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Unsichtbare Mission #9: Abrechnung in Wien

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Abrechnung in Wien
Unsichtbare Mission - Band 9

von A. F. MORLAND

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Mike Borran, Top-Agent des CIA, verwandelt sich im Auftrag der Agency in Harry Hammer – einen skrupellosen, furchtlosen Kriminellen –, um nach einem angeblich missglückten Überfall auf einen Juwelier 'undercover' in der Gefängniszelle von Cecil Gilmore zu landen. Gilmore hat eine leitende Funktion bei Alpha-Trust, einer machtgierigen Geheimorganisation, die weltweit über Leichen geht. Alpha plant eine Befreiungsaktion ihres Agenten, und der CIA hofft, dass Borran, alias Hammer, Gilmores Vertrauen gewinnt und sich so in die Organisation einschleusen kann. Sollte Borran enttarnt werden, ist er ganz auf sich allein gestellt ...

Cover: Steve Mayer

Leseprobe

Abrechnung in Wien

Unsichtbare Mission - Band 9

von A. F. MORLAND

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Mike Borran, Top-Agent des CIA, verwandelt sich im Auftrag der Agency in Harry Hammer – einen skrupellosen, furchtlosen Kriminellen –, um nach einem angeblich missglückten Überfall auf einen Juwelier 'undercover' in der Gefängniszelle von Cecil Gilmore zu landen. Gilmore hat eine leitende Funktion bei Alpha-Trust, einer machtgierigen Geheimorganisation, die weltweit über Leichen geht. Alpha plant eine Befreiungsaktion ihres Agenten, und der CIA hofft, dass Borran, alias Hammer, Gilmores Vertrauen gewinnt und sich so in die Organisation einschleusen kann. Sollte Borran enttarnt werden, ist er ganz auf sich allein gestellt ...

Cover: Steve Mayer

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de  

1

Es war spät, und Mike Borran war müde. Die monotonen Geräusche der New Yorker U-Bahn wollten den CIA-Agenten einschläfern. Er kämpfte kaum dagegen an. Entspannt saß er mit halb geschlossenen Augen im leeren Waggon. Noch zwei Stationen bis zum Hudson Terminal, dann musste er raus.

Die Party, an der Mike teilgenommen hatte, war feuchtfröhlich gewesen. Ein Mädchen, das nicht seine Kragenweite gewesen war, hatte ihn unbedingt zu sich nach Hause abschleppen wollen.

Ein Wall von guten Ausreden hatte ihn geschützt, und nun saß er hier — allein.

Wirklich allein?

Unwillkürlich sträubten sich Mike Borrans Nackenhärchen. Sein sechster Sinn signalisierte ihm auf einmal Gefahr. Er hob den Blick, und im selben Moment fuhr ihm ein Eissplitter ins Herz, denn vor ihm stand Jon Steel, Doc Alphas kälteste und perfekteste Mordmaschine.

Der weißblonde Killer war nicht allein. Zwei Alpha-Leute standen hinter ihm. Sie grinsten Mike Borran triumphierend an. Eine Begegnung mit Steel war so ziemlich das Schlimmste, was einem Agenten passieren konnte.

Der Mann war eigentlich nur noch äußerlich ein Mensch. In seinem Inneren wimmelte es von Kunststoff und Stahlteilen, die ihm in Doc Alphas Forschungszentrum nach einem schweren Autounfall bei einem Rennen in Watkins Glen eingesetzt worden waren.

Aus dem einstigen Rennfahrer wurde ein herzloser Roboter, der kaum verwundbar war. Stahlplatten schützten sein Herz und sein Gehirn, und seine Hände waren zangenartige Greifer, die einem mühelos das Genick brechen konnten.

Dass Mike Borran mit dieser Begegnung keine Freude hatte, kann man sich vorstellen. Seit geraumer Zeit bekämpfte er die Alpha-Organisation mit zäher Verbissenheit. Überall auf der Welt fügte er ihr Niederlagen zu, und deshalb stand sein Name auch ganz oben auf der Abschlussliste.

Aber er war nicht allein.

Der CIA stand hinter ihm und hielt ihm so gut wie möglich den Rücken frei, denn das Ausscheiden des besten Mannes wäre für die Agency ein schwerer Verlust gewesen.

Aber trotz aller Vorsicht und Umsicht schlitterte Mike immer wieder in gefährliche Situationen. Mehr als einmal hatte sein Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen, und im Augenblick sah es wieder einmal danach aus, als würde er das nächste Frühstück nicht erleben.

„Borran, das Ass des CIA“, sagte einer der beiden Männer hinter Jon Steel.

„Das Aas!“, korrigierte der riesige Killer und bleckte herausfordernd die Zähne. „Seht nur, wie er sich freut, uns zu sehen. Halb verrückt ist er vor Freude. Keinen Ton bringt er heraus. Ich werde dir deinen verfluchten Kragen auf Nullweite drehen, Borran. Wie gefällt dir das?“

„Überhaupt nicht, wenn ich ehrlich sein soll“, gab der CIA-Agent heiser zurück.

„Einmal kommt für uns alle die Zeit, abzutreten. Bei dir ist es heute so weit.“

„Ich lasse dir gern den Vortritt“, sagte Mike.

Jon Steel lachte kratzend. „Das könnte dir so passen.“

Mike befand sich aus einem bestimmten Grund in New York, und er nahm an, dass derselbe Grund auch Jon Steel hierhergeführt hatte. Da die Angelegenheit noch nicht reif war, machte Steel zwischendurch Jagd auf den gefährlichsten Gegner der Alpha-Organisation.

Nun hatte er ihn gestellt.

Eine bessere Gelegenheit, Mike Borran fertigzumachen, würde sich wohl nicht mehr bieten. Sie waren allein im Waggon. Drei gegen einen, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre, denn Jon Steel traute sich durchaus zu, mit Mike ohne Hilfe fertigzuwerden. Es gab niemanden, der bei dem bevorstehenden Mord Augenzeuge gewesen wäre.

Sie waren Agenten unter sich.

Todfeinde unter sich!

Mikes Rechte zuckte unwillkürlich ins Jackett, aber sie kam gleich wieder zum Vorschein. Pech. Er hatte die Party des Freundes, der ihn — weil er den Abend frei hatte — einlud, selbstredend ohne Artillerie besucht. Wie hätte er wissen sollen, dass dies ein schwerer Fehler war, der ihn jetzt möglicherweise das Leben kostete?

„Wie fühlt man sich so, kurz vor dem Tod, Borran?“, fragte Jon Steel.

„Scheußlich.“

„Deine Ehrlichkeit verblüfft mich immer wieder. Bestehst du nur aus Tugenden? Hast du überhaupt keinen Fehler?“

„Doch. Einen habe ich.“

„Welchen?“

„Ich kann dich nicht leiden“, sagte Mike Borran und sprang auf. Er wollte nicht, dass ihn Jon Steel im Sitzen fertigmachte. Er wollte wenigstens versuchen, es dem Killer-Hünen so schwer wie möglich zu machen.

Der wegen seiner Stahlteile 290 Pfund wiegende Jon Steel griff an. Die beiden Alpha-Agenten, die ihn begleiteten, hielten sich im Hintergrund. Sie waren die Pilotfische, die den Hai an die Beute herangeführt hatten.

Den Rest besorgte der Hai!

Jon Steel hieb mit seiner Stahlhand zu. Mike sprang zur Seite. Die Hand zuckte an ihm vorbei und traf eine mit Plastik überzogene Leichtmetallstange, die sofort knickte. Ein Knochen wäre gebrochen.

Schon feuerte Jon Steel seinen nächsten Schlag ab. Er fightete wie eine Maschine. Abermals brachte sich Mike mit einem Sprung in Sicherheit. Die ins Leere schießende Faust zuckte zurück.

Ein Schwinger sauste über Mikes Kopf hinweg, nachdem dieser sich rasch geduckt hatte. Jon Steel knurrte zum ersten Mal unmutig. Mike war verdammt schnell, und das hatte ihn bisher vor Schaden bewahrt. Das wollte der Alpha-Killer nun ändern.

Seine Handkante zerschnitt senkrecht die Luft.

Mike drehte sich. Gleichzeitig wuchtete er sich gegen den massiven Körper des Schwergewichts. Er prallte mit der Schulter gegen den harten Leib des Gegners. Steels Handkante zertrümmerte die Sitzfläche der Doppelbank, auf der Mike vorhin gesessen hatte. Knirschend zerbrach der Kunststoff unter der enormen Wucht des Schlages.

Und dann bekam Steel den linken Arm Mike Borrans zu fassen.

Der Druck seiner Finger war schmerzhaft.

Mike biss die Zähne zusammen. Jon Steel hielt ihn mit einer Hand fest. Mühelos. Es war Mike unmöglich, sich von dem Hünen loszureißen. Jon Steel grinste gemein.

„Jetzt habe ich dich, Borran. Und jetzt geht es dir an den Kragen!“

Er riss ihn an sich und wollte ihn mit der zweiten Hand packen. Mike wusste, dass er es dazu nicht kommen lassen durfte, sonst war er verloren. Panik stieg in ihm hoch. Er war schließlich auch nur ein Mensch. Zwar einer mit der außergewöhnlichen Fähigkeit, sich unsichtbar machen zu können, aber eben doch nur ein Mensch, der sich nicht aufs Sterben freute.

Ohne zu überlegen, schlug er zu.

Seine ganze Kraft legte er in diesen Schlag. Er nützte zusätzlich den Schwung aus, den ihm Jon Steel verliehen hatte. Irgendwo musste dieser gefährliche Kerl seine Achillesferse haben. Vielleicht in der Magengrube?

Tief versenkte sich Mike Borrans Faust da hinein.

Er hatte Glück!

Jon Steel stieß pfeifend die Luft aus. Sein Gesicht verzerrte sich. Sein eiserner Griff lockerte sich, und es war Mike Borran möglich, sich loszureißen und zu verhindern, dass der Starkiller der Alpha-Organisation ihn noch besser in seine Gewalt bekam.

Die beiden Alpha-Agenten im Hintergrund staunten. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Mike noch einmal freikommen würde. Auch Steel verblüffte und ärgerte das.

Er war es nicht gewöhnt, sich mit einem Gegner so lange zu beschäftigen. Mit den meisten Männern war er in einer Minute fertig. Dass ihm Mike so viel aufzulösen gab, missfiel ihm.

Mike griff ihn jetzt sogar an. Kraftvoll warf er sich dem Stahlmenschen entgegen. Er versuchte, ihn zu Fall zu bringen, doch das klappte nicht. Steel stand wie festgeschraubt da.

Mikes Faustschläge zeigten keine Wirkung. Es hätte nur Gefahr bestanden, dass er sich an diesem wandelnden Ersatzteillager die Knöchel blutig geschlagen hätte, deshalb ließ er keuchend von ihm ab.

Sofort konterte Jon Steel.

Diesmal reagierte Mike Borran nicht schnell genug. Die Stahlfaust des Gegners traf sein Gesicht. Es war ihm nur noch gelungen, die Wucht zu mindern, indem er mit dem Kopf zurückzuckte. Dennoch blieb noch genug Kraft übrig, die auf Mike einwirkte.

Er fiel nach hinten.

Mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Der Aufprall ließ die Scheiben zerplatzen. Brüllend stürzte sich der Lärm herein. Der Wind zerzauste Mikes Haar. Er wäre nach draußen gekippt, wenn er nicht blitzschnell die Arme abgespreizt hätte. Jon Steel erkannte die Chance, Mike Borran loszuwerden, mit einem Blick. Er federte vorwärts und versuchte Mike nach draußen zu drücken.

Beide Hände des Killers lagen auf Mikes Brust.

Mike stemmte sich gegen den gewaltigen Druck. Er atmete schwer. Der kalte Schweiß brach ihm aus allen Poren. Wenn Jon Steel erreichte, was er wollte, war er, Mike, verloren. Ein Sturz bei dieser rasenden Fahrt durch den U-Bahn-Tunnel hätte ihn das Leben gekostet.

Mike versuchte, seinen Körper zu wenden.

Er tat dies mit einem jähen Ruck und hatte Erfolg damit. Die Hände des Killer-Roboters rutschten an ihm ab. Mit Karateschlägen und Tritten verschaffte sich Mike Borran etwas Luft.

Und dann hatte er eine Idee!

Er flitzte an Jon Steel vorbei, ehe dieser es verhindern konnte. Er jagte auf die beiden Alpha-Agenten zu, die dem Kampf gespannt folgten. Mike war unbewaffnet. Aber er wusste, wo eine Kanone zu holen war: bei einem der beiden Alpha-Leute. Sie trugen garantiert ihre Waffen im Schulterholster.

Den, der einen Schritt weiter vorn stand, sprang Mike Borran jäh an. Der Mann reagierte. Er griff ins Jackett und riss eine Luger aus dem Leder. Mike schlug zu. Getroffen fiel der Alpha-Mann gegen seinen Begleiter und behinderte diesen so, ebenfalls zu ziehen.

Gleichzeitig riss Mike dem Gegner die Kanone aus der Hand.

Er kreiselte herum.

Jon Steel schob wutentbrannt heran.

Mike Borran drückte ab. Die Kugel traf den schwergewichtigen Killer. Es gab gleichzeitig mit dem Knall einen singenden Laut, und Mike wusste, dass er Metall getroffen hatte.

Ehe er noch einmal feuern konnte, packte Jon Steel ihn mit beiden Händen. Er riss ihn hoch und schleuderte ihn durch den U-Bahn-Waggon. Die Landung war hart. Mike hatte das Gefühl, sämtliche Knochen in seinem Leib wären gebrochen. Sein Blick fiel auf seine gefühllos gewordene Hand. Die Luger war weg.

Schwerfällig erhob er sich.

Der zweite Alpha-Agent richtete seine Waffe auf Mike. Er feuerte überhastet. Die Kugel zischte an dem CIA-Agenten vorbei und zertrümmerte eine weitere Scheibe.

„Nicht schießen!“, knurrte Jon Steel. „Überlass ihn mir!“

Der Mann, der sich offensichtlich nicht mit Steel verfeinden wollte, ließ die Waffe sinken. Steel näherte sich Mike Borran mit gesenktem Kopf. Mike spürte ein heißes Brennen im Gesicht. Das kam von den zahlreichen Schrammen, die er abgekriegt hatte.

Einer Fortsetzung des Kampfes wäre Mike nicht gewachsen gewesen, deshalb suchte er verzweifelt nach einem Ausweg. Die erste Runde mit Jon Steel war so kräfteraubend gewesen, dass Mike in der zweiten Runde mit fliegenden Fahnen untergegangen wäre.

Deshalb suchte er nervös nach einem Ausweg aus dieser verteufelten Situation. Die paar Whiskys, die er auf der Party getrunken hatte, waren völlig verdampft. Mike war stocknüchtern und konnte glasklar denken. Das rettete ihm das Leben, denn plötzlich zündete der Funke.

Sein Blick streifte den plombierten Griff der Notbremse.

Jon Steel war schon bedrohlich nahe.

Mike spannte die Muskeln, und als der Alpha-Killer sich wieder auf ihn stürzen wollte, hechtete er zur Notbremse. Fest schlossen sich seine Finger um den Griff. Er hängte sein Körpergewicht daran. Augenblicklich wurden die U-Bahn-Räder abgeblockt. Jon Steel und seine beiden Begleiter wurden nach vorn gerissen. Bis zur Tür. Dort krachten sie dagegen. Steels schwerer Körper riss die Tür aus der Verankerung.

Mike blieb indessen am Griff der Notbremse hängen.

Sobald der Zug stand, kletterte er aus dem kaputt geschossenen Fenster. Er sprang in den Stollen und suchte das Weite. Auf den Schwellen rannte er um sein Leben. Mehrmals stolpernd. Einmal wäre er beinahe hingefallen. Immer wieder ruderte er mit den Armen, um das Gleichgewicht zu behalten.

Er wusste, dass er noch lange nicht aus dem Schneider war.

Hinter ihm fielen die ersten Schüsse.

Mike krümmte den Rücken, nahm den Kopf so tief wie möglich nach unten und rannte, so schnell er konnte. Die Kugeln der Gegner surrten manchmal haarscharf an ihm vorbei. Hin und wieder stießen sie gegen die Stollenwand und zirpten als gefährliche Querschläger noch ein Stück weiter.

Nach einer halben Meile krümmte sich der U-Bahn-Stollen. Mike entdeckte einen schmalen Durchgang zu einem Parallelstollen. Hastig änderte er seine Laufrichtung. Der Boden vibrierte unter seinen Füßen, und als er den Nachbarstollen erreichte, musste er jäh zurückspringen, sonst hätte ihn ein herandonnernder Zug erwischt.

Das Luftkissen, das der Zug vor sich herpresste, nahm Mike Borran den Atem. Er lehnte sich an die kalte Wand und wartete keuchend. Würden Jon Steel und seine Komplizen den Durchgang nicht bemerken? Würde der Zug vorbei sein, wenn die Alpha-Agenten die Höhe des Durchgangs erreichten?

Der vorbeijagende Zug machte so viel Krach, dass Mike von seinen Verfolgern nichts hörte. Er blickte in die Richtung, aus der er gekommen war.

New York. Seit ein paar Tagen war er erst in der Metropole, um sich zu akklimatisieren und sich gründlich umzusehen, denn ein heikler Auftrag war ihm übergeben worden.

Aber die Gegenseite ließ ihm keine Zeit, sich an die Stadt zu gewöhnen. Sie schlug zu, sobald sie ihn ausfindig machte. Mike hatte nicht damit gerechnet, dass es jetzt schon so heiß zugehen würde. Er hatte geglaubt, noch eine kleine Verschnaufpause zu haben. Deshalb hatte er die ganz private Party besucht. In der vermeintlichen Zeit der Ruhe vor dem Sturm.

Doch plötzlich war Jon Steel aus dem U-Bahn-Boden gewachsen. Und mit ihm zwei Schießer der Alpha-Truppe, die alle verdammt scharf auf Mike Borrans Leben waren.

Das gefiel Mike nicht.

Endlich riss der U-Bahn-Zug ab. Das Rattern und Donnern entfernte sich. Andere Geräusche waren wieder zu hören. Zum Beispiel das Klappern von Schritten. Mike zog sich in den nunmehr freien Nachbarstollen zurück. Die Schritte wurden immer lauter.

Es kam jemand.

Mike setzte seine Flucht nicht fort. Er wartete, denn es kam nur ein Gegner, und es war nicht Jon Steel. Dessen Schritte hätten anders geklungen. Die Alpha-Leute hatten sich getrennt. Jeder versuchte für sich, Mike Borran zu finden und auszuschalten.

Der CIA-Agent atmete ganz flach. Kein Geräusch verursachte er. Seine scharfen Augen durchbohrten die Dunkelheit. Er sah eine bleiche Hand, die einen Revolver hielt. Sekunden später war der ganze Mann da.

Mike stürzte sich auf ihn. Seine Handkanten machten dem Gegner arg zu schaffen. Der erste Schlag traf das Handgelenk des Alpha-Agenten. Der Mann verlor die Waffe. Er wollte die andern alarmieren. Da schlug Mike noch zweimal zu, und der Gegner brach ohnmächtig zusammen.

Mike bückte sich. Er nahm den Revolver an sich und eilte weiter. Niemand folgte ihm. Er erreichte die nächste Station, lief die Stufen hoch, geriet in einen dünnen Passantenstrom und strebte dem kleinen Hotel zu, in dem er für kurze Zeit abgestiegen war.

Der Mann am Empfang blickte ihn erschrocken an. „Mein Gott, die vielen Schrammen, Sir.“

Mike grinste. „Ich habe versucht, mit einem Gorillaweibchen intim zu werden. Sie hatte was dagegen.“

„Sind Sie überfallen worden?“

„Ja.“

„Diese gottverfluchten Mugger. Man kann sich nachts kaum noch auf die Straße wagen. Überall lauern diese Hyänen.“

„Das macht den Reiz einer Großstadt aus“, sagte Mike und bat um seinen Schlüssel. Er erhielt ihn umgehend.

„Wenn Sie die Polizei anrufen möchten“, sagte der Mann am Empfang und wies auf das Telefon, das neben ihm stand.

Mike winkte ab. „Das hätte wenig Sinn. Die Kerle sind bestimmt schon über alle Berge.“

„Da haben Sie vermutlich recht.“

Mike tippte sich grüßend an die Stirn, der Mann wünschte ihm eine gute Nacht, bemerkte noch, dass er sich schäme, ein New Yorker zu sein, und der CIA-Agent zog sich auf sein Zimmer zurück. Im Bad kümmerte er sich um seine Blessuren. Danach nahm er eine Dusche und ging zu Bett. Er genoss es, ausgestreckt auf dem Rücken zu liegen und zu leben.

Es hätte auch anders kommen können.

2

Tags darauf traf sich Mike Borran mit seinem CIA-Kollegen Johnnie McIntire. Mike fühlte sich schon wieder fit. Die Schwellungen in seinem Gesicht waren kaum noch vorhanden. Nur ein paar dünne Kratzer zeigten noch, wie schwer er es in der vergangenen Nacht gehabt hatte.

Die beiden Freunde saßen in einer Cafeteria beim Battery Park. Draußen rauschte der Großstadtverkehr vorbei.

McIntire, ein rothaariger Ire, athletisch gebaut, mit einem sympathischen Gesicht voller Sommersprossen, machte Kummerfalten, während ihm Mike erzählte, wie Jon Steel in der U-Bahn gewütet hatte.

„Junge, da hat aber nicht viel gefehlt“, sagte Johnnie McIntire, nachdem Mike geendet hatte.

„Oh ja, wenn es nach Jon Steel gegangen wäre, hätte ich mehr als nur ein paar Schrammen abgekriegt“, erwiderte Mike Borran und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, den er ungesüßt trank. Nicht wegen der Linie, sondern weil ihm ungezuckerter Kaffee einfach besser schmeckte.

„Woher wussten die Alpha-Leute, dass du in New York bist?“, fragte McIntire.

„Keine Ahnung. Vielleicht kam ihnen der Zufall zu Hilfe.“

Der rothaarige Ire rümpfte die Nase. „Du weißt, ich habe etwas gegen Zufälle.“

„Trotzdem gibt es sie.“

„Ja, aber in den meisten Fällen sind Zufälle keine Zufälle.“

„Sondern?“

„Wie heißt der Mann, auf dessen Party du gestern warst?“

„Raymond Kellaway. Er stammt aus Los Angeles. Ich kenne ihn noch aus der Zeit, als ich in den Kensington Labors tätig war. Wir hatten damals oft miteinander zu tun. Er war einer der Rohstofflieferanten. Wir kamen auch privat hin und wieder zusammen. Als wir einander vor zwei Tagen hier in New York über den Weg liefen, lebten die alten Zeiten sofort wieder auf. Raymond hatte sofort die Idee mit der Party, er lud ein paar angenehme Freunde ein und genügend Mädchen und reichte mich stolz herum.“ „Was macht Kellaway hier in New York?“

„Er hat sich hier niedergelassen.“ „Und womit verdient er sich sein Geld?“

„Er ist ins Ölgeschäft eingestiegen.“ „Würdest du die Hand für ihn ins Feuer legen, Mike?“

„Aber natürlich. Jederzeit.“ Mike Borran blickte seinen CIA-Freund prüfend an. „Sag mal, Johnnie, worauf willst du hinaus?“

„Könnte es nicht sein, dass die Alpha-Organisation von jemandem einen Tipp gekriegt hat?“

„Von Raymond Kellaway bestimmt nicht. Das halte ich für ausgeschlossen“, behauptete Mike kategorisch.

„Wir werden ihn trotzdem unter die Lupe nehmen. Alpha kennt viele Möglichkeiten, sich Menschen dienstbar zu machen. Auch anständige Leute. Die Vierte Macht ist nicht zimperlich in der Wahl ihrer Methoden, wie du weißt.“ „Johnnie, wenn Raymond Kellaway spitzkriegt, dass ihr ihn überprüft ...“

„Keine Sorge. Er wird es nicht merken. Hast du ihm gesagt, dass du für den CIA arbeitest?“

„Nein, ich erzählte ihm, ich wäre hier auf Urlaub, und arbeiten würde ich als Strahlenexperte in Philadelphia.“

„Warum bist du nicht mit dem Wagen heimgefahren?“

„Ich fuhr schon nicht mit dem Wagen hin, weil ich ein pflichtbewusster Staatsbürger bin, der weiß, dass er seine Karre stehen zu lassen hat, wenn er ein paar Gläschen intus hat.“

„Und wie kamst du ausgerechnet auf die U-Bahn? Du hättest ein Taxi nehmen können.“

„Das hatte ich auch ursprünglich vor, aber da war eine Puppe, die mich unbedingt einkochen wollte, deshalb setzte ich sie geschwind in das erstbeste Taxi, das ich bekommen konnte, und fuhr selbst mit der U-Bahn nach Hause. Habe ich damit alle Ihre Fragen gründlich genug beantwortet, Kommissar McIntire?“

„Jon Steels Auftauchen in New York beunruhigt mich“, sagte Johnnie.

„Was glaubst du, wie es mich gestern Nacht erst beunruhigt hat.“

„Das kann ich mir vorstellen. Er ist ein gefährlicher Brocken. Ich wollte, jemand würde eine Panzerfaust nehmen und ihn fertigmachen. Anders scheint der Bursche nicht zu knacken zu sein.“

„Alpha scheint sich auf das bevorstehende Ereignis vorzubereiten“, sagte Mike Borran.

Johnnie McIntire nickte bedächtig. „Wir haben die Aktion lange genug hinausgeschoben, doch nun wird es Zeit, dass du aktiv wirst.“

„Okay“, sagte Mike.

„Du weißt, was zu tun ist.“

„Ich bin ein heller Junge.“

„Deshalb hast auch du diesen Auftrag gekriegt. Er erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl.“

„Ich weiß.“

„Wir werden zwar im Hintergrund auf dich aufzupassen versuchen, aber größtenteils wirst du ohne Netz arbeiten müssen.“

„Das bin ich gewöhnt“, sagte Mike.

„Was wir für dich tun können, werden wir selbstverständlich tun.“

„Das ist das Mindeste, was ich von euch erwarte“, erwiderte Mike lächelnd. Johnnie McIntire reichte ihm über den Tisch die Hand. „Ich wünsche dir viel Glück, Mike. Pass gut auf dich auf.“ „Mach’ ich“, versprach Mike Borran. Er winkte das Service-Girl herbei.

„Lass nur“, sagte McIntire. „Das übernehme ich.“

Mike lachte. „Deine Großzügigkeit wird die Agency noch einmal an den finanziellen Ruin bringen.“

Johnnie McIntire bezahlte zwei Kaffee, dann erhob er sich und verließ die Cafeteria. Es war besser, wenn sie auf der Straße nicht zusammen gesehen wurden, deshalb ging Mike Borran erst zwei Minuten später, und dann auch noch in die entgegengesetzte Richtung.

McIntire hatte das Startzeichen gegeben. Folglich musste Mike Borran nun im Auftrag des CIA aktiv werden.

3

Mike kehrte in sein Hotel zurück. Auf dem Zimmer schloss er sich ein. Dann holte er seinen Koffer vom Schrank, warf ihn auf das Bett, öffnete ihn und begann mit den Vorbereitungen für seinen Einsatz. Alles war bis ins kleinste Detail vom CIA geplant. Mike war nur noch das ausführende Organ. Mit anderen Worten, er kämpfte wieder einmal an vorderster Front, wo es heiß herging.

Allmählich gewöhnte sich der einstige Wissenschaftler an diesen Job. Er hatte eingesehen, dass der CIA ihn brauchte. Er war für die Agency zu einer Art Wunderwaffe geworden, weil er — nach einem folgenschweren Strahlenunfall — die Möglichkeit besaß, sich unsichtbar zu machen. Damit war er der einzige Agent auf der Welt, der zu so etwas fähig war, und es war nur verständlich, dass der CIA auf so einen Mann nicht verzichten konnte.

Oft griff er auf ihn zurück. Immer wieder schickte er ihn zu den Krisenherden, denn kein anderer CIA-Agent konnte Mike Borrans Erfolgsquote erreichen. Man hatte ihn hart in den Ausbildungscamps geschliffen und aufs Überleben trainiert. Man hatte ihm beigebracht, zu kämpfen. Mit oder ohne Waffe. Und der ehemalige Wissenschaftler hatte schnell gelernt.

Der Maskenbildner der Agency hatte Mike auf dessen Wunsch viele Tricks gezeigt, mit denen man im Handumdrehen sein Aussehen soweit verändern konnte, dass einen niemand mehr wiedererkannte.

Auf dieses Wissen griff Mike Borran nun zurück. Vor einem kopfgroßen Hohlspiegel arbeitete er an seiner Veränderung. Er klebte sich einen künstlichen fleischfarbenen Höcker auf die Nase, machte die Augenbrauen dichter, hob die Wangenknochen an und unterlegte die Unterlippe mit einem Plastikwulst. Kontaktlinsen veränderten noch die Farbe der Augen. Danach hätte nicht einmal Johnnie McIntire seinen Freund wiedererkannt.

Eine halbe Stunde ging für die Maskerade auf.

Mike beeilte sich nicht. Es war wichtig, dass die Maske gut war, die Zeit, die er dafür aufwandte, zählte nicht.

Nachdem er sich im Spiegelschrank des Bades von allen Seiten bei schräg gestellten Türen eingehend betrachtet hatte, kam er zu der Erkenntnis, dass er hervorragende Arbeit geleistet hatte. Es gab keinen Mike Borran mehr. Der neue Mann hieß Harry Hammer. Natürlich hatte ihm die Agency die nötigen Papiere dazu verschafft. Führerschein, Reisepass, Kreditkarte.

Harry Hammers Lebenslauf hörte sich wie ein Kriminalroman an.

Der Mann, den es nie gegeben hatte, den der CIA erst schaffen musste, hatte einen beachtlichen kriminellen Werdegang hinter sich. Er war skrupellos, furchtlos und raffsüchtig. Ihn konnte nichts abschrecken, und bisher war es der Polizei kein einziges Mal gelungen, ihn festzusetzen, obwohl man ihn mit zahlreichen Coups in Zusammenhang brachte.

Das war Harry Hammer.

Ein unerschrockener Bursche, der weder Tod noch Teufel fürchtete, der sich aber ein bisschen Gerechtigkeitssinn bewahrt hatte. Auf den ersten Blick passte das nicht zu ihm, aber so war er nun einmal, und die Menschheit musste sich damit abfinden.

„Hallo, Harry“, sagte Mike und grüßte den Mann, der ihm aus dem Spiegel entgegensah. Er veränderte dabei auch ein wenig seine Stimme, und er war sicher, jetzt an Jon Steel vorbeigehen zu können, ohne dass dieser sich weiter um ihn scherte. Auch ein Vorteil.

Er entnahm dem Koffer einen Revolver. Nicht jenen, den er in den vergangenen Nacht erbeutet hatte. Diese Waffe wäre ihm zu heiß gewesen. Sämtliche Dokumente, die ihn als Harry Hammer auswiesen, steckte er in seine Tasche. Die Borran-Papiere legte er in den Koffer.

Johnnie McIntire würde sich später darum kümmern.

Als Harry Hammer verließ Mike über die Hintertreppe das Hotel.

Zwei Straßen weiter mietete er einen 79er Chrysler, wobei er darauf achtete, dass das Fahrzeug unauffällig grau war. Mit dem Chrysler fuhr er nach Howard Beach. Am Shelbank Basin stand ein unscheinbares Motel. Da quartierte sich Harry Hammer ein. Es war billig, weil es sich um eine ziemlich laute Unterkunft handelte. Pausenlos starteten oder landeten auf dem nahen John F. Kennedy Airport Jets aller Größenordnungen. So etwas drückt auf den Preis.

Von Howard Beach ging es noch in derselben Stunde nach South Brooklyn. Es gab da einen renommierten Juwelier, dem Mike Borran einen Besuch abstatten wollte. Die Papiere hatte er zu Hause gelassen. Sie würden später gefunden werden.

Mike stoppte den Chrysler an der Ecke.

Von hier waren es zehn Schritte bis zum Eingang in das Juweliergeschäft. Mike war nicht zum ersten Mal hier. Er hatte sich auch schon im Laden aufgehalten, und es tat ihm leid, den Inhaber nun gleich ein wenig erschrecken zu müssen, aber das gehörte mit zum Plan.

Alles musste so realistisch wie möglich aussehen. Die Gegenseite durfte nicht den geringsten Verdacht schöpfen, sonst klappte die geplante Sache nicht, und wenn es ganz schlimm kam, verlor Mike dabei sogar sein Leben.

Er stieg nicht sofort aus.

Ein Blick auf die Armaturenbrettuhr verriet ihm, dass es gleich zwölf war. Mike hatte die Beobachtung gemacht, dass um die Mittagszeit nie Kunden im Juweliergeschäft waren. Das erleichterte seinen Job. Er wollte nicht, dass dabei jemand zu Schaden kam.

Er wartete noch einige Minuten.

Dann verließ er das Fahrzeug, dessen Motor weiterlief. Aufmerksam schaute er sich um. Eine Frau führte ihren Hund — eine gemischte Rasse — an der Leine spazieren. Ein Mann schimpfte mit seinem Jungen, weil dieser offenbar zu feige war, zum Zahnarzt zu gehen. Mike ließ sie vorbei. Er merkte, dass er aufgeregt war.

Gleich würde er für den CIA ein Verbrechen begehen.

Nie hätte er es sich träumen lassen, dass er mal zum Juwelierräuber werden würde, aber das gehörte alles zu dem Spiel, das die Agency ausgetüftelt hatte, und Mike Borran hatte die Hauptrolle übernommen.

Nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, betrat er den Juwelierladen. Ein großer eleganter Mann, dunkelhaarig und gutaussehend, nickte ihm freundlich zu.

„Guten Tag, Sir. Was kann ich für Sie tun?“

„Hören Sie gut zu, Mann. Dies ist ein Überfall, und ich will alles haben, was im Wert über fünfhundert Dollar liegt, kapiert?“, sagte Mike Borran heiser. Gleichzeitig riss er seinen Revolver heraus und richtete ihn auf den erschrockenen Juwelier.

4

Johnnie McIntire telefonierte zur selben Zeit mit der CIA-Leitstelle New York. Die Geschichte mit dem Freund, den Mike Borran zufällig nach Jahren wiedergetroffen hatte, gefiel ihm nicht. Er weigerte sich strikt, an Zufälle zu glauben. Natürlich gab es sie hin und wieder, aber nach McIntires Erfahrung wurden die meisten herbeigeführt, und da Johnnie das Wohl seines Freundes Mike sehr am Herzen lag, wollte er sich ein bisschen um Raymond Kellaway kümmern.

„Kellaway“, sagte der rothaarige Ire soeben. „Ja, so heißt der Mann. Soll sich im Ölgeschäft etabliert haben. Raymond Kellaway.“ McIntire betonte jede Silbe. „Ich möchte alles von ihm wissen. Was für Freunde er hat, wie gut er verdient. Mit wem er Geschäfte macht. Wann er zum letzten Mal mit einer Frau geschlafen hat. Ob er die Masern schon hatte. Einfach alles.“

„Wir werden uns sofort darum kümmern, Mr. McIntire“, sagte der Mann am anderen Ende des Drahtes. „Gibt es einen speziellen Grund für Ihr Interesse?“

„Ja, Mike Borran war zu Kellaways Party eingeladen, und auf der Heimfahrt begegnete unser Mann in der U-Bahn Jon Steel, der in Begleitung zweier weiterer Alpha-Agenten war. Die Kerle haben versucht, unseren Agenten fertigzumachen. Ich denke, das ist ein triftiger Grund für mein Interesse.“

„Das denke ich auch“, sagte McIntires Gesprächspartner. „Wir werden Kellaway auf Herz und Nieren durchleuchten. Wenn es zwischen ihm und dem Alpha-Trust eine Verbindung gibt, finden wir sie.“

„Davon bin ich überzeugt“, sagte der rothaarige Agent und legte auf. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen kräftigen Zug.

Vorläufig gab es für ihn nichts weiter zu tun, als Mike Borran die Daumen zu drücken ...

5

„Versuchen Sie nicht, den Helden zu spielen!“, sagte Mike Borran schneidend.

Er holte aus der Außentasche seines Jacketts eine Plastiktüte und legte sie auf den Tisch. „Meine Braut hat Geburtstag. Packen Sie mir was Schönes ein. Aber ein bisschen plötzlich. Ich habe nämlich nicht viel Zeit.“

Der Juwelier starrte Mike zornig an. Diese Kerle werden immer dreister, dachte er. Jetzt machen sie sich nicht einmal mehr die Mühe, sich zu maskieren.

Der Verkaufsraum wurde mit einer elektronischen Kamera überwacht. Der Überfall wurde folglich aufgenommen. Sollte der Räuber mit der Beute verschwinden, würde die Polizei wissen, wie er aussah.

Es gab noch eine Reihe von anderen Sicherungen. Unter anderem auch einen Trittschalter, der beim zuständigen Polizeirevier einen Alarm auslöste. Mike wusste davon, und da er als Harry Hammer kein Dummkopf sein durfte, schnauzte er den Juwelier an: „Was ist denn nun? Fangen Sie endlich mit dem Einpacken an, oder soll ich mich selbst bedienen?“

Dem Juwelier stand der Schweiß auf der Stirn. „Sie sollten lieber machen, dass Sie wegkommen.“

„Nicht ohne ein paar schöne Klunker“, sagte Mike grinsend.

„Was Sie hier sehen, ist für Sie wertlos. Sie können es nicht verkaufen.“

„Das glaubst du, aber wie denkt ein Gesunder darüber, he? Ich habe meine Abnehmer, keine Sorge, und nun halt mich nicht mehr länger hin, Mann, sonst werde ich ungemütlich. Los! Los! Los! Es schadet dir bestimmt nicht, wenn du mal ein bisschen was arbeitest!“

Der Mann griff vorsichtig nach der Plastiktüte. Gleichzeitig trat er auf den Schalter, der die Polizei alarmierte. Von nun an tickte der Zeitzünder. Der Juwelier fing an einzuräumen. Er ließ sich damit Zeit. Mike wusste, warum. Er trieb ihn an.

„Schneller! Schneller! Dir kann man ja beim Arbeiten die Hosen flicken!“

Der Juwelier versuchte die wertvollsten Stücke zurückzubehalten, doch Mike holte sie sich und warf sie zu den anderen Juwelen. Er zählte im Geist mit. Gleich würde die Polizei angerast kommen.

Da war schon die Sirene zu hören.

Mike riss dem Juwelier die Tüte aus der Hand. Der Mann wollte Mike in ein Handgemenge verwickeln. Das war in höchstem Maße unklug von ihm. Wenn Mike wirklich ein Verbrecher gewesen wäre, hätte ihn das das Leben gekostet. Der CIA-Agent stieß den Juwelier zurück und hetzte aus dem Laden. Er rannte zum Chrysler, sprang in das Fahrzeug und raste davon.

Ein Streifenwagen mit zuckenden Rotlichtern bog um die Ecke. Mike sah ihn im Rückspiegel. Das Polizeifahrzeug nahm sofort die Verfolgung auf. Mike schlug zahlreiche Haken in South Brooklyn. Er musste seine Rolle so echt wie möglich spielen, durfte auf keinen Fall zu früh aufgeben.

Die Verfolger forderten Verstärkung an.

Mike preschte zur Gowanus Bay hinunter. Er wusste, dass er sich damit in eine ausweglose Situation manövrierte, aber das lag in seiner Absicht. Drei, vier Patrolcars nahmen an der Verfolgung nun schon teil. Und es wurden noch mehr. Sie versuchten, ihm den Weg abzuschneiden, doch noch gab sich Mike nicht geschlagen. Er fand immer wieder eine Möglichkeit, der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Bis zum Hafen kam er.

Dort sprang er aus dem Fahrzeug und floh in eines der Lagerhäuser. Die Radiocars versammelten sich davor. Mike versteckte sich hinter Containern. Er sah die Cops.

Vorsichtig betraten sie das Gebäude. Die Angelegenheit war nicht ungefährlich für den CIA-Agenten. Die Polizisten hielten ihre großkalibrigen Waffen in den. Fäusten. Wenn Mike den Bogen überspannte, würden sie schießen. Er musste genau das richtige Maß finden, um ernst genommen zu werden.

„Hier spricht die Polizei!“, hörte Mike eine Megaphonstimme. „Das Lagerhaus ist umstellt! Jeder Widerstand ist sinnlos! Sollten Sie eine Waffe haben, werfen Sie sie weg und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!“

Mike rührte sich nicht. Er wartete, und er überlegte, wie sich ein Mann wie Harry Hammer in dieser Situation verhalten hätte. Hätte er geschossen? Vielleicht. Mike würde es nicht tun. Er wollte weder das Leben eines Polizisten noch sein eigenes gefährden. Es musste auch so gehen. Er würde auch so glaubwürdig erscheinen.

Nicht jeder Juwelenräuber war ein schießwütiger Teufel. Es gab kein Schema, an das sich Mike Borran hätte halten müssen.

Zwei Cops pirschten sich an ihn heran. Sie stellten sich dabei nicht sonderlich geschickt an, aber Mike tat so, als würde er sie nicht bemerken. Sie sollten ihre Belobigung von ihrem Vorgesetzten kriegen.

Er wusste, dass sie gleich hinter ihm auftauchen würden, drehte sich aber nicht um. Es war ein verdammt unangenehmes Gefühl, zu wissen, dass in wenigen Augenblicken zwei Revolver auf ihn gerichtet werden würden.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738904055
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juni)
Schlagworte
unsichtbare mission abrechnung wien

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Titel: Unsichtbare Mission #9: Abrechnung in Wien