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Dein ist die Rache, Carrie

2016 130 Seiten

Leseprobe

Dein ist die Rache, Carrie

Pete Hackett

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Dein ist die Rache, Carrie

Western von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Vier brutale Männer überfallen die Familie Hayes. Nur die älteste Tochter Carrie überlebt und macht sich nun allein auf den gefährlichen Weg den Tod ihrer Familie zu rächen. Wird sie die Mörder zur Rechenschaft ziehen können oder selbst unter die Räder geraten?

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

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1

„Dad!“, rief Barry Hayes, „da kommen vier Reiter auf die Farm zu.“

Isaac Hayes trat durch das Tor der Scheune hinaus in den Sonnenglast, hielt neben seinem Sohn an, beschattete mit der rechten Hand seine Augen, weil ihn das grelle Licht blendete, und knurrte schließlich: „Ich kann keine Einzelheiten erkennen. Es können Fremde sein und Vorsicht ist angebracht. Hol mein Gewehr, Barry.“

Der Fünfzehnjährige warf sich herum und rannte ins Haus. In der Küche befanden sich Malinda Hayes, seine Mutter, sowie seine achtzehnjährige Schwester Carrie. Barry schnappte sich die Winchester seines Vaters und wollte, ohne irgendeine Erklärung abzugeben, die Küche wieder verlassen. Doch die Stimme seiner Mutter hielt ihn zurück, als sie scharf fragte: „Wohin willst du mit dem Gewehr?“

„Ich bringe es Dad“, antwortete der Junge. „Der Farm nähern sich vier Reiter und Dad meint, dass Vorsicht angebracht sei.“

Malinda Hayes ging zum unverglasten Fenster und schaute hinaus. Carrie trat hinter sie und blickte über ihre Schulter. Bei der Scheune stand Isaac Hayes und starrte nach Süden. Die vier Reiter waren noch an die dreihundert Yard entfernt. Die vor Hitze vibrierende Luft verzerrte etwas ihre Silhouetten. Da sie die Sonne im Rücken und jeder von ihnen den Hut weit in die Stirn gezogen hatte, war von den Gesichtern nichts zu erkennen.

„Beeile dich, Barry!“, gebot Malinda Hayes.

„Wer mag das sein?“, murmelte Carrie Hayes. Carrie war eine hübsche, blonde und sehr junge Frau von mittlerer Größe, sie war mädchenhaft schlank, verfügte aber bereits über frauliche Proportionen. Nun ließ sie Unruhe erkennen. Irgendwie muteten die vier Reiter sie bedrohlich an. Carrie konnte selbst nicht sagen, warum das so war, aber in ihr läuteten die Alarmglocken und sie spürte tief in ihrem Innern, dass mit diesen Männern das Unheil die Farm heimsuchte.

Um ihre Mutter nicht zu beunruhigen behielt sie ihre Angst für sich.

Draußen nahm Isaac Hayes von seinem Sohn die Winchester entgegen, riegelte eine Patrone in die Kammer und sagte grollend: „Geh ins Haus, Barry. Vorwärts!“

Die Stimme des Farmers duldete keinen Widerspruch.

Schließlich waren die Reiter so nahe, dass Isaac Hayes Einzelheiten ausmachen konnte. Die vier vermittelten einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Sie waren hohlwangig, in ihren Gesichtern wucherten tagealte Bärte, sie waren verstaubt und verschwitzt und sie schienen ihre Pferde ziemlich rücksichtslos getrieben zu haben, denn von den geblähten Nüstern der Tiere tropfte weißer Schaum und ihr Fall war nass vom Schweiß.

Dreißig Meilen weiter südlich war die mexikanische Grenze. Auf diesen dreißig Meilen gab es nichts außer Staub, Felsen und stachliges Strauchwerk sowie glühende Hitze. Wer durch diese menschenfeindliche Hölle ritt und sein Pferd nicht schonte, musste einen triftigen Grund haben. In der Regel waren es Gejagte.

Diese vier Männer gefielen Isaac Hayes in keiner Weise. Ein unruhiges, zügelloses Leben hatte unübersehbare Spuren in den Gesichtern hinterlassen. Jeder von ihnen hatte einen Revolvergurt umgeschnallt, aus dem Scabbard eines jeden ragte der blanke Schaft einer Winchester.

Jetzt erhob sich auch der Schäferhund, der vor seiner Hütte im Staub gelegen und den Kopf zwischen die Vorderläufe gebettet hatte, dehnte und streckte sich, beobachtete kurze Zeit die Reiter und fing dann an zu bellen.

„Still, Jerry!“, gebot Hayes, der Hund bellte noch zweimal, dann ließ er sich auf die Hinterläufe nieder und schwieg.

Eine Pferdelänge vor dem Farmer zerrten sie ihre Pferde in den Stand. Die Tiere ließen die Köpfe hängen und prusteten. Aus entzündeten Augen fixierten die Reiter Isaac Hayes, der das Gewehr an der Seite hielt, jedoch nicht auf die Fremden zielte. Der Lauf der Waffe wies schräg zu Boden.

Jetzt tippte einer der Kerle mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand gegen die Krempe seines verstaubten Stetsons und sagte krächzend: „Verdammtes Land! Wir kommen von der Grenze herauf und wollen noch Tucson. Mein Name ist Terrence Shaw. Irgendwo in der Wildnis müssen wir die Orientierung verloren haben und sind völlig ahnungslos, wo wir uns befinden.“

„Zwei Meilen weiter westlich liegt Tombstone. Um nach Tucson zu gelangen müsst ihr euch mehr nordwestlich halten.“

„Hast du etwas dagegen, Hombre, wenn wir an deinem Brunnen unsere Pferde tränken und unsere Wasserflaschen auffüllen?“

„Warum sollte ich?“

Die vier Kerle schwangen sich von den Pferden, nahmen die Tiere an den Kopfgeschirren und führten sie zum Brunnen, über dem ein Galgen errichtet war, von dem ein Ledereimer hing. In einen der Stützbalken des Gestells war ein Nagel geschlagen, an dem eine Schöpfkelle aus Aluminium hing.

Langsam folgte ihnen Isaac Hayes. Er hatte sich ein Bild von den Kerlen gemacht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um heruntergekommene Sattelstrolche, vielleicht sogar Banditen handelte, die vor dem Gesetz auf der Flucht waren. Die Flamme des Misstrauens in ihm loderte hoch, er nahm sich vor, auf der Hut zu sein und keine Fragen zu stellen. Je schneller diese Kerle wieder verschwanden, umso besser war es.

Die Winde quietschte durchdringend, als einer von ihnen den Eimer nach unten ließ. Nachdem er ihn wieder nach oben gehievt hatte, nahm Shaw die Schöpfkelle vom Nagel, schöpfte Wasser aus dem Eimer und trank. Dann reichte er sie einem seiner Gefährten und wandte sich an Isaac Hayes, der das Quartett mit Argusaugen beobachtete. „Du wohnst doch sicher nicht alleine hier, Hombre.“

„Nein. Ich bewirtschaftete die Farm zusammen mit meiner Frau und meinen Kindern.“

„Wirft denn die Farm überhaupt genug Ertrag ab, um eine Familie zu ernähren?“

Isaac Hayes hob die Schultern, ließ sie wieder nach unten sacken und erwiderte: „Wenn man genügsam ist, reicht es. Reich kann man allerdings nicht werden.“

Terrence Shaw lachte und – zog für Isaac Hayes völlig überraschend den Colt, richtete die Waffe auf ihn und spannte den Hahn. „Ein paar Dollar hast du sicher auf die Seite gelegt, Hombre. Und da ich annehme, dass du sie uns nicht freiwillig aushändigst ...“

Show feuerte. Der Farmer bekam die Kugel in die Brust und wurde regelrecht umgerissen. Als er am Boden aufschlug, war kein Funke Leben mehr in ihm. Im Haus erklang ein Aufschrei, und dann stürzte Malinda Hayes aus der Tür, rannte zu ihrem Mann und beugte sich über ihn. Barry Hayes folgte ihr.

Der Schäferhund war aufgesprungen, zerrte wie wild an seiner Kette, die von seinem Lederhalsband zur Hundehütte führte und die keinen weiteren Auslauf als fünf Schritte zuließ, und begann wie von Sinnen zu bellen. Seine Nackenhaare hatten sich gesträubt, schließlich fletschte er die Zähne und nur noch ein gefährliches Knurren stieg aus seiner Kehle.

„Isaac!“, entrang es sich Malinda mit einer Mischung aus Entsetzen und Verzweiflung im Tonfall. „Großer Gott ...“

Malinda Hayes war einundvierzig Jahre alt und keine unansehnliche Frau. Sie hatte die blonden Haare hochgesteckt, ihr schmales Gesicht war von der Sonne gebräunt und ihr Mund wies einen sinnlichen Zug auf.

Die vier Banditen wechselten vielsagende Blicke, in ihren Augen glitzerte unverhohlene Habgier und in Terrence Shaws Mundwinkeln hatte sich ein brutaler Zug festgesetzt. Er richtete den Colt auf den Jungen und sagte zwischen den Zähnen: „Tut mir leid, Kleiner, aber Zeugen können wir leider nicht brauchen.“

Kaum, dass das letzte Wort über seine Lippen war, erschoss er Barry.

Keiner der Kerle zeigte irgendeine Gemütsregung.

2

Am Abend dieses Tages brachten zehn Reiter auf einem Fuhrwerk die Familie nach Tombstone. Es handelte sich um ein Aufgebot aus Warren, einer wilden Grenzstadt, das Terrence Shaw und seinen Kumpanen auf den Fersen war. Ein Deputy Sheriff führte die Posse an.

Isaac Hayes, seine Frau und Barry waren tot. Carrie hatten die Banditen – ebenso wie ihre Mutter - brutal vergewaltigt, sie im Gegensatz zu Malinda Hayes aber am Leben gelassen. Dann hatten sie die Farm nach Geld durchsucht, etwas über hundertfünfzig Dollar gefunden, und sich damit aus dem Staub gemacht.

Ace Miller, der Sheriff von Tombstone, ein großer, hagerer Mann um die vierzig, dessen Haare sich bereits grau färbten, war schockiert. Nachdem der Totengräber verständigt worden war und sich Carrie in den Händen des Arztes der Stadt befand, saßen sich der Sheriff und der Deputy aus Warren im Sheriff’s Office gegenüber und der Deputy sagte: „Terrence Shaw und seine Bande sind vorgestern über die Grenze gekommen, und gestern haben sie versucht, in Warren das Büro der Wells Fargo Station auszurauben. Es misslang, denn der Safe hielt den Bemühungen der Kerle stand. Allerdings musste der Stationer den Überfall mit seinem Leben bezahlen.“

„Das sind keine Menschen“, murmelte Ace Miller, „das sind Bestien, die den niedrigsten Trieben gehorchen.“

„Die Morde sind in Ihrem Zuständigkeitsbereich geschehen, Sheriff“, sagte der Deputy. „Ich denke, dass wir umkehren können. Sie kümmern sich doch um die Sache?“

„Natürlich. Ich werde sofort ein Aufgebot zusammenstellen und versuchen, die Spur der Bande aufzunehmen. Gebe Gott, dass wir sie schnappen. Ich möchte diese vier Dreckskerle am Ende eines Stricks baumeln sehen.“

„Dann wünsche ich Ihnen viel Glück, Sheriff.“ Der Deputy erhob sich, verabschiedete sich mit einem Händedruck von Ace Miller und verließ das Office. Zehn Minuten später ritt das Aufgebot aus Warren aus der Stadt. Und eine Stunde später machte sich eine Posse unter der Führung Sheriff Millers auf den Weg zur Hayes Farm.

Die Spur der vier Banditen führte von der Farm aus nach Norden und verlor sich in den Dragon Mountains. „Es hat keinen Sinn“, stieß Ace Miller hervor. „Wir müssen umkehren. Ich werde einen Bericht an Bundesrichter Patterson in Tucson telegraphieren, damit er die Fahndung nach Shaw und seinem Verein in die Wege leitet. Irgendwann wird man die Kerle schnappen – und dann bekommen sie, was sie verdienen.“

Das Aufgebot machte sich auf den Rückweg nach Tombstone.

3

Drei Tage später stand Carrie Hayes an den Gräbern ihrer Familie. Der Totengräber hatte Erde über die einfachen Särge aus Fichtenbrettern gehäuft, drei flache Hügel wiesen auf die letzte Ruhestätte Isaac Hayes’, seiner Gattin und seines Sohnes hin. Der Reverend und die Menschen, die zur Beerdigung gekommen waren, hatten den Boothill bereits verlassen.

Sheriff Ace Miller lehnte an einem Baum am Rand des Friedhofs, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete Carrie. Er hatte Mitleid mit ihr; sie stand nun mutterseelenallein auf der Welt, man hatte sie geschändet, ihre Ehre mit Füßen getreten, und wenn sie körperlich auch unversehrt geblieben war – die tiefen, seelischen Wunden würden sicherlich niemals heilen.

Mit erloschenem Blick starrte die junge Frau auf die Grabhügel. Es war ein Albtraum, und mit dem Herzen konnte sie noch immer nicht akzeptieren, was ihr der Verstand einzuhämmern versuchte. Es überstieg ihr Begriffsvermögen. Bis vor drei Tagen war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Und nun ...

In ihr war etwas abgestorben. Sie verspürte Trauer, Mutlosigkeit und – Angst, denn sie würde künftig ganz alleine auf sich gestellt sein. Und davor fürchtete sie sich. Aber da war etwas, das noch stärker war als das erdrückende Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit. Es war Hass - leidenschaftlicher, mörderischer Hass auf die Männer, die ihr Leben zerstört hatten.

Fast widerwillig wandte sie sich ab, hörte das Knirschen von Kies unter harten Ledersohlen und drehte ein wenig den Kopf. Der Sheriff schritt auf sie zu. Er blieb einen Schritt vor ihr stehen, schaute sie ernst, zugleich aber auch forschend an und fragte schließlich: „Was wirst du nun tun, Carrie? Willst du auf der Farm bleiben?“

In ihrem bleichen Gesicht zuckten die Muskeln, ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Nun konnte sie nicht mehr weinen; zu viele Tränen hatte sie in den zurückliegenden drei Tagen vergossen. „Ich weiß es nicht“, murmelte sie. „Ich denke aber, dass ich nicht auf der Farm bleibe. Die Erinnerung ...“

Ihre Stimme brach, sie schluchzte trocken, senkte den Blick und murmelte: „Die Kerle sprachen davon, dass sie nach Tucson wollten. Ich kenne ihre Namen, und ich habe mir ihre Gesichter eingeprägt; sie haben sich in mein Gedächtnis regelrecht eingebrannt. Ich glaube, ich gehe auch nach Tucson.“

Ace Miller runzelte die Stirn. „Davon kann ich nur abraten, Mädchen. Tucson ist ein Sündenpfuhl, und du wirst dem lichtscheuen Gesindel, das sich dort ein Stelldichein gibt, hilflos ausgeliefert sein, denn du bist schwach und du hast keinen Cent Bargeld. Du kommst in Tucson unter die Räder.“

„Nein!“, stieß Carrie hervor. „Ich werde mich behaupten. Und wenn die Mörder meiner Familie in Tucson sind, dann ...“

Jetzt wurde der Blick des Sheriffs durchdringend, geradezu stechend. „Was hast du vor, Carrie?“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Carrie hob wieder den Blick und schaute den Sheriff an, dann antwortete sie mit harter und präziser Stimme: „Ich will diese dreckigen Mörder zur Rechenschaft ziehen, Sheriff. Sie müssen büßen für das, was sie getan haben.“

„Überlass es dem Gesetz, Mädchen“, knurrte Miller. „In Tucson weiß man Bescheid. Ich habe den Bundesrichter telegraphisch informiert, außerdem habe ich einen ausführlichen, schriftlichen Bericht hinterher gesandt. Sollten die vier Kerle dort aufkreuzen, wird sich entweder der Sheriff oder der Town Marshal um sie kümmern.“

„Das Gesetz ist schwach, Sheriff“, versetzte Carrie, „darum verlasse ich mich nicht darauf, dass die Mörder irgendwann geschnappt und verurteilt werden.“

„Das ist Irrsinn, Carrie. Diese Kerle sind skrupellose Banditen; niederträchtig, heimtückisch, brutal und absolut tödlich – tödlicher als Klapperschlangen. Wie stellst du dir das vor? Willst du dir einen Colt umschnallen oder das Gewehr deines Vaters nehmen, vor die Schufte hintreten, ihnen deinen Hass ins Gesicht schleudern und schließlich mit ihnen kämpfen? Gütiger Gott, Mädchen! Weißt du, was die mit dir machen?“

Carries Gesicht hatte sich verschlossen. „Es wird sich zeigen“, murmelte das Mädchen, setzte sich in Bewegung und schritt an Ace Miller vorbei in die Richtung der Pforte, durch die man den Friedhof verlassen konnte.

Eine Viertelstunde später verließ Carrie Tombstone mit dem Fuhrwerk, mit dem das Aufgebot aus Warren sie und ihre getöteten Angehörigen in die Stadt transportiert hatte. Als sie am Office vorüber fuhr, stand der Sheriff auf dem Vorbau. Carrie vermied es, ihn anzusehen und hielt den Blick starr geradeaus gerichtet.

In Millers Zügen arbeitete es. Versonnen schaute er hinter Carrie her und er fragte sich, ob sie ihren verrückten Plan tatsächlich in die Tat umzusetzen gedachte. Verdammt!, durchfuhr es ihn. Sie hat absolut entschlossen gewirkt. Und sie ist voll Hass. Wie kann ich verhindern, dass sie eine Dummheit begeht?

Er sprach am Abend mit seiner Frau. Clementine sagte kurz entschlossen: „Reite hinaus zur Farm und hol Carrie in die Stadt, Ace. Ich möchte, dass sie künftig bei uns lebt. Wir werden ihr, so gut wir können, die Eltern ersetzen. Wir dürfen sie nicht sich selbst überlassen. Darum bieten wir ihr ein Zuhause, und die Zeit wird irgendwann auch ihre Wunden heilen.“

„Hoffentlich komme ich nicht zu spät“, murmelte Ace Miller und erhob sich aus dem Sessel, in dem er saß, holte seinen Revolvergurt, schnallte ihn um, schnappte sich sein Gewehr und verabschiedete sich von seiner Frau.

Es war ziemlich finster, als er auf der Hayes Farm eintraf. Die Gatter der Pferche und Koppeln, in denen die Schafe und Ziegen sowie die beiden Milchkühe geweidet hatten, waren geöffnet. Die Tiere standen verstreut rund um die Farm herum, einige waren bei dem schmalen Bach, der in der Nähe des Hauses in Richtung des San Pedro River floss.

Nirgends war Licht zu sehen.

Ace Miller hatte sein Pferd im Farmhof angehalten und rief einige Male laut Carries Namen. Der Sheriff zerkaute eine Verwünschung, saß ab, ging ins Haus und rief erneut den Namen der jungen Frau. Nichts! Er schaute in den Stall. Er war leer. Ace Miller begriff, dass Carrie sämtliche Tiere freigelassen hatte, damit sie ausreichend Futter fanden und zum Wasser laufen konnten.

Das Pferd, gleichermaßen Zug- sowie Reittier Isaac Hayes’, war verschwunden.

„Sie hat keine Zeit verloren“, murmelte er für sich und dachte: Du hast versagt, Ace, denn du hättest verhindern müssen, dass sie auf die Farm zurückkehrt. Und wenn sie in ihr Unglück rennt, dann kannst du dir das an deine Fahne heften. Die Hölle verschlinge die vier Halsabschneider ...

4

Bis Tucson betrug die Entfernung von der Hayes Farm aus etwas über sechzig Meilen. Carrie benötigte dafür eine Woche, denn sie hatte kein Geld und sie war darauf angewiesen, auf den Farmen und Ranches, die an ihrem Weg lagen, Mahlzeiten zu erbetteln. Sie scheute sich auch nicht, für eine Mahlzeit ein paar Stunden zu arbeiten.

Begleitet wurde sie von Jerry, dem deutschen Schäferhund. Sie trug eine Hose und ein Hemd ihres ermordeten Bruders. Auf ihrem Kopf saß eine Mütze, und auch sie hatte einmal dem fünfzehnjährigen Barry gehört.

Das Pferd, das sie ritt, war ein Fünfzig-Dollar-Gaul, den ihr Vater je nach Bedarf vor den Pflug oder das Fuhrwerk spannte, der aber auch als Reittier benutzt wurde. Das Leder des alten Sattels war brüchig. Aus dem Scabbard ragte der Kolben einer Winchester – das Gewehr ihres Vaters. Und sie hatte sich einen Patronengurt umgelegt und an ihrem rechten Oberschenkel das Holster festgebunden, in dem der Army Colt, Model 1860, Kaliber .44, steckte, den ihr Dad, ein geborener Texaner, während des Sezessionskrieges getragen und den er samt Gurt und Holster in einer Truhe aufbewahrt hatte.

Carrie vermittelte einen kriegerischen Eindruck. Auf den ersten Blick hätte man sie für einen blutjungen Burschen halten können, denn ihre langen, blonden Haare hatte sie unter der Mütze versteckt, sie war verstaubt und verschwitzt, in ihrem Gesicht klebte eine dünne Schicht aus eingetrocknetem Schweiß und Staub, und die Strapazen und Entbehrungen während der zurückliegenden Woche hatte die Linien darin schärfer und härter werden lassen.

Lane Wilburn, der Town Marshal von Tucson, erkannte sie dennoch, als sie an seinem Office vorbeiritt. Vor einigen Tagen hatte ihm der Sheriff von Tombstone per Telegramm die sehr wahrscheinliche Ankunft der jungen Lady in Tucson angekündigt. Ein grimmiges Lächeln umspielte die Lippen des sechsunddreißigjährigen, dunkelhaarigen Gesetzeshüters, er trat hinaus auf den Vorbau und rief hinter Carrie, die das Office bereits passiert hatte, her: „He, Carrie!“

Sie zügelte augenblicklich das Pferd und vollführte mit dem Oberkörper eine Drehung, sah den Mann und den matt schimmernden Stern an seiner Weste und ein Schatten schien über ihr Gesicht zu huschen. Jerry, der Schäferhund, hatte sich umgedreht, sich leicht geduckt und belauerte den Mann auf dem Vorbau.

„Einen Moment!“, rief Lane Wilburn, stieg die drei Stufen des Vorbaus nach unten und stapfte durch den knöcheltiefen Staub auf Carrie zu. Jerry begann zu knurren, doch der Town Marshal schritt unerschrocken und furchtlos weiter. Lediglich seine Rechte legte sich auf den Knauf des Revolvers und er sagte: „Halt deinen Hund zurück, kleine Lady. Wenn er mich angreift, muss ich ihn erschießen.“

„Still, Jerry!“, blaffte Carrie.

Jerry gehorchte.

Wilburn ging um das Pferd herum, nahm es am Zaumzeug und sagte: „Sheriff Miller hat mir telegraphiert. Er bittet mich, dich – falls du in Tucson auftauchst -, in die nächste Kutsche zu setzen und nach Tombstone zurückzuschicken.“

„Ace Miller ist weder mein Vater noch mein Vormund!“, fauchte Carrie staubheiser. „Er hat mir nichts zu sagen.“

„Er meint es nur gut, Kleine. Was hast du überhaupt vor? Bist du auf dem Kriegspfad? Die Waffen, die du mit dir herumschleppst, lassen diesen Schluss zu.“

„Ich verfolge die Mörder meiner Eltern und meines Bruders“, erwiderte Carrie. „Ihre Namen sind ...“

Wilburn winkte ab. „Ich kenne ihre Namen. Sie kamen nach Tucson. Als wir sie verhaften wollten, kam es allerdings zu einer Schießerei. Einer von ihnen hat eine Kugel ins Bein bekommen, die anderen sind leider abgehauen. Cole Jackson befindet sich im Jail, und in den nächsten Tagen schon wird sein Prozess stattfinden. Sheriff Donegan hat dem Gericht bereits die Anklageschrift vorgelegt.“

„Sie haben einen der Bastarde in Ihrem Jail, Marshal?“, kam es geradezu ungläubig von Carrie.

„Ja. Gleich nach dem Mord an deiner Familie hat Sheriff Miller das Distrikt Gericht informiert. Patterson wird den Schurken wohl unter den Galgen schicken. Er ist Bundesrichter und seine Urteile können nicht angefochten werden. Wenn er Jackson zum Tode verurteilt, hängen wir ihn am darauffolgenden Tag. – Patterson hat veranlasst, dass die Fahndung nach den anderen drei Banditen auf das gesamte Territorium ausgeweitet wird. Er hat eine Belohnung von insgesamt siebenhundert Dollar ausgesetzt. Die Kerle werden keine ruhige Minute mehr haben. Denn hinter ihnen werden nicht nur Sheriffs und Marshals her sein, sondern auch Kopfgeldjäger; und die sind in der Regel mindestens ebenso verkommen, skrupellos und heimtückisch, wie die Banditen selbst. Du kannst also wieder heimreiten, Carrie.“

„Ich möchte mit Cole Jackson sprechen, Marshal.“

„Weshalb? Willst du tatsächlich einem der Männer, die dich ...“

Der Town Marshal brach ab; alles in ihm sträubte sich dagegen, es auszusprechen und dadurch möglicherweise den Finger auf eine Wunde zu legen, die noch ausgesprochen frisch war.

„Ja, das will ich!“, stieß Carrie mit fester, klarer Stimme hervor. „Gerade deshalb.“

„Wenn du bereit bist, deine Waffen im Office zu hinterlegen“, murmelte Wilburn nach kurzer Überlegung.

„Sicher“, versprach Carrie.

Der Marshal führte das Pferd schräg über die Straße bis vor sein Office und band es, während Carrie absaß, am Hitchrack fest. Jerry beäugte war den Mann nach wie vor argwöhnisch und lauernd, ließ ihn aber gewähren.

Sie gingen hinein und Carrie legte ihre Waffen auf den Schreibtisch.

„Kannst du überhaupt damit umgehen?“, fragte Wilburn.

„Ich hab einige Male mit dem Gewehr auf leere Flaschen geschossen“, antwortete Carrie. „Zu Hause, auf der Farm.“

„Der Colt ist ein ziemlich altes Stück“, murmelte der Ordnungshüter.

„Mein Vater trug ihn während des Krieges. Nach dem Krieg ist er mit Ma und mir nach Arizona gegangen. Ich war damals zwei Jahre alt. Später wurde dann mein Bruder geboren.“

Sie begaben sich in den Zellentrakt. Es gab insgesamt sechs Zellen. Da sie nur über kleine, vergitterte Fenster verfügten, war es hier ziemlich düster. Das Sonnenlicht fiel in schräger Bahn herein und malte die Fenster als Lichtvierecke auf den Boden, die Gitter zeichneten sich als Schatten ab.

Cole Jackson lag auf der Pritsche. Jetzt erhob er sich, humpelte zur Gitterwand und legte seine Hände um zwei der zolldicken Eisenstangen, dabei hielt er den Blick starr auf Carrie gerichtet.

Jerry, der dicht neben Carrie herglitt, hatte beim Anblick des Banditen die Zähne gefletscht und drohend zu knurren begonnen. Die Haare seines Kamms standen senkrecht in die Höhe.

Plötzlich glitt der Schimmer der Erkenntnis über Jacksons Züge, er zeigte die Zähne und knirschte: „Was für eine Überraschung. Hey, Honey, bist du gekommen, um mir zu sagen, wie gut ich war?“ Ein schmieriges Grinsen zog seine dünnen Lippen auseinander.

Carrie erinnerte sich an sein Gesicht ganz deutlich. Mit einer Mischung aus Abscheu und Verachtung fixierte sie ihn. Dass in ihr ein Aufruhr der Gefühle tobte, zeigte sie nicht.

„Dir wird das Lachen noch vergehen, Jackson!“, schnarrte der Town Marshal. „Ich zumindest hab noch keinen lachen sehen, wenn er mit einem Strick um den Hals durch die Luke fiel.“

„Noch habe ich keinen Strick um den Hals, Sternschlepper!“, giftete der Bandit, dann richtete er sich wieder an Carrie: „Bist du hier, um im Prozess gegen mich auszusagen? Denkst du denn wirklich, diese Dummköpfe hier hängen mich? Dagegen werden einige Leute eine ganze Menge haben.“

„Du wirst hängen, Jackson!“, sagte Carrie und war bemüht, ihrer Stimme Ruhe zu verleihen. „Und ich werde in der ersten Reihe stehen und – lachen. Ja, ich werde lachen. Und mit meinem Lachen in den Ohren wirst du dir am Ende des Stricks das Genick brechen.“

Jacksons Gesicht verzerrte sich, seine Augen glitzerten gehässig. „An diese Worte werde ich dich eines Tages erinnern, Chica.“ Er benutzte das spanische Wort für Mädchen. „Aber ehe ich dir den Hals durchschneide, werde ich noch einmal Spaß mit dir haben. Mein Wort drauf.“

„Du wirst hängen, Jackson“, wiederholte Carrie. „Eigentlich wollte ich dich fragen, wohin sich Shaw, Shelton und Gentry gewandt haben. Doch das dürfte sich erübrigt haben, denn deinen Worten konnte ich entnehmen, dass sie herkommen, um dich aus dem Jail zu holen. Ich werde also hier auf sie warten.“

Der Bandit starrte sie an, als hätte sie kompletten Unsinn gesprochen. Aber auch der Town Marshal schaute nicht gerade geistreich drein. Jackson schnappte, nachdem er Carries Worte verarbeitet hatte: „Gesetzt den Fall – du willst dich ihnen in den Weg stellen? Du – du musst übergeschnappt sein, Chica.“ Er lachte wie belustigt auf, aber es war kein echtes Lachen; es war aufgesetzt, von weit hergeholt.

„Ihr werdet alle zur Hölle gehen!“, prophezeite Carrie.

5

Als sie sich wieder im Office befanden, sagte der Town Marshal: „Es steht mir nicht zu, dir Vorschriften zu machen, Carrie. Aber meinst du nicht, dass es besser für dich wäre, wenn du nach Tombstone zurückkehren würdest?“

„Erst, wenn der letzte der Mörder in der Hölle schmort!“, entfuhr es Carrie, die ihren Revolver vom Schreibtisch nahm und ihn ins Holster rammte. Dann griff sie nach dem Gewehr. „Und da ich bleibe, kann ich im Prozess auch eine Aussage machen.“

„Dem Sheriff liegt ein schriftlicher Bericht aus Tombstone vor. Darauf hat er seine Anklage begründet. Deine Aussage ist diesem Bericht beigefügt. Sie ist ausreichend. – Morgen Mittag fährt die Stagecoach in Richtung Tombstone. Hast du das nötige Geld für ein Ticket?“

„Ich besitze nicht einen einzigen Cent. Unser Erspartes haben die Banditen geraubt; hundertfünfzig Dollar.“

„Bei Jackson wurden etwas über hundert Dollar sichergestellt. Ich spreche mit dem Richter, und ich denke, dass er nichts dagegen einzuwenden haben wird, wenn ich dir von dem Geld eine Fahrkarte nach Tombstone kaufe.“

„Vielen Dank, Marshal, aber ich kann und will von dem Angebot keinen Gebrauch machen.“

„Verdammt, was willst du dann? Es kann doch nicht dein Ernst ...“

Carrie ließ ihn nicht zu Ende sprechen, sondern stieß hervor: „Ich will die vier Bastarde tot sehen.“ Der Tonfall ihrer Stimme ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Worte zu. „Gehen wir, Jerry! Go on!“

Sie schwang herum und strebte dem Ausgang zu, der Schäferhund trottete hinter ihr her. Lane Wilburn versuchte nicht, sie aufzuhalten. Er hatte begriffen, dass sie Worten nicht zugänglich war. Also schwieg er. Doch als draußen ihre Schritte auf dem Vorbau verklungen waren, verließ auch er das Office. Sein Ziel war die Telegraphenstation ...

In Tucson herrschte rege Betriebsamkeit. Carrie wusste, dass diese Stadt ein Hexenkessel war. Tagsüber beherrschten die Handwerker und Kaufleute das Geschehen, am Abend aber, wenn Tucson zu Lasterhaftigkeit und Sünde erwachte, waren es die Spieler und Huren, die Vergnügungssüchtigen und Tanzmädchen, die Abenteurer und Banditen, die das Ruder übernahmen.

Es waren zwei Welten, die hier existierten. Eine gute und eine böse.

Trotz aller Entschlossenheit – sie kam sich ziemlich verloren vor, denn sie spürte die wilden, hemmungslosen Impulse, die Tucson durchfluteten. Die verworrenen Geräusche, die sie umgaben, verunsicherten sie. Dass hier jedes zweite Gebäude ein Vergnügungsetablissement war, registrierte sie zwar, doch sie konnte es kaum glauben. Dagegen war Tombstone ein Provinznest, obwohl es dort auch einige Saloons gab.

Sie fand ein Boardinghouse, band ihr Pferd davor am Hitchrack an, nahm das Gewehr und ging hinein. Jerry wich nicht von ihrer Seite. Hinter der Rezeption stand ein Mann um die fünfzig. Er hatte auf dem Tresen ein Magazin liegen, über das er gebeugt war, doch nun hob er das Gesicht und musterte Carrie aus wässrigen, blau-grauen Augen, streifte mit einem schnellen Blick den Hund, dann konzentrierte er sich wieder auf Carrie und sagte: „Du bist zwar gekleidet wie ein Kerl, siehst aber eher aus wie ein Mädchen. Was bist du nun?“

Der Typ gefiel Carrie nicht. Er hatte etwas Rattenhaftes an sich. Seine Gesichtshaut hatte eine gelbliche Färbung, fast wie Pergament. Das Gesicht war spitz, und da er den Mund halb geöffnet hatte, muteten seine Schneidezähne an wie die eines großen Nagers.

„Ich suche einen Platz zum Schlafen, denn ich habe vor, einige Tage in Tucson zu bleiben.“ Carrie fühlte sich unbehaglich unter dem durchdringenden Blick des Mannes, geradezu nackt.

„Du bist also ein Mädchen“, knurrte der Rezeptionist. „Ich erkenne es an deiner Stimme. Du siehst aber aus wie ein Landstreicher. Bist du von zu Hause ausgerissen? Oder hast du gar kein Zuhause?“

„Ich bin wegen der Terrence Shaw-Bande nach Tucson gekommen. Sie hat meine Familie ermordet – vor anderthalb Wochen, unten, in Tombstone.“

„Von der Sache habe ich gehört. Furchtbar! Einer der Kerle sitzt doch im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Ho, das wird wieder ein Volksfest, wenn sie ihm den Hals langziehen. – So, so, du bist also die Kleine, die die Halunken am Leben ließen, der sie aber ziemlich übel mitspielten.“

„Die Schweine haben mich vergewaltigt!“, fauchte Carrie. „Nun, Mister, ich will Sie nicht um Unklaren darüber lassen, dass ich keinen rostigen Cent besitze. Aber ich würde für die Unterkunft arbeiten. Sie können doch sicher jemand brauchen, der Ihnen zur Hand geht bei dem Betrieb hier. Für Kost und Logie würde ich jede Arbeit für Sie verrichten.“

Der Mann grinste schief. „Jede?“

Carries Gesicht versteinerte, denn sie verstand. „Ich bin keine Prostituierte, Mister!“, knirschte sie. „Das ist offensichtlich nicht der richtige Platz für uns, Jerry. Gehen wir!“ Carrie schwang herum und verließ schnell das Boardinghouse.

Sie fand einen Mietstall und führte ihr Pferd durch das Tor in die Düsternis des Stalles. Der typische Geruch schlug ihr entgegen und für die Spanne zweier Herzschläge lang hielt sie die Luft an. Der Stallbursche kam ihr entgegengeschlurft, ein alter, dürrer, bärtiger Bursche, der einen Priem kaute und der in seiner viel zu großen Hose aussah wie eine Vogelscheuche. Über seinen grauen Raubvogelaugen saßen buschige, graue Brauen, die riesige Hakennase war großporig und gerötet. „Ein bisschen zu klein geraten, Bürschchen, wie?“, krächzte er wie ein kranker Rabe. „Dafür aber schleppst du ein ziemlich schweres Schießeisen ...“ Plötzlich stutzte er, dann stieß er hervor: „Hey, du bist gar kein Junge, du bist ein Mädchen. Ein hübsches noch dazu. Weshalb diese kriegerische Aufmachung? Warum ziehst du dir nicht ein schönes Kleid an und gehst zu Mister Fleming, damit er dir einen Job gibt und ...“

„Ich suche keinen Job!“, unterbrach ihn Carrie mit klirrender Stimme. „Ich suche einen Platz zum Schlafen, habe aber kein Geld. Ich dachte, dass ich vielleicht hier im Heu übernachten könnte.“

„Ist der Hund gefährlich?“ fragte der Oldtimer.

Carrie schüttelte den Kopf. „Nein. Normalerweise nicht.“

„Was heißt das?“

„Man darf ihn nicht reizen. – Haben Sie was dagegen, wenn ich hier ein paar Nächte verbringe?“

„Und wovon willst du dich ernähren, wenn du kein Geld hast?“

„Ich kann auf die Jagd gehen.“

Der Stallmann lachte auf; es klang geradezu amüsiert. Dann spuckte er seinen Priem zur Seite aus und knurrte: „Ich wäre kein Christenmensch, wenn ich dich jetzt fortjagen würde. Okay, okay, du kannst bleiben. Und ich werde auch deinem abgemagerten Gaul etwas zu fressen geben. Ich schreibe mir auf, was du mir schuldest. Und solltest du doch irgendwann einen Job annehmen, dann kannst du mir ja alles zurückzahlen. – Vielleicht erzählst du mir deine Geschichte, Kleine. Wenn sie mich fesselt, können wir etwas von deinen Schulden dagegen aufrechnen.“

„Meine Geschichte ist schnell erzählt“, versetzte Carrie. „Es ist allerdings keine schöne Geschichte, Sir.“

„Sag Curly zu mir.“

„Ich heiße Carrie – Carrie Hayes. Und wenn ich Ihnen hier im Mietstall zur Hand gehen kann, dann sagen Sie es mir, Curly. Ich bin mir für keine Arbeit zu schade. Sie müssen wissen, dass ich auf einer Farm aufgewachsen bin.“

6

Terrence Shaw und seine beiden Kumpane trieben sich seit ihrem pulverdampfhaltigen Abgang aus Tucson in der Gegend herum. Es war Abend. Die Banditen lagerten in der Nähe von San Xavier an einem Bach, einem schmalen Rinnsal, das in wenigen Tagen völlig ausgetrocknet sein würde, wenn es nicht endlich regnete.

Einige Male waren sie nahe daran gewesen, völlig aus der Gegend zu verschwinden. Aber derart schmählich wollten sie ihren Kumpel Cole Jackson nicht im Stich lassen, auf den in Tucson der Schatten des Galgens fiel. Einen gewissen Ehrenkodex hatten sie sich erhalten – der Begriff ‚Banditenehre’ war möglicherweise der treffendere Ausdruck.

Sie hatten ihr Camp am Fuß eines Hügels zwischen einigen Sträuchern und mannshohen Felsen aufgeschlagen. Da sie damit rechnen mussten, dass nach wie vor Suchtrupps aus Tucson die Gegend nach ihnen durchkämmten, wagten sie nicht, ein Feuer anzuzünden. Sie hatten Dörrfleisch und hartes Brot gegessen, dazu Wasser aus dem Bach getrunken, und nun rauchten sie.

Im Westen leuchtete der Himmel noch schwefelgelb; Wolkenbänke standen vor dieser Kulisse und schienen zu glühen. Die Nacht war noch nicht endgültig angebrochen, aber hoch oben am Firmament funkelten schon die ersten Sterne. Die Vögel hatten mit ihrem Gezwitscher den Tag verabschiedet, nun schwiegen sie und die Jäger der Nacht begannen aktiv zu werden.

„Wir müssen Cole irgendwie herausholen“, knurrte Terrence Shaw. In der Dunkelheit war sein Gesicht nur ein heller Fleck, seine Augen glitzerten, weil sich der gelbe Widerschein über dem westlichen Horizont in ihnen spiegelte; sie erinnerten an die Lichter eines Wolfes.

„In der Nacht dürfte das Marshal’s Office nur mit einem Deputy besetzt sein“, bemerkte Rich Shelton. „Wir gehen einfach hinein und ...“ Er verstummte, weil ferne, rumorende Geräusche hörbar wurden. „Was ist das?“, fragte er.

Sie lauschten. Langsam wurden die Geräusche deutlicher, und schließlich sagte Shaw: „Hört sich an wie ein Fuhrwerk. Es fährt auf der anderen Seite des Hügels. Sehen wir einfach mal nach.“

Sie nahmen ihre Gewehre und stiegen den Abhang hinauf, gingen auf dem Hügelrücken hinter Sträuchern in Deckung und richteten die Blicke nach unten. An dem Hügel entlang verlief ein Fahr- und Reitweg, der von Büschen gesäumt war und der sich trotz der Dunkelheit als heller Streifen zwischen den Prärien zu beiden Seiten abhob.

Die Straße verlief von Osten nach Westen, und aus östlicher Richtung näherte sich ein Fuhrwerk, das von zwei Pferden gezogen wurde, dem Hügel, auf dem die Banditen postiert waren. Der Wagen rumpelte und polterte und die Hufschläge der Pferde gingen in diesen Geräuschen unter. Auf dem Bock saßen zwei Männer.

„Ich schlage vor, dass wir uns diese beiden ein wenig näher ansehen“, stieß Shaw hervor. „Vielleicht befördern sie etwas, das wir brauchen können.“

Gedeckt von den Büschen rannten sie hangabwärts, warteten, bis das Gespann bei ihnen anlangte, dann traten sie, die Gewehre repetierend, aus ihren Deckungen. Sofort stemmte sich der Mann auf dem Wagenbock, der das Gespann lenkte, gegen die Zügel. „Brrrh!“, rief er und die Pferde kamen zum Stehen. „Zur Hölle, was ...“

„Schnauze!“, schnarrte Shaw. „Und greift bloß nicht zu den Waffen, falls ihr welche bei euch habt. Es würde euch schlecht bekommen.“

Ohne dazu aufgefordert zu werden hoben die beiden Männer auf dem Fuhrwerk die Hände in Schulterhöhe. „Schon gut, schon gut“, rief einer rau. „Wir haben zwar ein Gewehr, aber wir lassen es, wo es ist. Wer seid ihr? Falls das ein Überfall ist, muss ich euch enttäuschen. Wir haben lediglich Mehl, Zucker und Salz sowie noch ein paar Kleinigkeiten auf dem Wagen. Geld werdet ihr keines bei uns finden.“

„Seid ihr Farmer?“, fragte Shaw.

„Ja. Unsere Farm liegt im Altar Valley, etwa anderthalb Meilen von hier. Bitte, Mister, lassen Sie uns gehen. Wir haben wirklich nichts, was sie brauchen können. Und die paar Vorräte auf dem Wagen ...“

„Wer sitzt neben dir auf dem Wagenbock? Ist das ein Helfer?“

„Nein, es ist mein Sohn Dave. Ich bin Joshua Tanner. Wir leben zu fünft auf der Farm. Außer Dave habe ich noch einen Sohn und eine Tochter. Die beiden sind erst zehn und zwölf Jahre alt.“

„Und wie alt ist Dave?“

„Siebzehn.“

In Terrence Shaw begann eine Idee heranzuwachsen, und er entschied sich innerhalb eines Augenblicks. „Du wirst uns einen Gefallen erweisen, Tanner. Aber das besprechen wir bei dir auf der Farm. Allan, hol unsere Pferde. Wir begleiten die beiden.“

„Aber ...“

Shaw schnitt Joshua Tanner schroff das Wort ab: „Kein aber, Schollenbrecher! Du wirst dich fügen, oder du hast ein Problem am Hals. – Vorwärts, Allan!“

Allan Gentry verschwand.

7

Sechsundzwanzig Stunden später. Es war Mitternacht vorbei, als jemand gegen die Tür des Marshal’s Office in Tucson klopfte. Der Deputy, der im Schein einer Kerosinlampe am Schreibtisch saß und die bisherigen Vorfälle der Nacht in eine Kladde schrieb, legte den Federhalter weg, schaute zur Tür und rief: „Wer ist da?“ Unwillkürlich zog er seinen Revolver, ließ die Faust mit der Waffe aber auf seinem Oberschenkel liegen.

„Joshua Tanner. Ich bewirtschafte eine Farm im Altar Valley, westlich von San Xavier. Wir sind gegen Abend überfallen worden. Drei Banditen ...“

Der Deputy erhob sich, ging zur Tür, drehte den Schlüssel herum und schob den Riegel auf. Dann trat er an die Wand und öffnete.

Joshua Tanner trat ein – und schaute in die Mündung eines Colts. Aber der Deputy kannte den Farmer vom Sehen. Er war schon einige Male in Tucson gewesen, um hier Dinge wie Saatgut oder Stacheldraht oder auch mal ein Schaf oder eine Ziege zu kaufen - Dinge, die er in San Xavier nicht bekommen konnte.

Der Ordnungshüter ließ die Hand mit dem Schießeisen sinken, rammte es ins Holster und knurrte: „Drei Banditen sagen Sie. Ich glaube, ich weiß, um wen es sich handelt. Gehen wir zum Schreibtisch. Es existieren Steckbriefe ...“

Der Farmer setzte sich in Bewegung, der Deputy drehte sich um, um ihm zu folgen, als ihm etwas Stahlhartes zwischen die Schulterblätter gedrückt wurde. Er versteifte, hinter ihm zischte eine Stimme: „Geh weiter, Marshal. Und spiel jetzt bloß nicht den Helden. Wir wollen dir nicht wehtun, wenn du mich aber zwingst ...“

Joshua Tanner hatte sich umgedreht, auf dem Rücken unter seine Jacke gegriffen und einen Revolver aus dem Hosenbund gezogen, den er jetzt auf den Deputy richtete. „Geh weiter!“

Der Marshalgehilfe bewegte sich, der siebzehnjährige Dave Tanner betrat das Büro und schloss die Tür.

Joshua Tanner sagte: „Du wirst nun die Zelle aufsperren und Cole Jackson freilassen, Deputy. Bitte, mach, was ich sage. Die drei Kumpane des Banditen befinden sich auf meiner Farm. Meine Frau und meine beiden kleinen Kinder sind ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie haben gedroht, meine Familie umzubringen, wenn wir ohne diesen Jackson zurückkommen.“

Verblüfft starrte der Gesetzeshüter den Farmer an, und es dauerte einige Zeit, bis er das Gehörte verarbeitet hatte. „Sag bloß“, entrang es sich ihm schließlich.

„Das ist leider so“, murmelte Joshua Tanner. „Dave und ich waren mit dem Fuhrwerk auf dem Weg zur Farm, als uns die Kerle stoppten. Wir hatten keine Chance. Deputy, bitte, mach keine Zicken. Ich werde das Leben meiner Frau und meiner beiden Kinder nicht aufs Spiel setzen. Wahrscheinlich kannst du dich sogar in meine Lage versetzen.“

Der Marshalgehilfe schluckte würgend, dann entrang es sich ihm: „Ich muss den Town Marshal verständigen, und Wilburn muss den Sheriff einschalten. Sag dem Jungen, dass er das Gewehr von meiner Wirbelsäule nehmen soll, Tanner. Glaub mir, Sheriff Donegan wird etwas einfallen. Wir holen deine Familie da raus, Tanner.“

Joshua Tanner aber schüttelte den Kopf und erwiderte: „Das ist mir zu unsicher, Deputy. Ich will nicht das geringste Risiko eingehen. Ich hole diesen Jackson aus deinem Käfig und bringe ihn auf meine Farm. Und wenn du nicht mitspielst, dann werde ich mich nicht scheuen, Gewalt anzuwenden. Entscheide dich nun, Deputy!“

Die Hände des Ordnungshüters öffneten und schlossen sich, seine Kiefer mahlten. „Zur Hölle damit“, murmelte er. „Dir ist doch hoffentlich klar, dass du eine Straftat begehst, wenn du Jackson gewaltsam aus dem Gefängnis befreist. Du gehst dafür viele Jahre ins Gefängnis, Tanner. Glaubst du, damit ist deiner Familie geholfen?“

„Ihr ist erst recht nicht geholfen, wenn dieser Shaw sie erschießt“, versetzte Tanner ungeduldig. „Ich frage dich jetzt noch einmal, Deputy ...“

In dem Moment schlug Dave mit dem Gewehr zu. Der Gesetzeshüter bekam den Schlag von der Seite gegen den Kopf, gab einen verlöschenden Laut von sich und brach wie vom Blitz getroffen zusammen. „Wir haben nicht die Zeit, um stundenlang mit ihm zu debattieren, Dad“, stieß der Junge hervor und stieg über den besinnungslosen Mann am Boden hinweg, zog die Schreibtischschublade auf und griff hinein. Seine Hand kam mit einem Schlüsselbund zum Vorschein, mit dem er zu der Tür ging, die in den Zellentrakt führte. Sie war verschlossen, aber bereits der zweite Schlüssel passte und der Junge öffnete die Tür.

Joshua Tanner hakte die Lampe, die über dem Schreibtisch hing, von der Kette und ging damit in den Zellentrakt. „Jackson! Hoch mit dir! Wir kommen, um dich aus dem Loch herauszuholen.“

Die Laterne schaukelte leise quietschend am Drahtbügel, Licht- und Schattenreflexe flossen ineinander, und als der Bandit die Decke von sich schleuderte und sich erhob, wurde seine Schatten groß und verzerrt auf den Fußboden und gegen die Wand geworfen.

„Wer bist du?“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904390
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336553
Schlagworte
dein rache carrie

Autor

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Titel: Dein ist die Rache, Carrie