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Blutnacht in Kansas

2016 130 Seiten

Leseprobe

Blutnacht in Kansas

Uwe Erichsen

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Blutnacht in Kansas

von UWE ERICHSEN, geschrieben als Jim Sheridan

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Lyle Dünne musste untertauchen, doch seine Vergangenheit holt ihn unbarmherzig ein. Schon bald erkennt er, dass er sich jenen Männern stellen muss, die er einst für Kameraden hielt – und die ihm das Schlimmstmögliche antaten. Lyle begibt sich auf den Trail der Rache, gerät dabei in ein Komplott und setzt alles daran, die Wahrheit zu ergründen. Dabei begegnet er der reizenden, sanftmütigen Dorothy Stevens. Gibt es noch einen Neuanfang für den harten, verbitterten Lyle?

Im Haus jenes Verbrechers, der im Hintergrund die Fäden zieht, kommt es zu einem dramatischen Showdown.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

In den Eisenbahnercamps gab es keinen mieseren Tag als den Donnerstag. Der freie Sonntag lag noch in weiter Ferne, der karge Lohn war längst verbraucht, der Kantinenwirt schrieb nicht mehr an, weil ihm ohnehin der nächste Lohn gehörte, und die Kameraden borgten einem nichts mehr, weil sie selbst keinen Cent in den Taschen hatten. „Mann, ist das ein mieser Abend“, sagte einer, der an einem der langen Brettertische in der Aufenthaltsbaracke hockte und die Tischplatte mit seinem Messer zerhackte. Aus purer Langeweile. Der Wirt am Ende des Raumes blickte missmutig über die Anwesenden hinweg. Wenn er gekonnt hätte, hätte er die Männer rausgeschmissen, alle miteinander. Aber ihm gehörte nur die Theke hier, sonst nichts. Und natürlich die Flaschen hinten im Lagerraum und die Fässer Bier, die an jedem Freitag mit dem Versorgungszug aus Julesburg heraufgebracht wurden. Die Männer wurden aufmerksam, als die Tür geöffnet wurde. Eine heftige Bö ließ sie gegen die Wand knallen. „Tür zu!“, schrie jemand, und der Fremde schloss sie hastig. „Kann ich etwas zu trinken bekommen?“, fragte er in die beinahe atemlose Stille. Achtzig Männer starrten ihn an, als er einen kleinen Lederbeutel unter der Jacke hervorzog und ein paar Münzen auf die rissige Holzplatte warf. Lyle Dünne blickte auf. Er saß nicht weit von der Theke entfernt und hatte deshalb Gelegenheit, den Fremden eingehend zu mustern. Viel gab es jedoch nicht zu sehen – der Kerl gefiel Lyle Dünne nicht, deshalb verlor er jedes Interesse an dem Neuankömmling. Der Kerl sah schmierig aus und erinnerte an einen Geier mit seinen rotgeränderten Augen, der gebogenen Nase und den gekrümmten Fingern. „Was darf es sein, Sir?“, fragte der Wirt. Sir sagte der armselige Keeper zu diesem Fremden. Die Männer hätten beinahe laut aufgebrüllt. Noch nie hatten sie gehört, dass er jemanden von ihnen so nannte, dabei kassierte er fast jeden Dollar, den sie hier verdienten mit ihrer Knochenarbeit! Sir!

Lyle Dünne legte wieder seinen Kopf gegen die Bretterwand und schloss die Augen. Draußen tobte der Sturm, ein Wind, der bald Schnee bringen würde. Noch einen Winter würde er hier oben verbringen, dann einen weiteren Winter in den Bergen, wie seit drei Jahren. Er war Schienenschlepper beim Bau der Nebenlinie zwischen Glenwood und Casper, Wyoming. Big Muddy hatten sie diesen Abschnitt getauft. Berge, Dreck und der Schlamm unten am Fluss, wo sie die Schienen verlegten. Wer einmal dabei war, kam selten wieder davon. Zu sehr war er eingespannt in das mörderische System, das einem Sklavendasein glich. Nachdem die irischen Paddys in alle Winde verstreut waren und selbst die chinesischen Kulis, die die erste Eisenbahnlinie quer durch die Rockey Mountains verlegt hatten, vom Eisenbahnbau nichts mehr wissen wollten, holten die Bosse ihre Männer, wo sie sie kriegen konnten und fesselten sie mit langfristigen Verträgen.

Lyle Dünne spuckte auf den Boden. Jeder der Männer bekam Woche für Woche nur ein paar Dollar ausbezahlt. Der größte Teil des Lohns wurde zurückbehalten. Er sollte ausgezahlt werden, wenn die vertragliche Zeit abgelaufen war.

Aber wer hielt fünf Jahre Eisenbahnbau durch? Eisige Winter, dürre Sommer. Fünfmal.

Lyle Dünne schreckte auf, als er einen Namen hörte. Der Fremde sprach mit dem Wirt. Er hatte seinen Geierkopf über die Theke gebeugt, beäugte das feiste Gesicht des Wirtes, und fragte ziemlich laut: „Kennen Sie jemanden, der Dundee genannt wird?“

Lyle Dünne drehte sich eine Zigarette. Er hielt den Kopf gesenkt, dennoch beobachtete er den Fremden jetzt genau.

Dundee. Lyle Dünne hätte nicht gedacht, dass jemand diesen Namen noch kennt.

Dünne schämte sich dieses Namens. Denn er war es, den man vor Jahren so genannt hatte. Er hatte geglaubt, diesen Namen und mit ihm die Erinnerung an die Zeit, in der er so genannt wurde, abgeschüttelt zu haben.

Doch dieser Fremde, der da an der Theke stand und mit dem Wirt sprach, bewies Lyle Dünne, dass niemand seiner Vergangenheit entrinnen kann.

Lyle Dünne hatte es gewusst. Er hatte es nur nicht wahrhaben wollen.

2

Dünne stand auf. Er schlängelte sich durch die Reihen der mürrisch dahockenden Männer. Manche versuchten es sogar mit einem Spielchen, aber ohne Dollars machte es keinen Spaß. Dünne schlug den Kragen seiner Jacke hoch, als er in die stürmische Nacht hinaustrat.

Die Wolken jagten tief durch das Flusstal, und es war schon sehr kalt. Zu kalt für diese Jahreszeit. Dünne sehnte sich nach der Wärme des Südens.

Er schritt durch das Camp. Die flachen dunklen Schlafbaracken ließ er links liegen. Rechts erhoben sich die Stapel der Schwellen und Gleise, die Hilfsfahrzeuge, Seile, Taue, Werkzeuge. Und der Abfall von den Männern, die hier schon seit vielen Monaten hausten.

Dünne blieb im Schatten der Schmiede stehen und lauschte gegen das Heulen des Sturms. Es gab zwei Nachtwächter, aber Dünne wusste, dass die beiden Nichtsnutze meistens in einer Ecke lagen und schliefen oder ein Spielchen wagten. Denn welcher Bandit wagte sich in diese Einöde, fünftausend Fuß hoch, wo es keine Straße durch das Tal des Flusses gab, über die man Beute aus einem Eisenbahncamp hätte transportieren können. Es gab nur die Schienen. Jede Woche ein paar Yards mehr. Und ein paar Fuß höher.

Dünne fand das Pferd des Fremden. Es war neben der Hütte der Ingenieure angebunden. Durch die beiden Fenster auf dieser Seite fiel gelber Lichtschein. Dünne konnte die drei Ingenieure sehen, die noch über ihre Karten und Pläne gebeugt dasaßen.

Lyle Dünne stellte sich in den Schatten der Hausecke. Er wartete auf den Fremden. Er musste wissen, warum der ihn suchte.

Dünne lehnte an der Hütte. Entspannt betrachtete er das Pferd. Es war ein zähes hochbeiniges, hellbraunes Pony mit einem zu schweren mexikanischen Sattel. Eine Winchester steckte im Sattelschuh, die beiden Packtaschen waren prall gefüllt. Der Reiter hatte einen langen Ritt hinter sich, und die Ausrüstung ließ erkennen, dass ein Ende des Trails für ihn nicht abzusehen war.

Dünne wartete geduldig. Alles an ihm verriet den Reiter. Sein Interesse an dem fremden Pony und seine Erscheinung von den klaren grauen Augen bis zu den leicht gekrümmten Beinen. Dazwischen lagen schlanke kräftige Knochen, lange Arme mit schweren Fäusten und gelenkigen Fingern.

Dünne bewegte die Finger. Mit dem Colt würde er nicht mehr so schnell sein wie früher, gewiss nicht. Dafür konnte er jetzt mit den Fäusten umgehen!

Dünne ließ sich zusammensinken, als die Tür der Hütte geöffnet wurde und einer der Ingenieure hinaustrat. Der Mann klopfte seine Pfeife am Stützbalken des Vordaches aus und blieb dort stehen.

Dünne hielt sich im Schatten neben dem braunen Pony verborgen. Das Tier bewegte sich unruhig, es schnaubte und warf den Kopf in die Höhe. Dünne fragte sich, wo der Fremde übernachten wollte. Hier im Camp? Es war die naheliegende Lösung. Es gab immer einen Strohsack für einen Durchreisenden und einen Becher Kaffee, am Morgen. Doch dann hätte der Fremde sein Pferd absatteln können.

Nun, vielleicht wollte er es noch tun, nachdem er die Lage gepeilt hatte. Lyle Dünne hörte den Mann plötzlich kommen. Er duckte sich unter ein langes breites Brett, das an die Hütte gelehnt war.

3

Der Fremde mit den rotgeränderten Augen eines Geiers stapfte durch den knöcheltiefen Schlamm der Lagerstraße. Lyle Dünne konnte ihn sehen. Der Kerl ließ den Kopf hängen. Egal, wieviel er über Lyle Dünne oder Dundee wissen mochte – er war ihm nahe, eine Armlänge nur trennte ihn von dem Gesuchten. Hier würde er ihn nicht aufspüren. Denn Dünne nannte sich hier anders. Niemand kannte ihn als Lyle Dünne oder Dundee. Lyle Dünne war Ire, und irgendjemand hatte früher einmal geglaubt, Dundee, diese schottische Stadt, liege in Irland, und ihn deshalb Dundee genannt. Der Irrtum war so lächerlich, aber Dünne hatte sich trotzdem gewehrt und den Kerl, der ihn in einen Schotten verwandeln wollte, fürchterlich verprügelt. Danach haftete ihm der Name Dundee nur umso fester an, und er hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt.

Der Fremde band sein Pony los. Dünne warf einen Blick zur Ecke, wo immer noch der lange Schatten des Ingenieurs zu sehen war, der vor der Hüttentür stand, um Luft zu schnappen.

Niemand durfte etwas hören. Der Fremde nahm das Pony am Zügel und drehte es herum. In diesem Augenblick sprang Dünne vor.

Der Fremde schien die Bewegung in seinem Rücken zu spüren, denn er wollte herumfahren. Dünne war schneller. Er schlang den linken Arm um den Hals des Fremden und riss ihm mit der anderen Hand den Revolver aus dem Holster.

„Halt deinen Gaul fest“, sagte er heiser in das Ohr, das von langem grauem, zottigem Haar bedeckt war. Gleichzeitig drückte er die Mündung der Waffe in die Seite des Fremden. „Wie heißt du?“

„He! Ich ...“ Der Kerl wandte sich ab. Dünne zog den Arm fester um den mageren Hals, gleichzeitig presste er die Revolvermündung tief in die Seite des anderen. Der spürte erst jetzt, welche Gefahr ihm drohte, und er stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt den Atem an und bewegte sich nicht mehr.

„Wie heißt du?“ Dünne lockerte den Würgegriff ein wenig.

„Ich bin Alec Robinson. Wer ...“

„Schnauze, Alec. Warum suchst du Dundee?“

„Kennst du ihn?“

„Sehr gut sogar. Warum?“

Der Kerl atmete jetzt schwer. Er schien etwas zu wittern, etwas zu ahnen, und sein Gehirn suchte nach einer Lüge. Dünne spürte es, aber er wartete.

„Ich habe mal von ihm gehört, und ich wollte ihn gerne kennenlernen.“ Lyle Dünne rammte ihm das Knie ins Kreuz. Der Fremde ächzte, und Dünne drückte ihm den Hals zu. Immer noch stand der Ingenieur vor der Hütte. Der Sturm heulte schauerlich durch das Tal. Dünne wollte unbedingt vermeiden, erkannt zu werden. „Noch eine Lüge, und ich breche dir das Rückgrat. Du kannst es dir überlegen.“

Hatten sie seine Spur?, fragte sich Dünne besorgt. Nein, lautete die Antwort. Weshalb sollten sie ihn suchen? Er war damals nicht erkannt worden, und niemand hätte ihn auf andere Weise mit dem Raub in Verbindung bringen können. Außer den Strolchen natürlich, die beinahe das Blutbad angerichtet hätten. Er wäre beinahe zum Mörder geworden, da war er geflohen.

Aber dieser Alec Robinson sah genau wie ein Kopfgeldjäger aus.

„Mann, ich habe doch nichts gegen dich“, würgte er.

„Gegen wen?“, fragte Dünne gepresst.

„Du bist doch Dundee?“

Dünne sah nach links. Der Schatten des Ingenieurs bewegte sich durch die schmale Lichtbahn, die aus der Tür der Hütte fiel, dann klappte die Tür ins Schloss. Dünne nahm dem Fremden die Zügel aus der Hand und trieb ihn dann vor sich her auf die hohen Stapel der Schwellen zu, die gewaltige Vierecke bildeten. Dünne trieb den Mann zwischen die Stapel. Irgendwo band er das Pony fest, dann wirbelte er den Fremden herum und stieß ihn gegen einen Stapel.

Es war so dunkel, dass der Andere Dünnes Gesicht nicht erkennen konnte. Dünne fragte: „Warum suchst du Dundee?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein tonloses Flüstern, doch die Gestalt vor ihm erschauerte vor der Kälte, die diese Stimme ausstrahlte.

„Sie zahlen fünftausend Dollar, wenn ich dich erwische.“

„Wer ist das?“

„Es gibt einen Steckbrief in Hill City in Kansas ...“

Dundee spürte, wie seine Knie weich wurden. War alles umsonst gewesen?

„Warum bist du hierhergekommen?“, fragte Dundee.

„Jemand hat mir einen Tipp gegeben“, keuchte Robinson. „Ich sollte es oben in Wyoming oder in Idaho versuchen, bei der Eisenbahn ...“

Es war, als ob sich eine eiskalte Hand in Dünnes Magen wühlte. Nur einem einzigen Menschen gegenüber hatte er erwähnt, wohin er gehen wollte, was er tun würde.

Dieser Mensch war seine Schwester.

Anne, die den biederen Bob Lowry geheiratet hatte und mit ihm glücklich war.

Nur Anne hatte alles gewusst, alles von seinem früheren Leben und von der Art, wie er dem alten Leben abgeschworen hatte.

„Wer hat dir den Tipp gegeben?“

„Mann, das kann ich nicht sagen ...“

Dünne schlug zu. In die Dunkelheit hinein. Er traf mitten in das Vogelgesicht. Etwas brach unter dem schweren Fausthieb, der Schädel des Mannes krachte gegen das harte Holz. Dünne packte zu, er hielt den Mann fest, der zusammenzusacken drohte. Er schüttelte ihn wie ein Kaninchen. Dumpf schlug der Schädel des Fremden gegen die Schwellen.

„Wer?“, fragte Dünne.

„Ein Mann – ich kenne seinen Namen nicht. Ich traf ihn in Allison in Kansas ...“ Der Mann schluckte, wimmerte dann. Dünne lockerte seinen harten Griff. Der Kerl konnte sich nicht auf den Beinen halten. Dünne stützte ihn gegen den Stapel.

„Wie sah er aus?“

„Groß, breit“, keuchte Robinson. „Flache Nase ...“

In Dünnes Gehirn dämmerte etwas. Das Gesicht einer mordlüsternen Bestie tauchte vor seinem inneren Auge auf, der Name drängte an die Oberfläche. Gene Olinger.

Es war sein immer noch wacher Instinkt, der Instinkt des Gejagten, der ihn warnte. Er warf sich zur Seite. Schwach sah er etwas aufschimmern, dann fuhr die Klinge des langen Messers seitlich in seine Jacke.

Der Schmerz war urplötzlich da. Er strahlte von einer Stelle gleich an den unteren Rippen aus, breitete sich über den Brustkorb aus mit der Geschwindigkeit von Peitschenhieben.

Dünne wollte abdrücken. Er wollte schießen, bevor er hier geschlachtet wurde, aber der Kerl trampelte ihn nieder, war über ihm. Dünne stürzte. Auf dem Boden lag Sägemehl. Er wälzte sich herum. Viel zu langsam, dachte er träge. Er tötet mich ...

Lyle Dünne schaffte es, die Beine hochzureißen. Die Sohle krachte unter ein Kinn. Der Kerl stieß einen überraschten Schrei aus, als er zurückflog.

Er hat mich schon tot gesehen, dachte Dünne triumphierend, aber ich lebe noch! Er rollte blitzschnell hinter einen Stapel und blieb dort atemlos liegen. Er presste die Hand auf die linke Seite. Warmes Blut rann an seiner Hüfte hinab. Dünne lehnte sich gegen das Holz. Er atmete flach und leise. Der Stich war unterhalb der Rippen in seinen Brustkorb gedrungen, von unten nach oben. Vielleicht nicht sehr tief, sonst sähe es jetzt schon anders um ihn aus.

Er hörte die Schritte des Fremden. Der Kerl suchte ihn. Wenn er ihn jetzt tötete, hätte er fünftausend Dollar verdient! Wer hatte einen solchen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt?

Dünnes Kopf wurde schwer und sank nach vorn. Er schreckte auf, als der Fremde gegen sein Bein stieß. Dünne ließ seine Arme vorschnellen. Sie packten das Bein des Kopfgeldjägers und drehten es herum. Es war, als stecke das Messer immer noch in Dünnes Brust, aber der Fremde flog durch die Luft und krachte schwer zu Boden. Dünne kroch neben ihn. Er nagelte die Rechte des anderen in den weichen Boden und nahm ihm das Messer ab. Er schleuderte es weit in die Dunkelheit hinein.

„Wenn du mir noch einmal über den Weg läufst, Robinson, bringe ich dich um“, flüsterte er nah am Ohr des Fremden. „Und wenn ich dich gleich noch hier im Lager sehe, hetze ich meine Kameraden auf dich!“

Dünne richtete sich auf. In der Hand hielt er noch den schweren Revolver. Er steckte die Waffe ein und humpelte davon. Eine Minute später schlüpfte er in die Baracke, in der seine Pritsche stand. Es stank nach Schweiß, und einige Schläfer schnarchten bereits. Dünne tastete sich zu seiner Liegestatt durch und ließ sich auf den Strohsack fallen. Den Revolver stopfte er tief unter die Matratze. Dann zerrte er mühsam die Jacke von seiner Schulter und das Hemd aus der Hose. Er presste den Stoff gegen die immer noch heftig blutende Wunde, und er biss die Zähne zusammen, wenn der Schmerz ihn überrollte.

Irgendwann überschwemmte ihn eine dunkle Woge, und er verlor das Bewusstsein.

4

Er erwachte, als das erste Grau durch die schmutzigen Scheiben sickerte und die Einzelheiten der schäbigen Unterkunft deutlicher hervortreten ließ.

Lyle Dünne hob den Kopf. Noch war niemand wach. In wenigen Minuten jedoch musste der Vorarbeiter kommen, um seine Männer zu wecken. Er bekam eine Prämie, wenn der Abschnitt, für den er verantwortlich war, pünktlich fertig wurde. Die Männer nicht.

Dünn hörte er das Klappern der Blechkannen und der Pfannen. In der Küchenbaracke wurde das Frühstück vorbereitet.

Lyle wunderte sich beinahe, dass es ihm vergönnt war, diese Geräusche noch einmal zu vernehmen. Seine Hand hatte er immer noch in die Seite gepresst. Er versuchte sie zu lösen, doch das herausgeströmte Blut hatte den Stoff durchtränkt und dann an die Haut der Hand geklebt.

Lyle atmete vorsichtig ein und aus. Es stach ein wenig, und die Rippen, an denen das Messer entlang geschrammt war, schmerzten noch von der Prellung. Er schlug die Decke zur Seite. Hand und Hemd waren von einer Schicht eingetrockneten Blutes verklebt. Behutsam löste er die Hand, und auch der hart gewordene Stoff brach auf und gab die Wunde frei. Lyle Dünne hielt den Atem an, als ein stechender Schmerz durch die Seite zuckte.

Er verdrehte den Kopf und starrte die hässliche schmale Wunde an. Der Schlitz blutete wieder, und schnell drückte Lyle die Hand darauf.

Er sah durch die dreckigen Scheiben nach draußen. Es war heller geworden, doch außer den Umrissen der anderen Baracken konnte er nur die weißen Wolkenberge erkennen, die die Bergflanke bedeckten.

Wo mochte der Fremde jetzt sein?, fragte er sich. Alec Robinson nannte sich die Ratte. Ob der Kerl wusste, wie schwer er ihn getroffen hatte? Er brauchte jetzt nur draußen zu lauern und jeden Mann zu mustern. Wenn Robinson erfuhr oder erkannte, dass er verletzt war, hatte er sein Opfer gefunden.

Niemand durfte merken, dass er verletzt war, dachte Lyle Dünne. Er brauchte ein wenig Zeit. Um sich zu erholen, um Kräfte zu sammeln für den Trail nach Kansas.

Nur Anne hatte gewusst, dass er zur Eisenbahn gehen wollte ...

Lyle biss die Zähne zusammen, als das Signal ertönte. Das helle Klingen einer alten Lokomotivglocke aus Messing, die draußen vor der Kantinenbaracke aufgehängt war.

Da polterte auch schon der Schinder in die Schlafbaracke. Die Tür krachte gegen die Wand. Der Vorarbeiter stand in der Tür. Er brüllte los. Für ihn konnten die Männer nicht schnell genug aus den Kojen kommen. Seine Stimme klang heiser wie immer. Lyle hasste die Stimme, und er hasste den vierschrötigen Mann.

Es war wie an jedem Morgen. Flüche, Verwünschungen. Der Vorarbeiter lachte laut. Die Kette, die er an seinem Gürtel befestigt hatte, klirrte bei jedem stampfenden Schritt. Lyle hatte einmal gesehen, wie der Schinder einen Arbeiter mit dieser Kette fast zu Tode geprügelt hatte. Und das nur, weil der Mann eine Sprengladung ein Stück zu weit vorgesetzt hatte. Die Ladung hatte einen Schwellenstapel umgeblasen. Zeitverlust für diesen Tag – zehn Minuten.

Lyle hasste den Schinder wie alle Männer in dieser Baracke, die zu seiner Gruppe gehörten, ihn hassten.

Lyle wälzte sich aus dem Bett. Vor seinen Augen erschienen rote Schleier, und als er sich aufsetzte, fühlte er sich schwindelig. Er wartete, bis der Anfall nachließ. Er hatte die Decke um seine Hüfte geschlungen, damit niemand die Wunde sehen konnte. Er suchte ein Hemd in dem Regal über seinem Bett. Er fand jedoch kein sauberes, deshalb bückte er sich und zerrte das dreckige hervor, das er vorige Woche getragen, jedoch noch nicht gewaschen hatte. Lyle wusch seine Wäsche an jedem zweiten Sonntag.

Er zerrte das blutverschmierte Hemd über seinen Kopf, stopfte es unter die Decke und zog das andere an. Dann stand er auf, stopfte es in die Hose, schlüpfte in die Stiefel.

Zusammen mit den anderen schlurfte er in den Hof, zu den Trögen mit dem kalten Wasser. Er sah nicht auf, als er den Mann bemerkte.

Robinson hockte auf einem Bretterstapel und rauchte eine Zigarette. Aus geschlitzten Augen beobachtete er die Männer, die sich um die Tröge drängten.

Lyle biss die Zähne zusammen. Warum hockte der Kerl ausgerechnet hier? Es gab insgesamt vier Schlafbaracken in Big Muddy. Hatte der Kerl ihn schon so weit eingekreist?

Mechanisch wusch und rasierte Lyle sich. Zusammen mit den anderen ging er in die Baracke zurück, warf sein Handtuch auf das Bett. Er sah sich um. Robinson blieb draußen. Lyle rollte das blutige Hemd ein. Die Decken waren sauber geblieben. Einen Impuls folgend, nahm Lyle auch den Revolver an sich. Als er zusammen mit den anderen die Baracke verließ, stopfte er das Hemd in die überquellende Mülltonne neben der Tür. Der Revolver steckte jetzt im Gürtel unter der dicken braunen Jacke.

Im Stehen tranken sie Kaffee und verzehrten die gebratenen Eier und den Speck aus Blechtellern. Lyle sah den Kopfgeldjäger wie einen Geier um die Kantinenbaracke herumstreichen.

Lyle schlürfte seinen Becher leer und ging zu der großen Kanne, um den Becher noch einmal zu füllen. Über den Rand blickte er in die Richtung des Geiers.

Die Blicke der Männer begegneten sich kurz. Der Kopfgeldjäger musste eine Beschreibung von ihm haben, klar, doch die mochte auf ein paar Dutzend andere Männer im Camp passen. Groß und drahtig waren viele, auch rotblondes Haar war nicht selten. Lyle stellte den Becher ab, als der Schinder auftauchte. Der Kerl rasselte mit seiner Kette.

Lyle und sieben andere Männer arbeiteten ein Stück das Tal hinauf am Hang, wo eine andere Gruppe am Vortag einen Sims in den Felsen gesprengt hatte. Sie mussten jetzt die Trümmer zur Seite räumen.

Knochenarbeit.

Ihre einzigen Werkzeuge waren Schaufeln, Seile und die Fäuste.

Die Wolken fielen herab. Schon am Mittag arbeiteten die Männer in undurchdringlichem Nebel. Die warnenden Hörnerrufe drangen nur noch dünn zu ihnen, dann folgten die Detonationen der Sprengtrupps weiter vorn.

Niemand achtete darauf. Lyle wusste nicht, wie er die Zeit hinter sich brachte. Zwei Boys tauchten aus dem Nebel und brachten ihnen den Lunch. Zwanzig Minuten Pause. Erschöpft ließ Lyle sich auf einen Felsbrocken fallen.

Er hatte keinen Hunger. In seinem Magen wühlte die Übelkeit. Um nicht aufzufallen, aß er einen Streifen getrocknetes Fleisch. Irgendjemand hatte eine halbe Flasche Brandy bei sich, die er jetzt kreisen ließ.

Noch vor dem Ende der Pause tauchte der Schinder aus dem Nebel. Wie ein Geist stand er schweigend da, umwallt von weißen Schleiern, bis die Männer ihre Arbeit pünktlich wiederaufnahmen. Dann erst stieg er kettenklirrend weiter ins Tal hinauf.

Lyle schwankte. Immer öfter musste er sich auf den Stiel der Schaufel stützen und warten, bis die schwarzen Schleier vor seinen Augen wichen.

„He!“, stieß ihn jemand an. „Der Schinder kommt zurück!“

Lyle schwang die Schaufel. Immer weiter, immer weiter. Der Vorarbeiter zog vorbei, verschwand im Nebel. Lyle hielt erschöpft inne.

Wieder kam der Kamerad. „He, Cal!“ Cal nannte er sich hier, Cal Shaw. „Dir geht es nicht gut. Setz dich hin.“

Lyle schüttelte den Kopf. Die anderen mussten seine Arbeit machen, wenn er aussetzte, ohne sich krank zu melden. Der Mann stieß einen Pfiff an. Die anderen Kameraden standen plötzlich um Lyle herum. Er sah sich um. Die Welt drehte sich plötzlich um Lyle, immer schneller, die Gesichter verschwammen.

Lyle Dünnes Augen rollten nach oben, und dann gaben seine Knie nach.

5

Sie hatten ihn auf ihre Jacken gebettet. Lyle erwachte langsam. Ihm war kalt. Er hörte das Klirren ihrer Schaufeln gedämpft durch den Nebel, das Prasseln der Steine, die den Hang hinabgeworfen wurden.

Er setzte sich auf und zog die Jacke fester um die Schultern. Den Revolver hatten sie nicht entdeckt, ebenso wenig wie die Wunde. Lyle betastete sie vorsichtig. Das Hemd an der Seite war feucht vom Blut. Die Bewegung hatte die Wunde wieder aufreißen lassen.

Lyle presste die Zähne aufeinander. Auf diese Weise konnte er sich nicht vor dem Kopfgeldjäger verstecken. Noch einen Tag Knochenarbeit hielt er nicht aus. Er musste sich krankmelden, musste zum Knochenflicker, der in einer Baracke weiter unten im Tal arbeitete.

Er musste jetzt nur noch bis zum Einbruch der Dunkelheit aushalten. Dann würde er in das andere Lager wandern und sich verarzten lassen.

Er schleppte sich zu den Kameraden. „Danke“, sagte er.

Sie nickten nur. Lyle schwang die Schaufel. Er hatte den Eindruck, als ob die anderen genau dort den Schutt wegschaufelten, wo er gerade arbeiten wollte. Die Jungs waren schon in Ordnung, dachte er. Außerdem war heute Zahltag. Da waren die Menschen freundlicher gestimmt.

Lyle Dünne überstand den Tag. Mit seiner Gruppe wanderte er ins Lager zurück. Der Zahlmeister aus dem Büro in Julesburg war bereits eingetroffen. Lyle stellte sich in die Schlange vor dem Zahltisch und nahm dann seinen Lohn in Empfang.

Als er aufblickte und aus der Reihe trat, fing er wieder einen Blick des Geiers auf. Der Kopfgeldjäger lehnte an der Wand der Kantine, eine Zigarette hing in seinem Mundwinkel.

Und er beobachtete Lyle Dünne.

Lyle ging zu seinem Bett. Auf dem Platz zwischen den Holzhütten brannten ein paar Kerosinlampen, und am Balken unter der Decke schaukelte eine Petroleumlampe. Lyle setzte sich auf das Bett. Er sah nicht nach draußen. Er hatte das Gefühl, als ob er von dem Geier beobachtet wurde. Er zählte seine Dollars, stopfte das Geld in die Taschen seiner Jacke und stand wieder auf.

Trübe glommen die Lichthöfe der Lampen durch den Nebel. Lyle steuerte den Kantinenbau an, doch in der Tür blieb er stehen und sah sich um.

Der Geier war verschwunden. Wartete er jetzt in der Kantine, wo sich alle versammelten, um das Abendessen einzunehmen?

Lyle wandte sich um. Er stapfte den ausgetretenen Weg neben der Strecke entlang. Der Schienenstrang endete nicht weit von der Hütte am Materiallager. Lyle erkannte die Baldwinlok mit dem dünnen Schlot. Die Maschine stand nicht mehr unter Dampf. Sie würde erst am Morgen nach Julesburg zurückfahren.

Lyle ging an den bereits abgeladenen Waggons vorbei. Der Weg, den die Trupps in den letzten drei Jahren aus den Felsen gesprengt und befestigt, mit Schwellen, Schotter und Gleisen ausgelegt hatten, fiel sanft ab. Tief unterhalb lag das Bett des Flusses. Sein Rauschen war durch den Nebel kaum zu hören. Doch das Wasser war da. Wenn er den Hang hinabstürzte, gab es keine Rettung. Vier Männer waren auf diese Weise verunglückt. In einem Fall sprach man von Mord, doch niemand hatte etwas beweisen können ...

Lyle kannte den Weg, und der schwach glänzende Schienenstrang diente ihm als Wegweiser, als zusätzliche Sicherheit. Er hielt die Hand gegen die pochende Wunde gepresst. Der Schmerz nahm wieder zu.

Er taumelte nur noch, als ihn die Stimme traf.

„He, Dundee!“

Lyle blieb stehen. Er keuchte. Er starrte in den Nebel hinein, konnte nichts und niemanden erkennen.

Nur hören konnte er. Das scharfe Klicken, mit dem eine Patrone in den Lauf einer Winchester gehebelt wurde. Doch die Nacht und der Nebel verzerrten die Geräusche, ließen die Richtung nicht erkennen, aus der sie kamen.

Da schnaubte ein Pferd. Der Jäger war vorausgeritten. Nein, dachte Lyle, er war ihm gefolgt, er hatte nur den Hufschlag nicht gehört, weil er halb bewusstlos war.

Der Kerl musste also hinter ihm sein!

Lyle tastete nach dem Revolver. Unter der Jacke spannte er den Hahn, dann erst zog er die Waffe heraus.

„He, Dundee! Wohin so spät in der Nacht? Doch nicht zum Doc im Camp Deer?“

Die Stimme war überall. Als der Killer jetzt jedoch sein Pferd antrieb, kollerten lose Steine unter den Hufen, rollten gegen die Schiene.

Lyle drehte sich langsam um. Der Kerl konnte ihn nicht erkennen, Lyle war da ganz sicher. Lyle konnte jedoch ganz schwach den unförmigen Umriss des Reiters sehen, der sich unerbittlich näher schob.

Lyle ließ sich zu Boden gleiten und rollte über die Schiene. Atemlos lag er auf den Schwellen. Das Blut rauschte in seinen Ohren.

„He, Dundee! Wo steckst du?“ Der Geier kicherte schrill. Er war seiner Sache sehr sicher, dachte Lyle. Er wollte noch etwas Spaß haben, bevor er sein Opfer tötete.

Lyle hörte, wie der Killer sich aus dem Sattel gleiten ließ. Das Pony stand genau vor Lyle, der Atem des Tieres strich über sein Gesicht.

Der Killer kam. Sein Fuß stieß gegen die Schiene, der Gewehrlauf schepperte einmal gegen den Stahl. Dann spürte Lyle am Vibrieren der Schwellen und der Schiene, dass der Mann auf ihn zukam.

Drei Schritte nur war er entfernt.

„Stopp“, sagte Lyle, „keinen Schritt weiter.“

Die Waffe brüllte auf. Die Kugel schlug neben Lyles Kopf in den Schotter. Steinsplitter spritzten in seine Augen. Der Killer lud sofort wieder durch.

Lyle konnte den Mann jetzt nicht mehr erkennen, aber er hatte die Mündungsflamme gesehen.

Lyle hob die Hand. Als der Kopfgeldjäger wieder abdrückte, schoss Lyle ihm in die Brust.

6

Lyle hörte den Mann fallen, noch bevor das Dröhnen des Gewehrschusses vom Nebel verschluckt wurde. Lyle wartete atemlos. Der Mann, der vor ihm auf den Schienen lag, begann zu stöhnen, dann zu schreien. Das Pferd warf den Kopf in die Höhe und stampfte unruhig.

Lyle wartete. Erst als die Schreie leiser wurden, kroch er vorwärts. Jede Bewegung bereitete ihm Schmerzen. Seine linke Seite war nass vom Blut.

Seine tastende Hand stieß gegen den Gewehrlauf. Er drückte den Lauf zur Seite. Eine zuckende Hand fuhr über seinen Arm. Lyle hielt die Hand fest. Er drehte die Gestalt herum, auf den Rücken. Er betastete die Brust des Killers, und als er den Umriss der Wunde erkannte und ihre Lage, wusste er, dass für diesen Mann jede Hilfe zu spät kam.

Erschöpft lag er neben dem Kopfgeldjäger, bis der starb.

Lyle durchsuchte die Kleidung. Jedes Papier, das er fand, steckte er ein. Dann wuchtete er die Gestalt über die dem Abhang zugewandte Seite der Strecke und gab ihr einen Stoß.

Die Leiche rollte den Hang hinab. Lyle lauschte dem Rauschen des Wassers, und er glaubte das Klatschen zu hören, mit dem der Körper ins Flussbett rollte.

Lyle nahm das Gewehr und raffte sich auf. Das Pony hatte sich beruhigt. Lyle brauchte sehr viel Zeit, um sich in den Sattel zu ziehen, doch als er einmal saß, fühlte er sich besser.

Behutsam trieb er das Tier an.

Das Camp Deer, so genannt, weil es an der Einmündung des Deer Creek in den North Platte River lag, stellte so etwas wie ein Nachschub und Versorgungslager dar. Das Lager bestand schon mehr als drei Jahre, und es gab Saloons, ein paar Geschäfte und ein Bordell.

Und natürlich die Büros und Werkstätten der Eisenbahngesellschaft.

Lyle wusste, dass er den Doc mit Sicherheit im Saloon finden würde. Er hatte viel von dem Knochenflicker gehört, doch die Gerüchte und Erzählungen widersprachen sich zum Teil erheblich. Der Doc konnte demnach alles sein, ein flüchtiger Bandit, ein Modearzt aus dem Osten, der seine reichen Patienten umgebracht hatte, oder ein Säufer, der früher einmal Pferdeschlächter bei den Konföderierten war.

Lyle war es egal. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten. Er band das Pferd an der Schmiede fest. Ein Junge kam auf ihn zu. Hier unten arbeiteten viele Jungen, die ihren Vätern gefolgt oder von zu Hause ausgerissen waren. Neugierig betrachtete der magere Bursche Lyles Gesicht, das vom matten Schein einer Lampe über der Tür des gegenüberliegenden Saloons erhellt wurde.

„Geht es Ihnen nicht gut, Mister?“, fragte er.

Lyle fletschte die Zähne. „Hol den Doc“, brachte er hervor. Er hielt sich am Sattel fest. Wenn er losließ, würde er umfallen.

Der Junge rannte davon. Lyle wartete. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Junge den Arzt anschleppte. Der Doc trug einen weiten hellen Mantel, der um seine magere Gestalt flatterte. Er ging sehr aufrecht und sehr gerade, und Lyle wusste, dass er betrunken war.

Vor Lyle blieb er stehen. Er legte eine Hand unter Lyles Kinn, hob seinen Kopf und drehte ihn hin und her. „Böse, böse“, sagte er düster. „Kommen Sie mit.“ Er ließ die Hand sinken, und Lyles Kopf fiel herab. Er schwankte, als er sich vom Pferd abstieß und dem Doc folgen wollte.

„Doc!“, schrie der Junge.

Lyle spürte, wie er aufgefangen wurde. Es war ein gutes Gefühl.

7

Als er erwachte, war es heller Tag. Er starrte gegen eine braune Balkendecke, auf eine Ecke, aus der es tropfte.

Lyle verfolgte einen fallenden Tropfen mit den Augen, bis er auf dem Boden zerplatzte. Die Krankenstube im Camp Deer war eben nicht der komfortabelste Raum des Lagers, seine Insassen brachten der Company kein Geld.

Regen trommelte auf das Dach. Lyle wandte den Kopf zum Fenster. Zwischen seinem Lager und dem Fenster standen weitere drei Betten. Die Männer, die darin lagen, bewegten sich nicht. Sie waren bis zu den Nasen eingepackt. Typische Erdrutschopfer.

Ein Geräusch ließ ihn den Kopf wenden. In der Tür stand der Doc, und hinter ihm erschien das Gesicht des Jungen. Lyle erinnerte sich schwach. Der Junge der Doc ...

Doc Bravener grinste über sein hageres Gesicht. „Du hattest Glück, mein Freund“, sagte er mit rostig klingender Stimme, „dass ich am Freitag noch nüchtern war.“

Lyle grinste zurück. „Welchen Tag haben wir heute?“, fragte er.

„Sonntag, mein Freund. Da hast du wenigstens keinen Lohnausfall.“ Der Arzt zerrte die schwere Decke von Lyles Körper. Jemand hatte ihm so etwas wie einen Schlafanzug aus derbem grauen Stoff angezogen. Doc Bravener löste den Verband. Er grunzte zufrieden. „Die inneren Blutungen sind zum Stillstand gekommen. Noch ein paar Stunden, und du wärst hinüber gewesen.“ Er stand auf. „Ich mache dir später einen neuen Verband. Jetzt lasse ich dir etwas zu essen bringen. Der Junge“, er legte seine Hand auf die schmale Schulter des mageren Bürschchens, „will sich um dich kümmern. So long.“

Der Junge hatte langes blondes Haar und tiefliegende helle Augen. „Ich habe Ihr Pferd und alles versorgt, Mister. Den Sattel und die Packtaschen habe ich versteckt. Sie wären sonst gestohlen worden.“

Lyle wollte etwas sagen, wollte sagen, dass ihm weder das Pferd noch die Packtaschen gehörten. Er runzelte die Stirn. Wem gehörten die Sachen des Kopfgeldjägers?

Lyle verschob die Klärung dieser Frage bis nach dem Essen. Er bekam ein Steak mit Bohnen, ein unerhörter Luxus hier oben, selbst für einen Kranken am Sonntag.

„Wie heißt du?“, fragte er den Boy. Die klaren Augen verdüsterten sich. Misstrauisch blickte er Lyle an.

Lyle lachte. „Keine Angst, Junge. Ich will nur wissen, wie ich dich rufen soll. Von mir aus können wir es bei Boy lassen.“

„Ich heiße Ellis“, sagte der Junge. Lyle nickte. „Wenn du mich nicht verrätst, darfst du mich Lyle nennen.“ Lyle Dünne hasste es, unter falschem Namen zu leben. Er wollte die drei Jahre jetzt abschütteln, mit seiner Vergangenheit auf andere Weise Schluss machen. Davonlaufen war keine Lösung gewesen. Das Auftauchen des fremden Kopfgeldjägers hatte es bewiesen.

„Wann wollen Sie wieder arbeiten?“, fragte Ellis.

Lyles Blick verschleierte sich. Nie mehr hier oben, nie mehr beim Eisenbahnbau, wollte er sagen, aber er schwieg.

„Sie wollen weg“, sagte der Junge. Es war eine Feststellung, keine Frage. „Wo ist der Mann, der mit dem Pferd gekommen war?“

Lyle starrte in das ernsthafte Gesicht des Jungen. Es war von Sommersprossen übersät.

„Er ist tot“, sagte Lyle. „Ich habe ihn getötet.“ Er musste es sagen. Er durfte diesen Jungen nicht belügen.

Ellis nickte verstehend. „Er hat hier überall herumgeschnüffelt, bevor er nach Big Muddy raufritt. War er ein Kopfgeldjäger?“

„Ich glaube ja. Ich bin nicht ganz sicher. Ich glaube, sie wollten etwas Anderes mit meinem Tod erreichen ...“

„Was werden Sie tun?“, fragte Ellis.

Lyle Dünne sah den Jungen aufmerksam an, während er versuchte, Klarheit über sich selbst zu gewinnen.

„Ich reite nach Hause, Ellis. Nach Hause.“ Er drehte den Kopf zur Seite. Der Junge brauchte nicht zu sehen, dass es in seinen Augen feucht schimmerte.

Denn es gab keinen Ort auf der Welt, den er als sein Zuhause hätte bezeichnen können. Außer der kleinen Ranch am Cimarron, auf der Anne mit ihrem Mann lebte ...

8

In Julesburg verkaufte Lyle Dünne das Pferd des toten Kopfgeldjägers und fuhr mit der Eisenbahn nach Kansas.

Alec Robinson hatte fast dreihundert Dollar in seinen Taschen gehabt, ein kleines Vermögen. Lyle hatte dem Jungen, der ihn versorgt und gepflegt hatte, einhundert Dollar abgegeben. Ellis hätte Lyle zwar lieber begleitet, aber Lyle hatte dazu nur den Kopf geschüttelt.

Er ging auf einen höllischen Trail, auf einen Trail ins Ungewisse. Irgendjemand hatte einen Kopfgeldjäger auf Lyle angesetzt. Und dann war da Anne, seine Schwester. Der Gedanke an Anne verfolgte ihn jetzt Tag und Nacht. Lyle musste zu ihr.

In Abilene verließ er den Zug und kaufte ein neues Pferd. Um Hill City machte er noch einen weiten Bogen.

In Hill City sollte es einen Steckbrief geben.

Lyle ritt nach Süden. Überall fragte er nach Gene Olinger und seinen Strolchen. Cole Hagy und John Barret. Er hörte nur Gerüchte, keine eindeutigen Hinweise.

Lyle Dünne verschwieg seinen Namen nicht mehr. Deshalb dauerte es nur drei Tage, bis er wieder die Kopfgeldjäger auf seiner Fährte hatte.

Diesmal waren es zwei. Lyle hatte in Wichita übernachtet. Früher war er oft in Wichita gewesen, und er hatte gehofft, alte Bekannte zu treffen. Doch die Stadt hatte sich verändert, und die Menschen schienen nicht mehr die alten zu sein, seit der Stadt mit einer Seitenlinie an die Topeka & Santa Fé-Pazifikbahn angeschlossen worden war. Jetzt endeten die großen Rindertrecks aus Texas hier an den Verladerampen der Bahn.

Sie hatten sich bis zum Morgen Zeit gelassen. Oder sie hatten erst am Morgen erfahren, dass er in der Stadt war. Aus dem Fenster des Frühstücksraums blickte Lyle zum Texas-Wagenhof hinüber. Hinter dem Wagenhof lagen die Verladerampen und die Korrals für einhunderttausend Rinder.

Die beiden Galgenvögel kamen über die Straße. Sie taten dabei so, als ob sie sich nicht kannten, und allein diese Tatsache war es, die Lyles Misstrauen weckte.

Er spürte, dass sie hinter ihm her waren. Er wusste es.

Vor dem Hoteleingang trafen sie sich. Sie blieben unter dem Vordach stehen, an die Stützbalken gelehnt, und sahen auf die Straße hinaus. Lyle trank in Ruhe seinen Kaffee. Die Kerle hatten einen Plan, das war offensichtlich. Lyle sah in die Halle. Der Clerk hinter seinem Pult langweilte sich. Er, Lyle, war der letzte Gast im Frühstücksraum. Er war spät dran heute.

Seufzend stand er auf. Sein Gepäck war noch oben. Er warf einen letzten Blick durch die Gardine auf die beiden Strolche. Sie würden versuchen, ihn am Mietstall zu erwischen. Nicht auf offener Straße, das war zu gefährlich. Der Marshal könnte dazukommen, und dann war die Belohnung beim Teufel.

Lyle bezahlte, dann ging er die Treppe hinauf. Er benutzte immer noch die Packtaschen, die er auf dem Rücken des Ponys vorgefunden hatte. Alec Robinsons Packtaschen. Lyle hatte sich nur neue Hemden gekauft und Hosen und ein Paar Reitstiefel.

Die Taschen waren gepackt. Lyle warf sie sich über die Schulter, stieg wieder die Treppe hinab und trat auf den Plankenweg hinaus. Zwischen den beiden Männern blieb er stehen und blinzelte in die Sonne. Sie sahen gleichgültig an ihm vorbei.

Lyle sprang auf die Straße und wandte sich nach links. Die Douglas Avenue war voller Menschen, trotzdem spürte Lyle ein unangenehmes Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Er atmete erst auf, als er in die Gasse einbog, die zu Tiggot’s Mietstall führte. Der alte Tiggot war längst tot, hatte Lyle gestern gehört, aber er nannte den Stall eben noch so wie früher. Tiggot’s Mietstall.

Lyle trat durch das Tor in den dunklen Gang. Er warf die Taschen ab, wirbelte herum und spähte den Weg zurück, den er gekommen war.

Ja, sie kamen. Lyle spürte fast so etwas wie Befriedigung darüber, dass er sich nicht getäuscht hatte. Sie gingen jetzt nebeneinander.

Lyle zog den Kopf zurück. Er sah sich rasch um. Es gab acht Boxen auf jeder Seite, und in jeder stand ein Pferd. Im Hintergrund erkannte er den alten Mann, der jetzt den Stall führte.

Lyle rannte auf den Mann zu. „In Deckung“, zischte er, als er nahe heran war.

Der Oldtimer reagierte prompt. Er war nur deshalb so alt geworden, weil er seinen Kopf stets schnell genug aus der Feuerlinie gebracht hatte. Er wieselte in eine Box und warf sich dort ins Stroh.

Lyle blieb stehen. Vor ihm lag der Gang mit dem geöffneten Tor. Er hatte die bessere Position.

Der erste bog in den Gang ein. Vorsichtig drückte er sich neben dem Torpfosten an die Wand. Ein Pferd schnaubte, der Oldtimer bewegte sich im Stroh. Der Strolch hatte jetzt Lyles Packtaschen gesehen, die mitten im Gang lagen.

Der zweite Mann kreuzte auf. Er stand einen Augenblick im Tor, einen deutlichen Umriss bildend. Der andere rief ihm eine Warnung zu, und blitzschnell tauchte der Bursche in Deckung.

Lyle schob sich hinter den Sattelständer. Dort war er gedeckt. Die Halunken mussten bald etwas unternehmen. Lyle zog den Revolver. Die Waffe war zuverlässig, ein 45er Remington, eine Kanone, mit der er stets gern geschossen hatte.

„He!“, schrie einer der Halunken plötzlich. Es war der zuerst Gekommene. Ein stämmiger Kerl mit schiefem Mund und strähnigem dunklen Haar. „He! Ist niemand hier?“

„Was gibt’s?“, fragte Lyle.

„Wo steckst du?“, brüllte die Stimme.

Lyle lachte kurz auf. „Hier“, sagte er: „Was willst du? Einen Gaul mieten?“ Er war sicher, dass die Kerle ihre Pferde ebenfalls in Tiggot’s Mietstall untergestellt hatten. Lyle warf einen Sattel vom Gestell.

Sie ballerten sofort los. Lyle warf sich auf den Boden, robbte unter dem Gestell her und kroch in eine Box. Die Pferde begannen zu wiehern. Eins stieg auf die Hinterhand und keilte gegen die Boxenwand.

Lyle sprang über die Trennwand zur nächsten Box, flankte über einen schwarzen Wallach, hielt sich an einem Balken fest und schwang über eine weitere Box.

Bevor die Kerle sich auf ihn einschießen konnten, ließ er sich fallen. Er klopfte dem Pferd, in dessen Box er gelandet war, beruhigend auf den Hals. Vorsichtig spähte er über die Trennwand.

Er war dem Tor jetzt sehr nahegekommen. Auf der anderen Seite konnte er den Mann erkennen, der dort auf den Knien hockte, einen Revolver in jeder Faust hielt und in das Halbdunkel starrte.

Lyle nahm seinen Hut ab und ließ ihn in den Gang segeln.

Die beiden Banditen schossen gleichzeitig. Lyle grinste dünn, als er sah, wie der Hut durch die Luft tanzte und in Fetzen zu Boden sank. Sie meinten es ernst, und sie waren nervös.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738904024
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334835
Schlagworte
blutnacht kansas

Autor

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Titel: Blutnacht in Kansas