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Texas Mustang #7: Die Lost Pinto-Fehde

2016 130 Seiten

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

 

Band 7

 

Die Lost Pinto-Fehde

 

Ein Western von Horst Weymar Hübner

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

US Marshal Jim Allison hat den Auftrag bekommen, nach dem vermissten Steuereintreiber Tully Moffit zu suchen. Außer Moffit sind nämlich auch noch die Steuergelder verschwunden, die dieser kurz zuvor eingetrieben hat.

Auf seiner Suche nach Moffit gerät Allison in der Lost Pinto-Region in eine blutige Familienfehde. Es geht um Wasser- und Weiderechte, und die Colts sitzen locker.

Noch ahnt Allison nicht, dass sein Auftrag mit der Fehde in direktem Zusammenhang steht – und als er es schließlich erfährt, steckt er selbst in der Klemme...

 

 

Roman

 

Der ferne Knall dreier Schüsse rollte durch die Canyons und Schluchten der Pinto-Kette. Drei Schüsse - aus zwei verschiedenen Gewehren. Der Lärm einer Jagd. Es war eine besondere Jagd.

US Marshal Jim Allison betrachtete lange den toten Mann, der ausgestreckt vor der Canyonmündung lag. Die letzten Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Scharte unterhalb des golden aufleuchtenden Gipfels vom Lost Pinto und hüllten den Toten in warmen, milden Schein.

Allison warf einen Blick zurück. Von einem Pferd keine Spur! Die anderen hatten es mitgenommen.

Er ritt langsam heran.

Das Gesicht war alt, runzelig und bärtig. Und es war leer und ruhig und ohne Angst, als blicke es weit in die Ferne in seinen letzten Sonnenuntergang hinein.

Der alte Mann war schnell gestorben. Möglicherweise hatte er auch gewusst, dass er nicht lebend von diesem Ort wegkam.

King witterte den Geruch von frischem Blut und drängte nach der Seite. Allison stieg ab, ließ den Hengst in die zusammengeknoteten Zügel treten und wandte sich den spärlichen Fährten zu.

Die nächste Pferdespur war drei Schritte von dem Toten entfernt. Die Hufe waren unregelmäßig gesetzt, die Tritte lagen weit auseinander, und sie führten aus dem Canyon heraus. Erst ein Stück entfernt liefen Fährten kreuz und quer durcheinander. Man hatte dort das Pferd eingefangen und mitgenommen. Zurück in den Canyon.

Allison schätzte, dass es vier oder fünf Reiter waren.

Den alten Mann hatte die Kugel von hinten getroffen, unter dem linken Schulterblatt. Dem Gesichtsausdruck nach, mitten in tiefer Ahnungslosigkeit. Oder eben in dem Wissen, dass hier der Weg unwiderruflich zu Ende war.

Der Schuss konnte aus der Schlucht oder von den Canyonrändern herunter abgefeuert worden sein. Jedenfalls hatte die Kugel den Mann seitlich aus dem Sattel geschleudert.

Man hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihm die Taschen zu leeren. Die unbekannten Reiter hatten lediglich das Pferd eingefangen und waren umgekehrt.

Die Taschen enthielten nichts Außergewöhnliches. Ein paar Krampen zum Befestigen von Draht, einen angeschnittenen Strang Kautabak, ein Klappmesser, 67 Cents und ein paar Streichhölzer, in Wachspapier gewickelt.

Die Kleidung war fadenscheinig und mürb, die Hose wies weder auf der rechten noch auf der linken Hüfte Wetzstellen von einem Revolvergurt auf.

Selbst wenn sich im Sattelschuh des Pferdes ein Gewehr befunden hatte, milderte das nicht die Schwere des Verbrechens. Wenn auf jemand geschossen wurde, der seine Waffe nicht in der Hand hatte, zumal noch von hinten, dann war das Mord.

Allison trug den hageren Körper zu einer Felsspalte neben der Canyonmündung, ließ ihn hineinrutschen und häufte Steine auf ihn.

Blaue Schatten krochen von den Hängen des Lost Pinto über das Land, als er die traurige Arbeit vollendet hatte. Die Sonne war hinter der Gebirgskette versunken.

Wieder rollte ferner Knall aus den Schluchten heran.

Die Jagd hatte nicht allein dem alten Mann gegolten. Sie ging weiter. Allison schätzte, dass die Dunkelheit dem Gejagten zustatten kam und dass er die Nacht dazu benützte, seinen Jägern zu entkommen. Offensichtlich jemand, der sich hier auskannte.

Dieses Land war nicht für Frauen gemacht In die Pinto-Berge ging nur, wer überzeugt war, härter als die Natur zu sein. Oder wer es vorzog, für einige Zeit aus den zwei oder drei Städten zu verschwinden, die es im Umkreis von zweihundert Meilen gab. Das waren Eider und Jonastown auf dieser Seite der Bergkette und Rimrock auf der anderen.

Vielleicht wusste man in Eider Näheres über die Menschenjagd. Dorthin war Allison unterwegs. Die Territoriumsverwaltung hatte ihn beauftragt, nach Tully Moffit zu forschen. Moffit versah das undankbare Amt des Steuereinnehmers.

Die Verwaltung war brennend am Verbleib der eingenommenen Gelder interessiert. Es kam häufig vor, dass ein Einnehmer ordentlich verprügelt wurde, es geschah aber sehr selten, dass ein solcher Mann die Gelder unterschlug und irgendwo in diesem weiten Land unter anderem Namen lebte.

Vor drei Wochen hätte Moffit zurück sein müssen. Vor zwei Wochen war man in der Verwaltung endgültig unruhig geworden, und vor einer Woche hatten sie den Marshal um Hilfe gebeten.

Allison hatte die Abkürzung durch die Ausläufer der Pinto-Kette genommen, nachdem er in Jonastown erfahren hatte, dass Moffit dort längst durchgekommen war.

Es gab einen Fahrweg zwischen Jonastown und Eider. Der führt aber in einem derart blödsinnigen Bogen um die Ausläufer der Berge herum, dass ein eiliger Reiter einen ganzen Tag verlor, wenn er ihm folgte.

Für jemand, der mit der Kutsche reiste, bedeutete dieser Umweg nicht viel. Für die Kutschen standen auf den Wechselstationen frische Gespannpferde bereit.

Allison knotete die Zügel auf und zog sich in den Sattel. Sein Blick ging zu dem Steinhaufen über der Felsspalte. Etwa ein Aufgebot?

Das hätte den Toten mitgenommen. Schon, um ihn vorzeigen zu können.

Da blieben eigentlich nur noch drei andere Möglichkeiten.

Eine alte Abrechnung.

Eine Fehde unter Leuten, denen hier Land gehörte.

Oder der höllische Streich von Banditen, die noch ein oder zwei gute Pferde brauchten.

Das riesige Gebiet um die Pinto-Kette galt als einer der finstersten Winkel des Landes. Es war trocken und deswegen dünn besiedelt. Die paar Bäche, die aus dem Gebirge herunterkamen, ernährten gerade ein paar Ranches.

Von den hier wohnenden Leuten wurde behauptet, sie lebten überwiegend von allerlei dunklen, zumindest undurchsichtigen Geschäften, die durch die nahe Grenze nach Mexiko außerordentlich begünstigt wurden.

Die Folge war, dass dieser düstere Winkel auch Zwischenstation für Gesetzesbrecher war, die nach ihrem letzten Coup den Weg nach Mexiko einschlugen.

Vor ein paar Jahren erst hatte sich die Territoriumsverwaltung entschlossen, in Eider, der größten der drei Ansiedlungen, einen Sheriff wählen zu lassen. Ihm oblag die Aufgabe, hier dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Außerdem hatte er das Recht, Assistenten einzustellen.

Wie Allison gehört hatte, war der Mann bislang nicht sonderlich in Erscheinung getreten, weder im guten noch im schlechten Sinne.

Immerhin, und das bedeutete schon einiges, hatte er sich nicht erschießen lassen. In weniger wilden Gegenden lebten Sheriffs oft kürzer in ihrem Amt.

Die Canyonmündung nahm Allison und sein Pferd auf.

Zwischen den Steinwänden war es noch unerträglich heiß. Kein Luftzug rührte sich.

Bis das Sternenlicht ausreichend Helligkeit hergab, war Allison ganz auf den Spürsinn von King angewiesen. In einer dunklen Nacht wie dieser konnte nur ein echter Mustang die Löcher und Felsbrocken meiden, aus der die Canyonsohle hauptsächlich bestand.

Mit leisem Bedauern erkannte Allison, dass der steinige Grund sicher nicht allzu viele Spuren hergab, falls es erforderlich war, dass er nochmals hier heraufritt.

Wieder knallten weit entfernt Gewehre. Vier, fünf Schüsse. Der Klang ließ Allison auf Winchesterkarabiner mit 20 Inch-Lauf schließen. Der helle Abschuss war kennzeichnend für diese Art kurzer Gewehre.

Ein einzelner grollender Schuss antwortete. Die Jagd war also immer noch im Gange, und der Verfolgte wehrte sich seiner Haut mit Erfolg. Jedenfalls bewies sein Schuss, dass er am Leben war. Das dumpfe Grollen konnte bedeuten, dass er ein Henry-Gewehr besaß, eines von den langläufigen. Nicht gerade der letzte Schrei, aber eine gute Waffe in der Hand eines Mannes, der sie zu handhaben verstand.

Nach einer Stunde ritt Allison auf der anderen Seite aus dem stickig heißen Canyon heraus und atmete tief die kühle Nachtluft ein, die aus einem dunklen Tal heraufstrich. King hatte zwar vorsichtig die Hufe gesetzt, allein schon wegen der Löcher und Steine, dennoch war auf den freien Flächen mehlfeiner Staub hochgepufft. Der lag jetzt auf Mann und Pferd.

Wir könnten beide ein Bad vertragen, was?“, raunte Allison, und verständnisvoll ruckte King mit dem Kopf auf und nieder. Allison zog geistesgegenwärtig die Zügel an, um ein Klirren der Gebissketten zu verhindern.

In der Nacht und besonders in der Bergluft hier oben trug ein Geräusch meilenweit.

Das fehlte noch, dass er die Verfolger anlockte.

Bei solchen Leuten machte man nur einmal einen Fehler.

Nachdenklich blickte er auf das dunkle, konturenlose Tal. Es war nicht auszumachen, ob es dort unten Bäume gab. Auszuschließen war nicht, dass es Überraschungen anderer Art enthielt.

Auf die war Allison nicht versessen.

Er machte sein Lager an der warmen Felswand, teilte den Rest Wasser in der Blechflasche mit dem Hengst, hängte ihm den Futtersack um und kroch in die Schlafrolle, nachdem er von seinem Trockenproviant gegessen hatte.

Seine Gedanken gingen hinaus zu den Verfolgern und dem Verfolgten. Auch sie hatten kein Feuer angezündet.

Er hoffte auf den Morgen und das Tageslicht, das ihm ihre Spuren zeigte. Vielleicht entdeckte er in dieser Bergwildnis auch eine Bewegung, die ihm einige Aufschlüsse gab.

Bislang sah er die Vorgänge sehr verworren. Eines allerdings stimmte ihn nachdenklich: Winchesterkarabiner waren bei Banditen nicht beliebt, sie trugen nicht weit genug. Aber Ranchhelfer und Herdenreiter schätzten sie.

Mitten in der Nacht riss ihn ein langgezogenes klagendes Heulen aus dem Schlaf. Es kam aus dem Canyon. Oder von einem seiner Ränder herab. Wölfe!

King stampfte zornig und schnaubte angriffsbereit.

Allison wartete bald eine halbe Stunde mit dem Gewehr im Hüftanschlag.

Sie kamen nicht, sie waren nicht hungrig genug. Um diese Jahreszeit boten ihnen die Berge leichte jagbare Beute.

Auch die Männer irgendwo da draußen in der Nacht wurden nicht nervös. Sie zündeten kein Feuer an, gerade, als wüssten sie, dass die Wölfe nur ihr Revier durchstreiften.

Aus dieser Beobachtung zog Allison den Schluss, dass es Leute aus der Gegend waren. Sie kannten sich aus. Sie kannten vor allem die Wölfe. Eine unheilvolle Art der Verwandtschaft.

Nur mit dem Unterschied, dass die Verfolger bereits einmal zugeschlagen hatten.

 

*

 

Gegen Morgen wurde es empfindlich kühl. Der Himmel im Osten über den Ausläufern der Pinto-Kette zeigte bereits das erste Grau.

Bis Allison zusammengeräumt hatte, war es schon richtig hell. Hier unten war die Dämmerung nur kurz.

Auf dem Sattel saß eine Tarantel und beäugte unentschlossen den Störenfried, der in ihr Revier eingedrungen war. Allison jagte sie mit einer Ladung Sand davon. Steifbeinig krabbelte sie die Felswand hinauf und verschwand in einer Spalte.

Wäre es weniger kühl gewesen, hätte sie ihn sicher in seiner Schlafrolle besucht, und dann wäre die Begegnung kaum so friedlich verlaufen. Ein Tarantelbiss war eine höllisch schmerzhafte Angelegenheit.

Bevor der Platz mit weiteren Überraschungen aufwartete, ritt er schleunigst zur Canyonmündung hinüber. King wollte ohnehin fort aus dieser Umgebung, wo es nach Wolf und Puma roch.

Die Spuren waren kaum deutlicher als drüben auf der anderen Seite des Canyons. Sie führten eine Berglehne hinauf.

Den Weg schenkte sich Allison. Die aufgehende Sonne beschien die Bergflanke und zeigte unterhalb des Kammes ein undurchdringliches Gewirr von Felsblöcken; einige waren heruntergerasselt und lagen in einem Trockenbach.

Da oben kam bestenfalls ein Mann voran, der erfahren im Klettern war. Nach der Beschaffenheit des Kammes zu schließen sah es auf der anderen Seite nicht besser aus.

Allison ritt parallel zum Trockenbach auf dem Osthang. Er kam zwar immer tiefer, denn das schmale steinige Bett senkte sich in erstaunlich steilem Gefälle dem Tal zu, das der Marshal in der Nacht nicht mehr hatte betreten wollen. Aber auch so sah er, dass der Verfolgte seine Jäger lediglich über die Berglehne gelockt hatte, um vielleicht selber zum Schuss zu kommen. Dann nämlich, als er selber schon wieder unten war und sie noch oben steckten. Ein Wildpfad führte in einer Rinne fast geradlinig zum Trockenbach herunter.

Wenige Minuten später sah Allison die Hufspuren, die ins leere Bett des versiegten Bergbaches zeigten. Hundert Pferdelängen abwärts kamen sie heraus und auf seine Seite.

Hier war der Grund besser, wenn auch immer noch knochentrocken. Sieben Tiere waren hier gegangen, davon eines ohne Reiter; seine Eindrücke waren die schwächsten.

Eine halbe Meile tiefer wechselte die Fährte auf einen neuen Wildpfad, der seinerseits wieder in einem Felsenfeld endete. Die Steinplatten und Brocken überragten jeden Reiter.

Allison beobachtete das Ohrenspiel von King. Wenn dort vorne in dem Gewirr etwas steckte, dann witterte es der Mustang. Der Wind wehte sanft aus dem Tal herauf und stand richtig.

Soweit der Marshal erkennen konnte, war dieses Tal ein gewaltiges Loch im Gebirge. Was in der Nacht die Vermutung auf baumbestandene Hänge hatte aufkommen lassen, entpuppte sich im Morgenlicht als fast senkrecht abfallende Felswände.

In der Luftlinie durchmaß der Talkessel wenigstens drei Meilen. Die Wände schienen unüberwindlich. Jedenfalls auf der Südseite. Die Nordseite musste anders beschaffen sein. Tiere pflegten eine unerschütterliche Anhänglichkeit an eine Wasserstelle. Und dort unten gab es Wasser. Der Wildpfad war der Beweis.

Allison lenkte den Hengst in das Felsenfeld und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen der Umgebung und den Spuren.

Nach zehn Minuten zog er überrascht die Zügel an.

Der Talkessel lag vor ihm.

Wie er vermutet hatte, führte auf seiner Seite ein begehbarer Hang hinab in die Tiefe, die bestenfalls in der Mittagszeit Sonne erhielt. Da unten gab es Büsche und Bäume und demnach Wasser. Im Zickzack lief der Waldpfad hinunter - ein uralter Pfad, den unzählige Tiere getreten hatten.

An einem Dornbusch flatterte Wolle. Wilde Bergschafe gingen hier zur Tränke. Allison bezweifelte, dass jetzt Tiere unten waren. Sie waren scheu und lebten tagsüber in schwer zugänglichen Felsregionen.

Rechter Hand, kaum zweihundert Yards vom Wildpfad entfernt, zeigte eine Geröllbahn nach unten. Der Trockenbach sprang hier über die Talkante, und in den Zeiten, in denen er Wasser führte, hatte er reichlich Kies und Schotter den Hang hinabgekippt.

Für einen Mann zu Fuß war das Überqueren der Geröllbahn ein lebensgefährliches Wagnis, zusammen mit einem Pferd war es ausgeschlossen. Bereits ein Huftritt musste das Geröll in Bewegung setzten. Unten an kam man immer - und hatte alle Knochen gebrochen.

Allison sah, dass die Eisen der Pferde kleine Löcher in den Wildpfad gehackt hatten. Eindeutig zeigten die Spuren hinunter, nicht aber herauf.

Die Frage war, ob die Verfolger ihr Wild da unten gestellt hatten oder ob es noch einen Aufstieg gab, der sich auf Anhieb nicht erkennen ließ.

Unten rührte sich nichts. Rauch stieg auch keiner auf.

Allison rechnete sich aus, dass ihn der Abstieg und das Heraufklettern wenigstens drei Stunden kosteten. Und wenn er unten ankam, musste er unter Umständen feststellen, dass die Leute längst wieder fort waren.

Ob die Schüsse, die er in der Nacht vernommen hatte, aus diesem Kessel gekommen waren, blieb fraglich.

Er zog den Mustang zurück. Auf der Hochfläche musste er das Tal umgehen und im Südosten einen Abstieg zur Stadt Eider suchen.

Er steckte noch nicht einmal richtig zwischen den Felsbrocken, als ein Mann etwas angespannt sagte: „Sie sind klüger, als Sie aussehen, Mister!“

Die Stimme kam von den Felsen her.

Allison war in dieser Situation im Nachteil.

Er hielt die Arme steif und hob langsam den Kopf. King war sofort stehengeblieben.

Die Morgensonne beschien einen Gewehrlauf, der aus einer Scharte ragte. Immerhin hatte der Mann hinter dem Gewehr nicht geschossen. Das ließ den Morgen aussichtsreich erscheinen. Außerdem war da nur ein Mann in den Felsen.

Allison lächelte. „Dann stecken die anderen wohl da unten?“

War gar nicht so einfach, sie in der Dunkelheit noch ins Tal zu locken. Jetzt sitzen sie fest. Ihr Gesicht habe ich noch nie gesehen und den Gaul auch nicht, Mister!“

Bin auf der Durchreise“, antwortete Allison. „Bei Sonnenuntergang hörte ich Schüsse.“

Über dem Gewehrlauf tauchte in der Scharte ein sommersprossiges Gesicht auf. Den jungen Mann schätzte Allison auf Zwanzig oder kaum älter. Der Ausdruck war trotzig, abwartend und eine Spur aufsässig; um den Mund gab es Falten, die noch nicht in dieses Gesicht hineingehörten.

Ebenso verhielt es sich mit den Augen. Sie blickten im ständigen Wechsel scharf und vergnügt, aber ihr Ausdruck besagte, dass sie bereits mehr gesehen hatten als zwei alte Männer zusammen.

In diesem Land hatte es niemand leicht.

Der junge Mann nickte. Wind spielte mit seinem ungeschnittenen verfilzten Haar.

Das Lager haben Sie ziemlich sorglos oben neben dem Canyon gemacht“, sagte er heftig. „Ich konnte Sie seit dem Morgengrauen beobachten. Seien Sie bloß froh, dass ich die Donovans und ihren Anhang festgenagelt habe, die wären Ihnen längst auf den Hals gekommen.“ Er brachte einen speckigen Hut zum Vorschein und drückte ihn auf den Kopf.

Da bin ich Ihnen ja zu Dank verpflichtet“, erwiderte Allison mit sanftem Spott. „Sind wohl haarige Burschen, diese Donovans?“

Das Gesicht über den Felsen wurde rot. „Dumme Witze am frühen Morgen schlagen mir auf den Magen. Vorsichtig, Mister, ich warne Sie!“ Verpflogen war der vergnügte, übermütige Ausdruck; er wich einem hellwachen Misstrauen. „Auf der Durchreise habe ich noch keinen hier oben getroffen. Der Fahrweg führt ostwärts vorbei.“

Ich hab’s gern einsam“, erklärte Allison, hakte das linke Bein gemütlich ums Sattelhorn und drehte sich eine Zigarette.

Der junge Mann schluckte aufgeregt, sagte dann aber: „Dann reiten Sie nur weiter, Mister. Das heißt, wenn die Donovans Sie nicht vorher schnappen.

Ziemlich unvorsichtig von Ihnen, so nah an die Kante zu reiten. Die haben Sie todsicher gesehen und erkennen Sie wieder. Rechnen Sie sich selber aus, was die jetzt denken.“

Dass ich zu Ihnen gehöre.“ Allison nickte und stieß den Rauch aus.

Falsch!“, trumpfte der junge Mann auf. „Dass ich mir einen Revolver mit dem passenden Mann gemietet habe. Ist das Ihr Job?“

Bedaure. Mein Revolver ist nicht zu mieten.“

Dachte ich mir schon. Ich könnte Sie auch nicht bezahlen. Mit den Hundesöhnen werde ich schon selber fertig.“

Vielleicht dachte das der alte Mann ebenfalls, den ich auf der anderen Seite des Canyons in einer Felsspalte begraben habe“, sagte Allison und beobachtete das junge Gesicht. „Die Spuren führen durch den Canyon.“

Alter Mann? So um die sechzig?“ Die Stimme klang plötzlich heiser und hakte.

Allison hob die Schultern. „Das Alter kommt ungefähr hin. Graues Haar. Der Schuss kam von hinten, wenn es Sie interessiert. Und das Pferd ist fort.“

Verdammt, Onkel Reece! Was hat er ihnen getan?“

Sie sollten sich an den Sheriff wenden“, empfahl Allison. „Ihren Ein Mann-Krieg können Sie auf Dauer nicht gewinnen.“

Der junge Mann gab keine Antwort. Allison hatte den Eindruck, dass er ihm nicht einmal zuhörte.

Er hatte mich für gestern heraufbestellt. Wollte mir etwas zeigen. Hinterher sollte ich mit ihm zur Forty Miles-Station reiten. Er war nicht da, den ganzen Nachmittag habe ich gewartet. Gegen Abend sah ich die Donovans heraufreiten. Hinter dem Plateau fielen Schüsse. An Reece dachte ich doch nicht“

Wie im Selbstgespräch mumelte der junge Mann.

Geduldig lauschte Allison. Außer Donovan kannte er nun schon den zweiten Namen - Reece. Vielleicht konnte der Sheriff in Eider damit etwas anfangen.

Vordringlich war jedoch, den jungen Hitzkopf aus den Bergen zu bekommen, bevor die Donovans auch ihn erwischten.

Allison hielt es zu diesem Zeitpunkt für nützlicher, den Marshalstern in der Tasche zu lassen. Einmal wusste er nicht, worum es hier ging, und zum anderen war für einen Mord wie an Reece immer noch der Sheriff zuständig. Manche Gesetzeshüter wurden verdammt bissig, wenn ihnen jemand in die Amtsführung hineinarbeitete.

Ich reite zur Stadt. Begleiten Sie mich. Sicher kennen Sie den kürzesten Weg!“

Der junge Bursche lachte gallig, fast bösartig. „Denken Sie, Lockhart hebt den Hintern auf den Sattel und reitet hier herauf? Der ist froh, wenn man ihn und seine Stadt in Ruhe lässt.“

Demnach war Lockhart der Sheriff. Allison prägte sich diesen dritten Namen ein. „Kommen Sie mit. Vielleicht könnte ich mich entschließen, Ihnen zu helfen.“

Ein Angebot ohne Hintertüren?“ Die Augen blickten lauernd, die Stimme war scharf und peitschend.

Ohne Tricks und Hintertüren“, versicherte Allison.

Dann steigen Sie ab, und wir wollen den Hundesöhnen da unten einheizen. Wenn sich ’ne unruhige Seele rührt, kriegt sie ’ne Kugel. Das bin ich schon Onkel Reece schuldig ...“

Sie haben mich missverstanden“, sagte Allison ruhig. „In der Stadt werde ich Ihnen helfen. Hier nicht. Es ist kein guter Job, am Talrand zu lauern und jemand totzuschießen.“

Hätten Sie die Predigt nur den Donovans gehalten, bevor die Onkel Reece erschossen haben!“, brauste der junge Mann auf. „Sind Sie ’n Statteltaschenprediger? Verschwinden Sie, ich traue Ihnen nicht! Und Ihr lausiges Angebot von wegen Hilfe können Sie sich an den Hut stecken. Behalten Sie die Hände oben, ich habe Sie vor dem Lauf!“

Allison rauchte die Zigarette zu Ende und studierte dabei den unruhigen Burschen. Er war wild und ungezähmt und misstrauisch wie ein alter Wolf, dem jemand einen Batzen Fleisch in die Falle gelegt hat.

Oder haben die Donovans Sie kommen lassen?“ Das klang gefährlich.

Scheint nicht Ihre Stärke zu sein, gut zuzuhören, junger Mann“, sagte Allison. „Mein Revolver ist nicht zu mieten. Ich wiederhole mich nicht gern.“

Hauen Sie ab!“ Das war nicht sehr freundlich. „Und wenn Sie wieder mal auf der Durchreise sind, dann machen Sie besser ’nen Bogen um die Berge.“

Hoffentlich vergesse ich es nicht“, erwiderte Allison grinsend. „Wenn Sie sich die Sache noch anders überlegen, können Sie mich ja einholen. In welcher Richtung liegt die Forty Miles-Station?“

Da drüben über das Hochplateau. Halten Sie auf ’nen Felsen zu, der wie ’ne Kartoffel auf ’ner Felsnadel sitzt“, gab der junge Mann nach anfänglichem Zögern Auskunft. Den Gewehrlauf nahm er nicht einen Augenbück lang aus der Richtung.

Übrigens sind Sie keine Spur besser als die Donovans, wenn Sie einen von ihnen erschießen. Das sollten Sie sich reiflich überlegen. Eine Kugel, die aus dem Lauf ist, holt man nicht zurück. Lockhart müsste auch gegen Sie Anklage erheben. Trotzdem besten Dank für die Auskunft.“

Der junge Mann zeigte sich unentschlossen. Schließlich siegte sein Groll. Trotzig schüttelte er den Kopf: „Der Tag muss erst noch erfunden werden, an dem Lockhart den Finger für unsereins rührt. Hauen Sie endlich ab, Mister!“

Allison behielt die Zügel in beiden Händen und griff bedächtig zum Hut. „Dann lassen Sie sich den Tag nicht lang werden, junger Mann. Mein Angebot gilt weiter - aber nur für die Stadt.“ Er versetzte King einen leichten Hackenschlag und trieb ihn zwischen die Felsen.

Im Vorbeireiten sah er, dass der wütende junge Mann ein Henry-Gewehr in Händen hatte, eine langläufige Waffe ohne hölzernen Vorderschaft, Kaliber 44. Das Gewehr wurde nicht mehr hergestellt.

Er war überzeugt, dass er diese Waffe in der letzten Nacht auf die Schüsse der Donovans hatte antworten hören.

 

*

 

Er brauchte eine Chance, einen Moment der Unaufmerksamkeit, der es ihm erlaubte, an den Revolver zu kommen. Wenn der wilde junge Bursche nicht im Guten von seinem Vorhaben abließ, dann half vielleicht sanfte Gewalt.

Aber der junge Mann war wachsam. „Reiten Sie!“, rief er heiser. „Wenn der Gaul stehenbleibt, drücke ich ab!“

Seufzend ritt Allison den Wildpfad hinauf, verließ das Felsenfeld und lenkte King den trockenen Hang zu einer Bergschulter hinauf, wo das Hochplateau begann.

Aus der Höhe bot sich das großartige Panorama der Pinto-Kette dar. Die Schluchten und Abhänge des Lost Pinto zogen sich wie dunkle Risse durch den gewaltigen Bergstock. Davor öffneten sich Hochtäler, in denen der Frühdunst wie dünner blauer Nebel schwamm. Dann kam die Hochebene mit dem Canyon und davor der trümmerübersäte Bergkamm, an den sich der Trockenbach anschloss.

Allison konnte jetzt auch einen kleinen Teil der Sohle des gewaltigen Talkessels erblicken.

Eine winzige Bewegung fesselte seine Aufmerksamkeit. Neben der Geröllbahn des Trockenbaches kroch ein Mensch herauf!

Noch befand er sich im Schatten. Wenig später kam er in die Sonne. Ein Gewehrlauf reflektierte Licht.

Im Felsenfeld oberhalb der Talkante rührte sich nichts. Der junge Mann hatte einen gut verborgenen Unterstellplatz für sein Pferd gefunden und selber einen nicht minder sicheren Ort. Allerdings schien ihm von dort die Sicht auf die Geröllbahn und den Hang verwehrt.

Oder er wartete, bis der Angreifer nah genug für einen ganz sicheren Schuss war.

Allison gab den Gedanken auf, mit dem Gewehr einzugreifen. Die Entfernung war zu groß. Die Kugel überbrückte bestenfalls die halbe Distanz.

Auf dem Zickzackwildpfad auf dem Steilhang des Talkessels entstand wie durch Zauberei ein Rauchwölkchen und löste sich auf. Da war noch einer!

Endlich kam der Knall, hell und peitschend.

Die Donovans griffen an.

Der Schuss vom Wildpfad war ein Ablenkungsmanöver, ein Scheinangriff, um den Jungen für den lauernden zweiten Mann bei der Geröllrutsche in die richtige Position zu locken. Und der Bursche fiel darauf herein.

Allison formte die Hände vor dem Mund zu einem Trichter. „Laufen Sie weg, junger Mann, sie kommen von allen Seiten!“, rief er mit aller Kraft, als er ihn da unten geduckt und winzig klein zum Tal laufen sah.

Nach bangen Augenblicken sank der Bursche zu Boden, schaute herauf und machte eine Geste mit der Waffe. Aus dem Talkessel kam ein doppeltes Echo zurück.

Drei, vier Rauchwölkchen entstanden auf dem Wildpfad. Wo die Kugeln einschlugen, war nicht auszumachen. Jedenfalls blieb der junge Mann vernünftigerweise am Boden.

Der zweite Angreifer hinter der Geröllrutsche war gezwungen, noch höher zu kriechen.

Allison fluchte unterdrückt. Der Knall der Schüsse übertönte seine Worte.

Dann schwebte ein Rauchwölkchen über der Geröllbahn in die Höhe.

Jetzt erst begriff der wilde junge Bursche da unten.

Er krabbelte hastig zurück zwischen die Felsen, während heftiges Gewehrfeuer die Stille der Bergwelt zerriss.

Minuten später entdeckte Allison einen Reiter im Felsenfeld, der zum Canyon hinaufritt.

Der zweite Mann der Donovans jagte Schuss um Schuss in die Felsen, kletterte vollends zum Talrand herauf und rannte durch den Trockenbach.

Was er nicht sehen konnte: das Wild, auf das er es abgesehen hatte, jagte gerade aus den Felsen, mehr als ein halbe Meile bergaufwärts entfernt.

Allison hoffte, dass der junge Bursche zu ihm heraufritt. Aber der hatte offensichtlich andere Pläne. Er hielt auf den Canyon zu und war bald darauf verschwunden.

Einer der Angreifer drohte zu Allison herauf, was dem Marshal ein düsteres Lächeln entlockte und ihn bewog, noch eine Weile zuzuschauen.

Zwei Männer der Donovans waren ohne die Pferde heraufgeklettert. Bis die Tiere zur Stelle waren, ritt der junge Mann einen Vorsprung heraus, den niemand mehr aufholte. Und Ersatzpferde führten die Donovans nicht mit.

Nach einer Stunde brachten drei Männer sechs Pferde aus dem Schatten ins Sonnenlicht und zerrten sie weiter den Wildpfad herauf. Unweit der Stelle, an der der Marshal gehalten und in den Talkessel geblickt hatte, sammelten sich die Männer.

Sie schauten zu ihm herauf, dann klommen sie in den Sattel. Ein Pferd blieb ledig - das Tier von Onkel Reece.

Allison spürte die Sonne durch die Jacke hindurch, der Mustang scharrte ungeduldig. Es wurde Zeit, dass sich irgendwo Wasser finden ließ. Nur nicht gerade im Talkessel unten.

Die Donovans ließen sich Zeit. Gemächlich ritten sie durch das Felsenfeld.

Allison war gespannt, wofür sie sich entschieden für die Fortsetzung der Jagd auf den jungen Mann oder für ihn.

 

*

 

Lange im unklaren ließen ihn die Donovans und ihr Anhang nicht. Hinter den letzten Steinen lenkten sie die Pferde herum und trieben sie zur Bergschulter herauf.

Er zog gemächlich den Mustang zurück und ritt über das Hochplateau davon. Der junge Mann war erst einmal in Sicherheit, und wenn er klug war, fing er nicht von sich aus den Krieg wieder an.

Es war natürlich möglich, dass die Donovans überzeugt waren, den wilden Burschen in Bälde und weniger gefahrenvoll zu erwischen; dort im Canyon konnte er ihnen eine saubere Falle stellen.

Die Tatsache, dass sie hinter ihm, dem neuen Mann herkamen, sagte Allison, dass sie in ihm eine größere Gefahr sahen als in dem jungen Burschen.

Aber einholen würden sie ihn nicht. In ihrem blinden Eifer hatten sie übersehen, dass der Aufstieg aus dem Talkessel ihre Pferde sehr viel Kraft gekostet hatte. Für eine Verfolgung war das keine gute Voraussetzung.

King dagegen war ausgeruht. Außerdem war er zäh und ausdauernd wie alle Mustangs.

Nur brauchte er eben Wasser, und das innerhalb der nächsten Stunden.

Wo die Ausläufer der Pinto-Kette endeten und wo die dürre Hochprärie begann, war aus der Entfernung nicht auseinanderzuhalten. Blauer Dunst hüllte nach Osten und Süden alles ein, was weiter weg lag als zehn Meilen.

Auf Geratewohl schlug Allison die südöstliche Richtung ein. Mehrmals wandte er sich um. Auf dem Hochplateau lag kein Staub, er konnte nicht erkennen, wie dicht die Donovans hinter ihm waren.

Um die Mittagszeit stieß er in einer Felsrinne auf eine spärliche Wasserstelle, die von Bienen und Schmetterlingen umschwirrt war. King betrachtete fasziniert den gaukelnden Flug der bunten Falter und schnappte erfolglos nach einigen Tieren, während Allison sich kaum der Zudringlichkeit der aufgebrachten Bienen erwehren konnte.

Eine stach ihm in die linke Wange. Er konnte das Insekt zwar wegschlagen, doch der Stachel hing schon in der Haut. Der kurze brennende Schmerz wich bald einem tauben Gefühl, wobei er den Eindruck hatte, dass die anschwellende Stichstelle dumpf pulsierte. Mit den Fingernägeln bekam er schließlich den Stachel zu fassen.

Das Wasser reichte gerade aus, um King zu tränken, selber ein paar lange Züge zu nehmen und die Blechflasche zu füllen. Wenn die Donovans kamen, fanden sie eine leere Wassertränke vor; das warf sie noch mehr zurück.

Allison kühlte mit dem angefeuchteten Halstuch die anschwellende Wange und stieg zum Rand der Felsrinne hinauf. Onkel Reece hatte die Donovans unterschätzt; da wollte er nicht denselben Fehler begehen.

Und wirklich entdeckte er am Horizont, wo das Hochplateau in den Himmel überzugehen schien, einige dunkle Punkte. Die Verfolger hingen mindestens sechs, sieben Meilen zurück. Allison begriff, dass ihr Ziel die Wasserstelle war. In der sammelte sich das kostbare Nass aber nur tropfenweise.

Zu einer Mittagsrast blieb keine Zeit. Er führte den Mustang fast eine Meile am Zügel durch die Felsrinne nach Osten, bevor er aufsaß und zwischen ausgewaschenen kleinen Felstürmen untertauchte.

Sehr wahrscheinlich war es nicht, dass die Reiter ihn entdeckt hatten. Nach allem aber, was er seit gestern Abend erlebt hatte, fuhr er besser, wenn er sich darauf einstellte, dass das Unmögliche eintrat.

Von den letzten Felstürmen aus erblickte er am Ende eines Bergausläufers eine hoch aufragende Nadel, auf der ein gewaltiger ovaler Fels balancierte. Den Vergleich mit einer Kartoffel, den der junge Mann gebraucht hatte, fand er nicht übertrieben.

Das Tal links des Ausläufers sah aus, als sei es unpassierbar. Das Tal rechts wiederum war kahl und nackt und bot keine Deckung für Reiter und Pferd. Selbst wenn er dem Mustang alles abverlangte, kam er nicht früher aus den Bergen hinaus, als die Verfolger hier oben hielten. Das Land war dort unten weniger steinig; sie konnten seine Staubwolke gar nicht übersehen.

Nicht dass er sich vor ihnen gefürchtet hätte. Aber wie er die Sache sah, führten sie ihren Krieg, um eine wichtige Sache zum Abschluss zu bringen. Der Vorteil, das Land genau zu kennen, war auf ihrer Seite. Mit etwas Glück konnte er sie sich vom Leib halten einen Tag oder zwei. Länger reichte sein Proviant nicht. Sie jedoch konnten einen Mann fortschicken, der Nachschub und Wasser beschaffte.

Wenn sein linkes Auge als Folge des Bienenstichs zuschwoll, war er zusätzlich im Nachteil.

Es war auch nicht seine Absicht, die Männer in einen tagelangen Gewehrkampf zu verwickeln. Sein Ziel war Eider, wo er Tully Moffit vermutete. Wenn er vor Sheriff Lockhart seine Aussage über den Tod des alten Reece machte, bekamen die Donovans Ärger genug.

Diese Überlegung konnten natürlich auch die Männer da hinten auf dem Hochplateau anstellen. Der Mustang war ein auffälliges Pferd. Ganz sicher kannten sie jeden Gaul in diesem Landstrich. Wohin wandte sich ein Fremder? In die nächste Stadt.

Also versuchten sie, ihn vorher abzufangen. Einmal, um jedem Ärger mit Lockhart aus dem Weg zu gehen, und zum anderen, um die Unterstützung auszuschalten, die dem jungen Mann so unverhofft erwachsen war.

Allison ritt ein Stück in Richtung des unpassierbar aussehenden Tals, stieg ab, führte den Mustang zurück und achtete darauf, dass die Hufeisen keine Kratzer auf dem Gestein hinterließen. Zweihundert Schritte führte er King zwischen die Wildnis der Felstürme. Das erschien ihm ausreichend.

Dann wartete er geduldig. Die Männer vor sich zu wissen, war besser, als sie auf der Fährte zu haben.

Mit ihrem Auftauchen rechnete er in frühestens zwei Stunden. Um so erstaunter war er, als er sie schon nach einer Stunde hörte. Auf dem Hochplateau hatten sie wenigstens drei Meilen gutgemacht.

Einer war ein guter Spurenleser. Er ritt zur Seite gebeugt an der Spitze, den Blick auf den Boden geheftet, während die anderen wachsam die Felsturmwildnis rechts und links im Auge behielten. Jeder hatte sein Gewehr in der Hand.

Allison legte die Hand auf Kings Nüstern. Ein lautes Schnauben zum jetzigen Zeitpunkt hätte fatale Folgen gehabt. Die Reiter passierten die Lücke, die dem Marshal Ausblick bot. Der letzte Mann zog das ledige Pferd nach. Eine Weile war noch das Klirren der Hufeisen zu hören.

Allison wartete eine angemessene Frist ab, bevor er allein die schützenden Felstürme verließ und nachsah, wo die Männer waren.

Seine falsche Fährte in Richtung auf das linke Tal hatte nicht viel eingebracht. Die Reiter hielten auf halber Hanghöhe und stritten. Er konnte nichts hören, den Gesten des Spurensuchers entnahm er jedoch, dass die verfolgte Fährte niemals in das zunächst angesteuerte Tal führte.

Schließlich entschlossen die Männer sich für das rechte Tal. Sie überquerten den Buckel des Bergausläufers, an dessen Ende der Kartoffelfelsen auf der Nadel ruhte, und ritten hinunter.

Allison richtete sich auf einen langen Nachmittag ein, als er sah, wie langsam die Reiter vorankamen. Nach drei Stunden erst waren sie auf gleicher Höhe mit dem markanten Felsgebilde, und eine gut sichtbare Staubwolke markierte ihre Bewegung.

Er hatte klug gehandelt, indem er ihnen den Vortritt ließ.

Draußen auf der Hochprärie wandte sich die Staubwolke nach rechts und verlor sich schließlich im Dunst.

Allison gab dem Mustang eine Wasserration aus der Blechflasche und machte sich an den Abstieg. Er hoffte, dass der junge Mann von irgendwo her auftauchte.

Seine Erwartungen erfüllen sich nicht. Kings Hufschlag blieb das einzige Geräusch in der Bergwildnis, vom gelegentlichen Rollen eines Steines in den Hängen abgesehen.

Die Sonne schickte sich bereits wieder an, hinter dem Lost Pinto zu versinken, als Allison die Hochprärie erreichte und in einiger Entfernung einen unregelmäßigen hellgrauen Streifen ausmachte. Das war der Fahrweg nach Eider.

Wenn er hinter Jonastown den Weg erst gar nicht verlassen, sondern den Bogen um die Pinto-Kette ausgeritten hätte, wäre er bereits in Eider angelangt. Allerdings hätten dann die Donovans wohl auch den jungen Mann erwischt. Eine verfluchte Sache war das, und undurchsichtig obendrein!

In der einbrechenden Dunkelheit gewahrte er voraus ein blinkendes Licht. Es konnte auf der Vierzig Meilen-Station brennen, zu der Reece und der Junge hatten reiten wollen, oder es brannte an einem Wagen, der den Weg heraufkam.

Nach einer Stunde sah er drei dunkle klobige Gebäude, die sich an die trockene Erde duckten. Das Licht rührte von einer Laterne, die am offenen Tor hing - die Station. Offensichtlich wurde eine Kutsche erwartet.

Hinter den staubigen Scheiben des linken Hauses war Licht, aber es reichte nicht weit in die Nacht. Da brannte nur eine Lampe.

Drei Pferde waren am Zügelbalken angebunden.

Allison war vorsichtig. Die Gruppe konnte sich getrennt und hier eine Nachhut zurückgelassen haben. Er lenkte den Mustang an den Balken und rieb ein Streichholz am Sattel an.

Die drei Pferde hatte er nicht bei den Donovans gesehen; sie trugen auch keinen Gewehrschuh. Er war beruhigt.

Hinter ihm knarrte die Stalltür. „Wollen Sie bleiben oder noch weiterreiten?“, erkundigte sich ein Mann. „Die Box kostet zwanzig Cents einschließlich Futter und der Platz im Stroh für Sie zehn.“

Wie weit ist es bis Eider?“

Sechzig Meilen. Entscheiden Sie sich, ich will abschließen.“

Gut, ich bleibe“, sagte Allison seufzend. Selbst wenn er nur rastete und sich dann wieder auf den Weg machte, kam er nicht vor dem Morgengrauen zur Stadt. „Was hat Ihre Küche zu bieten?“

Gebackene Bohnen, aufgewärmt. Was anderes bezahlen die Leute nicht.“ Rosig ging es hier keinem.

Einverstanden, ich nehme die Bohnen und die Pferdebox. Ihrem Stroh würde ich ein Bett aber vorziehen.“

Wir haben nur eines, und das ist vergeben.“

Allison führte den Mustang hinüber. Der Mann zündete eine Lampe an und leuchtete. Die meisten Boxen waren leer.

Am Ende der Stallgasse stand ein offenes Fass mit Wasser. Allison rieb den Hengst ab, tränkte ihn und schüttete ihm Hafer und Maisschrot vor. „Kleie haben Sie nicht?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Wollen Sie ihn verkaufen?“

Nein, nur füttern.“

Ich gebe Ihnen dreihundert Dollar."

Wir sind unzertrennlich. Ich gebe ihn nicht für einen Sack voll Gold her.“

Ein reinrassiger Mustang und nicht erledigt. Ein guter Kletterer. Sie waren mit ihm oben in den Bergen, ich sehe es am gelben Staub. Fünfhundert Dollar, mein letztes Angebot!“

Wärmen Sie die Bohnen auf, ich bin hungrig“, erwiderte Allison.

Der Mann sah ein, dass hier kein Geschäft zu machen war. Er ließ für den Henst die Laterne brennen, wartete bis der Gast Sattel und Zaumzeug auf den Holzbock geschafft hatte, und verschloss die Stalltür.

Unruhige Gegend, was?“

Zu viel Gesindel kommt durch“, war die brummige Antwort.

Im Hauptgebäude hockten drei Männer im Hintergrund an einem Tisch und tranken. Ihre argwöhnischen Blicke glitten über den späten Gast und seine abgewetzte Satteltasche und blieben am Scabbard hängen. Allison hatte es vorgezogen, das Gewehr zum Essen mitzunehmen.

Es war kein gutes Benehmen, bewaffnet bei Tisch aufzukreuzen, doch in dieser Gegend kam es wohl weniger auf feine Sitten als vielmehr darauf an, jederzeit eine vernünftige Waffe zur Hand zu haben.

Der Gästeraum war abgeteilt - zwei separate Tische für die Passagiere der Kutsche, vier Tische für Gelegenheitsbesucher; und einer davon war besetzt.

Allison setzte sich so, dass er die Tür im Auge behielt, schob die Satteltasche unter den Stuhl, lehnte den Scabbard an die Wand und ließ sich einen Brandy und einen Krug Wasser geben.

Kommt noch eine Kutsche? Die Lampe am Tor brennt“, erkundigte er sich.

Mitternacht.“ Der Stationshalter war maulfaul, seit er wusste, dass der Mustang nicht zu erwerben war. Er verschwand durch eine Tür, hinter der kurz darauf Geschirrklappern zu hören war.

Die drei Männer waren aus der Gegend; jedenfalls trugen ihre Pferde kein Gepäck. Bewaffnet waren sie alle drei. Einer trug sogar einen Kreuzgurt und zwei Holster. Seinen narbigen und schwieligen Händen nach zu urteilen war er Cowboy. Vielleicht wollte er Eindruck machen. Gute Zweihandschützen waren rar, außerdem waren sie keine Cowboys.

Allison drehte sich eine Zigarette zum verdünnten Brandy und kühlte die fast taube linke Wange. Die Männer grinsten unterdrückt und steckten wieder die Köpfe zusammen.

Nach einer Weile kam der Stationshalter mit einem Napf aufgewärmter Bohnen. Er stützte die Hände auf die Tischplatte. „Er ist ein Schläger. Deshalb verkaufen Sie ihn nicht, stimmts? Ich gewöhne es ihm schon ab.“

Allison steckte den Löffel in den Bohnenbrei. „Wie kommen Sie darauf?“

Na, wie Sie aussehen!“

Das ist ein Stich. Er schlägt nicht.“ Die Bohnen waren lauwarm und scharf und schmeckten angebrannt. Hinter dem kleinen Tresen raschelte der Mann mit einer Zeitung, und die drei zusammenhockenden Cowboys tuschelten. Die Flasche auf ihrem Tisch, bei Allisons Eintreten noch halb voll, war jetzt leer.

Noch eine, Sims!“, verlangte einer. „Einen Dollar.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904307
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Schlagworte
texas mustang lost pinto-fehde

Autor

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Titel: Texas Mustang #7: Die Lost Pinto-Fehde