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Die Reise durch den Weltraum

2016 300 Seiten

Zusammenfassung

Ende des 22. Jahrhunderts wird im fernen Weltraum ein wohlgeordneter Ring aus Sternen entdeckt, der nur eine künstliche Schöpfung sein kann. Wer sind jene mächtigen Wesen, die sogar Sterne verschieben können? Eine Expedition bricht auf, dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Unterwegs erlebt die Besatzung manches Abenteuer. Ihr fällt etwa eine Ping-Geräusche sendende Blackbox in die Hände, welche von Wesen stammt, die ebenfalls versuchten, den Sternenring zu erreichen.
Die Herren der neuen Technik sind die Adonianer. Sie vermitteln den Besuchern ganz neue Einblicke in Sein und Zeit und in den uns alle verbindenden Kosmos. In ihrer Hauptstadt gibt es ein Großes Historisches Museum, in ihm kann man die Vergangenheit wie in Realzeit betrachten und sogar ablichten. Allerdings stoßen wir auch hier an bestimmte Grenzen. Denn Fotografien von Gott, wie er vielleicht das Universum aus dem Nichts schuf, sind leider nicht möglich. Die Bestimmung des Sternenringes indes ist sicher: Er zeigt uns, wie wir es mit überlegener Technik schaffen können, den Kosmos, unser aller Grundlage, zu ordnen, zu bändigen, zu sichern.
Manche philosophische Frage mehr wird in diesem literarisch anspruchsvollen, doch immer unterhaltsamen Roman ganz unaufdringlich aufgeworfen. Die Besucher unternehmen Ausflüge zu fernen, bizarren Planeten, von denen sie einst nicht einmal träumen durften.
Liebe Leserin, lieber Leser, überzeugen Sie sich bitte selbst von einem außerordentlichen Werk, in welchem wir auf gelungene Weise nicht nur in Raum und Zeit, sondern auch in die Gedankenwelt der Seele mitgenommen werden. Getreu dem Motto des Autors, der Leser habe das unabdingbare Recht, zuerst bestens unterhalten zu werden. Bewußt in alter deutscher Rechtschreibung.

Leseprobe

Die Reise durch den Weltraum

 

Ein Zukunftsroman

 

 

Gerd Maximovi č

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Omyticarddesign/pixabay und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Ende des 22. Jahrhunderts wird im fernen Weltraum ein wohlgeordneter Ring aus Sternen entdeckt, der nur eine künstliche Schöpfung sein kann. Wer sind jene mächtigen Wesen, die sogar Sterne verschieben können? Eine Expedition bricht auf, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Unterwegs erlebt die Besatzung manches Abenteuer. Ihr fällt etwa eine Ping-Geräusche sendende Blackbox in die Hände, welche von Wesen stammt, die ebenfalls versuchten, den Sternenring zu erreichen.

Die Herren der neuen Technik sind die Adonianer. Sie vermitteln den Besuchern ganz neue Einblicke in Sein und Zeit und in den uns alle verbindenden Kosmos. In ihrer Hauptstadt gibt es ein Großes Historisches Museum, in ihm kann man die Vergangenheit wie in Realzeit betrachten und sogar ablichten. Allerdings stoßen wir auch hier an bestimmte Grenzen. Denn Fotografien von Gott, wie er vielleicht das Universum aus dem Nichts schuf, sind leider nicht möglich. Die Bestimmung des Sternenringes indes ist sicher: Er zeigt uns, wie wir es mit überlegener Technik schaffen können, den Kosmos, unser aller Grundlage, zu ordnen, zu bändigen, zu sichern.

Manche philosophische Frage mehr wird in diesem literarisch anspruchsvollen, doch immer unterhaltsamen Roman ganz unaufdringlich aufgeworfen. Die Besucher unternehmen Ausflüge zu fernen, bizarren Planeten, von denen sie einst nicht einmal träumen durften.

Liebe Leserin, lieber Leser, überzeugen Sie sich bitte selbst von einem außerordentlichen Werk, in welchem wir auf gelungene Weise nicht nur in Raum und Zeit, sondern auch in die Gedankenwelt der Seele mitgenommen werden. Getreu dem Motto des Autors, der Leser habe das unabdingbare Recht, zuerst bestens unterhalten zu werden. Bewußt in alter deutscher Rechtschreibung.

 

Der Roman

I.

 

Lange schon hatte die Menschheit ihren Blick hinaus in den Weltraum geworfen, zuerst, ohne zu begreifen, was die vielen Sterne dort oben wohl zu bedeuten hatten, die den Himmel in klaren Nächten bedeckten. Darum wob sie Mutmaßungen und Legenden um jene hellen Punkte und stattete sie mit Bedeutungen aus, die sich von der Wirklichkeit oft sehr weit entfernten. So sollten jene flimmernden Lichter als Symbole der Götter gelten. Man schrieb ihnen zu, daß sie die Getreideernte, das Wetter und gar die persönlichen Geschicke der Menschen unmittelbar beeinflussen würden.

Doch die Entwicklung ging voran. Es erweiterte sich Schritt für Schritt der Horizont der Betrachter. Mit neuem Wissen wurden die alten Vermutungen, soweit sinnvoll, in zunehmendem Maße in den Rahmen höherer Erkenntnis eingebunden. Jedenfalls verstand man jetzt, daß die Erde keine Scheibe ist, wie lange Zeit vermutet, sondern eine Kugel, und gewiß nicht die einzige im Weltraum. Denn wie die ersten Fernrohre aufkamen, verzeichnete man zuerst um Jupiter das Wechselspiel des größten Planeten mit seinen Monden. Es verschwand der vom Augenschein getragene Gedanke, die Erde sei gar der Mittelpunkt des Universums, um den sich alles andere drehe. Von nun an galt der eigene Planet in zunehmendem Maße gleichsam nur noch als Staubkorn im Kosmos.

In diesem Zusammenhang beschäftigten weitere, naheliegende Fragen, so etwa jene, wie wohl Ebbe und Flut – also infolge der Anziehung des eigenen Mondes – zustande kämen. Probleme der Schwerkraft wurden aufgegriffen, um sie in bis dahin bestmöglicher Weise zu durchdenken. Denn der Erdboden pflegt ja bekanntlich auch unsere Antipoden, die Gegenfüßler etwa in Australien, festzuhalten, welche demnach keineswegs in namenlose Abgründe hinunterfallen, bloß, weil sie aus unserer Sicht auf dem Kopf zu stehen pflegen.

Überdies gelangte man zugleich zur Erkenntnis, daß das All nicht so unveränderlich und festgefügt ist, wie bis dahin angenommen. Denn bietet der Himmel dem ungeschulten Auge in seiner Majestät nicht einen ehernen Anblick, als wäre er auf diese Weise wie für alle Zeiten über unseren Köpfen festgeschrieben? Doch selbst die hellen Sonnenlichter unterlagen bisweilen einem überaus sprunghaften Wechsel. Dann nämlich, wenn einzelne, besonders grelle neue Sterne (Novas oder Supernovas) in ihren gewaltigen Ausbrüchen mitunter selbst den hellen irdischen Tag zu beleuchten pflegten.

Nach und nach begriff man auf diese Weise, wie eng Erde und Menschheit mit dem Kosmos verflochten sind, wie abhängig von ihm, und in ihn eingebunden. Auf dieser Grundlage entstand ein neues Weltbild, das den Menschen mitten hinein in das Universum stellt. Wir alle stammen demnach von den Sternen ab, sind folglich Staub aus dem Kosmos, welcher letztlich über sich selbst nachsinnt.

Inzwischen entfalteten sich Wissenschaft und Technik auf der Erde in rasanter Weise. Längst schon schwebten die ersten Sonden in nahen und fernen Umlaufbahnen. Raumfahrer – auch auf der Suche nach außerirdischem Leben, und wäre es nur in Spurenelementen vorhanden – setzten ihren Fuß auf fremde Himmelskörper und die sie umkreisenden Begleiter. Um Signale intelligenter Formen aufzuspüren, lauschte man nachhaltig in den Kosmos hinaus. Auch die zu diesem Zwecke benutzten Geräte entwickelte man, dem jeweiligen Höchststand der Technik folgend, rasant weiter. Nun wandte man überreichweite Antennen, Funkmeßpeiler und Lichtsensoren an, welche ganz andere Leistungen als die überkommenen einschlägigen Instrumente erzielten.

Solche Messungen nahm man mit fortschreitender Entwicklung zunehmend an geschützten, sonnenfernen Stellen vor, wie etwa Pluto, doch mit negativem Ergebnis. Das, wovon alle träumten und worauf jede und jeder insgeheim hoffte, wollte einfach nicht gelingen: nämlich das Auffangen erster unmißverständlicher Signale oder doch wenigstens eindeutiger Zeichen von anderem, intelligentem Leben im Weltraum. Denn strahlte die Menschheit nicht auch schon seit Jahrhunderten – zur allerdings eher unabsichtlichen Kenntnisnahme – ihre Rundfunk- und Fernsehprogramme in den Weltraum hinaus? Und wo blieb dann die Antwort?

Dahinter verbarg sich eine grundlegende Frage. Wäre es denkbar, daß die Menschheit als hochentwickelte Gattung alleine im Kosmos wäre? In Anbetracht der unvorstellbar großen Zahl von Sonnen im Universum ergibt sich die Antwort darauf ganz eindeutig. Man betrachte also auch nur die Statistik: Schon die Masse an Milchstraßen, welche jeweils mehrere hundert Milliarden Sterne enthalten, ist größer als die Anzahl der Sonnen in unserer eigenen Galaxis. Es gibt demnach buchstäblich mehr Sterne im Kosmos als Sandkörner an sämtlichen Stränden dieser Erde. Selbst wenn man viele lebensfeindliche Doppelsterne abzieht und andere – natürliche – Unwägbarkeiten einräumt, bleiben auf Grund der reinen Mengenvorstellung unerhört viele geeignete Sonnen, umkreist von Leben bergenden Planeten, übrig.

Dazu ist zu gewärtigen, daß sich alle Sterne auf dieselbe Weise entwickeln, wie auch unserer dies getan hat. Kosmischer Staub zieht sich unter Einwirkung der Schwerkraft zusammen. Es kommt dabei zu einer Art sich beschleunigender Karussellbewegung, die Hauptmasse des Materiales stürzt in die entstehende Mitte. Draußen wird Stoff infolge der zunehmenden Drehbeschleunigung abgestoßen. Aus ihm bilden sich Planeten in einem entsprechenden Vorgang, und – in einem weiteren gleichlaufenden Unterprozeß – deren Monde. Im Inneren der Anordnung selbst flammt mit zunehmender Verdichtung nach einiger Zeit der Zentralkörper auf. Das Sonnensystem ist entstanden.

Diese Vorstellung von der Bildung unserer kleinen Weltenfamilie bestätigt die Drehbewegung seiner Planeten. Denn diese wirbeln nicht willkürlich und beliebig – etwa wie auseinanderspritzende Billardkugeln – um ihren Mutterkörper, sondern sie kreisen, streng geordnet, auf einer flachen Scheibe alle in dieselbe Richtung. Alleine schon aus dem heutigen Drehmoment der Planeten läßt sich demnach die Art vom Werden unseres Weltensystems bereits nachvollziehen und mithin begründen.

Was für unsere Planetengruppe gilt, ist für alle entsprechenden Ansammlungen dort draußen triftig. Im Weltraum vollziehen sich – wie könnte es auch anders sein – überall dieselben Prozesse, was uns zur ungemein fesselnden Betrachtung anderen Lebens im Kosmos zurückbringt. Ist schon die Menge der Sterne im Weltraum unvorstellbar, so wird deren Anzahl von der Masse der Planeten noch um ein Vielfaches übertroffen! Und da soll es nicht wenigstens einen einzigen anderen Himmelskörper in den schier uferlosen Weiten des Kosmos geben, auf dem sich Leben, gar wie auf der Erde, entwickelt hätte? Die Statistik spricht deutlich gegen einen solch nachteiligen Vorschlag, auch wenn man dabei noch andere Gesichtspunkte in die Betrachtung einbeziehen muß – wie etwa Alter und mithin Entwicklungsstand der jeweiligen Sonnen und also auch ihrer Planeten. Und selbstverständlich ist hiermit überhaupt nicht nachgewiesen, daß Leben nur auf Planeten wie unserer Erde entstehen könnte.

Jedenfalls erscheint es in diesem Zusammenhang auch wenig sinnvoll, die Erde in den Mittelpunkt des Universums zu rücken (wie etwa im Mittelalter gern geschehen). Denn die Sterne drehen sich bekanntlich nur scheinbar um unseren Planeten, und unsere zugehörige Sonne befindet sich nicht im Zentrum unserer Galaxis, sondern – allem Augenschein nach, höchst unbedeutend – irgendwo an ihrem Rande. Zudem, um allen Übermut zu dämpfen, ist Sol im Vergleich zu anderen Sternen von nur geringer Größe. Diese Tatsache bedeutet indes einen wesentlichen Vorteil. Sterne solcher Klasse wie der unsere leben erheblich länger als die übergewichtig großen, welche also deutlich schneller sterben.

Unsere Sonne stellt jedenfalls weder von Lage noch Größe etwas Besonderes im Weltraum dar. Sie ist eher Durchschnitt, und dies gilt gewiß auch für uns, die zugehörigen Menschen. Geht man davon aus, daß es, den allgemeinen Entwicklungsspuren des kosmischen Stoffes folgend, sehr viel Leben im Universum geben muß, so erscheint es also unmittelbar sinnvoll, von der anmaßenden Vorstellung unserer alles beherrschenden zentralen Sonne oder Erde abzurücken, mithin auch von der Erwägung, daß wir, die Menschheit, im Kosmos herausgehoben wären. Das sind wir ganz sicher nicht, wir gehören – aller Veranlagung nach – allenfalls zum Durchschnitt!

Das sind im wesentlichen die Gedanken, die auch die Menschen der Zukunft in dieser Hinsicht bewegten. Man unternahm also in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, selbst das ganze einundzwanzigste Jahrhundert hindurch, erhebliche Anstrengungen, anderes Leben im Kosmos aufzuspüren. Eine reguläre Raumfahrt, welche weit über die Bereiche im Umkreis der Sonne hinausgriff, begann auch zu diesem Zwecke sich zu entfalten und lieferte – in geologischer Hinsicht und bezüglich der Vermessung des Sternenzeltes – manch schönes Ergebnis. Doch auf diese wohl alles entscheidende Frage – sind wir alleine im Universum? – antwortete der Kosmos den unentwegt strebenden Forscherinnen und Pionieren von der Erde zunächst noch immer mit Schweigen.

 

*

 

Der entscheidende Durchbruch in dieser Entwicklung läßt sich auf den 18. Januar 2117 datieren. Da arbeitete nämlich Gustav Gulbransson, ein Physiker, auf Pluto-B, einer der drei bis dahin errichteten Außenstationen im Weltraum. Zusammen mit seinen Kollegen versuchte er, unter erschwerten Bedingungen, Strahlungsdurchflüsse in sonnenabgewandten Magnetfeldern zu ergründen.

Diesen Forschungen lag die Tatsache begrenzter Geschwindigkeiten im normalen physikalischen Bereiche zugrunde. Man kann das Tempo von irgendwelchen Gegenständen bekanntlich nicht beliebig steigern. Das Licht gibt für jede Schnelligkeit den obersten Maßstab vor. Auch wenn es mit ungefähr dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde für unsere alltäglichen Vorstellungen recht geschwind ist, so wirkt es im überaus ausgedehnten Universum doch äußerst langsam. Dies setzt natürlich jeglicher Bewegung im All deutliche Grenzen und sorgt etwa auch dafür, daß wir das Licht der Sterne aus deren ferner Vergangenheit empfangen.

Man bemühte sich also, den Tatbestand der scheinbar unüberwindlichen Lichtschranke zu umgehen. Tatsächlich wußte man längst aus dem atomaren Mikrobereiche, daß – entgegen allem gängigen Verständnis – bestimmte einzelne Partikel auf ungewöhnliche Weise korrespondieren, zusammenhängen oder miteinander in Verbindung treten. Und zwar dergestalt, als existiere die räumliche Distanz nicht zwischen ihnen. Diesen Umstand galt es also zur Überwindung beträchtlicher Entfernungen auszunutzen.

Auf Pluto-B waren in sonnengeschützten Feldern demnach grundlegende, einleitende Versuche im Gange, zunächst geringe Distanzen dadurch zu überwinden, daß man zwei korrespondierende Partikel merkbar entfernt voneinander postierte. Es handelte sich dabei aber, wohlgemerkt, nicht um atomare Erscheinungen, sondern bereits um Gegenstände von faßlicher Größe, so zunächst etwa um zu diesem Zwecke künstlich erzeugte Kristalle. Beide versah man mit einander entsprechenden Ladungen, so daß die Reaktion des einen wahrnehmbaren Körpers stets der des anderen entspräche oder in genau meßbarer Weise von ihr abwich. In der Folge – den Erkenntnissen im Mikrobereich entsprechend – wüßte man jeweils, was Partikel B tat, sofern man nur Partikel A studierte, in diesem Falle also bewegte.

Die vergleichsweise erst winzige Distanz zwischen beiden Körpern im Pluto-Labor ließe sich – bei erfolgreichem Abschluß der Experimente – dann leicht steigern und, wie gewünscht, gar ins Gewaltige überhöhen. Aufgrund der verhältnismäßig langen Lichtlaufzeiten im bis dahin raumfahrttechnisch erschlossenen Sonnensystem würde sich das Verfahren bereits dort bewähren, benötigt das Licht vom Muttergestirn zur Erde zwar nur wenige Minuten, doch bereits Stunden hinaus zu den fernen Planeten.

Mit der Vorstellung, Entfernungen vorerst über das Reaktions- und Wirkungsvermögen von zunächst zwei zusammengekoppelten Partikeln zu überwinden, verbanden sich natürlich sehr weitreichende und hochgespannte Hoffnungen und Erwartungen. Denn wenn es gelänge, die natürliche Lichtschranke sprunghaft zu überwinden, stünde – so viel war klar geworden – das Tor zu den Sternen weit offen.

Gulbransson und seine Leute bemühten sich zunächst, die Molekularstrukturen der vorgesehenen Partikel also wechselweise wirken zu lassen. Dazu packte man sie in einen abgegrenzten, doch überschaubaren Energiekäfig, welchen man insbesondere von jeglichem störenden Außeneinfluß (wie etwa dem der zwar entfernten, doch in ihrem Wirkvermögen nach wie vor gewaltigen Sonne) abschloß.

Es war dieser 18. Januar 2117, als Gulbransson, das Sub- und Elektronenmikroskop vor Augen, zunächst alleine vor besagter, ein wenig sperrig wirkender, Anordnung hockte. Nicht wirklich gefaßt auf das, was ihn erwartete, wunderte er sich doch einigermaßen über das, was sich im klobigen Kasten vor ihm zutrug. Denn die meisten Nadeln der umfänglichen Meßgeräte zitterten, und etliche Zeiger der Kontrollapparatur zuckten, während die Leuchtdioden in allen Farben glühten und sprühten. Dies alles geschah aber nicht, weil es dem Forscher gelungen wäre, wie gewünscht, eine verändernde Übertragung der Molekularstruktur vorzunehmen. Denn eindeutig vollzog sich hier, vor seinen geweiteten Augen, etwas ganz anderes, nämlich etwas selbst für ihn Unerwartetes und demnach höchst Überraschendes.

"Merkwürdig, kann das sein?" murmelte Gulbransson vor sich hin und strich dabei sinnend über die wenigen ihm noch verbliebenen Haare.

"Habe ich an der Außenabschirmung gerüttelt?" überlegte er dann perplex, die nächstliegende, wenn auch völlig unwahrscheinliche, ja absurde Begründung für das unerklärliche Ereignis in Erwägung ziehend.

Nun erwies sich die Apparatur jedoch, wie erwähnt, als von beträchtlichem und zugleich klobigem Ausmaß, so daß der verblüffte Forscher diesen doch unsinnigen Gedanken mithin nach kurzer Bedenkzeit (und nachdem er den Würfel mit wenigen Handgriffen einmal mehr überprüfte) wieder aufgab (so leicht vermochte man die Struktur des Aufbaus denn doch nicht zu erschüttern).

"Oder ob", sprach er weiter zu sich selber, "einzelne Meßinstrumente oder Fühler versagt haben sollten? Da ist der Energiehebel", murmelte er, "ich will einmal separat Spannung an ihn legen."

So geschah es, doch mit negativem Ergebnis. Auf dieses Meßgerät ließen sich die überraschend hohen Spannungswerte jedenfalls nicht zurückführen, und auch nicht auf andere mechanische Zubehörteile. Vermutlich brauchte er aber bloß etwas Zeit, sich auf die wirkliche Bedeutung dieses Ereignisses einzustellen. Denn gewiß ahnte er wohl bereits, ihm war – per Zufall oder Glücksgriff, entgegen jeglicher Erwartung, doch höchst willkommen – eine außerordentliche Entdeckung gelungen. Er hatte über der Kennzeichnung vehementer Spannungsbögen nämlich das gefunden, was wenig später als die raumzeitliche Struktur in ihrer substellaren Verbindung in die Literatur eingehen sollte. So weit, dies genau zu erkennen und in aller Schärfe zu formulieren, war er allerdings noch nicht.

Statt dessen steckte, womöglich von seinem selbstverlorenen, indes aufreizenden Gemurmle angezogen, Lydia Morena, eine Kollegin, ihren Kopf durch die abgeschirmte Türe, um lieber doch einmal nach dem Rechten zu sehen.

"Gustav", sprach ihn die hübsche Frau mit den roten Haaren an, "ist alles in Ordnung?"

Gulbransson, der sich bereits auf der richtigen Spur befand und sich soeben also mit dem elektronischen Distanzmeter beschäftigte, schrak hoch.

"Nichts ist in Ordnung", gab er geradezu schroff zur Antwort.

Lydia schloß derweil die Türe in ihrem Rücken und trat in das deutlich abgedunkelte Zimmer. Angesichts der ihr wohlvertrauten Versuchsanordnung wagte sie gleichwohl kaum zu atmen.

"Und was ist wirklich los, Gustav?" wollte sie dann mit milder Stimme wissen.

Der Forscher, wie übermüdet, strich sich, matt und schier verzagend, über die Augen. Gleich darauf wandte er sich, die Umrisse seiner Besucherin wohl erkennend, halb zu ihr um.

"Hier, siehst Du diese beiden Kristalle?" erkundigte er sich wie fürsorglich bei der in vorliegendem Verfahren sehr wohl beschlagenen Kollegin.

"Ja", hauchte sie, auf seine Stimmung Rücksicht nehmend, ergeben.

Natürlich erkannte sie die beiden berüchtigten Partikel in dem Kasten. Wer wüßte in der Station Pluto-B nicht von ihnen, und vor allem von ihrem Zweck und ihrer Bestimmung?

"Wir wollten ihre Molekularstruktur in Einklang bringen", erklärte er verdrossen.

"Ich weiß", stimmte sie nach wie vor demütig zu.

"Das sollte über geregelte Distanzen zwischen beiden geschehen."

"Ja. Na und?" Nun öffnete sie doch neugierig ihr Herz.

"Hier, schau Dir dies Blatt an!" forderte er sie auf.

Er reichte seiner Kollegin eine Folie, welche die genaue Anordnung beider Kristalle vor Beginn des Versuches auswies. Anschließend deutete er mit einem Filzstift, den er wie nachlässig aus der Westentasche hervorzog, auf die innerhalb der Apparatur derzeit tatsächlich unverkennbar gegebene Lage der zwei Körper.

"Diese Position war nicht für sie vorgesehen", stellte Lydia Morena mit in ihr anwachsender Spannung gleichwohl ruhig fest.

"Ich habe schon die meisten mir zugänglichen Fehlermöglichkeiten für den ungewöhnlichen Ortswechsel überprüft", erklärte Gulbransson heiser und mußte, seine Stimme wiederzufinden, sich räuspern.

Lydia Morena, ansatzweise allerdings die sich anbahnende Sensation ahnend, überlegte erst einen Augenblick.

"Die Strecke zwischen beiden Kristallen hat sich entschieden vergrößert, Gustav."

"So ist es, meine Liebe."

"Ohne daß Du auf mechanische Weise von außen in ihre Lage eingegriffen hättest?" verlangte sie, auf den nächstliegenden Punkt abhebend, zu wissen.

Und nun, noch bevor eine Antwort erfolgte, mußte sie selber schlucken.

"Genau darum geht es, Lydia." Jetzt drehte sich der Forscher voll zu seiner Kollegin um, damit er im inzwischen angemachten Lichte ihre Augen erkennen konnte.

Sie selbst sann über diese vorgestellte Unregelmäßigkeit. Denn, obwohl sie sich mit dem eigentlichen Geschehen nicht unmittelbar befaßt hatte, dämmerte in ihr etwas. Erst aber griff sie nach zerstreuten Tabellenblättern, wie um sich zur Absicherung oder Schonung aus ihnen etwas zu ihrer persönlichen Unterstützung herauszulesen.

"Du hast alle zugänglichen Fehlermöglichkeiten überprüft und ausgeschieden?" wiederholte sie seine eigenen Worte und ließ dabei das Hauptprotokollblatt sinken.

"Ich habe alles, was im Bereich meiner Möglichkeiten liegt, in dieser Hinsicht unternommen", versicherte er hinter blitzenden Augengläsern.

"Und es liegt auch kein Defekt vor?" fragte sie weiter, denn das wollte ihr keine Ruhe lassen.

Er schüttelte seinen recht kahlen Schädel. "Nein, nicht daß ich wüßte."

Sie holte tief Atem. "Du wolltest in die Molekularstruktur beider Objekte eingreifen?"

"So ist es."

Sie strich behutsam über die schlichte, insbesondere Strecken hervorhebende Meßtabelle an der Außenwand des Kastens. "Dabei aber hast Du das zweite Objekt um gut einen halben Meter verlagert?"

"So ist es."

Der hochgradige Wissenschaftler sprach zunehmend tonlos. Das lag wohl an der ihm inzwischen geleisteten Gesellschaft, welche den Vorfall – über das sachlich Wesentliche hinaus – erst richtig spannend machte.

Seine Kollegin, wie nebenbei die Protokollblätter umschichtend, erwies sich als hartnäckig. "Es erfolgte kein Zugriff von außen?"

"Nein, Lydia." Er lachte, und er war, wie sie sehr wohl wußte, stets ehrlich.

Sie, wissenschaftlich zur Sache kommend, gab sich einen Ruck. "Hast Du schon versucht, den Vorgang mit der Hochgeschwindigkeitskamera zu überprüfen?"

"Nein, noch nicht", bekannte der allerdings zerstreute Professor. "Ich wollte erst einige Grundlagen klären."

Jetzt erwies sie sich als nicht weniger vom Fieber der Entdeckung gepackt als ihr Kollege. Dabei hatte er selbst dafür gesorgt, daß alle solch entscheidenden Feldversuche an Bord der Station von entsprechend hochleistungsfähigen Einrichtungen begleitet wurden, mit Hilfe derer man selbst winzigste Sekundenbruchteile jeglicher Entwicklung auch nachträglich aufs genaueste überprüfen konnte.

Mit wenigen Schritten gelangte Lydia, die sogleich anbot, dies zu übernehmen, zu den Bedienungsknöpfen auf dem Instrumentenbrett des entsprechenden Gerätes.

"Es ist alles aufgezeichnet", verkündete sie kurz darauf voller Behagen, während sie sich erwartungsvoll über die Kontrollen beugte.

"Dann wollen wir einmal sehen", stimmte Gulbransson, auch er mit erheblicher Hoffnung, schlicht zu.

Sogleich sank das Licht nahezu in den Zustand völliger Dunkelheit, wie er eben bei dem ursprünglichen Experimente herrschte, wieder herunter. Die rückwärtige Wand des ausgeklügelten, freilich äußerst sparsam ausgelegten Raumes verwandelte sich wie unter Zauberhand in eine Projektionsfläche. Dann schon lief der computergesteuerte Bildgeber deutlich leise, wenngleich seufzend.

"Das bezeichnet die Ausgangsposition der Kristalle", hauchte Lydia Morena, die eingeblendeten Koordinaten vergleichend.

Gustav Gulbransson pflichtete ihr bei. "Dort befanden sie sich, scheinbar fest verankert."

Das Bild, der Routine gehorchend, lief sanft weiter.

'Achtung, Versuch!' flammte dann eine gelbe, der besseren Lesbarkeit halber schwarz umrandete Schrift vor dem hellen Schirm auf.

In der umfassenden Aufnahme erkannte man sogar Gulbranssons Hände. Er hantierte leicht und locker an Leuchttasten und an die Stromzufuhr regelnden Dioden. Nur wenige Vergleichssekunden auf der Seitenskala verrannen, seit der Fachmann seine Tätigkeit aufgenommen hatte.

"Siehst Du", sagte da Gulbransson plötzlich zu der Morena.

Der das Impulsmuster empfangende Kristall in dem Gefäß hatte die ihm zugespielten Informationen nicht nur empfangen, sondern sich – trotz der auf die Hochgeschwindigkeitskamera zurückzuführenden Zeitverzögerung – selbst übergangslos verlagert.

"Ein halber Meter", stellte die Morena fest. "Wie ist das möglich? Man hat ihn gar nicht verschwinden sehen. Dabei verlangsamt die beschleunigte Kamera um das Millionenfache."

"Er ist nur so gesprungen", pflichtete Gulbransson schier ehrfürchtig bei.

Sie starrten beide den zweiten Kristall an, welcher jetzt unzweifelhaft einen halben Meter von seiner ursprünglichen Position entfernt hing, also an einer in jeder Hinsicht deutlich unterscheidbaren Stelle.

"Ohne einen Eindruck zu hinterlassen", seufzte die Morena.

"Also?"

"Die Versuchsanordnung ist intakt, Gustav."

Der Angesprochene, ihre Gedankengänge erratend, lachte. "Du willst es erneut versuchen?"

"Warum nicht?" entgegnete sie. "Wenn es einmal klappt, wird es wieder gelingen. Und vielleicht können wir bei dieser Gelegenheit mehr und Genaueres von dem wirklichen Vorgang erkennen."

"Einverstanden", sagte der Forscher, kurz entschlossen.

Sie beratschlagten für einen knappen Zeitraum über den Fortgang des Experimentes.

"Woran dachtest Du, Gustav?" wollte Lydia Morena dann wissen.

"Ob wir einen weiteren Durchgang mit höherer Energie versuchen sollten? Was meinst Du?"

"Unbedingt, Gustav."

Jetzt bemühten sich also zwei fachlich hochqualifizierte Leute sorgfältig um den alsbald einer deutlich höheren Belastung zu unterziehenden Aufbau, indem sie alle Instrumente sowie alle einschlägigen Meßfelder immer wieder gewissenhaft kontrollierten, galt es doch, jegliche sich wie nebenbei einschleichende Fehlermöglichkeit auszuschließen. Sogar die Ventilatorschlitze an den Wänden hoch unter der Decke unterzogen sie dabei einer wenn auch nur flüchtigen Überprüfung, damit selbst der geringste Luftstrom die Versuchsbedingungen nicht verfälschen könne.

Dann, um in das eigentliche Verfahren einzutreten, hinterlegten sie zwei weitere, gleichartige, doch etwas größere Kristallpartikel an der nämliche Stelle im vorliegenden Magnet- und Beschreibungsfelde, nachdem jede Spur der alten und bis zu einem gewissen Grade verdächtigen Anordnung gelöscht war. Die Koordinatenpunkte, den Raumverbleib in der Gitterstruktur aufs Genaueste bestimmend, wurden selbstverständlich elektronisch eingelesen, sollten zur Vorsicht aber auch mit einem höchst altmodischen Maßstab ermittelt werden können.

"Sind wir so weit, Lydia?"

"Fertig, Gustav."

Zudem also führten sie deutlich höhere Energie zu, nicht nur die Möglichkeiten der Apparatur, sondern vornehmlich die Tragweite ihrer bis dahin vorliegenden theoretischen Erwägungen auszuloten. Gustav Gulbransson drückte erwartungsvoll, ja ausgesprochen begierig den Knopf, welcher die elektrischen Verbindungsstränge bediente. Das empfangende Partikel, dessen Bewegung sie unter anderem mit Hilfe der schnellaufenden Hochgeschwindigkeitszähler so sorgfältig im Auge zu behalten gedachten, wechselte sprunghaft und ganz übergangslos seine Stelle, ohne die geringste Spur dieses Vorganges zu hinterlassen, ganz so, als hätte es sich niemals an seinem ursprünglichen Ort befunden.

"Siehst Du?" Der angestrengte Forscher, im übrigen mit dem mittlerweile Erreichten also höchst zufrieden, krächzte ein wenig.

Statt einer Antwort ließ Lydia Morena abermals alle bisher eingesetzten sowie sämtliche neu zugeschalteten Meßgeräte laufen, um dem erfreulichen, doch beunruhigenden Rätsel auf den Grund zu gehen. Selbst die Ventilatorbeschichtung einschließlich anderer äußerlicher Vorrichtungen in diesem Raume, sofern sie auch nur entfernt den geringsten Einfluß auf den Verlauf des offensichtlich gelungenen Versuches hätten nehmen können, unterzog man einer wenn auch nur oberflächlichen Prüfung. Dies, wie alle zusätzlichen Maßnahmen, erbrachte nicht das geringste Ergebnis, die scheinbar völlig sprunghafte, unbegründete Ortsveränderung jeweils eines Partikels aufzuklären.

Gustav Gulbransson, der Urheber und mithin Verantwortliche des Ganzen, wischte sich, abermals vom Forschungsfieber gepackt, nunmehr den Schweiß von der Stirne.

"Noch ein Versuch, Lydia?" fragte er darum erwartungsvoll, galt es doch, dies Phänomen möglichst umgehend aufzuklären.

"Wir müssen die einschlägigen Objekte entschieden vergrößern, Gustav", verkündete sie hoffnungstrunken.

Er nickte schlicht, entsprach das doch seiner eigenen Erwägung. "Und eine wesentlich höhere Stromzufuhr ist auch unter den uns derzeit zur Verfügung stehenden Bedingungen möglich, meine Liebe."

"An welche Art von Partikel dachtest Du?"

Er blickte sich suchend um, sprang dann geradezu elastisch, federnd auf, trat an die Schublade eines der Verstauschränke heran, öffnete dieselbe sachte und zog ein Paar im Laborlicht golden glänzender Manschettenknöpfe hervor, welche er entschieden hoch über seinen eher kahlen Schädel reckte.

"Die sind irgendwann liegen geblieben", erklärte er, ohne sich auf die entsprechenden Umstände besagten Vorganges näher einzulassen.

Lydia glühte über beide Ohren.

"Das sind aus dem Stegreif gegriffene, unbeeinflußte Objekte", hauchte sie, wissenschaftlich schon weiter wägend.

"Somit für einen echten Versuch, nein, ich möchte sagen, für eine Bewährungsprobe geeignet", ergänzte er begeistert und brachte die im übrigen teuren, die kostbaren Manschettenknöpfe (wahrhaft schöne Stücke) sogleich im Magnet- und Beschreibungsfeld des aufnahmebereiten klobigen Kastens unter.

Sie schauten – beide – noch ein wenig nach den kleinen, mit etwas Patina überzogenen Kostbarkeiten.

"Hängen sie richtig? Was meinst Du?"

"Ihre Position ist günstig."

Besagte Objekte schwebten nämlich, elektromagnetisch gehalten, unübersehbar inmitten des Behälters. Da schlugen die Herzen der beiden Forscher, wie sie wissenschaftliches Neuland betraten, höher. Die Spannungskurve des Stromverbrauchs, da Gulbransson erneut die Instrumente bediente, schnellte, ganz wie vorgesehen, beträchtlich in die Höhe.

"Wo ist er?" wollte Lydia Morena sogleich verblüfft wissen.

Auch Gustav Gulbransson wirkte zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Denn etwas gänzlich Unerwartetes war geschehen. Der empfangende und mithin im Rahmen der überschaubaren Möglichkeiten zu verlagernde Manschettenknopf hatte sich in der ausgeklügelten Anordnung nicht, wie vorgesehen, um eine überschaubare Strecke verschoben, sondern er war schlicht und einfach verschwunden.

Beide starrten wie verzweifelt in den Kubus.

"Der erste Manschettenknopf befindet sich noch an seiner ursprünglichen Stelle", bemerkte die Forscherin bezüglich des sachgerecht dort schwebenden Objektes.

"Was war das?" wollte Gulbransson da wissen.

"Was meinst Du, Gustav?"

"Da war doch vorhin, unmittelbar nachdem ich den Strom eingeschaltet habe, ein Klacken. Hast Du nichts vernommen?"

"Die Geräte, bei aller elektronischen Verfeinerung, verursachen manchmal Geräusche", versuchte sie sich in einer Erklärung und ihren Kollegen gleichzeitig zu beschwichtigen.

"Darauf ist es nicht zurückzuführen."

Er blieb beharrlich, begann vielmehr bereits, das Labor – und zwar in aller Kühnheit außerhalb des für die eigentliche Versuchsfolge vorgesehenen Kastens – mit seinen Augen abzusuchen. Und wie von ihm angesteckt, folgte sie seinem Bemühen, um alsbald aufzuschreien.

"Was ist denn?"

"Da liegt er!"

"Wo?"

"Dort drüben!"

Tatsächlich, mit einer den unwahrscheinlichen Umständen geschuldeten Verzögerung sichtete nun auch Gustav Gulbransson das kostbare Schmuckstück, und zwar weit außerhalb des Kastens, dessen Geräusch er beim Niederfallen freilich schon wahrgenommen hatte.

"Wie ist das möglich?"

Der zerstreute und in der Tat überarbeitete Wissenschaftler war wie vor den Kopf geschlagen. Doch vorsichtshalber mit ferngesteuerten Greifzangen barg er sehr wohl das kostbare Stück, welches sich – entgegen allen Erwartungen – etliche Meter neben der Anordnung auf einem der Labortische niedergelassen hatte. Wie es hochgehoben wurde, funkelte es im künstlichen Lichte und zitterte unter der Bewegung selbst noch ein wenig.

Der Professor und Wissenschaftler, seinen Fund mit aller derzeit möglichen Sorgfalt untersuchend, schluckte. "Er hat die soliden strahlenabgeschirmten, mithin nach allem Dafürhalten undurchdringlichen Wände des Kastens überwunden."

Wie er diesen unabweisbaren Tatbestand feststellte, stammelte der Professor ein wenig.

Seine derzeitige Partnernin erwies sich im übrigen als nicht weniger erschrocken denn der Forscher. "Die umfassende Abschirmung dieses Kubus hat also nicht gehalten."

"Noch niemals hat jemand oder etwas diesen Hochsicherheitskasten verlassen", bekräftigte er.

Nun, nachdem sie weitere Gedanken in dieser Hinsicht ausgetauscht hatten, machten sie sich einmal mehr daran, den rätselhaften Sachverhalt mit allen ihnen momentan zur Verfügung stehenden Mitteln zu überprüfen. Währenddessen aber lockten der vermehrte Stromverbrauch sowie die überall wahrnehmbaren, für Uneingeweihte unerklärlichen Spannungsverläufe und nicht zuletzt weitere abträgliche Effekte wie in angrenzenden Räumlichkeiten und abgeschirmten Zellen auftretende Verwischungs- und Verschmierungsspuren andere Mitarbeiter der Station Pluto-B von ihren angrenzenden, oftmals vergeblich abgedichteten Posten. Ausgerechnet Samuel Campbell, der Außenstellenleiter, öffnete vorsichtig die Pforte zu Gulbranssons Labortrakt, um festzustellen, was an Abenteuerlichem sich jetzt schon wieder in diesem abgeschirmten Versuchsbereiche zutrug.

"Sie kommen gerade recht, Samuel", begrüßte Gulbransson ihn hocherfreut und erfrischend in der weltabgewandten Art des echten Wissenschaftlers, der sich weder der sachlichen Bedeutung noch der publizistischen Wirkung seiner großen Entdeckung in vollem Umfange bewußt ist.

Im übrigen sah sich der kühne Forscher nach wie vor von großer Hoffnung, aber auch von einem gewissen Zweifel durchdrungen. So gab er seinem Vorgesetzten einen kurzen Abriß vom zwischenzeitlichen Stand des überaus interessanten, doch durchaus heiklen und weiterhin schwer abschätzbaren Unterfangens.

Nun kannte sich Samuel Campbell, der den Ausführungen seines hervorragenden Mitarbeiters höchst gespannt lauschte, aber nicht mit jeder Einzelheit des kritischen Feldversuches aus, zumal sein eigener derzeitiger Zuständigkeitsbereich auf dem Gebiet der Forschung andere Schwerpunkte einnahm. So zog er sogleich Roy Jenkins, einen Experten auf dem Gebiet der angestrebten sonnenfernen Kälteexperimente, hinzu (dies geschah, während Elisa, Gulbranssons treue Sekretärin, Kaffee in genügenden Mengen hereinbrachte, damit die Fachwelt sich hinreichend besprechen könne).

Jenkins, wie vor den Kopf geschlagen, forderte, die vorliegenden schlüssigen Beweise wägend, gleichwohl ein weiteres Zeugnis der vorgefundenen raumzeitlichen Beschaffenheiten, um welche es sich hierbei eindeutig handeln mußte.

"Woran dachten Sie, Roy?" erkundigte sich Campbell in vorsichtiger Weise.

"Mir schwebt eine Entladung oder Verlagerung in weitere, außerhalb der Station liegende Bereiche und somit außerhalb ihrer schirmenden Wirkung vor", antwortete, mit dem nötigen Maß an Kühnheit gesegnet, dieser.

"Und wie wollen Sie das machen?"

"Hier, sehen Sie diese Synapsen und jene Spulen, dort etliche Feldwirkungsgeneratoren – wenn man sie mit dem Hochgeschwindigkeitsregler verbindet ..."

Kurzum, man nahm diesmal gleich zwei von zurückliegenden Wartungsarbeiten stammende und noch immer in der Ecke verbleibende Stahlträger. Da, wie Gulbransson bemerkte, "die Feldgleichungen immer identisch sind in ihrer Wirkung, egal, welche Objekte Sie nehmen, meine Damen und Herren". Man polarisierte besagte Träger in dem rasch erweiterten Versuchsbehälter und schoß endlich, eben wie vorgesehen, einen von ihnen nach weit außerhalb des Labores. Ja, er verließ sogar die Pluto-Station selbst, mithin ihre Abschirmungsmaßnahmen, wie gewünscht, glänzend überwindend. So gelangte er in den Weltraum, wo er in einer eigenen Umlaufbahn im leeren Raume schwebte, als wolle er auf diese Weise entsprechende Vorgänge für die Zukunft verkünden.

Während sie über die Bildschirme in den Kosmos starrten und dies neu eingetretene Wunder an Bewegungstechnik zu begreifen suchten, faßte Jenkins die bis dahin vorliegende Abfolge der Experimente zusammen.

"Also, wir haben", eröffnete er, sich selbstgefällig einbeziehend, "unabhängig von den angestrebten Plänen, Partikel von unterschiedlicher Größe durch ein Schwingungsfeld in dem Glaszylinder befördert, ohne je eine nachvollziehbare Spur zu hinterlassen. Ist das richtig?"

"Das ist richtig", bestätigte der führende Wissenschaftler. "Selbst Körper von beträchtlichem Ausmaß ließen sich auch außerhalb der ursprünglichen Versuchsglocke mittels des Resonanzfeldes ohne merkliche Verzögerung augenblicklich bewegen."

"Also instantan, als ob keinerlei Strecke zwischen den beiden Bewegungspunkten läge?"

"Genau so, Herr Kollege."

Und Lydia Morena, sie war ja als erste mit dabei gewesen, bekräftigte dies, beifällig nickend. Sie starrten wieder auf den nicht nur schweigend, sondern geradezu herausfordernd kreisenden Stahlträger dort draußen.

"Mel, wie würden Sie das deuten?" fragte Jenkins dann seinerseits zu einer anderen, im Ringfunkverkehr ebenfalls angeschlossenen Sektion hinüber.

"Das ganze Verfahren ist mit einem hohen Aufwand an Energie und Kraft verbunden?" erkundigte sich Mel Brauer, ein Fachmann auf dem Gebiet der Hochenergiephysik.

"So ist es", bestätigte Campbell, nun seinerseits wieder das Wort ergreifend (das, der hohe Energieaufwand, war es ja, was ihn hierher gerufen hatte).

Mel Brauer sann für eine kurze Weile nach. Dann gab er sich sichtlich einen Ruck.

"Das läßt sich ohne Wellenbewegung im Raum-Zeit-Spektrum nicht begründen", erklärte er dann.

Damit fiel dieser entscheidende Hinweis zum ersten Male, wie Gulbransson und seine Kollegin ihn erhofft oder vielleicht gar befürchtet hatten.

"Und wie sollten wir das, Ihrer Meinung nach, überprüfen, Mel?" wollte der sichtlich angestrengte Entdecker des Phänomenes dann wissen.

"Schauen Sie einmal, ob Sie in der Feinauflösung auf den Hochanalysebildern nicht eine geringe unterschwellige Wellenbewegung ermitteln", empfahl dieser.

Abermals, das wahre Geschehen zu dokumentieren, wurde das Hochgeschwindigkeitsmodell aufgerufen. Und tatsächlich, wie man die mit der Schnellbildkamera aufgenommenen Eindrücke nach mehreren vergeblichen Versuchen mittlerweile unter Ultralichtdämpfung in äußerster Zeitverzögerung abspielte, verzeichnete sich eine Kräuselung eben von der Art, wie Mel Brauer sie erwähnte.

"Was hat das, Ihrer Einschätzung nach, zu bedeuten, Mel?" wollte Samuel Campbell daraufhin wissen.

Der Fachmann für Hochenergiephysik, Gulbransson anstarrend, wagte sich zu Recht, wie sich später herausstellen sollte, weit vor. "Sie haben in die Raumzeitstruktur des Feldausschnittes eingegriffen."

"Was heißt das?" beharrte der Chef der Station.

Mel Brauer wandte sich ihm wieder über den Bildschirm zu. "Das bedeutet, daß die Energie in eine andere Abstufung der uns geläufigen Dimensionen abfließt, Chef."

"Man hat über die Wellenbewegung in das Raum-Zeit-System eingegriffen?" wiederholte Campbell.

"So in etwa."

Allmählich dämmerte den Anwesenden, Elisa sowie zusätzlich allen, die dies über die Rundspruchverbindung verfolgten, die ungeheure Bedeutung des Vorgetragenen. Abgesehen vom im eigentlichen, von Gulbransson benutzten Versuchslabor tätigen Personal, handelte es sich dabei immerhin um mehrere Dutzend hochqualifizierter, auch auf solchen Spezialgebieten beschlagener Leute (Assistenzpersonal und andere nicht gerechnet). Denn mittlerweile waren in die Ringschleife praktisch alle einschlägigen Forscherinnen und Spezialisten eingebunden.

"Sie meinen damit, wir haben auf Grund der günstigen Bedingungen unseres hier draußen weit abgelegenen Postens womöglich eine Brücke geschlagen, wie man Teile des Raumes außerhalb der üblichen Ordnung überwindet?" wollte Campbell, äußerst vorsichtig formulierend, wissen.

"So muß es nach allem bislang vorliegendem spärlichen Informationsmaterial sein", erwiderte Brauer.

"Und was denken Sie, Gustav?" wollte Campbell dann vom eigentlichen Urheber dieses entscheidenden Verfahrens wissen.

Dieser, der inzwischen nachgedacht hatte, lächelte dünn.

"Die Brücke zu den Sternen ist eröffnet", verkündete er unumwunden.

Samuel Campbell – womöglich wegen soviel Unverfrorenheit – lachte.

"Aber wenn dem so wäre", vermutete der Leiter des Außenpostens schließlich hoffnungsvoll, doch mit gehöriger Vorsicht, "so sind die zukünftigen Folgen des Fluges der Manschettenknöpfe unseres verehrten Herrn Kollegen", er verneigte sich vor Gustav Gulbransson, aber auch vor der Morena in gehöriger Weise, "namentlich etwa für die Raumfahrt, überhaupt noch nicht abzusehen."

Dann, sich bereits mit den näheren Einzelheiten des zukünftigen Großprojektes beschäftigend, wurde er wieder sachlich.

"Dem liegen die vor Ort derzeit offenbar herrschenden günstigen Bedingungen zugrunde?" erkundigte er sich nochmals ausdrücklich bei Gulbransson.

"Die höchst effektive Abschirmung vom Sonnenwind sowie andere, der Abgeschlossenheit des Postens geschuldete Verhältnisse deuten entschieden auf diesen Umstand hin", gab Gulbransson geradezu demutsvoll zur Antwort.

"Aber das entsprechende Vorgehen beansprucht ein Übermaß an Energie", sann der Stationsleiter weiter, als arbeite er bereits am Rechenschaftsbericht den Erdbehörden gegenüber.

Der Wissenschaftler, sich über den spärlichen Haarwuchs streichend, erschrak ein wenig (denn mit einem Mal sah er die Weiterentwicklung seines sich abzeichnenden Projektes gefährdet). "So ist es."

Darum leckte er sich über die Lippen, nahm sich kraftvoll zusammen und gab sogleich zu bedenken: "Wir sollten auf dem eingeschlagenen Wege fortfahren, solange die Bedingungen so günstig sind. Meinen Sie nicht, Samuel?"

"Ja, natürlich." Campbell nickte in voller Übereinstimmung. "Wir halten schnellstmöglich Rücksprache mit der Erde bezüglich der Energiezuführung, machen uns aber zunächst unabhängig von ihr. Denn dies würde eine stundenlange Verzögerung mit sich bringen. Wer weiß schon, wann die noch näher zu bestimmenden Umstände für das Experiment je wieder in solch einzigartiger Weise zusammentreffen werden."

Die ausdrückliche Genehmigung von der Erde, alle Umstände betreffend, sollte zu dem der Entfernung geschuldeten, erwartet späteren Zeitpunkt gewiß eintreffen. Gleichwohl wurde die Versuchsanordnung dieser folgenreichen Januartage des Jahres 2117 – nunmehr unter Mitwirkung der gesamten Belegschaft, die alle anderen Projekte vorerst ruhen ließ – auf Veranlassung Samuel Campbells also mit großer Entschiedenheit wieder aufgenommen.

 

*

 

"Was ist das?" wollte Jenkins im Verlauf dieser Arbeiten einige Tage später neugierig wissen.

Gleich mehrere Köpfe beugten sich über den mittlerweile ganz neu eingerichteten Schacht, durch welchen die Energieströme nunmehr in einer erweiterten und höchst ausgeklügelten Anlage, freilich genau meßbar, flossen (die Manschettenknöpfe von Professor Gulbransson, hätte man meinen können, oder gar die Stahlträger waren längst vergessen).

"Das klingt wie ein dumpfes Rauschen", murmelte Lydia Morena, stärker als vorher in das Projekt eingebunden, mit leicht unschuldigem Augenaufschlag.

"Oder wie die Verzerrung hypersonarer Schwingung", versetzte Mel Brauer.

"Meinst Du?"

"Das Objekt ist jedenfalls verschwunden", erklärte Gulbransson bezüglich der beträchtlichen Stahlkugel ernüchtert, welche sie eigentlich durch besagte Röhre eine fest umrissene Strecke hatten schicken wollen.

"Verschwunden? Unmöglich!" rief der Meßtechniker William Dubroyle aus.

"Können Sie die dem zugrunde liegende Raumstruktur ermitteln, William?" fragte Campbell eben diesen.

"Wir wollen unser Bestes versuchen", antwortete der Meßtechniker kopfschüttelnd.

Im Handumdrehen zog er, unterstützt von seinen Mitarbeitern, die bereits vielbenutzten elektromagnetischen Periskope, aber auch die herkömmlichen, suprastrukturell ausgerichteten geometrischen Winkel- und Richtungsmesser hervor. Darunter befand sich auch ein Lichtbrecher, ein Gerät also, das dazu diente, Bruchkanten oder verschmierte Undichtigkeiten im Energiehaushalt aufzuspüren, indem es den einwandfrei ermittelten Verfließgeschwindigkeiten des Vorlagemusters folgte. Denn man wußte schon seit längerem, daß Energie an bestimmten Knotenpunkten des Raum-Zeit-Gefüges abzubrechen oder in irgend einer Weise zu versickern pflegte, ohne daß man sich diesen Vorgang bis dahin auch nur im geringsten hätte erklären können.

"Und?" fragte der Stationsleiter, ungeduldig werdend, während William Dubroyle nach wie vor über die raffinierte Optik eines seiner Geräte in das geheimnisvolle Innere eines sich in den Dimensionen verlierenden Schachtes starrte.

"Sehen Sie selber, bitte", beschied der Meßtechniker, der sein Okular herabnahm.

Jetzt oblag es Campbell, in eine äußerst nahe und doch so seltsam ferne Welt zu spähen, wo sich alle gewohnten Ansichten merkwürdig verschoben und über welcher sich doch gerade der wirkliche Aufbau des kosmischen Gefüges bestimmte. Mit wenigen Handgriffen gelang es den Experten, das einschlägig ermittelte Bild auch allen anderen Beteiligten zur Verfügung zu stellen. Spektrometrische Messungen nämlich warfen nun den von Campbell erlangten Eindruck sogleich zusätzlich auf einen rasch hinzugezogenen Monitor.

"Wofür würden Sie das halten?" verlangte Campbell geradezu atemlos zu wissen, während er begierig, aber doch ratlos über die ihm von Dubroyle zugewiesenen Lichtpunkte tippte und mittels Leuchtdioden mehr Schärfe und somit mehr Kenntnis über das dort – nahbei – verborgene Unbekannte herauszuholen suchte.

"Es handelt sich um Krümmungen und Linien auf dem Schirme", äußerte sich Lydia Morena erklärungshalber, die sich in der Gruppe vor der improvisierten Leinwand drängte.

"Das wirkt wie gewaltige, erstarrte Meeresbrandung, wenn nicht alles täuscht", erklärte Campbell zögernd.

"Wellenschlag in der Tiefe des Raumes?" Elisa, die Sekretärin, die sich ob des beträchtlichen Spektakels ihre Anwesenheit nicht nehmen ließ, wollte es nicht glauben.

"Der Raum ist dort wahrnehmbar gekrümmt", bekräftigte Campbell mit roten Ohren und gab Dubroyle das Okular wie entrüstet zurück.

Dieser reichte es an Gulbransson weiter, also wiederum dem eigentlichen Entdecker des Ganzen, auf dessen Urteil jetzt nicht nur die Fachwelt brannte. Gulbransson selbst, wie geschäftsmäßig, warf nur einen äußerst knappen Blick durch die zur Erzielung von überragenden Ergebnissen gestaltete Optik. Er, der jetzt wieder ganz ruhig wirkte, schien von allen am wenigsten überrascht.

"Dort in der Tiefe des Raumes", stellte der Professor, ohne zu zögern, fest, "an seinen raumzeitlichen Verbindungsstellen, toben gewaltige Stürme."

Die allermeisten hatten noch gar nicht richtig aufgefaßt, was er vortrug.

"Das sieht wie ein Schwingungsprozeß aus", versuchte sich Mel Brauer, der Hochenergiephysiker, mit einer Erklärung.

"Und was folgern Sie daraus, Mel?" wollte der Stationsleiter von ihm wissen, dem allerdings die von Gulbransson angeführten interkosmischen Stürme nachhaltig durch den Kopf glitten.

"Ein solcher Vorgang schaukelt sich leicht auf, Chef."

"Er kann sich selbständig machen?"

"So ist es, Chef."

"Und darin ist unser letztes Objekt verschwunden?"

"So sieht es aus, Chef."

"Chef", meldete sich Dubroyle.

"William?" Der Stationsleiter wandte sich zu seinem Meßtechniker um.

"Die Meiler sind unruhig, Chef", erklärte dieser, auf die Anzeigetafeln verweisend, welche die anderen allerdings auch bemerkt hatten.

"Es sieht aus", fügte er hinzu, "als ob sie bald durchbrennen würden."

"Die Aktivität in den Konvertern nimmt seit Öffnung des Schachtes zu", bemerkte Lydia Morena.

"Ja, dafür sind sie ja da", erwidert Campbell, denn jeder wußte, daß die entsprechenden Anlagen eben den Strom zur Aufrechterhaltung des künstlichen Tunnels lieferten.

"Mir scheint indes, sie haben sich einigermaßen selbständig gemacht."

"Wirklich?"

Samuel Campbell also, der zweifellos auch über dieses erforderliche Fachwissen verfügte, überprüfte in sachkundiger Weise sogleich eigenhändig die Kontrollschalter, das Instrumentenbrett sowie vornehmlich die mittlerweile verdächtigen Lichttabellen.

"Die Beanspruchung hält sich in Grenzen", stellte er dann fest.

"Kein Grund zur Notabschaltung?"

"Nein, der Hauptregler dürfte sich vor dieser Beanspruchung hinsichtlich des Schachtes jedenfalls mühelos behaupten."

Da stand sie nun, die ganze Gruppe atemloser Forscherinnen und Experten, und starrte in eine seltsam verschlungene Tiefe, wie sie aus den Experimenten mit korrespondierenden Materieteilchen wie etwa Manschettenknöpfen hervorgegangen war und wie sie bis dahin noch niemand zuvor betrachtet hatte. Die zu diesen Zwecken jetzt aufgebotene Stahlkugel indes blieb zumindest vorerst verschwunden.

"Das da drin stellt die Dimension dar, welche die Welt im Innersten verbindet", gab Gulbransson endlich hinsichtlich dessen, was sie alle beschäftigte, ungerührt Auskunft.

Er wies in den künstlichen Schacht hinunter, und selbst im Ansatz schon schien sich sein Arm auf einmal wie in einem Zerrspiegel zu verkürzen.

"Chef", meldete sich da abermals Dubroyle.

"William?"

Der Meßtechniker bezog sich auf den von Gulbransson vorgebrachten Gedanken. "Der Sturm da drinnen ..."

"Ja?"

"Ob wir ihn mit unserem Zugriff nicht selbst ausgelöst haben?"

"Wir haben eine Stahlkugel hindurch geleitet."

"Ja, eben. Doch da, sehen Sie bitte, die Masseschreiber, sie regen sich unaufhörlich."

"Tatsächlich."

Die feinen Nadeln, das wußten wiederum alle, bezeichneten mit ihrem dünnen Ausschlag den Verbleib des entsprechenden stählernen Teilchens.

"Sie befinden sich in erheblicher Unruhe."

"Diese Erscheinung dürfte, wie so alles, wohl kaum aus dem Nichts kommen."

"Also?"

Sie zögerten wieder fast alle. Freilich, nur einer muß die doch im Grunde einfachen, auf der Hand liegenden Tatsachen aussprechen - dann begreift es plötzlich jeder. Gulbransson hatte anscheinend nur darauf gewartet.

"Das Partikel und die Unruhe dort drinnen, sie beeinflussen sich gegenseitig", erklärte er nämlich. "Enorme Spannweiten beherrschen die innere, von uns unzureichend erschlossene Zone."

"Sie meinen die Stürme da drinnen?"

"Wenn das Partikel dort" – Gulbransson wies in den langen, gekrümmten Schacht hinunter – „verschwindet und sich infolge seiner Bewegung hier drinnen elektronische Stürme regen, so muß es doch möglich sein, im Umkehreffekt genau das Gegenteil herbeizuführen."

"Und wie, bitte, stellen Sie sich das vor, Herr Kollege?"

Gulbransson lächelte dünn. "Über die Elektrostatik."

"Und wie genau, bitte?"

"Wir ernten die elektrostatischen Effekte auf Grund der Vorgänge dort drinnen. Entsprechend wirken wir elektrostatisch von außen nach innen."

"Das klingt logisch." Samuel Campbell wirkte regelrecht erschrocken ob der unglaublichen, ihnen hier wie nebenbei dargebotenen Vision.

"Schon mit dem geringsten Zugriff durchmessen wir beträchtliche Strecken", fuhr Gulbransson fort, anscheinend schon in der konkreten Projektplanung begriffen.

"Und?"

"Damit setzen wir zugleich enorme Kräfte in Bewegung."

"Und welche Mittel", Campbell leckte sich die Lippen, "gedenken Sie dafür einzusetzen?"

"Ah, die Mittel." Der Professor selbst zeigte sich nur für einen kurzen Augenblick verlegen. "Hier, diese Hydro-Spulen. Dort, die überzähligen Akkumulatoren. Überhaupt alles, was Feldfluß und elektrostatische Spannung erzeugt."

Der Stationsleiter, dies ohne weiteres einsehend, winkte sogleich besonders für solche unmittelbaren Aufgaben ausgebildete Fachkräfte herbei. Diese machten sich daran, das bezeichnete Material und andere derzeit brachliegende Reserven in das weiter kurz umrissene Projekt direkter Einflußnahme auf den substellaren Sektor einzubauen. Auf Grund der Einfachheit des Vorschlags, aber auch wegen der längst stattgefundenen Feldversuche stellte es tatsächlich das Werk bloß von wenigen Minuten dar, alles für den allerdings höchst kühnen Eingriff in den nach wie vor offenen Schacht vorzubereiten.

"Können wir beginnen?"

"Alles fertig."

"Was, genau, haben Sie als erstes vor, Gustav? Ich darf Sie doch Gustav nennen?"

"Gerne, Sam. Ich gedenke die Stromzufuhr zu erhöhen."

"Das dürfte aber ein ganz schönes Gewitter ergeben. Meinen Sie nicht?"

"Das soll es ja, Chef."

"Haben Sie Schutzbrillen dafür vorgesehen, Gustav?"

"Schutzbrillen wären nützlich."

Die entsprechenden Besorgungen waren schnell erledigt, und wenige Momente später starrten sie alle – wohlbewahrt – auf einen Schacht, dessen Ränder schon nach dem ersten Hebeldruck in hellen Flammen brannten.

"Gustav?"

"Das reicht nicht, Chef."

"Was meinen Sie?"

"Mehr Energie, Chef!"

"Meinetwegen."

Gulbransson, wie gewünscht, führte also noch mehr Energie zu, und alle Gegenstände im Umkreis der hyperstrukturellen Röhre wirkten jetzt wie negative Abziehbilder eines seltsam befremdlichen, höchst gewagten Fotoexperimentes.

"Mehr Energie", flüsterte, unersättlich, abermals vom Forscher- oder gar Schöpferdrang überkommen, der Professor.

Und mehr Energie strahlte in gleißenden Strömen in die sich weitende Röhre, und von den nächststehenden Personen, den Professor inbegriffen, erkannte man nun selbst die Knochen unter einer völlig verschwindenden Schutzkleidung.

"Hören Sie das?"

Sie alle lauschten gebannt in den Schacht hinunter und auf das Toben und Tosen, welches von dort heraufdrang. Gustav Gulbransson beugte sich geradezu tollkühn ganz nach vorne, ungeachtet der Gefahr, selbst in den neu erschlossenen Abgrund hinabzustürzen.

"Da ist sie ja", verkündete er dann mit entzückter Miene.

"Was meinen Sie, Gustav?"

"Die verirrte Kugel, Chef!"

Tatsächlich, energetisch gehalten, schwebte besagtes Objekt nun dort unten im inneren Ring des Schachtes.

"Professor?"

"Chef?"

"Können Sie das Objekt bergen?"

"Ich will es versuchen."

Und wirklich, unter Aufbietung erheblicher Geschicklichkeit sowie einer weiteren gesteigerten Stromdosierung gelang es, den entsprechenden Gegenstand langsam und stetig aus den sturmdurchtosten Tiefen abzuziehen und ganz vorsichtig an die Oberfläche zu hieven, bis der Professor ihn bald stolz in der Hand hielt, um ihn sogleich im ganzen nach wie vor hell überstrahlten Labor herumzuzeigen.

"Was war das?" fragte, einen unendlich tiefen Seufzer ausstoßend, Campbell, während man den Stromdurchfluß und mithin das Licht auf den Ausgangswert zurückführte.

"Bewegung in den tiefer liegenden substellaren Zwischenzonen des Weltalls", antwortete der Professor, dabei mehr als nur Durchblick auf die kommende vielversprechende Entwicklung verratend.

"Sie meinen, wir können Objekte, unter Zuhilfenahme dieser Zonen, ähnlich der Stahlkugel, einfach so von Ort zu Ort befördern?"

"Im Prinzip ja", erwiderte der Professor, nach wie vor den allerersten derart gezielt bewegten Gegenstand stolz und erwartungsvoll in die Höhe reckend.

Und im Grunde war damit tatsächlich – wenn auch auf schlichte Weise – die substellare Raumfahrt begründet.

 

 

II.

 

 

Jahre später gaben Professor Maximilian Stein und sein Assistent Gerhard Schwarz vom Institut für substellare Forschung, Bremen, ein Interview gegenüber dem Hamburger Morgenjournal zu diesem Thema. Der einschlägige Forschungskomplex hatte sich nämlich binnen kurzer Zeit in rasantem Tempo weiter entwickelt. Und nicht nur einen zunehmend ausgedehnteren, damit in besonderer Weise befaßten Personenkreis betraf dieser Vorgang, sondern weite Bevölkerungskreise stellten insofern die immer gleichen Fragen. Wie die Einsteinsche Entdeckung der Relativität der physikalischen Welt damals, etwa ab 1905, die Weltöffentlichkeit und Presse in beträchtlichem Ausmaß beschäftigte, so nahm nun die neugewonnene Erkenntnis der substellaren Zonen und ihre praktische Verwertbarkeit in den Köpfen der Leute fortlaufend breiteren Raum ein.

Elisabeth Volkmann vom Journal wechselte einen Blick mit ihrem Kollegen Friedrich Brunner, und ergriff also mit seiner Zustimmung als erste das Wort.

"Unsere Leser haben einige Fragen zu den Forschungen bezüglich des Zwischenraumes und den entsprechenden Fortschritten, die Sie, verehrte Herren, auf diesem Gebiete laufend erzielen", eröffnete sie darum.

Beide Journalisten hatten sich, Schreibblöcke und Stenostifte in den Händen, in den Sesseln gegenüber dem Fachpersonal niedergelassen, während gleich zwei digitale Aufnahmegeräte neben ihnen schier lautlos summten.

"Zu viel der Ehre, verehrte Dame", wies der Professor – indes durchaus geschmeichelt – zurück, der seinen Blick leicht irritiert von Friedrich Brunner abwandte. "Doch welche Themenbereiche aus der Palette des inzwischen erlangten umfangreichen Wissens auf diesem Gebiete bewegen Ihr Publikum insbesondere, bitte?"

Maximilian Stein, zweifellos bewandert auf all den angedeuteten Gebieten, nahm eine Zigarette aus der eleganten Schatulle auf dem Schreibtisch vor sich und klopfte, den losen Tabak zu entfernen, ihr eines Ende gegen den Deckel. Auf den leicht tadelnden Blick der Reporterin wanderte sein Blick wieder von einem Journalisten zum andern.

"Sie gestatten, daß ich rauche?" erkundigte er sich dann.

Elisabeth Volkmann war eigentlich Nichtraucherin, doch sie gedachte die sich möglicherweise gut anbahnende Unterredung nicht gleich am Anfang zu beeinträchtigen.

"Bitte, gerne, Herr Professor", erwiderte sie darum.

"Danke", brummte Stein, einen Diener andeutend.

"Nun, Herr Professor", begann die Volkmann, und ihre blauen Augen blitzten, "zunächst sei erwähnt, es stoßen immer wieder neue Leser zu unserem großen Kundenkreis hinzu, oft auch junge Leute, die gerne mehr über die von Ihnen und Ihrem Institut geförderten Projekte in Erfahrung bringen möchten."

"Das freut uns selbstredend."

"Der Gesamtzusammenhang der substellaren Beziehungen ist vielen unserer treuen Leser noch nicht klar geworden", warf Friedrich Brunner ein.

Und er überprüfte nochmals die Aufnahmefähigkeit eines der Recorder.

"Wir verstehen Sie doch richtig", sagte sogleich die Volkmann und tippte mit der Spitze des Schreibers nachdrücklich auf den Block, "wir sprechen hierbei grundlegend von einer Raumkrümmung, ganz ähnlich jener, wie Albert Einstein sie schon vor längerer Zeit beschrieben hat, und zwar von einer solchen, die menschlichem Zugriff bald nutzbar sein wird."

"Das, was Albert Einstein entfernt andeutete", erwiderte der Professor, "nämlich, daß andere Zusammenhänge im Weltraum bestehen, als wir oberflächlich wahrnehmen, ist seit den entscheidenden Experimenten auf Pluto-B unwiderruflich bestätigt."

"Die Raumkrümmung ist eine Tatsache", warf sein Assistent Schwarz ein, "derer wir uns bereits in erheblichem Ausmaß bedienen. Ich darf zur gefälligen Kenntnisnahme darauf hinweisen, daß Theorie und Praxis stets untrennbar zusammenhängen."

"Wenn Sie also etwas theoretisch Begründetes finden, so werden Sie immer etwas Konkretes daraus machen?" fragte Friedrich Brunner lächelnd, leicht über seinen gepflegten Oberlippenbart streichend.

"Das wollte ich damit zu verstehen geben", bestätigte der Assistent.

"Nun gut", die Volkmann, die Lippen spitzend, ergriff wieder das Wort, "die Türe zu den substellaren Bereichen öffnet sich also. Es wurde sogar für Europa und Deutschland ein Institut gegründet, nicht das einzige auf der Welt ..."

"Unseres ..." Nicht gerade geringer Stolz sprach aus den von beiden Herren ganz ohne Absprache gleichzeitig geäußerten Worten.

"Ihres ..." Die Journalistin stimmte gerne zu. "Das heißt, wir gewärtigen ein höchst umfängliches Forschen und Treiben, an dem sich über die berufenen Spezialisten hinaus auch Astronomen, Physiker, Chemiker und etliche andere Wissenschaftler aller möglichen Fachrichtungen beteiligen."

"Dieser für die Zukunft und für die theoretische Erkenntnis immens bedeutungsvolle Bereich hat alle, die auch nur entfernt damit zu tun haben könnten, ergriffen."

"Bevor wir auf Einzelheiten näher eingehen", erklärte Friedrich Brunner, "jedenfalls, soweit dieselben die Öffentlichkeit berühren, bitten wir Sie, unseren Lesern nochmals die Grundlagen des Ganzen in einfacher, sinnvoller Weise zu erklären."

"Gerne", willigte Professor Stein ein, der sich zu diesem Zwecke allerdings eine neue Zigarette anzünden mußte.

"Wesentlich für unser mangelhaftes Verständnis dieser Zusammenhänge ist die falsche Vorstellung", eröffnete er dann, "daß der Raum des Universums glatt und gleichförmig sei."

"So, wie er uns in der Tat auf den erste Blick aber vorkommt?" erkundigte sich die Volkmann.

"So, wie wir ihn jedenfalls oberflächlich betrachten." Maximilian Stein nickte. "Man darf sich aber vom äußerlichen Augenmerk nicht täuschen lassen."

"Sie meinen", sagte Brunner, ungeachtet der laufenden Geräte sich in Kurzschrift bereits ein paar Notizen auf den eigenen Block werfend, "das kann man mit der Erde, unserem Planeten, vergleichen, der uns auf den ersten Eindruck in der näheren Umgebung ja ebenfalls stets als flach vorkommt, der in Wirklichkeit aber, wie alle seit Jahrhunderten hinreichend wissen, gekrümmt ist?"

"In der Tat." Der Professor nickte. "Das, was einem als selbstverständlich vorkommt, kann ausgesprochen täuschen. Bedenken Sie bloß, unsere Erde dreht sich binnen vierundzwanzig Stunden einmal um ihre Achse. Und wir, an ihrer Oberfläche haftend, drehen uns mit ihr. Das ist eine Geschwindigkeit von nahezu zweitausend Kilometern pro Stunde, mit der sich unser Planet bewegt und mit der er uns alle ganz selbstverständlich mitnimmt, also ein atemberaubendes Tempo, und wir verspüren doch nicht das geringste davon."

"Der Fahrtwind pfeift uns jedenfalls nicht um die Ohren", versetzte heiter sein Assistent, "da die Erde nicht nur uns, sondern auch die Atmosphäre mitnimmt."

"Das verstehen unsere Leser", sagte die Volkmann. "So, wie die Erde sich krümmt, so ist auch der Weltraum gekrümmt?"

"So ist es, nur eine Dimension höher, das wurde bereits zu Einsteins Zeiten nachgewiesen."

"Wodurch, bitte?"

"Anhand von Lichtstrahlen, die an unserer eigenen Sonne nicht geradlinig vorüberlaufen, wie man es eigentlich erwarten sollte, sondern die in ihrem Umkreis knicken."

"Die Schwerkraft, hervorgerufen durch die Massen, erzeugt demnach die Krümmung des Raumes?" fragte Friedrich Brunner, der sich, wie man bemerkte, ebenso nachhaltig wie seine Kollegin auf das auch für sie persönlich wichtige Gespräch vorbereitet hatte.

"Genau so ist es."

"Woraus folgt, daß der gesamte gewaltige Weltraum nicht unendlich groß ist, nicht beliebig ins Nichts hinausläuft, sondern daß er sich auf Grund der ihn beherrschenden Schwereverhältnisse letztlich in sich selbst zurückkrümmt?" wollte die Journalistin wissen und stieß mit ihrem Schreibstift in Richtung des Professors.

"Genau so ist es, verehrte Dame." Der Professor gönnte ihr nunmehr einen durchaus respektvollen Blick (und sich selbst eine weitere Zigarette).

"Mit der Folge, daß, würde man mit einem Superraumschiff immerzu scheinbar geradeaus fliegen, man zwangsläufig auf Grund der übergreifenden Krümmung an den Ort zurückkehren müßte, von dem man abflog?"

"Ja, verehrte Dame, nur von hinten."

"Selbstverständlich, nur von hinten."

"Das ist ähnlich wie auf der Erde", erklärte Schwarz.

"Inwiefern, bitte?"

"Wenn wir uns auf unserem Planeten über Land und Wasser immerzu geradeaus bewegen, so werden wir, nachdem wir etwa vierzigtausend Kilometer zurückgelegt haben, genau an dem Ort eintreffen, von dem wir aufgebrochen sind. Nur von hinten."

"Diese Krümmung macht sich nun die Raumfahrt zunutze?" fragte Friedrich Brunner, während seine Kollegin sich an einem der Digitalrecorder zu schaffen machte.

"So ist es."

"Sind Sie so freundlich, unseren Leserinnen und Lesern das näher zu erläutern?" bat die Volkmann, die das Problem mit dem Aufnahmegerät schnell löste.

"Man vergleiche dies wiederum mit der Erde", erklärte der Professor.

"Inwiefern, bitte?"

"Die Erde ist eine Kugel."

"Ja, gewiß."

"Das bedeutet, daß man Entfernungen, welche man auf ihrer Oberfläche zurücklegt, jedenfalls theoretisch abkürzen kann."

"Ach." Beide Reporter lachten.

"Indem man sich durchs Erdinnere bewegt und somit abkürzt?" erkundigte sich angelegentlich Brunner.

"Darum geht es in dieser schlichten Überlegung", brummte Schwarz. "Wenn Sie den Oberflächenweg zum gegenüberliegenden Erdpunkt verfolgen, durchmessen Sie etwa zwanzigtausend Kilometer. Einverstanden?"

"Einverstanden."

"Wenn Sie hingegen zu dieser gegenüberliegenden Stelle durchs Erdinnere stechen, verkürzt sich diese Strecke auf weniger als sechstausendvierhundert Kilometer."

"Gut, einverstanden", bestätigte die Volkmann, bereits den entscheidenden Umstand ins Gespräch bringend. "Diese Erklärung der Abkürzung unter Ausnutzung mehrerer Dimensionen werden sich unsere Leserinnen und Leser leicht vorstellen können."

Der Professor nickte eifrig. "Hinsichtlich der substellaren Zonen erwähnten wir schon, daß der Raum gekrümmt ist."

"So wie die Erde."

"In der Tat", er hatte seine derzeitige Zigarette vergessen, deren Glut ihm auf die Hose fiel, "also läßt sich auch insofern zur Verbindung von einer Raumstelle zur anderen eine geeignete Abkürzung nutzen."

"Nun bedeutet ein solcher Durchstich durch die Erde, falls man ihn denn überhaupt begänne, ein technisch unerhörtes Unterfangen, dem ein Geländegewinn von nur geringem Umfang gegenüberstünde", gab Friedrich Brunner zu bedenken.

"Die Verhältnisse liegen im Weltraum sowie in den substellaren Dimensionen etwas anders", erklärte Schwarz, während sein Vorgesetzter mit seiner Hose kämpfte.

"Inwiefern denn?"

"Man stelle sich die dortigen Verhältnisse wie ein zusammengeschobenes Tischtuch vor", sagte, erleichtert aufatmend, der Professor (er hatte sein Beinkleid endlich gesäubert und sich unverzüglich eine weitere Zigarette angesteckt).

"Ah, Sie meinen ein solches, welches sich bei diesem Vorgang der Raffung faltet?"

"So ist es, Verehrte. Wenn Sie ein glattes weißes Tischtuch vor sich legen, so entspricht seine Oberfläche in einer bestimmten Ausdehnung vielleicht zwei, drei Meter."

"Und wenn ich dieses zusammenschiebe, so liegen sich also die eben noch drei Meter voneinander entfernten Eckpunkte nunmehr genau gegenüber, weil sie sich beim gerafften Tuche jetzt nahezu berühren?"

"So ist es. Und eine Strecke von zuvor drei Metern verkürzt sich unter der Hand auf wenige Zentimeter oder gar Millimeter, und ich vermag mit einer hinreichend spitzen Nadel auf kürzestem Wege durch beide Tuchteile zu stechen."

Elisabeth Volkmann schürzte die Lippen. "Und diese Nadel ist ein den substellaren Raum durchmessendes Vehikel?"

"So ist es."

"Diese Art, große Strecken im Weltraum mit Hilfe der substellaren Dimensionen verkürzt zurückzulegen, klingt überzeugend."

"Danke, Madam."

"Indes", der Schreibstift der Journalistin stockte, "wie genau, bitte, stechen Sie mit Hilfe des Raumschiffs in die Zwischenzonen hinein oder durch sie hindurch?"

"Dafür", erwiderte Maximilian Stein, "ist eine beträchtliche Verformung des Raumes beziehungsweise die zugehörige Energie zur Beschleunigung des Raumschiffes erforderlich."

"Der Raum verschiebt sich, und das Fahrzeug taucht an die substellare Position?"

"So in etwa."

"Aber wie macht man das, den Raum zu verschieben, wie Sie, verehrter Herr Professor, es nennen?"

"Wie die natürlichen Kräfte es beginnen."

"Sie meinen, nach dem, was wir vorhin hörten, die Sonne?"

"So ist es."

"Die Sonne krümmt den Raum?"

"So ist es."

"Und dort, wo die Krümmung sich findet – also in der Nähe solch massereicher Körper – gelangen wir auch zu der Eintrittsstelle?"

"So ist es."

"Aber, wenn Sie gestatten", warf Friedrich Brunner ein, "die ursprünglichen Experimente, welche zu diesen überraschenden Ergebnissen führten, wurden doch sonnenfern – auf Pluto-B – durchgeführt. Wie erklärt man das unseren Lesern?"

"Ein Eintritt in die substellaren Bereiche ist unter Aufwendung der gehörigen Energie überall möglich."

"Sie bilden also den maßgeblichen Einfluß der Sonne auf das Raumgefüge unter Einsatz geeigneter Mittel einfach nach?"

"So ist es."

"Und welche Mittel, bitte nochmals, sind es, welche Sie bei einem Raumschiff aufbieten müssen, sollte dieses sonnenfern in den Zwischenraum eindringen wollen?"

"Energie und daraus sich ergebende Beschleunigung."

"Also eine an die Grenzen des Leistungsvermögens gesteigerte Beschleunigung ist es, welche einen solchen substellaren Eintritt erst ermöglicht?"

"So ist es."

"Ich habe gelesen", versetzte die Volkmann, "der Raum zerreiße an der Stelle, wo der höchste Energiewert des Raumschiffs erreicht wird. Stimmt das, Herr Professor?"

Maximilian Stein, sich wiederum eine Zigarette anzündend, hüstelte ein wenig.

"Er reißt gewissermaßen auf", räumte er dann ein.

"Ist das nicht unheimlich, wenn der normale Raum – vor uns – aufreißt, sich öffnet? Und wozu dann? Wohin werden wir anschließend gelangen?"

"Das ist, wie wenn sich die Tür zu einem neuen, Ihnen bis dahin unbekannten Raume aufschließt."

"In welchem alles komprimiert ist?"

"Ja, in welchem sich jegliches verdichtet, Sie und Ihr Raumschiff inbegriffen, jedoch ohne daß Sie davon wirklich etwas bemerken."

"Das ist ja geradezu unheimlich", versetzte, regelrecht empört, die Journalistin.

"Neue Dinge wirken immer befremdlich, bis man sie erlebt hat. Dann werden sie im übrigen bald langweilig und gewöhnlich."

"Besteht nicht die Gefahr, sich dort, im Zwischenraume, zu verirren?"

"Es sind viele Risiken möglich, welche sich insbesondere aus dem Übermaß an Energie in diesem Zusammenhang ergeben", bemerkte der Assistent dazu.

Eine kurze Pause entstand, Gelegenheit für alle Gesprächsteilnehmer, die vorgebrachten Argumente abzuwägen.

"Man liest und hört und sieht immer wieder", die Volkmann spitzte die Lippen, "daß die substellare Raumfahrt eigenartigerweise an jene Seefahrt aus früherer Zeiten erinnert?"

"Sie meinen den Segelschiffbetrieb jener Epoche, da stattliche Windjammer in teils gewagten Manövern die Weltmeere überquerten?"

"Ja, Herr Professor, wie erklären sich diese Gemeinsamkeiten, welche unsere höchst fortschrittliche Epoche mit jenen äußerst rückständigen Zeiten verbinden?"

Sie betrachtete ihren Gesprächspartner durchdringend mit ihren blauen Augen.

"Das sind eigentlich dieselben Gründe, welche Segel nützlich machen", entgegnete der würdige Herr.

"Sie meinen, die substellaren Zonen sind heute ähnlich sturmdurchtost wie die Meere?"

"So kann man es durchaus vergleichen, nur daß die Ozeane des Zwischenraumes – sofern man dies so auffassen will – aus reiner Energie bestehen."

"Und auch der Eintritt in die substellaren Zonen, um die notwendige Beschleunigung zu erzielen, erfordert Segel", ergänzte Brunner.

"In den Zwischenzonen herrschen also ganz andere Bedingungen, als wir sie sonst gewohnt sind?"

"Nein, nicht unbedingt", widersprach der Professor. "Der Zwischenraum ist notwendiger Teil unseres Universums. Er unterliegt demnach dessen allgemeingültigen Gesetzen."

"Doch nach Maßgabe seiner unterschwelligen Besonderheiten?"

"Ja, Madam", räumte Maximilian Stein ein, jedes Wort auch weiterhin sorgfältig wägend.

"Etwa der gewaltigen substellaren Meeresbrandung, welche wir dort gewärtigen und auf welche die höchst moderne Segelschifftechnik zurückgeht?"

"Ja, meine Verehrte. Doch wir nehmen insofern auch die Struktur des gesamten Universums zur Kenntnis, die wir gewissermaßen über dem substellaren Skizzenblock am besten betrachten können."

"Sie meinen damit, in einer unerkannten Tiefe hängt alles miteinander zusammen?"

"Das Universum, meine Liebe, zerfällt nicht in haltlose Splitter, sondern es ist ohne jede Einschränkung eine Einheit."

"Wir alle gehören demnach zusammen?" fragte Friedrich Brunner.

"Hoffentlich", erwiderte Maximilian Stein.

"Das ist ja tröstlich", versetzte der Reporter.

"Das ist nicht nur ein Trost, sondern eine Notwendigkeit, daß wir alle zusammenhalten", betonte der Professor, der zwischendurch vor lauter Eifer seine im Aschenbecher verglühende derzeitige Zigarette vergessen hatte.

"Lassen Sie uns bitte noch eine andere Frage aufwerfen", bat alsbald die Journalistin.

"Aber gerne, darum sind wir ja hier."

Elisabeth Volkmann, den letzten wesentlichen Gedanken hocherfreut erwägend, konzentrierte sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe. "Der Zwischenraum verkürzt also alle Strecken in ungewöhnlicher Weise?"

Beide Herren, wohlmeinend zu jeder erdenklichen Auskunft bereit, nickten eifrig.

"Das gilt im übrigen nicht nur für die Raumsegler, welche ihn in aller Kühnheit durchqueren?"

"Nein, gewiß nicht. Abkürzung und Schnelligkeit, sie gelten für jegliches, die substellaren Zonen durchpflügendes Mittel."

"Die abkürzenden Feldrouten kommen auch elektrischen und magnetischen Impulsen zugute?" Sie ließ ihren Blick durch das Arbeitszimmer mit seinen Akten und Stapeln von Fachbüchern schweifen.

"Gewiß stellt sich das so dar", bestätigte Maximilian Stein, wohl begreifend, worauf die Reporterin abzielte, freundlich. "Wir haben damit den Ansatz zu einer völlig anderen Technik vor uns."

"Auch der überlichtschnellen Nachrichtenvermittlung?" fragte Friedrich Brunner.

"Das ist nicht ganz korrekt ausgedrückt."

"Warum nicht?"

"Das Licht erreicht die höchstmögliche physikalische Geschwindigkeit im normalen Universum."

"Das ist uns bekannt", erwiderte Brunner.

"Diese Geschwindigkeit läßt sich also nicht übertreffen. Schickt man aber das Licht oder ähnliche Impulse über deutlich abgekürzte Strecken, so gelangt es deutlich früher als über den normalen Raum zu seinem Ziele."

"Das Licht bewegt sich im substellaren Raume also nicht schneller als im normalen Kosmos, nutzt aber die substellaren Verhältnisse als Abkürzung und spart somit gewissermaßen Zeit?"

"So ist es", erwiderte wohlwollend der Professor, um diesen Gesichtspunkt gleich näher zu erläutern. "Wenn ein Stern in einer Entfernung von – sagen wir – 100 000 Lichtjahren seine Helligkeit im normalen Weltraum abstrahlt, so erreicht uns diese Information über den gewöhnlichen Kosmos also 100 000 Jahre später."

"Gewiß, Herr Professor."

"Das bedeutet, wir nehmen diese Sonne also jetzt auf der Erde wahr, wie sie vor 100 000 Jahren gewesen."

"Wir schauen zwangsläufig in ihre Vergangenheit?"

"Ja. Gleichzeitig aber empfangen wir die substellar vermittelte Strahlung des Sternes."

"Welche wesentlich jüngeren Ursprungs ist?"

"So ist es. Je nach Lage im Zwischenraume vermögen wir entsprechend nahezu die Gegenwart besagter Sonne zu erkennen."

"Und über die beiden zeitlich unterschiedenen Lichtfrequenzen dazwischen die stattgefundene Entwicklung?"

"So ist es, meine Dame. Ist das nicht herrlich?" rief der Professor aus, wiederum höchst angetan von diesem ihm durchaus vertrauten Gedanken.

"Wir können also ferne Vergangenheit und nächste Gegenwart des Sternes gleichzeitig studieren. Das ist der Grund, warum die astronomische und physikalische Grundlagenforschung in den letzten Jahren – nämlich seit der Entdeckung und Nutzbarmachung substellarer Zonen – einen solch gewaltigen Aufschwung genommen hat?"

"Wir erlangen Eindrücke von der Entwicklung ferner Sonnen und Planeten, wie sie uns bis dahin als unvorstellbar galten."

"Ja, aber nicht nur."

"Sondern?"

"Dies erweist sich auch für die Beobachtung unserer Erdumgebung als von Vorteil", fügte der Professor hinzu.

"Der Blick durch den Zwischenraum ist von größerer Durchlässigkeit und Schärfe als der im normalen Weltall?" fragte Brunner, damit einmal mehr andeutend, daß sie beide sich sehr wohl auf das aufschlußreiche Interview vorbereitet hatten.

"Das ist richtig, je nach den vorherrschenden Bedingungen und eingesetzten Beobachtungsmitteln."

"Wir hören, wie erwähnt, immer wieder von unerhörten Stürmen und Verwerfungen in den substellaren Zonen. Beeinträchtigen diese nicht auch auf kurze Entfernung unser Sehvermögen, statt es zu erhöhen?"

"Diese Unwetterphänomene spielen sich – auch substellar betrachtet – gewöhnlich in großen Entfernungen ab", erklärte Maximilian Stein, sich nebenbei abermals einer neuen Zigarette widmend, "so daß die Beobachtung in relativer Nähe durch sie kaum gestört wird."

"Außerdem", ergänzte sein Assistent Schwarz, "pflegen wir in solchen Fällen schlicht besseres Wetter abzuwarten, denn auch die Stürme im Zwischenraum gehen irgendwann vorüber."

"Das klingt sehr überzeugend, was Sie uns und unserer Leserschaft auch hinsichtlich der substellar betriebenen Nachrichtentechnik unterbreiten", stellte Elisabeth Volkmann endlich nach einer kurzen Pause fest.

"Das ist überzeugend", bekräftigte der Professor. "Es lohnt jede Mühe, in diese mit dem Zwischenraum zusammenhängenden Projekte zu investieren. Auch dies teilen Sie bitte Ihren Leserinnen und Lesern mit."

"Welche Projekte sind insofern unmittelbar geplant, Herr Professor?"

"Um die sich bietenden Vorteile auch nur annähernd zu nutzen, haben wir zu diesem Zwecke in der näheren Umgebung der Erde sowie rings um geeignete Planeten ein ganzes System von Stützpunkten errichtet beziehungsweise für die unmittelbare Zukunft vorgesehen."

"Mit der Absicht, nachrichtentechnisch immer tiefer in die Geheimnisse des Universums einzudringen?"

"Dies ist eine Maßnahme, kosmische Informationen zu erlangen und somit unseren Heimatplaneten vor unliebsamen Überraschungen wie Kometeneinschlägen, Ausbrüchen naher Sonnen und vielem mehr an gefährlichen Möglichkeiten zu schützen."

"Das in solche Projekte zu investierende Geld ist also gut angelegt, Herr Professor?"

"Ganz gewiß, meine Verehrte. Die hierfür aufgewendeten Steuergelder kommen letzten Endes allen zugute."

"Das wollen wir unseren Lesern gerne näher bringen", erklärte abschließend die Volkmann, während sie und ihr Kollege das mitgebrachte Material abschalteten oder zusammenklappten. "Jedenfalls vielen Dank für die Umstände, welche Sie sich wegen uns machten, meine Herren."

"Keine Ursache, Madam, wir danken Ihnen!"

 

*

 

Wiederum etliche Jahre nach diesem Interview, nämlich am 3. Februar 2187, beendete Bahadmal Samur, Astronom und Nachrichtenexperte auf einer dieser Stationen – Pluto-außen – seine nächtliche Arbeit. Eben dieser sonnenabgewandte Posten spielte wegen seiner günstigen Lage in der Wissenschaftsgeschichte nun schon eine bedeutende Rolle, hatte doch auch Gulbransson seine einschlägigen Forschungen dort begonnen. Der Nachrichtenmann Samur benutzte gerne ein Elektrophon, um seine Gedanken zu klären und um spontan aufblitzende Einfälle einwandfrei und getreu festzuhalten.

Dieses Gerät schaltete er also in den frühen Morgenstunden abermals ein und sprach für ein später zu erstellendes Protokoll, welches im übrigen in die Annalen bezüglich der substellaren Bestrebungen eingehen sollte: "Das Wetter in den Tiefen des Zwischenraumes gestaltet sich, wie durchweg die letzten Tage, überaus erfreulich. Auch meine Kolleginnen und Kollegen sind von den vorliegenden Bedingungen sehr angetan. Annette Meyer gab sogar verdeckt zu verstehen, daß unter solch vorteilhaften Umständen etwas ganz Besonderes gelingen möge. Nun ja, Wunschdenken alleine nützt gar nichts. Jedenfalls beherrscht ein von uns allen selten so stark erlebter Hochdruckeinfluß die entsprechenden, zur Untersuchung ausgewählten Zonen ... Hier die Werte ..."

Und neben den allgemein elektronischen Daten, soweit überhaupt genau zu ermitteln, gab er insbesondere das Zahlenspektrum des für ihn selbst zur Erforschung vorgesehenen und mithin äußerst interessanten Bereiches an.

Dann fuhr der Astronom unter einem sanft blinkenden elektronischen Licht fort: "Wir alle wollen diese günstigen Umstände ausgiebig nutzen, welche zur Grunddurchmusterung der substellaren Formationen einen unvorstellbar weiten Blick in den fernsten Weltraum hinaus erlauben. Es herrscht im übrigen, wie man sich leicht vorstellen kann, emsige Geschäftigkeit, ja Hochbetrieb auf unserem Posten. Ich selbst bin mit der von mir erlangten Ausbeute nicht unzufrieden, ich habe bereits zahlreiche nützliche Aufnahmen wie Tiefeneindrücke erstellt. Ich bin das Material infolge seiner Fülle zunächst nur flüchtig durchgegangen, es ist aber wie aller einschlägige Stoff zur größtmöglichen Sicherheit längst in den Computerbänken abgespeichert. Ich habe die ganze Nacht durchgearbeitet. Und wenn man müde ist, empfiehlt es sich dringend, eine hinreichende Pause einzulegen. Sonst unterlaufen einem Mißdeutungen und Fehler, welche normalerweise, wenn man nämlich ausgeruht ist, nicht vorzukommen pflegen."

Übernächtigt und müde, aber selbstbewußt, saß Bahadmal Samur (wie Gulbransson, sein großes Vorbild, vor siebzig Jahren) beim Frühstück und rührte gedankenverloren im Cappuccino, etwa so, als suche er auf diese Weise in der duftenden Flüssigkeit nach etwas, das ihn in Wirklichkeit in seinem Unterbewußtsein nicht losließ. Dergleichen kommt vor, wie er wußte. Flüchtig aufgenommene Eindrücke und Vorstellungen nämlich wollen einen, nachdem sie erst einmal vorüberhuschten, nicht mehr in Ruhe lassen. Was in der zurückliegenden anspruchsvollen Arbeit war das denn nur gewesen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging?

Er griff wieder nach dem Elektrophon, das ihm eben in solchen Problemlagen behilflich sein sollte, und sagte, unter sich bereits rötenden Ohren, barsch: "Ich habe vorhin auf einer der Fotoplatten flüchtig etwas wahrgenommen, das nicht sein kann."

Denn, wie er sprach, ließ sich der ungewöhnliche Tatbestand nicht mehr leugnen oder verdrängen.

"Es muß sich ein Rechenfehler in eine der Ablichtungen eingeschlichen haben", murmelte er (die Ohren röteten sich weiter). "Die vielen Einspeisungen der jüngsten Stunden, die alleine ich schon besorgte, müssen das hochleistungsfähige elektronische Datenverarbeitungsgerät überlastet haben. Aus diesem Grund hat der Computer die Tiefeneindrücke nicht mehr sachgerecht zusammmengestellt."

Bahadmal Samur dachte über das nach, was er soeben allen Ernstes geäußert hatte. Gewiß, Überlastungsfehler der elektronischen Einrichtungen waren möglich. Doch die vorliegende, planmäßig ausgelegte Anlage umfaßte unvorstellbare Mengen an Superbyte, und gewiß nicht nur nebenbei mit der Maßgabe, einen unsachgemäßgen Zusammenbruch infolge der übergroßen Kapazität zu vermeiden.

Samur warf einen nur flüchtigen Blick auf die entsprechende Lager- und Kontrollanzeige. Die Einrichtung – trotz aller vorausgegangenen umfangreichen Arbeiten – war in Wirklichkeit noch weitgehend frei, wohl das halbe Universum konnte man datenmäßig noch in ihr speichern und verarbeiten.

Der Astronom, nach wie vor beim Frühstück, legte vorsichtshalber zunächst das wohlriechenden Brötchen beiseite, von dem er kaum gekostet hatte. Wie soll man unter solchen Umständen und bei derartigen Aussichten denn auch den gehörigen Appetit aufbringen? Von einer inneren Unruhe getrieben, erhob sich der Forscher stracks und trat, sich mit einer Serviette noch zerstreut die Lippen abtupfend, in die Kuppel. Dort ging die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen weiter (denn er war längst nicht alleine), galt es also doch für jede und jeden, das denkbar Möglichste aus den äußerst günstigen Umständen herauszuholen.

Da saß etwa Ron Underbrush, Astronom und Kollege, vor seiner Konsole. Was ist heutzutage, in den substellaren Zeiten, die Sternkunde ohne Computerwissenschaft und ihre rechnergestützte Auswertung sowie ihre Beihilfe bei der Kalkulation aller empfangenen Daten? Der schlichte Blick durch Okular und Linse, über Brennspiegel oder über lichtbündelnde Teller genügte längst nicht mehr.

"Hallo, Bahadmal", murmelte Underbrush, ob der mitgeführten Serviette des Kollegen, welcher jener verlegen in den Händen schwenkte, verwundert.

"Hallo, Ron", erwiderte jener mit einem leichten Krächzen in der Stimme.

Underbrush, von der persönlichen Ausstrahlung des Kollegen gefesselt, beobachtete nebenbei, wie der andere – fast einem Schlafwandler gleich – mit offenen Augen sich auf seinen angestammten Platz in dem großen Beobachtungs- und Rechenraum verfügte. Dann saß Samur also erneut an seinem bewährten Arbeitspulte.

Von jeder Konsole in der Station aus bot sich Zugriff auf alle verfügbaren Daten eines bestimmten Forschungsprojektes, so auch von dieser. Und Samur überlegte, ob er zur Klärung seiner nach wie vor ungewissen Gedanken weiteres Material aus der überbordenden Fülle des vorliegenden Stoffes abrufen sollte. Ein anderer Astronom, Taheo Masado, wurde gleichermaßen auf seinen gespannt abwägenden Kollegen aufmerksam, und kam sogar besorgt, wie um Hilfestellung zu leisten, herüber.

"Na, wie laufen die Dinge, Bahadmal?" wollte er eher unauffällig, mit gedämpfter Stimme, wissen.

"Da stimmt etwas nicht", erwiderte Samur schroff, doch eben deswegen von Herzen ehrlich.

Eigentlich hatte er sich ja zunächst zu schweigen vorgenommen. Doch er brachte dies nicht fertig. Zudem, etwas Unterstützung hinsichtlich der verzwickten Lage und der scheinbar verworrenen Daten schadete bestimmt nicht.

"Was stimmt nicht, Bahadmal?" Der Kollege von den japanischen Inseln beugte sich über Samur, um erst einmal selbst zu betrachten, was dem anderen an Details durch den Kopf schoß und buchstäblich durch die Finger glitt.

Denn mittlerweile hatte Bahadmal Samur sehr wohl ihn berührende einschlägige Seiten des kosmischen Panoramas einzeln aufgerufen.

"Darüber bin ich mir selbst nicht völlig im klaren", antwortete er leicht verdrossen.

"Handelt es sich hierbei nicht um Erkundungen des substellaren Hintergrundes im weiten Raume?"

"Ja, Taheo, ich habe Routineüberprüfungen vorgenommen."

Bahadmal Samur klappte mit Hilfe des Computers die wohl substellar ermittelten, doch bereits für die normale Betrachtung aufbereiteten Bilder der Reihe nach herunter, welche ihn – zumindest unterbewußt – so sehr in ihrem Banne hielten.

"Und Du hast insofern etwas Außergewöhnliches gefunden?" wollte sein Kollege, nicht eben bescheiden, wissen.

Der findige Astronom ließ sich von seiner Vorstellung nicht abbringen. "Da war etwas."

Ob der unzweifelhaften Gewißheit des Forschers stieg die Spannung in dem Raume noch ein wenig an. Um die entsprechende Spur weiter zu verfolgen, blätterte Samur jedenfalls, computerunterstützt, behutsam durch Wolken heller, glitzernder Sterne und gar über sich erhaben über den Himmel schwingende Milchstraßenbänder.

"Und? Hast Du etwas gefunden?"

"Das ist es nicht."

"Was meinst Du?"

"Die Verarbeitung gibt nur den realen Eindruck der Sonnen im Normalraum wieder. Es müßte zugleich im zwischenraumtypischen Profil enthalten sein."

Bahadmal Samur, kaum hatte er dies geäußert, klappte mit einer kleinen, sofort verfügbaren Trickschaltung beide erwähnten Bildebenen übereinander. Die Augen beider Betrachter blieben auf Materieverdichtungen wie auf Kugelhaufen hängen, die in blendender Schönheit vor ihnen schwangen. Darüber hätte man das eigentliche Objekt, auf welches sich der Forscher offensichtlich berief, beinahe übersehen. Doch dort – selbst substellar betrachtet, schier unendlich weit entfernt – hingen hauchdünne, wie verwischt erscheinende Muttergestirne in gleichwohl auffälliger Anordnung.

"Da ist es", seufzte der überarbeitete Wissenschaftler voller Genugtuung.

Nicht nur sein Blick bohrte sich nunmehr geradezu in die Sichtscheibe hinein, suchte sie zu durchdringen. Die einschlägigen Aufnahmen griffen eindeutig in entfernte Bereiche des Universums hinaus, welche an das derzeit verfügbare Auflösungsvermögen selbst der großartigsten modernen Instrumente allerhöchste Anforderungen stellten.

"Wie weit, glaubst Du, ist diese Konstellation entfernt?" fragte Taheo Masado, wohl ahnend, daß die sich trotz der Schwierigkeiten darbietende Aussicht nicht so ganz gewöhnlich wäre.

"Lassen wir ihn rechnen", beschied Samur und tippte die allerdings höchst interessante Positionsangabe in den Computer.

Selbst Ron Underbrush, abermals vom stillen Spektakel angelockt, kam nun herüber, um zu gewärtigen, wie in der der Entfernung geschuldeten Trübung des Zwischenraumes da draußen unzweifelhaft zahlreiche Sonnen in erstaunlicher Anordnung hingen. Sie wirkten im übrigen von dunklen Verunreinigungen verschleiert. Und doch standen sie alle als schmaler, gerade noch auszumachender, regelmäßig angeordneter Strich dort hinten. Jedem, der dies gewahrte, stockte unmittelbar der Atem.

"Nach einer ersten Schätzung sind sie Millionen von Lichtjahren entfernt", deutete Samur die Angaben aus dem Rechner durchaus nüchtern.

"Das ist eine beträchtliche Distanz, welche Fehler und Falschaufzeichnungen geradezu fördert", versetzte Underbrush.

Und doch mußte er sich trotz seines abschlägigen Hinweises am Bildschirm, welcher jenes unerhört gleichmäßige Objekt aufzeigte, geradezu festhalten.

"Gewiß, das steht außer Zweifel, Ron."

Immer mehr Kolleginnen und Kollegen, von dem stillen, doch sensationellen Ereignis angezogen, gesellten sich hinzu. Ihnen allen, wie sie die neuesten Informationen zur Kenntnis nahmen, verschlug es die Sprache. Konnte es so ein Sternbild, falls die Beobachtung nicht trog, denn überhaupt geben?

"Das läßt sich über eine subspezifische Vergrößerung noch weiter auflösen", erklärt, hinzutretend, die Astronomin Annette Meyer.

Und unter Billigung der anderen vollzog sie mit wenigen geübten Handgriffen das vorgeschlagene Manöver.

"Es handelt sich um zuallermindest viele Dutzend Sonnen", brummte Masado nachdenklich vor dem umfangreicheren, sogleich vor ihnen erscheinenden Bilde.

"Sterne, wie mit einem Zirkel umrissen", flüsterte die Meyer angesichts einer Anordnung, die ihnen allen weiterhin die Sprache verschlug.

"Das dürfte ein vollkommener Kreis sein", versetzte Masado.

"Den wir von der Seite betrachten", krächzte Underbrush.

"Der erste Eindruck täuscht möglicherweise etwas", bemerkte der Japaner behutsam.

"Was meint Ihr?" Ron Underbrush drehte die Sequenz vor ihnen ein wenig, um einen besseren Einblick zu erlangen. "Das wirkt doch eher wie eine Ellipse, nicht wahr."

"Wir betrachten das Gebilde offenbar aus schrägem Winkel, von der Seite", räumte die Meyer ein.

"Jedenfalls dürfte grundlegende Einigkeit bestehen", erklärte Samur.

"Inwiefern?"

"Das da", und der Forscher stieß mit dem Finger gegen den Bildschirm, "ist kein zufälliges oder auf natürliche Weise entstandenes Gebilde."

"Nein." Ron Underbrush, von dem der Vorschlag doch eigentlich stammte, stimmte sofort zu.

"Sondern es handelt sich eindeutig um eine künstliche, gezielt in den Weltraum gesetzte Formation", stellte Masado fest.

Damit war es ausgesprochen, doch noch hatten sie die volle Tragweite dieser Überlegung nicht begriffen.

"Seltsam", brummte da wiederum Samur.

"Bahadmal?"

"Es laufen doch stets automatische Computer-Tast- und Suchprogramme."

"Und?"

"Dieselben verfügen über eine außerordentlich hohe Rechenleistung, mithin beispielsweise über enorme Geschwindigkeiten auf dem Verarbeitungswege. Trotzdem haben sie diese Konstellation nicht ermittelt", versetzte der Entdecker des Phänomens, die stets anhaltende Suche nach anderem intelligenten Leben im Weltraum kurz umreißend.

"Ja", stimmte Masado nachdenklich zu, "alle Datenspeicher der astronomischen Stationen, also nicht nur unserer, richten sich seit langem darauf aus, das hereinkommende Material in endlos mühevoller Arbeit nach allen möglichen Wellenbereichen stellar und neuerdings vor allem auch substellar abzutasten, zu durchmustern und einschlägig zuzuordnen. Und gleichwohl, die EDV-Anlagen haben diese schlagend gleichförmige Struktur schon bei früheren Routineaufnahmen schlichtweg übersehen."

Bei dieser Feststellung krächzte er – vielleicht vor Empörung – gar ein wenig.

Ron Underbrush, stark übertreibend, schloß sich dieser Auffassung an. "Dabei muß man bedenken, das Gebilde präsentiert sich im normalen Lichtspektrum nicht nur offen, sondern geradezu in dreister Weise."

"Ganz so deutlich sichtbar ist es ja nun auch wieder nicht", wehrte der Japaner ab.

"Woran liegt das, daß wir das bislang nicht wahrgenommen haben?" erkundigte sich, eben diesen Gedanken aufgreifend, Annette Meyer.

"Weil wir keine Augen, also insbesondere kein Vorstellungsvermögen dafür hatten", knurrte Masado grimmig.

"Du meinst", brummte Samur ungläubig, "weil wir kein Vorstellungsvermögen für solch eine Möglichkeit aufbrachten, haben wir es in unseren Suchprogrammen nicht hinreichend berücksichtigt? Wir suchten demnach nach allem Möglichen, nur nicht nach dem Offensichtlichen?"

Inzwischen kam auch Ginger Estephanu, eine Astronomin und Wellenspezialistin, wiederum angelockt von der ganz besonders aufregenden Atmosphäre, heran. Mit wenigen Blicken erkannte sie – wie die anderen – das Ungeheuerliche, das sich ihnen darbot. Doch sie erwies sich zugleich als ungemein praktisch. Denn sie brachte für das technische Vorgehen einen weiteren Vorschlag ein. Sie erinnerte ihre Kolleginnen und Kollegen damit ebenfalls an die ihnen zusätzlich zur Verfügung stehenden Mittel, welche die anderen infolge der allerdings verständlichen Aufregung womöglich vergessen hatten.

"Man kann zusätzlich in wellenmäßiger Ausrichtung durch den Zwischenraum greifen", erklärte sie also.

Das stimmte natürlich. Gewöhnliche Astronomen richten sich in ihren Bemühungen üblicherweise auf das Licht aus, ohne daß sie dadurch aber die Radioastronomie mit ihren reichhaltigen Möglichkeiten gänzlich aus den Augen verlieren würden. So erörterten die Fachleute auf Pluto-außen in den ersten Minuten nach der allen zugänglichen großen Entdeckung bloß die eher vordergründigen Lichtphänomene. Doch tatsächlich, wie die Estephanu dies eben erwähnte, es lag im substellaren Bereich noch diese andere – strahlungsaktive – Betrachtungsebene unter der wie oberflächlich wirkenden optischen Erscheinung vor, die man gleichermaßen gerne in die Überlegungen einbeziehen durfte.

Allgemein stand hinter dieser Vorstellung die schlichte Tatsache, daß man es schon im normalen Weltraum, aber mehr noch in den Zwischenregionen mit einem ungeheuren, das Gesamtsein erfüllenden Wellenspektrum zu tun hat. Selbiges weist schlechthin nach, daß der Kosmos nicht leer, sondern – mit Wellen – gerammelt voll ist. Nur die fürs Überleben auf der Erde ausgerichteten Sinne des Menschen sind nicht geeignet, diese strahlungsmäßige Vielfalt auch nur annähernd aufzufassen.

"Hast Du verstanden, worauf wir abzielen, Leonid?" fragte Samur den Kollegen von der radioastronomischen Abteilung, den sie über ihr nächstes Anliegen kurz, doch hinreichend unterrichtete.

"Das ist völlig klar", erwiderte Koromski also über die Leitung.

Nun saß der Radiospezialist eifrig an seinem Pulte und vergrößerte den empfangenen Bildausschnitt auf seine Art noch weiter – bis die feinen Punkte in der Großrasterung wie ein optisches Echo der wirklichen Vorgänge vor ihnen fast zerfielen.

"Was genau machst Du, Leonid?" wollte die Estephanu, wie die anderen die Verrichtungen ihres Kollegen über die Bildleitung verfolgend, neugierig wissen.

"Mal sehen, was sich da zeigt", brummte der Fachmann vom anderen Ende der Station nachdenklich, ohne im Eifer des Gefechtes die Fragestellerin einer näheren Antwort zu würdigen.

Sie freilich, im Interesse aller, ließ nicht locker. "Leonid?"

Und so, allerdings in seine Arbeit vertieft, ließ er sich dann doch zu einer Antwort herbei. "Ich fahnde nach allem weiteren Material in den Speicherbänken, das die Elektronik aus dieser Region bereits verzeichnet."

Das klang natürlich vernünftig und erschien zunächst viel sinnvoller, als eine ganz neue Verbindung zu dem Sternengebilde – mit all ihren Wartezeiten und Störfaktoren – aufzubauen. Denn zweifellos war der unterschwellige Eindruck, den sie jetzt suchten, dort – in den Vorratsspeichern – bereits vorhanden. Und zwar, wenn man denn wußte, wonach man suchte, gewiß reichlich.

Sie waren ganz still, als ihnen der Radioastronom aus dem leisen, gedämpften Rauschen des Hintergrundes ein zunächst eher unbestimmtes Prasseln überspielte.

"Was ist das?"

"Das, was wir suchen, Ginger."

"Wir fahnden nach einer unterschwelligen Strahlung aus der Region dieser so unverwechselbar angeordneten Sterne."

"Natürlich, Ginger. Es handelt sich hierbei eindeutig um eine langwellige, deutlich schwingende Sendung!"

"Im radioastronomischen Fenster?"

"Ja."

"Und aus eben dieser uns berührenden Gegend?"

"Nicht nur."

"Sondern?"

"Sie stammt unmittelbar aus dem Zentrum dieser bemerkenswerten Sternansammlung", erwiderte Koromski, und seine Finger jagten über die Tasten.

"Das sind starke Signale."

"Sie sind so kräftig, daß selbst schwache Empfangsgeräte sie bei oberflächlichem Zugriff schon hätten orten können, sofern man gewußt hätte, wo oder wonach man suchen sollte."

"Also ganz wie im optischen Fenster", versetzte Samur, "vorausgesetzt, man weiß, was man will, und weiter unterstellt, man kennt die Richtung."

Koromski, dort entfernt, nickte.

"Die Emissionslinien der Impulse sind im Wasserstoff- und Heliumspektrum angesiedelt und wirken eindeutig gleichgepolt und ausgerichtet", erklärte, ganz Fachmann, Koromski.

"Für mich ist das aber nur ein ödes Rauschen", stellte, ihren Kollegen locker herausfordernd, die Estephanu, selbst Wellenspezialistin, fest.

"Das ist mehr als nur ein Rauschen", widersprach Koromski.

"Und woran erkennst Du das, Leonid?"

"An den optischen Mustern."

"Hättest Du die Güte, uns dieselben zugänglich zu machen?"

"Natürlich, gerne."

Leonid Koromski, nach wie vor in das Ungeheuerliche der Neuentdeckung verstrickt, folgte sogleich dem Vorschlag. Und so gewärtigten sie alle bald fieberhaft schwingende Kurven auf dem Monitor, mit denen die meisten zunächst allerdings wenig anzufangen wußten.

"Das also sind über den unterschwelligen Kontakt vermittelte künstliche Signale?" Annette Meyer wies auf die allerdings eine gewisse Ordnung verratenden Verläufe der Ausschläge hin.

"Sie unterscheiden sich von dem, was wir gewöhnlich von anderen Radioquellen des Universums zu empfangen pflegen", entgegnete Koromski.

"Für mich sieht das aus wie normales Hintergrundrauschen."

"Es ist alles andere als das, Annette."

"Und wie erkennst du das, Leonid?"

"Der übliche Energieausstoß tritt nicht nur ungewöhnlich heftig auf", erwiderte Koromski, "sondern er schwankt in bestimmten Intervallen regelmäßig und deutlich."

Und er spielte ihnen vor, was er meinte. Nämlich eine von ihm bereits ermittelte, verhältnismäßig lange Signalabfolge, welche sich, der unumstößlichen Computerberechnung zufolge, in gleichmäßigen Abständen – Impuls für Impuls – getreulich wiederholte. Wie sie die akustisch umgesetzte Vermittlung vernahmen, war es um ihre Ruhe endgültig geschehen.

Ginger Estephanu, sich der Sichtweise ihres Kollegen anschließend, dachte schon weiter. "Das ist kein Zufall, daß Du uns diese sich wiederholende Reihe von Signalen als Tonfolge darbietest?"

"Nein, das ist kein Zufall", erwiderte Koromski mit unerschütterlicher Ruhe.

"Und wie würdest Du diese Sequenz inhaltlich deuten?"

"Als eine gezielte Botschaft", versetzte der Radioastronom trocken.

"Als eine gezielte Botschaft?"

"Genau so ist es, Ginger. Eine gezielte Botschaft."

"Welche unzweifelhaft von dort, aus jener besonderen Anordnung der Sterne, herkommt?"

"Ganz ohne Zweifel, Ginger."

"Also gewärtigen wir zwei Arten der Selbstdarstellung", versetzte, kühn schlußfolgernd, die Astronomin und Wellenspezialistin.

Bahadmal Samur, sich angesprochen fühlend, lachte und nickte anerkennend. "Natürlich."

"Zum einen", sagte die Estephanu, "bietet sich uns der insofern unverkennbar gestaltete Reifen. Zum andern sind es die Signale, welche eindeutig aus diesem Gebilde herrühren."

"Damit wir die Erscheinung nur ja nicht übersehen?" wollte Masado behende wissen.

"Ganz eindeutig." Bahadmal Samur lachte wieder.

Inzwischen drang die Nachricht von der Entdeckung des Sternenringes und der mit ihm verbundenen Zeichenkette zu Barom Raschdan, dem Leiter der einschlägigen Abteilung, zu der Bahadmal Samur gehörte.

"Stimmt etwas nicht mit dem Spektrometer?" wollte er, wie er den Kopf neugierig zur Türe hereinsteckte, leicht verunsichert wissen.

Doch wie er der kleinen Versammlung seiner Kolleginnen und Kollegen ansichtig wurde sowie die inzwischen vor Ort herrschende Stimmung gewahrte, verzichtete er zunächst auf eine Antwort und trat einfach nur näher.

"Da, schau mal, Barom", forderte Bahadmal Samur, der inzwischen seinen angestammten Platz abermals einnahm, ihn ganz ruhig auf.

"Das könnte ein Rechenfehler sein", gab Raschdan, ganz ähnlich wie seine Mitarbeiter vorhin, zu bedenken.

Im übrigen war er auf die vor ihm abrollende Entwicklung nicht gefaßt und dachte – wie immer – nebenbei auch an die mit aufwendigen Suchaktionen verbundenen Kosten. Doch seine Zweifel wichen rasch der höheren Einsicht, zumal sich seine Mitarbeiter in ihren Überlegungen schon etliche Schritte weiter als der Neuankömmling zeigten. So warf er einen zweiten prüfenden Blick auf die gespeicherten und – soweit die knappe Zeit es erlaubte – bereits aufbereiteten Daten der optischen Vermessung. Und gleichzeitig ließ er sich von dem rege weiterarbeitenden Leonid Koromski alle von der Radioastronomie ermittelten Informationen nochmals überspielen. Über all den freilich noch längst nicht endgültig aufbereiteten Vorgängen geriet er denn doch ins Stocken.

Barom Raschdan beugte sich bald selbst über den ihm zugelieferten recht kleinen optischen Ausschnitt. In eigentlich ungehöriger Weise rieb auch er gar mit den Fingern über einen Teil der Glasplatte, als könne er auf diese Weise den ungeahnten Eindruck ganz so wie ungewollte Verschmutzungsspuren entfernen. Doch die vorliegenden erstaunlichen Eindrücke ließen sich – allen seinen Bemühungen zum Trotze - nicht so einfach verwischen. Also, vor der größten physikalischen Entdeckung in der Geschichte der Neuzeit stehend, nahm er seine ganze Kraft, aber auch all seinen Mut zusammen.

"Bronislaus?" Barom Raschdan, nachdem man ihn noch über weitere Erkenntnisse, insbesondere bezüglich der substellaren Funkverbindung, unterrichtet hatte, rief folglich wenig später zum Chef der Gesamtstation hinüber.

"Barom?" Bronislaus Kaper wunderte sich ein wenig über den Gesichtsausdruck seines Kollegen, welcher ihn an einen höchst verstörten Menschen gemahnte.

Doch der Glanz in den Augen seines unmittelbar Untergebenen erlaubte auch eine ganz andere Deutung. Auf diesem Wege gelangte die Information also zur derzeit vor Ort höchsten zugänglichen Stelle. Das Zwischenraumwetter erwies sich als noch immer vorzüglich. Kaper, der als umsichtiger und besonnener Mann galt, stellte dies sofort fest.

"Ich ordne hiermit an", bestimmte er darum wenig später, "daß alle entbehrlichen Beobachtungssysteme wie Wellenaufspürer, aber auch radioastronomische Ermittler in die Richtung des erstaunlichen Phänomens gedreht werden sollen."

"Mit welchem Aufwand, Chef?" wollte Rudi Buckley, einer seiner nachrangigen, im Verwaltungsdienste tätigen Mitarbeiter, wissen.

"Mit höchst verfügbarer Leistung, Rudi", lautete die prompt erfolgende, unmißverständliche Antwort.

"Aber das kostet viel Energie", wandte Buckley ein, derzeit wohl eher mit dem vorgeschriebenen Etat als mit der hochklassigen Entdeckung beschäftigt.

"Das mag soviel Ressourcen verschlingen, wie es will, Rudi", erwiderte unwirsch der Chef des Außenpostens. "Uns bietet sich hier eine einmalige Gelegenheit, nicht wahr. Ich bitte deswegen darum, mit vereinten Kräften alle gebündelte, zusammengeschaltete Rechnerleistung zu nutzen."

"Jawohl, Chef."

Aber natürlich, das verstanden nun alle, auch jene aus entfernten Abteilungen, die man längst zu dem sich unmittelbar abzeichnenden Großprojekt hinzuzog. Das, was Bahadmal Samur als erster in den Tiefen des Kosmos – und vor allem des Zwischenraumes – entdeckt hatte, schloß jede ursprünglich vorhandene Vorstellung von Zufall in dieser Hinsicht aus. Nicht die auffällige Anordnung der Sterne, noch die eindrucksvolle, mitten aus dem Reifen stammende Strahlung würde sich so einfach abstreiten lassen.

Auf dem großen, nunmehr verwendeten Zentralmonitor stiegen nämlich unter Beihilfe des Hauptcomputers alsbald wunderschöne, in ihrer Anordnung völlig gleichmäßig ausgerichtete Sonnen von offensichtlich unterschiedlicher Größe aus der Tiefe des Raumes. Sie flackerten, schwankten und pulsierten, sei es auf Grund von Eigenaktivitäten, sei es infolge der großen Entfernung und mithin der Störungen dazwischen. Gleichwohl ließen sie jedem, der auch nur einen flüchtigen Blick auf sie warf, buchstäblich den Atem stocken.

 

*

 

"Schauen Sie sich das an, Andrej", sagte Goldsmith, einer von Kapers höchsten Vorgesetzten auf der Erde, am Abend desselben Tages.

Er sprach zu Makarow, dem Chef des Weltrats, den er endlich, nach etlichen Versuchen und nachdem man ihn mehrmals abgewimmelt hatte, erreichte. Denn das Leben eines der führenden Politiker erwies sich auch in diesen fortschrittlichen Zeiten allerdings als rastlos und geschäftig. So nahm sich der Präsident für diese späten Stunden, da man ihn ein einziges Mal anderweitig offensichtlich nicht brauchte, liegen gebliebene Arbeiten vor. In seiner derzeitigen Tätigkeit gestört, zog er, leicht ungehalten, eins der ihm von Goldsmith unmittelbar überspielten Bilder bereits als druckfrisches Foto aus dem Rechner.

"Soll das ein Scherz sein?"

Für einen Moment wirkte der Politiker – jedenfalls nach dem Monitoreindruck – verärgert. Denn er hielt das bereits vor Stunden in Sekundenschnelle durch die Zwischenraumkanäle von Pluto-außen überspielte Bild in seinen Händen, welches ihn erst jetzt erreichte und welches er zunächst ungläubig, gar mißtrauisch betrachtete. Dann aber leuchteten seine Züge auf, wie der Anrufer sehr wohl bemerkte.

"Nein, Herr Präsident", gab Goldsmith beherrscht zur Antwort, "das ist kein Scherz, sondern entspricht unserer neuesten Erkenntnis."

Makarow zog das Foto – wie begierig über die mit ihm womöglich verbundene Erkenntnis – ganz nah vor sich. Vielleicht auch, um durch die sorgfältige Betrachtung gar zusätzliches verborgenes Wissen aus ihm zu entnehmen. Zwischen einer gewissen Unsicherheit und brennendem Interesse schwankend, musterte er den Bildschirm, und auf ihm den Mann, der ihn so forsch ausgerechnet zu dieser Zeit anrief.

Die Miene des Wissenschaftlers indes erhellte sich bereits, wirkte er ob der Reaktion des anderen doch durchaus zufrieden. Goldsmith kannte den hohen Politiker zur Genüge. Für einen Augenblick sann er darüber, ob womöglich einige der wild grassierenden Gerüchte oder hemmungslosen Vermutungen, welche sich in solche Fällen wie ein Lauffeuer über alle wichtigen astronomischen Zentren des Globus und im Weltraum zu verbreiten pflegen, auch schon zu ihm vorgedrungen waren.

"Tom, verfügen Sie über weitere Informationen in dieser Sache?" wollte Makarow dann ganz ruhig wissen, während er das spärliche Material weiterhin sorgfältig in der Hand wog.

"Es scheint insbesondere, daß von dort eine Nachricht herkommt", erwiderte der Wissenschaftler unerschrocken.

"Eine Nachricht?" Der mächtige Mann runzelte die Stirne. "Was meinen Sie damit, Tom?"

"Ja, Herr Präsident", strahlte Goldsmith. "Es könnte sein, daß wir aus dieser Richtung sogar angefunkt werden."

"Angefunkt? Sie meinen, man wünscht uns zu sprechen?" Der Chef des Weltrats, der zweifellos über einen beträchtlichen Sinn für Humor verfügte, lachte leise.

"Womöglich", stotterte Goldsmith.

"Und worin besteht der Kontaktversuch, bitte?"

Daraufhin entspann sich eine kurze Unterredung, in der der anrufende Wissenschaftsverwalter dem Politiker das wenige auseinandersetzte, was er und seine Kollegen – im technischen Sinne – selbst über die empfangene Wellenströmung bislang wußten. Der Chef des Weltrats, wie er dies vernahm, zeigte sich jedenfalls sichtlich aufgeschlossen.

"Kennt man, sollte dies wirklich eine gezielte Botschaft sein, ihren genauen Wortlaut?" erkundigte er sich dann.

"Nein", erwiderte Goldsmith. "Wir bemühen uns, den Sinn der entsprechenden Taktfolge zu entschlüsseln."

"Das ist ja eine Meldung, mit der Sie mich da überraschen!" versetzte Makarow endlich, nachdem sie sich auch über einige der bereits umlaufenden Spekulationen ausgetauscht hatten.

"Ja, nicht wahr, Herr Präsident, wir können es selbst kaum glauben."

Am Ende wog der Vorsitzende des Weltrats, noch immer schier ungläubig, behutsam den ihm zugespielten unerhörten Bildauszug in seinen Händen.

"Halten Sie mich über die folgende Entwicklung bitte unverzüglich und umfassend auf dem laufenden, Herr Kollege!" forderte er dann unnachgiebig.

"Das werden wir tun, Herr Präsident!" erfolgte prompt die gewünschte Antwort.

"Unterrichten Sie mich bitte umgehend über jede weitere Einzelheit!"

"Das soll geschehen, Herr Präsident!"

"Ich danke Ihnen, Tom Goldsmith!"

"Ich danke Ihnen, Herr Präsident."

Dann war die wichtigste Verbindung zu politischen Kreisen bezüglich dieser außergewöhnlichen Erscheinung in der Tat nur kurzzeitig und vorübergehend unterbrochen. Goldsmith, der Anrufer, jedenfalls war mit der erzielten Wirkung seiner Nachricht zu Recht hochzufrieden.

 

III.

 

 

Francois Perrier, der Versammlungsleiter, hob die Glocke. Es dauerte eine ganze Weile, bis es in dem großen Saale, in dem sich Hunderte von Journalistinnen und Reportern drängten, einigermaßen ruhig wurde. Drei Wochen erst lag die Entdeckung des Sternenringes zurück, doch, fürwahr, ein solches Ereignis hatte es noch nicht gegeben. Schon vom ersten Bekanntwerden der Sensation her verbreitete sich die Nachricht darum in Windeseile über alle Winkel des Erdballs wie seiner besiedelten Umgebung. Und gewiß auch trieb dieser Umstand namentlich Astronomen und Forscher aller Disziplinen ebenso wie interessierte Laien zu enormen Anstrengungen und veranlaßte sie zu manch verwegenem Gedanken.

Perrier indes läutete wieder. Auf dem großen, sich unmerklich wölbenden Bildschirm prangten die Sterne in kühler Klarheit und überwältigender Schönheit. Der Versammlungsleiter neigte zufrieden sein Haupt mit den braunen, leicht gewellten Haaren, denn endlich war es fast ganz still in dem Astrodom geworden. Dann klopfte er, wie um eine Tonprobe abzunehmen, an das Mikrofon und zog es alsbald zu sich herunter.

"Ich nehme an, meine Damen und Herren von der Presse, Sie gedenken in Erfahrung zu bringen, welche Ergebnisse wir bislang über den Sternenreifen ermittelt haben", sagte er, in einem Anflug von Humor deutlich untertreibend, fast leise.

"Ja, natürlich", erwiderte lautstark einer aus den vorderen Reihen. "Vielleicht können Sie uns nähere Einzelheiten mitteilen."

Teils gelindes Gelächter antwortete ihm, denn sie wollten in der Tat mehr erfahren. Die meisten indes verstanden den Scherz sehr wohl und beantworteten ihn also mit einem schwachen Lachen, während sie, wohl wissend, die elektronische Ausstattung laufen ließen und zusätzlich dazu unter anderem Notizblock und Schreibstift zückten, um nur ja nicht die geringste Kleinigkeit dieser ersten großen offiziellen Pressekonferenz zu verpassen.

Perrier, mit der erwarteten Reaktion nicht unzufrieden, sagte schlicht und trocken: "Das soll gerne geschehen, meine Damen und Herren."

Sein Blick, während er noch einen Augenblick wartete, glitt derweil über die weiten Sitzreihen, vorbei an den vielen blitzenden Kamerastativen und unzähligen Aufnahmelinsen. Befriedigt, gar so, als ob dies alles sein Werk sei, nahm er den von der Weltpresse betriebenen ungeheuren Aufwand zur Kenntnis. Natürlich war sich der Versammlungsleiter der in den letzten einundzwanzig Tagen umgehenden Gerüchte, Spekulationen und Andeutungen wohl bewußt, und er erahnte auch die Ängste, welche die Öffentlichkeit seit dem ersten Bekanntwerden der Nachricht von dem außergewöhnlichen Gebilde im Weltraum wohl beherrschten.

Es war erwartungsvoll ruhig im Saal geworden.

"Darf ich Ihnen Saul Carpenter vorstellen, Astronom und Zwischenraumexperte", eröffnete Francois Perrier daraufhin die eigentliche Sitzung.

Da saß, von den Scheinwerfern deutlich hervorgehoben, ein Mann mit weißen Haaren und grämlichen Falten um Mund und Nase mit einem halben Dutzend Mitarbeiterinnen und Kollegen vorne an dem einfachen, schmucklosen Tische, welchen infolge der verfügbaren hochtechnologischen Einrichtungen überflüssig erscheinende Karten, Papiere, Tabellen und teils zusammengerollten Diagramme bedeckten.

Jetzt erhob sich Saul Carpenter, eine knappe Verbeugung andeutend. Fast unsicher griff er nach dem von seinem Vorredner freigegebenen Mikrofon. Beinahe verwundert tastete er ein wenig an ihm, als gebe es ihm mehr Rätsel als die Erscheinung im All auf.

Perrier nahm Platz und nickte ihm von der Seite aufmunternd zu: "Sie haben das Wort, Herr Kollege."

Carpenter fand sich inzwischen mit dem technischen Instrument zurecht.

"Werfen wir bitte, um eine gewisse Übersicht zu gewinnen, einen Blick dort hinaus", sagte er.

Das Licht im Astrodom erlosch allmählich, während sich die erwartungsvolle Stimmung verstärkte. Die Sterne auf dem großen Bildschirm – schon vorher gut zu erkennen – traten noch deutlicher und eindrucksvoller hervor. Wie selbstverständlich rückte der Astronom und Zwischenraumexperte das, worauf alle gespannt warteten, den neu entdeckten Sternenring also, mit der bestmöglichen Aufnahme nunmehr ins Zentrum des Bildes.

"Nach allem, was wir wissen", eröffnete Carpenter ohne weitere Umschweife, "ist jenes Gebilde, der Ring der Sonnen, tatsächlich vorhanden."

"Kein Zweifel möglich?" rief es aufgeregt aus dem dämmrigen Saale herauf.

"In den letzten, und ich muß gestehen, aufregenden Wochen haben wir, verehrte Dame, wie mein Vorredner schon erwähnte", der Astronom neigte sich dankend Francois Perrier zu, "diese Sternenkonstellation aus allen Blickwinkeln und von allen verfügbaren Stationen aus untersucht und betrachtet."

"Sie haben diesen Teil des Himmels über alle möglichen Wellenlängen durchmustert?" lautete, nicht ohne Grund, die Anschlußfrage einer Reporterin aus Schweden.

"Ich glaube", erwiderte Carpenter gelassen, "man kann mit Berechtigung feststellen, es gibt kein Objekt im ganzen Universum, das wir in so kurzer Zeit je einer solch umfassenden Prüfung unterzogen hätten."

"Ah!"

Ob dieser Feststellung alleine durchlief ein Raunen den Saal.

Ein argentinischer Reporter meldete sich zu Wort: "Aber ich hörte, das substellare Wetter sei in diesem Zeitraum miserabel gewesen."

Saul Carpenter nickte eher betrübt dazu.

"Leider hat uns das Zwischenraumwetter in den letzten Tagen und Wochen arg im Stich gelassen", bekannte er.

"Warum?" meldete sich, Hintergedanken erwägend, ein albanischer Journalist.

Der Fachmann, vor eine solche Frage gestellt, seufzte. "In mittelfernen Zonen des substellaren Bereiches fand ein nicht näher bestimmbarer Klimasturz statt."

"Ein Umschlag des Wetters? Auf Grund der vielgenannten magnetischen Einbrüche oder Spannungsdifferenzen?"

"Vermutlich. Eine genaue Beobachtung ist dadurch auf absehbare Zeit ausgeschlossen."

"Sie können dadurch nichts mehr ermitteln?" wollte eine Journalistin aus Kairo wissen.

"Doch, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Ich will es Ihnen gerne beweisen", erwiderte Carpenter zur Befriedigung aller.

Das Bild schaltete von den aufgezeichneten bestmöglichen Eindrücken in die aktuellen bekannten bläulichen Tiefen des Zwischenraums hinunter.

"So sieht er jetzt aus?"

"So sieht er jetzt aus."

Carpenter wies mit seinem Leuchtstift, welchen er mit Hilfe der Projektionsmaschine über die große Sichtwand führte, auf die Sternschatten hoch über seinem Rücken. Leicht verschleiert bot sich die Gruppe der gleichartig angeordneten Sterne – allerdings fern, sehr fern – hinter interstellaren Wolkenbänken dar. Über die weite, selbst in dieser Realprojektion stark geraffte Strecke verzeichnete man in der Großaufnahme zahlreiche Aufbauschungen, verschwommene Flecken oder schwärzliche Löcher, ganz so, wie die dazwischenliegende unnennbar kräftige Energie die substellaren Tiefen verschmierte. Alle, auch weit außerhalb des Konferenzraumes, die dies wahrnahmen, namentlich natürlich die Reporter vor Ort, zeigten sich erneut beeindruckt, insbesondere betroffen.

"Die Möglichkeit einer Täuschung bezüglich des regelmäßigen Spektrums", wollte ein Reporter von der Bremer Zeitung, durchaus ein wenig herausfordernd, wissen, "ist demnach aber völlig ausgeschlossen?"

Und er nahm sich vor, namentlich auch über die gängigen Abdriftzonen, welche Dunkelwolken einschlossen, zu berichten. Carpenter nickte ganz entschieden, allein durch seine bestimmte Haltung schon die Wahrheit über das in Frage stehende Phänomen mitteilend.

"Die Vorstellung", erwiderte der Astronom, "wie ich schon erwähnte, es handle sich um einen Irrtum, beispielsweise verursacht durch Lichtbrechung, durch außerordentliche räumliche Verkrümmung oder auch durch eine der unzähligen anderen denkbaren Möglichkeiten, kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden."

"Aber das ganze Gebilde hängt doch wie hinter einem dichten Vorhang", wandte der Vertreter der Bremer Zeitung ein, damit nach wie vor Zweifel nicht an der Aufmerksamkeit der Beobachter, sondern vielmehr an der formvollendeten Gestalt der Entdeckung selbst äußernd.

"Ich verstehe Ihre Bedenken bis zu einem gewissen Grade", versetzte der Wissenschaftler gelassen. "Glauben Sie mir, wir haben alles abgewogen. Doch das Ergebnis ist eindeutig. Diese herausfordernde Sternansammlung ist wirklich vorhanden."

"Und auch die verblüffende Ringstruktur unterliegt keinem Zweifel?"

"Nein, Ring oder Ellipse, von welchem Blickwinkel aus betrachtet, sind eindeutig."

"Also ist das Gebilde künstlichen Ursprungs?" Da war sie wieder, die alles beherrschende Frage.

"Dergleichen unterliegt nicht dem Zufall."

Bei dieser erneuten Bestätigung des längst in aller Öffentlichkeit breit erörterten Tatbestandes durchlief ein Raunen den überfüllten Saal.

"Das sind ungefähr zweitausend Sonnen", fuhr Carpenter fort. "Infolge der beträchtlichen Beobachtungsschwierigkeiten, die selbst bei optimalen Witterungsbedingungen auftreten, wollen wir uns insofern nicht endgültig festlegen."

"Es könnten auch ein paar mehr sein?"

"Ohne weiteres."

"In jedem Fall handelt es sich aber um eine beträchtliche Anzahl zu einem bestimmten Zweck künstlich verschobener Sterne?"

"Zweifellos, mein Herr."

Carpenter blendete wieder eine Aufzeichnung der umfassenden Projektion des Sternenrings mit seinem strengen, strahlenden Glanze ein.

"Es besteht also, allem Ermessen nach, kein Irrtum?" wollte Jens Hoffmann, der Korrespondent vom Weser-Bericht und nach wie vor gern gesehener Wortführer für die anderen, nochmals wissen.

"Es besteht kein Irrtum, Herr Hoffmann", lautete unmißverständlich die Antwort.

"Dann gibt es auch keine Zweifel bezüglich der aus dem Sternenring gesendeten Botschaft, welche wir unentwegt empfangen?"

"Nein, auch bezüglich dieser eindeutig vorhandenen Sendung ist kein Irrtum möglich."

"Würden Sie uns bitte Ihre neuesten Erkenntnisse in dieser Hinsicht mitteilen?"

"Gerne. Doch erlauben Sie mir bitte, zuvor noch auf einen anderen wesentlichen Umstand im Zusammenhang mit dieser großen Entdeckung einzugehen."

"Ja, bitte", erwiderte, leicht irritiert, Hoffmann, freilich mit Zustimmung der Versammlung, die ihre Einwilligung durch leichten Applaus sowie Klopfen auf die Bänke kundtat.

"Dies ist eine Ablichtung von der angesprochenen Region des Raumes, in welcher der Sternenring sich befindet", ließ sich der Astronom vernehmen. "Allerdings ist sie, wie Sie unmittelbar feststellen, mit Hilfe von weitreichenden hochentwickelten Refraktoren und Spiegeln auf herkömmlichem Wege gewonnen."

"Also über eine Auswertung des aus jener Gegend empfangenen Lichtes?"

"Ja, so ist es in der Tat."

"Sie arbeiten also auch mit diesen vorsintflutlichen Mitteln?" wollte eine Journalistin aus Rußland eher erheitert wissen.

Der vortragende Astronom, ob der kecken Bemerkung, lachte.

Perrier hingegen, der ihr nicht sogleich folgen konnte, versetzte leicht entrüstet: "Manche alten Dinge haben durchaus ihren Wert beibehalten, meine Dame."

"Gewiß." Auch die Fragestellerin, Ludmilla Tscherwonenkaja von der Moskauer Morgenzeitung, lachte. "Aber Sie haben doch auch substellar insofern durch den Raum gegriffen?"

"Das haben wir, Verehrte." Saul Carpenter freute sich sichtlich über die intelligente, den nächsten Gedankengang bereits vorausnehmende Frau.

"Und?" fuhr sie prompt fort. "Das Aufnahmeergebnis, es ist im Ergebnis sichtlich verschieden?"

"Das ist es", bestätigte erwartungsgemäß der Astronom und stellte das Resultat beider Aufnahmetechniken – substellar, durch die Zwischenzonen, wie normal, durch den gewöhnlichen Weltraum – in einer längst vorbereiteten Fotomontage nebeneinander.

Da, beim Anblick des Ergebnisses, durchlief wiederum ein Raunen den Saal.

"Es ergibt sich demnach ein erheblicher Unterschied bezüglich dessen, was uns die jeweilige Aufnahmetechnik liefert", bemerkte Perrier eher trocken.

"Aber auf der einen Aufnahme", rief Waxström vom Osloer Tagesblatt schier empört nach oben, "ist doch überhaupt kein Sternenring zu erkennen!"

"Und warum nicht?" hielt Carpenter dagegen.

"Wegen der Lichtlaufzeiten", erklärte ganz unverhohlen die Tscherwonenkaja.

"Können Sie das näher erläutern?"

"Das ist doch offensichtlich", warf M'Bawana von der Burundi-Eildepesche ein.

"Was ist daran so offensichtlich?"

"Die Licht benötigt höchst unterschiedliche Zeiten, um auf dem jeweiligen Wege zu uns zu gelangen", antwortete M'Bawana.

John Carpenter, die inzwischen aufgewühlten Gemüter zu beruhigen suchend, hob abwehrend beide Hände.

"Wir werfen, wenn wir durch den normalen Weltraum schauen", erläuterte er, nachdem sich die Reporter einigermaßen gefangen hatten, "bekanntlich zugleich einen Blick zurück in die Vergangenheit. Je länger das Licht benötigt, um vom Sendungsort zu uns zu gelangen, desto älter sind die Eindrücke, die wir von dort empfangen. Ist der entsprechende Ort etwa hundert Lichtjahre entfernt, so zeigen uns die eintreffenden Signale, wie es dort vor hundert Jahren aussah."

"Das Licht verfügt also im Normalraum nur über eine physikalisch begrenzte Geschwindigkeit?" fragte Tai Hsi Pang vom Pekinger Wochenblatt.

"So ist es."

"Und es läuft auch substellar nicht schneller?"

"Nein, gleichgültig, in welchen Medien, Räumen oder Zonen, die physikalisch mögliche Höchstgeschwindigkeit, also die des Lichtes, läßt sich nicht steigern."

"Aber substellar erreicht uns das Licht gleichwohl viel eher?"

"Gewiß, auf den abgekürzten Routen geht es allemal schneller."

"Das Licht ist also auch im Zwischenraum an seine begrenzte Geschwindigkeit gebunden, nutzt aber die substellare Raffung in optimaler Weise?"

"So ist es. Der Unterschied zwischen Abgabe und Aufnahme der Information verschwindet auf diese Weise allerdings nicht völlig, denn auch hier muß die Strecke bewältigt werden."

"Und wie wirkt sich das auf unsere Erkenntnisse über den Sternenring aus?" suchte nun Jens Hoffmann in Erfahrung zu bringen.

"Äußerst günstig. Wir können auf den substellar gewonnenen Fotos unmittelbar erkennen, was sich in dieser Region des Raumes derzeit in etwa zuträgt."

"Es gibt einen Abstand zwischen dem aktuellen Geschehen dort und unserem Empfang von ihnen?"

"Ja. Und zwar beträgt diese Differenz ungefähr hundert Jahre."

"Das Licht wurde von dort substellar vor etwa hundert Jahren abgeschickt?"

Der Auskunft gebende Wissenschaftler nickte.

"Der Ring selbst ist mindestens zehn Millionen Lichtjahre entfernt. So können wir also im Vergleich beider Bildfolgen erkennen, wie es dort vor zehn Millionen Jahren aussah, aber auch, was sich dort in der Gegenwart zuträgt."

Carpenter freute sich über den Wissensdurst der Presseleute. "So ist es."

Jens Hoffmann vom Weser-Bericht ließ nicht locker. "Der Ring ist demnach innerhalb des Spielraums von hundert bis zehn Millionen Jahren entstanden?"

Carpenter nickte wieder.

"Wenn der Ring annähernd zehn Millionen Jahre alt ist, bedeutete das nicht, daß seine Schöpfer uns in der Entwicklung schier unendlich weit voraus sind?"

"Das müßte uns jedenfalls zu größter Sorgfalt veranlassen."

Eine gewisse Unruhe breitete sich unter den Zeitungsleuten im Saale aus. Sie hatten die in dieser Überlegung verborgene Drohung wohl verstanden.

"Wie lange dauert es, einen solchen Reifen herzustellen?"

"Eine technologisch fortgeschrittene Zivilisation benötigt dafür gewiß eine erhebliche Spanne von Jahren."

"Im Ring sind unterschiedliche Sonnen und Sternsysteme vertreten. Doch Sonnen vom G-Typ, also wie unsere eigene Sonne, haben den Vorrang?"

Carpenter nickte.

"Beachten Sie bitte die Anordnung der Sonnen", versetzte er dann und blendete zur Illustration seiner Ansicht ein weiteres Bild ein. "Alle Sterne des Reifens sind in verhältnismäßig gleichmäßigen Abständen angeordnet."

"Hm, und wozu, bitte?"

"Um die Stabilität des Rings zu erhalten. Außerdem dürfte dies nach unserem Kenntnisstand das substellare Reisen erheblich erleichtern."

"Sie sprechen von einem interstellaren Transportwesen?"

"Ja, aber nicht nur. Diese regelmäßige Anordnung dient gewiß auch noch anderen Zwecken."

Einige Reporter lachten.

"Gesehen werden?" fragte einer.

"Natürlich. Gesehen werden. Und zwar ohne Zweifel. Eine solche Konstruktion gibt es nur einmal im Universum."

"Sie betrachten dies nicht als eine unmißverständlich in den Himmel geschriebene Drohung?"

"Der Reifen zeigt eine deutliche Überlegenheit, muß aber nicht als Drohung verstanden werden. Man kann auch als Aufforderung betrachten."

"Eine Aufforderung zum Besuche?"

"So in etwa."

"Arbeiten Sie nicht bereits an einem Raumschiff, dorthin zu fliegen?"

Saul Carpenter nickte.

"Die Lichtlaufzeiten durch den Zwischenraum dorthin sind bereits beträchtlich. Wie wollen Sie diese Strecke denn in für Menschen erträglichen Zeiträumen bewältigen?"

"Mit der zweiten Ableitung."

"Sie beziehen sich auf die Möglichkeit, den Weg dorthin noch weiter einzuschränken?" wollte Waxström wissen.

"Die erste Ableitung beschreibt bekanntlich den normalen Eintritt in die substellaren Zonen", erwiderte der Experte. "Die zweite Ableitung kennzeichnet denselben Vorgang, aber auf den Zwischenraum bezogen."

"Solche extremen Verkürzungen, hörten wir, sollten der Besatzung aber nicht gerade gut bekommen."

"Das ist richtig. Das Problem liegt in der Tat bei der lebenden Besatzung, die einen solchen Übergangszustand nur für kurze Zeit aushält. Aber mehr ist auch nicht nötig, weil eben in diesem kurzen Zeitraum gewaltigen Entfernungen bewältigt werden."

"Wenn ich Sie daran erinnern darf", versetzte Jens Hoffmann vom Weser-Bericht, "der Reifen, begünstigt durch seine Anordnung und Beschaffenheit, versendet eine direkte Botschaft."

"Die Drehung des Gebildes selbst bewirkt, ähnlich der eines Magneten, eine starke, auch an unserem Sonnensystem vorüberstreifende substellare Strömung", erwiderte Saul Carpenter darauf. "Diese ist so gewichtig, daß wir sie trotz der Entfernung und der mit ihr verbundenen witterungsbedingten Schwierigkeiten wahrgenommen haben."

"Wie ein Leuchtturm im Weltall?" fragte Isabel Mabongo vom Nigerianischen Observer.

"Wie ein gewaltiger kosmischer Leuchtturm", bestätigte der Astronom kopfnickend.

"Und was ist der Inhalt dieser Botschaft?"

"Das wissen wir noch nicht."

"Haben Sie nicht Experten, etwa vom Geheimdienst, die an einer solchen Aufgabe arbeiten?" wollte Amelie Hansen, dänische Reporterin, wissen.

"Ja, aber solch ein Problem stellte sich selbst ihnen noch nicht."

"Stimmt es, daß diese Botschaft mit einer Art Musik verbunden ist?"

Fast andächtiges Schweigen trat im Saal ein. Die Journalistinnen und Reporter vernahmen abermals die zumindest einer ausgewählten Öffentlichkeit bereits zugänglich gemachten erst dunklen, sanften, sich aus dem Hintergrundrauschen lösenden Töne. Selbige klangen fast ein wenig, als spiele ein großer Meister auf einer überdimensionalen Orgel. Ruhig, gemessen stiegen die harmonischen Klangkaskaden in die Höhe, um wenig später in abgehobene Trommelschläge etwa wie bei einer Sinfonie überzugehen.

Carpenter ließ die Tonfolge eine ganze Weile stehen. Vielleicht fiel es ihm wie vielen anderen der Zuhörer auch schwer, sich von ihrem Wohlklang zu lösen. Das war, hätte man vermuten können, bestimmt keine Sache für Geheimdienstexperten ... Die Passage währte, wie sogleich erörtert wurde, jeweils zwanzig Minuten, um sich dann regelmäßig zu wiederholen. Struktur und Gestaltung ließen keinen Zweifel an ihrem künstlichen Charakter zu. Übertragen wurde die Sendung mittels des Wasserstoffbandes, des Hauptbandes im Universum. Doch worin, betrachtete man die äußerst gefällige Tonfolge, lag der unzweifelhafte Charakter der Botschaft?

Der Astronom ließ daraufhin die Aufnahme, diesmal gefiltert, geglättet und mit nachrichtentechnischen Mitteln bearbeitet, erneut erklingen. Zugleich darauf aufmerksam gemacht, worauf man achten sollte, gewahrte man in dem, was bloß als höchst gefällige künstliche sowie künstlerische Musik erscheinen mochte, plötzlich deutlich wahrnehmbare, abgezirkelte Schläge. Sie wirkten wie genau berechnet und abgemessen.

"Das klingt ja wie ein Zahlencode, den man uns da mitteilt", erklärte, allerdings platt vor Erstaunen, Waxström.

"Das ist ein Zahlencode, mein Verehrter."

"Und Sie arbeiten daran?"

"Mit allem Nachdruck."

"Sie sind uns ähnlich", versetzte eine Reporterin vom afrikanischen Kontinent.

"Wegen der ansprechenden Ästhetik?"

"Allem liegt der Zehnercode zugrunde", sagte Carpenter. "Sie haben also fünf Finger an jeder Hand, wie wir."

"Sie sind optimistisch?" fragte Russ Tyler nach einer Weile und nachdem die wiederum aufbrandende Unruhe, ja der Tumult im Saale sich gelegt hatte.

"Das bin ich, alle Umstände gerechnet."

"Wenn ich mir die Geschichte unserer eigenen Erde ansehe, dann fällt mir dazu einiges andere ein", erwiderte der Reporter aus Chicago.

"Sie meinen, weil man zehn Finger auch benutzen kann, um Waffen herzustellen?"

"Ja, und zwar in diesem Falle Waffen von unausdenkbarem Kaliber."

"Man muß dies abwägen", bemerkte Perrier, der Versammlungsleiter. "Bedenken Sie bitte, sie zeigen sich uns ganz offen. Die Botschaft des weithin sichtbaren Reifens bedeutet doch offenbar, hier sind wir. Wir geben uns ganz unmißverständlich zu erkennen."

"Nun zeigt auch Ihr Euch?" fragte Russ Tyler, um hinzuzufügen: "Wer sagt uns denn nicht, das ist eine Falle, und zwar die größte, die je im Universum ausgelegt wurde?"

"Sie sind uns jedenfalls hoch überlegen", stellte Perrier fest. "Sie würden uns ganz sicher finden, wenn sie denn wollten."

"Sie meinen, ein Zusammenstoß oder ein Zusammentreffen beider Kulturen ist in jedem Falle unvermeidlich?"

"So ist es wohl", erwiderte der Versammlungsleiter. "Also ist es doch besser, wir sehen nach, was dort los ist."

Einige im Saale, ob dieser Worte, lachten.

"Außerdem", setzte Perrier hinzu, "können wir, ihre hohe Technik gerechnet, von ihnen profitieren."

"Wer verschenkt schon etwas in dieser Welt?" fragte die Mabongo.

"Mit ein klein wenig Glück können auch wir ihnen etwas geben."

 

*

 

"Glauben Sie nicht, daß wir die Probleme unterschätzen, die eine Reise dorthin mit sich bringen würde?"

Daugherty, Oberst im Raumdienst, beauftragt mit allen Problemen, den Sternenring und die einschlägigen Erkenntnisse betreffend, wollte dies von Robert M. Maxschmidt, seinem technischen Offizier, wissen.

"Das genauer festzustellen, ist ja unsere Aufgabe", antwortete jener in seiner unbekümmerten Art geradezu entwaffnend.

"Aber das ist doch nicht nur eine Frage der Machbarkeit", beharrte Daugherty auf dem ihn eigentlich beschäftigenden Gedanken.

"Was uns betrifft", Maxschmidt gab sich von den weitgespannten Hintergrundfragen durchaus unbeeindruckt, "so müssen wir nur wissen, ob und wann wir dorthin fliegen. Wir werden uns jedenfalls weiterhin bemühen, Ihnen in kürzestmöglicher Zeit das benötigte Schiffsmaterial mit allen erdenklichen Nebenreinrichtungen und flankierenden Aggregaten zur Verfügung zu stellen."

"Das Ganze ist etwas beunruhigend", brummte der Oberst verdrossen.

Er faltete die Hände hinter seinem Rücken und starrte durch die massive gläserne Schutzwand zu den glühenden Sturzbächen und Flammenschneisen hinüber, welche die große Werft- und Schmiedehalle erfüllten. Dort und an weiteren geeigneten Orten rund um den Erdball arbeitete man bereits mit allem Nachdruck an dem großen, zu diesem Zwecke ausersehenen Raumschiff.

"Stellen Sie sich einmal vor", begann Bill Daugherty wieder, "Sie gewärtigen vor sich eine überlegene Rasse mit einer höchst erstaunlichen Technik. Wir erkennen deren hochentwickeltes Vermögen unter anderem daran, daß sie imstande sind, Sterne leicht und in scheinbar beliebiger Weise wie Murmeln durch den Raum zu verschieben."

"Wenn wir unsererseits gezielt in die Natur eingreifen", bemerkte der technische Offizier und Bohrmeister wohl zurückhaltend, doch mit leicht gerötetem Gesichte, "so ist damit immer zugleich ein Zweck verbunden."

"Aber finden Sie es nicht zumindest erschreckend, wenn anders geartete Wesen sogar Hand an die Sterne zu legen vermögen?" beharrte der Oberst, die derzeit allgemein geübte Diskussion weiter verfolgend.

"Nur in Grenzen", begegnete Maxschmidt eher ungerührt diesem Einwand. "In gewisser Weise können wir das auch schon."

"Sie meinen unsere mehr als nur unbeholfenen Versuche, in den Zwischenraum vorzudringen?" wollte Daugherty, die menschlichen Errungenschaften auf diesem Gebiete deutlich herunterspielend, wissen.

"Ja, aber unser Bemühen in dieser Hinsicht übersteigt längst ein bloßes Tasten oder Sondieren", gab der technische Berater nun entschlossen zur Antwort. "Oder glauben Sie etwa, daß wir dieses gewaltige Raumschiff" – er wies auf die flammenüberströmte Haupthülle des SMARAGD hinunter – „nicht auch bald schon sehr sicher substellar werden verlagern können, wenn Sie mir diesen Ausdruck gestatten?"

Der Oberst nickte unentschlossen.

"Und, sobald sich unsere Kenntnisse und Fähigkeiten weiterentwickeln, Herr Kollege", fuhr der technische Berater geradezu überschwenglich fort, "was sollte uns dann noch daran hindern, gleich den Wesen da draußen die Ortsveränderungen bedeutenderer Objekte vorzunehmen?"

"Hoffentlich haben Sie Recht!"

"Mit jeder konkreten Maßnahme, und so auch mit diesem Schiff hier", verkündete Maxschmidt begeistert, "arbeiten wir uns mehr in den Zwischenraum ein und verstehen seine Prinzipien fortlaufend besser!"

"Sind Sie sich auch nur entfernt im klaren, vor welcher Aufgabe, vor welcher Herausforderung wir in diesen gewaltigen Zusammenhängen stehen?" wollte der Oberst ungerührt wissen.

Da schaute Robert Maxschmidt allerdings leicht bekümmert drein, denn selbstverständlich ließen sich die vorgebrachten Argumente hinsichtlich der Gefahren dieser vorgesehenen außerordentlichen Reise nicht so ohne weiteres widerlegen.

Daugherty jedenfalls seufzte wieder, die Hände erneut hinter dem Rücken verschränkend.

"Gut, jedenfalls können wir auch ein großes Objekt wie den SMARAGD selbst über beträchtliche Entfernungen einigermaßen sicher bewegen", ließ er sich abermals vernehmen.

Maxschmidt sah nach wie vor voller Hoffnung und Erwartung aus dem Stahlglasfenster zur im kalten Licht unentwegt funkensprühenden und unaufhörlich pulsierenden Montagehalle hinunter.

"Aber?" wollte er dann wissen.

"Wie gesagt", erwiderte der Oberst, "das Problem liegt darin, daß wir mit diesem Flug dorthin etwas beginnen, das wir – ist es erst einmal in Gang gesetzt – nicht wieder rückgängig machen können, gleichgültig, was wir konkret dort finden. Verstehen Sie das?"

"Das ist unsere große Chance!" erklärte Maxschmidt.

Doch es war dabei unklar, ob er die technische Weiterentwicklung oder den Vorstoß in den Weltraum, insbesondere zu anderen Kulturen, meinte.

Oberst Daugherty gab sich unbeeindruckt.

"Wir haben die anderen entdeckt, nicht sie uns", gab er zur Antwort. "Jene wissen in dem schier unendlich großen Weltall offenbar nicht von unserem Vorhandensein. Darum eben streift ja auch der Suchstrahl im übrigen recht ziellos unentwegt durch die Weiten des Raumes. Jedenfalls ist er nicht direkt auf uns gerichtet."

"Was wollen Sie machen, Herr Oberst? Wollen Sie also in Deckung bleiben?" erkundigte sich Maxschmidt

Der Oberst schüttelte den Kopf. "Eine vollständige Verborgenheit kann es nicht geben. Wenn wir denn gefunden werden sollen, so wird man uns notgedrungen finden."

"Also?"

"Wir leben mit ihnen im selben Weltraum und können ihnen letztlich ohnehin nicht entgehen", räumte Daugherty widerwillig ein.

"Also klären wir dies jetzt ein und für alle Mal?"

"Ja, und ich hoffe", der Oberst seufzte, "daß Sie mit Ihrem Optimismus Recht haben, Herr Kollege."

"Ich auch, Herr Oberst", sagte Maxschmidt.

 

IV.

 

 

Das Universum wirkte ganz sanft und ruhig um sie. Die Sterne standen in heller, strahlender Pracht in der ungeheuren Schwärze des Raumes. Die Sonne war schon klein geworden, während der SMARAGD mit konventionellem Antrieb immer weiter zur vorgesehenen Eintrittsstelle im All hinaufglitt. Der Beginn dieser großen, womöglich alles entscheidenden Reise war eigentlich für Anfang Mai 2187 vorgesehen, mußte aber auf Grund der widrigen Witterungsbedingungen im Zwischenraum um einige Zeit, nämlich bis zum 12. Juni dieses Jahres verschoben werden.

Fahrzeug und Besatzung, ihren Kapitän an der Spitze, hatte man zuvor nach allen vorstellbaren Gesichtspunkten und in jeder Hinsicht gemessen, getestet, überprüft und in allen Einzelheiten abgewogen. Das Schiff selbst versah man, wo immer möglich, mit alter, bewährter, insbesondere zuverlässiger Technik. Und man klopfte es bis in den äußersten Winkel ab und überprüfte es, jedenfalls computermäßig, bis zur letzten Niete oder Schraube. An diesen, bis in die winzigsten Fugen vordringenden unnachgiebigen Zerreißproben beteiligte sich selbstverständlich die sich bald herausschälende Besatzung, welche dadurch wie nebenbei Gelegenheit fand, den eleganten, anmutigen Raumschiffkoloß in allen Einzelheiten kennenzulernen.

Das Personal, das stand rasch fest, bildeten einhundertachtzig gewiß mit allergrößter Sorgfalt ausgewählte Frauen und Männer, welche man – auf ihrem Gebiete – als Elite für sich selbst betrachten konnte. Um unnötige Reibungsverluste oder gar Streitigkeiten zu vermeiden, wählte man für die Reise fast ausschließlich verheiratete Paare oder jedenfalls Teilnehmer, die sich augenscheinlich in festen Händen befanden. Alle, Frauen wie Männer, waren nicht zuletzt für dieses außerordentliche wie unstrittig gewagte Unternehmen in mehreren Disziplinen wissenschaftlich ausgebildet, und etliche verfügten gar über verschiedene akademische Grade, von denen sie indes an Bord wie nach außen hin keinerlei Gebrauch zu machen pflegten.

Diese vielfältigen Kenntnisse, über welche ausnahmslos alle Teilnehmer an der bevorstehenden Reise verfügten, besaßen den unverkennbaren Vorteil, daß von der Mannschaft alle – über ihren jeweils spezifischen Forschungsschwerpunkt hinaus – stets einen guten Überblick über die Gesamtlage erlangen würden. Darüber hinaus aber lag es nahe, daß viele Beteiligte an der Fahrt, gleich unter welchen Umständen, ihre Kolleginnen und Kollegen verhältnismäßig leicht ersetzen konnten, ein Umstand, auf welchen man nicht hoffte, der sich im Vorfeld aber auch nicht so einfach würde ausschließen lassen.

 

*

 

Der Kapitän des Schiffes, Heinrich Luntz, ein im Zwischenraum erfahrener Mann von fast fünfzig Jahren mit grauen Augen und ebensolchen Schläfen, war mit einigen bereits auserwählten Leuten seiner Führungsmannschaft schon auf der Pressekonferenz dabei gewesen und hatte – zusammen mit ihnen – bereitwillig die an ihn gestellten, von großer Wißbegierde zeugenden Fragen beantwortet.

Jetzt betrat er die Zentrale. Es war fünf Uhr morgens, Bordzeit gerechnet, und die Gespräche der Frauen und Männer vor ihm erklangen sofort leiser. Luntz blieb noch einen nachdenklichen Augenblick in der Nähe der zusätzlichen, ein Höchstmaß an Sicherheit verbürgenden Schleusentür stehen. Sein Blick glitt über die Bankreihen und Pulte, auf denen Computer- und Sprechanlagen neben Kontrollichtern von vielfältiger Art glühten. Für Momente nur betrachtete er die tiefen, äußerst bequemen Sessel, in welchen sich die energetischen Sicherheitsgurte spiegelten, welche in wenigen Minuten ihren unerläßlichen Dienst aufnehmen würden.

Auf dem großen Bildschirm, der die Stirnseite des Steuerraumes einnahm, zeichnete sich das stille Meer der Sterne, wie der Kapitän gleichsam befriedigt zur Kenntnis nahm, während er nun in dem riesigen Oval die Stufen zur Kommandobrücke bedächtig hinabschritt. Vor ihm lag schon wenig später die Hauptkonsole mit ihren jetzt noch ruhigen Lichterreihen und ihren funkelnden, blitzenden Anzeigetafeln, das Herzstück des Schiffes, jedenfalls, was die Befehlsstruktur anbetraf. Über ihre Taktgeber und Manometer vermochte man in nahezu jeden einzelnen Teil des SMARAGDES rasch und zuverlässig einzugreifen.

Luntz ließ sich umsichtig und besonnen in seinem Sessel nieder, für einen Augenblick die neue, indes von zahlreichen Erprobungsmanövern wohlbekannte Umgebung regelrecht genießend. Dann überflog sein Blick die zunächst wichtigsten Anzeigen und Leuchtdioden. In seinem Rücken, wo sich der Großteil der Mannschaft längst eingefunden hatte, war es unter merklicher wachsender Anspannung schon ruhig geworden.

"John?" fragte Luntz, sich geringfügig zur Seite neigend.

"Chef, alles in Ordnung", erwiderte unverzüglich der angesprochene I. Offizier, McClellan.

"Gut so, John, wir können also beginnen", versetzte Luntz.

Er war sich wohl bewußt, daß seine Worte nicht nur in die Zentrale wie ins gesamte Raumschiff, sondern notwendigerweise auch nach draußen, zu den gleichwohl bereits weit entfernten Überwachungsposten und Außenstationen drangen – und selbst zur Erde, dorthin freilich mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.

"Startvorbereitungen eingeleitet, Chef", bestätigte McClellan.

Und er löschte wie nebenbei alle störenden Lichter in der Zentrale, vornehmlich die im Kommandobereich, damit man nichts anderes als die beste Sicht auf alle nun einsetzenden entscheidenden Vorgänge wie Verfahrensweisen erlange. Die allgemeinen Startvorbereitungen einschließlich der Einschätzung der substellaren Witterungsverhältnisse, an denen sich der Kapitän natürlich im Rahmen seiner Pflichten in vollem Umfange beteiligte, waren über Wochen rund um die Uhr abgelaufen. Nun, nachdem die letzten Vorbereitungen abgeschlossen waren, wartete man noch auf den endgültigen meteorologischen Bescheid. Dieser wurde nicht nur an Bord des SMARAGDES, sondern wesentlich auch auf den mit dem Schiff verbundenen Außenstationen erstellt.

"Wie ist, Kurs voraus, das Wetter?"

Esteban Morley, der Meteorologe, der sich in seinem wetterbestimmten Sonderraum befand, fühlte sich also als erster angesprochen.

Sogleich verkündete er über die allgemeine Rundsprechanlage: "Wetter in einschlägigem Zwischenraum ist bestens, Chef."

"Sind keine überraschend aufbrechenden Sturmzonen und dergleichen zu erwarten, Esteban?"

"So etwas läßt sich niemals völlig ausschließen, Chef", erwiderte Morley gewissenhaft. "Den berechneten Schiffslauf voraus, sollten wir uns jedenfalls in sicheren Verhältnissen bewegen."

"Danke, Esteban. Außenstation Pluto?"

Das Gesicht des Wettermannes, Müller, dort zeichnete sich auf einem eingeblendeten Ausschnitt des großen Schirmes.

"Wir schließen uns den Erwägungen unseres Kollegen inhaltlich voll an", antwortete Müller.

Wie alle beteiligten offiziellen Stellen verfolgte er den diesbezüglichen Wortwechsel an Bord des Schiffes. Darüber hinaus stand er natürlich mit seinen Kollegen auf allen angeschlossenen Wetterstationen, und das waren nicht wenige, fortlaufend in enger Verbindung.

"Keine Unwägbarkeiten, Friedrich?" fragte Luntz, der aus eigener Erfahrung sehr wohl um die möglicherweise rasch einsetzenden, hektischen Wetterumschwünge im substellaren Raum wußte.

"Keine Überraschungen zu erwarten, Herr Kapitän", versicherte auch Müller.

"Danke, Friedrich."

Sein Bild verschwand, wie vordem die Eindrücke des Präsidenten des Weltrates und anderer Persönlichkeiten, Schiff und Besatzung alles Gute wünschend, vor dem eingeblendeten prächtigen Sternenhimmel versunken waren. An seine Stelle traten, unmerklich, doch äußerst beruhigend, in rascher Folge kleine Monitorausschnitte verschiedener Überwachungsposten draußen. Sie zeigten an, daß von Seiten der Erdbehörden alles, aber auch alles Erdenkliche für das Fahrzeug getan wurde.

Da war ein Mann von den Kanaren, den Luntz zufällig persönlich kannte, gemeinsam mit seiner Mannschaft wachte er über die einschlägigen Zug- und Traktionsverhältnisse. Ein anderer, übrigens von den Azoren, sollte mit seinem Team auf die Veränderungen im durch die Schwerkraft bedingten Raum-Zeit-Verhältnis achten.

Luntzens Blick glitt wie von selbst den ebenfalls eingeblendeten Schiffsleib hinunter. Da trat die riesige Heckkugel hervor, in ihr befanden sich nicht nur der dem Antrieb dienende Sternenwandler, sondern nahezu alle technischen Einrichtungen. Zu ihnen gehörten natürlich der Maschinenpark, aber auch die weitgespannten, für die Aufbewahrung und Bergung extra-terrestrischen Materials vorgesehenen Lagerräume. Abseits der Schmelz- und Laseröfen schwebten wie kleine Planeten dem Transport und der Beförderung dienende Silberkugeln, während das beide Schiffseinheiten verbindende, fast zwei Kilometer lange Gestänge sich teilweise seinem Blick entzog.

Der Kapitän sann einen Moment darüber, daß sie selbst auf einem gigantischen Kraftbeschleuniger saßen, der, hatte er seine Kräfte erst einmal tobend entfesselt, ihnen nicht nur die Besinnung rauben konnte. Die entsprechende Energiezufuhr erfolgte zusätzlich zum Schiffsantrieb über die zu diesem Zeitpunkt routinemäßig längst voll entfalteten silbernen Segel. Unter Ausnutzung des Sonnenwindes trieb der Raumkoloß seit geraumer Zeit weiter und weiter dem Schnittpunkt zwischen zwei Welten, also der Eintrittsstelle in den Zwischenraum, entgegen.

Die Sonne in der Ferne war schon ganz klein geworden. Luntz riß sich zusammen. Alles war bereit für das große zusätzliche Schubmanöver, welches sie also hinauf zu dem angestrebten Kreuzungspunkt bringen würde.

"John?" sprach er mit ruhiger, gesetzter, doch entschlossener Stimme seinen neben ihm sitzenden I. Offizier an.

"Chef?"

"Was macht der Wandler?"

"Wandler läuft gut, Chef."

"Was macht der Schutzschirm?"

"Schutzschirm bestens, Chef."

"Kann ich einmal sehen?"

"Natürlich, Chef."

Er konnte übrigens immer sehen. Die vollständige Kommandogewalt lag ja in seinen Händen, im Zweifelsfall bestimmte er alleine das Geschehen. Doch was wäre ein Vorgesetzter je ohne eine befähigte und entschlossene Mannschaft gewesen?

Übergangslos speiste der Computer das eigentlich unsichtbare, jetzt zur optischen Verständigung aufbereitete Energiegewebe ein. Blau, ins Grünliche spielend, zeigte sich der Schirm, der noch blaß und unscheinbar wirkte, aber nur, wenn man seine wirklichen Qualitäten nicht kannte. Er umhüllte vollständig beide Kugeln des großen Raumschiffs und griff, einen zuversichtlichen Eindruck vermittelnd, auch auf die meisten Teile des sie verbindenden Gestänges über.

Licht – Druck – Sauerstoff – Schwerkraft – all diese entscheidenden Dinge, die doch eigentlich wesentlich dem Computer oblagen, wurden im Dialog zwischen Kapitän und seinem Ersten Offizier routinemäßig kurz abgehandelt. Alles in Ordnung, auch die künstlich erzeugte Schwerkraft. Nun konnte das eigentliche Unternehmen also beginnen.

Der Blick des Kommandanten schweifte über die teils durch Bilder, teils durch Kontrollziffern, aber auch durch Sichtschreiber ausgewiesenen zahlreichen Einrichtungen, fast so, als ob er nach ihren Angaben jetzt noch wirklich etwas hätte ändern können. Von den Metallstrukturen im Rahmen des Schiffes bis hin zur Verankerung eines jeden Besatzungsmitglieds in den Sicherheitsriemen gingen seine Augen. Abbrechen, ja abbrechen, das konnte er jetzt noch. Doch er dachte natürlich nicht daran. Warum auch? Alles, den sorgfältig gemessenen Werten, aber auch dem Augenschein nach war in Ordnung.

Sie lagen gut im Zeitplan, wie er und alle wußten. Der Chronometer zeigte nämlich inzwischen, wie vorbestimmt, fünf Uhr dreißig an. Beinahe völlige Stille lag derweil über der Zentrale des flüsternden, seufzenden Kolosses, in welchem jetzt nur noch einzelne Geräte schier hörbar tickten.

"John?"

"Chef?"

"Sternenwandler?"

"Bestens."

"Raumspannung voraus?"

"Raum den Berechnungen entsprechend."

Luntz wandte sich nun an die allem zuhörende Mannschaft. "Alles bereit?"

"Alles bereit!" antwortete, stellvertretend für alle, McClellan.

"Halbe Spannung!"

"Halbe Spannung."

Das Schiff, trotz der künstlich erzeugten Schwerkraft und der zugehörigen abpolsternden Effekte, ruckte merklich, kaum daß der Befehl erteilt war. Sie alle, wie wenn eine Faust sie niederdrücken würde, sanken deutlich in ihre die Sessel umspannenden elektronischen Gurte zurück. Das Schiff beschleunigte merklich. Aus den Heckdüsen, über die überall angebrachten Kameras zu betrachten, fiel jeweils ein dünner gasförmiger Strahl, in welchem vereinzelt bläulich glänzende Blasen schwammen.

Der Raumwandler ging unter dem Befehl des Kommandanten, dessen Zähne dabei knirschten, auf neunzig Prozent der Leistung. Alsbald sanken sie, wie von einer riesigen Faust gepackt, seufzend und stöhnend in ihre Sessel. Sicherheitsgurte und Lichtanlagen flammten, während der Koloß geradezu wie ein Spielzeug schier unerwartet noch vorne schnellte. Die Sterne eben an den Stellen, wohin das Schiff sich bewegte, kräuselten und verwischten sich wie unter dem Einfluß einer Atmosphäre.

"Wie ist die Eintrittsstelle?" Luntz, seinen Pflichten gehorchend, brachte kaum ein Wort hervor; doch es mußte sein.

Und das galt auch für seinen Ersten, der ächzend erwiderte: "Eintrittsstelle bestens."

Die Sterne ringsum schienen jetzt regelrecht zur Seite zu gleiten, so, als ob sie dem Fahrzeug den allerdings gewünschten Tunnel eröffnen würden. Voraus zeichnete sich eine brüchige, körnige Stelle im Raume, durch welche man den Eintritt in die substellaren Zonen zu bewerkstelligen gedachte.

"Substellares Wetter?"

Einer Ohnmacht nahe, vermochte Luntz kaum noch zu sprechen. Dabei war im Vorfeld doch alles schon abgeklärt. Doch, freilich, wer vermochte schon alles zu wissen, zumal sich die Dinge in diesen Breiten nicht stündlich, sondern sekündlich ändern konnten.

"Schwache Dünung ... Chef."

McClellan, wie anders, bezog sich auf die aktuellsten Aussagen der Meteorologen.

Sie verständigten sich über die Maschine, den großen Sternenwandler, das Gebilde, von welchem jetzt ihrer aller Leben unmittelbar abhing. Denn würden sie den Eintritt in den Zwischenraum versäumen – man mochte daran nicht denken.

"Läuft glänzend." Der I. Offizier ächzte.

Das war auch Luntz klar. Grün glühten alle diesbezüglichen Leuchtdioden.

"Uhrenvergleich, bitte!"

"Sechs Uhr, Chef."

In der Tat, sie waren pünktlich. Auf den Bruchteil einer Sekunde genau hatten sie alle Vorgaben eingehalten. Nun würde es ganz sicher gelingen, auch den Rest der Erfordernisse zu erfüllen.

"Hundert Prozent der Leistung!"

"Hundert Prozent der Leistung!"

Kaum war dieser endgültige Befehl – im übrigen mit Billigung der Erdzentrale – geäußert, da drückte es alle Besatzungsmitglieder, ob in oder außerhalb des Kommandoraumes, mit aller Wucht in die unter der gewaltigen Schubkraft aufflammenden Sicherheitsriemen. Die Heckstrahlen draußen bündelten sich zu einer grellen, tosenden Flamme, ihre gewaltige Kraft ließ sich über die knackenden Spanten des luftgefüllten Verbindungsschachtes selbst indirekt als dumpfes Grollen noch vernehmen. Gleichzeitig flammte der auf sein höchstes Fassungsvermögen gefahrene Schutzschirm blendend auf, und hinter ihm schienen die Sterne nunmehr wie belanglose Objekte gleichgültig zur Seite zu fließen.

Alle Werte?

Alle Werte in der Zentrale in Ordnung.

Sprachen die beiden führenden Männer an Bord des Schiffes, die wie alle anderen gewaltig in ihre Sessel gepreßt und scheinbar nicht mehr losgelassen wurden, diese Worte, oder dachten sie sie nur, während sie die vielfältigen Instrumente und Anzeigeebenen mit verschwimmenden Augen ablasen?

Lichter flackerten, der Alarm, er schrillte, Kontrolldioden, für andere Zwecke eingerichtet, gingen allesamt vom grünen oder gelben Bereich in den roten Farbton über. Die Warnlampen, sie schrillten. Und die jetzt geltende Uhrzeit, während der mächtige Strahl das kolossale Schiff immer weiter auf die Durchbruchsstelle hinaufschob?

Sechs Uhr.

Die Zeit – ausgerechnet die Zeit – sie hatte angehalten. Sie hatte programmgemäß angehalten. Sechs Uhr. War das verrückt? Trogen die bestimmenden Männer ihre Sinne? Nein, oh nein, sechs Uhr, es blieb sechs Uhr, das war, mit Verlaub, eine gute Nachricht. Denn sie schoben hinauf zu der Eintrittsstelle in die substellaren Zonen, das ist dort, wo die Dinge sich zumindest im Übergang erst einmal ändern werden. Und die Zeit mit ihnen.

Sechs Uhr.

Ach ja, sie hingen ächzend, schnaufend – und im übrigen blutend – in ihren sie, genau genommen, schützenden Sesseln. In den Ohren war ein leises Ticken. Ob das von den elektronischen Chronometern herkam? Unmöglich. Und doch flüsterte es in ihren Ohren.

Wie weit noch?

Verfließende Augen vermeldeten: Eintritt in den Zwischenraum steht unmittelbar bevor.

Die Uhren, Hand aufs Herz, sie liefen langsamer als gewöhnlich. Sehr langsam. Sie schienen stehen geblieben zu sein. Worauf deutete dies hin? Ach ja, das geschah immer dann, wenn man sich zur Lichtmauer hinaufschob. Die Zeit blieb stehen.

Sechs Uhr.

Goldener Glanz und blutige Lippen.

Sechs Uhr?

Nein, sechs Uhr und ein paar Millisekunden!

Der Druck ließ nach, wie das gewaltige Raumschiff schier unversehens in den Zwischenraum eintrat. Jetzt, wie wenn man aus einem im Kälteschlaf verbrachten Alptraum aufwachen würde, vernahm man das Brüllen des Schiffes, selbst die Spanten krachten und ächzten.

Die Uhren liefen wieder.

"John?" fragte Luntz ganz unverfroren und drehte seinen Kopf zur Seite, nachdem er sich verstohlen das Blut abgewischt hatte.

John McClellan, mit einem ehemals weißen Taschentuch beschäftigt, drehte seinerseits – gar mühsam wohl – seinen eigenen Kopf zur Seite. "Chef?"

"Die Uhrzeit, bitte", ächzte Luntz mehr, denn er sprach (und wie er sich über schmerzenden Knochen im Kontrollraum umsah).

"Sechs Uhr dreißig, Chef", meldete, leicht verwirrt, sein Erster.

Sechs Uhr dreißig. Eine halbe Stunde in der Lichtmauer. Und doch, ein gnädiger Gott hatte ihnen nahezu jede Erinnerung daran genommen.

Oh weh, die armen Leute, sie hingen in ihren Sesseln und krümmten sich. Wie ein Bild aus einem Schlachthaus war das, schlimmer, als befürchtet. Und Gloria? Ah, sehr schön, sie hatte sich gut gehalten. Brave Frau! So ist es recht!

Und vor ihnen – als Luntz sich wieder zu seinem eigentlichen Aufgabenbereich umdrehte – eröffnete sich blau und grün, ja wirklich, wie in Diamanten gefaßt, eine neue Sphäre oder Zone, in welche sie – mechanisch, automatisch gesteuert – übrigens ganz planmäßig hinunter stürzten.

Der Zwischenraum in all seiner Schönheit. Ruhe. Stille. Kein Sturm, kein Wetter, nur die samtweich verschwimmenden Sterne, die mit ihren Tiefenabdrücken im substellaren Bereiche hingen.

Und das Schiff glitt hinunter, während sich hinter ihm – in den Kameraperspektiven deutlich sichtbar – ein Loch schloß, ein Loch wirklich, das zum normalen Raume oder aus ihm führte und durch welches sie in diese verheißungsvollen Zonen eingedrungen waren.

Normal. Alles wurde normal. Der Schwindel, der Luntz noch eben erfaßte, er verblaßte. Der Kommandant spürte, wie alle Kräfte in seinen Körper zurückkehrten, ja, er empfand sich als stärker als vorher.

"Wo sind wir?"

Das war die erste Frage. Der Sprung, den sie vollführt hatten, er war zweifellos gelungen. Doch wo, genau, waren sie?

"Peilung läuft, Chef", beschied der Chefastronom Sanchez.

Auch er tauchte auf wie aus einem Schleier und Blut und Tränen. Und war auf seinem Posten.

"Wir sind einige Lichtjahre gesprungen", erklärte der Chefmeteorologe Morley.

Schnäuzte sich. Wischte sich etwas ab, das wie Blutklumpen aussah. Und im übrigen, hatte man sie nicht auf dieses Manöver einschließlich aller Eventualfälle vorbereitet? Speitüten und Berge von Taschentüchern und allerhand mechanisches Gerät, auch zum Säubern der Leute, standen bereit.

Der Alarm fiel ab, die roten Lichter zeigten wieder überwiegend grüne oder denn doch zumindest gelbe Werte. Schutzschirm? Was macht der Schutzschirm? Bestens. In der Tat, er brannte wie zum Vergnügen der Insassen, welche er beschützen sollte. Nach derselben Logik arbeitete der große Sternewandler auf Hochdruck und in prächtiger Weise, wie überhaupt eine ruhige, beständige Stimmung in die Schiffszentrale sowie in die übrigen Räumlichkeiten einzog.

Inzwischen war die Peilung ihres jetzigen Standorts gelungen. Morley hatte Recht, sie waren auf Anhieb Lichtjahre weit, weiter als erwartet, gesprungen. Und zwar in die korrekte Richtung. Das war wichtig. Aufräumarbeiten liefen an, die Leute räumten sich gewissermaßen selber auf, indem die überall angebrachten automatischen Müllschlucker das aufnahmen, was jene vorübergehend in einem Übermaß von Verzweiflung von sich spuckten.

"Sicht voraus?"

"Ein Wellental voraus", beschied Sanchez vor den mit ihren Tiefenabdrücken im Zwischenraum hängenden Sternen.

"Ausweichmanöver?"

"Keines möglich."

"Gefahr im Verzug?"

"Nein, keine Gefahr im Verzug, Chef."

Schwere Wetter, das war es, was auch die optische Peilung vermittelte. Brecher, die wenig später über den aufflammenden Schutzschirm des Seglers rollten, das war es, was das Wetter draußen ihnen bescherte. Schwere See, das war kein Problem, vielmehr eine Genugtuung, auf diesem Wege gleich unmittelbar das Hochleistungsvermögen der Aggregate zu testen und die entsprechende Bestätigung zu erlangen und abzulesen.

Da zog – zum ersten Male seit ihrem Eintritt übrigens – eine tiefe Ruhe in den auf zahlreichen interkosmischen Routen erfahrenen Kommandanten des Schiffes ein. Er kannte diese Umstände und Phänomene – man denke nur an die energetischen Brecher voraus, welche sie jetzt mit Wucht und Macht überschwemmten – das war die rauhe, schwere See, die sie erwartet hatten. Sie würden ihr gewachsen sein, wie vorausgesehen.

Da traf sie schon ein Schwall aus Energie, der wie eine Wasserwand aus alten Seefahrerzeiten über sie stürzte, und ließ in dem hochmodernen Schiff alle elektronischen Lichter und Leuchtanzeigen flackern. Der Computer war dieser Erscheinung in vollem Umfang gewachsen, und auch der zweiten. Denn schon Momente später spülte ein zweiter, noch gewaltigerer Brecher über sie und ließ das Fahrzeug unter seinen Ausgleichsparametern und Stabilisierungsgrößen schwanken. Die Lichter flackerten und schwankten, doch sie brannten dann wieder wie erwartet.

Ein dritter, verheerender Schlag traf sie, fast so, als ob die ganze Energiewand vor ihnen sich über sie stürzen würde. Das Schiff schlingerte und torkelte unter unaufhörlich stattfindenden elektronischen Entladungen. Doch es hielt sich erstaunlich aufrecht in der Sturmwand, in welche sie gleich auf Anhieb geraten waren. Und dann klarte der Himmel vor ihnen plötzlich auf, denn die Dinge vollziehen sich in den substellaren Sphären mitunter viel schneller als im Normalraum oder auf der Erde.

"John?"

"Alle Noteinheiten haben gehalten, Chef!" verkündete der Erste zufrieden.

"Keine besonderen Schäden?"

"Einige Segel leicht beschädigt."

Die Bilder, von den Außenkameras aufgenommen, kamen herein. Das Schiff, das ja für noch ganz andere Eventualitäten ausgelegt war, hatte nur geringfügige Schäden erlitten.

"Na, dann wollen wir mal."

"Ay, ay, Chef."

Die Umgebung klarte endgültig auf. Vor ihnen, Schiffslauf voraus, zeichnete sich eine mächtige Dünung mit hohen, aus Energie bestehenden Wellenkämmen.

Luntz bat seinen I. Offizier zu übernehmen. Sieben Uhr. Er selbst erhob sich aus seinem Sessel, streifte die mittlerweile allseits erfreulich grünen Lichter auf dem Kontrollbrett noch einmal mit seinen Augen. Dieser Blick verschaffte ihm Gewißheit, die erste und entscheidende Phase des Eintrittsmanövers in die substellaren Zonen war offensichtlich in vollem Ausmaß gelungen.

Seiner eigenen Frau, nach wie vor zwischen den Bänken, ging es ersichtlich gut. Er warf ihr einen kurzen, höchst aufmunternden Blick zu, hatte er als Kommandant des ganzen Unternehmens sich vorwiegend doch um andere Dinge zu kümmern. Immerhin, bleich und blutig hing ein übriger Teil der Besatzung nach wie vor in den Riemen. Frauen wie Männer, die sich allerdings notdürftig herrichteten und ordneten, unvermeidlich Erbrochenes zu ihren Füßen, das die winzigen Putzmaschinen noch nicht in vollem Umfange hatten wegräumen können.

"Starker weißer Fleck voraus, Chef!"

Das war Sanchez, der Chefastronom, der sich so meldete.

"Und?" Luntz verharrte, noch halb oben auf dem Podium.

"Schwere, massereiche Sonnen im Normalraum."

Das war, wie Luntz rasch abschätzte, etwas ganz Normales.

"Geht von ihnen oder von ihrem Einflußbereich irgend eine Gefahr für uns aus?" wollte er darum wissen.

Sanchez und seine Leute arbeiteten an der sie alle in hohem Maße interessierenden Frage. Weitere Daten flossen ein.

"Nach vorläufigem Ermessen sind sie mit dem Einfluß, den sie auf uns ausüben, unbedenklich", antwortete der Chefastronom, erfreut über die selbst erlangten Daten.

Das hätte ja auch anders kommen können. Gleich zu Beginn ihrer Reise. Man konnte nie wissen. Es war richtig, daß sich der Chefastronom sogleich bei seinem Vorgesetzten gemeldet hatte.

"Danke, Raul." Heinrich Luntz ließ sich seine eigene Erleichterung nicht anmerken.

Jetzt meldete sich, einer nach dem anderen, der jeweils für seinen Fachbereich zuständige Abteilungsleiter. Ihrer aller Einschätzung der aktuellen Lage, Zustand des Schiffes, Beschaffenheit aller unentbehrlichen Aggregate und lebensnotwendigen Instrumente wurde eingefordert. Alle Angaben klangen, im übrigen wie erwartet, den Umständen entsprechend, durchaus zufrieden stellend.

Noch immer in der Zentrale, richtete sich der Blick voraus nicht nur zu den tiefenlastigen Abdrücken der Sterne, sondern, eigentlich ganz unvermeidlich, auch entlang der gesamten Schiffsstruktur nach hinten. Es hatte bekanntlich einige Segel erwischt, welche schlaff in ihrer Verankerung hingen. Das war ein minimales Problem, man würde es nach Rücksprache mit Luigi Feltrinelli, dem Segelmeister, rasch beheben können.

"Carla?"

Die Ärztin und Psychologin rief an, die Luntz eben gerade jetzt selbst hatte ansprechen wollen. Denn natürlich, es blieb ihm nicht verborgen, wie einzelne, durch den Eintritt in die substellaren Zonen durchaus angeschlagene Besatzungsmitglieder sich erheblich um Besserung oder die Wiederherstellung ihrer Gesundheit bemühten.

"Keine besonderen Fälle, Käpten", meldete die Menotti fast kaltblütig, die, wie immer in solchen Lagen, sehr wohl die Nerven behielt.

"Keine ernsthaften Verletzungen, Carla?"

Heinrich Luntz, dessen Blick einmal mehr über den Ort teilweiser Verwüstung schweifte, lächelte innerlich. Er kannte die Chefärztin wie alle übrigen führenden Leute gut, und darum wußte er auch, wie ihr das Schicksal der Mannschaft nicht weniger als ihm am Herzen lag.

"Einer, ein Maat, ist von der Phasenverschiebung deutlich mitgenommen." Sie nannte den Namen.

"Ein Anfänger?" sann Luntz, rasch den digital vorgeführten Katalog überschlagend.

"Er ist zum ersten Male substellar mit dabei. Desorientierung, mangelndes Zeitempfinden."

"Er wird sich erholen?"

"Wie alle, Käpten." Die Ärztin lächelte zuversichtlich.

"Danke, Carla."

Das Bild der Ärztin, die übrigens selbst bleicher als gewöhnlich wirkte, erlosch.

"Stabilisatoren?" wollte Luntz dann wissen, nachdem er wieder ans Schaltpult zurückt.

"Haben gehalten", antwortete der II. Ingenieur, Jack Brewster.

"Seitenruder?"

"Seitenruder und Kreiselsysteme stabil", erwiderte, für diese Einrichtungen zuständig, Abel Munoz.

Heinrich Luntz spürte, wie auf Grund des immer noch nicht vollständig bewältigten Phasenausgleichs sein Herz heftiger und rascher als gewöhnlich klopfte. Wie die meisten anderen nahm er sich schlichtweg zusammen und holte erst einmal tief Atem.

"Der Wandler", fuhr er fort, sich mit einem seidenen Schal ein paar Schweißtröpfchen abwischend, "wie sieht es dort aus?"

Chefingenieur Van Straten, der Hauptverantwortliche für dieses für Energie, Licht, Sauerstoffaufbereitung, Dämpferpufferung, Phasenausgleichsschaltung und für so manches mehr maßgebliche Maschinenteil hatte auf diesen in seinen Augen überfälligen Anruf nur gewartet.

"Wandler voll einsatzfähig, Käpten", bestätigte er die auch vor Luntz aufleuchtenden Daten und Koordinaten.

"Danke, Roger."

"Keine Ursache, Käpten."

"Schadensbericht?"

Jean-Paul Dupres, der III. Ingenieur, zuständig für Technik, Mechanik und Schäden, war somit aufgerufen, den bereits getätigten Augenschein sowie die ständig ausfließenden Computerdaten zu ergänzen.

"Einen Teil des Lagerraums hat es getroffen", antwortete er also.

"Kann ich einmal sehen?"

"Gerne."

Umgehend strömten die Bilder der Lagerräumlichkeiten herauf und zeigten verschobene Gestelle, zerfetzte Halterungen, zu Boden gestürzte Gerätschaft. Ein Nulldruck-Punkt mußte dort in der entscheidenden Phase gewütet haben.

"Das läßt sich beheben, Jean?"

"Ohne weiteres", lautete der Bescheid, "schon in Arbeit."

"Sonstige Schäden, Jean?"

"Schäden an den Außenanlagen, Chef."

Luntz hatte die Probleme mit der Takellage schon gesehen. Ohne eine weitere Nachfrage abzuwarten, blendete Dupres jetzt ausgewählte, zunächst nur dem Fachpersonal zugängliche Bildausschnitte ein. Dieselben zeigten etliche beschädigte Sendeschüsseln sowie Peilantennen. Darüber hinaus aber auch jetzt schon auf Geheiß des Ingenieures ausschwärmende Mitarbeiter, die sich zur nicht geringen Zufriedenheit ihres Kommandanten bereits um die entsprechenden, für ein Fortkommen unerläßlichen Anlagen kümmerten.

"Danke, Jean."

"Keine Ursache, Käpten."

Putz- und Reinigungstrupps, erst halbautomatisch, waren bereits zunächst vornehmlich in der Zentrale als der wichtigsten Örtlichkeit im Einsatz. Denn auch einige der elektronischen Stelltafeln waren beim Ansturm der im Weltraum schlummernden Kräfte zerbrochen, und ihre Trümmer, ein gewisses Unheil anrichtend, hatten sich durch diesen wichtigsten aller Räume ergossen.

Der Blick des Kommandanten wanderte natürlich auch mit verstärkten elektronischen Mitteln, sonst unerkennbare Feinheiten auszuspähen, über die leicht verwüsteten Bankreihen. Wie unbeabsichtigt blieb er wohl nicht ganz zufällig ein weiteres Mal an Gloria, seiner Gattin, hängen. Wohlgefällig bemerkte Luntz, sie hatte sich ohne Aufforderung einem ambulanten Medizintrupp angeschlossen, der sich um etliche kleinere Schnittverletzungen bemühte.

Sie sah gut und ganz unverletzt aus und hielt sich soeben, wenn auch nur ganz kurzzeitig, einen kleinen Spiegel vor das Gesicht, um ihre Lippenzüge abermals in Form zu bringen. Er wußte, sie war nicht eitel, er nahm den Umstand aber erneut gerne zur Kenntnis, daß sie sehr wohl auch auf ihre Gesundheit wie auf ihr Äußeres zu achten pflegte.

"Wie beurteilen Sie das Wetter mittelfristig, Esteban?"

"In diesen Zonen schwer zu ermitteln, Chef."

"Was schätzen Sie?"

"Wir werden's überstehen", erwiderte der Meteorologe.

Luntz lächelte bei dieser Bemerkung.

"Sie halten uns auf dem laufenden", sagte der Kommandant, wohlwissend, daß etwa der entsprechende Kontakt zu Friedrich Müller und der Pluto-Außenstation inzwischen längst abgebrochen war.

"Gerne, Chef."

"Danke, Esteban."

"Keine Ursache, Chef."

"John?"

"Käpten?"

"Wie ist die Lage?"

"Bestens." Der I. Offizier seufzte fast, wie er dies durchaus wohlgefällig bemerkte.

Und man merkte nicht nur ihm, wenn man neben ihm saß, die ungeheure Erleichterung an, die ihn erfüllte. Der Verkehr zwischen zwei Daseinsebenen, der Übertritt von der gewohnten Welt in eine gänzlich andere – mit all ihren Überraschungen, welche sie theoretisch wie praktisch noch bergen mochte. Da war wieder Dupres, der ihn aus seinen Gedanken schreckte.

"Tunnel und Verbindung zur Heckkugel sind teilweise unterbrochen, Chef."

"Ah, ich sehe. Und?"

Die Bilder flossen hinunter, vorbei an zerrissenen Streben, Pfeilern und Stützen.

"Reparaturtrupps sind schon unterwegs, Chef", erwiderte Jean-Paul Dupres.

"Wie lange, rechnen Sie, wird es dauern, bis alles wieder voll arbeitsfähig ist?"

"Wenn wir keine zusätzlichen Schäden entdecken, sind wir in zwei Stunden fertig."

"Was macht die Fahrstuhlverbindung nach unten?"

"Kann binnen wenigen Minuten wieder aufgenommen werden."

"Luigi?"

Als nächster stand schon, wie nicht anders zu erwarten, Feltrinelli, der Segelmeister, in der Leitung. Dieser bestätigte im Grunde die bereits vom I. Offizier gemachte Schadensmeldung. Auch dort war man, wie zusätzlich durch die einfließenden Bilder ersichtlich, bereits an der Arbeit.

"Wie lange wird es bei Ihnen dauern, Luigi?"

"Das wird eine kurzzeitige Aktion, Chef."

"Das freut mich."

"Chef." Der Cheftechniker Ferguson meldete sich.

"Bill?"

"Chef, die Dichtigkeit der Kammerwände läßt zu wünschen übrig."

"Wo genau, Bill?"

"In den Frontbereichen, Chef."

"Die dem Druck beim Anflug am meisten ausgesetzt waren?"

"So ist es."

"Funktioniert denn die Schwingungsabdämpfung nicht?"

"Doch. Solch ein Druck läßt sich aber nicht so leicht abfangen."

"Was haben Sie bislang unternommen?"

"Durchleuchtung und Maßnahmen zur Stabilisierung, Chef."

"Haben Sie Giovanni Rouben eingeschaltet?"

"Natürlich."

Das lief ja flott, wie am Schnürchen, Heinrich Luntz vernahm es mit Erleichterung. Der Durchleuchtungsmeister war eingeschaltet.

"Gut, Sie halten uns auf den laufenden, falls sich weitere Probleme ergeben sollten."

"Wird gemacht, Chef."

Das Bild erlosch, um anderen, nicht weniger wichtigen, in schier ununterbrochener Folge hereinströmenden Meldungen Platz zu machen.

"Johannes?"

"Chef?"

Das war Johannes Braun, der Chef der Abteilung für elektronische Datenverarbeitung und Hauptverantwortlicher für den Großcomputer an Bord des Schiffes, über welchen nahezu alle Prozesse, so auch dieses Ferngespräch liefen. Er starrte mit seinem runden, unschuldigen Gesichte von dem Schirm.

"Ist der Rechner in Ordnung?" erkundigte sich Luntz nunmehr gezielt nach ihrem Hauptwerkzeug, dem allerdings ihr wesentlicher Augenmerk zu gelten hatte.

Brauns verhaltene Stimme klang beruhigend, wie er geradezu unschuldig versicherte: "Rechner läuft bestens."

Das war es schon. "Danke, Johannes."

Mein Gott, es waren so viele Punkte, die sich möglicherweise als heikel erwiesen und die am Ende auf keiner Kontrolliste standen (weil niemand sie vorher in Betracht gezogen hatte).

Da war zum Beispiel der Funkmeister, Frank Beresford, der von sich aus durchrief und versicherte, daß alle zu erstellenden Funkbrücken in Ordnung wären.

"Kurspeilung und dergleichen unterliegt keinen Problemen?" fragte Luntz daraufhin, an diesem Umstand kaum zweifelnd.

"Alles bewegt sich durchaus im Rahmen unserer Möglichkeiten, Chef."

"Freut mich", sagte Luntz, der für einen Moment den Schiffslauf voraus bedachte. "Danke, Frank."

"Keine Ursache, Chef."

Dazu, nämlich ungestört weiterfliegen zu können, gehörten natürlich auch noch ganz andere Dinge, die per automatischer Verrechnung als sicher und stabil ausgewiesen wurden. Doch man fragte besser bei den Fachleuten nach, man konnte ja nie wissen. Da gab es beispielsweise den Schutzschirm mit der Aufgabe, sie vor allen unzuträglichen Außeneinflüssen zu bewahren.

"Jack?"

Natürlich, Jack Brewster, II. Ingenieur und Hauptverantwortlicher für eben diesen Schutzschirm, hörte wie alle anderen dem rasch erfolgenden Wortwechsel und Fragenabgleich zu.

"Schutzschirm vollständig in Ordnung, Chef", erteilte er darum, wie erwünscht, äußerst knappe Auskunft.

Luntz, dem so viele Erwägungen nahezu gleichzeitig durch den Kopf schossen, atmete auf.

"Keinerlei Bedenken, Jack?"

"Nicht, daß ich wüßte, Chef."

"Auch nicht vor den bevorstehenden Anforderungen der substellaren Sphären?"

"Nicht im geringsten, Chef. Er hat das überaus belastende Eintrittsmanöver gut überstanden. So wird er noch manch weitere Herausforderung glänzend meistern", antwortete der II. Ingenieur äußerst zuversichtlich.

Heinrich Luntz freute sich über diese, seine eigenen Daten bestätigende Auskunft. Schutzschirm und Sternenwandler, zwei Hauptmomente ihres Überlebens, es galt, sie – neben anderen Umständen – stets im Auge zu behalten. Zugleich erfreute ihn insbesondere die ermutigende Haltung eines seiner führenden Mitarbeiter.

"Danke, Jack."

"Keine Ursache, Chef."

Also, wo waren wir? Alle den Schutzschirm speisende Energie wird vom Sternenwandler, dem großen Konverter im Antriebsteil, geliefert. Dieser fängt hierfür wesentlich die energetische Strahlung aus dem Weltraum und von den Sternen auf. Darüber hinaus setzt dieses zentrale Aggregat seine Möglichkeiten in Licht, Luft und in die künstliche Schwerkraft um, welche ein normales Bordleben überhaupt erst ermöglicht. Doch es versorgt auch die Rundspruchanlage, den Computer sowie alle möglichen anderen Instrumente mit Energie und Daten. Zuständig für den Sternenwandler war der Chefingenieur Roger Van Straten, den der Kapitän umgehend anrief.

"Roger?"

"Chef?"

"Was macht die Maschine?"

"Läuft bestens, Chef", lautete die Antwort.

Und, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, spielte er ein paar durchaus aussagekräftige Bilder ein, welche die gigantische Heckkammer mit der gleißenden, kaum abgematteten Sonne in ihrem Inneren zeigten. Sie hatte das Eintrittsmanöver in die substellaren Zonen gut, womöglich glänzend überstanden. Das war insofern Luntzens erster Gedanke, insbesondere, wenn man all die möglicherweise zu einem Scheitern führenden Risiken bei einem so umfassenden wie kritischen Manöver bedachte. Doch es galt, wenigstens überblicksmäßig noch einige weitere Details zu klären, bevor man zur Tagesordnung überging.

"Danke, Roger."

"Keine Ursache, Käpten."

"John?"

"Chef?"

"Ich sehe hier weitere Schadensmeldungen aufblitzen."

"Ein Fluchtkorridor ist blockiert, Chef."

Luntz schaltete abermals zum Cheftechniker Ferguson – dieser befaßte sich derzeit mit umspannenden Dichtungsarbeiten – hinüber.

"Bill?"

"Fluchtkorridor B, Chef", erwiderte dieser, längst im Bilde.

"Wie konnte das passieren?"

Der Chefkonstrukteur spielte sogleich ein Bild der entsprechenden Einrichtung herüber. Fluchtkorridore, das waren die in den Kugeln parallel zu den Hauptverbindungssträngen gelagerten Ausweichrouten, welche man bei Gefahr im Verzuge benutzen konnte, um die Hauptwege zu vermeiden. Sei es, daß sich dort die atmosphärischen Bedingungen verändert hätten, oder auch, weil dort unerwünschte Gäste gleich welcher Art, gleich welcher Größe, eingedrungen wären (also von Mikroben bis zu richtigen Lebewesen reichte die alle möglichen Hochrechnungen einbeziehende Überlegung). Ersterer Fall war bei anderen Expeditionen in freilich viel kleiner ausgelegten Schiffen schon vorgekommen.

"Der Laufschacht hat sich leicht verzogen, Chef."

Tatsächlich, die eigentlich als überaus stabil zu erachtende Verschalung des Fluchtkorridores erwies sich – jedenfalls unter dem Mikroskop besehen – als leicht gewellt, mithin an entscheidenden Stellen uneben. Wer dort entlang lief, landete, die vom Sternenwandler verwalteten gewaltigen Gezeitenkräfte im Schiffsheck gerechnet, im schlimmsten Falle bald außerhalb des Fahrzeugs.

"Und das Notschott läßt sich nicht mehr schließen. Chef."

"Woran liegt das?" fragte Luntz, leicht verwundert.

Er betrachtete die eingespiegelten Nahaufnahmen von einem den B-Korridor abschließenden Bollwerk.

"Die Transition hat die Struktur mitgenommen."

Die Spannungsverläufe beim Übertritt in den räumlichen Zonen waren in der Tat unberechenbar. Jetzt aber hatte es eben einen jener Teile, auf den sie sich im Zweifelsfall mit aller Gewißheit verlassen können mußten, erwischt. Das war also eine etwas gruselige Auskunft, die William Ferguson, gestützt auf die unwiderlegbaren Daten, da erteilte. Denn die Energieverlagerung, wenn man das so nennen konnte – das war den beiden Gesprächsteilnehmern sowie allen Zuhörern sofort klar –, hätte auch an jeder anderen, und zwar sehr wohl an einer heiklen Stelle, etwa im Umfeld des Computers, erfolgen können.

"Glück gehabt", murmelte McClellan trocken.

"Das können Sie wohl sagen, John", brummte Luntz.

"Sie können das klären, Bill?" fragte er, an den Cheftechniker gewandt.

"Schon in Arbeit, Chef."

"Sind andere Passagen vom regellosen Energiedurchfluß betroffen?"

"Nein, Chef, nicht, daß wir wüßten."

"Das ist die einzige, die Sie insofern feststellen konnten?" vergewisserte sich der Kommandant nochmals.

"Das ist die einzige, von der wir mit Sicherheit wissen." Der Chefkonstrukteur nickte entschlossen.

Luntz, mit einem letzten Blick auf die Mikroaufnahme, seufzte. "Danke, Bill."

"Keine Ursache, Chef."

Laufend liefen andere Meldungen – sei es, geringfügige Schäden anzeigend, sei es, die volle Funktionsfähigkeit zentraler Anlagen bekundend – ein. Schottüren glitten lautlos auf, entscheidende Bullfenster öffneten und schlossen sich unter zusätzlich eingefügten Probeläufen. Das mehr als nur geräumige, durch mehrfache Absicherung auf alle Eventualitäten ausgelegte Fahrzeug dümpelte mittlerweile im Zwischenraum in einer reinen, klaren See.

"Marsalis?"

"Chef, alle Großanlagen, soweit erkennbar, ohne Tadel", verkündete der zur Schiffsführung gehörende Metallurge Marsalis Marsalis.

"Danke, Mars."

"Keine Ursache, Chef."

"Chef, in einem der Tanks in der Heckkugel scheint etwas nicht in Ordnung", erklärte McClellan.

"Ja, John, das scheint mir auch so."

Rasch schwenkte die Kamera, wie um nur ja nichts zu versäumen, über das den Fahrstuhl bergende, fast zwei Kilometer lange Verbindungsgeländer hinunter. Überall, sei es bei den Segeln, sei es im Schnell-Lift selber, arbeiteten die Fachleute, wie angesprochen. Und einer von ihnen im Liftschacht, wie er das in seine Richtung blinkende Kameraauge erblickte, winkte sogar nach oben.

"Tank 7", sagte Luntz zu Dage Brolin, dem Zeugwart und Verantwortlichen für das vor allem in der Heckkugel untergebrachte Material.

"Schon gesehen, Chef", antwortete dieser.

"Was ist darin enthalten, Dage?"

"Plasmalösungen, um neugefundenes biologisches Material zu untersuchen, Chef."

"Was ist in Tank 7 geschehen?"

Brolin gab weiter an Suzy Van Straten, die Leiterin der biologischen Abteilung und Gattin des Chefingenieures.

"Suzy?"

Er überspielte ihr gleichzeitig die ihnen inzwischen vorliegenden Bilder eines im übrigen hermetisch versiegelten Kessels, hinter dessen dicken durchsichtigen Scheiben es allerdings erheblich siedelte, brodelte und kochte.

"Wir wissen es noch nicht genau, Chef", antwortete die Biologin, ebenfalls längst im Bilde.

Der Kommandant sah sie streng an. "Aber beim Phasendurchgang muß doch etwas Unerwartetes geschehen sein."

"Natürlich."

"Und Sie haben keine Vorstellung davon?"

"Doch, natürlich.

"Und was denken Sie, ist da infolge der Gezeitenreibung vorgefallen?"

"Dort sind vollständig neutralisierte, gebändigte biologische Keimstoffe unter höchster Sicherheitsstufe untergebracht."

"Die wohl nicht gereicht hat?"

"Nicht ganz. Das Problem ist der Phasendurchgang, Chef."

Luntz lachte.

Er sagte: "Es sollen mit Hilfe dieser Mittel Fremdlebewesen auch einfachster Beschaffenheit untersucht werden. Richtig?"

"Ja, richtig." Die Leiterin der biologischen Abteilung nickte.

"Aber eine Einflußnahme hat vorher schon, nämlich beim Phasendurchgang, stattgefunden?"

"So ist es."

"Chef", meldete sich, sichtlich aufgeregt, Katharina Bolzmann, die Botanikerin.

"Katharina?"

"Wir haben uns darüber bereits beraten."

"Wer hat sich beraten, Katharina?"

"Archimedes und ich", lautete die Antwort, während also der Zoologe und Botaniker Montague ins Bild kam.

"Und das Ergebnis?"

"Der Phasendurchgang kann sich auf lebendige Prozesse auswirken", erklärte die Bolzmann.

Und Archimedes Montague ergänzte: "In gewisser Weise sind wir alle davon betroffen."

"Vermutlich", brummte Luntz. "So, wie selbst für uns die Zeit sich beim Phasendurchgang in Frage stellt, so wirkt dieser Vorgang auch auf bestimmte, dafür sehr viel empfänglichere Organismen, nur deutlich stärker."

"So ist es, Chef."

"Wir pflegen uns umgehend zu erholen", brummte der Kommandant, nicht unzufrieden. "Wie lange braucht der Inhalt von Tank 7, die Folgen des Phasendurchganges zu überwinden?"

"Die Werte werden schon besser, Chef", versicherte Dage Brolin.

"Schade, daß wir keine anderen Lebewesen zum Vergleichen an Bord mitgenommen haben", bemerkte die Biologin.

"An welche Arten dachten Sie, Suzy?"

"Beispielsweise an Katzen oder Hunde", antwortete sie und bezog sich damit auch auf die vor Zeiten schon durchgeführten entsprechenden Experimente. "Sie würden mit ihren verfeinerten Sinnen gewiß manchen zusätzlichen Aufschluß über die Abläufe beim Durchtritt in den Zwischenraum erbringen."

"Jedenfalls, Tank 7 erholt sich?"

"So ist es."

"Irgend welche Probleme mit den Vorräten, John?"

"Nicht daß ich wüßte, Chef", erwiderte McClellan.

Die Hauptkamera schweifte durch eine der sich in der Heckkugel befindlichen riesigen Hallen, in ihr war alles Erdenkliche an Vorräten, Materialien und Ausrüstungsgegenständen gespeichert. Da befanden sich – im Licht der gleißenden Scheinwerfer, wie die Kamera über sie streifte – Ersatzteile für den Computer, Raumanzüge, weiteres Gerät für den Außenbordeinsatz und vieles mehr darunter. Die Mengen an Vorräten wirkten unbeschädigt.

"Was ist", fragte Luntz schlicht, "mit den Konservendosen?"

Er blätterte per Hand in der mögliche Gefahren anzeigenden Liste.

"Sie enthalten doch unter anderem gepökeltes Fleisch, Hermann?"

Auch Hermann Lehmann, der Quartiermeister, zeigte sich, wie es seine Aufgabe war, wohl vorbereitet.

"Pökelfleisch, soweit feststellbar, in Ordnung", meldete er, allerdings zur Belustigung eines Teils der Führungsgruppe.

"Tanja?"

Tanja Rouben, die Frau des Durchleuchtungsmeisters und zuständig für die Küche, sagte: "Ein Großteil der Vorräte wurde bereits automatisch überprüft."

"Und?"

"Alles in Ordnung."

"Danke."

Wieder ein Schaubild, direkt auf den großen Bildschirm gerufen, tauchte vor Luntz auf. Es zeigte eine ihrer wichtigsten Einrichtungen im ausgedehnten Heckteil des Schiffes: blanke, weitgespannte Terrassen, vor spiegelnden gläsernen Scheiben, besetzt mit fruchtbarstem Boden, besprenkelt mit hinreichend frisch aufbereitetem Wasser, unter aus dem großen Konverter gespeisten künstlichen Sonnen.

"Chef?" fragte McClellan, das schöne ruhige Bild einer bekannten grünen Landschaft gewärtigend, welche mehr als alles andere ihren frischen Lebensunterhalt auf der langen Reise verbürgte.

"Sieht gut aus, John", stellte der Kommandant mit Blick auf die computerbewerteten umfangreichen Listen fest, in welchen buchstäblich alle Nutzpflanzen gespeichert waren.

Der Zoologe und Botaniker Archimedes Montague meldete sich wieder, um nicht ohne Stolz zu verkünden: "Nahrungstreibhäuser in Ordnung, Chef."

"Danke, Archimedes. Und das gewöhnliche Mikroleben in ihnen?"

"Alles in Ordnung, Chef, soweit feststellbar, ebenso wie in unserem Körper."

Luntz dachte am Rande nur an die umfangreichen Bakterienkulturen im menschlichen Körper, ohne die ein natürliches Leben gar nicht möglich wäre. All dieses wurde – mit einer solchen Transition – plötzlich und mit einem Schlag auf den Prüfstand gestellt. Und bewährte sich, gemäß der zuvor angestellten Berechnungen und Überlegungen. Fast seufzte der Kommandant des großen Schiffes bei diesem Gedanken.

"Wirkt leicht verschoben", erklärte McClellan mit leichtem Schmunzeln.

Die vorgestellten Instandsetzungsarbeiten liefen bereits in vollem Umfang, und die weiteren Hauptmängel würden ihnen offensichtlich keine Schwierigkeiten bereiten.

"John, worauf beziehen Sie sich?"

Mit einem weiteren umfassenden Schwenk glitt die Kamera über den Stauraum, in dem sich große Beiboote, zusätzliche Raumanzüge und andere für den Außeneinsatz vorgesehene Mittel befanden.

"Ein Beiboot muß sich aus der Halterung gelöst haben", beschied der I. Offizier nach den ihm vorliegenden, vom Computer einfließenden Werten.

"Trotz magnetischer Absicherung?" Luntz selbst überprüfte die nun auch ihm zugänglichen Werte (er konnte sich ja nicht gleichzeitig wirklich um alles an Bord des Schiffes kümmern).

Tatsächlich, die Abweichung des erwähnten kleinen Bootes von der vorgesehenen Verankerung belief sich bloß auf Millimeter, und doch, und doch, selbst das veranlaßte nicht völlig ohne Grund zur Sorge.

"Dage?"

"Schon gesehen, Chef."

"Irgend welche Probleme?"

"Kaum zu erwarten, Chef."

"Sind Sie sicher?"

"Das sagt diesbezüglich auch Hermann."

"Der Quartiermeister?"

"Ja."

"Sie können das Beiboot in seiner Vertäuung wieder sachgemäß ausrichten?"

"Das können wir."

"Danke, Dage."

"Keine Ursache, Chef."

Luntzens Blick wanderte weiter über die Anzeigegeräte sowie über die Bildinformationen ringsum. Für eine kurze Weile ruhten seine Augen auf dem Beobachtungsstand zum Sternenwandler. Dieser stellte eine herausgehobene Position für eine herausgehobene Einrichtung dar. Und natürlich war der Konverter das, was sie zu allererst überprüften.

Was hatte der Verantwortliche dafür, Van Straten, vor dem von dort herausdringenden gleißenden Lichtschein vorhin doch gesagt: "Alles in Ordnung."

"Chef?" Der I. Offizier riß seinen Vorgesetzten aus seiner vorübergehenden Betrachtung.

"John?"

"Dürfen wir nach draußen?"

Natürlich, das war längst abgemacht. Die vom Computer gelieferten Werte erwiesen sich als äußerst nützlich, mithin als unentbehrlich. Doch auch das mit unvorstellbaren Datenmengen in Blitzesschnelle rechnende Großgerät war immer nur eine Maschine. Das menschliche Auge und insbesondere auch das Gefühl vermochte es niemals zu ersetzen.

"Ja, sofort, John."

Auf Grund der allseits verhältnismäßig guten Befunde schickte sich der längst auserwählte Trupp in der Heckkugel an, nach draußen in den Zwischenraum auszusteigen. Unter Führung des II. Ingenieures, Jack Brewster, gehörte zu ihm auch Noes Singh, der Strahlentechniker, dessen Aufgabe unter anderem darin bestand, die weiterhin über Teleskope und Außenantennen zugelieferten Informationen durch persönlichen Augenschein zu ergänzen.

"Sie nehmen Beiboot II."

"In Ordnung."

In vorübergehend flimmernden Bildern empfingen der Kommandant und seine Gruppe auf der Brücke die Eindrücke aus der Heckkugel. Beiboot II war ein unter vielfältigen Umständen einsetzbares Fahrzeug in der schnittigen, windschlüpfrigen Form einer Rakete, welches sich aber mit geringem Aufwand in seiner Struktur verändern und entsprechenden Bedingungen anpassen ließe. Jetzt – nach kurzem Kopfnicken Jack Brewsters – löste es sich von der Wand, an der es verankert gewesen. Von Magnetströmen getragen, schwebte es mit vollständiger Sicherheit hinaus in die zu diesem Zweck längst freigeräumte Halle. Dann, wie weitere Befehle und Daten vermittelt worden waren, stieg es jäh hinauf zu dem über ihm bereits aufklaffenden Dach der gewaltigen, für Passagen aller, selbst der gewichtigsten Art vorgesehenen Schleuse.

"Jack?"

"Gutes Gefühl, Chef."

Der II. Ingenieur, die lautlose Anspielung seines Vorgesetzten wohl verstehend, bezog sich des weiteren auf den vorzüglichen Zustand des Beibootes, es hatte demnach unter der Transiton in keinster Weise gelitten.

"Gut, Jack", brummte Luntz, "Ausstieg gestattet."

"Danke, Chef."

Die gewaltigen Scharniere glitten an der Fähre vorüber. Behutsam schob sich das Schiffchen durch das riesige aufklaffende Dach, in welches Dutzende von Fähren gleichzeitig nebeneinander gepaßt hätten. Unten, die beträchtliche Gerätschaft, wirkte bereits wie bloßes Spielzeug. Der Himmel vor ihnen glühte, vielversprechend, bläulich und grünlich. In ihm schwammen die Sterne seltsam regellos und verschwommen. Schwer greifbar und doch plump vorhanden. Und drohend mit ihren Schwerkraftabdrücken, welche tief in diese Ableitung der normalen Welt hinein reichten. Die normalen, von der Erde und ihrem Umkreis aus gewohnten Sternbilder, sie hatten sich bereits verschoben oder waren zur Gänze verloren. Das Schiff war, wie gewünscht, in die bestimmte Richtung weit hinaus gesprungen.

"Jack?"

"Die Sterne pulsieren, Chef."

"Irgend welche Probleme, Jack?"

"Nicht zu erwarten. Vom Gleichgewichtssinn einmal abgesehen", fügte Jack Brewster rasch hinzu. "Man muß sich erst eingewöhnen."

"Das ist natürlich. Feltrinelli ist sehr an einem Blick auf das Schiff gelegen."

"Wir sind schon dabei, Chef", bestätigte Brewster, während die Fähre immer weiter hinaus und in die gewünschte Richtung strebte, einen umfassenden Überblick zu erlangen.

Die beiden gigantischen Kugeln, wie verlockender Christbaumschmuck, lagen unter ihnen. Das sie verbindende Gestänge dehnte sich atemberaubend, in einer Art, als ob es zwei Sterne miteinander verknüpfen würde. Am Segelwerk vollzog sich bereits rege die angekündigte Arbeit, die Leute waren mit einfachen Mitteln und nur mit den überall verfügbaren Raumanzügen ausgerüstet, über Notschleusen ausgestiegen.

"Luigi?"

"Danke, Jack", sagte der Segelmeister Feltrinelli, sich auf die zahlreichen, von der Fähre hereinströmenden Bilder und Werte beziehend, "die von Euch gesendeten Daten stimmen mit meinen über den Computer erlangten Angaben überein. Außerdem haben wir über Eure direkte Aufnahmetechnik ein paar Lücken entdeckt, die selbst der Großrechner nicht gefunden hätte."

"Das freut uns", erwiderte Brewster, erfreut über die so rasch erzielten Erfolge.

"Raul?"

Raul Sanchez, der Chefastronom, so unvermittelt angesprochen, rückte an seiner Brille.

"Teleskope zwei und sieben", verkündete er dann, die Werte von der Raumfähre überschlagend.

"Ich erkenne hier eine Trübung und dort eine Verfärbung in der Linse. Kann man die einfließenden Daten überhaupt gebündelt zusammenführen?"

"Das Material hat gelitten. Die Vereinigung der verschiedenen Strahlenflüsse dürfte indes kein Problem sein."

"Was machen sie mit dem Material?"

"Ein leichtes punktuelles Nachschleifen per ferngesteuerter Lasertechnik dürfte genügen."

Luntz atmete auch in dieser Hinsicht auf. Das klang ja ganz beruhigend. Es lagen viel weniger Schäden und Probleme vor, als zuvor hochgerechnet. Da hatte es – im Ernstfall wie zur Probe – schon ganz andere Eintauchmanöver in die substellaren Zonen gegeben. Das war also noch einmal gut gegangen.

"Danke, Raul."

"Keine Ursache, Chef." Der Chefastronom wirkte ganz unerschütterlich.

Das Beiboot, in der derweil vorherrschenden geringen energetischen Dünung leicht schwankend, näherte sich dem Schiffskörper, nachdem es noch weitere provisorische Aufnahmen von der Umgebung und den dortigen Gegebenheiten aufgenommen hatte. Seine Kameras und die von ihm ausgestreuten beweglichen Linsen sowie die allgemeinen Röntgen-Abtaster fotografierten überall und alles, jede Spante, jede Niete, jegliche Einzelheit oder Kleinigkeit, die auch nur entfernt von Belang sein konnte, mithin zum SMARAGD gehörte. Störmelder, den reinen Energiefluß an der Oberfläche sowie in der atomaren Tiefe des Fahrzeuges mit den wirklichen, selbst ausgelösten Meß-Strömungen vergleichend, wiesen mögliche Problemzonen aus und ergänzten so die bereits vom Computer gelieferten und berechneten Werte.

Im übrigen, mit eigenen Augen sieht der Mensch allemal besser als jede noch so hochgezüchtete Maschine. Denn zum Sehen gehört mehr, als nur wenn auch unvorstellbar große Mengen an Daten zu verarbeiten. In das Sehen fließen Erfahrung und selbst Empfinden ein. Ja, gerade dieser gefühlsmäßige Faktor, der sich nicht so leicht bestimmen läßt, ist wichtig. Ganz sicher wird man ihn niemals selbst in die höchst entwickelte, doch überaus kalte Rechenmaschine einbauen können. Denn niemand wird jemals imstande sein, Gefühle und Vorahnungen einem reinem Rechenapparat beizufügen, von Herz und Seele ganz zu schweigen.

"Könnt Ihr das Bild so halten?"

"Wir wollen es versuchen."

"Bill, können wir da etwas machen?"

"Die Antenne ist abgebrochen, der Parabolspiegel leicht beschädigt."

"Jean-Paul?"

"Ich habe schon im Lager nachgesehen."

"Und?"

"Das Material ist bereits unterwegs."

"Hast Du gehört, Raul?"

"Ja, danke, meine Leute warten."

"Sieht alles, den vorliegenden Einschätzungen entsprechend, gemäßigt aus", stellte Georges Delarue, der Plasmaphysiker, fest.

Er bezog sich auf die unmittelbar ausgeloteten Antriebsstutzen, die bei dem anspruchsvollen Eintrittsmanöver also keinen Schaden genommen hatten. Von ein paar schwärzlichen Brandspuren einmal abgesehen, welche sich gewöhnlich tief ins Metall zu graben pflegten.

"Was machen, Ihrer Einschätzung nach, die atomaren und die mikrostrukturellen Werte, Karl?"

"Gewisse Schäden, wie erwartet", erwiderte Karl Schultz, Chef der Magnetabteilung, um hinzuzufügen, daß dieselben schon weitgehend behoben wären.

"Und wie sieht es mit dem Konverter aus?"

"Auf Nanoebene alles in Ordnung, soweit wir das beurteilen können."

Ja, natürlich, wie sollte man die gigantische Maschine, durch die das Sternenlicht und manch andere Energieform strömte, per Suchstrahl von außen untersuchen? Der sonnengleiche Umschlag der Prozesse im Konverter selbst verhinderte eine solche ungestörte Analyse. Allerdings gab es einen ganz wesentlichen zur Beruhigung beitragenden Anhaltspunkt: die Maschine arbeitete ganz normal, nahezu unauffällig, was jeden Anlaß zu übertriebener Sorge ausschloß.

Schultz blendete die ihm wie seinem Vorgesetzten in Sofortzeit verfügbaren Tabellen und Zahlenreihen in die Zentrale hinüber. Sie zeigten – nunmehr auf dem Hauptschirm ausgewiesen – nicht nur die tadellose Arbeitsweise des Hauptaggregates, sondern etwa auch, daß es allem Ermessen nach keine weiteren Störungen in den weitverzweigten elektronischen Borddiensten geben würde. Auf Anweisung des Kommandanten vollzogen etliche der wichtigsten, der unverzichtbaren Geräte einen kurzen Testlauf. Nicht nur der Konverter wechselte erfolgreich seine Spannung, sondern auch Außenvorrichtungen wie Sichtteller und Teleskopschüsseln änderten ihre Richtung, um, wie gewünscht, alles Angepeilte zu erfassen.

Details

Seiten
300
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904451
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
reise weltraum

Autor

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Titel: Die Reise durch den Weltraum