Lade Inhalt...

Chaco #7: In der Falle der Comancheros

2016 130 Seiten

Leseprobe

CHACO – Das Halbblut

Band 7

In der Falle der Comancheros

Ein Western von Earl Warren

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M.Russel mit Steve Mayer, 2016

Der Roman erschien zuerst unter dem Titel „Die Comanchero-Queen“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Es beginnt mit einer Pokerpartie in der Stadt Portales am Rande des Llano Estacado. Chaco lässt sich auf ein Spiel mit Ritchie Oakes ein, dem Sohn des mächtigsten Ranchers in der Region. Ritchie ist jedoch ein schlechter Verlierer und legt sich mit Chaco an. Schüsse fallen, und der Rancherssohn stirbt. Gordon Oakes schwört blutige Rache und verfolgt mit seinen Männern Chaco. Das sind aber nicht die einzigen Probleme, die Chaco hat. Denn im Llano Estacado lauern die Comancheros...und Chacos weiteres Schicksal liegt in deren Hand.

Roman

Das Städtchen hieß Portales und lag in New Mexiko, am Rand des Llano Estacado. Es hätte Oakes City heißen sollen, denn alles hier gehörte dem Rancher Gordon Oakes. Auch die Menschen.

Chaco pokerte mit Ritchie Oakes, dem einzigen Sohn des Ranchers. Seit zwei Tagen saßen sie am Spieltisch. Chaco hatte das Spiel mehrmals beenden wollen, doch Ritchie Oakes hatte es verhindert. Zweimal war ein Mann in seinem Auftrag zur Bank gegangen, um Geld zu holen.

Geld, das Chaco gewann, obwohl ihm an dem Spiel längst nichts mehr lag. Jetzt hatte das Halbblut über zehntausend Dollar vor sich, und Ritchie Oakes war pleite.

Stille herrschte im Saloon. Die Spannung war fast körperlich zu spüren. Ritchie Oakes hatte den Saloon schon am Vormittag für die Öffentlichkeit schließen lassen.

Bei ihm waren drei Cowboys von der Oakes-Mannschaft. Ein säbelbeiniger, kleiner Kerl mit rotem Bart, ein großer Bulle, der ziemlich stupide aussah, und ein zäher, hagerer Hombre mit sandfarbenem Haar. Sein linkes Auge war grün, das rechte schillerte bläulich.

Er grinste tückisch.

Ritchie Oakes selber war ein Bild von einem Mann. Anfang Zwanzig, groß, breitschultrig, gutgekleidet und blondlockig. Seine weißen Zähne blitzten, wenn er lachte, und er redete laut und prahlerisch.

Chaco wusste längst, dass er nur ein Blender war, den der Schatten seines Vaters deckte.

Hinter dem Tresen lehnte der unrasierte Keeper. An einem der Tische saß ein schwarzhaariges Mädchen und legte sich Patiencen. Das Girl schaute manchmal zu der Spielrunde hinüber und gähnte vernehmlich.

Chaco türmte die Dollarscheine und Münzen aufeinander.

„Nichts geht mehr“, sagte er. „Mir reicht es jetzt. Ich habe dir Revanche gegeben, so oft du es wolltest, Junge. Jetzt ist es genug.“

Ritchie Oakes stierte auf den Geldhaufen. Er schluckte. Es war, als begreife er erst jetzt, dass er soviel Geld an einen Fremden verloren hatte. An einen Mann, der nur auf der Durchreise war - der aus der Stagecoach geklettert war, um sich einen oder zwei Tage auszuruhen.

An ein Halbblut.

„Dieses Geld gehört meinem Vater“, sagte Ritchie Oakes. „Das meiste davon jedenfalls. Ein Oakes verliert nie.“

„Jetzt gehört es mir“, antwortete Chaco. „Es war ein ehrliches Spiel. Du hättest aussteigen können, Ritchie Oakes. Du hattest oft genug die Gelegenheit dazu.“

Chaco war nicht versessen auf das Geld. Aber er hatte es nun einmal gewonnen, also behielt er es auch. Es gehörte zu seiner Lebenseinstellung, sich nichts wegnehmen zu lassen. Er stand auf.

Auch Ritchie Oakes erhob sich. Seine Rechte hing hinter dem Colt mit den Elfenbeingriffschalen.

Die große Standuhr im Saloon zeigte zehn Minuten nach acht Uhr abends. Aber es war draußen noch hell.

„Du hast falsch gespielt“, sagte Ritchie Oakes. Er wandte sich an die drei Cowboys. „Ihr habt es gesehen, ihr seid Zeugen.“

Der Hagere mit den beiden verschiedenfarbigen Augen nickte. Eine böse Vorfreude stand in seinem Gesicht. Chaco ließ das Geld auf dem Tisch liegen. Vier Männer standen ihm gegenüber.

Der Hagere sah ganz so aus, als könnte er sehr gut mit seinem Revolver umgehen.

„Versucht es lieber nicht“, sagte Chaco, der einige Narben in seinem Gesicht trug, obwohl er noch jung an Jahren war. „Big Gordon Oakes wird die zehntausend Dollar verschmerzen können, die sein einziger Sohn am Spieltisch durchgebracht hat. So etwas kann geschehen. Ich habe schon gegen clevere Spieler gewonnen.“

„Ihr solltet ihn gehen lassen“, sagte der Saloonkeeper hinter Chaco. „Der Mann ist gefährlich. Ich erkenne einen zweibeinigen Wolf, wenn ich einen sehe. Besser, ihr lasst ihn in Ruhe! Big Gordon kratzen die zehntausend wirklich nicht.“

„Ein Oakes verliert nie!“, sagte der blonde Junge, als wolle er sich selber rechtfertigen.

Dann stieß er einen schrillen Schrei aus. Hände zuckten zu den Waffen. Der Hagere zog am schnellsten, wie Chaco es sich gedacht hatte. Das Halbblut zerschoss ihm die Schulter und sprang zur Seite. Auch Ritchie Oakes war schnell mit dem Colt.

Chaco sah in seine Mündung, und er konnte sich die Zeit nicht nehmen, auf Ritchie Oakes Arm zu zielen, drückte ab, und er sah das Mündungsfeuer des Rancherssohnes. Alles ging rasend schnell. Der säbelbeinige Cowboy und der Bulle hatten ihre Schießeisen noch nicht aus den Halftern.

Chaco spürte, wie ihm Ritchie Oakes’ Kugel glühendheiß über die linke Seite fuhr. Der Rancherssohn wankte, in die Herzgegend getroffen. Chaco richtete seinen Army Colt auf die beiden Cowboys.

Sie erstarrten. Sie ließen die Revolvergriffe los, als seien sie glühend. Der hagere Gunman hielt sich die zerschossene Schulter und ächzte. Ritchie Oakes taumelte.

Sein Colt, aus dem er nur einen Schuss abgefeuert hatte, lag auf den Dielen. Er stürzte und begrub die Waffe unter sich.

Pulverdampf wolkte im Saloon. Schweigen herrschte.

„Dieser Narr“, sagte Chaco bitter. „Wer nicht anständig verlieren kann, sollte nicht spielen.“

„Du hast auch verloren, Halbblut!“, sagte der Saloonkeeper hinter Chaco grimmig. „Heb die Hände hoch! Ich halte eine Schrotflinte in den Händen, die mit Apachenschrot geladen ist. Und wenn du auch nur zuckst, schieße ich dich in zwei Teile!“

Chaco warf einen Blick über die Schulter. Der Keeper sprach die Wahrheit. Chaco wusste aber auch, dass es sehr schlecht für ihn aussah, wenn er jetzt die Waffe fallen ließ und aufgab. Niemand würde ihm abnehmen, dass er in Notwehr gehandelt hatte.

Ritchie Oakes war Gordon Oakes’ Sohn, er aber nur ein dahergelaufener Fremder. Nur ein Bastard. Er würde auf jeden Fall baumeln, ob sie ihn nun lynchten oder mit einer Jury und einem Richter wegen Falschspiels und Mordes zum Tod verurteilten.

Und wenn er erst einmal gefangengenommen war, stand es schlecht. Dann war Portales, New Mexiko, das Ende von Chacos Weg.

Es war, als sinke Chaco ein wenig in sich zusammen.

„Okay“, sagte er. „Ich gebe auf. Ich will nicht den Bauch voll Schrot...“

Chaco beendete den Satz nicht. Er hechtete zur Seite, und die Schrotflinte dröhnte. Ein paar Schrote erwischten das Halbblut. Sie stachen wie glühende Nadeln. Weit mehr von der Ladung als Chaco kriegte der säbelbeinige Reiter ab. Aufbrüllend brach er zusammen.

Chaco aber landete hart am Boden und rollte um die eigene Achse. Der Saloonkeeper lehnte sich über den Tresen und feuerte den zweiten Schrotlauf ab. Er zerschoss einen Tisch. Diesmal wurde Chaco nicht getroffen. Wie Hornissen zischten die Schrote an ihm vorbei.

Das Halbblut schoss vom Boden aus zurück, denn gewiss hatte der Keeper auch noch einen Revolver in Reichweite. Der Keeper sank nach vorn über den Tresen. Der bullige Cowboy mit der hellen Lederweste schoss auf Chaco. Er verwundete das Halbblut im linken Arm. Chaco feuerte zweimal auf ihn.

Der Cowboy fiel über einen Stuhl, der unter seinem Gewicht zerbrach, Chaco erhob sich, die Zähne zusammengebissen. Er humpelte zum Spieltisch und steckte ein paar Scheine ein.

Der hagere Gunman lehnte mit aschgrauem Gesicht an der Wand. Das schwarzhaarige Saloongirl aber betrachtete Chaco, einen hungrigen Ausdruck in den Augen. Das Girl saß immer noch am Tisch in der Ecke, die Patiencekarten vor sich.

Jetzt legte sie die letzte Karte nieder.

„Geht nicht auf“, sagte sie. „Sie haben keinen guten Tag heute, Mister. Gordon Oakes wird Ihnen die Haut abziehen, dafür dass Sie seinen Augenstern umgebracht haben. Und die Einwohner von Portales werden sich darum schlagen, ihm dabei behilflich sein zu dürfen. Einmal in mehreren Jahren verirrt sich ein richtiger Mann hierher. Und dann ist er auch schon so gut wie tot.“

„Noch lebe ich“, sagte Chaco. Das Blut rann ihm am Körper hinunter. Und ich werde kämpfen bis zum letzten Atemzug.“

Das Girl hob eine Spielkarte und zeigte sie Chaco. Es war die Kreuz Neun, die Todeskarte. Chaco kannte die Symbolik der Karten, und er sah den tödlichen Ernst in den Augen des Mädchens.

*

Chaco verließ den Saloon und lief auf dem Gehsteig die Straße hinunter. Während des Laufens lud er einen Revolver nach. Hinter sich, im Saloon, hörte er Schreie.

„Es ist geschossen worden!“

„Ein Halbblut hat Ritchie Oakes umgelegt. Es hat eine Schießerei im Alamo Saloon gegeben. Ritchie Oakes, der Keeper und ein Oakes-Cowboy sind tot. Dafür wird Gordon Oakes die Stadt an allen vier Ecken einreißen!“

Chaco verschwand in einer Seitengasse. Er wünschte, es wäre dunkel, aber jetzt im Juni würde es noch wenigstens anderthalb Stunden dauern, bis es soweit war.

Chaco wusste, dass am Ende der Seitengasse ein Mietstall war. Er musste fort aus Portales, so schnell wie möglich.

„Fangt das Halbblut!“, schrie es hinter ihm. „Der Bastard ist in diese Richtung gelaufen!“

Chaco rannte weiter. Er hatte Schmerzen. Der Streifschuss an seiner linken Seite brannte wie Feuer. Die Wunden von den Schrotkugeln stachen, und Chacos linker Arm war beinahe gefühllos. Der Mietstall war rechts am Ende der Gasse und hatte einen kleinen Vorhof mit einem Brunnen.

Der Stallmann, ein pockennarbiger Mexikaner, stand draußen. Zwei Cowboys hielten vor dem Mietstall. Der eine saß noch im Sattel, der andere war abgestiegen.

„Was schreien sie?“, fragte der zu Pferd sitzende Cowboy. „Ich habe es nicht verstanden, Mack.“

Chaco bog um die Ecke. Er hielt den Colt in der Faust. Sein Gesicht war verzerrt, die Kiefermuskeln traten hervor. Er hatte den flachen schwarzen Stetson mit den runden Messingscheiben am Hutband auf dem Kopf. Über dem blauen Hemd trug er eine schwarze Lederweste und am Hals die dunkelrote Bandanna.

Er hatte dunkle Leinenjeans und halbhohe mexikanische Stiefel an. Chacos linker Hemdärmel war nass von Blut. An seiner linken Seite staute sich das Blut am Revolvergürtel. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, dass er angeschossen war.

„Runter vom Pferd!“, sagte Chaco und humpelte näher. Zwei Schrotkugeln steckten in seiner linken Hinterbacke und im Oberschenkel. Sie bereiteten ihm Schmerzen beim Laufen. „Hebt die Hände! Wenn einer von euch eine falsche Bewegung macht, ist es seine letzte.“

Der große Cowboy saß ab. Gehorsam hoben er, sein kleinerer Kumpan und der magere Stallmann die Arme. Chaco trat zu ihnen und entwaffnete die Cowboys. Er schaute auf die Brandzeichen der Pferde. Es war der Oakes-Brand. Ausgerechnet.

„Stellt euch vor die Wand und verschränkt die Arme im Nacken!“, kommandierte Chaco.

Die Männer gehorchten. Chaco musterte die beiden Pferde. Der Schecke des großen Cowboys schien ihm das bessere Tier zu sein.

„Was haben Sie getan, Mister?“, fragte der kleinere Cowboy. „Die Bank ausgeraubt?“

Chaco schwang sich in den Sattel. Die beiden Schrotwunden an seiner Hinterseite schmerzten besonders heftig.

„Fangt den Mörder von Ritchie Oakes!“, schrie da eine Stimme in der Nähe. „Lasst das Halbblut nicht entkommen!“

Die beiden Cowboys wollten sich umdrehen. Aber Chaco hielt sie mit der Waffe in Schach. Er zog den Sattelkarabiner aus dem Scabbard des zweiten Pferdes und warf ihn in den Brunnen. Dann klatschte er dem Pferd auf die Kruppe, dass es wiehernd durchging.

Chaco trieb seinen Gaul an.

„Dafür lässt der Boss dich in Stücke reißen, Halbblut!“, rief einer der beiden Cowboys hinter Chaco her.

Ein schmaler Pfad führte zwischen zwei Häusern hindurch. Chaco preschte diesen Pfad entlang, über den Pferdehals gebeugt. Hinter ihm schrien Männer. Ein Revolver krachte. Doch nur eine Kugel pfiff Chaco nahe am Kopf vorbei. Dann hatte er eine Gasse erreicht, die ihn direkt zum Stadtrand führte. Chaco ritt in nordöstlicher Richtung von Portales weg, auf den Llano Estacado zu.

Er wusste, dass dort seine einzige Chance lag. Bald würden mindestens fünfzig, sechzig Mann hinter ihm her sein. Wahrscheinlich noch mehr. Und Chaco war verwundet und keineswegs in der besten Verfassung.

*

„Cayuse Jack, du rothäutiger Hurenbock und Läuseknacker, wenn du die Spur nicht wiederfindest, lasse ich dir die Haut in Fetzen vom Rücken peitschen!“

Der Rancher Gordon Oakes spuckte auf den Boden. Wie eine weißglühende Scheibe stand die Sonne am Himmel und brannte auf den Llano Estacado nieder, diesen wüsten Landstrich mit seinen wenigen Wasserlöchern und Bächen, die meist schon nach einer kurzen Strecke im Boden versickerten, mit Hügeln und niederen Bergzügen, Schluchten und Canyons.

Es war ein wildes, unübersichtliches Land. Niederes Gestrüpp und Dornsträucher gediehen hier, einige Kakteensorten, aber nur wenige Bäume.

Cayuse Jack grinste. Er war ein kräftiger Navajo mit ledernen Leggings und fransenbesetztem Hemd. Er hatte ein rotes Tuch um den Kopf gebunden. In der Hand hielt er einen einschüssigen Sharpskarabiner.

Seine Nase, die einmal ein Pferdehuf getroffen hatte, war platt und zur Seite gebogen. Sein Gebiss wirkte so kräftig, als könne er einem Pferd den Huf abbeißen, ohne sich dabei anzustrengen.

„Ich rothäutiger Hurenbock und Läuseknacker werden Spur wiederfinden, Mr. Oakes, Sir“, sagte er. „Jawohl.“

Er ritt los, von der Gruppe von zwei Dutzend Männern weg, die an einem kleinen Bach anhielten. Die Männer schwitzten alle. Sie tränkten ihre Pferde. Schwärme von Stechmücken umtanzten sie. Gordon Oakes ließ seinen Sommerrappen von einem seiner Cowboys versorgen.

Ungeduldig stapfte er umher. Er beschattete die Augen mit der Hand und spähte zu dem roten Fährtensucher, der einen großen Kreis um die Gruppe von Männern schlug. Cayuse Jack hing zur Seite geneigt im Sattel und betrachtete den Boden.

Am Himmel zogen zwei Geier ihre Kreise.

„Er wird die Fährte wiederfinden", sagte Jed White, Gordon Oakes’ Vormann.

Er war über sechs Fuß groß, breitschultrig und rothaarig. Ein breitrandiger Stetson beschattete sein Gesicht, denn seine empfindliche Haut vertrug die sengende Sonne schlecht. Jed White trug zwei Revolver an dem patronengespickten schwarzen Gurt.

Er hatte kräftige Handgelenke und lange, starke Finger. Jed White, der wegen seines Haarschopfes den Kriegsnamen Fire Jed trug, war ein erstklassiger Revolvermann. Nicht zuletzt mit seiner Unterstützung und mit Hilfe seiner schnellen Colts hatte Gordon Oakes sein Rinderkönigreich aufbauen können.

Der Rancher selbst war fünfzig Jahre alt, mittelgroß und sehr stämmig. Sein Gesicht wirkte verwittert, seine Gestalt klobig. Gordon Oakes erinnerte an eine starke Eiche, die alle Stürme überdauerte und die unbeugsam war.

Und die alle kleineren Bäume in ihrem Schatten erstickte und ihnen die Nahrung wegnahm. Sein Gesicht war mit Staub gepudert, in das der Schweiß helle Bahnen gezogen hatte. Gordon Oakes trug Weidereiterkleidung wie die anderen Männer auch. Fünfzehn zählten zu seiner Mannschaft.

Die anderen acht stammten aus Portales. Vier Tage währte die Jagd auf das Halbblut Chaco jetzt schon, das Gordon Oakes’ Sohn Ritchie erschossen hatte. Seinen einzigen Sohn und seinen Erben. Vier Tage, in denen Chaco so erbarmungslos gehetzt worden war wie ein tollwütiger Hund.

„Das Halfcast ist angeschossen“, sagte Jed White. „Sicher liegt er irgendwo und verbrennt fast vor Wundfieber. Wenn wir ihn finden, schleifen wir ihn am Lasso quer durch den Llano.“

„Er wird aufgehängt“, sagte Gordon Oakes bestimmt. „Wie es einem Mörder gebührt.“

Gordon Oakes hatte nicht gefragt, wie es bei jenem Pokerspiel zugegangen war und wer als erster zur Waffe gegriffen hatte. Er sah die Dinge so, wie er sie sehen wollte. Sein anständiger und tapferer Sohn war von einem mörderischen Halbblut-Falschspieler heimtückisch erschossen worden, und damit basta.

Eine andere Version hätte der Rancher nicht einmal akzeptiert, wenn sie ihm mit dem Vorschlaghammer in den Schädel getrommelt worden wäre.

Cayuse Jack, der Scout, hielt eine Dreiviertelmeile von den Männern entfernt an. Er hob das Gewehr und hielt es waagrecht über den Kopf. Er bewegte es mehrmals auf und nieder.

„Er hat die Fährte!“, rief Laramie, der nach Jed White Gordon Oakes’ bester Mann war.

Laramie, der lange, geschmeidige Texaner, dessen richtigen Namen niemand kannte, vor dessen schnellem Revolver jedoch sogar Jed White Respekt hatte. Einmal in jedem Quartal betrank Laramie sich gewaltig. Dann wurde er unberechenbar, und man musste ihm aus dem Weg gehen. Sonst rührte er keinen Tropfen Alkohol an.

„In die Sättel!“, kommandierte Gordon Oakes.

„Wir sind erschöpft, Mr. Oakes“, protestierte einer der Männer aus Portales, der Storehalter Mike Anderson. „Die Pferde sind gerade erst getränkt worden. Sie brauchen Ruhe.“

„Halt’s Maul! Wir reiten. Wer zurückbleibt, zieht sich meinen Zorn zu.“

Die Männer zogen die Köpfe ein und vermieden es, Gordon Oakes’ Blick zu begegnen. Sie zogen die Sattelgurte fester und saßen auf. Gordon Oakes sprang mit einem Satz in den Sattel, so als sei er nicht seit Sonnenaufgang hart geritten. Auch er spürte alle Knochen, aber er zeigte es nicht.

Er war Gordon Oakes, der harte Oakes, der King, dem sich alle beugen mussten.

„Los, vorwärts!“

Staub wirbelte zwischen spärlichem Gras unter den Hufen der Pferde. Die Männer erreichten den Scout, der wie eine Statue im Sattel saß. Cayuse Jack wartete, bis Gordon Oakes seinen Sommerrappen vor ihm zügelte.

„Was ist, du roter Halunke?“

Cayuse Jack deutete auf den Boden, auf dem keine Spur zu erkennen war.

„Halbblut hat Fährte verwischt. Ist nicht weit entfernt. Sein Pferd verlieren Eisen. Pferd fertig, Halbblut fertig. Wir töten, eh, Mister Oakes, Sir?“

Cayuse Jack fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Hals und grinste von Ohr zu Ohr. Gordon Oakes stieß einen Fluch aus.

„Du roter Schnapser, wenn das stimmt, was du mir sagst, kriegst du zehn Flaschen Whisky gratis. Außer den hundert Dollar, dem Pferd und dem Gewehr, die ich dir versprochen habe. Bist du ganz sicher?“

„Ja, Mr. Oakes, Sir, Cayuse Jack sein sicher. Lange genug umsonst gesucht.“

Gordon Oakes starrte auf den Boden, auf dem er nichts erkennen konnte, außer einem Maulwurfshügel. Oakes bewegte die Hand, um die Männer anzutreiben. Cayuse Jack führte. Die Reiter näherten sich einer Reihe von namenlosen Hügeln.

Hier gab es viele Kaninchen. Und einen Mann der sich zwischen den Hügeln versteckte, dessen Pferd völlig abgetrieben und der selbst am Ende war. Chaco, das Halbblut.

*

Chaco kauerte neben dem Kreosotgesträuch. Rechts von ihm wuchsen Peyotekakteen mit weißen Blüten. Das Halbblut krampfte die Hände um Kolbenhals und Schaft der Henry-Rifle. Chaco sah, wie die Reiter sich näherten.

Chaco roch den Geruch seines ungewaschenen Körpers und der schwärenden Wunden. In seinem linken Arm pochte es. Er war geschwollen, und schwarze Streifen reichten bis in die Achselhöhle. Die Streifschusswunde an Chacos Seite war verschorft.

Aber von den sechs Schrotkugeln, die ihn getroffen hatten, hatte er sich nur die Hälfte mit dem Messer aus dem Fleisch bohren können. Die anderen Wunden eiterten. Auch von jenen Wunden, aus denen Chaco die Kugeln herausgebohrt hatte, waren zwei entzündet.

Es ging ihm schlecht. Der Blutverlust schwächte Chaco. Das Fieber zehrte an seinen Kräften und ließ ihn manchmal glauben, er würde verglühen.

Chaco begriff, dass er seine Verfolger nicht hatte abschütteln können. Der Scout war zu gut. Alle Tricks, die Chaco angewandt hatte, hatten bei ihm nicht verfangen. Chaco schüttelte den Kopf, um seine Benommenheit loszuwerden.

Er war am Ende, abgehetzt und in die Enge getrieben, aber er wollte noch nicht aufgeben. Nicht bis zur letzten Kugel und bis zum letzten Atemzug. Die Reiter waren jetzt bis auf eine halbe Meile heran. Chaco legte die Henry an. Sein Pferd, der Schecke, den er sich in Portales einfach genommen hatte, wartete zwischen den Hügeln in einer Bodenmulde.

Das Pferd war fertig. Es hatte am vergangenen Abend ein Eisen verloren und an diesem Tag immer stärker zu lahmen begonnen. Die letzten Meilen hatte Chaco es am Zügel geführt und sich dabei mächtig angestrengt, seine Fährte zu verwischen.

Vergebens!

Nun, einmal musste es zu Ende sein. Und Chaco wollte sterben, wie er gelebt hatte. Als ein einsamer Kämpfer.

Als die Reiter, die in langer Reihe ritten, auf Schussweite heran waren, zielte Chaco. Er richtete den Gewehrlauf auf die Brust des Scouts mit dem verschwitzten, fransenbesetzten Stoffhemd. Doch dann schüttelte Chaco den Kopf und nahm den Gewehrlauf tiefer und weiter nach vorn.

Nein, er war kein Mörder, auch jetzt nicht. Die Rothaut tat ihren Job. Chaco wollte den Scout nicht einfach kaltblütig aus dem Sattel schießen, auch wenn er ohne ihn eine reelle Chance gehabt hätte.

Chaco ging auf den Druckpunkt. Er krümmte den Zeigefinger etwas mehr. Der Schuss krachte, und die Henry-Rifle schlug gegen seine Schulter. Chacos verletzter Arm schmerzte. Doch das Halbblut lud durch und feuerte weiter.

Cayuse Jacks Mustang wurde in den Kopf getroffen. Der Navajo flog in hohem Bogen aus dem Sattel. Zwei weitere Pferde brachen zusammen. Chaco riss den Unterladehebel des Sechzehnschüssers wieder und wieder durch.

Er stöhnte dabei, denn der Schmerz in seinem verwundeten linken Arm, der das Gewehr hielt, war schlimm.

Die Männer des Aufgebots galoppierten zurück. Ein paar waren in Deckung gegangen. Vier reiterlose Pferde trabten umher. Gordon Oakes hielt außer Gewehrschussweite und fuchtelte mit den Armen.

„Es ist nur ein Mann!“, schrie er. „Umzingelt ihn! Greift ihn von allen Seiten an und bringt ihn mir!“

Chaco grinste grimmig. Er hätte Gordon Oakes, dem Mann, der ihn unbedingt zur Hölle schicken wollte, gern eine Kugel verpasst. Aber dazu war es jetzt zu spät. Und vorher hatte er den Rancher unter den Reitern nicht ausmachen können.

Chaco wechselte seine Position. Er lief den Hang hinunter und suchte hinter ein paar Felsbrocken Deckung. Chaco wartete ab. Die Sonne brannte auf ihn nieder und trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Er nahm die Wasserflasche vom Gürtel und trank durstig.

An diesem Tag hatte Chaco viel Wasser getrunken, aber nur ein paar Bissen von einem rohen Kaninchen verzehrt. Er fühlte sich schlecht. Am liebsten hätte er sich irgendwo verkrochen und seine Wunden geleckt.

Aber das war nicht möglich.

Eine Stunde verging. Chaco hörte hin und wieder Rufe, und er wusste, dass er umzingelt war. Dann vernahm er den Hufschlag. Ein Mann näherte sich tatsächlich zu Pferd. Chaco hob den Kopf.

Der Reiter hielt oberhalb von ihm am Hang und war etwa dreißig Yards entfernt. Er hatte ein Gewehr in den Händen und saß auf einem zottigen grauen Pferd. Er schaute sich suchend um.

„Amigo!“, rief Chaco halblaut.

Der Reiter riss das Gewehr hoch, gab einen Schuss ab, der von den Felsen widerhallte, und ritt an. Chaco zielte genau. Der Reiter feuerte noch einmal. Seine Kugel hieb zwei Yards neben Chaco gegen einen Felsbrocken und jaulte als Querschläger davon.

Dann krachte Chacos Henry-Rifle, und der Reiter warf die Arme hoch und kippte aus dem Sattel. Sein Pferd galoppierte davon. Es verschwand zwischen den Hügeln. Rechts und links von Chaco krachten jetzt Schüsse, die ihn in Deckung zwangen. Als er den Reiter aus dem Sattel schoss, hatte er seine Position verraten.

Chaco feuerte zurück. Auch hinter ihm und seitlich von ihm wurde geschossen. Die Angreifer steckten in guten Deckungen. Sie schienen eine Menge Munition zu haben.

„Heizt ihm tüchtig ein!“, schrie Gordon Oakes. „Dem, der ihn erwischt, zahle ich fünfhundert Dollar!“

Chaco spähte in die Richtung, aus der Gordon Oakes Stimme geschallt war. Aber er konnte den Rancher nicht sehen. Nur ein Pulverdampfwölkchen, das über einer flachen Steinplatte schwebte. Gordon Oakes hütete sich, sich zu zeigen.

Chaco musste nach allen Seiten kämpfen. Er steckte zwischen den Felsen, und er feuerte immer wieder, um die Angreifer in Deckung zu halten. Denn wenn sie erst zwischen die Felsen gelangten, war Chaco verloren.

Hoffnung hatte er keine mehr. Aber das Kämpfen steckte ihm im Blut.

*

Schüsse krachten durch die Bodensenke, in der sich die Hitze staute. Chaco steckte zwischen einer Gruppe von Felsklippen. Auf drei Seiten waren Hügel. Auf der vierten wuchs Gestrüpp und lagen ein paar verstreute Gesteinsbrocken herum. Und überall waren die Gegner.

Als die Dämmerung einbrach, hatte Chaco einen weiteren Mann getötet und einen verwundet. Doch das Halbblut war inzwischen völlig fertig. Chacos Kehle war ausgedörrt. Er gierte nach einem Schluck Wasser.

Aber er hatte seine Wasserflasche lange leergetrunken. Chaco hatte nur noch drei Patronen im Magazin der Henry-Rifle. Für den Colt besaß er noch reichlich Geschosse.

Immer wieder blitzten Mündungsfeuer und knallten Schüsse. Chaco fluchte leise vor sich hin, als seine Feinde in der Dämmerung näher rückten. Sie nutzten die Schatten aus. Es wurde immer dunkler. Chaco feuerte mit dem Colt, obwohl die Entfernung für einen sicheren Revolverschuss eigentlich zu groß war.

Die Männer des Aufgebots ballerten wild. Und dann hörte Chaco ein leises Geräusch hinter sich. Es jagte ihm ein Frösteln über den Rücken. Dieser Laut entstand, wenn der Hammer eines Gewehrs gespannt wurde.

Chaco überlegte, ob er herumwirbeln oder zur Seite hechten sollte.

Da sagte eine kehlige Stimme hinter ihm: „Fallen lassen, Hombre! Sonst ich dir schieße das Rückgrat in Stücke!“

Es war der Scout Cayuse Jack. Er war Chaco in den Rücken gelangt und hatte ihn überrumpelt. Chaco sagte sich, dass er das wohl nicht geschafft hätte, wenn ihn das Wundfieber, der Schmerz und die Erschöpfung nicht benebelt hätten. Aber das waren jetzt unnütze Erwägungen.

Chaco ließ das Gewehr fallen. Er wollte sich langsam umdrehen und sich dann zur Seite werfen und den Colt ziehen. Wenn er es nicht schaffte und dabei starb, hatte er einen schnellen Tod.

Doch das Glück hatte sich gegen Chaco gekehrt. Das Gewehr fiel ihm vor die Füße. Und dann krachte etwas hart in sein Genick. Die Schmerzwelle schoss durch Chacos Körper. Er brach in die Knie. Er versuchte, nach seinem Colt zu greifen.

Zäh kämpfte er gegen die Bewusstlosigkeit an.

Da traf ihn Cayuse Jacks Gewehrkolben wieder. Chaco fiel in einen schwarzen Abgrund. Dann wusste und spürte er nichts mehr. Die Männer des Aufgebots, die die Felsgruppe umzingelt hatten, gaben immer noch Schüsse ab.

Cayuse Jack duckte sich, als ein Querschläger nahe an seinem Gesicht vorbeipfiff.

„Nicht mehr schießen!“, rief er laut. „Ich ihn haben, Mr. Oakes, Sir!“

Langsam, mit schussbereiten Waffen, näherten sich die Männer. Gordon Oakes sah auf den bewusstlosen Chaco hinunter. Er trat dem Halbblut in die Rippen.

„Gute Arbeit, Cayuse Jack. Du hast dir die Prämie verdient.“

„Was fangen wir jetzt mit dem Halunken an?“, fragte der Storehalter Mike Anderson. „Er hat Butch O’Neill und Cal Murray erschossen. Und Joe Costa hat seine Kugel in der Hüfte und wird vielleicht für immer ein Krüppel bleiben. Wir sollten den Bastard bei lebendigem Leibe rösten. Aber erst, wenn er wieder bei sich ist, damit er etwas davon hat.“

„Er wird aufgehängt“, sagte Gordon Oakes stur. „Eine Meile von hier haben ich einen Cottonwoodbaum gesehen. Reiten wir hin, Männer, und bringen wir es hinter uns.“

„Und wie sollen wir Joe Costa transportieren? Er kann nicht reiten.“

Gordon Oakes überlegte.

„Zwei Mann bleiben mit ihm hier bei den Hügeln“, sagte er dann. „Wir lagern hier. Costa wird auf einer Tragbahre zurück nach Portales transportiert. Ich bezahle ihm den Doc.“

Der verwundete Joe Costa wusste Gordon Oakes’ Großzügigkeit nicht zu schätzen. Er verfluchte seine Dummheit, mit dem Aufgebot mitgeritten zu sein. Er hatte sich eine Abwechslung versprochen und sich bei Gordon Oakes eine gute Nummer machen wollen.

Die Folgen würde er für den Rest seines Lebens zu tragen haben.

*

Der große Cottonwoodbaum wuchs an einem Bach, der in den Hügeln entsprang und nach zweieinhalb Meilen im Boden verschwand. Der Baum war alt. Ein Blitz hatte seine Krone gespalten. Über dem starken untersten Ast hing ein Lasso, dessen Ende um ein Sattelhorn gewickeltwar.

Ein Mann saß im Sattel. Zwei hielten die Pferde. Die restlichen siebzehn umstanden den am Boden liegenden Chaco. Sie hatten ihn quer über dem Pferderücken hertransportiert und wie einen Sack auf den Boden geworfen. Trotz dreier Wassergüsse war Chaco noch nicht wieder bei Bewusstsein.

„Lauf los, Sandys!“, befahl Gordon Oakes einem seiner Cowboys. „Hol noch einmal Wasser.“

Bleich schien der fast volle Mond. Sterne funkelten am Himmel, und ein leichter, frischer Wind wehte. Er brachte den Geruch von Wasser und Gras mit sich. In den Hügeln heulten ein paar Kojoten.

Cayuse Jack, der Scout, hob den Kopf.

„Das sein zweibeinige Kojoten“, sagte er zu Gordon Oakes.

„Wie meinst du das, du roter Schuft?“

„Sein Comanchen oder Lipan Apachen. Indios bravos. Gefährlich.“

Gordon Oakes machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Wir sind mehr als zwanzig Mann. Wenn uns ein paar dreckige Injuns in die Quere geraten, knallen wir sie ab. Wo bleibt denn Sandys mit dem Wasser?“

Der junge Cowboy erschien, einen Ledereimer in der Hand, den er am Bach gefüllt hatte. Er goss Chaco das Wasser über den Kopf. Jetzt prustete und schnaubte Chaco und bewegte den Kopf. Er öffnete die Augen. Er wollte sich aufsetzen und seine Hände bewegen.

Aber er war gefesselt. Der Schmerz brachte ihn vollends zu Bewusstsein. Er stöhnte auf, als raue Hände ihn packten. Die Männer rissen ihn auf die Beine. Gordon Oakes trat vor ihn hin.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904314
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
chaco falle comancheros

Autor

Zurück

Titel: Chaco #7: In der Falle der Comancheros