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Drei Glenn Stirling Western

2016 360 Seiten

Leseprobe

Drei Glenn Stirling Western: Sammelband mit drei Romanen

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 359 Taschenbuchseiten.

 

Drei Western-Abenteuer von Glenn Stirling, einem der bekanntesten Western-Autoren Deutschlands.

Harte Männer im Kampf um Recht und Rache.

 

Dieses Buch enthält folgende drei Western:

Belindas grausame Rache

Von Verzweiflung getrieben

Banditenpest

 

Cover: Firuz Askin

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Belindas grausame Rache

Glenn Stirling

 

 

Waffenschmuggel! Der Weg führt durch die Wüste. Belinda, eine attraktive Frau, umgeben von hartgesottenen Männern, ist nur auf das Geld aus. Doch dann findet sie ihre große Liebe, und sie muss sich entscheiden. Freunde werden zu Gegnern.

 

1

Marek war nach Südarizona gezogen, um ein anderes Leben zu führen und Helen zu vergessen. Was er dort erlebt, ist authentisch, wie überhaupt die gesamte Story um Marek nach tatsächlichen Vorkommnissen geschrieben wurde. Übrigens nannte sich Marek in seiner wilden Arizonazeit wegen einer zurückliegenden Schießerei vorübergehend Patrick Lewitter. Auch unter diesem Namen wurde er bekannt. Wir haben ihn aber weiterhin mit seinem richtigen Namen benannt.

„Tucson“, schnaufte Mark Guiness und knallte die massige Pranke auf den schweren Tisch aus Quebracho-Holz. „Tucson ist eine Hölle. Aber ich lebe trotzdem hier. Jeder Tag kostet mich Monate meines Lebens.“

Captain Allan Fairbanks blickte kühl auf den massigen Mann, schnippte beiläufig etwas Zigarrenasche von seiner frisch gebügelten Uniformhose und sagte dann: „Für den Auftrag werden Sie von der Armee bezahlt. Niemand will wissen, Mr. Guiness, ob Sie für dieses viele Geld wenig oder stark schwitzen. Außerdem werden Sie wohl den Auftrag gar nicht selbst ausführen.“

Guiness lachte wild auf. Sein breites Mondgesicht war voller Schweißperlen. Der feiste Speckhals quoll über den nicht mehr frischen Hemdkragen, und auf dem Rücken waren Hemd und Leinenjacke durchnässt.

„Ich selbst? Na, das fehlte noch. Ich werde Ellis schicken.“

Der Captain runzelte die Stirn.

„Ich habe mir auch schon Gedanken gemacht, wem man so eine wertvolle Ladung anvertrauen könnte. Ich kenne Ihre Leute, Mr. Guiness. Deshalb dachte ich eher an Marek.“

„Marek?“ Guiness schien nachzudenken. Er massierte sein Doppelkinn, kratzte sich dann auf der verschwitzten Brust und meinte schließlich: „Haben Sie etwas gegen Ellis?“

Der Captain zögerte mit der Antwort, offenbar suchte er noch nach Worten, die man ihm nachher nicht falsch auslegen konnte.

Mark Guiness kam ihm zuvor. „Natürlich, ich weiß, dass Ellis ein Typ ist, für den Leute wie Sie nicht gerade schwärmen. Aber ich kenne keinen besseren Mann, wenn es um die Gila geht. Ellis ist wie dazu geschaffen, in der Wüste zu leben.“

„Schon, schon, aber ... Ich meine, hier geht es um mehr als nur um einen Trail.“ Der Captain sah in Guiness feistes Gesicht und betrachtete die lebhaften kleinen Augen dieses Fleischberges. „Es geht auch darum, Mr. Guiness, dass wir unerhörtes Vertrauen zu denen haben müssen, die es für uns machen.“

„Gut, ich verstehe“, sagte Guiness, trat ans Fenster und riss die Vorhänge zur Seite. Fensterglas hatte dieses Haus nicht. Nirgendwo in dieser Gegend kannte man das.

Guiness spähte hinaus auf die trostlose weißgelbe Landschaft, auf die wenigen Saguaros, die wie riesige Hände zum Himmel ragten. Drüben am Ziehbrunnen, dem einzigen auf vierzig Meilen im Umkreis, hockten die Pferdejungen, kleine schmutzige Mexikanerlümmel, die mit ihren zwölf oder dreizehn Jahren schon wie die Schlote Cigaritos qualmten.

„Gut, Captain“, sagte Guiness und schnaufte, „ich werde sie alle drei losjagen, Marek, Varesa und Ellis.“

„Warum?“, wunderte sich der Offizier. „Das ist einfach. Ellis ist der beste Mann in der Wüste. Auf ihn kann ich bei solch einem Transport nicht verzichten. Aber Sie misstrauen ihm. Gut, dann muss Marek mit. Es war Ihr Wunsch ..."

„Ja, richtig, aber Varesa?“

„Varesa und Marek sind nicht zu trennen!“

Der Captain blickte Guiness misstrauisch an. Er hatte in diesem frauenarmen Lande schon allerhand gehört und gesehen. „Bedeutet das was?“, erkundigte er sich.

Guiness schüttelte den Kopf. „Nicht das, was Sie meinen. Die beiden sind Freunde. Echte Freunde. Sie müssten die beiden sehen, dann würden Sie so etwas nicht vermuten, haha!“ Er lachte dröhnend, und der Captain machte ein verstörtes Gesicht.

„Also gut, Sie wissen, wie wertvoll die Fracht ist, und Sie wissen auch, was es bedeutet, wenn diese Ladung in die Hände von Apachen fällt.“

„Apachen?“ Guiness rieb wieder sein massiges Kinn. „Garantien kann keiner übernehmen. Nicht hier in Tucson. Die Greaser sind auf Waffen noch schärfer als die Apachen. Es gärt und brodelt in Sonora. Da liegt die eigentliche Gefahr, Captain. Nicht nur bei den Apachen.“

„Ihr Problem, Mr. Guiness.“ Der Captain erhob sich, strich die Uniformjacke glatt und wandte sich zur Tür. „Wir sind klar, nicht wahr?“

„Völlig klar. Der Transport trifft sicher bis übermorgen hier ein?“

„Absolut sicher. Und von hier an übernehmen Sie das Risiko.“ Der Captain trat wieder einen Schritt auf Guiness zu. „Sollte etwas schiefgehen, Mr. Guiness, hält die Armee sich an Sie. Nur an Sie, Mr. Guiness.“

Der bullige Unternehmer hob abwehrend seine schweißnassen Hände. „Ich bin nicht der liebe Gott! Wenn Sie drohen, macht die Armee das allein.“

„Ich habe nicht gedroht“, erwiderte der Captain scharf. „Ich habe Ihnen einen Auftrag erteilt und will, dass Sie ihn prompt und zuverlässig ausführen.“

„Wir tun, was wir können.“

Der Captain tippte mit dem Zeigefinger an die Krempe seines Hutes und öffnete die Tür.

Draußen schlurfte ein Mexikanerjunge heran, holte das langbeinige Armeepferd aus dem Schatten des Vordaches und führte es vor. Ohne ein Wort des Dankes schwang sich Captain Fairbanks in den Sattel und ritt an.

Guiness schaute ihm noch einige Zeit nachdenklich hinterher, dann wandte er sich ab, ging ebenfalls aus dem Haus und schloss die Tür mit einem Fußtritt. Die eben noch wie im Halbschlaf dösenden Mexikanerjungen wurden plötzlich lebhaft. Sie sprangen auf und schienen auf einen Befehl zu warten.

Guiness hatte einen Befehl. „Holt mir Benito, Joe und Clark!", brüllte er.

Drei Jungen jagten zu den Hütten am Rande der kleinen Stadt hin, aber sie rannten nur so lange, wie Guiness sie sehen konnte. Dann waren sie um die Ecke und nahmen sich wieder Zeit.

Der schwergewichtige Mann steckte sich eine Zigarre an, trat wieder in den Schatten des Vordaches und wartete. Gedankenverloren begann er Zahlen vor sich hinzumurmeln, streckte zählend die einzelnen Finger vor und nickte dann zufrieden. „Ein gutes Geschäft“, knurrte er. „Das Beste in diesem verdammten Jahr.“

Er paffte an seiner Zigarre und wollte gerade wieder ins Haus treten, als ein schlankes Mexikanermädchen um die Hausecke kam.

Guiness sah es und sagte: „Inez, was willst du jetzt schon? Ich habe etwas mit meinen Männern zu besprechen. Komm nachher wieder!“

Inez lächelte. Sie war noch jung, höchstens achtzehn, aber in ihren Augen war das Wissen einer Frau, die zu leben wusste.

Und sie war eine Mexikanerin, anschmiegsam und schutzsuchend. Guiness bedeutete für sie Vater, Geliebter und Ernährer zugleich. Jetzt, als er sie wegschicken wollte, schmollte sie wie ein kleines Kind, das gleich weinen würde.

Guiness wurde weich und sagte: „Na gut, dann komm her!“

Sie lief zu ihm, kuschelte sich an ihn, und er legte seinen fleischigen, stark behaarten Arm um ihre Taille.

In diesem Augenblick tauchte Clark Ellis auf. Er kam von einem der niederen Adobe-Häuser. Der Junge folgte ihm in respektvoller Entfernung.

Ellis war nicht sonderlich groß, aber breit in den Schultern, und auf seinem nackten Oberkörper zeichneten sich die Muskeln wie gespannte Drahtseile ab. Seine Haut im Gesicht und an den Unterarmen war tiefbraun. Hingegen an Oberkörper und Oberarmen in der grellen Sonne fast weiß, und nur dort, wo er einen dicken Haarpelz auf der Brust trug, sah man diese helle Haut nicht. Sein Haar erinnerte an reifes Maisstroh, so hell war es. Er trug es ziemlich kurz geschnitten, und dass die Prozedur des Abschneidens noch nicht lange her sein konnte, ließen die hellen Stellen an Schläfen und Nacken erkennen, wo das Haar die Haut vor der Sonne geschützt hatte.

Der Mann näherte sich mit einem tigerhaften, federnden Gang. Alles an diesem Menschen war Sehne und Muskel, kein Gramm Fett zu viel auf diesem durchtrainierten Körper.

Um die Hüften der staubigen grauen Hose hatte Ellis seinen Revolvergurt geschlungen. Die Waffe selbst hing tief und schwappte bei jedem Schritt gegen den rechten Schenkel.

Das von Narben übersäte Gesicht des Mannes entspannte sich zu einem amüsierten Grinsen, als er den Hünen Guiness betrachtete und das Mädchen neben ihm sah, das Guiness nicht einmal bis zur Schulter reichte.

„Du fängst schon früh am Tage mit ihr an, Mark“, sagte er heiter. „Wenn das deine Alte in Kansas sehen könnte, Mann!"

Aus den Augen des Mädchens zuckten Blitze, und Guiness grollte mürrisch: „Hör auf, mir den Tag zu vergällen, dass du von diesem Höllenweib redest. Ich habe nicht ein paar tausend Meilen zwischen sie und mich gelegt, damit ich von dir dauernd an sie erinnert werde! Wo sind die Anderen?“

Ellis gab darauf keine Antwort, sondern blieb einen Schritt vor Guiness und dem Mädchen stehen, sah aber nur das Mädchen an und musterte es auf eine Weise, die Inez die Schamröte ins Gesicht trieb.

„Sieh die Kleine nicht so an! Für dich ist sie tabu!“, knurrte Guiness.

Ellis grinste breit. „Sie wird eines Tages in meine Arme fliegen, Alterchen!“, versicherte er. Er zwinkerte Inez zu, aber die blickte verschämt zu Boden. „Nicht wahr, Täubchen, er ist doch fett und faul, dein großer Bär? Sieh mich an! Hier steht ein Mann, und die Nächte in Tucson sind herrlich, mein Kind!“

„Hör damit auf, sonst zerdrücke ich dich, Kläffer!“, fauchte ihn Guiness an. „Geh ins Haus, ich muss mit dir und den beiden anderen Satteltramps reden! Wo sind die bloß?“

Ellis erwiderte, ohne den Blick von Inez zu nehmen: „Joe hat sich diese kleine Mestizin zur Brust genommen, und Benito, wie ich ihn kenne, lässt sich die Zeit von seinem kleinen Schmetterling aus Chihuahua vertreiben. Was willst du? Wir haben heute und morgen noch frei. Kannst du das nicht mitansehen, wenn Männer nach einem harten Ritt zwei Tage ausspannen? Wir sind erst gestern zurückgekommen.“

„Stimmt“, sagte Guiness, und nun klang seine Stimme nicht mehr so harmlos und schwammig wie vorhin. Nun spürte man, dass dieser Mann weder ein schwitzender und verschlafener Fettwanst war - noch ein lascher Geldsack, der nicht im Stande war, mit Typen wie Ellis und anderen umzugehen. „Ihr seid gestern gekommen, und werdet morgen wieder losziehen. Morgen!“

„Übermorgen!“, bellte Ellis aufgebracht. „Du kannst deinen Revolver ziehen und dir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn du willst, aber ich habe morgen gesagt! Du und Joe und Benito. Aha, da sind die beiden Nichtsnutze endlich!“

Ellis blickte über die Schulter zu den Hütten und grinste wieder. Da kamen seine Kameraden. Und Guiness hatte morgen gesagt!

„Jetzt verschwinde, Inez!“, raunte Guiness dem Mädchen zu. „Diese Satteltramps machen Gesichter wie Essiggurken. Was jetzt kommt, ist nichts für dich. Geh!“

Das Mädchen nickte nur und huschte ums Haus, und zwar so, dass sie Benito und Joe nicht begegnen musste.

Benito Varesa war ungefähr einen Kopf kleiner als Marek. Dabei war er noch schlank, gar nicht so breit in den Schultern, was ihn zierlich wirken ließ. Er trug ein weißes Hemd, das nur zum Teil in der Hose steckte. Diese Hose hätte einem Cowboy der Brasada gehören können, so oft geflickt war sie. Da, wo sonst die Riemen der Chaparrals saßen, war die Hose abgeschabt und morsch. Große Duranga-Sporen zierten Varesas staubige Stiefel.

Varesa hatte einen Haziendero aus San Diego zum Vater und eine Yaqui-Indianerin zur Mutter. Die Indianerin war Arbeiterin auf der Hazienda gewesen und in einer schwülen Nacht die Beute des allmächtigen Patrons geworden, der sie nachher, als das Kind auf die Welt gekommen war, auch noch vom Gehöft jagen ließ. Zwei Monate später war der Haziendero von dem Geliebten der Indianerin erstochen worden. Die Mutter Benitos kam durch Pocken ums Leben, und Benito erlebte eine Kindheit, wie sie schrecklicher nicht sein konnte. Das hatte ihn fürs ganze Leben geformt. Es gab nur einen Menschen, den er wirklich mochte: Joe Marek.

Marek war Mitte Dreißig, hatte aber schon graue Haare an den Schläfen und ein Gesicht aus Leder. Obgleich er größer als Ellis war, gab es bei den beiden viel Gemeinsames. Auch Marek hatte einen Körper, der aus stählernen Muskeln zu bestehen schien. Auch er war von der Sonne tiefbraun an jenen Stellen, wo kein Hemd die Haut schützte. Auch er trug Narben an den Armen, Gesicht und Händen und noch an weiteren Stellen des Körpers, die jetzt von einem verwaschenen Hemd und den speckig glänzenden Lewishosen verdeckt waren. Und wie Ellis trug Marek einen Revolver, der bei jedem Schritt an den Schenkel klatschte.

Ellis rollte sich eine Zigarette, warf Joe Marek den Tabaksbeutel zu, den der geschickt auffing und nun auch eine Zigarette drehte. Dann ging der Beutel weiter an Benito Varesa, der dasselbe machte, nur statt Papier ein Maisblatt zum Drehen nahm.

„Was also willst du, Antreiber?“, brummte Joe Marek. Er hatte eine sonore, durchdringende Stimme, die zu der starken Männlichkeit passte, die Marek ausstrahlte.

Guiness sah die herumlungernden Mexikanerjungen an und scheuchte sie mit einer Armbewegung weg. „Bis hinter die Hütten! Lauft!“, rief er, und sie huschten demütig davon. Guiness war für sie ein Gott, der geben und nehmen konnte.

„Fairbanks war hier“, sagte Guiness und schmauchte an seiner Zigarre. Er blickte die drei Männer aus seinen kleinen Schweinsaugen an und lauerte auf ihre Erwiderung.

Benito kaute auf einem Grashalm. Joe zertrat die Kippe seiner Zigarette, und Ellis wippte auf den hochhackigen Absätzen seiner Stiefel, hatte den Zigarettenstummel wie ein Franzose auf der Unterlippe kleben und hielt die Daumen in seinen Gürtel gehakt. Keiner der drei gab einen Kommentar ab.

Etwas enttäuscht darüber fuhr Guiness fort: „Ihr wisst, was das bedeutet? Wieder ein Armeeauftrag.“

„Du machst es spannend, Dicker“, sagte Joe Marek. „Wir haben für die Armee schon hundertmal etwas getan. Sie haben mieser als andere bezahlt, unzählige Vorschriften eingebaut und herumgemäkelt, wo sie nur konnten. Hör mir auf mit der Armee!“

Guiness beugte sich etwas vor und sagte leise und eindringlich zugleich: „Es ist diesmal anders! Ganz anders! Wie viel Schulden hast du, Joe?“

„Keine, was soll die blöde Frage?“

„Du hast bei mir fast fünfhundert Bucks in der Kreide stehen, Junge. Und zu dir, Clark. Wie hoch sind deine Schulden?“

Ellis grinste, spuckte die Kippe weg und begann laut zu rechnen: „Bei dir sind es tausend Bucks, bei Mario im Store an die zweihundert. Und Nelly bekommt auch noch was von mir. Hm, ich glaube, das wäre alles.“

„Vergiss deinen protzigen Sattel nicht, den du dir hast machen lassen, Clark“, erinnerte ihn Guiness. „Also du hast Schulden wie ein verkrachter Spieler. Und du, Benito?“

„Der hat gar keine. Der schickt noch Geld an seinen Großvater in der Sierra Tarahumare. Stimmt's, Benito?“, erklärte Joe Marek.

Benito nickte. „Keine Schulden, Don Marco.“

„Aber er wird gerne noch mehr Geld zum Großvater schicken wollen, wie?“ Benito nickte eifrig. „Seguro. Sie beuten die Yaquis aus, wo sie können. Dort hungern sie in den Bergen.“

„Ich weiß, und deshalb brauchst du viel Geld“, sagte Guiness väterlich. Aber gerade dieser Tonfall machte besonders Ellis misstrauisch. Er hob wachsam den Kopf und spähte lauernd auf Guiness. Auch Marek beobachtete Guiness jetzt noch genauer und lauschte auf jeden Unterton in dessen Stimme.

„Ihr alle braucht viel Geld, ich auch.“ Guiness grinste, wurde aber sofort wieder ernst. „Der Auftrag der Armee ist großartig, aber ... “

„Das sagst du bei jedem Auftrag, Mark“, erwiderte Joe Marek. „Ich bin es aber leid, diese hochmütigen Offiziere durch die Wüste zu führen und mir dauernd noch das großkotzige Gerede von denen anhören zu müssen.“

„Sie haben einen Transport von vierhundert Gewehren.“

„Pah!“, machte Ellis. „Vor einem halben Jahr haben wir das Doppelte nach Yuma geschafft und ...“

„Narr!“, knurrte Guiness. „Nicht nach Yuma! Und nicht mit den Soldaten. Wir sollen das Zeug wegbringen, wir allein!“ Benito, der sich gelangweilt mit dem Bowiemesser die Nägel reinigte, sah auf. „Wir, ohne Armee, nur wir?“

„Nur wir! Sie vertrauen uns, Jungs. Sie wollen, dass wir die Gewehre ..." „Was für Gewehre?“, fragte Ellis sofort. Guiness blickte sich um, als befürchte er Zuhörer, die nicht gebeten waren. Aber hier auf seinem Anwesen ließ sich alles übersehen. Nein, es hörte keiner zu, aber er sprach dennoch leise, als er antwortete: „Die neuen Winchester, Modell Kal.41, das beste überhaupt.“

„Moment mal, Dicker“, sagte Ellis, „du hast gesagt, dass die Armee die Gewehre transportieren lässt. Die Armee und neue Waffen? Das wäre ja mal was ganz Neues. Was ich sehe bei denen, das sind veraltete Lee-Enfields und neuerdings schon mal eine Winchester. Aber die haben doch selbst keine neuen Waffen. Warum schicken sie dann welche nach Yuma?“

„Nicht Yuma, Söhnchen, nicht Yuma, habe ich doch gesagt“, widersprach Guiness und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Unser Ziel ist Sonoita.“

„Santa Virgen, was soll das?“, fragte Benito. „Sonoita ist herrliches Mexiko!“

In Sonoita sollen die Waffen den Rurales ausgehändigt werden.“

Fast eine Minute herrschte Schweigen. Guiness hatte Zeit und Muße, die verschiedene Mimik seiner Männer zu beobachten. Ellis nickte nur, als sei es ihm das Selbstverständlichste der Welt, dass die amerikanische Armee den mexikanischen Rurales die modernsten Gewehre schickte, die es überhaupt im Westen gab. Joe Marek kaute fassungslos auf der Unterlippe, und Benito hatte offenbar schon sein Erstaunen überwunden. Sein Gesicht färbte sich dunkel vor Empörung.

Und er platzte auch als Erster los. „Mierda!“, rief er. „Wissen diese Cabrones nicht, dass in Mexiko ein Rural ein menschgewordener Teufel ist? Männer, die das Volk unterdrücken und alles ausführen, was ihnen der sagt, der gerade regiert, und denen schickt die Armee moderne Gewehre!“

„Es gibt einen Mann in Mexiko“, erklärte Guiness, „der wieder geordnete Verhältnisse herstellen will. Porfirio Diaz. Er ist ein Indianer, jedenfalls fast vollkommen wie Juarez auch. Auf ihn setzen die Yankees.“

„In Sonora bestimmen die Hidalgos. Und das sind Kreolen, Don Marco!“, entgegnete Benito. „Die Rurales in Sonora sind Kreolenknechte. Sie würden nie etwas für Diaz tun, auch nicht, wenn die Americanos das wollen. Niemals.“

„Spielt für uns gar keine Rolle, Benito“, sagte Guiness. „Wir machen keine Politik, Junge, wir machen Geschäfte. Diesmal machen wir ein besonders gutes.“

„Ich schaffe keine Waffen zu den Rurales“, erklärte Benito aufbrausend. „Eher würde ich sie in der Wüste verscharren oder den Apachen schenken.“

„Ruhig, Junge!“, beschwichtigte ihn Joe.

„Er braucht sich nicht aufzuregen“, fuhr Guiness fort. „Die Rurales sollen ja auch die Gewehre nicht bekommen. Das ist nämlich unser Geschäft, Jungs. Fünfzig Prozent für mich, die andere Hälfte für euch. Abgemacht?“

„Nein“, widersprach Ellis.

„Zu viel für deinen dicken Bauch, Mark“, sagte Joe Marek. „Oder wolltest du mitkommen und noch mehr schwitzen als hier?“

Guiness nickte. „Diesmal wollte ich das. Rechnet mit: Bei Emilio Raquare bekomme ich pro Gewehr von diesen neuen Dingern tausend Pesos in Gold.“

„Und er wird nicht mehr Geld haben, als du für drei Gewehre verlangst“, sagte Joe Marek.

„Er hat mehr“, behauptete Guiness. „Und was er nicht in Pesos zahlt, zahlt er in Gold.“

„Hm!“ Joe Marek sah auf Ellis, der belustigt grinste.

„Du willst uns also unterjubeln, dass diese vierhundert Gewehre vierhundert mal tausend Goldpesos wert sind? So viel hat Mexiko nicht mal in der Staatskasse, Mann! Nicht zurzeit. Das wird kein Geschäft, Mark“, meinte Ellis und blickte auf Joe. „Was meinst du dazu?“

„Ich frage Benito, der kennt diesen Revolutionär Raquare persönlich. Benito?“

Der Mexikaner zuckte die Schultern. „Wenn ich Emilio wäre, würde ich keine tausend Peso in Gold zahlen. Außerdem hat er so viel nicht. Aber in der Sierra Madre ist so viel Gold, und Emilio kommt oft genug nach Durango. Es kann sein, dass er sehr viel Gold hat. Ein Goldpeso ist vier Dollar wert. Nein, so viel zahlt er nicht. Er wird dreihundert Goldpesos für ein Gewehr geben.“

„Immerhin“, meinte Ellis nachdenklich. „Das sind hundertzwanzigtausend Goldpesos, macht vierhundertachtzigtausend. Hast du so viel schon auf einem Haufen gesehen, Joe?“

„Nein, nicht mal den zehnten Teil.“ Marek sah Guiness an. „Glaubst du, die Armee lässt uns so einfach mit den vierhundert Gewehren allein?“

„Nach dem Friedensvertrag von Guadalupe-Hidalgo muss sie das. Sie kann nicht bis an die Grenze heran.“ Guiness sah seine Männer triumphierend an, als sollten sie seine famosen Geschichtskenntnisse bewundern.

Aber da sagte Marek trocken: „Du verwechselst das, Mark. Du meinst den Vertrag zwischen den USA und Mexiko, als Südarizona von Santa Ana an uns verkauft wurde. 'Kein Militär in der südlichen Gila' heißt es da. Aber wer will etwas tun, wenn die Armee dennoch dort herumspringt. Meinst du etwa die Mexikaner, so zerstritten wie sie mit sich selbst sind, würden nur einen Schuss gegen uns riskieren? Unsinn, Guiness, irgendwo ist ein toter Hund begraben, du hast ihn nur noch nicht entdeckt. Die Armee gibt keine vierhundert Gewehre an Leute wie uns, wenn sie das nicht alles selbst machen könnte. Ein guter Scout würde denen genügen.“

Guiness zuckte die Schultern. „Es ist, wie ich sagte. Und ich möchte, dass wir das Geschäft unseres Lebens machen.“

„Geschäft? Du meinst Diebstahl“, verbesserte ihn Ellis.

„Wie du willst, aber es ist mir gleich. Ich möchte endlich mal raus aus dem Dreck. Diese Wüstentransporte, Begleitritte und so, das alles ist doch ein mieser Kram gegen diese Chance.“

„Immerhin haben wir ganz gut verdient dabei. Vor allem du selbst!“, sagte Ellis spöttisch. „Dir sieht man das gute Fressen sogar an.“ Er lachte und deutete auf Guiness dicken Bauch.

„Wann kommen die Gewehre?“, fragte Joe Marek sachlich.

„Übermorgen“, erwiderte Guiness und zündete seinen erloschenen Zigarillo an. „Du hast gesagt, dass wir morgen ... “

„Ja, morgen reiten wir, vielmehr ihr werdet reiten. Wir brauchen doch eine gute Vorbereitung, Jungs.“ Guiness sah Joe Marek herausfordernd an, aber es war Ellis, der darauf antwortete.

Ellis wippte auf den Hacken, hielt die Daumen in den Gürtel gehakt und spreizte die übrigen Finger von sich. „Vorbereitung, wenn ich das höre! Mark, du willst die Armee anschmieren und den größten Coup deines Lebens machen. Aber du redest und handelst wie ein Anfänger. In dem Augenblick, wo du hier zu früh verschwunden bist, ist die Sache schon auffällig. Du bist noch nie mit uns unterwegs gewesen. Also wirst du diesmal wenigstens ein paar Tage warten, bevor du hier abhaust. Selbst das ist dumm genug. Was wir brauchen, Mark, ist ein Überfall. Dann stehen wir sauber da. Ein Überfall in der Wüste. Aber die Armee ist auch nicht so blöd, wie dir das jetzt vorkommt. Ich wette, die haben noch eine Sicherheit eingebaut.“

„Welche?“, fragte Guiness gespannt. „Vor zwei Jahren hatten sie etwas Ähnliches vor. Damals waren die Systeme aus den Waffen herausgenommen. Die brachte dann jemand anderer zu den Greasern. So war es damals. Und diesmal wird es auch so sein. Was nützen dir Gewehre ohne Schloss? Die kauft dir keiner ab, zuletzt Emilio Raquare. Hast du überhaupt schon Kontakt zu Emilio aufgenommen?“

„Er war noch vor zwei Wochen hier.“

„Vielleicht haben ihn schon die Geier gefressen“, meinte Ellis grinsend. „In seinem Geschäft wäre das leicht möglich. Was sagst du, Joe?“

„Warten wir ab!"

„Wenn du den Coup machen willst, kannst du nicht abwarten. Wir müssen alles vorbereiten!“, protestierte Guiness.

„Gut, ich werde in einer Stunde losreiten“, erklärte Benito. „Überlasst es mir.“

„Was?“ Guiness starrte Benito verblüfft an. „Was, zum Teufel, sollen wir dir überlassen?“

„Die Vorbereitungen. Ihr braucht nur hier auf den Transport zu warten und ihn zu übernehmen. Bei den ,Drei Kreuzen' sehen wir uns wieder.“

Alle sahen den Mexikaner an. Benito verzog keine Miene. Und Joe Marek sagte: „Ich bin einverstanden. Benito weiß, was er sagt.“

„Weiß er das wirklich?“, knurrte Ellis, der Benito nicht so schätzte, wie Joe es tat.

„Er wird es schon wissen“, meinte Guiness. „Aber ich will hier nicht herumsitzen und warten.“

„Dann reite mit uns. Benito muss uns noch erklären, was er tun will“, sagte Joe Marek.

„Oh ja, das kann ich tun. Aber Don Marco hat noch nicht gesagt, wie er uns bezahlen will.“

„Gut, dass er daran denkt“, meinte Ellis. „Zu gleichen Teilen. Durch vier geteilt, Mark!“

„Es ist meine Idee, meine Planung!“, protestierte Guiness, und sein Gesicht färbte sich im Zorn dunkel.

„Du bist dem Schlaganfall näher als Emilio Raquare, Mark“, ermahnte Joe Marek begütigend. „Clark hat Recht. Jedem sein Teil. So oder es findet nicht statt!“

„Hol euch der Teufel! Dann lassen wir's eben!“, fauchte Guiness und drehte sich um, als wolle er in seine Hütte gehen.

„Fein, lassen wir es.“ Ellis machte kehrt, und Marek sah, wie sein Freund grinste.

Guiness blieb stehen, blickte über die Schulter und fauchte: „Halsabschneider! Also gut, vier Teile.“

„Du entwickelst dich im Laufe der Zeit geradezu zum normalen Menschen, Mark. Vier Teile, und Benito wird mit dir reiten. Aber erst will ich wissen, wie er es machen will.“ Ellis sah den kleinen Mexikaner an. „Für so viel Geld muss es ein besonders guter Einfall sein. Lass hören!“

Benito wollte gerade anfangen, als Joe Marek raunte: „Besuch kommt! Sei still, Benito, oder rede von sonst was.“

Guiness wandte sich um, und Ellis sah an ihm vorbei auf einen Reiter, der sich langsam näherte. Der Mann saß zusammengesunken auf einem müden, staubbedeckten Pferd. Mann und Reiter kamen von Nordosten und schienen die Stadt umgangen zu haben.

„Wer ist das? Er will zu dir, Mark“, sagte Ellis und rollte sich, ohne hinzusehen, eine Zigarette.

Joe Marek beobachtete den Fremden ebenso scharf. Guiness kniff die kleinen Augen zusammen. Jetzt wirkte der fleischige Mann wie ein indianischer Buddha.

Benito hielt die Hand schirmend über die Augen. „Fremd. Kenne ihn nicht.“ Guiness verzog das Gesicht, als der Reiter so nahe war, dass man ihn deutlich erkennen konnte. Und Guiness hatte ihn erkannt. „Verdammt“, brummte er mürrisch. „Wie hat er mich nur finden können?“

„Ein Marshal?“, fragte Ellis.

„Ach was, doch nicht so, wie du wieder denkst. Das ist ein alter Bekannter von mir. Thorsen, dieser Kojote.“

Nun schwiegen sie, denn der Fremde war weit genug, um sie zu hören und selbst gehört zu werden, ohne schreien zu müssen.

Er richtete sich etwas im Sattel auf und sah sie der Reihe nach an.

Er wirkte nun viel größer. Unter dem staubigen Lederhut quoll schwarzes Haar hervor. Das Gesicht wirkte schmal, aber die knollige Nase hätte einem Schwarzen gehören können. Der Fremde besaß blaue Augen, und aus ihnen starrte er jetzt wie ein sprungbereiter Wolf auf Guiness.

„Da bist du also“, murmelte er mit spröder Stimme, „und du siehst noch immer so aus wie früher. Willst du mich nicht mit diesen Gents bekannt machen?“

„Das ist Larsen Thorsen“, knurrte Guiness widerwillig. „Mein Schwager.“

„Ei der Deibel!“, rief Ellis und lachte auf. Guiness sah ihn daraufhin böse an.

Joe Marek kannte die Geschichte von Guiness' Flucht vor dessen Frau zu gut, um sich eines Grinsens erwehren zu können.

Benito sagte nichts und zeigte auch nicht, wie er darüber dachte. Aber er musterte diesen großen, hageren Mann im Sattel, der jetzt von Guiness die Namen von Joe, Ellis und auch Benitos hörte, dabei ausdruckslos auf die Männer sah und schließlich vom Pferd stieg. Er tat es nachlässig, müde und abgespannt.

Guiness klatschte in die Hände und rief: „Chico, Chico, die Pferdejungen!“

Kurz darauf kamen zwei halbwüchsige Mexikaner, die vorhin noch am Brunnen gesessen hatten, und nahmen das Pferd von Thorsen ab. Während es der Eine absattelte, führte es der Andere zur Tränke.

Guiness rief nach Inez, und als sie kam, bat er sie etwas zu trinken zu holen. Dann trat er mit Thorsen ins Haus und gab seinen drei Männern ein Zeichen, ihm zu folgen.

Drinnen war es dämmrig. Ein ungemachtes Bett, ein Tisch, ein paar Stühle, das konnte man auch im Halbdunkel erkennen. Guiness schob zwei leere Gläser vom Tisch und holte frische aus einer Metallkiste. Dann brachte er Whisky, goss ein und sagte: „Setzt euch nur, so was muss man feiern. Wie lange hast du nach mir gesucht, Larsen?“

Das Mädchen kam mit dem Krug und füllte den Whisky mit Wasser auf. In dieser Gluthitze war es die einzige Möglichkeit, nicht schon am Vormittag betrunken zu werden.

Larsen nahm das Glas mit dem Longdrink, trank es mit einem Zug aus, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und sah Ellis an. Wie es schien, hatte der Drink Larsen Thorsen wieder mit neuem Leben erfüllt.

„Ich habe Guiness nicht lange zu suchen brauchen“, sagte Thorsen. „Ich habe ihn im Grunde nie suchen wollen. Aber der Zufall stand dabei Pate.“ Er wandte sich Guiness zu. „Du hast meine Schwester ziemlich reingelegt. Aber gut, ein Engel ist sie auch nicht. Ich kann dich verstehen. Deshalb also bin ich nicht da, Mark. Ich weiß seit ein paar Tagen, wo du steckst. Ich weiß es, weil ich einen gewissen Captain Fairbanks kennen gelernt habe. Fairbanks und ich waren seinerzeit zusammen in West Point.“

„Aber dich hat die Armee rausgeschmissen.“ Guiness lachte schallend.

„Hat sie“, gab Thorsen unbekümmert zu. „Die Armee mag keine Männer, die eine Indianerin zur Frau haben.“

„Eine Indianerin?", fragte Ellis interessiert.

Thorsen nickte. „Es war in Nebraska. Indianerinnen waren dort, wo wir lagen, die einzigen weiblichen Wesen. Aber das Mädchen ist tot. Sie ist an Cholera gestorben. Eine Krankheit, die wir Weißen eingeschleppt haben. Jetzt bin ich frei. Nun, ich traf also ausgerechnet in Camp Lowell auf Fairbanks. Wir sind damals Freunde gewesen, verstehen uns auch heute noch gut. Von ihm weiß ich, was ihr tun sollt. Er hat mich gebeten, euch zu begleiten.“

„Fairbanks?“, schrie Guiness, und es klang kaum noch wie eine Frage.

„Ja, Captain Fairbanks.“ Thorsen lächelte. „Er hat etwas Sorge um seinen Transport. Er wollte eigentlich noch ein paar Leute mitschicken, aber die Armee hat das abgelehnt. Die Armee, musst du wissen, lieber Mark, tut gerne so, als sei sie weißer und reiner als frisch gefallener Schnee. Das hier aber ist, und das wisst ihr auch, eine ziemlich schiefe Sache. Nun werde ich also mit euch reiten.“

„Das würde ich besser bleiben lassen, wenn ich in Ihren Stiefeln steckte“, sagte Ellis.

Thorsen grinste müde. „Meinen Sie wirklich?“

Joe Marek taxierte den Mann anders. Thorsen war nicht der schlaksige Narr, für den ihn Ellis offenbar anzusehen schien. Thorsen spielte ihn nur.

„Hören Sie, Thorsen“, sagte Marek, „wir verstehen, dass Sie sich engagieren möchten ... Ihrem lieben alten Freund Fairbanks zuliebe. Aber wir brauchen keine Kontrolle. Sonst müssten wir nämlich den Job ablehnen.“

„Auch nicht schlecht. Ich kenne die Wüste ein bisschen. Vielleicht finde ich eine Hand voll Männer, die für mich die Waffen an die Grenze schaffen.“

„Moment mal!“, rief Guiness. „Moment, Larsen, da steckt mehr dahinter. Warum willst du das machen? Zum Teufel, du hast doch einen guten Job bei der Wells Fargo gehabt. Wieso strolchst du jetzt hier herum?“

„Wells Fargo?“, fragte Ellis und beugte sich vor. „Was hat er bei der Wells Fargo getan?“

„Er war Wells Fargo Marshal“, erklärte Guiness.

„Aha!“, meinte Ellis ahnungsvoll.

„So ist das also“, sagte Joe Marek, als wüsste er jetzt Bescheid.

Benito aber stand auf und ging hinaus. Er ging zu seiner Hütte, kleidete sich vollständig an, ging zum Korrai und fing sich seinen Braunen mit dem Lasso ein. Als er ihn gesattelt hatte, saß er auf und ritt die Spur entlang, die von Thorsens Pferd stammte und noch deutlich zu sehen war.

Einmal vermischte sie sich nahe der Stadt mit anderen Spuren, aber schließlich fand Benito sie wieder. Jetzt führte sie weit um die Stadt herum und führte den Mexikaner nach Norden auf Camp Lowell zu.

Das Land schien in der Gluthitze erstarrt. Grell blendete der Sand zwischen den verdorrten Mesquites und dem gelbbraunen Grammagras, dessen Büschel wie Inseln im Sande aufragten und oft weit über den Bauch des Pferdes ragten. Weiter im Norden, wo eine sanfte Senke das Tal teilte, zeigten haushohe Saguarakakteen zum Himmel. In der heißen Luft, die von der Senke aufstieg, schienen sie zu zittern.

Die Spur war nicht zu übersehen. Sie führte Benito nun etwas mehr nach rechts, wo die Senke flacher war. Einmal war der Reiter längere Zeit auf einer Stelle geblieben. Benito fand einen im Sand ausgedrückten Zigarettenstummel und die Fußspuren Thorsens neben den Hufabdrücken des Pferdes.

Nach einer halben Stunde, die Benito in der glühenden Sonne ritt, sah er das 'Apachengrab', ein von einem Hain wuchernder Organpipe-Kakteen umstandener Steinhaufen, der einmal vor etwa einem Jahr von Apachen gegen mehrere Patrouillen der Kavallerie verteidigt worden war. Die Armee hatte zuletzt die überlebenden Apachen einzeln zusammenschießen müssen. Ergeben hatte sich kein einziger.

Die Luft flimmerte über den aufgetürmten Steinen. Doch die Geier, die sonst diesen Ort als Lieblingsplatz erwählt hatten, waren heute nicht da. Dafür sah Benito zwei Pferde. Sie standen wie Denkmäler in der prallen Sonne, waren aber abgesattelt und trugen nur noch das Zaumzeug.

Genau vom 'Apachengrab' kam die Spur Thorsens. Und jetzt, da Benito etwas näher heran war, bemerkte er auch die Männer. Einer lehnte am Stapel der aufgetürmten Steine; der Andere hockte mit dem Gewehr im Hüftanschlag auf einem Sattel, der zwischen einem Trieb Organpipe-Kakteen und dem Steinstapel lag.

Die Gefahr, dass noch mehr Männer zwischen den Kakteen liegen konnten und möglicherweise auch noch mehr Pferde vom Steinstapel verdeckt wurden, warnte Benito. Er zügelte seinen Braunen und spähte wachsam hinüber.

Bis jetzt war all das, was die Männer dort taten, nicht ungewöhnlich. Also ritt Benito weiter. Sie konnten nicht wissen, wer er war, und er musste nicht unbedingt auf Thorsens Spur zurückgeritten sein.

Er erreichte die Stelle, von der aus es fast eben bis zum Steinschober ging. Und da sah er die anderen Pferde. Es waren sechs, und sie standen im Schutz des Steinberges. Ganz dünner, kaum sichtbarer Rauch stieg weiter links zwischen den Organpipes auf. Fünf Männer und eine Frau umringten das Feuer. Einer der Männer drehte einen Spieß über den gelb züngelnden Flammen.

Es war zuerst nur die Frau, die Benito sah. Eine Frau, wie er sie noch nie gesehen hatte. Groß war sie, schlank war sie, und ihre schwarzen Haare hatte sie straff nach hinten gebunden. Es hing ihr wie der Schwanz eines Mustangs über der linken Schulter. Das Gesicht hätte kein Bildhauer schöner formen können. Es war schmal und von einer Schönheit, die Benito faszinierte.

Die Augen waren hellblau oder hellgrau, jedenfalls leuchteten sie und bildeten einen Kontrast zum dunklen Haar.

Während Benito sein Pferd zügelte und auf die Frau starrte, wandten sich ihm nun alle Männer zu. Einige von ihnen ergriffen ihre bereitliegenden Gewehre.

 

 

2

Guiness schenkte noch einmal nach, und Inez, die noch im Raum stand, goss Wasser auf. Dann tranken die Männer schweigend. Ellis betrachtete dabei Inez auf eine Art, die dem Mädchen die Schamröte ins Gesicht trieb, Guiness aber zu einem wütenden Knurren veranlasste. Clark Ellis beachtete es gar nicht.

„Gut, Sie werden also den Kontrolleur spielen“, sagte Joe Marek, „aber wir haben etwas dagegen. Was nun?“

Clark Ellis wandte sich von Inez ab und sagte: „Mark, nimm die Kleine und verschwinde für ein paar Minuten.“

Guiness nahm sein Glas, nickte und raunte Inez zu: „Komm!“

Das Mädchen begriff nicht gleich und sah von einem zum anderen, dann blickte es nur noch auf Larsen Thorsen, der sich langsam, wie von einem Faden hochgezogen, erhob.

„Los, raus mit dir, Baby!“, brummte Ellis, und Inez huschte vor Guiness her ins Freie.

Ellis hatte wieder die Daumen in den Gürtel gehakt und lehnte am Stützpfosten des Daches. Joe Marek saß noch.

„Wir machen es auf eine sanfte Art, Thorsen“, sagte Ellis. „Joe und ich sind darin erfahren. „Was versprichst du dir davon, mit uns durch die Wüste zu ziehen?“

„Den Lohn, den mir die Armee dafür zahlt. Ich kann ihn gebrauchen“, erwiderte Thorsen.

„Du willst uns auf die Zehen springen, nicht wahr?“, fragte Ellis scharf und sein Kinn schien plötzlich noch kantiger zu werden. „Als ehemaliger Wells Fargo Marshal hast du doch in so etwas Übung, wie? Komm, Junge, schnalle den Gurt ab, wir regeln es mit den Fäusten. Das ist fair.“

„Nicht fair genug einem Mann gegenüber, der ein paar hundert Meilen hinter sich hat.“ Thorsen sah dabei Marek an, als hielte er ihn für fairer als Ellis.

„Glaubst du? Schnalle ab!“, fuhr ihn Ellis an.

„Nein!“, widersprach Thorsen, dann zuckte seine Hand zum Halfter. Aber darauf hatte Joe Marek die ganze Zeit gewartet. Er stieß mit dem Fuß zu, sprang gleichzeitig vom Stuhl und warf sich auf Thorsen, als der, von Mareks Faust ans Knie getroffen, zurücktaumelte.

Ellis kam von der Seite mit einem Satz heran, holte aus und schlug mit seiner stahlharten Pranke zu. Der Hieb traf Thorsen über dem Ohr und stieß ihn förmlich mitsamt Marek gegen die Wand. Das zusätzliche Gewicht, des nicht gerade leichten Marek, warf beide so vehement gegen den Adobe, dass Thorsens Hinterkopf dumpf aufprallte. Besinnungslos erschlaffte Thorsen in Mareks Armen.

Marek ließ ihn zur Erde sinken und sah auf ihn herab. „Schnell erledigt, was? Nimm ihm die Kanone ab, Clark, der hatte mehr vor, als uns in die Suppe zu spucken.“

Genau das wird er uns erzählen, und wenn ich es aus ihm herausdresche“, meinte Ellis, während er den Revolver aus Thorsens Halfter zog.

 

3

Benito sah, dass einige der Männer Mexikaner waren wie er selbst. So grüßte er in seiner Muttersprache und blickte dann wieder auf die Frau.

Sie war es auch, die seinen Gruß erwiderte und mit dunkler Stimme in fließendem Mexikanisch-Spanisch fragte: „Wollten Sie zu uns?“

„Nein, Señorita, ich sah nur die Pferde und war neugierig. Ich bin auf dem Weg nach Camp Lowell.“

Die Männer musterten Benito mit starren Gesichtern. Keiner zeigte, was er dachte. Aber sie hatten alle die Hände an den Gewehren oder Revolvern. Drei der insgesamt sieben Männer waren Amerikaner. Sie sahen aus wie Banditen, stoppelbärtig und abgerissen. Doch hier in der Wildnis bedeutete das nicht unbedingt, dass einer ein Bandit sein musste.

Auch die Frau in ihrer abgescheuerten Lederjacke und dem verstaubten Reitrock wirkte nicht gerade salonfähig. Benito bemerkte das gar nicht. Die Schönheit dieser Fremden überstrahlte alles. Sie hätte in Lumpen nicht weniger auf ihn gewirkt.

„Steigen Sie ab und kommen Sie zu uns oder reiten Sie einfach weiter“, sagte die Frau, und sie machte eine Handbewegung.

Einer der Männer näherte sich Benito. Er richtete sein Gewehr vom Hüftanschlag aus auf ihn. Benito sah, dass der Mann eine Greenerflinte trug, die auf solche kurze Entfernung die Wirkung einer Kanone haben konnte, je nachdem, womit sie geladen war. Dass dieser stoppelbärtige Amerikaner da keinen Vogeldunst in den Hülsen hatte, stand für Benito fest.

Ein anderer Mann, ein Mexikaner, kam von der Seite her an Benitos Pferd heran und betrachtete das Brandzeichen. Er schien es nicht zu kennen, denn, er zuckte die Schultern und wandte den Blick wieder davon ab.

„Also?“, fragte die Frau.

Im ersten Impuls wollte Benito weiterreiten, doch dann überlegte er es sich anders. Er saß ab, und der Mann mit der Greener senkte die Flinte.

Die Frau lächelte und deutete auf das Fleisch am Spieß. „Sie sind eingeladen ... “

„Ich heiße Benito.“

„Benito? Das klingt schön. Kommen Sie aus der Sierra Tarahumare? Da heißen viele so wie Sie. Setzen Sie sich zu uns. Ich bin Belinda, und das hier sind die Männer meiner Ranch.“

Benito spürte, dass sie keine Mexikanerin war, auch wenn sie fast so sprach wie eine seines Volkes. Etwas unterschied sie. Er konnte nicht gleich ergründen, was es sein mochte.

Sie lächelte wieder, und sie tat es auf eine Weise, die das Blut in seinen Adern zum Kochen brachte. Er kannte billige Mädchen, auch anständige, die erst von Heirat und dann von Liebe sprachen. Aber diese Frau dort konnte er nicht einordnen. Sie war auch keine von diesen kühlen Amerikanerinnen, weder eine heißblütige Schöne, der die Liebe auf den Lippen geschrieben stand, aber auch keine Madonna, wie es seine Mutter in seiner Erinnerung war. Diese Frau dort war etwas, das er nicht gleich erfasste. Er spürte, dass er bereits in ihren Bann geraten war, wie eine Mücke im Netz der Spinne. Aber er schien darüber gar nicht betrübt zu sein. Fast vergaß er, warum er nicht weitergeritten war.

Die beiden Posten blieben an ihrem Platz, während alle anderen Männer wieder ums Feuer traten und sich dann setzten. Die Frau nickte Benito aufmunternd zu und sagte: „Sie wollten also nach Camp Lowell. Von dort kommen wir. Wir wollen nach Tucson und später in die Wüste. Kennen Sie sich dort gut aus?“

„Ja, es geht eigentlich“, sagte er und spürte, wie aufmerksam ihn die Männer musterten. Sie sprachen nicht, aber sie verfolgten alles, was er und die Frau sagten und taten. Irgendwie kamen sie Benito wie Wachhunde vor, die nur auf ein Zeichen ihrer Herrin warteten, um Benito anzuspringen und zu zerfleischen.

Sie war jetzt etwas näher an ihn herangerückt. Aus ihren hellen Augen, in denen das grelle Tageslicht helle Flecke blitzen ließ, sah sie ihn an. „Benito, wenn Sie aus Tucson kommen, dann kennen Sie auch Mr. Guiness, nicht wahr?“

Also doch! dachte Benito und sagte sofort: „Natürlich, wer kennt ihn nicht? Ich habe bis vor Kurzem sogar in seinen Diensten gestanden.“

Die Frau warf einen kurzen Blick des Einverständnisses auf einen großen Mann, der ihr direkt gegenübersaß. Der war ein Amerikaner und erinnerte Benito etwas an Ellis, nur dass er größer war und noch helleres Haar hatte.

„Na, dann können Sie uns ja sehr helfen“, sagte Belinda. „Wir wollen nämlich zu Mr. Guiness. Und warum sind Sie nicht mehr dort?“

„Meinungsverschiedenheiten. Gestern habe ich bei ihm aufgehört.“

„Dann sind Sie unser Mann. Suchen Sie einen Job?“, fragte die Frau und rückte so nahe an Benito heran, dass ihre Schulter seinen rechten Oberarm berührte. Es ging durch ihn wie elektrischer Strom, als er diesen körperlichen Kontakt spürte.

Sie lächelte. „Na, fällt Ihnen die Antwort so schwer? Es ist keine Schande, einen Job zu suchen.“

„Ja, das zwar nicht, aber ... ich ... ich wollte eigentlich bei einem Bruder von mir in Camp Lowell ..." Benito spielte die Rolle des eingelullten Narren, und er spielte sie so gut, dass Belinda leise auflachte und mit dem großen Blonden wieder einen Blich tauschte, in dem offener Triumph zu lesen war. Der Blonde lächelte zurück, sagte aber kein Wort.

„Würden Sie in meine Mannschaft eintreten wollen, Benito?“, fragte die Frau. „Ich bin sicher, dass Sie die Wüste besser als nur ein bisschen kennen. Und wir suchen genau so einen Mann. Für dreißig Dollar im Monat. Wenn Sie tüchtig sind, bekommen Sie auch eine Prämie. Nicht wahr, Sid?“ Sie sah wieder den großen Blonden an.

„Gewiss, Madam, die letzte Prämie, die wir bekamen, betrug zweihundert Dollar.“

„Wollen Sie Rinder aus Mexiko holen?“, fragte Benito und stellte sich bewusst einfältig.

Die Frau sah ihn einen Augenblick lang verdutzt an, dann lachte sie leise und sagte spontan: „Ja, richtig, genau das wollen wir.“

Die Männer, bis auf den Blonden, verkniffen sich ein Lachen.

Der Blonde aber erhob sich. „Ich glaube, Madam, es wird langsam Zeit.“

„Ja“, erwiderte sie, „reiten wir, um unseren Freund Guiness wiederzusehen. Ich möchte nur wissen, wieso Larsen noch nicht zurück ist. Benito, haben Sie niemand unterwegs getroffen?“

„Niemanden.“

„Aber Ihnen muss doch ein Reiter begegnet sein. Waren Sie nicht bei Guiness, bis Sie weggeritten sind?“

„Nein … ich ... ich war bei meinem … ich wollte sagen, bei einer Bekannten in Tucson.“ Er kratzte sich verlegen am Kinn, und dafür erntete er bei den Männern ein Grinsen. Auch der Blonde lächelte diesmal mit. Belinda aber machte vorübergehend ein verächtliches Gesicht. Dann sagte sie: „Also los, wir reiten! Löscht das Feuer gut!“

 

 

4

Joe Marek blickte auf Thorsen herab. „Er kommt zu sich“, sagte er und hob den Kopf.

Clark Ellis lehnte an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah zur Tür, durch die Guiness trat. „Er ist wieder im Kommen, unser Kontrolleur, Mark. Ich würde ihn am liebsten rücklings auf einen Esel binden und in die Gila scheuchen. Doch da es ein teurer Verwandter von dir ist ... “

„Hör auf, du verdammter Satteltramp! Hör auf, mir zu erzählen, dass er ein Verwandter ist. Alles, was mit meiner Frau zusammenhängt, ist schlimmer als Zecken an einem Augenlid. Hat er noch etwas gesagt?“ Er starrte auf den Mann am Boden, der sich zu regen begann.

„Er hat den Revolver ziehen wollen, weil er meinte, dass ein Mann wie er nach einem langen Ritt nicht mehr mit den Fäusten kämpfen kann. Das war ein Fehler von ihm, Mark!“ Ellis grinste und spie vor sich auf den Boden.

„Glaubt ihr wirklich, dass der Captain ihn geschickt hat?“, fragte Joe. Der Texaner sah zweifelnd auf Thorsen.

„Warum nicht? Die Armee ist zu allem fähig. Du siehst es an der Idee, den Rurales das Zeug zu liefern. Übrigens, ist dein Vaquero noch nicht zurück, Joe?“ Ellis sah an Guiness vorbei zur Tür. Aber dort tauchte jetzt das Mädchen auf.

Joe sah es auch und knurrte: „Mark, schaff deinen Betthasen weg! Weiber quatschen leicht, und hier brauchen wir kein Gerede.“

Guiness drehte sich um, sah Inez und fauchte gereizt: „Scher dich weg da!“

Inez verschwand wie ein Blitz.

Da kam Thorsen ganz zu sich, stemmte sich etwas hoch, schüttelte den Kopf und tastete nach seinem Hinterkopf. Dabei verzog er schmerzhaft das Gesicht.

„Wir könnten noch weitermachen mit dir“, erklärte Ellis und sah dabei Thorsen an.

Thorsen hob den Kopf. „Das sähe euch ähnlich“, keuchte er.

„Wer hat den Revolver gezogen, du oder wir?“, fragte Marek.

Thorsen schwieg.

Guiness setzte sich auf einen der Stühle und polterte: „Larsen, das mit dem Captain glauben wir dir nicht. Er wird übermorgen kommen, wenn er das Zeug bringt. Ich frage ihn. Und solange bleibst du hier.“

Thorsen hob den Kopf, sah Guiness an und erwiderte mit verzerrtem Lächeln: „Das glaubst du wirklich?“

„Sieh dir Ellis und Marek an, die beiden warten nur darauf, dass ich ihnen sage, sie sollen dich zerlegen. Sie tun das sogar gerne.“

Ellis nickte zustimmend, während Joe Marek an die Tür trat und hinaus in die grelle Sonnenglut blickte. Aber von Benito war nichts zu sehen.

Joe war mit Benito schon zu lange zusammen, um mit ihm alles bereden zu müssen. Er wusste, dass Benito Thorsens Spur gefolgt war, einen anderen Grund für seinen Wegritt gab es nicht. Und wenn er noch nicht zurückgekommen war, dann musste er auf etwas gestoßen sein.

Marek wandte sich um und ging auf Thorsen zu, der jetzt auf dem Stuhl saß und abermals seine schmerzende Beule am Hinterkopf betastete.

„Thorsen, du bist nicht allein gekommen. In der Nähe sind noch andere von deiner Sorte.“ Marek ging auf Thorsen zu.

Überrascht blickte Thorsen auf. „Wieso?“

„Benito ist unterwegs, Thorsen. Benito wäre längst zurück, wenn deine Spur nichts hergegeben hätte. Wer ist das, der mit dir irgendwo bis in die Nähe von Tucson gekommen ist?“

„Niemand“, sagte Thorsen, aber Joe Marek spürte, dass der Mann log.

Ellis schien ebenso zu empfinden. „Also gut, er schwindelt uns was vor, und wir sind sehr ungeduldige Leute. Steh auf, Mensch! Jetzt kommt die zweite Runde!“

Er schlug zu, bevor Thorsen überhaupt auf die Beine gekommen war. Thorsen, noch halb betäubt von eben, flog mitsamt dem Stuhl zu Boden.

„Eine etwas größere Chance hättest du ihm schon geben können, Clark“, meinte Marek.

„Das ist ein Bulle, sage ich euch, der braucht keine Chance!“, rief Guiness. „Macht dieses Stinktier fertig. Dieser feine Schwager!“

Thorsen blickte aus glasigen Augen auf Mareks Stiefel, versuchte aufzustehen, aber da packte ihn Ellis schon und riss ihn hoch.

„Ich mache dich hier so fertig, dass du dir wünschst, als Regenwurm auf die Welt gekommen zu sein, damit du dich verkriechen kannst. Rede, oder ich mache weiter!“

Thorsen schwankte, und als Ellis losließ, taumelte er einen Schritt nach vorn, aber dann schlug er so unvermittelt zu, dass Ellis überhaupt an keine Gegenwehr oder Abwehr dachte. Der Schlag schoss in Ellis Magengrube und hob ihn förmlich aus.

Bevor Ellis noch die Hände herunter bekam, erhielt er einen Leberhaken, der ihn zu Boden warf.

Thorsen hatte offenbar alle Kraft, über die er noch verfügte, in diese beiden Schläge gelegt. Jetzt war er fix und fertig. Er torkelte rücklings bis an die Wand und rutschte an ihr herab. Als er unten war, kippte er zur Seite und blieb reglos liegen.

Ellis lag verkrümmt und ächzte. Doch die Schlagwirkung ließ nach, und allmählich fand er seine Fassung wieder und kam auf die Beine. Marek half ihm hoch.

„Du hättest diesem Bastard eine verpassen sollen, Joe“, keuchte er.

„Nicht nötig, er ist von allein umgekippt. Und vorher war er etwas schneller, als ich gedacht habe.“

„Verflucht, das war er wirklich“, ächzte Ellis und betastete seine schmerzende Lebergegend.

Guiness grinste breit, trat neben dem am Boden liegenden Larsen Thorsen und stieß ihm mit der Fußspitze in die Rippen. „Packt ihn auf ein Muli und schafft ihn ein Stück weit in die Gila. Dort, wo die Steinplatten liegen, gibt es mehr Klapperschlangen und Königsnattern als Patronen in eurem Gürtel. Es wird aussehen wie ein Unglücksfall.“

Marek wandte sich von Ellis ab, sah Guiness an und musterte den großen schweren Mann. „Mark“, sagte er voller Verachtung, „du bist ein Schwein und wirst immer ein Schwein bleiben!"

Guiness brüllte wütend: „Rede nicht so mit mir, du Habenichts!“

„Ich rede noch ganz anders mit dir, wenn es mir passt, Mark!“, fuhr ihn Marek an. „Einen wehrlosen Mann in die Wüste schicken und möglichst noch zwischen die Schlangen werfen. Feiner Zug von dir, wirklich fein. Clark, ich bin in diesem Moment bei Guiness ausgestiegen.“ Er sah Ellis an, der immer noch das Gesicht schmerzhaft verzog.

„Ja, ein Lump war er immer. Den eigenen Schwager in die Wüste schicken. Wirklich stark", murmelte Ellis.

„Also gut, dann machen wir es anders! Gib ihm seinen Revolver zurück, Joe!“, befahl Guiness. „Er wird ziehen, und darauf warte ich.“

„Einen Dreck! Clark, wir setzen ihn auf seinen Gaul, wenn er aufwacht, dann sehen wir, wohin er reitet.“

„Gut Idee“, stimmte Ellis zu, dem es sichtlich besser ging. Es kam auch wieder Farbe in sein Gesicht.

Guiness schnaufte wie eine Dampfmaschine. „Hier bestimme ich! Er bleibt hier!“

„Du hörst schlecht, Alter“, sagte Marek sanft. „Ich hatte dir erklärt, dass ich nicht mehr zu deinem Verein gehöre. Also bestimmst du über mich nicht. Und du, Clark?“

„Gekündigt! Fristlos!“, knurrte Ellis. „Ich mach alles mit, aber keinen feigen Mord, wie er ihn vor hat. Am Schwager!“

„Ihr Idioten! Er ist mein Schwager, aber er will uns alle hochgehen lassen, merkt ihr das nicht? Er ist ein Bulle!“ Guiness' Hand fiel auf den Revolver.

„Lass die Kanone wieder los, Mark, sonst werde ich ungemütlich!“, warnte Joe Marek.

„Nur keine Sorge!“ Guiness riss die Waffe aus der Halfter. Er richtete sie auf Thorsen, der noch immer reglos am Boden lag.

„Wenn einer von euch Zicken macht, bekommt der dort die Kugel“, versprach Guiness. „Ich bin verdammt nicht der harmlose Elefant, für den ihr mich haltet.“ Er rollte die Augen und prustete wie ein Walross.

„Jetzt ist er übergeschnappt“, meinte Marek und trat zwei Schritte zur Seite.

„Bleib nur stehen, wo du bist, Joe, ich mache verdammt keinen Spaß, du elender Satteltramp! Alle beide taugt ihr nichts. Ich hätte euch längst zum Teufel jagen sollen. Aber ihr kennt die Gila, und nur deshalb habe ich euch behalten. Doch jetzt ist mir auch das egal. Der Teufel soll euch alle beide holen!“

Blitzschnell, viel schneller, als man es diesem Berg von Mensch zugetraut hätte, riss er den Revolver herum. Ein Feuerstrahl schoss auf die Stelle zu, wo Joe Marek eben noch gestanden hatte.

Marek war nicht mehr da. Schon bei Guiness' Ansatz zur Drehung flog er zu Boden, griff zum Colt, aber dennoch krachte der Schuss von Ellis noch früher. Er fiel unmittelbar nach Guiness' Abschuss.

Guiness wurde von dem Treffer des Kalibers förmlich zurückgeschoben. Er riss den Mund auf, als wolle er schreien, aber dann hatte er schon den ersten Schock überwunden und wollte abermals schießen.

Ellis feuerte ein zweites Mal, und das riss Guiness endgültig von den Beinen. Er schrie auf und stürzte schwer zu Boden.

Das schrille Kreischen von der Tür ließ Ellis und Marek herumfahren. Und da sahen sie Inez, die mit weit aufgerissenen Augen auf Guiness starrte.

Guiness war mit der Schulter auf Thorsen gestürzt. Der noch immer besinnungslose Thorsen war halb unter dem Koloss Guiness begraben.

Marek trat zu Guiness, zog ihn an der Schulter von Thorsen herunter und kniete sich neben Guiness zu Boden.

Ellis sah ihm gelangweilt zu und lud dabei seinen Revolver auf. „Lebt er noch?“

Marek schüttelte den Kopf und wandte sich Thorsen zu.

„Was ist mit dem? Ist der etwa auch tot?“, fragte Ellis, als Marek etwas nervös das Ohr auf Thorsens Brust drückte.

„Sei still!"

Ellis zuckte die Schultern und trat zur Tür, wo das Mädchen immer noch wie erstarrt stand und auf Guiness stierte.

„Geh, Muchacha! Geh! Der Bär ist tot. Er hat es sich selbst ausgesucht. Such dir einen Jungen!"

Plötzlich kam Leben in das Mädchen. Es begann mit misstönender Stimme Schimpfkanonaden auf Ellis zu eröffnen, die er trotz seiner langjährigen Zeit an der Grenze nur zur Hälfte verstand. Aber es waren Worte, die selbst einem ausgekochten mexikanischen Bandolero die Schamröte unter die Haut getrieben hätte.

Ellis packte das Mädchen am Arm, dass es aufschrie, und sagte barsch: „Nun scher dich in den Sumpf zurück, aus dem er dich gezogen hat. Er ist tot, und er würde nur leben, wenn wir tot wären. Nun hau ab!“

Inez rannte kreischend davon.

Als sich Ellis umwandte, kam ihm Marek nach.

„Was machst du denn für ein Gesicht? Was ist mit dem Schwager?“, fragte Ellis.

„Er ist auch tot, Clark, und ich begreife nicht, wieso er das ist. Sieh seinen Hals und die Schläfe an. Ganz dunkelrot. Aber dahin hast du ihn doch überhaupt nicht geschlagen.“

Ellis ging zurück in den Raum, beugte sich über Thorsen und kam dann wieder. „Gehirnblutung oder so etwas. Vielleicht von dem Stoß an der Mauer. Schade, so schlecht war der Junge gar nicht. Mit dem Leberhaken scheint er sich übernommen zu haben.“

Joe Marek sah Ellis verblüfft an. „Und was jetzt?“

„Guiness hatte einen guten Plan, Junge. Warum sollen wir den plötzlich vergessen? Ich denke, das Geschäft ist jetzt automatisch an uns übergegangen.“

„Du hast den Marshal vergessen, Clark. Vielleicht hat der seine eigenen Ansichten. Ich wette, Inez ist schon bei ihm.“

Ellis blickte über den Platz. Da war alles wie ausgestorben. Aber von der Stadt her kam jetzt eine ganze Prozession hinter einem großen Mann her. Auf der Brust dieses bulligen Mannes glänzte der silberne Stern eines Marshals.

„Finemore schmeißt sich mal wieder mächtig in die Brust. Endlich ein Fall, wo er sich produzieren kann“, sagte Ellis und spuckte verächtlich aus. „Wenn er hier Späne macht, bekommt er einen über die Birne.“

„Mach keinen Blödsinn, so kommen wir nicht weiter. Denk an die Gewehre. Es wäre wirklich ein Geschäft für uns.“ Joe Marek stieß Ellis mahnend in die Seite.

„Schon gut“, brummte Ellis und rollte sich eine Zigarette.

Der Marshal scheuchte mit einer Handbewegung das Gefolge neugieriger Amerikaner und Mexikaner zurück und näherte sich allein den beiden, die ihn grinsend erwarteten.

„Ihr habt ihn also erschossen!“, polterte er, als er noch zehn Schritt entfernt war.

„Sieh erst seinen Revolver nach, bevor du große Töne schwingst. Es war Notwehr. Und er hat auch Thorsen auf dem Gewissen“, sagte Ellis und lehnte sich unter dem Schatten des Vordaches an die Hauswand. „Geh hinein und sieh ihn dir an. Wir haben nichts verändert, nur Guiness haben wir von Thorsen weggezogen. Geh hindern!“

„Ihr kommt mit!“, polterte Finemore los und stampfte voraus.

 

 

5

Es war am späten Nachmittag, und der Menschenauflauf vor Guiness' Haus hatte sich wieder verzogen. Guiness und Thorsen waren begraben, und jetzt lagen nur noch zertrampelte Papierblumen vor der Hütte, wo noch am Mittag die Särge gestanden hatten.

Marshal Finemore wischte sich den Schweiß von der Stirn und blinzelte gegen die tief stehende Sonne. „Das wäre es also. Ihr beiden habt Schwein gehabt.“

Er blickte nun auf Ellis, der auf einem Grashalm kaute, und auf Joe Marek, der neben Ellis stand und seine Zigarettenkippe vom linken in den rechten Mundwinkel wandern ließ.

„Was heißt Schwein gehabt, Finemore?“, knurrte Ellis. „Ich habe gesagt, dass es Notwehr war, und der Doc hat es bestätigt, der Bürgermeister hat es bestätigt und du hast es auch bestätigen müssen. Außerdem hat die kleine Schlampe Inez endlich auch die Wahrheit sagen müssen.“

„Er hat eine Frau irgendwo in Missouri?“ Ellis nickte. „In St. Louis, und er ist ihr auf und davon. Er hat sie gehasst wie die Cholera. Das Wiedersehen mit seinem Schwager war auch keine reine Freude. Er wollte ihn umbringen, aber dagegen hatten wir einiges.“

„Und was wird aus dem Unternehmen?“ Finemore hatte Joe Marek bei seiner Frage angesehen, aber Ellis antwortete schon, bevor Joe etwas sagen konnte.

„Er schuldet uns noch eine Menge Geld. Ich müsste es erst ausrechnen. Also würde ich sagen, wir übernehmen das Geschäft, bis wir wenigstens unser Geld heraushaben. Ein Bankkonto hat Guiness nie gehabt, und bares Geld ist bei ihm rarer als Schnee im Juli in der Gila.“

„Nun gut, ich werde diese Frau suchen. Sie hat Erbansprüche.“

„Die Frau geht uns nichts an. Wir kümmern uns um unseren Lohn, der noch aussteht“, erwiderte Ellis.

Finemore sah zweifelnd auf Marek. „Ich wusste nicht, dass Guiness nicht einmal die Löhne zahlen kann. Gestern hattet ihr aber noch Geld, wie?“

„Er hat immer nur die Hälfte gezahlt. Der Rest sollte noch kommen. Das ist es“, sagte Ellis.

„Wirklich?“, Finemore wandte sich zweifelnd an Marek.

„Hm, es stimmt", erwiderte Joe Marek zögernd.

„Komisch“, brummte Finemore. „Aber es ist mir egal. Guiness taugte nicht viel. Nur der Schwager, dieser Thorsen ... Hm, armer Bursche, Gehirnschlag. Der Doc meinte, das hätte an der Narbe gelegen, die Thorsen am Hinterkopf hatte. Dünne Stelle am Schädel. Pech für den Jungen.“

„Ziemliches Pech.“

Finemore erhob sich und ging. Über die Schulter rief er zurück: „Über alle Einnahmen muss Buch geführt werden. Wegen der Erbansprüche. Vergesst das nicht!“ Dann stampfte er auf die Häuser der Stadt zu.

„Das fehlt uns gerade noch“, knurrte Ellis.

„Du hast ihn ganz schön angelogen. Willst du der Witwe das Geld nicht geben, das wir in seinem Bett gefunden haben?“

„Sehe ich so blöd aus? Wir wollen suchen. Bestimmt hatte er noch mehr. Wer weiß, wo er es versteckt hat. Suchen wir ein bisschen.“ Ellis ging ins Haus.

Joe Marek wollte ihm folgen, als er die Kavalkade sah, die sich im Schritt dem Platz näherte. Er trat bis an die Tür und rief hinein: „Besuch! Benito hat ein paar liebe Freunde mitgebracht.“ Da sah Joe Marek die Frau. Es verschlug ihm die Sprache. Das Abendsonnenlicht fiel der schönen Belinda direkt ins Gesicht, so dass sie besonders attraktiv wirkte.

Joe Marek starrte hinüber und fand erst wieder Worte, als Ellis neben ihm auftauchte und keuchte: „Donnerwetter!"

„Und ich habe gedacht, ich träume das alles“, brummte Marek.

Benito ritt neben einem großen Blonden an der Spitze und zügelte vor Ellis und Marek sein Pferd. „Hallo!“, rief er. „Wenn ich gewusst hätte, dass Don Marco so schnell unter die Erde kommt, hätte ich ja nicht erst wegzulaufen brauchen. Ich habe ein paar Freunde mitgebracht, die zu Don Marco wollten.“

Ellis warf Marek einen bedeutsamen Blick zu, dann wandte er sich an den großen Blonden. Der musterte ihn prüfend, aber Ellis Blick war ebenso skeptisch.

„Guiness ist tot, was wollt ihr noch?“

Der Blonde nickte. Er wandte sich halb im Sattel um und wies auf Belinda, nannte ihre Namen, dann den seinen und fuhr fort: „Wir suchen nichts weiter als ein paar Männer, die in der Gila gut Bescheid wissen. Zuvor aber wollen wir von euch beiden sehr genau wissen, wie Larsen Thorsen ums Leben kam.“

„Geht zum Marshal, der wird es euch erzählen.“ Joe Marek wandte sich nach diesen Worten Benito zu. „Was hast du mit denen zu schaffen?“

Bevor Benito antworten konnte und der blonde Sidney Potter dazukam, etwas zu sagen, rief Belinda mit ihrer dunklen Stimme: „Können wir nicht absitzen? Wir haben einen langen Ritt hinter uns. Und vielleicht interessiert es Sie, Gentleman, dass ich hier der Boss dieser Männer bin. Sid, bis jetzt wissen wir nur, dass Guiness an Larsens Tod schuld ist. Es gibt keinen Grund, an dieser Ansicht zu zweifeln.“

Sidney Potter lachte heiser auf. „Wirklich? Der Alcalde sagte, dass Larsen von den beiden zuvor zusammengeschlagen worden ist. Dazu möchten wir den Grund wissen.“

„Sid, überlasse es mir!“, sagte Belinda, und es klang so, dass für sie eine Widerrede nicht in Frage kam.

Gespannt blickte Marek auf Potter, und der schwieg tatsächlich.

„Sie können natürlich absitzen und ihre Pferde in den Korral bringen lassen, Madam“, sagte Joe Marek.

Belinda nickte. „Gut, kümmere dich darum, Sid.“ Sie saß ab und vertrat sich die Beine.

Benito war auch abgesessen, führte sein Pferd an Joe Marek vorbei und murmelte im Vorübergehen: „Aufpassen, es geht um den Transport!“

Dann war er schon weiter.

Während die übrigen sieben Männer Benito folgten, näherte sich die Frau Ellis und Marek. Sie hielt die Hände in die Hüften gestemmt, lächelte herausfordernd und sagte dunkel: „Warum haben Sie Larsen geschlagen?“

„Kennen Sie ihn so gut, dass es Sie interessiert?“, fragte Joe Marek.

„Sind Sie Mr. Ellis?“

„Ich bin Joe Marek. Er ist Clark Ellis“, sagte Joe und deutete auf Ellis, der daraufhin aufmunternd grinste.

Belinda sah Joe an, und danach fiel ihr Blick längere Zeit auf Ellis. Es war, als taxiere sie ihn. „Ja", sagte sie leise, „ich habe Larsen ganz gut gekannt. Wie man eben einen Mann kennt, mit dem man ein gutes Jahr zusammengelebt hat. Er hat mir vor einem Jahr das Leben gerettet. So etwas zählt bei mir. Nun, er ist tot, aber ich glaube, ich bin es ihm schuldig, den Mann zu bestrafen, der ..."

„Der Mann ist auch tot.“ Joe Marek sah die Frau nachdenklich an. Sie war schön, gewiss, aber sie kannte auch das Leben und die Männer. Dabei war sie keinesfalls der Typ einer Tanzhallenschönheit oder einer Dirne. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte, und für die ein Mann nicht unbedingt der liebe Gott sein musste. „Guiness ist tot, und er hätte auch nie auf Thorsen schießen können. Er wollte, dass wir Thorsen in die Wüste bringen. Ja, Madam, wir haben Thorsen niedergeschlagen, und auch er wollte schießen, ohne dass Clark oder ich eine Waffe in der Hand gehabt hätten. Ihr Freund taugte auch nicht viel.“

„Nicht weniger als ihr beide“, sagte sie bitter. „Nun gut, jetzt scheint ihr hier die Herren zu sein. Ich bin wegen des Transportes gekommen.“

„Das ist uns jetzt klar“, erwiderte Ellis. „Aber wir brauchen auch jetzt noch keinen Kontrolleur. Wir werden die Sachen ohne Ihre freundliche Hilfe durch die Gila bringen.“ Seine Worte trieften vor Hohn und Herablassung.

Sie schluckte es, ohne darauf einzugehen. Sie wandte sich lediglich an Joe, als sie erwiderte: „Ich weiß nicht, was er mir da von einem Kontrolleur erzählt. Aber ich weiß, dass ich ein Geschäft machen will. Sie beide machen es nicht ohne mich, und ich mache es nicht ohne Sie.“

„Am Ende ist es allein der Captain, der sein Geschäft macht, wie?“, höhnte Ellis. „Hören Sie auf, Madam, von Geschäften zu reden. Sie taugen für die Liebe entschieden besser.“

Sie ging auf Ellis zu, holte mit ihrer rechten Hand aus, aber er fing die Hand ab, ehe sie zuschlagen konnte. „Nur nicht so heftig, kleine Schönheit!“, rief er.

Sie wollte mit der Linken schlagen, aber da hatte er schon seinen Arm um Belinda gelegt, klammerte sie fest und küsste sie, bevor sie zur Gegenwehr kam.

Endlich ließ er sie los. Zornbebend machte sie sich frei und schlug doch noch zu, und diesmal war sie schnell genug.

Ellis lachte schallend und wollte sie abermals packen, als Joe Marek rief: „Stopp! Das genügt jetzt, Clark!“

Ellis ließ die Arme sinken, sah Marek an und sagte gereizt: „Geht dich das auch etwas an?“

„Ich glaube, das sollten wir Miss Belinda überlassen.“

„Danke, Mr. Marek“, sagte Belinda leise und zog sich ihre Bluse zurecht.

„Ach was! Danke, Mr. Marek! He, Joe, bist du eifersüchtig? Sie will uns doch verschaukeln, merkst du das nicht?“

„Bis jetzt nicht“, erwiderte Joe Marek, der plötzlich spürte, wie wütend er auf Clark war.

„Idiot!“, knurrte Ellis und spie aus. „Sie will hier absahnen und sucht zwei Dumme, die ihren Haufen durch die Wüste führen. Sie möchte das Geschäft alleine machen. So hätte sie Guiness abkochen können, der jeder Schürze nachgerannt ist. Aber die Sorte kenne ich zu gut. He, Schätzchen, ich habe Calamity-Jane gekannt. Gegen sie bist du ein kleines Licht, Liebchen.“

„Sagen Sie noch einmal Liebchen zu mir, und ich werde Ihnen das unter Ihr Herz stoßen!“, keuchte Belinda, und Ellis blickte verblüfft auf das kleine Stilett, das plötzlich in ihrer Hand lag.

„Na bitte, das konnte Calamity-Jane auch." Ellis lachte amüsiert. „Aber das hilft Ihnen auch nicht weiter, Schätzchen. Sie brauchen immer noch die beiden oder einen Dummen, um durch die Gila zu kommen, mein Kind."

„Benito ist bei uns. Er tut das auch“, sagte sie.

„Jetzt hat sie mehr gesagt, als sie wollte“, meinte Ellis und lachte.

Joe Marek nickte. „Ja, das hat sie wirklich. Aber wir sollten vielleicht hören, was sie uns vorzuschlagen hat. Madam, Sie sind nicht gekommen, um Clark mit dem Stilett zu kitzeln. Was also ist es Madam?“

„Halt, halt!“, sagte Ellis und hob abwehrend die Hand. „Sie hat von Benito gesprochen und glaubt ihn in der Tasche zu haben. Da kommt er, und dieser blonde Wachhund unserer schönen Señorita ist auch von der Partie. Warten wir doch noch auf die beiden. Dann ist unsere Runde komplett.“

Alle sahen Benito und dem viel größeren Sidney Potter entgegen, die wie zwei recht ungleiche Partner näherkamen.

Benito grinste Joe Marek an, dem er sich wie ein Blutsbruder verbunden fühlte. Sidney Potter warf einen besorgten Blick auf Belinda. Und dieser Blick sagte Joe Marek mehr über Sidneys Gedanken und Sehnsüchte, als es Worte hätten tun können. Seiner Meinung nach liebte dieser blonde Mann die dunkelhaarige Frau, doch die Art, wie sie seinen Blick erwiderte, ließ ebenfalls darauf schließen, was er für sie war: nicht viel mehr als der treue Wachhund, als den ihn Clark Ellis bezeichnet hatte.

„Also, Freunde, da wären wir ja bereit zum Verhandeln“, sagte Belinda und lächelte auf eine Weise, dass Sidney Potter schlucken musste, während Clark Ellis sie in seiner unverschämten und gänzlich respektlosen Art von unten nach oben musterte.

„Sehr rasch war die große Trauer um den geliebten Bräutigam verflogen, und so lockte das große Geld dieser schönen Welt“, spottete Ellis. Als Belinda ihn wütend ansah, fuhr er mit abgründigem Lächeln fort: „Die Rechnung, schöne Señorita, geht hier nicht wie gewohnt auf. Sie haben sich die falschen Partner für Ihre Späße ausgesucht. Mit diesem Thorsen habt ihr nicht landen können. Wie soll es jetzt bei euch weitergehen?“ Die letzten Worte hatte er sehr scharf und herausfordernd gesprochen.

Sidney Potters Hand zuckte zum Revolver, aber Joe Marek knurrte nur, und der große Blonde ließ den Kolben wieder los.

„Verflucht, mein Freund, nochmal in dem Ton und ich ziehe wirklich“, fauchte Sidney Potter den grinsenden Ellis an.

„Bitte, wir wollen nicht wie kleine Kinder streiten. Es geht schließlich ... “

Belinda wurde von Joe Marek unterbrochen, der kühl fortsetzte: „Es geht um vierhundert Gewehre.“

„Es sind nur zweihundertzehn“, verbesserte ihn Belinda. „Der Captain ist kein Zauberer, obgleich er sich dafür hält. Man kann nicht alle Gewehre eines großen Transportes verschwinden lassen und es den Apachen in die Schuhe schieben. Das fiele auf. Sogar die Armee würde eines Tages dahinterkommen. Zweihundertzehn Gewehre, und wir bekommen für ein Stück mindestens hundert Goldpesos. Würden wir sie nur rasch genug durch die Gila bringen.“

Ellis runzelte die Stirn und Joe Marek meinte, falsch gehört zu haben. „Wie war das?“, fragte er verblüfft. „Der Captain hat ... “

Belinda sah ihn verwundert an. „Wussten Sie das nicht? Der Captain ist seit zwei Monaten nicht mehr im Dienst. Er handelt neuerdings mit Waffen, wenn es auch keiner wissen darf. Hatten Sie geglaubt, das wäre ein Armeeauftrag? Natürlich nicht. Es sind nur Gewehre, die der Armee gehört haben.“

„Hat Fairbanks sie etwa gestohlen?“, fragte Joe Marek verblüfft.

„Nein, das haben wir für ihn besorgt. Und das könnt ihr euch doch denken“, erklärte der blonde Sidney Potter grinsend, „dass wir sie uns nicht von euch unter den Nagel reißen lassen wollen.“

„Ein Überfall auf einen Armeetransport?“, meinte Ellis.

„Ein Überfall auf einen Armeetransport, ganz recht. Nur hatte Fairbanks da etwas nachgeholfen. Fremde Soldaten sehen nur eine Offiziersuniform, auch wenn der Mann, der drinsteckt, schon längst entlassen ist.“

„Fairbanks ist also entlassen“, wiederholte Joe Marek nachdenklich. „Und wir haben in Tucson nicht die blasseste Ahnung.“

„Nein, weil die Armee nicht gerne darüber redet, wenn sie einen Mann wegen unehrenhaften Verhaltens ausschließen muss“, erklärte Belinda und lächelte sanft. „Captain Fairbanks ist verheiratet gewesen und konnte sich mit dieser Tatsache nur schwer abfinden. Es gibt im Camp zu viele hübsche Muchachas.“

„Stecken Sie da etwa auch dahinter?“, wollte Ellis wissen.

„Diesmal nicht. Aber wir haben jedenfalls die Waffen weggebracht, und wir lassen sie auch herbringen. Natürlich hätten wir es Guiness nicht überlassen, sie wegzuschaffen. Er hätte sie bestimmt sonst wem verkauft. Larsen sollte bei euch sein, und wir wären eurer Spur gefolgt. Jetzt ist das nicht mehr nötig. Ihr habt gar keine Wahl. Gar keine. Seht euch um!“ Belinda wies in die Runde, und da entdeckten Ellis und Marek die übrigen sechs Männer aus Belindas Schar. Sie kamen von vier verschiedenen Seiten, mit den Gewehren im Anschlag, näher.

„Damit seid ihr noch keinen Tagesritt durch die Gila, Leute“, meinte Ellis und lachte plötzlich so abrupt, dass Sidney Potter erschrocken zum Revolver griff.

„Ihr könnt jetzt sagen, dass ihr uns alle drei helft, oder zwei von euch sind hier zu viel.“ Belinda lächelte, als hätte sie über ein Bridgespiel gesprochen.

„Und was zahlen Sie uns?“, wollte Joe Marek wissen, weil er immer wieder im Leben herausgefunden hatte, dass Gespräche über Geld die Leute ablenken.

„Zahlen?“, höhnte Sidney Potter und schnippte sich den Hut ins Genick. „Ihr seid doch froh, dass ihr lebt. Und ihr werdet sogar überleben. Aber dafür könnt ihr uns ewig danken. Dafür zahlen wir nicht noch.“

„Danke, mein Freund, das war erstaunlich aufschlussreich. Ich werde dich aus lauter Dankbarkeit ewig im Gedächtnis behalten“, erwiderte Ellis bissig.

„Dann ist ja alles klar, mein Junge“, knurrte der große Blonde, und diesmal hörte es sich gar nicht so harmlos an.

 

 

6

Als der Mond wie eine Apfelsinenscheibe über den Horizont stieg, erloschen die beiden Feuer der Männer auf dem Platz. Vor dem Haus glimmte die Zigarette Sidney Potters auf, der neben der Tür an der Adobewand lehnte und wachte. Im Haus schlief oder sinnierte Belinda. Es schien sie nicht zu stören, dass sie auf dem Bett eines Toten ruhte.

Benito, Clark Ellis und Marek hockten neben dem ersterbenden Feuer nahe dem Haus, während die Männer von Belinda um das zweite, weiter zur Platzmitte gelegene Feuer lagen oder saßen.

„Der Wachhund steht vor der Tür, und die anderen Burschen passen auch höllisch auf uns auf“, meinte Ellis leise. „Was sagst du, Joe?“

„Ich würde am liebsten aussteigen, wenn selbst nur mehr zweihundertzehn Gewehre nicht so furchtbar viel Kapital wären.“

„Vergiss nicht, dass diese Halunken auch nichts taugen. Was glaubst du, wäre der Armee der ganze Zauber wert?“

Benito lachte, und Joe Marek antwortete: „Die Armee zahlt dir ein Trinkgeld, klopft dir auf die Schulter und spricht von Ehre.“

Marek spie aus. „Davon kann man sich verdammt wenig kaufen. Also bleibt uns nur noch der Weg zu Emilio Raquare.“

„Ich nehme an, an den hat Belinda auch gedacht. Schlimm, wenn eine Frau so schön und dabei so abgrundtief schlecht ist.“

„Ist sie das wirklich?“, fragte Ellis. „Ich glaube, das ist ein Vulkan, aber einer von der Sorte, die ich mag. Ich wette mit dir, Joe, dass sie mir noch die Finger küsst. Diese Frau ist maßlos enttäuscht worden. Sie wird zum anschmiegsamen Kätzchen, wenn ihr der richtige Mann begegnet.“

Joe lachte. „Und der bist du, was?“

„Natürlich“, erklärte Ellis überzeugt.

.„Ich habe vorhin einen der Muchachos reden hören“, sagte Benito. „Es sind zwei aus der Tarahumare dabei. Sie sprechen den selben Dialekt wie ich. Da hörte ich, dass sie an Geronimo verkaufen wollen.“

„Quatsch. Dafür brauchen sie nicht nach Mexiko. Der ist mehr hier als dort.“ Ellis stieß mit dem Absatz Sand in die Glut, dass die Funken sprühten.

„Wieso nicht?“, fragte Joe. „Sie verstehen sich sehr gut mit Raquare. Er ist ein Indianer wie sie auch. Stimmt das, Benito?“

„Es stimmt.“

„Sie sind auch mehr in Mexiko als hier. Dahin können die Armeepatrouillen sie nicht verfolgen. Also ist es möglich. Vielleicht findet der Tausch auch mitten in der Gila statt. Geronimo hat für solche Scherze viel Sinn.“

„Wenn das wahr wäre, Jungs, dann müssten wir es auch verhindern. Den Apachen solche Gewehre in die Hand zu geben, wäre wirklich ein Verbrechen.“ Ellis richtete sich auf. „Ich glaube nicht, dass sie das vor hat. Sie ist eine Frau. Und Apachen sind unberechenbar. Auch wenn diese Frau ihnen Gewehre bringt. Nein, ich denke, dass sie mit Raquare verhandeln will.“

„Dieser Fairbanks, hättest du das gedacht?“, fragte Joe. Er sah Benito an.

„Ja“, sagte der Mexikaner, „ich traue keinem Mann in Uniform. Ich hasse sie alle. Das steckt schon von Kind an in mir."

„Sein Tick“, meinte Ellis. „Aber drollig ist es doch, was sie da vom Captain erzählt hat. Entlassen wegen einer Weibergeschichte. Pshaw! Als wenn die Armee sich solch einen Blödsinn hier an der Grenze leisten könnte. Also schlafen wir. Ich denke, dass unser schönes Kind morgen die Waffen heranschaffen lässt.“

 

 

7

Sidney Potter wartete, bis es an den Feuern still war, dann huschte er ins Haus. Guiness' ehemalige Residenz besaß nur diesen einen Raum und einen kleineren als Nebengelass. Potter vermutete Belinda hier im großen Raum und riss ein Zündholz an, weil der Mondschein von der anderen Seite kam, wo kein Fenster war.

Als das Streichholz aufblitzte, sagte Belinda von Guiness' Lager an der hinteren Wand her: „Ich drücke ab, wenn Sie nicht sofort verschwinden! Wer ist da?“

„Belinda, ich bin es doch!“

„Was willst du? Ich habe dir doch gesagt, dass ich ungestört ..."

„Du hast Larsen nie gemocht, Belinda. Ich ... “

„Darauf hast du die ganze Zeit gewartet, was? Hinaus, Sid!“

Sidney Potter ließ sich Zeit. „Du fühlst dich zu stark, Belinda. Ich bin kein irgendwer. Wir sollten auch reden, was mit diesen Burschen geschehen soll, die wir da heute ... “

„Morgen Früh kannst du mir alles erzählen. Ich bin müde, Sid, und jetzt gute Nacht!“

Er sah nicht, wo sie war, aber er hörte gut, wo sie liegen musste. Vorsichtig machte er ein paar Schritte in dieser Richtung, doch als er an den Tisch stieß, rief Belinda: „Wenn du nicht sofort verschwindest, drücke ich ab. Du bist mir ein wertvoller Helfer und Freund, aber wenn du jetzt nicht begreifst, dass ich es bin, die hier bestimmt, dann kann ich auch auf dich verzichten. Außerdem bin ich eine Frau, Sid. Nicht die Sorte, für die du mich hältst.“

„Aber Belinda, ich wollte ja nur ... ich meine, wir verstehen uns doch gut, und du wirst mich noch sehr brauchen. Warum so prüde?“

„Scher dich hinaus, jetzt hört bei mir der Spaß auf!“

„Nun gut, wie du willst", brummte er verdrossen und ging zurück.

Als er in die Tür trat, huschte plötzlich etwas von links auf ihn zu. Er wollte noch zum Revolver greifen, aber da traf ihn etwas so heftig an seine Stirn, dass er nur diesen jähen Schmerz spürte und schließlich glaubte, in ein Meer bunter Farben zu versinken. Dann spürte er nicht einmal mehr, wie er aufgefangen wurde, wie ihn kräftige Arme wegtrugen und dann niederlegten. Er merkte nicht mehr, wie man ihn fesselte und dann in ein Gebüsch zerrte.

Belinda zog sich gerade die Decke über die Schultern und drehte sich auf die andere Seite, als sie abermals die Tür knacken hörte. Aber danach blieb es völlig still.

Im Zweifel, ob sie sich nicht getäuscht hatte, zündete Belinda ein Streichholz an und leuchtete in den Raum. Sie sah niemanden.

Verärgert über ihre scheinbare Übererregbarkeit stand sie auf, tastete sich bis zur Tür und stemmte im Schein eines zweiten Zündholzes einen Stuhl unter den Öffner. Dann tappte sie wieder zum Bett und legte sich hin. Bald darauf schlief sie ein.

Als ihre Atemzüge völlig gleichmäßig und gelöst klangen, klirrte es ganz leise unweit der Tür. Belinda wurde etwas unruhig, schlief aber schließlich weiter und wurde nicht richtig wach.

Erst als dicht vor ihr helles Licht aufflammte, als eine stark behaarte Hand in diesem Lichtschein auftauchte und ihren Revolver unter der Decke wegriss, wurde sie mit einem Male hellwach.

Zu spät, wie sie sehr rasch begriff.

„Sid, du Schuft!“, keuchte sie.

„Ich bin nicht Sid, Liebchen. Ich bin Ellis. Aber du kannst mich Clark nennen. Für mich bist du trotzdem eine gefährliche Schlange, auf die ich schießen würde. Steh auf, zieh dich an und sei sehr leise, wenn du nicht ganz schnell sterben willst. Weißt du, Schätzchen, ich gehöre nicht zu denen, die sich genieren, ein Stück wie dich als Banditen zu behandeln. Steh jetzt auf!“

Belinda lag wie gelähmt. Etwas in Ellis Stimme warnte sie. Dieser Mann war ganz anders als alle Männer, die sie kannte. Ihm glaubte sie, dass er auf sie schießen würde, ohne nur mit der Wimper zu zucken. Und noch etwas war an diesem Mann: er dienerte nicht vor ihr, weil sie schön war. Und sie wusste, wie schön sie war. Es schien ihn überhaupt nicht zu beeindrucken. Andererseits interessierte sie sich für Ellis, seit sie ihn am Nachmittag gesehen hatte. Aber sie wusste nicht, ob sie ihn mehr hassen oder fürchten sollte. Auf alle Fälle musste sie sich eingestehen, dass er sie verwirrte und unsicher machte.

„Steh auf, du Kanaille!“, zischte er. „Wehe, du beginnst hier zu singen! Der Knall von meinem Revolver wäre der letzte Ton von deinem Lied.“

Belinda hatte plötzlich Angst. Ein Gefühl, das sie seit Jahren nicht mehr in dieser Form erlebt hatte.

Sie richtete sich auf, genierte sich, die Decke abzustreifen. Aber Ellis knurrte verächtlich:

„Tu nicht so, Liebchen. Ich bin bestimmt nicht der erste Mann, der dich nackt sieht. Steh auf, sonst gibt es was!“

Sie war nicht nackt, wie er gleich darauf feststellen konnte. Aber sie zierte sich wie eine Chiquita aus dem Pensionat. Als sie ihren Reitrock und die Bluse über ihre Unterkleidung gezogen hatte, zischte ihr Ellis zu: „Ich habe zwei Pferde hinter dem Haus. Geh zum Nebenraum! Dort ist eine Hintertür. Vorwärts!“

Er hatte eine Kerze angezündet, und so fand sie den Weg zur Tür des Nebenraumes und schließlich auch zur Hintertür. Der eingerostete Riegel ließ sich nicht gleich öffnen, und so stieß ihn Ellis mit dem Fuß auf.

Belinda glaubte, in dem Augenblick eine Chance nutzen zu können und fuhr Ellis mit spitzen Fingernägeln ins Gesicht.

Er schlug ihr mit dem Handrücken auf die Wange, dass sie bis an die Tür flog und halb betäubt eine Weile brauchte, das Gleichgewicht wiederzufinden.

„Such nicht nach dem Dolch, du Luder!“, knurrte er sie an. „Den habe ich schon! Geh weiter!“

Er stieß sie ins Freie, und der grelle Mondschein blendete sie. Aber sie hörte das Schnauben eines Pferdes und sah kurz darauf die beiden Tiere unweit der Tür.

„In den Sattel, Liebchen!“, befahl Ellis. Dabei betonte er 'Liebchen' ganz besonders.

Belinda hätte ihn dafür töten können. Ihr Hass auf Ellis wuchs ins Uferlose.

Aber sie hatte keine andere Wahl. Sie saß auf, während ihre Wange wie tot von dem Schlag war. Sie spürte, wie das Gesicht anschwoll, und ihre Angst wuchs gleichermaßen wie der Hass. Dieser Mann war der erste Vertreter des anderen Geschlechtes, den sie fürchtete. Ihren Vater ausgenommen, vor dem sie auch Höllenängste ausgestanden hatte, wenn er betrunken gewesen war.

So tat sie, was er wollte. Sie stieg aufs Pferd, sie ritt vor ihm her und wagte keinen Ruf, keinen Laut. Bald hielt er wieder vor einem Korral an.

„Da drinnen sind Maultiere, ich hab sie schon mit Wassersäcken beladen und aufgezäumt. Halte das Tor, Schätzchen, ich bringe sie hinaus. Und denke daran, dass ich verdammt unangenehm werde, wenn du nicht tust, was ich will.“

Sie kam gar nicht auf die Idee, diese Chance zu nutzen. Ihre Angst vor seiner Vergeltung war größer.

Mit zehn Maultieren am Langzügel kam Ellis wieder aus dem Korral. „Gatter wieder zu!“, befahl er Belinda, und sie tat auch diesmal wieder, was er wollte.

Er trieb die Muli vor sich her und ritt neben ihr. „Und jetzt zeigst du mir den Weg zum Versteck der Waffen!“, raunte er.

Sie zügelte ihr Pferd. „Nein!“ Hastig wandte sie sich zum großen Platz um, der im Mondlicht lag, aber alles war weit. Immerhin hätte sie rufen können.

„Wenn du schreist, Baby, bist du gestorben. Na?“ Ellis lachte leise. „Schrei doch, Schätzchen, schrei!“

„Ich weiß nicht, wo die Gewehre sind. Nur Sid weiß es.“

„Lüge“, sagte er ruhig. „Eine Frau wie du weiht keinen kleinen Kläffer in so etwas ein. Also, zeigst du mir den Weg oder nicht?“

„Niemals!“, erwiderte sie, und sie wunderte sich, woher sie den Mut zu so einer Antwort nahm.

„In Ordnung, reiten wir also weiter!“

Sie schlugen einen Bogen und ritten in die Wüste hinaus. Zunächst wirkte alles gar nicht so öde. Im diffusen Licht des immer heller werdenden Mondes sah Belinda noch viele Kakteen, Mesquite und sogar auch Grasbüschel. Aber die Vegetation wurde spärlicher, je weiter sie nach Süden kamen.

Dann, nach etwa drei Meilen, hielt Ellis an. Die Maultiere liefen noch ein Stück weiter und blieben ebenfalls stehen. Eines schrie.

Ellis ergriff die Zügel von Belindas Pferd und sagte: „Steig ab, Belinda!“

Sie reagierte nicht. Da sprang Ellis unvermittelt aus dem Sattel, packte Belinda und riss sie vom Pferd. Er presste sie an sich, während sie verzweifelt auf ihn einschlug und ihn mit dem Knie in den Leib stoßen wollte. Plötzlich küsste er sie und er tat es mit ungestümer Brutalität. Doch dann, als sie sich nicht mehr wehrte und den Kopf zur Seite zu beugen versuchte, tat er es zärtlicher, und sie gab immer mehr nach.

Schließlich wusste sie, dass sie diesen Mann im Grunde nicht gehasst hatte. Sie fand seinen Kuss mit einem Male schön und presste nicht mehr die Lippen zusammen. Ergeben lösten sich ihre in Abwehr gekreuzten Arme, und sie schlang sie um seinen Hals.

Als sich ihre Lippen lösten, sagte Ellis leise: „Du bist die schönste Närrin, die ich je erlebt habe. Hast du nicht von Anfang an gespürt, dass wir beide zusammen gehören? Dass wir füreinander bestimmt sind?“

Sie antwortete nicht, aber sie empfand plötzlich wie er. Und dann gab es für sie überhaupt keinen Widerstand und keine Überlegung mehr. Als sie seine hornige Hand auf ihrer Schulter spürte und im Mondlicht ihre helle Haut leuchtete, als sie empfand, wie er ihre Schultern entblößte, da wollte sie nicht mehr denken und überlegen. Da wollte sie ihn nur noch lieben, heiß und heftig, wie nie zuvor in ihrem Leben.

 

 

8

Gegen halb vier Uhr wurde es Tag. Zu dem Zeitpunkt war Sidney Potter schon gefunden worden. Und während die Männer sich noch um ihn scharten, verfolgte Benito wie ein Schweißhund die Spuren von Clark Ellis und Belinda.

Joe Marek folgte dem drahtigen Mexikaner und blickte sich vom Korral her zu den Häusern um. Sidney Potter kam jetzt, noch nicht ganz sicher auf den Beinen, vor seinen Männern ebenfalls zum Korral herüber.

„Eh, Benito, warte!“, sagte Joe leise. „Wir wollen sehen, was die sich nun ausgedacht haben. Sidney Potter sieht aus, als würde er gleich überkochen.“

Das Gesicht des großen Blonden war dunkel vor Zorn. Breitbeinig blieb er zehn Schritt vor Benito und Joe stehen, und seine Männer bildeten hinter ihm einen Halbkreis.

„Dafür werden wir euch beide lynchen!“, fauchte Potter.

„Du hast also doch mehr abbekommen, als ich anfangs dachte“, erwiderte Joe. „Sonst müsste dir dein Verstand sagen, dass wir ebenso angeschmiert worden sind wie ihr.“

„Er hat sie entführt!“

Joe nickte. „Stimmt, das hat Benito schon an den Spuren festgestellt. Und er hat zehn Maultiere mitgenommen. Das wird dir sicher auch etwas sagen.“

„Belinda wird ihm das Versteck nicht verraten!“, behauptete Potter.

„Das bezweifle ich“, behauptete Joe. „Ihr kennt Ellis nicht. Aber sehen wir lieber nach, wohin die Spuren führen.“

„In die Wüste“, rief Benito von rechts. „Gerade nach Südwesten.“

„Dann hat sie es ihm nicht gesagt!“, rief Potter erleichtert.

„Glaubst du?“, zweifelte Joe. „Warten wir ab.“

„Ihr würdet mit uns gemeinsam nach den beiden suchen?“, fragte Potter unentschlossen. „Ich sage dir gleich, Junge, dass ich deinen Freund in Stücke reiße, wenn er mir begegnet.“

Joe war auch nicht gerade gut auf Clark Ellis zu sprechen, der von seiner Absicht kein Wort vorher verraten hatte. Aber Clark war sein Freund. Dass er sich ausgerechnet die Frau ausgesucht hatte, um aus ihr den Standort des Waffenverstecks zu erpressen, gefiel Joe nicht. Er selbst hätte nie so gehandelt. Andererseits würde er Clark deshalb nicht hassen. Dazu waren sie einfach zu lange Seite an Seite geritten.

„Du kannst tun, was dir Spaß macht. Hoffentlich bist du schnell genug, denn ich habe nun auch eine Rechnung mit Ellis zu begleichen“, erwiderte Joe, wenn er das auch ganz anders meinte.

Potter nickte zufrieden. „Gut, dann arbeiten wir zusammen. Vielleicht nimmt euch Belinda ganz zu uns auf."

Joe entgegnete nichts auf diese Aussichten, aber es amüsierte ihn, dass Potter auch jetzt noch in Belinda den Boss sah.

Der Bursche ist gefährlich, aber selbständig wird er nie, sagte sich Joe und wandte sich an Benito: „Also gut, satteln wir die Pferde, schnallen genug Wassersäcke auf, und dann los.“

Eine halbe Stunde später ritten sie schon im Wüstenvorland. Benito hing vorgebeugt im Sattel und schien nichts als die schon leicht verwehte Spur im Sand zu sehen.

Die Sonne stand schon ein Stück über dem Horizont, als Benito die Stelle erreichte, wo Clark Ellis und Belinda längere Zeit gerastet hatten.

Stumm las Benito in diesen Spuren, die einfach zu eindeutig waren, um daraus falsche Schlüsse ziehen zu können. Eindeutig genug auch für Potter, der fassungslos auf die Mulde im Sand starrte, wo jemand gelegen hatte.

„Dieser Hundesohn!“, keuchte Potter.

„Du irrst dich“, widersprach ihm Joe. „Es sieht nicht nach Gewalt aus. Benito, was sagst du?“

„Dann wäre alles viel mehr zertrampelt. Nein, keine Gewalt.“

Joe nickte nur, und Potter war grün vor Zorn. „Willst du verdammter Kerl damit sagen, dass sie sich ihm freiwillig hingegeben hat?“

„Ich kann nur sagen, was ich sehe, und du siehst es auch“, sagte Benito. „Frag deine Männer!“

Die Bande der sechs anderen bestand zum Teil aus erfahrenen Männern. Vor allem die drei Mexikaner wussten genau, wie Spuren zu deuten waren. Deshalb nickten sie nur, und Potter wusste es ja auch schon selbst. Er wollte es nur einfach nicht wahrhaben. Und es fiel ihm ein, wie Belinda ihn am Abend abgewiesen hatte.

„Dieses Miststück!“, schrie er und schlug mit der Faust auf den Oberschenkel. „Dieses verkommene Weib!“

„Potter, sie ist nicht verkommen, nur, weil sie dich nicht mag. Du bist für sie immer der Hund gewesen und du wirst daran nichts ändern.“

„Der Hund? Mann, sag das noch einmal!“, brüllte Potter.

„Sid, lass es, damit kommen wir nicht weiter!“, mahnte einer von Potters Männern. „Verfolgen wir lieber die Spuren."

Sie ritten weiter, aber nach einer halben Stunde endeten die Spuren der beiden Pferde und der zehn Maultiere in einer Wanderdüne.

Und hier geschah etwas, das für alle gänzlich unerwartet kam und keinesfalls vorauszusehen gewesen wäre.

Benito gab das Zeichen für die anderen Männer, zu warten. Er wollte im Kreis reiten, um irgendwo einen Anschluss der Spur hinter der Düne zu finden.

Widerwillig saß Potter ab, als dies die anderen Männer schon getan hatten. Er blickte in die trostlose Runde, wischte sich den Staub und Schweiß vom Gesicht und meinte plötzlich:

„Eh, Marek, es sieht nicht so aus, als hätte dein Kumpan heraus, wo das Versteck ist. Sie reiten immer nach Südwesten.“

„Stimmt, und wo ist das Versteck?“, fragte Joe. „Wir könnten die beiden doch laufen lassen und die Gewehre holen und inzwischen auf eigene Rechnung verkaufen.“

„Das hat Zeit“, erwiderte Potter. „Erst werde ich dieses Weib und deinen Freund an die Brust ziehen. Ho, da bleibt kein Auge trocken, sage ich.“

„Der Hass geht dir also übers Geschäft“, stellte Joe fest. „Ich für meinen Teil würde lieber das Geschäft machen. Schlimmer kann die Ohrfeige für Ellis und die Frau gar nicht sein. Vorausgesetzt, dass Belinda überhaupt mit von der Partie ist.“

„Jetzt bin ich da sicher“, knurrte Potter. Er spie wütend aus und traf die Kuppe einer kopfgroßen Kaktee, von denen hier ganze Felder am Rande der Wanderdüne standen. Eine ganze Reihe davon war schon fast zugedeckt von wanderndem Sand, andere ragten gelbbraun und wie erstarrt in der tödlichen Dürre aus dem trostlosen weißgelb des Wüstenlandes.

Während Potter noch sinnend auf die Kakteen starrte, auf die er gespuckt hatte, geschah es.

Einer der Mexikaner aus Potters Mannschaft hatte die Zeit genutzt, seinen Spencerkarabiner aufzuladen. Niemand wusste, wie es kam, aber plötzlich löste sich ein Schuss aus der Waffe.

Die Kugel traf eines der Maultiere in den Bauch. Das entsetzte Tier machte einen Satz nach vorn, rammte ein anderes Tier, das ebenfalls erschrocken lossprang und gegen Potters Falbhengst prallte.

Der Hengst, ohnehin ein sehr temperamentvoller Bursche, bäumte sich scheuend auf und wirbelte dabei halb um die eigene Achse. Sein rechter Vorderhuf fegte wie ein Schleuderhammer durch die Luft und traf Potters Kopf. Potter flog mit zerschmettertem Schädel noch ein paar Schritte weit, während der Hengst davonraste. Seine Panik steckte die Maultiere an, die sofort wie eine in Stampede geratene Viehherde mit schrillem Iah-Schreien davonjagten.

Es ging zu schnell, um die Tiere noch aufhalten zu können. Und für einen der Männer, ein Amerikaner, der direkt vor den Mulis war, wurde es besonders arg. Die vordersten Pferde warfen ihn durch den Anprall zu Boden. Ein Huf streifte den Mann im Gesicht, ein anderer berührte ihn nur leicht am Kinn, aber das reichte schon aus. Als sich der Staub legte und die Männer ihre erste Überraschung überwunden hatten, sah Joe Marek Potter mit zerschmettertem Kopf und ein Stück weiter den unglücklichen Mann, den die Maultiere überrannt hatten.

Potter war tot, daran bestand kein Zweifel. Deshalb hastete Joe zu dem anderen Mann, und mit ihm kamen noch die übrigen Männer aus Potters Mannschaft.

Der Niedergerissene lebte, aber er war schwer verletzt. Noch verschonte ihn eine gnädige Ohnmacht vor den Schmerzen, die ein gebrochener Kiefer und ein gebrochenes Nasenbein hervorriefen.

„Er muss sofort nach Tucson zurück“, sagte einer der Männer.

„Ja, aber erst müssen wir Pferde und Maultiere einfangen“, entgegnete Joe. „Zwei von euch bleiben hier. Wir anderen suchen die Pferde. Weit werden sie nicht laufen. Dort vorn sind schon zwei. Kommt!“

Sie brauchten nicht lange zu suchen. Benito hatte aus der Ferne die ledigen Pferde und Mulis gesehen und war schon dabei, sie zurückzutreiben.

Als Pferde und Maultiere wieder angeleint waren und die Männer den Verletzten einem der ihren in den Sattel gesetzt hatten, sagte Joe: „Zwei sollten mit ihm zurückreiten. Die anderen vier kommen am Besten mit uns. Wer weiß, wo die Waffen versteckt sind? Das würde den Vorsprung von Ellis und Miss Belinda sehr verkleinern.“

„Keiner von uns weiß das“, sagte einer der Amerikaner. „Nur Belinda und Sid haben es gewusst.“

„Sid ist tot. Der wird es uns nicht sagen. Wisst ihr nicht wenigstens ungefähr wo sie sind!“, fragte Joe.

„Ungefähr? Wir haben sie damals in die Gegend von Buenosteria gebracht. Das sind zwei kleine Schafranchos zwischen Benson und Tucson. Aber den Rest erledigten der Captain, Belinda und Sid ... und Larsen natürlich.“

„Der Captain weiß es also auch! Nun gut. Wer von euch kommt mit?“ Joe sah sie an, aber er hatte nicht das Gefühl, dass sie sich ihm anschließen würden.

Einer der Mexikaner sagte: „Die Señorita ist immer gut zu uns gewesen. Aber jetzt hat sie diesen Fremden, und wir haben gesehen, dass sie ihn haben wollte, also werden wir nichts gegen sie tun. Aber auch nichts mehr für sie. Wir werden umkehren und zum Captain gehen. Vielleicht geht er mit uns und verkauft die Gewehre. Ihr könnt ja mitkommen.“

Benito, der sich mit den Mexikanern etwas angefreundet hatte, sah gespannt auf Joe. Aber Joe sagte schroff: „Gut, dann reitet. Benito und ich haben einen anderen Weg.“

„Warum?“, fragte Benito. „Ich habe die Spur nicht wiederfinden können.“

„Trotzdem. Den Captain zu suchen, dauert mir zu lange. Es ist Clark, der die richtige Karte in der Hand hat, nicht der Captain. Vamos! Reiten wir!“

Sie trennten sich ohne Abschied, ohne Bedauern. Als Joe sich umsah, konnte er die Kavalkade der Zurückreitenden weit im Nordosten erkennen. Zwei der Männer stützten den Verletzten, und über einem anderen Pferd lag der tote Potter.

„Vielleicht hätten wir mit ihnen reiten sollen“, sagte Benito. „Jetzt, wo Sidney tot ist ... “

„Sidney war sich in seiner Eifersucht und seinem Hass mit uns einig. Ohne ihn taugt der ganze Haufen nichts mehr. Wir beide allein sind stärker als mit denen da zusammen. Clark ist bewusst bis zu den Wanderdünen geritten. Er hat keinesfalls die alte Richtung einbehalten. Er wird geradewegs nach Osten unterwegs sein. Wir müssen also auch nach Osten reiten. Dort ist der Boden fest, und in etwa zwanzig Meilen haben wir Prärie unter den Hufen der Pferde.

„Glaubst du, Joe, dass Clark die Chiquita ... “

Joe ließ Benito nicht ausreden. „Ich glaube es. Und er hat die Spuren absichtlich nicht verwischt, damit wir alle es auch sehen sollen.“

„Warum ist er nur allein weg?“, fragte Benito verständnislos. „Er ist doch dein Freund!“

„Ich weiß es nicht, Benito“, sagte Joe, aber er dachte doch weiter darüber nach, ohne es Benito zu sagen. Bislang hatten Ellis und Joe alles gemeinsam gemacht, auch eine Frau war nie stärker als ihre Freundschaft gewesen. Sollte diesmal eine Frau diese Tatsache umgedreht haben? Gewiss, Joe selbst musste sich zugeben, dass ihm Belinda nicht gleichgültig war. Und Clark hatte bestimmt auch nicht nur den Triumph im Sinn, diese Frau zu unterwerfen. Aber ihm ging es ganz offenbar auch um die Waffen. Clark spielte für sein Leben gern, und dazu gehörte viel Geld. In seinem Leben hatte Clark schon Unsummen gewonnen und noch größere verspielt. Möglich auch, dass Clark und Belinda glaubten, gemeinsam das größte Geschäft ihres Lebens machen zu können.

„Er ist ein Verräter“, sagte Benito, aber auch diesmal sagte Joe nichts dazu. Natürlich, dachte er, ist es Verrat. Aber erst will ich mit ihm darüber gesprochen haben.

 

 

9

Es war Nacht, als Clark Ellis das abgebrannte Holzhaus sah. „Dort ist es?“, fragte er Belinda, die neben ihm ritt.

„Ja, dort.“ Belinda blickte Ellis an und sah im Mondschein sein kantiges Gesicht. Es wirkte wie aus Erz gegossen. Die von der Sonne gebräunte Haut erschien im Mondlicht fast violett und glänzte wie Bronze.

„Was starrst du mich so an?“, fragte er, als er ihren Blick bemerkte.

„Ich möchte doch den Mann ansehen dürfen, den ich liebe.“ Sie lächelte, als sie das sagte.

„Da siehst du was, wie?“ Er lachte. „Sind die Kisten vergraben?“

„Nein, sie liegen unter dem herabgestürzten Gebälk. Wir haben es niedergerissen, als die Kisten drin waren.Wollen wir beide es wirklich allein machen? Deine Freunde werden uns sicher folgen.“

„Ganz sicher. Aber vorerst haben die eine Menge mit deinen Freunden zu tun. Das wird sie lange genug beschäftigen. Natürlich wird Joe es nicht einfach schlucken, wenn ich die Sache ganz ohne ihn abspulen möchte. Wenn er kommt, und er kommt bestimmt, muss er etwas lernen.“

„Lernen? Was soll er lernen?“, fragte Belinda und sah Ellis neugierig an. „Du bist so sicher, dass er es ist, der uns nachkommt. Vielleicht kommt Sid mit den anderen Männern.“ Clark Ellis schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, dein Sid ist gegen Joe eine trübe Nuss. Ich kenne Joe und weiß, was er wiegt. Gegen ihn kommen drei von deinen Freunden beim Wiegen in Höhenluft. Joe ist ein Ass, mit dem werden ein paar von Sids Kaliber nicht fertig.“

„Du sprichst von ihm, als bedeute er dir wirklich etwas, und doch willst du ihn betrügen.“

„Das geht dich nichts an. Bis jetzt ist er nicht betrogen worden. Er hat die Chance, uns zu folgen.“ Ellis sah auf die abgebrannte Hütte und das geschwärzte Fundament aus Adobelehm. „Feines Schloss, wie? Sehen wir uns den Spaß näher an. Und hier ist sogar ein Brunnen. Nachher tränken wir die Tiere. Sitz ab, Schätzchen.“

Das Land in der Runde war wellig, fast hügelig. Hohes, in der Dürre gelbes verdorrt wirkendes Gras, stand in gürtelhohen Büscheln zusammen mit blaugrün schimmerndem Mesquite und verkümmertem Salbei, dessen purpurne Blüten scharf dufteten.

Ellis saß ab und half Belinda vom Pferd. Dann ging er auf die Hütte zu, stieß ein paar verkohlte Holzstücke beiseite und kletterte über die Trümmer ins Innere.

Belinda sah ihm zu, wie er die geschwärzten und zum Teil abgebrannten Balken weghob und schließlich die Kisten freilegte, die unverändert dort standen, wo Belinda, Sidney Potter und Larsen Thorsen sie hingebracht hatten. Damals war auch der Captain dabei gewesen. An ihn musste Belinda denken. Er war auch hinter ihr her. Alle waren sie hinter ihr her, vor allem Sid, der sich bestimmt nur deshalb ihnen angeschlossen hatte.

Wie habe ich nur auf die wahnsinnige Idee kommen können, Larsen heiraten zu wollen, dachte sie, während Ellis die erste der Kisten ins Freie trug. Sie sah, wie seine Armmuskeln spielten, als er die Jacke ausgezogen und die Hemdsärmel aufgekrempelt hatte. Und das Bild, das er abgab, faszinierte sie. Ein Mann, welch ein Mann! Sie wusste nun, dass diese Männlichkeit nicht nur äußerlich war.

Ich bin verrückt, diesen Mann zu lieben, mahnte sie ihr Verstand. Er ist skrupellos und kaltblütig. Wie er den Freund versetzt hat, so wird er mich eines Tages sitzen lassen. Doch bevor sie sich selbst auf die innere Warnung eine Antwort geben konnte, überkam sie diese wilde Leidenschaft wieder, die alles Denken und alle Vernunft übertraf.

Das Verlangen, von Ellis in die Arme genommen und so wie in der vergangenen Nacht geliebt zu werden, wuchs wie ein Fieber.

„Liebster“, sagte sie leise, als Ellis die dritte Kiste abgesetzt hatte und an ihr vorbeikam.

„Bring die Pferde und die Mulis zur Tränke, Belinda“, sagte er und ging weiter, ohne auf ihren zärtlichen Zuruf eingegangen zu sein.

Enttäuscht sah sie ihm nach, aber sie zürnte nicht. Widerwillig und doch im Bann dieses Mannes, gehorchte sie.

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904031
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334839
Schlagworte
drei glenn stirling western

Autor

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Titel: Drei Glenn Stirling Western