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Sheng #1: Jagd auf den Tiger-Mann

2016 120 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU-KÄMPFER

Band 1

Jagd auf den Tiger-Mann

von John F. Beck

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin und Elwynn/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Sein Name ist Sheng – und er ist auf der Flucht vor den Männern des Schwarzen Drachen, die ihm den Tod geschworen haben. Deshalb hat er China verlassen und ist nach Amerika gekommen. Aber er ist nicht nur ein Gejagter, sondern auch ein Suchender. Denn sein leiblicher Vater ist ein Amerikaner, und ihn gilt es zu finden. Den Tod im Nacken, und die Hoffnung, eines Tages seinen Vater zu finden – dies ist der Weg, den er gehen muss.

Shengs Flucht vor den Männern des Schwarzen Drachen führt ihn nach Nevada, wo eine neue Bahnlinie gebaut wird. Frank Bennet, ein skrupelloser Bahnbau-Ingenieur, will die Strecke nach Tonopah ohne jegliche Rücksicht vollenden. Egal, wie viele chinesische Arbeiter dabei ihr Leben verlieren. Wess Matlock und seine Revolvergarde brechen jeden Widerstand unter den Bahnarbeitern. Und auch Sheng bekommt diese Gewalt am eigenen Leib zu spüren...

Roman

Er kam aus der Wüste. Das Krachen der fernen Schüsse hallte noch in seinen Ohren. Die Rauchsäule, die hinter den mit Scrubwood und Kakteen bestandenen Hügelkämmen kerzengerade in den wolkenlosen Himmel von Nevada stieg, war sein Ziel.

Er hörte die wilde Stimme: „Rede, verdammt noch mal. Sag uns, wo sich dieser Hundesohn verkrochen hat, wenn du nicht willst, dass wir dich hängen!“

Wie ein Spuk tauchte der einsame Wüstenwanderer aus den schwimmenden Hitzeschleiern vor den drei Halunken auf.

Sie standen mit angeschlagenen Colts neben dem brennenden Trümmerhaufen einer ehemals kleinen, armseligen Farmhütte.

Ungläubig starrten sie auf den großen, schlanken, über und über mit Wüstenstaub bedeckten Mann.

Er besaß ein markantes Gesicht mit dunklen, leicht geschlitzten Augen. Ein Gesicht, das man nicht so leicht vergaß, wenn man es einmal gesehen hatte.

Er kam ohne Pferd und ohne Waffen. Sein ganzer Besitz war das leichte Deckenbündel auf seiner linken Schulter. Hinter ihm lagen vierzig Meilen leeres, sonnenverbranntes Land. Vierzig Meilen ohne Wasser. Eine Gluthölle bei Tag. Eisige Kälte in den sternklaren Nächten. Kein Mann hatte jemals diese Strecke zu Fuß bewältigt. Aber der Fremde schwankte nicht, keuchte nicht, und als er den Ziehbrunnen und den mit Wasser gefüllten Blecheimer auf der Steinmauer sah, begann er nicht zu rennen. Mit gleichmäßigen, festen Schritten kam er einen langgestreckten, mit Geröll und niedrigen Kakteen übersäten Hang herab.

Drei schussbereite Colts wanderten mit ihm mit. Die verkniffenen Gesichter darüber waren hart und mitleidlos. Gesichter von Mördern. Die Kerle trugen derbe Reiterkleidung. Patronenschwere Gurte spannten sich um ihre Hüften, ihre Oberkörper.

Zwischen ihnen und den Pferden mit den schweren mexikanischen Bocksätteln lag ein Mann in einer dunklen, im Sand eingetrockneten Blutlache. Die schmächtige, ärmlich gekleidete Gestalt eines grauhaarigen Chinesen. Drei Kugellöcher waren in seinem Rücken. Nicht weit von ihm kniete eine leise schluchzende junge Chinesin. Ihr einfaches Kattunkleid war zerrissen, ihre Hände auf den Rücken gefesselt. Aus dem knorrigen Geäst einer alten Korkeiche, des einzigen Baumes weit und breit, baumelte über ihr eine leere Henkerschlinge.

Das Knistern und Prasseln der Flammen vertiefte noch die unheilvolle Stille. Leise knirschte der Sand unter den weichledernen Stiefeln des großen Fremden. Der Mann näherte sich mit ausdrucksloser Miene dem Brunnen. Er schien den Toten, das Mädchen, die drei Mörder nicht zu sehen.

Der hagere Bandit mit dem hohlwangigen Gesicht, in dem nur ein Auge unheimlich glühte, spuckte aus. „Worauf warten wir noch, Wess? Bennets Befehl lautet ausdrücklich: Keine Zeugen!“

„Immer mit der Ruhe, One Eye!“, brummte der breitschultrige Anführer. „Vielleicht weiß er, wo sich diese verfluchte gelbe Ratte Yün Lan versteckt hält. Vielleicht ist er ein Freund von ihm. Der Kerl sieht zwar aus wie ’n Weißer, aber ich will verdammt sein, wenn er nicht Chinesenblut in den Adern hat. Ich hab ’ne feine Nase, Amigos. Ich wittere einen Chink fünf Meilen gegen den Wind. He, Hombre, wie heißt du?“

Der Mann ging auf den Brunnen zu, als wüsste er eine unsichtbare Wand aus schusssicherem Glas zwischen sich und den Banditen. Der schwerkalibrige Colt in der Faust des Breitschultrigen krachte.

Die Kugel hieb eine Handbreit neben dem rechten Fuß des Fremden in den Boden. Sand spritzte hoch.

Der dritte Bandit, ein gedrungener, bärtiger Kerl mit fransenverzierter Lederjacke und hochschäftigen Stiefeln, lachte dröhnend. Kein Muskel bewegte sich in dem harten Gesicht des Fremden.

Ruhig ging er weiter. Auch dann noch, als die nächste Kugel an seinem linken Hosenbein zupfte. Der Bärtige hörte auf zu lachen.

Mit schmalen, gefährlich glitzernden Augen beobachteten die Schurken, wie der große schlanke Mann sein Deckenbündel auf den Brunnenrand legte und den Eimer aufhob.

Er trank ruhig und beherrscht. Nicht wie einer, hinter dem ein mörderischer Vierzig-Meilen-Marsch durch die glühenden Ausläufer der Nevada-Wüste lag.

Eine Kugel durchlöcherte den Eimer dicht neben seinen Händen. Das Wasser schoss in dickem Strahl daraus hervor. Der Fremde stellte den Eimer gelassen auf die Brunnenmauer zurück, ehe er sich umdrehte. Inzwischen standen die Banditen im Halbkreis vor ihm. Kalte, gnadenlose Augenpaare starrten ihn aus dem Schatten breitkrempiger Hüte an.

„Ich bin Wess Matlock“, sagte der Breitschultrige drohend. „Das sind meine Freunde One Eye und Buffalo. Es gibt niemand zwischen Reno und Tonopah, der nicht schon von mir und meiner rauen Mannschaft gehört hat. Jeder weiß, dass ich immer erreiche, was ich will. Also, wie heißt du?“

„Man nennt mich Sheng.“

„Na also, warum nicht gleich!“, grinste Matlock. „Und jetzt verrate uns noch, wo sich dein Freund Yün Lan verkrochen hat. Hast du ihn in die Wüste gebracht? Na los, red’ schon! Wir erwischen den Kerl ja doch.“

„Ich kenne ihn nicht.“

Matlocks Grinsen erlosch. „Hör zu, Freundchen, du spielst mit deinem Leben. Und mit dem Leben von Yün Lans Schwester. Sollen wir die Puppe erst vor deinen Augen aufknüpfen, bevor dir wieder einfällt, wohin du diesen verrückten Chink gebracht hast? Der bildet sich nur ein, dass er uns entkommen kann. Das hat noch keiner geschafft. Sieh dir den Alten an, wenn du glaubst, dass ich nur bluffe. Na?“

Das Aufblitzen in Shengs Augen war so flüchtig, dass es den Halunken entging. Sie vertrauten auf ihre Colts, auf ihre Übermacht. Ein Mann ohne Waffen, ohne Pferd in diesem gesetzlosen wilden Land war für sie ohnehin nur ein harmloser Irrer.

Ruhig schüttelte Sheng den Kopf. „Ich bin fremd in dieser Gegend. Ich kenne hier niemand. Es ist Zufall, dass ich hier aus der Wüste kam ...“

„Verdammter Lügner!“

Matlock sprang vorwärts. Sein 45er Colt war zum Schlag erhoben.

Da bewegte sich Sheng, und die drei Killer hatten plötzlich den Eindruck, einen schlafenden Tiger am Schwanz gezogen zu haben. Was jetzt kam, hatte noch keiner von ihnen erlebt.

Sheng, der Mann aus der Wüste, war nur noch ein huschender, wirbelnder Schatten. Matlock wusste nicht, wie es zuging, aber sein Colt lag auf einmal im Sand. Ein ziehender Schmerz lähmte für Sekunden seinen rechten Arm. Shengs Fußspitze hatte blitzschnell sein Handgelenk getroffen. Fluchend taumelte der breitschultrige Bandit gegen die Brunnenmauer.

One Eye und Buffalo hielten zwar den Finger am Drücker, kamen aber nicht mehr zum Schuss. Wo Sheng eben gestanden war, gab es jetzt nur Leere. Der unheimlich schnelle und geschmeidige Mann war plötzlich zwischen ihnen.

„Knallt ihn nieder!“, brüllte Matlock.

Sheng riss die Hände rückwärts über den Kopf und schnellte so hoch in die Luft, als hätte er Sprungfedern unter den Stiefelsohlen. Seine Beine scherten auseinander. Seine Fußspitzen prellten den beiden Verbrechern gleichzeitig die Waffen aus den Fäusten.

Federnd setzte Sheng auf. Kaum berührten seine Füße wieder die Erde, da waren seine Hände in Aktion. Wie der Blitz zuckten sie nach links und rechts. Sheng kämpfte nicht mit den Fäusten. Seine Handkanten waren hart wie Stahl.

Nur diese beiden sausenden, nicht mit den Augen zu verfolgenden Schläge, und Matlocks Kumpane wälzten sich luftschnappend im heißen Sand.

Ungläubiges Entsetzen weitete ihre Augen. Sie waren hartgesottene, wilde Burschen, die sich bisher mit ihren Colts für unbesiegbar gehalten hatten. Und jetzt... Dieser unheimliche Fremde war wie ein Tornado über sie hereingebrochen.

Aber da war noch Wess Matlock. Ein Mann, der zwei Dutzend so skrupellose Burschen wie One Eye und Buffalo mit eiserner Faust kommandierte. Ein Mann, der sich selbst mit dem Teufel anlegen würde, wenn er nur gut genug dafür bezahlt wurde. Er hatte ein schweres, breitklingiges Green River-Messer gezogen. Geduckt, mit wildfunkelnden Augen, starrte er Sheng an.

„Komm nur, du verdammter Hund!“, keuchte er. „Ich werde dir den Bauch aufschlitzen, bevor du es fertigbringst, mich auch nur anzurühren. Los doch, versuch es nur!“

Aber Sheng stand so ruhig da wie zuvor. Nur ein kaltes, verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund. Matlocks Faust schloss sich fester um das Messer. Die Spitze zielte nach oben. Der Stahl glänzte wie versilbert in der grellen Sonne. Lauernd bewegte sich der Verbrecher auf den Gegner zu.

„Du lausiger Chink!“, höhnte er. „Kämpfen nennst du das? Ich werde dir diese verdammten Tricks schon austreiben. Ich werde dich töten.“

„Worauf wartest du dann noch?“

Mit einem jähen Panthersatz, den man dem schwergebauten Mann nicht zugetraut hätte, warf Matlock sich vorwärts. Die Messerklinge fauchte durch die Luft. Sie fand kein Ziel. Sheng war plötzlich weg. Matlock fuhr herum, bereit, Shengs hochzuckendem Fuß auszuweichen. Aber der schlanke, unbewaffnete Mann stand friedlich vor ihm. Er lächelte noch immer. Seine Arme waren über der Brust gekreuzt. Diese Ruhe, diese nicht nur gespielte Sicherheit reizten Matlock zum blindwütigen Angriff. Er war gefährlich schnell. Er legte die ganze Wucht seines massigen Körpers hinter den Stoß mit dem Messer.

Shengs gekreuzte Arme fuhren auseinander, die flachen Hände überschnitten sich. Matlocks Messerfaust wurde wie mit einem Keulenhieb zur Seite gefegt. Gleichzeitig bekam der Verbrecher einen steinharten Gegenstand seitlich an den Hals - Shengs flache Hand.

Matlock stürzte schwer neben den Brunnen. Keuchend wälzte er sich herum. Shengs schlanke Gestalt tauchte wie aus wallenden dunklen Schleiern über ihm auf.

„Diese Art zu kämpfen nennt man Kung Fu. Vielleicht überlegst du es dir beim nächsten Mal besser, ehe du wieder auf einen verdammten lausigen Chink losgehst, Bandit.“

Matlock sah seinen eigenen Colt in der nervigen Hand des Gegners. Die Mündung zielte auf seinen Kopf. Zähneknirschend zog Matlock sich am Brunnen hoch. Neben ihm richteten sich One Eye und Buffalo fluchend auf. Ohnmächtiger Hass zerriss das brutale Gesicht ihres Anführers.

„Jetzt glaube ich, dass du wirklich fremd hier bist. Denn du weißt nicht, mit wem du dich da anlegst...“

„Das sehe ich. Mit feigen, gewissenlosen Mördern, die nicht davor zurückschrecken, einen alten wehrlosen Mann zu töten. Verschwindet! Kommt mir nie mehr in den Weg!“

Matlocks Fäuste öffneten und schlossen sich. „Du bist verrückt!“, keuchte er. „Sonst würdest du nicht so reden. Von diesem Augenblick an hast du keine Chance mehr. Jeder, der auf der schwarzen Liste der Nevada Railroad Company steht, ist verloren. Und dein Name, Sheng, steht jetzt ganz oben, dafür werde ich sorgen. Ich bringe im Handumdrehen die härtesten und revolverflinkesten Burschen von Nevada in den Sattel, um dich zu jagen. Wie einen Hasen werden wir dich hetzen, bis du im Staub liegst und Blut hustest.“

„Du versprichst Dinge, die du nicht halten kannst“, erwiderte Sheng kalt. „Verschwindet endlich! Ihr verpestet die Luft!“

Einen Augenblick sah Matlock aus, als würde er sich doch noch auf den verhassten Gegner werfen. Sheng spannte wortlos den Colthammer. Da zwang sich Matlock zu einem wütenden Grinsen.

„Erfüllen wir ihm seinen letzten Wunsch, Amigos! Ein Toter richtet ja doch keinen Schaden mehr an, und er ist schon so gut wie tot.“

Sporenklirrend stiefelten sie zu ihren Gäulen. Als sie in den Sätteln saßen, stand Sheng noch immer reglos beim Ziehbrunnen.

„Vergesst nicht, eure Gewehre hierzulassen!“

Matlock beugte sich hasserfüllt auf dem Pferd vor. „Du meinst, du denkst an alles, wie? Dann denk auch dran, dass du die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht überleben wirst.“

Er zog den Karabiner aus dem Scabbard und ließ ihn zu Boden fallen. Schweigend, mit verbissenen Mienen, folgten die anderen seinem Beispiel. Dann preschten sie in einer Staubwolke davon.

*

Sheng warf Matlocks 45er Colt in den Brunnen. Die anderen Waffen rührte er nicht an. Er schulterte sein Deckenbündel und ging um den Brunnen herum zu der jungen Chinesin. Sie war aufgestanden. Tränen glitzerten auf ihren Wangen, aber sie weinte nicht mehr. Ihre mandelförmigen dunklen Augen blickten Sheng groß an.

„Deine einzige Chance war, sie zu töten, ihre Pferde zu nehmen und zu fliehen“, sagte sie leise und stockend.

„Ich bin kein Mörder. Ich kämpfe nur, um mich meiner Haut zu wehren oder Unrecht zu verhindern.“

„So lauten die Regeln des Kung Fu“, murmelte das Mädchen. „Mein Vater hat mir von dieser seltsamen Kampfart erzählt, die nur wenige Eingeweihte aus dem Reich der Mitte beherrschen. Er konnte seine alte Heimat nie vergessen. Jetzt wird er nie mehr heimkehren, wie er es sich immer gewünscht hat...“

„Wer weiß das schon so genau“, meinte Sheng nachdenklich. „Wie heißt du?“

„Chai Li.“

Sheng fasste behutsam ihre schmalen Schultern. „Du musst jetzt tapfer sein, Chai Li. Warum suchten diese Verbrecher deinen Bruder?“

„Sie sind Sklavenjäger“, flüsterte das Mädchen mit einem ängstlichen Blick in die Richtung, wo die Banditen verschwunden waren. „Sie reiten für die neue Bahn, die nach Tonopah gebaut wird. Kein Chinese, der vor Jahren beim Bau der großen Bahnlinie quer durch den Kontinent mitgearbeitet hat, ist vor ihnen sicher. Auch mein Vater und Yün Lan waren damals dabei. Wir und noch viele andere Familien ehemaliger Kulis haben uns hinterher mit dem verdienten Geld in diesem einsamen Land am Rand der Wüste angesiedelt. Hier waren wir unter uns, hier fanden wir ein zwar karges, aber friedliches Auskommen. Bis Matlock und seine Banditen kamen. Sie suchten Kulis für den Bau der neuen Bahnstrecke. Sie zwangen jeden Mann, der kräftig genug war, einen Hammer zu schwingen und Schienen zu schleppen, in ihre Dienste. Wer sich weigerte, dessen Angehörige wurden bedroht, dessen Besitz ging in Flammen auf - wie hier bei uns.“

Neue Tränen stiegen in die Augen des Mädchens. Sheng wartete stumm, bis Chai Li sich wieder gefangen hatte.

„Viele unterschrieben freiwillig den Vertrag“, berichtete sie tonlos. „Aber dann kamen die ersten Flüchtlinge. Das Bahnbaucamp war die Hölle. Sie mussten wie Sklaven schuften, bewacht von brutalen Aufsehern, Männern aus Matlocks Crew. Es gab keinen Lohn, nur einige Handvoll Reis am Tag, manchmal ein bisschen Dörrfleisch. Aber Matlock und seine Freunde waren hinter jedem her, der es wagte, das Bahnbaulager zu verlassen. Mein Bruder war einer von den Männern, die flohen. Sie haben alle zurückgeholt, außer ihn. Mein Vater und ich wissen nicht wo er ist, aber sie glaubten uns nicht. Es gibt kein Gesetz in dieser Gegend, das uns schützt, keine Stadt weit und breit, nur das Bahnbaucamp. Zwischen Reno und Tonopah ist die Nevada Railroad Company das Gesetz, und sie hat dich zum Tode verurteilt, Fremder. Du musst fort, bevor Matlock und seine Freunde mit Verstärkung zurückkommen.“

„Ich werde gehen, wenn ich dir geholfen habe, deinen Vater zu beerdigen, Chai Li.“

Die junge Chinesin schüttelte verzweifelt den Kopf. „Dann bist du verloren. Sie werden dich töten.“

Mit ausdrucksloser Miene blickte Sheng in die flimmernde Weite. „Sie werden es versuchen“, sagte er nur.

*

Zuerst waren die Reiter hinter ihm nur ferne schwarze Punkte - wie Fliegen in einem großen Sandkasten. Nach zwei Stunden konnte er schon die Gewehre erkennen, die sie schräg vor sich über den Sätteln hielten. Eine lange Staubfahne hing hinter ihnen in der kochend heißen Luft. Erbarmungslos spornten sie immer wieder ihre staubbedeckten zottigen Pferde an.

Sheng lief um sein Leben. Aber auch das tat er mit der kaltblütigen Besonnenheit eines Mannes, der dem Tod schon zu oft ins Auge gesehen hat, um noch in wilde Panik zu verfallen. Seit Stunden, seit er die Trümmer der niedergebrannten Farm verlassen hatte, hielt er diesen stetigen gleichmäßigen Trott durch. Wie ein Wolf, der mit kurzen Pausen tagelang so laufen konnte. Seine Beine bewegten sich wie von selber. Seine Muskeln und Sehnen waren wie Teile einer gut geölten, niemals erlahmenden Maschine.

Die Sonne stach wie mit Feuerspeeren auf ihn herab. Aber Sheng spürte sie nicht. Auf der weiten, hartgebrannten Ebene ringsum gab es nur Kakteen und kümmerliches Dorngestrüpp, nirgends Schutz vor den Kugeln aus den Gewehren hinter ihm.

Noch schwiegen die Waffen. Noch waren die Verfolger nicht nahe genug. Aber schon johlten und grölten sie in der wilden Vorfreude auf ihren bevorstehenden Triumph. Denn kein Mann zu Fuß hatte die Chance, ihnen zu entrinnen.

Sheng gab nicht auf. Er lief. Er machte keinen Versuch, schneller zu werden. Sein schlanker, drahtiger Körper bewegte sich im immer gleichbleibenden Rhythmus. Shengs Augen waren auf die zerrissenen; in der Sonne glühenden Flanken der Gebirgskette gerichtet, die langsam, viel zu langsam, näher rückten. Ein Bollwerk aus Felsmassiven, Canyons und Klüften. Ein Labyrinth von Verstecken, in denen ein gejagter Mann spurlos verschwinden konnte - wenn es ihm gelang, die Verfolger abzuschütteln.

Aber die Schießer von der Nevada Railroad Company holten auf. Ihre Staubmäntel flatterten wie große Vogelschwingen. Der Stahl ihrer Gewehre blinkte. Sie schonten ihre Gäule nicht mehr. Schaum flockte von den geblähten Nüstern der Tiere.

„Lauf nur, Sheng, lauf!“, schrie Wess Matlock. „Ich hänge mir ja doch deinen Skalp an den Sattel!“

Sheng blickte nicht mehr zurück. Er lief. Eine halbe Stunde, eine Stunde. Das Gegröle der Verfolger hinter ihm erstarb. Matlock feuerte den ersten Schuss ab. Die Kugel warf noch weit hinter dem Fliehenden eine Staubfontäne hoch.

Fluchend setzte der Anführer der Revolverschwinger die Winchester 66 ab. Die Pferde wurden allmählich langsamer, und der verdammte Kerl da vorne lief noch immer. Er musste Lungen haben wie ein Büffel, Beine wie eine Antilope. Er fiel einfach nicht um. Die steinernen Flanken der Berge waren jetzt zum Greifen nahe. Nur noch drei, vier sanfte Bodenwellen, dann würde Sheng in den Schatten der Steilwände und Schluchten eintauchen.

Matlock spornte seinen prustenden Gaul einen niedrigen Hügel hinauf. „Buffalo, zum Teufel, hierher! Jetzt bist du mit deiner Knarre dran!“

Der bärtige Kerl in der fransenverzierten, speckigen Lederjacke zügelte neben ihm sein Pferd. Seine derben Fäuste umklammerten ein langläufiges, weittragendes Sharps-Büffelgewehr.

„Gemacht!“, grinste Buffalo verkniffen und sprang ab. Er zog eine eiserne Stützgabel aus der Satteltasche und rammte sie tief in die Erde. Dann warf er eine Handvoll 54er Patronen daneben.

„Verdammt, beeil dich!“, fauchte Matlock. „Willst du, dass der Bastard uns im letzten Augenblick noch entkommt?“

„Der Kerl ist mir unheimlich“, murmelte einer aus seiner rauen Gefolgschaft. „Der läuft wie aufgezogen. So was hab’ ich noch nicht erlebt...“

Der Bandit verstummte unter Matlocks zornfunkelndem Blick.

Buffalo kniete nieder, legte den Lauf des schweren Büffelgewehrs in die Stützgabel und zielte sorgfältig. Plötzlich schaute er grinsend auf. „Eh, Wess, was gibst du mir eigentlich dafür, wenn ich ihn erwische?“

Matlock richtete die Winchester auf ihn. „Frag lieber, was du bekommst, wenn du ihn nicht erwischst.“

„Mach keinen Quatsch, Mann! War doch nur ’n Spaß!“, brummte Buffalo beleidigt.

Der Schuss dröhnte wie ein Kanonenschlag. Pulverdampf brodelte. Alle, die die Schießkünste des bärtigen ehemaligen Büffeljägers kannten, erwarteten, Sheng im Sand liegen zu sehen, als sich der beizende Qualm verzog. Aber Sheng lief. Er hatte nur plötzlich die Richtung geändert, gewarnt durch das Aussetzen der Hufschläge, durch die jähe Stille hinter sich.

Matlock fluchte, stieß Buffalo mit einem wütenden Fußtritt zur Seite und kauerte sich selber hinter das klobige, auf der Eisengabel ruhende Gewehr. Mit fliegenden Fingern schob er eine neue Patrone in die rauchende Kammer. Sheng war nur noch wenige Yards vor den Felsen. Ein enger Durchlass klaffte vor ihm.

Matlock feuerte. Der Rückstoß schlug ihm fast das Gewehr aus den Händen. Die Kugel meißelte einen Splitterwirbel von der Felskante vor Sheng. Der große, drahtige Mann lief genau darauf zu.

Matlock lud, schoss, lud und schoss wieder. Das Krachen war ohrenbetäubend. Die anderen mussten die erschreckten Gäule festhalten. Matlock sprang auf, versetzte auch dem Gewehr einen Fußtritt und stürzte wie ein Rasender zu seinem Pferd.

Da sahen es auch die anderen.

Sheng war fort. Der Schatten zwischen den Felsen hatte ihn verschluckt.

Die Banditen warfen sich in die Sättel. Matlock jagte bereits auf die Felsen zu, die anderen wie ein Mann hinterher. Die Erde zitterte unter den wild hämmernden Hufen. Die Halunken waren bereit, eher ihre Gäule zuschanden zu reiten, als das Wild, das sie jagten, entkommen zu lassen.

*

Sheng lag in einer schmalen, von niedrigem Gestrüpp gesäumten Felsrinne, als er sie kommen hörte. Die Kleidung klebte ihm schweißnass auf der Haut. Jetzt war auch er am Ende seiner Kraft. Aber unabhängig davon ging sein Atem gleichmäßig und ruhig, so wie er es damals vor langer Zeit bei seiner Ausbildung als Kung Fu-Kämpfer gelernt hatte. Vor einer Ewigkeit? In einer anderen Welt? Er dachte an die Mauern des Klosters vom Weißen Lotus, hinter denen er aufgewachsen war. An das gütige, ernste Gesicht seines Lehrers Li Kwan, der ihn die Weisheit des Tao Chi gelehrt hatte. Der Tod - war er wirklich nur eine Station in der endlosen Spirale allen unvergänglichen Seins?

Die klappernden Hufe kamen genau auf ihn zu. Sheng presste sich tiefer zwischen die schartigen Felsränder. Es war zu früh, um zu sterben. Er stand erst am Anfang jenes Weges, der ihm damals im Kloster vom Weißen Lotus jenseits des Ozeans vorgezeichnet worden war. Seine Muskeln spannten sich. Steine, von scharfkantigen Hufen losgerissen, kollerten in den Graben.

„Verdammt noch mal, er kann nicht weit sein! Haltet die Augen offen! Sucht nach Spuren!“ Das war Matlocks raue, hasserfüllte Stimme. Matlock würde sich kein zweites Mal in die Reichweite von Shengs wirbelnden Händen und Füßen wagen. Er würde schießen, genauso mitleidlos wie er auf den alten chinesischen Farmer geschossen hatte.

Leder knarrte, Gebissketten klirrten. Die Schatten von Reitern wanderten an den Grabenrändern entlang. Dann wurden die Hufschläge leiser, verstreuten sich zwischen den Felsen, verklangen.

Sheng blieb, wo er war. Die Sonne brannte auf seinen Rücken. Seine Kehle war ausgedörrt. Aber Hunger und Durst, Hitze und Kälte, alle Strapazen waren dazu da, um nicht nur ertragen, sondern besiegt zu werden. Sheng lebte. Das allein zählte. Sein Chi, seine innere Kraft, war stark.

Nach einer halben Stunde verließ er sein Versteck. Er kam nicht weit. Als er um eine Felsecke bog, sah er sich zwei Kerlen aus Matlocks Schießerbande gegenüber. Sie hockten im Schatten einer überhängenden Felswand. Hagere, staubbedeckte Gestalten mit wölfischen Gesichtern. Ihre erschöpften Pferde standen mit hängenden Köpfen neben ihnen. Sheng konnte nicht mehr zurückspringen. Wie der Blitz waren die beiden Kerle auf den Füssen und richteten ihre Colts auf ihn. Ein wildes Grinsen erschien auf ihren Gesichtern.

„Ich werd’ verrückt!“, krächzte der eine. „Da setzen wir uns heimlich von den anderen ab, weil wir keine Lust mehr haben, diese Irrsinnsjagd mitzumachen - und ausgerechnet uns kommt dieser komische Vogel in die Quere! He, Amigo, wie findest du das?“

„Ich finde, dass du dich zu früh freust“, erwiderte Sheng ruhig und ging langsam auf die beiden Schießer zu. Es gab nur noch eine letzte Chance, wenn er es schaffte, nahe genug an sie heranzukommen. In ihren eisigen Augen funkelte der Tod.

„Lass dich auf nichts ein, Jack!“, zischte der andere. „Matlock will ihn tot oder lebendig. Leg ihn um!“

Sheng lächelte spöttisch. „Wer sollte euch dann zu Yün Lan bringen?“, bluffte er.

Die Halunken zögerten. Sheng blieb stehen und breitete lässig seine offenen Hände auseinander, um zu betonen, dass er unbewaffnet war. Sein ausdrucksloses Gesicht verriet nicht, wie fieberhaft er auf die Reaktion der Revolverschwinger wartete. Da grinsten sie schon wieder. Geduckt, mit den Fingern an den Abzugshebeln, kamen sie auf ihn zu.

„Dreh dich um, du Bastard!“, fauchte Jack drohend.

Sheng gehorchte. Im selben Moment sah er den hochgewachsenen, sehnigen Mann auf einem zwanzig Schritte entfernten rundgeschliffenen Felsblock. Ein schwarzweiß geflecktes gesatteltes Pferd stand am Fuß dieses Felsens. Der Scabbard am Sattel war leer. Der kurzläufige Karabiner ruhte in den Fäusten des Sehnigen. Feuerstöße zuckten aus der Mündung, schienen direkt auf Sheng zuzustechen. Zwei blitzschnelle Schüsse, die wie einer klangen.

Sheng spürte den heißen Luftzug der Geschosse.

Zwei klatschende Einschläge hinter ihm.

*

Matlocks Schießer brachten keinen Schrei mehr über die Lippen. Sie stürzten wie schwere schlaffe Stoffbündel in den Sand.

Der Mann auf dem Felsen ließ das Gewehr sinken. Sein Gesicht lag im Schatten eines breitrandigen schwarzen Hutes. Auch seine Kleidung war schwarz: Hemd, hüftlange Jacke, Hose, Stiefel. Der hellbraune Gurt mit der auffällig tiefhängenden Colthalfter hob sich deutlich davon ab. Wie eine große geschmeidige Raubkatze sprang der Mann von der Klippe in den Sattel des reglos wartenden Pferdes. Er hielt den Karabiner quer vor sich. Ohne Hast ritt er auf Sheng zu.

Sheng blickte in die kältesten blauen Augen, die er jemals gesehen hatte. Ein dünner blonder Bart umrahmte das scharf geschnittene Gesicht des etwa dreißigjährigen Mannes. Er grinste schmal. „Ich bin Clint Dexter. Und du?“

Sheng nannte seinen Namen. Er stellte keine Fragen, sondern wandte sich den reglos im Staub liegenden Revolvermännern zu. Als er sie vorsichtig herumwälzte, erkannte er, dass es keine Hilfe mehr für sie gab. Blicklos starrten ihre aufgerissenen Augen in den glutüberhauchten Nevadahimmel. Jeder war mitten ins Herz getroffen. Sheng hörte Dexters gleichmütige Stimme hinter sich.

„Ich habe beobachtet, wie du Matlock abgehängt hast, Mister. Das war Klasse. Ich denke, wir werden gut zusammenarbeiten.“

Sheng richtete sich zwischen den Toten auf. Seine dunklen Augen hefteten sich ruhig auf den blonden, schwarzgekleideten Reiter.

„Das denke ich nicht. Diese beiden Männer da waren zwar meine Feinde, aber sie hatten keine Chance gegen dich ...“

Dexter hob das Gewehr. Die Mündung deutete auf Shengs Stirn. „Auch du wirst keine haben, wenn du nicht tust, was ich verlange. Komm mit!“

*

Der Lagerplatz lag in einem versteckten Felskessel. Ein niedriges Feuer gloste in der hereinbrechenden Dämmerung. In den Jahren seiner harten Erziehung zum Kung Fu-Kämpfer im Kloster vom Weißen Lotus hatte Sheng gelernt, seine Gefühle meisterhaft zu verbergen. So zeigte er auch jetzt keine Überraschung, als sich die schlanke, biegsame Gestalt einer jungen Frau neben dem Feuer erhob. Der Blick aus den dunklen, brennenden Augen in dem rassigen Gesicht glitt flüchtig über Dexter und blieb dann an ihm hängen. Rabenschwarzes Haar flutete auf die weichgerundeten Schultern der Frau. Sie trug eine leichte helle Bluse, die sich über ihren runden, festen Brüsten spannte, einen geteilten Wildlederrock und halbhohe Wildlederstiefel.

Dexter schob seinen Gefangenen mit dem Karabiner näher ans Feuer. „Er heißt Sheng. Matlock und seine Bastarde waren hinter ihm her. Ich konnte gerade noch verhindern, dass sie ihn umlegten. Er kam aus der Richtung von Yün Lans Farm. Schätze, er ist der richtige Mann für unseren Job.“

Ein paar Flammen züngelten höher. Sheng sah die gefesselte Gestalt bei den Kreosotsträuchern, die den Lagerplatz umschlossen. Es war ein junger schlanker Chinese in der zerschlissenen Kleidung eines Bahnbaukulis mit tiefliegenden, fiebrig glänzenden Augen starrte er zum Feuer. Seine ausgetrockneten Lippen bewegten sich tonlos. Sheng spürte eine eisige Kälte in sich aufsteigen. Trotzdem zwang er sich zu einem Lächeln.

„Guten Abend, Ma’am. Vielleicht bringen Sie Ihren Freund dazu, das Gewehr wegzutun. Ich mag es nicht, wenn man mich dauernd mit so einem Ding an den Rippen kitzelt.“

„Verdammtes Großmaul!“, fluchte Dexter. „Ich werd’ dir gleich ...“

„Lass das, Clint!“ Die Schwarzhaarige hob gebieterisch eine Hand, und Dexters zum Stoß erhobene Waffe sank herab. Die Frau kam um das Feuer herum. Ihr Gang war geschmeidig, katzenhaft. Ihr brennender Blick ließ Sheng nicht los. Lächelnd reichte sie ihm einen Becher mit heißem, würzig duftendem Kaffee.

„Mein Name ist Janet Willard. Es tut mir leid, dass Clint Sie wie einen Gefangenen herbrachte. Clint reitet als Revolvermann für mich. Leider ist er nicht immer sehr wählerisch in seinen Mitteln.“

Dexter knurrte etwas und spuckte aus. Der junge Gefangene am Rand der dunklen Sträucher versuchte sich stöhnend aufzusetzen. Sheng ging zu ihm und kniete nieder. Das Gesicht des Gefesselten war schweißbedeckt, von Fausthieben gezeichnet. Angst flackerte in seinen Augen, als Sheng sich über ihn beugte.

„Nein!“, keuchte er. „Nein, ich gehe nicht in das verfluchte Camp zurück! Alles, nur das nicht!“

„Du bist Yün Lan, nicht wahr?“, sagte Sheng ruhig. „Hab keine Angst, niemand wird dir etwas tun. Du musst nicht in das Bahnbaulager zurück. Hier trink. Es wird dir helfen.“

Er hielt ihm den Becher an die aufgesprungenen, rissigen Lippen. Mit den zitternden, vorne zusammengebundenen Händen griff der junge Chinese danach. Dexters wuchtiger Fusstritt prellte Sheng den Becher aus der Hand. Der heiße Kaffee schwappte auf die Erde. Dexters Gewehrmündung schob sich vor Shengs Gesicht.

„Du kennst ihn also. Er ist dein Freund. Das hab’ ich doch gleich vermutet, als ich dich aus der Richtung von der niedergebrannten Farm kommen sah. Um so besser! Um so eher wirst du tun, was wir von dir verlangen.“ Dexter grinste scharfzügig.

Langsam hob Sheng den Kopf. „Er hat Durst. Er ist krank. Was wollt ihr von ihm?“

„Dasselbe, was wir von dir wollen. Wir haben ihn vor Matlocks Sklavenjägern versteckt. Er ist wie du aus dem verdammten Bahnbaulager der Nevada Railroad Company geflohen, wo wir Janets verschollenen Bruder vermuten. Er sollte uns Gewissheit verschaffen, ob Joe Willard wirklich dort ist. Wenn ja, sollte er uns helfen, Joe dort herauszuholen. Der Narr wollte nicht. Er hatte tatsächlich mehr Angst vor Matlock und seinen Schießern als vor mir. Jetzt hat er nur noch eine Chance - dich. Du wirst für ihn zurückgehen, dich stellen und uns die Möglichkeit verschaffen, an Janets Bruder ranzukommen.“

„Ich komme nicht von der Bahn.“

„Du lügst.“ Mit einem wilden Ruck lud Dexter sein Gewehr durch. „Du siehst zwar nicht aus wie ein Kuli, aber welchen Grund hätten Frank Bennets Killer sonst, dich zu jagen?“ Der Karabiner schwenkte herum. Die Mündung zeigte auf den keuchend am Boden liegenden Gefangenen. „Er stirbt, wenn du den Job nicht für uns erledigst. Also?“

Sheng richtete sich langsam auf. Sein halb vom Feuer angestrahltes Gesicht war eine steinerne Maske. Die schöne schwarzhaarige Frau stand reglos auf der anderen Seite der Flammen. Sie machte diesmal keinen Versuch, Dexter zu bremsen.

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich lasse mich nicht erpressen ...“

Dexter war ein gefährlicher Bursche. Wachsam, misstrauisch, immer auf dem Sprung wie ein Wolf. Er war auf alles gefasst, nur nicht auf das, was jetzt kam. Sheng drehte sich halb, sein rechter Fuß zuckte hoch. Dexters Karabinerlauf flog nach oben. Sheng glitt geduckt vorwärts. Sein rechter Arm stieß wie eine angreifende Schlange auf den blondbärtigen Revolvermann zu.

Die Finger der flachen Hand waren bretthart zusammengepresst. Dexter spürte einen harten Schlag, der einen Punkt erwischte, von dem sich eine blitzschnelle Lähmung durch seinen ganzen Körper ausbreitete. Die Beine trugen ihn plötzlich nicht mehr. Er sank auf die Knie.

Die Schwäche dauerte nur kurz. Als Dexter aufspringen wollte, sah er sein Gewehr in Shengs ruhigen Händen.

„Verdammt!“, keuchte der Revolvermann. „Wie hast du das geschafft?“

„Kung Fu!“, lächelte Sheng frostig. Er wies mit dem Kopf auf den Gefangenen. „Binde ihn los!“

Dexter presste die Lippen zusammen. Er kniete noch immer. Die Flammen sanken tiefer, der Lichtschein schrumpfte. Dexters lange schlanke Finger näherten sich vorsichtig dem mit Kerben bedeckten Kolben seines tiefgeschnallten Colts.

„Tu, was er sagt, Clint!“, kam die herbe, dunkle Stimme der Frau über das Feuer. Sie bückte sich und warf trockenes Holz auf die Glut. Der Lichtkreis dehnte sich, und widerwillig zog der blonde Revolvermann die Hand von der Waffe zurück. Er stand auf.

„Du machst einen Fehler, Janet“, murmelte er gepresst, ohne den Blick von Sheng zu wenden.

„Vergiss nicht, Clint, wer hier die Entscheidungen trifft!“

Achselzuckend zog Dexter sein Bowiemesser aus der Lederscheide am Gürtel. Er wog die Klinge in der Hand, und Sheng ahnte, was jetzt hinter Dexters Stirn vorging. Er wartete unbewegt. Dexter neigte sich widerstrebend über den Gefangenen, zerschnitt erst seine Fussfesseln und dann die Riemen an seinen Handgelenken. Die Knöchel seiner Faust, die das Messer umspannte, traten weiß hervor.

„Wirf es weg“, sagte Sheng sanft.

Die Klinge schwebte über Yün Lans Kehle. Es war ein Augenblick, in dem das Feuer lauter zu knistern schien. Die Nacht umschloss das einsame Camp wie eine drohende schwarze Mauer. Dexter richtete sich auf und warf das Messer Sheng vor die Füße. Er grinste verkniffen.

„Du wirst nicht weit mit ihm kommen.“

Sheng zog den schwankenden jungen Kuli hoch. Das Gewehr blieb auf Dexter gerichtet. „Kannst du laufen?“

Yün Lan nickte. Er war jung und zäh. Er war der Hölle des Bahnbaus entronnen. Er würde alles tun, um sich nicht mehr erwischen zu lassen. Ungläubig starrte er den großen drahtigen Fremden an, der mit dem Gewehr neben ihm stand. „Wer bist du? Warum hilfst du mir?“

„Geh“, sagte Sheng ruhig. „Deine Schwester Chai Li wartet auf dich. Sie braucht dich. Sie ist jetzt ganz allein. Die Killer von der Bahn haben euren Vater getötet.“

Der junge Mann zuckte zusammen. Aufstöhnend presste er eine Hand über die Augen. „Geh“, wiederholte Sheng auf chinesisch. „Sei ein Mann. Lass deine Schwester nicht warten.“

Yün Lans Hand sank zitternd herab. Sein Blick war abwesend. Schweigend bückte er sich nach seiner lederüberzogenen Wasserflasche, die er sich an einem Riemen um den Hals hängte. Und ebenso schweigend verschwand er zwischen den hohen dunklen Sträuchern. Seine nackten Füße steckten in weichen Bastsandalen. Kein Laut war mehr von ihm zu hören. Ein wölfisches Lauern war in Dexters Augen.

„Du gehst nicht mit, Sheng?“

Shengs Antwort bestand darin, dass er das Gewehr entlud, es achtlos wegwarf und zum Feuer zurückkehrte. Dort kauerte er sich auf die Absätze, schöpfte mit einem Becher Kaffee aus dem Topf neben den Flammen und trank ruhig. Janet Willard stand nur zwei Schritte von ihm entfernt. Ihr Blick ruhte auf ihm. Ein seltsames Lächeln spielte um ihre lockenden Lippen. Plötzlich schaute sie auf. Ihre Stimme klang scharf und herrisch.

„Worauf wartest du, Clint? Kümmere dich um die Pferde!“

Sie setzte sich Sheng gegenüber auf einen morschen umgestürzten Baumstamm. Ihr Rock rutschte dabei ein wenig höher. Ihre Beine waren lang und wohlgeformt. Aber Sheng blickte in die Flammen. Es war, als hätte er alles um sich vergessen.

„Clint hasst Sie“, sagte die Frau leise. „Er kann es nicht ertragen, dass ein anderer Mann ihm überlegen ist. Hüten Sie sich vor ihm, Sheng. Er ist unberechenbar, mitleidlos. Manchmal habe ich Angst vor ihm.“

„Warum schicken Sie ihn dann nicht fort?“

Janet seufzte. „Er war der Einzige, der bereit war, für das Geld, das ich aufbringen konnte, mit mir zu reiten, um Joe zu suchen. Bis ich Sie traf, Sheng. Ich wusste gleich, dass Sie mir helfen würden, genau wie Sie Yün Lan geholfen haben.“

Sheng stellte den leeren Kaffeebecher neben sich auf die Erde. Das Feuer spiegelte sich in seinen dunklen, leicht geschlitzten Augen, die einem scharfen Blick seine chinesische Abstammung verriet. „Ich bezahle nur eine Schuld, und das wissen Sie. Ich bezahle für mein Leben und für Yün Lans Freiheit. Das war der Grund, warum Sie ihn gehen ließen.“

Janet lächelte. Im zuckenden Licht der Flammen war ihr schönes Gesicht weich und fraulich. „Sie sind ein Mann, dem nichts verborgen bleibt, Sheng, wie? Vielleicht haben Sie recht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keine Ruhe finde, bis ich Joe wiedersehe.“ Sie beugte sich vor. Ihr schmales rassiges Gesicht spannte sich. „Ich habe Angst um Joe. Angst davor, dass Frank Bennet, der Boss der Nevada Railroad Company, ihn für immer zum Schweigen bringen lässt, seit Joe nicht mehr bereit ist, mitzumachen ...“

„Wobei?“

Die Frau lächelte bitter. „Sie wissen doch, was da draußen an der neu entstehenden Bahnlinie los ist. Sie haben Yün Lan gesehen. Er ist bisher der Einzige, der Bennets Schießerhorde, die von Matlock angeführt wird, entkam. Aber Bennet ist noch schlimmer als Matlock und seine Kumpane. Ein Mann, der über Leichen geht, wenn er nur Erfolg und Reichtum erntet. Er hat von der Central Pacific den Auftrag zum Bau der Nebenstrecke nach Tonopah bekommen. Wenn er es zum festgesetzten Zeitpunkt schafft, ist er ein gemachter Mann. Aber das genügt ihm nicht. Er will sich nach Fertigstellung der Bahn als Millionär zur Ruhe setzen. Das heißt, er muss die Linie mit dem geringsten Aufwand bauen. Mit Kulis, die erbarmungslos verheizt werden, die von Matlock und seinen Banditen zu Sklavendiensten gezwungen werden.“

„Und was hat Ihr Bruder damit zu tun?“

„Joe ist Bahnbau-Ingenieur. Er ließ sich ahnungslos von Bennet anheuern. Aber Joe ist nicht der Mann, der Geld über alles stellt. Als er Bennets Methoden erkannte, wollte er seinen Job kündigen und Bennets Auftraggeber bei der Central Pacific verständigen. Er hatte noch Gelegenheit, mir diesen Entschluss mitzuteilen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Verstehen Sie jetzt, wie mir zumute ist, Sheng? Begreifen Sie jetzt, warum ich mich mit einem Mann wie Clint Dexter zusammentat?“ Verzweiflung brannte in ihren dunklen, faszinierenden Augen.

„Warum haben Sie Bennet nicht längst einen Marshal auf den Hals gehetzt oder seine Auftraggeber verständigt?“, fragte Sheng ruhig.

Müde schüttelte Janet den Kopf.

„Wenn Joe noch lebt, würde das sein Todesurteil bedeuten.“

Eine Weile war es still, dann erhob sich Sheng geschmeidig. „Es ist spät. Ich werde noch ein paar Stunden schlafen, um vor Morgengrauen zum Bahnbaulager aufzubrechen. Ich muss dort sein, ehe Matlock seine Suche nach mir aufgibt. Dieser Platz ist ein sicheres Versteck. Warten Sie hier in fünf Tagen auf mich - und auf Ihren Bruder.“

Dexters Tritte malmten hinter ihm. „Zum Teufel, Janet, du glaubst doch nicht wirklich, dass wir ihn je wiedersehen, wenn wir ihn morgen verschwinden lassen.“

„Doch“, sagte Janet leise, und ihre großen dunklen Augen sahen nur Sheng. „Ich glaube ihm.“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904260
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335765
Schlagworte
sheng jagd tiger-mann

Autor

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Titel: Sheng #1: Jagd auf den Tiger-Mann