Lade Inhalt...

Dr. Härtling und die Heiratsschwindlerin

2016 100 Seiten

Leseprobe

Dr. Härtling und die Heiratsschwindlerin

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.

 

Liebe auf den ersten Blick – seit heute weiß Dr. Jan Jordan, dass es sie wirklich gibt! Regina Larsen ist seine Traumfrau, der Mensch, mit dem er immer zusammen sein möchte! Und so kommt es, dass er ihr schon nach kurzer Zeit einen Ring schenkt und Regina damit zur glücklichsten Frau der Welt macht. Das jedenfalls behauptet die schöne Verführerin zu sein, und niemand ahnt etwas von dem heißen Triumphgefühl, das in ihr aufsteigt. Sie ist ihrem Ziel schon sehr, sehr nahe ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Das Wetter hätte nicht schöner sein können. Über Gran Canaria lachte die Sonne vom postkartenblauen Himmel, und eine leichte Brise sorgte für eine angenehme Temperatur.

„Weißt du, worauf ich mich freue?“, sagte Hermine Rosner zu ihrer langjährigen Freundin.

„Worauf?“, wollte Trude Zahlmann ein bisschen träge wissen.

„Auf den heutigen Folkloreabend.“

„Ja“, sagte Trude Zahlmann, „auf den freue ich mich auch schon. Diese farbenprächtigen Kostüme, diese zündenden Rhythmen ... Wenn ich so einen feurigen Flamenco höre, reißt es mich immer ganz mächtig in meinen alten Gliedern.“

Hermine Rosner lachte. „Hör mal, du bist doch hoch nicht alt!“

„Ich bin fünfundsechzig.“

„Eben“, nickte Hermine Rosner. „Das bin ich auch, und ich fühle mich noch kein bisschen alt.“

„Sag bloß, dich zwickt und zwackt es nicht jeden Tag woanders.“

„Klar tut es das, aber das ignoriere ich einfach. Denkst du, jungen Leuten tut nie etwas weh?“

Die beiden rüstigen Damen lagen unter einem Sonnenschirm am Hotel-Swimmingpool. Es war „Happy hour“, und Trude Zahlmann, die Sparmeisterin, hatte sich eine Pina colada zum halben Preis geholt.

Während Trude in den Jahren nach dem Tod ihres Mannes etwas in die Breite gegangen war, hatte Hermine abgenommen, als ihr August sie für immer verließ. Das war jetzt fünf Jahre her, und sie war immer noch schlank.

Die kleine quirlige Animateurin ging an der Poolbar vorbei. Ihr rechter Arm war eingegipst.

„Was ist denn mit Juanita passiert?“, fragte Trude Zahlmann.

„Die Treppe ist sie hinuntergefallen.“ Hermine Rosner hatte das am Morgen zufällig erfahren. Ein Ehepaar hatte neben ihr am Frühstücksbüfett darüber gesprochen.

„Ich bin froh, dass wir uns vor Urlaubsantritt noch gut versichern ließen“, seufzte Trude Zahlmann. „Das beruhigt doch ungemein. Wenn was sein sollte – was Gott verhindern möge –, kommt die Versicherung für alles auf.“

Hermine Rosner schmunzelte. „Wer musste dich aber erst dazu überreden?“

„Du.“ Trude Zahlmann schlug die Augen nieder und saugte am Trinkhalm. „Na ja, du weißt ja, wie ich bin“, sagte sie dann. „Ich gebe mein Geld nun mal nur sehr ungern aus.“

„Aber deinem nichtsnutzigen Enkel stopfst du’s vorn und hinten rein.“ So etwas hörte Trude nicht sehr gern, und außer Hermine durfte so etwas auch niemand zu ihr sagen. „Was soll ich machen?“, erwiderte sie kleinlaut. „Ich kann nicht anders. Ich liebe ihn.“

„Und er nutzt dich skrupellos aus. Arbeitet nichts. Liegt den ganzen Tag auf der faulen Haut. Schimpft sich Künstler. Lässt sich von seiner Lebensgefährtin aushalten, und wenn die mal knapp bei Kasse ist, kommt der missratene Kerl zu dir, macht dir ein paar honigtriefende Komplimente und dein Herz und deine Geldbörse öffnen sich sogleich ganz weit. Du förderst seine Faulheit, und das finde ich absolut nicht richtig.“

Trude Zahlmann machte ein Gesicht, als hätte sich die Pina colada in Essig verwandelt. „Können wir nicht über etwas anderes reden? Wer kann schon raus aus seiner Haut?“

Sie schwiegen eine Weile. Schließlich fragte Hermine Rosner: „Wollen wir gehen? Ich möchte mir vor dem Abendessen noch die Haare waschen.“

Trude Zahlmann stand auf und legte ihr Badetuch zusammen. Sie gingen ins Hotel und fuhren mit dem Lift zum dritten Stock hoch, wo sie nebeneinander wohnten.

„Ich klopfe in einer Stunde an deine Tür“, sagte Hermine Rosner und betrat ihr Zimmer.

Nachdem sie sich ausgezogen hatte, wollte sie duschen, rutschte jedoch in der glatten Wanne aus, stürzte schwer, und ihr wurde schwarz vor Augen ...

 

 

2

Erst im Krankenhaus kam Hermine Rosner zu sich. Man hatte sie inzwischen geröntgt und einen Oberschenkelhalsbruch diagnostiziert.

Trude Zahlmann war bei ihr. Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Du machst vielleicht Sachen! Kaum lässt man dich ein paar Minuten unbeaufsichtigt, brichst du dir gleich was.“

Als Hermine Rosner nach einer Viertelstunde noch immer nicht an ihre Tür geklopft hatte, war Trude Zahlmann unruhig geworden, denn für gewöhnlich konnte man nach Hermine die Uhr stellen.

Sie war nach nebenan gegangen, hatte geklopft und gerufen: „Hermine?“

Nichts.

„Hermine, bist du fertig?“

Keine Antwort.

„Was ist mit dir?“

Stille im Zimmer.

„Ist dir schlecht geworden, Hermine?“

Als Trude Zahlmann auch darauf keine Antwort bekommen hatte, hatte sie ihr Ohr nervös an die Tür gelegt und das Rauschen der Dusche vernommen.

Sie kann doch nicht immer noch unter der Brause stehen, hatte Trude sich gesagt. Da muss etwas passiert sein. Vielleicht ist ihr schlecht geworden.

Sie hatte, voll böser Ahnungen, von ihrem Zimmer aus die Rezeption angerufen und ihre Befürchtung geäußert. Daraufhin war der Manager mit einem Generalschlüssel gekommen, und sie hatten Hermine Rosner bewusstlos in der Badewanne liegend vorgefunden.

Ein Krankenwagen hatte Hermine in die nächstgelegene Klinik gebracht, und Trude Zahlmann war mitgekommen. Das alles erzählte Trude nun der Freundin, damit sie wusste, was während ihrer langen Ohnmacht geschehen war.

Und sie fügte hinzu: „Der Arzt, ein gewisser Dr. Paco Benitez, will dich operieren. Benitez ist ein hübscher, sympathischer Mensch, aber er ist noch nicht einmal so alt wie dein Sohn Anton, und dein Oberschenkelhalsbruch soll ziemlich kompliziert sein. Der Mann kann doch unmöglich genügend Erfahrung für einen so schwierigen Eingriff haben. Deshalb wurde ich mich an deiner Stelle auf gar keinen Fall von ihm operieren lassen. Du bist doch versichert. Du kannst dich von einer fliegenden Ambulanz nach Hause bringen und den Eingriff in der Paracelsus-Klinik vornehmen lassen. Da weißt du wenigstens, bei wem du bist. Soll ich Anton anrufen, damit er die nötigen Schritte in die Wege leitet?“

„Ja, aber fall nicht gleich mit der Tür ins Haus“, sagte Hermine Rosner leise. „Bring meinem Jungen so schonend wie möglich bei, was passiert ist.“

„Sei unbesorgt, das mach’ ich schon.“

 

 

3

Anton Rosner war eigentlich Lehrer, aber er übte seinen Beruf seit zwei Jahren nicht mehr aus. Ihm war eine lukrativere Idee gekommen: Er schrieb Jugendbücher, verlegte sie selbst, bereiste damit den gesamten deutschsprachigen Raum und verkaufte seine Werke direkt an Schulen.

Das Geschäft ging recht gut, und es machte Rosner riesigen Spaß, im Land herumzufahren, völlig frei und sein eigener Herr zu sein. Keinen Augenblick hatte er noch bereut, den Lehrerberuf an den Nagel gehängt zu haben.

Zurzeit schrieb er seinen ersten Gruselkrimi für Kinder, weil er herausgefunden hatte, dass so etwas bei den Kids besonders gut ankam.

„Der Schattenjäger“ hieß sein Buch, und es handelte von einem grausamen Schattendämon namens Darkos, der von Lucas, dem Schattenjäger, durch viele Dimensionen verfolgt wird. Die beiden gelangen auf die Erde und bringen das Leben von drei dreizehnjährigen Jungen ziemlich durcheinander. Am Anfang des Romans stand eine spannende Mutprobe: Die drei Freunde haben beschlossen, auf einem Friedhof, von dem es heißt, es würde da spuken, zu übernachten und sie sehen tatsächlich Geister ...

Anton Rosner hatte nicht vor, den ganzen Roman gleich fertigzuschreiben. Erst mal würde er nur zwanzig Seiten tippen, diese dreißigmal ausdrucken und von seinen ehemaligen Lehrerkollegen in deren Schulklassen zum Testlesen an Schüler verteilen lassen.

Nachdem sie die Seiten gelesen hatten, sollten die Schüler in einen Fragebogen eintragen, wie ihnen der Romananfang gefallen hatte, ob sie ihn gut oder schlecht fanden, welche Note sie ihm gaben, ob sie die Geschichte weiterlesen oder nicht weiterlesen wollten, wie sie sich wünschten, dass die Gruselstory weiterging und so weiter und so fort.

Erst nach Auswertung dieses Fragebogens würde Anton Rosner sich wieder an den Computer setzen und wenn die Mehrheit dafür war, das Werk zu Ende schreiben.

Der Vierzigjährige befand sich mitten in einer gruseligen Szene auf dem nächtlichen Friedhof, als das Telefon anschlug und ihn mächtig erschreckte.

Er zuckte heftig zusammen, griff nach dem Hörer und meldete sich mit einem heiseren: „Hallo!“

Am anderen Ende war Trude Zahlmann. Tante Trude aus Buxtehude, nannte Anton Rosner sie manchmal scherzhaft. Er kannte sie seit einer Ewigkeit, die beste Freundin seiner Mutter.

„Hallo, Tante Trude“, sagte er. „Danke für den Gruß, den du mit auf Mutters Karte geschrieben hast. Wie geht es euch? Wie ist das Wetter auf Gran Canaria?“

„Das Wetter ist sehr schön“, antwortete Trude Zahlmann gepresst.

„Das freut mich für euch. Hier ist alles grau in grau. Gestern hat es in Bayern schwere Unwetter mit Überschwemmungen und Murenabgängen gegeben. Ein Dorf war sogar für zwanzig Stunden von der Außenwelt abgeschnitten. Also genießt euren Urlaub in der Sonne.“

„Anton ...“

„Ja, Tante Trude?“, sagte Anton Rosner. „Warum rufst eigentlich du mich an?“

Trude Zahlmann zögerte kurz, bevor sie antwortete. „Deine Mutter ist verhindert.“

„Was heißt, sie ist verhindert? Ist sie krank?“

„Sie ist in der Badewanne ausgerutscht und …“

„Und? Nun red’ doch endlich!“ Trude schwieg.

„Und?“, wiederholte Anton Rosner nervös: Er hing sehr an seiner Mutter. Er liebte seine alte Dame, und wenn es ihr nicht gutging, litt er mit ihr. „Hat sie sich verletzt?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Ja. Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss, Anton ...“

Trude Zahlmann informierte nun endlich den besorgten Sohn ihrer Freundin ausführlich. Er hörte betroffen zu und stellte kaum Zwischenfragen. Als Trude Zahlmann geendet hatte, sagte er: „Grüß bitte Mutter ganz herzlich von mir. Sag ihr, ich werde dafür sorgen, dass alles so bald wie möglich wieder gut wird, und – und dass ich in Gedanken bei ihr bin.“

„Du bist ein guter Sohn, Anton. Ich wünschte, ich hätte auch so einen.“

„Ich bin auch für dich jederzeit da, Tante Trude, das weißt du doch“, versicherte der Mann und legte auf.

 

 

4

Die Härtlings waren nicht vollzählig, denn die Zwillinge Dana und Ben befanden sich in einem Tenniscamp. Dr. Sören Härtling aß mit seiner restlichen Familie zu Abend. Es gab eine von Ottilie köstlich zubereitete griechische Fleischplatte mit viel Curry und Schafskäse, als das Telefon läutete.

„Ein Anruf für Sie, Herr Doktor“, meldete die Haushälterin.

„Ausgerechnet jetzt“, brummte Dr. Härtling.

„Ist es die Klinik?“, fragte Jana, seine Frau. „Kann mein Mann zurückrufen?“

„Nein“, antwortete Ottilie. „Es ist ein Herr Rosner. Anton Rosner. Er sagt, es sei sehr dringend.“

Die zehnjährige Josee horchte auf. „Anton Rosner? Von dem hab’ ich ein Buch gelesen. Es war einfach super.“

„Du kannst lesen?“, stänkerte der vierzehnjährige Tom prompt.

„Besser als du“, gab Josee kühl zurück.

Tom grinste breit. „Das bezweifle ich.“

Jana Härtling warf ihrem Sohn und ihrer Tochter einen vorwurfsvollen Blick zu. „Geht das schon wieder los?“ Josee streckte den Zeigefinger in Toms Richtung aus. „Er hat angefangen.“

„Ich habe bloß eine harmlose Frage gestellt“, verteidigte Tom sich. „Und außerdem zeigt man nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute.“

Dr. Härtling legte die Stoffserviette neben seinen Teller und stand auf.

„Ich stelle Ihnen Ihr Essen warm, Herr Doktor“, sagte Ottilie und trug seinen Teller in die Küche.

Sören Härtling ging ans Telefon. „Ja, Herr Rosner, was gibt’s?“, fragte er. Hermine Rosner war seit vielen Jahren seine Patientin.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie daheim belästige, Herr Doktor“, sagte Anton Rosner verlegen.

„Schon gut“, erwiderte Dr. Härtling, „was haben Sie auf dem Herzen?“

„Meine Mutter befindet sich zurzeit auf Gran Canaria. Und da hat es ein Unglück gegeben. Meine Mutter ist in der Badewanne ausgeglitten, und nun liegt sie mit einem komplizierten Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus, und ein junger, noch ziemlich unerfahrener Arzt möchte sie operieren.“

„Ihre Mutter ist zuckerkrank, Herr Rosner, deshalb würde ich auch dann von einem Eingriff im Ausland abraten, wenn ihn ein erfahrener Kollege durchführen wollte“, sagte Dr. Härtling.

„Was soll ich tun?“

„Holen Sie Ihre Mutter so schnell wie möglich nach Deutschland zurück“, empfahl der Klinikchef. „In welchem Hospital liegt sie?“

Rosner nannte den Namen.

„Und wie ist der Name des Arztes, der Ihre Mutter operieren möchte?“, fragte Dr. Härtling.

„Dr. Paco Benitez.“

„Ich werde mit ihm reden, damit er den Rücktransport Ihrer Mutter beschleunigt.“

„Danke, Herr Doktor.“

„Keine Ursache.“ Sören legte auf. „Soll ich Ihr Essen jetzt wieder auf den Tisch stellen, Herr Doktor?“, fragte Ottilie.

„Nein, noch nicht“, antwortete der Klinikchef und wählte die Nummer der Auslandsauskunft. Sobald er die Telefonnummer des Krankenhauses auf Gran Canaria hatte, rief er dort an und verlangte Dr. Paco Benitez zu sprechen. Man sagte ihm, Dr. Benitez sei nicht mehr in der Klinik. Sören erklärte, worum es ging und bat um Rückruf, entweder bei ihm zu Hause oder in der Paracelsus-Klinik, und er nahm sich vor, noch mal in Spanien anzurufen, wenn der junge Kollege sich nicht bis längstens morgen um halb zehn gemeldet hatte.

Seufzend kehrte er dann an den Esstisch zurück. Jana und die Kinder waren inzwischen mit dem Essen fertig. Ottilie brachte ihm seinen Teller wieder, und er aß weiter, aber nicht mehr mit demselben Appetit wie vorher.

 

 

5

Dr. Jan Jordan hatte im Bus die Bekanntschaft einer ganz reizenden Person gemacht. Sie hieß Regina Larsen und war Geschäftsfrau. Ihr gehörten mehrere Boutiquen, wie sie erzählte. Sie war schätzungsweise fünfundzwanzig Jahre alt, sehr hübsch, sehr gepflegt und sehr elegant.

Er hatte im Bus noch nie eine Frau angesprochen. Bei ihr musste er eine Ausnahme machen, weil sie ihn einfach zu sehr faszinierte und er sie unbedingt kennenlernen wollte. Sie hatte es ihm leicht gemacht, hatte ihn nicht beharrlich ignoriert oder abweisend angestarrt, sondern freundlich angelächelt, und so waren sie allmählich ins Gespräch gekommen. Jan hatte sie auf einen Kaffee eingeladen, und sie hatte zu seiner großen Freude nicht abgelehnt, aber sie hatte ausdrücklich betont, dass ihr das zum erstenmal „passierte“.

„Für gewöhnlich lasse ich mich nicht auf der Straße oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel ansprechen“, sagte sie, ein wenig verlegen.

„Für gewöhnlich tue ich so etwas auch nicht“, gab er lächelnd zurück.

Sie bedachte ihn mit einem warmen Blick. „Das glaube ich Ihnen. Sie gehören nicht zu diesen penetranten Aufreißertypen, die jeden Tag mindestens zwanzig Frauen ansprechen. Ich halte Sie für einen anständigen, seriösen Menschen.“

„Vielen Dank.“

„Ich glaube, ich kann mich auf meine Menschenkenntnis verlassen.“

„Nun, was meine Person betrifft, liegen Sie mit Ihrer Beurteilung bestimmt nicht falsch“, sagte Dr. Jordan.

„Sie haben sehr schöne, schmale Hände. Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind?“

„Ich arbeite als Assistenzarzt an der Paracelsus-Klinik“, antwortete Jan Jordan.

„Ach, an der Paracelsus-Klinik.“

„Waren Sie schon mal da?“ Regina Larsen schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich habe schon sehr viel Positives von dieser gut geführten Privatklinik gehört.“ Sie sah Jan Jordan aus großen Augen an. „Ich fühle mich manchmal nicht ganz wohl, und hin und wieder habe ich einen ziemlich unangenehmen Druck auf der Brust.“ Sie legte ihre Hand auf ihren hübschen Busen.

„In Ihrem Alter?“, staunte Dr. Jordan.

„Ich arbeite wahrscheinlich zuviel.“

„Dann treten Sie doch etwas kürzer.“

Regina Larsen seufzte. „Das ist leichter gesagt als getan. Die meisten meiner Mitarbeiterinnen denken nicht gern. Sie stehen auf dem Standpunkt, dafür werden sie nicht bezahlt. Also muss ich mich um alles selbst kümmern, und das ist bisweilen eben ziemlich stressig. Ich habe eine solche Phase gerade mal wieder hinter mir, und ...“ Sie unterbrach sich. „Ach was, ich will nicht über meine Probleme jammern.“ Wieder richtete sie ihre großen, schönen Augen auf ihn. „Sie nehmen in der Paracelsus-Klinik doch sicher auch medizinische Checkups vor.“

„Selbstverständlich. Möchten Sie sich bei uns untersuchen lassen?“

„Wie lange müsste ich warten, bis ein Bett für mich frei wird?“

„Wenn ich meine Beziehungen spielen lasse, kann das sehr schnell gehen.“

„Würden Sie das für mich tun?“, fragte Regina Larsen leise.

„Aber natürlich.“

„Das wäre sehr nett.“

Er schmunzelte. „Ich bin sehr nett.“

„O ja, das sind Sie, das sind Sie wirklich, Dr. Jordan.“

„Meine Freunde nennen mich Jan“, sagte er.

„Jan.“ Sie hauchte es so sanft, dass ihm ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Es wäre ein nicht wiedergutzumachender Fehler gewesen, diese wunderbare Frau nicht im Bus anzusprechen.

 

 

6

Am nächsten Morgen zwang ein schlimmer Hexenschuss Ottilie, im Bett zu bleiben. Jana Härtling bereitete das Frühstück für die Familie zu, und Sören gab der Haushälterin eine Injektion. „Sie sind bald wieder auf den Beinen“, tröstete er sie.

„Dass es so etwas Unnötiges geben muss“, polterte die Wirtschafterin. „Wer braucht schon einen Hexenschuss?“

Sören lächelte. „Nicht ärgern, Ottilie, davon wird er nicht besser.“ Er zeigte auf sie und sagte: „Vierundzwanzig Stunden Bettruhe. Jana wird darauf achten, dass Sie nicht aufstehen.“

„Ich dachte, wir leben in einem freien Land, in dem jeder tun darf, was er will“, ächzte Ottilie.

Sören schmunzelte. „Mit Einschränkungen – und die gelten in diesem Haus vor allem für Sie.“

Als er wenig später in die Paracelsus-Klinik kam, begegnete ihm ein auffallend gut gelaunter Dr. Jordan. „Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen, Chef“, grüßte der Assistenzarzt so fröhlich wie schon lange nicht mehr.

„Was ist denn mit dem passiert?“, fragte Sören Schwester Annegret, nachdem Jan Jordan im Fahrstuhl verschwunden war.

„Wenn Sie mich fragen, der Mann ist verliebt“, meinte die alte, lebenserfahrene Pflegerin.

„In wen?“

Schwester Annegret zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

Moni Wolfram, Sörens Sekretärin, wusste es auch nicht.

„Nun“, sagte Dr. Härtling amüsiert, „es sei ihm gegönnt.“

Nach der Morgenvisite musste Sören Härtling in den OP. Als er diesen kurz nach halb zehn Uhr verließ, fragte er seine Sekretärin: „Hat jemand angerufen?“

Moni Wolfram nickte. „Dr. Möller. Er hat seine Bewerbung zurückgezogen.“

„Ach so?“ Dr. Härtling staunte. „Vorige Woche tat er noch so, als hinge von einer Anstellung in der Paracelsus-Klinik sein Leben ab.“

„Er geht nach Salzburg“, berichtete Moni.

„Ich nehm’s ihm nicht übel.“ Sören hatte ohnedies kein großes Interesse an dem eigensinnigen Arzt gehabt, der sich nur schwer unterordnen konnte und bisher noch an jedem Arbeitsplatz auf intrigante Weise für erheblichen Unfrieden gesorgt hatte.

Moni zählte auf, wer sonst noch alles angerufen hatte.

„Kein Anruf aus Spanien?“, fragte der Klinikchef, als sie fertig war.

„Aus Spanien?“

„Gran Canaria, genauer gesagt.“

„Wer sollte von da anrufen?“, fragte Moni Wolfram.

„Ein Dr. Paco Benitez.“ Sören hatte die Nummer des spanischen Krankenhauses bei sich. Er gab sie seiner Sekretärin und bat sie, ihn mit Dr. Benitez zu verbinden.

Der Spanier sprach zum Glück fließend deutsch. Sören wollte wissen, warum er nicht zurückgerufen hatte. „Dazu war noch keine Zeit“, behauptete Paco Benitez. „Auf so einer Urlaubsinsel ist rund um die Uhr die Hölle los.“

„Frau Rosners Sohn hat mich gestern Abend angerufen“, erklärte Sören Härtling. „Er möchte, dass seine Mutter daheim operiert wird.“

„Hat Herr Rosner kein Vertrauen zu spanischen Ärzten?“, fragte Dr. Benitez pikiert.

„Darum geht es nicht, Herr Kollege ...“

„Und wie ist es mit Ihnen? Halten Sie uns auch für medizinische Hinterwäldler, Dr. Härtling?“

„Es tut mir leid, wenn Sie sich in Ihrer beruflichen Ehre gekränkt fühlen“, gab Sören trocken zurück, „aber ich muss darauf bestehen, dass Sie die Patientin für den Rücktransport vorbereiten.“ Er hob die Stimme, wurde etwas energischer. „Es handelt sich hierbei um eine medizinische Notwendigkeit, denn es könnte bei Frau Hermine Rosner zu einer Fettembolie sowie zu einer lebensgefährlichen Entgleisung ihrer Zuckerkrankheit kommen. Wollen Sie das verantworten, Dr. Benitez?“

Der Spanier wurde endlich kooperativ und versprach, sich bis zum Eintreffen des Personals der Flugambulanz persönlich um die Patientin zu kümmern.

„Ich danke Ihnen“, sagte Dr. Härtling und legte auf.

 

 

7

Jan Jordan konnte es nicht fassen: Regina Larsen lag neben ihm und lächelte ihn glücklich an. Sie hatten miteinander geschlafen, und es war wundervoll und erfüllend gewesen.

Der Assistenzarzt begriff sein Riesenglück nicht. Gestern hatte er Regina im Bus angesprochen und heute. Es war unglaublich schnell gegangen mit ihnen.

Dennoch dachte Jan nicht schlecht von Regina. Warum hätten sie warten sollen, wo sie doch so schrecklich ineinander verliebt waren?

Sie hatten beide geahnt, dass es dazu kommen würde, und sie hatten es nicht verhindert. Zuerst waren sie essen gewesen ... Nein, davor hatte Regina Larsen den Assistenzarzt in der Paracelsus-Klinik angerufen, und Jan hatte sich wahnsinnig darüber gefreut.

„Störe ich?“, hatte Regina gefragt.

„Für Sie muss einfach Zeit sein“, hatte er geantwortet. „Wie geht es Ihnen, Regina?“

„Ich habe eine schlimme Nacht hinter mir.“

„Wieso? Hatten Sie wieder diesen Druck auf der Brust?“

„Nein. Ich konnte nicht schlafen.“

„Was war schuld daran?“, hatte Dr. Jordan gefragt. Er war allein im Ärztezimmer gewesen, hatte frei sprechen können.

„Sie“, hatte Regina Larsen ihm gestanden.

„Ich?“ Er war gleichermaßen verblüfft wie erfreut gewesen.

„Ja, Sie haben mich ganz schön verwirrt, mein Lieber.“

„Das tut mir leid.“

„Das braucht es nicht, Jan. Sie haben meine Gefühle total durcheinandergebracht. So sehr, wie mir das noch nie passiert ist. Ich bin völlig konfus, aber es ist mir nicht unangenehm. Im Gegenteil, ich könnte mich an diesen himmlischen Zustand gewöhnen. Wie schade wäre es doch gewesen, wenn Sie mich nicht angesprochen hätten. Ich rede normalerweise nicht so offen über meine Empfindungen, doch bei Ihnen ist alles so anders, so leicht, so ...“

„Haben Sie Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?“, fiel er ihr ins Wort.

„Ja. Wo wollen wir uns treffen?“

„Ich hole Sie ab.“

„Das ist nicht nötig.“

Sie hatten einen Treffpunkt vereinbart, und Dr. Jordan hatte gesagt: „Ich kann es kaum erwarten, Sie wiederzusehen.“

„Mir geht es genauso.“

Dann hatten sie sich getroffen und in einem erstklassigen Restaurant gespeist. Regina hatte ein atemberaubendes Kleid getragen.

Aus einer ihrer Boutiquen, wie sie sagte, ein Pariser Modell, das ihre aufregende Figur phantastisch zur Geltung brachte. Jan Jordan hatte sich an ihr kaum satt sehen können. Nach dem Essen waren sie tanzen gewesen, und Reginas Nähe hatte den jungen Mann dermaßen erregt, dass er nur noch einen Wunsch hatte: ihr ganz nahe zu sein!

Diese Traumfrau im Arm zu halten, hätte in ihm tiefste Gefühle geweckt, die sich kaum bezähmen ließen. Er hatte Regina fester an sich gedrückt. Sie hatte sich nicht gesträubt, sondern sich willig an ihn geschmiegt, und er hatte ihr leise ins Ohr gehaucht: „Mir ist etwas ganz Schreckliches passiert: Ich habe mich in dich verliebt.“

Sie hatte ihn mit feuchten Augen angesehen und heiser erwidert: „Ich finde das überhaupt nicht schrecklich, denn mir ist genau dasselbe widerfahren.“

Er hatte sie mit zu sich genommen, und sie hatten ihrer stürmischen Leidenschaft freien Lauf gelassen. Sie hatten gegeben und genommen – bis zur totalen Erschöpfung.

Und nun lagen sie glücklich, aber erschöpft nebeneinander, und Regina lächelte Jan an. „Du bist ein wunderbarer Liebhaber“, flüsterte sie selig. Zärtlich streichelte sie dabei seine Wange. „Der beste, den ich jemals hatte.“

„Hattest du schon viele?“

„Nein.“

„Wie viele?“, wollte er wissen.

Sie zögerte. Dann sagte sie: „Vier.“

„Mich mitgerechnet?“

Sie nickte. „Dich mitgerechnet.“ Es fiel ihm schwer, das bei soviel Anmut und Schönheit zu glauben.

„Und mit wie vielen Frauen hast du schon geschlafen?“, fragte nun sie.

Jan schmunzelte. „Der Kavalier genießt und schweigt.“

„Du bist gemein“, schmollte Regina.

„Alle, die vor dir waren, haben mir nichts bedeutet.“

Diese Antwort gefiel ihr. Sie gab sich damit zufrieden. Lachend sagte sie: „Ist das Leben nicht verrückt? Vorgestern haben wir uns noch nicht gekannt ...“

„Und heute kann ich mir ein Leben ohne dich schon fast nicht mehr vorstellen“, vollendete er ihren Satz.

„Ich hielt es bisher immer für unmöglich.“

„Was?“, fragte Jan.

„Dass die Liebe zwei Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen kann.“

 

 

8

Dr. Benitez war nicht besonders freundlich zu Hermine Rosner. Er tat nur das Allernötigste für die Patientin. Warum sollte er sich für sie ein Bein ausreißen, wenn sie seine ärztlichen Fähigkeiten so gering schätzte?

Sobald die fliegende Ambulanz eingetroffen war, wurde Hermine Rosner zum Flugplatz gebracht. Damit war der Fall für Dr. Benitez erledigt, und er widmete sich wieder jenen Patienten, die mehr von seiner Heilkunst hielten.

Trude Zahlmann durfte zum Flughafen mitkommen. „In ein paar Tagen bist du operiert“, machte sie ihrer langjährigen Freundin im Krankenwagen Mut. „Danach wirst du eine Weile mit Krücken gehen müssen, aber in einem halben, dreiviertel Jahr wirst du bestimmt wieder völlig wiederhergestellt sein.“

Hermine Rosner seufzte schwer. „Ach, Trude, ich weiß nicht ...“

„He! Moment!“ Trude Zahlmann schüttelte energisch den Kopf. „Befleißige dich gefälligst eines andern Tons, ja? Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ist das nicht deine Maxime?“

„Im Moment fühle ich mich wie hundertvier.“

„Das wird schon wieder. Dr. Härtling und seine Kollegen werden dich ganz bestimmt wieder auf die Beine stellen, da bin ich sicher.“

Sie erreichten den Flugplatz.

„Wie kommst du denn jetzt wieder zurück zum Hotel?“, fragte Hermine Rosner.

Trude machte eine lässige Handbewegung. „Entweder mit dem Bus – oder ich leiste mir ausnahmsweise ein Taxi.“

In der Abflughalle beugte sich Trude Zahlmann über die Freundin, küsste sie auf die Wange und wünschte ihr einen guten Heimflug. „Wenn du weg bist, wird die große Langeweile ausbrechen“, sagte sie. „Aber ich werde die paar Tage bis zum Urlaubsende schon irgendwie herumkriegen. Wir sehen uns in München. Ich besuche dich in der Paracelsus-Klinik, sobald ich wieder zu Hause bin.“ Hermine Rosner wurde aus der Abflughalle gerollt. Trude Zahlmann winkte ihr, solange sie sie sah. Dann ging sie. Darin, auf den Start der Maschine der Flugambulanz zu warten, sah sie keinen Sinn.

Sie hätte die Freundin ja doch nicht mehr gesehen und die Freundin sie nicht. Sie nahm den Bus zurück, denn das war billiger: Mit dem Taxi war sie in ihrem langen Leben noch nicht sehr oft gefahren, denn sie lehnte alles ab, was das Dasein unnötig teurer machte.

 

 

9

Dr. Jan Jordan nahm sich den Nachmittag für Regina Larsen frei. Sie fuhren durch die Stadt, und Regina zeigte dem Assistenzarzt einige ihrer Boutiquen.

Nach vielen Regentagen schien endlich wieder die Sonne. Man konnte wieder im Biergarten sitzen, und das taten die beiden frisch Verliebten. Während sie eine kühle Maß genossen, redeten sie ohne Unterlass über Gott und die Welt. Der Gesprächsstoff ging ihnen einfach nicht aus. Sie fanden immer wieder neue Themen, die sie zerpflücken konnten, und sie stimmten, ganz ein Herz und eine Seele, in sehr, sehr vielen Dingen überein.

Regina Larsen lachte darüber und sagte: „Wir sind wie ein altes Ehepaar.“

„Wieso alt?“

„Na ja, als wären wir schon eine Ewigkeit zusammen.“

Jan legte zärtlich seine Hand auf ihren Arm. „Manche Menschen verstehen sich vom ersten Augenblick an.“

Sie nickte. „Andere müssen sich erst allmählich zusammenraufen.“

„Ich bin froh, dass wir das nicht müssen.“ Jan Jordan konnte sich nicht erinnern, dass er schon jemals so sehr bei einer Frau den Wunsch verspürt hatte, mit ihr für immer zusammenzubleiben. Es war verrückt, aber er trug sich nach so kurzer Zeit tatsächlich schon mit Heiratsgedanken, und er fand nicht das geringste dabei. Er stellte es sich wunderschön vor, mit Regina Larsen verheiratet zu sein. Diese Frau hatte ihn mit ihrer Liebe und ihrem Charme einfach verzaubert. Er war auf einmal ein völlig anderer Mensch, und der Himmel war die Grenze seines Glücks.

Sein Blick glitt zärtlich über ihr makelloses Gesicht. „Darf ich dich was fragen, Regina?“

„Du darfst alles.“ Sie schmunzelte. „Es gibt nichts, was ich dir verwehren könnte.“

Er ließ sich Zeit mit seiner Frage. Sie drängte ihn nicht, wartete. „Warst du schon mal verheiratet?“, kam es schließlich vorsichtig über seine Lippen.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Verlobt?“

„Auch nicht.“

„Sonderbar“, sagte Dr. Jordan.

„Was ist sonderbar?“, fragte Regina Larsen.

.„Dass bisher noch keiner den Wunsch verspürte, ein so göttliches Geschöpf wie dich zu heiraten.“

Sie lächelte geheimnisvoll. „Vielleicht wollte ich bisher noch nicht heiraten.“

„Warum nicht?“, fragte er verständnislos.

„Vielleicht hat noch nicht der richtige Mann um meine Hand angehalten.“

„Wie müsste der richtige Mann aussehen?“, wollte der Assistenzarzt wissen.

Sie schwieg, sah ihn nur an.

„Wie ich?“, fragte Jan.

Sie antwortete nicht.

„Wenn ich dich um deine Hand bitten würde, hätte ich eine Chance?“, fragte Jan weiter.

Sie sagte schmunzelnd: „Kein Kommentar.“ Aber ihr Blick verriet ihm, dass sie ihm keinen Korb gegeben hätte ...

 

 

10

Als die fliegende Ambulanz auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen landete, wartete Anton Rosner aufgeregt auf seine Mutter.

„Du kannst einem einen ganz schönen Schrecken einjagen, weißt du das?“, sagte er mit gespieltem Vorwurf. „Da meint man, du wirst Gott weiß wie gut erholt zurückkommen, und dann bringt man dich vorzeitig auf einer Trage heim.“

„Dein Vater – Gott hab’ ihn selig – und ich müssen dich falsch erzogen haben“, gab Hermine Rosner seufzend zurück, „sonst würdest du nicht mit mir schimpfen, sondern mich küssen, mir Trost spenden und dich darüber freuen, dass mir nichts Schlimmeres zugestoßen ist.“

Er küsste sie und sagte: „Ich bin froh, dass du da bist, Mutter.“

Man brachte sie in die Paracelsus-Klinik. Anton folgte dem Rettungswagen im eigenen Auto, einer weißen Limousine. Dr. Härtling begrüßte seine Patientin und deren Sohn persönlich.

„Ich hoffe, Ihr Flug war ruhig und erschütterungsfrei, Frau Rösner“, sagte der Klinikchef und lächelte Hermine zu.

„Ja“, antwortete diese, „Turbulenzen blieben mir zum Glück erspart, und die Landung war daunenweich.“

Sören wandte sich an Schwester Annegret. „Sagen Sie bitte Dr. Falk, dass Frau Rosner eingeliefert ist, Annchen.“

„Ja, Chef.“ Die alte Pflegerin entfernte sich.

„Wenn Sie darauf warten, dass ich Ihnen einen schönen Gruß von Dr. Benitez bestelle, muss ich Sie leider enttäuschen, Herr Doktor“, sagte die Patientin, der man ein Schmerzmittel gegeben hatte, damit sie den Transport besser verkraftete.

„War er sauer?“, fragte Sören. Anton Rosner lachte gepresst. „Zum Freund haben wir ihn uns mit dieser Rückholaktion bestimmt nicht gemacht.“

„In erster Linie zählt, dass Ihre Mutter bei uns ist“, meinte Dr. Härtling unbekümmert. „Alles andere ist nebensächlich. Da fällt mir ein: Unsere kleine Tochter hat ein Buch von Ihnen gelesen.“

„Ja? Und wie hat es ihr gefallen?“

„Sie sagte, es wäre einsame Spitze.“

Anton Rosner strahlte. „Das freut mich. Sagen Sie ihr, mein nächstes Buch bekommt sie von mir gratis. Wie heißt sie?“

„Jana. Aber wir nennen sie Josee.“ Rosner nickte. „Ich werde ihr eine Widmung in das Buch schreiben.“

„Darüber wird sie sich riesig freuen.“

Dr. Daniel Falk, der Chefarzt der Chirurgie, erschien, und das medizinische Räderwerk begann sich zu drehen. Die Röntgenaufnahmen, die die Patientin mitbekommen hatte, waren zum Glück alle brauchbar, so dass Hermine Rosner nicht noch mal durchleuchtet werden musste.

Dr. Falk und Dr. Härtling sahen sich die Bilder am Lichtkasten an. „Ein böser Bruch“, stellte der Chefchirurg fest. „Die Patientin braucht einen neuen Hüftkopf, sonst sind die Heilungschancen minimal.“

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904574
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336847
Schlagworte
härtling heiratsschwindlerin

Autor

Zurück

Titel: Dr. Härtling und die Heiratsschwindlerin