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Die Blutspur führt nach Wolfstal

Heimat-Krimi

2016 200 Seiten

Leseprobe

A.F.Morland

Die Blutspur führt nach Wolfstal

Heimat-Krimi

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Darkbird/123RF und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Er ging durch die kleine Wohnung und... im Schlafzimmer fand er sie. Der Schock traf ihn wie ein schwerer Hammerschlag. Nacktes Grauen sprang ihn an, als er ihren entsetzlich verwüsteten Körper, ihre vernichtete, zerstörte Schönheit sah. Sie schien einem tollwütigen Raubtier zum Opfer gefallen zu sein. Einem Wolf. Einem Bären... Zerfleischt. Zerrissen... nicht wiederzuerkennen. Von Fliegen bedeckt. Und es roch so intensiv nach Blut, dass es ihm den Atem nahm. Ihm wurde davon schlecht. Er drehte sich um, schaffte es aber nicht bis ins Bad, übergab sich noch im Schlafzimmer. Der nach Magensäure stinkende Auswurf klatschte gegen die Wand und auf den Boden. Er hustete und würgte, und als nichts mehr hochkam, brüllte er vor Schmerz, Unglück und Verzweiflung...

 

Er kam in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher und niemand zweifelte daran, dass er – der "Unsterbliche" - da bis zu seinem Lebensende bleiben würde. Er – Jack the Ripper. Doch es sollte anders kommen. Eine mörderische Blutspur durch die Alpenregion führt in das bislang friedliche Wolfstal...

 

 

 

 

 

 

Roman

Carmen hatte Angst.

Todesangst.

Aus gutem Grund, denn sie war einem grausamen Teufel in die Hände gefallen.

Dabei hatte alles so nett und harmlos begonnen. Auf dem Kirchenplatz. Im Stadtcafé. Er hatte sie freundlich lächelnd angesprochen und höflich gefragt, ob er sich zu ihr setzen dürfe, und sie hatte Ja gesagt. Erstens, weil kein Tisch frei gewesen war, an dem er allein hätte Platz nehmen können, und zweitens, weil er ihr gefiel. Gepflegtes Äußeres, gute Manieren, adrett gekleidet, das pechschwarze Haar exakt, wie mit dem Lineal, gescheitelt. Kein Ehering am Finger, um die dreißig und überaus charmant. Wie hätte sie ahnen sollen, dass sie die Inkarnation des Bösen vor sich hatte? Einen Satan in Menschengestalt.

Sie hatten sich wunderbar unterhalten, und sein umfassendes Wissen und seine hohe Intelligenz hatten ihr sehr imponiert. Es war sehr angenehm gewesen, mit ihm zu plaudern, und es hatte kein Thema gegeben, zu dem er keine vernünftige Meinung gehabt hätte. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass er die Absicht hatte, sie zu töten.

"Ich heiße Edgar", hatte er sich irgendwann vorgestellt. "Edgar Zender."

"Carmen."

"Ein schöner Name."

"Carmen Becker."

"Darf ich fragen, was Sie beruflich machen, Carmen?"

"Ich bin Sekretärin."

"Aha."

"Ich sitze mit zwei Kolleginnen im Vorzimmer eines Rechtsanwalts."

"Klingt interessant", sagte Edgar Zender.

Carmen winkte ab. "Ist es aber nicht."

"Gutes Arbeitsklima?"

"Das ja. Sonst hätte ich mir schon was anderes gesucht." Sie machte eine kleine Pause und musterte ihn angetan. "Und – was machen Sie so...?"

"Ich habe eine kleine Firma."

"Welche Branche?"

"Wir entwickeln Apps – mal nützliche, mal weniger hilfreiche – für alle denkbaren Bereiche des täglichen Lebens." Er lächelte zufrieden. "Läuft ganz gut, seit wir die anfänglichen Startschwierigkeiten überwunden haben."

Sie waren einander rasch näher gekommen, hatten das Café gemeinsam verlassen, einen Bummel durch den Park gemacht, fein italienisch gespeist und danach hatte Carmen die folgenschwere Entscheidung getroffen, den fantastisch aussehenden Mann, für den ihr Herz voll entflammt war, in ihre kleine, gemütliche Wohnung mitzunehmen. Das hatte sie noch nie getan. Nicht gleich am ersten Abend.

Ein Fehler, den sie inzwischen schwer bereute.

Leider zu spät.

Sie hatte Edgar mit glühenden Wangen und zitternd vor Verlangen geküsst, war mit ihm liebeshungrig ins Bett gegangen, hatte mit ihm hemmungslos geschlafen, und es war der beste Sex ihres Lebens gewesen.

Aber...

Er hatte sie mehrmals atemlos nicht Carmen, sondern Lotti genannt. In der Hitze des Gefechts, hatte sie gedacht. Kann passieren. Hinterher hatte sie aber doch wissen wollen: "Wer ist Lotti?"

"Wie bitte?"

"Wer ist Lotti?", wiederholte sie.

"Wieso fragst du mich das?"

"Weil du mich einige Male so genannt hast."

Er schüttelte den Kopf. "Unsinn."

"Doch."

"Das kann nicht sein."

"Ich habe es ganz deutlich gehört."

Er schwieg eine Weile, überlegte mit gerunzelter Stirn und sagte schließlich: "Lotti war ein ganz, ganz schlimmes Mädchen. Böse, gemein, flatterhaft." Hass begann in seinen Augen zu lodern. "Sie hat mir sehr weh getan. Hat mich bitter enttäuscht. So sehr, dass ich einfach nicht darüber hinwegkomme."

"Was hat sie getan? Möchtest du darüber reden?"

"Das schwanzgeile Luder hat es nicht nur permanent mit anderen Männern, sondern sogar mit meinem Vater getrieben!", stieß Edgar aufgewühlt hervor.

Carmen war schockiert. "Das ist ja..."

Edgar nickte heftig, schien sich nicht mehr richtig unter Kontrolle zu haben. Seine grau gewordenen Wangen zuckten fortwährend. "Während ich im Krankenhaus lag. Der Blinddarm musste raus."

"Wie hast du erfahren, dass sie mit deinem Vater..."

"Sie hat es mir gebeichtet."

"Daraufhin hast du mit ihr Schluss gemacht", nahm Carmen an.

"Schluss gemacht." Er grinste furchterregend. "Ja, Schluss gemacht habe ich." Er riss seine böse funkelnden Augen weit auf. "Bin mit ihr in den Wald gefahren und habe – habe – habe Schluss gemacht... Mit ihrem wertlosen Leben."

Carmen hoffte, sich verhört zu haben. "Du hast was?"

"Schluss gemacht", wiederholte Edgar, als wäre es lustig. "Mit ihrem verkommenen Leben. Wie Jack the Ripper. Weißt du, wer das war? Natürlich weißt du, wer Jack the Ripper war. Jeder weiß das. Mindestens fünf Frauen hat er aufgeschlitzt. Das war seine große Passion, und das Faszinierende an seiner Geschichte ist, dass man ihn nie gefasst hat. Wie heißt es so schön am Ende eines Märchens? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Soll ich dir etwas verraten, Lotti? Darf ich dir ein Geheimnis anvertrauen? Ja? Ja? Darf ich? Er lebt tatsächlich noch. In mir. Schau mich nicht so belämmert an, Lotti. Du hast die Freude, die Ehre und das Vergnügen, mit Jack the Ripper im Bett zu liegen."

Sie schauderte. "Um Himmels willen, hör auf."

Er lachte. "Warum?"

"Du machst mir Angst mit diesem verrückten Spiel."

Edgar Zender schüttelte ganz langsam den Kopf. "Das ist kein Spiel, Lotti."

"Nenn mich nicht so", krächzte sie aufgeregt. "Ich bin Carmen."

"Das warst du", entgegnete er frostig. "Jetzt bist du Lotti. Für mich. Und ich bin Jack the Ripper. Für dich. Und ich werde dich noch einmal so ausweiden wie kürzlich im Wald Lotti! Heute... Morgen... Übermorgen... Und immer wieder... Lotti!" Er bleckte seine weißen Zähne. "Carmen, Eleonore, Helene, Margarete... Ganz gleich. Für mich seid ihr alle, alle Lotti!"

In diesem entsetzlichen Moment begriff Carmen Becker, dass sie einem geisteskranken Frauenmörder in die Hände gefallen war.

*

Es war ein Tag, wie er schöner nicht sein konnte. Die Sonne stand hoch am blauen Himmel und es roch nach Blumen, Heu und Stallmist. Landluft. Würzig und gesund.

Zu bedauern sind sie, die Städter, dachte Markus Fernbach, während er zügig durch das Dorf schritt. Ein Leben in Staub und Gestank zu verbringen, das wär' nix für mich.

"Grüß Gott, Markus", sagte der Kaplan.

Markus schaute auf. "Ah, der Herr Kaplan, Grüß Gott schön!", gab er freundlich zurück. "Ich hätt' Sie beinahe nicht gesehen, war in Gedanken."

"Beim Feuerwehrball, was? Kommenden Samstag wird's bei uns in Wolfstal wieder einmal hoch hergehen."

Markus Fernbach grinste. "Wie jedes Jahr."

"Hoffentlich geraten nicht wieder ein paar Hitzköpfe aneinander. Voriges Jahr hatten der Herr Pfarrer, der Bürgermeister und ich alle Hände voll zu tun, die Streithähne zu trennen."

Markus nickte. "Den Hacker-Sepp und den Reisinger-Bartl. Die können heuer nicht mehr miteinander raufen. Der Sepp geht der alten Sennerin auf der Breitegg-Alm zur Hand, der Bartl liegt mit einer schlimmen Gelbsucht im Krankenhaus, und die Fanni, um die sie sich damals gestritten haben, hat inzwischen den zweitreichsten Bauern von Niedernwald geheiratet."

"Na, dann darf man sich ja auf ein friedliches Fest freuen", sagte der Kaplan, wünschte Markus, dem kernigen Holzarbeiter, einen schönen Tag und ging in Richtung Pfarrhaus weiter. Markus hatte es eilig, das Dorf zu verlassen. Er lief den schmalen Pfad entlang, der den rauschenden Wildbach begleitete, eilte über eine morsche Holzbrücke und erreichte wenig später eine alte Holzhütte, deren Dach eingesunken war, und die seit undenklichen Zeiten niemand mehr bewohnte.

Markus blieb stehen und schaute auf sein kleines Dorf hinunter. Die lieblichen Häuser von Wolfstal scharten sich um die Kirche wie Küken um die Henne.

Dort unten kannte jeder jeden. Man wusste von seinen Nachbarn so gut wie alles, hatte kaum Geheimnisse voreinander, und einer war für den andern da. Der junge Holzarbeiter trat an die verwitterte Hütte und öffnete die Tür, die in den Angeln gespenstisch knarrte. Er trat ein. Es war so dunkel, dass er zunächst überhaupt nichts sah.

Allmählich nahm er graue Konturen wahr, er vernahm ein leises, huschendes Geräusch, und dann legte ihm von hinten jemand zarte Hände auf die Augen.

Er grinste. "Soll ich raten, wer es ist?"

"Versuch's."

"Cilli?", fragte Markus belustigt.

"Du Schuft!" Cilli Moosecker war eine ziemlich lockere Magd, deren Kammer kaum einmal für einen Burschen verschlossen blieb. Kein Mädchen, das etwas auf sich hielt, wollte für Cilli gehalten werden.

Der fesche Markus nahm die schmalen Hände von seinen Augen und drehte sich lächelnd um. "Ach, du bist es", sagte er zu Loni Kronleithner, der Tochter des Ochsen-Wirts. "Hör mal, was hast du denn hier zu suchen?"

"Auf einen netten Burschen wart' ich", antwortete das bildschöne Mädchen kokett. Loni trug ein hübsches Dirndl, dessen Ausschnitt gut erkennen ließ, dass sie bereits voll zur Frau herangereift war. "Aber es scheint in ganz Wolfstal keinen zu geben", fügte sie ihren Worten hinzu.

"Und was ist mit mir?", fragte Markus.

"Ich wüsst' nicht, was ich mit dir im Sinn haben sollt'. Dir ist die Cilli doch viel lieber."

"Wer sagt das?"

"Hast du nicht gehofft, sie hier anzutreffen?", fragte Loni Kronleithner.

Er legte die Arme um ihre Mitte und zog sie zu sich. "Die Cilli ist mir egal", sagte er rau. "Dich hab' ich gern, so gern, dass es schon nicht mehr auszuhalten ist." Er küsste sie wild. "Ach, Loni, wenn ich doch nur nicht so arm wär'."

"Mir ist es egal, was einer hat. Gefallen muss er mir, und mein Herz muss schneller schlagen, wenn ich nur an ihn denk'."

Markus legte seine Stirn auf ihre und sah ihr aus allernächster Nähe in die Augen. "Was macht denn dein süßes kleines Herz, wenn du an mich denkst?"

"Nichts."

"Ist das wahr?" Er küsste sie behutsam, immer und immer wieder.

"Nein, es ist nicht wahr", gab sie leise zu und schmiegte sich zärtlich an ihn. "Es hüpft wie verrückt in meiner Brust." Sie gab ihm seine Küsse zurück jeden einzelnen, und ein unbeschreiblich schönes Gefühl durchströmte sie dabei.

"Ich bin gespannt, wann unser Geheimnis auffliegt", murmelte Markus. Noch wusste niemand im Dorf, dass sie ein Liebespaar waren, doch lange würden sie es wohl nicht verbergen können. Und wie würde Lonis Vater dann reagieren? "Die Tochter des reichen Ochsen-Wirts und der arme Holzknecht."

"Na und?" Loni machte ein trotziges Gesicht.

Markus wiegte den Kopf. "Dein Vater wird nicht gerade begeistert sein."

"Er wird sich damit abfinden müssen, dass ich mein Herz dir und keinem reichen Bauern geschenkt habe."

"Er könnte dir den Umgang mit mir verbieten."

Loni strich ihm eine Locke seines vollen blonden Haares aus der Stirn. "Ich bin eine brave, folgsame Tochter, und ich habe meinen Vater wirklich sehr gern, deshalb kann er mir auch sehr vieles verbieten, aber das nicht. Wenn er von mir verlangt, dass ich von dir lassen soll, beißt er bei mir auf Granit."

"Er könnte einen Weg finden, dich gefügig zu machen."

Sie küsste ihn liebevoll auf den Mund. "Mach dir um unsere Zukunft keine Sorgen, Liebster. Mein Vater kann uns niemals auseinanderbringen."

Markus seufzte. "Dein Wort in Gottes Ohr."

"He, ich will diese düsteren Schatten nicht mehr sehen." Sie klopfte mit dem Finger gegen seine Stirn. "Wirst du auf dem Feuerwehrfest mit mir tanzen?"

Er nickte. "Bis zur Erschöpfung."

"Du tanzt sehr gut, das sagen alle Mädchen im Dorf."

"Ich geb' mir Mühe."

Loni lachte. "Der Brunngraber-Maxl bewegt sich auf dem Tanzboden wie ein russischer Zirkusbär."

"Aber er ist der Sohn eines Großbauern und würde deshalb in den Augen deines Vaters bestimmt viel besser zu dir passen als ich."

"Schluss damit", sagte Loni energisch. "Ich will so etwas nicht mehr hören. Wir haben uns gern, und daran kann keiner etwas ändern." Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und befahl ihm verliebt, sie zu küssen.

*

Panik schoss in Carmen Becker hoch. Dieser gut aussehende, charmante Mann mit den vorzüglichen Manieren war schwer schizophren. Er hielt sich tatsächlich für Jack the Ripper, den grausamen Serienmörder, und sie war in seinen Augen Lotti, die Frau, die ihm so weh getan hatte, dass er darüber offensichtlich den Verstand verlor. Lotti war wahrscheinlich sein erstes Opfer gewesen. Wie viele junge Frauen mochte er sonst noch ermordet haben? Immer in dem Wahn, es wäre Lotti?

Carmen wollte, von Furcht durchtobt, aus dem Bett springen und unbekleidet aus der Wohnung fliehen, doch das ließ Edgar Zender nicht zu. Sein brutaler Faustschlag traf sie so hart, dass sie augenblicklich die Besinnung verlor, und als sie wieder zu sich kam, war sie gefesselt und geknebelt und dem irren Killer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Er ging aufgeregt hin und her, war nackt wie sie. "Ihr Scheißweiber seid alle gleich", schnauzte er sie an. "Ihr könnt nicht aufhören zu flirten, zu kokettieren, nach anderen Männern zu schielen und ihnen den Kopf zu verdrehen. Ihr begreift nicht, welchen Schaden ihr damit anrichtet. Hier drinnen." Er blieb stehen und trommelte mit den Fäusten gegen seine behaarte Brust. "Hier – drinnen... Im Herzen eines Mannes. Ihr tut uns permanent und völlig skrupellos weh und wundert euch, wenn wir das nicht so einfach hinnehmen. Was bildet ihr euch eigentlich ein, hm? Wer gibt euch das Recht, so mit uns umzugehen? Sag es mir, Lotti. Erkläre es mir. Ich möchte es wissen, will euch verstehen. Ihr falschen Schlangen seid schön und verführerisch. Ihr setzt raffiniert und skrupellos euren prachtvollen Körper ein, um uns herumzukriegen, und saugt uns aus wie die Spinne die Fliege, die ihr ins Netz ging. Das ist nicht fair, Lotti. Das haben wir nicht verdient."

Er stellte sich ans Fußende des Bettes und betrachtete sie angewidert. Sie lag zu einem großen, lebendigen X ausgespannt vor ihm. Kalter Angstschweiß glänzte auf ihrer Haut.

"Wie du da liegst, Lotti", sagte er vorwurfsvoll. "Unfassbar." Er schüttelte den Kopf. "Hast du denn kein Schamgefühl? Wie kann man nur? Ich kann alles sehen. Deine üppigen Brüste. Deinen flachen Bauch. Die klaffende feuchte Ritze... Glaubst du, das erregt mich? Nimmst du das im Ernst an? Dann irrst du dich gewaltig. Ich finde es abstoßend, ekelhaft, widerlich. Hast du dich meinem Vater auch so präsentiert? Dann wundert es mich nicht, dass der alte geile Bock schwach wurde und auf dich hereinfiel." Er seufzte schwer. "Ach, Lotti, Lotti. Warum hast du mir das angetan? Wir hätten es so schön miteinander haben können. Aber du... Du konntest ja von Schwänzen nie genug kriegen." Er zeigte auf sie. "Du bist schlimmer als eine Hure. Dirnen tun niemandem weh. Es ist ein ehrliches Geschäft, das sie betreiben. Hier Geld, hier Ware und fertig. Prostituierte investieren in die Sache keine Gefühle, gieren nicht so triebhaft lüstern nach Sex wie du. Mein Gott, ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich dich verabscheue, Lotti. Deshalb werden wir – also Jack und ich dich jetzt auch hart bestrafen. So, wie du's verdienst."

Carmen zerrte verzweifelt an ihren Fesseln. Sie wollte schreien, doch der Knebel, der sie fast erstickte, hinderte sie daran.

*

Der Himmel meinte es gut mit den Veranstaltern. Kein Wölkchen trübte das strahlende Blau, als der Bürgermeister das Fest der Freiwilligen Feuerwehr von Wolfstal eröffnete. Jubel, Trubel Heiterkeit hielten Einzug in dem kleinen Dorf, und die Bewohner der umliegenden Gemeinden kamen, um sich gemeinsam mit den Wolfstalern so richtig nach Herzenslust zu vergnügen. Es ging hoch her in dem sonst so stillen, idyllischen Ort. Bier und Wein flossen in Strömen, und zu essen gab es Grillhähnchen, Spanferkel, Bratwurst und noch vieles mehr.

Loni half beim Bierausschank, damit die vielen durstigen Seelen nicht zu lange warten mussten. Max Brunngraber, der Sohn des reichen Großbauern, fragte sie: "Tanzt du später mit mir?"

"Klar", antwortete Loni. Sie war ein Dirndl, das keinem Burschen grundlos einen Korb gab. Deshalb war sie bei den jungen Männern im Dorf auch sehr beliebt.

Max Brunngraber war ein großer, kompakter Kerl mit breiten Schultern und roten Wangen. Er sah aus, als wäre er imstande, allein einen Ochsenkarren hochzuheben. Loni fand ihn nett. Sie konnte ihn gut leiden. Er hatte Humor und konnte sie zum Lachen bringen, aber einem Vergleich mit Markus Fernbach hielt er natürlich nicht stand.

Loni wusste, dass ihr Vater sie gern öfter mit dem Brunngraber-Max zusammen gesehen hätte, aber den Gefallen konnte sie ihm nicht tun. Wenn sie einmal keine Arbeit hatte, traf sie sich lieber heimlich mit Markus in der alten Hütte.

Vorläufig noch heimlich! Aber lange wollte sie ihre Liebe nicht mehr verstecken. Alle sollten sehen, dass sie mit Markus glücklich war.

Warum auch nicht? Es war keine Schande, verliebt und glücklich zu sein. Loni sah ihren Schatz. Er stand bei seinen Freunden, jeder hatte einen Bierkrug in der Hand, und sie rissen Witze und lachten laut. Hin und wieder schaute Markus verliebt zu Loni herüber, und sie erwiderte seinen Blick mit einem freundlichen Lächeln. Die Dorfmusik spielte zünftig zum Tanz auf, und Markus hätte sich seine Loni schon gern einmal geholt, aber er sah, dass sie zur Zeit noch zuviel zu tun hatte, deshalb fasste er sich in Geduld.

Cilli Moosecker pirschte sich an den feschen Holzknecht heran. Die rothaarige Magd war sehr üppig und geizte nicht mit ihren prallen Reizen. Loni hätte ihr am liebsten einen Krug Bier in den offenherzigen Ausschnitt geschüttet. Schamloses Luder, schamloses! dachte sie grimmig, als Cilli zu den Burschen trat. Streck deine giftigen Finger lieber nach dem Brunngraber-Max aus, und lass meinen Markus in Ruhe.

"Du, Markus", sagte die kokette Magd zu dem blonden Holzknecht. "Hast ein bisserl Zeit für mich?"

"Ich hab' Zeit", meldete sich der Frohner-Hans grinsend.

"Ich auch", sagte der Haller-Martin.

"Ich ebenfalls!", rief der Kammerlander-Toni. Sie waren nicht nur Markus' Freunde, sondern auch seine Arbeitskollegen, waren Holzknechte wie er, und hätten nichts dagegen gehabt, sich heute mit Cilli Moosecker so richtig tüchtig zu vergnügen.

Doch die leichtlebige Magd war im Moment nicht an ihnen interessiert. "Ihr kommt später dran", sagte sie. "Jetzt möchte ich mit Markus tanzen."

"Tanz nicht zu wild mit ihm, er muss am Montag nämlich im Wald wieder hart arbeiten!", lachte Martin Haller.

"Da liegt doch noch der ganze Sonntag zum Ausruhen dazwischen", gab Cilli zurück, nahm Markus' sehnige Hand und entführte ihn zum Tanzboden, was Loni natürlich überhaupt nicht gern sah, doch sie konnte es nicht verhindern. Sie musste immer weiter Bierkrüge füllen. Das blöde Bier! dachte sie missmutig. Sie hätte allen am liebsten eine einstündige Biertrinkpause verordnet, um sich ihrem Markus widmen zu können. Sie wollte sich nicht von Cilli "vertreten" lassen, denn die wusste zu gut, wie man einen Mann herumkriegt. Nervös hielt Loni nach ihrem Vater Ausschau, aber sie konnte ihn nirgendwo sehen.

Vergnügt wirbelten Cilli und Markus über den Tanzboden. Loni platzte fast vor Eifersucht. Wenn Markus sich von diesem Miststück umgarnen lässt, kann er was erleben, hallte es in Lonis heißem Kopf.

"Wo hast du so gut tanzen gelernt?", fragte Cilli den starken Holzknecht.

"Die Suttner-Vroni hat es mir beigebracht."

Cilli lachte laut, denn die Suttner-Vroni war ein steinaltes Kräuterweiblein, knochendürr und mit krummem Rücken. "Das kannst du deiner Großmutter erzählen."

"Hab' ich leider keine mehr", sagte Markus. "Ich bin einfach ein Naturtalent, hab' die Musik irgendwie im Blut."

"Spielst du ein Instrument?"

Markus nickte. "Viele."

"Welche?"

"Alle, die aus dem Radio kommen."

Cilli lachte wieder. Sie war leicht zu unterhalten. Sie bog sich zurück, warf den Kopf in den Nacken und lachte so laut heraus, dass es bis zu Loni hinüber zu hören war. Gleich reisst mir der Geduldsfaden! dachte die arbeitsame Wirtstochter zornig. Wenn die auf dem Tanzboden nicht sofort damit aufhören, kriegt hier keiner mehr ein Bier von mir!

War es möglich, dass Max Brunngraber das irgendwie mitbekam? Wie auch immer, er trat zu Cilli und Markus, als ein Musikstück zu Ende ging, und fragte freundlich lächelnd: "Sag, Markus, wie lange willst du denn noch mit der Cilli tanzen? Die Leute fangen schon an, über euch zu reden."

"Blödsinn", erwiderte der Holzknecht und schaute sich um. Er sah niemanden, der sich um seine Tanzpartnerin und ihn kümmerte. "Das war doch erst der dritte Tanz."

"Es höchste Zeit, dass ich dich ablöse", behauptete Max. Die Blaskapelle spielte weiter, der bullige Brunngraber-Max zog Cilli grinsend in seine Arme und tanzte mit ihr davon.

Markus kehrte zu seinen Freunden zurück. "Du, die will was von dir", sagte Martin Haller augenzwinkernd.

"Die Cilli? Ach was." Markus winkte kopfschüttelnd ab.

"Das sieht doch ein Blinder", behauptete Martin.

"Die Cilli will von jedem was", brummte Markus Fernbach desinteressiert.

"Aber dich würde sie heute am liebsten in ihre Kammer mitnehmen", grinste der Haller-Martin. "Das ist mir sofort aufgefallen. Da war so ein gewisser Glanz in ihren grünen Katzenaugen."

"Ich unterhalte mich mit ihr. Ich tanze mit ihr. Ich spendier' ihr auch gern ein Bier", sagte Markus Fernbach. "Aber mehr darf sich die gute Cilli von mir nicht erhoffen."

"He", lachte der Frohner-Hans, "du hast doch nicht etwa ein Keuschheitsgelübde abgelegt."

"Und wenn doch?", gab Markus ruppig zurück. "Geht's dich was an?"

Hans schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich nicht. Es würde mich nur wundern. Ein Bursch wie du..."

"Was soll das heißen, ein Bursch wie ich?"

"Naja, voriges Jahr warst du ziemlich eifrig hinter jedem Mädel her, das nicht vergeben war."

"Voriges Jahr war voriges Jahr. Heuer ist heuer."

Martin Haller wiegte beeindruckt den Kopf. "Das klingt wirklich sehr weise."

"Darauf muss erst einmal einer kommen", hänselte Toni Kammerlander den Freund.

"Ach, rutscht mir doch den Buckel runter", knurrte Markus.

Hans Frohner lachte. "Alle zugleich?"

"Wir wiegen zusammen bestimmt an die zweihundertsiebzig Kilo", warnte Toni den Freund.

"Das halt' ich aus", behauptete Markus.

Martin Haller sah Hans Frohner und Toni Kammerlander an. "Wisst ihr, was ich glaube?"

"Was?", fragten Hans und Toni gleichzeitig.

"Ich glaube", sagte Martin, "unser lieber Freund Markus hat für heute schon ein ganz bestimmtes Dirndl im Auge."

"Ehrlich, Markus?", fragte Toni neugierig. "Welche ist es?"

Markus schwieg.

"Wir finden es auch so raus", schmunzelte Martin Haller zuversichtlich. "Früher oder später."

*

Der Wahnsinnige, der sich für Jack the Ripper hielt, schilderte mit fanatisch glühenden Augen, was er im Wald mit der Frau, die ihm so entsetzlich weh getan hatte, angestellt hatte. Selbst die grauenvollsten Details musste sich Carmen Becker anhören. Sie konnte sich ja nicht die Ohren zuhalten. Nach der blutigen Tat hatte er die Leiche verscharrt. Und daneben kurz darauf noch eine, wie er stolz erzählte. Dann bin ich sein drittes Opfer, dachte Carmen, verrückt vor Angst. Lieber Gott im Himmel, warum ich? Warum musste ausgerechnet ich ihm in die Hände fallen? Wieso hast du das zugelassen? Womit habe ich das verdient? Ich bin mir keinerlei Schuld bewusst.

"Ich werde mich noch nicht anziehen, sondern vorläufig nackt bleiben, weil das hier gleich eine riesengroße Sauerei geben wird", erklärte Edgar Zender erschreckend nüchtern. "Man glaubt ja nicht, wie viel Blut in so einem Körper ist. Ich werde von oben bis unten besudelt sein. Mit dermaßen verschmutzten Klamotten kann man natürlich unmöglich auf die Straße gehen. Dein Einverständnis vorausgesetzt, werde ich deshalb hinterher ausgiebig duschen, mich in aller Ruhe ankleiden, mich von deinem toten Leib verabschieden und meiner Wege gehen." Er zuckte mit den Achseln. "Vielleicht rufe ich von unterwegs die Polizei an. Du kannst ja schließlich nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag hier liegen bleiben, denn das würde eine unzumutbare Geruchsbelästigung für die Nachbarn zur Folge haben. Tote fangen irgendwann zu stinken an. Das ist nun mal so."

Er ging zu seinen Kleidern, die er fein säuberlich über eine Stuhllehne gehängt hatte, und griff in die Innentasche seines Jacketts.

"Ich habe mein eigenes Werkzeug mitgebracht", sagte er stolz. "Weißt du, was ein Balisong ist, Lotti? Man nennt es auch Butterflymesser. Es handelt sich hierbei um ein Faltmesser mit zweigeteilten schwenkbaren Griffen." Er begann damit zu hantieren. Mal öffnete, mal schloss er es. "Ich liebe es, damit zu spielen. Sieh nur, wie gut ich damit umgehen kann. Offen. Geschlossen. Offen. Geschlossen. Cool, was? So richtig elegant aus dem Handgelenk. Ein kurzer Schlenker genügt jeweils, um es zu öffnen oder zu schließen. Angeblich wurde das Basilong auf den Philippinen als Arbeitsmesser für die Fischer entwickelt. Wie man sieht, ist die ruhende Klinge im Griff eingebettet und somit bei einem Sturz auf einem schwankenden Boot völlig ungefährlich." Er winkte ab. "Aber wozu erzähle ich dir das? Ich könnte mir vorstellen, dass dich das in deiner momentanen Situation herzlich wenig interessiert. Deshalb schlage ich vor, wir kommen zum eigentlichen Grund meines Hierseins." Er strahlte vor Begeisterung. "Es wird ein herrliches Schlachtfest, das kann ich dir versprechen. Ich bin zwar kein Vampir, aber ich denke, ich werde ein klein wenig von deinem Blut trinken. Hast du schon mal Menschenblut getrunken, Lotti? Nein? Vielleicht lasse ich dich probieren. Schmeckt köstlich. Leicht süßlich. Irgendwie nach – nach... Kupfer."

Er ging zur linken Bettseite. Carmen begann, von Todesangst gegeißelt, zu toben. Sie warf sich verzweifelt hin und her, bäumte sich auf und brüllte in den Knebel.

Er nickte zufrieden. "Ja, so soll es sein, Lotti. Mit Kraft und Leidenschaft. Wild, trotzig, zornig. Du lehnst dich gegen dein Schicksal auf, das finde ich gut. Du nimmst es nicht einfach so hin und machst vorzeitig schlapp. Das gefällt mir. Die Schmerzen, die Verzweiflung, die Schwäche... Das kommt alles später. Jetzt treiben dich erst mal Panik, Furcht und Hoffnungslosigkeit in den Wahnsinn. Das Blut kocht in den Adern und braust in den Ohren. Die Angst schnürt dir die Kehle zu. Du siehst, wie der Teufel nach deiner Seele greift und kannst nichts, gar nichts dagegen tun." Er spielte wieder mit dem Balisong. Offen. Geschlossen. Offen. Geschlossen. Offen...

Und plötzlich stach er zu.

*

"Hast du dich gut amüsiert?", fragte Loni Kronleithner mit funkelnden Augen. Endlich war sie am Schanktisch abgelöst worden. Endlich hatte sie Zeit für Markus. Endlich konnte sie ihm den Kopf waschen, weil er sich vorhin mit dieser rothaarigen Hexe auf dem Tanzboden so großartig unterhalten hatte.

"Ich?", fragte Markus unschuldig. Er war sich wirklich keiner Schuld bewusst.

"Ja, du", zischte Loni.

"Mit wem?"

"Tu nicht so scheinheilig. Mit der Cilli natürlich."

"Ich hab' mit ihr getanzt, das war alles." Markus Fernbach meinte nicht, sich verteidigen zu müssen. Er hatte nichts Verwerfliches getan.

"Drei Tänze hast du mit ihr getanzt."

"Was ist denn schon dabei?"

"Einer hätte gereicht", fauchte Loni, "aber du hast ja nicht genug bekommen."

"Sei nicht kindisch."

"Wenn der Max sie dir nicht abgenommen hätte, würdest du noch immer mit ihr tanzen", behauptete Loni leidenschaftlich.

"Blödsinn."

"Tanzt sie so gut oder womit hat sie dich so sehr gefesselt?"

"Sie hat mich überhaupt nicht gefesselt."

"Belüg mich nicht. Ich habe euch die ganze Zeit beobachtet."

"Dann musst du auch gesehen haben, dass absolut nichts vorgefallen ist", sagte Markus.

"Nicht auf dem Tanzboden."

"Sonst war ich doch nirgends mit der Cilli."

"Habt ihr euch für später verabredet?", wollte Loni mit spröder Stimme wissen.

Markus lachte. "Also weißt du..."

"Habt ihr?", bohrte Loni. "Habt ihr?"

"Mit deiner blühenden Phantasie solltest du Romane schreiben."

Loni sah ihn böse an. "Mach dich bitte nicht lustig über mich, das kann ich nämlich nicht vertragen. Dafür ist mir die Sache viel zu ernst."

"Hör zu", sagte Markus geduldig. "Es ist nichts, es war nichts, und es wird nie etwas zwischen Cilli und mir sein, weil ich nämlich nur eine gern hab' und das bist du. Zufrieden? Gehst du mit mir jetzt endlich tanzen? Freiwillig? Oder muss ich dich vor allen Leuten zum Tanzboden tragen?"

"Das würdest du nicht tun."

"O doch, ich würde."

Sie sah seinen entschlossenen Blick und sagte sich, dass es vernünftiger war, es nicht darauf ankommen zu lassen.

*

"Ja, äh... Ich, äh... Ist dort die Polizei? Ich, äh... Also hier spricht Jack", sagte Edgar Zender. Er stand im Hauptbahnhof in einer Telefonzelle. Nur zwei Meter von ihm entfernt dealte völlig ungeniert ein Farbiger. Das Geschäft ging gut. Der Mann verhökerte innerhalb weniger Minuten mindestens zehn unscheinbare weiße Briefchen. "Also ich finde das unverschämt", sagte Zender empört. "Dieser Hurensohn verkauft vor meinen Augen Rauschgift. Ich fasse es nicht."

"Hallo?"

"Ja, ich bin noch dran, Inspektor", sagte Zender. "Man sollte den dreisten Bastard ins Loch stecken, aber die Polizei glänzt ja wieder einmal durch Abwesenheit. Und selbst wenn sie mal einen von denen kassiert, läuft der tags darauf schon wieder frei herum und dealt munter weiter. Ehrlich gesagt, mir gefällt die Zeit nicht, in der wir leben. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen. Die Gesetze sind zu lasch geworden. Das hat nichts mehr mit Humanität zu tun. Der Schweinehund weiß bestimmt, dass seine Kunden an seinem Dreckszeug irgendwann elend zugrunde gehen, aber das kratzt ihn nicht. Es ist ihm scheißegal."

"Wo sind Sie?"

"Am Hauptbahnhof", gab Zender zur Antwort.

"Und Sie möchten melden, dass dort gedealt wird?"

"Oh, nein. Nein, das ist mir nur so nebenbei aufgefallen."

"Weshalb rufen Sie an?"

"Habe ich das nicht gesagt?", fragte Zender zurück.

"Nein. Haben Sie nicht. Sie haben mir lediglich Ihren Vornamen verraten, Jack."

"Dann spannen Sie mal ganz weit Ihre Ohren auf, Meister. Jetzt kommt nämlich die Meldung der Woche. Hier spricht Jack the Ripper, und ich habe einen grausigen Mord zu melden."

"Sie scherzen wohl gern."

"Das schon", erwiderte Zender. "Aber nicht, wenn es um Mord geht. Das ist nämlich eine sehr ernste Angelegenheit. Eine verdammt blutige. Wenn Sie gesehen hätten, wie das Opfer gelitten hat, würden Sie das Wort 'scherzen' in diesem Zusammenhang nicht in den Mund nehmen."

Die Stimme am andern Ende wurde glashart. "Sie haben einen Mord verübt..."

"Ich musste die Kanaille bestrafen."

"Wofür? Was hat sie getan?"

"Es würde zu weit führen, Ihnen das darzulegen", antwortete Edgar Zender lustlos. "Außerdem sind die Gründe privater Natur."

"Und Ihr Name ist..."

"Das sagte ich bereits."

"Und der Name des Opfers?"

"Lotti... Äh... Carmen Becker", gab der geisteskranke Serienmörder Auskunft. Und dann: "Jetzt ist er weg."

"Wer ist weg?"

"Der gottverdammte Dealer", blaffte Edgar Zender. "Die Taschen prall gefüllt mit dem Geld bedauernswerter Menschen, denen das verantwortungslose Schicksal Sucht und Abhängigkeit beschert hat..." Er brach empört ab, nannte Carmen Beckers Adresse und legte auf.

*

Sie schwebten übermütig über den Tanzboden. Vergessen war der Ärger wegen Cilli. Sie lachten, tanzten und waren glücklich. Fünf Tänze waren ihnen gegönnt, dann forderte Max Brunngraber den Tanz ein, den Loni ihm versprochen hatte.

Thomas Gerber, der Förster, Markus' Chef, bat ihn kurz zur Seite. "Ich hab' am Montag in der Stadt zu tun", sagte er. "Den andern hab' ich's schon gesagt: Ich möchte, dass ihr die Arbeit im Mooswald vorzieht."

"Wir sollen zuerst die Tannen setzen und erst danach die kranken Bäume, die Sie markiert haben, schlägern?"

Gerber nickte. "So ist es."

"Kein Problem, Chef", sagte Markus. "Wie lange bleiben Sie in der Stadt?"

"Nicht lange. Montag Abend bin ich wieder in Wolfstal." Der Förster entschuldigte sich wegen der Störung.

"Macht doch nichts", sagte Markus.

Thomas Gerber wünschte ihm weiterhin viel Vergnügen und begab sich zum Tisch des Bürgermeisters, der mit dem Dorfpfarrer heftig diskutierte, während sich die Frau des Bürgermeisters mit der Pfarrersköchin friedlich unterhielt.

Auf der Suche nach seinen Freunden kam Markus an einem Turm von Getränkekisten vorbei. Er blieb stehen und ließ den Blick schweifen.

Plötzlich hörte er jemanden sagen: "Sie passen gut zusammen, deine Loni und mein Max." Das konnte nur der Großbauer Ludwig Brunngraber festgestellt haben.

"Deshalb müssen sie auch heiraten", erwiderte daraufhin Lonis Vater, Karl Kronleithner, der Ochsen-Wirt, als wäre das bereits längst beschlossene Sache.

Markus Fernbach gab es einen schmerzhaften Stich. Er spitzte die Ohren, damit ihm kein Wort von dem entging, was die Männer hinter den Kisten redeten.

"Mein Bub tät schon wollen", sagte Ludwig Brunngraber, "aber deine Loni, die weiß anscheinend noch nicht so recht, was sie will."

"Meine Loni tut, was ihr Vater sagt. Ich hab' sie gut erzogen. Sie ist ein gehorsames Madl, das weiß, dass es der Vater immer nur gut meint mit seinem Kind. Außerdem Geld muss zu Geld. Ein armer Schlucker kommt mir nicht ins Haus. Ich hab' nicht mein Leben lang schwer geschuftet, dass am End' so ein windiger Nichtsnutz daherkommt und mein sauer verdientes Geld durchbringt."

"Es kann eine Menge schiefgehen, wenn die falschen Leut' heiraten", philosophierte Ludwig Brunngraber.

"Deshalb werden wir beide kein Risiko eingehen", sagte der Ochsen-Wirt.

"Wenn man jung ist, hat man noch so dumme Ansichten. Erst als reifer Mensch weiß man die wahren Werte des Lebens richtig zu schätzen."

"Ich hab' dir versprochen, dass dein Maxl meine Loni kriegt, und so wird's auch kommen. Hier, Freund, meine Hand drauf. Du kannst dich auf mein Wort verlassen. Was der KronleithnerKarl verspricht, das hält er."

"Das will ich gern glauben, nur..."

"Hast du etwa Bedenken?", fragte der Ochsen-Wirt unwirsch.

"Nicht deinetwegen. Wir kennen uns schon so lang'. Ich weiß, dass man sich auf dich blind verlassen kann..."

"Ich steh' auch jederzeit für meine Familie gerade", sagte Karl Kronleithner mit kräftiger Stimme.

Dennoch meldete der Großbauer vage Bedenken an. "Es könnte sein, dass deine Loni sich bereits einen andern Burschen ausgesucht hat."

"Davon wüsst' ich was."

"Vielleicht erst mal nur insgeheim", sagte Ludwig Brunngraber.

"Meine Loni heiratet den Mann, den ich für sie aussuch', und keinen andern. Sie kriegt den Maxl, und zwar noch in diesem Jahr, und nächstes Jahr kann der Herr Pfarrer bereits unser erstes Enkelkind taufen."

"Angenommen nur einmal angenommen, ja? Angenommen, die Loni will nicht Maxls Frau werden."

"Warum sollte sie das nicht wollen? Er ist reich. Sie kennt ihn seit Kindestagen. Sie kann ihn gut leiden, hat noch nie schlecht über ihn geredet..."

"Na ja", meinte Ludwig Brunngraber, "man hört neuerdings die oberg'scheiten Leute hin und wieder von irgendeiner Chemie faseln, die stimmen muss."

"Von was für einer Chemie denn?", fragte der Ochsen-Wirt unwillig. "Solche Blödheiten sollen sie schön in der Stadt lassen, die haben bei uns auf dem Land nichts zu suchen. Und komm mir jetzt bitte nicht damit, dass meine Loni deinen Maxl vielleicht noch nicht liebt. Das kommt später. Ich habe meine Elisabeth auch nicht geliebt, als ich mit ihr vor den Traualtar trat. Ich habe mich mit ihrem Vater unter vier Augen im Herrgottswinkel unterhalten, er hat mir gesagt, wie viel Mitgift ich zu erwarten habe, und ich hab' mich entschlossen, seine Tochter zur Frau zu nehmen. Ich hab' diesen Entschluss nie bereut. Elisabeth ist eine kreuzbrave, treue, arbeitsame Frau, und ich liebe sie. Ohne sie könnte ich die viele Arbeit, die im Ochsen anfällt, gar nicht bewältigen."

"Trotzdem..."

"Ich hab' dir gesagt, dass meine Loni ein guterzogenes, gehorsames Madl ist. Es wäre für sie undenkbar, sich über meinen Willen hinwegzusetzen. Außerdem weiß sie, dass ich sie, bei aller väterlicher Liebe, auf der Stelle aus dem Haus jagen und enterben würde, wenn sie sich mir in einer so wichtigen Angelegenheit widersetzt. Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut, da fährt die Eisenbahn drüber."

*

Edgar Zender saß wie jeden Morgen in seinem Büro, trank Kaffee und blätterte die Zeitungen durch. Ein lieb gewordenes Ritual. Wer nicht ins Hintertreffen geraten wollte, musste am Ball bleiben, sich laufend informieren, mögliche Trends rechtzeitig erkennen und sofort aufgreifen. Das war seine Meinung, und er wusste, dass sie nicht falsch war.

Es klopfte.

"Ja?"

Die Tür öffnete sich, und ein junger Mann mit roten Haaren und den dazu gehörenden Sommersprossen erschien.

"Julian."

"Guten Morgen, Chef", sagte Julian Rinter. Edgar Zenders bester Mitarbeiter. "Störe ich?"

Zender schüttelte den Kopf. "Überhaupt nicht. Komm herein. Setz dich. Du siehst gut aus. Wie war's im Urlaub?"

"Traumhaft", antwortete Rinter begeistert. "Fantastisches Wetter. Eine majestätische Bergwelt. Gute, saubere Luft. Herrliche Almwanderungen."

"Wo wart ihr doch gleich?", erkundigte sich Zender. "Du und deine neue Freundin?"

"In Wolfstal", sagte Rinter schwärmerisch. "Kann ich nur wärmstens empfehlen. Ist nicht weit. Du setzt dich ins Auto – und in einer knappen Stunde bist du da in einer völlig anderen Welt. Kein Smog. Kein Lärm. Kein Stress. Üppiges Grün, soweit das Auge reicht. Erholung pur. Wir hatten ein behagliches Apartment. Groß, hell, beste Lage. Ziemlich neu. Wenn du möchtest, gebe ich dir gerne die Adresse."

Zender seufzte. "Wann komme ich schon mal zum Ausspannen? Aber ja. Die Adresse kannst du mir auf jeden Fall aufschreiben." Er lachte. "Vielleicht fahre ich nach Wolfstal, kurz bevor ich vom Bournout-Syndrom heimgesucht werde." Er beugte sich vor. "Und die Freundin? Hat alles soweit gepasst?"

Julian Rinters Augen begannen zu leuchten. "Ich war mit Daniela im siebten Himmel."

Edgar Zender feixte. "Dann werden ja bald die Hochzeitsglocken läuten."

Rinter hob abwehrend die Hände. "Moment", sagte er lachend. "Moment. So schnell schießen die Preußen nicht. Wir sind erst seit einem Monat zusammen."

Zender schmunzelte. "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, wie?"

Rinter nickte. "So ungefähr."

Zender nickte. "Ich verstehe."

Rinter wiegte den Kopf. "Aber wenn es mit Daniela so gut weiterläuft, könnte ich mir sehr gut vorstellen..." Er sprach nicht weiter. Sein Blick war auf die Zeitungsschlagzeilen gefallen. "Schlimm, was da passiert ist."

"Ja, sehr schlimm", gab Zender ihm recht.

"Grauenvoll", sagte Rinter schaudernd. "Man sollte dieser abartigen Bestie das Gleiche antun."

Zender hob die Schultern. "Niemand weiß, wer die Bluttat verübt hat."

"Früher oder später wird man das Schwein fassen", sagte Rinter aggressiv.

"Jack the Ripper hat man auch nie erwischt", hielt Zender dagegen.

"Nennt er sich deshalb so?"

"Möglicherweise."

"Wie kann jemand so fürchterlich grausam sein?", fragte Rinter. "Ich verstehe das nicht. Was geht im Kopf eines solchen Mörders vor?"

"Man kann in keinen Menschen hineinsehen", sagte Edgar Zender. Sein Blick wanderte nachdenklich über die Zeitungen und nach einer Weile sah er seinen Mitarbeiter wieder an. "Mal ganz ehrlich, Julian. Ich weiß nicht, wie du tickst, obwohl wir uns schon so lange kennen, du weißt nicht, wie ich ticke."

"Immerhin weiß ich über dich so gut Bescheid, um mit absoluter Sicherheit ausschließen zu können, dass du zu etwas so Entsetzlichem fähig wärst", erklärte Rinter leidenschaftlich. "Du bist kein perverser Schlächter."

"Natürlich bin ich das nicht, aber möglich wäre es theoretisch."

"Hoffentlich finden sie die Drecksau bald."

Edgar Zender nickte zustimmend. "Es gibt wohl keinen in der Stadt, der sich das nicht wünscht."

*

Markus Fernbach stand wie vom Donner gerührt vor dem Kistenturm. Was er soeben unfreiwillig mit angehört hatte, war so entsetzlich für ihn, dass er es kaum fassen konnte.

Er traute Karl Kronleithner die Willenskraft zu, seine Tochter in die Knie zu zwingen. Loni hatte keine Wahl. Sie musste den bulligen Sohn des Großbauern heiraten, sonst wurde sie von ihrem Vater verstoßen.

Markus hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand mit einem schweren Hammer auf den Kopf gehauen. Seine Gedanken schienen in tausend Scherben zersprungen zu sein. Er bekam sie nicht mehr richtig zusammen, torkelte wie ein Betrunkener davon und hätte den wahnsinnigen Schmerz, der ihm fast die Brust zerriss, am liebsten laut herausgebrüllt.

"Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut, da fährt die Eisenbahn drüber." Jedes einzelne Wort dieses Satzes steckte wie ein Giftpfeil mit Widerhaken in seinem Fleisch.

Er litt fürchterliche Qualen, und keiner wusste es. Alle um ihn herum waren so grauenvoll fröhlich. Sie lachten, sangen, schunkelten, tanzten, während er mitten unter ihnen viele grässliche Tode starb.

Wie konnten sie so vergnügt sein, wo sich für ihn doch die Welt zu drehen aufgehört hatte? "Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut, da fährt die Eisenbahn drüber."

Elisabeth Kronleithner stand auf einmal vor ihm. "Hast du meinen Mann gesehen, Markus?"

"Nein", antwortete er.

Es entsprach der Wahrheit. Gesehen hatte er ihn nicht, aber gehört. "Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut, da fährt die Eisenbahn drüber." Ob sie wusste, dass ihr Mann sie nicht geliebt hatte, als er bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten hatte? Markus hatte nicht die Absicht, ihr zu sagen, was er gehört hatte. Es ging ihn nichts an. Jetzt liebte Karl Kronleithner seine Frau inzwischen ja. Oder zumindestens ihre Arbeitskraft.

"Dein Max..."

"Ist dir nicht gut?", fragte Elisabeth Kronleithner. "Du bist kreideweiß im Gesicht."

Es geht mir hervorragend!

"Hast wohl zuviel getrunken."

Nein, hab' ich nicht. Noch nicht. Aber ich werde. Eimerweise werde ich Bier trinken und Schnaps und Wein und Likör und alles durcheinander. So lange, bis ich tot umfalle. "Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut, da fährt die Eisenbahn drüber."

Wenn er doch nur endlich diesen peinigenden Satz losgeworden wäre. Er konnte ihn nicht mehr hören, konnte ihn nicht mehr ertragen.

Er würde daran noch zugrundegehen. Max und Loni... Ein Ehepaar... Noch in diesem Jahr... Das halt' ich nicht aus, dachte Markus verzweifelt. Das steh' ich nicht durch. Ich kann sie nicht in die Kirche gehen und als Vermählte vor dem Herrn herauskommen sehen.

"Du gefällst mir gar nicht, Markus", sagte Elisabeth Kronleithner besorgt.

Im gleichen Moment entdeckte sie ihren Mann. Einträchtig und sichtlich zufrieden trat er mit Ludwig Brunngraber hinter den Kisten hervor. Auch der Großbauer wirkte so zufrieden, als habe er soeben das beste Geschäft seines Lebens gemacht. Dass die Liebe dabei zu kurz kam, störte die beiden offensichtlich überhaupt nicht. Gefühle sind das wussten sie schon seit langem beim Aushandeln von großen, rentablen Geschäften nur hinderlich. Markus lief weiter. Trinken! dachte er. Trinken! Ich muss meinen Kummer wie eine räudige Ratte ersäufen!

Er leerte kurz hintereinander zwei Krüge Bier, lachte, obwohl ihm zum Weinen war, spielte allen den Heiteren, Fröhlichen, Vergnügten vor, während das Chaos der Ratlosigkeit in ihm immer größer wurde.

Du bist nichts, wenn du kein Geld hast, ging es ihm durch den Sinn. Weniger als nichts. Kommst als Ehekandidat für Loni Kronleithner überhaupt nicht in Frage. Wie konntest du dich erfrechen, dich in dieses wunderbare Geschöpf zu verlieben? Es steht einem armen Schwein nicht zu, von dieser süßen Frucht zu naschen. Dir bleibt das angestochene, wurmige und angefaulte Fallobst vorbehalten.

Er trank Wein und lachte über sich und sein deprimierendes Schicksal. Loni und Max würden noch in diesem Jahr heiraten und er würde von ihrem Hochzeitstag an nicht mehr in seinem geliebten Wolfstal leben können, weil es für ihn unerträglich sein würde, zu sehen, dass sein geliebter Schatz mit einem andern Mann lebte und ihm ein Kind nach dem andern schenkte? Was ist man doch für eine jämmerliche Figur ohne Geld? Sie schauen auf einen hinunter, die Kronleithners und die Brunngrabers, und man ist es in ihren Augen nicht wert, dass man die gleiche Luft atmet wie sie. Wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie mir und meinesgleichen das mit Sicherheit schnellstens abstellen. Nach dem Wein kam der Schnaps. Obstler, Enzian, Marillenbrand... Markus schüttete alles wahllos in sich hinein und schaukelte immer heftiger durch das turbulente Fest.

"Liebe Güte, du hast schon mächtig einen in der Krone", grinste Martin Haller, als sie sich beim Bierausschank trafen.

"Hab' was zu feiern", sagte Markus mit schwerer Zunge.

"So? Was denn?"

"Ich feiere heute meinen ganz persönlichen Unabhängigkeitstag."

"Und wovon bist du unabhängig?", wollte Martin belustigt wissen.

"Von allem. Einfach von allem." Markus fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. "Mich geht nichts mehr was an, verstehst du? Kannst du mir folgen? Ich bin mein eigener Staat, meine eigene Regierung, mein eigener Herr. Ich kann tun und lassen, was ich will."

"Das können wir doch alle."

"Hast du deine eigenen Gesetze?", fragte Markus. "Nein, hast du nicht. Siehst du. Ich schon."

Martin Haller schüttelte lachend den Kopf. "Du bist verrückt."

"Auf meinem eigenen Grund und Boden kann ich so verrückt sein, wie ich will. Wer sollte mich verurteilen? Es gibt niemanden über mir und keinen unter mir. Ich bin arm und reich und bilde zugleich auch den Mittelstand. Ist das nicht großartig?" Das Strahlen verschwand aus Markus' Gesicht. "Die Sache hat nur einen einzigen Haken", sagte er ernst.

"Welchen?", wollte Martin Haller wissen.

"Ich bin in meinem souveränen Staat ganz allein. Ich bin der einsamste Mensch auf der Welt."

Martin legte dem Freund den Arm um die Schultern und sagte: "Da sieht man es wieder einmal: Es ist eben doch nichts vollkommen."

*

Vier Tage nach dem bestialischen Mord an Carmen Becker kam Julian Rinter in Edgar Zenders Büro und meldete: "Die Typen von der Zeitung sind da, Chef."

Zender stand auf. Sein Jackett hing über der Rückenlehne seines Schreibtischsessels. Er zog es an und zupfte die Hemdsärmel zurecht. "Wie sehe ich aus?"

"Blendend", antwortete Julian Rinter. "Soll ich die Leute hereinschicken?"

"Wie viele sind es?", erkundigte sich Edgar Zender.

"Zwei", gab sein rothaariger Mitarbeiter Auskunft. "Der Reporter und eine Fotografin."

"Hübsch?"

Rinter griente. "Der Reporter?"

"Die Fotografin, du Dussel."

"Die ist wunderschön. Langes, nussbraunes Haar. Dunkle Samtaugen. Kaum Schminke. Lange Beine. Exzellentes Fahrgestell. Wenn ich frei wäre, würde ich sie sofort anbaggern." Rinter blinzelte. "Vielleicht kannst du ja bei ihr..."

"Was?"

"Na ja. Punkten. Landen..."

Zender winkte ab, als wäre er nicht interessiert. "Schick die ehrwürdigen Vertreter der Presse herein, Julian. Sie wollen ein Interview. Das können sie gerne kriegen. Schließlich gehört Klappern zum Handwerk. Je bekannter unsere Firma wird, desto besser ist das für uns alle."

Julian Rinter ging hinaus und gleich darauf betrat ein schlampig gekleideter Reporter mit seiner bildhübschen Kollegin Edgar Zenders Büro. Der Firmenchef stellte angetan bei sich fest, dass sein Mitarbeiter nicht übertrieben hatte. Die Fotografin war in der Tat ausnehmend schön. Deshalb war es auch kein Wunder, dass Jack the Ripper in ihm erwachte.

*

"Markus, wo treibst du dich denn herum?", fragte Loni Kronleithner vorwurfsvoll.

Markus Fernbach grinste breit. "Ich habe mich aus Wolfstal nicht rausgerührt."

"Ich suche dich seit einer Stunde."

Details

Seiten
200
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904369
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
blutspur wolfstal heimat-krimi

Autor

Zurück

Titel: Die Blutspur führt nach Wolfstal