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Braddock #6: Victorias blutiger Racheschwur

2016 130 Seiten

Leseprobe

BRADDOCK

 

Band 6

 

Victorias blutiger Racheschwur

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Eigentlich sind Braddock und sein Partner Yumah auf dem Mexiko, wo ihr nächster Sondereinsatz auf sie wartet. Aber auf dem Weg dorthin stoßen sie auf einen Siedlertreck, der gewaltigen Ärger mit dem Großrancher Horace Clooth hat. Cloth will nämlich verhindern, dass die Siedler mit ihrer Rinderherde durch sein Land ziehen. Denn er glaubt, dass die Tiere eine Seuche unter seinem Vieh verbreiten könnten – und deshalb will er die Siedler notfalls auch mit Gewalt aufhalten.

Braddock kennt den Rancher Clooth von früher – und er will in diesem Konflikt vermitteln, bevor es zu einer Eskalation der Gewalt kommt. Aber als er Clooths schöne Frau Victoria zum ersten Mal sieht, begreift er sofort, dass es hier nicht nur um den Ärger mit den Siedlern geht, sondern um viel mehr. Clooth erkennt viel zu spät, dass er nur zu einer Marionette in den Händen Victorias geworden ist. Als Braddock und Yumah ihren heimtückischen Plan durchkreuzen, schwört die schöne Mexikanerin blutige Rache...

 

 

 

Roman

Müde und übernächtigt döst Braddock im Sattel.

Das Erwachen kommt wie ein Paukenschlag. Plötzlich geht ein Ruck durch sein Pferd. Das Tier stürzt.

Braddock wird wie von der Sehne aus dem Sattel katapultiert.

Er fliegt über sein zusammenbrechendes Pferd, knallt hart auf seine rechte Schulter, überschlägt sich.

Nichts mehr vom Halbschlaf, kein Dösen. Er ist schlagartig hellwach. Aber es ist zu spät.

Der Braune liegt am Boden, versucht sich aufzurappeln. Vergeblich. Braddock ist bereits wieder auf den Beinen und flucht. Seine Sorge gilt dem Braunen.

Dem kann niemand mehr helfen, nur noch eine Kugel. Bruch des rechten Vorderlaufs, direkt über dem Kronbein.

Aus und vorbei.

Braddock wirft einen hasserfüllten Blick auf den Bau eines Präriehundes, in den der Braune eingesackt ist. Sinnlos, sich aufzuregen. Passiert ist passiert!

Er nimmt seinen Colt und erlöst den Braunen von dessen Qualen. Der brave Wallach streckt sich und rührt sich nicht mehr.

Braddock nestelt am Sattelgurt, lässt es dann aber sein. Den Sattel kann er nicht achtzig Meilen durch die Wüste schleppen.

Er richtet sich auf und blickt in die Runde.

Kakteen, Sand, dürres Gestrüpp.

So sieht nun mal die texanische Wüste aus. Und über ihr eine Sonne, wie sie gnadenloser nicht brennen kann.

Na toll!, denkt Braddock. Achtzig Meilen bis zur nächsten Siedlung und damit zum nächsten Wasser.

Er hat die Wasserflasche abgeschnallt; sie ist noch voll. Vorsichtig nimmt er einen Schluck. Dann blinzelt er zur Sonne empor. Es ist kurz nach Mittag.

Achtzig Meilen, denkt er verbissen, und zu Fuß. Ein Königreich für einen niedlichen kleinen Esel oder für ein klapperdürres Pferd. Nur nicht zu Fuß durch diese Gluthitze. Achtzig herrliche Meilen ...

Wieder ein hoffnungsvoller Blick in die Runde. Wenn doch irgendwo einer auftauchen würde mit einem Gaul unter dem Hintern!

Aber da ist nichts.

Nur die flimmernde Hitze, der Sand, Kakteen, die verdorrte Mesquite ...

Er beschließt, nachts zu marschieren. Was anderes könnte er tun? Aber bis es dunkel wird, werden noch Stunden in dieser Backofenhitze vergehen. Stunden, die wie Ewigkeiten sind. Minuten, die wie Leim tröpfeln.

Und er hat nur drei Liter Wasser in seiner Flasche.

Für achtzig Meilen zu Fuß ...

Er hockt sich auf seinen Sattel, dreht sich eine Zigarette, und als sie brennt, zieht er den Rauch tief in sich hinein.

Missmutig starrt er vor sich hin. Dabei lauscht er, hört aber nur das Singen des Windes, der über die Hügel streicht und die Blätter des verdorrten Mesquite rascheln lässt. Sonst kein Geräusch. Eine nahezu schmerzhafte Stille.

Es sind nicht die allerbesten Gedanken, die ihn bewegen, als er da hockt und raucht und spürt, wie ihm dieser Rauch den Gaumen austrocknet.

Mürrisch wirft er die halbgerauchte Zigarette weg und sucht in seinen Gedanken nach einem Ausweg.

Es gibt keinen. Außer er marschiert die achtzig Meilen, in dem Bewusstsein, dass drei Liter Wasser nicht ausreichen werden. Es ist einfach zu wenig für so eine lange Strecke. Widerwillig beobachtet er eine sich nähernde zierliche Springmaus, die sich bis auf einen Schritt an ihn heranwagt, zu ihm aufsieht und vielleicht gar nicht begreift, dass er eine Gefahr für sie darstellt. Er sitzt ganz still, sieht zu ihr hin. Aber dann verliert sie das Interesse an ihm und hüpft weiter. Dann verschwindet sie plötzlich in ihrem Bau.

Das Verhalten der Springmaus lässt Braddock zum Himmel blicken.

Geier!

Drei Stück sind es, die oben kreisen und offenbar den Pferdekadaver schon bemerkt haben. Bald werden es mehr sein, sagt sich Braddock. Und vielleicht werden sie auch kommen, wenn ich diese achtzig Meilen nicht schaffe. Wenn ich irgendwo in dieser Gluthitze zusammenbreche, weil mein Wasser nicht reicht.

Ach was! denkt er, ich muss es schaffen. Es ist nicht das erste Mal, dass mir etwas Ähnliches passiert. Aber so weit bis zu einer Siedlung wie diesmal ist es noch nie gewesen. Und ich müsste eigentlich den Sattel mitnehmen. Aber wie soll ich das schaffen?

Die Sonne steigt höher. Und mittlerweile sind es noch mehr Geier geworden, die oben kreisen, die jetzt schon tiefer fliegen, die sich frech heranwagen. Drüben geht einer zu Boden, hopst unbeholfen näher. Die anderen oben in der Luft schreien. Dann kommen noch drei, die sich hinsetzen und in respektvoller Entfernung zu Braddock hinüberschauen. Und natürlich zu dem Pferd.

Woher wissen sie, dass es tot ist, fragt sich Braddock. Haben die mich gesehen, das Pferd und mich? Wieso sind sie auf einmal da?

Braddock mag die Geier nicht, obgleich er weiß, wie nützlich sie sind. Aber für ihn sind es hässliche Vögel. Vögel des Todes.

Als sie noch näher an das Pferd heranhüpfen, vertreibt er sie mit einem Schuss. Aber sie fliehen nicht weit. Sie flattern unbeholfen auf, und erst in der Luft, wenn sie dahinsegeln, sind sie wieder elegant. Sie kreisen über ihm und dem Pferd.

Die Hitze nimmt zu.

Braddock erinnert sich von einem früheren Ritt, dass etwa zehn Meilen von hier ein Felsen ist, der ihm Schatten geben könnte. Soll er jetzt diese zehn Meilen marschieren?

Er beschließt es zu tun. Die Geier kann er nicht ewig vertreiben. Und seinem Braunen wird dieses Schicksal früher oder später sowieso nicht erspart bleiben, von den Geiern zerhackt zu werden. Ein grausiges Schicksal, wie sich Braddock sagt. Aber so ist das Leben.

Er beschließt nun doch, den Sattel mitzuschleppen. Er nimmt das Zaumzeug von dem Braunen ab und löst den Sattel, zerrt den Gurt unter dem Kadaver hervor, schultert den Sattel und marschiert los.

Am Anfang ist der Sattel nicht so schwer. Aber von einem Schritt zum anderen steigt sein Gewicht, so jedenfalls kommt es Braddock vor.

Die hohen Absätze behindern ihn beim Gehen. Er überlegt, ob er sie abreißen soll. Aber noch ist Hoffnung in ihm. Hoffnung, dass er irgendwo jemanden trifft, dass es einen Menschen gibt, der womöglich seine Schüsse gehört hat.

Quatsch! denkt er. Niemand hat es gehört. Nur die Geier sind auf mich aufmerksam geworden.

Er wirft einen Blick zurück und sieht sie weit hinten über dem Kadaver kreisen. Eine ganze Menge von ihnen sitzt schon auf dem toten Pferd. Er ist schon so weit davon entfernt, dass er es nur mit Mühe sehen kann. Die Luft flimmert in dieser Hitze.

Schweiss rinnt Braddock über das Gesicht, über den Rücken, über die Brust, klebt in seinen Achselhöhlen. Und der Sattel drückt, wird immer schwerer.

Nach einer Weile ist er so weit, dass er weder den Kadaver noch die Geier sehen kann, nur seine Spur, die er zurücklässt.

Und so weit sein Auge schaut, nirgendwo ein Platz mit Schatten. Und gerade danach sucht er.

Er hätte nicht sagen können, wie lange er schon marschiert ist. Nur an der Sonne sieht er es. Sie steht bereits wieder tiefer. Es ist Nachmittag.

Braddock wechselt wieder einmal den Sattel von einer Schulter auf die andere. Und er will gerade weitermarschieren, als er ein eigenartiges Geräusch hört.

Er bleibt stehen, wendet sich um, und dann sieht er die Reiter.

Drei sind es, die sich in weiter Ferne nähern.

Erst hält er es für ein Trugbild in dieser flimmernden Luft. Er kneift die Augen zusammen und erkennt es jetzt besser. Es sind Reiter.

Sie scheinen in diesem Geflimmer, das die Hitze über dem Boden verursacht, auf und nieder zu hüpfen, wie Marionetten an dünnen Fäden. Doch es ist kein Trugbild. Es sind wirklich Reiter, die näherkommen. Zwei reiten dicht beisammen, der dritte hat sich etwas von den anderen entfernt, kommt seitlich. Und sie folgen genau seiner Spur.

Braddock lässt den Sattel zu Boden sinken, setzt sich darauf und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche.

Er ist erleichtert und gespannt zugleich.

Wer sind diese drei?, fragt er sich.

 

*

 

Braddock beobachtet sie, wie sie näherkommen. Einer von ihnen ist nicht mehr jung, hat weißes Haar, einen buschigen Schnauzbart und eine hagere, fast knorrige Gestalt. Die beiden anderen scheinen ebenfalls nicht aus weichem Holz geschnitzt zu sein. Sie sind keine Cowboys, sie könnten Farmer sein. Aber sie reiten dafür zu gut. Und ihre Pferde sind Klassetiere.

Braddock ist auf der Hut. Aber er wartet gelassen ab. Seine rechte Hand ist in der Nähe des Revolverkolbens.

Als er die Gesichter der drei richtig bis in alle Einzelheiten erkennen kann, hat er nicht den Eindruck, dass ihm diese Männer feindlich gesinnt sind.

Sie halten vor ihm an. Ihre Gesichter wirken enttäuscht. Der Blonde an der rechten Seite des Alten spricht es aus, was sie wohl alle drei denken.

Er ist es nicht!“

Jetzt wendet er sich dem Älteren zu. „Er ist es nicht, Oldman! Verdammt noch mal!“

Dann sehen wieder alle drei auf Braddock.

Pech gehabt, wie?“, erkundigt sich der Alte. „Wir hatten nur jemand anderes erwartet.“

Wen denn?“, fragt Braddock mit spröder, heiserer Stimme.

Wir suchten nach einem Mann namens Marlow. Aber der bist du nicht“, erwidert der Alte.

Ich kenne ihn auch nicht. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr mich mitnehmen.“

Darüber scheinen sie noch gar nicht nachgedacht zu haben. Sie sehen einander an, blicken dann wieder auf Braddock. Der Alte nickt zustimmend. „Natürlich. Wir lassen dich hier nicht einfach zurück. Wer bist du?“

Ihr könnt mich Braddock nennen, einfach so und nichts dazu.“

Das scheint sie nicht weiter zu beschäftigen. Der Alte nickt wieder, mustert Braddock dann sehr ausgiebig und fragt: „Was machst du so, Braddock?“

Ich war auf dem Weg nach Sherwood, um dort einen Freund zu treffen.“

Sherwood, wie weit ist das von hier?“

Die nächste Siedlung“, erklärt Braddock. „Achtzig Meilen von hier, oder vielleicht jetzt nur noch siebzig. Ich habe meine Schritte nicht gezählt.“

Der Mann, den wir suchen, ist ein Treckführer. Wir hatten gehofft, dass wir ihn hier finden.“

Ein Treckführer?“, fragt Braddock überrascht. „Welchen Treck sollte er denn führen?“

Unseren“, sagt der Alte. „Übrigens ist mein Name Les Brother.“

Wir nennen ihn Oldman“, meint der Blonde an Les Brothers Seite. „Ich bin Jeff Williams.“

Der dritte mit dem dunklen Haar und den grauen Schläfen und den wasserhellen Augen grinst und sagt mit einer abgrundtiefen Stimme: „Ich heiße Toby Shriver.“

Hallo, Freunde! Ich bin verdammt froh, dass ihr gekommen seid. Auch wenn ich eure Erwartungen nicht erfüllen kann.“

Oldman Brother hat nicht aufgehört, Braddock zu beobachten. „Vielleicht kannst du es doch“, sagt er. „Kennst du dich in dieser Gegend gut aus?“

Ziemlich gut“, entgegnet Braddock.

Fünfundzwanzig Familien“, erklärt ihm Oldman Brother, „sind mit ihren Wagen auf dem Weg nach Westen. Wir wollen hinüber bis nach Arizona. Es sind natürlich Frauen und Kinder dabei.“

Braddock wird hellhörig. „Und wo steht der Wagenzug jetzt? Und wo wollt ihr hin?“

Ich sagte ja“, entgegnet Oldman Brother, „wir wollen nach Westen, durch New Mexico nach Arizona hinüber. Wir werden dort Rinder züchten.“

Also doch keine Farmer, denkt Braddock. Viehzüchter also, Rancher.

Und woher kommt ihr? Und wo sind die Wagen?“, fragt Braddock wieder.

Wir kommen aus Tennessee. Und die Wagen sind etwa zwanzig Meilen von hier, an einer fruchtbaren Wasserstelle. Wir können nicht ewig da bleiben. Unsere Tiere haben schon alles Gras abgefressen.“

Wer zieht die Wagen?“, will Braddock wissen. „Pferde oder Ochsen?“

Pferde. Und wir haben auch Stiere dabei, Stiere und Mutterkühe. Der Grundstock zu dem, was wir aufbauen wollen.“

Wieviel Stiere und Muttertiere?“, fragt Braddock und ahnt bereits etwas von den Problemen dieser Männer.

Etwas mehr als zweihundert“, entgegnet der Alte.

In welcher Richtung ist diese Wasserstelle, von der ihr sprecht?“, will Braddock wissen.

Der Alte deutet genau nach Osten.

Und ihr wollt geradewegs von hier nach Westen?“, fragt Braddock zweifelnd. „Wisst ihr, wem das Land gehört, das sich über hundertzwanzig Meilen von Süd nach Nord im Westen erstreckt und durch das ihr hindurch müsst?“

Bevor er seinen Satz zu Ende gesprochen hat, weiß Braddock, dass sie es wissen. Er sieht es ihren Gesichtern an. Und damit hat er den Kern ihres Problems getroffen.

Der Alte nickt. „Clooth hat uns die Durchfahrt verboten. Wir dürfen nicht an seine Wasserstellen. Aber es wäre ein viel zu großer Umweg, wenn wir nach Süden oder Norden ausweichen würden.“

Im Süden“, sagt Braddock, „müsstet ihr über mexikanisches Gebiet, wolltet ihr ausweichen, und damit über den Rio Grande. Im Norden ist der Weg noch weiter und geht durch eine viel zu lange Wüstenstrecke, als dass ihr es schaffen könntet.“

Wir wollen auch gar nicht um sein Gebiet herum. Wir wollen mitten hindurch. Wir werden es ihm zeigen“, sagt der Alte und blickt sich beifallheischend nach seinen beiden Begleitern um. Die nicken entschlossen.

Clooth hat aber keinen Spaß gemacht, davon bin ich überzeugt“, sagt Braddock. „Man muss das auch verstehen. Clooth hat zweimal eine gewaltige Viehseuche gehabt. Er fürchtet sich vor fremden Rindern, die aus anderen Gegenden kommen. Zweimal haben ihn die Viehseuchen völlig auf den Boden geschmettert. Er musste wieder ganz von vorn anfangen. Ich kann ihn verstehen. Aber ich kann euch auch verstehen. Wieso kommt ihr nur hier an? Ihr hättet euch viel weiter südlich bewegen können.“

Das ist ja unser Problem“, erklärt Oldman Brother. Er fährt sich mit zwei Fingern über seinen gewaltigen weißen Bart. „Marlow, der uns geführt hat, wollte einen Erkundungsritt machen. Er kam nicht zurück. Und später haben wir seinen Freund Webster gefunden. Er war bereits auf das Gebiet von Clooth geritten. An der Grenze dieses Gebietes fanden wir ihn. Er war tot.“

Erschossen?“, fragt Braddock.

Der Alte nickt. „Erschossen.“

Und sein Pferd?“, will Braddock wissen.

Der Alte zuckt die Schultern. „Verschwunden. Mit allem, was dazugehört. Auch mit den achthundert Dollar, die er Clooth anbieten sollte, um uns freien Durchzug zu gewähren. Verdammt viel Geld. Aber Marlow meinte, das wäre der Preis, für den es Clooth täte.“

Und wieso ist Marlow verschwunden?“

Sie zucken alle drei die Schultern.

Der Alte aber sagt: „Er war noch gestern Morgen bei uns, wollte ein wenig erkunden, mehr nicht. Seine Spur ging in dieselbe Richtung wie deine. Aber dann haben wir sie verloren, als wir danach suchten, und sind auf deine Spur gestoßen.“

Mit anderen Worten“, meint Braddock, „er ist von Osten gekommen und wollte nach Westen.“

Sie nicken wieder alle drei.

Gut“, meint Braddock grübelnd. „Wenn es so ist, dann kann er ja eigentlich nicht weit sein. Sein Ziel wäre dasselbe wie meines, nämlich Sherwood.“

Davon hat er aber nichts gesagt“, erklärt Toby Shriver mit seiner Grabesstimme.

Und was wollt ihr jetzt tun?“, erkundigt sich Braddock. „Wollt ihr umkehren und zurückreiten und weitersuchen? Oder kann ich euch einen Vorschlag machen? Was ich brauche, ist ein Pferd. Ein Pferd, um nach Sherwood zu kommen und meinen Freund zu treffen.“

Wir haben kein Pferd übrig“, erklärt der Alte.

Braddock nickt. „Kann ich verstehen. Aber ich bin noch nicht ganz zu Ende mit meiner Sache. Ich wollte mit meinem Freund nach Mexiko reiten. Ich muss ihm irgendwie Bescheid geben. Das könnte auch einer von euch tun. Ja, vielleicht wäre das richtig. Ich schreibe etwas auf, und einer von euch reitet hin. Ihr könnt mich mit zu eurem Camp nehmen.“

Und dann?“, fragen der Alte und Jeff Williams gleichzeitig. Dabei blicken sie Braddock aus schmalen Augen an.

Dann werden wir weitersehen“, antwortet Braddock.

Gut“, sagt der Alte und wendet sich an Jeff Williams, den Blonden. „Willst du das erledigen mit Sherwood?“

Jeff Williams nickt. „Was ist dein Freund für ein Mann?“

Ich nenne ihn Yumah“, erklärt Braddock. „Er ist ein Indianer, aber die meiste Zeit seines Lebens unter Weißen aufgewachsen. Er spricht wie du und ich, und er ist auch so wie ein Weißer, jedenfalls meistens“, fügt Braddock lächelnd hinzu. „Ich werde etwas aufschreiben. Bring es ihm! Wie ich Yumah kenne, ist er bei Lily.“

Wer ist das?“, will Jeff Williams wissen.

Braddock lächelt verschmitzt. „Sie hat einen Saloon, und viele Männer sind ihre Freunde. Versteh das nicht falsch! Sie ist eine prächtige Frau. Frag nach Lily, und dann bringst du Yumah den Zettel, den ich gleich schreiben werde.“

Dann wollen wir keine Zeit verlieren“, erklärt der Alte. „Du kannst dich hinten auf mein Pferd setzen, hinter mich. Und Toby nimmt deinen Sattel.“

Ihr seid sehr vertrauensselig“, meint Braddock und sieht den Alten eindringlich an. „Was wisst ihr von mir? Ihr nehmt mich mit, und ihr hofft, dass ich euch helfen kann. Vielleicht bin ich einer von den Männern, die auf der Lohnliste von Clooth stehen.“

Der Alte schüttelt den Kopf. „Du bist ein harter Typ, dafür habe ich einen Blick. Aber du hast gute Augen. Ich bin nicht mehr jung, und ich habe viele Menschen kennengelernt. In meiner Jugend hat es auch eine wilde Zeit gegeben, eine sehr wilde Zeit, mein Freund. Da bin ich so gewesen wie du. Und jetzt reden wir nicht mehr länger! Schreib diesen Zettel, und Jeff wird ihn ans Ziel bringen! Vielleicht ist auch Marlow schon wieder im Camp, wenn wir zurückkommen.“

Vielleicht“, meint Toby ungläubig. Zehn Minuten später sitzt Braddock hinter Oldman Les Brother auf dem Pferd. Sie folgen ihren Spuren zurück. Jeff Williams aber ist indessen längst in der anderen Richtung weitergeritten.

Braddock entgeht, dass in der Ferne zwischen Creosotgebüsch ein Mann kniet, der ein Fernglas an die Augen hält und ihn und die anderen beobachtet.

Erst als er sie nicht mehr sehen kann, richtet er sich hinter dem Gestrüpp auf und geht etwa hundert Schritt zurück, wo sein Pferd ebenfalls im Gebüsch verborgen angebunden ist. Er sitzt auf und reitet in westlicher Richtung hastig davon ...

 

*

 

Clooth ist ein Bär von einem Mann, und es scheint ein Wunder zu sein, dass der Schaukelstuhl das massige Gewicht dieses menschlichen Fleischberges aushält.

Drei Männer stehen vor ihm. Und sie stehen in der Sonne, während er im Schatten seiner Veranda sitzt und schaukelt. Dennoch ist die Asche an der dunklen Zigarre in seiner rechten Hand nicht abgefallen. Ganz ruhig schwebt diese Hand, und ebenso unbeweglich wirkt das wie gemeißelt erscheinende Gesicht des Fünfzigjährigen.

Also gut, Blyth, was habt ihr nun mit Marlow gemacht?“

Der schlanke, blauäugige Blyth, der in der Mitte zwischen den beiden anderen steht, wippt auf seinen Absätzen. Er grinst. „Jedenfalls ist er gut untergebracht, Boss! Die Jungs werden dafür sorgen, dass er uns die nächste Zeit keine Schwierigkeiten mehr macht.“

Und wer ist der Bursche, den Brother und seine Begleiter aufgegabelt haben?“

Ich weiß nicht, Boss“, erwidert Blyth. „Er hat sein Pferd verloren, schleppte einen Sattel.“

Und wo hat er das Pferd verloren?“

Blyth zuckt die Schultern. „Nicht die mindeste Ahnung, Boss. Vielleicht haben sie gedacht, bei ihm handelt es sich um Marlow. Aber sie haben ihn mitgenommen, Oldman Brother und einer von den beiden anderen. Und der dritte von ihnen ist weggeritten in Richtung Sherwood.“

Das hast du schon erzählt“, erwidert Clooth und nimmt die Zigarre mit ruhiger Hand zum Mund. Noch immer ist die lange Asche nicht abgefallen. Die Hand, die die Zigarre hält, ist ganz ruhig, kein Zittern, keine Bewegung, dass die Asche abfallen kann. Clooth tut einen vorsichtigen Zug, bläst genussvoll den Rauch nach oben und lehnt sich im Schaukelstuhl zurück. Er sieht den Rauchwolken nach, die er ausgeblasen hat und scheint zu überlegen.

Wen wollen sie in Sherwood informieren?“

Entschuldigen Sie, Boss“, sagt der hässliche Mann neben Blyth, der den Cowboy um Haupteslänge überragt und auch sonst viel bulliger und kräftiger wirkt. „Vielleicht, Boss, hängt es mit diesem Burschen zusammen, den sie aufgegabelt haben.“

Clooth wirft dem Sprecher einen anerkennenden Blick zu. „Ja, Marek, das ist eine Möglichkeit. Aber es gibt noch eine zweite. In Sherwood ist ein Telegraph. Vielleicht versprechen sie sich davon Hilfe. Wir können es uns jedenfalls nicht leisten, noch lange zu warten.“

Clooth wirft einen Blick auf Ernest Blyth, der mit der Neuigkeit zur Ranch gekommen war. „Du hättest sie weiter beobachten sollen, statt sofort zurückzureiten! Und zwar die beiden, die den Fremden mitgenommen haben. Es wäre besser, ich wüsste, wer dieser Fremde ist.“

Blyth zuckt die Schultern. „Und ich hatte gedacht, ich sollte so schnell wie möglich kommen und Ihnen sagen, Boss, was sich da draußen abspielt.“

Na ja, du hast keinen Fehler gemacht, Blyth.“ Er wendet sich dem bulligen Mann zu. „Marek, wie viele Rinder haben sie, sagtest du?“

Vorgestern waren es über zweihundert. Es sind prächtige Bullen dabei. Einige sind besser als die wir haben.“

Und wie viele Männer?“

Marek wiegt den Kopf nachdenklich hin und her. „Ich würde sagen“, erklärt er, „dass es zehn oder zwölf sind. Der Rest sind Frauen und Kinder.“

Nicht mehr als ein Dutzend? Bist du ganz sicher?“, meint Clooth zweifelnd.

Vielleicht sind es auch fünfzehn, ich habe sie nicht zählen können.“

Und keine Cowboys dabei? Es sind Viehzüchter, die werden doch ihre zukünftigen Ranches nicht alleine unterhalten wollen. Da müssen doch Cowboys sein.“

Ich sage ja, Boss, es sind höchstens fünfzehn. Mehr können es nicht sein.“

Also gut, dann holen wir uns die Herde. Zuerst mal nur die Herde. Und Marek, ich sage es dir sehr eindringlich, ich will keine verletzten Frauen und Kinder! Seht euch also vor! Gebt euch Mühe! Wenn die Bullen gut sind, dann werden wir sie umbränden. Aber auf die Kühe lege ich keinen Wert. Die könnt ihr unter euch teilen. Sind es viele Kühe?“

Sehr prächtige Tiere, Boss!“, sagt Marek. „Beste Rasse, Black Angus.“

Mich interessieren nur die Bullen.“

Und was wird mit den Wagen, Boss?“, will Marek wissen.

Die Wagen holen wir uns später, falls sich diese Leute überhaupt noch auf unser Gebiet wagen sollten. Wenn die das Vieh verloren haben, sind sie doch im Grunde ihre ganze Habe los. Was wollen sie dann noch hier? Sie werden umkehren, zurück nach Tennessee gehen, woher sie gekommen sind. Vielleicht versuchen sie es später noch einmal.“

Und der Gouverneur, Boss?“, fragt Marek unsicher.

Clooth lächelt überlegen. „Hat es der Gouverneur schon einmal gewagt, etwas gegen mich zu unternehmen? Hier bin ich der Herr! Kein Gouverneur, kein Sheriff! Ich bestimme allein.“

Plötzlich merkt er, dass die Männer an ihm vorbeiblicken. Er sieht zur Seite, und da entdeckt er den Grund dafür.

Oh, Liebes!“ ,sagt er und blickt seine junge Frau an. Groß und schlank steht sie da. Ihr seidig schimmerndes, schwarzes Haar wallt bis zu den Schultern. Das eng anliegende, weinrote Kleid bringt ihre Figur besonders gut zur Geltung. Der einzige Schmuck, den sie trägt, ist eine doppelte Perlenkette.

Die Frau ist schön. So schön, dass die Männer immer wieder bewundernd zu ihr hinsehen müssen, wenn sie ihr begegnen. Und auch Clooth blickt voller Stolz auf seine zweite Frau, die gut und gern seine Tochter sein könnte. Er ist stolz, eine so schöne junge Frau zu besitzen. Er sieht sie wirklich wie eine Art Besitz, so wie er die schönsten Pferde weit und breit besitzt, die schönsten Stiere, die besten Muttertiere.

Hallo, Liebes“, ruft er ihr zu, „ich komme gleich ins Haus!“

Mit einem unergründlichen Lächeln sieht sie ihn an. Als sie den Mund zum Sprechen öffnet, blitzen ihre perlweißen Zähne. „Lass dich nicht stören. Ich halte es in der drückenden Schwüle drinnen nicht aus.“

Während sie das sagt, mustert sie die drei Männer. Ihr Blick bleibt an Ernest Blyth hängen. Er ist das, was man einen gut aussehenden Mann nennt. Er hat graublaue Augen, ist schlank und sehnig. Während Marek den Blick senkt, schaut Blyth die hübsche Frau unverwandt an. Er weiß, dass Clooth das nicht ausstehen kann, wenn man seine Frau nur ansieht. Aber er tut es dennoch. Er kann einfach den Blick nicht von ihr wenden.

Aber diesmal weist ihn Clooth nicht zurecht, wie er es schon mehrmals getan hat. Clooth bemerkt es gar nicht. Er sieht auf seine Frau.

Ich bin gleich fertig, Liebes. Wenn du willst, kannst du schon einmal den Tee vorbereiten.“

Das mit dem Tee, denkt Blyth, und zieht verächtlich den rechten Mundwinkel nach unten, hat sie eingeführt. Der Boss hat früher nur Kaffee getrunken, Kaffee und Whisky. Jetzt trinkt er Tee wie ein Kranker. Einmal ist er dabeigewesen, sie wollte es so. Aber nur dieses eine Mal. Danach hat Clooth keine Wiederholung zugelassen. Kerzen hatten gebrannt, und ein weißes Tischtuch war aufgelegt worden. Feines Porzellan stand da, und aus ihm wurde der Tee getrunken. Blyth hatte noch nie eine so kostbare Tasse in der Hand gehalten und immerzu gefürchtet, er könnte sie mit seinen sehnigen Fingern zerbrechen.

Clooth ahnt nichts von den Gedanken, die seit Wochen schon im Kopf von Blyth kreisen, weiß nichts von dessen Träumen, in denen immer wieder Victoria vorkommt, die junge Frau von Clooth.

Sie ist viel zu jung für ihn, denkt Blyth, viel zu jung. Sie würde viel besser zu mir passen. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Wäre sie nicht, da hätte ich längst mein Pferd gesattelt und das Weite gesucht. Die Arbeit hier gefällt mir schon lange nicht mehr. Und jetzt die Sache mit diesen Leuten aus Tennessee!

Nein, denkt Blyth, ich werde doch nicht weggehen, auch wenn ich es mir immer wieder vornehme. Ich werde alles tun, was er verlangt, nur damit ich in der Nähe seiner Frau sein kann.

Sie sieht ihn längst nicht mehr an, aber Blyth hat noch immer das Gefühl, dass ihr Blick auf ihm ruht.

Eines Tages, denkt er, eines Tages gehört sie mir. Was kann dieser alte Mann ihr schon bieten? Sie hat ihn nur genommen, weil er keinen Erben mehr hat, seit sein Sohn tot ist. Sein Sohn, der auf die Hörner eines wilden Stieres geriet. Und jetzt ist sie die Erbin. Er hat gehofft, von ihr einen Nachfolger zu bekommen. Aber bis jetzt gebar sie ihm kein Kind.

Die Stimme von Clooth reißt Blyth aus seinen Gedanken.

Ihr wisst Bescheid“, sagt der Rancher, „nur das Vieh! Und keinen Schuss auf eine Frau oder ein Kind! Seht euch vor! Du bist mir verantwortlich, Marek. Keine Frau und kein Kind, ich will nur das Vieh. Die Belohnung kriegt ihr; die Muttertiere sind für euch. Und jetzt verschwindet!“

Sie nicken ihm zu, wenden sich ab und gehen. Blyth tut es nicht, ohne nicht noch einmal zu Victoria Clooth hingesehen zu haben.

Mexikanerin ist sie, aus einer der reichen Familien. So hat man es erzählt, aber er glaubt es nicht. Ihr ganzes Kapital ist ihre Schönheit gewesen und ihre Bereitschaft, Clooth zum Mann zu nehmen. Wäre sie wirklich aus einer reichen Familie, hätte sie Clooth bestimmt nicht genommen. Wozu auch? Ein altes, welkes Fass, was kann das ihr denn bieten, ihr, dieser rassigen jungen Frau, unter deren Haut ein Vulkan schlummert.

Blyth hat sich schon hunderte Male vorgestellt, wie es sein würde, hielte er Victoria Clooth in den Armen. In ihm, das weiß er genau, schlummert ebenfalls ein Vulkan, ein loderndes Feuer kann es werden, wenn er erst einmal die Gelegenheit dazu bekommt, mit ihr wirklich allein zu sein. Und er spürt, dass sie sich nicht damit zufrieden gibt, die Ehefrau dieses reichen Fleischberges zu sein, darauf könnte er schwören.

Als die Männer weggegangen und bis auf Marek und ein paar andere auf ihre Pferde gestiegen sind, um davonzureiten, stemmt sich Clooth schwerfällig aus seinem Schaukelstuhl hoch und lässt sich von Victoria helfen. Er sieht noch, wie Marek mit zwei Cowboys im Schlafhaus verschwindet.

Horace, wenn du jetzt nicht kommst, wird der Tee wirklich kalt“, sagt sie mit einschmeichelnder, dunkler Stimme.

Als er steht, ist er größer als sie. Aber er spürt die Müdigkeit in allen Knochen, wenn er sich auch bemüht, noch immer der unverwüstliche, starke Horace Clooth zu sein. Er selbst weiß, dass er es nicht mehr ist.

Sie weiß es auch. Sie weiß, dass er fast jeden Abend einen anderen Grund sucht, um nicht mit ihr ins Bett gehen zu müssen. Dass er Arbeit vorschiebt, dass er dieses oder jenes noch dringend erledigen müsste. Nur ganz selten will er noch etwas von ihr, und oft genug will sie es dann nicht. Aber sie lässt es ihn nicht merken, wie sie darüber denkt. Sie lächelt ihn verführerisch an, und er will gar nicht sehen, dass es ein einstudiertes Lächeln ist, das nichts von dem ausdrückt, was sie wirklich für ihn empfindet.

Als sie sich dann am Tisch gegenübersitzen und eine junge, dralle Mexikanerin ihnen den Tee eingeschenkt hat, sagt Victoria:

Was hast du denn vor, Horace? Geht es immer noch um diese Fremden aus Tennessee?“

Er nickt bedeutsam. „Ja, darum geht es. Ich will nicht, dass sie mein Land überqueren. Ich will sie nicht sehen. Und ich will auch nicht, dass sie hier nach New Mexico durchziehen oder gar nach Arizona, wie sie behaupten.“

Aber ich verstehe eines nicht, Horace. Wenn du Angst vor Viehseuchen hast, warum willst du dann, dass deine Männer ihnen dieses Vieh wegnehmen?“

Um es zu erschießen, damit es gar nicht erst auf mein Land kommt.“

Sie sieht ihn zweifelnd an, aber sie schweigt. Und als er ihren Blick erwidert, lächelt sie wieder, wie sie es immer tut, wenn er sie ansieht. Dabei richtet sie sich etwas auf, so dass die Rundungen ihrer Brust besonders gut zur Geltung kommen. Sie weiß, wie das auf ihn wirkt.

Du bist so klug“, sagt sie leise. Und es klingt anerkennend. „Du weißt gewiss, was du tust. Ich bin glücklich an deiner Seite.“

Die Lüge kommt ihr leicht über die Lippen. Und sie fügt hinzu: „Ich habe nur Sorge, dass du Schwierigkeiten bekommst, mein Lieber.“

In seinen Ohren klingt es, als mache sie sich Sorgen um seine Gesundheit. Etwa darum, dass er in Gefahr geriete. Aber in Wirklichkeit denkt sie an sein Imperium, an diese Ranch, an die riesigen Herden, die sie nicht in Gefahr sehen will, nur weil er einen Fehler gemacht hat. Er darf keinen Fehler machen. Sie will diese Ranch eines Tages ganz für sich. Es beunruhigt sie keinesfalls, dass er des öfteren über Leberschmerzen klagt, über Stiche in seinem Bauch und an seiner Seite und dass er mitunter das Essen nicht verträgt, wenn es nur etwas scharf gewürzt ist. Im Gegenteil, es sind für sie Anzeichen dafür, dass diese Ranch bald ihr allein gehören wird. Und für dieses Ziel nimmt sie alles auf sich. Aber im Augenblick zieht sie mit ihm an einem Strick. Sie hält zu ihm. Und sie ist bereit, alles über sich ergehen zu lassen, was er von ihr verlangt.

Als sie die Tasse zum Mund führt, muss sie an Blyth denken. Der Junge gefällt ihr. Er ist ein hübscher Bursche. Seine wasserhellen Augen, das schmale, straffe Gesicht, seine sehnige, jugendliche Gestalt, aber auch die Härte, die sie ihm ansieht, gefallen ihr. Aber sie will keinen Fehler machen. Nicht, so lange Clooth am Leben ist. Vielleicht wird er noch viele Jahre leben, wer weiß es. Nein, denkt sie, keine dummen Spielchen. Ich werde mir nicht alles durch so etwas verderben.

Wann werden deine Männer losreiten, um dieses Vieh zu holen?“, fragt sie.

Die kommende Nacht“, erklärt er. „Aber es ist keine Sache, um die du dich kümmern solltest. Das ist nichts für eine zarte Frau, wie du es bist.“

Er lächelt sie gewinnend an. Sie lächelt zurück. Er ist sicher, dass sie ihn liebt. Aber sie muss in diesem Augenblick an etwas ganz anderes denken. Etwa daran, warum er nicht an der Spitze seiner Männer reitet, warum er sich nicht in Gefahr begibt, um womöglich darin umzukommen. Das würde ihre Pläne begünstigen, sie ihrem Ziel mit einem Schlag nahebringen.

Bist du sicher, Liebster, dass sie alles richtig machen? Manchmal denke ich, Marek ist einer solchen Sache nicht gewachsen. Er mag ein guter Vormann sein, wenn es um die Herden geht. Aber so etwas... “

Sie lässt unausgesprochen, was sie damit meint. Aber er versteht sie.

Marek ist ein guter Mann. Er ist schon sehr lange bei mir, und er weiß genau, was er zu tun hat.“

Hoffentlich weiß er es“, sagt sie nachdenklich.

Er ahnt nicht, was sie ihm damit andeuten will. Doch schließlich erklärt er ganz von sich aus: „Diese Sache mit den Rindern ist nichts weiter. Das machen die Jungs ohne mich. Aber wenn diese Burschen nicht von alleine verschwinden, dann werde ich mit meinen Jungs diese Bande von Fremden von der Weide blasen, werde sie in die Wüste treiben.“

Du oder deine Männer?“, fragt sie lakonisch.

Ich und meine Männer.“

Willst du damit sagen, dass du dich selbst auf ein Pferd setzen und mit deinen Männern reiten würdest?“, will sie wissen.

Er nickt grimmig. „Natürlich täte ich das. Glaubst du, ich bin zu alt dafür? Da hast du aber eine Ahnung! Immerhin reite ich jeden Tag eine Stunde.“

Ja, das tut er, denkt sie. Er hat ein besonders kräftiges Pferd. Es ist nicht schnell, aber es ist stark genug, ihn zu tragen. Er ist schweißüberströmt, wenn er zurückkommt von seinem einstündigen Ritt. Und das Pferd ist es auch. Aber ich werde nichts sagen. Vielleicht reitet er wirklich einmal an der Spitze seiner Männer in einen Kugelregen hinein. Und dann gehört mir die Ranch. Marek wird alles tun, was ich von ihm verlange. Und Blyth?

Sie sieht wieder das Gesicht des Cowboys vor sich. Er hat ihr von Anfang an gefallen und hat nie demütig das Gesicht gesenkt, wenn sie ihn ansah. Und er tut es auch heute nicht. Mehrmals hat ihn ihr Mann schon zurechtgewiesen, ohne dass es Blyth beeindruckt zu haben scheint. Er gefällt ihr wirklich. Aber irgendwie hat sie das Gefühl, dass er nicht die Persönlichkeit ist, die sie brauchte, um diese Ranch richtig zu führen.

Nein, überlegt sie weiter. Blyth, das ist ein netter, hübscher Junge, aber nicht das, was ich brauche. Vielleicht einmal ein Abenteuer. Aber nicht, solange Clooth lebt. Dieses Risiko gehe ich nicht ein.

Warum lässt du diese Männer nicht einfach durch dein Land ziehen? Was soll denn schon passieren? Sie kommen und gehen, und du siehst sie nie wieder.“

Und von da an kommen sie alle über mein Land mit ihrem kranken Vieh! Victoria, du weißt nicht, wie es schon zweimal hier gewesen ist, wie Seuchen meine Herden völlig vernichtet haben. Und ich musste ganz von vorn anfangen. Mühsam mit ein paar Dutzend Rindern, die ich von Mexiko herauftreiben ließ. Beim zweiten Mal hatte ich nicht einmal mehr das Geld, um es von anderen machen zu lassen. Da musste ich es selbst tun. Nein, Victoria, ich will das nicht wieder erleben! Es gibt kein Wegerecht durch mein Land, nicht für einen Reiter und nicht für eine Herde. Sie können sich andere Wege suchen. Und erst recht lasse ich sie nicht an meine Wasserstellen. Aber daran müssen sie, wenn sie mein Land durchqueren. Sie werden alles mögliche heranschleppen. Ich jage sie zurück.“

Aber wenn du ihnen das Vieh nimmst, Horace, und wenn du dieses Vieh tötest, dann ist das Diebstahl. Es ist Raub! Das hast du doch nicht nötig.“

Überlass diese Dinge besser mir“, erwidert er abweisend.

Sie ist klug genug, nun zu schweigen. Sie trinkt wieder und blickt ihn über die Tasse hinweg forschend an. Nein, sie wird kein Wort mehr sagen. Das macht ihn nur halsstarrig.

Als sie ihren Tee ausgetrunken hat, erhebt sie sich und sagt: „Tut mir leid, ich habe noch etwas in der Küche zu tun. Ich nehme an, du hast auch Arbeit, nicht wahr?“

Er hört gar nicht hin, blickt gedankenverloren an ihr vorbei zum Fenster hinaus. Aber draußen gibt es nichts Sehenswertes. Da dreht sich das Windrad, und die quietschende Pumpe fördert Wasser aus der Tiefe hervor, das gluckernd in den grossen Tank fließt, der als Wasserreservoir dient.

Ihr Kleid rauscht, als sie hinausgeht. Sonst schaut er ihr nach. Diesmal tut er es nicht.

Als sie in der Küche steht und ebenfalls zum Fenster hinausblickt, ist sie überrascht. Er hat noch gute Augen, denkt sie. Ich habe den Reiter draußen nicht gesehen. Aber er scheint ihn gesehen zu haben.

Der Reiter ist noch winzig klein in der Ferne. Aber er kommt näher, eine Staubwolke hinter sich aufwirbelnd. Er nähert sich rasch. Und er kommt aus der Richtung, aus der vorhin Blyth gekommen ist.

Ist das einer von unseren Männern, denkt sie und hört gleichzeitig das Poltern des Stuhles drinnen im Wohnzimmer, hört den schweren Schritt ihres Mannes, der zur Veranda geht. Dann klappt die Tür, und draußen knarren die Dielen der Veranda unter dem Gewicht des Ranchers.

Das Mädchen hantiert am Spülstein, während Victoria zum Fenster hinaus auf die Savanne blickt, wo sich dieser Reiter nähert. Und dann ist es soweit. Sie kann mehr von ihm erkennen. Ein blonder Mann. Ein Fremder. Als er noch näher herankommt, sieht sie, dass er einen Schnurrbart hat, eine schlanke und doch breitschultrige Gestalt. Etwas an ihm fasziniert Victoria. Sie hat den Mann noch nie gesehen, noch nie sprechen hören, und doch ist sie wie gebannt von seinem Anblick.

Er reitet ein mittelmäßiges Pferd. Es schnaubt und ist an den Flanken feucht geworden von dem scharfen Ritt. Aber der Mann sitzt im Sattel, als hätte er ihn gerade erst bestiegen.

Vor der Veranda hält er an. Er wirkt lässig, überlegen. Als er den Kopf hebt und die Hutkrempe sein Gesicht nicht mehr beschattet, sieht sie, dass er blaue Augen hat, leuchtend blaue Augen …

 

*

 

Braddock hat die Wagen, die Männer, Frauen und Kinder gesehen, die dazugehören, und auch das Empfehlungsschreiben des texanischen Gouverneurs, das ihm Oldman Brother gezeigt hat.

Dann hat er sich auf den Weg gemacht. Auf einem frischen Pferd der Siedler, um mit Clooth zu sprechen.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904604
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
braddock victorias racheschwur

Autor

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Titel: Braddock #6: Victorias blutiger Racheschwur