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Sheng #2: Galgenfrist für Sheng

2016 130 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG-FU-KÄMPFER

 

Band 2

 

GALGENFRIST FÜR SHENG

 

Ein Western von John F.Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Agentur Munsonius

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Sheng gerät in eine blutige Auseinandersetzung zwischen dem Rancher Tom Bowman und den Apachen. Skalpjäger haben Häuptling Chamatos Sohn getötet, und er hat jedem Weißen Rache geschworen. Als Sheng sich auf die Seite des Ranchers und dessen Sohn Dan stellt, gerät er ebenfalls in Gefangenschaft.

Chamato stellt ein Ultimatum. Sheng und Dan Bowman sollen die Skalpjäger finden und den Mörder des Häuptlingssohns zu ihm bringen, damit dieser seine gerechte Strafe erhält. Zehn Tage Zeit haben die beiden dafür, sonst wird Tom Bowman sterben.

Die Spur der Mörder führt ins abgelegene Dorf San Mateo. Und die Bewohner ahnen noch nichts davon, dass der Tod bereits im Anmarsch ist...

 

 

 

 

 

Roman

 

Er lief um sein Leben.

Seit drei Stunden jagten sie ihn erbarmungslos wie ein Tier.

Apachen. Bronzehäutige Reiter auf struppigen, zähen Mustangs. Andere Krieger zu Fuß, die wie Raubkatzen über Felsen kletterten, auf schmalen Graten balancierten und federnd über tiefe Klüfte sprangen.

Sie versuchten ihm den Weg abzuschneiden. Der Horizont ringsum war von Rauchzeichen erfüllt. In der hitzegesättigten Stille über dem zerklüfteten Land gab es nur das monotone Malmen des heißen Sandes unter seinen Sohlen und seine eigenen heftigen Atemzüge.

Seit drei Stunden lief er mit der Gleichmäßigkeit einer niemals erlahmenden Maschine.

Ein zweibeiniger Wolf auf der Flucht vor seinen unerbittlichen Jägern.

Sein Name war Sheng ...

Er war ein großer, schlanker, unbewaffneter Mann. Rötlicher Arizonastaub bedeckte seine Kleidung, sein markantes Gesicht mit den leichtgeschlitzten dunklen Augen. Seine Muskeln und Sehnen waren wie Stahlstränge. Seit mehr als einer Stunde warteten die Apachen darauf, dass er zusammenbrechen würde. Aber die mörderische Hitze, die vielen Meilen, der Durst und Hunger schienen dem einsamen Gehetzten nichts auszumachen.

Er war anders als alle Männer, auf deren Fährte Chamatos Krieger jemals geritten waren. Er kam aus einer anderen Welt. Aus einem Land von jenseits des Ozeans. Dort, in China, war er in langen, von hartem Training erfüllten Jahren zum meisterhaften Kung-Fu-Kämpfer ausgebildet worden. Damals hatte er gelernt, alle Strapazen und Entbehrungen zu ertragen. Sein Chi, die Kraft in seinem Innern, war stark. Stärker als die Hitze, der Durst. Stärker als der Hass der roten Krieger, die seinen Skalp wollten.

Plötzlich der peitschende Knall eines Gewehrs.

Ein klatschender Einschlag in einem Säulenkaktus. Sheng blieb stehen, duckte sich. Jäh, wie abgeschnitten, fiel der felsige Boden mehrere Yard tief vor ihm ab. Hundert Schritt weiter funkelten zwei Gewehrläufe über einer Barriere aus Felsbrocken am Fuß einer Steilwand. Davor lagen zwei pfeilbespickte Pferde. Die lederüberzogenen Wasserflaschen an den Sätteln waren von Geschossen zerfetzt.

Eine heisere Stimme wehte zu dem Mann auf der Felskante. „Zurück, Mister! Wir sind von Apachen belagert. Hauen Sie ab, ehe die Kerle auch Sie erwischen!“

Sheng warf einen Blick nach hinten. Die Verfolger hatten aufgeholt: Dunkle, staubverschleierte Schemen zwischen rotglühenden Felstürmen und hohen Saguaro-Kakteen. Das dumpfe Trommeln der unbeschlagenen Hufe war eine unheilvolle Drohung.

Hundert Schritte zu den Männern mit den Gewehren! Aber dazwischen gleitende, raubtierhafte Bewegungen zwischen den Felsblöcken, Mesquitesträuchern und Cholla-Kakteen.

Hundert Schritte in den Tod?

Sheng hatte keine andere Wahl. Es gab kein Zurück. Er sprang. Wie ein Panther sauste er in die Tiefe. Der Schwung trieb ihn auf die Knie.

Er blieb in dieser Haltung, als sie vor ihm auftauchten. Drei, vier Mann. Tomahawks, Messer, Gewehre in den braunen Fäusten. Schwarzweiße Farbstreifen in den breitknochigen Gesichtern. Sie trugen nur Lendenschurz und Mokassins. Lautlos, voll tödlicher Entschlossenheit, bewegten sie sich auf ihn zu.

Zum Teufel, Mann, fliehen Sie!“, schrie die heisere Stimme hinter dem Steinwall. Aber kein Schuss fiel.

Sheng rührte sich nicht.

Kalte Verachtung kerbte die Mundwinkel der Apachen. Ein Mann ohne Waffen, nur mit einem leichten Deckenbündel an einem Riemen auf dem Rücken. Er kniete da, als wüsste er nicht, dass Chamatos Krieger keine Gnade gaben. Er war ein Narr in ihren Augen. Ein toter Narr!

Sheng hielt den Kopf gesenkt. So sahen sie nicht die Furchtlosigkeit in seinem Blick, die steinerne Härte auf seiner Miene. Er atmete tief und gleichmäßig. Konzentration war jetzt alles.

Noch fünf Schritte, noch vier ...

Er beobachtete ihre Schatten auf dem heißen Sand. Er hörte das metallische Schnappen eines Repetierbügels. Doch er brauchte keine Waffe. Er trug das Zeichen des Tigers und der Schlange an den Innenseiten seiner Arme. Die Symbole seiner Meisterschaft im Kung Fu.

Ein Verrückter, Pa!“, keuchte eine zweite Männerstimme hinter der Barriere. „Er ist verloren.“

Noch drei Schritte, noch zwei. Ein Gewehrlauf schob sich vor Shengs Gesicht. Ein Apache lachte hart. Der Stahl eines Messers blitzte in der Sonne. Da schnellte Sheng hoch. Sein Angriff kam wie eine Explosion.

Kerzengerade schoss der geschmeidige Halbchinese in die Luft. Das Mündungsfeuer aus dem Apachengewehr flammte unter ihm. Sheng riss die Arme über den Kopf zurück. Der Drache, der auf dem Wind reitet. Seine Fußspitze traf die Schläfe des Kriegers mit dem Gewehr, schleuderte ihn nieder. Und noch in der Luft eine blitzschnelle halbe Drehung. Mit ausgebreiteten Armen sauste Sheng herab. Der Adler-Angriff! Seine flachen Hände wirbelten. Zwei weitere Indianer sanken getroffen zu Boden. Der vierte Apache warf sich mit stoßbereiter Klinge auf den unheimlich schnellen Kämpfer.

Aber Sheng war ein huschender, unverwundbarer Schatten. Das Messer verfehlte ihn. Der Schwung riss den Gegner an ihm vorbei. Blitzschnell fuhr der stämmige Apache herum. Er sah nur noch Shengs huschenden Schatten. Dann sackte er zu Boden, wie von einer Kugel gefällt.

Inzwischen war der mit dem Gewehr wieder auf den Beinen. Sein bemaltes Gesicht war hassverzerrt. Sheng wirbelte herum. Wieder nur ein huschender Schatten, und der Karabiner des Roten flog in den Staub.

Der Mann packte seinen am Gürtel hängenden Tomahawk. Ein gefährlicher Kämpfer, der keine Sekunde verlor. Kraftvoll, geschmeidig, schnell. Aber Sheng war schneller. Seine Art zu kämpfen glich einem grotesken Schattentanz. Kein Laut, außer dem Stampfen der Füße. Wischende, kaum mit den Augen zu verfolgende Bewegungen.

Wuchtige Tomahawkhiebe spalteten die Luft.

Sheng tauchte einmal nach links, einmal nach rechts weg. Zwischendurch ein zielsicherer Stoß.

Ein am Boden liegender Gegner, der mit dem Messer zum Wurf ausholte, rollte ächzend auf die Seite.

Dann der Tiger aus dem Bambus-Dschungel! Sheng flog wie eine große Raubkatze auf den Tomahawkschwinger zu. Ein sausender Hieb, ein dumpfes Stöhnen, ein schwerer Fall. Alles hatte nicht länger als eine Minute gedauert.

Lauf, Mann! Lauf um dein Leben!“

Gellendes Wutgeschrei übertönte den Ruf von der gegenüberliegenden Felswand. Bronzehäutige Gestalten sprangen hinter Büschen und Felsblöcken hervor. Sheng rannte los. Ein Pfeil schwirrte an seinem Gesicht vorbei. Schüsse bellten. Shengs drahtiger Körper glich einer Stahlfeder. Seine Füße hämmerten Staubfahnen hoch. Kein Mündungsblitz von der Steinbarriere.

Sheng lief mit zusammengebissenen Zähnen. Sechzig Schritt, siebzig. Er holte alles aus sich heraus. .Eine Kugel zupfte an seinem linken Ärmel. Dann waren die knirschenden Tritte und das Keuchen eines Verfolgers dicht hinter ihm. Neunzig Schritt, fünfundneunzig...

Da war der Steinwall.

Aus vollem Lauf heraus sauste Sheng mit einem tollkühnen Hechtsprung durch die Luft. Wie hatten sie ihn damals beim Eisenbahnbau genannt, als er als Kung Fu-Kämpfer berühmt geworden war? Der Tiger-Mann. Er machte diesem Namen alle Ehre. Weicher Sand dämpfte seinen Aufprall. Keine Sekunde Verschnaufpause. Sofort rollte er herum. Staubbedeckte Stiefel neben ihm. Zwei Männer mit Gewehren. Dann nochmals ein über die Barriere schnellender Schatten.

Ein farbenverschmiertes Indianergesicht war über Sheng. Eine gleißende Klinge blitzte. Das Gewicht des Apachen presste den Kung Fu-Mann nieder. Sheng hatte die Hände frei. Er blockte die Messerfaust ab. Ein schneller Schlag ließ den Angreifer bewusstlos zur Erde sinken. Schüsse schmetterten gegen die Brüstung und die Felswand dahinter. Dann Stille.

Sheng richtete sich auf. Vor ihm lag ein hageres, ernstes, von Entbehrungen gezeichnetes Gesicht. Der Mann war weit über fünfzig. Er trug einfache Viehzüchterkleidung. Graues Haar quoll unter dem staubbedeckten Stetson hervor. Er reichte Sheng die Hand.

Tom Bowman. Ich besitze sechs Meilen von hier eine kleine Ranch. Das ist mein Sohn Dan. Teufel noch mal, so einen Kampf hab’ ich noch nicht gesehen! Ich hätte keinen Cent mehr für Ihr Leben gegeben, Mister.“

Ich tu’s auch jetzt noch nicht“, knurrte der zweite Mann bei der Felsmauer. „Er hat nur eine Frist gewonnen, bevor wir ja doch alle zur Hölle sausen. Aber vorher ist dieser rothäutige Hundesohn dran.“

Bowmans Sohn war etwa fünfundzwanzig, groß und sehnig. Ein hartliniges, sonnengebräuntes Gesicht. Zusammengekniffene graugrüne Augen starrten mitleidlos auf den Apachen, der aus einer Ohnmacht erwacht war und keuchend im Staub lag. Der Lauf von Dan Bowmans Spencerkarabiner drückte gegen seine Kehle. Der Ältere fuhr herum.

Tu das Gewehr weg, Dan! Lass ihn laufen. Wenn du ihn tötest, haben sie allen Grund, uns wirklich keine Chance mehr zu lassen.“

Widerwillig wandte der junge Mann den Kopf. „Du bist verrückt, Pa, wenn du dir noch Hoffnungen machst. Wir haben nur noch eine Handvoll Patronen und keinen Tropfen Wasser. Diese Teufel scheren sich einen Dreck darum, dass du mal Chamatos Freund warst. Das ist vorbei. Die ruhen nicht eher, bis unsere Skalps an ihren Gürteln hängen.“

Ein bitterer Zug erschien auf Bowmans zerfurchter Miene. Aber seine Stimme klang scharf. „Trotzdem wäre es Mord, Dan. Ich dulde es nicht. Nimm das Gewehr weg! Das ist ein Befehl!“

Dan kämpfte mit sich. Schließlich trat er zurück. Noch immer deutete die Spencer auf den Apachen. Dieser erhob sich geduckt. Sein glühender Blick tastete die Gesichter ab. Er umklammerte sein Messer, bereit, sich bis zum letzten Atemzug zu wehren. Tom Bowman ging auf ihn zu. Er schien das auf seine Brust zielende Messer nicht zu sehen. Seine Stimme klang ruhig und fest.

Du kennst mich. Du weißt, dass ich mit Chamato die Friedenspfeife geraucht habe. Warum habt ihr uns überfallen? Warum wollt ihr uns töten?“

Der Apache drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus. Dan fluchte. Müde sagte Bowman: „Geh zu deinen Brüdern zurück! Sag ihnen, ich bin noch immer Chamatos Freund. Sag ihnen, sie sollen ihn herholen, damit ich mit ihm sprechen kann. Er wird alles aufklären. Er wird dafür sorgen, dass keine Kugel, kein Pfeil mehr auf uns abgeschossen wird. Geh und richte es ihnen aus.“

Bowman trat zurück. Der Indianer starrte auf das Gewehr in Dans Fäusten. Langsam näherte er sich dem Felswall. Der sonnendurchglühte Talkessel lag wie ausgestorben. Trügerische Stille. Hoch am Himmel kreisten Bussarde, als wüssten sie, dass es hier bald Beute für sie geben würde.

Du machst einen Fehler, Pa!“, knirschte Dan. „Glaub mir!“

Doch Bowman drückte den Lauf der Spencer nach unten. Geschmeidig schwang sich der Rote auf die Felsbrüstung. Ein wildes Grinsen zuckte über sein Gesicht.

Chamato ist kein Freund der Weißen mehr. Er hat allen Weißaugen den Tod geschworen. Eure Skalpe werden uns gehören.“

Dan wollte die Waffe hochreißen, aber sein Vater hielt sie fest. Katzenhaft verschwand der Indianer auf der anderen Seite. Seine Schritte entfernten sich rasch. Bowman wischte sich den Schweiß von der gefurchten Stirn.

Ich kann es nicht glauben. Wir leben seit mehr als fünf Jahren hier, und Chamato ist als Gast in meiner Hütte ein- und ausgegangen.“

Traue einer einem Indianer!“, lachte Dan hart. „Es wird dir noch leid tun, Pa, dass du mich am Schießen gehindert hast. Jetzt wissen diese Hundesöhne auch noch, dass wir fast keine Munition mehr haben. Ein Mann mehr, noch dazu ohne Schießeisen, nützt uns da auch nichts.“

Ein missmutiger Blick streifte Sheng. „Wer bist du überhaupt, Hombre? Einer, hinter dem das Gesetz her ist, eh?“

Mein Name ist Sheng. Ich bin ...“

Das Klappern von Hufen auf der hundert Schritt entfernten Felskante unterbrach ihn. Shengs Verfolger tauchten in einer langen waffenstarrenden Kette vor dem Hintergrund des glutübergossenen Firmaments auf.

Verdammt!“, keuchte Dan. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“

Immer mehr Indianer drängten ihre Mustangs an den Felsrand. Gutturale Rufe flogen zwischen ihnen und den Belagerern hin und her. Dann zogen die Reiter ihre Gäule herum. Sie verschwanden von einem Augenblick zum ändern. Dan starrte Sheng wütend an.

Du hast sie uns auf den Hals gehetzt!“

Sie haben die Schüsse gehört. Sie wären so oder so gekommen.“

Ja, zum Teufel, aber warum? Vielleicht machen sie deinetwegen Jagd auf jeden Weißen! Vielleicht hast du einen von ihnen umgelegt.“

Sheng blickte den jungen Bowman ernst und durchdringend an. „Wie denn? Mit leeren Händen? Ich bin kein Indianderfeind. Ich wehre mich nur meiner Haut, wenn mir keine andere Wahl bleibt.“

Geschwätz!“ In Dans schweißbedecktem Gesicht zuckte es heftig. Geduckt stand er an der Felswand. Ein in die Enge getriebener, verzweifelter, unberechenbarer Wolf. „Wenn es nach mir geht, Pa, dann schicken wir ihn zu diesen Teufeln hinaus. Sollen sie ihre Rechnung mit ihm machen. Vielleicht lassen sie uns dann in Ruhe.“

Du bist verrückt!“, antwortete Bowman scharf. „Sheng, hören Sie nicht auf ihn.“

Schon gut. Ich weiß, wie es ist, wenn ein Mann Angst hat.“

Dans Spencergewehr flog hoch. „Sag so was nie wieder, sonst...“

Sie kommen!“, unterbrach ihn sein Vater. Mit einem Satz war Dan an der Felsdeckung. Auch Sheng trat hinzu. Die Apachen hatten sich einen Abstieg gesucht. Staubaufwirbelnd preschten sie aus einer schattigen Felskerbe. Im Nu wimmelte es am gegenüberliegenden Talrand von Reitern.

Bowman keuchte: „Es hat keinen Zweck mehr! Wir müssen aufgeben!“

Damit sie uns über ihren Feuern rösten?“, schrie Dan. „Ohne mich, Pa! Ich pfeife auf Chamato! Ich werde mein Leben so teuer wie möglich verkaufen. He, Sheng, da, nimm meinen Revolver! Ich hoffe, du kannst damit umgehen. Es sind nur mehr fünf Patronen in der Trommel. Wenn du schlau bist, sparst du die letzte für dich selber auf.“

Er reichte Sheng die Waffe und brachte mit verbissener Miene seine Spencer in Anschlag.

Drüben gellte ein schriller, durchdringender Schrei. Plötzlich dröhnten die Hufe los, dass die Erde zitterte. Eine durch nichts mehr aufzuhaltende Flut schreiender, waffenschwingender Reiter raste auf die Deckung der drei Belagerten zu. Ein wildes, faszinierendes Bild. Ein Bild des Todes.

Dans Gewehr peitschte. Ein Mustang stürzte. Sein Reiter verschwand im wallenden Staub. Dann stand Bowman hinter seinem Sohn und schlug mit dem Karabinerlauf zu. Lautlos rutschte Dan an der Steinbrüstung nieder.

Blitzschnell richtete der Hagere die Waffe auf Sheng. „Weg mit dem Revolver!“

Sein Gesicht war grau und schweißnass. Ein wildes, fanatisches Feuer brannte in seinen Augen. Glaubte er wirklich noch an Chamatos Freundschaft? Sheng zweifelte nicht an seiner Entschlossenheit. Sein Magen verkrampfte sich. War dies das Ende seiner rastlosen Wanderung kreuz und quer durch dieses große, wilde Land, das seine neue Heimat war, seit er als Kuli für den Bau der Transkontinental-Bahn übers Meer gekommen war? Das Ende seiner Suche nach seinem unbekannten Vater? Das Ende seiner Flucht vor dem schrecklichen Geheimbund des Schwarzen Drachen?

Die Apachen waren bis auf wenige Yard heran, aber Tom Bowman sah nur ihn, ließ ihm keine Chance. Fünf Kugeln im Colt. Es gab so oder so keine Chance mehr. Die Apachen schwangen sich von ihren Mustangs auf den Felswall. Triumphgeschrei füllte den Talkessel. Waffen blinkten.

Sheng ließ den Revolver fallen. Braune Gestalten sprangen auf ihn und Bowman herab, rissen sie zu Boden. Zu viele, um sich freizukämpfen. Wie aus weiter Ferne hörte Sheng die halb erstickte Stimme des Ranchers. „Bringt uns zu Chamato!“

Ein Messer glänzte vor seinem Gesicht. Ein Schlag mit einer lederumwickelten Keule löschte alles aus.

 

*

 

Nein!“

Der verzweifelte Schrei kam wie ein Echo aus Shengs Vergangenheit. Ein Schrei aus jener sturmdurchbrausten Schreckensnacht, als die Bande vom Schwarzen Drachen das Kloster vom Weißen Lotus vernichtet hatte, wo Sheng als Findelkind und Kung Fu-Schüler aufgewachsen war. Langsam öffnete Sheng die Augen. Da war keine Nacht, keine geborstenen, von Explosionen zerfetzten Klostermauern. Der Glutatem des Wüstenwindes fächelte sein scharfgeschnittenes Gesicht. Arizona ... Dort im Süden, wo der Horizont im Hitzedunst verschwamm, lag die mexikanische Grenze ...

Der Wind jammerte über die hoch über die blauschimmernden Bergketten aufragende Mesa. Hier hatten die Apachen ihre Jacales oder Wickiups aufgebaut, die Rundhütten aus Stangen, Zweigwerk und Lehm. Pferde weideten in weitgespannten Seilkorrals. Ihre Mähnen und Schwänze flatterten im Wind. Nirgends ein Baum, ein Strauch. Kein Felsen, der Schatten und Schutz spendete. Nur die messingfarbene Kuppel des Arizonahimmels mit dem sengenden, alles beherrschenden Feuerball der Sonne. Die Mesa glich einem Vorhof der Hölle. Aber für die Apachen zählte sie als eine uneinnehmbare Festung. Nur ein schmaler, vielfach gewundener Bergkamm führte aus dem Gewirr der Täler und Canyons herauf. Notfalls konnte er von wenigen Kriegern verteidigt werden.

Sheng spürte die Lederriemen, mit denen er an einen hohen, glatten Pfahl gefesselt war. Der Pfahl des Todes. Reisigbündel waren ringsum bis in Kniehöhe aufgeschichtet. Vier Krieger mit im Wind lodernden Fackeln näherten sich.

Nein, ihr Teufel!“ Das war wieder Dan Bowmans verzweifelter, gellender Schrei. „Lasst mich frei! Gebt mir eine Waffe! Lasst mich kämpfen, ihr verfluchten Hunde!“

Sheng wandte den Kopf. Der junge Mann zerrte am Pfahl neben ihm wie irr an seinen Fesseln. Blut tropfte von seinen wundgescheuerten Handgelenken. Am dritten tief in die Erde gerammten Pfahl stand Dans Vater, graugesichtig, alt, krank. Ein Mann, der sich auf eine Freundschaft verlassen hatte, die es nicht mehr gab. Er hatte alles riskiert und verloren. Jetzt war er wie blind und taub für alles, was ringsum vorging. Seine Augen blickten stumpf und leer.

Ein großer lückenloser Kreis aus Apachen umgab den Platz mit den drei Pfählen. Dan brüllte, fluchte und riss wie ein wildes Tier an den Lederriemen. Vergeblich. Das hatte auch Sheng bereits herausgefunden. Er starrte auf die Fackeln, die sich den Reisighaufen näherten. Gab es Schlimmeres als den Feuertod? Er biss die Zähne zusammen, um der aufwallenden Panik Herr zu werden. Niemand entkam seinem Schicksal. Der Tod war nicht das Ende. So hatte es ihn sein weiser väterlicher Lehrmeister Li Kwan gelehrt.

Sheng schloss die Augen. Er rief sein Chi. Er versuchte sein Denken, sein Fühlen auszuschalten, zurückzusinken in das dunkle Geheimnis allen Seins. Da hörte er das Stampfen eiliger Hufe, einen rauen, kehligen Befehl. Bewegung entstand. Der Kreis der Umstehenden klaffte auf.

Chamato!“, keuchte Tom Bowman. Seine Augen bekamen neuen Glanz.

Gebannt blickte er auf den Reiter, der seinen braun-weiß gefleckten Mustang auf die Marterpfähle zutrieb. Ein gedrungener, muskulöser Apache. Ein flaches Gesicht mit einem dünnlippigen breiten Mund und stechenden Kohleaugen. Kein Kriegsschmuck, nur ein scharlachrotes um den Kopf gewickeltes Tuch. Eine mit Silbernägeln beschlagene Winchester 66 ruhte in den Fäusten des Indianers quer über dem hölzernen mexikanischen Bocksattel. Kein Muskel zuckte in Chamatos Miene.

Ringsum war jede Bewegung erstarrt. Bowmans Faust hob und senkte sich. Er sprach, als würde eine unsichtbare Faust seine Kehle zudrücken. „Sag ihnen, sie sollen uns losbinden, Chamato. Sag ihnen, dass wir Freunde sind.“

Sheng hatte Augen wie ein Falke, aber auch er konnte nichts vom Gesicht des Indianers ablesen. Mann und Pferd wirkten wie ein Standbild. Nur der unablässig raunende Wind, der Staubschleier über die Mesa trieb und am strähnigen Haar des Häuptlings zauste, belebte das Bild. Zweifel flackerten in Bowmans Augen auf. Chamato starrte ihn an. Kein Funken Bedauern, kein Mitgefühl in seinen schwarzen kalten Augen.

Plötzlich wandte er den Kopf. Einige Worte im Dialekt der Chiricahua-Apachen. Die Krieger stießen die Fackeln in den sandigen Boden und entfernten sich rasch. Nervenzerrendes Warten. Dann kamen sie mit einem bahrenähnlichen Gestell zurück. Eine in Decken gehüllte Gestalt lag darauf.

Ein seltsamer monotoner Klagegesang klang ringsum auf. Chamato schwang sich vom Pferd. Mit gemessenen Schritten ging er zur Bahre und schlug die Decke zurück. Sheng sah ein erstarrtes, mit schwarzer Farbe bemaltes Totengesicht. Er lag da wie schlafend. Ein fast friedliches Bild - bis auf die grässliche Kopfwunde. Der junge Apache war skalpiert worden.

Pfeilspitze!“, sagte Chamato kehlig. „Er war mein Sohn. Weiße haben ihn getötet und seinen Skalp genommen. Sie haben ihn aus dem Hinterhalt abgeschossen wie ein Stück Wild. Pfeilspitze hat vergeblich auf den Frieden zwischen meinem Stamm und den Bleichgesichtern vertraut. Jetzt gibt es diesen Frieden nicht mehr. Jetzt werden alle Weißaugen sterben, die mir und meinen Kriegern in die Hände fallen. So habe ich geschworen. Ich mache keine Unterschiede mehr. Zu oft und zu grausam ist mein Volk von euch Weißen betrogen worden. Pfeilspitze wird eure Skalpe mit auf den langen Weg nehmen.“

Nein, Chamato, wir haben mit all dem nichts zu tun!“, krächzte Bowman. „Ich bin nach wie vor euer Freund. Es müssen Skalpjäger gewesen sein. Männer, die Jagd auf Indianerskalpe machen, weil es drüben in Tucson und auch in Mexiko noch immer eine Menge verdammte Narren gibt, die dafür bezahlen. Für sie ist jeder Indianer ein Feind, der ausgerottet werden muss. Du weisst, dass ich anders darüber denke.“

Worte!“, schnaubte Chamato. „Pfeilspitze ist auf deinem Land gestorben, Bowman. Hast du nicht versprochen, dass niemals Apachenblut auf deiner Erde fließen würde? Auf dem Land, das ich dir als meinen Freund überließ? Sieh her, was aus deinem Versprechen geworden ist.“

Er wies auf den Toten. Seine Augen flammten. Er spuckte Bowman vor die Füße.

Das Wort eines Weißen ist wie der Rauch im Wind. Chamato war ein Narr, als er sich mit einem Weißauge ans Feuer setzte, um die Pfeife zu rauchen. Es wird nie wieder geschehen. Ich werde meine Boten zu allen Stämmen im Süden Arizonas senden und sie zum Krieg gegen die weißen Landräuber und Mörder aufrufen. Ihr werdet als erste sterben, wie das Gesetz meines Stammes es befiehlt.“

Er wollte sich abwenden. Shengs scharfe Stimme stoppte ihn. „Wenn dieses Gesetz befiehlt, Unschuldige zu töten und die wahren Mörder deines Sohnes laufen zu lassen, dann seht euch lieber nach einem besseren Gesetz um!“

Chamato stockte wie an einer unsichtbaren Wand. Die Hände der Krieger ringsum fuhren zu den Waffen. Dan Bowman lachte verzerrt.

Hoffst du auf eine schnelle Kugel, Sheng? Ich fürchte, du verrechnest dich. Ich kenne diesen Bastard besser. Er wird ...“

Ein Apache sprang zu ihm und schlug ihm die Faust auf den Mund.

Chamato drehte sich. Seine Stirn war umwölkt. Er schien jetzt erst Sheng richtig anzusehen. „Bist du der Mann, der wie ein Puma unbewaffnet gegen meine Krieger gekämpft hat?“

Ich bin ein Mann, der nicht für die Tat anderer sterben will. Mein Name ist Sheng. Warum jagst du nicht die Schurken, die deinen Sohn getötet haben?“

Chamatos stechender Blick glitt von ihm zu den Bowmans und wieder zurück. „Vielleicht habe ich sie bereits. Die Krieger der Chiricahuas sind nicht blind. Die Spur von Pfeilspitzes Mörder führte zu Bowmans Ranch.“

Der Rancher bäumte sich auf. „Das ist nicht wahr!“

Ein Blitzen in Chamatos Augen. „Nennst du mich einen Lügner, Weißauge?“

Das alles muss ein Irrtum sein. Häuptling“, keuchte Bowman. „Dan und ich waren seit zwei Tagen unterwegs, um entlaufene Rinder einzufangen. Ich weiß nicht, was inzwischen auf der Ranch geschah ...“

Es gibt sie nicht mehr. Meine Krieger haben sie niedergebrannt.“

Bowman starrte entsetzt in die kalte, unbewegte Miene des Apachen. Dann sanken seine hageren Schultern ein. „Wenn du mich töten willst, dann tu es“, murmelte er hoffnungslos. „Aber gib meinen Sohn und Sheng frei. Sie haben dir ihr Wort nicht verpfändet.“

Chamato musterte ihn. War da nicht ein flüchtiger Schimmer von Nachdenklichkeit auf seinem harten Gesicht?

Vielleicht sprichst du die Wahrheit. Zumindest bist du ein Mann, Bowman, der nicht um sein Leben bettelt. Gut, ich tue, was du willst. Ich lasse sie ziehen, unter einer Bedingung ...“

Alles, was du willst!“, keuchte Dan. „Binde uns nur endlich los.“

Chamatos Worte waren wie eine kalte Dusche. „Bringt mir die Männer, die Pfeilspitze ermordet haben. Bringt sie mir tot oder lebendig. Dann will ich eure Unschuld glauben. Dann lasse ich auch Bowman frei.“

Ein Flackern war in Dans graugrünen Augen. Er lachte halb wütend, halb verzweifelt. „Zum Teufel, du weißt genau, dass diese Kerle längst über alle Berge sind!“

Dan, es ist eine Chance!“, beschwor ihn der hagere Rancher. Sein Sohn ballte die Fäuste.

Okay, Chamato, ich will es versuchen.“

Der Indianer zog ein Messer und schnitt ihn los. Heftig stieß Dan die Reisigbündel zur Seite, Er schwankte, aber eine neue wilde Hoffnung glänzte in seinen Augen. „Lass meinen Vater mitreiten, Chamato. Allein schaffe ich es nicht.“

Chamato deutete mit dem Messer auf Sheng. „Du hast ihn. Der schnelle Puma ist ein großer Kämpfer.“

Zur Hölle mit ihm! Er ist ein Fremder. Er gehört nicht zu uns. Er wird verschwinden und sich einen Dreck darum kümmern, was aus meinem Vater wird.“

Du irrst!“, erklärte Sheng ruhig. „Ich reite mit dir. Ich werde dir helfen, diese Männer zur Strecke zu bringen, die für Geld auf Indianerjagd reiten. Es sind Verbrecher, auch wenn ihr Treiben von der Territoriums-Verwaltung legalisiert wird.“

Danke, Sheng“, murmelte der grauhaarige Rancher heiser.

Shengs Fesseln fielen. Er massierte seine Handgelenke und machte ein paar Kniebeugen. Es kam ihm wie ein Wunder vor, dass er noch lebte. Er las wenig Hoffnung in Tom Bowmans faltigem, erschöpften Gesicht. Er schwor sich, alles zu tun, um das Leben dieses Mannes zu retten - so verhasst es ihm auch war, selber auf Menschenjagd zu gehen. Aber es war Bowmans einzige Chance.

Auf Chamatos Wink wurden zwei Pferde gebracht, Kavalleriegäule, die die Apachen irgendwann erbeutet hatten. Dans Revolvergurt hing am Sattel des einen Tieres. Sein Spencergewehr steckte im Scabbard. Dan konnte es kaum erwarten, die Waffen an sich zu bringen. Sheng dagegen zog den Karabiner aus dem Sattelfutteral des anderen Pferdes und legte ihn vor Chamato auf die Erde.

Ich benutze eine Waffe nur, wenn mir keine andere Wahl bleibt. Ich reite nicht, um zu töten, sondern um Bowmans Unschuld zu beweisen.“

In den Augen des Indianers war kein Verständnis. Da wirbelte Dan geduckt herum. Die Spencer in seinen Fäusten zielte auf Chamatos Brust.

Ein Schuss, eine falsche Bewegung von einem deiner Krieger und du bist dran, Rothaut!“

Heftiges Geraune brandete ringsum auf. Doch nur das an- und abschwellende Sausen des Windes blieb, der aus der Gila-Wüste herüber strich. Chamatos Gesicht war eine ausdruckslose Maske. Bowman starrte seinen Sohn erschrocken an.

Dan, um Himmels willen, mach keinen Fehler!“

Geduckt ging Dan auf den Apachen zu. „Befiehl deinen Bastarden, sie sollen Pa losbinden! Wir verschwinden gemeinsam. Aus deinem teuflischen Spiel wird nichts.“

Ihr werdet sterben!“, erwiderte Chamato dumpf.

Dan lachte rissig. In seinem schmalen, harten Gesicht zuckte es. „Nur, wenn du uns begleitest. Ich glaube nicht, dass du es darauf ankommen lässt.“

Chamato rührte sich nicht. Er stand da wie ein Denkmal. Staubwirbel tanzten an ihm vorbei über die Mesa. Bowman stöhnte: „Du bist verrückt, Dan! Er wird nicht nachgeben. Es gibt für den Apachen schlimmere Dinge als den Tod.“

Das werden wir ja sehen“, knirschte Dan. „Los, Chamato, gib den Befehl!“

Chamatos Mund glich einer scharfen Messernarbe. Kein Funken Furcht oder Unsicherheit in seinen Augen. Ringsum hoben sich Gewehrläufe, Pfeil und Lanzenspitzen. Sheng duckte sich. Der Wind sang eine Totenklage. Nicht nur für Chamatos Sohn.

Hör auf deinen Vater, Dan! Sei vernünftig!“

Ich war nie vernünftiger als in diesem Augenblick!“ Dan grinste wild und fiebrig. „Dieses Gewehr ist die einzige wirkliche Chance, die uns bleibt. Chamato, noch zehn Sekunden, dann ...“

Shengs drahtiger Körper war ein durch die Luft sausendes Geschoss. Dan brüllte, als er stürzte, ließ aber die Spencer nicht los. Federnd setzte Sheng auf. Dan rollte herum und richtete mit wutverzerrter Miene den Karabiner auf ihn. Sheng bewegte sich mit fast tänzerischer Leichtigkeit. Ein Zucken seines rechten Fußes, und der junge Bowman besaß kein Gewehr mehr.

Wie von Sinnen sprang er auf. „Du verdammter...“

Zwei kräftig gebaute Apachen rissen ihn hart zurück. Eine braune Faust drückte ihm eine Klinge an die Kehle. Keuchend starrte Dan Sheng an. Noch immer flackerte Hass in seinen Augen.

Sheng sagte ruhig: „Lasst ihn am Leben. Er muss mich zu Bowmans niedergebrannter Ranch führen, damit wir dort mit der Suche nach der Skalpjäger-Fährte beginnen.“

Chamato zögerte. Auf seinen knappen Wink ließen die Krieger den Ranchersohn los. Dan wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er wusste, wie nahe er eben dem Tod gewesen war. Ohne Sheng anzusehen, ging er zu seinem Pferd und stieg auf. Auch Sheng schwang sich in den Sattel. Chamato reichte ihm mit ausdrucksloser Miene Dans Gewehr.

Zehn Tage!“, sagte er schroff. „Wenn ihr dann nicht mit den Mördern meines Sohnes zurück seid, wird Bowman eines schrecklichen Todes sterben. Zehn Tage, nicht mehr!“

Sheng blickte auf den hageren grauhaarigen Mann am Pfahl. Schweißbäche glitzerten auf Bowmans ledrigen Wangen. Die Verzweiflung in seinen Augen prägte sich Sheng unauslöschlich ein. Zehn Tage auf der Spur mitleidloser Menschenjäger, die vielleicht schon sechzig, siebzig Meilen von hier fort waren! Zehn Tage, die wie im Flug verstreichen würden! Sheng schaute immer noch Bowman an, als er seinen Braunen wendete.

Wir werden hier sein!“

 

*

 

Sie ritten nach Süden. Zwei staubbedeckte, zähe, schweigsame Männer, die wie Bluthunde auf einer kaum sichtbaren Fährte klebten. Nach zwei Tagen lag die mexikanische Grenze weit hinter ihnen. Vor ihnen stand die dunkelblaue Silhouette der Sierra Madre über den grasbewachsenen Hügelkämmen. Sheng zügelte sein Pferd und bückte sich zum Steigbügel hinab.

Da vorn ist einer. Er wartet mit dem Gewehr auf uns. Sie haben gemerkt, dass wir hinter ihnen her sind.“ Seine Stimme war ganz ruhig. Lässig setzte er sich wieder im Sattel zurecht.

Dan Bowman starrte ihn halb überrascht, halb betroffen an. „Wo, zum Teufel? Ich sehe nichts.“

Genau auf dem Hügel vor uns. Bei den großen Felstrümmern. Ich habe sein Gewehr gesehen. Jetzt wieder.“

Entweder hast du ’nen Sonnenstich oder Augen wie ein Luchs!“, knurrte Dan kopfschüttelnd. „Verdammt, wie kommst du darauf, dass es einer von den Skalpjägern ist.“

Er hat uns bereits im Visier“, erklärte Sheng ruhig. „Außerdem führt ihre Spur an dem Hügel vorbei. Sicher ist der Kerl als Rückendeckung für seine Kumpane zurückgeblieben. Ich will ihn lebend. Er soll uns zu den anderen bringen.“

Den Spuren nach sind es fünf Mann. Gefährliche Schießer. Rechnest du dir wirklich eine Chance gegen sie aus?“

Sheng sah das nervöse Flackern in den Augen seines Begleiters. Seine Miene war steinern.

Du kannst ja umkehren, wenn dir deine eigene Sicherheit mehr bedeutet als das Leben deines Vaters.“

Zur Hölle mit dir! Ich kann dich nicht ausstehen. Aber meinetwegen, schnappen wir uns den Kerl. Nur wie? Ein Fingerdruck von ihm - und es ist aus mit dir oder mir.“

Er hätte längst schießen können“, murmelte Sheng. „Vielleicht wartet er ab, ob wir die Spur nicht verlieren. Pass auf, ich werde ihn ablenken. Wenn ich los jage, reitest du durch den Geländeeinschnitt nach rechts und versuchst in seinen Rücken zu kommen. Du musst schnell sein. Ich verlasse mich auf dich. Alles klar?“

Von mir aus, aber ...“

Dann los!“, zischte Sheng. Mit heftigen Hackenschlägen warf er das Pferd aus dem Stand heraus in einen halsbrecherischen Galopp. Sheng hatte als einsamer Wanderer zu Fuß und per Bahn fast den halben Westen durchquert. Aber wenn es darauf ankam, konnte er reiten wie ein Indianer. Rasendes Hufgetrommel zerriss die Stille. Es sah nicht nur verwegen, sondern beinahe schon verrückt aus, wie der schlanke geduckte Reiter schnurgerade auf den mit Felstrümmern bedeckten Hügel zupreschte. Wieder ein metallisches Aufblinken zwischen den zerklüfteten Blöcken. Sheng blickte sich nicht nach Dan um. Schnelligkeit war jetzt alles. Erst wenn er den Fuß des zerrissenen Hügels erreichte, gab es vielleicht eine Chance für ihn.

Er zog den Kopf ein, als er den Mündungsblitz sah. Ein dünner Peitschenknall im Dröhnen der Hufe. Ein scharfer Luftzug an Shengs Wange. Das Pferd rannte wie von Wölfen gehetzt. Keine Deckung bis zum Hügel. Eine blitzartige Vision durchzuckte Shengs Gehirn: Ein verkniffenes, bösartiges Gesicht mit kalten, erbarmungslosen Augen, die ihn über den Lauf des qualmenden Gewehrs beobachteten. Die Mündung der Waffe wanderte mit ihm.

Der nächste Blitz. Sheng warf die Arme hoch. Sein Aufschrei klang täuschend echt. Wie eine Stoffpuppe kippte er seitlich aus dem Sattel. Staubschleier ringsum. Sheng gewann, vier, fünf kostbare Sekunden, bis der Schurke auf der Anhöhe merkte, dass er keineswegs getroffen vom Pferd gestürzt war. Er hing wie ein Indianer an der Flanke des dahinstürmenden Braunen. Ein Fuß im Steigbügel, eine Hand am Sattelhorn. Die sandige, mit dürren Grasbüscheln bewachsene Erde flog unter ihm weg.

Weitere peitschende Schüsse. Spritzende Sandfontänen. Der Kerl auf dem Hügel zielte auf das Pferd. Sheng schnellte von dem Tier weg, schlug eine Rolle, kam hoch und rannte. Kugeln fauchten an ihm vorbei. Dann war er am Fuß des Hügels. Keuchend warf er sich hinter einen Felsblock. Kugeln hämmerten gegen seine Deckung, dann schwieg die Waffe.

Sheng wandte den Kopf. Bowman war verschwunden. Der aufgewirbelte Staub hing als durchsichtiger Schleier in der heißen Luft. Warten. Kein Hufschlag, kein Schuss, nichts! Hatte Bowman sich aus dem Staub gemacht? Der Mann war unberechenbar, unstet, voll zwiespältiger Gefühle. Vorsichtig richtete sich Sheng auf. Sein Schatten fiel neben den Felsblock. Sofort krachte es droben wieder. Steinsplitter sausten über Sheng weg.

Dann ein wütender rauer Ruf. „He, du Bastard, wer bist du? Was willst du von mir?“

Sheng schwieg. Er schätzte die Entfernung zum nächsten Felsblock. Ein Mann ohne Waffen gegen einen zum Äußersten entschlossenen Scharfschützen. Gegen einen Kerl, der davon lebte, dass er Apachen wie Wölfe jagte! Skalpjäger! Schon dieses Wort weckte Shengs ganzen Abscheu, aber auch seine zähe, furchtlose Entschlossenheit. Er musste schneller sein als der bleierne Tod.

Er lauschte. Kein Zeichen von Dan Bowman. Da klirrten Steine weiter oben am Hang, Sand rieselte. Ein grimmiges Lächeln huschte über Shengs Lippen. Der Apachentöter war dabei, einen Fehler zu machen. Er hatte gesehen, dass Sheng unbewaffnet war. Jetzt wollte er nicht mehr warten. Er wollte töten. Er kam den felsigen Hang herab. Ein Jäger, der glaubte, nur noch das versteckte Wild aufspüren zu müssen, um endlich am Ziel zu sein.

Sheng legte sich flach auf die Erde und kroch los, lautlos, schlangengleich, Zoll für Zoll. Geduld und Selbstdisziplin waren die wichtigsten Tugenden eines Kung Fu-Kämpfers. Aber das war nicht alles. Sheng glaubte wieder die leise Stimme seines Lehrmeisters Li Kwan zu hören. „Es genügt nicht, wenn du einen Gegner besiegen willst. Du musst sie selber sein, in deinem Kopf, in deinem Herzen ...“

Und Sheng war die Schlange. Er verschmolz förmlich mit den dürren Halmen, dem kümmerlichen Gestrüpp, den rissigen Felsbrocken.

Fünf Minuten bis zu dem nur wenige Yard entfernten Felsklotz. Aber fünf Minuten, in denen er für die Augen seines zum Töten entschlossenen Feindes unsichtbar blieb.

Sheng war in Schweiß gebadet, als er endlich in sicherer Deckung lag. Aber sein Atem ging ruhig und gleichmäßig wie er es vor langer Zeit bei seiner Ausbildung zum ersten Kung-Fu-Kämpfer des Weißen Lotus gelernt hatte. Dafür hörte er andere keuchende Atemstöße. Ganz nahe, nur wenige Schritte entfernt. Dazu ein schabendes Geräusch wie von einem Gewehrkolben im Sand. Sheng prägte sich die Stelle ein. Ein Augenblick der Konzentration, dann schnellte er wie eine Raubkatze über den Felsblock.

Im nächsten Moment stand er geduckt, mit seitwärts angewinkelten flachen Händen am Rand einer staubigen Mulde. Vor ihm kniete ein stämmiger, derb gekleideter Kerl, dessen Gewehr noch auf den Felsen zielte, hinter dem Sheng anfangs weggetaucht war. Als Shengs Schatten auf ihn fiel, flog der Kopf des Halunken herum. Ein brutales, stoppelbärtiges Gesicht. Ein Moment maßloser Verblüffung. Dann blitzte ein wilder Funke in seinen Augen. Keine Angst. Es war bezeichnend für die Gefährlichkeit dieses Burschen, wie blitzschnell er die Winchester herumschwang.

Sheng warf sich auf ihn, die Arme wie Adlerschwingen ausgebreitet. Er begrub den Stoppelbärtigen unter sich, schmetterte ihm die Waffe aus den Händen. Aber der schwere Körper besaß kein Gramm überflüssiges Fett. Ein Mann wie ein Grisly. Genauso kraftvoll, schnell und gefährlich. Mit einem Fluch rollte er unter Sheng hervor, so dass Shengs Rechte ins Leere stieß.

Der Skalpjäger brauchte nur einen Sekundenbruchteil, um auf die Knie zu kommen und das leicht gebogene Skalpiermesser zu ziehen. Er holte aus. Sheng blieb keine Zeit zum Aufspringen. Er wälzte sich herum. Seine hochzuckenden Beine waren wie eine riesige Schere, die den emporgereckten Arm des Bulligen festklammerte. Der Mann schrie heiser, als Shengs Beingriff ihn nach hinten warf. Er verlor das Messer.

Sheng drückte sich mit den Schultern ab und schnellte wie eine gebogene Stahlfeder hoch. Die Mündung seiner eigenen Winchester 66 tauchte drohend über dem verzerrten Gesicht des Skalpjägers auf.

Gib auf, Mann!“ Shengs Stimme war hart. Seine dunklen Augen, in denen sich die Erinnerung an einen jungen skalpierten Apachen spiegelten, fixierten den Mann. Schweratmend lag er auf dem Rücken. Der Mittelfinger seiner linken Hand fehlte. Sheng erinnerte sich an einen Steckbrief, den er irgendwann gesehen hatte, an einen Namen. Drei Finger-Joe...

Zum Teufel, wer bist du? Was hast du...?“

Wo sind die anderen?“, unterbrach Sheng ihn hart.

Welche anderen? Hölle und Verdammnis, ich weiß nicht, was du meinst? Ich bin ...“

Die Apachen wollen den Mörder ihres Häuptlingssohnes. Wenn sie ihn nicht bekommen, wird ein neuer Indianerkrieg den Süden Arizonas verwüsten. Das will ich verhindern. Wenn du nicht der Schuldige bist, dann bring mich zu ihm.“

Zum ersten Mal erschien ein Aufflackern von Furcht in den Augen des Skalpjägers. „Mann, du redest ja wie ein Verrückter!“

Er ist nicht verrückt, Joe“, klang Dan Bowmans Stimme vom Muldenrand. „Er weiß, was passiert ist, und er meint es verdammt ernst. Aber ich nicht weniger! Lass die Knarre fallen, Sheng, sonst puste ich dich um!“

Sheng stand wie versteinert. Die Drohung hallte wie ein Donnerschlag in seinen Ohren, obwohl Dan nicht geschrien, sondern eher leise gesprochen hatte. Das war nicht mehr die Stimme des hitzköpfigen, von Zweifeln zerrissenen Ranchersohns. Das war die Stimme eines Killers, dem es nichts ausmachen würde, einen Mann in den Rücken zu schießen. Es war ein Augenblick wie an einem reißenden Seil über einem Abgrund.

Dan, da bist du ja endlich!“, krächzte der Stoppelbärtige.

Wird’s bald!“, fauchte Dan. Sheng ließ die Waffe fallen. In ihm war alles wie ausgebrannt. Seine Gedanken wirbelten. Der Mann am Pfahl! Zehn Tage Frist! Und Bowmans Sohn steckte mit den Mördern unter einer Decke! Mit allem hatte Sheng gerechnet, nur damit nicht. Alles in ihm sträubte sich gegen diese Erkenntnis.

Dans Tritte malmten hinter ihm. Drei Finger-Joe packte sein Gewehr, rollte aber erst von Sheng weg, ehe er sich aufrichtete. Ein hässliches Grinsen zerriss sein rohes Gesicht. „Gut gemacht, Dan. Schätze, du hast uns ’ne Menge zu erzählen.“

Wo sind Conroy und die anderen?“

Smith ist losgeritten, um Skalpe auszuspähen“, grinste Joe. „Die anderen werden sicherlich bald hier sein. Die Schüsse werden sie anlocken. Verdammt, anfangs war ich nicht sicher, ob der Bastard da zu dir gehört. Deshalb hab ich so lange gezögert. Worauf wartest du, Dan? Knall ihn nieder!“

Sheng hörte Dans Atem hinter sich. Vom ersten Augenblick an hatte ihn Bowmans Sohn gehasst. Vielleicht aus dem Gefühl heraus, dass Sheng ihn durchschaute: sein Verschlagenheit, Angst, Rücksichtslosigkeit. All das, wofür sein Vater blind gewesen war. Sheng drehte sich nicht um! Er wusste auch so, dass Dans Finger am Abzugshebel vibrierte. Zeit gewinnen! Jede Sekunde zählte!

Denk an Chamato! Denk an deinen Vater!“

Pa wäre längst in Sicherheit, wenn du nicht dazwischengekommen wärst!“, knirschte Dan hasserfüllt. „Ein Grund mehr...“

Sheng schleuderte sich zur Seite. Gleichzeitig machte er eine Körperdrehung, tausendfach geübt. Im Sturz riss er den linken Fuß hoch. Dan krümmte sich und flog wie von einem Pferdehuf getroffen zurück. Der Schuss aus seiner Spencer peitschte haarscharf an Drei Finger-Joe vorbei. Joe fluchte, riss die Winchester hoch und feuerte ebenfalls, so schnell, dass beide Schüsse verschmolzen. Die Kugel hieb dort in den Staub, wo Sheng eben noch gelegen war. Der Tiger-Mann hechtete über Bowman weg. Im Sprung erwischte er dessen Gewehr, warf sich auf den Rücken und schoss noch aus dem Schwung dieser Bewegung heraus.

Ein Meisterschuss. Fassungslos starrte der Skalpjäger auf seine plötzlich leeren Hände. Sein Gewehr lag mehrere Schritte weit entfernt. Drei Finger-Joes unrasiertes Gesicht färbte sich schmutzig-grau, als Sheng sich geschmeidig erhob. Der Blick des Kung Fu-Kämpfers war unheimlich. Abwehrend hob Joe seine verstümmelte Linke.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904352
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336517
Schlagworte
sheng galgenfrist

Autor

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Titel: Sheng #2: Galgenfrist für Sheng