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Die Mörder lauern im Dunkeln: Drei Krimis

2016 900 Seiten

Leseprobe

Die Mörder lauern im Dunkeln: Drei Krimis

Horst Bieber

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Die Mörder lauern im Dunkeln: Drei Krimis

von Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 795 Taschenbuchseiten.

Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter „Verfahrenstechniker“, ein revolutionärer neuer Kunststoff und der „Bolzen“, ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Bolzenschüsse

Am Grab meiner Liebe

...acht, neun, aus?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

BOLZENSCHÜSSE

von Horst Bieber

Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter „Verfahrenstechniker“, ein revolutionärer neuer Kunststoff und der „Bolzen“, ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

Personenverzeichnis

Gero Ackermann (Acko) vorbestrafter Dieb, auf Reststrafenbewährung draußen!

Gudrun (Fifi) Prosch, Bürobotin in dem Chemieunternehmen OLDECO, Ackos Freundin und Komplizin

Dr.Holger Stempel, Verfahrenstechniker in der OLDECO

Dr.Christine Manderscheid, blonde Mitarbeiterin in der OLDECO

Felix Bande, Personalchef der OLDECO

Uwe Lambert, Eigentümer der Uwe-Lambert-Chemie ULC

Lisa Otten, Kriminalhauptkommissarin

Heiko Möller, Kriminalkommissar, Lisas Kollege

Ewald Korte, Staatsanwalt

Markus Schreiber, Chef der OLDECO, mit Staatsanwalt Korte aus Studienzeiten befreundet

Leopold (Poldi) von Issen, Lebemann und Villenbesitzer.

Babette Günther, Go-Go-Tänzerin imTambourin, Fifis Nachbarin

Adele Hüllsen, lebt freiwillig auf der Straße und kennt Acko.

Dietrich Hüllsen, Adeles Ehemann, reich und gewissenlos

Alle Namen und Taten, Firmen und Organisationen, alle Orte und Plätze sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch den "Bolzen" und den "Sonnenofen" gibt es (leider) noch nicht, aber daran wird – unter anderen Namen – ernsthaft gearbeitet und geforscht.

Teil 1

1. Sieben Personen saßen in einer Reihe und starrten wie gebannt auf den großen Flachbildschirm, auf dem aber nicht Spannendes ablief. Gezeigt wurden nur zwei digitale Messgeräte, die Ziffern auf dem linken näherten sich der Null, und rechts wechselten die Ziffern von 99.9 auf 100.

"Das war's", sagte der Mann ganz rechts, der ein Schaltgerät mit Tasten auf den Knien liegen hatte. „Test 11 111 ist abgeschlossen."

"Schauen Sie mal nach, Stempel", sagte der Mann in der Mitte der Gruppe. Er hatte die Sechzig überschritten; seine kurz geschnitten drahtigen Haare waren schlohweiß, aber alles an ihm verriet noch Energie und Selbstbewusstsein. Jan Röder hatte zwar noch gehofft, aber eigentlich nicht mehr erwartet, dass er kurz vor Ende seiner Dienstzeit bei der OLDECO noch solch ein Projekt bis zum Beginn der Serienfertigung managen würde.

"Schauen Sie mal nach, Stempel?", wiederholte der Weißhaarige.

Der Mann mit dem Schaltgerät bediente ein paar Tasten, auf dem Bildschirm erschienen Grafiken und Tabellen. "Keine Abweichungen", verkündete er dann stolz, „nicht einmal im Promille-Bereich."

"Was heißt das genau?", fragte Markus Schreiber. Kerado, von der Belegschaft allgemein nur der Bolzen genannt, war das erste große Projekt in seiner Funktion als Geschäftsführer und Leiter der Chemiefirma OLDECO.

"Dass wir zehntausend Zyklen garantieren können." Röder lachte vor Stolz. "Getestet unter allen Bedingungen, schnelle und langsame Ladung, schnelle und langsame Entladung, von einem Zufallsgenerator gesteuert und kombiniert, wie auch die Ladung, schnell oder langsam, alles kunterbunt durcheinander."

"Na, Herr Doktor Zukunft, zufrieden?", wandte sich Schreiber an seinen Nachbarn. "Können wir es damit riskieren?"

Oliver Rinkum überlegte einen Moment, dann sagte er laut: "Ich denke, wir können."

Seine Nachbarin war eine auffallende Frau, mit einem sehr schönen Gesicht, überschlank, mit weißblonden, ganz kurz geschnittenen Naturlocken, die ihr wie eine Kappe eng am Kopf anlagen, nur zwei vorwitzige Löckchen kitzelten ihre Stirn.

"Ich hab' nichts dagegen", sagte sie nach einer Pause, in der alle auf sie warteten, "dann bin ich jetzt dran – oder?"

"Langsam, langsam", bremste Schreiber. "Eine Nacht dürfen wir nach diesem Erfolg schlafen und müssen erst morgen was Neues beginnen?!"

"Jetzt kommen bestimmt die Würmer", knurrte Talkow, der zusammen mit Stempel die Testreihe entworfen, aufgebaut und durchgeführt hatte.

"Wie meinen Sie das?", fragte Schreiber nervös.

"Ungeziefer, Schädlinge, Neugierige, Parasiten. Süße, reife Früchte verlocken mehr als saure."

Alle lächelten still vor sich hin, Talkow litt an einer milden Form von Paranoia und witterte überall Verrat, Spionage und Betrug.

Stempel schaltete schon die Geräte aus und Schreiber sagte: "Wer möchte, ist auf diesen Schnapszahlerfolg herzlich in mein Büro eingeladen zu einem Champagner, einem Whisky oder einem sehr trinkbaren Rotwein. Herr Stempel, wir heben Ihnen eine Flasche auf." Stempel hatte noch zu tun. Der Verfahrenstechniker war zugleich zuständig für die Dokumentation, die Datensicherung und die Zusammenstellung der Dokumente und Beiträge für die Patentanmeldung des Bolzens. Außerdem hatte er mit einer eigenen Arbeitsgruppe die ersten Anlagen für die großtechnische Herstellung des Bolzens entworfen. So wichtig er für das gesamte Projekt war, so wenig beliebt war er bei den andern Leitenden Mitarbeitern der OLDECO. Niemand würde bedauern, wenn er sehr spät zur Feier nachkam.

––––––––

2.Mit dem finanziellen Ergebnis des Nachmittags war Acko alle andere als zufrieden. Früher waren die Menschen an diesen ersten sommerlich warmen Tagen unvorsichtiger, auch leichtsinniger oder großzügiger gewesen, hatten häufiger die Geldbörse für Blumen, Eis oder Kaffee mit Kuchen gezückt und ihre Wertsachen vertrauensvoller in offenen Taschen, Beuteln und Sahne oder Kleidertaschen herumgetragen. Heute schienen alle nur darauf bedacht, ihre Euros zusammenzuhalten oder gegen Diebe und Langfinger zu schützen. Von der inzwischen fast lückenlosen Videoüberwachung öffentlicher Plätze und Straßen ganz zu schweigen. Dabei war Acko dringend auf diesen Nebenverdienst angewiesen. Was man ihm bei citopress zahlte, reichte vorne und hinten nicht. Wichtiger als der Hungerlohn in der Schnelldruckerei war die Tatsache, dass er bei Kontrollen einen festen Wohnsitz und einen festen Arbeitsplatz angeben konnte, außerdem eine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung besaß. Den Rest zum Leben musste er mit Diebstählen verdienen, wenn er nicht zum Sozialamt gehen wollte. Dabei war die Nebenarbeit schon schwer genug geworden: Fifi, seine Partnerin, die ihm bei der "Arbeit" geholfen und ihm unbemerkt die Sachen abgenommen hatte, die er gerade aus fremden Taschen und Tüten gefischt hatte, war Knall auf Fall gegangen. Da sei ein anderer gekommen, der ihr mehr bieten könne, finanziell und auch erotisch. Acko vermisste sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch immer mehr im Bett. Und weil ein Unglück selten allein kommt, hatte es auch seinen Stammhehler erwischt; der wartete jetzt auf seinen Prozess, und Acko musste sich einen anderen zuverlässigen Abnehmer suchen, was leichter gesagt als getan war.

Auf der obersten Stufe der Treppe, die vom Rathausmarkt zum Stadtweiher führte, saß auf einem Stapel alter Zeitungen Adele und sonnte sich. Er setzte sich neben sie:

"Hei, Dele." Sie mochte ihren Vornamen Adele nicht und bestand darauf, von allen Freunden und Bekannten mit "Dele" angesprochen zu werden.

"Hei, Acko. Wie geht es dir?"

"Bescheiden. Und dir?"

"Wenn man sich in der Sonne den Pelz aufwärmen kann, geht's mir immer gut."

Adele Hüllsen lebte seit zwei Jahren auf der Straße. Warum sie aus einer großen Villa, von einem gut verdienenden Ehemann und zwei fast erwachsenen, bildhübschen Töchtern fortgelaufen war, warum sie auf eine Rolle in der Gesellschaft verzichtet hatte, wusste niemand. Über die Gründe schwieg sie eisern, ebenso über ihren großen Bekanntenkreis aus früheren Tagen, und die Gäste des "Hotels Straße" waren in dem Punkt diskret und nicht übermäßig neugierig. An sehr kalten Abenden, wenn es zu schneien begann, war Adele gelegentlich zum "Nachtexpress" gekommen, so nannten die Obdachlosen den Bus, der abends eine warme Suppe, heißen Kaffee oder Tee, manchmal auch Decken und Tabletten, Handschuhe, Mützen und Schals zu den bevorzugten Schlafstellen brachte. Wenn es seine Zeit und seine Börse erlaubten, fuhr Acko auf dem Bus mit und spendete sogar für die private Organisation, die den "Nachtexpress" finanzierte. Fifi hatte sich immer kranklachen wollen: "Deine gute Tat für heute? Oder willst du Punkte für die letzte Gerichtsverhandlung da oben sammeln?"

"Fifi, wer weiß, ob wir nicht eines Tages auch froh sind, wenn es so etwas noch gibt."

Das glaubte sie nicht, Fifi war Optimistin, recht hübsch und ausgesprochen sexy, aber auch etwas dümmlich und ziemlich leichtsinnig, aber fest von sich überzeugt. Sie hatte eine gute Figur und unbestreitbare Qualitäten im Bett. Doch mit dem Posten einer Hausbotin der Innenverwaltung des Chemieunternehmens OLDECO hatte sie durchaus die Grenzen ihrer intellektuellen Fähigkeiten erreicht. Weil ihre Ansprüche ihr Gehalt bei weitem überstiegen, beteiligte sie sich gegen einen festen Anteil an Ackos Diebstählen, wobei sie sich sehr geschickt anstellte.

"Wo ist Fifi? Ich habe sie lange nicht mehr gesehen."

"Sie hat einen Besseren gefunden und mich wegen des Kerls von jetzt auf nachher sitzen lassen."

"Das tut mir leid, Acko. Kommst du denn alleine klar?"

"Na ja, so ungefähr. Und wie sieht es bei dir aus?"

"Na ja, so ungefähr." Sie imitierte ihn perfekt und lachte aus voller Kehle. In solchen Momenten war sie eine bezaubernd schöne Frau, der man die Monate auf der Straße und die Nächte in Hauseingängen nicht ansah. In einigen extrem kalten Winternächten war sie zu Acko gekommen und hatte bei ihm auf der Wohnzimmer-Couch geschlafen und morgens geduscht, worüber Fifi, die viel Egoismus und wenig Mitgefühl besaß, sich immer tierisch aufgeregt hatte. Sie mochte Adele nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

"Soll ich dir helfen, Dele?"

"Einen Fünfer könnte ich gut gebrauchen, doch, ja. Ich muss mir in der Bahnhofsdrogerie was kaufen."

Er gab ihr zwei Fünfer, bei guten Taten sollte man nicht knausern, auch wenn er danach total blank war.

"Danke, Acko. Jetzt hast du wenigstens zweimal Hilfen bei mir gut."

"Toi,toi,toi, Dele."

Dele wusste, wie er einen Teil seines Lebensunterhaltes "verdiente". Sie hatten sich im Kaufhaus Leydemann kennen gelernt. Acko kam gerade mit der Hand aus der Einkaufstasche einer Kundin, die vor ihm am Reklamations- und Umtauschschalter stand und eine große Show abzog. Er wollte das geangelte Portemonnaie in einer seiner Anoraktaschen versenken, als etwas sein Handgelenk umklammerte. "Leg' da sofort in die Tasche zurück oder ich breche dir den Arm", zischte eine Frauenstimme in sein Ohr. Acko gehorchte, weil er keine Aufmerksamkeit erregen wollte, aber beglückwünschte sich später, dass er keinen Widerstand versucht hatte. Die Frauenstimme gehörte einer Adele Hüllsen, einer Speerwerferin, die im deutschen Olympiaaufgebot gestanden hatte. Wenn sie zugriff, hörte er die Englein im Himmel singen. Ihre Töchter, beide fast erwachsen, hatten ihre Sportlichkeit geerbt. Charlotte war deutsche Jungendmeisterin im Florett, Claudia schwamm bereits Rekordzeiten.

Dass sie nebenbei auch noch sehr gute Schülerinnen waren, verstand sich fast von selbst.

Zu Ackos erster Beute heute Nachmittag hatte eine noch gültig Tageskarte für die Verkehrsbetriebe gehört, so dass er ohne Sorgen in den 37er Bus steigen und zum Stadtparksee fahren konnte. Vielleicht ergab sich dort noch eine Chance in den Freiluftcafés am Strand.

Und jetzt schien ihm tatsächlich das Glück hold zu sein. Als er am großen Parkplatz vorbeiging, hörte er direkt neben sich das Knacken einer fernbedienten Auto-Schließanlage. Aber aus dem silbergrauen Kabrio war niemand ausgestiegen. Zwanzig, dreißig Meter entfernt hatte wahrscheinlich ein Autobesitzer über Funk seinen Wagen verriegeln wollen und dabei unbeabsichtigt die verschlossenen Türen des Kabrios entriegelt. Acko sah sich um. Weit und breit niemand zu sehen. So leicht wurde es ihm selten gemacht. Blitzschnell hatte er die Fahrertür aufgezogen und sich hinter das Steuer geschwungen. Auf dem Beifahrersitz lag unter eine Decke ein schwarzes Aktenköfferchen aus glattem Leder. Acko konnte sein Glück nicht glauben. Das Köfferchen hatte zwei Zahlenschlösser, die beide nicht auf irgendeine Kombination eingestellt waren, sondern nach einem einfachen Druck auf den Schieber aufsprangen. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren und sich lange mit dem Inhalt des Aktenköfferchens beschäftigen. Wer konnte wissen, wann der Eigentümer zurückkam. Aus seiner Jackentasche fischte er einen leeren "Einkaufsbeutel", eine feste, graue, undurchsichtige Plastiktüte ohne Aufdruck, kippte den Inhalt des Köfferchens hinein und genehmigte sich noch einen Blick in das Handschuhfach: Papiertaschentücher – nichts für ihn. Ein Leder-Mäppchen mit Visitenkarten – eine pulte er sich heraus. Dr. Christine Manderscheid, keine Anschrift, aber mehrereTelefonnummern, Festnetz und Handys. Der feste Briefumschlag enthielt Bargeld, ziemlich viele Scheine sogar mit beachtlich vielen Nullen hinter den Ziffern.

Acko versenkte alles in seiner grauen Plastiktüte und machte, dass er aus dem Kabrio herauskam. Nach diesem Coup musste er heute nichts mehr riskieren, er wartete auf den nächsten 37er, mit dem er zum Schraderkamp fuhr. Als der Bus in Sicht kam, warf er die zerrissene Visitenkarte in den Papierkorb.

Das Haus Schraderkamp 33 hatte vier Stockwerke und ein ausgebautes Dachgeschoss. Dort lebte Acko in einer winzigen Dreizimmerwohnung, wenig komfortabel, aber eben mit einer festen Anschrift, wichtig für einen Vorbestraften, der auf Reststrafenbewährung draußen war. Die Miete war erschwinglich, auch für einen Mann, der zum Leben nebenbei klauen musste.

Natürlich schaute er sich zuerst den Inhalt seiner Plastiktüte an. Das auffallendste Stück war eine DVD in einer halb durchsichtigen Papiertüte mit einem Klebeverschluss, der aber noch offen war. Er versuchte, auf seinem Computer die Datei zu öffnen. Doch DVD und sein Computer hustete ihm etwas, drei Passwörter wurden von ihm verlangt, und ein Text unter den Boxen warnte ihn, dass nach dem Scheitern des dritten Öffnungsversuches der Inhalt der Scheibe unwiederbringlich gelöscht würde. Na prima! Er legte die silberne Scheibe in den Papierumschlag zurück und steckte den in seinen Nebenarbeits-Anorak, der über geheimnisvolle Taschen und Schlitze und versteckte Reißverschlüsse verfügte. Geld ließ sich nicht identifizieren, aber mit so einer Scheibe konnte man ihn leicht als Dieb überführen. Das Bargeld war viel lohnender, fast dreitausend Euro, und er kontrollierte jeden einzelnen Schein sorgfältig: Keine Markierungen, kein Hinweis auf eine Fälschung.

Das Geld verstaute er zum größten Teil in seinem Versteck hinter den Küchenfliesen.

Dann erstarrte Acko. Es klingelte an der Haustür. So schnell konnte die Polizei ihn doch gar nicht finden? – Oder? Fliehen oder verstecken war unmöglich.

Nach dem dritten Klingeln hatte Acko auf den Öffner gedrückt, die Wohnungstür aufgezogen und hinuntergeschaut. Er traute seinen Augen nicht. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war doch nicht...? Doch dann blieb die Gestalt, leise schnaufend, auf dem letzten Treppenabsatz stehen und schaute zu ihm hoch.

"Guten Abend, Acko", sagte Fifi leise, fast demütig, "darf ich reinkommen?"

Acko überlegte eine lange halbe Minute, bevor er nickte und zur Seite trat: "Komm rein!"

Fifi trug einen bunten, sommerlichen, weiten Rock, dazu ein weißes Shirt mit einem beachtlichen Ausschnitt, das große rote Flecken aufwies.

"Was ist denn das?", fragte Acko und deutete auf die roten Stellen.

Sie schluchzte auf: "Das ist Blut, er hat mir ein paar gescheuert, dass meine Nase wie verrückt geblutet hat."

"Ihr habt euch also gezankt?"

"Und wie! Er hat mich rausgeschmissen, hochkant, Acko, und gedroht, wenn er mich das nächste Mal sähe, würde er mit alle Knochen brechen. Ich habe Schiss und weiß nicht, wohin, Acko. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Bist du mir noch böse? Ich weiß, ich habe dich schäbig behandelt. Kannst du mir noch mal verzeihen? Bitte!"

Acko hatte keine Ahnung, für wen Fifi ihm den Laufpass gegeben hatte, aber der Gute musste ein gefährliches Temperament haben. Dass Fifi für ihr Verhalten eine Tracht Prügel verdient hatte, würde Acko nicht bestreiten, aber nun schien sie den Lohn für ihre Untreue schon erlitten zu haben, und da musste er nicht nachtragend sein.

"Okay", sagte er deshalb ruhig. "Wir können es ja noch einmal miteinander versuchen."

"Danke", flüsterte sie erleichtert, "ich bin froh, dass ich dich angetroffen habe."

"Ist was passiert?", wollte er wissen, von ihrem Ton beunruhigt.

Sie schaute ein paar Sekunden an ihm vorbei, bevor sie schluckte.

"Hast du was dagegen, wenn ich mir das Shirt ausziehe?"

"Fifi, was soll das?"

Sie deutete nur auf einen der dunklen Flecken: "Ich würde das gern auswaschen. Das Shirt war teuer."

Ihr weinerlicher Tonfall alarmierte ihn: "Was ist denn das?"

"Blut aus meiner Nase, Acko."

"Was ist denn passiert?"

Dass es so schnell zwischen dem Neuen und Fifi zu Ende gehen würde, hatte Acko nicht angenommen. Dass er sie vermisste, im Bett und bei der Arbeit auf der Straße, wusste sie bestimmt. Und weil er noch zögerte, setzte sie hinzu: "Natürlich arbeiten wir wieder zusammen, Acko."

Er sinnierte noch, ob er ihr vom Parkplatzcoup am Stadtparksee erzählen sollte, beschloss dann aber, lieber den Mund zu halten. Fifi war nicht sehr helle: Dass der neue Freund sie vielleicht gewaltsam vor die Tür gesetzt hatte, weil er irgendwie erfahren hatte, dass sie mit einem vorbestraften und bei der Polizei zu gut bekannten Taschendieb einmal liiert war, kam ihr nicht in den Sinn. Der Neue konnte schließlich auch Dreck am Stecken haben und deswegen Begegnungen mit der Polizei vermeiden.

Fifi hatte Acko genau beobachtet und schien sein Schweigen als Zustimmung auszulegen. Sie zog das Shirt über den Kopf, ließ den Rock und den Slip fallen, öffnete ihren BH und verschwand mit allen Kleidungsstücken hüfteschwenkend im Bad, wo zuerst die Dusche zu rauschen begann und dann Wasser in die Badewanne lief. Sie kannte sich aus und wusste, wo er Waschpulver, Handtücher, Seife und das Klappgestell zum Trocknen aufbewahrte. Als sie ihr Verhältnis begannen, konnte sie nicht schnell genug ihre Liliputanerwohnung in der Öttlingergasse verlassen und zu ihm in den Schraderkamp ziehen. Immerhin hatte sie ihre Wohnung nicht gekündigt, auch nicht, als der Neue ihr große Traum-Villen und Luxus-Apartments in aller Welt versprach. Schwerfällig ging er in die Küche und holte sich ein Bier, mit dem er sich in das Wohnzimmer setzte. Pech und Glück hatten zwei Dinge gemeinsam: Erstens konnte man sie nicht beeinflussen, sie kamen und gingen, wie sie wollten und zweitens liebten beide es, gehäuft aufzutreten. Dass die liebe Fifi die Treue nicht erfunden hatte, wusste er; in dem Punkt hatte er sich nie Illusionen gemacht.

Acko hatte, nachdem er mit seiner Firma als selbständiger Büromaschinenmechaniker gescheitert war und er auf einem Haufen Schulden saß, sich als Taschendieb betätigt, war mehrmals geschnappt und schließlich verurteilt worden. Nach der Entlassung aus der Haft auf Reststrafen-Bewährung war er von Pontius zu Pilatus gelaufen, um Arbeit zu finden und zum Schluss dann doch im Rahmen eines staatlichen Wiedereingliederungsprogramms bei citopress in der Frankfurter Straße untergeschlüpft, weil ein Knastkumpel den Laden, der seinem Bruder gehörte, leitete. Dort werkelte Acko in der Schnelldruckerei und dem angeschlossenen Copy-Shop mit einem immerhin unbefristeten Anstellungsvertrag teils als Maschinenmechaniker und Hilfsdrucker, teils als Fahrradbote, lieferte Ware aus. Wenn er dort entlassen werden sollte, würde es eng für ihn werden, das wusste er. Auch die Wohnung hatte er über citopress bekommen, und mit Otto Maibaum, dem Bruder des Eigentümers von citopress, verstand er sich gut. Im Knast lernte man selten echte Freunde kennen, Otto war für Acko die große und wichtige Ausnahme.

Fifi kam aus dem Bad und hatte sich seinen viel zu großen Bademantel angezogen. Als der sich zum ersten Mal soweit öffnete, dass Acko erkennen konnte, was sie alles darunter nicht trug, stellte er ihr die letzte Frage, die er sich selbst gestellt hatte: "Warum bist du zu mir gekommen, Fifi, und nicht nach Hause gegangen?"

Sie schluckte und zögerte: "Erstens würde mir dort die Decke auf den Kopf fallen und zweitens kennt er die Wohnung. Da bin ich nicht mehr sicher vor ihm."

"Hat er denn einen Grund, dir was anzutun, nachdem ihr euch getrennt habt?"

"Er ist jähzornig und zu allem fähig. Ich möchte ihm lieber aus dem Weg gehen, am liebsten mit dir verreisen, Acko."

Eine wunderbare Einsicht. Sie machte alles leichter. "Okay, wir hauen übermorgen ab. Dann ist dein Rock auch wieder trocken – oder?"

"Doch, doch, Acko. Aber das ist auch schon morgen wieder trocken."

"Hm. Kennt er meinen Namen und meine Anschrift?"

"Nein, von mir nicht."

"Fifi, ich habe Otto fest versprochen, noch vor Monatsende eine ganze Menge Bestellungen auszuliefern. Morgen bin ich noch gut beschäftigt, tut mir leid. Du weißt, ich darf diesen Job nicht verlieren."

Sie nickte eifrig. Das verstand sie. "Dann kann ich auch bei meiner Firma vorbei und versuchen, Urlaub zu bekommen. Dieser Bandel ist mir noch einen Gefallen schuldig." Das sagte Fifi von vielen Männern, denen sie mal einen Blick in ihre großen Ausschnitte gegönnt hatte, das hatte nicht viel zu bedeuten. Bei Fifi wusste man nie so genau, ob sie so naiv war oder das gerade nur hervorragend spielte. Richtig hieß sie Gudrun Prosch, wie sie an den Spitznamen "Fifi" gekommen war, wusste sie angeblich nicht mehr. Gero Ackermann fand seinen Namen auch nicht umwerfend hübsch, hatte sich aber an die Zusammenziehung zu Acko mittlerweile gewöhnt. Er lächelte und sie rückte ein Stück näher an ihn heran.

3.Der Mann, der gegen 19 Uhr die 110 wählte, hatte eine auffallend tiefe Stimme und sprach sehr langsam und deutlich, irgendwie sehr höflich und diszipliniert.

"Guten Abend. Ich wollte melden: Im Haus Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Guten Abend, würden Sie mir bitte Ihren Namen sagen?"

"Nein", antworte der Bass ganz ruhig. "Im Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Und wer sind Sie?"

"Das werde ich Ihnen nicht sagen." Damit legte der Unbekannte auf. Der Polizist in der Zentrale versuchte, den Anrufer zu lokalisieren. Wie befürchtet, hatte der eine der letzten noch funktionierenden Telefonzellen am Hauptbahnhof benutzt. Der Wachhabende zögerte und rief dann doch seinen Chef an.

*****

Die Hauptkommissarin Lisa Otten und ihr Kollege, Kriminalkommissar Heiko Möller, sahen sich betreten an. Es war schon eine ziemliche Schweinerei im Sängerweg 29, die Streife hatte im Arbeits-/Wohnzimmer des kleinen Hauses eine männliche Leiche gefunden, die wahnsinnig stark geblutet hatte. Der Arzt richtet sich auf: "Ein Stich ins Herz, wahrscheinlich mit diesem Brieföffner da. Wenn ich mich nicht irre, hat der Täter mit seinem Stich die Aorta direkt am Herzen getroffen. Der Mann ist verblutet."

"Hätte man ihn retten können?"

"Vielleicht."

"Und wann ist er gestorben?"

"Mit dem üblichen Vorbehalt: zwischen 17 und 18 Uhr."

Lisa Otten trat einen Schritt näher heran und deutete auf die Brusttasche des jetzt völlig rot durchfeuchteten hellblauen Oberhemdes. "Seidel, was ist das?"

Der Leiter der Spurensicherung beeilte sich, mit einer Pinzette ein kleines Stück Pappe oder festes Papier aus der aufgesetzten Hemden-Brusttasche zu ziehen. Von der Schrift war nichts mehr zu lesen.

"Das müssen wir erst trocknen und dann rekonstruieren, Lisa."

"Ich bitte darum." Ob der Bass, der sie informiert hatte, Zeuge des tödlichen Stiches gewesen war? Oder ihn gar selbst ausgeführt hatte?

Der Täter hatte, wie die Streife und dann die Kripo, das Erdgeschoss durch die jetzt halb offenstehende Haustür oder die nicht geschlossene Verandatür betreten, die bei diesem schönen Wetter wohl den ganzen Nachmittag offen gestanden hatte; Einbruchspuren waren weder an den Türen noch an den Fenstern zu entdecken. Der tote Hausbewohner hieß laut Türschild Dr. Holger Stempel, was ein herbeigekommener neugieriger Nachbar aus Nr. 27 bestätigte, und arbeitete, wie der Nachbar ausgesagt hatte, bei der OLDECO, einem Chemieunternehmen am Stadtrand. Nein, von einer Ehefrau oder der Familie des Totenwisse er nichts.

Lisa Otten verabschiedete sich und bedankte sich bei dem Kollegen Möller, der noch bleiben und die Tatortaufnahme zu Ende führen würde. Er war zehn Jahre jünger als seine Chefin und wusste, dass sie in ihrem Berufsleben genug Opfer von Gewalt gesehen hatte und wenig Wert darauf legte, ein weiteres genau und länger zu inspizieren.

4.Acko war kein Fahrradbote, der behelmt auf einem Rennrad und mit einem Rucksack auf dem Rücken jede Lücke nutzte, um möglichst rasch voranzukommen, dazu war sein uraltes Rad mit den Hängetaschen viel zu schwer beladen, und der kleine zweirädrige gummibereifte und bis oben hin vollbepackte Karren bremste zusätzlich. Er hatte gut zu strampeln und musste sich, bevor er bei citopress vom Hof fuhr, erst einmal eine Rundtour ausgeknobelt haben, um bis zum Mittag möglichst alle Lieferungen erledigt zu haben. Er hatte Otto, der Acko trotz der Vorstrafen eingestellt hatte, fest zugesagt, bei Kunden seine Finger im Zaum zu halten und alles zu unterlassen, was dem Geschäft schaden konnte. Daran hielt er sich auch, und manchmal hatte Acko den Eindruck, dass irgendjemand gute Vorsätze umgehend auch belohnte. Schon an der ersten Ampel, an der er warten musste, blieb eine mittelalterliche Frau mit einer offenen Einkauftasche neben ihm stehen. Das obenauf liegende Portemonnaie war geradezu eine Bitte zuzugreifen, Acko widersetzte sich dem nicht, bog in die nächste Einfahrt ein und zog zwei Fünfziger, einige Zwanziger und Zehner aus der Geldbörse, wischte diese gründlich ab und ließ sie an der nächsten roten Ampel unauffällig in den Rinnstein fallen. Scheck- und Kredit- und Rabattkarten interessierten ihn nicht. Zwischen die Geldscheine war ein Abholzettel eines Fotoateliers geraten, den er in einer "Sonderabteilung" seines Anoraks verstaute. Das Studio Holten lag auf seinem Heimweg und die unbekannte Einkäuferin hatte ihm genug Geld zukommen lassen, sich den Luxus zu erlauben, seiner Neugier einmal nachzugeben.

Sein nächster "Spender" war ein junger Mann in einer leichten Sommerjacke, mit weiten aufgesetzten Taschen, aus denen Acko mühelos einen Schlüsselbund, einen Briefumschlag und als "Zugabe" ein Schweizer Armeemesser holte. Das traf sich gut, die Anschrift auf dem Umschlag verriet Acko, zu welcher Haus- und Wohnungstür die Schlüssel passen mochten. Die Teile versenkte er in seinem Nebenarbeits-Anorak und zog die Reißverschlüsse sorgfältig zu. Der Briefumschlag duftete schwach nach Sandelholz und hatte einen aufgedruckten Absender: Anja Trimborn, Lotharstraße 44.

In der Kanzlei Hendricks bekam er ein ordentliches Trinkgeld, eine Tasse Kaffee und die Gelegenheit, sich einen weißen Fuß zu machen, als die ansehnliche Brünette am Empfang aufstand, um irgendwohin zu verschwinden.

"Hallo, Frau Eller", rief Acko ihr nach und als sie sich etwas unwirsch umdrehte, deutete Acko auf den Ring, den sie sich spielerisch abgezogen und auf dem Tisch vergessen hatte.

"Vielen Dank", sagte sie ehrlich erleichtert, "er ist ein Geschenk meines Freundes, aber wir haben ihn wohl doch etwas zu klein gekauft, er kneift."

"Der Ring?", rutschte Acko heraus und sie musste lachen. "Natürlich, der Freund kneift nicht, und wenn, dann nur so, dass es mir Spaß macht."

Acko zwinkerte ihr weltmännisch zu, bedankte sich für den Kaffee und ging. Gegen zwölf Uhr hatte er das Gros der Ware abgeliefert und rollte Richtung Frankfurter Straße, rechnete bei citopress ab und gönnte sich ein ungestörtes Essen in der "Eintopfbude". Auf dem Heimweg machte er einen kleinen Umweg und ging am Studio Holsten vorbei. Die Bilder waren fertig, und die Bedienung fragte harmlos: "Kommt Frau Liesen nicht?"

Acko musste improvisieren: "Sie hat mich gebeten, die Bilder abzuholen, weil sie beim Einkaufen heute Morgen bös umgeknickt ist und einen richtig dicken Knöchel bekommen hat."

"Die Ärmste."

"Essigsaure Tonerde und ein schöner Verband helfen. Man sollte die guten alten Hausmittel nicht verachten." Die Bedienung musterte ihn seltsam und sagte nichts mehr. Den seltsamen Blick verstand Acko, als er sich in seiner Wohnung die Fotos genauer anschaute. Nur Pornoaufnahmen von jungen Mädchen. Acko hatte nichts gegen nackte Frauen, weder in natura noch als Bild, aber diese Fotos widerten ihn an. Er zerriss sie in kleine Stücke und warf die Fetzen in den Abfalleimer.

5.Fifi hatte nach dem Frühstück noch eine Stunde geschlafen, sich dann in der Firma krank gemeldet – in der Stadt grassierte eine Sommergrippe, und in der Personalabteilung der OLDECO zweifelte niemand an ihrer Begründung. Dann führte doch kein Weg daran vorbei, aus ihrer Wohnung etwas Garderobe zu holen und ein kleines Köfferchen zu packen. Die Öttlingergasse war so schmal, dass Passanten mit ausgebreiteten Armen beide Hauswände links und rechts berühren konnten. Im Flur von Nummer 7 begegnete ihr Babette. Babette schien keinen Familienname zu besitzen, an der Klingel und an der Wohnung im Parterre stand nur "Babette, Tänzerin". Sie machte kein Geheimnis daraus, was und wo sie tanzte. Vom klassischen Ballett war es weit entfernt, und das vorwiegend männliche Publikum legte wenig Wert auf Kostüme. Gebräunte Haut tat es auch. Fifi und Babette waren keine allerbesten Freundinnen geworden, aber sie kannten sich bald gut genug, dass Babette ihr gestand, sie lasse imTambourin die Hüllen fallen. Und Fifi gewöhnte sich daran, mit einer Vertrauten ihre Sorgen besprechen zu können.

"So, wie du aussiehst, könntest du da doch auch anfangen", meinte Babette treuherzig und streichelte ihr über die Hüften. Aber als Fifi hörte, was man bei dieser Tätigkeit verdiente, hatte sie abgewinkt, aber zögernd zugestimmt, als Babette vorschlug, mit ihr einmal eine Junggesellenparty im Schlosshotel Bardensteinzu besuchen. Der einladende Club Singleboys übernahm Fahrt- und Übernachtungskosten, spendierte ein Buffet und Getränke und wenn die Clubmitglieder im Verlaufe des Abends mit einer Tanzpartnerin auf ihre Zimmer verschwinden wollten, wurde das allgemein akzeptiert. Was hinter verschlossenen Türen passierte, und was die Junggesellinnen von ihren Junggesellen hinterher "geschenkt" bekamen, interessierte niemanden, so lange alles geräuschlos und skandalfrei ablief. Eifersucht war sozusagen verboten, und wenn eine Frau nach einem Zimmerausflug bald mit einem anderen Mann dessen Zimmer besichtigte, war das völlig normal und akzeptabel. Fifi hatte es bald in einer Nacht auf fünf Zimmergänge gebracht, was Babette ehrlich erstaunte. Fifi, die damals schon als Bürobotin in einem Chemieunternehmen arbeitete, erzählte ihrem Acko nicht, wo sie manche Nacht von Samstag auf Sonntag verbrachte, erst recht nicht, als sie bei einem dieser Singelboy-Treffen einen Mann kennenlernte, der ehrliches Interesse an ihr zu haben schien. Holger war ein sehr gut verdienender Chemiker, aber ein total unbeschriebenes Blatt, was Frauen betraf. Fifi brachte ihm sozusagen die Grundbegriffe der Erotik und Sexualität bei und lehnte es bald ab, für diese Lehrstunden Geldgeschenke anzunehmen. Sie erhoffte sich mehr und Holger bestärkte sie systematisch in diesem Irrtum. Holger und Fifi sahen sich also fast täglich in der Firma, aber sie durften und wollten sich dort nichts anmerken lassen und Fifi gewann bald den Eindruck, dass es Holger sogar sehr lieb war, wenn sie in der Firma auf Distanz und per "Sie" verkehrten. Doch so billig sollte er ihr nicht davonkommen, sie war fest entschlossen, ihn zur Rede zu stellen und eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu erzwingen.

Babette war erstaunt, als Fifi sie eines Abends fragte, ob sie nicht mal wieder mit nach Bardenstein kommen könne.

"Ist es aus mit deiner großen Liebe?"

"Noch nicht, aber ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern."

Heute winkte Babette ihr aufgeregt zu: "Hast du eine halbe Stunde Zeit?"

"Wofür?"

"Alexander ist da und möchte gerne Modenschau veranstalten. Wir könnten doch mal als Kolleginnen auftreten."

Alexander war ein Ferkel, aber ein Ferkel mit Geld, wahrscheinlich impotent, ein Voyeur und ein nicht zu bremsender Fummler. Jede zweite Woche schleppte er einen Koffer voller Dessous an, die Babette vorführen und vor seiner Kamera an- und ausziehen musste. Die Dessous durfte sie neben dem Honorar behalten und das machte die halbe Stunde Modenschau zu einem lukrativen Job.

Fifi war einverstanden, Alexander überschlug sich vor Begeisterung und eine knappe Stunde später besaß Fifi etwas, womit sie ihr Köfferchen und ihr Portemonnaie füllen konnte. Sie hätte gut die doppelte Menge Scheine kassieren können, aber sie wollte sich nicht von Alexander anfassen lassen. Dafür bedankte sich Babette herzlich.

Stempels Leiche war gestern für das tagesjournal im dritten Fernseh-Programm zu spät gefunden worden. Das holte das dritte heute in aller Ausführlichkeit nach und Acko begriff Fifis Aufregung erst, als der Name OLDECO gefallen war.

"Kennst oder besser: Kanntest du diesen Holger St.?"

"Das muss der Doktor Stempel sein. Natürlich kenne – kannte ich den. Na, das wird ja eine Aufregung in der Firma sein."

Über Täter und Motiv konnten alle Beteiligten nur spekulieren, ebenso über den Anrufer, der die Polizei informiert hatte. An der Aussage der Polizei-Pressesprecherin, es gebe keine Spuren und Zeugen, zweifelte Acko. Er wusste aus eigener leidvoller Erfahrung, dass sich die Kripo zu Beginn einer Ermittlung nicht gern in die Karten gucken ließ. Was im Behördendeutsch "aus ermittlungstaktischen Gründen" hieß.

6.Am nächsten Morgen saß der Kollege Möller schon wieder am Schreibtisch, als Lisa Otten ins Präsidium kam. Neues gab es nicht.

"Zuerst zur OLDECO?"

"Am besten sofort." In der Firma schien niemand das tagesjournal zu sehen. Jedenfalls war kein Anruf eingegangen, der sich nach Holger St. erkundigen wollte.

7. Das Chemieunternehmen OLDECO war in einem supermodernen Hochbau am Stadtrand untergebracht. Durch die Flurfenster an der Rückseite hatte man einen beeindruckenden Blick über die Kessel, die verschiedenfarbigen Rohrleitungsbündel, seltsamen Apparate mit merkwürdig gekrümmten Zu- oder Ableitungen und hutartigen Aufsätzen, bunkerähnlichen Bauten, Säulen und Silos. Ein riesiges Gelände, auf allen Seiten mit einem hohen, festen Zaun abgesichert, den Nato-Stacheldraht krönte. Möller wollte wetten, dass die Geräte auf den hohen Masten bewegliche Video-Überwachungskameras waren. Auf anderen Masten waren ganze Scheinwerferbatterien installiert, die das dicht bebaute Gelände, das drei bis vier Fußballfelder groß war, im Alarmfall taghell erleuchten konnten. "Toll!", murmelte Möller. Die Sonne glitzerte auf den silberfarbenen Rohren und blendete. Es würde wieder heiß werden, eigentlich zu warm für die Jahreszeit.

Die ganze Anlage verbreitete nur ein leises summendes Geräusch, es roch zart nach Vanille und Lavendel; das Werksgelände der OLDECO schien menschenleer zu sein. Jenseits des Zaunes zog und schob eine kleine Lok Kesselwagen hin und her.

In Zimmer 425 erwartete sie ein großer, schlaksiger Mann in einem hellgrauen Maßanzug. Lisa schätzte ihn auf zweite Hälfte dreißig. Er hatte eine betrübte Miene aufgesetzt, seine brünetten Naturlocken zerrauft und war von einem Besuch der Kriminalpolizei gar nicht begeistert.

"Guten Tag, mein Name ist Felix Bandel, ich bin der Personalchef der OLDECO."

"Lisa Otten, Kriminalhauptkommissarin, mein Kollege Heiko Möller, guten Tag."

"Was kann ich für Sie tun?"

"Eine, wie ich fürchte, schlechte Neuigkeit entgegennehmen. Vorgestern am frühen Abend ist bei der Polizei ein anonymer Anruf eingegangen, im Haus Sängerweg 29 läge eine männliche Leiche. Der Anrufer wollte zwar seinen Namen nicht nennen, machte aber einen so ruhigen und seriösen Eindruck, dass die Zentrale eine Streife hingeschickt hat. Sie hat tatsächlich einen tote Männer in dem Haus gefunden, den ein Nachbar identifizieren konnte – Dr. Holger Stempel – ..." Bandel zuckte erschrocken zusammen. Lisa zögerte. Bandel war grau geworden und schwankte, irgendwie entsetzt, aber nicht wirklich erschüttert. "Das wäre ja furchtbar, Stempel tot."

"Er hat also bei Ihnen gearbeitet, wie der Nachbar behauptet hat?"

"Ja."

"Und als was, Herr Bandel?"

"Als Chemiker."

Möller sah eine Chance, mit seinen minimalen Chemiekenntnissen zu prunken: "Organiker oder Anorganiker?"

Bandel musterte ihn leicht spöttisch, die Todesnachricht hatte er erstaunlich schnell weggesteckt: "Weder – noch, Holger ist... war Verfahrenstechniker."

"Können Sie uns das bitte erklären?", sagte Lisa höflich und Bandel wandte sich von Möller ab.

"Etwas Neues im Reagenzglas zusammenzumixen, ist eine Sache, aber den Stoff später auch in großen Mengen sicher, umweltschonend, zuverlässig, billig und in gleichbleibender Qualität herzustellen, ist eine andere. Die Massenproduktion auszuknobeln, ist... war Stempels Aufgabe."

"Aber doch nicht eine Aufgabe für ihn allein?", bemerkte Lisa, und Bandel zwinkerte anerkennend.

"Nein. Holger leitet...hat eine eigene kleine Abteilung geleitet."

"Mit den Mitarbeitern würden wir uns gerne unterhalten, Herr Bandel."

Felix Bandel sah in dem Moment ausgesprochen unglücklich aus, was Lisa nicht entging. Sie brummte laut und unzufrieden.

"Ich bin nicht zum ersten Mal dienstlich in einem Betrieb, in dem man mir gerne und oft Auskünfte mit dem Verweis auf Betriebsgeheimnisse verweigert hat."

"Das kann Ihnen bei uns im Zusammenhang mit Holger Stempel auch passieren", sagte Bandel offen und rieb sich mit der flachen Hand über das Kinn.

"Warum?"

"Die OLDECO bereitet die Patentanmeldung eines neu entwickelten Kunststoffes vor, von dem wir uns nicht nur Wunderdinge in der industriellen Anwendung, sondern auch auf dem Firmenkonto versprechen."

"Aha. Und was hat das mit Holger Stempel zu tun?"

"Er und seine Abteilung entwickeln und koordinieren die Anlagen zur großtechnischen Herstellung dieses Wunderstoffes."

"Aha. Hängt sehr viel Geld an diesem Stempelstoff?"

Über Lisas Wortschöpfung musste Bandel gequält lächeln. "Sehr viel sogar. Darf ich Ihre Definition benutzen?"

"Welche Definition meinen Sie?"

"Stempelstoff."

"Gerne. Ich habe meine Stempelkissen am liebsten in Königsblau."

Bandel berührte einen Anstecker an seinem Revers: "Ich halte es mehr mit Gelb-Schwarz. Unsere direkten Nachbarn steigen zu oft auf und ab."

Das verstand nun Lisa offenkundig nicht. Möller mischte sich ein und übersetzte. "Borussia Dortmund gegen Schalke 04, Lisa. Der Vfl Bochum hat so seine Probleme mit der Bundesliga."

Bandel nickte bekümmert: "Ich komme aus Wattenscheid, für wen sollte man sich da entscheiden?"

Bevor die Herren ins Fachsimpeln abglitten – und von Fußball verstand Lisa nichts – klopfte sie erstmal ein paar Nägel ein.

"Sie kümmern sich um den Rest, Herr Bandel. Wenn vorhanden, hätten wir gerne Namen und Anschriften von Stempels Familie. Wir würden gerne mit einem Kollegen oder einer Kollegin sprechen, der oder die Stempel gut, auch privatim, gekannt hat. Gibt es einen Schreibtisch, ein Zimmer oder ein Büro, in dem Stempel vorwiegend gearbeitet hat? Wir würden uns den Raum und die Schränke darin gerne ansehen."

Wenn er gefordert wurde, bewies Bandel seine Organisationsfähigkeiten. Schon Minuten später standen Lisa Otten und Heiko Möller zusammen mit einer bildschönen überschlanken, weißbekittelten Brillenträgerin in einem kleinen Raum, der mit einem Schreibtisch, einem Riesen-Computer, mehreren Druckern, mit Plotter und zahlreichen Scannern schon überfüllt war. Die überschlanke Kollegin hatte rote, leicht verquollene Augen und weißblonde Naturlocken, ganz kurz geschnittene Haare und war jungenhaft apart. Sie konnte höchstens erste Hälfte dreißig sein und gefiel, wenn nicht alles täuschte, ihrem breit lächelnden Kollegen Felix Bandel ausnehmend gut. Seine Blicke, die die Schöne nicht zur Kenntnis nahm, verrieten mehr als kollegiales Wohlwollen.

Sie stellte sich als Doktor Christine Manderscheid vor.

"Aus der Oberburg oder der Unterburg?", fragte Möller sofort.

"Weder – noch", parierte sie rasch, "es heißt übrigens Niederburg." Möller ärgerte sich über seinen Fehler und sie lächelte ihm spöttisch zu. "Ich stamme nicht einmal aus dem Ort, sondern aus Wittgenstein... Kennen Sie Manderscheid?"

"Ich bin in Daun zur Schule gegangen."

"Die Welt ist doch klein", murmelte sie und rückte ihre schmale randlose Brille zurecht. Möller brummte zustimmend und Lisa räusperte sich.

Die Blondine und Bandel hatten sich gründlich umgesehen und meinten dann: "Nein, wir können nichts erkennen. Hier hat sich nichts verändert, was meinen Sie?"

"Nein. Ich würde auch denken, diesen Raum hat kein Unbefugter betreten."

"Sie arbeiten mit Stempel zusammen?"

"Nicht nur ich, das Projekt ist riesig..."

"Moment bitte!", unterbrach Bandel. "Frau Dr. Manderscheid, wir haben uns eben darauf verständigt, das Projekt den 'Stempelstoff' zu nennen."

"Hübsche Idee!", stimmte sie zu. "Gut, also, an dem Stempelstoff arbeiten viele Teams, und die Ergebnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen laufen bei dem Projektleiter Stempelstoff und bei Holger zusammen, der unter anderem für die Dokumentation zuständig ist – war. Ich bin zum Beispiel nur die Katalysator-Tine." Weil Möller eine Grimasse schnitt, stichelte sie:" Sie wissen doch sicher, was ein Katalysator ist?"

Nun konnte Lisa punkten: "Ein Stoff, der die chemische Reaktion anderer Stoffe auslöst, ohne selbst daran teilzunehmen oder sich dadurch zu verändern."

"Ich verstehe", sagte Möller rasch, "wie eine schöne Frau, derentwegen sich zwei Männer prügeln und die Gesichter verbeulen, ohne die Frau selbst zu verletzen."

Frau Doktor wiegte nur bedenklich den hübschen Kopf. Soviel Unernst schien sie nicht gewohnt. Lisa wurde wieder streng. "Wenn dieser Stempelstoff für OLDEGO so wichtig ist, muss Holger Stempel doch an einer wichtigen Schaltstelle gesessen haben, wenn alle Teilinformationen und -ergebnisse bei ihm zusammenliefen."

"Das sehen Sie ganz richtig", mischte sich Felix Bandel eifrig ein. "Stempel ist...war ein sehr wichtiger Mann, und natürlich fürchten wir Werksspionage und Patentklau, betreiben deshalb einigen Aufwand, um Unbefugte und Neugierige von den Ergebnissen unseres – hm – Stempelstoffes fernzuhalten."

Lisa Otten konnte sehr hartnäckig sein. "Ich bin Ihre Konkurrenz, Herr Bandel, und habe gerüchteweise gehört, dass Sie einen Wunderkunststoff in der Entwicklung haben. Für das Rezept will ich unter der Hand gerne großzügig löhnen. Dann wäre Stempel doch eine der ersten Adressen, an die ich mich wenden sollte, nicht wahr?"

Bandel nickte bekümmert und sah auf einmal gar nicht mehr so gut und männlich aus. Christine Manderscheid flüsterte mit zitternden Lippen: "Ja."

"Sind Ihnen solche Spionageversuche bekannt geworden?"

"Nein", sagten beide wie auf Kommando und sie fingerte wieder an den schmalen Bügeln ihrer Brille.

"Oder gab es Ihres Wissens einen privaten Anlass, Holger Stempel umzubringen? Streit, Zank, oder eine uralte Blutrache?"

"Was meinen Sie mit privat?"

"Hat er einem anderen die Frau oder Freundin weggenommen? Ein Grundstück vor der Nase weggeschnappt? Jemanden verletzt oder geschädigt oder übervorteilt? Betrogen? Über's Ohr gehauen? Ist er jemandem beim Job, bei der Position oder beim Gehalt zuvorgekommen, so dass jemand Grund zu haben glaubte, ihn zu beseitigen?"

"Nein", sagten Bandel und die Weißblonde unisono.

"Hatte Stempel eine feste Freundin oder war er verheiratet?"

"Wahrscheinlich hatte er eine Freundin", meinte Bandel gelassen."Verheiratet war er nicht."

"Kennen Sie diese Freundin?"

Die Weißblonde antwortete langsam: "Nein. Wir kennen sie nicht."

"Was ist mit Stempels Familie?"

"Die kennen wir auch nicht", sagte Bandel etwas vorwurfsvoll.

Lisa Otten musterte die Weißblonde, die wieder an ihrer Brille fingerte, misstrauisch: "Eine Vermutung, wer uns mehr über Stempels private Verhältnisse erzählen könnte?"

Christine Manderscheid und Felix Bandel überlegten einige Zeit, bis sie gemeinsam wie auf Kommando die Köpfe schüttelten. Auch über Stempels Familie wussten sie nichts und Stempels Personalakte wollte Bandel kopieren und die Kopien umgehend ins Präsidium bringen lassen. Seidels Mannschaft hatte in dem Häuschen gestern nur einige wenige Dokumente und Briefe sichergestellt. Stempels handschriftlich geführtes privates Telefonverzeichnis war noch nicht ausgewertet, ein Handy mit Nummernspeicher hatten sie nicht gefunden. Zur offiziellen Identifizierung erklärte sich Felix Bandel bereit.

Vor dem Eingang stupste Möller seine Chefin an: "Wenn die beiden alles gesagt haben, was sie wissen, verzichte ich auf mein Weihnachtsgeld."

"Das gibt es wahrscheinlich sowieso nicht, Heiko. Das Land hat Schulden und muss sparen."

Kurz vor dem Einparken am Präsidium meinte sie dann: "Mir hat etwas anders nicht gefallen."

"Und was, verehrte Chefin?"

"Ich hatte diesen Bandel doch gebeten, mir eine Kollegin oder einen Kollegen zu nennen, der mit Stempel privatim näher bekannt war. Er hat daraufhin diese weißblonde Bohnenstange angeschleppt, und die wollte partout nichts Privates wissen. Wer hat uns nun auf den Arm genommen, Bandel oder diese Frau Dr. Manderscheid? Du solltest dir übrigens abgewöhnen, alle hübschen Zeuginnen so sehnsüchtig anzuschmachten. Manche Frauen macht das nervös."

8. Es war eine aufregende Nacht geworden, Fifi und Acko hatten nicht viel geschlafen, sondern mehrfach Wiederversöhnung vollzogen und gähnten am Morgen um die Wette.

"Wir müssen los", drängte Fifi.

"Ich packe gleich ein Köfferchen."

"Willst du mit einem Kleid, ohne Wäsche und Zahnbürste, verreisen?"

"Aber du kommst doch mit?"

"Ja, keine Angst. Glaubst du im Ernst, dein Ex kommt in der Öttlingergasse vorbei, nur, um dir noch eins auf die Nase zu hauen?"

"Du kennst ihn nicht, Acko. Dem ist alles zuzutrauen."

Während sie sich im Bad fertig machte, holte er aus dem Versteck hinter den Küchenfliesen genügend Geld, um nicht gleich wieder "nebenbei arbeiten" zu müssen. "Um 18 Uhr auf dem Postplatz am Herzog Albert, okay? Ich muss jetzt los."

Acko und seine Besucher verfehlten sich nur um Minuten. Kommissar Anders und Hauptmeister Berthold vom Referat Diebstahl trafen in der Wohnung Ackermann nur eine junge Frau an, sie sie halb neugierig, halb ängstlich musterte. "Nein, tut mir leid. Acko ist vor ein paar Minuten zur Arbeit losgegangen."

"Wo arbeitet er denn, Frau Prosch?"

"Bei citopress in der Frankfurter Straße."

"Haben Sie keine Arbeit?", erkundigte sich Berthold, dem die junge kurvenreiche Frau weit weniger gefiel als seinem Vorgesetzten Anders.

"Doch. Aber ich habe gleich einen Untersuchungstermin in der Uni-Klinik."

"Und wo arbeiten Sie?"

"Bei der OLDECO."

Anders wusste, dass sie kein Recht hatten, Ackos Freundin auszufragen und sagte deshalb freundlich, um keine Missstimmung aufkommen zu lassen: "Na, bei Ihnen in der Firma ist ja was los."

"Sie meinen den Mord an Dr. Stempel?"

"Woher wissen Sie davon?"

"Als ich mich in der Firma abgemeldet habe, hat's mir ein Kollege erzählt."

"Tun Sie uns bitte einen Gefallen? Wenn Acko nach Hause kommen oder anrufe sollte, richten Sie ihm doch bitte aus, er möchte sich umgehend bei uns melden. Es ist wichtig, Hier ist unsere Karte."

Sobald die Haustür unten ins Schloss gefallen war, rief Fifi über Handy an.

"Wer war da?"

"Die Kripo, warte, ich lese dir mal vor, wo du dich melden sollst."

Acko rang nach Atem: Seine Intimfreunde vom Diebstahl. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Aktenköfferchen aus glattem schwarzem Leder. Natürlich hatten sich darauf seine Fingerabdrücke erhalten. Daran hätte er denken sollen. Aber in der Begeisterung über ein Auto, das ihn zum Einsteigen und Ausräumen aufforderte, hatte er alle Vorsicht vergessen. Wem mochte der Karren gehören? Dieser – wie hieß sie noch auf der Visitenkarte? Manderscheid? Eigentlich „wurscht“, wenn sie in schnappten, war erst einmal seine Reststrafenbewährung futsch, dann fuhr er in den Kahn ein. Und davor graute ihm.

"Fifi, haben die was gesagt, wer den Diebstahl gemeldet hat?"

"Nein, keine Silbe. Acko, was machen wir jetzt?"

"Wir treffen uns in zwei Stunden vor dem Herzog auf dem Postplatz."

9. Stempel war nicht sofort tot gewesen, er hatte noch ziemlich lange geblutet, sein ganzes Oberhemd war wie in Blut eingeweicht und konnte regelrecht ausgewrungen werden. In der Brusttasche hatte er ein kleines Karteikärtchen aufbewahrt, das von seinem Blut so durchfeuchtet war, dass der darauf vermerkte Text kaum noch leserlich war.

Dem Labor gelang es, die Zeilen wieder lesbar zu machen. Die drei untereinander stehende Wörter in Druckbuchstaben ergaben keinen Sinn: "Kerado, Tributylphosphat, Marmara."

"Verstehst du das?", fragte Lisa Otten ihren Kollegen ratlos. Möller schüttelte den Kopf. Nach der Mittagspause erhielten sie Besuch von zwei Kollegen aus dem Diebstahl. Die Kollegen Anders und Berthold wunderten sich, wie sehr die Firma OLDECO in die Schlagzeilen geraten waren.

"Wie meint ihr das?", fragte Lisa Otten verständnislos.

"Na, ihr habt einen Ermordeten aus der OLDECO am Hals. Bei uns hat am selben Tag eine OLDECO-Mitarbeiterin namens Christine Manderscheid einen Diebstahl aus ihrem Auto gemeldet. Der Dieb war so freundlich, seine Fingerabdrücke zu hinterlassen, und zwar in so guter Qualität, dass es keine Probleme gab, sie zu identifizieren. Ein guter Bekannter, Gero Ackermann, genannt Acko. Brav gemeldet im Schraderkamp 33. Wir also hin. Acko war zur Arbeit ausgeflogen, citopress in der Frankfurter Straße. Wir treffen nur noch seine Freundin an, eine Gudrun Prosch, genannt Fifi. Und nun ratet mal, wo diese Fifi arbeitet, ganz legal, fest angestellt in der Innenverwaltung."

Möller knurrte: "Wahrscheinlich bei der OLDECO."

"Du sagst es, Kollege."

Lisa knetete ihre Hände. Es gab Fälle ohne Anhaltspunkte, und es gab, was auch nicht schön war, Fälle mit zu vielen Anhaltspunkten und Verwicklungen. Beide Kategorien versprachen viel Ärger und große Mühe.

10. Nachdem sie ganze Arien an der Tür von Gero Ackermann heruntergeklingelt hatten, waren sie sicher, dass sich niemand in der Wohnung aufhielt. Lisa wollte gehen, aber Möller kramte schon sein "kleines" Werkzeugmäppchen aus der Jackentasche. Das Schloss an der Wohnungstür war Schwierigkeitsgrad Null für Anfänger und nach fünf Sekunden standen sie in der Wohnung.

"Ausgeflogen", knurrte Möller.

"Wissen wir, wo er arbeitet?"

"Ja, in einer Schnelldruckerei citopress in der Frankfurter Straße."

"Vielleicht ist er dort."

Im Treppenhaus begegneten sie einer jungen Frau, die sie erstaunt ansah. Sie war recht hübsch und hatte einen kleinen Pferdeschwanz, der lustig wippte, wenn sie den Kopf bewegte.

"Entschuldigung", meinte Möller, "Wissen Sie zufällig, wo Gero Ackermann ist?"

"Nein, weiß ich nicht." Das klang barsch, aber ihr Akzent verriet, dass sie Ausländerin war und noch Last mit der deutschen Sprache hatte. "Ist fortgegangen mit seiner Freundin."

In der citopress war Acko nicht, wie eine Frau am Telefon erklärte. Er sei heute Morgen hier gewesen, um sich aus heiterem Himmel in einen Kurzurlaub zu verabschieden.

"Wissen Sie zufällig, wohin er will?"

"Nein."

"In einen Urlaub fährt man doch selten alleine", tippte Möller und die Frau lachte.

"Richtig. Seine Freundin ist zu ihm zurückgekehrt und sie wollen, so mein Eindruck, ausgiebig und ungestört Versöhnung feiern."

"Toll", meinte Möller ironisch. "Und wie heißt die Glückliche?"

"Gudrun Prosch."

"Prima." Der Name ließ sich im Telefonbuch leicht finden.

Lisa Otten war während seines Telefonats durch die Wohnung gegangen und holte ihn jetzt ins Bad.

"Er hatte vor kurzem Damenbesuch." Sie trug Plastikfingerhandschuhe und deutete auf Lippenstiftspuren an einem Handtuch und lange Haare in einer Bürste. "Ich pack's ein."

"Vergiss die Zahnbürste nicht."

*****

Weil er es am Tag zuvor versprochen hatte, machte Acko noch eine Auslieferung, ein Paket Briefpapier plus Umschlägen und einer Schachtel Visitenkarten. Am Vorgarten-Türchen traf er eine Kollegin, die halb anerkennend, halb mitleidig das Paket musterte, das er trug.

"Na, das lohnt sich wenigstens."

"Bei dir nicht?"

"Nur ein Haufen Fotos. Die Dame ist sich natürlich zu fein, sich selbst ins Geschäft zu bemühen, die muss es sich bringen lassen." Acko war über den gehässigen Ton verwundert. "Tust du mir einen Gefallen? Nimmst du die Bilder mit? Ich hab's etwas eilig, mein Freund wartet schon." Flotten Teenies war Acko immer gern gefällig und nahm ihr den dicken Umschlag ab. Warum er ihn automatisch in eine seiner riesigen Anoraktaschen steckte, wusste er nicht, wahrscheinlich wollte er nur beide Hände frei haben für seine "legale Arbeit". Sein Paket war wirklich sehr unhandlich. Aber dass er den Umschlag eine halbe Minute später total vergessen konnte, hatte ausschließlich mit der Dame zu tun, die an die Haustür gehumpelt kam. Ohne die Laufstütze war sie eine der faszinierendsten Frauen, die Acko seit seiner Entlassung aus der Haft gesehen hatte. Laut seinem Lieferschein hieß sie Andrea Stehmannn.

"Guten Tag, ich bringe Ihre Bestellung von citopress."

"Wunderbar. Ob Sie so nett sind, mir das Paket ins Zimmer zu stellen?"

Für soviel Schönheit und Liebreiz hätte Acko auch jeden Briefbogen einzeln auf den Dachboden getragen. Sie humpelte an ihrer Krücke voran und er bewunderte eine perfekte Figur in einem hautengen Hausanzug. Als ob sie seine heißen Blicke gespürt hätte, drehte sie sich zu ihm um und lächelte: "Ein angetrunkener Autofahrer."

"Man sollte ihn erschießen."

"Das erledigt er wahrscheinlich selber, wenn er die Klageschrift meines Anwaltes auf Schmerzensgeld und Verdienstausfall bekommt."

Sie unterschrieb die Quittung und gab ihm ein mehr als reichliches Trinkgeld. Den Umschlag in seinem Anorak hatte er darüber total vergessen, erinnere sich erst wieder daran, als er bei citopress mit Lara Maibaum abrechnete. Aber jetzt wurde es Zeit für ihn, Fifi wartete nicht gerne, die Bilder konnte er auch per Post an die humpelnde Empfängerin schicken.

11."Und was machen wir jetzt?", wollte Fifi wissen und schaute zum Herzog Albrecht hinauf, der freilich nicht antwortete. "Hast du eine Idee, wo wir über Nacht bleiben können?", wollte sie dann wissen. Sie standen in einem dichten Pulk von Menschen, die heftig gestikulierten und laut debattierten. Wahrscheinlich konnte jeder in der Umgebung hören, was sie besprachen.

"Nein, bis jetzt nicht. Du?"

"Es soll ja wohl nicht zu teuer sein?"

"Nein."

"Dann würde ich vorschlagen, wir fahren mit dem Zug nach Lohmühlen. Da kenne ich ein winziges Hotel Sonne am Bahnhof, das zwar nicht komfortabel, aber sauber und billig ist."

"Hast du denn Geld? Ich ziemlich absolut blank und müsste erst etwas besorgen", log er. Wenn er ihr ehrlich sagte, wieviel er bei sich hatte, würde sie es leichtsinnig mit vollen Händen ausgeben wollen. Von der Beute aus dem schwarzen Aktenköfferchen hatte er noch kaum etwas ausgegeben. Sie kicherte, diese Art von Besorgung kannte sie.

"Für ein, zwei Tage reicht es schon, Acko." Alexander ließ sich nicht lumpen, wenn er seine Wäschemodels knipste und noch weniger, wenn er dann versuchen durfte, mit den Händen Maß zu nehmen.

"Okay, dann mal los."

Einer der Männer, die direkt vor ihnen gestanden hatten, trat zurück ohne sich umzusehen und landete schmerzhaft auf Ackos Fuß. "Pass doch auf, du Toffel!", fuhr Acho ihn an. Der Mann drehte sich um, sagte aber nicht "Entschuldigung" oder "Es tut mir leid", sondern schnauzte Acko an: "Reiß dein Maul nicht so weit auf!"

Acko und Fifi sagten gleichzeitig: "Der Igor."

Acko fügte laut hinzu: "Was kann man von einem Igor auch schon anderes erwarten."

"Sei vorsichtig", drohte Igor und drängte sich rücksichtslos an Fifi und Acko vorbei.

Acko kannte den unhöflichen Mann nur zu gut. Er hieß Gregorij Benin und war Koch oder Kellner im russischen Restaurant Smolensk. Im Haus Schraderkamp 33, wo er mit seiner jungen Frau Natascha im zweiten Stock wohnte, hieß er nur der Russki oder Igor, der Russki, wegen seiner ruppigen Unfreundlichkeit allgemein unbeliebt bei den Nachbarn. Manche verballhornten seinen Namen zu Lenin, und Fifi meinte auch, im Glassarg auf dem Roten Platz wäre er besser aufgehoben als im Treppenhaus; er hatte sie mehrfach grob angemacht, wenn sie zu Acko kam. Acko und Fifi hatten lange Zeit nicht verstanden, warum Igor sie so rüpelhaft attackierte, bis sie eines Tages vor Igors Wohnungstür einen Mann trafen, der neben Russisch auch fließend Deutsch sprach und ihnen übersetzen konnte, was Igor an Fifi so ärgerte. Es ging um die Wasserrechnung! Acko zahlte einen Anteil für eine Person, aber Igor meinte, Fifi dusche so oft und lebe so regelmäßig bei Acko, dass auf die Dachgeschoss-Wohnung ein Zweipersonen-Anteil entfallen müsse. Acko und Fifi wollten es anfangs nicht glauben, aber der Mann versicherte, das sei Gregorijs voller Ernst und er habe sich jetzt schriftlich beim Vermieter beschwert.

"Der Arsch hat mir gerade noch gefehlt", knurrte Acko.

"Den werden wir die nächsten Tage nicht mehr treffen", tröstete Fifi. Acko hielt den Mund: Er mochte "Lenin" auch nicht leiden. Aber anders als Fifi hielte er ihn nicht für einen harmlosen Querulanten. Das Smolensk galt als Treffpunkt merkwürdiger Typen, aber der russische Honorarkonsul, ein einflussreicher Geschäftsmann aus der City, hielt eine schützende Hand über das Lokal, an dem er finanziell und offiziell beteiligt war.

Mit dem Regional-Express fuhr man keine zwanzig Minuten nach Lohmühlen, und vom Bahnhof waren es nur noch zehn, zwanzig Schritte zum Hotel Sonne gleich nebenan. Beim Aussteigen konnte Acko einem Mann vor ihm ein paar Sachen aus der Jackentasche ziehen.

Fifi hatte nichts verlernt und ging dicht neben ihm, so, als wollte sie zärtlich nach seiner Hand fassen, nahm ihm die Gegenstände ab und verstaute sie in einer undurchsichtigen Papiertüte mit dem Aufdruck eines Kaufhauses. Dann entfernten sie sich unauffällig von ihm, so dass keiner vermutete, sie seien ein Pärchen. Vor dem Kiosk in dem schmuddeligen Bahnhofsgebäude trafen sie sich "rein zufällig." Fifi verstand mittlerweile genug von seinem "Gewerbe", um zu ahnen, wen er ins Visier genommen hatte. Neben der Kasse, gut sichtbar wegen der weit offen stehenden Eingangstür stand eine Frau, die sich Feuerzeuge anschaute und ihre Handtasche offen auf der Theke stehen hatte. Fifi ging auf das Regal mit den Zeitschriften zu, er stand unschlüssig vor der Riesenauswahl an Tabakpäckchen und bewegte sich, vollauf mit dem Studium der Aufdrucke beschäftigt, Richtung Kasse, wobei er an der Handtasche vorbeischlendern musste. Genau in der Sekunde stieß die ungeschickte Fifi einen Stapel Zeitschriften um, die mit Gepolter zu Boden platschten. Die Kundin und der Mann an der Kasse schauten unwillkürlich zum Unfallort, Acko griff zu und hatte ein längliches Ledermäppchen in der Hand. Keine Sekunde später eilte er der bestürzten Fifi zu Hilfe, die neben den Zeitschriften kniete, bückte sich und half ihr, die Zeitschriften zusammenzuräumen und zu handlichen Packen zusammenzulegen. Dass er dabei das Mäppchen in ihren Ausschnitt gleiten ließ, registrierte nur Fifi. Als die Zeitschriften wieder ordentlich gestapelt auf dem Regalbrett lagen, richteten sie sich beide auf, Fifi nahm das oberste Exemplar und ging zur Kasse.

"Entschuldigen Sie bitte", sagte sie zu dem Kassenmann, der sie nicht einmal unfreundlich mustere, was Fifi nicht anders erwartet hatte: So ein großer Ausschnitt verfehlte, richtig dargeboten, bei männlichem Personal selten seine ablenkende und stimmungsaufhellende Wirkung. "Das war sehr ungeschickt von mir."

"Schon in Ordnung", brummte der Mann, der sich wieder um seine Feuerzeug-Kundin bemühte, nachdem er Fifis Eurostück in die Kasse gelegt hatte. Vor dem Eingang des Bahnhofgebäudes kicherte Fifi: "Siehst du, ohne BH wäre das gute Stück gleich wieder runtergefallen. Korrekte Kleidung hilft doch meistens."

Sie hatten Glück und bekamen das letzte freie Doppelzimmer im vierten Stock nach hinten raus; ein Aufzug existierte nicht, ihr kleinen Koffer wurden von Stufe zu Stufe schwerer; sie schnauften beide, als er aufschloss. Auf der zweiten Etage stießen sie mit einer jungen Frau zusammen, die schwungvoll vom Flur in das Treppenhaus abbog. Fifi kicherte: "Hast du die gesehen?"

"Ja, was ist mit ihr?"

"Die sieht aus wie eine Zwillingsschwester von Natascha."

Das war Acko auch aufgefallen, er hätte es aber nie ausgesprochen. Fifi wurde ohne Vorankündigung albern eifersüchtig auf Natascha Benin, die Frau oder Freundin ihres rüpeligen Nachbarn Igor, und behauptete, Natascha mache Acko schöne Augen.

Sie bezogen ein kleines, aber sauberes Zimmer mit einem Fenster auf eine schmale Straße, auf der kein Autoverkehr herrschte. Die Züge konnte man hören, aber Fifi wusste, dass kurz vor Mitternacht der letzte Regionalexpress abfuhr und drei oder vier Minuten später die letzte S-Bahn.

Er durfte das Ledermäppchen aus dem Fifi’schen Zwischenlager holen, was eine angenehme Pflicht war. Vier Fünfzig-Euroscheine, das hatte sich gelohnt. Plus schwarzes Aktenköfferchen – vorerst hatten sie ausgesorgt.

Danach begutachteten sie, was er dem Mann aus der Jackentasche gezogen hatte. Das Etui enthielt Schlüssel und keinen Hinweis darauf, wo sich das Schloss dazu befinden mochte, es sei denn, er war der Empfänger des Briefes, den Acko ebenfalls mitgenommen hatte: Dieter Woller, Preetzer Weg 36. Das andere Teil stellt sich als winzige Leselampe mit Akku heraus, neuwertig, in einem hervorragenden Zustand, ebenfalls ohne Hinweis auf den Eigentümer oder Besitzer. Acko legte es neben das Armeemesser auf das Nachttischchen, das Teil konnte er behalten. Fifi brach sofort auf, um noch etwas zum Essen und Wasser für die Nacht einzukaufen; er begleitete sie und vor dem Supermarkt fischte er einer Frau das obenauf liegende Portemonnaie aus einer Plastiktüte. Die Frau hatte neben Kreditkarten rund neunzig Euro in Scheinen dabei gehabt. Das war hilfreich. Er ging noch einmal los und warf das abgewischte Portemonnaie in einen Abfallbehälter im Bahnhof.

Fifi nutzte seine Abwesenheit und durchsuchte seinen Anorak, stieß als erstes auf die kleine „Papiertüte" mit der silbernen Scheibe, auf der leider nicht stand, was dort gespeichert war. Sie überlegte. Offenbar war die DVD so wertvoll, dass Acko sie lieber mit sich herumtrug, als sie in seiner Wohnung im Schraderkamp zu lassen. Und das hieß: Fifi würde sich, sobald sich dazu eine Gelegenheit ergab, auch so eine Scheibe besorgen und die Teile austauschen. Bei aller Liebe zu und Dankbarkeit für Acko: Auch sie musste auf ihre Kosten kommen, und das durch Babette eingestrichene Honorar würde nicht ewig reichen. In einer der ersten Nächte, in denen sie Holger mit ihrer sexuellen Technik und Erfahrung fast um den Verstand gebracht hatte, war sie so selbstsicher und blöd gewesen, dass sie ihm erzählte, was sie neben dem Bett mit Gero Ackermann, genannt Acko, verband. Holger hatte sie ausgelacht. "Zehn bis zwanzig Prozent? Du bist verrückt, mein Lämmchen. Wenigstens die Hälfte steht dir bei diesem Risiko doch zu, mein Schatz." Acko schuldete ihr also noch eine Menge Geld. Sie konnte in dem Anorak noch etwas ertasten, fand aber den Verschluss der versteckten Tasche nicht, in der er den Umschlag aufbewahrte, den er eigentlich der citopress-Kundin hatte aushändigen sollen. Weil sie Schritte vor der Zimmertür hörte, verzichtete sie auf weitere Suche und drapierte den Anorak wieder über den Haken neben der Tür zum Bad.

Sie gingen bald zu Bett und schliefen fast sofort ein. Gegen eins, draußen war es richtig dunkel geworden, weckte ihn ein leises Knarren, von dem er nicht sagen konnte, was es war. Fifi schlief mit offenem Mund und „schnorchelte“ gleichmäßig leise vor sich hin. Dann ahnte Acko mehr als er hörte, dass die Zimmertür aufgeschoben wurde. Unendlich leise und vorsichtig drückte sich eine Gestalt in den Raum und glitt auf den Stuhl zu, auf den Fifi ihre Handtasche abgestellt hatte. Acko tastete nach dem Taschenmesser und klappte die größte Klinge, so weit er das fühlen konnte, lautlos heraus und schob geräuschlos die Bettdecke zur Seite. Der Eindringling war noch unterwegs Richtung Handtasche. Er und Acko erreichten das Ziel in derselben Sekunde und Acko flüsterte: "Verschwinde, du Arsch oder ich stecke dir ein Messer in den Bauch." Der Einbrecher schnaufte vor Erschrecken, als wolle er gleich platzen. Acko stach zu, ohne zu wissen, auf welch edlen Körperteil er zielte, und er traf irgendwas, was an einem Menschen hing und ein lautes Schmerzgebrüll auslöste.

Neben ihnen fuhr Fifi mit einem Überraschungsschrei hoch. Der Unbekannte begriff, dass er es jetzt mit zwei Personen zu tun hatte und sprang ohne Rücksicht auf Lärm zur Tür, riss sie weit auf und stolperte auf den Gang hinaus. Das sich anschließende Gepolter deutete darauf hin, dass er die Treppe mehr hinunterfiel als -lief.

"Was war das?", keuchte Fifi.

"Da wollte jemand an deine Handtasche."

"Wer?"

"Keine Ahnung, ich habe nur eine dunkle Gestalt mehr geahnt als gesehen, habe zugestochen und er ist getürmt."

"Warte mal, ich mache Licht."

Acko hatte getroffen, die Flecken auf dem dünnen Teppichboden sahen sehr nach Blut aus. Sie schnappte sich ihre Handtasche, wühlte sie durch und sagte dann verwundert: "Es fehlt nichts."

Er fragte nicht, wonach der Unbekannte denn hätte suchen können. Fifi war hübsch, aber eben auch so geheimnisvoll wie verlogen. Im Hotel rührte sich nichts, offenbar hatte keiner was von dem Zwischenfall bemerkt.

Lohmühlener, die frühmorgens zur Arbeit fahren wollten, fanden vor dem Eingang zum Bahnhof einen schwer verwundeten Mann und riefen den Notarzt, der zwei oder drei Minute zu spät eintraf und nur noch den Tod des Unbekannten feststellen konnte. Der Mann hatte nach einem Messerstich in die Bauchhöhle zu viel Blut verloren.

In der Sonne beseitigte der Reinigungstrupp nur oberflächlich die Blutflecken und sah keinen Anlass, den "verschütteten Tomatensaft" der Hotelleitung zu melden.

Als Acko Stunden später am Eingang des Bahnhofs Lohmühlen vorbeikam, sah er auf der Straße einen Zwanzig-Euro-Schein liegen, etwas schmutzig und zerknittert, aber herren- respektive damenlos; er bückte sich danach und steckte ihn ohne Skrupel ein.

Es war so schön geblieben wie zu Wochenbeginn. An einer roten Fußgänger- und Fahrradeampel stand er neben zwei jungen Damen, die weite Röcke trugen; der Anblick war sehr erfreulich, nicht nur wegen ihrer Beine und Taillen, sondern auch wegen der aufgesetzten Rocktaschen, in denen sie deutlich sichtbar eine Menge Zeugs herumtrugen. Hoffentlich nicht nur Handys, die Acko nicht gebrauchen konnte.

Acko griff nur einmal zu. Die linke Schönheit, neben der er stand, hatte in der Rocktasche einen Schlüsselbund aufbewahrt, der Acko wenig nutzte.

"Hallo", rief er deswegen laut, "Sie haben was verloren." Dabei schwenkte er den Bund, und die junge Dame machte kehrt.

"Vielen Dank", murmelte sie, und Acko grinste weltmännisch. Manchmal lohnten sich solche Zugriffe. Es gab immer noch Leute, die an ihren Schlüsselbunden Schildchen mit Namen und Adressen trugen, was einer Einladung zum Diebstahl in einer menschenleeren Wohnung gleichkam.

12.Acko und Fifi beschlossen, sich einen Tages-Ausflug zu leisten. Der Nahverkehrszug nach Kromburg hielt direkt am Lantener See, die Rundfahrt mit dem Boot führte an der Burg Lantern vorbei, die man besichtigen konnte. Weder Acko noch Fifi hätten es eingestanden, aber Tage, an denen man nichts zu tun hatte, konnten verdammt lang und sehr langweilig werden.

Vom Bahnhof Lantener See musste man gut dreihundert Meter bis zum Schiffs-Anleger laufen, und Acko wählte eine Abkürzungüber einen gut besetzten Parkplatz. Schräg links vor ihnen stiegen gerade eine große und schlanke Frau in einem ultrakurzen Röckchen mit weißblonden, lockigen und kurz geschnittenen Haaren sowie ein etwa gleichaltriger Mann aus einem silbermetallic lackierten Mercedes-Coupé aus und wendeten sich ebenfalls zum Anleger für das Rundfahrt-Boot. Fifi drehte sich hastig zur Seite, und weil das Acko aufgefallen war, wollte sie ihn ablenken: "Gefällt dir die Bohnenstange?"

"Weiß nicht, etwas mager, findest du nicht?"

"Manche Männer mögen das." Richtiger hätte Fifi sagen müssen: 'Viele Männer'. Denn sie wusste sehr genau, dass Christine Manderscheid in der OLDECO von den meisten Männern umschwärmt wurde, besonders von den verheirateten. Die Manderscheid durfte die angeblich kranke Bürobotin Fifi auf keinen Fall sehen. Deshalb hielt Fifi ihren Acko zurück, bis keine direkte Gefahr mehr bestand, von der OLDECO-Mitarbeiterin gesehen und erkannt zu werden. Acko hatte von dem Manöver nicht gemerkt und erwiderte harmlos:

"Stimmt, aber viele Männer sagen auch, sie würden nicht mit Kleiderständern ins Bett gehen, die seien zu eckig und zu hart."

Fifi seufzte. Sie konnte sich nicht über zu viele Kilos beklagen, aber sie ließ auch keinen Menschen wissen, wie viel Verzicht auf so schmackhafte Kalorien und wie viel Kasteiung das erforderte.

"Findest du mich zu dick?"

Sie gingen gerade an dem Mercedes-Kabrio vorbei, das Acko irgendwie bekannt vorkam. "Aber nein!", sagte er so entschieden wie liebevoll.

Sie kamen noch rechtzeitig an Bord und fanden auf dem nicht voll besetzten Ausflugsboot sogar noch zwei Plätze nebeneinander auf dem Oberdeck, durch die Brückenaufbauten windgeschützt und durch eine über die Bootsbreite gespannte Plane gegen die Sonne geschützt, die des Guten fast zu viel tat. Schräg halbrechts vor ihnen hatten die weißblonde Bohnenstange und ihr Begleiter Platz genommen. Acko hatte ihr Gesicht nur kurz gesehen und fand, dass sie eine schöne Frau war, was er aber vor Fifi nicht laut sagte. (Fifi hätte Acko verraten können, das der Mann Felix Bandel hieß und der Personalchef der Firma war, bei der sie – Fifi – sich wegen einer Sommergrippe krank gemeldet hatte). Mann und Frau waren nahe aneinander gerückt. Christine Manderscheid wehrte Felix Bandel nicht ab, als der eine Hand auf ihren nackten Oberschenkel legte und zu streicheln begann. Das Schiff legte ab und der Kapitän begann seine Erklärungen herunterzuleiern. Ab und zu unterbrach er für ein längeres Fluchen, weil er wieder einmal einem leichtsinnigen Segler ausweichen musste. Das Pärchen vor ihnen war so mit sich beschäftigt, dass es für die andern Gäste keinen Blick übrig hatte. Acko stieß Fifi an und deutete mit dem Kopf auf die Weißblonde: "Wo mögen die wohl heute Abend landen?" Fifi zweifelt zwar nicht daran, dass Bandel das Bett ansteuerte, aber würde die Manderscheid so kurz nach dem Tode des Kollegen, mit dem sie doch lange und eng zusammengearbeitet hatte, einfach mit einem anderen in die Kiste hüpfen? Oder – und der Gedanke kam ihr jetzt zum ersten Mal – hatte sich Stempel, der, wie Fifi ja aus eigener Erfahrung wusste, von Frauen wenig verstand, nur Illusionen gemacht? Sie spürte, dass Acko sie scharf musterte: "Fifi, kennst du die beiden?" Seine Stimme klang nicht sehr freundlich.

"Ja. Sie arbeiten beide bei der OLDECO und kennen mich; ich habe mich mit einer Sommergrippe krank gemeldet und deshalb wäre es gut, wenn die mich nicht hier sähen."

"Verstehe", sagte Acko, den diese logische Erklärung erst einmal beruhigte.

Burg Lantern lag etwa einhundert Meter oberhalb des Sees auf einer Felsnase; sie mussten hochsteigen und ließen sich, stolz auf ihre körperliche Leistung, von einer jungen Studentin belehren, wer die Lantener Burggrafen gewesen waren und welche unheilvolle Rolle sie in den Religionskriegen bis zum Westfälischen Frieden gespielt hatten.

Der Friede von Münster und Osnabrück sagte Acko nichts. Er hatte einmal in Münsteraner Polizei-Gewahrsam gesessen und konnte seitdem die Stadt nicht leiden. Fifi kannte immerhin den Spruch, dass es in Münster regnet oder die Glocken läuten und beides zusammen signalisierte, es war Sonntag. Auf dem zur Burg Lantern gehörenden Fischerhof am Ufer schwammen in großen Aquarien die heimischen Fische; wahrscheinlich nicht mehr lange; denn die Bestände wurden, wie ihre Studentin klagte, heillos überfischt.

Auf der Rückfahrt wurde die weißblonde Bohnenstange einmal auf ihrem Handy angerufen und hörte sich verärgert an, was der Anrufer mitzuteilen hatte.

"No, my dear, not today. I told you yesterday, I need some more time. Of course, as soon as possible... Sorry...okay. Bye."

Beim Aussteigen beeilten sich Acko und Fifi und waren weit entfernt, als der Mann und die Weißblonde festen Boden betraten. Acko fand, Fifis neues kurzes Kleidchen sei ausgesprochen sexy und Fifi habe genau die Figur für so etwas. Ihr geschmeicheltes Lächeln versprach reichen Lohn für diese minimale Lüge. Sie erinnerte sich auch noch an ein nahe gelegenes Restaurant, in das Acko sie einladen durfte. Die Portionen waren hier mehr für hungrige Steinbruch-Schwerstarbeiter als für Feinschmecker ausgelegt, aber bildeten immerhin eine solide und wirkungsvolle Grundlage für diverse Cocktails, die sie sich anschließend in einem Lokal mit dem schönen Namen Lederlich an der langen Bar gönnten.

"Das heißt doch 'liederlich'", kommentierte Fifi etwas mürrisch.

Sie wusste nicht, was eine Lohmühle ist oder war, und nachdem ihr Acko erklärt hatte, welche Rolle Lohe bei der Lederherstellung gespielt hatte, war sie damit einverstanden, dass es in einem Ort namens Lohmühlen eine Bar mit dem Namen Lederlich gab. Der Zutritt zum liederlichen Teil der Bar, in dem die Damen des Personals nur Lederstiefel und Ledergürtel trugen, war ihr verwehrt. Ziemlich angeheitert betraten sie sehr spät die Sonne, und sie fühlte sich bemüßigt, ihrem Begleiter für den netten, wenn auch etwas an ihren Nerven zerrenden Ausflug zu danken, und zwar auf die Art, die sie nun einmal am besten beherrschte und gegen die Acko auch nichts einzuwenden hatte.

13. Eine der Folgen war, dass sie spät zum Frühstück herunterkamen und Acko auf dem kleinen Tresen der Rezeption das heutige Tellheimer Morgenecho ins Auge fiel. Auf der Titelseite waren zwei Porträts abgedruckt. Gudrun "Fifi" P. war noch gut zu erkennen, aber bei ihm Gero A. hatte man wohl ein Bild aus der erkennungsdienstlichen Behandlung verwendet. Darauf sah er aus wie ein geistesschwacher Serientriebtäter, und dazu passte die Schlagzeile: "Die Kripo sucht Fifi und Acko". "Vermutlich sind Gero Ackermann und ‚Fifi‘ Prosch auf der Flucht."

Das Frühstücks-Buffet bestand nur aus einem kleinen viereckigen Tisch, um den sich höchstens sechs Gäste drängen konnten, aber Acko hatte ununterbrochen das Gefühl, dass alle Menschen sie scharf beobachteten, weil man sie erkannt hatte. Und dann erkundigte sich auch noch Fifi: "Sag mal, Acko, ist was mit uns? Die starren uns alle so an."

"Wirklich? Du siehst heute Morgen besonders hübsch aus", log er verzweifelt und schlang das Frühstück nur so in sich hinein.

"Was ist los? Warum hast du es so eilig?"

Dann nahm sich ein Gast auf der anderen Seite des Ganges seine Zeitung vor, und als er sie hochhielt, konnte sie auf dem Titelblatt die beiden Bilder sehen. Gerade noch rechtzeitig zischte er ihr zu: "Kein Laut!" Sie gehorchte und beeilte sich jetzt auch.

Als sie auf ihr Zimmer zurückhasteten, ließ er am Empfang ein Morgenecho mitgehen und während sie in aller Eile ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte, las er, was die Kripo von ihnen wollte. Es ging um den Mord im Sängerweg 29. Mord?Auf Seite zwei war der Tote abgebildet.

"Kennst du den?", fragte Acko.

"Sicher. Der heißt Dr. Holger Stempel und arbeitet bei der OLDECO." Dann erst schaltete sie:"Acko, was ist eigentlich los? Und was machen wir jetzt?"

Auf die erste Frage konnte er nur antworten, was er im tagesjournal gesehen hatte, und auf die zweite Frage wusste er keine Antwort. Fest stand nur, dass sie von hier weg mussten, und zwar so rasch wie möglich. Doch wo konnten sie sich noch verstecken, wenn ihre Bilder schon auf den Titelseiten verbreitet wurden?

Dann fiel ihm einer der Lieblingssprüche seines Freundes Otto Maibaum ein: "Kommt Zeit, kommt Rat." Erst einmal weg, für einen oder zwei Tage irgendwo unterkriechen und ruhig nachgedacht. "Gib mal dein Handy und schalte es ein." Weil er wusste, dass man Handys orten konnte, hatte er sie dazu gebracht, ihr Gerät auszuschalten.

Da die Sonne immer alles an den Tag bringt, hatte die Leitung der Sonne darauf bestanden, dass das lichtscheue Gesindel im Voraus bezahlte. Acko und Fifi verließen unbemerkt das Haus, bekamen keine zehn Minuten später einen Regionalexpress nach Hesslingen und standen dort eine Viertelstunde später vor einem großen Stadtplan.

14. Auch Christine Manderscheid hatte auf der Seite zwei des Morgenechos Holger Stempel erkannt und versuchte, Uwe Lambert zu erreichen. Die Stimme des jungen Mannes, der sich einstellte, erkannte sie nicht und als der Knabe nur "Häh?" krächzte, wurde sie nervös und sehr vorsichtig: "Ich möchte mit Uwe sprechen."

"Häh? Mit wem?"

"Mit dem Mann, dem das Handy gehört."

"Häh?! Bist du ballaballa? Ich kenne keinen Uwe, den gibt es hier nicht."

"Und wie kommst du dann an sein Handy?"

"Du bist ja bescheuert. Das ist mein Handy."

"Jetzt bist du bescheuert."

"Häh?!"

Sein Sprachschatz schien wirklich sehr beschränkt zu sein. Die Verbindung wurde unterbrochen, und der Kumpel, der am Steuer des aufgebrochenen und kurzgeschlossenen Wagens saß, war leider etwas intelligenter. Wie konnte man mit einem gestohlenen Handy telefonieren, wo doch jeder Schwachkopf inzwischen wusste, dass man eingeschaltete Handys orten konnte, sobald sie sich in eine Funkzelle eingeloggt hatten. Trotz der Proteste seines Beifahrers nahm er dem das Handy ab, schaltete es aus und versenkte es bei erstbester Gelegenheit in einem Teich.

15. Lisa Otten stürmte voller Tatendrang ins Büro. Heiko Möller berichtete von einem Anruf aus einem Hotel Sonne in Lohmühlen, aber das Pärchen, das die Bedienung für Gero Ackermann und Gudrun "Fifi" Prosch hielt, hatte sich unbemerkt aus dem Hotel verkrümelt.

"Hinfahren, Heiko?"

"Nein, das Hotel liegt gleich neben dem Bahnhof, die beiden können schon überall sein."

"Wer flüchtet heute noch mit der Bahn?"

"Wer kein Auto besitzt, weil das die Kripo beschlagnahmt hat. Aber mir ist heute Nacht noch etwas eingefallen."

"Sag bloß!"

"Auf diesem Kärtchen, das Stempel in der Brusttasche seines Hemdes hatte, standen doch drei Wörter, scheinbar unsinnig und ohne Zusammenhang."

Sie nickte.

"Wenn dass nun Passwörter sind?"

"Die Idee ist nicht schlecht, Heiko, und wo ist die Datei, die man damit öffnen kann?"

"Die müssen wir noch finden, Chefin." Heiko Möller erledigte gerne eins nach dem anderen.

16.Auf der anderen Seite des Bahnhofs Hesslingen, durch einen langen, finsteren Tunnel zu erreichen, lag der Silbersack, eine ziemlich zweifelhafte Bar mit Striptease-Angebot und Rotlicht-Betrieb.

Acko und Fifi machten kehrt und entdeckten auf der andern Seite des Bahnhofs die Ferienhausvermietung Lenzen.

"Ja, wir haben noch was. Wie lange wollen Sie bleiben?"

"Vorerst einmal eine Woche", entschied Acko. "Und das auch nur, wenn Sie uns sagen können, wo wir für diese Zeit alles das kaufen oder leihen können, das man für eine Woche Ferienhaus braucht."

"Wie das?", wunderte sich Georg Lenzen und legte den Kuli, mit dem er den Vertrag ausfüllte, zur Seite.

"Man hat uns gestern unseren Wagen mit allen Sachen für vier Wochen Ferien gestohlen", sagte Acko mit einer überzeugenden Mischung aus Wut und Trauer in der Stimme. "Zum Glück hatte ich meine Brieftasche mit zum Essen genommen, sonst könnten wir Sie nicht einmal bezahlen."

Der letzte Satz tat die von Acko erhoffte Wirkung, Lenzen nahm den Kuli wieder in die Hand und schrieb eifrig, quittierte die Bar-Bezahlung für eine Woche im Voraus, händigte ihnen zwei Schlüssel aus und rief seine Tochter Petra. Die junge Dame brachte sie zuerst zu einem "Ferienstore", indem sie sie sich mit allem Nötigen, wenn auch zu Mondpreisen, eindecken konnten und führte sie dann zu dem gemieteten Haus, das keine Luxusherberge darstellte, aber für eine Woche zu ertragen war, half sogar noch, die Betten zu beziehen, den Stromzähler abzulesen und ihnen zu zeigen, wo alles untergebracht war. Acko gefiel die hilfsbereite Tochter zehnmal besser als der geschäftstüchtige Vater. Petra hatte sogar daran gedacht, einen kleinen Plan der Sehenswürdigkeiten und typischen Urlaubziele in der Umgebung mitzunehmen und zeigte ihnen zum Abschluss sogar noch ein Restaurant, das ihrer Meinung nach preiswerter und zugleich besser war als die auf Touristen getrimmten Lokalitäten in der Ortsmitte und nahe am Ufer. Als er sein Portemonnaie zückte, prüfte er flüchtig, wie viel Geld er noch hatte und bedauerte, dass er aus dem Versteck hinter den Küchenfliesen nicht alles Geld mitgenommen hatte. Ferien waren teuer, was Fifi bestätigte: In dem Ferienstore zahlte man gut eineinhalbmal so viel wie in dem SB-Markt, in dem sie mal ausgeholfen hatte und heute noch einkaufte. Viel konnte man in dem Nest nicht unternehmen. Immerhin gab es einen kleinen Park am See, um den ein gut ausgeschilderter Wanderweg führte. Doch vor 13 Kilometern schreckte beide zurück und vertrödelten den Tag im Ort. Der Besuch im Café Rösenbauer endete mit einem veritablen Zank. Fifi hatte ungeniert mit einem blonden Mann an einem Nebentisch geflirtet, der recht gut Deutsch sprach, aber zweifellos ein Ausländer war. Däne, Norweger oder Schwede, wie Acko dachte. Als er ihr auf dem Heimweg Vorwürfe machte, reagierte sie mit einem Flunsch. "Er hat mir gefallen und ich bin nicht dein Eigentum, habe dir auch keine ewige Treue versprochen, so wenig wie du mir. Meinst du, ich bin blind und bekomme nicht mit, was zwischen dir und Dele läuft?"

Da lief nun gar nichts, aber Fifi hatte noch einen Pfeil im Köcher. "Ich weiß auch, dass dich die Mutter weniger interessiert als ihre Töchter."

"Du spinnst immer gewaltiger. Ich habe die Töchter noch nie gesehen."

17. Streit macht durstig, und Fifi freute sich auf einen Gin-Tonic zur Beruhigung; doch Acko lehnte ab, er wolle noch einmal in die Stadt fahren, weil er dringend was erledigen müsse. Dass sie Dele Hüllsen erwähnte, hatte ihn auf eine Idee gebracht.

"Soll ich mitkommen?", fragte sie aufgeregt.

"Lieber nicht, als Pärchen fallen wir leichter auf. Hast du deinen Schlüssel für unsere Hütte?" Sie hatte und er zahlte. "Ich komme wohl erst mit dem letzten Zug zurück."

Sie begleitete ihn noch zum Bahnhof, verabschiedete sich zärtlich und ging dann vergnügt zum Silbersack. Der düstere und schmuddelige Fußgängertunnel unter dem Bahnhof und den Gleisen konnte eine Frau schon das Gruseln lehren. Licht war theoretisch genügend vorgesehen, aber jede zweite Leuchtröhre oder Lampe war zerstört.

In der Bar hatte der Betrieb noch nicht richtig begonnen. Sie konnte sich einen Hocker an dem langen Tresen aussuchen und bestellte einen Gin-Tonic. Die junge Frau hinter der Bar beeilte sich. Doch kaum stand das Glas vor Fifi, als sich ein Mann auf den Hocker nebenan schwang. Sie sah ihn unwillig an, doch der mittelalterliche Muskelprotz mit den fettig glänzenden langen schwarzen Haaren ließ sich nicht beeindrucken. "Suchst du Arbeit?", fragte er halblaut.

"Arbeit? Wie kommst du darauf?", entgegnete die verblüffte Fifi.

"Weil du so früh gekommen bist. In der Zeitung stand, wer Interesse habe, solle sich ab 20 Uhr an der Bar vorstellen."

"Interesse woran?", fragte Fifi harmlos.

"Wir suchen Stripperinnen und Table-dance-Frauen."

Dann bemerkt er Fifis erstauntes Gesicht und fügte hinzu: "Du bist also nicht wegen unserer Annonce gekommen?"

"Nein, die habe ich gar nicht gelesen. Wo stand die denn?"

"Heute im Morgenecho."

"Nee. Die Zeitung haben ich heute noch nicht in der Hand gehabt." Danach überlegte sie einen Moment, bevor sie fragte: "Was zahlst du denn einer Stripperin?"

"Hat du Interesse?"

"Weiß noch nicht", zögerte sie. Jetzt musste sie gut überlegen, was sie erzählte. "Ich bin gestern meinem Alten weggelaufen. Und bis der zahlt - vielleicht muss ich zwischendurch einfach was verdienen."

"Dreißig für jeden Strip", sagte der Schwarzhaarige gelangweilt. "Bar auf die Kralle. Plus zwanzig Prozent vom Preis der Getränke, die ihr bestellt. Abgerechnet wird jeden Abend."

"Und wie oft muss ich raus?"

"Das kommt darauf an. Einige gehen mit den Kunden aufs Zimmer, dann kann eine andere an ihrer Stelle auf die Tanzfläche."

"Aufs Zimmer kommt für mich nicht in Frage", wehrte Fifi ab.

"Okay. Wer abends bis 20 Uhr 30 in der Garderobe antritt, ist für den Abend engagiert. Wer nicht kommt, kriegt nichts, so einfach ist das. Wie heißt du denn?"

Sie schaltete rechtzeitig. "Toni."

"Okay, Toni. Ich heiße Udo."

"Ich kann's mit noch überlegen?"

"Unter einer Voraussetzung."

"Und die wäre?"

"Du musst jetzt mit zu mir ins Büro und die Hüllen fallen lassen, ich will schon sehen, was ich meinen Gästen anbiete."

"Sozusagen eine kostenlose Privatvorstellung."

"Nenn' es die Probezeit, die hast du in jedem Betrieb auch."

Sie schnitt eine Grimasse, die ihm nicht entging. "Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du willst, nehmen wir Gina mit; sie weiß, worauf es ankommt und passt schon auf, dass ich dich nicht belästige. Soll sie was zu trinken mitbringen?"

"Ich würde noch einen Gin-Tonic nehmen."

"Gina, einen Gin-Tonic und einen Bourbon wie gewöhnlich ins Büro."

"Geht in Ordnung, Udo."

Das Büro war sehr nüchtern eingerichtet, Schreibtisch, Beistelltischen für den Computer und einen Drucker, ein Regal mit Aktenordner und Büchern. Udo musste den Besuchersessel zur Seite räumen und stellte dann einen Recorder an. Die Musik war uralt, schmalzig und langsam und stammte aus dem frühen vorigen Jahrhundert.

Gina kam mit zwei Gläsern herein und meinte vorwurfsvoll: "Du solltest dir langsam mal eine andere Musik zulegen."

Fifi hatte angefangen, sich auszuziehen und als sie das Shirt zur Seite legte, meinten Udo und Gina gleichzeitig. "Prima, du hast einen sehr schönen Busen."

Fast geschmeichelt streifte sie ihren BH ab und stieg aus ihren Hosen. Als sie nach dem Bund ihres Slips griff, meinte Udo unerwartet: "Stopp, das reicht. Ich bin schon zufrieden. Der Slip muss natürlich auch noch runter, wenn du draußen auf der Tanzfläche bist."

"Na klar doch."

"Bist du rasiert?"

"Natürlich."

"Wir sind handelseinig, okay? Darauf einen Schluck?"

"Na klar." Fifi griff nach ihrem Glas und prostete Udo zu, zog sich wieder an und setzte sich auf den einzigen Stuhl. Gina lehnte sich an die Tür und lächelte Fifi versonnen zu. Als sich der Raum nach wenigen Minuten zu drehen und der Fußboden zu schaukeln begann, sprang sie vor und stützte Fifi, die von ihrem Stuhl zu fallen drohte.

18. Acko hatte auf der Fahrt viel Zeit nachzudenken und sich klar zu machen, dass er wahrscheinlich auf Fifi hereingefallen war. Sie war doch nicht zu ihm zurückgekehrt, weil ihr der Neue einmal ein paar Ohrfeigen gescheuert hatte– wenn das überhaupt stimmte, Nasenbluten konnte man sich auch selbst beibringen, absichtlich oder unabsichtlich. Fifi war nun mal nicht ehrlich, das hatte er längst lernen müssen, aber warum sie log, hatte er bis heute nicht durchschaut. Dass sie sich gerne bedeutungsvoller und wichtiger darstellte, als sie war, nahm er ihr nicht krumm. Das taten viele, auchMänner. Aber was dann hatte sie zu ihm in den Schraderkamp geführt?

Im Stadtpark nahm Acko den Hauptweg, an dem ein Grillplatz lag. Ihn besetzten bei schönem Wetter all die Obdachlosen, die auf Platte lebten und sich eigentlich aus dem Wege gingen. Nur an wenigen Stellen fanden sie sich freiwillig in Grüppchen ein und erstaunlicherweise war der Grillplatz bekannt dafür, dass es hier immer friedlich blieb, obwohl das Bier in Strömen floss. Mit einem Paket Grillwürste oder einem Kasten Bier in der Hand durften sich auch "Kamele" zu den Berbern setzen. "Kamele" waren steuerzahlende Leute mit fester Arbeit und einer eigenen Wohnung. Acko hatte sich oft gesagt, ohne Ottos Hilfe hätte er nach der Haftentlassung auch leicht in diesem Milieu landen können. Adele Hüllsen mochte aus privaten Gründen freiwillig auf der Straße leben, die meisten waren dazu gezwungen worden. Bei fast allen hatte es mit Schulden, Alkohol und Arbeitslosigkeit angefangen.

Die Gesuchte saß alleine neben dem gemauerten Grill, in dem das Holz bereits heruntergebrannt war. "Was ist los, Dele? Nix abbekommen?"

"Hei. Acko. Nee, ich muss Feuerwache schieben." Dabei deutete sie auf mehrere mit Wasser gefüllt Eimer. Es hatte in den vergangenen Jahren regelrechte Schlachten mit der Polizei gegeben, die nach mehreren Bränden die spätabendlichen und nächtlichen Grillfreunde vertrieben hatte, bis durch Vermittlung eines Pfarrers ein Agreement zustande kam. Sie durften grillen, wenn einer, der nüchtern blieb, neben einer Reihe mit wassergefüllten Eimern Brandwache schob und über ein Handy notfalls die Feuerwehr rechtzeitig alarmierte, bevor Bäume und Büsche abbrannten. Die Außenseiterin Dele hatte sich bereit erklärt, dieses ungeliebte Amt zu übernehmen, das ihr keiner streitig machte.

"Und was ist mit dir? Hunger, kein Bett für die Nacht?"

"Schlimmer, Dele, ich habe einen Riesenbock geschossen und müsste für einige Tage und Nächte irgendwo unterkriechen, wo mich niemand findet."

"Vor allem nicht die Bullen, was?"

"Wie kommst du darauf?"

"Ich habe heute Morgen auf einer Bank ein Morgenecho gefunden und mir gleich gesagt, hallo, den hübschen Kerl auf der ersten Seite kennst du doch. Schlimme Geschichte?"

"Ich fürchte, ja. Diese Fifi betreibt ein ganz eigenes riskantes Spiel und ich soll wohl die Rechnung bezahlen, wenn's schief geht."

"Pech, hast du ein Handy?"

"Bitte."

Sie tastete eine Nummer und sagte dann vergnügt: "Guten Abend, Poldi, hier ist Dele. Du kannst mir jetzt den Gefallen tun, den du mir angeboten hast. Ich habe einen guten Freund, Acko, der für eine Woche einmal incommunicado sein müsste ... wie meinst du? ... Wenn du so willst, bürge ich für ihn... danke, Poldi. Bis dann einmal, gute Nacht."

Sie gab Acko das Handy zurück. "Er heißt Leopold von Issen und wohnt am Wiener Platz Nummer sieben. Du sagst ihm, Dele schickt dich."

"Vielen Dank, Dele, wenn ich dich nicht hätte..."

"Schon gut. Eine kleine Warnung; Poldi ist etwas eigenartig. Harmlos, aber er kann einem schwer auf den Wecker gehen, am besten beachtest du ihn gar nicht. Im Haus läuft eine Angestellte namens Martha herum, die hat schon seinen Vater bedient und ist absolut vertrauenswürdig und loyal."

Er grinste sie an. "Dele, darf ich dich noch um einen Gefallen bitten?"

"Bitten jederzeit, ob ich ihn dir tun kann, wird sich zeigen."

"Ich habe etwas bei mir, was ich an einem sicheren Ort vor jedermann verstecken möchte."

"Auch vor der Polizei?"

"Vor der besonders. Aber ich müsste, wenn's gefährlich wird, ohne Probleme herankommen können."

"Lass mich mal überlegen." Nach einer Weile meinte sie: "Du solltest dich Poldi mit einer hübschen, kleinen Ausrede anvertrauen, der mag weder den Staatsanwalt noch das Finanzamt und ist sicher bereit, ärgerliche Kontoauszüge vor diesen beiden Instanzen zu verbergen."

"Danke, Dele."

Auf dem Hauptweg zum Haupteingang des Parks kam er nicht weit. An einer dunklen Stelle hörte er zu spät schnelle Schritte hinter sich, und bevor er sich umdrehen oder in einen Seitenweg ausweichen konnte, erhielt er einen harten Schlag über den Schädel und ging zu Boden. Mehrere dunkel gekleidete Männer stürzten sich auf ihn und wollten seinen Anorak durchsuchen, doch dazu kamen sie nicht mehr, eine Frau mit einer überraschend hellen Taschenlampe kam auf sie zu und rief: "Acko, du hast dein Handy vergessen. Und ihr verschwindet, oder soll ich die Polizei rufen?"

Einer der Männer gab daraufhin ein Kommando in einer Sprache, die Acko nicht kannte und nicht verstand, aber die Stimme erinnerte ihn an den fremden Gast im Café Rösenbauer, mit dem Fifi so ungeniert geflirtet hatte. Die Retterin stellte sich als Dele heraus, die ihm auf die Beine half und ihn zum Grillplatz zurückführte. "Was wollten die denn von dir?"

Acko hatte einen schrecklichen Verdacht: "Vielleicht das hier?"

"Was ist denn das?"

"Das ist eine DVD."

"Und was ist drauf?"

"Das weiß ich nicht; ich habe versucht, die Datei zu öffnen, aber dazu braucht man drei Passwörter, die ich nicht besitze."

"Aber diese Typen, die dich überfallen haben, kennen die?"

Er schaute sie groß an, Dele beflügelte sein Gehirn. Entweder die Männer oder Fifi? Wenn sie nun im Auftrag eines anderen zu ihm "zurückgekommen" war, um sich die DVD zu holen und dafür Versöhnung im Bett vorzutäuschen? Dann fühlte er noch etwas in seinem "Arbeitsanorak", das er ganz vergessen hatte, und zog den Umschlag mit den Fotos hervor, den er hatte abgeben wollen, weil es die Teeniebotin wegen ihres wartenden Freundes so eilig hatte.

"Was ist denn das?", fragte Dele neugierig. Sie wusste ja, wie sich Acko Geld beschaffte.

"Weiß ich nicht, mir geraten schon mal Sachen in die Hände, die ich absolut nicht gebrauchen kann."

"Zeig mal her." Sie richtete die Taschenlampe auf den Umschlag und las den Namen der Empfängerin. "Ich werd' verrückt, eine Andrea Stehmann kenne ich."

"Ich schenke dir den Umschlag für deine Hilfe – nein, ich will gar nicht wissen, was drin ist."

"Danke, Acko, den nehme ich sogar dankend an."

Nach dreißig Minuten war sein Kopf wieder so weit klar, dass Acko die Viertelstunde zum Hauptbahnhof laufen konnte, diesmal ohne Überfall oder Belästigung. Am Bahnhof nahm er sich ein Taxi. Auf dem Wiener Platz fuhr man am besten standesgemäß vor, mit Chauffeur in einem Achtzylinder oder vierspännig und kam auf keinen Fall zu Fuß dort an. Nummer sieben stellte sich als eine wirklich hochherrschaftliche Villa heraus, breit, drei Stockwerke in makellosem Weiß mit einem Portikus wie aus dem Handbuch für den erfolgreichen Architekten. Acko klingelte, und eine ältere Frau in einem schwarzen Kleid mit einem weißen Zierschürzchen und einer weißen Haube öffnete. So, wie sie aussah und sich benahm, hätte sie sofort in einer Operette von Vater oder Sohn Johann Strauß auftreten können.

"Guten Abend", sagte Acko höflich, "ich heiße Acko und möchte gerne mit Herrn von Issen sprechen. Adele Hüllsen schickt mich."

"Guten Abend, Herr Acko. Der gnädige Herr erwartet Sie schon. Kommen Sie doch bitte herein."

Leopold von Issen trug – comme il faut – einen Smoking und erwartete seinen Gast in einem Salon. Viele Sessel mit Beistelltischchen rings herum, ein prachtvoller Teppich und an den Wänden eine museumsreife Kollektion von Porträts würdevoller älterer, mit Orden übersäter Herren und Damen mit windempfindlichen Frisuren. Einzig das Bild einer weißblonden Schönheit machte da eine Ausnahme. Die junge Dame hatte winzige Locken, kurz geschnitten zu einer Art eng anliegender Haube. Der Hausherr seufzte, als er Ackos Blick bemerkte, nötigte ihn zum Setzen und kredenzte eigenhändig einen Sherry. Acko hätte lieber ein Bier getrunken, aber begriff, dass es in dieser Ahnengalerie ein stilwidriges Getränk gewesen wäre. In möglichst gestelzten Worten bedankte er sich für die freundliche Aufnahme und Poldi betrachtete ihn etwas beunruhigt: "Adele meinte, Sie wollten in den nächsten Tagen incommunicado sein?"

Acko schaute sich diese Karikatur eines Bonvivant aus dem ancien régime an und erlebte einen Geistesblitz, der auf Deles Informationen beruhte. "In der Tat. Der Finanzminister und ich sind seit langer Zeit unterschiedlicher Meinung in einigen nicht unerheblichen Steuerfragen des Schachtel-Privilegs, und weil der Mann uneinsichtig, stillos und unfair ist, hat er mir die Polizei auf den Hals gehetzt."

Damit hatte Acko tatsächlich eine Saite angeschlagen, die bei Poldi vieles zum Klingen brachte. "Ja, ja, diese Demokraten", seufzte er. "Anmaßend, arrogant und geldgierig. Sie wissen, dass diese so genannten Abgeordneten neben ihrem Gehalt auch noch Tagegelder beziehen? Stellen Sie sich mal vor, ich müsste meiner Martha neben dem Gehalt jeden Tag einen Zehner extra zahlen, nur weil sie geruht, morgens zum Dienst in der Küche zu erscheinen."

Acko brachte die hier angemessene Erregung und Empörung zustande, und als er in der Garderobe aus seinem Anorak die DVD geholt hatte, sagte Poldi fast ehrfurchtsvoll: "Kaum zu glauben, dass so ein kleines Ding so viel Unheil anrichten kann."

"Dele meinte, es sei bei Ihnen sicher vor Staatsanwalt und Finanzamt aufgehoben."

"Stimmt. Dele ist nicht nur eine schöne, sondern auch eine kluge Frau, ausgesprochen schade, dass sie meint, sie müsse auf der Straße leben. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich."

Man verstand sich und beim gemeinsamen Abendessen wurde Poldi zutraulich und sogar sachlich. "Herr Acko, das ganze Haus steht Ihnen zur Verfügung. Wenn Sie frische Luft brauchen, bitte, der Garten ist groß und gut eingezäunt. Ich möchte Sie nur davor warnen, meine Nachbarn sind plebejisch neugierig, vor allem die unerzogenen Blagen in den kurzen Hosen. Kein Respekt mehr vor nichts und niemandem. Wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich doch einfach an Martha. Noch ein Glas Wein?"

"Gerne."

"Und wenn Sie Ihren Krieg mit dem Finanzamt beendet haben sollten, rate ich Ihnen, Kupferaktien zu kaufen."

"Warum gerade Kupfer?"

"Weil das Elektroauto kommt und dann braucht die Industrie noch sehr viel mehr Kupfer für die Motoren."

"Sind Sie denn sicher, dass das Elektroauto in absehbarer Zukunft wirklich kommt?"

"Ganz sicher. Das Problem mit den mangelhaften und unzureichenden Akkus oder Batterien, wie sie laienhaft heißen, ist gelöst. Das weiß ich aus absolut sicherer und zuverlässiger Quelle." Poldi hatte Geld und liebte Einkünfte, daran bestand kein Zweifel. Acko erinnerte sich an einen Spruch eines Lehrers: "Die Armut kommt von der pauverté. Das Geld liebt besonders la richesse."

Er wurde geradezu fürstlich untergebracht, Salon mit einem Schreibtisch und einem Telefon, er räumte seinen Anorak aus, und legte alle unverfänglichen Teile in eine Schublade, der Schlüssel steckte und Acko zog ihn nicht ab. Wenn man einer Martha nicht mehr trauen durfte, konnte man sich auch gleich einen Strick nehmen. Schlafzimmer mit begehbarem Schrank, ein separates Bad mit Wanne und Dusche. Die Fenster des Schlafzimmers lagen nach hinten zum Garten heraus, der eher als Park bezeichnet werden musste. Es war hier am Rande des Stadtzentrums unglaublich ruhig, und Acko schlief wie ein Toter.

19. Fifi wachte auf und wusste nicht, wo sie war. Das Zimmer war klein und geschmacklos eingerichtet, miefig und überhitzt, viel bunter Schnickschnack, Puppen, Kunstblumen und in der Luft ein süßlicher Duft. Wie in einer Hurenbude, und kaum hatte sie das gedacht, da spürte sie die Feuchtigkeit an ihren Schenkeln. Voller Panik und Ekel schlug sie die dünne Decke zurück; diese Flecken und Hinterlassenschaften kannte sie, ein Mann hatte ohne Gummi mit ihr geschlafen, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, mit wem, wann und warum. Wie war sie hierhergekommen? Sie mühte und mühte sich, aber da fehlte ein gewaltiges Stück Film vom gestrigen Abend. Wenn sie wenigstens wüsste, wo sie war. Nicht weit von ihrem Fenster entfernt schlugen Metallteile heftig gegeneinander, es dauerte, bis sie erkannte, dass es die automatischen Türen eines Zuges waren, der jetzt losfuhr. Für Sekunden wollte sich eine Erinnerung hervordrängen, aber im gleichen Moment wallte eine Übelkeit hoch, die alles klare Denken oder Erinnern überschwemmte. Jemand hatte ihre Wäsche und Kleidung auf einen Stuhl geworfen. Es gab ein Waschbecken neben der Tür, sie reinigte sich so gut wie möglich, zog sich an und öffnete dann vorsichtig die Zimmertür. Kein Laut zu hören, das Haus schien menschenleer. Sie befand sich im dritten Stock, die Treppen mündeten parterre vor einer Tür, die halb offen stand. Aus dem großen Raum dahinter wehte ihr ein Gemisch aus kaltem Rauch, Alkohol, Parfüm und Schweiß entgegen. Der Gestank drohte ihr den Atem zu verschlagen. Vor der langen Bar waren mehrere Hocker umgestürzt. Eine Bar, ein Mann, der sich neben sie setzte und mit ihr redete. Dahinten schien es eine Tür nach draußen zu geben. Sie schlich durch den langen Raum, musste um Glasscherben, Kleidungsstücke und gebrauchte Papiertaschentücher herumbalancieren und wagte zum ersten Mal richtig durchzuatmen, als sie vor der Tür stand, und die immer noch leicht tanzenden Buchstaben entzifferte Sil-ber-sack. Die kreischenden Bremsen eines Zuges brachten sie in die Gegenwart zurück. Da gab es doch einen langen Tunnel unter dem Bahnhof hindurch, und am Ende des Ganges lag ihr Hotel, in das sie und Acko...wo zum Teufel steckte eigentlich dieser Acko? Nein, ein Hotel hatten sie aufgeben müssen und waren mit dem Zug bis zur Endstation weitergefahren, hatten dort doch ein Ferienhäuschen gemietet? Sie musste jetzt unbedingt noch ein paar Stunden schlafen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Die Bewegung tat gut, die Schleier vor ihren Augen wurden dünner.

Sie verirrte sich mehrmals, bis sie das Ferienhäuschen fand, aber das viele Laufen tat ihr in einer Hinsicht gut, der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich von Minute zu Minute mehr. Sie erkannte immer mehr Einzelheiten wieder.

20. Lisa Otten saß noch nicht richtig an ihrem Schreibtisch, als Möller sie mit zwei Nachrichten überfiel: "Welche zuerst?"

"Die schlechtere."

"Du sollst unbedingt heute Vormittag zu Korte kommen. Er hörte sich am Telefon ziemlich verschnupft an."

Das war bei Staatsanwalt Ewald Korte eigentlich der Normalzustand. Von höflicher Geduld hielt er gar nichts, und Verständnis für Pannen durfte man von ihm nicht erwarten. Sie seufzte: "Na schön: Die bessere."

"Du hast Post bekommen. Handschuhe!"

Sie zog sich auch Handschuhe über. Es handelte sich um einen dieser länglichen Fensterbriefumschläge mit aufgedruckte Briefmarke und einen abziehbaren Plastikstreifen für die selbstklebende Verschlusslasche. Die Anschrift war mit der Maschine getippt oder von einem Drucker aufs Papier gebracht worden. "Frau KHK Lisa Otten, Polizeipräsidium. Postfach."

Sie schlitzte den Umschlag auf, ein Blatt weißes Maschinenpapier mit einem sehr knappern Text. "Der Holger Stempel hatte eine Freundin und die war am Mordtag im Sängerweg 29."

Möller kicherte. "Natürlich hat jeder Stempel eine Freundin. Sie heißt meistens Kissen."

"Blödmann." Dabei tippte sie schon eine Nummer: "Seidel? Guten Morgen, Lisa hier. Ich habe was für euch."

Seidel erschien wie der geölte Blitz und keine zwei Minuten später war Lisa mit zwei Kopien unterwegs zur Staatsanwaltschaft. Korte knurrte ein mürrisches "Morgen, Frau Otten", und deutet auf einen Stuhl. Als er ihren gierigen Blick bemerkte, bequemte er sich, aufzustehen, einen zweiten Becher zu holen und aus der Thermoskanne mit gut riechendem Kaffee aufzufüllen.

21. Acko setzte sich in der Küche der Villa an einen reich gedeckten Tisch, ließ sich einen herrlich duftenden Kaffee einschenken und hörte zu seiner Erleichterung, dass Poldi bereits aus dem Haus gegangen war. Er konnte zwischen den drei Tellheimern Tageszeitungen wählen und belegte mit Marthas ausdrücklicher Billigung alle drei mit Beschlag. Der Mordfall Holger Stempel war schon auf die hinteren Seiten der Lokalteile gerutscht. Martha sah, was er so eifrig las, und fragte schließlich: "Kannten Sie Dr. Stempel?"

"Nein. Aber ich hatte mal ein Freundin, die bei OLDECO gearbeitet hat." Es war wohl besser, wenn er in dieser Umgebung ein Verhältnis mit der Bürobotin nicht an die große Glocke hängte.

"Der gnädige Herr kennt die OLDECO recht gut“, meinte Martha mit einer gewissen Vorsicht in der Stimme. "Der Chef der OLDECO hat mit dem Gnädigen Herrn zusammen studiert und Herr von Issen ist heute Gesellschafter dort."

Martha nannte Poldi immer den Gnädigen Herrn oder Herr von Issen. Wörter wie Chef oder Poldi hätte sie wohl nicht über die Lippen gebracht oder dabei ihre Zunge verschluckt.

"Ach nein. Die Welt ist doch manchmal klein, finden Sie nicht auch?"

Dass man Martha nach ihrer Meinung fragte, erfreute sie; es kam wohl nicht so häufig vor. "Doch, doch, völlig richtig, Herr Acko."

Acko verzog sich mit den Zeitungen in seinen Salon. Das Morgenecho spekulierte ungeniert; ausgerechnet in der Nähe der Sonne in Lohmühlen, in der die beiden Flüchtlingen übernachtet hatten, war ein schwer verwundeter Mann gefunden worden, der vor Einlieferung in eine Klinikgestorben war. Gab es zwischen dem Messerstich und den Flüchtlingen eine Beziehung? Das Tageblatt meldete nur nüchtern, dass es bis gestern am späten Nachmittag noch keinen Hinweis auf den Täter aus dem Sängerweg 29 gegeben habe. Allerdings gebe es eine merkwürdige Koinzidenz. An dem Tag, an dem Dr. Holger Stempel ermordet wurde, sei aus dem Wagen der Stempel’schen Kollegin Dr. Christine Manderscheid Geld aus einem Aktenkoffer gestohlen worden. Die Fingerabdrücke auf dem Koffer deuteten auf einen vorbestraften Trick- und Taschendieb hin, der auf Reststrafenbewährung vorzeitig aus der Haft entlassen worden sei und nun von der Polizei gesucht werde. Wahrscheinlich sei er in Begleitung einer jungen Frau unterwegs, die ebenfalls bei der OLDECO arbeitete. Acko fand es nicht sehr schön, dass er in der Zeitung stand, aber immerhin hatte er so sozusagen amtlich erfahren, wen er damals beklaut hatte: Es waren im Handschuhfach tatsächlich die Visitenkarten der Autohalterin gewesen. Und der Artikel hatte ihn daran erinnert, dass er sich um Fifi kümmern müsse.

Die konservative Landeszeitung wusste auch ein Gerücht zu verbreiten. Die OLDECO stehe angeblich vor der Patentanmeldung eines Wunderkunststoffs, über den in Chemikerkreisen wild spekuliert werde. Aus dieser Meldung und den Angaben des Tageblatts würde das Morgenechoeine tolle Story stricken, an Fantasie mangelte es der Redaktion des Echos nicht.

Acko legte die Zeitungen zusammen, brachte sie zu Martha und verabschiedete sich: "Ich muss mal nach Hesslingen, was erledigen. Nun, heute Abend will ich wieder zurück sein."

"Geht in Ordnung, Herr Acko."

Dem Haus Nummer 33 im Schraderkamp näherte er sich nur auf Umwegen. Wenn die Polizei ihn tatsächlich suchte, war es gut denkbar, dass sie auch seine Wohnung überwachte. Im Weizenbruch war ihm ein junger Mann im Gammellook aufgefallen, der sich auffällig unauffällig nach ihm umschaute. Am Ende der schmalen Gasse gab es hinter einer hohen Mauer aus Feldsteinen einen ehemaligen Hof, den seine Besitzer aufgegeben hatten. Die frühere Scheune stand noch und hatte neben dem großen Tor zwei Türen an der Rückseite. Acko wusste, dass dies hier einer der wenigen Plätze war, den Obdachlose außerhalb der City aufsuchten. Deswegen hielt hier auch der "Nachtexpress". Auf dem Platz hatte früher einmal eine städtische Waage gestanden, damals lag der Kornmarkt noch gleich nebenan, geblieben war davon nur der Straßenname "An der Waage". Acko schlüpfte durch die Hintertür in die fast dunkle Scheune. Es wartete lange Minuten, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er auf die andere Seitentür zuzuschleichen wagte, die sich auf den Weg zur alten Waage öffnete. Das Gerümpel an Maschinen und Geräten, das hier herumstand, hatte inzwischen Museumswert, was aber nicht hieß, dass alles stumpf geworden war, man konnte sich mächtig schneiden oder blutigen Nasen holen. Die letzten Meter zur Tür musste er sich mit ausgestreckten Armen ertasten, und als er nach der Türklinke griff, hörte er wenige Meter hinter sich einen Fluch. "Scheiße."Acko hatte nicht bemerkt, dass ihm ein Mann in die Scheune gefolgt war. Oder war der Unbekannte bereits vor ihm in der Scheune gewesen? Aber wer sollte sich am helllichten Tag in einer dunklen, muffig und feucht riechenden verlassenen Scheune aufhalten oder verstecken. Oder war dieser Unsichtbare ihm hierher gefolgt? Acko lauschte und glaubte tatsächlich, leise, verstohlene Schritte hinter sich zu hören, die näher kamen: Er konnte sogar verschwommen die Umrisse einer Figur erkennen, die geschmeidig auf ihn zukam, ohne ein Gerät oder eine Maschine anzustoßen. Diese Lautlosigkeit und Sicherheit jagten ihm plötzlich Furcht ein.

"Was willst du von mir?"

Keine Reaktion.

"Wer bist du?"

Die Figur antwortete wieder nicht, sondern bückte sich und schien etwas aufzuheben. Das konnte Acko auch; er tastete mit einer Hand auf dem Boden und spürte auf der Seite ein rundes Holz. Wie der Griff eines Gartengeräts. Es war leicht genug, um es hochzuheben, und schwer genug, um eine Waffe abzugeben. Als Acko sich wieder aufrichtete, schwankte er einen Moment und das rettete ihm wohl das Leben. Die Figur hatte mit aller Kraft etwas nach ihm geschwungen, das Ackos Kopf knapp verfehlte und mit lautem Krach gegen ein Metallteil schlug. Acko holte mit seinem Gerät aus und schlug ebenfalls mit aller Kraft zu. Er traf, die Figur schrie gellend auf und ging wie vom Blitz gefällt zu Boden, wobei sie ein großes, sperriges Gerät umriss, das so auf den Mann fiel, dass der sich nicht mehr bewegen konnte. Acko verzichtete darauf, nachzusehen, wen er damit mehr Glück als Verstand außer Gefecht gesetzt hatte, warf sein Gerät irgendwohin in die Scheune, wo es etwas traf, das klirrend zu Bruch ging, und sauste durch die Tür nach draußen.

Die halb verweste und von Tieren angenagte Leiche wurde Mitte Dezember gefunden, als ungewöhnlich früh und hart einsetzender Frost Obdachlose zum Übernachten in die Scheune trieb. Die Polizei konnte den Mann nicht identifizieren und von den Vermisstenmeldungen passte keine auf den toten beschnittenen Mann.

Acko war so erleichtert, dass er der bedrohlichen Figur entkommen war, dass er auf dem Weg zum Schraderkamp keine Sekunde darauf achtete, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Erst im Hausflur registrierte er ein merkwürdiges Knarren auf den Treppenstufen unter ihm. Doch weil die Schritte nicht näher kamen und ganz verschwanden, als er seine Wohnungstür erreichte, vergaß er, was er gehört hatte. Das Versteck hinter den Küchenfliesen war unversehrt. Er nahm die restlichen Scheine heraus, steckte sie ein und machte sich auf den Rückweg. Dass sich hinter ihm im ersten Stock eine Wohnungstür öffnete, sobald er vorbeigegangen war, registrierte er nicht. Das Pärchen trug Joggingschuhe mit sehr weichen Sohlen und verursachte keinen Laut, ließ Acko das Haus Nr.33 verlassen und folgte ihm in so großem Abstand zur Bushaltestelle, dass Acko nicht auf sie aufmerksam wurde. Beide mochten Anfang zwanzig sein und schienen mächtig ineinander verliebt, schmusten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit und waren unzertrennlich, ohne Augen für ihre Umwelt. Das Mädchen und der junge Mann hatten jeder ein Handy in den Hosentaschen, das beide blind mit einer Hand bedienen konnten. Im Hauptbahnhofsgebäude kamen sie Acko so nahe, dass sie sehen konnten, wie er eine Rückfahrkarte zur Endstation der Linie S 12 löste. Acko steckte das Kleingeld wieder ein und der junge Mann knipste ihn dabei mit dem Fotohandy en face und en profil, beide Aufnahmen verschickte er an eine Kurzwahl-Nummer, die er mit einer Hand tastete. Acko bemerkte nichts, auch nicht, dass beide in die S 12 stiegen, und wie er an der Endstation Hesslingen die Bahn verließen. Auf dem Bahnsteig warteten zwei Pärchen, die Acko ohne jede Reaktion vorbeigehen ließen, sich aber an seine Fersen hefteten, sobald das erste Pärchen auf Acko gezeigt hatte. Die beiden Pärchen, die auf Acko und die "Zeiger" gewartet hatten, stellten sich sehr geschickt an, ließen Acko an der langen Leine laufen, wechselten sich bei der Verfolgung immer wieder ab und hielten untereinander Kontakt über ihre Handys. Wem fielen in einem Touristenzentrum schon zwei verliebte Pärchen auf, die zufällig in dieselbe Richtung bummelten und ständig Handys am Ohr hatten?

Acko öffnete die Hütte mit seinem Schlüssel und eine erschrockene Fifi schoss von der Couch hoch. Sie hatte tief geschlafen und brauchte einige Zeit, um wach zu werden und Acko zu erkennen. "Mein Gott, Acko“, stöhnte sie laut auf und begann zu weinen, "wo hast du nur gesteckt?"

22. Lisa Otten hatte heute Morgen keine Zeitungen gelesen, aber was über den Fall Holger Stempel dort an Tatsachen abgedruckt war, kannte sie schon, weil sie gestern die entsprechenden Texte für die Pressestelle abgezeichnet hatte.

Aber Staatsanwalt Ewald Korte hatte die Blätter gelesen und schien eindeutig not amused. "Sind Sie überhaupt einen Schritt weitergekommen?", fauchte er Lisa an, die sich fest vorgenommen hatte, nicht aus der Rolle zu fallen und diesem Ekel mal die Meinung zu geigen.

"Nein", gab sie zu. "Wir wissen, dass nach dem Mörder wenigstens ein Mann mit einer auffallend tiefen Stimme im Haus Sängerweg 29 gewesen ist und uns dann alarmiert hat, ohne seinen Namen zu nennen. Keine Ahnung, wer das war und warum er zu Stempel gegangen ist. Und seit heute weiß ich, dass noch ein weitere Person annähernd zur Tatzeit in oder nah an Stempels Haus gewesen ist." Sie gab Korte die Kopien. "Die Originale sind zu Untersuchung noch bei der KTU."

"Was soll denn das?"

"Da möchte jemand aus Gründen, die wir noch nicht kennen, den Verdacht auf eine bestimmte Person lenken."

"Wissen Sie, wer Stempels Freundin ist oder war?"

"Nein. In dem Laden mauern alle und verstecken sich hinter Betriebsgeheimnissen."

"Mit dem Laden meinen Sie die OLDECO?"

"Ja."

"Gibt es einen Grund, warum die so wenig kooperieren?"

"Ja, gibt es, das weiß ich von dem einzigen, der halbwegs offen redet. Felix Bandel, der Personalchef der OLDECO. Er hat mir erzählt, dass die Firma kurz vor der Patentanmeldung eines Wunderkunststoffs steht, von dem sie sich auch Wunder für das Firmenkonto verspricht. Sie fürchten alle Werksspionage. Und bevor Sie weiterfragen: Holger Stempel war für die Dokumentation der Entwicklung zuständig, wenn einer wusste, was da lief, dann er."

"Und ausgerechnet der Mann wird ermordet – ganz recht, Frau Otten, es ist ja eigenartig, was sich alles in kürzester Zeit rund um Mitarbeiter der Firma OLDECO ereignet."

Lisa sagte erst mal nichts. Sollte das Ekel von Korte von selbst auf die richtige Spur kommen?

"Wie meinen Sie das?"

"An einem Tag werden einer wichtigen Mitarbeiterin der OLDECO Geld und Unterlagen aus dem Auto gestohlen. Der Dieb ist ein vorbestrafter Trick- und Taschendieb und ist mit seiner Freundin auf der Flucht, die – o Zufall – bei der OLDECO arbeitet und sich mit einer Sommergrippe krank gemeldet hat, die aber nicht zu Hause im Bett auskuriert, sondern mit ihrem Freund in einem Hotel in Lohmühlen übernachtet, in dessen Nähe ein Unbekannter mit einem lebensgefährlichen Stich in die Bauchhöhle gefunden wird."

"Die er", sagte Lisa spöttisch, "wahrscheinlich in dem Zimmer erhalten hat, in dem Gero Ackermann und Gudrun Prosch schliefen. Die Spusi hat eindeutige Spuren gefunden, obwohl sich die Leitung der SonneMühe gegeben hat, diese Spuren zu verwischen. Wer denkt schon daran, die Polizei zu rufen?"

Korte fletschte die Zähne: "Und was machen Sie jetzt?"

"Mit Ihrer Billigung möchte ich mir bestimmte Personen aus der OLDECO mal vorknöpfen und eine Öffentlichkeitsfahndung mit Klarnamen und Bildern in Facebook und Twitter loslassen. Und Sie können vielleicht herauszukriegen versuchen, um welch großes Ding es sich bei dem Wunderkunststoff der OLDECO handelt."

"Warum das?"

"Weil ich das dumpfe Gefühl nicht loswerde, dass da bis jetzt noch völlig Unbekannte mitmischen. Und ein Wunderkunststoff, der Millionen bringen soll, wäre nicht der schlechteste Anlass für Fremde, sich gewaltsam einzumischen."

Korte legte den Kopf schräg: "Mit andern Worten im Klartext: Sie wollen Ärger machen."

"Mit Ihrem Segen! Okay, ja."

"Viel Glück, Frau Otten."

23. Fifi heulte minutenlang und schien sich nicht wieder einzukriegen. Immer wieder klagte sie, Acko hätte sie im Stich gelassen, nur weil sie gern noch einen Gin-Tonic trinken wollte. Langsam reichte es ihm: „Ich hatte in der Stadt was Dringendes zu erledigen. Und was war denn eigentlich mit dir?"

Die Antwort hatte sich Fifi inzwischen überlegt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass sie Acko die Wahrheit besser nicht erzählte. Er würde nicht verstehen, warum sie freiwillig in das Büro dieses Mannes mitgegangen war. Und eigentlich verstand sie es jetzt auch nicht mehr. Und Acko war seinerseits fest entschlossen, nichts von dem Vorfall in der alten Scheune zu erzählen.

Um sich einen Vorwurf zu ersparen, gab er ihr von dem Geld, das er aus seinem Küchenversteck geholt hatte, mehrere große Scheine. Fifi bedankte sich ängstlich: "Willst du wieder weg?"

"Ja, einmal muss ich noch in die Stadt zurück."

"Aber du kommt doch vor der Nacht wieder?"

"Sicher. Komm, lass uns etwas laufen, das Wetter ist so schön und ich bekomme langsam Hunger."

Sie bemerkten das Pärchen nicht, das auf einer Bank saß, schmuste und dabei ihre Hütte nicht aus den Augen ließ. Der junge Mann, so schwarzhaarig wie seine Begleiterin, telefonierte sofort. "Sie gehen los Richtung Uferpark."

"Okay, wir übernehmen an der Wandertafel."

24. Nach reiflichem Überlegen hatte Lisa Otten beschlossen, den Anfangsärger bei Felix Bandel loszulassen: "Ich hatte Sie gebeten, mir einen Kollegen oder eine Kollegin zu nennen, die Stempel auch privat etwas besser kannte."

"Ja, richtig."

"Frau Dr. Manderscheid war da ja wohl die falsche Auswahl – oder?"

Bandel sah sie schräg an: "Wie kommen Sie denn darauf?"

"Weil sie mir – in Ihrer Gegenwart – gesagt hat, sie habe viel und eng mit Stempel zusammengearbeitet, aber keine Kenntnisse seiner privaten Verhältnisse."

"Stimmt, hat sie gesagt. Das kann man, aber muss man ja nicht glauben, Frau Hauptkommissarin."

"Was soll das heißen?"

"Stempel hat sich sehr für Christine Manderscheid interessiert."

"Das wissen Sie von wem, von Stempel oder von Christine Manderscheid?" Dann bemerkte sie Bandels saure Miene und lachte laut los: "Das ist schon ein Unterschied. Ich habe mich auch schon für Männer interessiert, die von mir leider nichts wissen wollten. Umgekehrt soll das auch vorkommen."

"Okay. Er hat's mir gebeichtet. Wie sie darauf reagiert hatte, weiß ich nicht, das müssten Sie sie selber fragen."

"Was ich am liebsten sofort täte, Herr Bandel."

"Ich hätte nichts dagegen, aber Christine Manderscheid ist zur Zeit nicht im Hause."

"Schade. Eine andere Frage: Wenn dieser Stempelstoff so wichtig ist, hat die OLDECO doch bestimmt einen Sicherheitsbeauftragten, der Spionage und Abwerbung verhindern soll."

"Hat sie. Er heißt Frank Tesche und sitzt, wenn Sie zum Ausgang gehen, Parterre rechts in der Abteilung Hausverwaltung."

Lisa musterte ihn ungnädig, aber Bandel machte ein so harmloses Gesicht, dass sie seine Auskunft nicht als eine versteckte Aufforderung auslegen wollte, ihn jetzt in Ruhe zu lassen.

Die in der Firma Vermisste saß zu der Zeit mit einem großen, breitschultrigen Mann im Restaurant des Stadtparks und trank nach dem Essen noch einem Mokka. Der Mann hatte eine ungewöhnlich tiefe Stimme und sprach sehr langsam, fast schleppend. "Wer wird denn Stempels Nachfolger?"

"Das steht noch nicht fest", sagte sie unwillig.

"Aber einer muss sich doch um die Dokumentation kümmern. Oder verschieb OLDECO auch die Patentanmeldung?"

"Nein, glaube ich nicht. Man wird auf keinen Fall warten, bis ein neuer Leiter Verfahrenstechnik gefunden ist. Und die Dokumentation wird vorübergehend wohl Anika Petric übernehmen."

"Kenne ich die?"

"Nein, das will ich auch nicht hoffen. Sie ist blond und zieht die Männer an wie eine läufige Hündin die Rüden."

Er betrachtete sie scharf. Eine so gehässige Bemerkung über eine andere Frau war sonst nicht Christines Art. Sie verstand seinen Blick richtig: "Ich hasse sie, und sie weiß das."

"Also keine Chance...?"

"Auf eine Gefälligkeit? Nein. Erst recht nicht auf zwei, Ulli."

"Was machen wir da?"

"Abwarten. Aber wir haben nicht mehr allzu viel Zeit. Wenn sie die Passwörter ändert, sind wir gekniffen."

"Warum sollte sie das tun?"

"Kein Administrator verzichtet auf das Recht, die Bestände so zu sichern, wie er das für richtig hält."

"Das klingt nicht sehr ermunternd."

"Nein. Was sagen denn deine Leute?"

"Wenig. Den einen hat's in Lohmühlen erwischt, die anderen sind seitdem umsovorsichtiger. Oder ängstlicher."

"Er tut mir leid."

"Mir nicht, Chris. Es gab eine klare Anweisung, nicht auf eigene Faust zu handeln und vor allem nie alleine. Aber der grüne Junge wusste es ja besser."

Sie schaute auf die Uhr: "Es wird Zeit für mich. Zahlst du?"

"Aber sicher. Nur eines noch, wenn du mit dieser Petric keine Chance siehst, soll ich jemand auf sie ansetzen?"

"Noch nicht. Gib mir noch etwas Zeit, sie im neuen Amt zu beäugen, ich rufe dich an."

"Dann notier' dir mal meine neue Handynummer. Mein altes Handy ist plötzlich verschwunden."

Sie musterte ihn scharf, aber er behielt seine harmlose Miene unverändert bei. Diese Technik beherrschte er hervorragend, auch sie war darauf schon hereingefallen. Sie hatten sich auf einem Chemiker-Kongress in Basel kennengelernt, auf dem sie einen Vortrag über ihre jüngsten Forschungen zur Katalysatoren-Theorie hielt. Aber die La-Roche-Leute bissen nicht an, dagegen ein Uwe Lambert, der ihr zwar keinen festen Job anbot, aber dafür einen Forschungsauftrag. Seien Firma stellte unter anderem technische Leime her, und bei einer Neuentwicklung stockte es an einer Stelle.

Das angebotene Honorar gefiel ihr und sie brauchte das Geld, weil sie sich aus der finanziellen Abhängigkeit ihres Freundes befreien wollte. Dass Uwe Lambert mehr von ihr wollte als die Lösung eines chemischen Problems, war ihr klar. Und anfangs war sie auf seinUmwerben auch eingegangen. Bis sie sich zum ersten Mal fragte, wie ein so kleines Unternehmen wie ULC so viel abwerfen konnte, dass sich Uwe alle seine Hobbies leisten konnte: eigenes Sportflugzeug, Segelyacht, Golf, Tennis, Reiten und Polo, Paragliding und gelegentlich Pokern. Mit industriellen Leimen und garantiert reinen Bio-Farben ließ sich so viel nicht verdienen. Indirekt bestätigte er ihren Verdacht. Seine Haupteinnahmequelle war nicht die Entwicklung und Herstellung chemischer Produkte, sondern eine Art Agenturfunktion. Er vermittelte Erfinder und Patentinhaber an größere Konzerne, die die Produktion und den Verkauf übernahmen. Christine Manderscheid hatte die ihr auf der Zunge liegende Frage nicht auszusprechen gewagt: "Alles ehrlich nach Recht und Gesetz?"

Sie trennten sich, sobald sie sein Problem gelöst und er dafür korrekt bezahlt hatte. Weil sie ihren Verdacht nie ausgesprochen hatte, konnten sie auch heute noch ohne gegenseitigesMisstrauen verkehren.

25. Auch Acko und Fifi hatten gegessen und schlichen nun langsam zu ihrer Hütte zurück. Die Portionen waren reichlich gewesen und das Bier heute irgendwie besonders stark. Sie hatten gerade die Tür aufgeschlossen und die Hütte betreten, als hinter ihnen die Tür wieder aufgerissen wurde. Mehrere Personen drängten herein, die so etwas offenbar nicht zum ersten Mal ausführten. Fifi und Acko bekamen mit Sand gefüllte Socken über die Köpfe geschlagen und als sie am Boden lagen, knieten sich zwei junge Frau auf ihre volle Bäuchen und drückten ihm und ihr etwas Weiches, Klebrig-Feuchtes und widerlich Riechendes auf Mund und Nase. Fifi und Acko strampelten vergeblich. Sie konnten weder ihre Angreifer abschütteln noch die Wirkung des Äthers verhindern. Es wurde rasch dunkel und still um sie herum.

26. Lisa Otten fand das Büro des Sicherheitsbeauftragten ohne Probleme, und Frank Tesche, Mitte vierzig, hatte schon einen Anruf des Personalchefs erhalten: Er solle offen mit der Kriminalbeamtin reden. Das tat er, aber so, dass Lisa nach einigen Sätzen den Kopf schräg legte und ihn angrinste: Tesche grinste zurück: "Ganz recht, zuerst Schutzpolizei in Hanau, dann Bundespolizei am Frankfurter Flughafen und jetzt Angestellter der OLDECO."

Auch in der Sache waren sie sich sofort einig: "Nein, tut mir leid, Frau Otten, um was es sich bei der Entwicklung handelt, von der alle nur mit leuchtenden Augen und gedämpften Stimmen reden, weiß ich nicht. Das Projekt heißt unter den Mitarbeitern nur 'Der Bolzen' – warte nur, bis der Bolzen draußen ist. Der Bolzen wird's schon richten, mit dem Bolzen gibt's auch wieder Gewinnbeteiligung und so weiter."

"Also ein ganz großes Ding."

"Ja, ganz klar. Was der Bolzen genau ist, könnte ihnen neben dem Abteilungs- und Projektleiter am besten Holger Stempel erläutern."

"Herr Tesche, ich bin die Konkurrenz der OLDECO und möchte illegal, aber gegen eine gute Bezahlung alle Pläne des Bolzen in die Finger kriegen. Da wende ich mich doch am besten vertrauensvoll an Holger Stempel, nicht wahr?"

Tesche nickte. "Er wäre auf jeden Fall die erste und beste Adresse.“

„Bestechlich?"

"Im Alltag nicht, aber wenn Ihnen jemand mehrere Millionen Euro bietet, steuerfrei und sicher vor Entdeckung, wird so mancher ehrliche Mensch schwach."

"Hat man Stempel was geboten?"

"Das weiß ich nicht. Meine Mitarbeiter und ich haben nie so was bemerkt, und er hat auch nie so eine Bemerkung fallen lassen."

"Aber ich bin sicher, Sie und Ihre Mitarbeiter hatten in den vergangenen Monaten ein besonders scharfes Auge auf Holger Stempel."

"Das würde ich nicht bestreiten."

"Herr Tesche, Sie kennen natürlich die beiden schönen Sprüche unseres Gewerbes. 'Cui bono'?, und 'Cherchez la femme'."

"Na klar. 'Cui bono' kann ich nicht beantworten, da können Sie jedes große Chemieunternehmen verdächtigen, das auf dem Weltmarkt eine Rolle spielt. Und die Frauen? Stempel war ein seltsamer Heiliger. Dass es ein anderes Geschlecht gibt, wusste er; aber wie man an das herankommt und wie man mit dem umgeht, hatte er auf der TH nicht gelernt, weil es zum Diplom nicht geprüft wurde. Ich habe nicht den geringsten Beweis für meinen Verdacht, dass er lieber in einen ordentlichen Puff ging, als eine Kollegin zum Wein – und später vielleicht mehr – einzuladen und im Bett seine Ignoranz zu offenbaren."

"War er denn schwul?"

"Glaube ich nicht. Aber schüchtern, unerfahren und unbeholfen. Dann hat bei uns eine Blondine als Botin angefangen. Fifi, so ihr Spitzname, hatte den Fleiß nicht erfunden, aber sie besaß einen scharfen Blick für potenzielle Opfer. Und die Junggesellen der höheren Einkommensgruppen."

"Zu denen Holger Stempel gehörte."

"Ja, das schon, aber ob er ihr ins Netz gegangen ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Als sie hier anfing, hatte sie einen Freund, der sie manchmal abends am Tor abgeholt hat."

"Wissen Sie den Namen dieses Mannes?"

"Sie hat ihn nur mit Acko angeredet, das habe ich selbst mal gehört. Nur Acko."

Lisa Otten ahnte sehr genau, wer sich hinter Acko verbarg, und Tesche wusste es aus der Presse. "Es wird dieser Gero Ackermann sein, mit dem sie angeblich auf der Flucht ist – sagt das Morgenecho."

"Das Morgenecho schreibt viel."

"Stimmt."

"Und Fifi heißt bürgerlich ..."

"Gudrun Prosch."

"Herr Tesche, wie ich Sie einschätze, haben Sie diese Fifi einmal unter die Lupe genommen, als Sie den Verdacht hatten, Fifi könne Holger Stempel Nachhilfe-Unterricht in den Lebensbereichen geben, auf denen er nicht so firm war."

"Habe ich, ja."

"Würden Sie mir verraten, was dabei herausgekommen ist?"

"Sicher, aber das Ergebnis war enttäuschend."

"Trotzdem."

„Fifi lebte oder lebt noch in einer winzigen Wohnung in der Öttlingergasse, in der so ein Schoßhündchen klaustrophobische Anfälle erleidet."

"Sind Sie mal in der Wohnung gewesen?"

Tesche schaute Lisa schuldbewusst an, nickte aber: "Es hat die Mühe nicht gelohnt. Kein Hinweis auf die Identität eines Freundes, so sie denn einen zu der Zeit hatte."

"Also auch kein Hinweis auf Holger Stempel."

"Richtig. Kein Hinweis."

"Was haben denn die Haubewohner gesagt?"

"Sie kennen die Gegend rund um den alten Schlachthof?"

"Ja."

"Da wohnen nur Affentrios aus Orangs, Bonobos und Schimpansen. Nichts hören, nichts sehen, nicht sagen. Mit einer Ausnahme. Die Nebenwohnung hat eine gewisse Babette Günther gemietet, damals Aushilfsverkäuferin im Bricklermarkt an der Kanalstraße. Die hat uns erzählt, Fifis fester Freund sei ein vorbestrafter Büromaschinentechniker, der als Fahrradbote bei einer Druckerei untergekrochen sei."

"Acko."

"Ja, eben der."

"Herr Tesche, eine letzte Frage. Unterstellt, Stempel hätte sich doch in eine Kollegin verliebt, verguckt oder schwärme heimlich für sie, auf wen würden Sie dabei tippen?"

Tesche musste nicht lange nachdenken. "Auf unsere Katalysator-Tine. Aber die haben viele Männer bisher erfolglos umschwärmt und angebetet."

"Auch Felix Bandel?"

"Ich denke schon."

"Vielen Dank, Herr Tesche. Wir sehen uns bestimmt noch."

Als sie gegangen war, griff Tesche zum Telefon und ließ sich zu Bandel durchstellen. "Sie scheint auf der Schiene private Beziehungen zu recherchieren."

"Hat sie irgendwas Neues rausgelassen?"

"Nein. Aber mir ist aufgefallen, dass sie den Begriff Katalysator-Tine kannte, als der mir so rausgerutscht ist."

"Danke, Herr Tesche."

Auch Lisa telefonierte direkt vor dem Gebäude und hatte einen schönen Auftrag für Heiko Möller: "Du darfst alles zusammentragen, was es über eine blonde schlanke Schönheit gibt."

"Herzlichen Dank. Meinst du etwa Frau Dr. Katalysator-Tine?"

"Eben die."

27. Acko war kotzübel, als er erwachte; sein Kopf drohte zu platzen. Und als er laut aufstöhnte, bemerkte Fifi, die neben ihm lag: "Ist dir auch so schlecht?"

"Und wie. Kommst du an die Klingel für den Zimmerservice?"

"Quatschkopf!"

"Weißt du, wo wir sind?"

"Das wollte ich dich gerade fragen!"

"Keine Ahnung. Was ist eigentlich passiert. Mir fehlt ein Stück Film."

Gemeinsam rekonstruierten sie die letzten Minuten vor dem plötzlichen Einbruch der Dunkelheit. Sie waren in Hesslingen in ihrer gemieteten Hütte überfallen worden und zwar von wenigstens vier Personen. Sie einigten sich auf zwei junge Männer und zwei junge Frauen, alle vier erste Hälfte oder Mitte zwanzig, die sich auf der Fahrt von Hesslingen nach – Fragezeichen – in einer Sprache unterhielten, die Fifi nicht kannte, also auch nicht verstand. Aber warum? Geld war bei ihnen nicht zu holen, Lösegeld erst recht nicht. Was besaßen sie, das so eine Aktion erklärte? Acko dachte dabei an die DVD, die er nicht hatte öffnen können, weil ihm die drei geforderten Passwörter fehlten. Aber wenn er das Fifi gestand, würde sie von ihm verlangen, die Scheibe herauszugeben. Sie würde ihm nicht glauben, dass er sie nicht mehr besaß. Was würde Poldi unternehmen, wenn er nach Hause kam und von Martha erfuhr, dass ihr Logiergast aus Hesslingen nicht zurückgekommen war?

"He, du! Lass dir was einfallen!", moserte Fifi, die so tat, als hätten sie sich nie gestritten.

"Du nimmst mir das Wort aus dem Mund!", gab er zurück und dankte dann seinem Glück, dass er nichts von der DVD erwähnt hatte. Eine männliche Stimme sagte scheinbar aus dem Nichts: "Die Herrschaften scheinen wieder wachund munter zu sein. Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut."

Sie wurden also abgehört. Fifi quietschte erschrocken und Acko sagte schnell: "Munter genug, um uns zu erkundigen, wo wir sind, und was ihr von uns wollt. Und wie lange dieser Quatsch noch dauern soll."

"Nur keine Ungeduld, du Arschloch."

Vernünftig war also mit diesem Knaben nicht zu reden. Acko nahm ihr Quartier in Augenschein. Sie mussten in einem Zimmer unter einem Dach sein. Der Raum hatte schräge Wände und war nicht sehr hoch. In der Schräge auf dieser Seite war ein klappbares Dachfenster eingelassen. Auf der andern Seite gab es eine Art Gaube, deren Fenster vergittert war. Fifi und er lagen ausgestreckt nebeneinander auf einer breiten Liege und waren mit Wäscheleine an Händen und Füßen aneinander gefesselt. Von der gemeinsamen Fesselleine führte unten eine Leine an das Unterteil der Liege, von der Handfessel eine Leine an das Oberteil. Die Knoten waren nicht so fest zugezogen, dass sie schmerzten oder ihnen das Blut abschnürten, aber eng genug, um sie nicht abzustreifen.

"Na, warum denn plötzlich so schweigsam"?, fuhr die Stimme höhnisch fort. "Hat es euch die Sprache verschlagen?"

"Nein", sagte Acko bissig, "wir reden nur nicht mit jedem."

"Das würde ich mir an eurer Stelle aber gut überlegen. Ihr habt nur uns. Und wenn ihr bockig seid, sogar für lange Zeit."

"Ohne Pinkeln, Händewaschen, Essen und Trinken läuft gar nichts", beschied ihn Acko, und erstaunlicherweise lenkte der Mann ein: "Das klingt ja so, als würdest du vernünftig."

"Kann sein, aber verlass dich nicht darauf."

Dann drehte Acko den Kopf so weit wie möglich zu Fifi und flüsterte ihr ins Ohr: "Nichts sagen, die hören uns ab."

"Weiß ich doch!", versetzte sie kurz.

Zwanzig Minuten später wurde die Tür von außen aufgeschlossen. Zwei junge Männer mit kurzläufigen Waffen in den Händen kamen herein, gefolgt von zwei jungen Damen, die eine schwarzhaarig, die andere mit brünetten Locken, beide sportliche Figuren und fast gleich groß. Jede balancierte ein Tablett herein. Ob das das Quartett war, das sie in Hesslingen überfallen hatte. Die Frauen stellten die Tabletts auf den Boden und beugten sich dann über Fifi und Acko, um die Fesseln an Händen und Füßen zu lösen. Dabei achteten sie darauf, nicht in die Schussbahnen zu geraten. Und die beiden Typen sahen aus, als würden sie nicht lange zögern, die durchgeladenen und entsicherten Waffen zu benutzen. Weil Acko nicht die geringste Lust verspürte, sich eine Kugel einzufangen, nur um den Helden zu spielen, verhielt er sich völlig ruhig, während ein Pärchen mit Fifi Richtung Toilette abzog. In der Zeit inspizierte Acko das Tablett auf dem Boden und die Hinterfront der direkt vor ihm stehenden jungen Gefängniswärterin; sie hatte einen hübschen Arsch, wie Acko auch in dieser Situation nicht umhin konnte zu bemerken, lockige, lange hellbrünette Haare fast bis zur Taille, die zum Glück nicht das Werkzeug verdeckten, das sie am Gürtel trug. Acko wagte nicht zuzugreifen, weil der andere Mann ihn beobachtete. Auf Ackos Tablett stand eine Plastikschüssel, gefüllt mit einer undefinierbaren Suppe, die er mit einem weißen Plastiklöffel essen sollte, ein knautschbarer Plastikbecher und eine Plastikflasche Wasser mit Schraubverschluss. Echtes Glas und ein metallener Löffel wären ihm lieber gewesen, aber der Mensch konnte nicht immer alles bekommen. Nicht weit entfernt rauschte eine Toilettenspülung und dann drängte die Frau: "Nun, mach schon, du blöde Nuss. Wir können nicht ewig warten."

Nach Fifi durfte Acko den Gang zum WC antreten, die junge Frau ging voran, der Mann, immer noch mit der Pistole im Anschlag, folgte ihm. An der Tür ergab sich eine Chance, sie blieb ohne Grund plötzlich stehen, Acko prallte fast auf sie, und bevor sie sich wegdrehen konnte, hatte er die Hand um da merkwürdige Werkzeug gelegt; als sie sich wegdrehte, zog sie für ihn das Ding aus ihrem Gürtel. Offenbar bemerkten weder sie noch der Mann mit der Pistole etwas von dem Besitzerwechsel. Taschendieb blieb eben Taschendieb und auch in diesem Gewerbe machte Übung den Meister.

In dem winzigen Bad gab es nichts, was das Mitnehmen zu Befreiungszwecken lohnte. Acko steckte seine Beute unter das Hemd in seine Unterhose, verrichtete sein Geschäft, wusch sich die Hände und erschien harmlos-pünktlich vor der Tür.

Als er in ihre Gefängniszelle zurückgeleitet wurde, hatte Fifi bereits begonnen, ihren Teller auszulöffeln. In ihrer Situation war es albern, dass er sich darüber ärgerte, aber Acko tat es dennoch und wieder einmal wurde ihm klar, dass Fifi zuerst an Fifi dachte, und danach kam lange nichts, wenn überhaupt noch was. Sie schaute nur kurz hoch und sagte mürrisch: "Iss, sonst wird sie ganz kalt." Was bei dieser Wärme nicht unangenehm war. Die Isolierung unter den Dachziegeln taugte nichts. So wenig wie die Suppe, die aus einer sehr billigen Instant-Tüte stammte. Widerwillig schluckte er ein paar Löffel und legte dann den Löffel zur Seite.

"Wenn du nicht essen magst, können wir uns ja mal unterhalten", sagte einerder jungen Männer. "Ich heiße übrigens Sven. Man hat mir gesagt, dass du auf den Namen Acko hörst." Er sprach fließend und fehlerfrei Deutsch, aber mit einer merkwürdigen Betonung – kein Zweifel, Sven war Ausländer.

"Ich wüsste nicht, was wir zu bereden hätten", murrte Acko.

"Na hör mal! Interessiert dich gar nicht zu erfahren, wie lange du hier bleiben musst?"

"In Grenzen. Was willst du also?"

"Acko, du hast vor einigen Tagen ein Auto aufgebrochen ..."

"Von wegen 'aufgebrochen'. Die Schlösser sind aufgegangen, weil in der Nähe ein Fahrer seine Karre verriegeln wollte, per Fernbedienung, und dabei ungewollt das Kabrio geöffnet hat. Ich ging auf dem Parkplatz zufällig an dem Wagen vorbei, als der Schlossmechanismus schnarrte und habe mir gesagt, einem geschenkten Gaul schaut man ruhig mal ins Maul."

Sven sah nicht so aus, als glaube er Acko jedes Wort. Aber Ackos Version schien immerhin möglich, deshalb fuhr er fort. "Meinetwegen. In dem Kabrio lag ein schwarzes Aktenköfferchen, das du geöffnet hast."

"Stimmt."

"Du hast aus dem Köfferchen Geld genommen..."

"Richtig."

"Und eine DVD, wahrscheinlich im Papierumschlag."

"Stimmt auch."

"Siehst du, und diese DVD hätten wir gern wieder."

"Das ist leider nicht möglich."

"Und warum nicht?"

"Ich hab' sie der Besitzerin zurückgegeben."

"Willst du mich verarschen?", brauste Sven auf.

"Nein, warum sollte ich? Und wieso: Verarschen?"

"Woher wolltest du denn wissen, wem die DVD gehört."

"Na, der Fahrerin des Kabrios, denke ich."

"Aha, und woher hast du deren Namen und Anschrift?"

"Was glaubst du, warum Autos Kennzeichen besitzen?"

"Und du Superheld kannst aus einem Kennzeichen sofort ablesen, wem der Wagen gehört?"

"Nein, das kann ich nicht. Aber mein Rechtsanwalt. Der ruft die Zulassungsstelle oder die Verkehrspolizei an, nennt seinen Namen und eine Codezahl und erhält ohne Probleme Namen und Anschrift des Kfz-Halters, steckt die DVD in eine gefütterte Tüte und schickt sie der Person zu."

"Was du auch getan hast?"

"Was soll ich auch getan haben?"

"Die DVD in eine gefütterte Versandtasche gesteckt und an die Eigentümerin geschickt haben."

"Nein, das habe nicht ich getan, das hat mein Anwalt gemacht."

"Und wie heißt dein Anwalt?"

"Dr. Werner Pflüger."

Das war nicht ganz fair, wie Acko genau wusste. Pflüger hatte ihn gut verteidigt und einiges für ihn herausgeholt, und er hatte Pflügers Rechnung immer noch nicht bezahlt. Aber zum überzeugenden Lügen gehörte eben auch, dass man vor den Antworten nicht lange zögert, sondern so schnell wie möglich die gewünschte Auskunft gibt. Pflüger gehörte zu den altmodischen Typen, die sich eher alle Zähne ziehen lassen würden, als einem Fremden ohne gesetzliche Grundlage Auskunft über einen Mandanten zu erteilen.

"Und an welche Adresse hat er die DVD geschickt?"

"Das weiß ich nicht."

"Aber den Namen der Besitzerin hat er dir doch genannt?"

"Das war nicht nötig, den kannte ich schon."

"Ach nee. Stand der auf dem Kfz-Kennzeichen?"

"Nein, auf einer Visitenkarte, die ich im Handschuhfach gefunden habe."

"Großartig. Dürfen wir den Namen auch hören?"

"Manderscheid, Dr. Christine Manderscheid."

Fifi ließ vor Überraschung ihren Löffel in die Suppe fallen, was Sven natürlich nicht entging.

"Ich werd' verrückt. Sag' bloß, du kennst diese Manderscheid auch."

"Na klar. Sie arbeitet in der OLDECO, wie ich auch."

Sven verstand die Welt nicht mehr, stellte sich auf die Füße und winkte den drei andern zu. "Wir gehen. Sonst stecken wir uns noch an."

Ob er die vier überzeugt hatte, ob die den Dialog überhaupt verstanden hatten, wagte Acko nicht zu beurteilen, aber er beschwerte sich nicht, dass sie gingen und ihre Gäste nicht wieder fesselten. Wahrscheinlich wollten sie hören, was Fifi, erleichtert ob der neuen Beweglichkeit, zu der Räuberpistole ihres Freundes sagen würde, und deshalb legte er rasch einen Finger vor die Lippen und deutete mit der andern Hand auf seine Ohren. Sie verstand und hielt tatsächlich die Klappe, auch wenn es ihr schwer fiel.

Auch Acko hätte gerne über ein Detail gesprochen, das ihm aufgefallen war und das ihn beunruhigte. Woher wussten Sven und Konsorten von dem schwarzen Aktenköfferchen? Logisch waren zwei Möglichkeiten. Sie wussten es von der Eigentümerin, von Christine Manderscheid oder von der Kripo. Beide Informationskanäle waren möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Unten im Haus begann das gemischte Doppel, sich anzuschreien. Na ja, da half wohl nur Ottos Motto: "Kommt Zeit, kommt Rat."

Nachdem er Fifi noch einmal durch Gesten ermahnt hatte, keinen Laut von sich zu geben, holte er das geklaute Werkzeug aus dem Versteck. Sie machte große Augen, beherrschte sich aber.

Das Werkzeug war ein mit einem Druckknopf verschließbares Plastiketui und enthielt einen mit Antirutschgummi bezogenen Kunststoffgriff, in den man verschiedene Schraubendreherteile stecken konnte, von ziemlich klein bis doch zu massiven Zungen für große Schrauben. Möglichst lautlos tappte Acko zu dem Gaubenfenster und schaute in einen verwilderten Garten mit Büschen, verblühten Blumen und krumme Bäumen, die seit Jahren nicht beschnitten worden waren. Einer stand so nahe am Haus, dass es möglich sein sollte, vom Dach auf Höhe der Regenrinnen auf die oberen, dickeren Zweige zu steigen, wenn man das Gaubenfenster aufbekam und nicht über die Ziegel und die Regenrinne hinaus abrutschte. Das Gaubenfenster war verschlossen, aber die neueren Schrauben, mit denen das Schloss im Holz verankert war, leuchteten geradezu auffordernd. Und ein gelernter Büromaschinen-Mechaniker ließ sich so leicht nicht von ein paar Schrauben in Holz abschrecken. Ob er es gleich versuchte? Er hatte keine Ahnung, wo ihr Gefängnis stand, und noch war es draußen helle genug.

Er legte sich neben Fifi und flüsterte ihr zu: "Ich will durch das Fenster raus. Kommst du mit?"

Sie schob ihn wortlos zur Seite und schlich ebenfalls an das Fenster, schaute hinaus und kam lautlos zurück, streckte sich neben ihm aus und hauchte ihm ins Ohr: "Nein, ich habe Angst. Das ist zu hoch für mich."

Er wälzte sich herum, bis er ihr ins Ohr flüstern konnte: "Ich hole dich hier heraus, aber es kann dauern." Sie nickte ein "Einverstanden."

Schloss und Riegel herauszuschrauben, war kinderleicht. Die am Rahmen befestigten Gitter schwenkten mit den Fensterflügeln zur Seite. Er zwängte sich durch das Fenster und war überrascht, wie heiß die dunklen Ziegel waren. Zum Glück hatte hier eine ordentliche Firma gearbeitet und in regelmäßigen Abständen halbrunde Metallbügel montiert, in die ein Dachdecker seine Füße stellen konnte. Dass Acko sich dazu mit dem Bauchauf die Ziegel legen musste und sofort das Gefühl bekam, medium durchgebraten zu sein, war sein Pech und der Preis der Freiheit. Aber es klappte, er bewegte sich langsam abwärts, kam nicht ins Rutschen und stieß mit einem Fuß schon an einen Ast, bevor er die Regenrinne erreicht hatte. Der Ast bog sich unangenehm weit durch und Acko beeilte sich, näher an den Stamm heranzukommen. Das Geäst war vor vielen Jahren zum letzten Mal gelichtet und beschnitten worden. Die Früchte erinnerten von ferne an Birnen, aber ob die gleich zu Holzmehl verarbeitet wurden oder essbar sein würden, wusste Acko nicht. Seine Familie hatte nie eigene Obstbäume besessen und Acko klaute beim Nachbarn, der sehr stolz auf sein Obst war und sich viel Mühe mit seinen Bäumen gab, wofür Acko und seine ebenfalls kletternder Freunde ihm aufrichtig dankbar waren. Trotz einer gewissen Übung in der Jugend brauchte er fast eine Viertelstunde, sich durch das Gestrüpp von Ästen und Zweigen ohne auffällige Geräusche einen Weg nach unten zu bahnen und zu brechen. Fifi hatte das Gaubenfenster geschlossen und so weit angelehnt, dass es der Viererbande nicht sofort auffallen sollte, und als er darüber nachdachte, kam ihm der Gedanken, dass die junge Dame ihm vielleicht absichtlich ein Fluchtwerkzeug zugespielt hatte. Was sie bestimmt nicht wegen Ackos Schönheit und Männlichkeit getan hatte. Wortführer Sven besaß sichtlich nicht nur Freunde und Bewunderer oder plante weit- und langfristig.

Der einzige Weg aus dem Garten führte direkt an einer Schmalseite des zweistöckigen Hauses vorbei. Das Eckfenster im Parterre stand offen und Acko hörte erregte Stimmen.

"Beweise ihm mal das Gegenteil", sagte ein Mann.

"Glaubt du etwa diese Räuberpistole?" Das war zweifellos Sven.

"Nein, aber was er dir erzählt hat, ist zumindest möglich. Er ist auf Reststrafenbewährung draußen..."

"... die er mit dem geklauten Geld schon verwirkt hat."

"Kein Widerspruch, aber wenn sein Anwalt bestätigt, dass er die viel wertvollere DVD freiwillig der Eigentümerin zurückgegeben hat, könnte ihm das vor Gericht sehr helfen."

"Wir sollten uns mal diese Manderscheid vorknöpfen", schlug eine Frau vor, die bislang geschwiegen hatte.

Eine zweite Frau stimmte ihr zu: "Sollten wir sofort tun. Dabei können wir auch feststellen, ob dieses Arschloch uns ein Märchen erzählt hat." Woher kannte er diese Stimme bloß?

Sven dämpfte die allgemeine freudige Zustimmung: "Und die Wahrheit wollt ihr notfalls aus der Manderscheid herausprügeln?"

"Warum nicht?", sagten der andere Mann und die zweite Frau unisono.

"Dann denkt mal daran, wer uns wofür bezahlt und wie der zur Manderscheid steht. Beziehungsweise liegt."

Daraufhin trat wie nach einem Befehl Ruhe ein. Acko grübelte; was hatte das zu bedeuten? Wie hingen der Auftraggeber dieser Viererbande und die Manderscheid zusammen? Dann sagte die Frau mit der Stimme, die er schon mal irgendwo gehört hatte: "Na, dann soll er uns mal zum Versteck führen. Das Werkzeug hat er mir jedenfalls sofort abgenommen."

"Dieb bleibt Dieb!", kommentierte die andere Frau gehässig, also war seine Idee gar nicht so abwegig gewesen. Sie hatten damit gerechnet oder sogar veranlassen wollen, sich zu befreien und sie nun stracks zum Versteck der DVD zu führen. Also wurde es Zeit, an einen sicheren, belebteren Ort zu kommen, bevor sie merkten, dass er das freundliche Angebot schon wahrgenommen hatte. Tief gebückt schob er sich an dem Fenster vorbei und durfte sich vor der Haustür in der Seitenwand wieder aufrichten. Von der Straße aus konnte er sogar eine Hausnummer – 18 – lesen. Belebt war die Gegend nicht, die Autos, die hier fuhren, konnte man an den Fingern einer Hand abzählen. Immerhin mündete die schmale Straße in eine breitere, und eine fürsorgliche Orts-Verwaltung hatte an der Einmündung zwei Straßenschilder montiert. Er verließ die Kasparstraße und bewegte sich jetzt auf der Egelsberger Landstraße. Beide Namen notierte er sich sofort. Und jetzt bekam er auch Begleitung. Er marschierte an einem großen, weißen Hund vorbei, der im Schatten eines Baumes halb auf dem Gehweg, halb auf der Straße schlief, sich aufrichtete, als er Ackos Schritte hörte und sich mühsam auf seine Pfoten stellte. Acko sagte im Vorbeigehen: "Guten Tag, mein Freund", und das schien ein Zeichen zu sein. Der weiße Zottelbär schloss sich ihm an, konnte aber auch nach mehrmaligem Nachfragen keine Auskunft geben, wohin sie denn nun marschierten. Das tat erst zehn Minuten später ein alter Mann, der ihnen auf einem Fahrrad entgegenkam:

"Einen Bahnhof, den haben wir nicht. Wenn Sie in die Stadt fahren wollen, nehmen Sie am besten in der Buchenstraße, da vorne gleich links, den 44er Bus bis zum Lantener See und steigen dort in die S 12. Wollen Sie den Bulli mitnehmen?"

"Nein, er hat mich mitgenommen, weil ich ihn gegrüßt habe."

"Das tut er gerne, wenn es Ihnen recht ist, nehme ich ihn mit zurück zu seinen Besitzern."

"Vielen Dank, ja."

Bulli machte brav kehrt und verfiel sogar in einen Zockeltrab, den Acko ihm gar nicht zugetraut hätte. An der Haltestelle notierte er sich, was ihm der Radfahrer geraten hatte, wartete zehn Minuten auf den 44er und kratzte sein letztes Münzgeld zusammen. Mit viel Glück konnte er noch das Ortsausgangsschild "Bruckstedt" lesen. Im Regionalexpress hatte er Gelegenheit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wo er heute Nacht schlafen sollte. Zum Wiener Platz wollte er nicht, der Teufel war gelegentlich ein Eichhörnchen und Acko wünschte auf keinen Fall wegen eines dummen Zufalls die Viererbande zum Aufbewahrungsort der DVD zu führen. Wahrscheinlich war seine Wohnung im Schraderkamp noch der sicherste Ort – vorausgesetzt, die Polizei beobachtet das Haus nicht. War die Verletzung einer Bewährungsauflage so wichtig, dass mehrere Beamte zur Observierung abgestellt wurden? Schließlich war er kein Gewalt- oder Sexualstraftäter. Oder sollte er bei Fifi unterkriechen. es gab einen Notfallschlüssel, deponiert bei Babette, den sie ihm wohl aushändigen würde. Sie kannte ihn zumindest vom Sehen als Freund ihrer Nachbarin Fifi. So richtig hatte er sich noch nicht entschlossen, als der Zug in den Hauptbahnhof einlief. Dann kam auf dem Vorplatz als erster Bus der 37er. Acko stieg ein und fuhr zum Schraderkamp. Für eine Fahrkarte besaß er kein Geld mehr, aber zum Glück kam kein Kontrolleur.

28. Yussuf Mehad saß in seiner Wohnung vor dem Fernseher und grübelte. Mahmud Sadr hatte sich heute wieder nicht gemeldet und sein Handy reagierte nicht. Diese dämliche Blondine mit den kurzen Haaren war zwar wie vereinbart zu ihm gekommen, behauptete aber stur, man habe ihr die DVD gestohlen und selbst wenn sie die Scheibe hätte, es fehlten dann immer noch die Passwörter, um die Datei zu öffnen. Von ihrer Sorge, die neue Administratorin könne die Passwörter ohnehin ändern, hatte sie keine Silbe verlauten lassen. Yussuf zweifelte langsam daran, dass an der ganzen Geschichte überhaupt was dran war. Immerhin hatte sie nicht versucht, die alte Vereinbarung zu verändern: Erst Lieferung der DVD einschließlich aller Passwörtern, dann Bezahlung. Ein schwacher Trost. Und Mahmud blieb stumm. Yussuf Mehad wusste nicht, was er tun sollte und wusste auch nicht, wen er um Rat fragen sollte. Seine Chefs wollten von nichts wissen, um bei Allah schwören zu können, dass sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hatten. Es war eine mehr als beschissene Situation, die wieder einmal unterstrich, wie richtig er mit seiner Forderung gelegen hatte, für solche Missionen die europäischen Muslime einzuspannen, die hier lebten, sich hier auskannten und nicht so auffielen wie seine Landsleute.

Er hatte sie gefragt, warum sie ihre Firma so verraten wollte, und sie hatte sich vor einer ehrlichen Antwort gedrückt, genau wie er, als sie sich erkundigte, was seine Organisation eigentlich mit den Kenntnissen auf der DVD anfangen wolle. Yussuf hielt sie für geldgierig und traute ihr zu, ein doppeltes Spiel zu treiben. Ihm die DVD auszuhändigen, damit der Bolzen nie auf dem Markt erschien und einem andern eine Kopie der DVD zu verkaufen, damit der – und damit auch sie – viel Geld mit der Produktion des Bolzen verdiente, weil sie einmal ein angeblich afrikanisches Sprichwort zitiert hatte: "Wenn sich der Löwe und der Büffel gegenseitig umbringen, freut sich der Geier." Mehad kannte nur eine andere afrikanische Weisheit: "Wenn sich zwei Elefanten streiten, leidet immer das Gras."

29.Poldi Issen war mehr als erstaunt, als Martha ihm erzählte, ihr Gast habe sich verabschiedet, um nach Hesslingen zu fahren und dort "etwas Wichtiges" zu erledigen, aber er wolle am Abend zurück sein. Des Menschen Wille war sein Himmelreich, und wenn Herr Acko es riskieren wollte, der Polizei in die Finger zu fallen, dann konnte und wollte Leopold von Issen daran nichts ändern. Er hatte heute an der Börse sehr günstig Kupfer-Aktien eingekauft, die Metallpreise fielen wieder einmal und die Schnäppchenjäger ohne Weitblick und Börseninstinkt wurden Opfer ihrer Spekulantenmentalität. Poldi, der Mann mit dem langen Atem und Riesenvermögen, hatte nichts dagegen, er verließ sich auf seine Informationen und hatte günstig gekauft. Als am späten Nachmittag die Neuigkeit die Runde machte, dass sich CCMMC (Campbell Copper Mining & Melting Company) als gigantischer Schwindel herausgestellt hatte, waren die Kurse noch einmal in den Keller gegangen und Poldi hatte ein letztes großes Schnäppchen machen können.

"Hat sich Dele Hüllsen mal gemeldet?"

"Nein, gnädiger Herr." Martha hätte zu gerne gewusst, was ihren Brötchengeben mit dieser Frau, die freiwillig auf der Straße lebte, eigentlich verband. Aber Fragen war nicht möglich und dass er es einmal von sich aus erklären würde, war mehr als unwahrscheinlich. Sie wusste nur, dass er regelmäßig für den Verein "Nachtexpress" spendete. Außerdem hatte er Anweisung gegeben, Dele Hüllsen in frostigen Nächten jederzeit ins Haus zu lassen, wenn sie vor der Kälte fliehen und am Wiener Platz Nr. 7 klingeln sollte.

30.Ewald Korte, heute Staatsanwalt in Tellheim, und Markus Schreiber, heute Direktor der chemischen Werke OLDECO, hatten sich während des Studiums in Freiburg kennen gelernt und angefreundet. Die Freundschaft hatte gehalten, auch als ihre beruflichen Karrieren sie in verschieden Städte führten. Der Zufall hatte sie wieder zusammengebracht. Sie trafen sich im Tellheimer Golfclub Wandelholz; und nach den ersten Gläsern im 19. Green war es, als seien sie nie getrennt gewesen. Von Freiburg waren sie gemeinsam nach Wien gegangen. Dort hatte sich ein Leopold von Issen dem Duo angeschlossen, aber Poldi, Sohn sehr reicher Eltern, wurde mit den beiden nie so vertraut wie es Ewald und Markus waren und blieben. Das lag einmal daran, dass Poldi nicht wirklich studieren musste, sondern später das Vermögen seiner Eltern erben und bestenfalls verwalten würde. Poldi betrachtete die Uni in erster Linie als staatlich geförderte Möglichkeit, ganz viele Mädchen kennen zu lernen, und machte vor den beiden kein Geheimnis daraus, was er eigentlich studierte, und zwar mit erstaunlichen Erfolgen. Ewald Korte und Markus Schreiber hatten ihn ohne große Trauer ziehen lassen. Inzwischen hatte Poldi die beiden alten Studienfreunde in Tellheim wieder getroffen: Er hatte am Wiener Platz die Villa und das Vermögen eines Onkels aus der "deutschen Linie der Issens" geerbt und "studierte" nun von dort aus unvermindert eifrig die Frauen. Immerhin hatte die Wechselfrequenz nachgelassen; es gab sogar eine blonde Favoritin, die Poldi seinen Freunden aber nicht vorführen wollte, anders als vor Jahren in Wien die dunkelhaarigen Schönheiten vom Balkan und aus Böhmen und Mähre, wie er sich auszudrücken pflegte. Er hatte nur einmal angedeutet, dass er wegen dieser blonden Favoritin das hiesige "deutsche" Erbe angetreten hatte, nachdem er auf unbekannten Wegen erfahren hatte, dass sie hier lebte. Der Funke des Vertrauens war nicht mehr übergesprungen. Die drei Männer trafen sich in unregelmäßigen Abständen und vermissten sich in der Zwischenzeit nicht.

Der Golfclub Wandelholz besaß ein sehr schönes Clubgebäude mit einem hervorragenden Restaurant und einer großartigen Bar, in der Poldi sofort unangenehm aufgefallen war, als er beim Anblick der beiden Bedienungen lautstark schwärmte: "Tolle Frauen, ich werde Stammgast."

Barbara, Bärbel gerufen und Annegret waren froh, dass Poldi kein Mitglied im Club wurde.

Korte und Schreiber belegten die schönste Nische, in der man nicht belauscht werden konnte. Natürlich unterhielten sie sich über den Mordfall Stempel, Korte hatte bei der Verabredung offen gesagt, dass er sich von Schreiber Auskünfte erhoffe, die den Kriminalbeamten vielleicht nicht so offen gegeben würden.

"Was heißt schon gekannt, Ewald. Wir haben uns ein paar Mal gesehen, klar, aber wenn möglich, bin ich Stempel aus dem Weg gegangen."

"Warum, Markus?"

"Ein großartiger Verfahrenstechniker, für die Firma fast unersetzlich, aber privat ein Stoffel oder Stiesel, ohne jede Begabung für smalltalk oder freundlich lockere Unverbindlichkeit. Charme besaß er nicht für einen Cent. Er war auch kein Chef. Menschenkenntnis gleich Null. Führungsqualitäten nahe am absoluten Nullpunkt. Keine Freunde, keine Freundinnen, soviel ich weiß... Danke, Bärbel."

Die flotte Bedienung nickte nur und machte kehrt.

"Also eigentlich ein armer Kerl", bemerkte Korte fast mitleidig, und Schreiber stimmte sofort zu: "Weißt du, Stempel hatte bei uns das Ende seiner Karriere erreicht."

"War er ehrgeizig?"

"Lass mich das mal so sagen: Es wurmte ihn zu sehen, dass andere, die ihm fachlich kaum das Wasser reichen konnten, an ihm auf der Karriereleiter vorbeikletterten, nur weil sie im Umgang netter, charmanter, gelassener, angenehmer zu ertragen waren. Ich weiß nicht, wie das bei euch in einer Behörde ist, aber bei uns entscheidet nicht nur der berufliche und fachliche Erfolg. Du musst etwas besitzen, was man nicht lernen kann, das musst du aus dem Elternhaus und meinetwegen aus dem Kindergarten mitbringen. Oder vielleicht in den Genen haben. Stempel besaß es nicht."

"War er deswegen verbittert?"

"Aus eigener Anschauung kann ich das nicht beurteilen. Da verlasse ich mich auf das Urteil unseres Personalchefs, und Bandel meint, Stempel sei weniger verbittert als unzufrieden gewesen."

"Unzufrieden genug, um den Wunderkunststoff, an dem ihr arbeitet, zu verraten, zu verkaufen – so nach dem Motto: Wenn schon keine Anerkennung, dann wenigstens Scheine?"

"Wie kommst du darauf?"

Korte brummte kurz: "Ich habe es mit einer Hauptkommissarin zu tun, die fest davon überzeugt scheint, dass hinter dem Mord an Stempel so was wie Industriespionage oder Patentklau steckt."

Schreiber hob zwei Finger und wartete, bis Bärbel ihm zunickte. "Gut möglich, Ewald."

"Kannst du mir verraten, was dieser Wunderkunststoff ist? Oder werden soll? Diese Auskunft erscheint natürlich nicht in den Akten."

"Alle Welt redet vom Elektroauto; weniger Abgase und Feinstaub, weniger Lärm und auch weniger Abhängigkeit von der Opec. Du kennst die größten Probleme?"

"Wie viel Laien, Markus. Die Batterien sind noch zu schwer und speichern nicht genug Energie."

"Und sind noch zu teuer und gehen zu schnell kaputt. Oder hochtrabend: Sie halten zu wenige Lade- und Entladezyklen durch. Wir haben einen Kunststoff entwickelt, der die meisten dieser Probleme löst. Nachgewiesenermaßen löst."

"Bist du sicher?"

"Ja, so sicher, dass wir diesen Kunststoff zum Patent anmelden wollen."

"Das wäre ein Hammer, was?"

"Oh ja. Aber das sieht die Konkurrenz ebenso, und die schläft nicht."

"Du meinst, sie hat genug Geld, um fremde Ergebnisse zu kaufen?"

"Sich illegal zu beschaffen", korrigierte Schreiber wütend. "Lizenzgebühren will sie selbstverständlich nicht zahlen. Und wenn ich meine Lisa – sie heißt Lisa Otten – richtig verstanden habe, wäre in dem Fall Holger Stempel die beste Anlaufadresse gewesen?"

"So ist es."

Sie wurden unterbrochen, weil die Bedienung zwei neue Gläser abstellte.

"Hat es solche Bestechungsversuche gegeben?"

"Ich habe nichts davon gehört."

"Euer Sicherheitsbeauftragter auch nicht."

"Tesche ist ein guter Mann. In solchen Angelegenheiten hört er die Flöhe husten und das Gras wachsen. Nein, er hat auchnichts gehört."

Korte kramte ein Papier aus seiner Jackentasche: "Als Stempels Leiche geborgen wurde, hatte er in der Tasche seines Oberhemdes ein völlig durchblutetes Karteikärtchen. Unsere Technik hat lange gebraucht, es zu trocknen und die drei Wörter wieder lesbar zu machen. Hier, das stand darauf. Sagt dir das was?"

Schreiber warf nur einen Blick auf den Zettel, wurde blass und hob wie ein Ertrinkender beide Arme: "Bärbel! Zwei Cognac, so groß wie nur möglich."

"Also sagen dir die Wörter was?"

"Das erste zumindest. Kerado ist die, wenn du so willst, offizielle Kurzbezeichnung für das, was die Mitarbeiter im Alltag den Bolzen nennen."

"Und was heißt Kerado im Klartext?"

"Keramik-Dorn. Unser Wunderkunststoff wird über einen Keramikkörper gewickelt, einen Dorn, der oben eine kleine Scheibe trägt, damit der Kunststoff während des Aufwickelns nicht abrutschen kann. Es erinnerte an einen Bolzen, wie man ihn früher benutzt hat, wenn Bleche miteinander vernietet wurden."

"Ihr Seelentröster, Herr Schreiber." Bärbel lachte mitleidig: "Schlechte Nachrichten?"

"Ja. Schreckliche Nachrichten, die man am besten sofort ertränkt." Er schluckte den Cognac wie ein Verdurstender, den man im letzten Moment in der Wüste gefunden hatte, das lebensrettende Wasser trank.

Bärbel ging hinter ihre Bar zurück, und Schreiber schnappte nach Luft: "Wo, sagst du, habt ihr das gefunden?"

"Stempel trug, als er erstochen wurde, ein Oberhemd mit einer aufgesetzten kleinen Tasche neben der Knopfleiste. Hemd, Tasche und der Inhalt waren total durchblutet."

"Dieses Schwein!", knirschte Schreiber mit den Zähnen.

"Wen meinst du?"

"Stempel natürlich. Wenn die beiden Wörter unter der firmeninternen Bezeichnung Passwörter sein sollten, hat er doch einen Verrat geplant. Oder warum sonst trägt er diese brisanten Informationen mit sich herum?"

Korte zuckte die Achseln. Der Gedanken an Verrat, an Bestechung und Bestechlichkeit, lag nahe, war aber noch durch nichts bewiesen. Es blieb nicht bei den beiden Babybadewannen voll Cognac. Mit Bärbels Hilfe einigten sie sich auf einen herben französischen Weißwein, der sich mit Mineralwasser strecken ließ und hervorragend den jetzt heraufziehenden Durst löschte. Bevor sie aufbrachen, hatte Korte seinem Freund noch die Zusage abgerungen, dass er, falls nötig, mit Lisa Otten vielleicht nicht so offen wie mit seinem Freund reden, sich aber nicht hinter Ausreden verschanzen würde. Bärbel musste zwei Taxen bestellen und Korte telefonierte noch die wichtigsten Erkenntnisse an die Hauptkommissarin, die im Präsidium auf die Zeugin Christine Manderscheid wartete.

Heiko Möller war dienstlich nach Stuttgart gefahren; sie hatten Stempels privates Telefonverzeichnis abtelefoniert und in Stuttgart einen Mann an die Strippe bekommen, der sagte, er kenne Holger Stempel aus Studientagen in Clausthal-Zellerfeld und sei bereit, mit Möller über den verstorbenen Studienkollegen zu sprechen.

31. Die weißblond gelockte Katalysator-Tine war nach der unangenehmen Unterredung mit Yussuf Mehad am Rimini vorbeigefahren und hatte eine Pizza gegessen. Yussuf schlug ihr im wahrsten Sinne des Wortes auf den Magen. Er war fast so schlimm wie sein Gehilfe Mahmud Sadr, der glaubte, alle Frauen, die ihre Haare, ob kurz oder lang, nicht unter einem Kopftuch versteckten, seien Huren und dürften entsprechend behandelt werden. Zum Glück hatte sich Mahmud heute nicht blicken lassen. Dafür hatte Yussuf ihr heute kaum verhüllt ein doppeltes Spiel unterstellt.

Die Hauptkommissarin kam sofort zur Sache. "Ich möchte hören, wie Sie zu Holger Stempel standen."

"Das wissen Sie doch, wir waren gute Kollegen und haben eng zusammengearbeitet an dem Projekt, das Sie und Felix Bandel den Stempelstoff getauft haben."

Lisa nickte. "Okay, und privat? Wie standen Sie da zueinander?"

"Gar nicht. Privat mochte ich ihn nicht leiden. Dienstlich kam man mit ihm aus, weil er dabei sachlich und höflich war. Und hervorragend viel von seinem Fach verstand."

"Frau Dr. Manderscheid, Sie sind eine attraktive Frau und arbeiten mit einem Mann zusammen, der, wie es aussieht, keine Freundin hatte, ledig und ungebunden war. Und der soll sich nicht um Sie bemüht haben?"

"Das habe ich nicht gesagt", wehrte Christine ab. "Es hätte wohl gerne mit mir geflirtet, aber zu einem Flirt gehören nun mal zwei."

"Und Sie mochten ihn nicht?"

"Zumindest nicht so sehr, dass ich auf einen Flirt mit ihm eingegangen wäre. Was er sich versprochen oder erhofft hat, weiß ich nicht."

"Aber sie wussten, dass er eine Freundin hatte?"

"Wer? Holger Stempel? Freundin? – Sie meinen, eine sexuelle Beziehung? Nein, das wusste ich nicht. Und ehrlich gesagt, ich glaube es auch nicht."

Lisa holte stumm eine Kopie des anonymen Briefes aus ihrer Schublade und schob sie der Weißblonden hin, die sie ohne ein Zeichen von Bewegung las und spöttisch fragte: "Warum zeigen Sie mir das?"

"Weil ich hoffe, von Ihnen den Namen der Frau zu erfahren, mit der Holger Stempel intim befreundet war und die ihn an seinem Todestag im Sängerweg besucht hat. Mit der er wohl das Weite suchen wollte, sobald er die Kerado-DVD zu Geld gemacht hatte."

Bei dem Wort "Kerado" zuckte sie zusammen, und Lisa grinste. "Ich sehe, Kerado ist Ihnen ein Begriff."

"Oh ja! Woher haben Sie den Namen."

"Sehr verehrte Frau Dr. Manderscheid, die Kripo wird unter anderem für Recherchen bezahlt, und was oder wer auch immer zu Stempels Tod geführt hat – wir werden es herauskriegen. Sie wissen, dass Stempel an seinem Todestag die DVD mit dem Kerado-Rezept verkaufen wollte? Dass er die Passwörter auf einer Karteikarte bei sich trug, die der Mörder, der die DVD mitgenommen hat, in der Eile wohl übersehen hat?"

"Nein!", presste Christine heraus. "Das wusste ich nicht und das glaube ich auch nicht. Stempel war in mancher Beziehung ein schwer zu ertragender Kollege, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er zu solch einem Betrug fähig war."

"Können Sie sich denn vorstellen, wer die in dem Schreiben erwähnte Freundin ist oder war?"

"Nein. Ich sagte doch, über solche privaten Dinge haben wir nie miteinander gesprochen."

"Was glauben Sie? Hatte er überhaupt eine Freundin? Oder war er schwul oder impotent?"

"Keine Ahnung. Es hat mich auch nicht interessiert. Denken Sie denn, dass diese Freundin auch die Mörderin ist?"

"Wenn sie am Mordtag im Sängerweg war und die DVD mitgenommen hat, kann ich mir das gut vorstellen."

"Hm. Die Diebin und potenzielle Mörderin wird doch kaum diesen Brief geschrieben haben."

Lisa schüttelte den Kopf.

"Aber unterstellt, der Inhalt trifft zu, dann muss doch eine zweite Person am Tatort gewesen sein und die Täterin respektive Freundin gesehen haben."

"Um dann diesen Brief zu schreiben? Warum, Frau Dr. Manderscheid?"

Christine zuckte die Achseln, und Lisa verlor langsam die Lust an diesem Katz- und Maus-Spiel: "Wir haben übrigens schon einen Verdacht, wer diese Freundin sein könnte", bemerkte sie süffisant. "Sie kennen sie übrigens auch."

"Ich? Unsinn."

"Fifi, recte Gudrun Prosch."

"Das glaube ich nicht. Fifi ist – mit Verlaub – das, was Männer sich für eine Nacht ins Bett holen, aber keine Freundin auf Dauer."

"Na ja. So wie es aussieht, hatte Stempel wohl nicht viel Auswahl, wenn er nicht jede Nacht alleine schlafen wollte. Mal ein ganz anderes Thema, Frau Dr. Manderscheid. Hat der Dieb Ihnen Ihren Ringblock mit Ihren Überlegungen zu neuen Katalysatoren zurückgeschickt?"

"Nein, ich rechne auch nicht mehr damit."

"Ist der Inhalt des Blocks wertvoll?"

"Nein, für einen Chemiker oder einen physikalischen Chemiker vielleicht amüsant und anregend, aber nicht wertvoll im Sinne, damit kann ich Geld machen." Sie lachte kurz auf. "Und unterstellt, die geheimnisvolle Freundin Stempels hat die DVD geklaut. Dann beginnen für sie erst die Probleme."

"Wie meinen Sie das?"

"Sie brauchen einen chemischen Betrieb mit viel Geld, viel Personal und viel know how, um aus den Angaben etwas Verwertbares zu machen. Glauben Sie mir, ich kenne manche Einzelheiten, die Holger Stempel dokumentiert hat. Ein Laie ist damit hoffnungslos überfordert."

"Gilt das auch für Ihre Notizen und Entwürfe in Ihrem gestohlenen Block?"

"In gewissem Umfang auch, ja."

Der Gedanke war nicht schlecht, vielleicht sollte man das Pferd vom anderen Ende aufzäumen und nach dem Konkurrenten der OLDECO suchen, der mit den Ergebnissen auf der DVD überhaupt was anfangen konnte. Korte hatte sie gewarnt: Schreiber würde mit ihr reden, aber Schreiber hatte eine durchtrainierte Leber, der eine höchstens Weintrinkende Hauptkommissarin wohl nicht gewachsen sei.

32. Babette Günther war pünktlich um 20 Uhr im Schlosshotel Bardenstein eingetroffen. Inzwischen hatte sich nach den warmen Tagen die im Tellheimer Kessel berüchtigte Schwüle breitgemacht. Es würde ein Ball der leicht bekleideten Gäste werden. Babette wäre gern zu Hause geblieben, aber sie brauchte Geld, und ihre Nachbarin Gudrun ("Fifi"), die sicherlich ausgeholfen hätte, war seit Tagen verreist.

Max Panse, Sekretär, Organisator und Begründer des Clubs Singleboys, begrüßte sie wie eine gute alte Bekannte.

"Schön, dich wieder mal zu sehen. Wir haben viele Absagen, die halbe Stadt schein in Urlaub gefahren zu sein. Deine Freundin Fifi auch?"

"Wie kommst du auf Fifi?", fragte Babette etwas ungehalten. "Bin ich dir nicht attraktiv genug?"

"Keine Spur. Ich frage nur, weil sich ein neues Mitglied nach ihr erkundigt hat."

"Kenne ich den Knaben?"

"Glaube ich nicht, Ole Svenson, ein Schwede, den es beruflich nach Tellheim verschlagen hat."

"Nein, den kenne ich nicht."

"Aha. Oles Bruder Lars war mal Mitglied bei uns."

"Was heißt war? Ist er wegen Heirat ausgetreten?"

"Nein, Ole behauptet, Lars sei spurlos verschwunden."

"Das haben Männer so an sich, Max."

Doch darüber wollte Max Panse gar nicht lachen. "In diesem Fall wohl nicht. Bruder Lars hatte eine feste Anstellung, verdiente sehr ordentlich, zahlte Steuern, hatte eine schuldenfreie Eigentumswohnung und ein großes Auto, das verschwunden ist – kein Grund abzutauchen oder sich einfach zu verkrümeln."

"Wo hat er denn gearbeitet?"

"Bei einer Chemiefirma. Sagt dir die Abkürzung ULC etwas?"

"Nein."

"Uwe Lambert Chemie. Ein mittelgroßer Laden draußen in Bruckstedt."

"Nie gehört."

"Na, is' ja auch nich' so wichtig."

Babette holte sich an der Rezeption den Schlüssel für ihr Zimmer, duschte und zog sich um. Dank Alexanders Wäscheleidenschaft war sie für solche Zwecke gut ausgerüstet und bei dieser unerträglichen schwülen Wärme war viel Bekleidung gar nicht angesagt. Babette war nicht die einzige Frau, die halbnackt im Ballsaal erschien. Max Panse hatte den DJ ausgiebig und eindringlich informiert, es wurde vorwiegend langsam getanzt, es gab ausnehmend viele kalte, alkoholfreie Getränke und die Lüftung war von Anfang an auf Maximum gestellt. Trotzdem hingen regelrechten Wolken von Parfüm- und Deoduft über der nur mäßig besuchten Tanzfläche, und wenn an diesem Abend ein Pärchen aus dem Ballsaal verschwand, hieß das nicht unbedingt, dass es sich in ein Bett zurückzog, es konnte auch und war wohl in der Regel eine Dusche. Wer mal zum Luftschnappen auf die Veranda trat und zum Himmel schaute, kam meist erschrocken zurück: "Da braut sich vielleicht was zusammen." Im Laufe des Abends wurde die Schwüle geradezu abenteuerlich.

Babette hatte einen alten Bekannten getroffen, Ludwig Brickler, den sie ganz gut leiden mochte. Ludwigs Ansprüche hielten sich immer in Grenzen, er litt an Bluthochdruck, schluckte ACE-Hemmer und Betablocker, und das schon so lange, dass es massive Auswirkungen auf seine Potenz hatte. Ihm war das schrecklich peinlich und deswegen hielt sich der schwerreiche Junggeselle gerne an Frauen, die er schon kannte und denen er nicht immer neu erklären musste, was mit ihm los war. Babette luchste ihm für eine Sondershow mit handfesten Einlagen einen Fünfhunderter ab und ließ sich zum Champagner einladen. Wenn ihr dasTambourin zu unangenehm wurde – das Publikum wechselte oft und wurde dabei nicht besser oder großzügiger – dann verdingte sie sich auch schon mal als Aushilfe oder Verkäuferin im Brickler-Supermarkt an der Kanalstraße.

Ludwig kapitulierte vor der schwülen Hitze und ging früh schlafen. Babette, nach Dusche und Champagner wieder fit, angelte sich im Saal einen gut aussehenden Blonden, einen Ausländer, der aber sehr ordentlich Deutsch sprach. Er stellte sich als Ole Svenson aus Stockholm vor und erzählte ihr, dass er nach Tellheim gekommen sei, um seinen Bruder Lars zu suchen, der hier bei einer Chemiefirma arbeitete und sich nicht einmal am Geburtstag seiner Mutter telefonisch, brieflich oder per mail gemeldet hatte und auch sonst nicht zu erreichen war. Langsam mache sich die Familie Sorgen. Babette war nicht wirklich an der Geschichte interessiert, horchte aber auf, als Ole erwähnte, dass Bruder Lars hier in Bardenstein einmal eine junge Frau namens Fifi getroffen habe, die lustigerweise auch bei einem chemischen Unternehmen, der Konkurrenz seiner schwedischen Firma, arbeitete. Mehr als den Namen "Fifi" hatte ihm Bruder Lars allerdings nicht verraten. „Und ist Fifi ein wirklicher Name für ein Mädchen? – Weißt du, für mich klingt das wie der Name für einen kleinen Hund. Du bist viel hier? Kennst du Fifi?"

Das leugnete sie lieber, weil sie nicht wusste, ob es der Nachbarin recht wäre. "Gib mir mal deine Telefonnummer, wenn ich diese Fifi zufällig treffen sollte, werde ich ihr sagen, dass sie dich anrufen soll."

Er holte eine Visitenkarte heraus, auf der nur stand Ole Svenson – Stockholm –DuPont Sweden. Auf die Rückseite kritzelte er eine Handynummer.

Immerhin lud Ole sie auf sein Zimmer ein, und alles, auf das sie bei Ludwig aus medizinisch-pharmazeutischen Gründen hatte verzichten müssen, holte sie bei Ole nach. Dafür erhielt sie hinterher einen wesentlich kleineren Schein angeboten.

"Und wenn ich einmal unter vier Augen sehen möchte, wo finde ich dich dann?"

Er lächelte geschmeichelt: "Gib mir noch mal die Karte!" Während er eine Adresse zusätzlich auf die Rückseite schrieb, verschluckte sie ein Lächeln. Es stimmte; wenn Männer glaubten, man bewundere sie ob ihrer Potenz, konnte man so ziemlich alles von ihnen haben. In diesem Moment tat ihr Ludwig Brickler leid. Trotzdem: Alles in allem hatte sich der Abend gelohnt.

Nur aus dem Schlafen wurde nichts. Gegen Mitternacht begann es zu rumpeln und zu rummsen, als wolle man das Schlosshotel einreißen. Hell genug wäre es für die Bauarbeiter gewesen, die Blitze folgten im Sekundenabstand und die Donner verschmolzen zu einem permanenten Krachen und tobenden Grollen, bei dem man sich nicht mehr unterhalten konnte. Der DJ packte resigniert seine Sachen zusammen. Und eine Viertelstunde später stürzten im Himmel alle Engel ihre Badewannen gleichzeitig um. Babette öffnete das Fenster einen Spalt und sog erleichtert die frische Luft ein. Der Sturzregen endete nach einer Stunde so abrupt wie er begonnen hatte.

33. Acko erreichte ohne Zwischenfall seine Wohnung im Schraderkamp. Die schwüle Hitze hatte das Treppenhaus in eine Sauna verwandelt und in seiner Wohnung stand die Luft zum Schneiden dick. Als er die Fenster aufriss, dachte er an Fifi, die wohl auf ihren Befreier wartete, aber heute war nicht mehr daran zu denken. Der Kühlschrank gab nur noch ein sehr bescheidenes Abendessen her, aber Acko fand, o Trost, noch drei Flaschen Bier. Sie halfen gegen Hunger und Durst gleichermaßen und ein wenig auch gegen die mangelhafte Isolierung des Daches.

Er saß an einem offenen Fenster, bewunderte das Feuerwerk von Blitzen und überlegte, was er eigentlich tun sollte. Der Regen kühlte ab und Acko verschob die Entscheidung auf morgen. Das Problem war ja nicht das Aktenköfferchen und das geklaute Geld. Wenn er mit der DVD zur Polizei ging, würde es sich wahrscheinlich kaum vermeiden lassen, auch über eine Geisterfigur in einer Scheune und über deren gewaltsames Ende zu sprechen. Acko hatte in diesem Punkt ein reines Gewissen, das war pure Notwehr gewesen, aber wie sollte er das beweisen? Und neben dem Toten in der Scheune gab es noch einen schwerverletzten Mann aus dem Hotel Sonne in Lohmühlen: Einmal Notwehr mochte ja vor Gericht noch durchgehen, aber zweimal kurz nacheinander? Daran würde sogar sein Anwalt und Verteidiger Dr. Pflüger zweifeln, selbst wenn Acko die noch offene Rechnung vorher beglichen haben sollte.

An das wahre Problem der Zukunft wollte Acko gar nicht denken. Wenn er jetzt die Reststrafenbewährung verlor, drohte ihm als Unverbesserlichem bei der nächsten Verurteilung wegen Diebstahl unter Umständen Sicherungsverwahrung. Niemand zwang ihn, auch künftig in fremde Taschen zu greifen, aber wer verschaffte ihm einen Job, bei dem er mit ehrlicher Arbeit so viel verdiene, dass er seine "Nebentätigkeit", mit oder ohne Fifi, aufgeben konnte? Im Knast hatten sie den Spruch "Ehrlich währt am längsten", verballhornt zu "Ehrlich zehrt am längsten". Poldi hatte gut reden: Kupferaktien kaufen, wenn man nicht einmal genug Mäuse besaß, einen gebrauchten Wagen zu kaufen. Er schlief schlecht, schwitzte alles durch und wusste, als es draußen hell wurde, dass er keine Minute länger schlafen konnte. Er duschte, zog sich an und ging einkaufen, Shoppen lenkte ab.

Teil 2

34. Möller bekam von dem katastrophalen Sturzregen nichts mit, er saß zu der Zeit trocken in einer Stuttgarter Mietwohnung und trank mit Anselm Willich Lemberger. Willich und Stempel hatten drei Semester in Clausthal-Zellerfeld Chemietechnik studiert und sich angefreundet. Willich war einer dieser Typen mit unverwüstlichem Humor und nicht abzustellender guter Laune, ein Typus, der Möller ziemlich auf die Nerven ging. Viel Erhellendes konnte Willich nicht berichten, Stempel sei eine Art Genie gewesen, aber auch ein Mensch, der sich und seiner Begabung immer selbst im Wege gestanden habe.

Er gehörte zu den Menschen, die noch Mitte zwanzig vor Verlegenheit rot wurden und zu stottern begannen. "Er hat sich selbst nie etwas zugetraut und ist darüber menschenscheu geworden."

"Menschenscheu?"

"Ja, wenn er es vermeiden konnte, ging er Menschen, die er nicht schon seit Ewigkeiten kannte, gern aus dem Weg. Viele hielten ihn deshalb für hochnäsig oder hochmütig, während er doch so gern Kontakt bekommen hätte." Willich leerte sein Glas: "Was meinen Sie, Herr Möller, schaffen wir noch eine Flasche?"

"An mir soll's nicht scheitern."

Willich war, weil er immer gut und gern mit Kindern umgehen konnte, Lehrer geworden und unterrichtete heute Chemie und Physik an einem Stuttgarter Gymnasium. Stempel hatte er aus den Augen verloren und durch Zufall in der Ankunftshalle des Stuttgarter Flughafens wiedergetroffen, als beide Passagiere abholen wollten. Sie hatten noch Adressen und Telefonnummern getauscht, aber aus dem geplanten Treffen war dann nichts mehr geworden.

"Her Willich, haben Sie eine Ahnung, warum Stempel so – wie Sie es formulieren – menschenscheu geworden war?"

"Nein, tut mir leid, so gut haben wir uns nie gekannt, dass er etwas so Privates erzählt hätte."

"Hat er Ihnen was von seiner Arbeit erzählt?"

"Ja und nein. Seine Firma habe einen Kunststoff entwickelt, der überwiegend aus Recycling-Material hergestellt werde und denke nun an die Massenfertigung." Willich schnitt eine Grimasse. "Ich vermute, er hat mich nicht beschwindelt, aber ich wette ein ganzes Regal von diesem Lemberger, dass er nur die halbe Wahrheit erzählt hat."

"Die Wette hätten Sie gewonnen",versetzte Möller trocken. "Lieber Herr Willich, ich bedanke mich für das Gespräch und den ausgezeichneten Wein. Wenn da nicht die blöde Heimfahrt wäre..."

Lisa Otten kam verspätet ins Präsidium, der gestrige Rekordguss hatte in ihrem alten Häuschen den Keller unter Wasser gesetzt, und sie musste erst einmal das Auspumpen, Trocknen und die anschließende Reinigung organisieren. Allmählich wurde das alte Familienhäuschen mit seinem sanierungsbedürftigen Dach und schlecht schließenden Fenstern zu einer echten Belastung.

Während Lisa gegen Wasser kämpfte, musste Ewald Korte einen massiven Kater besiegen. Damit war er gerade zu Rande gekommen, als Lisa bei ihm erschien und von ihrer "Unterhaltung" mit Christine Manderscheid berichtete. Korte revanchierte sich mit einer Darstellung des Bolzens, auf höherer Firmenebene Kerado genannt. "Mein Freund Markus Schreiber wird mit Ihnen reden, wenn Sie das wünschen, aber ich warne Sie: Ich bin nicht verantwortlich für Ihre Kopfschmerzen am Tag danach."

"Schon verstanden. Nein, ich glaube nicht, dass uns die blonde Katalysator-Schönheit bisher schon alles gesagt hat, was sie weiß. Und ich möchte zum Teufel endlich herausbekommen, wer Stempels Freundin und Betthase gewesen ist."

"Betthäsin", verbesserte Korte. "Sie nehmen also diesen anonymen Brief ernst?"

"Ja. Das tue ich, sehr sogar."

"Also keine Werksspionage oder ein Angriff der NSA?"

"Das ist noch nicht gesagt, Herr Staatsanwalt."

"Ich wünsche Ihnen viel Glück. Und wenn ich Ihnen noch einen Tipp geben darf: Kaufen Sie Kupfer-Aktien."

Sie lachte bitter: "Wovon, Herr Korte? Nach dem Sturzregen gestern muss ich erst einmal mein Haus abdichten. Dach und Fundament."

"Sie Ärmste."

Heiko Möller hatte in Lisas Auftrag alles gesammelt, was über Christine Manderscheid in den Redaktionen, bei der Justiz und der Polizei bekannt war. Obenauf lag sein Bericht von einem mit Lemberger beflügelten Abend mit Anselm Willich. Im Landeskriminalamt hatte Möller sogar einen Chemiker aufgescheucht, der sich um Christines hervorragenden wissenschaftlichen Ruf gekümmert hatte. Juristisch und polizeilich war sie ein unbeschriebenes Blatt, nur einmal mit der Justiz in Berührung geraten, als sie vor Gericht als Zeugin in einem Fall von Fahrerflucht aussagen musste. Sie hatte sich das Kennzeichen des Autos richtig gemerkt. Die Kriminaltechnik fand an dem Wagen eindeutig Spuren der Frau, die das Auto angefahren und schwer verletzt hatte. Die Zeugin Manderscheid hatte noch Notarzt und Polizei alarmiert, aber die Frau starb unmittelbar nach Einlieferung in das Unfall-Krankenhaus. Bei einer Gegenüberstellung konnte Christine Manderscheid den Fahrer nicht zweifelsfrei identifizieren, Christoph Hüllsens Einlassung, der Wagen sei ihm vom Parkplatz des Restaurants Silbermann, wo er mit mehreren Geschäftsfreunden aß, gestohlen worden, konnte nicht widerlegt werden.

"Aber die Manderscheid war damals ein ziemlich bunter Vogel", seufzte Möller. "Auf jedem größeren Fest, auf jedem Ball dabei, immer vorneweg, und immer beneidenswert luftig und elegant angezogen, Chefin. Dabei hatte sie gerade erst bei der OLDECO angefangen. Mit meinem Anfangsgehalt hätte ich mir das nicht leisten können."

"Du meinst, ein schwarzer Spitzenbody hätte dir gut gestanden, war aber nicht drin?"

Er tippte sich an die Stirn, Lisa sah sich stumm die Bilder und Berichte in den Zeitungen an und bezweifelte, dass sie sich, auch ohne Dach- und Kellerprobleme, diesen Lebensstil von ihrem Gehalt leisten könnte. Was vielleicht nur hieß, dass die schlanke Schöne sich früh einen betuchten Verehrer zugelegt hatte – was nicht strafbar und auch nicht verdächtig war.

"Ich erzähle dir morgen, was ich von Markus Schreiber erfahren habe: Korte weiß schon Bescheid. Und ich kümmere mich jetzt um Fifi."

"Seit wann hast du einen Hund?"

35. Lisa Otten und Babette Günther trafen sich vor der Haustür Öttlingergasse sieben.

"Na, war es trotz der Hitze und des Gewitters ein schönes Fest?", erkundigte sich Lisa freundlich.

"Wie kommen Sie darauf?"

Lisa deutet auf das lange dünne Kleid, das Babette über dem Arm trug, weil sie in der kleinen Tasche nicht zerknüllen und zerdrücken wollte.

"Ach so. Ja, es war ganz nett, aber entsetzlich heiß. Wollen Sie zu mir?"

"Nein, eigentlich wollte ich zu Gudrun Prosch."

Babette schnitt eine Grimasse: "Alle wollen mit Fifi sprechen, wer will denn mal zu mir?"

Es sollte scherzhaft klingen, aber das gelang ihr nicht so recht. Lisa horchte auf: "Alle wollen was von Fifi? Wer will was von Gudrun Prosch, Frau Günther?"

Babette hatte nicht gut und nicht lange geschlafen und war nicht so ganz auf dem Damm. Sonst hätte sie Lisa nicht in ihre Wohnung gebeten und freiwillig erzählt, was sie gestern alles von Max Panse und Ole Svenson erfahren hatte. Lisa hatte bald angefangen mitzustenografieren und sich alle Telefonnummern und Namen sorgfältig zu notiert. Da gab es einen bislang nicht identifizierten Toten, gefunden am Bahnhof Lohmühlen, verstorben an einem Stich in den Bauch. Lars Svenson? Wenn Bruder Ole ihn nicht identifizieren konnte, gab es zum Glück heute die DNA-Vergleichstechnik. Lisa bekam große Augen, als sie Oles Karte ansah. DuPont. Das war doch ein großes chemisches Unternehmen in den USA? Ob das zu lesen Markus Schreiber wirklich erfreuen würde? Sie bestellte Babette für morgen Vormittag ins Präsidium, um ein formelles Protokoll aufzunehmen.

Babette hatte sie ängstlich angesehen, als sie den Namen Schlosshotel Bardenstein erwähnte. Lisa hatte von dem übel beleumdeten Bumsschuppen schon gehört und auch, wie eine nicht prüde junge Frau dort ein paar Scheine einstreichen konnte, aber für einen erwachsenen Menschen war es nicht strafbar, mit wechselnden Partnern zu schlafen und dafür "Geschenke" anzunehmen. Solange keine Drogen ins Spiel kamen, war Lisa dafür nicht zuständig. Und für das Finanzamt war Lisa nicht tätig."Fifi hat also ihren Freund im Bardensteinkennen gelernt?"

"Ja und nein. Sie war zuerst mit einem Gero Ackermann befreundet, recht lange sogar. Dann brauchte sie Geld und ich habe sie überredet, einmal mit insBardenstein auf einer Singleboy-Party zu gehen. Dort hat sie Holger Stempel getroffen, die beiden kannten sich aus der OLDECO, weil sie beide dort arbeiteten. Holger wollte vielleicht nicht, dass man in der Firma erfuhr, wo er sich vergnügte, hat deshalb eine Flucht nach vorn angetreten, und Fifi wollte, als sie auf Holgers Angebote einging verheimlichen, wie sie sich Geld nebenbei verdiente. Ich denke mir, da haben sich zwei zum gegenseitigen Schweigen erpresst. Na, kurz und gut, Fifi schickte ihren Acko bald in die Wüste und hoffte, aus der Begegnung mit Holger Stempel würde was Festes werden, weiß der Henker, vielleicht sogar was für das Standesamt. Aber auf den Haken wollte Holger nicht anbeißen. Fifi hatte bald den Verdacht, dass er für eine andere Frau schwärmte, die ihn aber am ausgestreckten Arm verhungern ließ. Und als Fifi eine Entscheidung zu ihren Gunsten erzwingen wollte, hat Holger sie ausgelacht, Fifi ist dann wieder zu ihrem Acko zurückgekrochen, der ihr gnädig verziehen und sie wieder aufgenommen hat. Mehr weiß ich nicht, mehr hat sie mir nicht gebeichtet."

"Jetzt fehlt mir nur noch der Name der Frau, für die Holger Stempel geschwärmt hat."

"Tut mir leid, den weiß ich nicht."

"Kein Hinweis, kein dummer Spruch oder so was in der Art?"

"Dumme Bemerkung – Moment, da fällt mir was ein. Als sie mir ihr Herz ausgeschüttet hat, habe ich sie natürlich auch gefragt, für wen denn der liebe Holger sich entschieden hätte, und da hat sie gelacht, zuerst habe ich geglaubt, er möchte diese Blondine kriegen – aber das kann's doch wohl nicht sein. Wer geht schon gerne mit einem Bleistift ins Bett."

"Bleistift?"

"So lang und dünn und vorne und hinten nichts dran."

"Ganz anders als Fifi, nicht wahr?"

"Ganz anders, das stimmt." Babette fiel auch – und darauf war sie sichtlich stolz – unter die Kategorie, an den richtigen Stellen ausreichend, aber nicht zu viel gerundet, dachte Lisa mit einem Anflug von Neid. In Babettes Alter hatte sie auch alles essen können, was ihr schmeckte. Heute war ab und zu schon Verzicht angesagt, Salat, obwohl sie Appetit auf Pommes verspürte. Dann stellte sie sich einen weiblichen Bleistift vor und hielt den Atem an. Nein, den Namen, der ihr jetzt durch den Kopf gegangen war, würde sie vor Babette nicht aussprechen. Die Tänzerin hatte weder die Diskretion noch die Verschwiegenheit erfunden. Wer wusste, ob sie nicht jeden Abend mit Fifi telefonierte. Das war die unangenehme Seite der Mobiltelefone, man konnte für den Gesprächspartner unbemerkt den Standort wechseln.

"Das alles würden Sie in einem formellen Protokoll unterschreiben?"

"Na klar."

"Wunderbar, dann sehen wir uns morgen."

36. Noch in der engen Gasse rief Lisa die Handynummer an. Ein Mann meldete sich mit "Bei Svenson."

"Guten Abend. Sind Sie Ole Svenson, der Bruder von Lars Svenson?"

"Ja."

"Herr Svenson, guten Abend. Mein Name ist Lisa Otten, ich bin Kriminalbeamtin und würde mich gern sofort mit Ihnen vor der Gerichtsmedizin in der Kieler Straße treffen. Könnten Sie sich ein Taxi nehmen und dorthin kommen? Es geht um Ihren Bruder Lars."

Große Lust verspürte Svenson nicht, aber Lisa bat ihn so hartnäckig, dass er schließlich zustimmte. In der Gerichtsmedizin musste sie noch einmal Süßholz raspeln. Die Mannschaft wollte Feierabend machen, aber weil Lisa nicht im Ruf stand, andere Leute zu piesacken, blieb eine kleine Besatzung zurück, um auf sie zu warten. Als sie vor dem Institut aus ihrem Wagen stieg, wartete schon ein großer Blonder auf sie, der ihren Dienstausweis gründlich studierte.

"Danke, dass Sie noch geblieben sind", sagte Lisa zu dem jungen Mann im Institutskeller. "Wir möchten und gerne den Toten vom Bahnhof Lohmühlen ansehen."

Bei dem Satz verfärbte sich Svenson, aber er hielt durch und schaute sich den Toten aus dem Kühlfach stumm und genau an. "Ja", stöhnte er endlich, "das ist mein Bruder Lars Svenson."

"Wo hat Ihr Bruder gearbeitet?"

"Bei Uwe Lambert Chemie in Bruckstedt."

"Und als was?"

"Als troubleshooter im Werksschutz, in der Sicherheitsabteilung."

"Wollen wir sofort ein formelles Protokoll im Präsidium machen? Oder wäre es Ihnen morgen Vormittag lieber?"

Er schaute sie bedrückt an: "Lieber morgen. Heute muss ich mit meiner Mutter und meinen Brüdern und Schwestern telefonieren. Das wird schlimm genug."

37. Acko war nach dem Motto "Frechheit siegt" in die Frankfurter Straße gefahren und hatte für citopress Druckaufträge ausgeliefert. Otto Maibaum war froh, dass Acko wieder arbeitete, wenn auch nur für einen Tag, und verzichtete vorsichtshalber darauf, sich nach Fifi, der alt-neuen Flamme, zu erkundigen. Acko hielt sich an sein Versprechen und klaute bei den citopress-Kunden keinen Cent. Die erste Nebentätigkeits-Tageseinnahme erzielte er an der Einmündung der Rieslerstraße in die Linzerstraße: Zwei Frauen mit großen Einkaufsstaschenblockierten den Überweg. Acko ärgerte sich, dass er mit dem schweren Fahrrad und dem sperrigen Anhänger um sie herummanövrieren musste, weil sie nicht daran dachten, einen Schritt zur Seite zu rücken, und langte zu. Eine Geldbörse aus Kunstleder, ohne hinzuschauern zupfte er mit einer Hand die Scheine aus dem Fach und ließ die Börse dann auf die Straße fallen. Seine Beute konnte er sich erst drei Straßen weiter anschauen, 35 Euro in Scheinen, nicht berauschend, aber ausreichend für die Bahn- und Busfahrt nach Bruckstedt in die Kasparstraße 18. Oder sollte er anonym die Polizei alarmieren, dass dort eine Frau gegen ihren Willen unter dem Dach gefangen gehalten wurde? Wenn er sein Handy mitnahm, konnte er das auch noch in Bruckstedt tun und bis dahin überlegen, ob er riskieren sollte, für Fifis Befreiung der Polizei in die Finger zu fallen. Warum er auf dem Weg in die Frankfurter Straße, wo er das Rad samt Anhänger abgeben und abrechnen musste, einen Umweg über den Wiener Platz fuhr, den er weder privat noch "beruflich" kannte, wusste er selber nicht. Er wusste nur, dass er sich mit dem Fahrrad und dem Hänger nicht bei Martha oder Poldi sehen lassen wollte. Also blieb er an der Einmündung der Donaustraße in den Wiener Platz im Schatten einer Platane stehen, die ihre gesamte Rinde verlor, und schaute zu der weißen Prachtvilla auf der andern Seite des Platzes hinüber. Offenbar war er gerade richtig gekommen. Drüben hielte ein metallic lackiertes Mercedes-Kabrio; Poldi stieg aus, winkte noch dem Fahrer oder der Fahrerin – das konnte Acko auf die Entfernung nicht erkennen, sah nur, das er oder sie helle, kurze Haare hatte – flüchtig zu und holte einen Schlüssel heraus, das Kabrio wendete in einem halsbrecherischen Manöver direkt vor einem heftig bremsenden Sportwagen auf Ackos Seite und sauste an ihm vorbei. Für Acko saß der Fahrer auf der "falschen" Seite und war nicht zu erkennen.

Otto Maibaum betrachtete ihn besorgt. "Du hast Kummer, Acko!"

"Ja."

"Kann ich dir helfen?"

"Danke, Otto, aber aus der Scheiße muss ich alleine herauskriechen. Wenn mich die Kripo hier suchen sollte, sage ihr doch bitte, dass ich jetzt mit Bahn und Bus nach Bruckstadt, Kasparstraße 18 fahre."

Otto notierte Anschrift und Uhrzeit. "Ich nehme deinen kleinen Werkzeugkasten mit, einverstanden? Das müssen die Bullen aber nicht unbedingt wissen." Otto grinste. Freunde hielten zusammen. Acko hatte mehr Glück als Verstand gehabt, dass er sich im Knast ausgerechnet mit Otto Maibaum angefreundet hatte, der sich als echter Freund herausstellte und nicht nur für den nächsten Bruch draußen einen Kumpel suchte. Die Druckerei citopress gehörte Ottos Bruder Edgar, einem echten Schnösel und Widerling, der Otto als kostenlosen Aufpasser ausbeutete und ihm zur Kontrolle demonstrativ Ehefrau Lara vor die Nase gesetzt hatte, die ihren hochnäsigen Edgar auch nicht mehr riechen konnte und deshalb freudig auf Ottos Werbung eingegangen war. Im Papierlager gab es mehrere Nischen, in denen Otto und Lara tagsüber ziemlich ungestört waren.

Acko fuhr bis zum Lantener See, stieg in den 44er Bus und traute seinen Augen nicht, als sich in Bruckstedt an der bekannten Stelle ein weißer Zottelriese auf die Pfoten stellte und ihn schwanzwedelnd begrüßte. Bulli begleitete ihn zur Kasparstraße und setzte sich dort hin, während Acko zur Haustür ging. Einen festen Plan hatte er nicht, es war sogar möglich, dass sie Fifi schon hatten laufen lassen, als sie feststellten, dass Acko – wahrscheinlich wie erhofft, aber früher als erwartet – durch das Gaubenfenster getürmt war. Hatten sie ihn verfolgt? Bemerkt hatte er nichts und wenn sie cleverer gewesen sein sollten, als er vermutet hatte, standen sie zum Schluss vor dem Haus Schraderkamp 33. Wo mochten sie sich aufgehalten haben, als der Sturzregen einsetzte? Er klingelte, und eine der jungen schwarzhaarigen und dunkeläugigen Frauen, die zu ihnen auf den Dachboden gekommen waren, öffnete. Frech, aber nicht wirklich überrascht schnauzte sie ihn an: "Was willst du Arschgeige denn hier!?"

"Ich will Fifi abholen. Die braucht ihr nicht mehr, mich übrigens auch nicht mehr. Die DVD, die ihr wohl sucht, ist bereits bei der Staatsanwaltschaft."

"Ich habe schon spannendere Märchen gehört."

"Und ich schon hübschere Mädchen getroffen."

"Verpiss dich!"

"Schäm' dich, solche Wörter in den Mund zu nehmen."

Sie wollte lachen, aber irgendetwas irritiert sie, ihr Blick irrte ab. Acko beugte sich neugierig vor und bemerkte im spiegelnden Glas eines Bildes, das an der Dielenwand hing, eine Gestalt, die geduckt zur Haustür heranschlich. Mit aller Wucht stieß er die Tür auf, die junge Frau wurde bös getroffen und stürzte nach hinten, prallte wohl gegen die männliche Gestalt, die sofort losbrüllte: "Pass' doch auf, du Pissnelke." Acko gab Gas und sauste nach draußen, der wütende Mann folgte ihm, wild mit einem kurzen Holzknüppel fuchtelnd, mit lautem Gebrüll. Und wieder einmal zeigte sich, dass Hunde die besseren Menschen sind. Bulli fand es empörend, wie ein fremder Mann mit seinem neuen Freund umging. Er beschleunigte in einem unglaublichen Tempo, sprang sogar über das niedrige Törchen und fuhr dem Brüllenden so an die Beine, dass der stolperte, sich lang hinlegte und dabei hart mit dem Kopf gegen die Hauswand knallte. Als er sich nach einer Viertelstunde immer noch nicht bewegte, bekam es Acko mit der Angst zu tun und rief einen Notarztwagen, der nach einer halben Stunde auch eintraf. Der immer noch Ohnmächtige wurde eingeladen und abgefahren, nachdemAcko bilderreich geschildert hatte, wie beim freundschaftlichen Toben und Stöckchenwerfen der arme Bulli dem Verunglückten so unglücklich in die Parade gefahren war, dass der versucht hatte, mit dem Kopf die Hauswand einzureißen. Wahrscheinlich galt für den jungen Notarzt, was die Freche Acko bereits vorgeworfen hatte: schon spannendere Märchen gehört. Aber sie hatte die ganze Zeit über wortlos an der Haustür gelehnt und Ackos Schilderung nicht widersprochen. Bulli nahm das Recht eines jeden Beschuldigten in Anspruch und schwieg zur Sache.

Die Schwarzhaarige wich furchtsam zurück, als Acko ans Haus kam: "Ich heiße Gero Ackermann und werde Acko genannt. Und wie heißt du?"

Unwillkürlich gab sie Auskunft "Maria Pisani. Was willst du denn noch!?"

"Ich will mich mal umsehen, mit was für schrägen Vögeln wir es hier zu tun hatten."

"Verschwinde!"

"Kleine Mädchen sollen brav gehorchen und nicht so vorlaut sein." Sie spuckte aus.

Das Haus war alt und groß, spärlich-kühl und nüchtern möbliert. "Wo ist Sven?"

"Der ist schon lange wieder weg." Das konnte, aber musste nicht stimmen und deshalb achtete Acko auf jedes Geräusch, jeden Hinweis auf eine Bewegung. Die Holztreppe in den ersten Stock knarrte, Acko blieb oben stehen und horchte. Aus dem Parterre vernahm er leise Schritte, sehr vorsichtig, sehr gedämpft. Die Person da unten lief entweder auf Socken oder in Filzlatschen. So leise wie möglich klinkte Acko die nächstgelegene Tür auf und steckt den Kopf in das Zimmer. Leer. Das Bett war nicht gemacht, gebrauchte Wäsche lag auf dem Fußboden, der Abwesende hatte angefangen, einen kleinen Koffer zu packen, war damit aber nicht fertig geworden. In dem Moment hörte Acko das Knarren einer Holzstufe. Er sauste zur Tür und schaute die Treppe hinunter. Leer. Weit und breit niemand zu sehen. Wohin hatte sich der Knarrer so schnell verzogen. Acko verließ das Zimmer und kontrollierte die Türen der Nachbarräume. Alle verschlossen. Doch als er vor dem Fenster am Ende des Flures stehen blieb und auf Bulli hinunterschaute, der wieder wachsam vor dem niedrigen Törchen saß, knarrte es hinter Acko erneut. Und wieder nichts und niemand. Welches Gespenst war hier am Werk? Maria Pisani – wenn das denn ihr richtiger Name war – hatte das Haus nicht betreten, sondern war in den Garten gegangen. Also befand sich noch eine Person im Haus, die sich nicht blicken ließ, sondern Acko narrte. Wenn er mit einer Bewegung aufhörte, knarrten noch Stufen oder Dielen; sobald er lauschte, trat absolute Stille ein. Acko testete das noch zwei-, dreimal, dann wurde es ihm zu dumm und er nahm sich vor, darauf gar nicht mehr zu achten. Stattdessen schaute er sich die einzelnen Zimmer an. Hier hatten mehrere Personen übernachtet, Männlein und Weiblein, die meisten separat, einige wenige zusammen ... nach der Unordnung zu schließen, die alle in ihren Räumen zurückgelassen hatten, sah es so aus, als würde der Zimmerservice nicht nur die Betten machen, die Bäder wischen und die Teppichböden saugen, sondern auch die persönlichen Kleidungsstücke versorgen. Ungewöhnlich. Acko wurde bald wieder an die unbekannte Person im Haus erinnert, er hatte sich in den Kleiderschränken oberflächlich die Garderobe angesehen, auch in der stillen Hoffnung, einen kleinen Beitrag für sein Mittagessen zu finden. Aber ohne Erfolg, weder wurde ihm klar, wer hier wohnte oder auch nur schlief, noch wollte sich einer oder eine der Unbekannten an den Kosten seiner nächsten Mahlzeit beteiligen. Zuerst lustig, dann irritierend, zum Schluss beunruhigen fand er die Tatsache, dass er in den Zimmern, die nach Kleidern und Wäsche eindeutig von Frauen bezogen worden waren, weder ein einziges Schmuckstück noch ein Teil Kosmetika fand. War das absichtlich weggeräumt worden? Warum? Und wieso ließ ihn Maria Pisani ungestört und ungehindert beide Stockwerke durchsuchen? Es wurde Acko von Minute zu Minute unheimlicher. Kroch er in eine Falle, wenn er jetzt versuchte, sich unter dem Dach ihre Gefängnisräume anzusehen? Von dem unsichtbaren „Knarrer“ ganz zu schweigen. Fast erleichtert öffnete er die Tür des letzten Zimmers im zweiten Stock, das er nach Bewohnern untersuchen wollte. Diesmal übertraf sich das Hausgespenst förmlich. Acko schob die Zimmertür auf und konnte noch sehen, wie eine Kleiderschranktür von einer unsichtbaren Kraft zugezogen wurde. Wie der geölte Blitz sprang er hin und riss die Tür auf, die ihm keinen Widerstand entgegensetzte, aber der Schrank war leer bis auf zwei Hosenbügel mit Jeans. Acko glaubte weder an Geister noch an Gespenster noch an übersinnliche Kräfte. Also musste es eine mechanische Vorrichtung geben, vielleicht ferngesteuert, oder eine Tür in der Rückwand des Schrankes, durch die jemand verschwunden war, als Acko in den Raum kam. Jetzt war er fest entschlossen, sich nicht länger an der Nase herumführen zu lassen, aber in der Sekunde, in der er in den Schrank hineinkriechen wollte, klirrte die Fensterscheibe, ein Porzellangefäß fiel zu Boden und das Holz des Schrankes erzitterte unter einem dumpfen Schlag. Acko machte, dass er wieder senkrecht im Zimmer neben dem Bett stand. In der Fensterscheibe zeichnete sich ein Spinnennetz rund um eine winzige Öffnung ab, vor dem Fensterbrett lag eine zersprungene Vase am Boden und in einer der hölzernen Schranktüren steckte außen etwas, das sehr nach einem Geschoss aussah. Gegen Außerirdische, die mit irdischen Waffen auf irdische Sterbliche schossen, hatte Acko wohl keine Chance. Er sah noch einmal kurz aus dem Fenster. Maria Pisani lehnte an dem Baum, über den er von oben heruntergekletterte war und telefonierte seelenruhig mit einem Handy, schaute kurz zu ihm hoch, sah ihn noch und grinste schäbig.

Acko stellte einen neuen Rekord beim Verlassen unheimlicher Häuser auf und wurde auf der Kasparstraße von einem treuen und geduldigen Bulli freudig empfangen. Gemeinsam marschierten sie Richtung Bushaltestelle. Diesmal verabschiedete sich Bulli selbst und legte sich exakt auf die Stelle nieder, von der er vor Stunden aufgestanden war, um seinen neuen Freund zu begrüßen.

Bis zum Tellheimer Hauptbahnhof überlegte Acko hin und her, was das alles zu bedeuten hatte, kam aber der Lösung des Rätsels Kasparstraße nicht einen Schritt näher.

38. Lisa Otten hatte einen arbeitsreichen Tag. Auf die Minute pünktlich erschien Babette Günther und gab zu Protokoll, was sie gestern Lisa erzählt hatte; Kollege Heiko Möller hörte staunend zu und übernahm es, das Protokoll vorschriftsmäßig zu Ende zu bringen, weil auf Lisa bereits ein neuer Besucher wartete. Ole Svenson hatte mit der erschütterten Familie in Schweden telefoniert und war nun bereit, alle Fragen zu beantworten. Das sagte er wenigstens, aber Lisa nahm an, dass er sich auch genau überlegt und erkundigt hatte, was er preisgeben sollte, und was besser nicht.

"Wo hat Ihr Bruder Lars gearbeitet?"

"Bei der ULC. Das ist die Abkürzung für Uwe Lambert Chemie."

"Als was hat Lars hier gearbeitet?"

"Wie ich schon sagte, als troubleshooter in der ULC-Sicherheitsabteilung.

"Ich finde das etwas merkwürdig, ein schwedischer Staatsbürger arbeitet als Problembereiniger – nennen wir es mal so – in einer deutschen Firm."

"Nicht in, sondern für eine deutsche Firma", berichtigte Ole prompt und nachdrücklich. "Carlson Bengt und ULC arbeiten seit Jahren eng zusammen. Und als ULC eine Entwicklung angeboten wurde, die internationale Furore machen kann, haben die deutschen Partner Carlson Bengt um Hilfe gebeten."

"Gab es denn Ärger?"

"Nicht akut, aber bei Entwicklungen dieser Dimension können Sie jede Summe darauf wetten, dass es Ärger mit -zig Personen und Institutionen geben wird."

Richtig überzeugt war Lisa davon nicht, aber Ole Svenson wirkte heute, nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, sehr viel selbstbewussterer und energischer als gestern. Und die Frage, welche Rolle ein amerikanischer Chemieriese in der Geschichte spiele, wollte Lisa erst nach Rücksprache mit Korte stellen. Ein gewisser Snowden hatte gezeigt, dass auch bei den Freunden und ihrer NSA Vorsichtgeboten war. Es gab Freunde, die auch gleich den Feind ersetzten.

"Gab es denn trouble?"

"Nein, anfangs nicht. Aber dann begannen die Gerüchte zu kursieren. ULC habe was ganz Großes an Land gezogen, und zwar..."

"Wieso ULC?", unterbrach Lisa, "ich denke, dieser Wunderkunststoff ist von der OLDECO entwickelt worden."

"Von der OLDECO?" Svenson sah sie an, als sei sie nicht ganz bei Trost. "Das höre ich zum ersten Mal. Lars hat mir immer erzählt, dieser Kunststoff sei von ULC bis zur Einsatzreife entwickelt worden und ULC werde ihn jetzt zum Internationalen Patent anmelden."

Sein Erstaunen wirkte sehr echt, aber Lisa erinnerte sich gerade noch rechtzeitig an Oles Visitenkarte. "Sie sind doch auch bei einem großen Chemiekonzern beschäftigt?"

"Ja, und?"

"Der hätte doch bestimmt auch ein Interesse an einem solchen Wunderkunststoff, nicht wahr?"

"Natürlich", brummte Svenson, den Lisas Einwand sichtlich und hörbar verärgerte. Sie holte tief Luft: "Herr Svenson, von diesen Dingen verstehe ich nichts. Wer da versucht, wen übers Ohr zu hauen oder auszuspionieren und mit welchen Konsequenzen, sollen andere untersuchen. Meine Aufgabe ist es, einen Mord aufzuklären. Den Mord an Holger Stempel."

"Das wird Ihnen nicht gelingen, wenn Sie nicht die Hintergründe verstehen, Frau Otten."

"Die möglichen Hintergründe", verbesserte sie, "oder haben Sie einen Beweis dafür, dass Werksspionage und Patentklau das Motiv für den Mord sind respektive waren?" Sie ahnte, dass Svenson sie aus sehr persönlichen Motiven gerne in die Irre schicken würde. Damit sollten sich die Kollegen herumschlagen. Oder notfalls Landes- und Bundeskriminalamt.

"Nein, keinen Beweis. Nur die Aussage meines Bruders, dass eine DVD mit wichtigen Dateien verschwunden sei."

"Wann hat er Ihnen das gesagt?"

"Wenige Stunden vor seinem Tod. An dem Tag hat er mich abends angerufen, er würde jetzt nach Lohmühlen fahren, weil er einen Tipp bekommen habe, dass er dort die verschwundene DVD finden könne. Das war das letzte Mal, dass wir miteinander gesprochen haben."

"Einen Tipp von wem?"

"Sorry, ich habe keine Ahnung."

"Mann oder Frau?"

"Am Telefon war wohl ein Mann."

"Kann es sein, dass er sich diesen Tipp gekauft hat?"

"Ja, gut möglich. In diesem Gewerbe sind kaum Wohltäter unterwegs. Da fließt viel Geld."

"Sind Sie oder Ihre Angehörigen nicht unruhig geworden, als sich Lars danach nicht mehr gemeldet hat?"

"Erstens haben wir nicht jeden Tag telefoniert, zweitens war er oft wochenlang unterwegs, ohne Laut zu geben."

Während Lisa ein Protokoll tippte, ging Ole Svenson in die Stadt zum Essen. Als er zurückkam, konnte er unterschreiben. Kollege Heiko Möller kam dazu und legte Lisa ein ausführliches und unterschriebenes Protokoll mit der Aussage von Babette vor. Beide Papiere präsentierte Lisa voller Stolz dem Staatsanwalt Ewald Korte, der nach dem Lesen breit grinsend sagte: "Ich ahne, wen Sie jetzt durch den Fleischwolf drehen werden."

"Kein Angst, Sie bekommen sie lebend."

Heiko Möller schloss sich ihr an.

39. Acko hatte vergeblich über Handy versucht, Fifi aufzustöbern. Wo mochte sie untergeschlüpft sein? Schließlich lief er zu Fuß vom Schraderkamp bis in die Öttlingergasse und klingelte bei Babette, Tänzerin. Die Tänzerin war daheim und öffnete: "Acko. Was ist los?"

"Ich suche Fifi."

"Habt ihr euch wieder getrennt?"

"Was soll das heißen?"

Babette dirigierte ihn in das Wohnzimmer ihrer Puppenstube und beichtete, was sie der Kriminalhauptkommissarin Lisa Otten enthüllt hatte. Acko zeigte sich wenig begeistert, musste aber einräumen, dass Babette kaum was anderes übrig geblieben war.

"In was seid ihr da bloß reingestolpert?", fragte Babette mitleidig. Sie mochte diesen Acko gut leiden und hätte auch ihr Glück versucht, wenn er nicht ausgerechnet mit ihrer Freundin und Nachbarin Fifi liiert gewesen wäre. Das wusste Acko auch nicht. Und seine Vermutung, dass es in erster Linie um die DVD ging, die er aus dem Kabrio geklaut hatte, wollte er Babette nicht auf die Nase binden. Also blieb ihm keine andere Wahl: Er musste zurück in die Villa am Wiener Platz. Mit einer kleinen Aufstockungs-Anleihe bei Babette reichte sein Geld wohl, sich standesgemäß ein Taxi zu nehmen.

Martha schnaufte erleichtert, als sie ihm die Tür öffnete. "Wir haben uns schon echt Sorgen gemacht, Herr Acko."

"Ich bin unter die rücksichtslosen Räuber geraten, konnte aber schließlich mit einigem Glück entkommen." Das erklärte zwar nichts wirklich, aber beruhigte Martha, die alles in allem ein schlichtes Gemüt besaß.

40. Fifi verpasste Acko nur um wenige Minuten, als sie in die Öttlingergasse kam. Sie sah einigermaßen verboten aus, dreckig, die Kleidung zum Teil zerrissen, die Haare verfilzt wie ein alter Mob. Die Lippen geschwollen von heftigen Schlägen ins Gesicht. Sie hatte eine Nacht im Freien schlafen müssen, nachdem die Viererbande entdeckt hatte, dass Acko früher, als die beiden Pärchen geplant und erwartet hatten, den vorgesehenen Fluchtweg durch das Gaubenfenster und über den Baum genommen hatte. Fifi sagte wahrheitsgemäß, dass sie nicht wisse, was Acko jetzt tun wolle und wohin er fliehen werde. Die beiden schadenfroh kichernden Gänse setzten sie mit auf den Rücken gefesselten Händen in ein Auto und fuhren los. Fifi hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befanden, und keines der Mädchen fragte sie, wohin man sie bringen dürfe. Nach einer Dreiviertelstunde hielt das Auto am Rande eines kleinen Wäldchens. Man ließ sie aussteigen, zerschnitt die Fessel und versetzte ihr einen Tritt, dass sie nach vorn auf die Nase fiel; das Auto entfernte sich und Fifi rappelte sich auf, lief auf gut Glück in den Wald hinein, fand auch wieder heraus. Der Weg endete vor einem verfallen aussehendenden Bauernhaus, das von einem unfreundlichen, laut bellenden Hund bewacht wurde. Der Hund ersetzte offenbar eine Klingel; denn nach zwei, drei Minuten erschien ein Riesenkerl, breit wie ein Kleiderschrank und grob wie ein gereizter Stier. "Was willst du!?“, brüllte er Fifi an, die total eingeschüchtert piepste: "Ich brauche Hilfe, bitte."

"Ich bin kein Samariter, hau' ab oder ich hetze den Hund auf dich!"

Fifi machte kehrt und lief über den Waldweg zurück zur Straße. Erst als es schon stark dämmerte, kam ein Auto, sie trat auf die Fahrbahn und winkte, was sie nicht getan hätte, wenn es noch heller gewesen wäre, die beiden Kerle auf den Vordersitzen hätten Brüder des Grobians sein können, der sie vom Hof vertrieben hatte. Doch als sie ihren Fehler bemerkte, war es schon zu spät. Der eine sprang heraus, ergriff ihren Arm, dass sie vor Schmerzen aufjaulte und zerrte sie regelrecht ins Auto. Fifi beging in ihrer Angst noch einen Fehler und gestand, dass sie nicht wusste, wo sie sich befand und wie sie in die Stadt zurückkommen könne. Es kam so schlimm, wie sie es sich ausmalte. Die Kerle bogen bald von der Straße ab, steuerten einen verlassenen Parkplatz ab und fielen wie wilde Tiere über sie her, verprügelten sie hinterher so, dass sie vor Schmerzen am Boden liegen blieb und nach Stunden einschlief. Die Kälte weckte sie mehrmals und am Morgen war ihr nicht nur wegen der Vergewaltigungen kotzübel. Zum Glück bremste gegen Mittag ein Auto mit Mutter und zwei kleinen Töchtern auf dem Parkplatz. Die Kinder teilen ihren Tages-Proviant mit Fifi; die Mutter wollte Fifi zur nächsten Polizeiwache transportieren, aber Fifi gelang es, sie davon abzubringen und zu überreden, sie in der Stadt in der Nähe der Öttlingergasse abzusetzen. Die Mutter wollte ihren laut schluchzenden Fahrgast nicht noch weiter aufregen und tat, um was man sie gebeten hatte.

Babette hörte die Dusche in der Nachbarwohnung und klopfte. Fifi verschwieg nicht, dass zwei Männer sie brutal vergewaltigt hatten, gab aber eine sorgfältig gereinigte Version der Vorgeschichte zum Besten. Babette spendierte ein Abendessen, etwas zu trinken und erzählte natürlich, was hier in der Zwischenzeit vorgefallen war. Zum Schluss lieh sie Fifi ihr Handy, und das Klingeln seines Handys weckte schließlich auch Acko auf. Fifi schluchzte so, dass er nicht verstand, was ihr zugestoßen war. Sie wollte unbedingt, dass er zu ihr käme. Aber Acko kannte die räumlichen Verhältnisse in der Öttlingergasse und lehnte ab. In die Villa am Wiener Platz konnte und wollte er sie nicht holen, also blieb wieder nur der Schraderkamp. Babette erwies sich als echte Freundin und erbot sich, Fifi zum Schraderkamp zu bringen und dort mit ihr auf Acko zu warten. Schlecht gelaunt zog der sich an und ging nach unten, begegnete natürlich Poldi, der halb besorgt, halb beleidigt fragte, warum Acko schon wieder in die feindliche Welt hinaus wolle, der er doch gerade erst mit viel Glück entronnen sei. Also hatte er schon mit Martha gesprochen.

"Eine gute alte Freundin braucht dringend meine Hilfe", sagte Acko verbindlich. "Ich muss hin, bevor aus einem Streit ein blutiges Familien-Drama wird."

Dagegen konnte auch ein Leopold von Issen nichts einwenden.

Fifi und Babette standen schon vor der Haustür, als Acko eintraf. Fifi begann vor Erleichterung sofort zu weinen, er bedankte sich bei Babette und schloss auf. Niemand achtete auf die schwarzhaarige Frau, die aus dem Dunkel eines Hauseingangs trat und Babette mit einigem Abstand vorsichtig folgte. Dass eine gleichgroße Frau mit brünetten Locken zurückblieb und ihr Handy bediente, fiel auch nicht auf. Fifi unterdrückte im Treppenhaus ihr Schluchzen, weil sie nicht wollte, dass Igor sie hörte. Vor Ackos Wohnungstür gähnte sie, dass eine gebratene Taube glatt in ihren Mund hätte landen können.

"Alles morgen, ja? Bitte Acko, ich kann nicht mehr." Tatsächlich war sie schon eingeschlafen, als er sie noch nicht zugedeckt hatte. Acko setzte ich in das dunkle Wohnzimmer und rätselte wieder einmal, was das Ganze zu bedeuten hatte. Jetzt hätte er sogar Sherry getrunken, aber der Kühlschrank war leer.

41. Lisa war zum Privathaus Manderscheid gefahren und hatte neidisch den Bungalow von außen inspiziert. Ein riesiger Bau mit großen Fenstern auf einem Grundstück beeindruckender Größe. Den Garten hatten Fachleute angelegt und gepflegt; kein Vergleich mit ihrem Häuschen und der "naturbelassenen" Wildnis. Lisas Heim brauchte ein neues Dach und musste ringsherum gegen Feuchtigkeit neu isoliert werden. Bei dem Gedanken an die Kosten kniff ihr Magen. Sie hatte noch kein Angebot eingeholt, aber der erste Handwerker, der sich das Objekt anschaute, hatte Pi mal Daumen eine Summe genannt, bei der Lisa in Gedanken alle Urlaubspläne für mehrere Jahre erst einmal strich. Und ob die Versicherung, die das Rundum-Sorglos-Paket so vollmundig angeboten hatte, auch zahlen würde, stand natürlich auch noch nicht fest.

Als das metallic lackierte Kabrio endlich vor der Garage hielt und das ferngesteuerte Tor automatisch nach oben glitt, war Lisa auf Neunundneunzig. Es war eines zu wissen, dass die Welt ungerecht eingerichtet war, aber ein Anderes, es am eigenen Leibe zu erleben.

Christine Manderscheid musterte die Hauptkommissarin mit offenem Ärger und gab sich keine Mühe, ihre schlechte Laune zu verbergen: "Was wollen Sie denn noch von mir?"

"Ich würde mich gern noch einmal über diesen Brief unterhalten." Sie reichte ihr eine Kopie des anonymen Briefes.

"Ja, und?"

"Sie können wählen, für was ich Sie halten soll."

"Ich versteh nicht..."

"Entwendender sind Sie die hier erwähnte Freundin Stempels..."

"Unsinn."

"...oder die Verfasserin dieses Schreibens."

"Auch Unsinn."

"Können wir uns drin unterhalten?"

"Wenn es denn unbedingt sein muss."

Der riesige, helle Wohnraum war spärlich möbliert. Die Eigentümerin liebte kühle Farben und schätzte Gegenstände mit klaren Linien, die ausschließlich auf Zweckmäßigkeit gestylt waren, keine Bilder, kein Zierrat, keine Blumen, keine persönlichen Dinge. Lisa empfand es wie ein Wohnlabor. Aber sie wusste eben auch, dass man über Geschmack nicht streiten konnte.

"So, was wollen Sie nun von mir wissen?"

"Holger Stempel hatte eine Freundin... Moment, lassen Sie mich ausreden. Ich unterstelle nicht, dass Sie diese Freundin waren, aber ich weiß, dass Sie diese Freundin kennen."

"Was soll...?

"Gudrun Prosch, genannt Fifi."

"Die Bürobotin aus der OLDECO? Das glauben Sie doch selber nicht."

"Ich weiß es, Frau Dr. Manderscheid. Und ich kann es beweisen. Ich weiß auch, um es einmal sehr salopp auszudrücken, dass Stempel Fifi fürs Bett brauchte, aber nicht im Traum daran dachte, sie zu heiraten. Heiraten oder zusammenleben wollte er mit einer Frau, die in Fifis unfreundlich-drastischer Diktion ein blonder Bleistift ist, lang, dünn, vorne und hinten nichts dran."

"Ach, und das bin ich?"

"Ja. In Fifis Beschreibung."

"Sehr nett und schmeichelhaft. Können wir versuchen, das alles ein für alle Mal zu klären? Holger Stempel war ein Unsympath ersten Ranges, auf seinem Fachgebiet ein Ass, dem ich gerne aus dem Weg gegangen bin, mit dem ich aber leider – auf Anweisung von oben – bei der Dokumentation und Formulierung des Patentantrages – eng und vertrauensvollzusammenarbeiten musste. Haben Sie auch so einen unangenehmen Kollegen, bei dem Sie das Gefühl nicht loswerden, dass der Sie gerade in Gedanken auszieht und betatscht, nur weil Sie sich in seiner Nähe aufhalten?"

Lisa nickte unwillkürlich. Heiko Möllers Vorgänger war so ein Typ gewesen, bei dem Lisa zum Schluss alle ihre Beziehungen spielen ließ, um den in das unangenehmste Referat versetzen zu lassen, das es im Präsidium gab.

"Sehen Sie! Ich weiß nicht, was sich Stempel ernsthaft von mir erhofft oder erwartet oder gewünscht hat, aber ich habe ihn – und das müssen Sie mir einfach glauben – zu nichts ermutigt oder ermuntert. Dass er die willige Fifi vögelte, kann ich mir schon vorstellen. Dass die beiden was miteinander hatten, wusste ich nicht. Es hat mich nicht interessiert. So. Die Freundin, die in diesem Brief erwähnt wird, bin ich nicht. Wenn Sie vermuten, dass ich die Schreiberein bin, würde das heißen, dass ich am Mordtag in den Sängerweg zu Stempel gegangen bin. Warum sollte ich das getan haben?"

"Sind Sie jemals in Stempels Haus gewesen?"

"Ja, bin ich. Als er das Haus gekauft und renoviert hatte, hat er zu einer housewarmingparty eingeladen. Zehn oder zwölf Kollegen und Kolleginnen aus der OLDECO. Aber unterstellen wir einmal, dass der anonyme Briefschreiber die Wahrheit schreibt, dann hat er oder sie Stempels Freundin Fifi dort gesehen. Was sagt denn Fifi zu dieser Behauptung?"

Einen Moment überlegte Lisa, ob sie bluffen sollte. Dass sie von dieser Blondine so simpel ausmanövriert worden war, ärgerte sie maßlos. Aber wie sagte Korte immer. Für seine Dummheiten musste jeder selbst geradestehen, und Erfahrungen sind die durchlittenen, aber überlebten eigenen Dummheiten. Also blieb sie bei der Wahrheit: "Wie wissen nicht, wo sich Fifi im Moment herumtreibt."

Christine Manderscheid lächelte eine Spur mokant-höhnisch, sagte aber nichts, so dass Lisa fortfahren konnte. "Sagen Ihnen die drei Buchstaben ULC etwas?"

"Aber sicher. Uwe Lambert Chemie. Ein Werk draußen in Bruckstedt."

"Konkurrenten der OLDECO?"

"Nein. ULC hat sich auf die Herstellung und Lieferung extrem reiner Stoffe, Klebstoffe und Ökofarben spezialisiert, wie sie zum Beispiel in der Pharmaproduktion benötigt werden."

"Oder bei der Herstellung und Entwicklung von Stempelstoff."

Die Blondine legte den Kopf schräg und lachte: "Ja, das auch. Fragen Sie doch direkt, ob ich jemanden aus der ULC näher kenne."

"Und? Tun Sie das?"

"Ja. Mit dem Begründer Uwe Lambert hab' ich mal ein kurzes Verhältnis gehabt und für ULC einen Entwicklungsauftrag erledigt. Zufrieden?"

"Waren Sie es denn?"

"Ja, sehr sogar. Erotisch und finanziell. Leider hat er dann eine andere geheiratet."

"Sagen Ihnen die Namen Ole und Lars Svenson etwas?

Die Blondine überlegte und schüttelte dann den Kopf.

"Aber Carlson Bengt?"

"Ja. Das ist ein Unternehmen in Uppsala."

Lisa fielen keine Fragen mehr ein, und Christine Manderscheid nahm ihr eine Erklärung ab: "Verehrte Frau Otten, wenn es nicht Dringendes mehr zu besprechen gibt, würde ich mich gerne umziehen. Mein Dienst heute ist noch nicht beendet."

Lisa Otten hätte vor Wut auf sich selbst am liebsten das unschuldige Steuerrad zerschlagen. So blamabel war sie selten vorgeführt worden. Sie hockte in ihrem Wagen, schwitzte vor Wut und beobachtete die Haustür Manderscheid eigentlich nur, weil sie nicht wusste, wohin sie fahren und Dampf ablassen sollte. Als die Blondine herauskam und mit einem Kabrio losfuhr, folgte ihr Lisa. Die Reise ging Richtung Innenstadt und auf dem Wiener Platz hielt die Manderscheid vor einer weißen Traumvilla, hupte kurz und öffnete die Beifahrertür für einen älteren Mann, der wohl schon auf sie gewartet hatte.

42. Unterwegs fragte sie aus heiterem Himmel: "Sag mal, Poldi, sollte ich mir den Busen vergrößern lassen? Und kann man die Pobacken auch etwas runder und griffiger bekommen?"

Poldi, der Kavalier alter Schule, hatte sich beides oft gewünscht, aber hätte nie gewagt, es vorzuschlagen. Er wusste, dass sie einerseits stolz auf ihre Figur war und die neidischen Blicke der Frauen genoss, die etwas rundlicher waren, aber andererseits wusste sie natürlich auch, dass ein großer Busen und handliche stramme Hüften den Männern gefielen.

"Gibt es einen bestimmten Grund, warum du mich das jetzt fragst?"

"Nein", log sie. "Nur so. In meinem Club haben sich zwei Frauen darüber unterhalten, wo man solche Operationen am besten machen lässt." Poldi schnaufte. Immer diese Entscheidungen. Sollte er ihr jetzt anbieten, sich an den Kosten zu beteiligen, oder würde sie das beleidigen?

Sie nahm ihm die Entscheidung ab und erkundigte sich: "Weißt du eigentlich, wo Adele Hüllsen abgeblieben ist?"

"Nein, wie kommst du jetzt auf Dele?"

"Weil ich heute Morgen auf dem Rathausmarkt Jonas Hüllsen in Begleitung einer jungen Dame gesehen habe."

"Er hat zwei fast erwachsene Töchter."

"Ich erinnere mich. Die eine schwimmt wie ein Fisch, die andere verhaut die Männer mit ihrem Degen."

"Florett", verbessere Poldi, der für Adele einmal geschwärmt hatte, als die Töchter noch sehr viel kleiner und jünger waren.

"Warum ist Hüllsen seinerzeit eigentlich aus der KG ausgeschieden?"

Darauf antwortete Poldi nicht. Den Grund kannte sie doch sehr genau. Sie hatte sich hinter Hüllsen geklemmt, damit der ihr Traumprojekt durchdrückte, was er, der damals eifersüchtige Poldi mit seinem größeren Anteil, verhindert hatte. Warum musste sie ausgerechnet jetzt daran erinnern? Christine Manderscheid war kein Frau, der so etwas aus Versehen herausrutschte. Man konnte es mit ihr überhaupt nur aushalten, wenn man keine Sekunde, auch im Bett nicht, vergaß, dass sie immer an ihren Vorteil dachte. Und wenn nicht an ihren Vorteil, dann an ihren Ruhm.

Die Blonde steuerte tatsächlich auf den Parkplatz der OLDECO und verschwand in dem Gebäude. Weil der Mann im Auto sitzen blieb, wartete Lisa, bis die Blondine nach wenigen Minuten wiederkam und dann direkt in ihr Haus in der Melanderstraße fuhr. Dort stieg der Mann aus und ging mit ihr hinein. Jede Nacht schlief sie also wohl nicht allein.

43. Babette bemerkte bis in die Öttlingergasse nicht, dass sie verfolgt wurde. Ihre Verfolgerin telefonierte fast pausenlos über Handy und gab ihre neueste Position durch und die Straßen, durch die Babette lief, sah auch, dass sie in dem Haus Nummer 7 verschwand, und telefonierte Minuten später, als Babette nicht mehr vor dem Haus erschien, ihre Helfer heran, die mit dem vorsintflutlichen Schloss der Haustür keine Schwierigkeiten hatten. Augenblicke später standen sie an der Wohnungstür, hinter der Babette noch rumorte, unter der nicht ganz schließenden Wohnungstür schimmerte ein Lichtstreifen. Babette war nicht so unvorsichtig, nach dem Klopfen sofort zu öffnen, hatte aber nicht damit gerechnet, dass einer der Männer die Tür mit einem gewaltigen Fußtritt aufsprengte. Die Tür warf Babette nach rückwärts gegen die Wand, die Einbrecher fesselten ihre Hände und Füße mit Klebeband und verschlossen ihren Mund mit einem weiteren Stück. Danach begannen sie sofort, die Wohnung auseinander zunehmen. Sie legten es zwar nicht darauf an, Schäden anzurichten, wirkten aber nicht bekümmert, wenn Glas, Geschirr oder Mobiliar zu Bruch ging. Dass sie zum Schluss sogar die Teppichböden gewaltsam hochhoben, amüsierte Babette schon beinahe, weil es zeigte, dass die Meute das, was sie unbedingt haben wollte, noch nicht gefunden hatte. Unangenehmer war, dass die drei in dem verborgenen Fach neben der Schreibplatte die Aktfotos aus demTambourin fanden und sie ausgiebig beglotzten, aber ihr wehrloses Opfer nicht sexuell attackierten. Als sie abzogen, sagte die Frau: "Wir alarmieren bald die Nachbarn, damit man dich findet." Sie verriet nicht, dass die Männer rein aus Jux die Aktfotos in die Hausbriefkästen steckten. Ab dem nächsten Tag wurde Babette von den Hausbewohnern anders angesehen als vorher. Immerhin war die Nachbarin, die gegen acht Uhr von den Einbrechern telefonisch geweckt worden war, um Babette zu finden und von den Klebebandfessel zu befreien, so vernünftig, die Fotos aus ihrem Hausbriefkasten mitzubringen und zurückzugeben. Sie alarmierte auch die Polizei, und als Babette auf dem Revier bei ihrer Aussage erwähnte, dass eine Hauptkommissarin Otten mit ihr gesprochen habe, schaltete ein Beamter, eifriger Morgenecho-Leser, sofort und rief Lisa direkt an.

44. Acko hatte über eine Stunde im Dunkeln gesessen und sinniert, ohne zu einem vernünftigen Schluss zu kommen. Nebenan schnarchte Fifi nicht sehr laut, aber konstant. Als sie sich auszog, hatte er die Hämatome und Striemen und Platzwunden bemerkt. Sie war seinem Blick gefolgt und hatte nur wiederholt: "Bitte Acko, nicht jetzt, alles morgen, okay?"

Dann vernahm er ein merkwürdiges Geräusch im Treppenhaus vor seiner Tür, das er sich nicht erklären konnte. Leise, ohne Licht zu machen schlich er zur Wohnungstür. Wieder dieses eigenartige Knacken, und danach schoss förmlich eine Wolke von unerträglichem Gestank in seinen Flur, dass es ihm den Atem nahm und er nach Luft rang. Solch einen Angriff auf seine Riechnerven hatte er noch nie erlebt. Die Übelkeit wallte hoch, als müsse er gleich brechen. Halb besinnungslos, halb wütend riss er die Wohnungstür auf und starrte ungläubig in ein Treppenhaus voller Rauch und Nebel. Es brannte unter ihm und der Qualm war bis zu ihm hochgezogen. Die Stufen bestanden aus Holz, er musste hier raus, bevor alles zusammenbrach und er nur noch durch ein Treppenhausfenster springen konnte. Er wollte schon losstürmen, als ihm Fifi einfiel. Sie schlief ziemlich tief; er konnte sie nicht einfach zurücklassen und jetzt roch er auch, dass sich unter den typischen Geruch von Feuer dieser teuflische Gestank mischte. Was war da bloß in Brand geraten? Wie lange würden sie überhaupt noch durch das Treppenhaus nach unten flüchten können, bevor sie dieses Gas oder was es war, unterwegs einholte und erstickte? Er sauste ins Schlafzimmer. Fifi schlief, er rüttelte und schüttelte sie, aber sie wollte nicht aufwachen. Da half nichts, er riss die Bettdecke zur Seite, tragen konnte er sie nicht, also zog er sie an einem Arm vom Bett herunter auf den Boden, schleifte sie auf dem Deckbett zur Wohnungstür. Es tat weg, sie wurde wach und protestierte jammernd und greinend, aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Und warten, bis sie vollständig wach geworden war, durfte er auch nicht mehr. Sie wehrte sich, strampelte und begann zu schreien, erst recht, als sie die Wohnungstür erreichten und sie die Kombination von Rauch und Gestank einatmete. Noch immer zog er sie an einem Arm hinter sich her. Neben der Tür musste jemand auf sie gewartet haben. Acko verspürte einen harten Schlag gegen sein Schienbein als wolle jemand ihm brutal die Knochen brechen. Jetzt brüllte auch er wie am Spieß und fiel den ersten Treppenabsatz hinunter. Fifis Arm hatte er nicht losgelassen, sie und das Deckbett fielen mit ihm und knallten auf ihn, als er auf dem ersten Podest zur Ruhe kam. Der Schläger kümmerte sich nicht weiter um sie, stürmte in Ackos Wohnung und schmetterte die Türhinter sich zu. Ackos Knie, Fußgelenk und Schienbeine schmerzten unerträglich, aber der Gedanke "Raus hier, nur raus hier!" war stärker, irgendwie glückte es ihm, sich auf die nächstbeste Stufe zu setzen und dann rutschte er wie ein Kleinkind auf seinem Arsch die Treppe von Stufe zu Stufe hinunter. Fifi folgte ihm notgedrungen und schrie jetzt pausenlos. Als sie an Igors Tür vorbeirutschten, richtete sich Acko auf, klingelte Sturm und schrie dabei aus Leibeskräften: "Feuer!"

Was Igor daraufhin tat, bekam er nicht mehr mit, er rutschte weiter von Stufe zu Stufe, eine Hand fest um Fifis Arm geklammert, das war jetzt das Wichtigste und die einzige Bewegung, die er noch zustande brachte. Offenbar waren auch andere Mieter von dem Lärm, Geschrei und Gestank wach geworden; denn unten wurde die Haustür geöffnet, zwei Männer in Schutzanzügen und Atemmasken nahmen ihm Fifi ab und trugen sie zu einem bereits wartenden Krankenwagen. Von dem Martinshorn hatte Acko nichts gehört. Als die Tür des Notarztwagens hinter Fifi zuklappte, ließ Acko sich, von Schmerzen beduselt, in die Schwärze fallen und hörte nur noch eine Männerstimme: "Ab mit ihm ins Krankenhaus." Eine junge Frau im Notarztwagen legte ihm eine Blutdruckmessmanschette um den Arm, und als der Apparat versuchte, ihm den Arm abzuquetschen, schlief er endgültig ein. Was dann im Krankenhaus mit ihm geschah, bekam er nur wie durch Watte mit. Eine Ärztin fragte ihn, wie er heiße, welches Jahr wir hätten und ob er ihren Finger sehen könne, der vor seinem Gesicht hin und herschwenkte. Mit den Zehen links und dann rechts wackeln; er schien so weit in Ordnung zu sein, dass man ihn auf ein Zimmer transportierte.

45. Lisa wurde vom Diensthabenden aufgescheucht. "Wir haben was für dich."

"Was Hübsches?"

"Kommt darauf an, zweiteilig. Er heißt Gero Ackermann und sie Gudrun Prosch."

"Nein. Wo habt ihr sie geschnappt?"

"Gar nicht. Die sind uns aus einem Haus Schraderkamp 33 entgegengekommen. Da hat es einen seltsamen Fehlalarm heute Nacht gegeben. Wenzel, das ist der Einsatzleiter, würde dir gerne mündlich Bericht erstatten."

"Ich beeile mich."

Wenzel hatte tatsächlich eine kuriose Geschichte zu erzählen. Weil der Schraderkamp eine dicht an dicht bebaute Wohnstraße war, rückte die Feuerwehr gleich mit vier Zügen aus. Doch im Schraderkamp war weit und breit kein Brand zu sehen, Weil der Anrufer gesagt hatte, es brenne im Haus Nr. 33, hatten sie dort die Haustür geöffnet. Eine dichte Wand aus Qualm und Rauch kam ihnen entgegen, untermischt mit einem widerlichen Gestank. "Buttersäure", hat unser Chemiker später behauptet. Und seinen Leuten schlugen keine Flammen entgegen, sondern ein an beiden Beinen und Füßen verwundeter Mann kam auf seinem Arsch sitzend die Treppe Stufe für Stufe heruntergerutscht und zog eine heftig schreiende Frau auf einem Deckbett hinter sich her, beide reif fürs Krankenhaus.

"Und das Seltsamste: Es hat nicht gebrannt, Rauch und Qualm und Gestank stammten aus Druckflaschen im Keller, die dort mit geöffneten Ventilen standen und im Treppenhaus ein Chaos vortäuschten."

"Wo gibt's denn sowas?" fragte Heiko Möller entgeistert.

Wenzel grinste: "Zum Beispiel bei der Feuerwehr, die mit ihren jungen Mitgliedern Brandbekämpfung und Menschenrettung unter schwerem Atemgerät in verqualmen Häusern und Fabriken bei minimale Sicht üben muss. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, wer sich dieses Equipment wo und wie besorgt hat."

"Ihr habt beide, Mann und Frau, in Kliniken abgefahren?"

In dem Moment läutete das Telefon auf Lisas Schreibtisch. "Otten...guten Tag, Kollege." Danach hörte sie eine ganze Weile stumm zu und meinte zum Schluss nur: "Das war ja eine verrückte Nacht. Wohin bringt ihr sie... Malteser? Wir kümmern uns darum. Vielen Dank für den Anruf, Kollege."

Sie legte auf und meinte zu Möller: "Heute morgen machen wir eine Runde durch die diversen Krankenhäuser." Möller hatte inzwischen notiert, wo Gero Ackermann und Gudrun Prosch lagen.

"Vielen Dank, Herr Wenzel. Verletzte und Sachschaden hat es also im Schraderkamp nicht gegeben?"

"Nein, mit einer Ausnahme. Die Wohnung Ackermann ganz oben unter dem Dach ist durchwühlt und regelrecht auf den Kopf gestellt worden."

"Das habe ich mir gedacht, Heiko, vergiss das Tonband nicht, ich glaube, Babette Günther wird uns eine interessante Geschichte erzählen."

Das tat die sichtlich angeschlagene Tänzerin auch, ausführlich und empört. "Was haben diese Schweine eigentlich von mir gewollt?"

"Wahrscheinlich gar nichts, was Ihnen gehört. Sie wollten etwas, von dem sie vermuteten, Fifi habe es Ihnen zur Aufbewahrung gegeben."

"Hast du denn eine Ahnung, was das sein könnte?" erkundigte sich Möller auf der Rückfahrt in Präsidium.

"Gegenfrage: Auf was geht mehr? Kassette, CD oder DVD?"

"DVD", sagte Möller verständnislos.

"Die Einbrecher haben eine DVD gesucht."

"Woher willst du das wissen?"

"Babette hat doch präzis geschildert, dass die Typen nicht nur die Teppich hochgehoben, sondern auch den Teppichboden an den Rändern losgerissen haben. Was anderes als einen flachen Gegenstand sollen sie unter Teppichen oder Teppichboden vermuten?"

"Du weist sicher auch schon, was auf der CD oder DVD gespeichert ist", brummte Möller verärgert.

"Ich vermute es, ja. Aber das werden wir heute noch feststellen. Lieber Kollege, ich möchte gleich ein Telefongespräch führen und es aufzeichnen, und zwar in einer Qualität, dass es mit einem anonymen Anruf in der Zentrale verglichen werden kann."

Das erledigte Möller im Handumdrehen, mit dem Verwalter der Technik spielte er Handball im Polizeisportverein. Da waren lange schriftliche Anforderungen und Erklärungen nicht nötig.

"Und jetzt darfst du noch zwei Krankenhäuser besuchen und dem Gero Ackermann und dann der Gudrun Propsch eine Vorladung zustellen, sobald sie aus den Klinken entlassen sind."

Dann fiel ihr noch etwas ein, was sie selbst erledigen musste. Doch Professor Lückert, ihr Gerichtsmediziner, kannte Lisa und hatte selbst daran gedacht, von der zur Beerdigung in Schweden freigegebenen Leiche Lars Svensons eine DNA-Probe zurückzubehalten. "Ich weiß ja längst, dass den Kollegen die besten Ideen immer auf den letzten Drücker kommen, wenn überhaupt."

"Wie schön, dass die Objekte unserer Ideen dann nicht mehr weglaufen können."

"Aber manchmal im irdischen Feuer landen, verehrte Frau Otten, bevor einige danach ewig im Höllenfeuer schmoren."

Als die Aufzeichnungsanlage stand, ließ sich Lisa mit der Uwe Lambert Chemie verbinden und bestand darauf, den ULC-Chef Uwe Lambert persönlich zu sprechen.

"Lambert, guten Tag, was gibt es denn so Wichtiges?" Der Mann hatte eine ungewöhnlich tiefe Stimme und Lisa klopfte sich in Gedanken lobend auf die Schulter, weil es ja kein anderer tun würde.

"Guten Tag, Herr Lambert. Ich heiße Lisa Otten und bin Hauptkommissarin bei der Kripo."

"Ja?"

"Ich möchte Sie bitten, zu mir ins Präsidium zu kommen und mir hier die Frage zu beantworten, wann und warum Sie zum letzten Mal im oder am Haus Stempel im Sängerweg 29 gewesen sind."

Am andern Ende herrschte lange Zeit Schweigen, dann stöhnte Lambert tief auf und sagte: "Ich komme so rasch wie möglich."

Weil es heute alles so gut und glatt lief, fuhr sie noch ins Malteserkrankenhaus, aber der Patient Gero Ackermann hatte über starke Schmerzen in beiden ziemlich angeknacksten Füßen geklagt, Schmerzmittel bekommen und schlief nun tief. Lisa hatte nur mühsam gelernt, dass in diesem Landesteil "Füße" auch "Beine" heißen konnte. Der Stationsarzt drängte Lisa, wenn es nicht lebenswichtig sei, die Befragung zu verschieben. Nein, mit den Wunden könne der Patient nicht abhauen, ganz ausgeschlossen, es sei denn, er wolle auf Händen laufen, was selbst in einem Krankenhaus mit angeschlossener Psychiatrie auffalle. Das letzte Argument überzeugte Lisa. Sie ging und steuerte nach Hause, wo hoffentlich in den Mails die ersten Angebote warteten. Die Hoffnung trog, aber der Wetterbericht versprach trockene Tage bis zum Monatsende.

46. Uwe Lambert erschien am Mittag im Präsidium und entschuldigte sich: "Ich musste erst noch mit meinem Anwalt konferieren."

"Über die Strafbarkeit von Plänen, Beihilfe und Rücktritt vom Versuch?"

"So in der Kante, ja."

"Dann erzählen Sie mal, was passiert ist." Lambert räusperte sich ausgiebig, bevor er endlich anfing.

"Mir war zu Ohren gekommen, dass OLDECO an einem – Wunderkunststoff arbeitet und kurz vor der Patentanmeldung und Serienfertigung stand."

"Könnten Sie den Weg dieser Information bis in Ihre Ohren näher erläutern?"

"Ungern."

"Weil Sie vielleicht dabei zugeben müssten, dass die Information aus einem weiblichen Mund ihr Ohr erreichte, als sie zusammen im Bett lagen oder unter der Dusche standen?"

Lambert rieb sich heftig das Kinn und Lisa grinste ihm zu:

"Christine Manderscheid hat mir schon gestanden, dass Sie mal ein Verhältnis hatten."

"Das alte Verhältnis ist nicht das Problem", sagte Lambert verkniffen, und Lisa ging ein Licht auf. "Aber Ihre gegenwärtige Ehe?"

Er nickt wütend. "Christine hat mir auch verraten, dass OLDECO nicht nur an dem Kunststoff arbeitet, sondern auch an einem sensationellen Einsatz des Kx."

Kx – so stellte sich heraus, war zwischen Lambert und der Weißblonden das üblich Kürzel für den Wunderkunststoff.

"Ein Einsatz, der in der Firma offiziell Kerado, aber von der Belegschaft der Bolzen genannt wird?"

"Sie sind gut informiert", lobte Lambert bedrückt. Lisa zuckte die Achseln.

"Ob ich an beidem interessiert sei, Kx und Bolzen."

"Sie waren?"

"Ja. Nicht für mich, nach allem, was Christine erzählte, war das Kx-Bolzenprojekt für meine Verhältnisse viel zu groß, das konnte ich nicht stemmen. Aber ich konnte Interessenten besorgen..."

"... gegen eine – nennen wir es Provision."

"Ja. Sie sagte, sie würde mir einen Kollegen schicken, mit dem ich alles aushandeln könne."

"Der Kollege hieß nicht zufällig Holger Stempel?"

"Doch natürlich", antwortete Lambert, über ihre gespielte Naivität aufgebracht.

"Der Kollege mache ihr – Christine – schon lange schöne Augen. Und wenn sie zum Schein darauf eingehe, werde sie ihn mühelos herumbekommen, wenn auch das Honorar stimme..."

Lisa spitzte die Lippen.

"Er kam, wir haben eine Summe und einen Übergabemodus ausgehandelt. Stempel wollte die Summe, 25 Millionen US-Dollar, auf einem Konto auf den Virgin-Islands haben. Wir wollten uns an dem Tag, an dem er ermordet wurde, in seinem Haus treffen. Er würde mir die DVD geben, ich würde ihm im Gegenzeug die Bankunterlagen aushändigen, und wenn er damit zufrieden war, würde er mir einen Zettel mit den drei Passwörtern geben. Wir hatten uns auf 17 Uhr verabredet."

"Und wenn sich auf dieser DVD nun nur alte Schlager aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befunden hätten?"

"Würden wir bei der Bank alles sperren und ihm ein – hm – Kommando schicken, das ihn schon 'überzeugen' werde, die richtigen Daten und die Ergebnisse der Firmentests zu liefern."

Lisa knurrte leise, Lambert konnte das so kühl zugeben, weil er, spätestens von seinem Anwalt wusste, dass Lisa diese Erpressung oder Nötigung nicht beweisen konnte. Einfacher Widerruf genügte vor Gericht.

"Ich kam pünktlich, aber Stempel hat nicht geöffnet."

"Nein", sagte Lisa spöttisch, "da war er schon tot."

"Mich hat das verwundert, schließlich ging es doch um viel Geld für ihn, und da machte er einfach nicht auf. Also bin ich um das Haus herumgegangen. Die Verandatür stand halb offen und ich konnte in das Zimmer schauen; Stempel hing halb auf dem Sofa und war ohne jeden Zweifel tot, das Oberhemd völlig durchblutet, die Augen starr. Ich bin nicht hineingegangen, habe nur mal auf den Tisch geschaut, aber da lag nichts, was nach einer DVD oder CD aussah. Also bin ich gegangen und habe natürlich alle Finanzunterlagen wieder mitgenommen."

"Und haben später bei der Polizei angerufen!"

"Ja, ich konnte ihn doch nicht da so liegen lassen."

Lisa schaltete das Tonband aus. "Herr Lambert, Ihr Anwalt wird Ihnen gesagt haben, dass für Sie bis hierhin eine gute Chance besteht, straffrei aus der Sache herauszukommen, in eigen Punkten nach dem Grundsatz mangels Beweisen. Aber ab jetzt wird es heikel. Bei der Suche nach der DVD und den Passwörtern hat es einen Mord, mindestens einen Einbruch, Geiselnahme und Körperverletzung gegeben. Wenn Sie wissen, wer die Täter sind oder wenn Sie mit denen zusammenhängen, ihnen direkt oder indirekt geholfen haben, führt kein Weg an einer Anklage vorbei."

"Es ist sehr fair, dass Sie mir das sagen. Mein Anwalt hat mir geraten, ab jetzt zu schweigen. Mit dem, was Sie da aufgezählt haben, habe ich nichts zu tun; ich weiß auch nicht, wer diese Straftaten begangen hat und warum." Weil er so langsam mit so tiefer Stimme sprach, wirkte er sehr überzeugend, aber Lisa kannte beruflich viele sehr überzeugende Lügner, die sie doch vor den Kadi gebracht hatte.

"Gut, dann werden wir daraus ein Protokoll anfertigen, das Sie noch unterschreiben müssen. Danach können Sie gehen."

Möller schaute sie verwundert an, sie schüttelte nur kurz den Kopf und Möller verstand.

Staatsanwalt Korte lobte ausdrücklich ihre Zurückhaltung. "Es wäre schön, wenn die OLDECO in nächster Zeit nur positive Schlagzeilen machen würde." Lisa wusste, dass er damit das Morgenecho meinte. Das Revolverblatt hatte sich in den Mordfall Holger Stempel regelrecht verbissen, und weil es keine gesicherten Neuigkeiten gab, übte es sich in so freier wie blutiger Fantasie.

"Frau Otten, wenn es geht, keine Meldung über die geplante Werksspionage."

"Nein, aus ermittlungstaktischen Gründen hüllen wir uns vorerst in Schweigen."

Korte brummte zufrieden. Man verstand sich. Privat vielleicht nicht so gut, professionell aber ausgezeichnet.

Acko ging es sichtlich besser. Die Schmerzen in beiden Füßen hatten nachgelassen und er war bereit, mit Lisa ein "Gespräch" zu führen. Keine Vernehmung, kein Verhör.

"Das mit Ihren Fingerabdrücken auf dem Aktenkoffer ist ja ausgesprochen dumm gelaufen", meine Lisa fast mitleidig und äußerte keinerlei Zweifel an seinen Worten, als er schilderte, wie neben ihm ein Autobesitzer unfreiwillig die Schlösser eines fremden Kabrios entriegelte. "Das kam doch einer Aufforderung gleich, sich in das Kabrio zu setzen und sich umzusehen."

Lisa lachte: "Umsehen vielleicht, aber auch auszuräumen?"

"Ich habe nichts ausgeräumt."

"Doch. Den Inhalt eines Aktenkoffers aus schwarzem Leder. Pech für Sie, die Versuchung war so groß und kam so plötzlich, dass Sie nicht an Ihre Fingerabdruck gedacht haben. Zumindest in dem Moment nicht."

Acko grinste verlegen. So ein unprofessioneller Fehler musste ihm unterlaufen.

"Sie können mir doch sagen, wem das Kabrio gehörte."

"Das Kennzeichen war T-CM445."

"Der oder die Eigentümerin, Herr Ackermann!"

"Eine Dr. Christine Manderscheid."

"Wie haben Sie das so schnell herausbekommen?"

"Im Handschuhfach gab es Visitenkarten."

"Na fein. Jetzt fehlt nur noch eine ehrliche Aussage, was Sie aus dem Aktenköfferchen mitgenommen haben."

Acko schwieg eine ganze Weile, bis Lisa laut seufzte: "Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen wegen der Reststrafenbewährung helfe, brauche ich eine ehrliche Antwort."

Er zuckte die Achseln: "Bargeld und eine DVD in einer Papiertüte."

"Na also. Wie viel Bargeld ungefähr?"

"Mehrere tausend Euro."

"Keine Million?"

"Unsinn. Wie kommen Sie denn darauf?"

"Weil jemand für die DVD oder genauer für ihren Inhalt 25 Millionen US-Dollar zahlen wollte."

"Glaube ich nicht."

Details

Seiten
900
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904161
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335353
Schlagworte
mörder dunkeln drei krimis

Autor

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Titel: Die Mörder lauern im Dunkeln: Drei Krimis