Lade Inhalt...

Wenn die Wildnis ruft

2016 170 Seiten

Leseprobe

Wenn die Wildnis ruft

 

von

 

Susie Drougas

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Susie Drougas, 2016

(Aus dem Englischen von Manfred Quintus)

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappe

 

Das Buch spielt in den Bergen des modernen Staates Washington, wo Dusty Rose und sein Partner Mike Dracopoulos ihre Pferde im Hochland reiten und bepacken. Dusty lebt in Eagleclaw, einer kleinen Stadt außerhalb von Seattle. Dort betreibt er eine kleine Anwaltskanzlei, und Mike ist sein Ermittler. Nach einer böse verlaufenen Scheidung fühlt sich Dusty sehr enttäuscht, aber dann trifft er die schöne Cassie Martin, erst in einem Gerichtssaal in Seattle und dann wieder hoch in den Bergen auf einem Trail durch die Cascade Mountains.

Cassie ist eine sehr unabhängige Frau, eine Reiterin und Anwältin. Dusty fühlt sich zu ihr hingezogen und weiß nicht so recht warum, bis sich ihre Wege wieder mitten in der Bergen der Pasayten-Wildnis kreuzen. Ihre Entschlusskraft und ihr Mut spielen eine wichtige Rolle in einer tödlichen Auseinandersetzung, und Dusty muss seine Entscheidung, sein Leben alleine verbringen zu wollen, noch einmal überdenken.

Was als ein kleiner Sommerurlaub auf der Ranch seines Onkels begann, wird zu einem erbitterten Überlebenskampf in der Bergwelt. Die Berge verzeihen keine Fehler, und obwohl viele ihre Schönheit suchen – nicht alle werden zurückkehren.

 

 

 

Danksagungen:

 

Ich möchte meinen beiden wunderbaren Töchtern Katie und Mikey danken für ihre Unterstützung und ihren unerschütterliche Glauben an mich.

Außerdem:

- den Autoren der Yak Writers Group für ihre Kritik und ihre Anregungen,

- meinen großartigen Freunden, die mir ihre Zeit, ihr Können und ihr Urteil zur Verfügung stellten und mir beim Korrekturlesen halfen.

- April Laine Oostwal, die unsere Sprache meisterlich beherrscht und gegenwärtig in Amsterdam lebt. Ihre Freundschaft und ihre Unterstützung haben alle räumlichen und zeitlichen Grenzen überwunden.

- und schließlich meiner wunderbaren kreativen Freundin Katherine Ballasiotes Rowley. Ohne ihr Verständnis, ihre Ermutigungen und ihr zeichnerisches Talent wäre dieses Buch nicht möglich geworden.

 

 

Widmung:

 

Kennen Sie den Augenblick, wenn im Leben sich alles ineinanderfügt? Wenn Ihnen klar wird, dass alles, was Sie schon immer für sich erträumt haben, jetzt wahr wird? Dass Sie jetzt nicht nur Ihre Pferde bepacken und losreiten können, sondern dass Sie auch noch den besten Reitpartner auf der Welt haben, der mit Ihnen reitet? Immer und überall hin? Ja, das ist mir geschehen … als Mike mich fragte, ob ich ihn heiraten wolle.

Dieses Buch ist meinem Ehemann Mike Drougas gewidmet.

 

 

Vorwort:

 

Der Staat Washington verfügt über mehr als 13.000.000 Acres an Waldgebieten. Auf der westlichen Seite zeigt sich das in hohen grünen Bäumen und mit dichtem Wald bewachsene Land. Dies ist eine Folge des Niederschlages in einer durchschnittlichen Jahresmenge von 53 Inches. Im Nordwesten erreichen die Bäume gigantische Höhen, etwa im Olympia National Park und den benachbarten Waldgebieten. Die Cascade Mountains trennen die westliche Seite des Staates von der östlichen. Fährt man über einen Bergpass, verändert sich die Vegetation von saftig grünem Farn und mit Beeren behangenen immergrünen Sträuchern zu Kiefernwäldern, deren grasbewachsene Böden mit Kiefernnadeln überstreut sind.

Man kann die Forstbesitzer im Staate Washington in drei Gruppen einteilen: Ein Teil des Landes gehört dem Staat, das heißt, dass sich einige Waldgebiete im Besitz des Bundes befinden, andere als Nationalforste oder -parks eingestuft werden. Andere Gebiete gehören Unternehmen der Forstindustrie, z. B. Weyerhaeuser, Simpson, Hancock, Plum Creek und Timber Resources - hier ist der Zugang im Rahmen bestimmter Freizeitaktivitäten gestattet. Und dann gibt es noch Waldgebiete im Besitz von Farmern oder anderer Privatpersonen, die teilweise den Zutritt gestatten, teilweise ihn verwehren.

Insgesamt kann man in Washington eine große Menge an Freizeitaktivitäten draußen in der Natur betreiben. Im Winter kann man Ski fahren oder klettern, Schneeschuhwanderungen unternehmen oder mit einem Motorschlitten unterwegs sein. Der Sommer bietet eine ganze Palette von Möglichkeiten, und die reicht von Touren mit dem Geländewagen, Ausritten zu Pferd, Wanderungen mit dem Rucksack, Mountainbike-Touren, Klettertouren, Wanderungen, Camping und vieles mehr.

Eine Sportart, die in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, sind Ausritte mit Packpferden in die Berge. Es gibt Veranstalter, die solche Touren anbieten. Mitunter sind aber auch Einzelpersonen unterwegs, die ihre Pferde satteln und ihre Packpferde beladen und große Freude an Ausflügen in die Bergwelt finden. Die Zahl dieser Reiter ist gering und wird jedes Jahr kleiner. Umweltgruppen haben einen großen Druck ausgeübt, damit Pferde von den Pfaden verschwinden, über die schon die Vorfahren der Reiter getrabt sind und sich so dieses großartige Land erschlossen haben.

Im Januar 1973 wurde die erste Gruppe der „Back Country Horsemen“ gegründet im Flathead Valley in Montana. Bald bildeten sich auch andere Ortsgruppen in Montana.

Andere Staaten kamen hinzu, und die „Back Country Horsemen Of America“ als übergeordnete Vereinigung entwarf 1985 eine Satzung, die dann 1986 in Kraft trat. Heute sind 23 Staaten Mitglieder der BCHA. Insgesamt gehören 13.300 Reiter der Vereinigung an.

1977 gründete Ken Wilcox im Staat Washington eine Organisation, die er die „BackCountry Horsemen of Washington“ nannte. Das Ziel des BCHW besteht unter anderem darin, dass öffentliches Land zu Freizeitzwecken offengehalten wird. Diese Organisation gliedert sich heute in Washington in 34 Ortsgruppen und hat mehr als 3.000 Mitglieder, die alle weiterhin mit ihren Pferden und Maultieren die abgelegene Bergwelt erkunden wollen.

 

Der Roman

 

(Seattle, Washington)

 

Eilig fuhr Dusty durch den dichten morgendlichen Verkehr in der Innenstadt von Seattle. „Na toll. Und jetzt komme ich noch zu spät zur Verhandlung“, dachte er. Aber dann hatte er doch noch Glück, denn ein Wagen fuhr aus einer Parklücke genau gegenüber des King- County- Gerichtsgebäudes. Er ging voll auf die Bremse seines ziemlich neuen Ford Explorers und schoss in die freigewordene Lücke. Dann sprang er aus seinem Wagen und lief quer über die Fahrbahn, und das Gehupe der anderen Autos und die wüsten Beschimpfungen aus den Fenstern lieferten die Begleitmusik. Ein Wagen kam um die Ecke geschossen und kam laut quietschend knapp vor Dusty zum Stehen. „Na, mal wieder paradiesische Zustände heute“, seufzte er, als er durch die Tür schritt.

Alle erheben sich!“, ordnete der Gerichtsdiener an. „Das 38. Gericht des Kammergerichts des King County tagt jetzt. Den Vorsitz führt der Ehrenwerte Richter Mark Whitman.“ In dem Moment, als der Richter in seiner schwarzen Robe eintrat, kam Dusty gerade am Tisch des Verteidigers an. Er beugte sich rasch hinunter, um seine Aktentasche abzustellen, dann stand auch er. Neben ihm befand sich Mike Dracupoulis, sein Privatdetektiv. „Hab schon gedacht, du kämest nicht mehr, Boss“, murmelte er ihm zu.

Bitte nehmen Sie Platz. Schön, dass Sie es auch noch geschafft haben, Mr. Rose.“ Der Richter blickte Dusty strafend an.

Ich bin auch sehr froh darüber, Euer Ehren.“ Dusty lächelte äußerst liebenswürdig.

Herr Anwalt, wir sind heute hier zusammengekommen, weil Sie einen Antrag auf ein abgekürztes Verfahren stellen wollen. Mr. Rose, können Sie damit beginnen?“

Ja, Euer Ehren, ich bin bereit.“

Dusty erhob sich und ging hinüber zu der Schranke, die den Gerichtssaal teilte. Er lächelte entwaffnend dem Gerichtsdiener und der Gerichtsschreiberin zu. „Guten Morgen.“

Mit mildem Lächeln antworteten sie: „Guten Morgen.“

Jetzt fühlte sich Dusty entspannt, konzentrierte sich auf seinen Antrag und schob eine Hand in die Hosentasche. „Daheim in Eagleclaw glauben wir an den Fortschritt. Damit sind wir in unserer kleinen Stadt weitgekommen, dahin, wo wir heute stehen.“ Eigentlich war Dusty überhaupt nicht fortschrittsgläubig, aber er war hier, um seinen Fall zu vertreten – und um zu gewinnen. „Das Sägewerk der Goldsbys war in der Vergangenheit immer vorbildlich in der Gemeinde von Eagleclaw, aber für die kleinen Unternehmen sind die Bedingungen hart geworden, und Familie Goldsby bildet da keine Ausnahme.“ Dusty kehrte zum Verteidigertisch zurück. Dort saß Mike neben dem Firmenvertreter von Thorp International. Dusty nahm die Fotos entgegen, die Mike ihm hinhielt, und er übergab dem Gerichtsdiener fünf Farbfotografien. „Euer Ehren, ich ersuche Sie, diese Fotos als Beweismittel im Namen des Klägers zuzulassen.“

Der Gerichtsdiener reichte dem Richter die Bilder. Als der danach griff, fragte er:“ Hat Ms. Martin sie auch gesehen?“

Euer Ehren, mein Ermittler hat sie mir erst gestern Abend gebracht.“

Ms. Martin, möchten Sie einen Blick auf diese Bilder werfen?“

Ja, sicherlich, Euer Ehren.“

Als Cassie an die Schranke trat, kochte sie vor Wut. Noch so ein hinterhältiger Schachzug, im allerletzten Augenblick Beweise vorzulegen, damit ihr keine Zeit blieb, sich darauf vorzubereiten, dachte sie. Als Dusty zur Seite trat, reichte der Diener ihr die Fotos. Was sie darauf sah, schockte sie zutiefst. Ganz eindeutig, da war das Sägewerk der Goldsbys zu sehen. Und man konnte eine eklig aussehende Masse erkennen, die in den Green River gepumpt wurde. Schnell warf sie einen Blick auf das Datum in der Ecke. Gestern. Kein Wunder, dass sie damit gewartet hatten. Sie wollten sie als völlige Idiotin hinstellen. Ihre Wangen brannten vor Scham und Wut.

Irgendwelche Einwände, Frau Anwältin?“

Ja, Euer Ehren, ich erhebe Einspruch gegen den Zeitpunkt der Vorlage dieser Beweismittel. Ich bin nicht darüber informiert worden, dass Mr. Rose beabsichtigte, diese Fotos aufzunehmen, und schon gar nicht darüber, dass er sie heute hier vorlegen wollte. Ich sehe sie jetzt zum ersten Mal. Ich hatte keine Zeit, einen Gegenbeweis vorlegen zu können.“

Der Einspruch wird zur Kenntnis genommen, Frau Anwältin. Ich lasse die Bilder zu“, sagte der Richter.

Der Gerichtsdiener verkündete: „Die Beweistücke des Klägers A bis E sind verzeichnet worden und sind zugelassen.“

Dusty fuhr fort: „Euer Ehren, wie Sie aus den Beweisen ersehen, sind die Angeklagten bis gestern noch nicht in der Lage gewesen, die Vorschriften der Umweltschutzbehörde zu erfüllen. Es ist jetzt an der Zeit, dass Thorp International die Auseinandersetzung sucht und das optimiert, was bereits begonnen wurde. Thorp verfügt über die finanziellen Mittel und wird nicht nur steuertechnisch wichtig sein, sondern beachtet auch die neuesten Standards der Umweltbehörde. Die Firma wird Arbeitsplätze für die vor Ort lebenden Arbeiter schaffen, und die geplante Sägewerkserweiterung wird weitere, zusätzliche Jobs für die Bevölkerung von Eagleclaw bringen. – Vielen Dank, Euer Ehren.“ Dusty kehrte zu seinem Stuhl zurück und nahm dort Platz.

Vielen Dank, Mr. Rose. Ms Martin?“ Der Richter blickte zu Cassie.

Vielen Dank, Euer Ehren.“

Die Frau erhob sich mit Eleganz von ihrem Platz am Anwaltstisch. Sie hatte hellbraunes Haar und ihr Gesicht war vor Anspannung gerötet. Dusty hatte sie nie zuvor wirklich angesehen, aber sie war eine schöne Frau. Jetzt stand sie in voller Größe da und unterstrich ihre Worte mit Handbewegungen. Er schüttelte den Kopf und hörte zu.

Cassie fühlte sich wie eine Marionette, als sie ihre Mandanten und ihren Fall dem Gericht vorstellte. Mr. und Mrs. Goldsby saßen an ihrem Tisch, ein Paar in den Sechzigern und ihre Augen starrten wie gebannt auf Cassie.

Dusty lehnte sich, scheinbar gelangweilt auf seinem Stuhl zurück. Aber eigentlich war alles ganz anders; er hörte ihr ganz genau zu. Er machte sich rasch ein paar Notizen, während sie sprach und reichte sie dann weiter an Mike, der einen Blick darauf warf und nickte.

„… der Einsatz der Goldbys für die Gemeinde und ihr Ruf, hart zu arbeiten.“ Cassie fuhr mit ihrer Darstellung der Situation fort, aber die Fotos waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sie kam sich in ihren Argumenten so vor, als ob sie körperlich geprügelt worden wäre. „Dieses Sägewerk ist schon seit Generationen im Besitz der Familie.“ Cassie stellte ihren Fall weiter dar.

Zusammenfassend, Euer Ehren, möchte ich sagen, dass meine Mandanten sich stets redlich bemüht haben, ihre Schulden zu bezahlen. Im Gegensatz zu dem, was die Fotos von Mr. Rose zeigen, haben sie sich auch stets darum bemüht, die Vorschriften der Umweltbehörde einzuhalten. Eine Ladung von Baumstämmen soll nächste Woche eintreffen und wird sie in die Lage versetzen, die drohende Zwangsversteigerung abzuwehren. Ich ersuche deshalb das Gericht dringend, den Fall zu schließen und es meinen Mandanten zu ermöglichen, sich finanziell wieder zu erholen und geschäftlich wieder handlungsfähig zu werden.“

Vielen Dank, Euer Ehren.“ Cassie nahm wieder neben ihren Mandanten Platz.

Vielen Dank, Frau Anwältin“, sagte der Richter, als sie sich setzte, und dann fasste er die Argumente beider Seiten zusammen. Cassies Mandanten saßen stocksteif auf ihren Stühlen. Ihre ganze finanzielle Existenz stand auf dem Spiel. Sie sah rasch hinüber zu dem gegnerischen Anwalt. Dusty saß entspannt neben seinem Privatdetektiv. Sein gutsitzender blauer Anzug, seine rot-weiß gestreifte Krawatte und sein weißes Hemd passten gut zueinander. Er sah gut aus. Und ganz offensichtlich völlig von sich eingenommen, dachte sie.

Ich möchte den Anwälten für ihr Auftreten heute Morgen danken. Sie haben sich beide sehr eingesetzt, und Sie sind ausgezeichnete Anwälte für Ihre Mandanten.“ Der Richter trug noch einmal die Fakten des Falles vor und kam dann zu seinem Urteil. „Nachdem ich alle Ihre Schriftstücke gelesen habe und Ihre Beweise ausgewertet habe, entscheidet das Gericht zugunsten des Klägers. Sie, Mrs. Martin, können natürlich Einspruch gegen meine Entscheidung einlegen. Vielen Dank.“ Der Richter erhob sich und verließ den Gerichtssaal.

 

*

 

Erheben Sie sich“, rief der Gerichtsdiener. Mr. und Mrs. Goldsby wollten aufstehen, aber plötzlich wurde Mr. Goldsby grau im Gesicht, fasste sich an die Brust und fiel vornüber auf den Tisch. „Wayne!“, schrie seine Frau entsetzt. Cassie griff nach ihm und wollte ihm helfen, aber Dusty und Mike hatten ihn bereits vom Tisch gehoben und auf den Boden gelegt.

Rufen Sie 911!“ schrie Dusty dem erstaunten Gerichtsdiener zu, als er eilig die Krawatte von Mr. Goldsby lockerte. Alle umstanden Dusty, als er begann, das Herz des regungslosen Mannes durch Kompressionen wieder zum Schlagen zu bringen.

Innerhalb weniger Minuten eilten die Rettungssanitäter in den Gerichtssaal. Durch den Lärm war der Richter aus seinem Amtszimmer zurückgerufen worden und stand daneben, als die Sanitäter Mr. Goldsby auf eine Trage hoben und hinaustrugen. Mrs. Goldsby folgte ihnen.

Cassie fühlte sich, als hätte sie ein Vorschlaghammer getroffen. Sie nahm ihre Ordner vom Tisch und legte sie zusammen. Als sie aufsah, stand Dusty vor ihr. Seine blauen Augen waren voller Sorge. „Cassie, es tut mir aufrichtig leid wegen Ihres Mandanten“, sagte er mit betroffener Miene.

Mike tauchte hinter ihm auf. „Kann ich noch irgendwie helfen? Soll ich Ihnen etwas tragen?“ Mike bückte sich und wollte ihren Aktenkoffer hochheben. Sie riss ihn aus seiner Hand. „Schon in Ordnung. Ich komme zurecht.“ Sie drehte sich um und verließ den Gerichtssaal.

Wirklich?“, dachte sie. „Jetzt wollen sie auch noch helfen?“ Als sie zur Tür hinausging, fühlte sie, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Je größer der Abstand zwischen ihr und Dusty wurde, desto besser. „Was für ein arrogantes Arschloch!“

Dusty sah ihr einen Augenblick nach, als sie hinausging, dann wendete er sich seinem Mandanten zu.

 

 

 

Im Westen, etwa 2014

 

Kapitel 1

 

 

Als die Lichter der Stadt hinter Dusty allmählich in der Dunkelheit verschwanden, fühlte er, wie die Anspannung in seinen Schulter- und Rückenmuskeln nachließ und von ihm abfiel. Die Stille legte sich geradezu über ihn. Das geschah immer wieder, wenn er hier entlang fuhr. Er überdachte den Gegensatz zwischen der großen Stadt, die er soeben verlassen hatte, und der stillen Erhabenheit der Berge um ihn herum. Für ihn gab es keinen Zweifel, wo er sich lieber aufhielt. Dieser Freitagnachmittag zeigte auf spektakuläre Weise, was der Himmel über dem pazifischen Nordwesten zu bieten hat, wenn es einmal nicht regnet. Die Berge waren in das Feuer der spätnachmittäglichen Sonne getaucht, und der Himmel zerfloss in einem hellen Blau, gegen das sich die Berggipfel, auf denen noch der Schnee des späten Julis lag, abhoben.

Sein Truck leistete schwere Arbeit, als er den Pferdeanhänger die immer steiler werdende Straße hochzog. Dusty schaltete in den vierten Gang. Die Douglasfichten, an denen er vorbeifuhr, wirkten dicht und grün. Der Beginn des Trails lag nur etwa 45 Minuten von seinem Wohnort in Eagleclaw entfernt. Er hatte das Fenster des Trucks geöffnet und stützte seinen Unterarm auf den Rand der Fensteröffnung. Die sommerlich-warme Luft durchströmte seinen Wagen und füllte ihn mit Tannengeruch.

Er musste an seine Anwaltskanzlei denken. Auch Vater und Großvater waren schon Anwälte gewesen. „So ist das“, schmunzelte er, „wirklich eine Familientradition.“Dann zog ein etwas bitteres Lächeln über sein Gesicht. Wenn er ihnen erzählt hätte, was er am liebsten täte, nämlich mit Packpferden zu arbeiten, dann hätten sie sich über ihn totgelacht.

Gott sei Dank gab es auch noch Onkel Bob. Wenn Dusty in seinen jungen Jahren ihm nicht in seinem kleinen Betrieb geholfen hätte und dort im Hochland Pferde gesattelt und bepackt hätte, wäre er vielleicht auf den falschen Weg geraten. Die Wochen, die er in der Einsamkeit der Pasayten Wilderness verbrachte hatte, hatten ihm so manchen Ärger erspart. Es war enttäuschend, dass er später den Ärger dann doch noch bekam, dachte er. Als seine Ehe aus dem Ruder lief, hätte er nicht unbedingt versuchen sollen, sie mit Alkohol zu retten.

Durch den Erfolg von Bill Gates war Seattle in den letzten zehn Jahren sehr bekannt geworden. Immer mehr Menschen waren hergezogen, und der Verkehr war geradezu explodiert. Dusty verstand sich als Kleinstadtanwalt. Aber auch Eagleclaw hatte sich sehr verändert.

Was sich nicht geändert hatte, waren die Berge und die Wälder, und genau dorthin wollte er. Dort konnte man am besten nachdenken – oder abschalten. Und nach all dem, was er gestern erlebt hatte, würde er heute das letztere tun. Dustys Magen zog sich zusammen, als er an die Verhandlung gestern dachte. Große Firmen zu vertreten war eigentlich nicht so sehr seine Sache, aber man konnte sich diese Dinge nicht immer aussuchen, und er wusste, dass er solche Fälle annehmen musste. Sie abzulehnen konnte er sich nicht leisten. Schließlich lebte er ja davon. Doch das hasste er an dieser Tätigkeit. Und was das Schlimmste war, er hatte für seinen Mandanten dieses verkürzte Verfahren auch noch gewonnen.

Die idealistische Anwältin hatte sehr überzeugende Argumente vorgetragen: Rettet den kleinen Betrieb! Dann korrigierte er sich selbst, denn überzeugend waren ihre Argumente nur auf der Gefühlsebene gewesen, mit dem Gesetz hatten sie absolut nichts zu tun. Cassie Martin vertrat die Familie Goldsby, Besitzer eines kleinen Sägewerks, das um sein wirtschaftliches Überleben kämpfte. Dusty konnte verstehen, warum sie Cassie gewählt hatten. Sie war klug und als Anwältin sehr geschickt. Das hatte ihr Auftritt im Gerichtssaal bewiesen. Sein Mandant, Thorp Brothers International, wollte den Betrieb ihrer Mandanten aus dem Markt drängen, und da ihre Aufzeichnungen unvollständig waren und die Auflagen der Umweltbehörde sehr streng waren, hatte Thorp die Zwangsversteigerung bewirkt. Es war ein bitterer Sieg gewesen. Der Anblick, als der Besitzer zusammenbrach und auf dem Boden lag, dann auf einer Trage hinausgebracht wurde, gab Dusty nicht das Gefühl, ein triumphierender Sieger zu sein.

Als der Richter den Saal verlassen hatte und der Firmenvertreter Dusty anerkennend auf die Schulter geklopft hatte, hatte er hinüber zu dem Sägewerksbesitzer geblickt. Dessen Schultern hingen nach unten, und er sah aus, als sacke er in sich zusammen. Die ältere Frau neben ihm, seine Ehefrau, rieb ihm über den Rücken. Dann war der Mann nach vorne gesunken und hatte sich an die Brust gegriffen. Dusty und Mike waren sofort zu Hilfe geeilt und hatten nur die Rettung des Mannes im Sinn. In Dustys Magen lag wieder dieser Kloß Verdammt, warum konnte er nie so leben, wie er wirklich wollte? Und warum ließ er dieses Leben überhaupt zu?

Scout, sein australischer Schäferhund, lag auf dem Sitz neben ihm. Er schien den Kummer seines Herrn zu spüren und schnupperte an seiner Hand. Dusty streichelt den Kopf seines Hundes und fühlte sich besser. „Na, Kumpel, jetzt geht es nur noch um uns beide.“ Scout sah zu ihm hoch, lächelte und ließ die Zunge heraushängen.

 

*

 

Dusty verließ die Straße am Sand Flats Horse Camp unterhalb des Skigebietes am Crystal Mountain. Die Reitervereinigung der „ Back Country Horsemen of Washington “ hatte dieses Camp gebaut, und er hatte dabei geholfen. Das war aber noch in der Zeit gewesen, als noch nicht alles behindertengerecht ausgestattet sein musste. Ein altes Toilettenhäuschen stand noch mitten auf dem Lagerplatz. Seine Tür bewegte sich im Wind. Erleichtert atmete er auf, denn es war gut zu sehen, dass nur wenige Fahrradanhänger auf dem Platz standen. Manchmal war der Campingplatz voller Mountainbiker. Eine Seite des Wegesystems war für die Benutzung durch Biker freigegeben und galt nicht als Wildnis. Die andere Seite hingegen war für sie als geschützter Urwald gesperrt. Die Mountainbiker kamen gewöhnlich wegen der Höhe und fuhren auf der freigegebenen Seite, aber trotz der Androhung empfindlicher Geldbußen blieben sie nicht immer dort und überquerten die Grenze.

Dusty fuhr auf den großen Parkplatz. Zum Campingplatz wollte er nicht. Es ergab keinen Sinn, einen freigewordenen Stellplatz von Campern zu übernehmen, denn er würde gar nicht lange genug hierbleiben. Er öffnete die Tür seines Pickups und Scout sprang heraus. Dann ging Dusty zu dem Anhänger und öffnete ihn, um seine beiden Appaloosa-Pferde herauszuführen. „Kommt, Jungs, es gibt viel zu tun!“ Er band sie los und half ihnen rückwärts aus dem Hänger.

Als er dem Rappen seinen alten Fred-Hooks-Sattel auflegte, sah ihn das Pferd fragend an. „Was gibt’s, Muley?“, fragte er.

Das kräftig gebaute Tier hatte eine Widerristhöhe von über 1, 60 m und einen schön geformten Kopf. Dusty war überzeugt, dass dieses Pferd der Traum jedes Nez-Percé-Indianers gewesen wäre. Muley strahlte Kraft aus und war einem Maultier nicht ganz unähnlich, außer dass seine Ohren dafür etwas zu kurz waren. Dusty zog die Latigogurte gerade, führte dann seine Hand unter dem Pferdebauch entlang und fühlte, ob im Fell irgendetwas hing, das die Haut unter dem Gurt wundscheuern könnte. Muley stand ruhig da, nur seine Augen folgten jeder Bewegung Dustys. Manche Leute hätten das große Tier vielleicht furchterregend gefunden, aber Dusty kannte es genau. Nachdem er sich erst einmal an die Größe und an den intensiven Blick gewöhnt hatte, erkannte er die freundliche Wesensart in seinen Augen, die andere nicht bemerkten.

Er und Muley waren einander nicht ganz unähnlich, fand er immer. Sie teilten nicht nur die Liebe zu den Bergen, sie waren beide auch stur, und beide gaben nur ungern nach. Wenn sich vor ihnen ein Berg auftürmte, dann mussten beide unbedingt hinauf. Es hatte wohl mit dem unbändigen Willen zu tun, Sieger sein zu wollen. Dusty grinste vor sich hin und fuhr liebevoll über Muleys Ohren. Als Antwort bekam er einen intensiven Blick, der größte Liebesbeweis dieses Pferdes.

Nachdem er seinen großen Rappen gesattelt hatte, wendete er sich Cheyenne zu. Er war ein großer Appaloosahengst mit einem leopardenähnlichen gefleckten Fell, aber er war weniger stämmig als Muley. Er war erst spät zugeritten worden, nachdem er als Zuchthengst einige Jahre lang im Einsatz gewesen war. Aber er war ein ruhiges, zuverlässiges Bergpferd. Als Dusty ihm den Packsattel auf den Rücken warf, zuckte er nicht. Dann holte Dusty seine Packtaschen, die bereits verschnürt waren, und lud sie auf. Als er danach seine Ausrüstung mit einem „crow hitch“ festzurrte, einem speziellen Knoten, den er immer anwendete, fühlte er eine ungeheure Freude in sich aufsteigen. Er wusste innerlich, dass jetzt alles so war, wie es immer war, und so, wie es immer sein sollte. Hier war sein Platz, hier gehörte er hin. Dann zog er das Packpferd hinter sich her, und der Trail vermittelte ihm wieder einmal das Gefühl, in seiner wahren Heimat angekommen zu sein.

Nachdem jetzt die Pferde bereit waren, band Dusty seine warme Jacke und seine Regenjacke am Sattel fest und sperrte seinen Truck ab. In dem Moment bogen mehrere Wagen mit Radanhängern von der Straße ab und fuhren zum Campingplatz. Er stieg auf, nahm die Leine in die Hand, an der er Cheyenne hinter sich herzog, und lenkte die Pferde zum Beginn des Trails. Während er die Straße überquerte, winkte er den Fahrern mit den Anhängern zu und verschwand in den Wäldern unterhalb des Berges.

 

 

Kapitel 2

 

 

Als er zum alles überragenden weißen Gipfel des Mount Rainier hochsah, dann hinüber zum Mount Adams in der Ferne, kamen Dusty all die Ziele in den Sinn, zu denen er jetzt hochreiten konnte. Sie zogen ihn auch nach all den Jahren immer noch an. Nur wenige Menschen überhaupt kannten dieses Hinterland unterhalb der Berggipfel. Als er noch ein Junge war, fuhr er oft zu der Skianlage am Crystal Mountain. Er erinnerte sich, wie er auf dem Skilift gesessen hatte, und wenn er hochgeblickt hatte, waren die schneebedeckten Berggipfel zu sehen. Er hatte sich immer gefragt: „Was ist da oben?“.

Nachdem er später den Pacific Crest Trail entlang geritten war und er die Anlage von oben in der Größe einer Briefmarke gesehen hatte, veränderten sich alle Dimensionen für ihn. Amüsiert grinste Dusty vor sich hin. Nichts war, wie es schien. Hinter dem Vertrauten gab es immer noch Neues zu entdecken. Das war ihm schon lange bewusst und das galt für die Gesetze, die Frauen und die Freunde, aber hier, in der Höhe der Berge, hatte er es erst so recht begriffen.

In gleichbleibend stetigem Schritt stiegen die Pferde den Trail empor und immer wieder war das metallene Klacken zu hören, wenn eines der Hufeisen an einen Stein stieß. Die Bergluft, die sich mit dem Tannenduft mischte, machte Dusty ganz benommen vor Glück. Alles war berauschend. Und er berauschte sich sonst an nichts mehr, denn den Alkohol hatte er vor sieben Jahren aufgegeben. Es war eine gute Entscheidung gewesen. Wenn er weiter getrunken hätte, wäre er heute sicherlich nicht mehr hier.

In der Zeit, in der er so heftig an der Flasche hing, war es seiner Anwaltskanzlei nicht gut ergangen. Die Tatsache, dass er beruflich überhaupt überlebt hatte, hatte er dem guten Namen seines Vaters und seines Großvaters zu verdanken. Gott sei Dank hatte er die Kurve gekriegt. Jetzt führte er eine kleine, gut laufende Kanzlei in einer kleinen Stadt, und Mrs. Phillips, seine Sekretärin, hatte alles fest im Griff. Sie bestand auf der Anrede „Mrs. Phillips“ und war „Rechtsanwaltssekretärin“. Die Bezeichnung „Assistentin“ lehnte sie ab, denn als sie vor fünfunddreißig Jahren ihre Stelle antrat, war sie als Sekretärin eingestellt worden und das wollte sie nicht ändern.

Dustys Packtrips durch die Berge dienten ihm zum Stressabbau. Oft sattelte er die Pferde und ritt bis es dunkel wurde. Dabei legte er viele Meilen auf den Trails zurück. Es war nicht gerade seine Stärke, sich in irgendetwas zu mäßigen, und deshalb kam auch nie jemand mit ihm. Manchmal dauerten seine Ausflüge acht Stunden und endeten erst in der Abenddämmerung. Alles hing davon ab, wie viele Probleme er aus seinem Kopf bekommen musste.

Seine Pferde kamen nie aus der Übung. Er ritt sie das ganze Jahr hindurch. Im Winter, wenn Schnee die Berge unerreichbar machte, blieb er auf den niedrigen Hügeln des Vorgebirges. Darum waren seine Pferde immer gut in Form. Alles, was ihn vom Reiten abhalten konnte, war die Dunkelheit und selbst dann machte er mitunter noch weiter.

Diese Mal stand ihm nur ein Wochenende zur Verfügung, deshalb wollte er nur die zehn Meilen bis Basin Lake zurücklegen. Er ritt den Norse Peak Trail in all seinen Windungen empor, und die Bäume neben ihm wurden zunehmend kleiner und windgepeitschter. Scout lief direkt hinter Cheyennes Hinterbeinen, seine Zunge hing heraus und er keuchte vor Vergnügen. Über ihm zog ein Falke seine Kreise und suchte nach Beute. Sein Schrei durchbrach die Stille. Als die Sonne sich dem Horizont näherte und die Schatten sich über die Bäume neben Dusty legten, spürte er die abendliche Kälte und zog er den Reißverschluss seiner warmen Schaeferjacke hoch.

 

*

 

Als er seinen Abstieg in das Big Crow Basin begann, blieb eine kleine Herde von Wapiti-Hirschen auf der anderen Seite der Senke stehen und starrte ihn an. Er setzte seinen Weg auf dem Pfad bergabwärts fort – Pferde ängstigten sie nicht. Vor einiger Zeit, als er einmal zu Fuß unterwegs gewesen war und Wasser aus einem Bach holen wollte, war er geradewegs in eine Herde von Hirschen geraten. Die Tiere sahen einen Menschen auf zwei Beinen, und das war etwas ganz anderes als jetzt. Damals war die Herde geflüchtet, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Aber dass ein Mensch hoch zu Ross durch die Herde reitet, schreckt keinen Wapitihirsch. Scout war ein treuer Begleiter auf den Trails und er heftete sich an die Hinterbeine von Cheyenne. Mitunter blickte er nur etwas missbilligend hoch zu den Hirschen.

Als Dusty den Grund des Big Crow Basin erreicht hatte und um eine Biegung des Weges ritt, spitzten Muley, Cheyenne und Scout die Ohren. Dusty hörte den Hufschlag eines anderen Tieres. Mitten auf der Lichtung auf der Talsohle stand er einem graubärtigen Mann mit einem verblichenen alten Cowboyhut gegenüber. Er saß auf einem Maultier und zog ein anderes, bepacktes hinter sich her.

Na, na, na. Wen hätten wir denn hier, Brighty?“ Damit meinte er sein Maultier. „Wenn das nicht Dusty Rose ist, der Rechtsverdreher!“

Und wenn das nicht Gold Dust Charlie ist! Hast du endlich deine große Goldader gefunden?“

Na ja, Dusty. Ja und nein, aber dir werde ganz bestimmt nicht verraten, wo sie ist. Verdammt, wenn ich das täte, dann würdest du die Paragraphenreiterei aufgeben und mir hier in den Bergen Konkurrenz machen.“

Mann, führe mich nicht in Versuchung.“

Gold Dust Charlie war einer der wenigen übriggebliebenen Goldsucher, die sehr viel Zeit in den Bergen verbrachten. Auf den Trails war er nur unter dem Namen „Gold Dust Charlie“ bekannt. Eigentlich hieß er Charlie Johnson. Seit Generationen kam seine Familie schon hier hinauf in die Gegend der Crystal Mountains. In den Fünfzigern hatten sie sich sogar mehrere Hütten gebaut. Die hatten Namen wie Tin Shack oder Krähennest und dort hatte die Familie nach Eisenerz gegraben .Oft waren diese Hütten heute die Rettung für Wanderer, die sich in der Wildnis verlaufen hatten oder die in einen unerwarteten Schneesturm geraten waren. Sie lagen versteckt und nicht an den bekannten Routen, waren aber den Wanderern und Reitern bekannt, die häufig hier in die Berge kamen. Jedem, der auf den Trails unterwegs war, boten sie Schutz, und sie waren immer offen.

Wie geht’s deinem Onkel mit seinem kleinen Betrieb in der Pasayten? Vielleicht sollte ich einmal bei ihm vorbeischauen und ihm anbieten, ihm in diesem Herbst bei dem Aufbau des Lagers für die Jagd zu helfen. Uns, das heißt Brighty, Boss und mir gefällt es hier in der Wildnis so gut, und wir hätten einen Grund, da hinaufzuziehen.“

Gold Dust lachte, drehte seinen Kopf zur Seite und spie einen ganzen Mund voll Tabaksaft aus. Dabei achtete er darauf, dass nichts in seinem langen grauen Bart oder seinem Schnurrbart hängen blieb.

Wow, Gold Dust! Du kaust ja noch immer? Du weißt, dass das heute nicht mehr in die politische Landschaft passt!“, grinste Dusty.

Ach, der ganze Quatsch mit politischer Korrektheit – irgendeinen Fehler wird man doch noch haben dürfen.“

Da hast du wohl recht. Manche Leute müssen sich erst welche angewöhnen und dann haben wir alle Fehler.“

Dustys sonnengebräuntes Gesicht verzog sich zu einem jungenhaften Lächeln und seine weißen Zähne leuchteten unter seinem dichten braunen Schnurrbart.

Stimmt, stimmt. Sich Fehler anzugewöhnen ist schon eine anstrengende Sache. Gott sei Dank habe ich ja den Kautabak“, stimmte ihm Gold Dust zu.

Dusty überprüfte, ob das Seil noch das Gepäck auf Cheyennes Rücken hielt oder ob es sich gelockert hatte. Dann sah er Gold Dust an.

Ich glaube, Uncle Bob braucht in der Jagdsaison immer Hilfe in seinem Betrieb. Es ist schwer, gute Leute zu finden, die frischerlegte Beute für die Gäste verpacken können. Das Land ist groß und weit und er braucht erfahrene Leute. Um mit einem Packpferd hinzureiten, ist es schon sehr weit. Und es dauert auch sehr lange wieder zurückzureiten, besonders dann, wenn du Fleisch geladen hast und das nicht verderben soll.“

Da hast du recht. Das Land ist groß und weit, und ich möchte das alles noch einmal sehen, bevor ich abtrete. Ich sollte mal mit deinem Onkel reden, wenn ich mal wieder unten in der Stadt bin. Solltest du ihn vorher treffen, dann sag ihm, ich hätte Interesse.“

Ganz bestimmt. Ich weiß, dass Uncle Bob froh wäre, dich in seinem Camp zu haben.“

Dann wünsch ich dir einen guten Ritt. Ich bin auf dem Weg zum Krähennest. Da bleibe ich ein paar Tage und sehe überall nach dem Rechten.“ Der alte Mann wendete seine Maultiere und ritt weiter auf dem Trail.

Guten Ritt wünsch ich dir!“, rief ihm Dusty hinterher, dann schlug er die andere Richtung ein, hin zum See auf dem Grunde des Beckens.

Es erstaunte ihn immer wieder, welch eine kleine Gemeinschaft die Gepäckreiter in diesem Staat waren. Er hatte viele Leute kennengelernt, als er mit der Vereinigung der „ Back Country Horsemen“ von Washington Wege angelegt hatte. Er erinnerte sich daran, wie sie Baumstämme von den Trails entfernt hatten, weggespülte Pfade wieder befestigt und gesichert hatten, Wasserabläufe und Rückhaltedämme gegraben hatten, sich durch Erdrutsche gewühlt oder Brücken gebaut oder repariert hatten. Er liebte diesen abgelegenen Landstrich, das Backcountry, und er hatte seinen vollen Einsatz dafür gegeben. Es machte fast so viel Spaß wie das Reiten und er würde sich wieder dafür engagieren. Da die Forstbehörde dafür keine Mittel hatte, konnten die Wege nicht instandgehalten und für die allgemeine Benutzung offengehalten werden. Freiwillige Arbeit war unerlässlich.

Als er den See erreichte war die Wasseroberfläche vollständig ruhig. Nur ein paar kleine Ringe waren da zu sehen, wo Forellen nach den Käfern schnappten, die am frühen Abend unterwegs waren. Die Sonne tauchte die Gipfel der Berge in goldenes Licht und dann ging der Tag langsam über in die Abenddämmerung. Dusty ließ seine Blicke über die Felsen schweifen, weil er Ausschau nach Bergziegen hielt. Er wurde nicht enttäuscht. Hoch über ihm bewegte sich ein kleines weißes Tier über die Felsen. Er schüttelte den Kopf. Wie sie es schafften, auf den Felsen zu laufen, war für ihn ein Geheimnis, aber sie blieben immer oben.

 

*

 

Dusty errichtete rasch sein Camp. Ein Tipi-artiges Zelt wurde mit Hilfe einiger Stangen errichtet. Er legte seine Thermarest-Matte hinein und schüttelte seinen Daunenschlafsack aus. Dann griff er nach der Axt, um Holz für das Lagerfeuer zu schlagen. Schon bald loderte ein gutes Feuer.

Den Pferden hatte er die Beine zusammengebunden, nachdem er ihnen die Lasten abgenommen hatte. Dann suchte er nach Bäumen, zwischen die er ein Seil spannen konnte. In dieser Absperrung sollten sich die Pferde während der Nacht bewegen. Um die Bäume band er Riemen, die ähnlich wie Sicherheitsgurte aussahen und verhindern sollten, dass das Seil die Bäume schädigte. Nachdem er die Baumschoner festgezogen hatte, befestigte er das Seil an diesen Riemen und zog es straff. Den Pferden blieb genug Platz und sie würden den Waldboden nicht so sehr schädigen. Noch hatten Cheyenne und Muley die Köpfe nicht gehoben, und er entschloss sich, ihnen noch einige Minuten Zeit zum Weiden zu geben. Danach würde er sie für die Nacht anbinden.

Er hatte die Erfahrung gemacht, dass es immer gut war, darauf zu warten, bis sie genug gefressen hatten. Das dauerte gewöhnlich eine Stunde. Wenn er länger wartete, würden sie vielleicht fortlaufen. Er hatte durch sein eigenes Ungeschick gelernt, dass er viel Zeit damit verbringen musste, sie wieder einzufangen. Sie waren trotz der Fußfesseln einmal weggelaufen, und ein anderes Mal waren sie miteinander in Streit geraten.

Nachdem er zu seinem Camp zurückgekehrt war, öffnete er eine Dose mit Hundefutter für Scout und nahm ein Steak aus dem Kühlbehälter. Sein Kaffewasser im Topf brodelte, und weil es Wasser aus dem See war, ließ er es sieben Minuten lang kochen, bevor er die Kaffebohnen hinein warf. Das war Cowboy-Kaffee, der ohne Filter im Wasser gebrüht war. Er wartete nochmals zehn Minuten, goss eine Tasse kalten Wassers dazu, und dann war der Kaffee fertig zum Trinken.

 

 

Kapitel 3

 

 

Dusty genoss ein Steak, das er über dem Feuer gebraten hatte und beobachtete, wie die Sonne verschwand vom grau-schwarzen Himmel, auf dem sich jetzt oberhalb der Berggipfel die Sterne zeigten. Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es empfindlich kühl. Er fröstelte, rückte näher ans Feuer und beendete sein Mahl.

Während er seinen Kaffee trank und in die Nacht starrte, hörte er Hufschläge in der Ferne. Scout spitzte die Ohren und knurrte warnend. Dusty hingegen blickte in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Nach wenigen Minuten ritt ein Mann ins Lager. Er hatte olivfarbene Haut und trug Kleidung aus Hirschleder und Mokassins. Dusty nahm einen Schluck Kaffee.

Whoa!“ Der Mann zügelte sein Pferd und blickte Dusty schweigend an.

Dustys Gesicht verzog sich zu einem Lachen. „Hallo, Mike! Du hast das Abendessen verpasst. Das Seil habe ich dahinten gespannt.“

Auch der Mann lachte jetzt. „Tut mir leid, Boss. Ich wurde aufgehalten. Mrs. Phillips ließ mich eine ganze Menge an Arbeit tun, die du vor deiner Abfahrt nicht mehr erledigt hattest.“

Dusty grinste schuldbewusst. „Ich war wohl zu sehr in Eile, bevor ich fürs Wochenende wegkam.“

Macht nichts.“ Mike stieg ab und lud sein Gepäck im Lager ab. Dann führte er seine Pferde zur Absperrung, nahm die Sättel ab und band ihnen die Füße zusammen, damit sie grasen konnten.

Mike war Dustys Privatermittler. Sie hatten sich vor Jahren kennengelernt, als beide am Mount Rainier Wege repariert hatten. Sie hatten sich gut verstanden und seitdem arbeitete Mike für ihn.

Mike trug gerne Kleidung aus Hirschleder, aus „Buckskin“. Das hing zusammen mit seiner Begeisterung für Geschichte. All seine Kleider, Sättel, Ausrüstungsgegenstände, manchmal sogar seine Nahrungsmittel passten genau in die Zeit um 1826, die Zeit der Pelzjäger und Fallensteller.

Es gab sogar regelmäßige Treffen der Mountain Men, der „Buckskinners“. Mike blieb aber lieber allein. Er hatte Dusty einmal gesagt: „Es ist doch so, der Wald ändert sich nicht. Wenn du die gleiche Kleidung, die gleiche Nahrung und die gleichen Kochutensilien verwendest wie die ursprünglichen Jäger in den Bergen, dann lebst du genau wie sie. Du sitzt in deiner eigenen Zeitmaschine.“

Wie ich sehe, hast du deinen Perkussionsrevolver zuhause gelassen“, bemerkte Dusty, als er und Mike zum Feuer zurückkehrten.

Während Mike sich eine Tasse Kaffee einschenkte, lächelte er nachdenklich im Licht des Feuers. „Ich mag das Ding, aber manchmal möchte ich schon wissen, ob es wirklich auch funktioniert.“

Das ist gut. Es hätte mir jedenfalls nicht gefallen, wenn es vor deinem Gesicht explodiert wäre. Ich mag meine Ruger Vaquero.“

Das weiß ich, Dusty.“ Mike nahm noch eine Tasse Kaffee, lehnte sich zurück und entspannte.

Dusty beendete sein Mahl und warf Scout den Knochen seines Steaks zu. Der begann, vergnügt daran zu kauen. „Gold Dust Charlie ist mir heute Abend unterwegs begegnet. Er sagte mir, er wolle hinunter zum Krähennest und dort ein paar Tage lang bleiben.“

Oh wirklich? Den habe ich schon lange nicht mehr getroffen. Wie geht’s ihm?“

Wie immer. Er sucht nach Gold. Er fragte nach Uncle Bob und seiner kleinen Ranch. Er hatte vor, in die Pasayten Wilderness zu reiten, um ihm in diesem Jahr im Jagdlager zu helfen.“

Das ist ein langer Weg durch wildes Land. Es ist immer schwierig, Fleisch rechtzeitig rauszubringen.“

Dusty schenkte sich Kaffee nach. „Deshalb braucht Uncle Bob all die erfahrenen Helfer, die er bekommen kann. Etwas anderes Interessantes habe ich beim letzten Treffen der BCHW in Ellensburg gehört. Da habe ich mit Polizisten der Mounted Border Patrol gesprochen. Sie haben mir erzählt, dass immer mehr Illegale aus Kanada durch die Pasayten-Wildnis kommen, und ihre Zahlen steigen. Sie verfolgen sie auf ihren Pferden, aber das ist nicht so einfach.“

Mike überlegte einen Augenblick. „Lieber würde ich einem Grizzly begegnen als einem bewaffneten Illegalen. Bären tragen wenigstens keine Schmuggelware mit sich. Wenn die irgendwelche verbotenen Ladungen mitbringen, dann kann die Situation schnell gefährlich werden.“

Stimmt. Es gibt so viele Pumas, es gibt schlechtes Wetter, gefährliche Trails, und jetzt kommt noch eine andere Sorge hinzu. Außerdem habe ich gehört, dass fünfzehn Paar Wölfe in den Cascade Mountains ausgewildert werden sollen.“ Dusty nahm noch einen Schluck Kaffee.

Mike schnaubte. „Warum die Aufregung? Glaubst du, die könnten nicht schnell genug auf ihren eigenen Beinen von Idaho herlaufen?“

Offensichtlich nicht. Das ist schon okay. Da werden die Pumas sich bei der Jagd anstrengen müssen, wo wir doch gar nicht mehr so viele Hirsche und Wapitis haben.“

Vielleicht erlegen sie auch ein paar Bewohner aus Seattle beim Erholungsspaziergang“, überlegte Mike.

Die gibt’s auch noch. Nach diesem unterhaltsamen Gespräch lege ich mich jetzt aufs Ohr. Für morgen habe ich noch einiges vor, fünfzehn oder zwanzig Meilen. Hättest du auch Lust darauf?“ Dusty goss den Rest seines Kaffees ins Feuer.

Mike sah vom Feuer auf. „Ich habe immer Lust. Bis morgen.“ Er griff nach seiner Bettrolle und legte sich unter den Sternen zum Schlafen.

Dusty zog sich in sein Zelt zurück und rollte sich in seinem Schlafsack zusammen. Scout folgte ihm und legte sich neben seinen Füßen nieder. Nur das Quaken der Frösche war zu hören, ansonsten war die Nacht völlig still.

 

 

Kapitel 4

 

 

Pasayten-Wildnis

 

Dad! Scotty! Wartet doch!“ Sally versuchte, die Träger ihres Rucksacks festzuziehen, weil sie in ihre Schultern schnitten. „Wir sind schon stundenlang unterwegs“. Sie hob ihr dichtes blondes Haar hoch und wischte sich den Schweiß mit einem Halstuch von der Stirn.

Ich habe dir doch gesagt, dass das hier ein riesiges Land ist, als wir den Trip geplant haben, und du hast gemeint, du seiest in bester Verfassung und gut vorbereitet auf die Wanderung.“ Ihr Vater drehte sich zu ihr um und schob seine Brille mit dem Metallgestell hoch.

Ja, ich habe doch gedacht, ich wäre gut in Form. So ein Mist! Du arbeitest an einem Schreibtisch bei Microsoft, und ich war total davon überzeugt, dass ich mit dir mithalten könnte.“

Aber eines solltest du nicht vergessen. Ich laufe an mindestens drei Tagen in der Woche!“, gab er triumphierend zurück.

Oh ja, ist schon okay! Ich habe verstanden. Ich habe gedacht, dass Tennis in der Schulmannschaft gut genug wäre, aber dem ist wohl nicht so.“ Keuchend schloss Sally zu ihrem Vater und ihrem Bruder auf.

Mach dir mal keine Sorgen. Wir sind schon fast am See. Höchstens eine Meile noch.“

Sie wanderten weiter, aber in einem langsameren Schritt. Scott führte jetzt. Mit seiner schlanken Gestalt, dem lockigen blonden Haar, der Metallbrille war er die kleinere Ausgabe seines Vaters. Zehn Jahre war er alt. Schweigend und in gleichbleibendem Tempo wanderte er den Trail hinab.

Sally wusste nicht, ob ihre Füße mehr schmerzten oder ihre Schultern und ihr Rücken unter dem Rucksack. Obwohl sie erst vor ein paar Tagen aufgebrochen waren, schien es ihr, als ob sie schon seit Jahren auf dem Andrews Creek Trailhead in die Pasayten-Wildnis vordringen würden. Der Trail war dem Bach gefolgt und hatte sich zumeist durch dichten Wald gewunden. Viele schöne Aussichten gab es nicht und das Landschaftsbild war eintönig.

Aber alles änderte sich, als sie am Spanish Camp ankamen. Sally war verblüfft. Sie fühlte sich, als ob sie stundenlang in einem dunklen Schrank gesessen hätte und jetzt wäre die Tür aufgeflogen. Die Wälder lagen hinter ihnen, und immer wieder kamen sie zu Aussichtspunkten, von denen aus sie eine herrliche und atemberaubende Sicht auf die Bergketten und die saftig- grünen Wiesen hatten. Die Blumen des späten Sommers waren voll erblüht. Castilleja-Planzen, gelbe Gänseblümchen und viele andere, kleinere Blumenarten überzogen die Hügelketten.

Im Spanish Camp stand eine Hütte der Forest Rangers genau an der Wegkreuzung. Sally, ihr Vater und ihr Bruder posierten für Fotos davor. Die Hütte schien in gutem Zustand zu sein.

Dad, ich würde mir wünschen, wir könnten hier drin bleiben“, sagte sie und zeigte auf die Hütte.

Sally, die sieht gepflegt aus. Aber in Wirklichkeit sind wir in unserem Zelt besser aufgehoben. Da drin könnte es Mäuse, andere Nagetiere und Käfer geben. Die willst du bestimmt nicht heute Nacht dabeihaben“, erklärte ihr Albert.

Oh nein, wohl lieber nicht.“ Sally trat einen Schritt von der Hütte zurück und betrachtete sie prüfend.

Ein einzelner Reiter, der mehrere Packpferde hinter sich herzog, ritt vorbei, als sie vor der Hütte standen. Er winkte ihnen zu und ritt in zügigem Tempo weiter.

Der arbeitet für ein Reiseunternehmen und ist ein Outfitter. Er reitet voraus und legt die Versorgung für die Wanderer ab. Die müssen dann nicht alles auf ihrem Rücken herumschleppen und tragen nur ihren leichten Tagesrucksack. Wenn sie dann wieder aufbrechen, kommt der Mann wieder vorbei, nimmt ihre Ausrüstung mit und transportiert sie weiter. Dadurch können auch Leute das Bergland durchwandern, die sonst nicht dahin kämen“, erläuterte Albert grinsend.

Sally dachte nur: ‚Das wäre für mich das Richtige. ‘ Auch die Pferde sahen schön aus. „Hey Dad, wie wäre es, wenn wir beim nächsten Mal so einen Outfitter unsere Sachen transportieren lassen würden? Vielleicht könnten wir sogar Pferde mieten und darauf reiten?“, fügte sie voller Hoffnung hinzu.

Sally, du weißt, für die Pferde wäre das eine arge Strapaze. Wir sind fit und gesund und für uns ist es genau so leicht, alles mit uns zu tragen als wenn wir es den Pferden aufladen. Es geht nicht nur um die Tiere, es geht auch um die Umwelt. Daran müssen wir immer zuerst an denken. Wir sollten hier essen und uns dann einen guten Platz suchen, wo wir unser Lager aufschlagen können“, schlug Albert vor.

Sally schüttelte ihren Rucksack ab und saß vor ihm auf dem Boden. Als sie ihr Lunchpaket aus einer Seitentasche zog, starrte sie auf die schöne Wiese vor ihr. Ihre Hand schloss sich um ihren iPod und sie schob die Stöpsel in ihre Ohren. Sie suchte einen Musiktitel aus und lehnte sich entspannt zurück.

Sally Anne!“, brüllte Albert. „Was tust du da?“

Musik hören“, lautete ihre müde Antwort.

Du verpasst die Geräusche der Wildnis! Wir sind hier als Familie, um die Natur zu genießen. Das Zeug kannst du dir zuhause anhören. Du bist erst fünfzehn. Du solltest dein Leben jetzt genießen“, fügte er noch voll innerer Leidenschaft hinzu.

Okay, Dad, lass gut sein“, seufzte Sally, zog enttäuscht die Ohrstöpsel heraus und schob den iPod zurück in ihren Rucksack.

Als sie aufbrechen wollten, näherten sich zwei Wanderer mit Rucksäcken der Hütte. Es waren ein Mann und eine Frau, beide Mittzwanziger und offensichtlich sehr fit.

Hi.“

Hallo“, antwortete Albert. „Wohin geht’s?“

Der Mann stand da mit etwas gespreizten Beinen und brachte sein Gepäck in die richtige Position. Die Frau stand neben ihm und zog ebenfalls an den Riemen des Rucksacks. Er nahm seine Baseball-Mütze ab und wischt sich den Schweiß ab. „Wir wollen zu den Lower Cathedral Lakes für ein paar Tage.“

Das ist bestimmt schön“, meinte Albert.

Das hat man uns erzählt.“

Ich bin Albert Ross. Das sind meine Kinder Sally und Scott.“

Schön, euch zu treffen. Ich bin Nick King, und das ist meine Frau Katie.“

Schön, euch hier zu treffen. Wo seid ihr denn her?“, fragte Nick.

Wir sind aus Seattle“, antwortete Nick.

Die Welt ist klein. Wir sind aus Redmont“, strahlte Albert.

Ja, die Welt ist in der Tat klein und die Zeit zum Wandern in diesem wunderschönen Gebirgsland ist kurz“, fügte Katie fröhlich hinzu.

Da die Zeit kurz ist, sollten wir lieber weiterwandern und uns einen schönen Lagerplatz für den Abend suchen. Viel Vergnügen“, sagte Nick.

Ja, für Sie auch“, verabschiedete sich Albert von ihnen.

Das junge Paar wanderte zügig weiter den Trail hinab.

Seht ihr, Kinder, die Berge sind voller Menschen.“

Ja, die Hügel sind lebendig“, fügte Sally hinzu.

Ach, das hab‘ ich doch schon mal gehört“.

Ich auch, Dad“, sagte Scott.

Ihr Vater war in Seattle geboren und aufgewachsen. Er arbeitete bei Microsoft, seine Frau Kathy war Wirtschaftsprüferin bei Moss Adams, einer großen Beratungsgesellschaft. Obwohl Albert und Kathy beide sehr umweltbewusst lebten, war Kathy keine große Sportlerin. Sie blieb lieber zu Hause, kümmerte sich um Haushalt und Garten und las ein gutes Buch. Albert war also derjenige, der den Kindern die Abenteuer der freien Natur näherbringen wollte, und das tat er mit großer Leidenschaft.

Scotty, der See dort links, dahin wollen wir. Da schlagen wir das Zelt auf“; kündigte Dad vergnügt an. Der See, der in einem kleinen Tal lag und von hohen Bergen umgeben war, glitzerte in der Sonne des späten Nachmittags.

Sally hauchte nur: „Gott sei Dank!“, aber so, dass niemand es hören konnte.

Scott und Dad nahmen die letzte Biegung des Weges hinab zum See, Sally humpelte hinterher. Der Abend kündigte sich bereits an, als sie ihr Zelt errichtet, ihre Matten aufgeblasen und die Schlafsäcke hineingelegt hatten. Danach half Sally ihrem Vater, die Küchenutensilien auszubreiten und Holz zu sammeln, Scott hingegen ging mit seiner Angelrute hinab zum See.

Das Wasser war klar und an den Rändern flach, doch nach ein paar Fuß färbte es sich zu einem tiefen Türkis, weil der Seeboden jäh in die Tiefe abfiel. Sally beobachtete, wie Scott auf einen großen Felsblock kletterte und die Angel soweit wie möglich auswarf, bis in die Mitte des Sees. Dann kurbelte er die Leine zurück.

Nach dem vierten oder fünften Versuch zerrte etwas an der Rute. Die Rute bog sich und streckte sich dann wieder. Er ließ es geschehen, aber beim nächsten Mal riss er sie rasch heraus. Nach einem kurzen Kampf zog er eine zehn- Inch- lange Regenbogenforelle aus dem Wasser.

Gut gemacht, Sohn!“, rief sein Vater und kam hinunter zum See. „Sieht aus, als hätten wir frischen Fisch zum Abendessen.“

Scott strahlte wegen des Lobs seines Vaters. Er legte den Fisch ab und wollte noch einen fangen.

Scott, nur noch einen. Denke an die Tiere, wir wollen den See doch nicht leerfischen.“

Sally rollte nur mit den Augen und sah schweigend von ihrem Sitzplatz auf einem Felsblock ihrem Bruder zu.

Seit sie das Spanish Camp verlassen hatten, war ihnen niemand mehr begegnet. Der See war von atemberaubender Schönheit, aber seine Umgebung wirkte zugleich unbelebt und einsam. Die Berggipfel erstreckten sich nach Norden und auf der kanadischen Seite schimmerten sie bläulich in der Ferne. Manchmal wünschte sie Sally, ihr Vater würde wenigstens eine Waffe mit sich führen. Es gab wirklich nichts, womit sie sich verteidigen könnten.

Als sie rund um ihr Lagerfeuer saßen und ihr Fischgericht zum Abendessen verzehrten, fragte Scott: „Wie heißt der See noch mal, an dem wir sitzen? Ich habe den Namen vergessen.“

Das ist der Ramon Lake. Wir sind nicht weit von der kanadischen Grenze entfernt. Morgen könnten wir eine Tageswanderung über den Hike- Pass unternehmen. Da gibt es ganz viele Blumenarten und blaugrünes kniehohes Gras.“

Dad, du kennst dich wirklich gut aus“, sagte Scott bewundernd.

Es ist immer gut, wenn man sein Umfeld kennt. Hier im Bergland könnte es sogar lebensrettend werden.“

Ist das irgendwie ein Park hier, Dad?“, meldete sich Sally zu Wort.

Ja, und du wirst merken, dass die Namen alle eine Bedeutung haben.“

Hey Dad, was bedeutet ‚Ramon‘?“, wollte Scott wissen.

Na, da kann ich nur raten. Der See ist vermutlich nach einer Person benannt, nicht nach einer Pflanze.“

Oh“, brummte Scott.

Scott wirkte betrübt. ‚Immer dieser kleine Streber‘, dachte Sally. „Die Fische haben gut geschmeckt, Scotty!“

Er lächelte ihr zu, Ramon Lake war schon vergessen

Das Feuer knisterte und der Himmel verdunkelte sich. Die Berggipfel umstanden sie schweigend wie nächtliche Wächter .Der Halbmond warf ein blasses Licht auf die Hügel, und die Sterne funkelten. In der Ferne heulte ein Wolf.

Sally zuckte zusammen. „Was war das, Dad?“ Sie blickte hinüber zu Scott, dessen Augen vor Schrecken weit aufgerissen waren.

Oh, das war vermutlich nur ein Wolf, der den Mond anheult. Mach dir nichts draus, die Wölfe sind unserer Freunde. Ich finde das richtig aufregend, dass es wieder welche in ihrem angestammten Gebiet gibt. Kanada war so nett, uns einige Paare zu überlassen, und sie haben sich im Yellowstone Park eine Zeit lang vermehrt. Jetzt gibt es Rudel in Idaho und neuerdings auch im Nordosten von Washington. Sie kommen also zurück. Ist das nicht schön?“

Dad klatschte vor Begeisterung in die Hände und das Lagerfeuer beleuchtete sein Lächeln.

Sally war sich nicht so sicher, ob sie sich über die Rückkehr der Wölfe in ihr angestammtes Gebiet so sehr freuen sollte. Zumindest klang es aber so, als wäre einer in der Nähe. Scott gähnte. Albert löschte das Feuer, und alle zogen sich ins Zelt zurück. Es war ihre dritte Nacht auf der Wanderung, und bis jetzt hatte Sally noch nicht gut schlafen können. Jedes Geräusch wirkte im Dunklen wie verstärkt.

Sie wusste nicht, ob diese Geräusche immer um sie herum waren und sie sie nicht bemerkte, oder ob die Tiere nachts wirklich lauter waren. Als der einsame Wolf nochmal ein lang andauerndes Geheul anstimmte, standen ihr die Nackenhaare vor Furcht ab. Irgendwann übermannte sie aber die Müdigkeit und sie schlief ein.

 

 

Kapitel 5

 

 

Norse Peak-Wildnis

 

Dusty konnte das Lagerfeuer und den Kaffe schon riechen, bevor er die Augen öffnete. Das Klappern der Fußketten der Pferde und das Geräusch des Rupfens und Kauens, das die Pferde beim Grasen machten, zeigten ihm an, dass Mike sie bereits für ihr morgendliches Mahl freigelassen hatte. Die Sonne beleuchtete die Wände seines alten Tipis aus Segeltuch, und Dusty fühlte sich in seinem warmen Schlafsack sehr wohl. Es war jedenfalls gemütlicher als das Bett auf der Ranch. Scotty schlüpfte durch den Zelteingang hinaus. Dusty streckte sich, erhob sich, zog die verblichenen Jeans und sein grün- schwarz kariertes Flanellhemd über. Er schnürte seine Stiefel zu und trat hinaus zum Feuer.

Die Sonne des frühen Morgens ging gerade über den Bergen auf und der See lag völlig still vor ihnen. Ihre Lungen füllten sich mit der frischen Morgenluft, ganz so, als ob man einen Schluck kalten Wassers tränke. Heute würde der Tag schön werden.

Guten Morgen, Mike.“ Dusty goss sich einen Tasse Kaffee aus dem großen Topf ein, der auf dem Steinblock neben dem Feuer stand.

Morgen“. Mike nippte an seinem Kaffee und starrte auf die in den Himmel ragenden Felsen oberhalb des Sees. „Wohin möchtest du heute reiten?“

Nun, ich habe mir vorgestellt, dass ich zum Elevator Shaft, dem Aufzugsschacht, reiten könnte, von dort aus hinüber zum Crow Lake weiterziehen und über die Airplane Meadows zurückkommen könnte. Vielleicht schaue ich bei Gold Dust Charlie im Krähennest vorbei und sehe, wie es ihm geht.“

Gute Idee. Ich bin schon lange nicht mehr durchs Puma-Tal, das Cougar Valley, geritten. Ob da noch ein paar dieser Katzen leben?“, fragte sich Mike.

Keine Ahnung. Ich habe gehört, dass der Forstdienst mit der Ortsgruppe unserer Reitervereinigung in Timberline darüber gesprochen hat, ob nicht drei unserer Gruppen die Wege instandhalten könnten. Mal sehen, was es zu tun gibt.“

Die Ortsgruppe von Timberline war die älteste in der Reitervereinigung. Ihre Mitglieder waren sehr aktiv darin, Arbeitseinsätze zu organisieren und sie mit den Gruppen von Pierce County und Eagleclaw und dem Forstdienst abzustimmen.

Was die Katzen anbelangt, müssen wir mal nachschauen, was wir entdecken.“

Klingt gut. Die Pferde sind seit einer Stunde beim Grasen. Wir könnten bald aufbrechen.“

Beide Männer tranken in Ruhe ihren Kaffee und blickten ins Feuer. Scout hingegen starrte angespannt hinüber zum Trail, der zum See unten im Becken führte. Er spitzte seine Ohren. In der Ferne war das Geräusch von Huftritten zu hören, die immer wieder von den Felsen in der Luft des frühen Morgens zurückgeworfen wurden. Zwei Reiter erschienen in der Ferne auf dem Weg, der herunter zu ihnen führte. Die Reiter hier im Bergland waren eine kleine Gemeinschaft. Wahrscheinlich würde Dusty beide kennen, und dem war dann auch so.

Cassie Martin, die vordere der beiden Reiterinnen, saß aufrecht auf ihrem schönen grauen Pferd, das der Rasse der Tennessee Walking Horses zugerechnet wurde. Ihr langes und hellbraunes Haar hing lose unter dem grauen Stetson herab. Sie war groß und schlank in ihrer dunkelbraunen Lederbekleidung. Schon von weitem war sie an ihrer braunen Lederjacke gut zu erkennen. Ein schwarz-weißer australischer Schäferhund trabte hinter ihr her. Die zweite Reiterin war eine kleine Frau mit rötlich-braunem Haar und sie folgte Cassie auf einem braun-weißen Schecken.

Als Cassie sich näherte, zog sich etwas in Dusty zusammen. Er versuchte, es zu übergehen. In dieser Frau, die ihm so voller Selbstbewusstsein entgegenkam, lag etwas, das ihn auf eine unerklärliche Weise ansprach. Er hatte sie als streitbare Anwältin im Gerichtssaal erlebt, aber dieser Eindruck verblasste angesichts der Frau, die jetzt vor ihm stand. Er musste es zugeben, sie war höchst attraktiv. Eigentlich hatte er nach seiner Scheidung und den düsteren Tagen danach geglaubt, er hätte all dies hinter sich gelassen. Aber nun spürte er es wieder …

Scout lief den Reiterinnen entgegen und verbellte sie, als sie zum Lagerplatz ritten. Auf halben Weg kam ihm der schwarz-weiße Schäferhund entgegen.

Hierher, Sammy“, rief Cassie. Ihr Hund folgte sofort wieder dem grauen Pferd. Scout beobachtete ihn misstrauisch aus der Ferne.

Guten Morgen, Dusty, Mike“, begrüßte die vordere Reiterin sie.

Guten Morgen Cassie“, antworteten sie.

Das ist meine Freundin Terri.“ Sie zeigte auf ihre Begleiterin.

Dusty und Mike nickten beide und lächelten der zweiten Reiterin zu.

Na, da waren Sie ja sehr einfallsreich in der Verhandlung gestern“, meinte Cassie etwas steif zur Begrüßung. „Eine kleine Vorwarnung wegen der Bilder wäre ganz nett gewesen.“

Dusty sah hinauf zu ihr. „Tut mir leid, Cassie.“ Er meinte es auch ehrlich so. Für ihre Mandanten war sie eine gute Anwältin, und sie hatte fest daran geglaubt, dass sie den Fall in einer Verhandlung hätte lösen können. Aber sie hatte den Fall verloren, alle ihre Anträge waren zurückgewiesen worden und für einen Anwalt ist das immer schwer zu verdauen. „Wie geht es Ihrem Mandanten?“

Cassie sah hinab zu Dusty. Seit der Verhandlung hatte sie immer noch Bauchschmerzen durch die Falle, die er ihr gestellt hatte. Er sah sie offen an mit Augen, die dunkelblau waren, wie sie feststellte. Sie hatten die Farbe des Himmels über dem Bergland. Seine Zähne leuchteten weiß und bildeten einen schönen Kontrast zu seinem sonnengebräunten Gesicht.

Verdammt, der sieht gut aus. Und er wirkt, als ob er sich wirklich Sorgen machen würde. Man darf nie vergessen, worin Anwälte gut sind. Vor Gericht sind sie vor allem Schauspieler.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚War wohl doch nicht so wahrscheinlich, dass ihn mein Mandant interessiert.‘

Er wird sich erholen. Danke für Ihre Frage.“

Cassie fielen eine ganze Menge Dinge ein, die sie gerne gesagt hätte. Sie hielt sie aber zurück. Bis jetzt wusste sie noch nicht, ob ihre Mandanten Widerspruch einlegen würden. Da wollte sie nicht jetzt schon gleich in Gegnerschaft zu Dusty gehen, falls sie später noch mit ihm zu tun haben würde.

Hey, Mike, sollte ich Ihnen eine Lohnerhöhung versprechen, und Sie arbeiten für mich?“

Mike sah sie etwas verlegen an und wusste nicht so recht, was er mit der Bemerkung anfangen sollte. „Da muss ich noch drüber nachdenken“, meinte er dann.

Schon lässt er mich hängen“, lachte Dusty.

Die Sonne glänzte auf dem Lauf von Cassies Winchester-Gewehr, das in einem Futteral an der rechten Seite ihres Sattels hing. Links hinter ihrem Steigbügel hatte sie eine Säge in einem kleineren Futteral angebracht. Ihren Regenmantel hatte sie griffbereit hinter sich auf dem Sattel festgebunden, weil das Wetter in den Bergen sehr unberechenbar sein konnte. Offensichtlich kannte sie sich mit den Bedingungen im Gebirge so gut aus wie sie auch mit dem Gerichtssaal vertraut war.

Dusty streichelte ihrem Hund über den Kopf, als er zu ihm gelaufen kam, und Scout gesellte sich ebenfalls zu ihm, damit er nicht vergessen wurde. Dass sie ihre Niederlage vor Gericht mit so großer Würde annahm, nötigte ihm viel Respekt ab, noch mehr als den, den er ohnehin für sie empfand.

Wo wollen Sie denn hin?“, fragte Dusty, als er den Rest des Kaffees ausschüttete.

Wir haben geplant, den PCT zu reiten, aber zuerst wollten wir noch die Wasservorräte ergänzen. Da oben gibt es nicht so viel davon.“

Der PCT war auch als der Pacific Crest Trail bekannt. Er führte von Kanada nach Mexico entlang der Cascade Mountains durch Oregon, dann entlang der Sierra Nevada Mountains in Kalifornien. Wenn man in Washington von einem steilen Trail sprach, mit tiefen Abhängen und sehr anspruchsvollem Gelände, dann war fast immer vom PCT die Rede.

Dusty nickte und war beeindruckt. Cassie und ihre Freundin waren erfahrene Reiterinnen. Ansonsten hätte sie diesen Plan nicht gefasst.

Wir sollten uns wieder auf den Weg machen. Gute Reise!“

Sie führte ihr Pferd zum See, und schon waren sie vorbei an Mike und Dusty, die ihnen zusahen, wie sie die Pferde tränkten. Dann ritten sie aus der Senke hinaus. Der Hund trottete brav hinter Cassies Pferd her.

Eine tolle Frau!“, bemerkte Mike.

Das stimmt. So eine sieht man nicht oft.“

Reiten war kein Sport, es war eine Lebensweise für die Leute, die im Bergland unterwegs waren. In den Städten kleideten sie sich auch nicht anders als alle anderen. Sie machten sich auch nicht so auffällig auf wie die Rodeo-Reiter mit ihren großen Gürtelschnallen und eleganten Western-Stiefeln. Die Reiter im Backcountry ritten, weil sie die Schönheit des Landes und die Einsamkeit der Berge genossen. Die Aussichten und die Herausforderungen beim Reiten waren geradezu berauschend – sie wirkten fast wie eine Droge. Vor Gericht waren sie Anwälte, aber hier draußen waren sie Reiter, nicht anders als die Reiter vor über hundert Jahren, als das Land besiedelt wurde. Dass man dazu gehörte, dass die Zeit keine Rolle mehr spielte, all das gab Dustys Leben einen Sinn, und das verband ihn auch mit den anderen Reitern im Backcountry.

Dusty und Mike sattelten ihre Pferde wieder und machten sich in die entgegengesetzte Richtung auf. Scout folgte wieder Dustys Packpferd Cheyenne.

Hast du immer noch vor, hinauf in die Pasayten-Wildnis zu reiten?“, fragte Mike, als sie langsam den Serpentinenweg aus dem Becken hochritten. Je höher sie auf ihrem Weg kamen, desto gewaltiger erhob sich vor ihnen der Gipfel des Mount Rainier.

Oh ja“, sagte Dusty, der auf Muley voranritt. „Ich wollte bei Uncle Bob vorbeischauen, und dann noch ein wenig bei den Cathedral-Felsen bleiben. Kommst du mit?“

Ich glaube schon. Vielleicht gibt mein Boss mir ja frei.“

Das kriegen wir hin. Im Sommer ist in der Kanzlei ohnehin nicht viel los.“

Wirklich?“

Jedenfalls bei mir. Es klappt immer, wenn du den Mandanten erzählst, dass du draußen bist und reitest“, lachte Dusty.

Ich habe es geahnt. Ich habe mir den Richtigen für meine Tätigkeit ausgesucht.“

Mike lächelte und war tief beeindruckt vom Anblick des Mount Rainier vor ihm.

 

 

Kapitel 6

 

 

Alles aufstehen, und dann geht’s los!“ Das fröhliche Gezwitschere in Dads Stimme nervt, dachte Sally. „Heißes Wasser kocht für den Haferbrei!“

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Dafür soll ich jetzt aufstehen?

Ihr Bruder regte sich jetzt auch auf der anderen Seite des Zelts. Sie erhob sich und schleppte sich hinaus zum Feuer. Wieder ein schöner Tag. Was ihr noch von der Nacht her in den Knochen steckte, von der Einsamkeit und von den Ängsten, war eine große Müdigkeit. Sie mischte sich etwas Tang, ein Getränkepulver, mit destilliertem Wasser und saß noch halb verschlafen neben dem kleinen Feuer.

Dad erzählte voller Begeisterung von der Wanderung, die sie heute unternehmen würden. Dabei drifteten ihre Gedanken ab, und sie versuchte, sich die ungeheure Weite des Landes vorzustellen. Die Bergkette reichte soweit sie sehen konnte, und die Gipfel erhoben sich turmhoch über ihr. Die Farben dort oben waren die der Felsen und des Schnees, dann gingen sie über in alle Farbschattierungen von Lavendel und Indigo. Sie verstand, warum manche Menschen von den blauen Bergen sprachen. Irgendwo am Horizont war die Grenze, wo die Vereinigten Staaten endeten und Kanada begann.

Ihr Dad war damit beschäftigt, Essen für die Lunchpakete bereitzulegen und noch mehr Wasser für ihre Flaschen zu destillieren. „Machen wir uns auf den Weg. Das wird ein langer Marsch zum Park Pass.“

Scott und Sally griffen nach ihren Rucksäcken und begannen, ihre Sachen zusammenzupacken.

 

*

 

Ein paar Meilen von ihnen entfernt in British Columbia, Kanada, am Border Lake, ratterte ein klappriger Ford Pickup einen Hang hinauf und zog einen altertümlichen, schäbig aussehenden Pferdehänger hinter sich her. Am Ende der Straße knirschten die Bremsen und der Truck blieb stehen. Zwei Männer stiegen aus. Sie zogen drei Pferde aus dem Hänger und banden sie an der Seite an. Der ältere Mann war in den späten Fünfzigern. Sein Gesicht war gezeichnet von den Jahren, in denen er zu viel getrunken hatte, aber auch von der Zeit, die er im Gefängnis verbracht hatte. Der andere Mann war Anfang dreißig. Irgendwie sah man ihm an, dass er den Möglichkeiten, die das Leben ihm bot, nur mit Sarkasmus und Zweifeln begegnete.

Hey, Clem, bist du dir sicher, dass die Vereinigten Staaten sind?“, fragte der jüngere misstrauisch und warf einen Blick auf die dichten Wälder und die Wiesen um ihn herum. „Sieht anders aus, als ich sie in Erinnerung habe.“ Er zündete sich eine Zigarette an und sah den anderen herausfordernd an.

Na, Urwald gibt es auch bei denen. Vermutlich hast du den vergessen. Du bist ja bestimmt auch nicht viel wandern gegangen, oder?“ Clem lachte sein heiseres Lachen. „Autos kannst du da nicht benutzen. Das wäre das dümmste, von dem ich jemals gehört habe. Hier, bürste mal das Pferd. Ich hole die Ausrüstung herbei.“

Tom schob seine Zigarette in den Mundwinkel, griff nach einer Bürste und einem Striegel und wendete sich den Pferden zu. Clem im Gefängnis zu treffen hatte sein Leben verändert, vielleicht sogar gerettet. In seiner Kindheit war seine Mutter zumeist völlig betrunken gewesen. Er hatte auch die Vergewaltigungen durch seinen Onkel ertragen, seit er acht oder neun war. Als Teenager später war er stark genug, sich seiner zu erwehren. Er dachte zurück an den Tag, als es zu diesem Befreiungsschlag kam. Diese Erinnerung verschaffte ihm auch heute noch eine große Befriedigung. Er hatte seinem Onkel das Gesicht zerschlagen und ihn in die Rippen getreten. Er konnte einfach nicht mehr aufhören. Wenn meine Freunde nicht herbeigekommen wären und mich von ihm weggezogen hätten, dann hätte ich den Scheißkerl umgebracht.

Seinen Onkel zu verprügeln hatte ihm gut getan, dachte Tom, während er versuchte, die Pferde zu striegeln. Sie waren dürr, ihre Knochen stachen fast durch das stumpf schimmernde Fell. Ihre Hufe waren ungepflegt und schon länger nicht mehr ausgeschnitten worden.

Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Damals, als Tom seiner großen Wut nachgegeben hatte, war er stark geworden. Er hatte das Gefühl, dass er tun konnte, was er wollte. Und die Person, die ihn am meisten im Stich gelassen hatte, war seine Mutter. Die Hure. Und dafür musste jemand bezahlen, aber nicht die wertlose Schlampe. Wer bezahlen musste, waren die kleinen Mädchen. Wenn er sich über sie hermachte, war er stark, und das wollte er sein. Bei einem Nachbarmädchen hatte er angefangen. Sie war nicht mehr als sieben Jahre alt, als er ihr Süßigkeiten versprach.

Tom lachte in sich hinein. Wie dumm sie doch gewesen war, das kleine Mädchen, und wie viel Spaß es ihm gemacht hatte, dass er sich so richtig gehenlassen konnte. Es hatte ihn frei gemacht. Bis zu dem Tag, als er verhaftet wurde. Der Leichnam wurde jedenfalls nie gefunden. Ihn einzusperren, dafür gab es keinen Grund. Verhaftet hatten sie ihn nur, weil er arm war. „Nun, Clem und ich werden nicht arm bleiben, so viel ist klar.“ Tom verzog seine Lippen zu einem hasserfüllten Grinsen.

Hey, ich habe gedacht, du würdest die Pferde neu beschlagen lassen“, fragte er Clem, als er das erste Pferd, einen Schecken, zu bürsten begann.

Ja, wollte ich erst, und dann habe‘ ich gedacht, was soll’s? So lang ist der Weg nicht.“ „Warum sollte man gute Nägel vergeuden?“ Clem grinste und man sah seine schadhaften, gelben Zähne.

Das ist ja toll. Wirklich toll. Wir wissen nicht, was wir aufladen, und jetzt wissen wir noch nicht mal, ob wir überhaupt ankommen.“

Mach dir bloß keine Sorgen“, bellte Clem ihn an. Du führst nur deinen Auftrag durch. Ich kümmere mich um die Einzelheiten.“

Um die Einzelheiten hatte sich Clem schon seit Längerem gekümmert. Er hatte den Gefängnisausbruch geplant und auch ihre Flucht nach Kanada. Tom war völlig unbedarft und leicht zu manipulieren. Für diese Erkenntnis klopfte Clem sich auf die Schulter. Er hatte jemanden dafür gebraucht, Schmuggelware zu transportieren. Im Gefängnis hatte er alles über ihn erfahren. Kinderschänder hatten im Knast kein gutes Leben, deshalb stand Clem Tom zur Seite. Er wusste, dass sich das langfristig lohnen würde. Und, außerdem, er selbst hatte schon gerne mal von Zeit zu Zeit eine Frau, dagegen war doch nichts zu sagen. Er lächelte. Aber sich mit kleinen Mädchen erwischen zu lassen, das kam nicht in Frage. Er schüttelte den Kopf etwas reumütig.

Er würde niemanden mehr unterschätzen. Da war eine Witwe gewesen, bei der er gearbeitet hatte und die ihm immer erzählt hatte, dass sie keine Verwandten mehr hatte. Schwerer Diebstahl! Und er war doch nur ein einfacher Handwerker. Plötzlich und unerwartet tauchte ein Neffe auf und überprüfte die Buchhaltung. Er schnaufte. ‚Nie wieder.‘ Das hatte er aus der Zeit im Knast gelernt. ‚Lass dich nie wieder erwischen.‘

Clem lächelte und man sah seine gelben, schadhaften Zähne.

Ja, mag sein. Ich glaube, ich hab die Pferde genug gestriegelt. Ich bin ja kein Cowboy. Machen wir uns auf den Weg und bringen wir‘s hinter uns. Da wartet eine tolle Frau auf mich in der Stadt, wenn wir zurückkommen.“

Tom grinste lüstern vor sich hin. Seine Zigarette hing immer noch in seinem Mundwinkel.

Oh, wirklich? Ich hoffe, diesmal kriegst du keinen Ärger mit dem Gesetz. Du hattest schon genug Schwierigkeiten, meinst du nicht auch?“

Mann, reg dich nicht auf. Lass es gut sein. Außerdem, wenn es um Frauen geht, lohnt sich jeder Ärger.“

Wie du willst. Nicht mein Problem. Laden wir das noch auf.“

Clem zog eine Satteldecke aus dem Hänger.

Als sie den Packsattel aufgelegt hatten, nahm Clem ein paar Kisten von der Ladefläche des Trucks. „Tom, komm her und hilf mir! Das ist ganz schön schwer für einen alten Mann.“

Bin gleich da.“ Tom lief zu ihm hinüber und ergriff das andere Ende der Kiste. Zusammen befestigten sie sie an einer Seite des Packpferdes. Weil das Pferd unsicher und schief stand, rannten sie zurück, nahmen die zweite Kiste und befestigten sie an der anderen Seite des Pferdes. Jetzt war die Ladung gleichmäßig verteilt.

Oh, das ist schwer. Ich hoffe, unser alter Gaul packt das“, meinte Tom besorgt. „Wer hat dir denn den Transport vermittelt?“

Weiß ich nicht. Ein Ausländer. Er hat uns ziemlich viel Geld dafür gegeben und hat gesagt, es gäbe noch mehr, wenn wir auf der anderen Seite der Pasayten-Wildnis sind. Kann uns doch egal sein, oder?“ Clem strahlte und war mit sich ziemlich zufrieden.

Ist uns auch egal, so lange das Geld stimmt“, pflichtete Tom ihm bei.

Dann sattelten sie ihre Reitpferde, schnallten ihre schmutzigen Satteltaschen fest und banden ihre Mäntel hinter sich fest. Clem schob sein Remington-Gewehr 870, Kaliber 12 in das Futteral rechts von seinem Sattelknauf. Dann legte er sich ein paar Munitionsgürtel quer über die Brust und steckte einen 357er Smith and Wesson- Revolver in seinen Holster am Gürtel. Ein kleiner Derringer 22 war über seinem Fußgelenk befestigt, außerdem trug er am Gürtel ein zehn Inches langes Bowiemesser in einer Scheide mit sich.

Tom hatte ein 7mm Remington-Gewehr in seinem Futteral am Sattel, zudem trug er einen halbautomatischen Colt, Kaliber 45 in seinem Holster am Gürtel. An der anderen Seite hing ein großes Jagdmesser in einer schwarzen Scheide.

Okay, fertig?“, fragte Clem.

Klar. Auf geht’s. Je früher wir losreiten, umso früher sind wir auch wieder zurück.“

Also los. Auf eines müssen wir achten. Die Amerikaner sind etwas empfindlich geworden wegen ihrer Grenze. Deshalb haben sie jetzt die berittenen Grenzpatrouillen. Unser Vorteil: Sie können nicht überall sein, und sie haben nicht sehr viele Leute. Wir verkriechen uns einfach und lassen sie an uns vorbei. Kapiert?“

Klar doch. Ich komme.“

Die beiden Männer ritten vorbei an dem kleinen See an der Grenze und einen Hang empor. Dabei behielten sie genau ihr Umfeld im Blick. In Kanada war es nicht erlaubt, Handfeuerwaffen mit sich zu führen, aber vor wem sie wirklich auf der Hut sein mussten, das waren die amerikanischen Grenzschützer.

Oben auf der kleinen Anhöhe schauten sie sich um. Eine Lichtung von ungefähr fünfzig Fuß Breite war durch den Wald geschlagen worden, um Kanada von den Vereinigten Staaten zu trennen. In bestimmten Abständen stand da auch einer silberne Tafel, die ebenfalls die Grenze zwischen den beiden Ländern markierte. In der Ferne erkannten sie einen Reiter, der sich in die entgegengesetzte Richtung bewegte.

Halt, Tom!“, befahl Clem. Er zog sein Fernglas hervor und betrachtete die Gestalt auf ihrem Pferd in der Ferne genau. Die grüne Uniform der Grenzwache war nicht zu übersehen.

Ja, das ist ein Grenzwächter, aber er reitet in die andere Richtung. Lassen wir ihn noch über den Hügel reiten und dann setzen wir unseren Weg fort und sind schnell unter den Bäumen dort hinten.“ Clem steckte sein Fernglas wieder ein.

Okay, ich bin hinter dir.“

Der Reiter bewegte sich über den Hügelkamm und verschwand aus ihrem Blick. Die beiden Männer gaben ihren Pferden die Sporen, galoppierten rasch über das offene Gelände und verschwanden zwischen den Bäumen.

War einfach“, sagte Clem, als sie eine Zeitlang unterwegs waren.

Ja, vielleicht haben wir das große Los gezogen. Diese Ausländer brauchen vielleicht noch mehr von ihren Zeug auf der anderen Seite der Grenze“, meinte Tom und rechnete schon mal im Kopf aus, wie viel sie verdienen könnten.

Das wäre nicht zu verachten“, stimmte Clem ihm zu.

 

 

Kapitel 7

 

 

Dusty und Mike waren auf dem Weg zum Crow Lake. Das Wetter war immer noch sonnig und der Himmel war blau.

Weißt du, Dusty, trotz all des Regens im pazifischen Nordwesten, wenn die Sonne erst einmal scheint, dann ist die Landschaft geradezu umwerfend.“

Pst, verrat das keinem. Es laufen schon genug Leute herum.“

Da hast du recht.“

Die schneebedeckten Gipfel glitzerten in der Sonne, die Bäche führten klares reines Wasser, das über die Felsen schoss und sich seinen Weg durch die Wiesen bahnte. Lupinen am Wegesrand erfüllten die Luft mit ihrem süßen Duft. Für Dusty war es an solchen Tagen unvorstellbar, dass das Wetter hier im Bergland irgendwann einmal umschlagen könnte. Das war das Trügerische in dieser Landschaft. Es hatte schon viele Fälle von Unterkühlung gegeben, weil sich Leute zu weit in die Höhen des nordpazifischen Berglandes vorgewagt hatten und nicht ausreichend auf die plötzlichen Wetterwechsel vorbereitet waren. Dusty packte immer seinen Regenmantel und Energieriegel ein – das war es, was er unbedingt brauchte, um irgendwo die Nacht zu überstehen, falls das notwendig werden sollte. Auch an einem Sommertag ohne Wolken am Himmel konnte man nie wissen.

Details

Seiten
170
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904482
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
wenn wildnis

Autor

Zurück

Titel: Wenn die Wildnis ruft