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Kann Carola verzeihen?

©2015 120 Seiten

Zusammenfassung

Kann Carola verzeihen?
von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Es ist schon zwei Jahre her, seit die Schauspielerin Carola von ihrer Schwester, der Journalistin Renate Engel, eine so schlechte Kritik bekommen hat, dass sie kein neues Angebot mehr in der Branche bekommen hat. Als Fotomodel konnte Carola sich über Wasser halten. Doch es kostete sie viel Kraft und Arbeit, schließlich doch wieder als Schauspielerin beachtet und engagiert zu werden.

Ihre Schwester hat sie in all der Zeit nicht wiedergesehen, doch plötzlich steht ihr Schwager vor ihrer Tür und hat eine große Bitte.

Leseprobe

Kann Carola verzeihen?

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Es ist schon zwei Jahre her, seit die Schauspielerin Carola von ihrer Schwester, der Journalistin Renate Engel, eine so schlechte Kritik bekommen hat, dass sie kein neues Angebot mehr in der Branche bekommen hat. Als Fotomodel konnte Carola sich über Wasser halten. Doch es kostete sie viel Kraft und Arbeit, schließlich doch wieder als Schauspielerin beachtet und engagiert zu werden.

Ihre Schwester hat sie in all der Zeit nicht wiedergesehen, doch plötzlich steht ihr Schwager vor ihrer Tür und hat eine große Bitte.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Dr. Sören Härtling ließ sich mit einem tiefen Seufzer in den Sessel sinken. „Ach, Jana, manchmal wünschte ich, Bäcker oder Taxifahrer geworden zu sein.”

Jana strich ihm mit einer zärtlichen Geste über das Haar. „Aber du bist Arzt geworden, weil du kranken Menschen helfen willst.”

„Ja. Und es macht mich wütend, wenn ich an die Grenzen meiner Kunst stoße. So wie in Renate Engels Fall: Sie trägt ihre schwere Krankheit mit großer Tapferkeit, ihre größte Sorge ist die, was hinterher mit ihrem Mann geschieht. Er kann nicht allein sein.”

„Ich weiß.” Jana nickte zustimmend. „Und ich glaube, Renate hat schon einen ganz bestimmten Plan gefasst ...”

2

Es dämmerte, als Renate Engel die Schwäbische Alb erreichte. Das war mal wieder ein ganz besonderer Kraftakt von ihr gewesen — von Hamburg bis hierher war sie die Strecke in einem Stück gefahren. Nur zum Tanken hatte sie kurz angehalten, und dann war sie gleich wieder weiter gedüst.

Noch cirka hundertdreißig Kilometer — dann war sie zu Hause. Nun, richtig zu Hause eigentlich noch nicht, aber in München. In der Redaktion.

Sie hatte ein tolles Interview mitgebracht. Noch nie hatte der berühmte Schauspieler Harry Bernhard — bekannt von Film, Fernsehen und Theater —  so offen über seine Arbeit, sein Privatleben und seine Zukunftspläne gesprochen. Es war nicht leicht gewesen, ihm die Zunge zu lösen, und Renate war sehr stolz, dass es ihr mit viel Geschick, weiblicher Raffinesse und Fingerspitzengefühl gelungen war.

Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau, groß, langbeinig, immer elegant gekleidet. Ihr halblanges blondes Haar war Natur, nicht gefärbt. Sie hätte so gut wie jeden Mann haben können, doch sie verzichtete darauf, mit dem Feuer zu spielen, denn sie war glücklich verheiratet und liebte Martin, ihren Mann.

An der Tankstelle Leipheim fuhr sie zum letzten Mal raus. Ein aufmunternder Kaffee wäre jetzt nicht schlecht gewesen, doch Renate widerstand der Versuchung und fuhr weiter, sobald der Tank ihres Wagens voll und die Windschutzscheibe gereinigt waren.

Kurz vor München griff sie zum Autotelefon und rief zu Hause an.

„Renate!” Martins Stimme klang ehrlich erfreut. „Wo bist du?”

„Guten Abend, Liebster”, erwiderte sie. Es tat ihr gut, seine Stimme zu hören.

„Ich bin soeben an Dasing vorbeigefahren.”

„An Dasing! Dann bist du ja schon fast daheim!”

„Leider nicht, mein Schatz. Ich muss noch in die Redaktion.”

„Kannst du nicht morgen ...” Martin unterbrach sich. Er wusste, wie ernst seine Frau ihren Beruf nahm. Die Arbeit war ihr gleich wichtig wie die Ehe. „Wie war’s in Hamburg?”, fragte er statt dessen.

„Ein bisschen stressig.”

Martin lachte. „Ohne Stress kannst du nicht leben. Wenn du keinen hast, machst du dir welchen. War Harry Bernhard für dich so ergiebig, wie du es dir erhofft hast?”

„Noch viel ergiebiger.”

„Donnerwetter. Wie hast du ihn zum Reden gebracht?”

„Ich habe ihn becirct.”

„Das kannst du”, bescheinigte ihr Martin, der sehr stolz war auf seine schöne Frau und ihre beruflichen Erfolge.

„Ich mache es in der Redaktion so kurz wie möglich”, versprach Renate, „und dann komme ich nach Hause.”

„Ich freue mich auf dich, Schatz.”

„Ich mich auch.” Renate beendete das Gespräch mit einem Kuss für Martin.

Zwanzig Minuten später stieg sie vor dem futuristisch anmutenden Verlagsgebäude aus dem Wagen. Sie hatte einen eigenen Parkplatz, der mit ihrer Autonummer gekennzeichnet war. Kein anderer durfte sein Fahrzeug hier abstellen. Er hätte riskiert, abgeschleppt zu werden.

Renate strich ihr knitterarmes Reisekostüm glatt, holte ihre Aktenmappe aus dem Fond und betrat gleich darauf das Verlagsgebäude, dessen gläserne Eingangstür sie mit einer auf ihren Namen ausgestellten Magnetkarte öffnete.

*

In einigen Büros brannte noch Licht, doch die meisten Kollegen waren schon längst nach Hause gegangen.

Renate war für den Kulturteil des Blattes verantwortlich. Sie schrieb Buchrezensionen und Theaterkritiken, interviewte Bildhauer, Maler, Komponisten, Sänger, Dirigenten, Musiker, Romanciers, Schauspieler, Regisseure und Bühnenautoren. Sie war unerbittlich und unbestechlich, und ihre Meinung hatte in der Welt der Kunst Gewicht.

Sie machte Licht. Ihr Büro hatte einen ganz eigenen Geruch. Sie mochte ihn. Drei Tage war sie fort gewesen, nichts hatte sich hier verändert. Alles befand sich noch da, wo Renate es hingelegt hatte.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, legte die schlanken Hände auf ihre Augen und seufzte müde. Es gab Leute, die konnten nicht verstehen, dass sie sich für ihren Beruf so sehr aufopferte und sich stets das Letzte abverlangte, aber sie konnte nicht anders. Wenn sie etwas machte, dann tat sie es ganz. Für Halbheiten war sie nicht.

Sie ließ die Hände sinken und schaltete den Computer ein. Ihrer Aktenmappe entnahm sie einen großen Schreibblock, der mit Notizen vollgekritzelt war, und ein kleines Diktiergerät, das sie während des Interviews mit Harry Bernhard — selbstverständlich mit dessen Einverständnis — hatte mitlaufen lassen.

Sie begann zu schreiben. Flink sausten ihre Finger über die Tasten, und bald standen die ersten Absätze auf dem Bildschirm.

Sie ließ das Diktiergerät kurz laufen, schaltete es ab, schrieb, schaltete es wieder ein, um wortwörtlich festzuhalten, was der Star gesagt hatte. Man kannte in der Branche ihre gut recherchierten Berichte und wusste, dass sie stets die Wahrheit schrieb und sich keine Lügen aus den Fingern saugte. Auch Harry Bernhard hatte gewusst, dass ihm Renate nicht das Wort im Mund umdrehen würde. Das hatte den Ausschlag gegeben, dass er, sonst ein wenig journalistenscheu geworden, sich bereit erklärt hatte, sich von ihr interviewen zu lassen.

Die Buchstaben verschwammen vor Renates Augen. Du mutest dir mal wieder zu viel zu, ermahnte eine innere Stimme sie. Lass es genug sein für heute. Morgen ist auch noch ein Tag. Geh nach Hause.

Doch sie weigerte sich, auf diese Stimme zu hören. „Das muss heute noch fertig werden”, murmelte sie und arbeitete verbissen weiter.

Der Bericht wurde acht Seiten lang. Sobald die Rohfassung fertig war, kehrte Renate zum Anfang zurück und begann den Artikel gleich am Bildschirm zu überarbeiten. Es war nicht mehr allzu viel zu tun. Hier fügte sie ein treffenderes Wort ein, da änderte sie eine Formulierung, die ihr nicht zusagte, weil sie etwas zu flach geworden war, dort rundete sie das Ganze etwas umsichtiger und professioneller ab. Damit sie sich die Mühe nicht umsonst gemacht hatte, speicherte sie den Bericht nicht nur auf der Festplatte ab, sondern zog auch eine Sicherheitskopie auf Diskette, die sie weg schloss.

Ein leichter Schwindel befiel sie, als sie sich vorbeugte, um den Computer abzuschalten. Nanu, was war das? Ein Warnsignal ihres Körpers?

Die Tür öffnete sich, und Alexander Reismann, Renates Chef — Herausgeber, Eigentümer und Chefredakteur des Blattes in einer Person — trat ein.

„Renate! Wieder zurück?” Der große, schmale Mann mit der runden Intellektuellenbrille strahlte sie an. Er trug einen Maßsmoking.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du noch im Haus bist, hätte ich mich zurückgemeldet”, erwiderte Renate lächelnd.

„Ich bin eigentlich nicht hier.”

„Dann spreche ich wohl mit deinem Astralleib.”

„Ich hab’ die Pfeife in meinem Büro vergessen, bin auf dem Weg zu den Borcherts. Sie geben eine Party.”

„Gehst du allein da hin?”

Reismann schüttelte den Kopf. „Jutta begleitet mich. Sie wartet unten im Wagen.”

„Hast du dich mit ihr wieder versöhnt?”

Reismann winkte ab. „Ach, du weißt ja, wie das mit Jutta und mir ist. Wir können nicht miteinander leben. Ohne einander aber auch nicht.” Selbstverständlich interessierte es ihn, wie es in Hamburg gelaufen war.

Renate berichtete in Schlagworten. „Alles andere erfährst du, wenn du meinen Artikel liest”, sagte sie.

„Ich bin schon sehr gespannt”, lächelte Alexander Reismann. Dann wurde er ernst. Er musterte Renate ein wenig besorgt. „Du siehst müde aus.”

„Ich bin müde. Heute morgen war ich noch in Hamburg.”

„Du bist verrückt, Renate. Warum machst du so etwas? Niemand verlangt das von dir.”

Sie hob die Schultern und schmunzelte leicht. „Wer kann schon raus aus seiner Haut, Alexander?”

„Du bist ein robustes Mädchen, aber auch für dich kann es mal zu viel werden. Damit ist mir nicht gedient. Niemandem.”

Renate hatte plötzlich ein Gefühl, als ob irgend etwas in ihr total absacken würde. Sie konnte es vor Alexander nicht verbergen.

„Renate!”, stieß er erschrocken hervor. „Um Himmels willen!”

Er wollte mit beiden Händen nach ihr greifen, doch sie wehrte tapfer lächelnd ab. „Lass nur, Alexander, es ist nichts.”

„Du bist leichenblass, Renate.”

„Es ist schon wieder vorbei.”

„Du hattest einen Schwächeanfall.”

„Aber nur einen ganz kleinen”, versuchte sie abzuschwächen.

„Mein Gott, Renate, stell dir vor, so etwas passiert dir auf der Autobahn . . .”

Sie bekam wieder Farbe. Ihre Knie zitterten, aber das konnte Alexander nicht sehen.

„Hattest du das schon öfter?”, fragte er besorgt.

„Nein”, schwindelte sie, denn in Hamburg wäre sie auch beinahe zusammengeklappt. Im Hotel, als sie allein gewesen war.

„Ich bringe dich nach Hause”, entschied Alexander.

„Und die Party bei den Borcherts?”

„Pfeif auf die Party.”

„Und Jutta?”

„Die wollte sowieso nicht hingehen., Ich musste sie zwei Stunden beknien, bis sie zustimmte.”

„Soll das umsonst gewesen sein?”, fragte Renate, der es schon wieder gutging. „Du gehst schön auf diese Party . . .”

„Denkst du, ich hätte da auch nur eine einzige ruhige Minute?”

„Beruhigt es dich, wenn ich verspreche, mir ein Taxi zu nehmen?”

„Ein wenig”, erwiderte Alexander Reismann.

Renate nickte. „Gut, ich nehme mir eins.” Sie bestellte es sogleich telefonisch vor das Verlagshaus und verabschiedete den Chef mit einem freundlichen Kuss auf die Wange und mit den Worten: „Grüß Jutta von mir — und amüsiert euch gut.”

3

In seinem Büro klopfte Alexander Reismann seine Pfeife aus und steckte sie grübelnd ein. Er machte sich Sorgen wegen Renate Engel. Er mochte sie sehr, schätzte sie als zuverlässige Mitarbeiterin, als clevere Journalistin und als hervorragende Kritikerin. Wenn sie ein Stück verriss, dann war es wirklich nichts wert, und wenn sie einen Schauspieler mit spitzer Feder attackierte, hatte er es garantiert nicht besser verdient — und dabei nahm Renate keinerlei Rücksicht. Sie hatte sogar Carola Hagen, ihre eigene Schwester, nach einer schwachen schauspielerischen Premierenleistung so unbarmherzig angegriffen, dass diese eine Zeitlang überhaupt keine Rollen bekommen hatte. Seither war Renate für Carola natürlich gestorben.

Der Zeitungsherausgeber warf einen Blick aus dem Fenster. Dort unten stand sein Wagen mit eingeschalteter Beleuchtung. Er konnte Jutta nicht sehen, war aber sicher, dass sie sich bereits langweilte. Sie würde ihm Vorhaltungen machen, wenn er zurückkam, denn er hatte gesagt: „Es dauert nur eine Minute.”

Doch selbst auf die Gefahr hin, dass es Krach mit Jutta geben würde, musste er unbedingt noch rasch telefonieren. Es ließ ihm einfach keine Ruhe. Unten hielt ein Fahrzeug. Höchstwahrscheinlich das Taxi, das Renate Engel bestellt hatte. Alexander Reismann öffnete die Telefonkladde und wählte dann eine siebenstellige Nummer.

Martin Engel, einer der erfolgreichsten Vermögensberater Münchens, meldete sich.

„’n Abend, Martin — Alexander hier.”

„Oh, Alexander. Wann gibst du uns mal wieder mit Jutta die Ehre?”

„Jetzt sind erst mal wieder wir dran, euch einzuladen”, erwiderte Reismann.

„Wenn du mit Renate sprechen möchtest — die ist noch nicht zu Hause.”

„Ich weiß”, sagte Reismann. „Ich war vorhin in ihrem Büro und habe mit ihr gesprochen. Und nun muss ich mit dir über sie reden, Martin. Ich schätze es, wenn jemand seinen Job ernst nimmt, aber man kann es damit auch übertreiben. Renate düst von Hamburg nach München, kommt hierher, um ihren Bericht zu schreiben, anstatt nach Hause zu fahren und sich erst mal Ruhe zu gönnen, zu entspannen ...”

„So ist sie eben . . .”

„Du musst auf sie einwirken, Martin!”, sagte Alexander eindringlich.

„Was meinst du, wie oft ich ihr schon ins Gewissen geredet habe. Es nützt nichts.”

„Sie muss kürzer treten, sonst stürzt sie eines nicht mehr allzu fernen Tages ab!”

„Hast du einen besonderen Grund, so schwarz zu sehen?” Martin Engels Stimme klang mit einem Mal rau.

„Ja, mein Freund, den habe ich”, antwortete Alexander ernst. „Leider.”

„Was ist ...”

„Renate hatte vorhin so etwas wie einen Schwächeanfall”, erzählte der Chefredakteur und richtete seine Intellektuellenbrille. „Sie wurde käseblass, und ich dachte, sie würde jede Sekunde umkippen. Es ging gleich wieder vorbei, und Renate behauptete, sie hätte das noch nie gehabt, aber es fällt mir schwer, ihr das zu glauben. Sie ist seit sechs Jahren bei uns und hat noch kein einziges Mal krank gefeiert. Halbtot hat sie sich sogar noch ins Büro geschleppt. Das muss sich ändern. Sie kommt gleich mit dem Taxi nach Hause. Sie musste mir versprechen, dass sie ihren Wagen hier stehen lässt. Nimm sie ins Gebet, wenn sie heimkommt, Martin. Vor jeder gesundheitlichen Katastrophe gibt es zumeist eine Reihe von Warnsignalen, die man nicht überhören darf. Du musst erreichen, dass Renate sich mal von Kopf bis Fuß durchchecken lässt. Falls ihr etwas fehlt, kann die Früherkennung des Grundes ihrer Unpässlichkeit vielleicht von eminenter Wichtigkeit sein. Wenn man nichts findet — um so besser.”

„Du machst mir Angst, Alexander”, sagte Martin Engel mit belegter Stimme.

„Wenn Renate nicht selber an sich denkt, müssen wir es für sie tun“, erklärte der Chefredakteur. „Ich muss jetzt Schluss machen. Jutta wartet auf mich. Wir müssen zu einer Party gehen. Ich ruf dich wieder an.“ Er legte auf und verließ sein Büro.

Jutta Assberg sah ihn ärgerlich an, als er in seinen Wagen stieg. „Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr zurückkommen.“ Sie trug ein blaues Lurexkleid und dazu passende Ohrclips. „So also sehen deine Minuten aus. Wie lange sind dann erst deine Jahre? Ihr Ende erlebt ein normal Sterblicher wahrscheinlich überhaupt nicht.”

Ihr Zorn verrauchte aber sofort, als Alexander ihr von seiner Sorge um Renate erzählte.

„Falls ich irgendwie helfen kann . . .”, sagte die rothaarige Jutta und sah Alexander prüfend an.

„Wir warten erst mal ab, was Martin erreicht. Falls er keinen Erfolg hat, überlegen wir uns gemeinsam eine Strategie, die geeignet ist, Renate zur Vernunft zu bringen.” Er legte die Hand auf Juttas Knie. „Noch verstimmt?”

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Ich konnte ja nicht wissen, dass du mich wegen Renate so lange hast warten lassen. Alles, was sie betrifft, geht mir genauso nahe wie dir oder Martin. Ich habe Renate sehr gern.”

4

Martin Engel, ein gutaussehender Mittdreißiger, schenkte sich einen Kognak ein und wanderte im großen, luxuriösen Wohnzimmer umher. Alexander Reismanns Anruf hatte ihn sehr beunruhigt. Er verstand Renate nicht. Warum arbeitete sie mit dieser Besessenheit? Was bezweckte sie damit? Wollte sie sich irgend etwas beweisen? Etwas, dass sie ebenso viel leisten konnte wie ein Mann? Kam es ihr darauf an, im Leben ihren „Mann” zu stehen?

Er nahm einen Schluck vom Kognak und betrachtete sein Spiegelbild im Glas des Fensters. Er trug eine bequeme Hausjacke, der Kragen des weißen Hemdes stand offen. Sein Haar war dicht und schwarz und links gescheitelt. Jetzt stand über seiner Nasenwurzel eine Kummerfalte. Renate hätte nicht zu arbeiten brauchen. Sie waren auf ihr Geld nicht angewiesen. Er verdiente hervorragend. Aber er konnte verstehen, dass seine Frau eine Beschäftigung brauchte, die sie ausfüllte. Ihr Beruf machte ihr großen Spaß, deshalb hatte Martin auch nichts dagegen einzuwenden. Was ihn allerdings bedenklich stimmte, war die Verbissenheit, mit der sie jede neue Herausforderung annahm. Als gäbe es etwas, das sie verdrängen wollte.

„Vielleicht will sie vergessen, dass unsere Ehe kinderlos ist”, murmelte er aus diesen Gedanken heraus.

Es war nicht Renates Schuld, dass sie keine Kinder hatten, das hatte Dr. Sören Härtling, der Chef der Paracelsus-Klinik, zweifelsfrei nachgewiesen.

Es lag an Martin. Er konnte keine Kinder zeugen.

„Lässt sich da denn überhaupt nichts machen, Herr Doktor Härtling?”, hatte Martin in Renates Beisein niedergeschlagen gefragt, als das Ergebnis vorgelegen hatte.

Der Gynäkologe hatte bedauernd den Kopf geschüttelt und erwidert: „Leider nein, Herr Engel. Wenn Sie auf Kinder nicht verzichten wollen, müssen Sie welche adoptieren. Es gäbe dann auch noch die Möglichkeit, Ihre Frau künstlich zu befruchten, wobei der Samenspender anonym bleibt ...”

Aber das wollte Renate nicht. Sie hätte das Kind auf natürlichem Wege empfangen wollen — und nur von ihrem geliebten Mann. Keinesfalls von einem unbekannten Samenspender, dessen Erbanlagen ihr später vielleicht ihr Kind entfremdet hätten. Wenn Martin nicht der leibliche Vater ihrer Kinder sein konnte, gab es eben keine komplette Familie.

Martin hatte deswegen nie einen Vorwurf von seiner Frau gehört. Nicht einmal die Andeutung einer Klage war jemals über ihre Lippen gekommen. Da ihr das Leben die ersehnte Mutterrolle versagt hatte, hatte sie einen Ersatz dafür gesucht und ihn anscheinend in ihrer Arbeit für die Zeitung gefunden.

„Wenn sie ihren Job nur nicht so tierisch ernst nehmen würde”, seufzte Martin.

Er nahm wieder einen Schluck Kognak, wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf die Ledercouch vor dem offenen Kamin, auf dessen Sims viele kleine Bilderrahmen mit Fotografien, in Farbe und Schwarzweiß, von ihm und Renate standen.

Ein Wagen hielt vor dem Haus. Renates Taxi? Martin leerte sein Glas und erhob sich rasch.

Endlich kam Renate heim! Er freute sich natürlich, sie wiederzusehen, aber er hatte auch ein flaues Gefühl im Magen, weil er mit seiner Frau ein ernstes Gespräch zu führen hatte.

Er verließ das Wohnzimmer, durchmaß die große Diele und öffnete die Haustür, noch bevor Renate den Schlüssel ins Schloss schieben konnte.

„Willkommen daheim, Schatz.” Er umarmte sie und drückte sie innig an sich. Ihr schlanker Körper kam ihm ein wenig schmaler vor. Sie nahm sich ja manchmal nicht einmal zum Essen Zeit. „Schön, dich wiederzuhaben”, sagte Martin. „Ich habe dich vermisst.”

Sie lachte. „Ich war doch nur drei Tage weg.”

„Du hast mir trotzdem gefehlt.” Er nahm ihr Gepäck auf und stellte es neben die Garderobe.

Renate zog die Jacke des Reisekostüms aus.

„Bist du hungrig?”, erkundigte sich Martin.

„Eigentlich nicht.“

„Aber müde.”

„Es geht.”

„Hast du für heute alles erledigt, was du dir vorgenommen hast?”

„Ja“, antwortete Renate.

„Einen Drink?”, fragte Martin.

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, nein.”

„Kann ich sonst irgend etwas für dich tun?”

„Ja.”

„Was denn?”

„Du könntest mir ein Bad einlassen.”

„Ist schon geschehen”, lächelte Martin.

Sie hatte nichts dagegen, dass er sich zu ihr auf den Wannenrand setzte. Sie schloss die Augen, legte den Kopf zurück und sagte zufrieden: „Mh, tut das gut!”

Martin betrachtete ihre entspannten Züge. Ich liebe dich, dachte er, und eine angenehme Wärme umgab dabei sein Herz. Renate öffnete die Augen wieder und erzählte ihm von Hamburg.

„Du hättest fliegen sollen”, sagte Martin.

„Ich hasse Flugzeuge.”

„Ich weiß, aber es ist unvernünftig, so weite Strecken mit dem Wagen zu fahren”, erklärte Martin. „Wenn du wenigstens auf halbem Weg übernachtet hättest.”

„Ich wollte unbedingt heute zu Hause sein.”

„Was wäre so schlimm daran gewesen, wenn du erst morgen heimgekommen wärst?”

„Ich weiß nicht. Nichts — wahrscheinlich.”

„Bestimmt sogar”, sagte Martin. „Soll ich dir den Rücken waschen?” Sie sagte ja, und er nahm den Schwamm.Sie beugte sich vor, und er küsste ihren schlanken Nacken, bevor er den Schwamm ins Wasser tauchte und mit der „Arbeit” begann. „Alexander hat angerufen”, sagte er nach einer kleinen Weile.

„Das war zu erwarten. Was für ein Schauermärchen hat er dir erzählt?”

„Kein Schauermärchen. Alexander macht sich deinetwegen ehrliche Sorgen.”

„Alexander ist ein notorischer Schwarzseher. Wenn er jemanden zweimal niesen hört, schickt er ihn sofort zur kompletten Untersuchung.”

„Du hattest im Büro einen Schwächeanfall”, hielt Martin seiner Frau vor. „Willst du das leugnen?”

„Er dauerte nicht einmal zehn Sekunden.”

„Aber es gab ihn, und du solltest dieses Signal deines Körpers nicht übergehen, Schatz.”

„Na schön, und was schlägst du vor?”, fragte Renate.

„Es könnte nicht schaden, wenn du dich zur Sicherheit mal durchchecken ließest.”

„Die Idee ist mit Sicherheit auf Alexanders Mist gewachsen.”

„Ich finde, er hat recht”, sagte Martin. „Der Mensch ist keine Maschine — und selbst die braucht hin und wieder einen Service, damit sie weiterhin klaglos läuft. Warum legst du dich nicht für ein paar Tage in die Paracelsus-Klinik und lässt dich von den Ärzten ansehen?”

Renate lachte trocken. „Ich gehe doch nicht ins Krankenhaus und stehle den Ärzten ihre Zeit, bloß weil es nach einer langen Autofahrt mal kurz vor meinen Augen geflimmert hat.”

Martin hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Andere liefen wegen der kleinsten Wehwehchen sofort in panischer Furcht zum Arzt und wollten von diesem hysterisch hören, dass mit ihnen alles in Ordnung war. Das war das eine Extrem. Renate war das andere. Sie ging nicht einmal dann zum Doktor, wenn ihr wirklich etwas fehlte.

Zumeist sagte sie, wenn sie gesundheitlich etwas angeschlagen war: „Ich brauche keinen Arzt — es ist allein gekommen, es wird auch wieder von allein vergehen.”

Martin legte den Schwamm weg. „Wir unterhalten uns morgen noch mal über dieses Thema”, sagte er. „Jetzt ist es Zeit für dich, ins Bett zu kommen und mal ordentlich auszuschlafen.”

Später, im breiten französischen Ehebett, gab er seiner geliebten Frau einen leisen Gute-Nacht-Kuss und flüsterte in die Dunkelheit: „Träum was Schönes, mein Schatz.”

Sie ertastete sein Gesicht und streichelte es. „Du bist der wunderbarste Ehemann, den es gibt. Ich bin sehr gern mit dir verheiratet.”

„Wenn ich schon so ein Mustergatte bin — habe ich mir da nicht eine Belohnung verdient?”

„Doch.”

„Du weißt, womit du mir die größte Freude machen würdest.”

„Wenn ich in die Paracelsus-Klinik ginge und einen Check up machen ließe?”

„Ja”, sagte Martin.

„Ich werde darüber nachdenken”, flüsterte Renate. Ein solches Versprechen aus ihrem Munde war schon eine ganze Menge.

Martin war plötzlich sehr zuversichtlich, seine Frau zu einer gründlichen Untersuchung bewegen zu können. Erleichtert schlief er ein.

5

Der Sonntagmorgen hätte nicht schöner sein können, und im Hause Härtling war ein gemütlicher Familientag angesagt. Keine Wolke war am postkartenblauen Himmel zu sehen. In den Baumkronen schmetterten die Vögel ihre heiteren Lieder.

„Ein Bilderbuchmorgen ist das heute”, sagte Dr. Sören Härtling zu seiner Frau und streckte sich genüsslich. „Sieh dir diesen Himmel an, Liebling. In dieser strahlenden Pracht zeigt er sich nur selten.”

Die Familie frühstückte gemeinsam auf der Terrasse. Die Zwillinge Ben und Dana hatten es eilig.

„Wohin wollt ihr denn?”, fragte Sören die beiden.

Jana schüttelte lächelnd den Kopf und sagte mit gespieltem Vorwurf: „Aber, aber, Lieber, das kannst du doch nicht vergessen haben.”

Sören straffte seinen Rücken und nahm die Schultern zurück. „Ich vergesse nie etwas, was die Mitglieder meiner Familie betrifft”, behauptete er grinsend.

„Nun, dann müsstest du eigentlich wissen, dass Ben und Dana an einem äußerst wichtigen Tennisturnier teilnehmen.”

„Selbstverständlich weiß ich das”, erwiderte Sören. „Aber es beginnt doch erst in einer Stunde.”

„Wir müssen uns noch gut aufwärmen”, sagte Dana.

„Und ein bisschen einschlagen”, fügte Ben hinzu.

„Was denn einschlagen?”, wollte die vorlaute Josee, ganze neun Jahre alt und wiedermal mit Kakaobart, wissen. „Eine Fensterscheibe?”

Dana sah sie tadelnd an. „So etwas kann auch nur von dir kommen.”

Ben schlang den Rest seines Brötchens hinunter. „Dürfen wir gehen?” Sören nickte. „Viel Glück.”

Die siebzehnjährigen Zwillinge sprangen auf, verabschiedeten sich von ihren Eltern mit einem hastigen Kuss und eilten ins Haus.

„Bringt einen tollen Pokal heim!”, rief ihnen Tom nach.

Sören und Jana hätten sich das Turnier gern angesehen, doch Ben und Dana hatten sie gebeten, nicht auf den Tennisplatz zu kommen. Sie seien auch so schon nervös genug, hatten sie gesagt. Wenn sie wüssten, dass ihre Eltern unter den Zuschauern wären, würden sie sich überhaupt nicht mehr richtig konzentrieren können und alles verlieren.

„Au ja, fein!”, rief Josee, der Sonnenschein der Härtlings. „Einen schönen, großen Pokal. Den füllen wir dann mit Vanillepudding, und jeder bekommt einen Löffel und ...”

Tom sah seine kleine Schwester verständnislos an. „Vanillepudding. Wie kommst du denn darauf?”

„Es kann auch Vanilleeis sein”, zeigte sich Josee kompromissbereit.

„Wisch dir den Mund ab, Josee”, sagte Jana Härtling und zeigte auf die Stoffserviette, die neben dem Teller der Kleinen lag.

„Neun Jahre ist sie und kann noch immer nicht richtig Kakao trinken”, stichelte der fast dreizehnjährige Claris.

Josee streckte ihm die Zunge ganz weit heraus.

„Schluss damit”, verlangte Jana streng, damit kein Streit aufkam. „Ich möchte, dass ihr euch vertragt.”

Nach dem Frühstück beschlossen Sören und seine Frau, auf der Terrasse zu faulenzen. In die Klinik würde man den Chefarzt nur in ganz dringenden Fällen holen, und wenn er Glück hatte, blieben die aus. Völlig ausschließen ließen sich Notfälle natürlich nie.

Sören Härtling machte es sich im Liegestuhl bequem, legte die Beine hoch, schloss die Augen und schob die Hände unter den Kopf. „Herrlich, so ein geruhsamer Sonntag“, sagte er rundum zufrieden. „Davon könnte ich mehr im Jahr vertragen.”

Leider war ihm die Ruhe nicht allzu lange gegönnt. Josee erschien schluchzend auf der Terrasse. „Vati, Tom ist so gemein!”

Sören setzte sich auf. „Komm her, mein Kleines.”

Josee lief zu ihm. Er hob sie auf seinen Schoß. Wenn er nicht zu Hause war, kamen die Kinder mit ihren Sorgen und Beschwerden zu Jana, die dann oft den Schiedsrichter spielen musste. Am Wochenende wandten sie sich zuerst an ihren Vati, und Mami war erst — es machte ihr nichts aus — die zweite Instanz.

„Nun sag mal, was hat Tom denn so Schreckliches getan?”, wollte Sören wissen.

Tom kam mit hängendem Kopf auf die Terrasse geschlichen.

„Er hat Amanda verloren”, klagte Josee.

„Amanda?”, fragte Sören.

„Eine von Josees Puppen”, klärte ihn Jana auf.

„Ach so.”

„Nicht eine von meinen Puppen!”, widersprach Josee. „Amanda war meine Lieblingspuppe . . .”

„Das ist nicht wahr!”, warf Tom ein. „Sie war bloß eine Puppe von vielen.“

„Ich hatte sie sehr gern”, behauptete Josee mit glänzenden Tränen in den Augen.

„Du hast sie kaum mal beachtet”, sagte Tom. „Sie lag die meiste Zeit nur irgendwo herum.”

„Heute wollte ich mit ihr spielen!”, rief Josee leidenschaftlich. „Und sie ist nicht mehr da!”

„Moment mal. Langsam”, sagte Sören. „Komm mal her, Tom.”

Der Junge schlich näher.

„Seit wann spielst du denn mit Puppen?”, fragte Sören.

„Tu ich ja gar nicht!”

„Wieso ist Amanda dann weg?”

„Ich habe sie mit zu den Ringelmanns genommen”, erklärte Tom etwas kleinlaut.

„Ohne mich zu fragen”, klagte ihn Josee weiter an.

„Ich dachte, du würdest Amanda nicht vermissen”, sagte Tom zu Josee.

„Warum hast du die Puppe zu den Ringelmanns mitgenommen?”, wollte Sören wissen.

„Ich war da zum Babysitten.”

„Lore hat selber genug Puppen!”, begehrte Josee auf. „Du hättest ihr Amanda nicht zu bringen brauchen.”

„Ich dachte, es würde ihr Freude machen, mal mit einer anderen Puppe zu spielen”, erwiderte Tom. „Ich wollte Amanda später wieder da hinlegen, wo ich sie fortgenommen hatte. Du hättest das überhaupt nicht gemerkt. Ich habe Amanda vor zwei Wochen verloren, und heute vermisst du sie erst.”

„Du hattest kein Recht, sie mit zu Lore zu nehmen, ohne mich zu fragen”, rief Josee böse.

„Das stimmt”, sagte Sören.

„Ich hab’ nicht gefragt, weil sie nein gesagt hätte”, rechtfertigte sich Tom zerknirscht.

„Wieso hast du Amanda verloren?”, wollte Sören wissen.

„Ich hatte sie hinter mir auf dem Gepäckträger meines Fahrrads. Ich muss sie wohl schlecht festgeklemmt haben. Als ich hier ankam, war Amanda nicht mehr da. Ich bin sofort wieder zurückgefahren, konnte die Puppe aber leider nicht mehr finden.”

„Wie hattest du dir das in der weiteren Folge vorgestellt, mein Junge?”, fragte Sören. „Du konntest doch nicht annehmen. Josee würde ihre Puppe nie vermissen. Warum hast du ihr nicht gleich gesagt, dass du Amanda verloren hast?”

„Weil ich wusste, dass sie ein Riesentheater machen würde.”

„Wie du siehst, ist es dir nicht erspart geblieben”, sagte Sören. „Ja, und was nun?”

Tom hob die Schultern. „Es tut mir leid, Josee.”

„Ich will Amanda wiederhaben!”, rief Josee unversöhnlich.

„Das ist nicht möglich”, sagte Sören. „Tom wird dir eine neue Puppe kaufen. Bist du damit einverstanden?”

„Nur, wenn ich sie mir aussuchen darf.”

„Sie darf natürlich nicht mehr kosten, als Amanda gekostet hat”, meinte Sören. Er sah Tom an. „Bist du mit dieser Entscheidung einverstanden?”

„Ja”, murmelte der Junge. Glücklich war er natürlich nicht, aber er sah ein, dass er den verursachten Schaden wiedergutmachen musste.

Sören stellte Josee neben sich ab und gab ihr einen leichten, liebevollen Klaps auf den Po. „So, und nun vertragt ihr euch wieder, verstanden? Innerhalb der Familie darf keiner auf den anderen böse sein.”

Josee und Tom verschwanden im Haus.

„Das hast du sehr souverän hingekriegt”, lächelte Jana. „Da gibt es überhaupt nichts zu meckern.”

Sören nahm wieder die gemütlichere Position ein. „Ich hab von Salomon gelernt.”

Aus dem richtig schönen, wohltuenden Faulenzen wurde nun leider doch nichts, denn Ottilie, die langjährige Wirtschafterin der Härtlings, erschien mit leidender Miene und meldete: „Herr Lassow ist soeben eingetroffen.”

„Und deshalb machen Sie so ein Gesicht?”

„Doch nicht wegen Herrn Lassow”, seufzte Ottilie. „Mir macht mal wieder mein Rheuma zu schaffen. Da kommt bestimmt ein anderes Wetter. Würde mich nicht wundem, wenn es morgen regnen würde.”

Sie zog sich zurück, und der stets gern gesehene Dr. Axel Lassow, Rechtsanwalt und Schwager von Sören und Jana Härtling — er war mit Sörens Schwester Trix verheiratet, hatte mit ihr zwei Kinder —, hatte mit den Worten: „Einen wunderschönen guten Morgen, meine Lieben!”, auf den Lippen seinen großen Auftritt.

6

Es war Montag und es regnete, wie es Ottilies Rheuma angekündigt hatte.

Die Schauspielerin Carola Hagen stand seit zwei Stunden auf der Bühne.

Der Theatersaal war leer. Man probte ein neues Stück. Carola trug einen leichten, rückenfreien Sommerpulli und verwaschene Jeans, die eng um die Hüften saßen. Sie war eine bildschöne Frau, schöner als ihre Schwester Renate, von der sie seit jenem Verriss vor zwei Jahren nichts mehr wissen wollte. Sie war damals unbestritten schlecht gewesen, aber deswegen hätte Renate sie trotzdem nicht so erbarmungslos fertigzumachen brauchen. Sie waren schließlich Schwestern. Da war eine so vernichtende Kritik unverzeihlich. Nicht nur Carola, auch ihre Kollegen, das ganze Stück waren schlecht gewesen. Renate hätte die Schwester mit einem blauen Auge davonkommen lassen können, aber sie hatte es nicht getan, und das würde ihr Carola nie vergeben. Carola Hagen hatte aus diesem Fehler, dem folgenschwersten in ihrem Leben, ihre Lehre gezogen. Sie wusste, dass sie keine gottbegnadete Schauspielerin war, hielt sich aber für überdurchschnittlich begabt und für fähig, sich bei einer guten literarischen Vorlage erheblich steigern zu können.

Nach jenem totalen Absturz vor zwei Jahren hatte niemand sie mehr verpflichten wollen. Offenbar hatte man befürchtet, sie könnte weitere Flops verschulden. Um sich finanziell über Wasser zu halten, hatte sie als Fotomodell gearbeitet. Ein Glück, dass die Werbebranche nicht auf ihre Schönheit und ihren Sex Appeal verzichten wollte. Ihr Comeback hatte sie sehr viel Kraft gekostet. Seither las sie Drehbücher, Theaterstücke und Filmskripts sehr genau, ehe sie einen Vertrag unterschrieb, damit ihr so etwas nicht noch mal passierte.

Wie es Renate ging, interessierte sie nicht mehr. Sie hatte jede Verbindung zu ihrer ungnädigen Schwester abgebrochen, und wenn irgend jemand Renates Namen erwähnte, wechselte sie sofort das Thema.

„Okay, Carola, das war schon ganz gut!”, rief Felix Adler, der Regisseur, ein kleiner Mann mit Kinnbart, in der vierten Reihe. „Vielleicht solltest du diese Passage mit noch weniger Herz und noch mehr Gefühlskälte bringen. Du weißt ja, die Loni, die du verkörperst, ist ein ganz ausgekochtes Biest.”

Die rotblonde Schauspielerin nickte. In diesem Punkt glich sie Renate: Sie war bereit, bis zum Umfallen zu arbeiten, wenn es der Sache diente.

„Also noch mal!”, rief der Regisseur. „Ich möchte Eis in deiner Stimme klirren hören!”

Carola Hagen wiederholte ihren Monolog.

„Ausgezeichnet!”, rief Felix zufrieden. „Brillant! Genauso habe ich es mir vorgestellt.”

„Bin ich für heute fertig?”, wollte die Schauspielerin wissen.

„Ja”, antwortete Felix Adler, „aber du darfst noch nicht gehen.”

„Warum nicht?”, fragte Carola enttäuscht.

„Weil ich mit Harald und Patrick noch den Anfang des zweiten Akts proben muss.”

„Was hat das denn mit mir zu tun?”

„Nichts.”

„Warum darf ich dann nicht gehen?”, Felix grinste. „Weil ich dich zum Essen einladen möchte.”

„O Felix, ein andermal, ja? Ich habe heute meinen Apfeltag.”

„Ist doch nicht nötig, bei deiner tollen Figur”, sagte der Regisseur, der seit Wochen vergeblich versuchte, ihr näherzukommen. Sie hatte dies bisher stets geschickt zu verhindern gewusst, und sie war auch weiterhin nicht bereit, die berufliche Beziehung im privaten Bereich zu vertiefen. Sicher, sie war Felix dankbar, dass er ihr die Rolle angeboten hatte, aber sie wollte sich dafür nicht so erkenntlich zeigen, wie er es sich offenbar wünschte. Sie würde ihm mit einer guten, soliden schauspielerischen Leistung — sie hatte in den vergangenen zwei Jahren hart an sich gearbeitet — für das Vertrauen, das er ihr entgegenbrachte, danken. Mehr war für ihn nicht drin.

„Ich darf von meinen Prinzipien nicht abgehen”, erwiderte Carola. „Du musst das verstehen.”

„Na schön”, gab Felix Adlernach. „Wir verschieben es auf morgen, einverstanden?”

„In Ordnung.”

„Harald und Patrick sollen auf die Bühne kommen.”

„Ich sag’s ihnen.”

Carola verließ wenig später das Theater durch den Bühnenausgang. Sie spannte ihren Regenschirm auf und wich auf dem Weg zu ihrem Wagen den großen Regenpfützen aus.

Ein junger Mann kam ihr entgegen. Pechschwarzes Haar, olivfarbener Teint, den Kragen seiner schwarzen Lederjacke aufgestellt, wodurch von seinem Gesicht nicht viel zu erkennen war, die Schultern hochgezogen, Schlabberhosen, Sportschuhe . . .

Carola schenkte ihm keine Beachtung. Er ging an ihr vorbei, seine Schritte waren nicht zu hören. Plötzlich wurde sie von hinten derb gepackt, und seine Hand versuchte ihr ihre Handtasche zu entreißen.

Sie war so perplex, dass sie ganz vergaß, um Hilfe zu schreien, aber sie ließ die Handtasche nicht los.

„Gib sie her!“, keuchte der junge Mann.

„Nein!”

„Gib die verdammte Handtasche her!“

„Nein!”

Der junge Mann schlug sie. Sie wollte sich losreißen und fliehen, doch der Räuber stellte ihr ein Bein. Sie stürzte und schlug mit dem Kopf hart auf. Sterne tanzten vor ihren Augen. Sie war schwer benommen, spürte wie der Mann ihr die Handtasche nun doch entriss.

„Hilfe!”, krächzte sie so leise, dass sie es selbst kaum hörte.

Ein Wagen hielt.

Der Räuber gab Fersengeld.

Ein Mann in senffarbenen Cordhosen und weinrotem Raulederblouson sprang aus seinem Fahrzeug und eilte zu Carlo. „Sind Sie verletzt?”

„Ich — ich glaube nicht . . . Meine Handtasche — der Kerl hat mir meine Handtasche gestohlen.”

Der Mann, der Carola Hagen zu Hilfe geeilt war, lief dem Räuber nach. An der nächsten Straßenecke holte er ihn bereits ein, und dann bekam der Bursche Ulrich Draegers Fäuste zu spüren. Er ließ die Handtasche fallen und versuchte sich mit den Armen zu schützen. Als ihm das nur sehr mangelhaft gelang, ergriff er erneut Hals über Kopf die Flucht, doch Ulrich Draeger verzichtete darauf, dem missratenen Kerl nochmal zu folgen. Es war ihm wichtiger, sich um die Überfallene zu kümmern und ihr ihr Eigentum zurückzubringen.

Er kehrte zu Carola zurück. Sie stand ungelenk auf, war noch immer schwer benommen.

„Hier, Ihre Handtasche”, sagte Ulrich. „Danke”, hauchte Carola.

Details

Seiten
120
Jahr
2015
ISBN (ePUB)
9783738904284
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
kann carola

Autor

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Titel: Kann Carola verzeihen?