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Heldenhafte Seemänner #2: Passagierschiff Sanssouci in Seenot

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Die SANSSOUCI war einer der stolzen Ozeanliner, die zu den Rivalen im Kampf ums Blaue Band gehörten. Sie war ein 36 000 BRT Schnelldampfer, hochmodern, luxuriös, und auf ihr fuhr die US-Olympiamannschaft 1936 zur Olympiade nach Berlin. Aber genau diese Fahrt leitete das Schicksal dieses herrlichen Schiffes ein. Auf dem Rückweg von Bremerhaven nach New York nahm die SANSSOUCI eine geheimnisvolle Ladung, aber noch geheimnisvollere Passagiere an Bord …
Ein Abenteuerroman aus einer unruhigen Zeit, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges – meisterhaft in Szene gesetzt von Glenn Stirling.

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

Band 2

 

Passagierschiff SANSSOUCI in Seenot!

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Willy Stöwer mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Die SANSSOUCI war einer der stolzen Ozeanliner, die zu den Rivalen im Kampf ums Blaue Band gehörten. Sie war ein 36 000 BRT Schnelldampfer, hochmodern, luxuriös, und auf ihr fuhr die US-Olympiamannschaft 1936 zur Olympiade nach Berlin. Aber genau diese Fahrt leitete das Schicksal dieses herrlichen Schiffes ein. Auf dem Rückweg von Bremerhaven nach New York nahm die SANSSOUCI eine geheimnisvolle Ladung, aber noch geheimnisvollere Passagiere an Bord …

Ein Abenteuerroman aus einer unruhigen Zeit, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges – meisterhaft in Szene gesetzt von Glenn Stirling.

 

 

Roman

 

Der See lag im kupfernen Abendglanz dieses Spätsommertages. Über den Bergspitzen im Nordosten ballten sich drohende Gewitterwolken zusammen, deren Schatten bis weit über das Schilf am nördlichen Ufer des Lago Maggiore fielen.

Hardy Meichsner kam dieser Anblick wie ein Symbol vor. Ein Symbol der Zeit und dessen, was er von ihr zu erwarten hatte.

Als die Tür des Besucherzimmers knarrte, schreckte er aus seinen Gedanken auf. Er wandte sich vom Fenster ab, blickte die ältliche Sekretärin an, die ihn mit gesenktem Kopf über den Rand ihrer dunklen Hornbrille hinweg ansah.

Ist es wirklich so wichtig, dass Sie den Grafen stören müssen?“

Jedes ihrer Worte verriet ihre tiefe Missbilligung.

Es ist eine äußerst wichtige Information, und ich wette mit Ihnen, dass der Graf Sie feuern würde, wenn Sie mich nicht auf der Stelle zu ihm lassen.“

Sie zuckte zusammen wie unter einem Schlag, wandte sich um, öffnete die Tür wieder und rief mit spröder Stimme: „Herr Meichsner ist da.“

Von drinnen schallte es bis ins Besucherzimmer: „Dann herein mit ihm!“

Hardy Meichsner ging an der Sekretärin vorbei, die ihn noch immer verschreckt ansah, schloss die Tür hinter sich und blieb stehen.

Ein dutzend Mal war er schon hier in diesem Raum gewesen, aber es erging ihm wie beim ersten Mal: Er war einfach überwältigt. Diese Wand von Büchern, die schweren massiven Eichenmöbel, dieser Klotz von einem Schreibtisch, der gewaltige Globus, die schweren Leuchter, die kostbaren Vorhänge und Gardinen. Aber alles das war nichts gegen den Anblick der Gestalt, die da in einem riesigen Sessel hinter dem Schreibtisch thronte.

Schütteres graues Haar, einen Kopf wie geschnitzt, an dem vor allen Dingen die Nase auffiel. Sie hatte etwas Raubvogelhaftes an sich. Auch die Augen wirkten wie von einem Greifvögel. Hell, scharf dreinblickend, drohend.

Die Schultern des Mannes wirkten breit. Die ganze Gestalt erinnerte an ein Denkmal. So saß er da und beobachtete seinen Besucher. Kein Muskel in dem kantigen Gesicht schien sich zu bewegen.

Meichsner grüßte kurz; dann trat er an den Schreibtisch heran. Er wartete die Aufforderung, sich zu setzen, nicht ab. Eine solche Aufforderung würde es bei Graf Bendorff nie geben.

Dass er sich unaufgefordert gesetzt hatte, veranlasste den Grafen, die buschigen Augenbrauen als Zeichen seiner Verwunderung nach oben zu ziehen. Aber kein Wort der Missbilligung, keine Frage, nicht einmal den Gruß von Meichsner hatte er erwidert. Er schrieb und wartete.

Hardy Meichsner kannte ihn. Er wusste, dass Graf Bendorff kein Mann vieler Worte war, und es interessierte ihn auch nicht, denn er wurde für das, was er tat, von ihm bezahlt. Gut bezahlt. Man könnte sagen, fürstlich bezahlt.

Hardy Meichsner zog das kleine Notizbuch aus seiner Seitentasche, klappte es auf und las ohne Umschweife vor:

Am 18. Juli dieses Jahres putscht in Spanisch-Marokko ein General namens Franco mit seinen Offizieren gegen die republikanische Volksfrontregierung. Der Putsch greift rasch auf andere Kasernen, auch auf das Festland Spaniens über, und die Regierung reagiert ziemlich langsam. Trotzdem mobilisiert sie regierungstreue Einheiten gegen Franco und seine Offiziere und gegen die putschenden Einheiten auf dem Festland. Sie hätten eigentlich überhaupt keine Chance gehabt, sich länger als eine Woche zu halten. Im Grunde verfügt dieser General Franco gar nicht über die notwendigen Munitionsreserven, um das Festland überhaupt zu betreten. Aber da geschieht etwas Merkwürdiges. Da taucht vor Tanger in der Nacht ein Schiff auf, löscht auf der Reede vor Tanger seine Ladung, und gleichzeitig gehen mehr als zweitausend Passagiere an Land. Schon wenig später verlassen diese Passagiere die freie Zone von Tanger in Richtung Spanisch-Marokko und schließen sich nach meinen zuverlässigen Informationen den rebellierenden Truppen dieses Generals Franco an. Und er übernimmt wie selbstverständlich die Ladung, die ihm dieses zunächst noch unbekannte Schiff zukommen lässt. Es bleibt zunächst ein Geheimnis, was es für ein Schiff ist. Aber dann stellt sich heraus, dass es sich um die SANSSOUCI handelt. 36.000 Bruttoregistertonnen, eins der schnellsten und schönsten Passagierschiffe dieser Welt.“

Der Graf sah Meichsner aus schmalen Augen an. „Die SANSSOUCI?“, fragte er mit spröder Stimme. „Ich denke ...“

Meichsner nickte. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Die SANSSOUCI fährt für eine New Yorker Reederei, und deren Stammkapital befindet sich im Besitz von Gustave Pelliard, einem der mächtigsten, reichsten Männer Frankreichs.“

Der Graf lehnte sich zurück, lächelte und sagte: „Natürlich. Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Schließlich ist Pelliard mein Freund.“

Unbeirrt fuhr Meichsner in seinem Bericht fort und las weiter aus seinem kleinen Notizbuch vor:

Nachdem die SANSSOUCI ihre Ladung gelöscht hatte, lichtete sie die Anker und verließ das Mittelmeer in Richtung New York. Ich habe ermittelt, wo sich die SANSSOUCI befunden hatte, bevor sie Tanger anlief. Und zwar war sie nach ihrer Ausreise von New York zuerst nach Bremen gefahren. Fast alle Passagiere waren Zuschauer oder Teilnehmer an der Olympiade 1936 in Berlin. Unter anderem befand sich die amerikanische Olympiamannschaft an Bord. Unter ihnen die größten Favoriten der Amerikaner: Jesse Owens für den Langstreckenlauf, und Morris für den Zehnkampf. Dort in Bremen sind ganz offensichtlich jene „Passagiere“ an Bord gegangen, die sich später den Truppen dieses Generals Franco anschlossen.

Auf dem Weg nach Bremen hat die SANSSOUCI auch Southampton angelaufen. Dort ging diese Mrs. Simpson von Bord, von der die ganze Welt redet, dass sie die Geliebte des englischen Königs Edward VIII. wäre.“

Der Graf hob abwehrend die Hände. „Diese Geschichte interessiert jetzt nicht.“

Sie hat aber einige Bedeutung, Graf“, widersprach Meichsner. „Dieser Edward VIII. ist äußerst deutschfreundlich. In Großbritannien hat sich im Verhältnis zum Deutschen Reich einiges geändert, und das spielt auch hier eine Rolle.“

Im Augenblick interessiert mich nur dieses Schiff. Berichten Sie mir, was geschehen ist, nachdem es Tanger in Richtung New York verlassen hat.“

Es ist der neueste Stand, Graf. Mehr weiß ich noch nicht. Ich habe keine Ahnung, welche Fahrt die SANSSOUCI antritt, wenn sie in New York wieder Passagiere an Bord genommen hat.“

Nun gut. Dann habe ich jetzt einen Auftrag für Sie; einen neuen Auftrag. Ich weiß, dass Sie lange zur See gefahren sind, dass Sie Offizier an Bord von Frachtschiffen waren, deshalb werde ich Ihnen eine Position als Zweiter oder Dritter Offizier an Bord der SANSSOUCI verschaffen. Es kann auch sein, dass es eine andere Rolle ist, die Sie dort spielen müssen. Aber wie ich erwarten kann, werden Sie Ihrer Aufgabe gerecht werden.“

Welche Aufgabe genau, Graf Bendorff? Es kann doch nicht bloß die sein, dass ich die Arbeit eines Schiffsoffiziers oder was immer an Bord der SANSSOUCI erfüllen muss.“

Zum ersten Mal lächelte Graf Bendorff, und sein eben noch so kantiges wie gemeißelt wirkendes Gesicht entspannte sich.

Natürlich nicht“, sagte er leise, beugte sich ein wenig yor und fuhr fort: „Ich muss wissen, was die SANSSOUCI an Bord nimmt, ich muss wissen, wohin sie fährt, ich muss alles erfahren, was hinter der Geschichte steckt, die Sie mir hier eben gerade vorgesetzt haben.“

Ich bin sicher, dass der französische Geheimdienst ebensolche Anstrengungen unternehmen wird.“

Der Graf winkte ab. „Mich interessiert kein Geheimdienst. Mich interessiert, was hier geschieht.“

Er strich sich nachdenklich übers Kinn, warf einen prüfenden Blick auf Meichsner, starrte dann aber zum Fenster hinaus auf den abendlichen See. Und wie zu sich selbst sagte er: „Wir werden ein Schiff chartern. Ein schnelles und gutes Schiff mit einer zuverlässigen Besatzung, das die SANSSOUCI vor dem europäischen Festland erwarten wird, wenn sie das nächste Mal von New York kommend da eintrifft. Und Sie, Meichsner, werden da schon an Bord der SANSSOUCI sein. Dazu benutzen Sie ein Flugzeug. Wie Sie ja wissen, hat die deutsche Lufthansa mit ihrem Flugboot Do 18 acht Flüge von Europa über die Azoren nach New York geplant und davon, wie ich heute Morgen noch gelesen habe, vier erfolgreich hinter sich gebracht. Der nächste Flug findet übermorgen statt, und ich werde Ihnen einen Platz in dieser Maschine besorgen, koste es was es wolle.

Sobald die SANSSOUCI sich mit Ihnen an Bord dem Festland nähert, nehmen sie Verbindung mit dem Schiff auf, das dort auf Sie wartet. Sie erhalten, wenn Sie in New York ein treffen, durch unseren Mittelsmann zusätzliche Anweisungen, die ich Ihnen jetzt noch nicht geben kann. Und nun, Meichsner, machen Sie sich auf den Weg. Die formellen Dinge und die Finanzierungsfragen besprechen Sie am besten draußen mit meiner Sekretärin.“

Eine Frage, Graf Bendorff, ist Rose nicht mehr da?“, erkundigte sich Meichsner.

Der Graf lächelte. „Sie werden sie wiedersehen. Sie werden sie in Paris wiedersehen. Denn das vergaß ich Ihnen zu sagen: Ich möchte gerne, dass Sie in Paris bei Monsieur Pelliard vorbeifahren und ganz kurz mit ihm sprechen. In seinem Vorzimmer werden Sie ganz sicher Mademoiselle Rose begegnen …“

 

*

 

Traditionsgemäß heulte der Typhon des großen Passagierschiffes auf, als die SANSSOUCI die Freiheitsstatue vor New York passierte. Voraus die Skyline von Manhattan, Symbol eines freien, mächtigen Landes.

Kapitän Dale, ein großer hagerer Mann mit dunklem Haar, stand oben auf der Brücke und blickte nachdenklich auf die Kette der Wolkenkratzer, die sich vor ihm zeigten. Neben ihm stand Jack Powell, sein IO (Erster Offizier), ein blonder Mann mit kühnem Gesichtsausdruck.

Ich bin froh, dass wir in Lissabon Leute an Bord genommen haben. Wie stünden wir jetzt da, wenn kein einziger Passagier an Bord wäre.“

Jack Powell schwieg. Er wusste, was es für Passagiere waren. Die meisten von ihnen hatten diese Fahrt nicht zu einem reinen Vergnügen angetreten, sondern waren Flüchtlinge. Zum großen Teil Juden, die voraussahen, was ihnen dieses Deutschland des Dritten Reiches bescheren würde und die die Gelegenheit der Olympiade nutzten, um dieses Dritte Reich zu verlassen. Über Frankreich waren sie bis nach Portugal gekommen. Nur wenige von ihnen hatten sich in einem dieser Länder, die auf dem Wege lagen, niederlassen können. Und jetzt war Amerika ihre große, vielleicht auch ihre letzte Hoffnung.

Es gab allerdings auch ein paar Erste Klasse-Passagiere. Doch im großen und ganzen standen die Kabinen der ersten Klasse leer. Auf der Fahrt über den Atlantik hatten sich nur wenige Gäste am Kapitänstisch befunden. Die meisten der Passagiere fuhren in der Touristenklasse. Bei manchen hatte der Zahlmeister großzügig mit dem Fahrpreis entgegenkommen müssen, denn ein Zwischendeck gab es auf der SANSSOUCI nicht.

Gravitätisch rauschte der Passagierdampfer auf den Hafen zu. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo die Schlepper längsseits kamen und die SANSSOUCI gleich an den Haken nehmen würden. Der Lotse befand sich auch schon seit geraumer Zeit an Bord. Er stand halbrechts bei den beiden Schiffsoffizieren und gab seine Anweisungen an den Rudergast.

Die SANSSOUCI war ein großes Schiff, und entsprechend geräumig hatte man Ruderhaus und Brücke angelegt. Und sie war auch ein sehr modernes Schiff. Von französischen Ingenieuren entworfen, befand sie sich im Eigentum einer der solventesten amerikanischen Reedereien. Nur wenige Leute in Amerika wussten, dass diese Reederei zu einundfünfzig Prozent im Besitz eines französischen Magnaten war.

Nicht einmal Kapitän Dale hatte davon genaue Kenntnis.

Ein Beiboot näherte sich von Manhattan her und kam längsseits.

Na endlich“, meinte Kapitän Dale und sah ungeduldig auf die Uhr. „Es wird ja höchste Zeit, dass Finch kommt.“

Ein paar Minuten später meldete ein Läufer die Ankunft von Mr. Alexander Finch. Kurz darauf empfing Kapitän Dale den Gast in seinem Salon.

Genau wie Dale war Finch ein großer Mann, hager, so etwa Ende Vierzig. Dale fiel auf, dass Finch seit dem letzten Zusammensein eine deutliche Spur grauer geworden war.

Sie begrüßten sich lächelnd. Dann nahmen sie in den behaglichen Sesseln Platz, und ein Steward servierte auf Dales Geheiß hin einen Drink.

Als der Steward verschwunden war und die beiden Männer ihre Gläser in den Händen hielten, noch immer ein verbindliches Lächeln in den Gesichtern, da begann schließlich Finch das eigentliche Gespräch, dessentwegen sie zusammengekommen waren. Und das Lächeln schwand jäh aus seinem Gesicht.

Ihr Umweg über Lissabon ist offensichtlich nicht unbemerkt geblieben. Wenn Sie mit dem Schiff festmachen, werden Journalisten an Bord kommen und Ihnen ein paar Fragen stellen, von denen eine lautet: Wen haben Sie in Bremen an Bord genommen? Und eine zweite wird lauten: Wohin haben Sie diese Menschen und diese Fracht gebracht?“

Dale lächelte. „Es war eine humanitäre Aufgabe, die ich da erfüllt habe. Flüchtlinge; ebensolche Flüchtlinge wie jene, die ich hier an Bord habe.“

Wohin haben Sie diese Flüchtlinge gebracht?“, wollte Finch wissen.

Aber ich habe es Ihnen doch über Funkspruch mitgeteilt. Diese Leute sind in Tanger in der Freizone von Bord gegangen.“

Natürlich“, sagte Finch, „das haben Sie mir mitgeteilt. Und Sie behaupten, das seien Flüchtlinge gewesen? Juden etwa?“

Dale zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht Juden. Sie hatten ihr ganzes Gepäck, sie hatten alles dabei.“

Frauen und Kinder natürlich auch.“

Ich weiß es nicht. Ich kümmere mich nicht um alle meine Passagiere, obgleich ich verantwortlich dafür bin, dass es ihnen gutgeht. Aber Klagen sind mir nicht zu Ohren gekommen. Da müsste ich mich schon mit dem Zahlmeister unterhalten, wieviel Frauen, Kinder und Männer es gewesen sind. Ich kenne nur die Gesamtzahl. Es waren 2248.“

Finch beugte sich vor und blickte Dale durchdringend an.

Kapitän, wir können diese Antwort nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Man wird Ihnen sehr eindringliche Fragen stellen. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Interessen der politischen Mächte auf der Welt sehr unterschiedlich sind. Uns geht es aber nicht um die Politik; uns geht es darum, dass wir ein kaufmännisches Unternehmen haben, eine Reederei, die Profit machen soll. Es ist zwar gut, wenn die sich von der deutschen Reichsregierung Flüchtlinge auf das Schiff setzen lassen und an irgendeinen Ort dieser Erde bringen, wo sie die Möglichkeit haben, freie Menschen zu sein. Es besteht aber auch die ganz erhebliche Gefahr, dass es sich nicht um Flüchtlinge gehandelt hat, sondern um Soldaten. Soldaten, die unter dem Vorwand, Flüchtlinge zu sein, einem putschenden General zur Verfügung gestellt werden und um Kriegsmaterial, das sich ebenfalls an Bord dieses Schiffes befand.“

Kriegsmaterial?“, fragte Dale sichtlich überrascht. „Ich hatte nur das Hab und Gut der Flüchtlinge an Bord, sonst nichts.“

Finch lehnte sich zurück. „Wollen Sie mir das im Ernst erklären?“

Dale zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht mehr, und mehr möchte ich auch nicht wissen. Sie haben vorhin ganz recht gesagt, dass es sich bei einer Reederei um ein kaufmännisches Unternehmen handelt, das Profit machen muss. Ich habe die Fracht im voraus kassiert. Der Zahlmeister wird Ihnen die Abrechnung vorlegen, das Geld aushändigen, und ich glaube zugunsten der Reederei das Beste getan zu haben. Bis jetzt habe ich nicht unter dem Zwang gestanden, meine Passagiere einer Gehirnwäsche unterziehen zu müssen, oder in jeder Kiste, die sich an Bord befindet, nachzusehen, was sie beinhaltet. Ich bin nicht von der Polizei, und ich bin kein Zöllner.“

Finch nickte, als hätte er eine andere Antwort nicht erwartet. „Und wie sieht es mit Ihrer Mannschaft aus? Ist die auch so fest in der Überzeugung, alles recht und gut getan zu haben, und nicht einen Deut davon weiß, was wirklich hinter dieser Geschichte steckt?“

Meine Mannschaft wird Ihnen keine andere Antwort geben können als die, welche ich Ihnen gegeben habe.“

Finch erhob sich. „Nun gut. Ich habe inzwischen ein Telegramm bekommen. Ein Telegramm aus Paris. Dazu muss ich Ihnen erklären, dass einundfünfzig Prozent der Reederei in den Händen eines französischen Multimillionärs liegen. Eines Mannes, der mächtiger ist, als Sie es sich vorstellen können. Und dieser Mann möchte Sie, wenn Sie das nächste Mal nach Europa kommen, sprechen. Und er hat mich beauftragt, das sage ich Ihnen im Vertrauen, Sie ganz eindringlich danach zu befragen, ob es sich tatsächlich um Flüchtlinge gehandelt hat, wie vor allen Dingen von Deutschland aus behauptet wird, oder aber um Soldaten. Und das ist eine Behauptung, die zum Teil von französischen Gazetten ausgeht.“

Dale zündete sich eine Zigarre an, machte den ersten Zug und blickte gedankenverloren dem Rauch nach, den er dann ausblies. Schließlich sagte er langsam und jedes Wort überlegend: „Will dieser Franzose, dem einundfünfzig Prozent der Reederei gehören, vielleicht einen anderen Kapitän?“

Finch hob beschwörend die Hände. „Um Himmels willen! Das hat kein Mensch gesagt. Er würde es auch nur über meine Leiche verlangen können. Dann müsste er mich ablösen. Und noch bin ich der Manager der Reederei, noch bestimme.ich, wen wir als Kapitän einstellen. Nein, das kommt gar nicht in Frage! Sie sehen mich auf Ihrer Seite. Aber der Verdacht, dass es sich um Soldaten gehandelt hat, die von der Naziregierung jenem faschistisch angehauchten, putschenden General Franco zur Verfügung gestellt werden, ist natürlich ausgesprochen worden, und man muss ihn entkräften.“

Dale lächelte geringschätzig. „Was schreiben denn die Engländer? Ich hatte auf der Hinfahrt einige sehr prominente Passagiere an Bord, unter anderem auch ein Teil des Freundeskreises um König Edward VIII.“

Ich weiß, ich weiß. Mrs. Simpson war an Bord, und noch einige mehr. Mr. Dale, lassen Sie sich von mir sagen, das hat alles keine Bedeutung. Es interessiert nicht, was die Engländer sagen, und wen Sie an Bord Ihres Schiffes hatten. Das sind nur Ablenkungsmanöver. Hier geht es um etwas anderes. Dieser Gustave Pelliard, dieser Mann, dem einundfünfzig Prozent unserer Reederei gehören, der Mitinhaber von Ölgesellschaften, Raffinerien, Stahlfabriken und vielem anderen mehr auf dieser Welt ist, dieser Gustave Pelliard ist ein eingeschworener Feind Hitlers. Das müssen Sie wissen. Und wenn wir bei der These bleiben, dass es sich um Flüchtlinge gehandelt hat, und Ihre Geste im Grunde eine humanitäre Hilfe war, dann müssen Sie dafür sorgen, dass es nichts, aber auch gar nichts gibt, wodurch das Gegenteil bewiesen wird. Ich möchte auch keinerlei solcher Aktionen mehr billigen; halten wir uns von jeder Politik fern. Dieses Schiff ist ein Passagierdampfer, einer der modernsten und schönsten der Welt, und dabei wollen wir es belassen. Wir wollen Passagiere über die Ozeane fahren, wir wollen ihnen den luxuriösesten Service bieten und trotzdem guten Verdienst machen. Aber wir wollen keinesfalls uns in den Dienst irgendeiner Sache stellen, die uns nachher zum Verhängnis wird.“

Dale sagte nichts dazu. Er blickte auf seine Zigarre, drehte sie zwischen den Fingern und sah schließlich Finch an, als erwartete er von ihm weitere Äußerungen. Aber Finch schwieg auch.

Eine ganze Weile sahen sie sich nur an, tranken oder rauchten, und schließlich entspannte sich Finchs Gesicht zu einem Lächeln, und er meinte versöhnlich: „Wie dem auch sei, mein Lieber, ich stehe hinter Ihnen. Ich habe nur die herzliche Bitte, so ganz unter uns, dass Sie mich immer unterrichten. Ich gebe zu, mir passt das auch nicht, dass dieser Pelliard seinerzeit die Anteile der früheren Eigner gekauft hat. Ich muss mich aber nach der Decke strecken. Verstehen kann ich Sie schon.“

Dale nickte. „Natürlich. Sie wissen ja auch, dass mich niemand daran hindern könnte, dieses oder jenes abermals zu tun. Das einzige, was mich erwartete, wäre die Entlassung als Kapitän. Aber das käme immer erst danach. Und glauben Sie mir, Mr. Finch, niemand kann mich davon zurückhalten, eine humanitäre Maßnahme zu ergreifen, Flüchtlingen zu helfen, oder deren Hab und Gut in Sicherheit zu bringen.“

Finch sah den Kapitän überrascht an. „Also waren es wirklich Flüchtlinge?“

Natürlich, mein lieber Mr. Finch. Natürlich waren es Flüchtlinge. Haben Sie wirklich dieses Märchen geglaubt?“

Finch war ehrlich überrascht. Er hatte die Behauptung mit den Flüchtlingen keine Sekunde geglaubt.

Um seine Überraschung zu verbergen und nicht zeigen zu müssen, wie sehr ihn das beeindruckte, wechselte er jäh das Thema und sagte: „Übrigens habe ich einen neuen Mann für Sie. Der bisherige Dritte Offizier bekommt eine Aufgabe als Zweiter auf einem anderen unserer Schiffe, und der neue Mann für Sie ist ein Schweizer.“

So, so. Nun, ich sehe ihn mir an. Im Augenblick, mein lieber Mr. Finch, ist mein Platz auf der Brücke. Wir machen jetzt fest. Und beim Anlegemanöver gehört ein Kapitän nicht in den Salon.“

Dale lächelte verbindlich, nickte Finch zu und ging dann.

Finch kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr, schüttelte verwundert den Kopf und murmelte, als er schon allein im Salon war, vor sich hin: „Wer hätte das gedacht? Sollte wirklich alles ganz anders gewesen sein?“

Er trat ans Fenster des Salons und konnte von da aus über einen Teil des Decks blicken. Er sah, wie sich die SANSSOUCI an den Kai heranschob. Er sah die vertrauten Lagerschuppen, die Aufschriften und die Kräne; all das vom Hafen, was auch viele Jahre lang seine Welt bedeutet hatte. Und er sah die Journalisten, die unten wie zu einer dichten Traube zusammengeballt darauf lauerten, dass die Gangway endlich an das Schiff herangeschoben wurde.

Sie werden ihn mit ihren Fragen löchern, dachte Finch, aber ich glaube, er wird sie ebenso überzeugen können wie mich. Und wenn sie es erst einmal in ihren Zeitungen geschrieben haben, beruhigt sich auch Pelliard wieder.

Aber dieser Gedanke besänftigte die Unruhe in Finch nicht. Er hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als er den Salon verließ und an Deck ging. Und wie durch ein Fenster aus einem schalldichten Raum heraus beobachtete er die Szene vor seinen Augen. Die Zollbehörden, die ihre Leute an Bord geschickt hatten, die Journalisten, die von Dale in den Salon eingeladen wurden, die Passagiere, auf die praktisch niemand wartete. Passagiere, die man sofort nach dem Von Bord-Gehen nach Ellis Island bringen würde, die nicht im Lande bleiben durften, bis man ihre Einwanderung erlaubte. Es war ein freudloser Empfang, und nichts erinnerte an den Glanz der Ankünfte, die die SANSSOUCI sonst erlebte, und diese An- und Abfahrten unzähliger Taxis, an die Scharen von Verwandten und Bekannten; diesmal passte alles zum trüben, regnerischen Wetter, das im Augenblick hier herrschte.

Als Finch von Bord ging, wandte er sich, bevor er in seinen Cadillac einstieg, noch einmal um und betrachtete diesen 36.000Tonner. Ein herrliches, ein wunderbares Schiff.

Und plötzlich hatte Finch eine Vision. Ihm war, als schlügen dort oben, wo jetzt eine dünne Rauchfahne sich oberhalb des einen Schornsteins kräuselte, gewaltige Feuersäulen empor, als erfüllte mit einem Male eine Rauchwolke das ganze Schiff.

Er hörte nicht, wie hinter ihm sein Fahrer den Wagenschlag öffnete, er stand einfach da und starrte auf das stolze Schiff. Aber er sah es nicht so. Er sah nur ein Meer von Flammen und Rauch und meinte, die Schreie verzweifelter Menschen zu hören.

Mr. Finch“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich und schrak aus seinem bösen Traum auf. Überrascht wandte er sich dem Fahrer zu, und der sagte: „Sie haben Ihre Tasche vergessen, oder sollte die an Bord bleiben?“

Finch erinnerte sich. „Sehr gut, dass es Ihnen einfällt. Ich muss sie im Salon stehengelassen haben. Gehen Sie und holen Sie sie mir.“

Während der Fahrer weglief, stieg Finch ein, und dann blickte er wieder hinüber zum Schiff, aber da war jetzt diese Vision verschwunden. Er sah das Schiff, wie es wirklich war. Zufrieden lehnte er sich im Sitz zurück, schloss die Augen; ein wenig abgespannt strich er sich über die Stirn, und da kamen sie wieder, diese Albträume.

Er sah es wieder: dieses Bild des Grauens. Ein in Rauch und Feuer gehülltes Schiff, diesmal nicht im Hafen, nicht hier, wo viele Rettungsmöglichkeiten gegeben wären, nein, diesmal sah er die SANSSOUCI im offenen Meer bei schwerer See. Sie rang mit dem Tode; sie neigte sich zur Seite und begann zu sinken, und noch immer diese gewaltige Rauchwolke, diese Feuersäule, und er hörte das Schreien der Verzweifelten.

Nein, nein!“, platzte er heraus und erschrak über den Klang seiner eigenen Stimme. Das weckte ihn aus diesem Albtraum auf. Er wischte sich über das Gesicht, schüttelte sich, als müsste er so die Drangsal eines solchen Traumes loswerden.

Da kam der Fahrer vom Schiff zurück und schwenkte triumphierend die Aktentasche.

Finch blickte an ihm vorbei und sah drüben das Schiff; unversehrt, mächtig, schön.

Die Nerven! Es sind wirklich die Nerven“, stöhnte Finch und zwang sich zu einem Lächeln, murmelte einen Dank, als der Fahrer ihm die Tasche übergab, und sagte dann: „Fahren wir zu mir nach Hause. Am Nachmittag muss ich wieder im Büro sein. Da kommt Kapitän Dale mit den Presseleuten.“

Der Fahrer sah ihn überrascht an. „Ist etwas, Sir? Ist Ihnen nicht gut. Sie sind ganz blass.“

Machen Sie sich keine Sorgen. Fahren Sie jetzt! Es ist alles in bester Ordnung“, erwiderte Finch.

Als der Fahrer losfuhr, nahm Finch sein Taschentuch aus der Jacke und tupfte den kalten Schweiß von seiner Stirn.

Es ist Humbug, dachte er; es gibt keine Ahnungen. Wenn ich nach Hause komme, werde ich einen Martini trinken, und das beruhigt. Das bringt mich auf andere Gedanken.“

 

*

 

Der Gipfel des Mont Blanc war wolkenverhangen, als Graf Bendorff mit dem Wagen hinauf zum Chalet Gustave Pelliards fuhr. Unten im Tal lag Chamonix, und die Sicht an diesem regnerischen Tag war unterhalb der Wolken fast unnatürlich klar. Vom letzten Regen hingen noch die Perlen an den Zweigen der Tannen, an den Spitzen der Gräser, an denen der Graf vorbeifuhr. Das schlechte Wetter versetzte Graf Bendorff in eine gedrückte Stimmung. Er hatte auf der ganzen Fahrt seit dem Simplonpass mit dem Fahrer nicht mehr gesprochen.

Gleichmäßig und monoton summte der Acht Zylinder-Motor des luxuriösen Horchs, und unter den Reifen knirschte der Schotter des Weges.

Endlich tauchte das wie ein Vogelnest an den Felsen gebaute Chalet des Multimillionärs auf. Nichts verriet den Reichtum des Besitzers. Ein Landhaus oben im Gebirge, das sich durch nichts von den anderen Häusern dieser Art unterschied; schlicht, solide, wie ein Stück dieser Landschaft.

Als der Wagen hielt, und der Chauffeur den Schlag für Graf Bendorff öffnete, sank leichter Nieselregen vom Himmel. Unangenehm berührt davon zog der Graf den Kopf in den Nacken und ging leicht vorgebeugt auf die Haustür zu.

Sie wurde geöffnet, und ein untersetzter, breitschultriger Mann mit schneeweißem Haar zeigte sich in der Öffnung. Er war nicht groß, aber alles an ihm verriet Persönlichkeit. Das Gesicht war breit, die Nase knollig.

Es ging Graf Bendorff wie jedes Mal, wenn er Gustave Pelliard gegenübertrat: Er hielt es nicht für möglich, dass Pelliard schon siebzig war, ja, eigentlich in diesem Jahr einundsiebzig werden würde. Er sah aus wie ein Mittfünfziger. Sein Gesicht war gerötet, als hätte er gerade eine körperliche Arbeit verrichtet. Und tatsächlich hatte ihn Graf Bendorff schon des öfteren beim Holzhacken, Sägen oder Zimmern gesehen. Das Innere des Hauses hier hatte Pelliard selbst ausgebaut.

Jetzt breitete er die Arme aus und rief Graf Bendorff entgegen: „Wie schön, dass du da bist, Eduard, sei willkommen.“

Er sprach mit dem starken Akzent eines Bergbauern aus der Auvergne. Und er gab sich nicht die mindeste Mühe, seine Herkunft von dort zu verleugnen. Tatsächlich sagte man sich, dass er von einfachen Bauern abstammte. Einer der reichsten Männer Frankreichs gehörte nicht irgendeiner dieser alten berühmten Familien an, sondern hatte sich mit Köpfchen und seiner Hände Arbeit hochgerackert und war, von einer gehörigen Portion Glück unterstützt, zu dem geworden, was er heute darstellte. Graf Bendorff war es oft, wenn er die Geschichte Pelliards hörte, wie ein Märchen vorgekommen.

Nach der Begrüßung, bei der sie sich umarmten und als alte Freunde auf die Wange küssten, sagte Pelliard:

Deville ist schon da. Nun leg deinen Mantel ab. Marcel, nehmen Sie den Mantel vom Graf und kümmern Sie sich um den Chauffeur, dass er alles bekommt, was er braucht. Uns können Sie dann allein lassen. Wir haben, was wir benötigen.“

Als der Graf eintrat in das eigentliche Zimmer, schlug ihm eine Welle der Behaglichkeit entgegen. Drinnen war es warm. Das Prasseln des Kaminfeuers heimelte ihn ebenso an wie der Duft von frischem Holz und verbranntem Harz.

Eine große wuchtige Gestalt tauchte hinter dem Sessel an dem Kamin empor, ein wahrer Falstaff zeigte sich vor den zuckenden Flammen: Dr. James Deville, ein Mann Anfang der Sechzig, ein Gebirge von Mensch. Und er näherte sich mit einem lautlosen Lachen dem eintretenden Graf Bendorff. Als er dann vor ihm stand, war er gut einen Kopf größer als der Graf, der gewiss nicht zu den Kleinen zählte. Eine gewaltige Pranke umschloss die Hand des Grafen und schüttelte sie, als wollte Deville sie dem Grafen abreißen.

In diesem Augenblick befanden sich drei Männer in diesem Zimmer zusammen, die mehr waren als drei gute alte Freunde. Jeder von ihnen vereinigte in seiner Person eine Fülle von Macht, Reichtum und Einflussnahme; jeder von ihnen war in der Lage, mit einem einzigen Wort oder einer Handbewegung das Schicksal von Tausenden zu bestimmen. Allein in den Fabriken und Minen Pelliards arbeiteten insgesamt mehr als eine halbe Million Menschen. Dr. Devilles Ländereien in Grossbritannien, Irland und Nordfrankreich waren ein kleines Imperium. Von seinem Eigentum in Deutschland hatte er sich trennen müssen. Die Umstände, wie er unter Druck verkaufen musste, versetzten ihn, wenn man ihn daran erinnerte, noch heute in helle Wut.

Die Macht und die Möglichkeiten Graf Bendorffs lagen auf einem ganz anderen Gebiet. Und im Grunde doch auf demselben: dem Geld!

Graf Bendorff dirigierte sieben Großbanken in der Schweiz, die wiederum die Mutterhäuser der verschiedensten Versicherungsgesellschaften überall in Europa waren und die zugleich Tochterbanken in den wichtigsten europäischen Staaten unterhielten.

Nun setzt euch hin und trinkt. Ich habe einen wunderbaren Rotspon da“, erklärte Pelliard. „Wie war die Fahrt?“, wandte er sich an den Grafen.

Ganz gut. Nichts Besonderes. Was gibt es Neues?“

Dr. Deville sah dem Hausherrn zu, als der einschenkte, wandte sich aber dann an den Grafen und erwiderte auf dessen Frage: „Das Neueste wäre, dass Jesse Owens alle Rekorde eingestellt hat. Die Olympiade in Berlin ist sein persönlicher Erfolg. Der Erfolg der Neger trotz der Rassengesetze, die zum Teil in Nazi Deutschland herrschen. Eine weitere Neuigkeit bringe ich euch aus England mit. Edward VIII. wird abdanken müssen, falls er seine Absicht wahrmacht, Mrs. Simpson zu heiraten. Der Erzbischof von Canterbury würde das englische Volk zur Revolution aufrufen, glaube ich. Und vor allen Dingen hat er sich geweigert, die beiden zu trauen.“

Nur weil sie geschieden ist?“ Pelliard schüttelte den Kopf. „Da ist mir doch eine Republik lieber. Was ist schon dabei, eine geschiedene Frau zu heiraten? Deswegen kann er doch der englische König bleiben. Wer bekommt eigentlich den Thron, falls Edward VIII. wirklich abdanken sollte?“

Sein Bruder Georg“, erklärte Dr. Deville. „Nun, vielleicht verändert das auch die britische Politik. Premierminister Baldwin hat sich schon von jeher gegen die Deutschlandreisen gewandt, als Edward VIII. noch der Prinz of Wales gewesen war. Natürlich hat die jetzige Regierung in Deutschland Edward VIII. hofiert, lobt ihn auch jetzt noch über den grünen Klee. Und ich glaube...“

Hört mit der Politik auf“, meinte Pelliard. „Was interessiert uns der König von England. Wir haben im Augenblick ein ganz anderes, ein viel dringenderes Problem zu lösen.“

Der Graf lächelte, sah Dr. Deville an und meinte: „Was glaubst du, James, was er uns jetzt sagen wird? Ich habe das Gefühl, er ist sich seiner selbst nicht sicher, nicht wahr, Gustave.“ Jetzt sah er den alten Herrn an. „Du möchtest hoffen, dass dein Kapitän die Wahrheit gesagt hat. Aber ich weiß inzwischen zuverlässig, dass er lügt. Er hatte das Schiff voller Freiwilliger und Waffen, als er in Tanger anlegte. Und es waren keine Flüchtlinge, die von Bord gingen, sondern Soldaten; ausgebildete, erstklassige Soldaten.“

Pelliard zuckte die Schultern. „Soll es gewesen sein, wie es mag. Ich werde jedenfalls dafür sorgen, dass dies kein zweites Mal geschieht“

Und was hast du unternommen?“, fragte Dr. Deville und stopfte sich seine Pfeife.

Pelliard zog hörbar die Luft ein. „Ich habe veranlasst, dass man Kapitän Dale ablöst.“

Nach meiner allerneuesten Information“, erklärte ihm Graf Bendorff, „ist diesem Wunsch von dir nicht nachgekommen worden. Er ist immer noch Kaptiän der SANSSOUCI.“

Pelliard krampfte die Hände zu knochigen Fäusten zusammen. „Ich weiß. Ich habe die gleiche Information bekommen. Aber von hier aus kann ich nur Depeschen senden. Depeschen, die Finch als einen Befehl annehmen sollte. Ich weiß nicht, was los ist.“

Du dirigierst ein Imperium“, meinte Dr. Deville belustigt, „und hast keine Möglichkeit, eine Schachfigur wie diesen Kapitän Dale zu ersetzen? Ihn zu zwingen, diesen Posten aufzugeben. Oder, was mir viel wichtiger erscheint, den Manager in New York auszutauschen. Das ist doch in diesem Spiel nur ein Bauer.“

Aber ein Bauer, der es wagt, seinem König Schach zu bieten“, erklärte Graf Bendorff.

Pelliard wandte sich an den Grafen. „Du hast mir ja diesen Meichsner geschickt. Kommt die Information von ihm?“

Die Information kommt von ihm, zum Teil wenigstens. Zum Teil habe ich einen Mittelsmann in New York, wie du weißt, und ich möchte dir gerne helfen. Aber ich glaube, du hast nicht mehr den geringsten Einfluss auf das, was da drüben geschieht. Diese Reederei ist ein Stück Papier für dich, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Die ganze Geschichte ist deinen Händen entglitten, wird von Leuten dirigiert, die eine völlig andere Meinung vertreten als du.“

Wer sind diese Leute?“, fragte Pelliard und blickte den Grafen frostig an. Jetzt glich er wieder ganz und gar seinen Vorfahren aus der Auvergne. Jenen Bauern, die jeden Quadratmeter Scholle gegen die Unbillen der Natur verteidigen mussten.

Ich weiß es selbst noch nicht, aber auf alle Fälle würde ich an deiner Stelle dafür sorgen, dass dein Anteil von anderen übernommen wird. Verkaufe deinen Anteil an der Reederei, gib ihn weg, und du bist aus allem heraus. New York ist weit. Vielleicht wird man eines Tages regelmäßig mit einem Flugzeug hinüberfliegen können; vielleicht ist eines Tages alles anders. Aber im Augenblick ist dieses New York für uns so weit weg wie der Mond, trotz aller Telefonverbindungen, trotz der Telegrafenkabel, trotz der vielen Schiffe, die über den Atlantik fahren und New York anlaufen. Es dauert einfach zu lange, und die Burschen da drüben machen, was sie wollen.“

Verkaufen?“ Pelliard schüttelte den Kopf; und es war, als wollte man einem Bauern der Auvergne raten, ein Feld herzugeben, das er mühsam kultiviert und immer wieder gegen Ausschwemmung und Unwetter, Dürre und Frost zu Fruchtbarkeit gezwungen hatte. „Nein!“, erklärte er verbissen. „Von dem, was ich habe, verkaufe ich nichts!“

Dr. Deville lachte auf. „Von diesem Gedanken habe ich mich getrennt. Ich habe erlebt, wie es einem ergeht, der meint, etwas festhalten zu müssen, wenn viel Größere und Mächtigere es haben wollen. Wir sind zu sehr daran gewöhnt, alles zu bekommen, was wir möchten. Es gibt aber welche, die noch stärker sind. Nein, wenn ich du wäre, würde ich verkaufen. Die Reederei bringt dir nichts, und dieses Schiff SANSSOUCI ist ein Unglück für dich. Man wird eines Tages dahinterkommen, dass du mit deinen einundfünfzig Prozent in dieser Reederei das Sagen hast. Und das bedeutet, du hast dich an Dingen mitschuldig gemacht, deren Ausgang in diesem Moment noch niemand übersehen kann.“

Ich habe das doch nicht gestohlen. Ich habe diesen Anteil ehrlich erworben. In dieser Reederei steckt zuviel Geld von mir; nicht nur die Anteile. Die SANSSOUCI ist von meinem Geld gebaut worden.“

Du kannst das Schiff und die Anteile verkaufen. Trenne dich davon! Das bringt dir nur Unglück.“

Aber die Worte Dr. Devilles gingen an den Ohren des alten Dickkopfs vorbei. Er würde nicht ein Stück Reling, geschweige denn das ganze Schiff hergeben. Wie ein Junge, der sein Lieblingsspielzeug nicht veräußern will, so dachte er gar nicht daran, sein Lieblingskind, die SANSSOUCI, zu opfern. Was wussten andere davon, wie oft er in langen Nächten die Pläne vor dem Bau des Schiffes wieder und wieder begutachtet, und den Bau schließlich selbst mit überwacht hatte. Sie war ein prächtiges Schiff; ein wunderschönes Schiff. Und mit diesem Schiff hatte er einen Kindheitstraum wahrgemacht. Auch seine beiden Freunde ahnten nicht, dass der Bauernsohn aus der Auvergne einst Seemann hatte werden wollen. Aber sie wussten, dass er tatsächlich vier Jahre seines Lebens zur See gefahren war; als Schiffsjunge, dann als Matrose. Eine Episode in einem langen Leben, mehr nicht. Und trotzdem hing das Herz dieses alten Mannes noch immer am Meer, an den Schiffen.

Die Reederei, ein ganz anderer Erwerbszweig als seine übrigen Besitzungen, war sein Lieblingskind. Unglück für sich, dass sie so weit entfernt waren. Und er verfluchte seinen damaligen Entschluss, statt eine kleinere französische Reederei zu erwarten, an dieser viel größeren mit einer Aktienmehrheit beteiligt zu sein. Er hatte, außer dem Bau der SANSSOUCI, keinen seiner vielen Kindheitsträume verwirklichen können. Ja, er war außer einer Probefahrt der SANSSOUCI, an der er teilgenommen hatte, nie auf diesem Schiff gefahren und hatte schon gar nicht den Ozean überquert. Die Geschäfte ließen ihm zu so etwas nicht die Zeit, noch nicht. Denn er hatte sich geschworen, das eines Tages nachzuholen; und er schwor sich das noch immer.

Das Schiff wird auf alle Fälle vorerst nicht auslaufen“, erklärte Pelliard.

Und wer wacht darüber, dass deine Entscheidung eingehalten wird?“, erkundigte sich Graf Bendorff.

Die amerikanischen Behörden wachen darüber, das Hafenamt. Ich habe sie praktisch an die Kette legen lassen. Meine Anwälte drüben stellen an die Reederei eine Forderung. Natürlich ist es eine fingierte Forderung. Aber bis das durch alle Instanzen hindurch ist, bin ich dort.“

Bist du was?“, fragte Graf Bendorff verblüfft.

Bin ich dort. Ich werde selbst auf dieses Schiff gehen und werde die nächste Fahrt miterleben. Und ich werde dafür sorgen, dass dieser Kapitän Dale abgelöst wird. Ich werde ihn durch einen fähigeren, loyaleren Mann ersetzen. Und ich werde dafür sorgen, dass das ganze Management da drüben ausgetauscht wird.“

Bravo“, rief Dr. Deville und lachte. „Natürlich hast du recht, mein Lieber. Aber glaubst du tatsächlich, dass du dir diese Mühe machen solltest? Siehst du, jetzt bekommst du die Quittung für alles. Immer hast du dich um alles selbst gekümmert, traust keinem anderen zu, es so gut oder besser zu können als du selbst, und deshalb musst du höchstpersönlich nach Amerika fahren; in deinem Alter. Däs könnten doch andere tun.“ Er wurde ernst. „Ja, Gustave, sieh mal auf deinen Kalender. Du bist nicht mehr dreißig, nicht mehr fünfzig. In deinem Alter ist eine solche Reise eine Strapaze. Bleib hier, sage ich dir, kümmere dich nicht um dieses Geschäft.“

Und ich sage, er soll verkaufen“, rief Graf Bendorff. „Er soll dieses Schiff vergessen. Ich glaube, du verbeißt dich in etwas, was sich eines Tages für dich noch als Fußangel erweisen wird.“

Pelliard schüttelte den Kopf und meinte abweisend: „Eure Ratschläge taugen nichts. Ich bin in Schuld, wenn das stimmt, was ich erfahren habe, und von dem du behauptest, Eduard, dass es eine handfeste Information ist. Wenn es also stimmt, was du sagst, dass zweitausend Mann oder mehr und ein Berg von Rüstungsmaterial diesem aufständischen General zur Verfügung gestellt werden konnten, weil man sie auf meinem Schiff transportiert hat, so habe ich wieder etwas gutzumachen.“

Willst du hingehen und diesem General Franco seine Soldaten und seine Munition wieder wegnehmen?“ Graf Bendorff lachte. Er nahm einen Schluck von diesem herrlichen Rotwein und lehnte sich behaglich zurück.

Pelliard spürte nichts von der Behaglichkeit vor dem Kamin, schien die Würze des alten Rotspons nicht zu schmecken. „Natürlich kann ich sie ihm nicht wegnehmen, aber ich kann denen, die diesen Burschen bekämpfen, ebenfalls Hilfe zuteil werden lassen. Als eine Art Wiedergutmachung.“

Dr. Deville schreckte aus seinem Sessel auf und richtete sich empor zu seiner imponierenden Größe. „Willst du damit sagen“, rief er mit grollender Bassstimme, „dass du der spanischen Regierung ebenfalls Leute und Waffen zur Verfügung stellen willst? Das ist doch gar nicht nötig. Die werden doch mit diesem kleinen Quälgeist fertig. Er hat doch nicht die mindeste Chance. Auf dem Festland schlagen sie ihn zusammen. Ihn und seine Handvoll Offiziere.“

Pelliard schüttelte müde den Kopf. „Das habe ich im ersten Augenblick auch gehofft, aber es ist ganz anders gekommen. Er hat das Festland mit seinen Leuten betreten; und mehr als das. Es sieht so aus, als würden immer mehr Garnisonen zu ihm überlaufen. Es sieht ebenfalls so aus, als wäre die spanische Regierung nicht in der Lage, diesen Gegner zu bannen. Sie streiten sich, sie sind innerlich zersplittert, zu viele Parteien, die sich nicht einigen können. Ich werde ihnen helfen. Und da ist noch etwas: Die Deutschen und die Italiener schicken sich an, wenn meine neuesten Informationen stimmen, diesen General zu unterstützen. Es wird, so wie ich die Dinge betrachte, zu einem Bürgerkrieg in Spanien kommen, wenn es der Regierung nicht gelingt, diesen General Franco in letzter Minute aufzuhalten, ihn und diese Verrückten zu stoppen, die Spanien ins Unglück stürzen wollen.“

Ich verstehe“, meinte Graf Bendorff. „Ich habe ähnliche Informationen, dass diese Sache wie eine Epidemie um sich greift. Und du möchtest jetzt als Wiedergutmachung die SANSSOUCI vollstopfen, voll mit Menschen, voll mit Waffen, Kriegsmaterial, das du der spanischen Regierung zur Verfügung stellst?“

So ähnlich wird es geschehen. Ich habe, wie ihr wisst, hervorragende Beziehungen zum Grafen Ciano, der immerhin Mussolinis Außenminister ist. Meine Informationen gehen dahin, dass Italien seine aus Abessinien zurückgeführten Truppen reduzieren müsste, das heißt, die eigentlich viel zu starke Armee ist eine solche Belastung für den Haushalt Italiens, dass man einen großen Teil der Truppen entlassen müsste. Mussolini möchte aber nicht abrüsten, im Gegenteil. Er will keine weiteren Arbeitslosen. Es gibt da geheime Gespräche und Fäden, die möglicherweise zu einem Pakt zwischen Italien und Deutschland führen könnten. Eine solche Verbindung besteht schon zwischen Berlin und Tokio. Nach den Plänen der italienischen Armeeleitung käme es den Italienern sehr gelegen, wenn ein Teil der Truppen, als Freiwillige getarnt, nach Spanien geschickt werden könnte. Und wie ich die jetzige Regierung Deutschlands einschätze, werden die Nazis einen ähnlichen Wunsch hegen. Spanien stellt einen Manöverschauplatz dar, wie er realistischer und informativer für zukünftige Kriege nicht sein könnte.“

Zukünftige Kriege? Um Himmels willen, was redest du“, sagte Dr. Deville. „Selbst wenn die deutsche Regierung einen Krieg wollte, das deutsche Volk würde nicht mitmachen.“

Wenn ich das so genau wüsste, mein Freund“, erklärte Pelliard, „wäre ich bedeutend erleichterter. Ich bin noch vor einem Monat im Rheinland gewesen, als die deutschen Truppen die unbesetzte Zone wieder eingenommen haben. Und ich habe die Begeisterung der Menschen dort gesehen. Ich glaube, diese Regierung kann sich voll und ganz auf ihr Volk stützen. Zumindest auf einen großen Teil dieses Volkes.“

Nun gut, du willst also dein Schiff vollpacken mit Männern und Kriegsmaterial, willst zu den Spaniern hinfahren und sagen: hier, das schenke ich euch. Was glaubst du denn, was da passiert? Denkst du denn, dass diese Absicht je realisiert werden kann?“, meinte Graf Bendorff. „Denk doch einmal an den Geheimdienst der Deutschen oder der Italiener. Aber es genügt ja schon, wenn andere davon erfahren. Ich könnte mir vorstellen, dass du, Jim ...“, er blickte Dr. Deville an ..., „auch etwas dazu sagen solltest. Du hast doch hervorragende Beziehungen zum Secret Service.“

Dr. Deville war ernst geworden, setzte sein Glas weg, machte eine Bewegung mit der Pfeife auf Pelliard zu und sagte: „Du würdest mit einem solchen Schiff, wenn du es in Bordeaux mit deinen Freiwilligen und deinem Kriegsmaterial beladen hast, noch nicht einmal bis Bilbao kommen. Im Golf von Biskaya würde man es dir vor der Nase versenken.“

Pelliard schüttelte den Kopf. „Niemals!“, behauptete er. „Das wagen sie nicht! Keiner wagt es. Das wäre eine öffentliche Tat, für die es einfach zuviel Zeugen gibt. Vielleicht könnte irgend etwas draußen auf dem Ozean geschehen, weit weg, wenn ich mit diesem Schiff von Amerika herüberführe. Aber zwischen Bordeaux und Bilbao wagt es niemand. Im übrigen dachte ich gar nicht an französische Freiwillige. Das hätte ganz sicher zuviel böses Blut gemacht.“

Ich habe das Gefühl“, meinte Graf Bendorff, „du hast dich schon erkundigt. Du hast schon deine Fühler ausgestreckt. Es ist also nicht nur eine Idee, es ist schon ein richtiger Plan.“

Pelliard lächelte. „Es ist ein Plan.“ Dann wurde seine Miene wieder steinern und verwandelte sich in das Pokergesicht, dem man keine innerliche Regung ablesen konnte. „Ich werde Männer aus Mexiko nehmen. Menschen, die mit denen in Spanien sympathisieren und ihre Sprache sprechen; Menschen von der gleichen Mentalität. Ich werde, wie es aussieht, diese Leute in Tampico oder Veracruz an Bord nehmen. Das Kriegsmaterial bezieh’ ich aus den Vereinigten Staaten.“

Du solltest diesen Wahnsinn nicht durchführen“, meinte Graf Bendorff. „Das Risiko ist viel zu groß. Und wie du schon ganz richtig sagtest, mein lieber Gustave, die Schiffe zwischen Bordeaux und Bilbao zu versenken, würde keine italienische und keine deutsche Regierung wagen. Und jener General Franco, selbst wenn er ein U-Boot hätte oder einen Zerstörer oder dergleichen, käme angesichts der vielen Zeugen, die sich einstellen würden, nicht auf diese Idee. Aber der Atlantik ist groß. Groß und weit. Willst du dein Schiff von einem Zerstörer oder Kreuzer begleiten lassen? Woher willst du die nehmen? Oder willst du dein Schiff selbst in eine schwimmende Festung verwandeln? Ich glaube nicht, dass das Sinn hätte. Du solltest diesen Gedanken aufgeben und unseren Rat annehmen, die SANSSOUCI zu verkaufen, deine Anteile zu veräußern und die Finger aus dieser Geschichte zu nehmen, die viel zu heiß ist; heißer als eine kochende Suppe.“

Heiß genug“, meinte Dr. Deville, „um dir dabei nicht nur die Finger und den Mund, sondern vielleicht deine Habe und dein Leben zu verbrennen. Es gibt Dinge, die zu groß sind. Zu groß für unsereinen; zu groß für dich, Gustave. Ich habe immer deinen Mut bewundert, aber hier gehst du auf etwas los, was dich umbringen wird. Du kommst mir vor wie ein kleiner Hund, der sich an einen Tiger herantraut. Und die Tatsache, dass dieser kleine Hund weiß, wie gefährlich, wie böse und schlecht dieser Tiger ist, wird dem kleinen Hund nicht viel nützen. Was heroisch aussieht, wenn der kleine Hund auf den Tiger zugeht, ist doch in Wirklichkeit nichts weiter als Schwachsinn. Wenn du dieses Schiff losschickst, dann schickst du es nicht gegen einen putschenden General, dann schickst du es gegen Mächte, die in den letzten zwei, drei Jahren so stark geworden sind, wie es sich viele unserer Landsleute einfach nicht vorstellen können. Und leider sitzen diese Ignoranten und Blinden zum Teil bei uns in der Regierung.“

Pelliard schüttelte den Kopf. „Was ich mir vorgenommen habe, ist von mir noch immer durchgeführt worden. Und ich werde auch das durchführen!“

Und diesmal wirst du es nicht schaffen“, erklärte Dr. Deville. „Eduard hat recht. Der Brocken ist zu groß für dich. Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffst.“

Und ich halte dagegen. Ich schwöre dir, dass ich es schaffe.“

Dr. Deville mochte ein kühler Kopf sein, aber in ihm steckte auch eine Spielernatur. Und jetzt war sie geweckt.

Zehntausend Dollar, dass du es nicht schaffst.“

Pelliard lächelte. Wusste Dr. Deville nicht, dass das Grundkapital von Pelliards Vermögen aus einem Spiel stammte? Denn so war Pelliard groß geworden. Er hatte bei einem Kartenspiel seine ersten zwanzigtausend Francs gewonnen. Von da an war sein Aufstieg unaufhaltbar gewesen.

Zwanzigtausend dagegen!“

Dr. Deville lachte. „Also gut. Zwanzigtausend, und noch zwanzigtausend, dass du es nicht schaffst.“

Aber Freunde“, rief der kühle Graf Bendorff beschwörend, „lasst das doch! Diese Wette ist so überflüssig wie die Warze auf meinem Kinn. Reden wir von etwas anderem.“

Pelliard hörte gar nicht hin. Auch Dr. Deville hatte nur Augen für sein Gegenüber, den weißhaarigen trotzigen Alten.

Ich halte diese vierzigtausend und tue noch zehntausend drauf!“, brüllte der Alte, als müsste er mit der Kraft seiner Stimme Dr. Deville die Richtigkeit seines eigenen Planes beweisen.

Dr. Deville zündete sich gelassen seine Pfeife an, zeigte dann herausfordernd auf Pelliard und erklärte dann freundlich, aber doch recht bestimmt: „Nun gut, fünfzigtausend. Fünfzigtausend Dollar! Ich lege noch zehntausend drauf, und die wirst du bezahlen müssen, mein Lieber. Sechzigtausend, dass deine SANSSOUCI mit der Pracht, die du ihr einverleiben willst, Spanien nie erreicht.“

Hatte Pelliard das Ganze als eine Art Idee angesehen, zu der er sich zwar Informationen einholen ließ, die er aber vielleicht nicht unbedingt tatsächlich verwirklichen wollte, so begann aus dieser Idee jetzt ein unumstößlicher Plan zu werden. Angestachelt durch diese Wette, aufgerührt durch den Zorn, dass ihm Untergebene zum ersten Mal in seinem Leben den Gehorsam verweigert hatten, und empört darüber, dass Leuten durch sein Eigentum Hilfe zuteil geworden war, deren Ziele er aufs höchste verachtete, beschloss er in diesem Augenblick, den Plan, koste es, was es wolle, durchzuführen.

Hunderttausend! Ich setze Hunderttausend, dass ich es schaffe.“

Und du wirst nicht einmal wirklich auslaufen. Aber das soll nicht Bestandteil unserer Wette sein. Gustave, ich glaube, dass es nicht gut war, mit dir zu wetten. Das hat dich zu etwas angereizt, was du vielleicht normalerweise gar nicht hättest tun wollen. Ich trete von dieser Wette zurück, wenn du es willst.“

Pelliard war ein erfahrener Mann. Mit seinen fast einundsiebzig Jahren hatte er gelernt, mit Menschen umzugehen. Andererseits hatten diese einundsiebzig Jahre nicht vermocht, ihm den Jagdtrieb zu nehmen, und bei ihm war es immer die Jagd nach dem großen Geld gewesen, nach dem Erfolg. Im Augenblick empfand er das Angebot von Dr. Deville nicht als eine Geste der Vernunft, sondern ihm war es, als wollte ihm jemand hunderttausend Dollar wegnehmen.

Du machst einen Rückzieher?“, rief er verächtlich. „Das hätte ich von dir nicht gedacht. Warum willst du aussteigen? Warum gehst du eine Wette ein, aus der du nachher heraus willst?“

Aber Gustave!“, rief Graf Bendorff beschwichtigend. „Er will doch nur aussteigen, weil er fürchtet, du lässt dich zu etwas treiben.“

Ich?“ Gustave Pelliard schmetterte seine klobige Faust auf die Platte des kleinen Tisches, auf der die Weingläser standen. Eines der Gläser fiel herunter und zerschellte klirrend. Aber keiner der drei Männer beachtete es.

Ich weiche vor nichts zurück! Vor gar nichts! Und das hier war bereits meine feste Absicht, als ihr beide noch gar nicht hiergewesen seid. Willst du diese Wette durchstehen, oder ist es nur Feigheit, weil du genau weißt, dass du sie nicht gewinnen kannst.“

Dr. Deville sah den weißhaarigen alten Mann bestürzt an. „Gustave, selbstverständlich halte ich die Wette, wenn du darauf bestehst. Ich wette für mein Leben gern. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Natürlich möchte ich das Geld nicht verlieren, aber ich möchte dir eins sagen, Gustave, es fällt mir gar nicht schwer, es einzubüßen, wenn ich damit sicher wäre, dass du aus der Geschichte gut herauskommst. Und eines möchte ich dir auf alle Fälle sagen“, er wandte sich hilfesuchend an Graf Bendorff, „du weißt, dass ich es ehrlich meine, Eduard. Er ist im Augenblick wie blind. Er denkt, ich möchte kneifen.“

Er wandte sich wieder Pelliard zu und sagte dann mit seinem dröhnenden Bass eine Spur lauter als vorhin: „Das Närrischste, was du tun kannst, wäre, selbst auf diesem Schiff mitzufahren. Versprich mir, dass du das nicht tust!“

Aber es war so, als hätte er mit dieser Bemerkung Pelliard der Feigheit bezichtigt.

Ich hatte euch vorhin erklärt, dass ich auf diesem Schiff mitfahre. Das ist eine Rechnung, die ich begleichen muss. Und ich begleiche die größeren Rechnungen höchstpersönlich. Das müsstet ihr eigentlich als meine langjährigen Freunde wissen. Ich werde auf diesem Schiff mitfahren, und du, mein lieber Jim, wirst, wenn ich mit dem Schiff wieder in einem französischen Hafen bin, hunderttausend Dollar an mich überweisen.“

Wenn du in einem französischen Hafen bist“, sagte Dr. Deville ernst, „unversehrt und gesund, will ich das mit Freuden tun. Die Freundschaft mit dir ist mehr als hunderttausend Dollar wert. Willst du nicht doch auf diese Wette verzichten? Ich bin bereit, dir diese hunderttausend Dollar...“

Sprich nicht weiter!“, brüllte Gustave Pelliard. „Sprich bloß nicht weiter! Bis zu dieser Sekunde sind wir gute alte Freunde gewesen. Aber wenn du noch eine Silbe weitersprichst, und ich ahne, was du sagen wolltest, ist diese Freundschaft für immer verdorben, kaputt, zerstört, vernichtet. Du hast sie vernichtet mit deiner Unterstellung. Denn ich ahne, dass du sagen willst, du willst mir diese hunderttausend Dollar geben, damit ich meinen Plan nicht ausführe. Du meinst, meine Vernunft damit bezahlen zu müssen. Aber es geht nicht um diese hunderttausend Dollar; es geht um meine Ehre. Dieser Strolch von Kapitän hat meine Ehre besudelt. Es gibt allerdings“, fügte er ein wenig ruhiger hinzu, „noch die Möglichkeit, dass unsere Informationen nicht stimmen. Dass er tatsächlich Flüchtlinge an Bord gehabt hat. Es gibt noch diese winzige Möglichkeit.“

An die du dich klammerst“, fügte Graf Bendorff hinzu, „obgleich du so gut weißt wie ich, dass diese Möglichkeit nicht existiert.“

Hört auf zu reden! Keiner von euch kann mich überzeugen. Ich habe euch gesagt, was ich tue, und ich will verdammt sein, wenn ich nicht zu meinem Wort stehe. Mein ganzes Leben lang habe ich durchgesetzt, was ich wollte, denn ich habe nur durchsetzen wollen, was auch machbar ist. Und aus diesem Grunde werde ich dafür sorgen, dass die SANSSOUCI durchkommt, ich selbst werde an Bord, sein und die Gewähr dafür übernehmen, dass mein Plan ausgeführt wird. Das verspreche ich euch.“

Graf Bendorff schlug die Hände vors Gesicht und murmelte: „Es ist eine wahnwitzige Wette. Gebt es doch auf!“ Als er die Hände herunternahm, wurde sein Gesicht fahl. „Ich glaube, ich sehe voraus, was uns das bringt. Es ist wirklich ein Wahnsinn, Gustave. Schlaf darüber, bevor du diesen Entschluss fasst. Lass eine Nacht darüber vergehen.“

Er saß wirklich da wie sein eigenes Denkmal, und mit einer Stimme, die aus einer Gruft zu kommen schien, sagte er:

Ich habe schon sehr viele Nächte darüber geschlafen. Der Entschluss steht fest. Ich werde durchkommen; ihr werdet sehen. Und wir können diese Wette auf eine Million steigern, ich würde sie eingehen. Ich würde sie sogar für zehn Millionen eingehen.“

Dr. Deville sah seinen Wettgegner entgeistert an. Vielleicht entsann sich der frühere Arzt seiner medizinischen Kenntnisse, die er nach dem Studium und der Ausbildung nie so recht angewendet hatte. Und er musterte den alten Freund besorgt, aber er schwieg. Er schwieg, weil er Gustave Pelliard viel zu gut kannte, und weil ihm klar war, wie wenig jetzt Worte noch vermochten.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904598
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
heldenhafte passagierschiff sanssouci seenot

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #2: Passagierschiff Sanssouci in Seenot