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Das alte Fort

2016 170 Seiten

Leseprobe

LARRY LASH

 

DAS ALTE FORT

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Hager, abgebrannt und heruntergekommen, ohne Pferd, kommt Rod Drake aus dem alten Fort herunter in die friedliche Stadt. Kein Wunder, daß dieser Tramp hier nicht willkommen ist. Rod bekommt es sofort zu spüren. Doch er schlägt unerbittlich hart zurück. Marshal Knox greift ein. Er hat den jungen Wolf sofort wiedererkannt. Doch er möchte, dass der Bursche weitertrailt. Nur zu gut weiß er, dass es Ärger geben wird, wenn er bleibt.

Der mächtige Jim Waco, der Herr der Lariat-Ranch, der Rod Drake seinerzeit aus dem Land trieb, hat gute Gründe, nichts mit dem Fremden zu tun haben zu wollen. Doch Rod hat seinem Stiefvater Jim Waco, aus der Vergangenheit einige Fragen vorzulegen. Fragen, die seinen ermordeten Vater angehen und Dinge, die weit in der Vergangenheit liegen.

Kein Wunder, dass Rod Drake sich auf die Seite der Schafhirten schlägt, deren Feind die Lariat-Ranch ist, die mit dem Abscheu der Rinderleute alles, was nach Schafen riecht, wie die Pest hasst. Es kommt zum alles entscheidenden Kampf...

 

 

 

1.

 

 

Die drei Agenturindianer, die schon seit Stunden träge und faul auf ihren Decken vor dem Longhorn-Saloon in der warmen Junisonne hockten, verloren plötzlich den trüben Ausdruck ihrer dunklen Augen. Nichts mehr an ihnen erinnerte an Menschen, die mit dem Fatalismus ihrer Rasse in den Tag hineinlebten. Keiner von ihnen beachtete mehr die fast leere Flasche Handelswhisky, ein Gesöff, das aus Branntwein und Wasser bestand und selbst den stärksten Stier umwerfen musste. Nein, nicht einer mehr der drei heruntergekommenen, schlitzäugigen Kerle schielte mehr nach der Flasche. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf die Gestalt, die auf dem staubigen Pfad vom alten Fort hergeschritten kam. Nur der Himmel mochte wissen, was bei dem Auftauchen der Gestalt in den whiskyumnebelten Hirnen der drei Indianer vor sich ging.

Sicherlich war es sonderbar genug, dass diese heruntergekommenen roten Gents, die einst einer stolzen Rasse angehörten, aus ihrer Lethargie aufgescheucht wurden und plötzlich Interesse zeigten. Diese Anteilnahme galt unverkennbar nicht dem alten Fort, einem Gemäuer, das, von Haubitzengeschossen arg zerstört, sich wenig malerisch gegen den hellen Sommerhimmel abhob. Das Interesse der drei Rothäute galt ausschließlich und allein der Gestalt, die geradewegs aus den Trümmern des alten Forts gestiegen schien und sich wie ein Wesen aus einer anderen Welt zu Fuß langsam näherte.

Wahrhaftig, der Mann war nicht beritten, wie es hierzulande üblich war. Weder Pferd, Esel oder Maultier trugen oder begleiteten den Mann, der hochaufgeschossen und ein wenig vornüber geneigt, wie unter einer schweren Last, daherschritt, als trüge er die bewegte Vergangenheit des alten Forts auf den niedergedrückten Schultern davon. Unverkennbar müde setzte der Mann die Beine, so dass kleine Staubwolken bei jedem seiner Schritte aufquollen und ihn in wabernde Nebel einhüllten.

Beim Näherkommen sah man, dass es kein alter Mann war, der sich der kleinen Rinderstadt näherte, der sehr heruntergekommen war und einem alten Tramp glich. Er trug einen wie von Mäusen angefressenen Stetson, ein dünnes, geflicktes Hemd, eine blaue Cordhose und Stiefel, die er irgendwo am Wegesrand zusammen mit den anderen Kleidungsstücken gefunden zu haben schien. Seine ungepflegte, verwilderte Erscheinung ließ an einen alten Wolf erinnern, der, mit knapper Not dem harten Winter entronnen, sich zum ersten Mal in der warmen Sonne zeigte.

Die Aufmerksamkeit der drei Agenturindianer ließ plötzlich nach. Sie fielen in ihren alten Stumpfsinn zurück. Nur der Himmel wusste, was sie sich beim Auftauchen der Gestalt gedacht hatten. Jetzt, da sich der ankommende Mann als gewöhnlicher Sterblicher entpuppte, sah alles noch viel hässlicher und nüchterner an ihm aus. Der Staub, den seine Stiefelsohlen aufwirbelten, war nichts weiter als schmutziger Sand, der hagere Mann ein Tramp, zwar jung noch, aber zweifelsohne einer aus dem Heer der Heimatlosen, die kein Ziel hatten, sich treiben ließen wie Strandgut, irgendwohin, und nirgends Ruhe fanden.

Bis auf wenige Schritte kam der Tramp heran. Die Abgerissenheit trat noch deutlicher in Erscheinung. Aus den klaffenden Stiefeln schauten die nackten Zehen hervor. Das rostrote, struppige Haar hing ihm fast bis auf die Schultern herab. Frostbeulennarben in seinem Gesicht redeten eine deutliche Sprache davon, wie hart der letzte Winter für ihn gewesen war.

Nun, auf die drei Indianer machte die Erscheinung keinen großen Eindruck mehr. Diese drei Gents zählten selbst zu den Ausgestoßenen. Ihnen genügte die lausige Decke und der Handelswhisky, den sie erbetteln konnten. Sie ernährten sich von Abfällen und versumpften von Tag zu Tag mehr. In ihren Augen war bereits die Tragik ihres Daseins zu erkennen.

Anders verhielt es sich bei dem jungen Mann. Seine grün-grauen Augen brannten in einem hellen Feuer. Er sah über die drei Indianer hinweg zum Longhorn-Saloon hin, wo eine Gruppe von vier Männern beisammenstand und ihm in offensichtlichem Missfallen und unverhohlener Feindschaft entgegenblickten. Für die vier biederen Bürger der kleinen Rinderstadt bedeutete der Anblick des Tramps eine Herausforderung. Zum Teufel mit diesem Burschen! Man hatte genug Ärger mit den eigenen jungen Leuten! Man sah Fremde nicht gern, und einen Tramp pflegte man in jedem Falle fortzujagen. Ein Tramp gehörte nicht in ein Rinderdorf, in die menschliche Gemeinschaft hinein. Mit Männern dieser Art hatte man seine Erfahrungen gemacht. Sie stahlen und brachten Unruhe. Man hasste sie so wie Ratten und anderes Ungeziefer, denn sie trugen Krankheitskeime mit sich herum.

„Ausgerechnet aus der alten Rattenbude kommt er her", sagte einer der vier jungen Burschen so laut, dass der Tramp es hörte und augenblicklich wie angewurzelt stehenblieb. „Du hättest dort bleiben sollen, dort bei den Ratten, Stranger! Es ist besser, du kehrst um!"

Bei diesen Worten setzten sich die vier jungen Männer wie auf ein geheimes Kommando in Bewegung, so als hätte ein Rudel Haushunde einen Wolf gewittert, den man durch das Anrücken in der Überzahl und durch den bloßen Anblick in die Flucht schlagen konnte. Sicherlich war bei den Männern der gleiche Zusammengehörigkeitsinstinkt vorhanden. Die drei Agenturindianer allerdings gehörten nicht zu ihnen. Sie waren Kreaturen, die mit der ganzen Sache nichts zu schaffen hatten und sich feige zurückziehen würden.

Wie sie vermutet hatten, so war es auch. Die Indianer erhoben sich, packten ihre Decken zusammen und verschwanden. Der Boden schien ihnen plötzlich zu heiß geworden zu sein.

Rod Drake, der junge ankommende Mann, reagierte ganz anders. Er kehrte nicht um und lief davon. Im Gegenteil, er ging dem Rudel bis auf drei Schritte entgegen. Dann standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Die Tatsache, dass Rod Drake nicht kehrtmachte, verwirrte die vier Männer aus dem Rinderdorf ein wenig. Ihr Sprecher, der untersetzte Sohn des Hufschmiedes, sagte rau:

„Du bist wohl schwerhörig, Stranger? Kehre um! Wir erteilen dir sonst eine Lektion, die du so schnell nicht vergessen wirst. Du wirst daraus die Lehre ziehen, Rinderstädten, Siedlungen und sonstigen Behausungen fern zu bleiben!"

Rod gab keine Antwort. Er sah in vier Paar gnadenlose Augen. Er spürte wie schon sooft in seinem Leben den Widerstand der anderen, so als sei er vor einer Mauer angelangt. Aber nicht das allein war von Bedeutung, sondern die Tatsache, dass man in ihm keinen Christenmenschen sah. Man behandelte ihn wie einen Aussätzigen. Die Agenturindianer hatten es besser. Sie beachtete man nicht. Man duldete sie und kümmerte sich nicht weiter um sie. Man zahlte ihnen für ihre Arbeit den niedrigsten Lohn und gab ihnen zu essen. Einen Mann gleicher Hautfarbe aber wollte man wie einen Aussätzigen davonjagen.

„Ich möchte etwas zu essen", sagte Rod. In seiner Stimme lag ein heiserer Klang. „Ich habe seit vorgestern nichts Warmes mehr zwischen den Zähnen gehabt. Ich besitze Geld und kann bezahlen. Es ist nicht meine Absicht zu bleiben, nach dem Essen werde ich meines Weges ziehen."

„Er riecht nach Schafen, Joe, nach Schafen und Ungeziefer", unterbrach ihn einer der Gegner, ein blonder, gepflegt aussehender junger Mann, indem er sich an den schwarzhaarigen Joe Staffard, den Sohn des Schmiedes, wandte. „Er kommt aus dem Schafland, das macht die Sache nur noch schlimmer!" Er wandte sich an den Fremden: „Freund, man hat dir scheinbar im Schafland nicht gesagt, dass es das beste wäre, nach den letzten Auseinandersetzungen zwischen Rinder- und Schafleuten zu bleiben, wo man ist!"

Der Hass in der Stimme des Sprechers verriet, dass die Wunden, die bei dieser Auseinandersetzung geschlagen wurden, noch längst nicht verheilt waren. Der Hass kam zum Durchbruch, sobald man sich gegenübertrat. Alle vier jungen Männer hatten die Auseinandersetzungen miterlebt. Der blonde George Gobel war dabei verwundet worden. Joe Staffard hatte seinen Vater begraben müssen und führte jetzt die Hufschmiede, um die Mutter und vier unmündige Geschwister zu ernähren. Der dritte Mann, John Holden, hatte seine beiden älteren Brüder bei dem Treffen mit den Schafzüchtem sterben sehen, und der vierte im Bunde, Eddie Durant, hatte einen besonderen Groll gegen diese Leute, denn er erinnerte sich immer wieder, dass es Schafleute gewesen waren, die eine gewaltige Rinderherde in Stampede gebracht hatten, bei der seine Schwestern und die Mutter unter den Hufen der Tiere ums Leben gekommen waren.

Es gab keinen Zweifel, der fremde Tramp roch wirklich nach Schafen, wenn auch dieser stechende Geruch nicht so stark vorhanden war, wie es sonst bei Schafhirten üblich war. Der Geruch war jedoch vorhanden, und das war etwas, was die vier Männer immer stärker erregte.

Rod Drake gab keine Antwort auf die Drohung George Gobels. Was hätte es genützt, wenn er seinen Bedrohern erklärt hätte, dass er den Winter über Schafe gehütet hatte, um sich vor dem Hungertod zu retten. Er hatte nach dieser Arbeit notgedrungen greifen müssen. Sie gab ihm für einige Zeit zu essen und eine Bleibe. Was wussten diese vier jungen Männer vom Leben? Sicherlich hatte keiner von ihnen wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greifen müssen. Er war dankbar, dass er als Schafhirte im tiefen Winter Arbeit gefunden hatte.

Sicherlich hatte keiner dieser Männer den Hunger so in seinen Eingeweiden gespürt wie Rod Drake. Dabei waren sie nicht älter als er selbst. Sicherlich hatten sie immer satt zu essen gehabt, dazu jemanden, der zu ihnen gehörte. Rod aber war allein, und das schon seit Jahren. Nie hatte er eine Chance bekommen. Es schien, als liege ein Fluch über ihm, als habe die Einsamkeit ihn zu einem Wesen anderer Art gemacht. Er hatte nicht einmal mit den Schafhirten Kontakt bekommen können. Er blieb auch bei ihnen einsam, und niemand hatte ihn aufgefordert zu bleiben, als er gehen wollte.

Wie schon so oft fühlte er die Strömungen feindlich gegen sich gerichtet und sah das Glitzern in den Augen seiner Bedroher. Er atmete schwer und sah ihnen allen der Reihe nach in die entschlossenen Gesichter. Er spürte ihre Absicht und sah ihre Hände zu den Revolvem tasten. Dumpfer Groll stieg in ihm empor.

Rod war unbewaffnet. Er zeigte ihnen seine leeren Handflächen und drehte sich herum, um zu gehen. Er wollte keinen Kampf. Nicht aus Feigheit machte er kehrt. Nein, er wusste, dass die Szene vor dem Longhorn-Saloon nicht unbeobachtet geblieben war, dass viele Augen zusahen. Es war hier wie in allen Rinderstädten und Siedlungen. Jedes Außergewöhnliche interessierte. So war es gewiss, dass sein Auftauchen nicht unbeobachtet geblieben war.

Das aber bedeutete, dass den vier Bedrohern jede gewünschte Hilfe im rechten Augenblick zuteil werden würde. Im Notfalle zeigte es sich immer, dass es keine Chance gegen eine große Gemeinschaft gab. Gegen ihn, den anders Gearteten, würden sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten. Das war eine der Lehren, die Rod bereits aus seinem harten Leben gezogen hatte. Es war besser, man kehrte ihnen den Rücken.

Die Gegner fassten das Vorzeigen der leeren Handflächen ganz anders auf. Rod wurde plötzlich hart an der Schulter herumgerissen, so dass er in das bleiche, zuckende Gesicht Joe Staffards hineinschaute. Im nächsten Augenblick sauste die Faust des kräftigen Burschen auf Rods Gesicht zu. Sie streifte jedoch nur die Wange und traf nicht voll.

Schneller als die Faust kam, hatte Rod seinen Kopf aus der Schlagrichtung gebracht und sich mit einer jähen Drehung von dem haltenden linken Arm des Schmiedes losgerissen. In diesem Augenblick zeigte sich Rod Drakes Reaktionsschnelligkeit zum ersten Mal.

Das Weitere Geschehen ging in einem Wirbel unter. Alle vier Burschen griffen nun zur gleichen Zeit an. Nicht einer, das muss betont werden, machte von seinem Eisen Gebrauch. Vier Waffengurte mitsamt den Revolvern lagen am Boden, abgestreift von ihren Besitzern. Den vier Männern schien es ein leichtes, dem Tramp die richtige Lektion zu geben. Der abgezehrte Fremde schien ihnen für wenige Minuten eine Menge Spaß zu garantieren. Er sollte Prügel bekommen und dann wie ein fortgejagter Hund von dannen ziehen.

Sie hatten die Rechnung jedoch ohne Rod Drake gemacht. In dem Augenblick, als er herumgerissen wurde, wusste er Bescheid. Auch hier waren es Unvernunft, Hass und Niedertracht, die selbst erwachsene Männer zu Narren ihrer eigenen, nicht mehr kontrollierbaren Gefühle machen. Wieder einmal musste Rod Drake erkennen, wie wenig dazu gehörte, aus zivilisierten Menschen brutale Wesen zu machen. Nur ein Anstoß, eine Kleinigkeit, eine falsche Bewegung, und schon brach ein Damm, der von Menschen in Jahrtausenden mühsam aufgerichtet worden war, und zurück blieb der tierische Kampfinstinkt, der, durch Hass genährt, sich austoben wollte. Für Rod war es nichts Neues, und es zeigte, dass er weit über sein Alter, durch bittere Erfahrung gereift, hinausgewachsen war. Dass er noch denken konnte, bewies, wie eiskalt es in ihm aussah, bevor ihn der Selbsterhaltungstrieb wie eine mächtige Woge erfasste und gegen seinen Gegner schleuderte. So mager Rod auch aussah, es zeigte sich, dass sein Körper durchtrainiert war, dass eine Fähigkeit und Härte in ihm wohnten, dass er im Wirbel des Kampfes die Schläge, die er hinnehmen musste, kaum spürte.

Der Schmied Joe Staffard sprang mit einem gellenden Schrei aus dem Gemenge, in dem der aufwirbelnde Staub kaum erkennen ließ, was sich dort wirklich abspielte. Beide Hände hielt er vor das Gesicht. Er schrie und rannte dabei herum, als sei er bereits in der Hölle. Später sollte sich herausstellen, dass sein Nasenbein gebrochen war und der Doc seine Kunst anwenden musste. Im Augenblick hockte sich Joe Staffard nieder und hielt sein Gesicht mit den Handflächen verdeckt. Die harten Schläge des Tramps waren mehr gewesen, als er vertragen konnte. Sie hatten ihn plötzlich nüchtern gemacht und so eingeschüchtert, dass er in seiner Benommenheit nur den Wunsch hatte, sich lang hinzuwerfen. Der Kampf seiner Partner interessierte ihn nicht mehr. Er hatte genug mit sich selbst zu tun.

Die Härte des Tramps aber hatte nicht nur ihn erschüttert, sie machte auch die anderen Gegner benommen. Nachdem ihr Anführer, der stärkste Mann ihrer Gruppe, ausfiel, fühlten auch sie sich nicht mehr so sicher.

Der blonde George Gobel flüchtete plötzlich, als das rinnende Blut einer klaffenden Augenbrauenverletzung ihm die Sicht nahm. Er war so hart getroffen worden, dass der starke Schmerz ihn gar nicht erst auf den Gedanken brachte, sich eines der in den Gurten am Boden liegenden Revolvers zu bedienen. Er taumelte zurück aus dem Kreis der Kämpfenden und fiel über den am Boden hockenden Joe Staffard.

Als er sich aufrichtete und sich das Blut aus den Augen wischte, sah er, wie Eddie Durant in die Knie brach und John Holden bewegungslos am Boden lag. Er sah den jungen Tramp, dessen Kleider nun völlig zerrissen waren, mit halbnacktem Oberkörper, an dem das Hemd in Fetzen flatterte, aufrecht, ein wenig breitbeinig stehend, mit blitzenden Augen in die Runde blicken. Sein Mund war halb geöffnet, dass man seine starken, schneeweißen Zähne sehen konnte. In seinem staubbedeckten Gesicht hatten Schweißfurchen eigenartig aussehende Rinnsale gegraben.

Vom Ort her ertönte das Geheul weiterer Angreifer. Es trieb George Gobel dazu, sich endgültig in die Hocke aufzurichten. Obwohl er von Schmerzen halb betäubt war, hatte er doch den Wunsch, zuzusehen, wie der Tramp jetzt endgültig niedergeschmettert würde. Ein Triumphgefühl löste seinen Groll über die erlittenen Schläge, die er und seine Partner hatten hinnehmen müssen. Fliehen würde der Tramp nicht können, dazu war er selbst zu sehr mitgenommen. Der Kampf hatte auch ihm stark zugesetzt. Vom Hunger und von der gewaltigen Anstrengung war er selbst dem Umfallen nahe. Er schaute mit weit aufgerissenen Augen dorthin, wo die Meute sich bisher untätig in den Deckungen gehalten hatte. Jetzt kamen sie wie eine Woge herangestürmt.

Rod Drake machte nicht einmal den Versuch zu fliehen. Sicherlich wäre er auch nicht weit gekommen. Es wäre ein zweckloses Beginnen gewesen. Er stand immer noch aufrecht, wie einer, der sich einer tödlichen Flut entgegenstemmen wollte, bevor er in ihr untergehen musste.

In diesem Augenblick schämte sich George Gobel. Ja, er schämte sich, dass Hassgefühle ihn leiteten, verstärkt durch die Niederlage, die er erlitten hatte. Wie eine heiße Welle überflutete es ihn. Er rollte sich zur Seite und erwischte einen der am Boden liegenden Gurte. Er zog den Colt aus dem Halfter. Das war gerade noch rechtzeitig genug, bevor die neuen Gegner den Tramp erreicht hatten. Vom Boden her gellte seine Stimme:

„Schluss damit! Niemand rührt ihn an!"

Sein Warnschuss stoppte die Meute. Der Schuss erschreckte die neuen Angreifer, weckte den am Boden liegenden Holden aus der Ohnmacht. Auch Eddie Durant wurde durch den Schuss gestoppt, der sich von seiner Niederlage erholt hatte und erneut angreifen wollte. Der Schuss ließ auch Joe Staffard aufschnellen und Verwünschungen ausstoßen.

George Gobel erhob sich mit der schussbereiten Waffe, die er auf die Meute gerichtet hielt. Er schluckte und wischte sich mit dem Handrücken über sein blutbeschmiertes Gesicht.

„Es war ein fairer Kampf", sagte er heiser. „Ich dulde nicht, dass er weiter belästigt wird. Wir fingen das Spiel an und haben verloren! Das genügt! Joe und ich brauchen den Doc, und der Fremde hat ein Recht, in die Stadt zu kommen. Er steht unter meinem Schutz."

„Lasst den Fremden in Ruhe", meldete sich die Bassstimme eines Mannes, an dessen Westenaufschlag der Marshalstern blitzte. Er bahnte sich eine Gasse durch die Menschen. „Ich habe alles beobachtet. Niemand ist berechtigt, einem Mann den Eintritt in unsere freie Stadt zu sperren. Macht Platz, Leute! Geht zurück an eure Arbeit!"

Der Marshal kam ganz nahe an George Gobel, der sich wenige Schritte neben den jungen Tramp gestellt hatte, und sagte nur für George Gobel verständlich:

„Das war fair von dir, George, aber es macht dich auch nicht beliebter. Steck die Waffe ein, mein Junge. Man sollte glauben, dass du, Joe, Eddie und John längst aus den Flegeljahren heraus seid. Langsam solltet ihr euch daran gewöhnen, euch wie Erwachsene zu benehmen. Ich dulde eure Versammlungen nicht mehr. Um diesen jungen Mann kümmere ich mich selbst."

Nach diesen Worten wandte er sich Rod zu, packte dessen Schultern und sah ihm fest in die Augen. Rod wich dem Blick nicht aus. Er zuckte nicht mit der Wimper. Dann sagte er: „Der Doc wird sich um Joe und George kümmern müssen. Du hast hart zugeschlagen, mein Junge. Es hätte sehr bitter für dich werden können. Versuche so etwas nie wieder! Wenn wir auch sehr großzügig in Wyoming sind, so musst du doch wissen, dass Tramps hier keine Chance haben. Tramps mit Schafgeruch in den Kleidern fordern nur Gewalttätigkeiten heraus. In dieser Stadt ist die letzte Begegnung mit den Schafzüchtern aus dem Nachbardistrikt noch nicht vergessen. Nun folge mir!"

Rod kam der Aufforderung wortlos nach. Er fühlte die hasserfüllten Blicke der Männer auf sich brennen, aber er spürte auch, dass einer aus den Zuschauern, obwohl arg gezeichnet, ihn mit Achtung ansah - der blonde George Gobel, der durch sein Eingreifen wer weiß was verhindert hatte. Unwillkürlich begegneten sich ihre Blicke. In den Augen des Gegners war der Hass verschwunden, doch um so mehr brannte er in Joe Staffard, John Holden und Eddie Durant. Es war ein Hass, der nicht so schnell verlöschen würde.

„Es ist wohl überall so", sagte Rod Drake vor sich hin. Sein Begleiter hatte es gehört und sah Rod überrascht an.

„Was willst du damit sagen, Junge?"

Rod zuckte die Schultern und schritt neben dem Marshal weiter, der nicht einmal verwundert zu sein schien, dass er keine Antwort bekam. Plötzlich sagte er, vom Thema abweichend:

„Du bist wohl deinen Eltern davongelaufen?"

Rods Schultern strafften sich.

„Ich bin einundzwanzig Jahre alt, Marshal", erwiderte er dann. „Mich können Sie nicht mehr zurückschicken. Und was das Davonlaufen betrifft - ich bin bereits seit meinem dreizehnten Lebensjahr unterwegs."

„Großer Vater, ist das möglich? Ist dir klar, was du deinen Eltern zugefügt, was du ihnen für Sorgen und Kummer bereitet hast? Hat man dich denn in all den Jahren nicht erwischt und zurückgeschickt?"

„Man hat das viermal getan, doch nicht zu meinen Eltern", erwiderte Rod. „Beide sind tot. Meinen Vater habe ich nicht gekannt und auch nie seinen Namen von meiner Mutter gehört. Er ließ sie sitzen, wie man so sagt. Sie arbeitete für uns beide und starb, als ich acht Jahre alt war, an einem schlimmen Husten. Der Bruder meiner Mutter übernahm meine Erziehung. Bald wusste ich, dass er in mir das Wesen meines Vaters hasste. Ich ertrug es lange genug, zu lange. Jetzt bin ich alt genug, um mich nicht mehr vor ihm zu fürchten."

„Das klingt so, als wärst du zurückgekommen? Ich ahne nun auch, wer du bist - Rod Drake?"

 

 

2.

 

 

Wenig später saßen sich der Marshal und Rod Drake im Office gegenüber. Die Frau des Marshals hatte Rod zu essen gegeben. Rod aß schweigend und heißhungrig. Charles Knox, der Marshal, beobachtete ihn dabei, doch das störte Rod nicht im geringsten.

Acht Jahre hatte Marshal Knox Rod nicht gesehen. Er konnte sich nur an einen Jungen erinnern, dessen Leidensweg die Gemüter der Leute in der Umgebung beschäftigt hatte, der dann doch in Vergessenheit geriet. Doch der Mann, bei dem der Junge gewesen war und der dem Jungen das Leben zur Hölle gemacht hatte, dieser Mann war groß und mächtig. Viel zu groß und mächtig, denn vor Jim Waco beugten sich die Leute, schauten zu ihm auf, verfluchten und verwünschten ihn heimlich, aber sie standen alle unter dem Druck seiner Macht.

Es wagte niemand, sich gegen Jim Waco zu stellen. Daran musste der Marshal denken, als er in das staubige, hart entschlossene Gesicht seines jungen Gastes schaute.

„Was willst du tun, Rod?", fragte Knox, als sich Rod eine Atempause gönnte, „zur Lariat-Ranch deines Onkels zurückkehren?"

„Niemand wird mich dort willkommen heißen, Marshal", erwiderte ihm Rod. „Ich werde so wenig willkommen sein, wie einst meine Mutter, als sie mich unter dem Herzen trug und Zuflucht bei ihrem Bruder Jim suchte. Sie muss schwer gelitten haben. Irgend etwas stand zwischen ihr und meinem Onkel. Vielleicht mein Vater, ich weiß es nicht." Er hob nachdenklich die Schultern und aß weiter.

Marshal Knox hätte ihm bestätigen können, wie sehr seine Mutter damals gelitten hatte, doch er schwieg. Er wollte nicht noch mehr Groll und Hass in dem jungen Mann nähren.

„Du hättest nicht zurückkommen sollen, Rod", sagte Knox, wobei er seine Stummelpfeife anzündete und sich in seinem Ohrensessel zurücklegte, als wollte er sich entspannen. „Du bist bestimmt weit herumgekommen, irgendwo hättest du dir einen festen Platz suchen müssen!"

„Ich war in Texas, in Montana, im Westen und Osten", erwiderte der junge Mann ohne aufzuschauen. „Doch nirgendwo ist der Himmel so blau wie in Wyoming, nirgendwo findet man die schönen Hügelketten, Täler, Flüsse, den Wald und die weiten Ebenen mit den Wildblumen von so leuchtender Pracht, dass man im Traum daran erinnert wird. Im Sommer und Winter, zu jeder Jahreszeit habe ich an Wyoming gedacht, und es zog mich magisch heim. Jetzt bin ich da...“

„In einer kleinen staubigen Rinderstadt, nicht besser und nicht schöner als tausend andere auch."

„Sie vergessen das alte Fort, Marshal", unterbrach ihn Rod mit einer düster schwingenden Stimme, dass es dem Marshal kalt über den Rücken rann und er augenblicklich nach den vielen Jahren daran erinnert wurde, dass beim letzten Ausbruchsversuch des jungen Rod im Gemäuer des alten Forts Jim Waco den eigenen Neffen schwer zusammengeschlagen hatte. Nur durch einen Zufall hatte man den Jungen am anderen Tag gefunden. Man hatte ihn zum Doc schaffen und lange in Behandlung lassen müssen. Es war ein Wunder, dass nach dem entsetzlichen Vorfall im alten Fort der junge Mann kein Krüppel geblieben war, sondern, gut gewachsen, sich zu einem richtigen Mann entwickelt hatte. Tief in ihm aber musste ein Feuer brennen, ein düsteres, schwelendes Feuer, das im alten Fort angefacht wurde und auch noch nicht zum Verlöschen gekommen war.

Damals war Knox noch kein Marshal gewesen. Seit einem Jahr erst befand er sich im Amt. Er witterte Schwierigkeiten. Erregt kaute er auf seiner Stummelpfeife, und noch während er nach einer Möglichkeit suchte, wie er diese Situation meistern wollte, trat seine Frau durch die Nebentür in das Zimmer herein. Sie trug über ihrem Arm ein Kleiderbündel. Stillschweigend schob sie Schüsseln und Teller beiseite und breitete die Sachen vor Rod aus.

„Ich denke, dass dir das passen wird", sagte sie zu ihm.

„Hier ist Seife, ein Handtuch und draußen ist der Brunnen. Wasche dich und kleide dich um, mein Junge, dann werden wir weitersehen."

Ähnliches war Rod wohl noch nie widerfahren. Er atmete schwer. Er schaute in das mütterlich gute Gesicht der Frau hinein, dann in das des Marshals.

„Es gehörte unserem Sohn Tim", sagte Knox mit spröder, rau klingender Stimme. „Tim war so alt wie du, als er vor drei Jahren erschossen wurde. Er ritt für die Lariat-Ranch deines Onkels als Grenzlandreiter. Man sagt, dass es Schafhirten getan haben sollen."

Er sprach nicht weiter, so als hätte die Erinnerung ihn überwältigt. Nein, er teilte dem Jungen nicht mit, dass er selbst nicht an den Überfall der Schafhirten glaubte, und dass er nur den Marshalstern angenommen hatte, um Licht in das mysteriöse Dunkel des Todes seines Sohnes zu schaffen. Nein, das konnte er seinem jungen Besucher nicht sagen, auch nicht, dass er eine Abneigung gegen Jim Waco, den Lariatrancher hatte.

„Wenn du bleiben willst, Rod", sagte er nach einer kleinen Pause des Nachdenkens, „kann ich dich irgendwo in der Stadt unterbringen. Du suchst doch Arbeit, oder?"

„Ja", erwiderte Rod entschlossen. „In den letzten verflossenen Monaten hatte ich Pech. Ich bekam hin und wieder an Treibherdencamps zu essen. Manchmal durfte ich eine Strecke mitkommen, doch ich blieb der Tramp und wurde nicht warm bei den Crews. Ich zog es vor, still und heimlich wieder zu verschwinden. Ich durchwanderte Ödland und Durststrecken, und oft arbeitete ich den ganzen Tag für eine einzige Mahlzeit. Bei den Schwarzfußindianern lebte ich den Winter über. In Goldsuchercamps schuftete ich als Minenarbeiter. Doch überall bekam ich nur die Antwort, ich wäre zu jung, zu unerfahren. Später allerdings schien ich manchen zu erfahren und gefürchtet. Ich wurde ein einsamer Wolf, der keine Ruhe fand. Ich hatte ein Pferd, eine gute Ausrüstung und Waffen. All das verlor ich nach einer Schießerei. Alles ging drauf, musste verkauft werden, um die Arztrechnung zu bezahlen. Es ging schnell bergab mit mir. Bald war ich ein Tramp, und als Tramp kam ich heim."

Das Ehepaar schaute sich an. Keiner entgegnete etwas. Die Stille im Raum wurde drückend. Es gab keinen Zweifel. Acht bittere Jahre hatten Rod Drake ihre Siegel aufgedrückt. In seinem Gesicht zeichneten sich blasse Narbenlinien ab, doch dass das nur gering war zu dem, was sein Körper bot, sahen die Eheleute später, als Rod sich mit halbnacktem Oberkörper draußen auf dem Hof wusch. Sein muskulöser Rücken zeigte weiße gezackte Narbenlinien, die wie ein Flechtwerk über den Rücken liefen.

„Mein Gott, Mann, was hat man diesem Jungen getan", flüsterte die Marshalsfrau bei diesem Anblick durch das Fenster erschreckt und entsetzt zu ihrem Gatten.

„Er hat Lassonarben auf dem Handrücken wie ein alter Weidereiter. Doch seine Rückennarben, Frau, hat er einer Rinderpeitsche zuzuschreiben."

„Wer war der Unmensch?"

„Der Halbbruder seiner Mutter, Jim Waco. Damals fanden wir Rod halbtot, und niemand glaubte daran, dass er wieder zum Leben kommen würde. Wir fanden ihn im alten Fort. Das alte Gemäuer dort auf dem Hügel muss ihm Tage und Wochen, Monate und Jahre wie ein Ort der Hölle vorgekommen sein. Jim hatte ihn im alten Fort aufgestöbert. Der Junge muss dort irgend etwas gesucht haben. Doch niemand weiß, was. Er selbst schweigt wie ein Grab."

„Er kam vom alten Fort, Mann", sagte die Marshalsfrau.

„Ja ... und dann .stürzte das Rudel über ihn. Er überstand es erstaunlich gut, aber es wäre zum Schluss doch sehr schlimm für ihn geworden, wenn nicht George Gobel ihm fair beigestanden hätte. Ausgerechnet ein Lariatlandreiter."

„Was wirst du tun?"

„Warum fragst du danach, Frau?"

„Jim Waco wird sich gegen dich stellen, wenn du Rod Drake unter deine Fittiche nimmst. Charles, was wirst du tun?"

Der Marshal zuckte die Schultern und sah durch das Fenster irgendwohin in die weite Ferne. Seine Frau legte ihm fest die Hand auf die Schultern. „Du wirst dich um ihn kümmern, nicht wahr? Du wirst nicht zulassen, dass..."

„Nein, Frau", erwiderte der Marshal. „Ich werde nichts Ungesetzliches zulassen. Es wird sich jemand finden, der Rod aufnimmt und ihm Arbeit gibt. Mehr kann ich vorerst nicht tun. Sicherlich wird Jim Waco bald herausfinden, dass sein Neffe im Lande ist. Es kann nicht verborgen bleiben."

„Was wird geschehen?"

„Die Zukunft wird es entscheiden, Frau. Der Hass Jim Wacos ist wie glühende Lava. Wer sich zu nah wagt, verbrennt. Besonders aber hasst er Rod Drake. Ich frage mich, warum Jim immer wieder im alten Fortgemäuer herumschnüffelt. Ich habe ihn dabei einige Male beobachten können."

„Es muß ein furchtbarer Hass sein, den Jim Waco in sich trägt, ein unnatürlicher Hass, ein Hass, der sich sogar gegen ein Kind richten konnte. Ich begreife das nicht, Mann. Wie kann es nur solche Menschen geben?"

„Irgend etwas ist mit solchen Menschen nicht in Ordnung. Sie haben keine Hemmungen mehr. Sie haben die Moral abgestreift und jedes Gefühl der Menschlichkeit in sich getötet. Die Hölle brennt in ihnen. Diese Hölle muss sie eines Tages selbst erledigen."

Das Ehepaar sah sich an. Es war, als tauschten sie ihre Gedanken aus. Es mochten ganz bestimmte Gedanken sein, die sich hinter ihren Stirnen bildeten. Keiner jedoch äußerte laut, was er dachte.

Später, als Rod gewaschen und neu eingekleidet zurückkam, war er kaum noch wiederzuerkennen. Die Kleidung des verstorbenen Tim passte, als wäre sie für Rod angefertigt worden. Die Frau des Marshals hatte inzwischen auch noch gut erhaltene Stiefel für Rod hereingebracht, dazu einen Waffengurt, in dem zwei 45er Colts steckten.

Es war eigenartig, wie bleich Rod wurde, als man ihm die Sachen aufdrängte. Es schien, als ob er erst seinen Stolz bezwingen musste. Seine Hände zitterten, als sie sich auf den Elfenbeinkolben der 45er Waffen legten.

„Damit es keine bösen Überraschungen gibt, Rod", sagte der Marshal, der eine ganze Weile vorher die Mainstreet beobachtet hatte. „Du hast dir schon eine Menge Feinde geschaffen. Noch wissen sie nicht, wer du bist, und halten dich für einen lästigen Tramp, der sonst kein Recht hat zu bleiben. Ich weiß nicht, was besser ist: für einen Tramp gehalten, oder als Jim Wacos Neffe angesehen zu werden. Beides ist übel auf seine Art, beides wird deine Lage nicht sonderlich bessern. Wenn du wirklich arbeiten willst, wenn es dir ernst damit ist, ein neues Leben zu beginnen, so bringe ich dich zu Benny Lind hinaus. Erinnerst du dich noch an ihn?"

„Ist es der Kleinrancher im Grenzgebiet?"

„Benny ist es nicht mehr", entgegnete der Marshal. „Die Rinderzucht hat ihn fast ruiniert. Jim Waco sorgte dafür, dass er keinen Kredit mehr bekam und nicht nur die Bank, sondern auch die Storehalter ihn kaltstellten. Benny steckte nicht auf. Er stellte sich auf die Schafzucht um."

„Ein Schafzüchter im Rindergebiet?"

„So sieht es aus, doch Benny Linds Weidegründe taugten für Rinder nicht, sie waren zu mager. Schafe jedoch gedeihen ausgezeichnet. Benny sorgt dafür, dass seine Schafe die Nachbarweiden nicht verderben. Seine Weiden liegen so günstig, dass die Errichtung einiger Zäune an den Ausfallstellen genügte. Benny Lind ist der erste Rancher im County, der einsah, dass Rinderzucht auf den mageren Weiden in den Bankrott führen musste. Er war einsichtig genug, sich dagegen zu wehren. Nicht alle Kleinrancher denken so weit; wenn auch allen klar ist, dass nur die Weidegebiete der Lariat-Ranch fett genug für Rinder sind, versuchen sie dennoch im Rennen zu bleiben; mit dem Erfolg, dass der Lariatranchboss einige Kleinranches aufkaufen und weitere Gebiete erobern konnte."

„Mit anderen Worten, Marshal, Jim Waco tut alles, um noch mächtiger, noch größer zu werden? Waco schreckt vor nichts zurück?"

„So ist es, doch man kann ihm nichts Ungesetzliches nachweisen", sagte der Marshal. „Er ist aalglatt und hält alle unter Druck, selbst die Menschen in der Stadt. Auch hier hat er festen Fuß gefasst. Er unterhält ein Grundstücksbüro, mehrere Saloons und Frachtwagenlinien, er kontrolliert das Vergnügungsviertel, die Ein- und Ausfuhr und hat seine Leute auf der Rinderverladestation. Es gibt keinen tüchtigeren Mann als ihn. Er ist der ungekrönte König."

„Stellte sich ihm niemand entgegen?"

„Nicht in den letzten acht Jahren", erwiderte der Marshal. „Vor dieser Zeit gab es einen Mann... aber das ist lange her, und es interessiert dich auch nicht, oder?"

„Jeder Mann, der sich gegen Jim Waco stellte, interessiert mich, Marshal!"

„Also gut, der Mann hieß Dan Riffey. Er war im Krieg Captain bei der Südarmee. Man sagt, dass er einer angesehenen Pflanzerfamilie entstammte, also aus einem der Herrengeschlechter kam, die Paläste im griechischen Stil bauten, in einem unerhörten Luxus lebten, eine Unmenge Sklaven hielten und die unermesslich reich waren und ihresgleichen weit und breit suchten."

„Ich habe die Paläste gesehen, manche stehen noch, viele wurden im Krieg zerstört, Marshal. Doch von der einstigen Herrlichkeit des Südens blieben nur die Großranches in Texas bestehen."

„So weit warst du im Süden, Rod? Was trieb dich dorthin?", wollte der Marshal wissen. Er sah seinen jungen Gast scharf an, doch der zuckte nur die Schultern, und so blieb dem Marshal nichts weiter übrig, als in seiner Erzählung fortzufahren, obwohl er den warnenden Blick seiner Frau bemerkte.

„Niemandem ist bekannt, welcher Wind Captain Riffey nach Wyoming verschlug. Man vermutete, dass der verlorene Krieg, persönliche Umstände und Schwierigkeiten ihn dazu veranlasst haben konnten, seine Heimat zu verlassen. Jedenfalls tauchte er vor zwölf Jahren in Begleitung Jim Wacos hier auf. Damals hatte Jim Waco nicht einen Penny in der Tasche. Er galt als Captain Dan Riffeys Verwalter. Jedenfalls hatte er freie Hand in allem, und Dan Riffey war viel unterwegs, Wochen und Monate. Eines Tages, als Riffey zurückkam, lernte er deine Mutter kennen. Jim hatte seine Halbschwester nach Wyoming kommen lassen, auf die prächtige Ranch, die Captain Riffey finanzierte. Monate später kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Jim und dem Captain. Jim wurde dabei schwer verwundet. Riffey aber verließ die Ranch. Er wurde von diesem Zeitpunkt an nie mehr gesehen. Das ist eigentlich alles, mein Junge, keine große Geschichte."

„Keine große Geschichte", wiederholte Rod die Worte des Marshals. „Immerhin handelt sie von meinem Vater", sagte er nachdenklich.

Marshal Knox trieb es aus dem Sessel in die Höhe. Er riss die Augen weit auf und ließ sich dann wieder mit einem Seufzer zurück in den Sessel fallen. Seine Frau drehte sich plötzlich um. Ihr Blick ließ nicht von Rod ab.

„Du weißt es also?", sagte sie mit einer mütterlichen, sanft schwingenden Stimme, bei deren Klang Rods Inneres seltsam angerührt wurde.

„Wer sagte es dir, Junge?", fragte der Marshal.

„Niemand, dem Jim Waco dafür nachstellen könnte, Marshal. Meine Mutter sagte es mir auf dem Sterbebett. So jung ich war, ich habe es wie ein Vermächtnis in meinem Herzen getragen. Ich habe den Namen nicht vergessen. Ich brach auf, um den Mann zu suchen und zu stellen, der meine Mutter im Stich ließ. Ich fand ihn nicht, und je länger ich suchte, um so mehr wurde mir klar, dass ich kein Recht hatte, an der Vergangenheit zu rütteln. Mutter konnte mir nicht sagen, ob er sie heiraten wollte. Ob sie ihn liebte? Ich weiß es nicht, denn all die Dinge wurden niemals geklärt, und als sie starb, war ich viel zu jung, um alles zu begreifen, jedoch alt genug, um einen Namen zu behalten. Den Namen meines Vaters. Ich weiß nicht, ob ich ihn hasse, ob ich ihn liebe, ob er mir gleichgültig wurde. Ich weiß nicht, was dazu beitrug, dass sich meine Gefühle wandelten. Vielleicht der Hass meines Onkels, der in mir Dan Riffey sah. Oft genug hat er es mich spüren lassen. Meine Mutter konnte mir nicht helfen, sie starb zu früh, und mein Vater war fort, ohne eine Spur zu hinterlassen. Vielleicht wurde er von Jim Wacos Helfern nach der Auseinandersetzung mit Jim aus dem Sattel geholt. Vielleicht war es gar nicht seine Absicht, meine Mutter im Stich zu lassen. Aber alles sind nur Vermutungen, die viele angestellt haben in jener Zeit. Vermutungen, die auch mir zugetragen wurden. Ich wollte sicher gehen. Darum brach ich aus, und Jim wusste genau, weshalb. Er zeigte es mir in gnadenloser Art. Doch ich brach wieder und wieder aus. Trotz der harten Mannschaftsbewachung und der Strafen. Ich habe nach dem Grab meines Vaters gesucht und fand es nicht. Ich habe gehofft, dass er lebte und im Süden wäre. Es war eine trügerische Hoffnung."

Rod brach ab. Man sah deutlich, wie sehr es ihn innerlich erregte und dass er nur mit Mühe Fassung bewahrte. Er schreckte zusammen, als Marshal Knox fast beiläufig fragte:

„Welches Geheimnis liegt noch in dem Gemäuer des alten Forts?" Kaum hatte er es ausgesprochen, als sich Rods Gesichtsfarbe veränderte und es in seinen Augen blitzte.

„Tut mir leid, Marshal... das geht nur Jim und mich an, niemanden sonst auf der Welt!"

Die Frau des Marshals mischte sich nun ein.

„Wenn du es dir nicht vom Herzen reden willst, es zwingt dich niemand dazu, Rod. Behalte dein Geheimnis nur, denn jeder hat wohl eins. Mein Mann und ich werden es respektieren und nicht mehr danach fragen. Doch eines möchte ich gerne wissen: Willst du für Benny Lind reiten? Oder stört es dich, dass er nach Schafen riecht?"

„Nein, ganz und gar nicht, Madam!", erwiderte Rod impulsiv. „Es kommt nicht mehr darauf an, was die Leute über mich denken. Der Schafsgeruch liegt noch in meiner Nase, warum sollte sich das ändern?"

„Rod, in diesem Lande tut sich was. Die Anzeichen können dir nicht entgangen sein."

„Ich habe sie bemerkt, Madam", erwiderte der junge Mann ernst. „Vor einem Tramp verhüllt man nichts. Ein Tramp sieht mehr als ein Reiter mit einem Orden am Westenaufschlag. Ein Tramp ist in den Augen der anderen zu unwichtig, als dass er großen Schaden anrichten könnte."

„Nicht mehr, du hast ihnen eine Lektion gegeben, Rod. Gib auf dich acht! Mein Sohn Tim hatte über diesen Rat gelacht. Hätte er ihn befolgt, wäre er vielleicht noch am Leben."

Sie wandte sich ab. In ihren Augen schimmerten Tränen. Langsam ging sie aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich.

„Ich reite mit dir hinaus zu Benny Lind", sagte der Marshal nach einer drückenden Schweigepause.

Rod nickte. Beide erhoben sich. Und während sie durch die Hintertür zum Stall gingen, dachte Rod: Dieser Marshal ist so einsam wie du. Er will das Risiko eingehen, mich zu beschützen. Er ahnt nicht, wie gut ich mit einer 45er umgehen kann. Er hält mich für zu jung, als dass ich tiefer in ihn hineinblicken könnte. Irgendein Stachel sitzt in ihm und fordert ihn zum Widerstand gegen den großmächtigen Ranchboss der Lariat-Ranch heraus.

Der Tod seines Sohnes, oder gar andere persönliche Gründe mögen damit zusammenhängen. Er steht auf einsamem Posten, und das weiß nicht nur er, sondern auch seine Frau. Es ist eine großartige Frau, die ihren Mann nicht daran hindert, seinen Weg zu gehen. Letzten Endes muss sie damit rechnen, dass die große Macht der Lariat-Ranch ihn zermalmen könnte, und doch, sie ist bereit.

Jetzt dachte Rod zum ersten Mal darüber nach, was diese, für viele unerwünschte Heimkehr ihm wohl bescheren würde. Allein schon der Gedanke daran ließ ihn frösteln. Er fragte sich, ob er wirklich groß und stark genug war, um sich furchtlos seinem Onkel gegenüberzustellen und ihm ins Gesicht zu blicken. In den vergangenen Jahren war Rod immer mehr seinem Vater ähnlich geworden. Sein Anblick musste in Jim Waco Gefühle aufwühlen und Erinnerungen heraufbeschwören, die ihn den Anblick des Neffen kaum ertragen lassen würden. Rod dachte daran, und seine Kehle zog sich eng.

Marshal Knox, der im Stall vor einer der Boxen stehengeblieben war, wandte sich an Rod, wobei er auf einen hochgebauten Falben in der Box deutete, vor dem Rod stehengeblieben war.

„Schau dir Rebell ruhig an!"

„Marshal, nur ein Südstaatler kann sein Pferd so nennen."

„Ich bin aus dem Süden", erwiderte der Marshal, ohne weiter auf die Bemerkung des jungen Mannes einzugehen. „Rebell stammt aus dem besten texanischen Gestüt. Er hat meinem Sohn Tim gehört. Wenn du ihn reiten kannst, gehört er dir. Er hat bisher keinen Fremden länger als eine Minute auf seinem Rücken geduldet. Willst du es versuchen?"

Rods Augen flammten auf, doch dann schüttelte er den Kopf. „Ich stehe bereits tief in eurer Schuld, Marshal. Nein danke!"

„Sprich nicht von Schuld, Rod. Dein Vater war im Krieg mein Vorgesetzter. Bei Appomatox schlug er mich aus einer feindlichen Kavallerieabteilung heraus. Ein andermal, als mein Pferd in einem Moor einbrach, befreite er mich unter Einsatz des eigenen Lebens aus der Todesgefahr. Er hat nicht einmal zugelassen, dass ich mich bedankte, sondern sagte mir: Das hätten Sie für mich ebenfalls getan, es ist in Ordnung. Nur für ihn mochte es so sein, nicht für mich. Wenn du Rebell reiten kannst, gehört er dir. Versuche es!"

Er zwirbelte seine Schnurrbartenden dabei in die Höhe und sah Rod mit zusammengekniffenen Augen an.

„Eine Frage, Marshal, kamen Sie zusammen mit meinem Vater in dieses Land?"

„Nein", erwiderte Knox mit kehlig klingender Stimme. „Er hatte es nicht einmal gerne, dass sein ehemaliger Master-Sergeant und einige ehemalige Soldaten seiner Abteilung ihm nach Wyoming folgten. Er hatte nichts für diese Anhänglichkeit übrig und hat uns allen deutlich zu verstehen gegeben, dass wir uns eher auf dem Mond, als in seiner Nähe festsetzen sollten. Ich weiß heute noch nicht, ob er spaßte oder ob er es ernst meinte. Ich werde es auch wohl niemals erfahren. Also los, Rod, hole Rebell aus der Box!"

Für einen Moment sah es aus, als wollte Rebell die Kehrseite herumwerfen und die Hinterhufe gegen Rod abfeuern, doch im letzten Moment musste die Witterung des verstorbenen Tim aus Rods Kleidung den Falben getroffen haben. Überrascht hob sich der stark geäderte, fein gezeichnete Kopf des Tieres mit den großen schwarzen Samtaugen. Weit blähten sich die rosafarbenen Nüstern auf, und Rod tat etwas, was dem Marshal einen Pfiff entlockte. Rod blies dem Falben den eigenen Atem in die Nüstern hinein und redete dann mit sanften Worten auf das Tier ein.

„Tim tat es ähnlich so", sagte er anerkennend. „Tim war der beste Broncobuster im Land." Marshal Knox wurde noch größer, als er sah, wie Rebell die Hand Rods auf dem Hals duldete, sich nicht einmal bewegte, als der junge Mann um das Tier herumging. Rebell ließ sich die Hufe einzeln hochheben. Rod betrachtete die Eisen, betrachtete das Fell. In seinen Augen leuchtete die helle Feude.

„Ich versuche es, Marshal", sagte er laut und legte dem Tier Sattel und Zaumzeug an.

 

 

3.

 

 

Zweimal wurde er abgeworfen. Doch er gab nicht auf und versuchte es immer wieder. Aus vielen Augen beobachtete die Stadt den Kampf zwischen Mensch und Pferd. Rods neue Kleidung sah nach dem dritten Versuch bereits so mitgenommen aus wie der junge Mann, der in ihr steckte.

Marshal Knox stand abseits und sah sich das harte Spiel sehr nachdenklich an. Als beim dritten Mal Rod auf dem Falben geduldet wurde, wusste er, dass Rod jetzt die Herrschaft über Rebell gewonnen hatte und der große Wallach ihn als Herrn anerkannte. Er wartete, bis Rod von sich aus den Ritt wagte.

Er gönnte dem Jungen, der mit fest zusammengepressten Lippen im Sattel saß, einige Minuten der Erholung. Sein Blick glitt von Rod zum Fenster hinüber, wo seine Frau mit bleichem Gesicht sichtbar war. By Gosh, ihre Gedanken waren für ihn leicht zu lesen. Sie sorgte sich sehr. Sie hatte Angst vor Jim Waco und befürchtete, dass ihr Mann sich auf verlorenen Posten gestellt hatte. Sicherlich spürte auch sie die vielen beobachtenden Augen der kleinen Rinderstadt, die nicht einen Augenblick von dem Tramp ließen und seine Verwandlung erlebten und seine harte Art zu reiten gesehen hatten.

Ihr Blick suchte den ihres Mannes. Dabei öffnete sie das Fenster, und er, von diesem Blick wie magnetisch angezogen, trat näher zu ihr:

„Darling, lange genug stand ich abseits. Es ist an der Zeit, sich zu erinnern."

„Charles, ich habe es immer gefühlt, ich war darauf vorbereitet. Es wird sehr schwer werden!"

Sie machte ihm keine Vorwürfe und bat ihn auch nicht, sich seinen Standpunkt nochmals genau zu überlegen. Sie kannte ihn wohl lange und gut genug, um ihn beurteilen zu können.

Von dem Augenblick an, als der junge Rod Drake fest im Sattel des Falben saß, schien auch er die letzten Hemmungen abgeschüttelt zu haben und wie umgewandelt zu sein. Das erkannte sie deutlich genug und lächelte ihm zu. Auch er lächelte, wandte sich aber gleich an Rod und sagte:

„Nun, reiten wir?"

Rod nickte. Seine Stimme klang rau, als er erwiderte:

„Marshal, ich kam mit leeren Händen..."

„Sprich nicht von Dank, Rod", unterbrach Marshal Knox mit spröder Stimme. „Vielleicht bin ich nicht so selbstlos, wie es dir scheinen mag. Reiten wir!" Zu seiner Frau gewandt sagte er: „Gegen Mitternacht kann ich zurück sein, Darling."

Er wartete keine Antwort ab, schwang sich in den Sattel seines Rehbraunen, langte nach die Zügel und ritt an. Rod folgte mit dem Falben.

In Rod waren sicherlich die eigenartigsten Gefühle, als er neben dem Marshal auf die Mainstreet hinausritt, doch so sehr diese Gefühle ihn bedrängten, sah er doch, dass die kleine Rinderstadt eigenartig leer war. Nur wenige Menschen waren zu sehen, und die beobachteten voller Neugier die beiden Reiter. Es war, als hielt eine kleine Stadt den Atem an, so als ducke sie sich vor irgendeiner unsichtbaren, verhängnisvollen Macht.

Der Marshal spürte das so gut wie sein junger Begleiter. Mit kehlig klingender Stimme sagte er:

„In dieser Stadt hat sich nicht viel geändert. Vor Jahren sah es aus, als würde das Land an der Entwicklung teilnehmen, wie sie überall in Wyoming durchdringt. Es kamen Siedler, Farmer und Handwerker, doch sie hielten sich nicht lange auf, sie wurden vertrieben und zogen weiter. Jim Wacos Macht aber wurde von Tag zu Tag, von Woche zu Woche größer."

Er verstummte in bitterer Art. Ein schneller Seitenblick von ihm traf seinen jungen Partner.

Rod entgegnete nichts. Auch er hatte seine Beobachtungen gemacht. Damals, nach seinem dritten Ausbruchsversuch, war die Stadt Springs jung, hoffnungsfroh und voller Zukunftspläne. Das alles war vorbei. Jim Waco hatte sie gezähmt, ihr den Stempel aufgedrückt. Es war eine Rinderstadt in seinem Reich, eine Stadt, die keine Fortschritte gemacht hatte.

In Jim Wacos Land hatten zwar die Siedler im Sinne des Heimstättengesetzes ihre Parzellen abstecken können. 65 Acres für jeden erwachsenen Amerikaner. Doch Jim Wacos Herden hatten jede Siedlertätigkeit verhindert. Es hatte den Siedlern nichts genützt, dass sie gegen die Zerstörung ihrer Felder protestierten, dagegen Sturm ritten. Jim Wacos harte Cowboymannschaft hatte Mittel und Wege gefunden, um die Weide zu behaupten.

Rod, der neben dem knorrigen Marshal schweigsam ritt, musste unwillkürlich an all das denken. Er erinnerte sich der Erzählung alter Cowboys, die von den Trecks und den großen Treiben der Texaner nach Wyoming handelten, von wochen- und monatelangen Strapazen, von unendlichen Schwierigkeiten und vielem anderen mehr.

„Ich war dabei, als das Land erobert wurde", hörte er den Marshal sagen, wobei sich die Augenlider des Mannes zu schmalen Schlitzen zusammenzogen. „Vor uns war dein Vater mit einer großen Treibherde gezogen. Jim Waco war sein erster Vormann. Seine Mannschaft war über hundert Reiter stark. Hinzu kamen die Hilfskräfte, eine über zweitausend Kopf starke Longhornherde und eine riesige Pferderemuda. Gleich einem Eroberer kam Captain Riffey ins Land. Stampeden, reißende Flüsse, Durststrecken, Indianerüberfälle und andere Schwierigkeiten mehr taten sich auf. Er hatte zwar Verluste, und ein Teil seiner Männer blieb auf der Strecke, aber er schaffte es! Er erreichte sein Ziel."

„Aber er kümmerte sich zu wenig um das Erreichte, Marshal!"

„Das war sein Fehler, Rod", entgegnete Rods Begleiter. „Dein Vater hatte zu große Pläne. Er wollte eine große Stadt aufbauen und der Zivilisation alle Wege ins Land öffnen. Nur aus diesem Grunde war er viel unterwegs, glaubte er doch die Lariat-Ranch in den guten Händen seines Vormanns Jim Waco. Er war es, der die Frachtlinien aufbaute, die Landbüros ins Leben rief, all das schuf, was Waco später mühelos übernahm. Wenn du den Namen deines Vaters tragen würdest, mein Junge, könntest du deine Hände nach einem großen Erbe ausstrecken. So aber..."

„...bin ich nur ein namenloser Tramp", unter¬brach ihn Rod mit rau klingender Stimme, aus der man den tiefen Groll vergangener bitterer Jahre heraushörte. Marshal Knox warf einen prüfenden Blick auf seinen Schützling und mochte wohl in diesem Augenblick erkennen, dass der junge Mann an seiner Seite viel reifer als andere gleichaltrige Männer war und seine rauen und harten Lektionen bereits erhalten hatte. Trotz seiner Magerkeit war Rod Drake an die einhundertachtzig Pfund schwer. Bei etwas Ruhe und guter Verpflegung musste er bald auf das beachtliche Gewicht von über zwei Zentnern kommen. Sein Knochenbau, seine Größe verrieten, dass er bei einiger Pflege voller, kompakter sein würde, ohne dass die Pfunde mehr Gewicht Fettansatz bedeuten würden.

Er glich in der Tat seinem Vater, dem Captain Riffey, so sehr, dass Marshal Knox sich in die Zeit der Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd zurückerinnert glaubte. Damals hatte Captain Riffey wie ein Zwillingsbruder Rod Drakes ausgesehen. Wie sehr musste die Ähnlichkeit erst auf Jim Waco wirken?

Daran dachte der Marshal, als sie durch die Mainstreet ritten und war so in Gedanken versunken, dass der trommelnde Hufschlag einer schnell reitenden Kavalkade ihn fast zu spät aus .seinem dumpfen Brüten riss. Um den Straßenknick brausten in Staubnebel gehüllt Reiter heran.

Bevor Marshal Knox noch sagen konnte: „Aufgepasst, Rod, die Lariat-Ranch-Crew!", stürmten die laut lärmenden Cowboys schon auf sie zu. Rod sah sie rechtzeitig. Es waren etwa ein Dutzend Reiter, die im Nebel des von den Pferdehufen aufgewirbelten Staubes sichtbar wurden und großspurig daherstürmten, angeführt von einem Schimmelreiter, einem besonders geschmeidigen Burschen. Sicherlich wäre es ein leichtes gewesen, den johlenden, whiskyberauschten Reitern auszuweichen, wenn diese Kavalkade nicht die ganze Straßenbreite ausgefüllt hätte.

So aber... Marshal Knox trieb seinem Rehbraunen die Sporen in die Flanken, so dass das Tier einen erschreckten Satz zur Seite bis auf den zernarbten Plankensteig machte, was von einem wild-bösartigen Gelächter der Kavalkade quittiert wurde. Rods Falbe jedoch, den Rod ebenso aus der Gefahrenzone herauslenken wollte, reagierte nicht darauf. Das Pferd, noch nicht allzu sehr mit seinem Herrn vertraut und lange Zeit nicht mehr unter einem Sattel gegangen, wieherte schrill auf, dass es sich anhörte wie ein Fanfarenstoß. Es bäumte sich wie unter einem übermächtigen explosiven Druck gewaltig auf und stürmte wie von einer Sehne abgeschnellt, gegen den Schimmelreiter.

Der mächtige Falbe rammte den viel leichteren und kleineren Schimmel so sehr, dass der Vorreiter, von der Wucht des Zusammenpralls aus dem Sattel gehoben, in hohem Bogen durch die Luft geschleudert wurde, genau wie Rod, der beim Zusammenprall die Herrschaft über den Falben verlor und impulsiv die Zügel losließ und die Stiefel aus den Bügeln bekam.

Die Übung des Einreitens wilder Mustangs hatte Rod geschmeidig gemacht. Es gelang ihm, sich so zu drehen, dass er gleich wieder auf den Beinen stand. Sein Falbe hatte den Schimmel umgerissen und stürmte durch die Reiterkavalkade, die die Pferde zur Seite riss, so dass sie sich mit Schnauben und Prusten auf die Hinterhufe stellten und wild die Augen rollten. Ein Cowboypferd steilte so nahe bei Rod auf, dass die schlagenden Vorderhufe nur eine Handbreit von seinem Kopf entfernt durch die Luft hieben.

Rod schnellte vor, dem Mann entgegen, der ebenfalls aus dem Sattel fiel und sich nun schnell aus dem Staub der Fahrbahn erhob und mit böse verkniffenen Augen zu ihm herübersah. Das Gelächter war verstummt. Wütendes Geschimpfe, Flüche und Gebrüll wurden von einem tödlichen Schweigen abgelöst.

Der Trupp hatte die Pferde gebändigt und gestoppt, so dass die hochgewirbelte gelbe Staubwolke sich senkte.

In diesem Augenblick schaute Rod in das Gesicht des Schimmelreiters hinein. Es war ein junges, hübsches Gesicht, in dem nur die ein wenig zu eng stehenden Augen von wässrig blauer Farbe störten. Diese Augen erkannte Rod gleich wieder und so auch den jungen Mann, der, geduckt wie ein gestellter Puma, ihm gegenüberstand. Ihre Blicke begegneten sich, doch der andere schien Rod nicht zu erkennen.

„Schlagt ihn zusammen!", hörte er die kreischende Stimme des Schimmelreiters. Bei diesen Worten rasten auch schon die Hände des jungen Mannes zu den Coltkolben, die er tief geschnallt trug. Doch Rod war schneller, viel schneller! Es war, als löste diese Handlung eine Blitzreaktion bei ihm aus. Zum Glück hatte er seine 45er nicht beim Sturz vom Pferd verloren. Sie waren so schnell in seinen Händen und mit der Mündung auf den Schimmelreiter gerichtet, dass es wie Zauberei aussah, und der Schimmelreiter mitten im Ziehen wie gelähmt innehielt.

„Du hast mich nie schlagen können, Jubal", sagte er scharf, „nimm die Hände von den Kolben, nimm sie hoch, Jubal! Schleppe nie wieder zwei Eisen mit dir herum, die Aufforderung zum Tanz ist zu groß!"

Sicherlich war nicht nur Marshal Knox, der bereits eingreifen wollte, von der Schnelligkeit des Ziehens überrascht, noch mehr schien die Kavalkade betroffen zu sein. Doch zweifelsohne war Jubal Waco derjenige, den es am meisten traf. In seinem Gesicht zuckte es. Er ließ die Revolverkolben los. Er wurde grau im Gesicht, wobei sich seine Augen weit öffneten. Er warf seiner Mannschaft einen recht fragenden Blick zu. Doch keiner der Cowboys konnte ihm helfen. Sie sahen nur, dass der junge Rancherssohn sehr in der Klemme war. Sie sahen das harte Aufblitzen in den Augen seines Gegners und mochten erkennen, dass sie einen besonderen Mann vor sich hatten, einen Mann, der sich nicht einfach zusammenschlagen ließ. Sie mochten erkennen, dass der Gegner des Rancherssohns hart und rau genug war, um zu schießen.

So wagte es niemand, zum Colt zu greifen, zumal auch Marshal Knox von der anderen Straßenseite her, wo er sein Pferd auf den Gehplanken hatte, laut rief:

„Versucht es nicht, Gents!"

Nun, für Jubal war das Einmischen des Marshals bitter, doch noch bitterer wurde es für ihn, als einer seiner eigenen Reiter, der bisher unbemerkt im Hintergrund gestanden hatte — George Gobel war es, mit dem Rod schon eine Auseinandersetzung hatte — laut sagte:

„Er kam als Tramp, Jubal. Der Marshal nahm ihn unter seinen Schutz und hat ihn neu eingekleidet und ihm zu essen gegeben. Frage den Marshal, zu wem er je so großmütig war. Frage ihn nach dem Namen, Jubal, und wohin er seinen Schützling bringen will!"

Marshal Knox ergriff das Wort und sagte zu Gobel gewandt: „Ich hatte dich für einen fairen Burschen gehalten, für einen Mann, der einmal große Schritte macht. Aber das scheint mir übertrieben zu sein. Du bist so wie die Gegner, die Rod Drake wie eine Hundemeute anfielen, rachsüchtig und unüberlegt handelnd!"

„Ich reite für die Lariat-Ranch! Ich vertrete die Interessen der Ranch. Ich bin ein Cowboy und habe jetzt genug gesehen. Für einen revolverschwingenden Tramp habe ich keine Sympathien."

Gobel machte eine verächtliche Handbewegung. Sicherlich hatte er nicht gesehen, dass Jubal zuerst zu den Eisen gegriffen hatte. Er wollte noch weitersprechen, doch die Veränderung, die mit Jubal bei der Nennung des Namens Rod Drake vor sich ging, fiel nicht nur ihm, sondern auch den anderen Raureitern der Lariat-Ranch auf.

Es war, als sehe Jubal weder die vom Marshal angelüftete Waffe noch die seines Gegners, die auf ihn gerichtet war. Er wiederholte den Namen mit heiser schwingender Stimme. „Rod Drake", so als wollte er einem besonderen Klang nachlauschen.

Dann tat er etwas, was ihm bei einem anderen Gegner eine Kugel eingebracht hätte. Er wandte sich ungeachtet der auf ihn gerichteten Mündung ab und ging zu seinem Schimmel, der sich bereits ungeschädigt aus dem Staub erhoben hatte, zog die Bauchriemen zurecht und schwang sich in den Sattel.

„Wir haben uns nie leiden können, du und ich", sagte er zu Rod, der seinen 45er ins Halfter zurückschob. „Ich wollte immer größer und stärker sein."

„Aber das schafftest du nicht, Jubal!", unterbrach ihn Rod in kalter Art.

Jubal nickte. „Nein, obwohl wir gleich alt sind. Ich gebe zu, ich erreichte dich nicht."

„Obwohl dein Vater alles tat, um dir diesen Vorsprung zu ermöglichen."

„Er tat alles", erwiderte Jubal Waco heiser. „Jeder andere wäre an deiner Stelle daran zerbrochen, nur du anscheinend nicht. Hast du daraus keine Lehre gezogen? Du bist hier nicht erwünscht, Rod. Was willst du hier?"

„Zu dem Grab meiner Mutter, Jubal", war die frostige Erwiderung, „in die Augen deines Vaters schauen und ihm einige Fragen vorlegen."

„Er wird dir keine beantworten, Rod", antwortete Jubal Waco. „Gibst du immer noch nicht auf?"

„Warum sollte ich?"

„Dann tust du mir leid. Ich vergesse nicht, dass du mir zweimal das Leben gerettet hast. Nur weil ich dir etwas schulde, sage ich es dir. Dad wird dich stellen und auslöschen. Niemand kommt gegen ihn an."

„Doch... ein Stück vergilbtes Papier, nach dem er und ich im alten Fort jahrelang suchten, die Ehrenurkunde meiner Mutter. Sage deinem Vater, dass ich sie fand, zusammen mit einigen anderen sehr wichtigen Papieren."

Jubal Waco erbleichte. Schweiß trat auf seine Stirn. Er beugte sich weit im Sattel vor und sah Rod mit großen Augen an.

„Jetzt begreife ich immer mehr, Rod!", kam es keuchend über seine Lippen. „Aber glaubst du, dass es Dad in die Knie zwingt?

„Vielleicht, es wird sich herausstellen. Jedenfalls hatte er seine Stiefschwester jahrelang so in der Gewalt, dass sie nicht wagte, von ihrer Eheschließung mit Captain Riffey zu berichten. Sie starb, und dein Vater ließ alle Welt in dem Glauben, dass ich ein unehelich geborener Sohn Riffeys sei. Er log aller Welt vor, dass er rechtmäßig Riffeys Besitz bekommen hat. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die letzten geschriebenen Zeilen bei den Papieren berichten davon, dass Captain Dan Riffey schwerverwundet und mit letzter Kraft sich in das Gemäuer des alten Forts schleppte und noch die Kraft fand, die Papiere und den letzten Brief, den er schrieb, zu verstecken, bevor er starb.

Dein Vater hat ihn an zwei Revolverleute ausgeliefert. Ihre Namen sind mir bekannt. Ich hole sie mir, denn sie sind noch heute bei der Mannschaft. Sie haben ihm keine Chance gegeben. Und nicht einmal nach dem Tode bekam er die Chance eines christlichen Begräbnisses. Dein Vater ließ ihn irgendwo verscharren. Niemand sollte wissen, was mit Captain Riffey geschah. Das alte Fort bewahrte sein Geheimnis und ließ es seinen Sohn entdecken. Das Schicksal wollte es, dass dieses Geheimnis nicht in die verkehrten Hände kam."

Nicht ein Mann der Kavalkade rührte sich. Es war so, als ob die ungeheure Wucht der Anklage sie in den Sätteln regungslos machte und bannte.

Marshal Knox hielt fester denn je seine Waffe umklammert. Er zuckte zusammen, als Jubal Waco an ihn die Frage stellte:

„Haben Sie die Papiere einsehen können, Marshal? Stimmt das, was Rod Drake uns auftischt? Ungeheuerlich, er sagt es mir in aller Öffentlichkeit und greift nach einem Riesenreich. Marshal Knox, beantworten Sie mir eine Frage!"

Knox hatte keine Urkunden, kein Papier zu sehen bekommen. Er war so erschüttert wie Jubal Waco, und er sagte wahrheitsgemäß:

„Es tut mir leid. Rod Drake hat mich nicht die Papiere einsehen lassen, Jubal Waco. Sicherlich wird er es bald nachholen, und dann wird das Gesetz die Sache übernehmen und durchfechten. Was immer auch dabei entschieden wird, es wäre besser für deinen Vater, wenn er sich mit Rod Drake ins Einvernehmen setzte und ihn anhören würde, sobald ein Treffpunkt und ein Termin ausgemacht würden. Es spricht für Rod Drake, dass er nicht gleich mit einer Stampede beginnen will, sondern es menschlich versucht. Für deinen Vater wäre es besser, wenn er diese Chance wahrnehmen würde."

Jubal Waco gab keine Antwort. Was immer er auch denken mochte, er hielt es tief in sich verborgen. Nicht mit einer Wimper zuckte er. Sein Blick war fest auf Rod Drake gerichtet. Jeder Zuschauer konnte feststellen, dass die beiden in der Statur gewisse Ähnlichkeiten hatten, sonst sich sehr voneinander unterschieden. Ihre Blicke ließen sich nicht los.

„Reiten wir", befahl Jubal Waco seiner Mannschaft.

Die Aufforderung genügte. Zusammen mit Jubal und der Mannschaft zog sich auch George Gobel zurück. Marshal Knox rief der Mannschaft noch nach:

„Damit Unklarheit aus dem Wege geräumt wird, Rod Drake steht unter dem Schutz des Gesetzes."

Nicht ein Mann aus dem Rudel antwortete. In düsterem Schweigen entfernten sich die Männer, und das Hufgeklapper ihrer Pferde hallte über die Mainstreet. Der Marshal und Rod setzten ihren unterbrochenen Ritt weiter fort. Als die Stadt hinter ihnen lag und sie Bügel an Bügel durch das hohe Präriegras ritten, wandte sich Marshal Knox an seinen jungen Begleiter:

„Wenn es nur ein Trick von dir war, Rod, dann verstehe und begreife ich nicht, dass du auf meine Frage, was dich so sehr an das alte Fort bindet, dich ablehnend verhalten hast. Nur Jim und dich ginge es etwas an, hast du mir geantwortet. Nun, Jubal Waco ist nicht Jim Waco. Was veranlasste dich dazu, die Karten so früh aufzudecken?"

Die Augen des Marshals richteten sich fest auf Rod, und als Rod nicht sofort antwortete, fuhr Knox weiter fort: „Glaubst du, mit einem Donnerschlag deinen Gegner warnen zu müssen? Glaubst du, dass diese Methode Jim Waco verleiten könnte, Fehler zu begehen? Oder hast du am Ende wirklich keinen Trick versucht und die reine Wahrheit gesagt?"

„Es war die Wahrheit, Marshal", entgegnete Rod nachdenklich.

„In diesem Fall, Rod, hättest du mir die Unterlagen vorlegen müssen!"

„Hätte das Jim Waco beeindruckt, Marshal?", fragte Rod mit einem spöttischen Beiklang in der Stimme. „Glauben Sie wirklich, Marshal, dass ein so großer Mann wie Jim Waco glatt zu schlagen ist?"

„Nein, Rod! Ich habe am wenigsten Grund, so etwas zu glauben", erklärte Marshal Knox bitter, womit er seine eigene Schwäche eingestand. „Solange mein Sohn lebte und für die Lariat-Ranch ritt, waren mir die Hände gebunden. Ich hatte eine Binde vor den Augen, die mir jäh mit dem tragischen Tod meines Sohnes abgenommen wurde. Ich begann nachzudenken, und dabei fiel mir manches auf. Doch wenn ich zufassen wollte, glitt mir der große Mann durch das Fangnetz. Es war einfach nicht an ihn heranzukommen. Welche Fährte auch nach furchtbarer Tat zur Lariat-Ranch zeigte, sie verwischte, wenn man sich der Ranch näherte."

„Seien Sie froh darüber, Marshal", unterbrach ihn Rod, „denn im anderen Fall hätten Sie schon längst einen Platz einige Handbreit unter der Erde."

„Rod Drake, wenn du das so genau weißt, warum nur hast du dann die Karten offen auf den Tisch gelegt? Man wird annehmen, dass du die wichtigen Papiere bei dir hast und dir sie fortzunehmen versuchen, oder aber sie von dir durch brutale Gewalt zu erpressen versuchen. In den nächsten Tagen wird die Hölle um dich herum sein, Rod!"

„Sie ist um alle Menschen. Niemand macht darin eine Ausnahme", wurde dem Marshal geantworbet, ohne dass Rod ihn dabei ansah.

Überrascht hob Marshal Knox den Kopf. Mit schmal gezogenen Augenbrauen sah er seinen Begleiter an, doch Rod sah stur geradeaus in das Land hinein, in das wogende grüne Meer des Grases, das von bunten Blumenteppichen unterbrochen wurde, von Hügeln und Bodenwellen und kleinen parkähnlichen Wäldern durchbrochen war.

Es war ein gewaltiges Land, ein Land, das einem Mann das Herz schneller und höher schlagen lassen konnte. Es war weit in der Runde einzusehen, so dass man die ziehenden, grasenden Rinderherden zwischen den Creeks, die wie blaue, gekrümmte Bänder das Land teilten, mit den winzig klein wirkenden Weidereitern erkennen konnte. In der glasklaren Luft rückten die Entfernungen näher.

Doch alle Schönheiten der Natur konnten den Marshal heute nicht in Stimmung bringen. Die düsteren Worte seines jungen Begleiters, „dass jeder Mensch sich mitten durch eine Hölle bewegte", erinnerten ihn daran, dass in der Tat in diesem Land der Kampf gegen die dunklen Mächte immer noch im Gange war. Rinder und Schafzüchter, Siedler und Farmer bekämpften sich. Der große Jim Waco hatte bisher mit Erfolg dem Vordringen der Siedler Einhalt geboten. Seine rauen Methoden hatten jedes Siedeln unmöglich gemacht. Keinem Farmer und Siedler nützte freies Regierungsland, wenn Herden darüber getrieben und es durch Rinderstampeden verwüstet wurde, wenn die Saat gerade aufging.

Unwillkürlich fragte sich Marshal Knox, ob es richtig war, den jungen Mann zu den Linds zu bringen. Jetzt, wo Rod Drake auf eine recht drastische Art die wahren Hintergründe bloßgelegt und Jim Waco offen als Schuft und Schurken hingestellt, ihn somit herausgefordert hatte.

Marshal Knox' düsteres Schweigen vertiefte sich. Es blieb nicht unbemerkt.

„Es tut mir leid, dass ich Sie in meine Sache verwickelte, Marshal", hörte er Rod sagen.

Details

Seiten
170
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904048
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334856
Schlagworte
fort

Autor

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Titel: Das alte Fort