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Gunfighter Trail #4: Ein Rächer namens Johnny Ringo

2016 120 Seiten

Leseprobe

Gunfighter Trail

 

Band 4

 

Ein Rächer namens Johnny Ringo

 

Ein Western von Aylin Carrington

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Johnny Ringo wird von dem Gunfighter Mike Rawn gegen seinen Willen herausgefordert und schwer verletzt. Als er Tage später endlich wieder auf seiner Farm ankommt, sind Eireen und das Kind tot. Voller Hass macht er sich auf die Suche nach Rawn, um ihn zu töten.

 

Roman

Johnny Ringo trank den letzten Schluck seines Bieres, stellte das Glas zurück auf die Theke und holte tief Luft. Er hatte gerade einen Zuchthengst sehr gewinnbringend verkauft und wollte sich nun auf den Rückweg zu seiner Farm machen. Sie lief gut und nächstes Jahr war er, wenn alles gut ging, soweit, um sogar einige Cowboys einzustellen.

Er seufzte. Vor sechs Monaten hatte er seinen Job als Deputy-Marshal an den Nagel gehängt, diese Farm gekauft und sich in der Zucht von Pferden versucht. Und alles nur, um Eireen und dem Kind ein Zuhause bieten zu können. Sie war nicht seine Frau, aber es gab niemanden, der sich um sie und das Baby, das sie erwartete, kümmerte und so hatte er sich ihrer angenommen.

Wen haben wir denn da? Wenn das nicht der berühmte Johnny Ringo ist.“

Der Gunfighter versteifte sich. Langsam wandte er den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Zu leugnen hatte keinen Sinn mehr, seine Reaktion hatte ihn bereits verraten.

Der Mann, der auf ihn zukam, war um die 30 und trug die beiden blank polierten Revolver ziemlich tief. Seine Silbersporen rasselten leise bei jedem Schritt und ein spöttisches Grinsen lag in seinen Mundwinkeln.

Fast wie von selbst legte sich Ringos Rechte auf seinen mit Perlmutt besetzten Revolverkolben. Er trug einen 45er Short-Barrel Peacemaker mit einem 12cm-Lauf. Der Lauf war wesentlich kürzer als der anderer Waffen. Eine teure Spezialanfertigung, die einem geübten Revolvermann wertvolle Sekundenbruchteile verschaffte.

Was willst du, Mike?“, fragte er leise. Seine Stimme war von einem dunklen Timbre geprägt und eine Gefährlichkeit schwang darin, die den Männern im Saloon das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Rawn blieb wenige Meter vor Ringo stehen. Jedes Gespräch im Saloon war verstummt. Die Saloonmädchen hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt und der Barkeeper hastete aus dem Schussbereich.

Das was alle Gunfighter wollen!“, antwortete Rawn.

Johnny schüttelte den Kopf. „Nein! Ich habe kein Interesse daran, mich mit dir zu schießen“, sagte er bestimmt.

Er schob seinen Hut ein Stück tiefer in die Stirn und wollte an Mike Rawn vorbei. Doch der packte ihn grob am Arm.

Lass mich los, Mike! Sofort!“ Seine Stimme war so kalt wie Eis.

Feigling!“, zischte der Gunfighter.

Ringos Augen blitzten. „Such dir jemand anders für deine Spielchen!“

Rawn ließ die Hand sinken. „Du wirst schon noch gegen mich antreten, das verspreche ich dir!“

Zwei Tage später auf dem Weg zu seiner Farm hatte Johnny diesen Vorfall schon wieder fast vergessen. Er hatte bereits sein Lager aufgeschlagen und kaute auf einem Stück Dörrfleisch herum, als er Hufgetrappel vernahm. Hastig sprang er auf und erwartete angespannt den Reiter. Er ahnte, um wen es sich handelte.

Was, zur Hölle, willst du?“, zischte Ringo.

Lachend glitt Rawn aus dem Sattel. „Ich glaube, diese Frage habe ich dir schon mal beantwortet.“

Ja. Und meine Antwort ist noch immer dieselbe.“

Was ist los? Du hast noch nie ein Duell ausgeschlagen. Im Gegenteil, du hast dich bisher in jeden Kampf gestürzt. Du bist gefürchtet. Wegen deiner Schnelligkeit und wegen deiner Kaltblütigkeit.“

Das geht dich einen Dreck an. Ich schieße mich nicht mit dir und jetzt verschwinde!“, erwiderte Johnny ungeduldig.

Und wenn nicht?“, fragte er provozierend.

Ringo wusste, dass sein Gegenüber es ernst meinte. Rawn wollte diesen Fight um jeden Preis.

Nun zieh schon!“ Noch während er diese Worte sprach, griff er zur Waffe.

Johnny spürte, wie die Kugel in seine linke Seite einschlug. Instinktiv fuhr seine Rechte zum Revolver. Doch ehe er die Waffe draußen hatte schickte eine weitere Kugel ihn in den Staub.

 

*

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis Ringo wieder zu sich kam. Der Morgen graute bereits. Stöhnend drehte er sich auf die Seite. Vorsichtig betastete er seine Stirn. Blut. Aber es war zum Glück nur ein tiefer Streifschuss. Der Durchschuss in seiner linken Schulter machte ihm dafür umso mehr Sorgen, auch wenn die Wunde bereits aufgehört hatte zu bluten.

Von Mike Rawn war nichts mehr zu sehen. Vermutlich hatte er seinen Gegner für tot gehalten.

Mühsam kam er auf die Beine und legte sich einen notdürftigen Verband an. Er brauchte einen Arzt, aber der nächste befand sich in Plainsborough. Seine Farm war dichter. Johnny beschloss erst mal dorthin zu reiten. Eireen würde sich schon um ihn kümmern.

Und so zog er sich stöhnend in den Sattel und trieb seinen Rappen an.

 

*

 

Der Buggy, der vor dem Haus stand, machte Ringo sofort stutzig. Er wusste, dass er Doc Johnsen gehörte, dem Arzt von Plainsborough.

Kaum war Ringo mehr aus dem Sattel gefallen als gestiegen, kam Johnsen auch schon zur Tür hinaus.

Ringos Menschenkenntnis war gut genug, um auf den ersten Blick zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war.

Johnny!“

Der Arzt fasste ihn an den Schultern und musterte ihn entsetzt. „Du … Oh mein Gott, du bist voller Blut und hast hohes Fieber, was ist passiert?“

Ich bin angeschossen worden. Vor zwei Tagen. Ich … ich musste viele Pausen machen unterwegs.“ Er schwankte. Ihm wurde schwindelig, doch dann fasste er sich wieder. „Was ist mit Eireen? Wie geht es ihr und dem Kind?“

Johnsen seufzte und über sein Gesicht huschte ein Schatten von Trauer. „Es tut mir leid, Johnny, aber …“

Ben!“ Ringo fürchtete sich vor dem, was der Alte gleich sagen würde.

Johnny, ich … Ich habe alles getan, was ich konnte, aber es gab Komplikationen. Die beiden starben bei der Geburt. Vor etwa einer Stunde. Es tut mir leid!“

Johnny konnte, nein, wollte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Eireen durfte nicht tot sein. Er liebte sie doch! Bei Gott, ja, das tat er tatsächlich. „Nein!“

Ringos Schrei ging Johnsen durch Mark und Bein.

Johnny riss sich los, wankte zur Hütte. Das konnte alles nur ein Alptraum sein. Eine Halluzination im Fieberwahn. Sicherlich saß sie drinnen und wartete auf ihn.

Geh nicht da rein, Junge! Tu dir das nicht an!“, rief Johnsen ihm hinterher. „Johnny, bitte!“

Doch Johnny hatte schon die Tür aufgerissen. In der kleinen Hütte war es stickig und der durchdringende Geruch nach Blut ließ ihm fast übel werden. Im Schlafzimmer ließ er sich neben dem Bett auf die Knie sinken. Bleich und mit starren Augen, die roten Haare wie ein ausgebreiteter Fächer unter ihrem Kopf, lag sie da. Neben ihr, in ein Tuch gewickelt, das tote Baby.

Zärtlich strich er ihr über die kalte Haut.

Eireen“, flüsterte er. Heiße Tränen rannen seine Wangen hinab und fielen auf den Boden.

Johnny!“ Mitfühlend legte Johnsen ihm eine Hand auf die Schulter.

Ich hätte früher hier sein müssen“, murmelte Ringo.

Das hätte nichts geändert, Junge, gar nichts. Mach dir keine Vorwürfe.“

Meine Vergangenheit hat mich eingeholt. Jemand hat mich herausgefordert. Ich wollte mich nicht schießen, aber er zwang mich dazu. Er zog zuerst.“

Lass es gut sein“, sagte der Arzt sanft. „Komm mit mir in die Stadt! Deine Wunden müssen unbedingt versorgt werden und ich schicke jemanden, der sich um Eireen und das Baby kümmert.“

Doch der Gunfighter reagierte nicht.

Johnny …“, der Arzt wusste, wie schwer es war einen geliebten Menschen zu verlieren. Und gleichzeitig wusste er auch, dass er nichts tun konnte, um seinem Freund zu helfen. „Du bist verletzt. Komm mit!“, drängte er mit sanfter Stimme.

Doch Johnny schüttelte entschieden den Kopf. „Bitte geh, Ben! Lass mich allein!“

Johnsen ließ seine Hand sinken und seufzte. Er konnte Ringo nicht zwingen mitzukommen und sich behandeln zu lassen. „In Ordnung. Ich komme heute Abend noch mal vorbei.“

Er erwartete nicht, noch eine Antwort zu bekommen, schloss leise hinter sich die Tür und stieg auf seinen Buggy.

Auf dem halben Weg in Richtung Stadt kam ihm Ray Scheffield, der Sheriff, entgegen. Dieser tippte kurz an seinen Hut und nickte. „Howdy, Ben.“

Hallo, Ray.“

Ich wollte dich gerade holen. In der Stadt gab es eine Schießerei.“ Er zögerte. Musterte seinen alten Freund skeptisch. Krauste dann die Stirn. „Du siehst müde aus.“

Johnsen holte tief Luft. „Ich habe die halbe Nacht und den ganzen Tag vergeblich versucht, Eireen und ihrem Kind das Leben zu retten. Und zu allem Überfluss …“

Oh, mein Gott!“ Scheffield blickte plötzlich starr Richtung Osten.

Sofort drehte der Alte sich um. Dunkler Rauch verdunkelte den strahlend blauen Himmel.

Das kann nur Johnnys Farm sein! Komm!“ Er gab seinem Pferd die Sporen.

Ben Johnsen hatte alle Mühe mit seinem Buggy hinterher zu kommen.

Auf der Farm sprang Scheffield sofort aus dem Sattel.

Was hast du getan?“, fragte er fassungslos.

Der Sheriff riss Ringo herum, der mit verzerrtem Gesicht in die Flammen gestarrt und die Ankunft der beiden Männer gar nicht bemerkt hatte.

Johnny!“ Scheffield schüttelte ihn. „Hast du den Verstand verloren?“, schrie er.

Nein. Nur alles, was mir im Leben wichtig war!“ Seine Augen glänzten und Johnsen war sich nicht sicher ob im Wahn oder vor Fieber.

Krachend brach die Hütte zusammen. Funken stoben und der Geruch nach verbranntem, menschlichem Fleisch machte sich breit. Dem Sheriff wurde schlecht.

So dicht wie möglich trat Johnny an das lodernde Holz heran. „Alles habe ich verloren“, flüsterte er. Etwas in ihm war zerbrochen. Etwas, das ihm vorher Halt gegeben hatte, das ihn zu einem anständigen Menschen gemacht hatte. Langsam zog er den Revolver und spannte den Hahn.

Einen Augenblick später stand Ben Johnsen neben ihm und versuchte ihm die Waffe wegzunehmen. „Junge, sei doch vernünftig!“

Nein!“, seine Stimme überschlug sich fast. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Es war ein Wunder, dass er sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte.

Johnny, es reicht! Hör auf! Eireen wird nicht wieder lebendig, wenn du dir eine Kugel durch den Kopf jagst. Johnny!“

Einen Moment war Scheffield versucht den Arzt zurückzuhalten. Sollte sich Ringo doch eine Kugel durch den Schädel jagen, was ging es ihn an? Ein Gunfighter weniger! Dann siegte seine Vernunft. Mit ein paar großen Schritten war er hinter Johnny und schlug ihm den Lauf seines Revolvers auf den Kopf.

Bewusstlos sackte Ringo zu Boden.

Scheffield seufzte und steckte seine Waffe zurück. „Komm, Ben, bringen wir ihn in die Stadt!“

 

*

 

Wie geht es ihm?“ Der Sheriff lehnte sich an den Türrahmen und sah zu, wie Johnsen seinen Patienten zudeckte. Ringo lag im Gästezimmer von Johnsens Haus, sein Gesicht fast so weiß wie das Laken unter ihm.

Nicht gut“, antwortete der Arzt bedauernd. „Es hat ihn nicht schlimm erwischt, aber die Wunde hat sich entzündet. Er hat hohes Fieber und eine Gehirnerschütterung. Sein Gegner muss ihn für tot gehalten haben.“

Scheffield verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte. „Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn er sich eine Kugel durch den Schädel gejagt hätte“, murmelte er.

Ray!“

Du kennst ihn genauso gut wie ich! Er hat sein unstetes Leben nur wegen dieser Irin aufgegeben. Jetzt ist sie tot. Was glaubst du, was ihn jetzt noch hier hält? Nichts, gar nichts. Er wird wieder losziehen und jeden gottverdammten Gunfighter herausfordern, der ihm über den Weg läuft. Bis eines Tages jemand schneller ist als er.“

Aber die Farm …“, wandte Johnsen ein.

Ach Ben! Dieses Stück Land wird ihn nicht halten. Es hat ihm nie wirklich etwas bedeutet.“

Vielleicht könnte er bei McDowell Arbeit finden. Der sucht immer gute Cowboys.“

Ray seufzte. „Du willst es nicht verstehen, oder? Naja, sag mir Bescheid, wenn er wieder aufwacht. Ich muss jetzt zurück in mein Office. Und dann schicke ich jemanden zu Johnnys Farm, der sich um die Tiere kümmert.“

Der Arzt nickte. „Sag mal, ist Gary nicht zufällig in der Nähe?“

Der Gesetzeshüter kräuselte die Stirn. „Ja, ich glaube er wollte diese Woche in Wilmington sein. Wieso?“

Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, wenn du ihm telegrafierst. Vielleicht kann er den Jungen wieder zur Vernunft bringen.“

In Ordnung. Obwohl ich der Meinung bin, dass dem nicht mehr zu helfen ist!“ Damit drehte er sich um und schloss hinter sich die Tür.

Kurze Zeit später betrat Johnsens Tochter das Krankenzimmer.

Geh dich ausruhen, Vater“, sagte sie sanft und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich bleibe hier!“

Danke, Kleines!“

Joanne ließ sich auf den Stuhl sinken. Seufzend strich sie Johnny über die schweißnasse Stirn. Aus der Schublade des Nachttisches nahm sie eine Bibel und begann dem Bewusstlosen vorzulesen.

Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz! Ich rufe an den Herrn, den Hochgelobten, so werde ich vor meinen Feinden errettet. Es umfingen mich des Todes Bande und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. Des Totenreiches Bande umfingen mich und des Todes Stricke überwältigten mich. Als mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel und mein Schreien kam vor ihm zu seinem Ohr.“

 

*

 

Drei Tage später traf Gary Bates ein.

Ben Johnsen und Ray Scheffield saßen auf der Veranda vor Westons Praxis und standen auf, als sie ihn die Main Street hinaufreiten sahen.

Bates stieg aus dem Sattel und band sein Pferd an den Holm. Man sah ihm an, dass er wie der Teufel geritten sein musste.

Komme ich zu spät?“, fragte er, das Schlimmste fürchtend, und klopfte sich den Staub aus der Kleidung.

Nein“, antwortete der Arzt. „Es geht ihm zwar sehr schlecht, aber er lebt. Noch. Schön, dass du hier bist, Gary!“ Der Alte gab ihm die Hand.

Danke, dass ihr mich benachrichtigt habt. Ich wollte sowieso vorbeikommen und Johnny besuchen. Hallo, Ray!“

Die Miene des Sheriffs war nicht gerade freundlich. „Hallo, Gary! Mit diesem Johnny hast du uns ganz schön was aufgehalst!“

Der Rancher seufzte. „Es tut mir leid, Ray. Ich weiß nicht, welchen Eindruck du von ihm hast, aber er ist ein guter Junge, wirklich!“

Der Sheriff polierte mit seinem Hemdärmel den Stern auf seiner Brust. „Zum einen ist er kein Junge mehr, sondern ein Mann. Und zum anderen ist er verdammt gefährlich. Ich habe bisher niemanden gesehen, der schneller den Revolver aus dem Holster hat als er. Und er zieht den Ärger an wie totes Aas die Geier.“

Ray …“

Lass gut sein, Gary! Ich weiß nicht, warum er dir so viel bedeutet, aber das ist letztendlich deine Sache. Jedenfalls bin ich froh, wenn er wieder auf die Beine kommt und Plainsborough verlässt!“

Bates wusste, was vor ein paar Monaten passiert war. Scheffield hatte es ihm geschrieben. „Trotzdem danke für alles, was du für ihn getan hast, Ray. Kann ich zu ihm, Ben?“

Natürlich.“

Johnny hatte immer noch hohes Fieber. Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere.

Als sich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, wandte er den Kopf. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Gegen das Licht der hereinflutenden Sonne hob sich dunkel eine Gestalt ab.

Ringo schluckte. Dieser Mann war gekommen, um ihn umzubringen! Er griff an seine Seite, doch jemand hatte ihm seinen Revolvergurt abgenommen. Stöhnend versuchte er sich aufzurichten. Nein, er würde sich nicht abknallen lassen wie ein räudiger Köter!

Laut hallten die Schritte auf dem Dielenboden, so dass Johnny glaubte, sein Schädel würde platzen.

Bleib liegen, Johnny!“

Hände schlossen sich um seine Schultern und drückten ihn sanft, aber bestimmt auf das Bett zurück.

Nein!“ Er wehrte sich gegen den Griff.

Bates sah, wie ausgemergelt und schwach Ringo war und es tat ihm in der Seele weh.

Ich bin es, Johnny, Gary Bates.“

Ringo bäumte sich auf. Die Schmerzen machten ihn wahnsinnig. Und das Fieber in ihm schien ihn zu verbrennen. Wie durch einen Schleier vernahm er die Stimme des Ranchers.

Es ist alles in Ordnung, beruhige dich, Johnny!“

Tot“, murmelte er. „Alle sind sie tot!“

Noch immer hielt Bates Ringos Schultern umklammert. „Ich weiß, dass Eireen und das Kind tot sind“, flüsterte er. „Aber es war nicht deine Schuld, Johnny. Nichts von all dem, was in den letzten Jahren passiert ist, war deine Schuld. Du bist kein Mörder, Johnny! Und du kannst das Schicksal nicht ändern. Und gib jetzt nicht auf! Es hat dich ziemlich erwischt, aber du wirst es schaffen!“

Bates nahm aus der Schüssel, die auf dem Nachttisch stand, ein feuchtes Tuch und wischte Ringo damit das Gesicht ab. „Halt durch, Johnny!“, sagte er eindringlich.

Ringo schloss wieder die Augen und stöhnte.

Hier!“ Johnsen drückte dem Rancher ein halbvolles Glas in die Hand.

Bates roch daran und verzog angewidert das Gesicht.

Gegen das Fieber und die Schmerzen. Versuch ihm etwas davon einzuflößen. Wenn er diese Nacht übersteht, wird er es vermutlich schaffen.“

Das wird er, Ben, er ist ein Kämpfer.“ Doch die Angst in seinen Augen strafte seine Worte Lügen.

Ich weiß. Aber er hat auch alles verloren, was er besaß. Was für einen Sinn hat das Leben noch für ihn?“

Er hat seinen Stolz und seine Ehre, und das ist weit mehr, als manch anderer hat!“

Es gelang ihm tatsächlich, dass Ringo einige Schlucke trank. Doch keine Minute später drehte er sich ruckartig zur Seite und erbrach wieder alles.

Verdammt!“, fluchte Bates.

Ich kümmere mich darum“, sagte Joanne, die schon eine ganze Weile in der Tür gestanden hatte, und nun mit einem Eimer Wasser und ein paar Tüchern hereinkam. „Hallo, Gary!“ Sie berührte ihn kurz am Arm.

Hallo, Joanne! - Ich bin gleich wieder da!“

Rasch ging Bates hinüber in das Wohnzimmer und holte aus der Bar eine Flasche Whiskey. Damit kehrte er dann zu Ringo zurück, setzte sich auf die Bettkante, füllte das Glas mit dem Alkohol auf und flößte dem kaum ansprechbaren Gunfighter die Flüssigkeit ein.

Gary!“ Wütend riss der Alte ihm das Glas aus der Hand. „Bist du verrückt? Du bringst ihn mit dem Alkohol um!“

Er hat Schmerzen, Ben, siehst du das nicht? Und wenn ein Mann was schluckt, wenn es ihm dreckig geht, dann ist es Whiskey!“

Das ist Blödsinn! Der Alkohol schadet ihm nur! Gib ihm doch gleich eine Waffe, damit er sich eine Kugel durch seinen verdammten Dickschädel jagen kann!“

Es reicht!“, zischte Bates leise, aber dafür umso gefährlicher.

Fahrig fuhr Johnsen sich mit der Hand durch das Gesicht. „Entschuldige, Gary, es war nicht so gemeint. Ich weiß, dass der Junge dir viel bedeutet. Aber warum? Warum kümmerst du dich um ihn? Gary, merkst du denn nicht, wie sehr er dich beeinflusst? Du hast ihm einen Job gegeben, Kleidung und Geld und hast wegen ihm diesen McLaury erschossen. Und wie hat er es dir gedankt? Er ist abgehauen und hat den nächstbesten Gunfighter herausgefordert. Gary, ich habe nichts gegen diesen Jungen, um Gottes willen, er tut mir genauso leid wie dir und ich bedaure, was ihm alles bereits widerfahren ist, aber …“

Aber was?“

Gary, ich würde es ungern sehen, wenn dich eines Tages eine Kugel erwischt, die für ihn bestimmt ist!“

Das lass meine Sache sein, Ben!“

Verdammt, du würdest sogar für ihn sterben, nicht wahr, Gary?“, fragte Johnsen herausfordernd.

Bates presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

Bedauernd schüttelte der Alte den Kopf. „Das würde Billy auch nicht wieder lebendig machen“, sagte er schließlich. Dann legte er Bates kurz die Hand auf die Schulter und verließ das Zimmer.

Der Rancher ließ sich wieder auf das Bett sinken. Behutsam deckte er Johnny zu und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.

Es wurde eine lange Nacht für Gary Bates.

Und wie er so dasaß in dem Sessel neben dem Bett, in dem Johnny um sein Leben kämpfte, musste Bates unwillkürlich an seinen Bruder denken …

Es war in Ragtown gewesen. Er und Bill waren seit Wochen unterwegs, hatten mal auf dieser und mal auf jener Ranch gearbeitet, aber lange an einem Ort gehalten hatte es sie nicht.

Billy Bates war ein Abenteurer, ein Vagabund, der nicht viel für Arbeit übrig hatte, dafür aber umso mehr für Frauen, Karten und Alkohol.

Täglich verbrachte er mehrere Stunden damit, auf Dosen und alles andere, was nicht schnell genug flüchten konnte, zu schießen. Er war zwar schnell, aber viel zu unsicher und zu nervös.

Jeden Tag redete Gary auf seinen Bruder ein, das Schießeisen stecken zu lassen und endlich irgendwo länger als einen Monat zu bleiben. Doch Bill war rastlos und trotz seiner 20 Jahre brannte noch immer in ihm das unbändige Feuer der Jugend.

Und schließlich kam es, wie es kommen musste. Um sich und der Welt etwas zu beweisen, forderte er eines Tages Andrew MacLaine heraus. Gary hatte versucht, ihn von diesem Duell abzuhalten, und dafür mit einem blauen Auge bezahlt.

Drei Tage quälte sich Billy mit einem Bauchschuss, ehe er endlich in den Armen seines Bruders starb.

Gary Bates schreckte hoch. Er war im Sessel eingeschlafen. Er gähnte und warf einen Blick auf die Uhr. Halb eins. Schlaftrunken stand er auf und reckte sich.

Willst du dich nicht drüben in das zweite Gästezimmer legen?“ Ben Johnsen kam mit einer neuen Schüssel Wasser herein und stellte sie leise hin.

Nein, danke!“ Bates schüttelte den Kopf.

Johnny erinnert dich sehr an deinen Bruder, nicht wahr?“, fragte er sanft.

Ja.“

Gary, du solltest die Toten endlich ruhen lassen.“

Ben, wenn ich kann, werde ich mit allen Mitteln verhindern, dass dieser Junge dasselbe Ende nimmt wie Billy!“

Der Arzt seufzte. „Selbst du kannst Gott nicht ins Handwerk pfuschen. - Gute Nacht, Gary!“

Gute Nacht!“

Bates ließ sich wieder in den Sessel sinken und starrte auf den unruhigen Jungen. Er fragte sich, von welchen Schrecken Johnny des Nachts wohl geplagt wurde.

Erst als der Morgen graute, sank das Fieber und Johnny fiel in einen erholsamen Schlaf. Fast schien es, als hatte es Garys Anwesenheit dafür bedurft.

Gegen Mittag schlug er die Augen auf. Es dauerte eine Weile, bis er sich daran erinnerte, was passiert war. Mit einem Ruck setzte er sich auf – und zuckte vor Schmerzen zusammen. Ein paar Minuten blieb er einfach sitzen und kämpfte gegen die Übelkeit und die rasenden Kopfschmerzen an.

Gary, der am Fenster stand und auf die Main Street hinausblickte, drehte sich lächelnd um. „Hunger?“, fragte er.

Ringo schüttelte entschieden den Kopf. Er war noch immer blass.

Bates seufzte. Es schien dem Jungen trotzdem besser zu gehen. „Ich sage Ben Bescheid, dass du wach bist. Und ein Bad könntest du auch vertragen!“

Johnny ließ sich wieder in die Kissen zurückfallen. Als sein Blick auf die Whiskeyflasche neben dem Bett fiel, griff er danach. Er trank gegen die Schmerzen und die Qualen seiner Seele.

Von diesem Zeitpunkt an sah Gary Bates mehrere Wochen lang zu, wie sich Ringo Tag für Tag betrank. Wenn er halbwegs nüchtern war, trainierte er hinter der Praxis. Er wurde noch verschlossener als er es ohnehin schon war. Der Rancher ahnte, dass Ringo dabei war, die letzte Grenze zu überschreiten, die Linie zwischen einem verbitterten Gunfighter hin zu einem eiskalten, skrupellosen Mörder.

Jeden Tag redete er ihn auf den Jungen ein. Er versuchte es ihm Guten, appellierte an seine Vernunft. Doch Ringo wollte ihm nicht zuhören. Nur noch der Gedanke an Rache beherrschte ihn.

Irgendwann war Garys Geduld am Ende. Die Zeit drängte, er musste wieder zurück auf seine Ranch und Ringo saß nur noch von morgens bis abends im Saloon und ließ sich volllaufen. Als er spät in der Nacht zurück in Johnsens Haus kam, platzte Bates der Kragen.

Ringo nahm sich aus der Bar eine Flasche und ließ sich damit auf das Sofa fallen.

Wütend riss Gary sie ihm aus der Hand. „Es reicht jetzt, Johnny!“, sagte er scharf. „Der Alkohol löst deine Probleme auch nicht! Eireen ist tot, die Farm verbrannt, das ist nicht mehr zu ändern. Man hat dich verletzt, angeschossen, deinen Stolz angekratzt, deine Ehre gekränkt. Du hast dich eine Weile verkrochen und deine Wunde geleckt, aber jetzt steh endlich wieder auf!“

Ja, reden Sie nur“, murmelte er. Er hatte weitaus mehr getrunken als sonst.

Komm, lass ihn einfach seinen Rausch ausschlafen“, sagte Johnsen beschwichtigend. Er ahnte, dass die beiden jeden Augenblick aneinandergeraten würden.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904253
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335759
Schlagworte
gunfighter trail rächer johnny ringo

Autor

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Titel: Gunfighter Trail #4: Ein Rächer namens Johnny Ringo