Lade Inhalt...

Königshaus Norland #2: Der Prinz ihres Herzens

2016 120 Seiten

Leseprobe

KÖNIGSHAUS NORLAND

 

Band 2

 

Der Prinz ihres Herzens

 

Ein Roman von Earl Warren

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: RIDO/123RF,

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Prinzessin Ines de Castignada bereist mit ihrer Tante Europa und folgt einer Einladung des norländischen Königshauses. Dort trifft sie dann auch auf Prinz Bernt, dessen Ruf nicht gerade der beste ist. Er gilt als Draufgänger und Playboy, und es heißt, er habe schon unzählige Frauenherzen gebrochen. Ausgerechnet in diesen Mann beginnt sich Ines zu verlieben. Aber der südamerikanische Geschäftsmann Armando Armendariz hat etwas dagegen, den er liebt die junge spanische Prinzessin immer noch. Und er würde alles tun, um ihr Herz erneut zu erobern...

 

 

 

Roman

«In diesen Mann darfst du dich auf gar keinen Fall verlieben, Ines», sagte die Marquesa Anastasia Maria y Rodriganda de Torremada zu der ihr anvertrauten Prinzessin Ines. Sie war eine der drei Töchter des Fürsten von Castignada, der in der Nähe von Cordoba residierte. «Er ist das enfant terrible des Hochadels. In der Thronfolge von Norland steht er offiziell an zweiter Stelle, doch es ist vollkommen unmöglich, dass er König Erik auf den Thron nachfolgen kann.»

«Und warum denn nicht, liebe Tante?», fragte die schöne Ines ihre Duena, wie eine spanische Anstandsdame genannt wurde. «Ist er schwachsinnig, hinkt oder stottert er?»

«Das nun gerade nicht. Ganz im Gegenteil.»

Die ältliche Marquesa und die 19jährige Prinzessin aus einem der edelsten Adelsgeschlechter Spaniens saßen in der Ersten Klasse einer Boeing 404 der Norlandia Airlines, die über der dichten Wolkendecke auf den Airport von Tjellborg, der Hauptstadt des nordischen Königreichs Norland, zuflog. Ines wusste natürlich über die Eskapaden des ältesten norländischen Kronprinzensohnes Bescheid.

Doch es bereitete ihr Vergnügen, ihre ältliche Tante in Verlegenheit zu bringen. Die Marquesa Anastasia, eine ehrfurchtgebietende, elegant-konservativ gekleidete Dame, befand sich in den - wie man es nannte - besten Jahren.

Sie war für eine Spanierin hochgewachsen, ein wenig füllig, ihr schwarzes Haar war an den Wurzeln grau – der Rest war gefärbt – und sie konnte ungeheuer hochmütig dreinschauen. Im Grund genommen war sie jedoch herzensgut.

Sie besaß einen kräftigen Hals und wies einige Falten auf.

Ines hingegen war eine Schönheit, die jeden Mann entzücken und Frauen mit Neid erfüllen musste. Schwarzhaarig, mit dunklen Augen, die wie zwei Sterne wirkten, etwas über mittelgroß, dennoch zierlich wirkend, mit einer vollendeten Figur. Ihre Taille konnte man fast mit den Händen umspannen.

Sie hatte eine angenehme, wohltönende Stimme, schneeweiße Zähne, rote Lippen, sie hätte jede Schauspielerin und Schönheitskönigin leicht übertreffen können. Sie trug ein schickes Reisekostüm aus einer erstklassigen Pariser Boutique, das ihr die Duena nach einigen Debatten gestattet hatte.

Es war apfelgrün, ein entzückender kleiner Hut gehörte dazu. Die Marquesa Anastasia hätte ihre Schutzbefohlene am liebsten in einem konservativen Kostüm gesehen, möglichst hochgeschlossen und dunkel.

«Eine Prinzessin wirkt durch ihre Zurückhaltung und Noblesse, sie sticht nicht durch ihre Aufmachung ins Auge», pflegte sie zu Ines zu sagen. «Besonders nicht eine spanische Prinzessin aus dem Hause de Castignada.»

«Aber ich steche doch niemanden, Tante Anastasia», hatte Ines geantwortet und unschuldig die strahlenden Augen aufgeschlagen. «Willst du mich denn wie eine graue Maus oder wie eine Nonne umhergehen lassen? Ich denke, ich soll auf meiner Reise zukünftige Bewerber um meine Hand kennenlernen?»

«Oh, oh, wie direkt sich das anhört!», hatte die Marquesa erwidert. «Als ob das edle Geschlecht derer von Castignada mit dir Heiratspläne verfolgen würde.»

«Eine Mausefalle verfolgt auch keine Mäuse», hatte Ines in dem besten Hotel am Platz in Rom schnippisch geantwortet, was die vorige und bisher letzte Reisestation gewesen war. «Sie lockt welche an.»

«Kind, wer hat dich denn diesen Ton und diese Ausdrucksweise gelehrt! Sind denn die teuren Internate an dich verschwendet gewesen? Eine Mausefalle, was für ein Vergleich! Wie sich das anhört! – Nein, du sollst lediglich beim europäischen Hochadel vorgestellt werden und hier deine Kontakte knüpfen. Es trifft sich gut, dass in Schloss Bentwaldt demnächst der große Ball stattfindet. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem in der Vorweihnachtszeit der gesamte europäische Hochadel hinströmt. Schloss Bentwaldt mit seinen 320 Räumen erstrahlt dann im Lichterglanz. Im großen Ballsaal wirst du eine Pracht sehen, von der du dir bisher nicht einmal träumen ließest. Würdig und angemessen einem Königshaus, das im nächsten Jahr 200 Jahre lang Norland regiert und eine erhabene Geschichte und Tradition hat.»

Die Marquesa Anastasia war ins Schwärmen gekommen. Sie hatte selbst keine Familie, nur entfernte Verwandte. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, ihr Gatte verstorben. So freute sie sich, beim Fürsten von Castignada Familienanschluss zu finden.

Als Duena oder Anstandsdame, was in Spanien eine wichtige Funktion war, war sie gut zu gebrauchen. Ines de Castignada hatte zwei jüngere Schwestern. Sie war in der Schweiz und später in Südamerika in Internaten gewesen. In letzterem hatte sie eine Affäre mit dem Sohn eines bolivianischen Zinnmagnaten gehabt, die in einer bitteren Enttäuschung für sie endete.

Der junge Mann war nicht treu gewesen und hatte sich sogar, wie es hieß, mit seiner Eroberung der schönen Ines gebrüstet, was komplett unverzeihlich war. Ines hatte nun ihr Abitur bestanden. Sie wollte sich in der Welt umsehen. Ihre Familie dachte, das sollte zunächst am Besten in Adelskreisen geschehen, weshalb sie die europäischen Fürstenhöfe und die wenigen Königshäuser nicht gerade abklapperte, aber sich doch dort da vorstellte.

Da der Adel nach wie vor ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl besaß und es an Platz meist nicht mangelte, war das kein Problem. Schloss Bentwaldt, der Sitz des Königs von Norland, war die fünfte Station auf der Reise. Ines hätte gern noch studiert, ihr schwebten entweder Kunst oder Geschichte vor, was sie beides interessierte.

Doch ihre Familie war der Ansicht, sie sollte sich zuerst beim Adel umschauen und, wie ihre Mutter und ihr Vater im Stillen hofften, günstige Heiratsmöglichkeiten finden. Bei ihrer Schönheit und ihrem Charme würde es kein Problem sein, eine erstklassige Partie zu machen – wenn sie nicht auf einen Unwürdigen oder Ungeeigneten hereinfiel, was es beim Adel und Hochadel leider durchaus schon gegeben hatte.

Der Debütantinnenball in Madrid reichte nicht, um Prinzessin Ines in die Welt der Erwachsenen standesgemäß einzuführen. Sie sprach mehrere Sprachen, las gern, war sportlich, jedoch nicht übertrieben, und war klug. Norländisch sprach sie nicht, doch ihr Englisch und Französisch würden in Tjellborg ausreichen.

Ines’ Vater wurde durch Geschäfte und Politik in Spanien festgehalten. Ihre Mutter hatte sich bei einem Reitunfall eine Rückenverletzung zugezogen, die sie auskurieren musste. So musste die enge Vertraute der Familie, die Marquesa de Torremada, als Duena den Part der Reisebegleiterin übernehmen.

Ines’ Schwestern, vierzehn und zwölf Jahre alt, waren noch zu jung, um mit ihr zu reisen. Ihr ehrgeiziger Vater schielte durchaus nach einer Verbindung, die ihn in Adelskreisen noch höher aufsteigen ließ. Ihrer Mutter lag eher das Glück der Tochter am Herzen.

Ines war sich dessen durchaus bewusst. Sie hegte noch keinerlei Heiratspläne, ans Heiraten konnte sie in ein paar Jahren denken. Doch der Rundreise an den Fürsten- und Königshöfen konnte sie sich nicht entziehen.

Nach ihrer Enttäuschung hatte sie bisher keinen Mann angetroffen, in den sie sich hätte verlieben können – sie war zudem nicht darauf aus. Auch hatte sie nicht die Absicht, später unbedingt in den Hochadel einzuheiraten oder gar einen königlichen Prinzen zu ehelichen. Sie schreckte vor der Verantwortung und den Pflichten zurück, die das mit sich brachte.

Außerdem stand man dann ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit, weit mehr noch, als es bei einer fürstlichen Prinzessin der Fall war. Ganze Scharen von Yellow-Press-Magazinen und zahlreiche Medien- und Klatschspalten nährten sich von den nicht immer wahren Berichten über den Adel, Hochadel und Königshäuser, von denen sie gern berichteten.

Ines hätte sich ein stilleres und unauffälligeres Leben gewünscht. Über die Skandale, die sich um den Namen des 24jährigen Prinzen Bernt von Norland rankten, war sie einigermaßen informiert. Der hochgewachsene blonde Prinz Bernt war ein Typ, den die Frauen umschwärmten – mit seinem jungenhaften Lachen, seinem Charme und seinen strahlend blauen Augen riss er jede hin.

Wenn von den Affären, die man ihm nachsagte, nur die Hälfte stimmte, musste er ein biologisches Wunder sein. Mit so vielen Frauen konnte kein Mann intime Beziehungen haben. Zur Zeit diente er bei der Norländischen Marine auf einem Zerstörer, wo er den Grad eines Leutnants zur See innehatte.

Seine Familie war froh gewesen, als seine Marinedienstzeit begann. Er lernte ungern trockene Fächer, obwohl er sehr intelligent war, und hatte einen Lebenswandel gehabt, der ihm den Beinamen «Der Playboy-Prinz» eintrug.

Die schöne Prinzessin Ines schaute, neben ihrer Duena sitzend, in ein französisches Magazin, das über den «Playboy-Prinzen» berichtete. Sie betrachtete sein Foto, das ihn – natürlich! – mit einer schönen jungen Frau am Arm zeigte, einer Schauspielerin. Es war schon etwas älter und bei den Filmfestspielen in Cannes aufgenommen.

Doch behauptete das Blatt, die Affäre zwischen Prinz Bernt und dem französischen Filmstar und Sexsymbol, mit dem er abgelichtet war, würde noch andauern. Von einem Champagnerbad, das beide in ihrem Hotel in Cannes genommen haben sollten, war die Rede.

«Glaubst du, man kann in Champagner baden, Tante Anastasia?», fragte Ines ihre Duena.

Diese war eingenickt und schreckte auf.

«Wie meinen?», fragte sie in Spanisch.

Ines zeigte ihr das Magazin mit der Meldung. Stirnrunzelnd las es die Marquesa.

«Ich habe es nie versucht», sagte sie dann. «Das stelle ich mir eher klebrig und unangenehm vor. Der Köperreinigung kann es nicht dienen.»

«Das wird wohl auch nicht die Absicht gewesen sein.»

«Du solltest solchen Schund und Klatsch nicht lesen, Ines. Im Champagnerbad, mit einem Filmstar, mein Gott! Ich habe dich zu Recht vor diesem Mann gewarnt, der, wenn auch aus königlichem Haus, ein Wüstling und Playboy ist. Halte ihn von dir fern, Ines. Verkehre nur offiziell mit ihm. Sonst wirst du letztendlich in einem Champagnerbad landen.»

«Es gibt schlimmere Schicksale.»

«Was willst du damit sagen?»

«Vielleicht ist Prinz Bernt von Norland nur lebenslustig und schlägt gern einmal über die Stränge, sonst aber durchaus nett. Die Klatschjournale können ihm viel angedichtet haben.»

«Wo Rauch ist, da ist auch ein Feuer, Ines.»

«Oder ein Raucher.» Die schöne Prinzessin hatte durchaus Humor. «Ich werde mir den Prinzen von Norland unbefangen ansehen. Wenn er wirklich ein Playboy und Wüstling ist, hat er bei mir keine Chance.»

«Das walte die Heilige Jungfrau.»

«Die immerhin auch Mutter wurde.»

«Lästere nicht, die de Castignadas sind fromm. Ein Erzbischof taufte dich in der Kathedrale von Cordoba.»

«Das ist lange her. Ich bin jung, für die Frömmigkeit ist im Alter noch Zeit.»

Marquesa Anastasia schüttelte den Kopf über solche Reden. Sie nahm Ines die Zeitschrift weg, was sie sich einfach herausnahm.

«Das ist keine Lektüre für dich.»

Die Lautsprecherdurchsage erfolgte, das Rauchen einzustellen und sich anzuschnallen. Prinzessin Ines und ihre Duena waren beide keine Raucherinnen. Sie brauchten nur den zweiten Teil zu befolgen. In Kürze würden sie auf dem Tjellborg-Airport des 12-Millionen-Einwohner Landes Norland landen.

Ines dachte an Prinz Bernt. Er ging ihr nicht aus dem Kopf. Was ihre Tante sagte und sie über ihn wusste, machte sie neugierig. Ob er wirklich so eingebildet und schrecklich ist, fragte sie sich? Ein Womanizer, ein Frauenverschlinger? Oder ein junger Prinz, dem es die Frauen leicht machten, von denen sich welche ihm gar an den Hals warfen?

Und der dem nicht abweisend gegenüberstand, was bei einem gesunden jungen Mann, der die weibliche Schönheit mochte, auch ein Wunder gewesen wäre?

Vielleicht finde ich es heraus, dachte Ines. Aber ich werde mich ihm nicht an den Hals werfen und es ihm keineswegs leicht machen. Sie ahnte nicht, dass nicht nur zahlreiche Adelstöchter beim Königsball in Schloss Bentwaldt ein Auge auf Prinz Bernt wie auf seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Prinz John warfen.

Sondern dass zudem Eireen O’Bannon, die blutjunge irische Rock- und Pop-Queen, mit ihrer Band in Tjellborg gastierte. Und unbedingt die beiden norländischen Prinzen, die Söhne des Kronprinzen René, näher kennenlernte wollte.

Besonders Prinz Bernt, von dem sie wahre Wunderdinge gehört hatte, was er der Frauenwelt alles geben könnte, und die es nach Skandalen gelüstete. Zudem war Armando Armendariz von La Paz, der Hauptstadt Boliviens, im Anflug. Ines’ früherer Freund.

Der charmante und gutaussehende junge Mann aus einer südamerikanischen Milliardärsfamilie wollte sie wieder sehen und den Bruch ihrer Beziehung rückgängig machen. Der Sohn des bolivianischen Zinnkönigs gedachte am Hof des Königs von Norland die spanische Prinzessin Ines de Castignada zurückzuerobern.

Es standen turbulente Zeiten bevor. Die Boeing ging auf Landekurs und senkte sich. Ihre Positionslichter blinkten. Sie durchstieß die Wolkendecke über der norländischen Hauptstadt.

 

*

 

Noch jemand näherte sich im Flugzeug, einer Linienmaschine, Tjellborg – nämlich ein langhaariger, blonder junger Mann, der dem vor vielen Jahren im Amazonas-Dschungel verschollenen norländischen Kronprinzen Johann wie aus dem Gesicht geschnitten war. Harald von Norland, wie er sich nannte, oder Harald Kiriowaji vom Stamm der Jacuráre-Indios. Er hatte sich bei König Erik avisiert, der seinem Kommen zustimmte.

So hatte sich Harald in Buenos Aires, wo er bei Freunden gewohnt hatte, ins Flugzeug gesetzt. Er flog überm Atlantik. Die Stewardess servierte dem Erste-Klasse-Passagier das Bordmenü und einen Drink.

Er lächelte sie an. Harald war groß, schlank und muskulös, leger gekleidet mit Jeans und offenem Hemd, das er unter einer Designerjacke trug. Er hatte tiefblaue Augen, war fast kupferbraun gebrannt und hatte die blonden Haare im Nacken zu einem Schopf zusammengefasst, der ihm lang über den Rücken fiel.

Er sprach einwandfrei Portugiesisch, als er der Stewardess dankte.

Sein Sitznachbar fragte ihn: «Was führt Sie denn nach Norland?»

«Ich will König werden», antwortete Harald.

Der Reisegefährte lachte.

«Guter Witz. Und wie gedenken Sie den alten Erik vom Thron zu stoßen, Senhor?»

Haralds dunkelblaue Augen waren eiskalt, als er sagte: «Das lassen Sie meine Sorge sein. Und ich bin nicht allein.»

«Aber Sie sind doch Südamerikaner? Jedenfalls wirken Sie auf mich wie ein solcher, wenn auch kein Latino Wie soll das denn gehen?»

Harald fühlte sich nicht ernst genommen.

«Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten, Senhor. Lassen Sie mich in Frieden.»

«Wie Sie meinen, junger Mann.»

 

*

 

Auch andere hatten ihre Probleme und Sorgen, Freuden und Leiden. Die 38jährige Prinzessin Jennifer von Norland befand sich in ihrem Schloss Greifel im Landesinnern des im Norden Europas gelegenen Königreichs, das eine konstitutionelle Monarchie war. Prinzessin Jennifers unglückliche Ehe mit dem Grafen Rolf von Olpe, der als der Vater ihrer zwanzigjährigen Tochter Prinzessin Natalie galt, war längst geschieden.

Die rastlose, hübsche Prinzessin Jennifer, ein Sportfreak, hatte sich eine ganze Zeitlang in Affären gestürzt. Sie hatte für Formel-Eins-Asse und Rennbootchampions geschwärmt, hohe Berggipfel bezwungen, Tauchtouren unternommen und überhaupt alles betrieben, was die Nerven kitzelte und gefährlich war.

Jetzt schien sie in dem Himalaja-Bezwinger Sigurd Haakonnen, fünf Jahre jünger als sie, einen festen Lebensgefährten und ruhenden Pol gefunden zu haben. Mit dem norländischen, weltbekannten Extremkletterer und Hochalpinisten hatte sie erst neulich das Tjerihorn bestiegen, das immerhin fast 5.000 Meter hoch und dessen Nordwand berüchtigt war.

Und sie hatte ihrer Familie bei einer Familienkonferenz, die aus unterschiedlichen Gründen stattfand, eröffnet, dass die den hochgewachsenen, durchtrainierten Sigurd Haakonnen in Zukunft nicht mehr vor der Öffentlichkeit verstecken würde.

Jetzt saß sie Hand in Hand mit ihm am Kamin des großen Wohnraums im Erdgeschoss von Schloss Greifel und schaute in den Schneeregen des Novembers hinaus. Das Kaminfeuer prasselte. Zwei große Bassethunde lagen zu Füßen der schlanken, ganz in Wildleder gekleideten Prinzessin.

Sie nippte an ihrem Cocktail.

«Ich sorge mich wegen Natalie», sagte sie zu Haakonnen.

Der Bergheld, ein Idol, weltbekannt, nachdem er den Nanga Parbat im Alleingang bezwungen hatte, hob den Kopf. Er saß neben der attraktiven Prinzessin auf der ausladenden Couch.

«Sie ist zwanzig Jahre alt, also erwachsen, und wird ihren eigenen Weg gehen», sagte er.

«Ja, sie hat mit uns allen gebrochen», erwiderte die Prinzessin, die eine Perlenkette als einzigen Schmuck trug. «Sie ist mit Morten Hanson, ihrem richtigen Vater, zu den Bahamas geflogen. Aus London hat er sie weggeholt, wo sie ein Bankpraktikum machte. Wir hätten ihr eher die Wahrheit sagen sollen. So hat es Hanson getan.»

«Es ist nicht mehr zu ändern», sagte der bärtige, langhaarige Bergsteiger mit dem tiefgebräunten, wettergegerbten Gesicht. Haakonnen wirkte wie ein großer Junge, besaß jedoch einen stählernen Willen und wusste genau, was er wollte. «Lass ihr Zeit. Sie wird sich wieder besinnen. Ihr wolltet ihr Bestes.»

Jennifer von Norland seufzte. Ihre Gedanken streiften zurück, mehr als zwanzig Jahre. Damals hatte sie mit dem aus einer als zwielichtig geltenden Familie stammenden Morten Hanson, einem aufstrebenden Jungunternehmer, ein Verhältnis gehabt.

Er war ihre ganz große Liebe gewesen – hatte sie jedenfalls geglaubt. Ein Mann mit blendendem Aussehen und einer ungeheuren Dynamik, einer Ausstrahlung, die alle Frauen hinriss und einem messerscharfen Verstand. Doch, wie sie nun dachte, mit sehr wenig Herz.

Jennifer, damals die junge Prinzessin, war von Hanson schwanger geworden. Er wusste es nicht. Zuerst eröffnete sich Jennifer ihrer Mutter, die sich wiederum an König Erik wendete, der damals 54 war. Er hatte die Verbindung striktest verboten und Jennifer vor die Alternative gestellt, entweder auf Hanson zu verzichten und jeglichen Kontakt zu ihm abzubrechen, oder mit ihrer Familie zu brechen.

«Eins von beiden», hatte ihr Vater zu ihr gesagt. «Wenn du eine Bentwaldt bist» – so hieß das königliche Geschlecht – «weißt du, was du zu tun hast. Wenn nicht…»

Jennifer interpretierte es so, dass es dann nicht schade wäre, wenn die Familie sie verlor. Nächtelang hatte sie geweint. Dann fügte sie sich dem Willen ihres königlichen Vaters und trennte sich von Morten Hanson, ohne ihm etwas von der Schwangerschaft zu erzählen.

«Wir können uns nicht mehr sehen», hatte sie ihm kühl gesagt. «Du bist der Sohn eines Bankrotteurs, der im Zuchthaus starb. Du bist nicht standesgemäß.»

«Was kann ich für die Schuld meines Vaters?», hatte sie Hanson gefragt.

Er war fassungslos gewesen, innerlich tief verletzt. Zuerst konnte er es nicht glauben und wollte Jennifer umstimmen. Ihm wurde der Zutritt zum königlichen Palast verboten. Jennifer ließ sich verleugnen, wenn er anrief. Sie vermied jeden Kontakt, seine Briefe beantwortete sie nicht.

Da hatte Morten Hanson Norland verlassen und war viele Jahre nicht zurückgekehrt. Auf dem internationalen Finanzmarkt bewährte er sich. Morten Hanson wurde ein Finanzmagnat und Konzernchef. Er war ein cleverer und harter Geschäftsmann. Man fürchtete ihn.

Weltweit hatte er seine Verbindungen. Geheiratet hatte er nie, obwohl es natürlich Frauen – nicht gerade wenige – in seinem Leben gegeben hatte. Bis er dann herausbrachte, dass Natalie von Norland, die ein paar Monate nach seiner Trennung von Jennifer von Norland geboren wurde, seine Tochter war. Seitdem war er dem Königshaus von Norland nicht mehr freundlich gesinnt, da er Zwei und Zwei zusammenzählen konnte und die Zusammenhänge erfasste.

Er kontaktierte Jennifer in New York. Doch sie bat ihn, Natalie zunächst nicht zu informieren. Das wollte sie selbst tun, schob es jedoch Jahre hinaus.

Ich bin feige gewesen, dachte Jennifer am Kaminfeuer. Ich, die Extremsportlerin, Rennfahrerin, Ballonfliegerin, die man Prinzessin Wagehals nannte, ich war zu feige, um meiner Tochter die Wahrheit zu sagen und mich vor ihr bloßzustellen. Morten Hanson kehrte nachdem er die Wahrheit wusste, geschäftlich nach Norland zurück, das er lange gemieden hatte.

Heute gehörten ihm die Handyfirma Norlandia, die auf dem Weltmarkt führend war – er hatte sie zur Nummer Eins gemacht! – ein Haupt-Aktienanteil des norländischen Automobilkonzerns Bentwaldt, der Nobelautos und andere baute und auch im Rennsport vertreten war, und vieles andere.

Seinen Hauptwohnsitz hatte er offiziell immer noch auf den Bahamas, wo ihm eine ganze Insel gehörte. Das Steuerrecht der Bahamas kam ihm sehr zupass. Er war viel und oft weltweit unterwegs, ein Mann, von dem welche sagten, dass unter seinen Schritten die Erde bebte.

Blendend aussehend, die Jahre hatten ihn interessanter gemacht, auch erfahrener. 44 war er jetzt. Jennifer dachte an ihn, und sie spürte, dass sich ein Teil ihres Herzens immer noch nach ihm sehnte.

Sie verbot es sich. Vorbei ist vorbei, sagte sie sich, und es führt kein Weg zurück. Niemand trinkt zweimal aus demselben Fluss. Der Fluss war immer ein anderer, das Wasser, das ihn durchströmte, war nie dasselbe.

Die Prinzessin hatte damals den Grafen von Olpe geheiratet, einen recht kalten, aalglatten Mann, wie sie bald erkannte. Er war der Komplize der Königsfamilie gewesen und hatte sich als Natalies Vater bezeichnet. Viel Herzenswärme brachte er ihr nie entgegen.

Von ihm hatte Jennifer keine Kinder bekommen, sie war froh darum.

«Sigurd», sagte Jennifer, «wenn ich mein Leben noch einmal von vorn anfangen könnte, würde ich manches anders machen.»

«Du bist jung und schön», sagte Sigurd Haakonnen und küsste sie auf den Mund.

«Ich bin… du weißt, wie alt ich bin.»

«Keiner würde dich für älter als Dreißig halten, ja, noch jünger. Du kannst jederzeit als die Schwester deiner zwanzigjährigen Tochter durchgehen.»

Jennifer hörte die Schmeicheleien gern. Zudem waren sie nicht sehr übertrieben. Prinzessin Jennifer, eine begeisterte Freiluftsportlerin, war topfit. Sie schmiegte sich an Sigurd Haakonnen. Sie wollte vergessen, dass sie damals, der Familientradition des Königshauses sich beugend, ihre große Liebe verraten hatte.

Viele Männer hatte sie seitdem gekannt. So wie Morten Hanson war keiner gewesen. Doch das mochte damit zusammenhängen, dass er ihre erste Liebe war, und es hieß, dass eine Frau – oder auch ein Mann – die erste Liebe, zumal wenn es eine große gewesen war, nie vergaß.

Über die Jahre weg sehnte sich das Herz, empfand den Sturm und den Drang der Jugendzeit und ihrer Leidenschaft nach. Es gab Herzen, die daran verbluteten, wenn die erste und große Liebe zerbrach. Jennifers hatte nur gelitten.

Sie wollte vergessen. Sie trank regelrecht Haakonnens Küsse. Stark war er und sehnig, ein vitaler Mann, der einer Frau große Wonnen bescheren konnte. Seine Hände glitten verlangend über ihren Körper und öffneten die Knöpfe am Oberteil ihres Kleids.

Ihre Brüste drängten sich ihm entgegen. Die Hunde winselten leise, kümmerten sich jedoch nicht darum, was die Menschen miteinander trieben. Jennifer spürte Haakonnens männliche Härte.

Sie streiften sich die Kleider ab und liebten sich auf dem Bärenfell am Kaminfeuer. Kein Bediensteter würde sie stören. Im Taumel der Leidenschaft vergaß Jennifer ihren alten Liebeskummer. Auch der Gedanke an ihre Tochter trat in den Hintergrund.

Später lag sie entspannt neben Haakonnen. Die Flammen des Kaminfeuers zeichneten Lichtreflexe auf die Körper des Liebespaars.

«Du bist wunderschön», sagte Haakonnen. «Meine Traumprinzessin. Dich habe ich mir immer gewünscht. Ich stamme aus einer einfachen Familie – Bergbauern sind meine Eltern.»

«Eher Grundbesitzer.»

«Was macht da den Unterschied? Von Kind auf habe ich zu dir aufgeblickt, Prinzessin von Norland. Jetzt bist du endlich mein.»

Jennifer spürte salzigen Geschmack auf den Lippen. Eine Träne war ihr die Wange hinuntergeronnen. Weshalb, wusste sie nicht.

«Du bist ein Modellathlet», sagte sie zu Haakonnen. «Ein Bild von einem Mann. Ein Held, der beste Bergsteiger der Welt.»

«Ein paar andere gibt es schon noch, und es wachsen welche nach.»

«Wir gehören zusammen, Sigurd. Nichts soll uns trennen. Noch einmal wird mir mein Vater nicht sagen, dass der Mann, den ich liebe, nicht standesgemäß sei.»

Trotz klang in Jennifers Stimme. Ihre Mutter, Königin Andrea, war vor drei Jahren bei einer Flugzeugbruchlandung ums Leben gekommen. Ihr Vater, König Erik, hatte wieder eine Lebensgefährtin, die Baronesse Patricia Simone d’Ancourt, 26 Jahre jünger als er, eine bildschöne Lady, die er sogar heiraten wollte.

In Norland würde sich vieles ändern.

Jennifer spürte die Wärme von Sigurd Haakonnens Athletenkörper. Jeder Muskel war bei ihm herausmodelliert. Er hatte kein Gramm Fett am Leib. Jennifers Hand glitt über seinen Waschbrettbauch.

Er liebkoste und streichelte sie.

«Sigurd», flüsterte sie, «lass mich alles vergessen. Bald müssen wir wieder in die Hauptstadt. Die paar Tage hier gehören uns allein.»

 

*

 

Prinz Bernt von Norland ging in Calais von Bord des Zerstörers «Sven Maerten». Jener Maerten war ein berühmter norländischer Seefahrer und ein Seeheld gewesen, ein Nachkomme der rauen und kühnen Wikinger. Er war jetzt schon jahrzehntelang tot, bei einem Seegefecht im Skagerrak ums Leben gekommen.

Der große, schlanke Prinz trug seine Ausgehuniform. Er hatte einen widerspenstigen blonden Haarschopf, graue Augen und ein jungenhaftes Lächeln. Niemand konnte ihm ernsthaft böse sein, obwohl er sich allerhand leistete.

Bei einem Familienrat in Schloss Bentwaldt in Tjellborg, der etliche Tage zurücklag, hatten er und die anderen nicht eingeweihten Familienmitglieder erfahren, dass Prinzessin Natalie, seine Cousine, in Wirklichkeit den Milliardär und Finanzmagnaten Morten Hanson als Vater und sich zumindest einstweilig von ihrer Familie verabschiedet hatte.

Prinz Bernt winkte zu seinen Kameraden an Bord zurück. Er genoss keinerlei Sonderrechte. An das Dienstreglement und den rauen, aber herzlichen Ton an Bord hatte er sich ohne weiteres gewöhnt. Zur allgemeinen Überraschung erwies er sich als ein guter Seemann und Soldat.

«Für irgend etwas muss er ja taugen», sagte dazu sein Vater, Prinz René, 48, der Thronfolger, der als ein wenig verschroben galt und ein großer Naturschützer und Umweltfreund war.

Den Moorprinzen nannte man ihn auch, weil er sich sehr gern in den Hochmooren von Norland aufhielt. Oft nicht allein, seine Liebe war Lady Beatrice von Ottrein-Hahlöö, die jedoch noch mit einem anderen Mann verheiratet war und zwei erwachsene Kinder hatte. Bisher hatte er sich nicht offen zu ihr bekannt, obwohl sie schon etliche Jahre liiert waren.

Die Kronprinzessin Desiré, die Mutter von Prinz Bernt, Prinz John und der 18jährigen Alexa, war eine Gesellschaftsdame. Sie liebte die großen Parties, Bälle und Soireen, gehörte zum Vorstand von allerhand Wohltätigkeitsgesellschaften oder war deren Präsidentin und Schirmherrin.

Das war ihre Welt. Sie bewegte sich darin nicht nur in Norland, obwohl sie hier nach dem Tod der Königin Andrea die Landesherrin abgab, sondern international, besonders in Adelskreisen. Keine Festivität von Rang und Bedeutung – oder kaum eine – fand ohne sie statt.

Kronprinz René hingegen liebte die Zurückgezogenheit und die Stille der Natur. Dennoch blieben ihm Skandale nicht erspart. Die Presse hatte Wind von seinem Verhältnis mit der Freifrau von Ottrein-Hahlöö bekommen. Fotos kursierten und Schlagzeilen.

«Tête-a-tête» im Hochmoor war noch die mildeste davon.

Ein dümmlicher Kitschartikelschreiber hatte geschrieben: Wo die Elche in ihrer Brunft röhren, trifft sich der Kronprinz von Norland mit seiner Geliebten in einsamer Hütte. Zwei Ehen stehen auf dem Spiel. Wird König Erik Einhalt gebieten und seinen Sohn auf den Pfad der ehelichen Tugend zurückführen?

Die Prinzen Bernt und John hatten sich über den Artikel kringelig gelacht. Kronprinz René hingegen war innerlich verletzt gewesen und hatte geschmollt, was er des öfteren tat. Seine Gattin, die seiner Jugendfreundin, die jetzt wieder seine Geliebte war, spinnefeind war, hatte René die Leviten gewesen, dass sich ihm das schüttere Haupthaar sträubte.

«Du sollst einmal den Thron von Norland besteigen», hatte sie ihm im Schloss an den Kopf geworfen. «Ich werde deine Königin sein und sonst keine. Oder willst du dich etwa scheiden lassen, um diesen Bernhardiner zu heiraten? Das würde dich nämlich den Kopf kosten.»

Die Kronprinzessin besaß eine sehr spitze Zunge. Da sie Beatrice von Ottrein-Hahlöö redlich verabscheute, verglich sie sie mit einem Bernhardiner, was nun nicht schmeichelhaft war. Dabei war die Freifrau, recht groß, rotblond und stattlich, durchaus adrett, allerdings etwas herb in ihrer Art und keine puppenhafte Schönheit oder Grande Dame.

Ihr Gatte, ein mittelmäßig erfolgreicher Industrieller, ging ganz in seinem Geschäft auf und hatte sich mit ihr auseinandergelebt. Ihre erwachsenen Kinder, ein Sohn von 24 und eine Tochter von 23, gingen ihre eigenen Wege. Die Meldungen der Skandalpresse über ihre Mutter und deren Verhältnis zum Kronprinzen störten sie, aber nicht in dem Maße, dass es sie zur Verzweiflung getrieben hätte.

Prinz Bernt dachte an seine komplizierte Familie, das norländische Königshaus, und an die eigenen Eskapaden. Er war lebenslustig und jung. Für ihn war das Leben ein Spaß. Ein Prinz aus königlichem Haus zu sein, fand er absolut toll. Jedenfalls war es besser, als der Sohn eines Hausmeisters zu sein, pflegte er zu sagen.

Dass er in der Thronfolge an zweiter Stelle stand, darüber dachte er wenig nach. Bisher war er überhaupt ein Mensch, der nicht gerade zum Tiefsinn neigte. Dafür waren nach seiner Ansicht die Philosophen da.

Er schlenderte im Hafentrubel am Kai entlang und zog, schmuck, wie er aussah, die Blicke auf sich. Er lächelte strahlend.

Als er am Fischmarkt vorbeikam, sein Zerstörer war in der Nacht eingelaufen, erkannte man ihn.

«Das ist der Prinz von Norland! Das ist ja der Prinz von Norland! Prinz Bernt, der schöne Prinz Bernt!», wurde auf Französisch gerufen.

Bernt beherrschte mehrere Sprachen. Sprachen fielen ihm leicht. Beim Studium der Wirtschaftswissenschaften und in anderen Fächern war er allerdings nicht weitergekommen. Er war nicht der Fleißigste, wegen Faulheit zweimal durchs Abitur gefallen, was ihm damals den Spitznamen «Bernt de Domme» oder «De domme Prinz» einbrachte.

Als er über den Fischmarkt schlenderte, hielten die Marktfrauen ihn an. Ein Menschenauflauf entstand. Eine derbe bretonische Marktfrau wollte sich unbedingt mit ihm fotografieren lassen und bot an, ihm dafür eine kapitale Brasse für umsonst zu geben.

«Das kann ich nicht annehmen, Madame», sagte der hochgewachsende, blendend aussehende Prinz und bedankte sich artig. «Ich bin zu einer Verabredung unterwegs. Da kann ich schlecht mit einen zehn Kilo schweren Fisch unterm Arm erscheinen.»

«Ah, une Rendezvous ! Monsier le Prince est plus grande Charmeur.»

Bernt mochte die einfachen Leute und hatte keine Probleme im Umgang mit ihnen. Er war sprachgewandt genug, um den starken Dialekt der Fischmarktverkäufer zu verstehen, auch wenn es ihm etwas schwer fiel.

Gern erklärte sich bereit, sich für umsonst mit der Marktfrau, die darüber selig war, und anderen fotografieren zu lassen. Autogramme jedoch wollte er keine geben.

«Das steht einem Prinzen von Norland nicht an. Schließlich bin ich kein Filmstar, Künstler oder sonstiger Effekthascher.»

Die Fotos wurden geknipst, digital und mit anderen Kameras. Prinz Bernt konnte nicht umhin, mit dem Marktpublikum – den Leuten von den Fischständen und Käufern – an einem Stand Boullabaisse zu löffeln und ein Glas Rotwein zu trinken.

Daran nippte er nur, einen ihm angebotenen Pastis lehnte er ab, weil er noch Autofahren wollte. Da war er sehr sorgfältig, obwohl man ihm anderes nachredete und sogar von Kokaingenuss bei ihm schon die Rede gewesen war. Prinz Bernt fiel es manchmal schwer, sich bei den Paparazzi, die ständig belästigten, und allzu unverschämten Reportern und Neuigkeitenjägern für die Klatschspalten zurückzuhalten.

Manchmal kochte es in ihm, wenn er an all die Falschmeldungen und Übertreibungen dachte, die sie ständig über ihn in die Welt hinausposaunten. Aber er wusste, wenn er verbal oder sogar körperlich aggressiv gegen die Presse wurde, würde es noch schlimmer für ihn werden.

Es gab da Beispiele im Hochadel.

So hatte der Prinz sich einen bissigen Witz und schneidenden Sarkasmus zugelegt, um der Presse mitunter zu begegnen. Das war seine beste Waffe, die jedoch nicht immer schnitt.

Wenigstens werden sie mir keine Affäre mit der Fischmarktverkäuferin andichten, dachte er, als er die breithüftige, derbgesichtige Frau anschaute, die ihm nicht von der Seite gewichen war. Sie trug eine Kittelschürze und strömte einen herben Fischgeruch aus.

Ein sturm- und wettererprobter Charakter zweifellos, der selbst Käpten Ahab, dem legendären Jäger des Weißen Wals Moby Dick, die Stirn geboten hätte. Oder gar Moby Dick…

«Ich muss jetzt leider gehen, gute Frau», sagte Prinz Bernt. «Vergessen Sie mich nicht. Ich werde Sie jedenfalls in bester Erinnerung behalten. Ihre Boullabaise auch.»

«Ja, meine Boullabaise ist die beste weit und breit. Soll ich Ihnen das Rezept geben? Man nehme sechserlei Seefisch mit festem Fleisch. Putzen, waschen, in Stücke schneiden und mit Zitronensaft beträufeln. Drei Zwiebeln und drei Knoblauchzehen fein hacken…»

«Ich bin leider kein Koch, zudem kann ich mir das nicht merken.»

«Ich werde es Ihnen aufschreiben, mon Prince. Und meine Geheimzutat dazu, damit Sie in Norland etwas Anständiges zu Essen haben und an uns in Calais denken. Frankreich und Norland hatten von altersher gute Beziehungen.»

Prinz Bernt verblieb mit der Fischmarktfrau so, dass sie das Rezept ihrer Boullabaise in einem verschlossenen Umschlag an Bord des Zerstörers schicken würde, auf dem er fuhr. Er gelobte sogar, das Rezept geheim zu halten und die Köche im Königlichen Schloss Bentwaldt in Tjellborg zu strengem Stillschweigen zu vergattern.

Die Marktfrau war sehr gerührt. Sie küsste dem Prinzen die Hand und versuchte einen plumpen Hofknicks. Als Bernt gegangen war, schnäuzte sie sich über den Daumen.

«Schade, dass wir hierzulande keinen König haben», sagte sie zu den Umstehenden, die sie angafften. «Und keine Prinzen wie diesen. Ich bin von ihm hingerissen. Schade, dass er außerhalb meiner Kreise steht. Meine Tochter Brigitte, die mit den drei Kindern von zwei verschiedenen Männern, sucht einen Ehemann, nachdem ihr der letzte weglief. Prinz Bernt würde ich sofort als Schwiegersohn nehmen. Aber ich weiß, dass es leider nicht möglich ist. Jeder Zoll an ihm ist ein Adliger und ein Königssohn.»

Der so Gepriesene beschleunigte seinen Schritt, von ein paar Reportern, die rasch eingetroffen waren, verfolgt. Ein paar Straßen weiter auf einem Platz wartete ein Maserati, den ein französischer Freund ihm bereitgestellt hatte.

Der Prinz erhielt die Autoschlüssel von einem Boten. Er sprang in den roten Renner, der 420 PS starke Achtzylinder-Motor röhrte auf. Die Reporter sahen nur noch eine Wolke von Auspuffgasen. Prinz Bernt hatte zwei Tage Landurlaub, die er mit Freunden zu verbringen gedachte.

Man würde sich amüsieren, Parties feiern, Sport treiben. Bernt war ein Mann, der sich ungern langweilte und von einem unerschöpflichen Elan war.

Auf dem Fischmarkt versuchten inzwischen zwei Gendarmen, die Ursache des immer noch stattfindenden Menschenauflaufs zu ergründen.

«Handelt es sich um verdorbenen Fisch?», fragte einer der beiden Uniformträger mit Käppi.

«Nein, um den Prinzen von Norland.»

«Ach, wird der neuerdings am Fischmarkt angeboten?»

«Nein, er war hier. Er hat mit der Marktfrau da drüben Boullabaise gegessen und sich fotografieren lassen.»

Die Gendarmen zuckten die Achseln. Das war kein strafbarer Tatbestand, der ihr Eingreifen rechtfertigte.

Inzwischen verließ Prinz Bernt Calais und fuhr auf der Küstenstraße zu der Villa, wo ihn seine Freunde erwarteten, mit denen er sich verabredet hatte. Mit der Playboyclique, teils Adlige, teils Bürgerliche, wollte er eine Fete feiern. Mit Wein, Weib, Gesang gewissermaßen, wobei unter Gesang CD´s oder vielleicht ein live auftretender Schlagerstar, am Besten ein weiblicher, zu verstehen war.

Prinz Bernt mochte Sängerinnen – gern dachte er an eine bestimmte Girl-Group zurück, die man als seinen Harem bezeichnet hatte. Eine war hübscher gewesen als die andere.

Prinz dachte an die bevorstehende flotte Zeit und das, was ihn erwartete. Man ist nur einmal jung, dachte er. Ein vergrämter alter Knacker kann ich noch lange sein. Und: Nur nichts anbrennen lassen. Vielleicht würde er sogar einmal König von Norland werden, er hielt das durchaus für möglich. Dann musste er sich sowieso sehr zurückhalten…

Er fuhr auf der Autobahn, eine steife Brise wehte vom Meer, über dem graue Wolken hingen. Da meldete sein Handy ihm eine Nachricht. Nur wenige hatten die Geheimnummer. Der Prinz meldete sich über die Freisprechanlage.

«Hallo.»

«Hier ist Eireen, der Irische Hurrican», hörte er eine Frauenstimme mit rauchigem Trimbre.

«Angenehm», antwortete Bernt, der annahm, es würde sich um einen Scherz handeln. Sein Bruder oder die achtzehnjährige Schwester Alexa seien die Initiatoren des Anrufs. «Hier spricht der Norländische Westwind.»

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904437
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
königshaus norland prinz herzens

Autor

Zurück

Titel: Königshaus Norland #2: Der Prinz ihres Herzens