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Die Vampir-Gondel

2016 120 Seiten

Leseprobe

Die Vampir-Gondel

 

 

Horror-Roman

 

 

von Earl Warren

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Steve Mayer & Pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Jean Dubois und seine Frau Monique sind auf Hochzeitsreise in Venedig. Es soll ein romantischer und unbeschwerter Urlaub werden. Aber das Schicksal hat anders entschieden. Zuerst verschwindet ein Ehepaar, das Jean in Monique im Hotel kennengelernt haben, auf rätselhafte Weise – und gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass Vampire in der alten Lagunenstadt ihr Unwesen treiben. Nur wenig später geraten auch Jean und Monique in Gefahr. Die Situation spitzt sich dramatisch zu, als Monique entführt wird und Jean um ihr Leben kämpfen muss...

 

 

 

 

 

Roman

 

In seiner geheimen Kammer tief in den Dimensionen der Hölle, in ihrem neunten Kreis, saß Satanas. Er hockte auf einem knöchernen Sessel, der aus einem riesigen Totenschädel gefertigt war. Er spielte mit seinem Knochenzepter.

Ein Flammenbett stand an einer Wand der gewölbeartigen Kammer. Sie war mit allerlei Sammelsurium und magischen Gegenständen angefüllt. Eine schaurige, unheimliche Atmosphäre herrschte. Durch ein Schallloch tönten die schrecklichen Schreie Gefolterter in die intime Kammer, die Lieblingsmusik des Höllenherrschers.

Auf dem brennenden Bett räkelte sich eine nackte, geschwänzte Teufelin mit brandrotem Haar. Lucretia hiess sie, sie hatte die Gestalt eines bildschönen Weibes, war rothaarig und roch nach einem Schwefelparfüm.

Kleine Schlangen züngelten in ihren Haaren, die sich bewegten, als ob sie ein eigenes Leben hätten.

Komm zu mir“, lockte Lucretia und räkelte sich lasziv.

Der drei Meter große Höllenkaiser schüttelte den gehörnten Kopf. Er schaute in eine schwarze Kristallkugel, die er kurz zuvor vom Regal genommen hatte.

Ich sehe gerade, dass Jean Dubois sich in Venedig befindet“, sagte der Höllenkaiser. Dampf stob aus seinen Nüstern im spitzkinnigen Gesicht, von dem ein Bocksbart niederging und beim Sprechen wippte. „Er lebt noch, lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Doch er ist immer noch da.“

Dann vernichte ihn, und lass uns wilden, orgiastischen Sex machen“, sprach Lucretia.

Außer den Schlangen, die ihre besondere Zierde darstellten, hatte sie zwei kleine Teufelshörner am Kopf. Ein Tattoo in Form einer Dämonenfratze zierte ihren nackten Leib rechts über dem Schamhaaren, die sie zu einem schmalen Streifen ausrasiert hatte.

Aus ihrer Scheide quoll Dampf. Sie würde glühend heiß sein und pulsieren und zucken, was der Höllenkaiser sehr mochte.

Auch ich bin bestimmten Regeln und kosmischen Gesetzen unterworfen“, murrte Satanas. „Ich kann nicht einfach selbst hingehen und Dubois erledigen.“

Dann nimm einen anderen für die Aufgabe, den guten Werwolf zu vernichten, Satanas. Und verlier nicht soviel Zeit. Ich werde immer heißer…“

Der Höllenkaiser starrte mit glühenden Augen in die schwarze Kristallkugel in seiner rechten Klauenhand.

Das wird nicht nötig sein“, grollte er. „In Venedig wird Dubois sein Schicksal ereilen. Ich sehe schon, dass er in starke schwarzmagische Aktivitäten verwickelt wird – dafür besitzt er ja ein besonderes Talent, in solche Dinge hineinzugeraten. Er wird der Vampir-Gondel begegnen. Und die Bekanntschaft der Blutbank machen. Auch hat er Konkurrenz in der Lagunenstadt.“

Mit der Kralle an seinem rechten Mittelfinger ritzte Satanas ein dämonisches Zeichen in die schwarze Kristallkugel. Der magische Hieroglyph glühte auf.

Diesmal sind die Konstellationen, die gegen ihn sind, zu stark“, freute sich der Höllenkaiser. „Der rothaarige Hund mit dem Keim der Lykanthropie im Blut wird vernichtet. Seine Seele und die seiner Geliebten und Frau jedoch werden in meine Hände fallen. – Grässlich will ich sie quälen und leiden lassen, bis in die Ewigkeit.“

Das Gebrüll und Geheul der Gefolterten, das in die Kammer drang, wurde lauter. Die Flammen am Feuerbett loderten hoch. Satanas warf achtlos die Kristallkugel weg. Mit erigiertem gewaltigem Glied ging er zum Flammenbett, wo Lukretia ihn in ihre Arme schloss und bald in sich aufnahm.

 

*

 

Ende Oktober

 

Nebel wogten über dem Canale Grande, es war schwül und roch aus den Kanälen Venedigs. Die Dämmerung brach herein, spät war die Sonne blutrot am Horizont versunken. Sie hatte die Palazzi und sonstigen Gebäude der Lagunenstadt mit ihrem Glanz angestrahlt, dass es aussah, als ob sie mit Blut übergossen seien.

Ein böses Omen.

Die mit prachtvollen Schnitzereien verzierte Gondel fuhr unter der Ponte di Rialto, der Seufzerbrücke, hindurch. Dort hatten die Händler noch immer ihre Andenkenläden offen. Warmes Licht filterte herunter.

Das Ruder des im Heck der Gondel mit dem hochgezogenen Bug stehenden, dunkelgekleideten Gondoliere plätscherte im Wasser. Eine Laterne hing vorne am Bug, der Gondoliere hatte sie noch nicht angezündet. An den meisten anderen Gondeln brannten bereits die Lichter.

Lichterketten säumten die Gondeln. Der Gesang der Gondolieri klang romantisch durch die Kanäle und hallte von den Palazzi und Häusern wider, an die das trübe Wasser plätscherte. Die erleuchteten Fenster schimmerten golden.

Christoph Zuber, ein junger Schweizer Bankangestellter, hatte mit seiner bildhübschen Frau Marietta zusammen die Hochzeitsreise nach Venedig unternommen. Zuber war schwarzhaarig, groß und schlank. Er trug helle Jeans und ein T-Shirt. Marietta, seine Frau, hatte dunkelblondes Haar und blaue Augen.

Weil es ein wenig kühl war auf dem Wasser, trug sie eine aus weißen Klöppelspitzen bestehende Mantilla über den Schultern. Diese hatte ihr Mann ihr an diesem Tag auf der Insel Murano, die zu Venedig gehörte, gekauft.

Jetzt fuhren sie zum Hotel, stilgerecht in der Gondel. Dort wartete ein opulentes Dinner auf sie. Danach wollten sie noch ein wenig bummeln, den Rest der Nacht dann in dem Himmelbett im Prunkhotel einander in den Armen liegen.

Sie waren sehr verliebt, der Himmel hing voller Geigen.

Es ist wunderschön hier, Christoph“, sagte Marietta, die eher zierlich war, jedoch einen üppigen Busen hatte. „Es war eine prachtvolle Idee von dir, die Hochzeitsreise nach Venedig zu unternehmen. Und du hast das beste Hotel am Platz für uns ausgesucht.“

Wir heiraten nur einmal“, erwiderte der 25-jährige. „Ich will überhaupt nur einmal im Leben heiraten. Ich werde dich immer lieben.“

Ich dich auch, Christoph.“

Sie küssten sich, die Umgebung versank für sie. Es fiel ihnen nicht auf, dass ihr Gondoliere, ein breitschultriger Mann mit zusammengewachsenen Augenbrauen, aufgehört hatte zu singen. Andere Gondoliere sangen nach wie vor, was romantisch durch die Kanäle schallte.

Der Gondoliere, der das frischgebackene Ehepaar ruderte, trug eine bestickte Jacke. Er ruderte schneller. Und bog, bevor er das First-class-Hotel erreichte, in dem Christoph und Marietta logierten, zur Seite ab.

Er fuhr in den Schatten, und es sah aus, als ob er mit der Gondel die Kaimauer rammen wollte. Doch sie öffnete sich, oder vielmehr die Gondel fuhr hindurch, als ob sie nicht vorhanden sei.

Christoph und Marietta bemerkten es nicht, sie hatten nur Augen und Ohren füreinander. Die Gondel befand sich in einem Seitenkanal, der sich zwar in Venedig befand, jedoch in einer anderen Dimension. Man sah und hörte die Geräusche der Stadt wie durch Watte oder wie von weitem.

Eine seltsame, unwirkliche Atmosphäre herrschte. Der Dunst über dem Wasser war rötlich. Er waberte und bewegte sich. Die Mauern zu beiden Seiten waren alt und morbide zerfallen und strömten Modergeruch aus.

Marietta Zuber, wie sie nun hiess, war 23. Sie arbeitete als Controllerin im Rechenzentrum eines internationalen Nahrungsmittelkonzerns. Sie war eine moderne, aufgeschlossene junge Frau und passte daher gut zu Christoph. Beide verdienten gut, hatten eine gute Ausbildung, alle Aussichten auf eine gute Karriere; sie waren gesund – das Leben bot sich ihnen angenehm und Erfolg versprechend dar.

Oder es hatte es bis zu diesem Tag getan. Denn das Grauen griff nach ihnen. Mit in der Düsterkeit des Kanals rotglühenden Augen schaute der Gondoliere sie an. Als er den Mund öffnete, sah man spitze Eckzähne.

Er grinste diabolisch. Wartet, dachte er, als er das sich kosende Paar sah. Das wird euch bald vergehen. Da, wo ihr hingeht, gibt es keine Liebe und Zärtlichkeit mehr. Die Hölle erwartet euch, der Palazzo des Grauens – die Blutbank.

 

*

 

 

Einige Stunden zuvor, am frühen Nachmittag.

Ich sass mit meiner frischgebackenen Ehefrau Monique in einem Straßencafé am Rand des Markusplatzes in Venedig. Nach einigen Widerständen und schaurigen Intermezzi hatten wir doch endlich heiraten können. Jetzt befanden wir uns auf der Hochzeitsreise. Monique hatte ihren Mädchennamen Murat beibehalten. Sie war immens reich. Wir hätten uns ohne weitere eine Hochzeitsreise in die Südsee, auf die Malediven oder rund um die Welt leisten können.

Doch meine wunderschöne junge Frau, der ich zu Füßen lag, eine unverbesserliche Romantikerin, hatte nach Venedig gewollt. Da ich ihr jeden Wunsch von den Augen ablas, stimmte ich natürlich zu.

Wir waren in einem First-class-Hotel abgestiegen und hatten dort eine Suite gemietet. Sie war sündteuer, doch Geld spielte keine Rolle. Seit drei Tagen befanden wir uns in der Lagunenstadt.

Mein Name, zur kurzen Erläuterung, ist Jean Dubois. Noch war ich bei der Pariser Kriminalpolizei tätig, wo ich im Dezernat für Schwerkriminalität der Leiter und einzige feste Mitarbeiter der Sonderkommission für parapsychologische Fälle war. Doch zu dem Zeitpunkt der Hochzeitsreise trug ich mich bereits mit dem Gedanken, dort zu kündigen.

Mit der Murat-Stiftung und Moniques Millionenvermögen im Rücken konnte ich die Mächte der Finsternis nämlich effektiver bekämpfen wie als kleiner Beamter. Die Hierarchie von Polizei und Justiz hinderte mich oft mehr als dass sie mir nutzte.

Es galt, umfangreiche Berichte zu schreiben, Spesenrechnungen mussten eingereichet und begründet werden. Engstirnige Vorgesetzte redeten mir in mein Fach hinein. Richter, Staatsanwälte und Politiker wollten auch noch was wissen und ihren Senf mit dazugeben. Zudem hatte ich neben der Schwerfälligkeit des Behördenapparats gegen Ignoranz und Skepsis zu kämpfen und sollte mich an Dienstvorschriften halten, die für Magie und Dämonen weiß Gott nicht zugeschnitten waren.

Das konnte ich nicht gebrauchen. Eine eigene Organisation würde viel schlagkräftiger und flexibler sein. Im Grund genommen hatte ich meine Entscheidung bereits getroffen, der Französischen Polizei Adieu zu sagen.

Mein pferdegesichtiger Kollege und Intimfeind, der Oberinspektor Ribaud, würde das zwar nie verstehen, doch das störte mich nicht. Zurzeit allerdings befand ich auf meiner Hochzeitsreise mit der Frau, die ich über alles liebte. Den Aufenthalt in Venedig wollte ich mir nicht mit Grübeleien über Berufliches und die Zukunft verderben.

Ich nippte an meinem Espresso und schaute Monique an. In ihrem knappen Sommerkleid war sie eine Augenweide. Brünett, mit eingefärbten Strähnen im Haar, dunkeläugig, von lebhaftem Wesen, freundlich und mit einer hinreißenden Figur entzückte sie mich immer wieder aufs Neue.

Ich konnte noch immer kaum glauben, dass sie tatsächlich meine Frau war, dass sie mich liebte und für immer bei mir bleiben wollte. Der Himmel hing für mich voller Geigen, sämtliche Dämonen der Welt und der Hölle interessierten mich in dem Moment einen feuchten Staub.

Monique war 24 Jahre alt und ungefähr so groß wie ich – ich habe mich nie für etwas Besonderes gehalten. Ich bin mittelgross, breitschultrig, rothaarig und habe eine Boxernase. Der mit dem zerknautschten Gesicht, hatte ich mal wen hinter mir sagen hören. Das Rauchen meiner Filterlosen hatte ich mir neulich endlich abgewöhnt und trauerte ihm immer noch nach. Ich war 28 Jahre alt, besonders die freche Klappe fiel an mir auf.

Ohne den Werwolfkeim im Blut, der jedoch nicht zum Ausbruch kam, und die tolle Frau an meiner Seite wäre ich ein Allerweltstyp gewesen.

Monique schob die Sonnenbrille auf ihr modisch frisiertes Haar hoch. Sie wirkte entspannt und glücklich. Nachmittag war es, wir hatten im Bett gefrühstückt, uns dann zärtlich geliebt, waren Hand in Hand durch die Stadt gebummelt und wussten noch nicht, was wir im Anschluss an unsere Kaffeepause an dem Tag unternehmen sollten.

Ach, es ist herrlich ganz ohne Sorgen und ausserhalb jeder Gefahr zu sein“, sagte Monique. „Und du bist der wunderbarste Mann und Liebhaber von der Welt.“

Das ging mir runter wie Öl.

Wie viele kennst du denn?“, fragte ich grinsend.

Monique kicherte schelmisch.

Willst du das wirklich wissen?“, neckte sie mich.

Ein Schatten überflog mein Gesicht. Ich dachte an den Comte Armand de Remaire, der in Wirklichkeit eine dämonische Spinne gewesen war. In seinem Schloss an der Loire hatte er grauenvolle Orgien gefeiert und schöne Frauen ausgesaugt wie die Fliegen . Mit Mühe und unter grösster Gefahr hatte ich Monique aus seinen Klauen befreien können.

Er hatte ihr nichts angetan. Doch ungern dachte ich daran zurück, wie sie seinem dämonischen Bann verfallen gewesen war.

Ich küsste ihr die beringte Hand und knabberte an ihren Fingern.

Nein“, erwiderte ich. „Wollen wir eine Verschnaufpause im Hotel einlegen?“

Das „Gritti Palace“ war ganz in der Nähe.

Lüstling“, sagte Monique.

Dann lass uns in den Dogenpalast gehen und Gemälde ansehen, Cherie. Keine der Frauen auf den Porträts dort ist so schön wie du.“

Monique gähnte und räkelte sich wie eine schläfrige Katze.

Da waren wir gestern erst. Ich kann mir nicht schon wieder Gemälde anschauen. Nach zwei Stunden in den Prachtsälen bin ich wie erschlagen gewesen und absolut nicht mehr aufnahmefähig. Ich habe die ganze Nacht von den Bildern und ihren prachtvollen Rahmen geträumt. Tizian, Veronese, Tintoretto und all die anderen. Die Fülle der Kunstschätze von Venedig erschlägt einen regelrecht.“

Sie fuhr fort: „Es riecht aus den Kanälen. Und die vielen Tauben hier am Markusplatz! Du weißt, ich bin Tierfreundin, aber hier gibt es solche Unmengen von Tauben, dass man Angst bekommen kann. Das ist wie in dem Hitchcock-Film ‚Die Vögel’“.

Du hast Venedig als Ziel unserer Hochzeitsreise ausgesucht“, antwortete ich. „Wenn es dir hier nicht gefällt, können wir von mir aus gerne woanders hin reisen.“

Ach, ich weiß nicht, ich glaube, ich bin einfach launisch. Das ist das Vorrecht der Frauen. Vielleicht gefällt es mir morgen schon wieder besser.“

Monique wirkte auf mich unruhig. Ich wusste, dass sie über eine feine Intuition verfügte. Hatte sie eine Vorahnung, spürte sie etwas, das ich nicht fühlte und wusste?

Wir schauten über den ganz mit Marmorplatten ausgelegten Markusplatz, den die Markuskirche, der Uhrturm und die Prokuratorenpaläste im Geviert umgaben. Vor der Basilika San Marco mit ihren Kuppeltürmen ragte mächtig, 99 Meter hoch und innen mit Fahrstuhl zur Aussichtsplattform, der aus rotbraunen Steinen gemauerte Campanile auf, der Glockenturm.

Zahllose Tauben und Scharen von Touristen bevölkerten den Platz. Die ersten schissen den letzteren gelegentlich auf den Kopf. Die letzteren scheuchten die ersteren auf, wenn sie fast über sie stolperten.

Lass uns doch ins Hotel gehen, Jean“, sagte Monique. „Ich habe Kopfschmerzen. Vielleicht ist der Geruch aus den Kanälen daran schuld. Doch vorher möchte ich, dass du mich auf einem der Markuslöwen dort am Platz sitzend fotografierst.“

Ich legte einen Schein als Bezahlung auf den Tisch, und wir standen auf und schlenderten über den riesigen Platz. Monique setzte sich auf einen der beiden Markuslöwen, um sich von mir knipsen zu lassen. Sie nahm eine Pose ein und lächelte in die Digitalkamera.

Plötzlich erschauerte sie, als ob sie ein eiskalter Hauch getroffen hätte, und blickte nach oben. Es dauerte nur Sekunden. Monique blinzelte und wischte sich mit der Hand über die Augen.

Was hast du?“, fragte ich sie beunruhigt.

Mich hat ein eisiger Schauer überlaufen. Es war wie eine Vision. Ein Schatten fiel über uns. Als ich emporschaute, sah ich eine geflügelte Kreatur. Den Schwingen nach eine riesige Fledermaus – wie ein Vampir. – Sollten auch hier schaurige Mächte am Werk sein, die es gar auf uns abgesehen haben?“

Auch ich war beunruhigt, doch ich hatte nichts bemerkt. Dabei hatte ich den abgekapselten Keim der Lykanthropie im Blut und war besonders sensibel und empfänglich, was die Wahrnehmung dämonischer Mächte betraf.

Mir ist nichts aufgefallen, Cherie. Doch für alle Fälle habe ich meinen Einsatzkoffer mit magischen Waffen dabei. Er liegt im Hotel.“

Wie hast du den denn durch die Kontrollen und den Zoll bekommen?“

Pater Chaban, der mich damals davor rettete, ein Werwolf zu werden und der uns gegen den dämonischen Comte de Remaire half, hat das für mich erledigt. Durch Kontakte innerhalb der Kirche. Freunde von ihm aus dem Umfeld des Vatikans schickten einen für mich bestimmten Einsatzkoffer nach Venedig ins ‚Gritti Palace’. Ich selbst nahm keinen Koffer und keine Waffe mit ins Flugzeug.“

Wir waren von Paris aus gestartet und in Venedig auf dem Marco Polo-Airport gelandet.

Du rechnest mit dämonischen Anschlägen? Auf unserer Hochzeitsreise?“

Wir sind immer gefährdet, Liebste. Wen der Teufel einmal auf seiner Liste stehen hat, den vergisst er nicht. Doch sei unbesorgt, wir sind hier genauso viel oder so wenig in Gefahr wie in Paris oder anderswo.“

Das ist mir ein schöner Trost. Fotografiere mich bitte. Ich spüre kein innerliches Schaudern mehr und nehme nichts Ungewöhnliches wahr. Vielleicht bin ich nur überreizt.“

Ich gehorchte. Kaum hatte ich eine Aufnahme gemacht, als Monique an mir vorbei schaute.

Oh, oh“, sagte sie. „Das wird uns was kosten.“

Als ich mich umschaute, sah ich zwei Wächter in der mittelalterlichen Tracht der Lagunenstadt, die sie als Ordnungskräfte auswies. Die Tracht trugen sie wegen der Touristen. Sie steuerten auf uns zu.

Auf Italienisch, das Monique fließend sprach, teilten sie uns mit, dass wir eine Ordnungswidrigkeit begangen hätten. Es nutzte nichts, dass ich mich herauszureden versuchte, ich hätte nicht gewusst, dass es verboten war, einen Markuslöwen zu besteigen und sich darauf zu setzen. Ob zum Zweck des Fotografierens oder nicht.

Monique übersetzte.

Auf Französisch sagte sie zu mir: „Schwindele nicht, Jean, das ist eines Kämpfers des Lichts unwürdig, der sogar schon einmal die Spitze der Lanze der Jungfrau von Orleans als weißmagische Waffe gebrauchte, was eine hohe Auszeichnung ist. – Greif in die Tasche und zahle.“

Murrend gehorchte ich, während ich vor mich hinbrummelte, dass weder die Jungfrau noch Pater Chaban, der mittlerweile Abt eines Klosters in der Nähe von Orleans war, uns das Strafmandat erstatten würden.

Doch letztendlich waren die Ordnungshüter im Recht. Wenn sich alle Touristen auf die Markuslöwen gesetzt hätten, wären sie bald völlig abgewetzt gewesen.

Die Ordnungshüter ermahnten uns, den Denkmalschutz zukünftig zu beachten. Wir nickten gehorsam. Ich legte den Arm um Monique. Wir gingen durch das Portal des Torre dell Orologios, des Uhrturms aus dem 15. Jahrhundert. Die astrologische Uhr über uns schlug die vorletzte Stunde vor Mitternacht.

Von der anderen Seite vorm Turm schauten wir zu dem mechanischen Figurenspiel mit den beiden Mohren hoch, die an einer Glocke melodisch die Zeit schlugen. Wir standen nun auf der Merceria, einer verkehrsreichen Straße mit eleganten Geschäften und Andenkenläden.

Von hier aus waren es nur wenige Schritte zu unserem Hotel, dessen klassizistische, stuckverzierte Fassade emporragte. Überm Eingang prangte das Wappen von Venedig, der geflügelte Löwe mit dem Buch mit der Inschrift. In diesem Zeichen hatten die Schiffe der Seemacht Venedig, die Genua überflügelte, lange die Meere beherrscht.

Überall in der Stadt sah man die Zeichen einer glorreichen Vergangenheit. Venedig zerfiel, aber in Glanz und Glorie.

Glaubst du wirklich, vorhin einen Vampir gesehen zu haben?“, fragte ich Monique beunruhigt. „Es wird ein Schatten gewesen sein, ein Vogel, den du verzerrt gesehen hast.“

Ich sehe keine verzerrten Vögel und Luftspiegelungen“, erwiderte Monique. „Ach Jean, Liebster, ich fürchte, die schönen Tage und die Entspannung sind vorbei. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Meine Intuition sagt mir, dass es mit Christoph Zuber und seiner jungen Frau zusammenhängt. Jean, ich fürchte, wir werden sie nicht lebend wieder sehen.“

Ich erschrak.

Wie willst du das wissen? Solche Eingebungen hattest du doch noch nie.“

Ich weiß es, fühle es, spüre es. Es ist, als ob es mir jemand ins Ohr geflüstert hätte.“

Wer sollte das denn gewesen sein?“

Das weiß ich nicht. Bitte lach mich nicht aus.“

Nichts ist mir ferner als das, Cherie. Doch was sollen wir tun?“ Es wunderte mich, dass sie das junge Paar aus der Schweiz erwähnte, das wie wir im „Gritti Palace“ wohnte. „Wir wissen nicht, wo die Zubers sind. Und ob sie überhaupt in Gefahr sind. Was sollten wir tun?“

Zunächst nichts“, flüsterte Monique. „Du wirst Hunger haben, denn wir haben noch nicht zu Mittag gegessen. Lass uns ein Ristorante aufsuchen. Ich kann allerdings nichts hinunterbringen.“

Auch keinen Salat?“

Ich fürchte, nein.“

Versuch es.“ Ich legte den Arm um Monique und küsste sie auf’s Ohr. „Wenn du ihn gar nicht essen kannst, esse ich ihn.“

Es war ein banales Gespräch angesichts einer unheimlichen Gefahr, die uns drohen konnte. Doch panische Diskussionen zu halten hätte uns nichts genutzt. Wir suchten also ein Ristorante auf, wo wir unterm Sonnenschirm im Freien saßen. Die rechte Stimmung wollte sich bei uns allerdings nicht mehr einstellen.

Monique verzehrte ein paar Bissen von ihrem Salat Nizza und schob ihn dann weg.

 

*

 

Christoph und Marietta Zuber merkten, dass etwas nicht stimmte. Eng umschlungen hatten sie in der Gondel gesessen, die durch das nachtschwarze Wasser glitt, und waren damit beschäftigt gewesen, sich tief in die Augen zu schauen und sich an den Händen zu halten. Zuerst registrierte der junge Schweizer das Fehlen der Geräusche, die sie zuvor im Canale grande gehört hatten.

Es war zu ruhig.

Er schaute auf.

Aber wo sind wir denn hier?“, fragte er den Gondoliere mit der reich bestickten Weste und dem Barett am Kopf, der Tracht der Venetianischen Gondolieri.

Der Gutaussehende schwarzhaarige junge Mann wiederholte die Frage in Englisch, weil ihm einfiel, dass der Gondoliere sein Schwyzerdütsch nicht verstand. Der Gondoliere antwortete nicht. Er ruderte weiter durch den dunklen, schmalen Seitenkanal, unter einer Brücke hindurch.

Aus den Häusern zu beiden Seiten des Kanals fiel kein Licht. Nur der Mond schien, und ferner Lichtschimmer gab eine spärliche Beleuchtung. Wortlos ging der Gondoliere an dem jungen Paar vorbei und zündete die Laterne am hohen Bugspriet der Gondel an.

Marietta umklammerte ihren Gatten.

Er wirft keinen Schatten“, wisperte sie ihm ins Ohr. „Seine Augen glühen.“

Als sich der Gondoliere umdrehte, um an seinen Platz zurückzukehren, sah es auch Christoph. Unterm Barett leuchteten zwei rote Funken in den Pupillen des Gondoliere. Christoph erschauerte.

Er kniff sich in den Arm, um sich zu überzeugen, dass er nicht träumte. So etwas gab es nur im Film oder im Roman. Grauen erfasste ihn. Er zupfte den Gondoliere an Wams, als der an ihnen vorbeistieg.

Antworten Sie mir. Was soll das bedeuten?“

Der Gondoliere streifte Christophs Hand weg. Er stellte sich ans Heck der unsymmetrischen Gondel, was sie sein musste, um das Drehmoment durch das einseitige Rudern auszugleichen. Geschickt steuerte und ruderte er weiter. Er duckte sich unter einer besonders niedrigen Brücke.

Kein Laut war mehr zu hören, außer dem Plätschern des Ruders im Wasser und den Geräuschen, die in der Gondel selbst entstanden. Totenstille herrschte rundum, eine beängstigende, grauenvolle Stille.

Christoph, so unternimm doch etwas“, flüsterte Marietta.

Der junge Mann verfiel in hektische Betriebsamkeit. Er kramte seinen Translator aus der Tasche, tippte Worte ein und versuchte, sich mit dem Gondoliere zu verständigen. Mit Händen und Füssen, italienische Worte vom Taschenübersetzer ablesend, äußerte Christoph sich.

Der Gondoliere ruderte stur und stumm weiter. Das Paar auf der Hochzeitsreise erschauerte. Die beiden schauen sich an.

Wir werden entführt.“

Marietta wagte es nicht, laut zu sprechen.

Von der Mafia“, raunte Christoph. „Sie werden uns ausrauben wollen.“

Marietta schmiegte sich schutzsuchend an ihren Gatten.

Ich fürchte, es ist schlimmer als das“, flüsterte sie. „Der Gondoliere ist kein Mensch so wie wir.“

Christoph folgte ihrem Blick. Der Schatten der Gondel geisterte im Schein der Laterne am Bug verzerrt über die Mauern am Ufer. Auch die Schatten des jungen Paars und der des Ruders waren zu sehen. Von dem Gondoliere jedoch - nichts.

Es war Christoph, als ob ein eisiger Finger über sein Rückgrat fahren würde. Er wusste nicht, was er tun sollte, und wagte es nicht mehr, den unheimlichen Gondoliere noch einmal anzusprechen.

Ich werde die Polizei anrufen“, wisperte er Marietta zu. „Den Notruf.“

Er wendete sich ab, damit der Gondoliere nicht sehen sollte, was er tat. Heimlich zückte er das eingeschaltete Handy, deaktivierte die Tastensperre und tippte die Notrufnummer ein. Doch er erhielt keine Verbindung. Sie kam nicht zustande, als ob hier ein Funkloch sei.

Auch als Christoph den Versuch wiederholte, klappte es nicht.

Die Gondel fuhr weiter. Endlich schimmerte Licht. Die Gondel fuhr durch das schwarze, schweigende Wasser auf einen Palazzo zu, der hinter einer Biegung des Kanals auftauchte. Bei seiner Freitreppe gab es eine Anlegestelle. Der Gondoliere ruderte dorthin.

Der Bug der Gondel mit dem hohen, schwertartigen Eisen stieß an die Mauer. Der Gondoliere winkte dem Paar, auszusteigen. Es war kälter, als es hätte sein dürfen. Luminierender Dunst und Nebel lagen über dem Wasser.

Der Palazzo war sehr groß und wirkte verfallen. Doch über seinem Eingang sah man über einem breiten Portal, das offen stand, eine Leuchtschrift. „Banca Sangue“ stand darauf. „Bank des Blutes“ oder „Blutbank“. Ein schauriger Name.

Andererseits, dachte Christoph, konnte der Besitzer der Bank Sangue oder Blut heißen, warum nicht? Es musste sich um eine Privatbank handeln. Der junge Mann schöpfte Hoffnung. Er arbeitete selbst bei einer Bank, als Schweizer waren für ihn Banken etwas Vertrautes. Vor allem solid, seriös und, die Schweizer Banken, sehr sicher. Es wird schon so schlimm nicht sein, redete Christoph sich ein.

Noch einmal versuchte er vergeblich, seinen Notruf übers Handy abzusetzen, mit demselben Ergebnis wie zuvor. Resigniert steckte er das Handy ein. Es nützte ihm nichts.

Weil er keine andere Hoffnung hatte, setzte Christoph Zuber diese auf die Bank in dem alten Palazzo. Er zog Marietta an der Hand hoch.

Lass uns hineingehen. In der Gondel können wir nicht bleiben. Der Gondoliere schaut grimmig. Seine Augen glühen stärker denn je.“

Was mag uns drinnen erwarten?“, flüsterte Marietta, folgte jedoch ihrem neulich erst angetrauten Mann.

Scheu schaute sie zu dem unheimlichen Gondoliere zurück. Die beiden gingen über den glitschigen, feuchten Marmor des Vorplatzes in die Bank. Es ging drei Stufen hoch. Die Fenster der Bank waren mit schmiedeisernen Gittern verschlossen, bei einem Geldinstitut durchaus anzuraten.

Helles Licht brannte drinnen, auch im Obergeschoss, vor dem sich ein schmaler Balkon befand. Auch das Licht ermutigte Christoph einzutreten. Seine Frau folgte ihm.

Sie fanden sich in einem Saal wieder, der bildhauerisch bearbeitete Marmorsäulen aufwies. An der linken Seite standen Statuen in Nischen. Rechts und links von den Fenstern an der Vorderfront hingen blutrote schwere Samtstores herunter.

Ein großer, prunkvoller Kronleuchter hing von der Decke. Gaslicht brannte in seinen Zylindern. Im Hintergrund war eine Tür, und rechts befanden sich Schalter, wie bei einer Bank, jedoch so, wie sie im 19. Jahrhundert üblich gewesen waren. Also hinter einer geschlossenen Wand befindlich, die von breiten Gitterfenstern durchbrochen war.

Es gab drei Schalter. Über einem stand „Kassa“. Im Saal vor den Schaltern war niemand zu sehen. Doch hinter der Kasse saß eine Gestalt mit grünem Augenschirm. Sie hielt den Kopf gesenkt.

Da ist jemand“, sagte Christoph. Seine Stimme hallte. „Ich werde ihn fragen.“

Ich habe Angst, Christoph.“

Der junge Mann drückte beruhigend die Hand seiner Frau. Mit einem dumpfen Knall schloss sich die Eingangstür der Bank. Die Flammen in den Gaszylindern bogen sich wie unter einem Windstoß, obwohl das physikalisch nicht sein konnte. Dann wurde die Beleuchtung um vieles schwächer.

Düster war es im dem grossen, kalten Saal mit dem nackten Marmorboden.

Christophs Knie zitterten, und er spürte, dass Marietta am ganzen Leib bebte. Doch es gab keinen anderen Ausweg, hinaus konnten sie nicht. Christoph ging davon aus, dass sich die Eingangstür nicht mehr öffnen liess.

Er schluckte und rang um seine Fassung. Kalter Schweiss perlte auf seiner Stirn.

Das muss ein dummer Scherz oder ein Irrtum sein“, sagte er, und er wusste, dass er Unsinn redete.

Doch er versuchte, entschlossen aufzutreten, um seiner Frau Mut zu machen. Er wollte vor ihr nicht als Feigling dastehen und hielt es für seine Pflicht, Haltung zu zeigen.

Daheim war er bei den Gebirgsjägern gewesen. Er hatte seinen Militärdienst abgeleistet und war dabei im Nahkampf ausgebildet worden. Normalerweise konnte er sich überall behaupten. Jetzt warf er sich vor, dass er es soweit hatte kommen lassen, dass sie bis hierher geraten waren.

Ich hätte den Gondoliere draußen auf dem Kanal angreifen sollen, dachte er.

Er ging, Marietta hinter sich herziehend, zum Kassenschalter der Blutbank.

 

*

 

Hinter dem Schalter saß – ein Skelett. Marietta schrie gellend auf und schlug die Hand vor den Mund. Sie wäre umgefallen vor Schreck, wenn ihr Mann sie nicht festgehalten hätte.

Was soll das bedeuten?“, schrie Christoph das Skelett mit dem grünen Augenschirm und dem Ärmelschonern – ohne Ärmel – an. „Was für ein Institut ist das hier?“

Die Blutbank“, ertönte hohl eine Geisterstimme, die des Kassierers. Dass es ein Skelett war, hatten die beiden jungen Schweizer erst gesehen, als sie direkt vorm Schalter standen. „Wollen Sie einzahlen oder abheben? Haben Sie schon ein Konto bei uns?“

Christoph starrte den Skelettkassierer an.

Was... wie...?“, stammelte er, seine Frau in den Armen haltend.

Ob Sie ein Konto haben?“

N-nein. Nicht, dass ich wüsste. A-aber, meine Kreditkarten gelten bei jeder Bank.“

Kreditkarten?“, echote das Skelett, als ob es noch nie davon gehört hätte. „Was ist das? – Wenn Sie kein Konto haben, muss ich den Chef fragen.“

Der schaurige Kassierer schlug mit der Skeletthand auf eine Glocke. Als sie ertönt war, öffnete sich kurz darauf die Tür im Hintergrund. Ein krummer alter Mann in altertümlicher Kleidung erschien. Er hatte Altersflecken auf den Händen und auf seiner Glatze, um die spärliche Haarbüschel wuchsen.

Grinsend trat er heran.

Mein Name ist Shylock, habe die Ehre.“ Seine Stimme hörte sich an wie das Rascheln von altem Pergament. Das junge Ehepaar verstand ihn, genau wie den Kassierer. Für sie war es, als ob er in ihrer Muttersprache zu ihnen spräche. „Sie wollen ein Konto eröffnen?“

Nicht unbedingt“, erwiderte Christoph und versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu geben. „Was hat das alles hier zu bedeuten? Haben Sie uns mit der Gondel entführen lassen, Herr Shylock?“

Auch der Name Shylock jagte Christoph und Marietta Angst ein. Sie kannten Shakespeares Drama. Von einem Shylock war nichts Gutes zu erwarten.

Ich, Sie entführen?“, fragte der Alte und rieb sich raschelnd die Hände. „Aber wo denken Sie denn hin. Sie sind zu mir in die Bank gekommen. Wollen Sie nun ein Konto eröffnen, oder wollen Sie nicht?“

Ja, in Dreiteufelsnamen, wenn wir dann weg können“, entfuhr es Christoph Zuber. „Garantieren Sie uns dafür?“

Natürlich können Sie später wieder weg, sobald die Formalitäten erledigt sind. Aber zuerst müssen Sie einzahlen.“

Und was denn?“, fragte Christoph, dessen Frau kein Wort sagte. „In welcher Währung?“

Shylock starrte ihn an.

Natürlich in Blut“, sagte er. „Das steht doch über der Tür. Können Sie nicht lesen?“

Das Ehepaar packte noch mehr das Grauen. Sie brachten kein Wort mehr hervor. Ein Wispern ertönte, raschelnde und scharrende Geräusche. Rotglühende Augen funkelten in der Dämmerung weit im Hintergrund.

Dann traten Gestalten hervor und umringten die beiden. Es waren ausgezehrte, dürre Gestalten. Sie hatten lange dünne Spinnenfinger, kahle Köpfe, obwohl auch Frauen dabei waren, und spitze Eckzähne.

Blut“, krächzten sie.

Marietta schrie fürchterlich, als die Vampire sie packten.

 

*

 

Noch vom Ristorante, in dem wir zu Mittag aßen, rief ich im Hotel an. Die mehrsprachige Dame von der Hotelrezeption teilte mit, sie wären nicht im Haus und hätten nicht hinterlassen, wie sie den Tag zu verbringen gedachten und wann sie zurückkehren würden. Ich bat, den beiden eine Nachricht ins Fach zu legen, dass sie uns benachrichtigen sollten, wenn sie zurückkehrten. Wir kannten das sympathische junge Schweizer Paar, die wie wir auf der Hochzeitsreise waren, vom Hotel her.

Dann kehrte ich zu Monique zurück. Sie stocherte in ihrem Salat und nippte am Rotwein.

Und?“, fragte sie.

Ich zuckte die Achseln.

Soll ich mein Handy aus dem Hotel holen?“, fragte ich. „Und dort hinterlassen, dass die Zubers uns sofort anrufen sollen, wenn sie ins Hotel zurückkehren?“

Was sollte das nützen? Besser, wir warten ab. Vielleicht habe ich mich getäuscht. Ich bin verwirrt, mir geht es nicht gut.“

Monique war blass. Ich schlug ihr vor, ins Hotel zurückzukehren. Das lehnte sie ab. Wenn wir dort herumsaßen, nutzte es niemand, und vielleicht kehrten die Zubers am Abend frisch und fröhlich von ihrem Touristentagesbummel zurück. Ebenso war es unsinnig, wenn ich mich an die hiesige Polizei wendete.

Was hätte ich dort sagen sollen? Meine Frau glaubt, am Markusplatz einen Schatten in der Luft gesehen zu haben. Wir fürchten, ein junges Schweizer Ehepaar in unserem Hotel könnte durch übernatürliche Mächte in Gefahr sein. Die venezianischen Kollegen hätten mich ausgelacht.

Wir brachten also den Tag herum. Am Abend saßen wir in der Hotelhalle und lauerten auf die Tür. Doch die Zubers erschienen nicht. Jedes Mal, wenn jemand Neues durch die Drehtür in die prachtvolle Hotelhalle trat wurden wir enttäuscht.

Die Zubers waren nicht zu erreichen. In ihrem Zimmer waren sie auch nicht, das wäre uns vom Hotelpersonal mitgeteilt worden. Eine Handynummer hatten sie nicht hinterlassen, wozu auch? Monique hatte mittlerweile ihr Handy in der Tasche, ich meines nicht. Zuvor war es in der Suite gewesen. Auf der Hochzeitsreise mussten wir nicht unbedingt ständig erreichbar sein.

An diesem Abend hatten wir keinen Nerv, eine Oper oder das Theater zu besuchen. Wir suchten unsere Luxussuite auf, die eines Renaissance-Fürstenpaars würdig war. Wir sorgten uns um das junge Schweizer Ehepaar. Sie waren sichtlich verliebt gewesen, nette junge Leute, mit denen wir einmal zusammen gefrühstückt und insgesamt zweimal geplaudert hatten.

Wir befanden uns drei Tage in Venedig, die Zubers waren schon eine Woche da, den heutigen Tag eingerechnet.

Am nächsten Morgen fehlten Christoph und Marietta Zuber im Hotel im Frühstücksraum und waren immer noch nicht da. Sie hatten weder im Hotel angerufen noch etwas von sich hören lassen. Unsere Unruhe wuchs.

Dennoch frühstückten wir, diesmal wieder im Frühstücksraum. Strahlendes Sonnenlicht fiel durch die hohen Fenster herein. Wir holten uns vom Büffet, was wir brauchten. An diesem Tisch hatten wir vorgestern mit dem sympathischen Paar aus der Schweiz zusammengesessen. Der junge Mann sprach recht gut Französisch, so hatten wir uns angeregt unterhalten und von den beiden ein paar touristische Tipps für den Venedig-Aufenthalt erhalten.

Was mag nur mit ihnen sein?“, überlegte Monique laut. „Was sollen wir jetzt denn tun? Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und uns verhalten, als ob nichts geschehen wäre.“

Uns ist noch nichts geschehen“, antwortete ich. „Beruhige dich.“ Ich tätschelte ihre Hand. „Nach dem Frühstück gehen wir zum Hotelmanager und reden mit ihm. Vielleicht weiß er einen Rat. Zumindest muss er etwas dazu sagen, wenn zwei seiner Hotelgäste verschwunden sind.“

Nun ja, seit einer Nacht sind sie abgängig. Das kann viele und durchaus harmlose Gründe haben.“

Glaubst du das?“

Ehrlich gesagt, nein.“

Ich überlegte, ob ich meinen Einsatzkoffer mit dem magischen Instrumentarium aus der Suite holen sollte, wo er hinten im Schrank versteckt stand. Doch noch wollte ich es nicht. Ich hoffte, obwohl mein Gefühl mir etwas anderes sagte, die Sache mit den verschwundenen Schweizern würde sich harmlos klären, und ich brauchte nicht auf die Dämonenjagd zu gehen.

Wir brauchten nicht zum Hotelmanager zu gehen, er kam zu uns.

Wir beendeten gerade das Frühstück, als der Hotelmanager zu uns an den Tisch trat. Außer mir und und Monique saßen nur noch zwei Paare an weiter entfernten Tischen. Durch die offenen Fenster drang der Geruch der Kanäle herein, der hier allgegenwärtig war, und hörte man die Geräusche der Lagunenstadt.

Der Hoteldirektor war um die Fünfzig, im Anzug, wie es sich gehörte, und hatte pfeffer-und-salzfarbenes Haar. Er fragte uns in fließendem Französisch, auf das er sichtlich stolz war, nach den beiden Flitterwöchnern Zuber.

Gerade deshalb wollten wir Sie aufsuchen“, erwiderte ich. „Was für ein Problem haben Sie denn mit ihnen, Signore? Kommen Sie, weil wir uns intensiv nach den beiden erkundigt haben?“

Ich hörte davon, dachte jedoch, dass Sie überbesorgt seien und dies kein Grund für mich ist, mich einzuschalten. Bis ich nun hörte, dass die junge Signora und der Signore die ganze Nacht nicht zurückgekehrt sind und sich nicht gemeldet haben. Und das, obwohl sie heute eine Tour zur Insel Murano gebucht hatten.“

Dort befand sich das Zentrum der berühmten Venetianischen Glasindustrie, von der besonders das blaue Glas berühmt war.

Sie hatten diese Tour über das Hotel gebucht und bezahlt. Meine Mitarbeiterin sagte mir, Signora Zuber hätte sich sehr darauf gefreut und ihr erzählt, dass sie für daheim Reiseandenken und Geschenke auf der Insel Murano kaufen wollte. Die beiden wollten extra geweckt werden, um die Tour ja nicht zu verpassen.“

Das ist allerdings seltsam“, sagte ich. „Christoph Zuber ist ein sehr solider und zuverlässiger junger Mann. – Was wollen Sie nun unternehmen, Signore?“

Was soll ich denn tun“, fragte der Hoteldirektor. „Zunächst frage ich Sie, weshalb Sie sich so intensiv nach dem jungen Paar erkundigten und es mit Spannungen erwarteten?“

Was sollte ich ihm erzählen? Dass mich vor einiger Zeit im Wald von Meudon ein Werwolf gebissen hatte und ich seitdem mit den dämonischen Mächten und der Hölle im Clinch lag? Ich legte keinen Wert darauf, als Spinner angesehen zu werden oder gar mit der venezianischen Psychiatrie Bekanntschaft zu machen.

Wir hatten uns mit den Zubers verabredet“, antwortete ich allgemein. „Hier haben Sie meine Karte, da steht die Handynummer. Wenn die beiden im Hotel auftauchen, rufen Sie mich bitte sofort an. Und teilen Sie den Zubers mit, sie möchten sich mit mir in Verbindung setzen.“

Ah.“ Es war eine dienstliche Karte. Mein Beruf stand darauf. „Sie sind ein Criminale, Signore Dubois?“

Sie brauchen mich nicht zu fürchten, mein Freund. Ich bin nicht von der Steuerfahndung. Ausserdem habe ich in Venedig keine Befugnisse.“

Ah, die Steuer - taglierini del collo, ladrini, banditi ! Sprechen Sie mir nicht davon! Halten Sie es für möglich, dass wegen dem Verschwinden der beiden ein Verbrechen vorliegt?“

Ich weiss es nicht. Es gibt keine relevanten Verdachtsmomente.“ Fliegende Schatten und Moniques Gefühl oder Eingebung waren keine handfesten Beweise. „Sollte sich etwas ergeben, verständige ich Sie.“

Ich bitte darum. Wir sind immer um das Wohlergehen unserer Gäste besorgt. Jedoch wollen wir nichts dramatisieren.“

Der Hoteldirektor, der sich zu uns an den Tisch gesetzt hatte, erhob sich lächelnd.

Vielleicht haben sie irgendwo Kontakt und Anschluss gefunden und sind eingeladen worden“, sagte er. „Manche venezianische Familien sind sehr gastfreundlich, wenn ihnen jemand sympathisch ist. Die Palazzos der Nobili sind sehr groß. In vielen werden ganze Zimmerfluchten nicht mehr genutzt und stehen leer. Da ist es leicht, Gäste zu beherbergen, und die Zubers könnten eine solche Einladung angenommen haben.“

Ohne Nachricht zu geben oder die Fahrt nach Murano abzusagen?“, fragte Monique.

Vielleicht haben sie es vergessen, oder es lag ihnen doch nicht so sehr am Herzen“, erwiderte der Hoteldirektor. „Warten wir’s ab. Es besteht keine Vorschrift, dass Gäste sich unbedingt abmelden müssen, wenn sie eine Nacht außerhalb vom Hotel verbringen.“

Er grinste.

Hauptsache, dass sie sie bezahlen.“

Mit diesem Scherz, der er sein sollte, entfernte er sich. Wir schauten uns an.

Was sagt dein Gefühl?“, fragte ich Monique.

Im Moment nichts. Ich weiß nicht… Vielleicht haben wir uns gestern tatsächlich umsonst gesorgt, und ich habe nur einen Schatten gesehen. Vampire in Venedig wären zu abenteuerlich.“

Ich schwieg, ich war nachdenklich. Andererseits neige ich nicht zur Panikmache. Vielleicht war tatsächlich alles harmlos. Ich selbst hatte keinen Eindruck von einer Gefahr.

Ich gönnte mir gerade einen letzten Schluck Fruchtsaft, als die Tür aufging und drei Männer den Frühstückssaal betraten, in dem Gemälde an den Wänden hingen und Monique und ich nun die einzigen Gäste waren. Die Gemälde an den Wänden waren echt und wertvoll, sie stammten von alten Meistern.

In Venedig gab es derart viele Bilder, dass, wie ich burschikos schon mal gesagt hatte, man damit hätte heizen können. Auch an Statuen und dergleichen bestand kein Mangel. Ich hätte hier nicht auf Dauer wohnen mögen, ich wäre mir wie in einem Museum vorgekommen.

Das gerade eingetretene Trio näherte sich uns. Der Wortführer in der Mitte war ein dunkel gekleideter, finster blickender, bärtiger Mann mit einem silbernen Drudenfuß um den Hals. Eine Ausbuchtung unter seiner linken Achsel verriet mir, dass er dort eine Schusswaffe trug.

Der Finsterling hatte breite Schultern und war über mittelgroß. Eine gezackte Narbe zog sich über seine linke Wange wie ein Blitz.

Ein Gutartiger war das nicht. Der silberne Drudenfuß am Band um seinen Hals wies darauf hin, dass es sich um einen Hexenjäger oder dergleichen handelte. Ein Dämon war er nicht, das hätte ich dank des Werwolfskeims in meinem Blute gespürt. Sozusagen gewittert.

Einer seiner Begleiter war ein Hüne mit gewaltigen Händen und einem aknenarbigen Gesicht. Unter dem schütteren Schnauzbart, den er trug, sah ich an seiner Oberlippe die Spuren einer Operation. Zweifellos hatte er einen Wolfsrachen gehabt, der chirurgisch korrigiert worden war. Bestimmt konnte er nur guttural sprechen.

Bei dem dritten Mann von dem Trio infernale handelte es sich um einen Buckligen. Er kleidete sich elegant, im Gegensatz zu dem Hünen, dessen Klamotten aussahen wie aus dem Lumpensack gezogen.

Der Bucklige hielt einen Stock in der Hand. Mein scharfer Blick verriet mir, dass es sich um einen Stockdegen handelte, der griffartige Knauf war nicht zu verkennen.

Darf ich mich vorstellen?“, fragte der Bärtige mit der Narbenvisage mit dröhnender Stimme in gutem Französisch.

Ich bitte darum, zu erfahren, mit wem ich das Missvergnügen habe.“

Ich bin Pasquale d’Annocchio. Man nennt mich Pasquale den Hexenjäger. Meine Knechte heissen Giancarlo“ – er deutete auf den Hünen – „und Luigi.“ Das war der Bucklige. „Schon von uns gehört?“

Bisher nicht, was mir sehr angenehm war. Wie läuft denn die Jagd so, Monsieur? Und wie sagt man zu einem Hexenjäger? Hexmanns Heil oder Guten Brutzel, da ja die Hexen verbrannt werden oder zumindest früher es wurden?“

Monique musste lachen. Der Bärtige fand meine Worte nicht lustig. Er stemmte seine klobigen Fäuste auf unseren Tisch.

Versuche nicht, mich auf den Arm zu nehmen, Jean Dubois. Das würde dir schlecht bekommen. Ich weiss Bescheid über dich.“

Und woher, bitte? Ich kenne Sie nämlich nicht. Eine Galgenvogelvisage wie Ihre hätte ich mir gemerkt.“

Werde nicht frech, Kerl. Ich habe meine Kontakte, im Diesseits wie auch im Jenseits. Kennst du die Wächter der Scalbas?“

Sie sprechen in Rätseln.“ Ich mochte Pasquale d’Annocchio nicht und sah keinen Grund, zu ihm und seinen zwei Handlangern freundlich zu sein. Auch wollte ich mich nicht einschüchtern lassen. „Erklären Sie sich, was Sie von uns wollen, oder gehen Sie. Ich bin nicht zum Rätselraten aufgelegt.“

D’Annocchio setzte sich unaufgefordert an den Tisch zu uns. Monique schwieg. Ich wusste, dass ich mich auch in der Gefahr auf sie verlassen konnte. Das Trio infernale hier war gefährlich. Ich glaubte aufs Wort, dass es tatsächlich Hexenjäger waren, üble Schergen und Schurken.

Giancarlo und Luigi blieben stehen. D’Annocchio musterte die bildhübsche Monique in ihrem eleganten Kleid auf unverschämte Weise, was mir nicht gefiel.

Hübsche Hexe hast du da, Dubois“, feixte er. „Kennst du sie schon länger? Ich hätte gute Lust, sie mal zu untersuchen, ob sie ein Hexenmal hat.“

Wenn Sie einen gebrochenen Arm haben wollen, tun Sie sich keinen Zwang an!“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904505
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336686
Schlagworte
vampir-gondel

Autor

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Titel: Die Vampir-Gondel