuldig geworden, durch mich, Herr Marquis, und nun tischt Ihr mir ein Märchen von einer anderen Frau auf und ich soll das glauben? Oh, vielleicht ist etwas Wahres daran und nun bereut Ihr wahrscheinlich Eure Tat. Euer eigener Mut erschreckt Euch und nun wisst Ihr nicht mehr aus noch ein. Gewiss, ich werde nach Eurem Befehl handeln und den Marquis Drequeti beobachten, ich werde ihm auch folgen und Euch mitteilen, wohin er sich wendet. Gut, ich will Eure Spionin sein und alles für Euch tun, aber Ihr könnt nicht verlangen, dass ich für meinen Befreier keine Liebe empfinde und - so wahr mir Gott helfe - ich liebe Euch und werde Euch immer lieben."

Madame", wehrte er ab. Seine Stimme krächzte vor Erregung. „Ihr habt viele Männer in Euren Armen gehabt..."

Aber keiner hat das für mich getan, was Ihr getan habt", entgegnete sie heftig und trat blitzschnell auf ihn zu. „Keiner zeigte sich als Mann“, zischte sie, „und deshalb kann ich nur hassen, wo ich früher geliebt habe. Oh, ich weiß nun, wie Männer sein können... ich weiß es, aus dem Gefängnis. Sie sind brutal, gemein, niedrig in ihren Trieben, wie Tiere!"

Ihre Augen blitzten. Blässe überzog ihr Gesicht. Jählings sprang sie auf ihn zu, schlang die Arme um seinen Nacken, presste sich in stürmischer Leidenschaft an ihn.

Wie durch einen Nebelschleier sah er ihre weit geöffneten Augen. Die Pupillen waren darin schwarz, weit und dunkel wie die Nacht. Ihre Lippen leuchteten, wie ein aufgebrochener Granatapfel, und ihr Haar war wie ein schwarzer Schleier. Eine unnennbare, verführerische Macht ging von diesem Frauenkörper aus. Impulsiv stießen seine Hände vor, verkrallten sich um ihre Hüften. Sein Mund presste sich auf den ihren.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen.

Sie fuhren auseinander, wirbelten herum.

Was gibt es?", ächzte Jean.

Der Marquis Drequeti ist gerade mit seinem Gefolge aufgebrochen. Er hat Paris verlassen."

Himmel... und mehr haben deine Kumpane nicht herausgebracht?“

Doch, Herr", klang es leise aus dem Munde des Mannes, der abgehetzt im Türrahmen stand. „Doch, Herr, der Marquis will nach Quiberon, dort soll sich noch die Fregatte des Piratenkapitäns Nat Shannon befinden ..."

Bei allen Teufeln, was will Drequeti in Quiberon und was von Nat Shannon?", fauchte Jean.

Das, Herr, konnten wir nicht erfahren, aber es muss wohl mit seiner verschwundenen Tochter im Zusammenhang stehen!"

Jean nickte. Sein Gesicht verzerrte sich. Seine Augen blickten nachdenklich auf den Boten, dann auf die schöne Frau.

Panche, du machst die Kutsche bereit ..." fuhr er den Mann an der Tür an und zu Annette gewandt sagte er:

Nun könnt Ihr beweisen, Madame, dass ich mich auf Euch verlassen kann. Macht Euch für eine lange Reise bereit. Ihr werdet mit meinem Diener Panche nach Quiberon reisen und versuchen zu erfahren, was der Marquis Drequeti von dem Piraten will. Es wird Euch nicht schwerfallen, denn trotz seines gesetzten Alters ist Drequeti ein Verehrer schöner Frauen. Ich hoffe, dass Ihr diesen Auftrag zu meiner Zufriedenheit ausführt."

Der Diener entschwand. Annette strich sich mit einer schnellen Bewegung ihrer Hände über ihr schwarzes Haar, warf den Kopf zurück und wieder zeigte sich in ihren Mundwinkeln das seltsame, wissende Lachen.

Er hat eine Tochter", sagte sie leise.

Ja", gab er zur Antwort und seine Augen verloren sich zum Fenster, richteten sich verträumt in das strahlende Blau des Himmels.

Ich werde fahren, Herr, und werde herausbringen, was der Marquis mit dem Piraten zu besprechen hat, falls ich es nicht von ihm erfahre, wird es mir der Kapitän erzählen ..."

Das wollt Ihr wirklich für mich tun?", schoss es über seine Lippen.

Er schien stark erregt. Seine Wangenmuskeln zuckten. Er starrte sie an, als ob er sie zum ersten Mal sah.

Ja, Herr, ich werde es - weil sie es ist."

Mein Gott, wer sagt Euch …?"

Mein Herz sagt es.“

Pardon", murmelte er und verbeugte sich tief vor ihr. „Pardon, meine Dame. Ihr Vater hasst mich.“

Ich fühlte es", gab sie wispernd zur Antwort. „Aber kein Hass kann die Liebe aufhalten ..."

Ein schöner Spruch", erwiderte er ruhig. „Aber hier ist es anders, sie ist schon lange verschollen ... zu lange, als dass man noch hoffen könnte."

 

 

4. Kapitel

 

 

Kapitän, Madame ist in vielen Dingen informiert", erklärte Jerome Drequeti schneidend. Seine schwarzen Augen wurden stechend, wanderten von einem zum anderen. „Doch ich habe es vorgezogen, ihr nicht alles zu sagen, denn Madame hat allen Grund, Frankreich zu verlassen."

Mit zwei Schritten war er an Nat Shannon vorbeigeeilt und stand nun hinter Annette du Sansy. „Ich habe allen Grund, Euch, Madame, für eine Spionin meines Feindes Jean Debarry zu halten. Ganz Paris sprach von Euch, aber keiner wusste bisher, wer es gewagt hatte, Euch aus den Klauen der Folterknechte zu retten ... ich weiß es nun, Madame, und es hat keinen Sinn, es zu leugnen. Jean Debarry war es... Oui, nur er ist einer solchen Tat fähig und es hat auch keinen Sinn zu leugnen, dass Ihr Annette du Sansy seid. Jeder Mann aus Paris hat Euch gesehen und wer Euch einmal gesehen hat, kann Euch nicht vergessen."

Annette gab keine Antwort. Die Plötzlichkeit, mit der alles auf sie einstürmte, warf sie schier zu Boden. Sie hatte geglaubt, Drequeti umgarnt und eingesponnen zu haben und musste nun feststellen, dass er es war, der sie schon auf der Fahrt von Paris nach Quiberon durchschaut hatte und nun zum furchtbaren Schlag ausholte. Er wollte sie auf das Schiff des Freibeuters bringen lassen, damit sie aus dem Spiel war und für den Marquis nicht mehr gefährlich werden konnte.

Was sollte sie tun. Was machen?

Sie steckte in einer Falle und es war keine Aussicht herauszukommen.

Drequeti lächelte. Seine Augen saugten sich an den lockigen, blauschwarzen Haaren fest.

Jählings stierte er dann Nat Shannon an und keuchte. „Den Kurs für die ,Estralia' werde ich Euch noch mitteilen, auch die genaue Lage der Insel werde ich Euch vor der Abfahrt zustellen. Ihr habt nichts anderes zu tun, Kapitän, als diese Insel heimlich anzugreifen, den Harem des Emirs Abdullah zu erstürmen und meine Tochter zu befreien, die dieser Hund bei einer Kaperfahrt geraubt und in seinen Harem entführt hat."

Er brach ab. Sein Schweigen war drohend und seine tiefe Erregung schwang durch den Raum.

Ich habe Euch alles erklärt, wieso es dazu kam, Kapitän. Ich habe Euch gesagt, dass ich meine Tochter vor dem zudringlichen Jean Debarry nach Übersee schicken wollte, leider ist die Galeone überfallen und geplündert worden. Trotzdem erhielt ich glaubwürdige Nachricht von dem Verbleib meiner Tochter Marie. Sie muss gerettet werden um jeden Preis...“

Ich werde diese Insel mit meinen Kanonen...“

Das dürft Ihr nicht, Kapitän. Ich habe Euch erklärt, dass die Insel stark befestigt ist. Nur List kann zum Ziele führen. Wenn Ihr meine Tochter rettet, dann mache ich Euch zum reichen Mann - ich werde Euch und Eure Besatzung fürstlich belohnen."

Und warum soll Madame an Bord?", stieß Nat hervor.

Sie weiß zuviel. Sie könnte von Ihrem Wissen Gebrauch machen und Jean Debarry informieren. Wenn Madame aber auf den Planken der ,Estralia' ist, wird sie meinen Plänen nicht schaden können."

Er brach ab, schien zu überlegen und hastete plötzlich zur Tür,stieß sie auf und sagte einige Worte, die Nat und auch Annette nicht verstehen konnten.

Madame", wandte er sich dann an Annette. „Ihr werdet eine Zofe gebrauchen können. Ihr seht, dass ich um Euer Wohl besorgt bin, aus diesem Grunde werdet Ihr Gesellschaft bekommen. Es ist zwar nicht gerade angenehm, wochen-, ja monatelang mit einem Rudel rauer Kerle zusammen zu leben. Eine Gesellschafterin wird Euch ablenken. Hier, diese Frau wird es sein. Sie zieht es vor, die gesicherte Atmosphäre der Ehe einzutauschen ..."

Aus dem Dunkel des Ganges schob sich die verschämt dreinblickende Madelaine heran. Sie starrte unentwegt auf ihre Schuhspitzen. In heftiger Erregung wogte ihr Busen.

Hol's der Geier", Nat knallte seine Faust auf den Eichentisch. „Edler Herr, wenn ich dieses Weib auf der ,Estralia' habe, dann ist meine Besatzung keinen Schuss Pulver wert. Aus Piraten werden gurrende Vögel, und der Teufel selbst kann mit einer liebeskranken Crew nichts anfangen. Schickt sie nach Paris, oder auf den Mond..."

Kapitän", unterbrach Drequeti, „ich lege besonderen Wert darauf, dass sie ebenfalls mitkommt, denn sie hat gelauscht und könnte auch sehr gefährlich werden, Ihr versteht?"

Potz, Blitz und Klüsenbaum, hoffentlich halst Ihr mir nicht noch mehr Weiber auf", fauchte Nat, „denn dann wird es auf der ,Estralia' einen Tanz geben. Gut, ich nehme beide mit, aber ich übernehme sie nur während der Dunkelheit und dann müssen sie Männerkleidung anlegen und sich einverstanden erklären, unter Deck zu bleiben, bis ich ihnen den Aufenthalt am Oberdeck erlaube!"

Sie werden damit einverstanden sein", gab der Marquis zur Antwort. „Bevor Ihr in See geht, Kapitän, werde ich Euch eine Anzahlung auf das Unternehmen leisten."

Nat Shannon senkte seinen Stiernacken. Er beleckte sich die Lippen und betrachtete Madame du Sansy, dann Madelaine. Er zog wohl Vergleiche zwischen diesen Frauen, die ihm und seiner Mannschaft für Monate anvertraut wurden. Nach einigen Sekunden grinste er. Es war ein verzerrtes, wollüstiges Grinsen und beiden Frauen gerann das Blut in den Adern.

Ho, wenn Madelaine schon gefährlich war, aber gegen diese Frau, mit ihren unergründlichen, grünen Tigeraugen war sie einfach eine Null. Sie hatte einfach zuviel von allem, während Annette du Sansy schon mit ihrem Blick einen Mann verrückt machen konnte.

Madame hatte sich nun von ihrem Schreck erholt. Ihre Augen blitzten seltsam.

Mein Herr, Ihr wollt eine Dame diesem Piraten ausliefern? Ihr wollt mir eine Zofe geben, die mir niemals nützlich sein kann ..."

Madame", unterbrach Drequeti sie kühl. „Ihr vergesst, dass der Henker von Paris Euch erwartet. Ihr werdet tun, was ich befehle."

Ich will nicht", kreischte nun Madelaine. Der Blick des Piratenkapitäns hatte sie ernüchtert. „Ich will nicht... ich habe nichts anzuziehen, nur die Kleider, die ich auf dem Leibe trage ..."

Madame wird Euch einige Kleider überlassen, denn Madames Gepäck wird ebenfalls an Bord gebracht", sagte der Marquis kalt und schneidend. Er betrachtete die beiden Frauen mit Hohn.

Kapitän", wandte er sich an Nat Shannon, „Kapitän, meine Leute werden Euch an Bord bringen. Die Damen werden Euch begleiten und Ihr werdet die Aufgabe haben, sie zu bewachen und dafür zu sorgen, dass sie alles das bekommen, was für Frauen bei einer Reise notwendig ist. Ihr werdet das Zimmer der Madame eingehend untersuchen und Ihr Gepäck an Bord beordern lassen ..."

Der Marquis verstummte, denn mit einem Mal hatte sich Annette du Sansy erhoben. Ihre roten Lippen öffneten sich und dann lachte sie seltsam grell und misstönig.

Ihr wunderschöner Körper schüttelte sich wie in Krämpfen. Entgeistert stierten die Männer sie an. Selbst Madelaine schien tief beeindruckt. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen und hatte einer seltsamen Blässe Platz gemacht. Sie bemerkte nicht, wie Nat schnell hinter sie trat, sich niederbeugte und ihren geschwungenen Nacken mit heißer Inbrunst küsste. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, als sie seine Zähne spürte, aber sie wich nicht, wankte nicht, eine Lähmung schien sie befallen zu haben, denn der Schmerz im Nacken und die grellen Lachtöne der Frau wirkten wie ein unheimlicher Bann.

Und was wollt Ihr mit uns machen, wenn wir von dieser Reise zurückkehren sollten?", klang es schrill aus Annettes Mund.

Ihr werdet nicht zurückkehren!", bellte Drequeti. „Der Kapitän wird Euch in Spanien oder Portugal absetzen, oder er kann Euch auf den afrikanischen Sklavenmärkten verkaufen. Weiße Frauen werden dort unten sehr begehrt, meine Damen, denn ich glaube nicht, dass auf der ,Estralia' ein Dauerasyl für Frauen sein wird, die Frankreich niemals wiedersehen dürfen."

Er wirbelte herum. Sein gerötetes, maskenhaftes Gesicht verriet seine entsetzliche Wut.

Kapitän, Ihr wisst nun, was Ihr zu tun habt, noch heute wird die ,Estralia' in See stechen ..." Bei diesen Worten riss er die Tür auf.

Wache!", gellte es, „Wache!"

Waffengeklirr tönte auf. Stiefel knarrten. Blitzschnell war Annette du Sansy an den Piraten herangeglitten. Ihre grünen Augen loderten im fanatischen Feuer. Vielleicht wurde es Annette klar, dass sie nun keine Gelegenheit mehr haben sollte, eine Nachricht an Debarry zu senden, vielleicht wurde es ihr bewusst, welch schreckliches Schicksal sie erwartete.

Kapitän", flüsterte sie weich. In ihrer Stimme waren alle Verlockungen der Hölle und des Himmels. „Kapitän, Ihr werdet einer Frau gestatten, dabei zu sein, wenn das Gepäck geholt wird?“

Aye, aye, Madame", zischte Nat lüstern.

In diesem Augenblick wandte sich Drequeti um.

Folgt mir!", brüllte er rau. „Die Kutsche steht bereit!"

Sir, Ihr habt aber auch an alles gedacht!", grinste Nat Shannon.

Sicher, Kapitän, in meiner Lage muss man es. Es geht um das Glück meiner Tochter", gab der Marquis zur Antwort, „und für meine Tochter ist mir kein Opfer zu groß, denn wenn sie Paris wiedersehen wird, soll sie die Gemahlin des Königs werden."

Hoffen wir es", murmelte Nat finster, „hoffen wir, dass wir sie aus der Gewalt des Emirs befreien können."

Drequeti gab keine Antwort darauf. Er eilte voraus und Nat folgte mit den beiden Frauen, die sich wider Erwarten recht gerade hielten. Vor und hinter ihnen bewegten sich die waffenstarrenden Kerle des Marquis. Durch einen zweiten Ausgang gelangten sie alle ins Freie. Des Mondes Silberbarke stand am verhangenen Himmel und ab und zu segelte eine Wolke vor dem Silberlicht und verdeckte es.

Die Umrisse der Kutsche tauchten auf. Reiter mit wehenden Helmbüscheln umgaben sie, warteten und harrten der Befehle des Marquis.

Ein Kerl riss den Schlag auf. Der Marquis machte eine kleine Verbeugung.

Kapitän... meine Damen, steigen Sie ein!"

Er selbst blieb stehen und ließ alle einsteigen. Dann trat er dicht heran und zischte: „Madame, ich habe meinen Reitern strikte Anweisungen erteilt. Es wird Euch nicht gelingen, Euren Herrn zu benachrichtigen. Was Ihr erlauscht und erfahren habt, wird nur Euer Eigentum sein und das ist gut so. Es wäre schade, wenn auch Ihr eine Liebe zu meinem Feind in Eurem Herzen hegen würdet. Schade, sage ich, denn Ihr seid die Frau, die in Spanien oder Portugal bestimmt Karriere machen wird, Ihr seid imstande, einen Thron zu erobern, doch Frankreich war nicht der Boden für Euch, meine Dame. Ich hoffe, dass Ihr mich versteht, denn auch ich liebe Euch, und aus diesem Grunde habe ich Euch nicht den Henkern ausgeliefert, ich werde nicht vergessen, dass Ihr mir auf der Fahrt von Paris nach hier, viele ergötzliche Stunden bereitet habt. Marquis Drequeti ist kein Undankbarer, aber er ist ein Mann, der die Ehre seiner Tochter zu verteidigen hat, und das müsst Ihr bedenken, Madame."

Er verneigte sich ehrerbietig mit gezogenem Degen und machte den Schlag der Kutsche höchstpersönlich zu, danach zogen die Pferde an, die Kutsche setzte sich in Bewegung und die Reiter trieben ihre Pferde an. Nat Shannon war mit den Damen allein, und er genoss das auf seine Art, er legte seine riesigen Pranken um die Schultern der Damen und war mit sich und der Welt äußerst zufrieden.

Madame", murmelte er. „Der Marquis wünscht Euch einen Thron. Himmel, Hölle, Fest und Schwefel ... bei St. Dustan, er hat recht, Ihr werdet das erreichen."

Ihr wollt mich also in Spanien an Land setzen?",, forschte sie.

Es kommt darauf an, ob Ihr auch mir ergötzliche Stunden bereitet, meine Täubchen", krächzte er heiser. Er versuchte bei diesen Worten seine rechte Tatze, die schwer und wuchtig auf Madelaines samtweicher Schulter lag, unters Kleid auf die nackte Haut des Rückens zu schieben. Es gelang ihm auch und Madelaine stieß einen leichten, hingebungsvollen Seufzer aus.

Bei Annette versuchte der Pirat dasselbe, doch sie hieb ihm jählings auf die Finger, so dass er ebenfalls einen Seufzer ausstieß, aber vor Schmerz.

Madame", krächzte er gereizt, „Madame, ich überlege gerade, ob es für Euch nicht doch besser ist, die Sklavenmärkte Afrikas kennen zu lernen.

Hört auf", zischte Annette wild. „Wenn Ihr noch ein Wort sagt, stoße ich Euch meinen Dolch in den Leib!"

Der Pirat spürte nun, wie etwas Spitzes sich durch seinen Wams bohrte, wie etwas in sein Fleisch eindrang.

Hohoho, Madame, stoßt nur zu, denn dann wird Euch der Marquis doch noch dem Henker von Paris überlassen", grinste er lustig. „Stoßt zu."

Annette du Sansy zog mit einem Ruck den Dolch zurück und hielt ihn vor sich, richtete die Spitze des tödlichen Stahls gegen ihr eigenes Herz.

Kapitän", murmelte sie, „wenn Ihr nicht wollt, dass ich mich vor Euren Augen töte, dann benehmt Euch, wie es sich für einen Edelmann geziemt."

Nat Shannon rollte die Augen. Er hatte sich zwar nie für einen Edelmann gehalten, eher für einen Teufelskerl, der selbst im Schweinestall sich wohlfühlen konnte, doch jetzt bei Annettes Worten, glaubte er einer zu sein. Seine gewaltige Brust schwoll. Er reckte sich, stieß Madelaine von sich und legte beide Arme auf seinen Türkensäbel.

Meiner Treu", murmelte er. „Madame, ich werde Euch beschützen, ich werde Euer Diener sein."

Inzwischen rollten die Räder, ächzten die ungeschmierten Achsen und wurde das Gefährt des öfteren in heftigen Stößen erschüttert. Die kühle Nachtluft brachte den salzigen Geruch der See mit sich. Das Wiehern der Pferde, Stampfen der Hufe und das Knarren von Sattelzeug, Wehrgehängen und Leder tönte rhythmisch.

Plötzlich stoppte die Kutsche. Ein Reiter kam herangefegt und beugte sich vom Ross herab, so dass er durch das geöffnete Fenster blicken konnte.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904697
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
heldenhafte seemänner shannons plan

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #3: Nat Shannons tollkühner Plan