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Texas Mustang #6: Stampede des Zorns

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Es gibt viel Gold in Golden Sand! Diese Neuigkeit hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Abenteurer und Glücksritter strömen in die neue Stadt, um an diesem Reichtum teilzuhaben. Nur die Territoriumsregierung ist bis jetzt leer ausgegangen, denn merkwürdigerweise sind die fälligen Steuern der Bürger und Geschäftsleute niemals bezahlt worden.
Grund genug für US Marshal Jim Allison, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf seinem Weg in die Goldgräberstadt stößt er bereits auf den ersten Toten – und bald darauf auf eine Frau namens Florence Kerrigan, die sehr persönliche Gründe hat, nach Golden Sand zu kommen. Denn ihr Vater wurde umgebracht – und der Mörder ist noch auf freiem Fuß. Als Allison der Frau seine Hilfe zusagt, gerät er ebenfalls in die Schusslinie der Mörder...

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

 

Band 6

 

STAMPEDE DES ZORNS

 

Horst Weymar Hübner

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

 

Es gibt viel Gold in Golden Sand! Diese Neuigkeit hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Abenteurer und Glücksritter strömen in die neue Stadt, um an diesem Reichtum teilzuhaben. Nur die Territoriumsregierung ist bis jetzt leer ausgegangen, denn merkwürdigerweise sind die fälligen Steuern der Bürger und Geschäftsleute niemals bezahlt worden.

Grund genug für US Marshal Jim Allison, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf seinem Weg in die Goldgräberstadt stößt er bereits auf den ersten Toten – und bald darauf auf eine Frau namens Florence Kerrigan, die sehr persönliche Gründe hat, nach Golden Sand zu kommen. Denn ihr Vater wurde umgebracht – und der Mörder ist noch auf freiem Fuß. Als Allison der Frau seine Hilfe zusagt, gerät er ebenfalls in die Schusslinie der Mörder...

 

 

 

 

Roman

 

Es war dunkel wie in einem zugenähten Sack und nass wie unter einem Wasserfall.

Sicher gab es Leute, die diesen nächtlichen Regen begrüßten. US Marshal Jim Allison zählte nicht zu ihnen. Er verfluchte die Nacht und das Wetter in den tiefsten Abgrund der Hölle und war sicher, bereits bis auf die Knochen aufgeweicht zu sein.

King, der Schwarzschecke, trottete ergeben durch die Sturzbäche und suchte sich einen Weg durch Morast und Schlamm. Den Weg hatte er längst verloren.

Allison setzte sich ruckartig auf, als er voraus die dunklen Umrisse eines Blockhauses zu erkennen glaubte. Wasser schwappte aus seiner Hutkrempe und klatschte hinter ihm auf die Packrolle.

Er trieb den Hengst scharf auf die Umrisse zu.

Es war kein Blockhaus. Es war eine stabile Weidehütte, und sie schien nicht besetzt. Jedenfalls brannte kein Licht. Rauch wehte auch keiner herum.

Allison trieb den zufrieden grunzenden Hengst unter das etwas vorspringende Dach. Hier konnte der Regen sie beide nicht mehr erreichen.

Er zog den Kopf etwas ein, kippte eine neuerliche Wasserladung aus der Hutkrempe und traf diesmal den Schwarzschecken, der empört prustete.

Trotz seiner Vorsicht prallte Allison mit dem Kopf gegen die Dachkante und sah Sterne und Funken vor den Augen fliegen. Der heftige Stoß weckte in der Weidehütte ein geisterhaftes Echo.

Verdammte Finsternis!“, fluchte der Marshal und rieb sich die Stirn. Er lauschte, ob sich in der Hütte jemand rührte.

Plötzlich vermeinte er, verwehte Stimmen durch den rauschenden Regen zu hören.

Er fuhr im nassen Sattel herum. Die Stimmen kamen nicht aus der Hütte. Sie waren hinter ihm - irgendwo dort draußen in der Nacht und im Regen.

Im nächsten Augenblick donnerte eine Flinte mit einem mörderisch lauten Schlag los. Ein Mann schrie hoch und gellend. Ein Pferd wieherte schmerzvoll.

Der Mündungsblitz riss ein grelles gelbes Loch in die Schwärze. Undeutlich sah Allison ein bockendes Pferd und ein paar halbhohe Bäume im Mündungsfeuer.

Dann war der gelbe Lichtblitz erloschen. Die Nacht war wieder da, und der Regen rauschte eintönig herunter.

Ein Pferd wieherte. Es klang, als entferne sich das Tier.

Allison stieß den angehaltenen Atem aus, griff unter den durchnässten Umhang und lockerte den linken Revolver etwas an, während er angespannt lauschte.

Nach ein paar Minuten war er sicher, dass niemand kam. Die Zeit hätte zweimal gereicht, um von dem Platz, an dem die Flinte losgegangen war, zur Weidehütte zu gelangen. Die Entfernung mochte höchstens fünfzig Pferdelängen betragen.

Er löste die Hand vom Revolverkolben und schaute seufzend auf das schützende Dach dicht über seinem eingezogenen Kopf.

Ein warmes Feuer und ein trockener Platz wären mir auch lieber“, brummte er und klopfte dem Hengst den triefnassen Hals. „Aber wir werden uns die Sache wohl ansehen müssen. Bei diesem Sauwetter reitet niemand ohne zwingenden Grund in der Nacht herum und drückt eine Flinte ab. Packen wir’s, Mister.“

Widerstrebend nur ließ sich der Hengst in den Regen hinauslenken. Allison dirigierte ihn jener Stelle zu, die er sich eingeprägt hatte.

Bald merkte er, dass er im Buschwerk und zwischen den Bäumen von der Richtung abgekommen war. Vielleicht war der Platz auch weiter entfernt.

Allison fand ihn nicht. Es half ihm auch nicht weiter, dass er immer wieder prüfend die Luft durch die Nase einzog. Kein Pulverdampf war mehr zu riechen. Der Regen hatte ihn bereits niedergeschlagen.

Enttäuscht kehrte der Marshal um und fand nur mit Mühe die Weidehütte wieder. Wenigstens wusste er jetzt ganz genau, dass sie derzeit nicht bewohnt war. Der brüllende Flintenschuss hätte auch einen Mann im tiefsten Schlaf munter gemacht.

Die Hüttentür war nur durch einen einfachen Holzriegel gesichert. Allison kippte die Hutkrempe aus, bevor er eintrat. Er blieb in der Dunkelheit stehen und schlenkerte die Hände, bis sie trocken waren.

Unendlich vorsichtig fischte er die Schwefelhölzer aus seiner Kleidung, die er in etwas Wachspapier gewickelt hatte, als der Regen am Nachmittag eingesetzt hatte.

Er rieb eines am Türstock an und hielt es über den Kopf.

Die Hütte bestand aus nur einem Raum und sah verwahrlost aus. Immerhin aber war eine verdreckte Lampe vorhanden, die gleich neben der Tür an einem umgebogenen Nagel hing. Allison hoffte inbrünstig, dass sie noch etwas Öl enthielt.

Er streckte die Hand aus und schüttelte sie. Im Ölbehälter gluckerte es vertrauenerweckend.

Der Marshal ließ das Streichholz fallen, dessen Flamme ihm die Fingerkuppen zu verbrennen drohte.

In der Dunkelheit hakte er die Lampe ab, schob den klirrenden Glaszylinder in die Höhe und rieb ein neues Schwefelholz an. Er entzündete den Docht, beobachtete die blakende und stark rußende Flamme und meinte, nie eine schönere Lampe gesehen zu haben. Das milde Licht füllte wärmend die Hütte.

Er holte King herein, rieb ihn ab, so gut es ging, entfachte auf dem Herd aus Feldsteinen ein Feuer und bereitete sein Nachtmahl. Später rieb er emsig den Sattel trocken, damit das Leder nicht hart wurde.

Während dieser Arbeit dachte er immer wieder an den Schuss.

Es hatte wenig Sinn, mit der Lampe hinauszugehen. Sie war nicht dicht, der Regen würde die Flamme löschen.

Allison baute auf den Morgen. Da benötigte er keine Lampe. Und Spuren würde er weder jetzt noch in der Frühe finden, davon war er überzeugt. Der Regen war zu mächtig und löschte alle Hinweise aus.

Neben der Tür machte der Marshal sein Nachtlager. Auf die vorhandene Bettstatt mit den verschimmelten und von Beutelratten und Mäusen zerfressenen Decken verzichtete er.

Bevor er die Lampe löschte, schaute er sich nochmals um. Die herumliegenden Gerätschaften deuteten darauf hin, dass diese Hütte schon vor langer Zeit zum letzten Mal benutzt worden war, vielleicht schon vor dem letzten Winter. Die Leute, die hier zeitweise gehaust hatten, schienen sehr hastig aufgebrochen zu sein. Sie hatten weder die zwei Töpfe und die Pfanne, noch die Decken von der Bettstatt mitgenommen.

Verdammt seltsam ist das, dachte Allison.

Er deckte sich den Hut aufs Gesicht und lauschte dem sehr zufriedenen Schnauben seines Hengstes.

Darüber schlief er ein.

 

*

 

Verblüfft rieb sich Allison die Augen, als er am Morgen vor die Hütte trat.

Die Sonne stand schon recht hoch - er hatte über Gebühr lange geschlafen, weil es in der verdammten Hütte kein Fenster gab. Schließlich hatte King ihn munter gemacht, indem er kräftig gegen die Tür getreten hatte.

Ungläubig betrachtete der Marshal den blauen Himmel, an dem nicht eine Wolke segelte. Das lausige Wetter des gestrigen Tages und der Nacht war wie fortgefegt.

Unter den warmen Strahlen der Frühjahrssonne dampfte das durchnässte Land, und von den Zweigen der nahen Büsche tropfte es satt und schwer auf den Boden.

Mit kundigem Blick erfasste Allison, dass der Regen wirklich jegliche Spuren getilgt hatte. Er vermochte nicht einmal mehr die Eindrücke von King vor der Hütte auszumachen. Alles war verwaschen und fortgespült.

Den Platz aber, an dem der Flintenschuss gefallen war, konnte er von seinem Standort in der Tür deutlich erkennen. Er erinnerte sich an die halbhohen Bäume.

In seinem Sichtkreis gab es nur einen Ort, an dem überhaupt Bäume standen. Er lag gerade eine Steinwurfweite entfernt.

Allison rückte seine Hose und den Waffengurt zurecht und ließ King aus der Hütte, der ihn von hinten ungeduldig mit dem Kopf anstieß.

Der Hengst trottete zum nächsten Busch und begann, Blätter und Zweige abzuknabbern.

Der Marshal aber setzte seine Stiefel in den Morast und schritt auf dem schlüpfrigen Untergrund den Bäumen zu. Es würde zwei, drei Tage dauern, bis das Land abgetrocknet war. Und es würde für ihn ein verfluchtes Stück Arbeit bedeuten, den verlorenen Fahrweg wiederzufinden.

Allison wich den tropfenden Büschen aus. Er sah ein paar frische Tierspuren und blickte auf, als er einen Bussardschrei in der Höhe vernahm.

Zwei Tiere kreisten über den Bäumen.

Ein ungutes Gefühl beschlich den Marshal. Bussarde waren Todesvögel, sie hatten eine Vorliebe für bereits erlegte Beute.

Als Allison bei den Bäumen anlangte, blieb er abrupt stehen und starrte auf den Mann, der mit dem Rücken im Morast lag. Es konnte nur ein Mann sein. Die Kleidung verriet es. Von Gesicht und Kopf war allerdings kaum noch etwas vorhanden.

Die Schrotladung hatte aus nächster Nähe voll getroffen.

Der Marshal schluckte. Er hatte schon eine Menge Tote gesehen. Die meisten waren wesentlich besser erhalten gewesen als dieser hier.

Ein Cowboy vielleicht?

Der Mann trug Reitstiefel. Seine Kleidung aber war aus gutem Tuch, für die Weidearbeit denkbar ungeeignet.

Allison suchte die Umgebung ab, in der Hoffnung, irgend einen Hinweis zu finden, eine Spur, die vom Regen nicht gelöscht worden war. Nach zehn Minuten stellte er seine Bemühungen ein und schlenkerte die Schlammklumpen von seinen Stiefeln.

Gar nichts war vorhanden. Nicht einmal das Pferd dieses toten Mannes. Und auch keine leere Schrothülse.

Demnach hatte der Mörder die Flinte gar nicht wieder aufgeladen. Er war sich seiner Sache sicher gewesen und gleich nach dem Schuss davongeritten.

Ausgeraubt war der Tote nicht, denn die Taschen waren nicht umgedreht.

Eine höllische Geschichte.

Der Flintenschuss musste den Mann völlig überraschend getroffen haben, denn er trug noch seinen Revolver im Halfter.

Allison beugte sich über den Toten und forschte in seinen Tasche.

Er fand ein paar Geldscheine, Münzen und einen zerknitterten Zettel. Durch die Nässe war die Tintenschrift völlig zerlaufen und unlesbar geworden.

Die Anwesenheit eines lebenden Mannes bei der vermeintlichen leichten Beute ärgerte die Bussarde. Sie stießen zornige Rufe aus und kamen tiefer herunter.

Allison beobachtete ihren Spiralflug.

Er spuckte aus. „Ihr bekommt ihn nicht“, sagte er und ging watend zu den Büschen bei der Hütte zurück, um King zu holen.

Unter den zurückgelassenen Ausrüstungsgegenständen hatte Allison keine Schaufel gesehen. Somit konnte er den unbekannten Toten auch nicht begraben. Jedenfalls hier nicht.

King schaute ihm misstrauisch entgegen, als ahnte er bereits, was Allison beschlossen hatte.

Der Marshal holte zwei zerfressene Decken aus der Hütte, packte King am Kopfgeschirr und kehrte zu dem Toten zurück.

Fünf Minuten später war der Mann verpackt und verladen. King blickte grämlich auf das dampfende Land. Er ließ ein Ohr hängen, was bedeutete, dass er mit der zusätzlichen Last gar nicht einverstanden war.

Allison hielt sich an diesem Platz nicht länger auf. Er packte seine Schlafrolle zusammen und seinen anderen Besitz, machte den Hengst reitfertig und orientierte sich nach dem Stand der Sonne.

Er ritt nach Norden und hoffte, dass er dort irgendwo auf den Fahrweg stieß und auf einen Platz, an dem er den Toten begraben lassen konnte.

 

*

 

Zweimal an diesem Vormittag fand er im Vorland der Black Hills klumpige Hufspuren. Sie stammten von zwei verschiedenen Pferden und schienen auch nicht zusammenzugehören, denn sie lagen räumlich weit auseinander.

Die Art, wie die Spuren lagen, verriet dem Marshal, dass hier zwei Reiter etwas gesucht hatten.

Einen Moment dachte er an den Toten hinten auf dem Pferd. Waren die Reiter ausgeschwärmt, um diesen Mann zu finden?

Es war eine reine Vermutung. Genauso gut konnten es auch Weidereiter sein, die verirrte Rinder zusammentreiben wollten.

Erst nach einer geraumen Weile fiel ihm auf, dass er weder gestern noch seit dem Morgen ein Rind zu Gesicht bekommen hatte. Auch keine Spuren.

Irgendwie gewann er den Eindruck, dass es hier überhaupt keine Rinder gab.

Und das fand er höchst seltsam, denn das Land war gut, und nach dem Winter spross überall fettes Gras.

Um die Mittagszeit erspähte er in der Ferne ein paar Gebäude und hielt darauf zu. Wenn er Glück hatte, war dies schon eine Pferdewechselstation am Weg.

Seine gespannte Erwartung schlug in Enttäuschung um, als er erkannte, dass dies keine Station war, sondern eine Ranch in erbärmlichem Zustand. Die Gatter waren umgesunken, das Dach eines Nebengebäudes eingebrochen, und die Fenster waren entfernt.

Überhaupt machte diese Ranch den Eindruck, als sei sie genauso verlassen wie die Weidehütte.

Niemand zeigte sich auf dem Hof, als Allison anhielt und das trostlose Bild auf sich wirken ließ.

Ein emsiger Mann mit ein paar ordentlichen Helfern hätte dieses Anwesen gut in Schuss halten können. Aber hier hatte sich schon lange keine Hand mehr gerührt, um Bretter festzunageln und Zäune aufzurichten.

Am einstöckigen Haupthaus war das Vorbaudach abgerissen und fortgeschafft. Auch fehlten überall die Türen. Aus der Brunneneinfassung waren Steine herausgefallen. Die Winterstürme hatten sogar den Kamin an der Giebelseite des Haupthauses umgerissen; die Trümmer lagen verstreut herum.

Allison brachte den Schwarzschecken wieder in Schwung. Während er über den Hof ritt und die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Schulter spürte, spähte er scharf unter dem Hutrand hervor in die Runde.

Dieser Platz war düster und wenig einladend. Der Marshal gewann den Eindruck, als sei der Teufel über dieses Land hergefallen und habe alle Bewohner samt dem Vieh vertrieben.

Allison entdeckte nirgendwo eine Bewegung.

Dafür fand er hinter einem Nebengebäude einen alten Weg, der nach Nordosten zeigte. In den ausgeleierten Fahrrinnen stand noch Wasser.

Der Marshal baute auf sein Glück und folgte dem alten Wagenweg. Entweder gelangte er so zur Kutschenroute oder zu seiner Stadt. Letztlich war es ihm gleichgültig, wo er herauskommen würde. Sicher war nur, dass er tiefer in die Black Hills hineingeriet.

Nach einer halben Meile stieß er auf eine der Fährten, die er am Morgen bereits vorgefunden hatte. Die Spur kam seitlich aus dem Buschland und aus Richtung der verlotterten Ranch.

Wäre vielleicht besser gewesen, ich hätte einen Bogen um die Gebäude geschlagen“, brummte der Marshal unzufrieden mit sich.

Vielleicht war hier der Mann geritten, der in der Nacht die Schrotflinte abgedrückt hatte! Den Rest der Nacht konnte er auf der unbewohnten Ranch verbracht haben, wo er sich vor dem Regen in Sicherheit gebracht hatte.

Oder es war einer der Reiter gewesen, die offenbar etwas gesucht hatten.

Die Fährte folgte dem alten Weg, und Allison fand, dass sich das sehr gut traf. Er brauchte selber nur Weg und Spur zu folgen, um am Ende eine Antwort zu erhalten.

Der Weg schlängelte sich um viele Hügel herum, die mit Seifenbeerbüschen bestanden waren. Allison fand das kurios. Seifenbeeren brauchten viel Wärme und wuchsen nur tief unten im Süden.

Das Wundern hatte er sich jedoch abgewöhnt. Und dieses Land war seltsam genug, dass er auch nicht mehr über die Büsche staunte. Vielleicht gab es hier unterirdische warme Wasseradern, die die Existenz der Seifenbeeren ermöglichten.

Nach mehr als zwei Stunden sah der Marshal zwischen zwei mächtigen Hügeln ein paar flache Häuser liegen. Der alte Weg und die frische Fährte liefen genau darauf zu.

Allison straffte sich, als er erkannte, dass dort voraus eine Station lag. Er hatte die Kutschenroute wiedergefunden. Deutlich konnte er das Band ausmachen, das vom Süden heraufführte und zwischen den beiden Hügeln in nördlicher Richtung verschwand.

Besetzt war die Station auch.

Ein paar Fahrzeuge waren abgestellt, zwei Männer bewegten sich im Hof, und in den Corrals standen Wechselpferde für die Kutschen.

Der Hengst King schnaubte sichtlich erfreut beim Anblick der Station. Er hatte die begründete Hoffnung auf eine ordentliche Portion Hafer und einen warmen Platz im Stall und legte etwas Tempo zu.

Allison grinste über die verdächtige Eile seines Pferdes. Es war erst früher Nachmittag, und so sicher war es gar nicht, dass sie da unten nach einem Nachtlager Ausschau halten würden. Vielleicht lag in der Nähe eine Stadt, die noch vor der Nacht zu erreichen war.

Die beiden Männer im Hof der Station entdeckten den aus den Hügeln kommenden Marshal erstaunlich früh. Sie bewegten sich an den Kastenwagen vorbei und blieben dann gespannt und fast lauernd stehen und warteten auf den Reiter.

Allison fand, dass sie verdammt gute Augen hatten und das Land scharf beobachtet haben mussten. Oder hatten sie damit gerechnet, dass jemand aus den Hügeln herauskommen würde?

Im Näherkommen erkannte er, dass es zwei krummbeinige Burschen waren, die zäh und widerspenstig wirkten. Sie hatten schon allerhand Jahre auf dem Buckel, denn ihre Gesichter sahen wie Schrumpfäpfel aus. Und beide hatten auch schon angegrautes Haar, das unter dem Hut hervorlugte.

Sie schienen sich aber noch eine Menge zuzutrauen, denn sie musterten Allison ziemlich scharf und bewegten sich nicht einen Schritt vor dem Mustanghengst zur Seite.

Ein Hauch von Wildheit und Aufsässigkeit ging von diesen beiden Großvätern aus. Bewaffnet waren sie auch. Jeder trug einen Revolver, und es sah ganz so aus, als könnten sie mit den Waffen verdammt gut umgehen.

Allison drängte King mit einem Schenkeldruck beiseite und ritt um die zwei streitbaren Knaben herum zum Stationshaus. Als er abstieg und den Mustanghengst an den Zügelholm band, beobachtete er aus den Augenwinkeln die beiden krummbeinigen Männer, die sehr interessiert herbeikamen und mit sachverständigen Blicken das Pferd musterten.

Der Marshal schob den Hut in den Nacken und richtete sich auf.

Feine Rasse, Mister, die Sie unterm Sattel haben“, meinte der eine Mann gequetscht. Er sprach breit und behäbig wie ein Texaner. Sein Begleiter nickte dazu.

Allison lächelte knapp, zog das Gewehr aus dem Scabbard und trat in die Station.

Verdammt, was wollen die beiden Pilger von mir?, dachte er. Ihre Neugier ist schon fast unverschämt! Sie sind sicher aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt! Nicht einmal gezwinkert haben sie, als ich nach dem Gewehr griff!

Er ließ die Tür hinter sich zufallen und blickte durch den dämmrigen Raum.

Im nächsten Augenblick wischte er sich über die Augen. Doch das Bild, das er sah, blieb. Vor der zerkratzten Theke stand eine blondhaarige Frau in richtiger Männerkleidung, hatte ein Glas mit einem gut bemessenen Schuss Whisky in der Hand und kippte eben das scharfe Getränk in einem Zug hinunter. Sie schüttelte sich nicht einmal. Sie setzte das Glas aufs Thekenblech und wandte sich um, weil sie die Tür hatte klappen hören.

Die Frau war überdurchschnittlich hübsch, hatte blaue Augen und trug das blonde Haar straff nach hinten gekämmt und zu einem dicken Zopf geflochten. Ihr Kinn war etwas zu ausgeprägt, eine Spur zu hart vielleicht, verlieh ihrem Antlitz dadurch aber einer zusätzliche interessante Note.

Die Frau musterte den Marshal kühl und durchdringend. Als ihr Blick seine beiden Revolver erfasste, zog sie kaum merklich die Schulterblätter zusammen. Ihr Kopf flog herum. Sie schaute zum Fenster.

Hallo, Madam!“, sagte Allison und rückte seine Hose zurecht. Mit klirrenden Sporen trat er an die Theke und legte sein Gewehr auf das fleckige Blech.

Ihm entging nicht, dass die Frau jede seiner Bewegungen mit hellwachen Sinnen verfolgte.

Sehr freundlich schaut sie mich ja nicht gerade an, fand Allison und hoffte darauf, dass jemand vom Stationspersonal kam. Vielleicht behielten die Leute den unbekannten Toten hier, wenn er ihnen zwei Dollar dafür gab.

Die Frau musterte ihn immer noch, und er konnte nicht sagen, ob ihr Blick mehr Ablehnung als eine gewisse Neugierde enthielt.

Endlich klappte irgendwo im Hause eine Tür. Aus einem Durchgang trat ein steinalter Mann mit einer Schürze vor dem Bauch. Er grüßte nicht, er sagte auch nichts, und der neue Gast schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Er langte aus dem Regal eine halbvolle Flasche und goss ein Glas ein.

Als das scharf riechende Getränk auf der Theke stand, sagte Allison nachsichtig: „Eigentlich wollte ich noch keinen zur Brust nehmen, aber schaden wird es sicher nicht. Mister, ich habe draußen einen Toten auf dem Pferd, und ich wollte ihn hierlassen. Reichen zwei Dollar?“

Den steinalten Stationsmann schien überhaupt nichts mehr aus den Stiefeln stoßen zu können. Seine besten Jahre waren längst vorbei und auch die Zeit, da ihn ein Toter hätte in Schwung bringen können.

Keine Leute“, brabbelte er und zeigte seinen zahnlosen Mund. „Hinterm Haus ist Platz, du musst ihn aber schon selber vergraben.“

Wieso keine Leute?“, wunderte sich Allison. „Ist das eine Überlandstation oder nicht?“

Ist eine“, bestätigte der Alte nörgelnd. „Aber die Leute sind alle auf die Goldfelder gelaufen. Ich mach’ die Arbeit alleine, Um jeden Dreck muss ich mich selber kümmern. Macht vierzig Cents, Mister.“

Er streckte verlangend die welke Hand aus. Der Marshal gab ihm einen halben Dollar und winkte ab, als der Alte nach Wechselgeld suchte.

Der Stationsmann wurde etwas zugänglicher. Vielleicht bewirkten das die zehn Cents Trinkgeld. „Frag die zwei krummbeinigen Pilger draußen, vielleicht helfen sie dir“, riet er. „Denen macht es sicher nichts aus. Diese Texasburschen sind richtige wilde Teufel, die nur zufällig wie Menschen aussehen.“

Entweder mochte er Texaner grundsätzlich nicht, oder die zwei alten Knaben im Hof lagen ihm schwer im Magen.

Er warf der Frau einen seltsamen Blick zu und verschwand im Durchgang. Kurz darauf begann er irgendwo im Haus zu rumoren.

Allison nahm das Glas und roch misstrauisch an der Flüssigkeit. Es gab Whiskysorten, die hatten eine richtige Brennerei nie gesehen und stammten aus finsteren Quellen.

Er ist gerade noch trinkbar und wirft einen nicht mit dem ersten Schluck um“, sagte die Frau plötzlich und lächelte spöttisch.

Sie müssen’s wissen“, entgegnete Allison.

Überrascht zog die Frau die glatten Augenbrauen hoch. Über ihrer Nase erschien eine kleine Falte. Während Allison einen vorsichtigen Schluck nahm, sagte sie: „Anscheinend hatten Sie Jagdglück!“

Er setzte das Glas heftig ab. Sie hielt ihn tatsächlich für einen Kopfgeldjäger!

Ich habe den Mann heute früh gefunden“, stellte er etwas gereizt richtig. „Jemand hat ihm mit einer Schrotflinte aufgelauert. Ich besitze keine Flinte.“

Sie starrte auf sein Gewehr und wandte sich dem Fenster zu. Im gleichen Moment flog die Tür auf, und die breite Stimme des Texaners sagte: „Der Teufel soll mich holen, wenn er uns nicht erklärt, wieso er Ed Nash zusammengeschnürt auf seinem Mustang hat! He, Mister, ich rede mit dir!“

Langsam wandte Allison sich um. Der krummbeinige Kerl stand seitlich der Tür, hatte seine Jacke etwas zurückgeschoben und den Revolver freigelegt.

In der Tür stand der andere Mann und hielt einen Revolvergurt in der linken Hand.

Alle beide blickten sie zornig und kampfbereit.

Allison grinste etwas. Diese beiden Kampfhähne waren wirklich imstande, eine Schlacht vom Zaun zu brechen. Der Kamm war ihnen schon ausreichend geschwollen. Sie waren beide wenigstens zwei Köpfe kleiner als er, aber seine Größe und auch seine beiden Revolver schienen keinen Eindruck auf sie zu machen.

Der in der Tür spuckte aus und meinte giftig: „Du, Hinkle, ich bilde mir ein, der Bursche lacht uns aus! He, Mister, wir sind nicht erst durch den letzten Regen etwas eingelaufen, wir waren schon immer so klein und unscheinbar. Aber wir sind mit einem Revolver zur Welt gekommen und wurden mit Schießpulver aufgezogen. Ich sage das nur, damit du nicht auf den Gedanken kommst, dir etwas auszurechnen!“

Allison grinste nicht mehr. Die zwei waren wild entschlossen, ihm eine brauchbare Erklärung abzuverlangen.

Zu seiner Verblüffung schaltete sich die Frau ein. „Er sagt, er hätte Nash heute früh gefunden. Er hat keine Flinte.“

Gehörten die Frau und diese zwei krummbeinigen Veteranen etwa zusammen?

Dann hast du aber Glück gehabt“, sagte Hinkle neben der Tür. „Mister, wo hat er gelegen? Wir haben nämlich die ganze Gegend nach ihm abgesucht.“

Dann waren das eure Fährten“, sagte der Marshal. „In der Nähe einer Weidehütte lag er. Aber tot ist er schon seit der Nacht. Ich hörte den Schuss, konnte in dem Regen aber nichts finden.“

Hinkle schien von dieser Auskunft nicht sehr befriedigt zu sein. „Hast du eine Weidehütte gesehen, Duncan?“ Er fragte seinen Partner, ließ Allison aber nicht einen Moment lang aus den Augen.

Kann mich nicht erinnern“, bekannte Duncan.

Ihr seid aber sehr nahe dran gewesen“, erklärte der Marshal ihnen. „War von euch einer bei der verlassenen Ranch?“

Hinkle zwinkerte und löste sich aus seiner angespannten Haltung. „Das war ich“, brummte er. „Weiß der Teufel, warum ich dir traue! Aber ich denke, du belügst uns nicht. Madam, er hat Nash alle persönlichen Dinge gelassen und ihn nicht ausgeplündert. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen.“

Wofür das ein gutes Zeichen sein sollte, sagte er nicht. Aber in seiner Stimme schwang eine Frage mit, fast eine Aufforderung.

Die blondhaarige Frau schüttelte den Kopf. „Ich halte nichts von Leuten, die zwei Revolver tragen“, gab sie zur Antwort.

Allison begriff, dass sie ihn verletzen wollte, dass sie ihn herausforderte. Und dass sie eine jähzornige, ja gewalttätige Reaktion erwartete, um ihre Meinung bestätigt zu finden.

Der Marshal lächelte dünn. „Zwei Revolver sind noch immer besser als eine Flinte. Im übrigen ist das Ansichtssache.“ Er genehmigte sich einen weiteren Schluck.

Hinkle und Duncan standen abwartend. Die Frau gab ihnen jedoch keine Anweisung, was sie jetzt unternehmen sollten.

Ihr könnt ihn haben und begraben“, sagte Allison. „Ich wollte ihn nicht da draußen in der Wildnis liegen lassen. Es war zudem keine Schaufel vorhanden.“

Dacht’ ich mir’s doch, dass seine verdammte Menschenfreundlichkeit einen Haken hat“, heulte Duncan los. „Keine Schaufel, das war’s!“

Er hätte ihn aber wirklich liegen lassen können. Vergiss das nicht, du Esel!“, knurrte der krummbeinige Hinkle. „Und was hat er gemacht? Er hat ihn mitgebracht. Dahin, wo Menschen hausen. Das zählt für mich.“

Die beiden gingen in den Hof. Aufsässig erwiderte Duncan: „Wenn du mich noch einmal einen Esel nennst, muss ich dir mit dem Revolver ein wenig auf den Schädel klopfen. Ich lasse mich nicht von dir bevormunden. Ich bin alt genug und brauche kein Kindermädchen.“

Halt’s Maul und hilf mir“, sagte Hinkle nur.

Etwas schlug schwer zu Boden. Allison sah die zwei alten Burschen wenig später am Fenster vorbeigehen. Sie trugen etwas zwischen sich.

Einer kam nach ein paar Minuten von hinten ins Haus und verhandelte mit dem Stationsleiter wegen einer Schaufel. Die Worte drangen undeutlich in den Schankraum.

Allison betrachtete die Frau, die ihr leeres Glas zwischen den Fingern drehte. Ihrem Dialekt hatte er angehört, dass sie ebenfalls aus Texas stammte.

Er richtete das Wort an sie. „Gehörte der Tote ebenfalls zu Ihrer erstaunlichen Mannschaft?“

Erraten“, erwiderte sie herb. Ihre Stimme hatte einen spröden Klang angenommen. „Aber wir sind immer noch stark genug, und wir können zurückbeißen.“

Sie reiben sich am falschen Mann. Ich habe mit der Geschichte nichts zu schaffen“, beteuerte Allison nochmals.

Es war eine Warnung!“

Oh!“, machte er. „Aber ich kann auch damit nichts anfangen. Sieht fast aus, als würden Sie bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken.“ Er hoffte, dass sie mehr verriet.

Sie wurde widerspenstig wie eine Katze, die gegen den Strich gestreichelt wird. „Für einen Mann, der seinen Namen nicht nennt und den ich noch nicht einmal fünf Minuten lang kenne, sind Sie auffallend neugierig. Ich habe keine Schwierigkeiten, und es geht Sie überdies nichts an“, sagte sie.

Vielleicht schon“, hielt er ihr entgegen. „In diesem seltsamen Land kann es vielleicht schon ein sehr großer Fehler sein, einen Toten zu finden und ihn aufs Pferd zu laden. Mein Name ist Allison, Jim Allison.“

Der Name sagte ihr nichts. Sie wurde auch nicht freundlicher. Er hatte den Eindruck, dass sie sich mit einem eisigen Panzer des Misstrauens umgeben hatte. Er konnte sie verstehen. Einer ihrer Leute war in der Nacht erschossen worden, und sie hatte allen Grund, jedem Fremden zu misstrauen.

Was hatte dieser Nash eigentlich draußen bei der Weidehütte zu suchen gehabt? Der Platz lag viele Meilen von dieser Station entfernt.

Allison merkte, dass er die Antwort darauf nicht von der Frau bekommen würde. Sie blieb verschlossen und wich seinem fragenden Blick aus.

Hinkle kam herein. Er hatte schmutzige Hände und Lehm an den Stiefeln. „Wir wären soweit, Madam.“

Die Frau stieß sich ab und schritt zur Tür.

Wohlgefällig betrachtete Allison ihre Figur, die in der Röhrenhose, dem verwaschenen Hemd und der abgeschabten Jacke vorteilhaft zur Geltung kam. Mann, da war alles an seinem Platz und im richtigen Verhältnis vorhanden!

Sie warf die Tür hinter sich zu. „Hat er Sie belästigt?“, fragte Hinkle draußen. „Sie schauen nämlich so wütend aus.“

Ich traue ihm nicht“, war die Antwort. Die Schritte der beiden entfernten sich.

Der Marshal trank sein Glas aus, schüttelte sich und verließ die Station. Er ging aber nicht ums Haus herum, wo für Nash ein Grab ausgehoben worden war, sondern band King los, zog den Bauchgurt nach und saß auf.

Er drängte sich keinem auf. Vielleicht wurden die Frau und die beiden Alten mit ihren Problemen auch alleine fertig.

Zügig ritt er vom Hof und ließ den Hengst den Kutschenweg unter die Hufe nehmen. Wenig später steckte er bereits zwischen den beiden mächtigen Hügeln.

Die beiden Alten und die Frau kehrten vor das Stationsgebäude zurück und sahen, dass der Fremde fortgeritten war.

Schade“, brummte Hinkle unzufrieden. „Sie hätten ihn vielleicht anheuern sollen. Er sah wie ein richtiger hartgesottener Pilger aus, und wie ich die Sache sehe, können wir jeden Revolver gebrauchen.“

Du hast einen Narren an ihm gefressen, was?“, giftete Duncan. „Vielleicht ist er eine Flasche und hat sich nur zwei Revolver umgebunden, weil es gut aussieht. Ich denke, dass wir irgendwo auf den Goldfeldern wieder auf ihn stoßen. Dann wirst du’s ja erleben.“ „Hoffentlich kommen wir jemals hin“, sagte Hinkle düster.

Er heißt Jim Allison“, mischte sich die Frau ein.

Nie, gehört“, sagte Duncan sauer.

Der alte Hinkle aber grinste und machte sich seine eigenen Gedanken. Florence Kerrigan hatte einiges aus dem Mann herausbekommen! Teufel noch mal, das hätte er ihr nicht zugetraut. Sie war doch sonst immer so zugeknöpft!

 

*

 

Bissig starrte Allison auf den Wegweiser. Die Farbe war von Wind und Wetter längst abgewaschen. An dieser Stelle gabelte sich der Fahrweg. Eine Strecke führte nach Osten, die andere weiter nach Norden.

Aber der Himmel mochte wissen, wo die nächste Ansiedlung oder Stadt lag.

Er entschied sich für die Nordrichtung und ließ den Schwarzschecken ausgreifen.

Die Sonne neigte sich den fernen Bergen im Westen zu. Ihre Strahlen wärmten nicht mehr, und wenn Allison auf keine Ansiedlung stieß, stand ihm eine verdammt kühle Nacht unter freiem Himmel bevor.

Als er im letzten Licht des Tages dem Weg folgend über einen sanften Hügel ritt, sah er vor sich eine kleine Stadt liegen. Sie bestand jedenfalls aus mehr als zehn Häusern, und da und dort brannte sogar Licht.

King legte unaufgefordert etwas Tempo zu, so dass Allison nach weniger als einer halben Stunde die Stadt erreichte.

Stadt“ war ein mächtig hochtrabender Begriff für diese Ansammlung von Häusern. Es gab nur eine Straße, nämlich den Kutschenweg. Zu beiden Seiten waren auf engem Raum Häuser errichtet worden, als sei nicht genug Platz vorhanden gewesen.

Die meisten Häuser wirkten verlassen und sahen erbärmlich aus. Von einigen stand nur noch die Fassade. Es war eine sterbende Stadt.

Allison erinerte sich an die bitteren Worte des steinalten Stationsleiters, dem seine Leute davongelaufen waren, um auf den Goldfeldern ihr Glück zu machen. Vielleicht waren auch hier die Leute fortgelaufen in der Hoffnung, das Glück an einem Zipfel zu erwischen. Seit die Funde in den Black Hills bekannt geworden waren, strömten aus allen Richtungen die Leute zusammen.

Nur sechs Häuser schienen bewohnt, denn in ihnen brannte Licht. Allison war auf seine Findigkeit angewiesen, einen Saloon oder ein Gästehaus aufzuspüren. Vor den Häusern brannten keine Lampen, und Schilder mit halbwegs noch lesbarer Schrift gab es auch nicht mehr. Oder die Dunkelheit verbarg sie.

Ein Gebäude mit einer aufragenden Holzfassade, die ein zweites Stockwerk vortäuschte, erregte Allisons Interesse. Er ritt vor das Haus, musterte im trüben Licht den krummen Zügelholm und den zertretenen Gehsteig und danach die teilweise abgeblätterte Beschriftung auf dem Fenster.

Nicht einmal dieses Fenster war heil. Die Scheibe links unten war hin, und man hatte die Öffnung zugenagelt.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904116
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
texas mustang stampede zorns

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Titel: Texas Mustang #6: Stampede des Zorns