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Kit Carson #10: Mormonen und Seminolen

2016 120 Seiten

Leseprobe

Kit Carson

Band 10

Mormonen und Seminolen

von Leslie West

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

In Galena finden Kit Carson und Washakie eine Notiz, aus der sich das wahre Ausmaß der Verschwörung allmählich erahnen lässt. Old Ezekiel Calhoun versucht durch die Flucht aus dem Taos Pueblo sein nacktes Leben zu retten. Am Mississippi richten die Sauk und Fox ein Massaker unter den Siedlern an. In Washington werden weitere Ränke geschmiedet, doch das unbekannte Haupt der landesweiten Verschwörung residiert in New York. Auch bei den Lemhi-Schoschonen gibt es einen geheimen Drahtzieher, dem der Trapper Jim Bridger auf der Spur ist. Geheimnisvolle Todesfälle bei den Mormonen in Independence, deren Zeugen Kit Carson und Washakie werden,hängen ebenfalls mit der großen Verschwörung zusammen. Beim Kampf um Taos droht inzwischen die Lage zu eskalieren. Kit Carson riskiert sein Leben, um diese Verschwörung aufzudecken...

DIE LISTE

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Der Geruch von Staub und abgestandener Luft im verschlossenen Büro des toten Sheriffs Straker war Washakie unangenehm.

Das unregelmäßige Brummen einer einzelnen Fleischfliege, die sich ins Office verirrt hatte, zehrte seit Stunden an seinen Nerven. Nach Einbruch der Abenddämmerung blieb das Tier endlich sitzen. 

Das matte Licht der Straßenlampen fiel durch die trüben Fensterscheiben und verwischte die Konturen der Einrichtung. Washakie sehnte sich nach dem unendlichen Sternendach über der freien nächtlichen Prärie, doch war ihm bewusst, dass er ebenso gut längst tot und von Gesteinsmassen begraben in der Cowaghan-Mine hätte liegen können. Dagegen war dieses muffige Büro noch ein Geschenk.

Allmählich verlor er jedes Zeitgefühl.

War es noch vor Mitternacht, als er das Scharren und Kratzen an der Hintertür vernahm?

Hastig drückte er sich in seinem finsteren Winkel so weit zurück wie er nur konnte. Er hörte das suchende Stochern und schließliche Einrasten des Schlüssels an der Hintertür, zwei Umdrehungen und ein leises Quietschen, als die Klinke heruntergedrückt wurde.

Bei jedem Knarren wurde die Tür kurz verhalten. Washakie wagte fast nicht mehr zu atmen.

Dass der Eindringling mit den Räumlichkeiten zumindest grob vertraut sein musste, verrieten seine nächsten Bewegungen. Mit wenigen Schritten hatte er sich dem Safe genähert, der in der hintersten Ecke stand. Er fingerte in der Dunkelheit am Schloss des Panzerschranks herum, bis er fündig geworden war.

Der Halbschoschone verfolgte seine Aktivitäten mit wachsendem Staunen.

Niemand außer Bürgermeister Evans hätte noch über diese Schlüssel verfügen dürfen. Einen Augenblick lang keimte ein schrecklicher Verdacht in ihm auf, den er jedoch rasch wieder verwarf. Außerdem durfte ihm das Geschehen nicht aus den Fingern gleiten.

“Ihr seid nicht allein”, raunte er.

Der Einbrecher fuhr hoch, als hätte ihn ein Blitz gestreift. Trotz der Dunkelheit erkannte der Halbschoschone von vorne den Mann mit dem Schnurrbart, den Kit ihm und Evans beschrieben hatte.

Seine Schrecksekunde war kürzer als Washakie erwartet hatte. Hereinfallendes Mondlicht brach sich auf einer Messerklinge, die auf den Halbschoschonen zuraste.

Kit Carsons Gefährte riss einen Stuhl hoch und fing das Messer samt dem Arm, der es führte, ab. Der andere trat jedoch von unten blitzschnell gegen den Stuhlsitz.

Washakie bekam den Bügel der Lehne in den Bauch und flog durch das halbe Office. Doch er war längst wieder auf den Beinen, bevor der andere erneut den Safe erreichen konnte.

Als dieser bemerkte, dass er dazu keine Chance mehr hatte, warf er sich herum und huschte mit einem Satz durch die Tür hinaus.

Washakies erster Impuls war, ihm zu folgen, aber er durfte Kits Anweisungen nicht zuwiderhandeln. Es war nicht ausgeschlossen, dass dieser erste und erfolglose Einbruch nur als Ablenkungsmanöver gedacht war.

Der Schlüssel steckte noch im Safe. Möglicherweise wartete draußen ein weiterer Besucher nur darauf, dass der Halbschoschone das Office verlassen und Butler nachsetzen würde, um währenddessen den Panzerschrank in aller Ruhe ausräumen zu können.

Washakie sicherte nach draußen, schloss den Safe ab, nahm den Schlüsselbund und verriegelte das Büro erneut von innen.

Diesmal wurde seine Geduld auf keine lange Probe gestellt. Jemand pochte mit der Faust am Vordereingang.

Der hochgewachsene Krieger erkannte den Diener, der ihnen bei Bürgermeister Ronald Evans serviert hatte. Nach kurzer Suche war der Schlüssel zum Büroeingang gefunden.

“Der Bürgermeister ist niedergeschlagen und seines Schlüsselbundes beraubt worden!”, keuchte der Livrierte aufgeregt. “Als wir ihn wieder zu sich gebracht haben, hat er mich sofort hierher geschickt. Gerade sah ich einen Mann davonlaufen, aber ich sollte doch  ...  oh! Sie haben Bürgermeister Evans’ Schlüsselbund in den Händen!”

“Das. wäre alles nicht passiert, wenn man sein Anwesen besser gesichert hätte. Wie geht es dem Bürgermeister?”

“Er ist noch etwas angeschlagen, aber nicht verwundet. Mein Gott, wer hätte auch mit einer solchen Unverfrorenheit gerechnet! Aber nun geben Sie mir den Bund, damit ich ihn dem Bürgermeister zurückbringen kann und er sich wieder ein wenig beruhigt.”

Trotz seines beherrschten Gemütes fiel es Wasahkie bei diesen Worten schwer, nicht laut aufzulachen.

‘‘Mich dagegen beruhigt, dass ich die Schlüssel selbst in der Hand habe”, erwiderte er. ‘‘Seid Ihr denn darauf gefasst, wegen dieses Bundes unterwegs hinterrücks überfallen zu werden und Euer Leben in Gefahr zu bringen?”

Der Diener erblasste und griff sich an den Hals.

“Oder seid Ihr Manns genug, den Schurken zu verfolgen, der versucht hat, hier einzubrechen?”

Ein erschrockenes Kopfschütteln war die Antwort des Livrierten.

“Mister Evans erwartet mich schleunigst zurück“, versuchte er sich krächzend aus der Affäre zu ziehen.

“So reitet! Berichtet ihm alles genau so, wie es vorgefallen ist und passt auf, dass Ihr unterwegs nicht in einem Hasenbau verschwindet.”

“Selbstverständlich!”, schnappte der Butler.

Washakie schloss hinter ihm ab, froh, wieder allein zu sein. Jetzt kam es auf Kit an.

*

Kit Carson lief geduckt am Dachrand des Lagerschuppens entlang, der die Vorräte und das Mobiliar von Alan Holdsworth' Saloon enthielt. Er war lange genug dort oben flachgelegen, bis er sicher sein konnte, dass niemand mehr zu ihm herauf schauen würde.

Längst hatte der letzte Gast die Trinkstätte verlassen.

Nach dem Spülen der Gläser waren im Erdgeschoss zuletzt sämtliche Lichter erloschen. Und auch im ersten Stock waren inzwischen nur noch zwei Zimmer der Wohnräume des Eigentümers beleuchtet.

Der junge Trapper beschleunigte seine Schritte. Als er das Dachende erreicht hatte, sprang er. Seine ausgestreckten Hände bekamen gerade noch den Balkonrand zu fassen. Er nutzte den Schwung, um sein rechtes Bein zwischen zwei Stäbe zu bekommen, verlagerte sein Gewicht und zog sich ganz hoch. Indem er seine Beine an den jeweiligen Bretterenden aufsetzte, vermied er jedes Knarren.

Ein Blick durch das Fenster beseitigte jeden Zweifel, dass Alan Holdsworth allein war.

Kit hatte den vorderen Laufteil seiner Rappahannock-Holsterpistole mit einem Stofftuch umwickelt. Fast behutsam drückte er damit die Glasscheibe langsam ein, und mit den wenigen Splittern fiel auch der Lappen ins Zimmerinnere, so dass der nackte Lauf auf den Saloonbesitzer wies.

“Besuch, Holdsworth”, raunte der hochgewachsene Scout. “Wach ganz auf.”

Der Schock hatte den großen, wuchtigen Mann mit den dichten schwarzen Haaren erstarren lassen.

“Ich fackle nicht lange”, zischte Kit. “Die erste Kugel sitzt, wenn Sie irgendwelche Dummheiten versuchen.”

Das half: Der Saloonbesitzer wuchtete sich aus seinem Sessel und öffnete unter der vorgehaltenen Pistole das Fenster, so dass Kit einsteigen konnte.

Der junge Trapper sicherte mit einem kurzen Rundblick. Beide Türen saßen fest im Schloss, und in den großen Schränken konnte niemand verborgen sein..

“Das Amulett”, forderte er Holdsworth auf.

“Aber ich habe  ...  “

“Meine Geduld hat enge Grenzen!”

Sekunden später hielt der Trapper einen unversehrten Anhänger in der Hand. Damit waren seine letzten Zweifel beseitigt.

“Wann kommt Butler?”

Ein Blick in Kits Augen belehrte den Saloon- und Minenbesitzer, dass es besser war, nicht zu lügen.

“Noch heute Nacht. Wann genau, hat er nicht gesagt.”

“Steckt er hinter dem Anschlag in der Cowaghan-Mine?”

“Davon weiß ich nichts.”

Kit hatte nicht den Eindruck, dass er log. Schwer atmend ließ sich der massige Mann wieder in seinen Sessel plumpsen.

“Ich hasse es, jemandem die Worte wie Würmer aus der Nase ziehen zu müssen! Entweder ich erfahre jetzt  ...  “

Hatte Holdsworth eben die rechte Hand unter der Schreibtischplatte bewegt? Kit hörte das leise Knarren der Tür und warf sich herum.

Der andere war bereits abgesprungen und erwischte den Lauf der Rappahannock, bevor Kit sie hochreißen konnte. Dafür trat der Scout ihm voll in die Rippen.

Holdsworth’ Aufpasser ließ dennoch nicht los, ebenso wenig wie Kit. Der Schwung trug beide an den Schreibtisch, der umfiel, während der Saloonbesitzer hinter ihm hervor schlüpfte.

Das war Kits Chance. Der Kopf seines Angreifers kam so dicht unter der Platte zu liegen, dass der Scout nur noch sein linkes Knie hochreißen musste.

Der Kopf seines Gegners prallte mit solcher Wucht auf das Hartholz, dass er sofort das Bewusstsein verlor.

Holdsworth war auf den unbeleuchteten Flur geeilt. Er riss eine der nächsten Türen auf und verschwand darin, doch Kit war ihm rasch genug gefolgt, um noch zu sehen, in welcher.

Der Scout hatte die Tischlampe an sich gerissen, deren von einem Rundglas geschützte brennende Kerze nicht erloschen war, als sie beim Sturz des Tisches in den Sessel gerollt war. Er trat die Tür, die Holdsworth hinter sich zugeschlagen hatte, bis zum Anschlag auf. Doch während sie an die Wand krachte, erklang der schrille Schrei einer Frau.

Im Schein der Lampe erkannte Kit den weiblichen Barkeeper, bei dem er sich nach Holdsworth und Butler erkundigt hatte. Über dem Nachtgewand stand das üppige rote Haar der Frau in alle Richtungen ab.

Holdsworth hatte sich aufrecht in eine Zimmerecke gedrängt. Ohne seine Augen und den Lauf der Rappahannock von ihm abzuwenden, stellte Kit die Lampe auf die gegenüberliegende Anrichte, deren Spiegel das Licht verdoppelte.

“Das war nur ein Aufschub, Holdsworth. Bleiben Sie ruhig liegen, Madam, denn Sie haben nichts zu befürchten. Und Sie, Holdsworth, werden mir jetzt endlich verraten, was Ihr verdammter Geheimbund in dieser Gegend als nächstes in petto hat.”

Kits kaum noch unterdrückte Wut ließ den Salooner erbeben.

“Sie sollen es erfahren, wenn Sie vorher die Waffe herunter nehmen.”

“Den Teufel werde  ...  “

Das ächzende Holz warnte Kit, als der wuchtige Wandschrank von hinten auf ihn zu kippte, aber es war schon zu spät. Jedoch wurde sein Fall links von der Anrichte abgefangen, und als er zu Boden krachte, fand Kit sich zwischen ihr, dem Schrank und der unteren Bettwand der Frau eingekeilt.

Er hatte noch genügend Bewegungsfreiheit, um sich mit Verrenkungen und angeschlagener Pistole mühsam aufzurichten, als mehrere Schüsse von hinten in den Schrank schlugen, dessen Rückwand und Türen allerdings stark genug waren, um Kit vor Schaden zu bewahren.

Kit wagte einen blitzschnellen Blick. Im Türrahmen stand Butler mit rauchenden Waffen!

Der Scout schoss zurück. Butler verschwand im Flur und gab aus der sicheren Position zwei weitere Schüsse ab. Sofort darauf verklangen seine fliehenden Schritte die Treppe hinunter.

Kit rammte sich mit heftigen Bewegungen frei  ...  und erstarrte, als er sah, dass Butler keineswegs ungezielt gefeuert hatte.

Alan Holdsworth war bereits tot, denn die Kugel des Geflohenen hatte ihn mitten in die Stirn getroffen.

Die junge Frau im Bett aber lebte noch. Ihr Nachtgewand rötete sich über der linken Brustseite. Ihr Anblick schmerzte Kit bis ins Mark. Im Saloon, wo sie sorgfältig und üppig geschminkt gewesen war, hatte er sich fast ein wenig vor ihr gefürchtet, da er mit Frauen ihres Berufsstands nicht die geringste Erfahrung hatte. Nun aber sah er das reine, verzweifelte Gesicht eines Mädchens vor sich, das im Sterben lag.

“Ich heiße Stella”, raunte es. “Sie waren im Saloon unten  ...  sehr nett zu mir. Wenn  ...  wir uns  ...  Sie sind  ...  noch so jung  ...  “

Nach diesen unzusammenhängenden Worten erlosch ihre Stimme. Kit würde nie erfahren, was sie ihm noch hatte sagen wollen. Er schloss mit einer zarten Handbewegung die Augen des Mädchens. Seine Hand zitterte.

“Er wird es büßen!”, zischte Kit und wünschte sich, dass seine Worte noch in Stellas erlöschendes Bewusstsein gedrungen waren.

Unten wurde es laut Trotz seiner Erschütterung wurde dem jungen Trapper klar, dass er schleunigst verschwinden musste, wenn er nicht in noch größere Schwierigkeiten geraten wollte.

*

Kit war nach hinten ins Freie gesprungen, von niemandem bemerkt. Auf Umwegen schlich er zum Sheriffbüro zurück und näherte sich ihm in der Dunkelheit aus der Richtung, die dem Salon gegenüberlag.

Zu seiner Erleichterung fand er es erleuchtet. Bürgermeister Ronald Evans und Washakie saßen einträchtig nebeneinander. Er trat ein und sah die Binde um den Kopf des Town Mayors.

“Alle anderen sind zu Holdsworth’ Saloon geeilt, als dort die Schüsse fielen”, begrüßte ihn Evans. ‘‘Ich gehe davon aus, dass Sie uns einiges zu erzählen haben.”

Kit tat es, und der Bürgermeister revanchierte sich mit dem, was ihm und Washakie widerfahren war.

“Somit hat Butler nach seinem Besuch hier im Office keine Zeit verloren”, stellte Evans fest. “Und das sollten wir auch nicht.”

Zu dritt gingen sie an den Safe, und der Bürgermeister schloss ihn auf. Washakie sicherte zur Tür hin. Jede Menge Papiere kamen zum Vorschein. Aus einem der Stöße rutschte ein kleines Silberamulett an einem Kettchen.

“Das erklärt, warum wir es nicht bei Phil Straker selbst fanden”, stellte Kit fest. “Es dürfte Ihre letzten Zweifel beseitigen, Mister Evans.”

“Ich hatte längst keine mehr”, erwiderte der Bürgermeister. “Nun stecken Sie es aber zu Ihrer Sammlung, die langsam wächst.”

Sie wächst, dachte der junge Scout mit Beklemmung, aber um welchen Preis.

Im Gegensatz zu seiner Leidenschaft für die Gebirgslandschaft im unerforschten Westen hielt sich seine Begeisterung für Papierberge in Grenzen. So blieb es vornehmlich Ronald Evans überlassen, die Dokumente durchzusehen, doch kam er dieser Aufgabe mit großem Interesse nach. Dabei sortierte er nach Steckbriefen, Regierungsanweisungen, Stadtratsbeschlüssen, gemischten Schreiben und vor allem solchen, die für sie wichtig sein konnten.

Endlich stieß er auf eine Liste, aus der selbst er nicht klug wurde, und reichte sie Kit. Stirnrunzelnd ging dieser die einzelnen Zeilen langsam durch.

Das Schreiben lautete:

0: Arbeiterlöhne W: Exodus 4 Ziv. Nat./Leitzins/Unterbr. Ha-Ketten/

S: Nullifikation/Cherokee-All./Sez./Mexiko-Texas/

R. Hayne/J.C.Calhoun/Essex-Junta/Flussgötter von Connecticut

B: Webster, Livingston, Crawford, Calhoun, Clay, Eaton, Dickins

A: Erhöhung LZ/6.4.ICH/Seminolen/Rede

Webster/Seminolen/26.4.Präsidentenwahl/

M: Taos/Bonneville/B-Verlängerung

“Strakers Handschrift”, setzte der Bürgermeister hinzu. “Mit seinen eigenen Hervorhebungen und Unterstreichungen. Aber dies kann niemals eine Anweisungskette für ein mehr oder weniger wichtiges Mitglied einer Verschwörung sein. Es handelt sich auch nicht um eine strategische Vorgabe des Gesamtablaufs einer allumfassenden Aktion, sondern bestenfalls um dilettantisch und willkürlich zusammengetragene Segmente, zwischen denen Straker ganz subjektiv eine Verbindung erkannt zu haben glaubte. Er hat wohl versucht, ein Schema nachzustellen, das sich ihm aus einzelnen, scheinbar unzusammenhängenden Fakten erschlossen hat. Was aber soll diese ‘Präsidentenwahl’? Niemals findet sie schon am 26. April statt!”

“Ich werde aus dem ganzen Geschreibsel nicht klug”, bekannte Kit “Nur einige Namen sagen mir etwas. Doch was liegt da noch im Tresor?”

Ganz unten hatte er ein einzelnes Blatt entdeckt, auf dem ein steinerner Gegenstand als Beschwerer lag. Auf das Blatt war lediglich ein krakeliges, spiegelverkehrtes großes Ypsilon gemalt, das nicht von der Hand eines zivilisierten Menschen zu stammen schien, und ganz am Rand stand klein, in Strakers Schrift, “6. April”.

Der bearbeitete Stein lag auf dem Schnittpunkt der beiden Striche des Ypsilon, und als Kit ihn hochhob, sah er einen getrockneten Blutfleck darunter.

“Ein Bootstein”, flüsterte er. “Und dieser ist eindeutig ein Symbol für das Große Steinkanu, das auf die Jenseitsinsel zutreibt. Die älteste Darstellung der Großen Flut, wie bei den Christen, doch hat die Symbolik eine andere Bedeutung. Ströme von Blut  ...  der Fleck unter dem Stein weist darauf hin  ...  das über die Ufer tritt. Das ist kein Ypsilon, sondern die Mündung eines kleinen Flusses in einen großen. Ein Bootstein, wie Sauk und Fox sie in der Mine gehortet haben. Die Mündung des Rock River in den Mississippi  ... 

Allmächtiger! Um Mitternacht ist der 6. April angebrochen! Mister Evans, wie schnell lässt sich ein Trupp schwerbewaffneter Männer zusammenstellen? Vielleicht können wir das Schlimmste noch verhindern!”

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DIE SIEBTE KIVA

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Die Sangre de Christo-Mountains hatten dichte Wolkenschichten gesandt. Durch das gedämpfte Sternenlicht wirkte die Ebene um das Taos Pueblo noch unwirklicher und abweisender.

Nördlich und südlich des Taos Pueblo River lagen das fünf- und das vierstöckige Gemeinschaftshaus. Sie glichen gerade in der Nacht trutzigen Festungen und waren im ältesten Adobestil errichtet worden, also noch ohne gebackene Ziegel. Die Dachbalken, “vigas” genannt, bestanden aus ganzen Baumstämmen, die man in den Bergen gefällt und getrocknet hatte.

Im rechten Winkel zu ihnen lagen “latias”, kleinere Stämme. Über beide hatte man bei der Errichtung eine Lage Stroh und Gras gestreut, diese wiederum mit einer Schicht Erde bedeckt und schließlich alles mit einer Mischung aus Lehm und gehäckseltem Stroh verputzt. Die Boden im Inneren waren festgestampfte Erde, die man mit Tierblut versiegelt hatte.

Als die Spanier 1540 Taos entdeckten, hatten die wehrhaften Gebäude bereits seit Jahrhunderten allen Stürmen der Zeit getrotzt. In dieser Nacht warfen ihre starken Mauern dumpfen Trommelhall zurück, der noch weit über den Friedhof neben der alten Kirchenruine hinaus drang, deren Geschichte nur wenige kannten.

Im Taos Pueblo gab es sieben Kult- und Versammlungsstätten, Kivas genannt. In ihnen wurden Zeremonien vorbereitet und abgehalten, Kultgegenstände aufbewahrt und Beschlüsse gefasst.

Benannt waren sie nach den sieben Pueblo-Gemeinschaften: Die Kivas der Day-, Knife- und Big Earring People befanden sich in der nördlichen, die Kivas der Feather-, Water-, Red Eye- und Öld Axe People in der südlichen Region des Pueblo-Territoriums. Jede Kiva erfüllte ihre eigenen Bestimmungen, und im Lauf vieler Jahrzehnte erschlossen die Weißen bei sechsen davon ihre Funktion.

Die Bedeutung der siebten Kiva aber war bis zum Ende des Jahrtausends immer noch nicht geklärt. Hier jedoch hatten sich alle Krieger des Pueblos in jener Nacht versammelt.

Ein großes Ereignis stand bevor: Camascana.

Die Trommelspiele bildeten den Hintergrund der Tänze, die aufgeführt wurden. Sie waren nach Tierarten gegliedert und in der Reihenfolge ihrer Bedeutung aufeinander abgestimmt: Zunächst folgte der Elch- dem Hundetanz, dann als Abschluss der Adler- dem Büffeltanz. Der Adler als Auge des obersten Gottes stand über dem Nahrungsbedürfnis.

Auf einem erhöhten Podest, von dem aus sie wiederum direkt zum Himmelsaltar des Pueblos hinauf sehen konnten, saßen vier Männer, die Tiermasken trugen, wobei jede Maske einem der Tänze entsprach. Der Führer der Big Earring People, neben den Water People die bedeutendste Gruppe im Pueblo, sprang nach dem Ende des ersten Tanzes auf und bekundete Beifall, denn er war der Träger der Hundemaske. Während der beeindruckendste Hundetanz bei den Hidatsa zu sehen war, hatte er bei den Indianern von Taos eine weitere Bedeutung: Im Krieg waren die Spanier damals mit Hunden gegen sie gezogen.

“Die Zeit wird kommen!”, rief der Beifallspender in die Menge.

“Die Zeit ist nah!”, schallte es aus den Mündern der harrenden Krieger zurück.

Dann nahmen die vier Männer ihre Unterhaltung erneut auf, während der Elchtanz begann. Seine Vollzieher hatten schwarz bemalte Gesichter, und die Wildfelle, die sie trugen, standen für ein Jagdritual, das bis auf die ersten Buschmänner und Cro-Magnon-Menschen zurückzuführen war: Es galt, eins mit dem Wesen und der Wildheit des Tieres zu werden, das als Beute erkoren war.

Als dieser Tanz beendet war, sprang der Führer der Water People auf, der die Elchmaske trug.

“Die Zeit wird kommen!”, schrie er nach seiner Beifallsbekundung den Kriegern zu.

“Die Zeit ist nah!”, klang es aus hunderten von Kehlen zurück.

In den schwarzen Haaren des Adlermaskenträgers steckten weiße Flaumfederchen. Ein gelber Haken in der Nase versinnbildlichte den Adlerschnabel. Oberkörper und Waden waren schwarz bemalt, Arme und Füße gelb, wobei die Arme noch zusätzlich mit Adlerschwingen versehen waren. Bei den Stämmen in den Flussoasen des Rio Grande galt der Adler auch als heiliger Donnervogel, 

denn der Donner war der Künder des Gewitters der sehnlich erwarteten Regenzeit.

Nach dem Elchtanz war eine Pause eingelegt worden.

Der Träger der Adlermaske wandte sich nun an den Mann mit der Büffelmaske, der ein wenig kleiner als er selbst war und unmittelbar neben ihm saß.

“Ich hätte eine Bitte an dich.”

“Ich werde sie gerne erfüllen”, erwiderte der Angesprochene. Außer der Büffelkopfmaske trug er nur einen Lederschurz, an dem wohl hundert engtütige hochklingende Glöckchen hingen, sowie Schäfte um die Knöchel, die aus der weißen und braunen Bauchwolle des Büffels gefertigt waren.

Die dichte blaue Bemalung des sehnigen, schmalen Körpers konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Besitzer ein Mann von ungewöhnlich hohem Alter sein musste. Dennoch war seinen Bewegungen eine gewisse Geschmeidigkeit geblieben.

Der Adlermaskenträger erhob seinen federgeschmückten Arm zu einem Wink. Ein junger Krieger trat heran, der über seinem rechten Unterarm eine weiße gegerbte Büffelhaut trug und auf seinem Rücken einen langen Köcher mit Pfeilen. In seiner Linken hielt er einen Bogen, in seiner Rechten ein Wacholderbüschel. Der Mann mit der Adlermaske hob der Büffelmaske beide Handflächen entgegen.

“Erweise mir die Ehre, den Büffeltanz selbst anzuführen. Ein Mann deines Alters muss bei den Kriegern sämtlicher Stämme höchstes Ansehen genießen, sodass deine Teilnahme am Büffeltanz einen Höhepunkt dieser bedeutungsvollen Nacht darstellen würde.”

“Gerade diesen Höhepunkt möchte ich dem bestimmten Anführer des Büffeltanzes nicht abspenstig machen”, wehrte der Büffelmaskenträger das Ansinnen des anderen ab. “Ich habe mir in meinem Leben genug Ehre erworben.”

‘‘Ich habe mit dem Ersten Tänzer gesprochen”, erklang die Stimme hinter der Adlermaske. ‘‘Er ist gern bereit, dir seine Aufgabe zu überlassen, und hiermit hat er dir bereits seine Embleme gesandt. Du brauchst sie nur anzunehmen. Ja, er wäre sogar beleidigt, wenn du sie nun zurückwiesest.”

Der alte Mann mit der Büffelmaske erhob sich zögernd, was nicht unbedingt an der hohen Zahl seiner Jahre zu liegen schien.

“Nun, so sei deine Bitte erfüllt. Doch bedenke, dass ein alter Mann auch Tanzschritte einer älteren Zeit gewohnt ist.”.

“Dies wird dem Anliegen des Tanzes keinen Abbruch tun. Doch danke ich dir im Namen aller Anwesenden für dein Entgegenkommen.”

Wortlos ergriff der Alte die Utensilien des Vortänzers, legte Haut und Köcher an, um danach Bogen und Wacholderbüschel so zu nehmen, wie sie der junge Krieger herangetragen hatte.

Bald darauf setzten die Trommelwirbel erneut ein, um durch die Nacht zu hallen. Der alte Mann mit der Büffelmaske nahm seine Bewegungen innerhalb des Tanzkreises auf.

Die Anführer der Big Earring und der Water People waren der Unterhaltung mit wachsendem Erstaunen gefolgt, und mit keinem geringeren beobachteten sie die Bewegungen des neu bestimmten Vortänzers.

Der Mann mit der Adlermaske schien ihre Gefühle zu erraten, ohne ihre Gesichter zu sehen.

“Ich habe schon verschiedene Büffeltänze gesehen”, erhob er seine Stimme. “So zum Beispiel einen zweiteiligen, wo der Vortänzer sich zuerst mit ruhigen Bewegungen zwischen paarweise aufgestellten Frauen hindurch schlängelt, um sodann in ebenmäßigen, fein ausgemessenen Sprüngen zu hüpfen. So auch den Büffeltanz derTewa und Keres, bei dem man auf der Stelle läuft und die Knie ganz nach oben reißt. Genau dies scheint auch eure Art zu sein, wie ich gerade sehe.”

“Sie ist es nicht”, begehrte der Führer der Big Earring People auf. “Wir tanzen nach Kachina-Art, wobei die ganze Kraft und Last des Büffels zu Boden sinken, um im Pueblo aufzugehen. Deshalb dachten wir jetzt zunächst, dies sei eure Art, den Büffeltanz zu vollziehen. Vorhin aber  ...  hast du mit der Büffelmaske gesprochen, als sei sie gar nicht mit euch ins Pueblo gekommen.”

“Sie mag mit uns ins Pueblo gekommen sein, aber sie gehört nicht zu uns”, erklärte der Mann mit der Adlermaske.

“Aber sie sprach mit uns in unserer eigenen Sprache - doch euer Tiwa mit einem anderen Akzent als ihr. Dies kam mir ein wenig sonderbar vor, und daher habe ich auch die Sache mit dem Vortänzer eingeleitet.”

“Daran hast du gut getan! Doch wenn der alte Mann keiner der euren und keiner der unseren ist, wer ist er dann... ?“

“Er  ...  er muss gestellt werden, denn von unserem Zusammentreffen darf nichts an die Außenwelt dringen! Er muss ein Spion sein! Wir müssen ihn auf der Stelle gefangen nehmen! Und es muss geschehen, bevor um .Mitternacht Camascana erscheint, der uns nie verzeihen würde, was in seinen Augen Verrat sein muss!”

Der Träger der Adlermaske schüttelte den Kopf.

‘‘Hier scheint ein weiteres Missverständnis vorzuliegen. Camascana wird nicht erst um Mitternacht erscheinen, sondern erst um Mitternacht sprechen.”

“Das würde heißen, er ist doch bereits mit euch angekommen, nicht wahr?”, wollte der Führer der Big Earring People wissen. “Warum aber hat er sich dann uns nicht gleich zu erkennen gegeben?”

“Aus Umsicht, damit es keine unvorhergesehenen Störungen gibt, eine Umsicht, die, wie es jetzt scheint, zu Recht bestand. Camascana steht vor euch. Ich bin Camascana.”

*

Der Mann unter der Büffelmaske schwitzte nicht nur, weil die Anstrengungen des Büffeltanzes bei seinem wahrhaft biblischen Alter einen hohen Tribut forderten. Es war Angstschweiß, der auf seiner Stirn stand.

Ezekiel Calhoun hatte zu hoch gespielt und verloren. Seit der sterbende Seminole ihm vor drei Tagen die Ankunft Camascanas im Taos Pueblo vorhergesagt hatte, war ihm ein Plan nach dem anderen durch den Kopf gegangen, um diesen mysteriösen Anführer einer neuen Indianerverschwörung kennenzulernen, die Ausmaße aufwies, wie es sie seit dem Tod des großen Tecumseh nicht mehr gegeben hatte.

Den letzten und kühnsten hatte er in die Tat umgesetzt.

Old Ezekiel hatte zu viele Jahrzehnte im Osten und Westen des Kontinents zugebracht, um eine zusammenhängende Gefahr nicht auch an den kleinsten Anzeichen zu erkennen, so isoliert sie auf den ersten Blick auch erscheinen mochten.

Dass es auch anderswo Indianerunruhen gab, hatte seine Vermutungen geweckt. Dass es, wie er wenige Stunden vor seinem gewagten Unternehmen erfahren hatte, weiterreichende Verbindungen zu geben schien, hatte ihm Gewissheit verschafft.

Hier wurde eine Suppe gekocht, deren Zutaten er ganz genau kennenlernen wollte.

Im Moment sah es jedoch nicht so aus, als ob er dazu noch eine Gelegenheit bekommen würde.

Während seines Tanzes hatte er unter der Maske immer wieder seine Blicke auf die drei verbliebenen Tiermaskenträger richten können, und die Art und Weise, wie sie ihre Köpfe zusammensteckten, verriet ihm zur Genüge, dass bis zu seiner Entlarvung nur noch Sekunden verstreichen konnten. Daran war allein der Träger der Adlermaske schuld, der Lunte gerochen haben musste.

Flüchtig dachte Old Ezekiel daran, dass er diesen geheimnisvollen Camascana nun entweder überhaupt nicht mehr kennenlernen würde, oder aber, falls er doch mit dem Leben davonkam, unter Umständen, die ihm alles andere als lieb sein würden.

Ihnen zuvorkommen schien die letzte Chance. Er verharrte mitten im Tanz.

“Das Zeichen über dem Himmelsaltar!”, rief er laut in der Tiwasprache. “Seht, seht, und lasst es mich für euch herunterholen!”

Er fegte an Gestalten vorbei, deren Gesichter wie erstarrt auf den Himmelsaltar gerichtet waren. Mehr als zwei Atemzüge Zeit gewann er durch sein plumpes Täuschungsmanöver nicht, doch sie reichte gerade, um den Ring der Umstehenden und der restlichen Zuschauer zu durchdringen.

“Er ist ein Verräter!”, gellte die Stimme des Führers der Big Earring People auf. “Fasst ihn, doch wenn möglich, lebend!”

Old Ezekiel wusste diese Einschränkung durchaus zu schätzen. Er wollte sehen, was sich daraus machen ließ.

Die Verfolger waren keine zwanzig Yard mehr hinter ihm, als er die Pferde der Gäste erreichte, die am Taos Pueblo River an einigen dürren Grasbüscheln zupften und unter denen sich auch das seine befand. Wenn er unterwegs nur einmal gestrauchelt wäre, hätte er gleich aufgeben können. In seinem Alter hatte er bei seinem Lauf ohnehin genug zu keuchen.

Er schnitt sein Tier rasch los, sprang in den Sattel und jagte die anderen Pferde, die frei gegrast hatten, vor sich her. Diesbezüglich gab er sich jedoch keinen allzu großen Hoffnungen hin. Es wurden auch zahlreiche Pferde im Pueblo von den Einheimischen gehalten.

Ezekiel sprengte über eine der beiden Flussbrücken, riss dann aber sein Reittier herum und folgte dem Wasserlauf, bis er auf die parallel laufende Straße kam, die nach Taos führte. Seine Maske, die ihm jetzt nur noch hinderlich gewesen wäre, hatte er längst heruntergerissen.

Seine Nachtsichtigkeit hatte bisher nur wenig nachgelassen. Während des Reitens wandte er sich um und sah hinter der Staubwolke, die er zurückließ, eine weitere heranwachsen.

Viele folgten ihm nicht, wohl nur diejenigen mit den schnellsten Pferden. Offensichtlich wollten sie noch eine gewalttätige, direkte Konfrontation mit den Bewohnern der Stadt Taos selbst vermeiden, aber umso eher konnten ihn diese schnellen Krieger einholen.

Old Ezekiel passierte die beiden mittleren Felsbrocken, durch die der Weg nach Taos lief, und hob die Hand, wobei es dieser Geste nicht erst bedurfte. Noch während er wendete, bellte hinter dem rechten ein Gewehr auf.

Er riss seine versteckte Pennsylvania-Flinte und die Pistole aus der markierten und nur oberflächlich mit Sand bestreuten Stelle, nachdem er abgesprungen war, eilte hinter den zweiten Felsen wie abgesprochen und erschrak fast, als er diesen Posten wider Erwarten ebenfalls besetzt fand. Ihn beruhigte indes sofort, dass der Mann ebenfalls in Richtung der heranrückenden Puebloindianer feuerte.

Ezekiel Calhoun warf dem anderen nur einen knappen Blick des Verständnisses zu, bevor er selbst mit seiner Pennsylvania schoss. Er sah in ein etwas verwittertes, doch kaum dreißigjähriges Gesicht, das an einen Seeräuber der Golfküste erinnerte und von einem riesigen, speckigen Lederhut gekrönt wurde.

Der drahtige, nicht sehr große Mann unterbrach seine Schussfolge nur kurz, um ihm aufmunternd zuzunicken.

“Ihr missratener Großneffe hat mich zufällig in Taos aufgegabelt. Er wollte die Ortsansässigen nicht noch mehr beunruhigen. Da wir uns von früher kennen, hat er mich mitgenommen.

Habe das Vergnügen  ...  zack! Wieder einer mit Blei in der Schulter! Getötet wird erst, wenn sie wirklich zu nahe heranrücken.”

Die Krieger aber hatten schnell erkannt, dass sie nicht zahlreich genug waren, um gleich drei sehr zielsicheren und gut verborgenen Schützen gewachsen zu sein. Sie rissen die Pferde herum und galoppierten zum Pueblo zurück.

Ezekiel und der andere Mann erhoben sich zugleich. Der einzelne Dritte hinter dem anderen Felsen war ungefähr Mitte Zwanzig, hatte gelocktes, braunblondes Haar und eine hochgewachsene Gestalt. Sein fast zu wuchtiges Kinn ließ zusätzlich an einen der Wikinger denken, die vor vielen Jahrhunderten die Küste Amerikas angelaufen hatten.

“Dein Plan war zu genial, um  n i c h t  ins Wasser zu fallen, Großonkel Ezekiel, aber in deinem Alter vertragt man Widerspruch wohl nur noch im.höch  ...  ”

“Nenn mich nicht Großonkel, verdammt! Wen hast du denn da überhaupt mitgeschleppt?”

“Dieser Teufelsbraten heißt Smoky  ...  ”

“Könnte so durchgehen’’, warf der Beschriebene kurz ein.

"  ...  und ist ein alter Bekannter aus Texas, der gut kochen und die Leute wie ein richtiger Doc zusammenflicken kann. Und wie es um seine Schießkünste bestellt ist, kannst du nun ja.”

"Amos!”, wurde er zum dritten Mal und erneut von dem Träger des riesigen Lederhutes unterbrochen. “Wenn du schon einmal sprichst, dann auch gleich länger als ein sehr berühmter Papagei, den ich lange und gut genug kenne.

Lebt wohl, ich hab ’s eilig. Muss nach Colorado, obwohl man sich dort um diese Zeit noch leicht eine große rote Nase holt. So long!”

Damit stapfte er davon.

Amos Calhoun sah ihm lange kopfschüttelnd nach.

“Er kann es nur nicht vertragen, wenn man ihm dankt oder ihn gar lobt. Wer weiß, was noch einmal aus ihm wird. Nun, wie war es im Pueblo, Gro  ...  großer Späher?”

“Schiefgegangen, wie du schon so richtig gesagt hast. Wenigstens wissen wir jetzt mit Bestimmtheit, dass etwas im Busch ist.

Du warst in Taos. Hast du auch  ...  bei deinem Onkel Jared vorbeigeschaut?”

Amos' Gesicht bekam unvermittelt einen verschlossenen und grimmigen Ausdruck.

“Diese Frage hättest du dir sparen können. Ich hasse Leute, die sich vor der Verantwortung für das drücken, was sie getan haben. Ich verachte sie, selbst wenn sie meine Verwandten sind. Aber du kennst meine Einstellung längst. Warum also fragst du überhaupt noch?”

Der uralte Calhoun hob die Schultern.

“Man lernt dazu, Amos. Mit jedem Lebensjahr.

Wie lange wird es bei dir noch dauern, bis du das, was dein Onkel getan hat und wofür er mit seinem jetzigen Leben genug büßt, aus einem anderen, milderen Blickwinkel sehen wirst? Kampferfahrung kannst du schon in jungen, doch Lebenserfahrung erst in späteren Jahren gewinnen.”

“Darin dürftest du allen übrigen lebenden Menschen um Jahrzehnte überlegen sein.“

“Nun übertreibe nicht. Lass uns ebenfalls zurückkehren.“

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DAS MASSAKER

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Als die Nacht sich ihrem Ende zuneigte, kam der Tod über den Fluss.

Die Siedler hatten Kit Carsons und Washakies Rat beherzigt und am Ostufer des Mississippi über eine meilenlange Strecke Wachen aufgestellt. Doch ihre Zahl, war begrenzt, und sie durften auch nicht zu wenig Männer in der Siedlung zurücklassen.

Ein knappes Dutzend Krieger der Sauk und Fox war dem westlichen Ufer des Mississippi einen Tagesritt nach Süden gefolgt, um ihn erst dort zu überqueren. Sie hatten keine Eile.

Die Unmenge der Zeit, die sie sich nahmen, leitete das Verhängnis der Siedler ein.

Die Sauk und Fox machten zunächst mit unendlicher Vorsicht die gesamten einzelnen Wachposten aus. Dann wiederum harrten sie aus, bis sie den Abstand und das Schema der Ablösungen gänzlich durchschaut hatten. Danach warteten sie die günstige Zeit vor Morgengrauen ab, und erst jetzt folgte die erste Stufe des Angriffs.

In weniger als einer Viertelstunde waren sämtliche Wächter der Weißen ausgeschaltet, dann wurde das Zeichen über den Fluss gegeben. Und während einer der Krieger, die die Wachen überwältigt hatten, nach Süden eilte, um die dort zurückgelassenen Reittiere herbeizuholen, legten am Westufer zahlreiche vollbesetzte Kanus ab.

Ihr Anführer war niemand anders als der bereits Legende gewordene Häuptling Black Hawk. Ursprünglich hatte Cute Lizard vom Stamm der Seminolen den Angriff leiten wollen, doch ihn hatte eine nicht minder wichtige Aufgabe nach Galena gerufen, genauer gesagt, in die dortigen Minen. Black Hawk wusste, was darin verborgen war. Doch für Black Hawk war Cute Lizard, der sich selbst als Organisator sah, im Grunde nicht mehr als ein Mittler.

Seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit den Weißen hatte ihn längst gelehrt, Zusammenhängen auf den Grund zu gehen und selbst zu entscheiden, worauf es ankam. Sein Kriegername Makataimishi-Kiakiak war bei den Weißen so gut wie unbekannt.

Mit sechzehn hatte er bereits einen Kriegstrupp gegen die Osagen geführt. Etwa dreißig Jahre später, im Frieden von 1804, hatten die Sauk und Eox ihr ursprüngliches Land an die Vereinigten Staaten verloren.

1806 hatte Black Hawk die Ideen des großen Tecumseh kennengelernt und im Krieg von 1812 auf dessen und britischer Seite gegen die Amerikaner gekämpft.

Schon 1804 hatte man auf betrügerische Art und Weise versucht, Sauk und Fox gänzlich auf die westliche Seite des Mississippi zu zwingen. Während ihr Anführer Keokuk, ein verschlagener Opportunist, sich darauf eingelassen hatte, war Black Hawk, damals bereits Oberhäuptling, soweit gegangen, der Regierung Landraub, Erpressung, Urkundenfälschung und Entführung vorzuwerfen. Dies hatte nichts daran geändert, dass General Gaines in seinem Ultimatum daraufhin die bedingungslose Räumung des Territoriums gefordert und mit Gewalt durchgesetzt hatte.

Der Armee waren sogleich Siedlerkarawanen gefolgt, die die Häuser der Indianer besetzt und ihre Maisfelder unmittelbar vor der Ernte eingezäunt hatten.

1830 war von der Regierung der Indian Removal Act verabschiedet worden, und im gleichen Jahr hatte Black Hawk, Sachem der Sauk und Fox, wie Tecumseh begonnen, zu den Kickapoos, Mascoutens, Potawatomis, Winnebagos und Sioux zu reisen, um sie für eine kriegerische Allianz gegen die weißen Eindringlinge zu gewinnen. Somit konnte Black Hawk überzeugt sein, von Bündnistaktik und strategischem Vorgehen eigentlich mehr zu verstehen als der noch verhältnismäßig junge Cute Lizard.

Wer auch immer hinter diesem Seminolen stecken mochte: Black Hawk war überzeugt, dass er durch seine eigene Planung und Durchführung sowohl dem Mann im Hintergrund als auch sich selbst und seinem Volk von größerem Nutzen war.

Die Zeit zum Handeln war gekommen. Die Ernte stand an, die Grabstätten mussten erhalten werden. Ein früherer Parlamentär war von den Siedlern erschossen worden, und Cute Lizards erster Versuch war in Wirklichkeit nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, um in den Weißen die trügerische Zuversicht zu schüren, auch weiteren Angriffen gewachsen zu sein, nachdem man die Indianer einmal zurückgeworfen hatte. Dabei hatte es kaum Verluste gegeben.

In der langsam weichenden Dunkelheit wurden die Boote am östlichen Ufer an Land gezogen. Sie warteten, bis der ausgesandte Krieger die Pferde herbeigebracht hatte, und Black Hawk teilte jedem Krieger seine Rolle während des Angriffs zu.

Die Brandpfeile, die man verschnürt hatte, um sie vor dem Wasser zu schützen, wurden ausgepackt und verteilt, die Bögen ein letztes Mal geprüft, die Pferde ermahnt und die Lanzen, als Ritual, ein letztes Mal geschärft. Einige hatten noch ihre Kriegsbemalung erneuert.

Black Hawk nickte grimmig.

“Wir beginnen.”

Seine Worte waren kaum mehr als ein Raunen.

*

In stockfinsterer Nacht war die Reitergruppe aufgebrochen. Sie bestand aus anderthalb Dutzend bis an die Zähne bewaffneter freiwilliger und entschlossener Männer, die dem östlichen Ufer des Mississippi flussabwärts nach Süden folgten. Ein Holzhändler, der die Strecke am besten kannte, galoppierte voran. Ihm folgten in zweiter Reihe Kit Carson, Washakie und Ronald Evans, der Bürgermeister von Galena, dessen Leibesfülle ihn nicht von diesem anstrengenden Nachtritt hatte abhalten können.

Nebelbänke trieben über dem Fluss. Manch banger Blick versuchte sie zu durchdringen, denn aus ihnen würde die Gefahr kommen, der man in dieser Nacht entgegen ritt. Der vielfältige Hufschlag schien sie noch herbei zu trommeln.

Trotz der nächtlichen Kälte schwitzten die Männer. Ihre Finger waren fester als gewöhnlich in die Zügel gekrallt. Nach langen, quälenden und anstrengenden Stunden durch die Dunkelheit richteten sich alle Blicke nach links.

“Sonnenaufgang”, flüsterte einer der vorderen Männer.

“Das ist ein Irrtum”, rief Kit, der das Wort verstanden hatte, obwohl es so leise ausgesprochen worden war. “Treibt eure Pferde an, wie ihr nur könnt, und betet, dass wir trotzdem nicht zu spät kommen!”

Schon war er an der Spitze, dicht gefolgt von Washakie.

Sehr bald merkten auch alle anderen, dass sie nicht das erste Morgenrot, sondern Feuerschein erspäht hatten.

Pfellschnell flogen sie dahin, bis sie widerstrebend und voller Entsetzen erkannten, dass sie trotz ihrer unermüdlichen Geschwindigkeit nun doch nicht mehr rechtzeitig eingetroffen waren. Dass Kit seine Vermutung im Büro des Sheriffs von Galena jetzt in der Tat bestätigt fand, konnte ihm kein Trost sein.

Viele Häuser brannten. Krieger der Sauk und Fox umschlichen diejenigen, aus denen kein Widerstand mehr erfolgte.

Dort, wo noch zurückgeschossen wurde, umritten mit Lanzen und Bögen bewaffnete Krieger das Anwesen. Rauch und Qualm waren von einem unbeschreiblichen Johlen, Schreien und Kreischen erfüllt, als wäre die Hölle aufgebrochen. Überall lagen Tote und Verletzte. Kit versuchte, die Lage so schnell wie möglich zu erfassen, um noch verhindern zu können, was nur möglich war.

“Sie haben zu wenig Pferde!”, brüllte er nach hinten. “Die meisten müssen mit Booten gekommen sein. Schickt einige Mann ans Ufer, um ihnen den Rückweg abzuschneiden!”

Sodann teilte er die Männer so ein, dass sie gassenweise vorgehen konnten und sich nirgends gegenseitig in die Quere kamen.

“Wir sind zu spät gekommen”, sprach er mit gesenkter Stimme zu Washakie. “Ist es nicht meine Schuld, weil ich so lange gezögert habe, Charles Bents Auftrag anzunehmen? Spätestens jetzt wird mir klar, wie ernst es ihm von Anfang an damit gewesen ist.”

“Keiner konnte vorhersehen, was passieren würde, Gelbhaar”, war Washakies Antwort. “Doch noch ist nicht alles verloren. Versuchen wir zu retten, was zu retten ist.”

“Dazu trennen wir uns besser.”

Sie sprengten auseinander.

Die meisten Siedler hatten die gänzlich unerwartete Ankunft ihrer neuen Bundesgenossen inzwischen bemerkt und neue Hoffnung geschöpft. Das Gewehrfeuer aus den Häusern verstärkte sich, und die Krieger sahen sich unvermittelt von mehreren Seiten zugleich in die Zange genommen.

Black Hawk schätzte die veränderte Situation auf der Stelle richtig ein. Sein Rückzugsbefehl gellte über das gesamte Areal.

Die ersten Kolonisten stürmten aus ihren Behausungen, um sich zusammen mit den Bürgern von Galena an die Verfolgung der Sauk und Fox zu machen. Dennoch gab es Krieger, die ein Zurückweichen für Feigheit hielten. Von ihnen überlebte nicht einer.

Sobald Kit erkannte, dass für die Siedler keine unmittelbare Gefahr mehr bestand, gab es für ihn kein Halten mehr. In gestrecktem Galopp strebte er der Talmulde zu, in der die Farnham-Familie ihr Anwesen errichtet hatte.

Sein Herz sprang vor Schreck, als er die rauchenden Trümmer erspähte. Das Dach war in sich zusammengebrochen, aus den kaputten Fensterscheiben quoll Rauch, und die Eingangstür hing nur noch an einem Scharnier. Die ganze Mulde bot den Eindruck von Verwüstung und Zerstörung. Ein kalter Schauer kroch über Kits Rücken, als er sah, dass einzig und allein Lionel Farnhams Grab unversehrt geblieben war.

Black Hawk war als letzter in den Sattel gesprungen. Das Eintreffen der verfluchten Städter war die Ursache dafür, dass etliche der ursprünglichen Besitzer der Pferde nun keinen Anspruch mehr auf sie erheben konnten. Die anderen würden über das Wasser fliehen, mit Kanus, Reittieren oder ohne beides. Sie waren geschickte Schwimmer.

Im großen und ganzen war jedoch das geglückt, was sie sich vorgenommen hatten. Nur die traditionellen Grabstätten mussten warten.

Ein ungewisses Gefühl ließ Black Hawk zurückblicken, und es hatte ihn nicht genarrt. Der Sachem der Sauk und Fox staunte allerdings, als er sah, dass sein Verfolger kein Weißer, sondern ein Indianer war. Und sein Reittier war schneller als das Black Hawks!

Washakie holte das letzte aus seinem Pferd heraus. Als er endlich auf gleicher Höhe mit dem Oberhäuptling war, sprang er.

Beide fielen sie zu Boden, während die Pferde weitergaloppierten, und beide kamen sie erneut zugleich hoch. Dabei schätzte Washakie, dass sein Gegner etwa doppelt so alt war wie er selbst.

Das Aufeinanderprallen bestätigte ihm ebenfalls, dass er es mit einem mindestens gleichwertigen Gegner zu tun bekommen hatte. Black Hawk mochte in die Jahre gekommen sein, aber seine Kampfeserfahrung war ebenfalls größer.

Ein erbittertes Ringen begann. Durch einen versuchten Beinstoß Black Hawks hatte Washakie Gelegenheit, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch entzog sich der Sachem blitzschnell, bevor der hochgewachsene Halbschoschone die Möglichkeiten ausnutzen konnte.

Hufschlag ließ beide die Köpfe wenden. Die Krieger aus westlicher Richtung würden schneller heran sein als die Handvoll Weißer, die aus der schwelenden Siedlung angeritten kam. Mit brennendem Herzen musste Washakie sich zurückziehen, denn die Übermacht der Sauk und Fox würde in den Sekunden tödlich sein, in denen die Reiter aus Galena noch nicht eingreifen konnten.

Unterdessen bekam Kit Carson mit, wie schlimm es um die Farnhams stand.

“Jodie war unter einem herabgestürzten Balken eingeklemmt, Mister Carson“, berichtete ihm einer der Siedler, an dessen Name sich Kit nicht mehr erinnern konnte. “Jason musste ständig weiterschießen und konnte nicht vom Fenster weg, um ihn zu befreien. Wenn Phillis ihn nicht herausgezogen hätte, wäre er verbrannt.”

Jason Farnham schleppte sich heran. Seine Augen waren trauerumflort, und von seiner gewohnten Fröhlichkeit war nicht mehr das geringste zu sehen.

“Bevor Jodie ohnmächtig wurde, bekam er noch mit, was geschehen war – dass Phillis ihn unter Lebensgefahr gerettet hatte. Er sagte einige Worte zu ihr, nur wenige Worte  ...  die sie aber hoffentlich  ...  ein Leben lang glücklich machen werden.”

Seine Stimme versagte.

Hinter dem nahen Brunnen erhob sich Jasons Frau Roxanna. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie herantrat

“Mutter  ...  hat mir gesagt, was ihr wichtig erschien. Nun aber geh du zur ihr, Jason, denn es wird  ...  wohl nicht mehr lange dauern.”

Schluchzend brach sie zusammen. Ihr Mann fing sie gerade noch auf und reichte sie in mit einem bittenden Blick in Kits Arme weiter.

Dann ging Jason Farnham die schwersten Schritte seines Lebens.

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FINSTERE PLÄNE

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Nach dem Abendessen zogen sich die Männer in das geräumige Arbeitszimmer zurück.

Die Bediensteten kredenzten kalifornischen Rotwein und reichten Zigarren herum, die Nicholas Biddle, Hausherr und Gastgeber, als Spezialsorte aus seiner Heimatstadt Philadelphia hatte anliefern lassen. Danach verließen sie den Raum durch eine Doppeltür, die sorgfältig geschlossen wurde. Eine andere Abhörmöglichkeit gab es nicht.

Biddle, seit 1823 Präsident der Zweiten Nationalbank der Vereinigten Staaten, saß in einem schweren Fauteuil. Seine Gäste hatten es sich auf der Couch und in einem Sessel bequem gemacht, die in Louisiana hergestellt worden waren.

Der Hausherr hob sein Glas.

„Lassen Sie uns darauf anstoßen, dass es unserem Präsidentschaftskandidaten, Mister Henry Clay, so vortrefflich gelungen ist, den Kongress von der Notwendigkeit der Vertragsverlängerung zu überzeugen.“

Der Aufforderung wurde Beifall gespendet und Folge geleistet. Mit einer Geste, die Bescheidenheit ausdrücken sollte, winkte der Gefeierte ab.

„Auch wenn das Weiterbestehen der Nationalbank damit so gut wie gewährleistet ist, bleibt noch genug anderes zu tun. Wie, zum Beispiel, werden wir am einfachsten mit dem Widerstand der Bankiers im Staate New York fertig?“

Nicholas Biddle lächelte maliziös.

„Nun, das Zentralorgan sind wir. Einer an den richtigen Stellen angesetzten deflationistischen Politik können sie wenig entgegensetzen. Sogar Präsident Jackson ließe sich damit notfalls an die Kandare legen - falls er bis dahin noch im Amt ist, was wir nicht hoffen wollen.“

„Wann werden die einzelnen Staaten endlich begreifen, dass sie alle an einem Strang ziehen müssen?“, beklagte sich Daniel Webster, Kongressabgeordneter von Massachusetts. „Die Einheit der Nation ist eine ebenso unbestreitbare Notwendigkeit wie das Weiterbestehen der Nationalbank!“ .

Dieser Standpunkt gehörte im Kreis der Potomac-Verschwörung zu den heftigst umstrittenen. Vizepräsident Calhoun und Gouverneur Hamilton hatten Websters These bei weitem nicht zugestimmt, und Nicholas Biddle hatte nicht vor, die abweichenden Zielvorstellungen innerhalb dieser einflussreichen Gruppe noch weiter zu schüren. Er beschloss, das Thema zu wechseln.

„Meine Herren, Sie haben alle von dem Massaker vernommen, das ein Häuptling namens Black Hawk am Mississippi verübt hat. Sind Ihnen dabei nicht bestimmte Gedanken gekommen?“

Nach einem kurzen Schweigen sprach Henry Clay den Namen des geheimnisvollen Mannes aus, an den sämtliche Anwesenden in diesem Moment wohl zugleich dachten.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904475
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
carson mormonen seminolen

Autor

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Titel: Kit Carson #10: Mormonen und Seminolen