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Und morgen beginnt unsere Zukunft

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Dr. Becker hat die Praxis seines Vaters übernommen und ist sehr beliebt, denn er ist nicht nur während der Sprechstunden für seine Patienten da. Er macht Hausbesuche und versucht bei allen anliegenden Problemen zu helfen, soweit er kann. Als Thekla Scholz sich bei ihm meldet, nimmt er deshalb auch eine Einladung zum Essen an und muss entsetzt feststellen, dass die Patientin beginnt ihm nachzustellen. Energisch weist er die Frau zurück. Doch was dann geschieht, hätte er sich selbst in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können...

Leseprobe

Und morgen beginnt unsere Zukunft

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Becker hat die Praxis seines Vaters übernommen und ist sehr beliebt, denn er ist nicht nur während der Sprechstunden für seine Patienten da. Er macht Hausbesuche und versucht bei allen anliegenden Problemen zu helfen, soweit er kann. Als Thekla Scholz sich bei ihm meldet, nimmt er deshalb auch eine Einladung zum Essen an und muss entsetzt feststellen, dass die Patientin beginnt ihm nachzustellen. Energisch weist er die Frau zurück. Doch was dann geschieht, hätte er sich selbst in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„Ist gut, Frau Wiesmath“, sagte Dr. Rainer Becker freundlich. „Sie können sich wieder anziehen.“ Der Allgemeinmediziner kehrte an seinen Schreibtisch zurück.

Iris Wiesmath, fünfundvierzig Jahre alt und schon etwas mehr als vollschlank, verließ die weiße Liege. „Muss ich ins Krankenhaus, Herr Doktor?“

„Das kann ich Ihnen leider nicht ersparen“, bedauerte Dr. Becker. „Die Gallenblase muss raus.“

Die Patientin knöpfte ihre kornblumenblaue Seidenbluse zu und seufzte unglücklich. „Alles Gute fällt immer mir zu. Meine Mutter, mein Vater, meine drei Brüder.., denen fehlt nie etwas. Die können Steine essen. Bei denen machen sich keine Ernährungssünden bemerkbar. Aber an mir bleibt alles hängen. Esse ich mal ein kleines Zwiebelchen, schon winde ich mich in Krämpfen. Kann ich mich mal nicht beherrschen und esse ein Schmalzbrot, habe ich sofort eine Gallenkolik, die sich gewaschen hat. Ich habe keinen Blinddarm mehr, man musste mir eine Zyste von der Gebärmutter wegoperieren, und in der Brust hatte ich auch schon ein Knötchen, das entfernt werden musste. Es war zwar ein gutartiges Gewächs, aber es war immerhin etwas, das nicht dahin gehörte. Wieso geht es bloß so ungerecht zu auf dieser Welt?“

Dr. Becker lächelte. „Glauben Sie mir, Sie sind nicht die einzige, die ich mehr als einmal ins Krankenhaus schicken muss. Wenn es Ihnen ein Trost ist: Es gibt Menschen, die viel schlimmer dran sind als Sie. Eine Gallenoperation ist heutzutage keine große Sache mehr.“

Iris Wiesmath wiegte den Kopf. „Eine Operation ist eine Operation.“

„Ja, schon...“

„Immer mit einem gewissen Risiko verbunden“, unterbrach die füllige Frau den Arzt.

„Nun ja...“

Frau Wiesmath schob die Bluse in ihren schwarzen Rock. „Man liest immer wieder von Menschen, die sich einem kleinen Eingriff unterzogen und nicht mehr aufwachten.“

„Die Zeitungen bauschen diese Dinge gerne auf.“

Iris Wiesmath nahm auf dem Patientenstuhl Platz. „Wo nichts ist, kann man nichts aufbauschen. Kein Rauch ohne Feuer.“

„Die Presse ist uns Ärzten gegenüber oft sehr unfair“, sagte Dr. Becker. „Tag für Tag wird in unserem Land eine Vielzahl von Menschen operiert, ohne dass etwas passiert. Darüber schreibt keiner. Aber wenn mal ein Patient stirbt, wird gleich Zeter und Mordio geschrien, ohne dass man die Hintergründe kennt, die zu diesem, selbstverständlich bedauerlichen, aber vielleicht unvermeidbaren, Exitus geführt haben. Gegen manche Menschen hat sich das Schicksal verschworen. Denen kann der beste Arzt nicht helfen.“

„Gegen manche Menschen ja. Gegen mich, zum Beispiel.“

„Nun zerfließen Sie doch nicht so sehr in Selbstmitleid, Frau Wiesmath. Sie gehen nächsten Montag in die Paracelsus-Klinik, lassen sich operieren und sind in null Komma nichts wieder gesund.“

„Bis zur nächsten Operation“, meinte die Patientin niedergeschlagen.

„Es muss nicht unbedingt eine nächste Operation geben.“

„O doch, Herr Doktor“, ächzte Iris Wiesmath betrübt, „weil ich nämlich zu den Menschen gehöre, die das Unglück magisch anziehen.“

Rainer Becker schrieb die Krankenhauseinweisung. „Kopf hoch, Frau Wiesmath. Es wird ganz bestimmt alles gutgehen. Dr. Härtling und seine Mitarbeiter haben einen hervorragenden Ruf. Bei diesen Kollegen sind Sie in besten Händen.“

„Kommen Sie mich mal besuchen?“ Dr. Becker nickte. „Ich schau’ mal bei Ihnen rein.“

„Versprochen?“

Rainer Becker lächelte. „Versprochen.“

„Schade, dass Sie nicht in der Paracelsus-Klinik arbeiten.“

„Ich bin lieber hier, in der Praxis, die mein Vater vor langer Zeit gegründet hat.“

„Er wäre bestimmt sehr stolz, wenn er sehen könnte, wie Sie seine Praxis weiterführen“, bemerkte die Patientin. „Sie sind trotz Ihrer Jugend ein sehr tüchtiger Arzt, Herr Doktor.“

„Danke.“

„Das sagen alle“, fügte die Patientin wie zur Bekräftigung hinzu.

Dr. Becker gab der Frau das ausgefüllte Formular. „Vergessen Sie nicht, die Röntgenbilder mitzunehmen, wenn Sie ins Krankenhaus gehen.“ Er erhob sich.

Iris Wiesmath stand auch auf.

Rainer Becker gab ihr die Hand. „Alles Gute, Frau Wiesmath. Und, wie gesagt, Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben.“

Trotz dieser Versicherung blieb ein kleiner Zweifel in den Augen der Patientin. „Ich wollte, ich hätte es schon hinter mir.“

Iris Wiesmath verließ das Behandlungszimmer. Dr. Becker geleitete sie zur Tür. Er warf einen Blick in den Warteraum und stellte fest, dass Frau Wiesmath die letzte Patientin für heute gewesen war.

Sämtliche Stühle waren leer. Wie immer, war der angebotene Lesestoff von den Wartenden wild durcheinandergebracht worden. Kinderbücher, Medizin-Magazine und Illustrierte lagen bunt gemischt auf den Tischen.

Herta Becker, Mutter und Sprechstundenhilfe des Arztes, würde das Chaos gleich wieder in Ordnung bringen. Das war immer das Letzte, was sie tat, bevor sie nach Hause ging.

„Schluss für heute“, sagte Rainer Becker.

„Noch nicht ganz“, erwiderte seine Mutter, eine kleine Frau mit dicken Wangen, einer Blauspülung im grauen Haar und gutmütigen Augen. Sie hatte schon ihren Mann unterstützt und half nun, nach dessen plötzlichem Herztod vor fünf Jahren, ihrem Sohn. Lächelnd hielt sie einen Zettel hoch.

„Wie viele Hausbesuche?“, fragte Dr. Becker.

„Sieben.“

Der Arzt nickte, machte auf den Absätzen kehrt und knöpfte seinen weißen Mantel auf.

Als das Telefon auf seinem Schreibtisch läutete, hob er mit einem unterdrückten Seufzer ab.

„Ein Anruf für dich“, sagte seine Mutter und stellte durch.

„Dr. Becker“, meldete sich der junge Arzt.

Stille am anderen Ende.

„Hallo!“

Schweigen.

„Hallo! Wer ist denn da?“

Nichts. Aber die Leitung war nicht tot, doch es meldete sich niemand. Also ließ Rainer den Hörer auf den Apparat zurücksinken, schlüpfte in sein Jackett und ging zu seiner Mutter hinaus, die gerade die Bereitschaftstasche mit den fehlenden Medikamenten ergänzte.

„Das war aber ein kurzes Gespräch“, bemerkte Herta Becker lächelnd.

„Es war überhaupt kein Gespräch. Es war keiner dran. Jedenfalls hat sich niemand gemeldet.“

„Da hat wohl jemanden ganz plötzlich der Mut verlassen.“

„War es ein Mann oder eine Frau?“, erkundigte sich der junge Arzt. „Eine Frau.“

„Und was hat sie gesagt?“, wollte Dr. Becker wissen.

„Nur, dass sie dich sprechen möchte.“

„War dir die Stimme bekannt?“, fragte Rainer Becker.

„Ich telefoniere Tag für Tag mit so vielen Menschen...“

„Wie hat die Stimme geklungen? Aufgeregt? Ängstlich? Verzweifelt?“

„Sie hat ganz normal geklungen, würde ich sagen“, antwortete Herta Becker. „Wenn die Frau ein Problem hat, wird sie bestimmt noch mal anrufen.“

Das Telefon läutete wie aufs Stichwort.

„Na, wer sagt’s denn?“, schmunzelte die Mutter des Arztes.

„Praxis Dr. Becker“, meldete sie sich, und diesmal erging es ihr so wie vorhin ihrem Sohn: Es meldete sich niemand. „Hören Sie, wenn Sie in irgendwelchen Schwierigkeiten sind, müssen Sie mit uns reden“, sagte Herta Becker energisch.

Daraufhin klickte es in der Leitung. Die Anruferin, wenn sie es noch mal gewesen war, hatte aufgelegt.

„Hast du Töne“, murmelte Herta Becker leicht verärgert vor sich hin. „Aufgelegt. Sie hat einfach aufgelegt!“

Rainer Becker nahm den Zettel, auf dem Namen und Adressen der Patienten standen, die er zu Hause aufsuchen sollte. Seine Mutter schloss die Bereitschaftstasche.

Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich wünsche dir einen angenehmen Abend.“

Die Praxis war im Erdgeschoss eines hübschen Einfamilienhauses untergebracht. Rainers Privaträume befanden sich im Obergeschoss. Früher hatte er mit seinen Eltern hier gewohnt, doch nach dem Tod des Vaters war seine Mutter in ein kleines Häuschen am Ende der Straße gezogen. Sie hatte eigentlich vorgehabt, in Rente zu gehen, doch Rainer hatte sie gebeten, ihm wenigstens so lange mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, bis er einen vollwertigen Ersatz gefunden hatte.

Aber er machte sich ganz offensichtlich keine große Mühe, einen solchen Ersatz zu finden, obwohl ihn seine Mutter immer wieder dazu drängte.

„Hast du dich inzwischen mit Dolores Leinwather unterhalten?“, fragte Herta nun, während sich die Finger ihres Sohnes um den Griff der Bereitschaftstasche legten.

„Wir hatten heute Mittag ein kurzes Gespräch.“

„Sie würde mich gerne hier ablösen.“

„Ja, das hat sie mir gesagt.“

„Wirst du ihr den Job geben?“ Forschend sah sie ihren Sohn an.

Dr. Becker schüttelte den Kopf. „Nein, Mutter.“

„Warum nicht? Sie ist eine sehr gute Arzthelferin.“

„Das mag schon sein...“

„Sie ist hübsch, sympathisch und intelligent.“ Frau Becker mochte die junge Frau sehr.

„Sie ist mir ein wenig zu kokett“, erwiderte Dr. Becker.

„Mein Gott, sie wollte dir doch bloß gefallen.“

„Sie soll sehr lebenslustig sein und viele Verehrer haben.“

„Was sie in ihrer Freizeit macht, ist ihre Privatsache.“

„Wenn sie allen meinen männlichen Patienten den Kopf verdreht, verärgert sie deren Frauen und ich kann die Praxis in einem Jahr dichtmachen“, erklärte Rainer Becker nüchtern. „Nein, Mutter, an diesen Platz gehört eine Person, die trotz aller Freundlichkeit Distanz zu wahren versteht, und so jemand ist Dolores Leinwather leider überhaupt nicht. Da sind wir uns doch wohl einig, oder?“.

„Ich bin fünfundsechzig, mein Junge“, gab Frau Becker zu bedenken, ohne auf die Frage ihres Sohnes einzugehen.

Der Arzt schmunzelte. „Tatsächlich? Da sieht man, wie dich die Arbeit fit hält. Du siehst wesentlich jünger aus.“

„Ich möchte von meinem Leben noch etwas haben.“

„Was denn?“

Herta Becker zuckte die Schultern. „Schöne Reisen in ferne Länder machen, zum Beispiel.“

„Allein?“

„Ich finde bestimmt eine Witwe in meinem Alter, die mich begleitet.“ Rainer Becker lachte. „Aber Mutter, du bekommst doch schon hinter der Grenze von Bayern Heimweh. Was willst du da in fernen Ländern?“

„Dolores Leinwather kommt als neue Arzthelferin für dich also nicht in Frage.“

Er schüttelte den Kopf. „Aus den eben genannten Gründen nicht.“

„Ich hoffe, du stellst die Suche nach einer geeigneten Nachfolgerin nun nicht ganz ein.“

„Ich werde weitersuchen“, versprach der junge Arzt.

„Hat es einen Sinn, dich in dieser Angelegenheit um etwas mehr Engagement zu bitten?“

Dr. Becker grinste. „Ich fürchte nein.“

„Und warum nicht?“

Seine Mutter bekam von ihm noch einen Kuss auf die Wange. „Weil ich finde, dass du die ideale Besetzung für diesen Posten bist und weil ich dich gern in meiner Nähe habe.“ Er steckte den Zettel mit den Adressen ein und sagte: „Wir sehen einander morgen in gewohnter Frische.“ Dann ging er.

 

 

2

Frau Langthallers zehnjähriger Sohn Uwe war an einer schlimmen eiterigen Angina erkrankt und fieberte sehr hoch. Der Junge bekam Penicillin von Dr. Becker und ein fiebersenkendes Zäpfchen.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Herr Doktor“, sagte die schmale, abgearbeitete Frau, deren Mann sich vor zwei Jahren mit einer hübscheren Neunzehnjährigen aus dem Staub gemacht und seine Familie einfach sitzenlassen hatte.

„Wo kann ich mir die Hände waschen?“, fragte der junge Arzt.

„Hier.“ Frau Langthaller führte ihn ins Bad, das mit feuchter Wäsche voll gehängt war. „Entschuldigen Sie, dass es bei uns so aussieht, aber ich komme mit der Arbeit einfach nicht nach. Der Stress in der Firma, der kranke Junge...“

Dr. Becker drehte das Wasser auf. „Wer kümmert sich tagsüber um ihn?“

„Meine Schwester. Sie wohnt gegenüber, ist zur Zeit, fast möchte ich es als Glück bezeichnen, arbeitslos.“ Rainer Becker nahm die Seife und wusch seine Hände. „Uwe darf nicht zu früh auf stehen“, mahnte er.

„Das wird er nicht, ich versprech’s.“

„Wenn er wieder auf dem Damm ist, sehe ich mir seine Mandeln mal etwas genauer an.“

Frau Langthaller sah ihn besorgt an. „Meinen Sie, dass sie raus müssen?“

„Vielleicht. Wir werden sehen.“ Dr. Becker drehte das Wasser ab. Die Mutter des Jungen reichte ihm ein frisches Handtuch. „Danke.“ Er trocknete seine Hände ab. „Rufen Sie mich morgen an und sagen Sie mir, wie es Uwe geht, ja?“

„Mach' ich, Herr Doktor. Und nochmals vielen Dank.“

Uwe Langthaller war für diesen Abend Dr. Beckers vorletzter Patient.

Nummer sieben war Herr Fuchs, ein alter Griesgram, der immer wieder von schmerzhaften Rheumaschüben geplagt wurde, von einer Einweisung ins Krankenhaus aber nichts wissen wollte.

Als Rainer in seinen Wagen stieg und zu Rigobert Fuchs fuhr, war ihm, als würde ihm ein Auto folgen. Immer dieselbe Geschwindigkeit, immer derselbe Abstand. Sonderbar. Oder bildete er sich da nur etwas ein? Wer sollte schon in dieser seltsamen Weise Interesse an seiner Person haben?

Der Arzt bog in die nächste Straße rechts ein. Der dunkle Wagen fuhr geradeaus weiter. Rainer Becker schmunzelte. Sieht fast so aus, als würdest du zu viele Krimis sehen, dachte er amüsiert.

Rigobert Fuchs empfing ihn mit leidender Miene. „Ich kann mich kaum bewegen“, stöhnte der alte Mann, dessen Nase groß und dessen Lachfalten tief waren. „Und Sie kommen jetzt erst!“

„Sie sind nicht mein einziger Patient, Herr Fuchs.“

„Aber bestimmt der einzige, der so sehr von Schmerzen gepeinigt wird. Sie hätten zuerst zu mir kommen müssen.“

„Nun bin ich ja hier“, sagte Dr. Becker besänftigend, ohne auf den Vorwurf einzugehen.

„Das hatte es bei Ihrem Vater nicht gegeben. Ich sollte mich nach einem anderen Hausarzt umsehen.“

Rainer Becker lächelte. Er nahm nicht allzu ernst, was der Griesgram sagte. So war Rigobert Fuchs nun mal. „Sie sollten mich in Ihrem eigenen Interesse erst rausschmeißen, nachdem ich Ihnen die Spritze gegeben habe.“

„Hoffentlich stechen Sie nicht wieder so schlecht wie beim letzten Mal“, grollte der Alte.

„Sie würden den Stich kaum spüren, wenn Sie nicht immer so verkrampft wären. Entspannen Sie sich. Seien Sie ganz locker. Ganz locker.“

„Wie kann man ganz locker sein, wenn man weiß, dass man gleich eine Nadel, die so dick ist, dass man sie zum Winterpulloverstricken verwenden könnte, ins Kreuz gerammt kriegt?“

Dr. Becker zog die Spritze auf und reinigte die Einstichstelle mit Wundbenzin. „Dann mal los.“

Der alte Mann verkrampfte sich prompt.

„Lockerlassen!“, sagte Dr. Becker. „Versuch ich ja“, ächzte Rigobert Fuchs.

„Vielleicht schaffen Sie noch ein bisschen mehr.“ Als der Muskel einigermaßen weich war, stach Dr. Becker zu.

„Au! Verdammt!“

„Ist schon vorbei.“

„Heute war’s besonders kriminell“, stöhnte der Patient.

„Sie sollten nicht so wehleidig sein, Herr Fuchs.“

„Wehleidig! Ich! Junger Mann, ich hab’ mal, in ’ner deutschen Boxstaffel gestanden! Boxen da teilt man nicht nur aus, da kriegt man auch ordentlich eins auf die Nuss, wenn man nicht aufpasst! Wenn ich wehleidig gewesen wäre, wäre ich wohl kaum so weit gekommen!“

„Gehen Sie ins Bett und halten Sie Ihr Kreuz warm.“

„Wieso versuchen Sie mich nicht wieder zu Infiltrationen und Infusionen in einem Krankenhaus zu überreden?“

„Weil ich weiß, dass es keinen Sinn hat.“

„Hat es auch nicht.“

„Wieso haben Sie gegen Krankenhäuser eigentlich eine solche Abneigung?“, fragte Dr. Becker.

„Das kann ich Ihnen sagen: Ich habe früher neben einem evangelischen Hospiz gewohnt. Da gingen die Patienten voller Gottvertrauen vorne rein, und hinten wurden sie in aller Heimlichkeit in einem Sarg raus getragen. Deshalb hab’ ich mir geschworen, dass man mich in so ein Haus erst reinkriegt, wenn ich meine fünf Sinne nicht mehr beisammen habe.“

Was sollte Rainer darauf noch sagen? Der junge Arzt verabschiedete sich und verließ die Wohnung des alten Griesgrams. Während der Heimfahrt bildete er sich wieder ein, ein dunkler Wagen würde ihm folgen, doch als er ihn kurz darauf nicht mehr hinter sich sah, lachte er sich selbst aus.

 

 

3

Ein Sonnenstrahl kitzelte Dr. Sören Härtling wach. Er öffnete blinzelnd die Augen, und die Digitalanzeige des Radioweckers verriet ihm, dass er erst in einer Dreiviertelstunde aufzustehen brauchte.

Wohlig seufzend drehte er sich um und sah, dass Jana, seine Frau, auch schon wach war. Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.

„Guten Morgen, Liebling“, sagte Sören.

„Mh, guten Morgen.“ Sie rutschte näher, schmiegte sich an ihn und küsste ihn.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte er.

„Ganz himmlisch, und nun bin ich putzmunter.“

„Ich auch. Das kommt nicht sehr oft vor.“

„Du hast hoffentlich nicht vor, schon aufzustehen“, meinte Jana mit einem kleinen, sehnsüchtigen Seufzer.

„Bin ich verrückt? Ich habe etwas ganz anderes im Sinn!“

Sie spürte seine Hände an ihrem warmen, immer noch schlanken Körper. „So?“, fragte sie gespielt naiv. „Was denn?“

„Weißt du eigentlich, dass ich dich nach zwanzig Jahren Ehe noch immer sehr liebe?“

„Das freut mich und macht mich glücklich.“

„Es ist dein Verdienst“, behauptete Sören. „Du bist eine wunderbare Mutter und eine großartige Ehefrau. Du bist alles, was ein Mann sich nur wünschen kann.“

Jana knabberte leicht an seinem Ohrläppchen. „Und du bist alles, was eine Frau sich nur wünschen kann, Sören Härtling.“

„Und was ergibt sich zwangsläufig daraus?“

„Ein ideales Paar“, hauchte Jana ihm ins Ohr.

„Genau.“

Sie tauschten innige Zärtlichkeiten aus, und schließlich meinte Jana selig: „Was für ein Tag, der einen so wunderbaren Anfang nimmt.“ Inzwischen war es in der gemütlichen Villa lebhaft geworden.

Die Kinder versammelten sich um den Frühstückstisch. Sören streckte den Kopf in die Küche hinein. „Einen schönen guten Morgen, Ottilie.“ Die grauhaarige Wirtschafterin, die früher Sprechstundenhilfe bei Professor Paracelsus, dem Gründer der Paracelsus-Klinik und Janas Vater, gewesen war, lächelte ihn freundlich an. „Guten Morgen, Herr Doktor.“

„Ich habe heute einen mordsmäßigen Hunger und hätte gerne eine schöne große Portion Speck mit Ei. Lässt sich das machen?“

„Kein Problem.“

„Sie sind ein Schatz.“

Während des Frühstücks ging es, wie immer, hoch her. Ben, Dana, Tom und Josee redeten so laut durcheinander, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

„Wir möchten kommendes Wochenende Österreich unsicher machen, dürfen wir?“, fragte Ben.

„Die armen Österreicher“, stänkerte Tom.

„Wer ist wir?“, erkundigte sich Jana Härtling.

„Dana, Jasmin, Peter und ich“, antwortete Ben.

„Wohin soll’s denn gehen?“, wollte Sören Härtling wissen.

„Ins Zillertal“, sagte Ben.

„Zu den Schürzenjägern?“, fragte Tom.

„Holzkopf“, brummte Ben.

„Selber Holzkopf“, gab Tom zurück.

„Bloß keinen Streit vermeiden!“, gab Josee ihren Senf dazu.

Der achtzehnjährige Ben beachtete seine jüngeren Geschwister nicht. Er sah seine Eltern an. „Vielleicht fahren wir auch nach Gerlos hinauf.“

Jana erinnerte sich, dass sie und ihre Familie in Gerlos einen wunderschönen Silvesterabend verbracht hatten.

„Womit wollt ihr fahren?“, fragte Sören Härtling.

„Mit unserem Wagen“, antwortete Dana, Bens hübsche Zwillingsschwester.

„Die Spritkosten werden gerecht durch vier geteilt“, erklärte Mate.

Dr. Härtling sah seine Frau an. „Ich habe nichts dagegen. Du?“

„Ihr fahrt hoffentlich vorsichtig“, sagte Jana, was mit einem Einverständnis gleichzusetzen war.

Dana nickte sofort. „Klar, Mutti.“

„Und wir wechseln uns auch ab“, versprach Ben.

„Ich gebe noch heute Jasmin Bescheid“ , sagte Dana zu ihrem Bruder.

„Und ich Peter“, sagte Ben.

„Und wo dürfen Josee und ich hinfahren?“, wollte Tom wissen.

Ben griente. „Ihr dürft mit dem Finger auf der Landkarte herumfahren. Ist auch ganz nett.“

Zehn Minuten später fuhren die Zwillinge mit ihrem roten Kleinwagen, den sie zum achtzehnten Geburtstag bekommen hatten und den sie sich redlich teilten, los.

Josee verabschiedete sich von ihren Eltern wie immer mit einem stürmischen Kuss, während Tom nur lässig winkte, weil man mit vierzehn Jahren einfach zu alt ist, um Mami und Papi noch zu küssen.

Schließlich wurde es auch für Dr. Härtling Zeit, das Haus zu verlassen und zur Paracelsus-Klinik zu fahren. Jana wünschte ihm einen schönen Tag.

„Wünsche ich dir auch“, gab der Gynäkologe zurück und ging zu seinem Wagen.

 

 

4

Schwester Annegret beobachtete Schwester Charlotte, die am Ende des Ganges mit einem schäbig gekleideten Mann redete. Jetzt drückte die schöne dunkelhaarige Pflegerin dem Mann, der es nicht einmal der Mühe wert gefunden hatte, sich zu rasieren, bevor er in die Paracelsus-Klinik gekommen war, etwas in die Hand. Seine grauen, bartstoppeligen Züge hellten sich kurz auf. Er wollte Charlotte Bramböck küssen, doch sie verhinderte es, indem sie einen Schritt zurückwich.

Der Mann steckte das, was er von Schwester Charlotte bekommen hatte, ein. Er rieb sich mit beiden Händen verlegen das Gesäß, sagte etwas, das Annegret wegen der großen Entfernung nicht hören konnte, und ging.

Schwester Charlotte drehte sich um, bemerkte die ältere Kollegin und schlug unangenehm berührt die Augen nieder. Annegret, die bereits in den Ruhestand hätte treten können, wenn sie gewollt hätte, ging zu Charlotte.

„Sie haben ihm wieder Geld gegeben, nicht wahr?“, fragte sie vorwurfsvoll.

„Ja“, antwortete die schöne Pflegerin kleinlaut.

„Charlotte, dieser Mann ist ein Fass ohne Boden!“

„Was soll ich denn machen? Er ist mein Onkel!“

„Er ist ein Trinker und ein Spieler“, sagte Schwester Annegret energisch.

„Er kann sich nur an mich wenden, wenn er in Schwierigkeiten ist.“

„Er wird immer in Schwierigkeiten sein“, behauptete Schwester Annegret. „Sein ganzes Leben lang.“

„Er hat versprochen, mit dem Trinken aufzuhören und keine Spielkarten mehr anzurühren.“

„Und das glauben Sie ihm? Wie oft hat er Ihnen das denn schon versprochen, ohne auch nur im Traum daran zu denken, sein Versprechen auch zu halten?“

„Er ist ein schwacher Mensch, aber irgendwann wird er’s schaffen“, sagte Schwester Charlotte mit erzwungenem Optimismus.

„Wie viel Geld haben Sie ihm schon gegeben?“

Die junge Pflegerin zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“

„Sie nehmen doch nicht an, dass Sie auch nur eine müde Mark davon jemals wiedersehen.“

„Es ist ja bloß Geld, das ich verliere. Andere spenden für Notleidende in der Dritten Welt. Meine Spenden gehen an Onkel Harry.“

„Charlotte, Harry Bramböck ist Ihr Geld nicht wert. Sie tun ihm keinen Gefallen, wenn Sie ihm immer wieder aus der Patsche helfen. Er verlässt sich doch schon auf Sie, braucht nie den ernsthaften Willen zu haben, sich zu bessern. Wenn irgendetwas schief geht, weiß er, an wen er sich wenden kann und so lebt er weiterhin faul und gewissenlos in den Tag hinein, trinkt, spielt und macht auf Ihre Kosten Schulden. Wenn Sie ihm den Geldhahn zudrehen würden, wäre er gezwungen, seinen liederlichen Lebenswandel aufzugeben.“

Charlotte sagte nichts dazu. Alles, was Annegret ihr vorhielt, wusste sie selbst, doch sie konnte nun mal nicht aus ihrer Haut heraus.

„Meine Worte mögen hartherzig klingen“, fuhr Schwester Annegret fort, „aber im Endeffekt helfen Sie Ihrem Onkel auf diese Weise mehr, als wenn Sie ihm weiterhin immer wieder Geld geben. Denken Sie mal darüber nach.“

Schwester Charlotte nickte. „Ja. Ja, das werde ich tun.“

„Guten Morgen“, grüßte Dr. Härtling hinter Schwester Annegret.

Die im Pflegedienst ergraute Frau drehte sich schwungvoll um. „Guten Morgen, Chef.“

„Guten Morgen“, murmelte Schwester Charlotte und kehrte auf ihre Station zurück.

„Irgendetwas nicht in Ordnung, Annchen?“, erkundigte sich der Klinikchef.

Schwester Annegret winkte ab. „Eine private Sache, Chef.“

„War Schwester Charlottes Onkel mal wieder hier?“, fragte der Leiter der Paracelsus-Klinik.

„Das arme Ding ist gestraft mit so einem Verwandten. Sie hat ein zu gutes Herz, und das nützt Harry Bramböck schamlos aus.“

„Irgendwann wird er den Bogen überspannen“, erklärte Dr. Härtling, und damit war für ihn dieses Thema erledigt. „Wie war Ihr Wochenende?“, erkundigte er sich.

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Wieso?“

„Ich hatte Dienst“, sagte Schwester Annegret.

„Ach ja, richtig. Irgendwelche besondere Vorkommnisse?“

„Ich habe fünf Kindern auf die Welt geholfen“, berichtete Schwester Annegret stolz, „aber besondere Vorkommnisse gab es dabei keine.“

 

 

5

Eine Stunde später traf Dr. Härtling Iris Wiesmath in der Aufnahme. Er hatte ihr vor einem Jahr eine Unterleibszyste entfernt und wollte wissen, was sie diesmal in die Paracelsus-Klinik führte.

„Dr. Becker meint, meine Gallenblase muss raus“, seufzte die übergewichtige Patientin.

„Wenn Dr. Becker das meint, wird es damit wohl auch seine Richtigkeit haben“, erklärte Sören Härtling. „Er ist ein erstklassiger Arzt und ein guter Diagnostiker. Aber dessen ungeachtet werden auch wir Sie noch gründlich untersuchen, und Dr. Falk wird Sie sich erst dann vornehmen, wenn auch wir zu der Erkenntnis gekommen sind, dass sich eine Operation nicht vermeiden lässt.“

„Kommen Sie, Frau Wiesmath“, bat Schwester Charlotte und nahm der Patientin ihr kleines Köfferchen ab. „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“

„Auf Wiedersehen, Herr Doktor“, sagte Iris Wiesmath.

„Bis später“, lächelte Sören Härtling.

Die Patientin folgte der aparten Pflegerin.

„Sie haben eine sehr nette Bettnachbarin“, sagte Schwester Charlotte. „Frau Wolf ist in Ihrem Alter und ungemein sympathisch. Sie werden sich mit ihr bestimmt im Handumdrehen anfreunden.“

„Ist Frau Wolf schon länger hier?“, erkundigte sich Iris Wiesmath.

„Nein, sie ist auch heute erst gekommen.“

„Hat sie auch mit der Galle zu tun?“, fragte die Patientin.

„Bei ihr ist es der Blinddarm.“

Das Krankenzimmer war schön hell. Drei Betten standen darin. Eines war nicht belegt. Schwester Charlotte machte die beiden Frauen miteinander bekannt und ließ sie dann allein. Senta Wolf hatte sich nicht gemeldet, als die Schönheit verteilt worden war, wie sie selbst sagte. Sie hatte Humor, konnte sich über sich selber lustig machen, und das ließ einen leicht darüber hinwegsehen, dass ihre Augen zu weit auseinander standen, ihr Mund zu groß und ihr Kinn zu männlich war.

„Müssen Sie zum ersten Mal operiert werden?“, fragte Iris Wiesmath.

„Ja“,nickte Senta Wolf. „Und Sie?“

„Ich betrachte mich hier bald als Stammgast“, erwiderte Iris Wiesmath sarkastisch und erzählte, weswegen sie schon in der Paracelsus-Klinik gewesen war.

Senta Wolf hörte interessiert zu.

„Wie war die Blinddarmoperation?“, fragte sie die Bettnachbarin gespannt.

„Gott, was habe ich mich davor gefürchtet!“ Iris Wiesmath wedelte mit der Hand, als hätte sie sich die Finger verbrannt.

„Ein bisschen mulmig ist mir auch, wenn ich daran denke, dass man mir den Bauch auf schneiden wird.“

„Also, das ging bei mir ruckzuck mit dem neuen Verfahren und schon war ich meinen Appendix los. Der Wundschmerz hinterher war minimal. Es ist irgendwie das Ausgeliefertsein, das mich vor jeder Operation so fertigmacht. Man bekommt eine Injektion, schläft ein, und dann können sie mit einem anstellen, was sie wollen.“

„Ist doch besser, als alles zu spüren“, meinte Senta Wolf.

„Am besten ist es, wenn man überhaupt nicht operiert zu werden braucht.“

Frau Wolf seufzte. „Wem gelingt es schon, sich ein Leben lang von Krankenhäusern und Chirurgen fernzuhalten? Ich kenne niemanden.“

Die Patientinnen kamen sich rasch näher.

„Wir könnten uns doch eigentlich duzen“, schlug Senta Wolf vor.

Iris Wiesmath lächelte. „Wo wir schon mal Leidensgenossinnen sind.“

„Also, ich bin Senta.“

„Ich heiße Iris.“

Sie gaben sich die Hand.

„Bist du verheiratet, Iris?“, fragte Senta.

„Nein“, antwortete Iris.

„Warum nicht?“

Iris zuckte mit den Schultern. „Es hat sich nie ergeben. Bist du verheiratet?“

Senta schüttelte den Kopf. „Auch nicht?“

„Warum nicht?“

„Hat sich bei mir auch irgendwie nicht ergeben. Hinzu kommt, dass ich nicht gerade wie Kim Basinger aussehe und bedauerlicherweise auch nicht über so viel Kleingeld wie Cher verfüge, um mich von ’nem erfahrenen Schönheitschirurgen attraktiver machen zu lassen. Also muss ich durchs Leben gehen, wie ich bin hässlich, unwichtig, bedeutungslos...“

„Du bist nicht hässlich“, widersprach Iris.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904536
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Januar)
Schlagworte
zukunft

Autor

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Titel: Und morgen beginnt unsere Zukunft